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Agent d’ingérence étrangère : Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.

  • Namibia zwischen postkolonialer Amnesie und erstarkendem Protest – ein Reisebericht
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/namibia-zwischen-postkolonialer-amnesie-und-erstarkendem-protest-ei

    9.6.2024 von Bärbel Ruben - Unsere Autorin reiste durch Namibia. Ein Bericht über skurrile Hinterlassenschaften des deutschen Kolonialismus, bröckelnde Machtansprüche und Impulse für die Zukunft.

    Namibia ist ein beliebtes Reiseziel der Deutschen. Unsere beiden Länder haben jedoch eine schmerzhafte gemeinsame Kolonialgeschichte: Deutsche Soldaten begingen hier einen Völkermord an den OvaHerero und Nama. Zugleich wird Swakopmund heute noch von den deutschsprachigen Namibiern ungeniert als Deutschlands südlichstes Nordseebad beworben.

    Mit großem Unbehagen beobachtete Bernd Heyl diese postkoloniale Amnesie, als er vor 20 Jahren das erste Mal nach Namibia reiste. Gemeinsam mit Helga Roth erarbeitete er ein alternatives Reiseangebot und veröffentlichte einen postkolonialen Reiseführer. Er schließt damit einen blinden Fleck. In diesem Jahr habe ich mich Heyls Reiseleitung anvertraut.

    Wir kommen am Ende der Regenzeit, Ende März in der Hauptstadt Windhoek an. Hier ist die Debatte um das koloniale Erbe allgegenwärtig. Sie wird von jungen Namibierinnen und Namibiern, die nach der Unabhängigkeit geboren wurden, vorangetrieben.

    Ein denkmalloser Sockel sorgt bei uns für eine erste Irritation. Hier thronte bis November 2022 der „Schutztruppenoffizier“ Curt von François. Da die Nama-Gemeinschaft unter Hendrik Witbooi sich weigerte, sich den Deutschen mittels Schutzverträgen zu unterwerfen, befahl von François 1893 ein hinterhältiges Massaker, das den Ort Hornkranz auslöschte.

    Das Bronzestandbild von Curt von François steht heute nicht mehr auf einem Sockel, sondern liegt auf Autoreifen gebettet am Rande eines Parkplatzes. Die Initiative dazu ging von der namibischen Künstlerin Hildegard Titus aus, die im Juni 2020 die Online-Petition „A Curt Farwell“ startete. 1500 Unterschriften wurden dem Bürgermeister von Windhoek übergeben. Es war die erste erfolgreiche zivilgesellschaftliche Denkmal-Initiative. Vorbilder waren Aktivisten südafrikanischer Universitäten.

    Weiter geht’s zum viel kritisierten neuen Wahrzeichen der Stadt, dem Independence Memorial Museum. Der in Nordkorea bestellte Kolossalbau wurde 2014 ohne Beteiligung namibischer Historiker und Künstlerinnen errichtet. In ikonografischer Bildsprache werden die Helden des Kampfes gegen die koloniale Unterdrückung, wie Friedrich Maharero und Hendrik Witbooi geehrt und der Völkermord, die Apartheid sowie der Befreiungskampf der SWAPO thematisiert. Die hyperrealistischen Monumentalgemälde erinnern uns an die heroische Bildsprache sowjetischer Künstler.

    Zum Gesamtensemble gehört auch das Genozid Memorial. Hier wird das Leiden der OvaHerero und Nama – ausgehend von historischen Bilddokumenten – in Steintafeln konserviert. Etwas ratlos stehen wir schließlich vor der überdimensionalen Statur von Sam Njuoma, dem ersten Präsidenten Namibias.

    Ironie der Geschichte: An dieser Stelle stand von 1912 bis 2014 das zentrale koloniale Wahrzeichen der Stadt. Ein namenloser Reiter mit Gewehr. Im Hof der Alten Feste, der ehemaligen kolonialen Militärverwaltung, ist er jetzt vorerst abgestellt.
    Ambivalente Rolle der Missionare

    Wir ziehen weiter. Helga Roth macht uns auf ein fantasievolles Mural an der Giebelwand des Collage of Theaters in der Robert Mugabe Avenue aufmerksam: Ein weißer Hase sitzt auf dem alten Kolonialsockel und der Reiter wirbelt in Einzelteile gesprengt durch die Luft. Der Einfallsreichtum der Studierenden regt unsere Fantasie an.

    In den südnamibischen Ortschaften Gibeon, Keetmanshoop und Bethanien beschäftigen wir uns mit der ambivalenten Rolle der Missionare als Wegbereiter des Kolonialismus. 1866 entstand die erste Kirche der Rheinischen Missionsgesellschaft in Keetmanshoop. Da sie in der Regenzeit von einer Flutwelle zerstört wurde, kam es 1895 zu einem Kirchenneubau durch Abraham Thomas, einem Evangelisten aus der Gemeinschaft der Nama.

    Viele Führer der Nama-Gemeinschaften (Namakaptains) waren bereits in ihren Herkunftsorten im südlichen Afrika mit dem Christentum in Berührung gekommen, hatten sich taufen lassen und versprachen sich vom Kontakt mit den Missionaren Schutz und Ansehen, aber auch europäische Handelswaren, wozu Waffen und Alkohol gehörten. Nicht zuletzt erhofften sie sich Stärke durch Glauben.

    Eine Ausstellung in der Kirche von Keetmannshoop macht uns mit Persönlichkeiten der Nama-Gemeinschaften bekannt. In dieser Stadt existieren, wie auch andernorts, parallele Erinnerungswelten scheinbar friedlich nebeneinander. Auf zwei Obelisken werden die „Offiziere und Mannschaften der Kaiserlichen Schutztruppe, welche in den Kriegsjahren 1904–1907 den Heldentod starben“ geehrt.

    Die wohl skurrilste Hinterlassenschaft des deutschen Kolonialismus betreten wir in Duwisib. Hier steht ein Schloss – im Stil der Wilhelminischen Neuromantik, das der Kolonialkrieger Hansheinrich von Wolf 1909 durch afrikanische Arbeiter errichten ließ. Es steht ebenso wie Fort Namutoni, die nördlichste deutsche Kolonialfeste, unter Denkmalschutz.

    Ein weiteres gut gepflegtes Machtsymbol der Deutschnamibier ist der in Omaruru errichtete Franketurm, vor dem eine Kanone steht, die uns in unheilvoller Weise an den Vernichtungsbefehl Lothar von Trothas denken lässt. Der Turm erinnert seit 1907 an den Kommandeur Viktor Franke, der im Gefecht von Omaruru einem Teil der OvaHerero-Gemeinschaften eine tödliche Niederlage bereitete. 1964, also in der Apartheidszeit, wurde der Turm zum nationalen Denkmal erhoben, hier gab es eine Allianz im Geiste zwischen Buren und Deutschen. Der eigentliche Skandal: Erst 2018 kam eine neue Gedenktafel des Nationalen Denkmalrats dazu. Darauf werden Franke und Kameraden weiterhin als Helden von Omaruru gefeiert. Ziemlich fassungslos verlassen wir diesen aus der Zeit gefallenen Ort.

    Die Anerkennung des Völkermords ist eine geschichtspolitische Zäsur

    Am atemberaubend schönen Waterbergmassiv erfahren wir von den schrecklichen Ereignissen, die sich hier vor 120 Jahren abgespielt haben. Der Gegensatz von natürlicher Schönheit und historischem Grauen ist schwer auszuhalten.

    Nach der Schlacht am Waterberg im August 1904 unter dem Befehl Lothar von Trothas flohen die OvaHerero in die Omahekewüste, um sich bis Britisch-Betschuanaland zu retten. Zehntausende überlebten diesen Marsch nicht, sondern verdursteten, da die Deutschen ihre Wasserstellen besetzten. Da wir wissen, dass unser namibischer Reisebegleiter Harold Tjiuiju Herero ist, fassen wir Mut und fragen ihn, was er denkt, wenn er mit uns an diesem Ort weilt. Plötzlich öffnet sich der zurückhaltende Mann und spricht davon, dass seine Urgroßmutter die Flucht vor den deutschen Truppen nicht überlebt hat. Die Familie hat kein Grab, an dem sie sie betrauern kann.

    In der ehemaligen deutschen Polizeistation, dem heutigen Waterberg Camp, sitzen wir im Speisesaal. An den Wänden hängen die Kolonialzeit verherrlichende Bilder samt deutschem Kaiserpaar Auguste Viktoria und Wilhelm II. Es sind keine alten, ausgeblichenen Fotos, sondern Reproduktionen. Das Haus wurde nach der Generalsanierung im Jahre 2007 durch den namibischen Tourismusminister wiedereröffnet. Eine große Chance wurde verpasst. Platz wäre ausreichend vorhanden, um hier am authentischen Ort über die deutschen Kolonialverbrechen aufzuklären.

    Ein paar Kilometer weiter besichtigen wir den von der Kriegsgräberfürsorge Windhoek gepflegten Kolonialsoldatenfriedhof. Wir wissen, dass es für die meisten der 60.000 OvaHerero und Nama, die dem Genozid zum Opfer fielen, keine Gräber gibt. Noch immer findet man ihre Gebeine in der Omahekewüste und an anderen Orten. Die von der „Kameradschaft deutscher Soldaten“ am Mauerrand eingelassene Gedenkplatte zum „Andenken der in der Schlacht am Waterberg 1904 gefallenen Hererokrieger“ ist ein Feigenblatt.

    Aktivismus im Wohnhaus und im Stadtzentrum

    Im Stadtteil Matatura von Swakopmund treffen wir den Aktivisten Laidlaw Peringanda. Unsere Gruppe hat keinen Platz in dem kleinen Zimmer seines Wohnhauses, in dem er das Swakopmund Genozid Museum eingerichtet hat. An den Wänden hängen verstörende Fotos aus dem Bestand des Namibischen Nationalarchivs: angekettete, die Passmarke tragende Kinder oder für den Transport in die deutschen Museen vorbereitete Schädel. Auch das ikonografische Bild von den ausgemergelten OvaHerero, das wir bereits im Unabhängigkeitsmuseum, als Steinrelief auf dem Genozid Mahnmal in Windhoek und in vielen Büchern gesehen haben, findet sich hier.

    Uns beschäftigt die Frage, ob man diese durch weiße Herrenmenschen gefertigten Aufnahmen weiterhin in Museen zeigen sollte. Werden die Opfer hierdurch nicht nochmals entwürdigt? Werden so Traumata von Generation zu Generation weitergegeben? Laidlaw Peringanda ist unbedingt dafür, diese Bilder zu zeigen. Schüler, Studierende und Bildungsreisende finden den Weg zu ihm. Aber eigentlich gehört so ein Museum ins Zentrum von Swakopmund, finden wir.

    Dort, im Zentrum, beschönigt das von einem privaten Trägerverein getragene Stadtmuseum noch immer die deutsche Kolonialvergangenheit. Ein zaghaftes Umdenken hat jedoch eingesetzt, seit 2022 präsentiert das Museum eine kleine Ausstellung zu den Kolonialverbrechen, die von den international bekannten Namibia-Experten Larissa Förster, Julia Binter und Dag Hendrichsen, unter Einbeziehung von Laidlaw Peringanda kuratiert wurde. Im Zentrum von Swakopmund sieht man rote Farbspritzer am großen Marinedenkmal der Deutschen Schutztruppen. Der aktivistische Protest bezeugt, wie auch hier die konservierte Zurschaustellung kolonialer Machtansprüche zu bröckeln beginnt.

    Anderntags tauchen wir ein in den Swakopmund Memorial Peace Park Cementry, eine Art Parkfriedhof der Erinnerung. Seit 2007 umfasst er auch ein riesiges anonymes Gräberfeld, in dem die Gebeine von ca. 3000 OvaHerero und Nama bestattet sind. Sie stammen von Menschen, die die deutschen Konzentrationslager von Swakopmund nicht überlebten. Vielen Touristen ist gänzlich unbekannt, dass es hier das größte Konzentrationslager der Kolonie gab; weitere befanden sich in Windhoek, Brakwater, Okahandja, Omaruru, Karibib, Keetmanshoop und Lüderitz.

    Am Rand des Gräberfeldes erinnert das „Nama und Ovaherero Genocide Monument“ daran, dass die Menschen an Hunger, Sklavenarbeit, durch sexuellen Missbrauch, Krankheiten, Erschöpfung, dem unwirtlichen Klima oder durch Mord deutscher Soldaten starben. Die Grabhügel im Wüstensand haben uns sehr beeindruckt. Der überdeutliche Kontrast zu den gepflegten, von Palmen beschirmten Grabstätten der Europäer sagt alles über die bis heute andauernde schreiende Ungleichheit im Lande aus.

    Bärbel Ruben ist Diplomhistorikerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Neukölln.

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