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Agent d’ingérence étrangère : Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.

  • Bedrohtes Künstlerparadies in Lichtenberg : Verliert Berlin seinen legendären wilden Ruf ?
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/bedrohtes-kuenstlerparadies-in-lichtenberg-verliert-berlin-seinen-l

    A Berlin la société de chemins de fer fédérale détruit le dernier refuge de taille d’artistes peu fortunés. Le problème : les individualistes n’ont pas crée de mouvement populaire qui les defend et les riches et influents mécènes préfrèrent donner de l’argent pour une copie eb béton du château des Hohenzollern. Dommage.

    15.5.2024 von Jens Blankennagel - So wie einst das Tacheles in Mitte sind nun 90 Künstler der B.L.O.-Ateliers in Lichtenberg gefährdet. Ein Fall, der viel über Verdrängung in Berlin erzählt.

    Die Bedrohung ist ganz nah: Sie steht keine 30 Meter von diesem unscheinbaren Flachbau entfernt. Die Bedrohung sieht gut aus: modern, windschnittig und schön dunkelblau lackiert. An der Seitenwand des Zuges steht: „Ich bin gut fürs Klima.“ Es ist ein Triebwagen, der dort drüben auf dem Bahngelände auf dem Abstellgleis steht. Neben dem Zug gibt es nur noch ein weiteres Gleis, ein wenig Unkraut und dann einen Zaun. Und hier, hinterm Zaun, ist in Lichtenberg ein Paradies für Künstler.

    Denn in den alten Ziegelbauten, die ab 1891 errichtet wurden, arbeiten schon seit Jahrzehnten keine Bahner mehr, sondern Künstler – besser gesagt: Sie arbeiteten hier. „Ich jedenfalls würde sehr gern hier und heute arbeiten“, sagt Christa Fülbier. Die 47-Jährige steht vor dem Flachbau mit Blick auf die blaue Bahn. Die Rollläden sind heruntergelassen, die Tür verschlossen. „Ich darf da nicht mehr rein“, sagt die bildende Künstlerin, die vor allem Installationen fertigt.

    Sie erzählt, dass sie sich die beiden Räume – je 25 Quadratmeter – mit einer anderen Künstlerin teilt. „Aber die meisten von uns haben eine Nutzungsuntersagung von der Deutschen Bahn bekommen.“ Die Bahn hat das Areal 20 Jahre lang nicht gebraucht und verlängerte den Künstlern zweimal die Zehnjahresverträge. Doch nun hat die Bahn die Gespräche abgebrochen. Die Verträge laufen nur noch bis Juli. Ende, aus.

    Auf dem weiträumigen Gelände ist tatsächlich reichlich Platz. Das ist selten in der Innenstadt.

    Auf dem weiträumigen Gelände ist tatsächlich reichlich Platz. Das ist selten in der Innenstadt.Sabine Gudath

    Auch Anja Hübschle darf nicht in ihr Näh-Atelier, aber sie hat sich draußen mit anderen einen Garten geschaffen und nutzt den Platz dort.

    Auch Anja Hübschle darf nicht in ihr Näh-Atelier, aber sie hat sich draußen mit anderen einen Garten geschaffen und nutzt den Platz dort.Sabine Gudath
    Was bleibt vom Berlin-Image der wilden Jahre?

    Ein Bahnsprecher teilt mit: Die Nutzung der Gebäude musste wegen Baufälligkeit untersagt werden. Dazu gäbe es Gutachten. Das Künstlerprojekt sei immer eine Interimslösung gewesen. „Mittelfristig könnte das Gelände wieder für den Eisenbahnbetrieb genutzt werden.“

    Berlin boomt eben. Da werden Flächen, die vor einigen Jahren noch als schwer vermittelbar galten, plötzlich fast wie Goldstaub behandelt. So wie diese dreieckige 12.000-Quadratmeter-Insel, eingeklemmt zwischen einer S-Bahn-Trasse, einer ICE-Strecke und den Gleisen für Güterzüge.

    Christa Fülbier hat eine lange Reise hinter sich: In Mainz geboren, studierte sie in Karlsruhe, hatte aber einen Bruder in Berlin und damit schon immer ein Auge auf die Kunstszene hier. Sie bekam ein Stipendium und zog 2006 nach Berlin. Es waren vier Stationen, bis sie 2010 in Lichtenberg ankam. Vorher hatte sie nur winzige Ateliers, dann endlich mehr Platz, mehr Leute, mehr Leben. „Das hier sind nicht nur Ateliers, es ist eine tolle Gemeinschaft“, sagt sie. „Die meisten Künstler in dieser Stadt suchen verzweifelt nach Räumen.“ Aber die Mieten würden immer teurer. „Immer mehr kulturelle Freiräume werden geschlossen und in eine kommerzielle Nutzung überführt.“

    Sie ärgert sich auch deshalb, weil hier Künstlern in Not geholfen wird; Künstler, die fliehen mussten und in Berlin im Exil sind, bekommen hier für drei Monate ein Atelier und ein Stipendium, gefördert vom Bezirk und vom Senat. Auch vorbei. Christa Fülbier steht vor ihrer verschlossenen Tür, hält sich ganz vorbildlich an das Nutzungsverbot, obwohl sie an einer Installation für eine Ausstellung arbeiten müsste.

    Sie ist enttäuscht, verärgert, wütend. „Wir geben definitiv nicht auf.“ Sie setzt sich an den Tisch vor dem Flachbau und spielt mit dem Schlüsselbund, an dem auch der Schlüssel zu ihrem verschlossenen Atelier hängt. „Wenn das hier stirbt, dann stirbt auch ein Traum.“

    Der Fall der B.L.O.-Ateliers ist ein Politikum. Denn es geht längst nicht nur um die 90 Künstler, die auf diesem maroden, aber schönen Gelände mehr als eine künstlerische Heimat gefunden haben, ein Künstlerdorf mit Veranstaltungen mitten in der Großstadt. Es geht um eine Grundsatzfrage: Was will Berlin von seinem legendären Ruf aus der wilden Zeit nach dem Mauerfall noch erhalten?

    Der Arm-aber-sexy-Charme der Hauptstadt sorgte einst international für ein extrem gutes Image, Tausende Künstler und solche, die es werden wollten, pilgerten aus aller Welt in die Stadt der billigen Mieten, der verrückten Clubs und der großen Freiheiten. Doch die Zeiten sind vorbei, die Clubs darben, wurden oder werden genauso weggentrifiziert wie all das Bunte und Außenseiterische, das sich einst in den rumpeligen Hinterhöfen von Kreuzberg oder Prenzlauer Berg eingerichtet hatte. Heute zieht Berlin weniger Künstler an, dafür Start-ups.

    „Ich zahle Miete und darf da nicht rein“

    Aber noch gibt es die B.L.O.-Ateliers. Der Name erinnert an die Vergangenheit: Bahnbetriebswerk Berlin-Lichtenberg Ost, kurz BW BLO. Große Lokschuppen, in denen einst Züge repariert wurden, Gießereien, Werkstätten, Kantinen, klassische rote Ziegelbauten aus Zeiten, als Industriebauten noch Stil hatten. Und es gibt ein schönes hohes Haus, direkt am Gleis.

    „Dort haben früher die Lokführer übernachtet, wenn sie ihre Züge herbrachten“, erzählt Antje Hübschle. Sie steht mit einer Gießkanne in einem wilden Garten neben dem Haus. Sie zeigt auf die obere Etage. „Dort ist mein Atelier.“ Sie näht. Sie fing einst mit Handpuppen an, heute fertigt sie ausgefallene Kostüme für ihre Feuershows. „Ich zahle Miete und darf da nicht rein“, sagt sie und schüttelt den Kopf.

    Immerhin hat sie eine Alternative: Mit ihrem Partner Till Schneider und anderen hat sie „Gartenglück“ aufgebaut, ein Stück Erde voller Hochbeete, Büsche, Sitzgelegenheiten. Sie gießt Seifenkraut, Platterbsen und Eidechsenwurz und zeigt auf eine große Trockenwiese, für die sie eine Auszeichnung bekommen haben, weil sie in einer Großstadt ganz selten ist.

    Keine zehn Meter neben ihr rattert ein Zug vorbei, sie schweigt eine Weile, erzählt dann, dass es gegen 18 Uhr immer recht lange recht laut ist, wenn die Güterzüge auf die Rangiergleise gerollt werden. „Aber ansonsten ist das hier ein Traum.“

    Sie erzählt, dass viele der Künstler aus anderen Teilen der Stadt extra nach Lichtenberg gezogen sind, um näher an ihren Ateliers zu wohnen. Sie hatte vorher immer nur kleine Zimmerchen. Hier sei Platz für Kreativität, hier könne sie abends noch ihre Feuershows üben, hier könne sie in einem großen Raum ihre Fotos machen, hier findet sie Hilfe, wenn ihr jemand etwas schweißen soll oder bauen. „Wenn ich hier rausmuss, würde ich zwar eine Menge Miete sparen“, sagt sie, „aber dann verliere ich mein Netzwerk. Es wäre eine Katastrophe, das Ende meiner Karriere. Ich habe Panik.“

    Hübschle macht kurz eine Pause, stellt die Gießkanne ab. „Ich weiß echt nicht, wo ich hinsoll. Das zieht mir glatt den Boden unter den Füßen weg.“ Sie nimmt die Kanne, gießt unermüdlich weiter ihr Gartenglück – Schöllkraut, Beinwell, Akelei.

    Sie weiß, wie gut sie es hier haben. An die Tür ihres Hauses hat eine Künstlerin einen Hilferuf gehängt: „Atelier gesucht.“ Der Zettel stammt aus Zeiten, als dieses Paradies für Künstler noch nicht akut gefährdet war. Die Politik steht auf ihrer Seite. Bezirksbürgermeister Martin Schaefer von der CDU sagt: „Wenn die B.L.O.-Ateliers weichen müssen, verschwindet ein zentrales Stück kultureller Identität aus Lichtenbergs Kreativszene.“ Er erwarte, dass eine Lösung gefunden werde. Es habe erfolgversprechende Verhandlungen zwischen Bezirk, Senat und der Bahn gegeben – mit Aussicht auf eine Lösung. „Dies soll nun nicht mehr gelten?“, fragt Schaefer. „Dies werden wir als Bezirk so nicht hinnehmen.“

    Auch die „große“ Politik zeigt sich seit Jahren solidarisch. Am Eingang zum Areal hängen einige Briefe, unter anderem von Gregor Gysi (Linke), Erhard Grundl (Grüne) und dem damaligen Bundestagsabgeordneten Kai Wegner (CDU) – der war auch kürzlich als Regierender Bürgermeister hier. Auf Anfrage lässt er nun mitteilen, dass er sich zur Entscheidung der Bahn nicht äußern werde.

    Die Verdrängung läuft seit vielen Jahren

    Die Künstler vor Ort hoffen, dass die Politik den Mut hat, sich mit dem Staatsbetrieb Bahn anzulegen. Damit nicht das Übliche passiert: die Verdrängung von Künstlern aus der Innenstadt. Als Sinnbild dafür gilt noch immer das Tacheles in Berlin-Mitte. Die Weltkriegsruine einer riesigen Kaufhauspassage sollte im Februar 1990 gesprengt werden, doch kurz davor besetzten Künstler das Gebäudegerippe. Der Ort wurde zum Mekka der alternativen Kunstszene: frei, laut, wild und fröhlich. Nach langem Kampf folgte 2012 die Zwangsräumung, heute sind dort Eigentumswohnungen und Gewerbe, eine totbetonierte Idee vom Reißbrett. Einige der Künstler zogen raus nach Marzahn, doch auch der Kunstort dort ist inzwischen weg.

    Das droht nun auch den B.L.O.-Ateliers. Wie ernst die Lage ist, zeigt sich auf dem zentralen Platz der Anlage. Eine Freifläche zwischen den Ziegelbauten. Dort steht eine kleine Bühne für Auftritte. Unter den riesigen Pappeln haben drei Leute Tische auf die Bühne gestellt und arbeiten an ihren Laptops. „Wir dürfen nicht in unsere Räume“, sagt einer. Immerhin passt das Wetter zur Arbeit draußen. Hier wird auch der 8. Juni vorbereitet, ihr alljährliches Fest; bislang ein Tag der offenen Tür, nun eine Soli-Party, ein Kampftag der prekären Künstlerschaft.

    Ein Stück weiter stehen vor der ehemaligen Dreherei drei uralte Ambosse und ein riesiger Schraubstock. Sie sind tief verrostet, und dieses Rostrot passt perfekt zu den verwitterten roten Ziegeln. Draußen vor der Werkstatt des Metallkünstlers Alexander Dammeyer herrscht eine fast idyllische Atmosphäre: das Sonnenlicht, das Gezwitscher der Vögel, der große Zitronenbaum mit seinen sechs grünen und zwei gelben Früchten. Ein schöner Ort voller rostiger Zeugnisse eines gelebten Künstlerlebens.

    Das ganze Ausmaß des drohenden Verlustes wird erst drinnen klar: eine große, hohe Halle, eine perfekte Mischung aus Licht und Platz. Diese Werkstatt ist wie ein lebendes und atmendes Museum, riesige Schweißbänke, Maschinen aller Art, eine Wand voller Metallrohre, Winkel, Bleche, Profile. An der Wand gegenüber die große Feuerstelle der Schmiede. Neben dem mächtigen Amboss hängen an einem Gestell genau 49 Hämmer, von groß bis klein, Kopf an Kopf, griffbereit. Dammeyer kann nicht sagen, wie viele er wirklich benötigt. Der 62-Jährige hebt die Schultern und zeigt auf die Wand. Dort sind noch drei Gestelle. Hämmer für jede Eventualität.

    Sie sind nur ein Detail, aber es zeigt die Ernsthaftigkeit und Hingabe, mit der diese Künstler arbeiten. Es geht ihnen nicht allein ums Geld, immer auch um Kunst. Dammeyer hat den Tresen im Berghain gebaut und die gewaltige Atlas-Figur restauriert, die auf dem Hamburger Hauptbahnhof steht. Und hier hängt unter der Decke ein riesiger Stierkopf mit gewaltigen Hörnern, den er für ein Tanztheater gefertigt hat. Goldglänzend, beeindruckend, fast angsteinflößend.

    Dammeyer ist kein lauter, egozentrischer Großkünstler, sondern ein bescheidener Mann, sanftes, wissendes Lächeln, ruhige Stimme, klare Meinung: „Für mich gibt es keine Alternative in dieser Stadt, nicht in dieser Größe, nicht von dieser Qualität, nicht mit einem solchen Umfeld, nicht zu diesem Preis.“ Er erzählt, dass es auch andere Atelierhäuser gibt, wie die Uferhallen in Wedding oder die Kunstfabrik am Flutgraben in Treptow. Aber eine solche Kombination aus historischen Gebäuden und viel Platz ist selten. „Und überall ist Notstand“, sagt er. „Viele Handwerker und Künstler suchen Räume. Die Politik muss Instrumente schaffen, um solche Orte zu fördern und zu schützen.“ Er ist einer der ganz wenigen hier, die noch keine Nutzungsuntersagung bekommen haben. „Da schreibt der Gutachter sicher gerade dran“, sagt er und geht durch die Halle. „Ich mache mir keine Illusionen.“

    Aber was dann? Wohin mit all seinem Metall, seinen Maschinen, seiner Kunst, seinem Leben? Er hebt die Schultern, lächelt sein stilles Lächeln und erzählt, dass er vielleicht in Eisenhüttenstadt etwas fände oder im Ruhrgebiet, aus dem er einst nach Berlin kam. „Aber ich will da nicht hin. Ich will hier nicht weg.“ Er schaut auf den riesigen Stierkopf, der in kein klassisches Atelier passt.

    Er geht hinaus aus seinem Reich aus Eisen, Staub und Kunst. Draußen winkt er einer Künstlerin aus dem Nachbargebäude zu. „Ich hab keinen Plan B“, sagt er. „Ich will auch gar keinen Plan B haben.“ Er schaut in den Himmel. „Ich werde weiter kämpfen. So wie wir alle.“