„Wenn der Laden abfackelt“ : Auch linke Intellektuelle fordern jetzt ARD-Stopp
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Cet article contient une citation de R. Buckminster Fuller, l’incarnation de l’esprit d’avant-garde états-unien. Et alors ? Avec les paroles de ce visionnaire on peut justifier à peu près tout ou n’importe qoi. QED.
1.12.2025 von Ole Skambraks - Mit Sascha und Jule Lobo stimmen zwei langjährige Fans des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus dem linken Spektrum in den Abgesang auf die Anstalten ein. Sie sind nicht allein.
Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat bis vor kurzem schnell den Stempel „rechts“ aufgedrückt bekommen. Die Erfahrung musste ich selbst als Unterzeichner und Herausgeber des „Manifests für einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ im vergangenen Jahr machen. Ausgerechnet der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) verletzte journalistische Standards, indem er den ÖRR-Kritikern eine AfD-Nähe andichtete, die es nie gab.
Die AfD fordert seit geraumer Zeit die Abschaffung von ARD, ZDF und Co. zugunsten eines deutlich abgespeckten „Grundfunks“. Auch hat der neue Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Nähe von Desinformation gerückt. In einem Twitch-Videogespräch des RBB, das vor der Bundestagswahl stattfand, warnte der damalige Vize des Geheimdienstes vor einem „Ökosystem der Desinformation“. Selen sieht primär von Russland gesteuerte Kampagnen dahinter in der Absicht, „hier bestimmte Dinge zum Kippen zu bringen“. Kritik an der Nachrichtenvermittlung des ÖRR gehört für ihn explizit dazu.
So hatten es reformorientierte, nicht destruktive Ansätze für eine Erneuerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Vergangenheit schwer. Doch mittlerweile ist der Verdruss so groß, dass sich selbst das Bundesverwaltungsgericht der Kritiker angenommen hat. Im Oktober kam ein richtungsweisendes Revisionsurteil: Die Verweigerung des Rundfunkbeitrags sei gerechtfertigt, wenn das ÖRR-Angebot über einen längeren Zeitraum unausgewogen und einseitig ist – was noch zu beweisen wäre.
Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer spricht neuerdings von „Zwangsbeiträgen“. Beim Spiegel schaffte es die Existenzkrise von ARD und ZDF zur Titelstory.
Von Jérôme Boateng und Hitlers Mikropenis
Nachgelegt haben nun Sascha und Jule Lobo. Die beiden kann man ohne Zweifel als bisherige Nutznießer des Systems bezeichnen. Der Spiegelkolumnist mit dem roten Iro war Talkshow-Dauergast in diversen Formaten der Öffentlich-Rechtlichen. Seine Frau, Podcasterin und ehemalige Redakteurin des „Neo Magazin Royale“, stand bei vielen öffentlich-rechtlichen Sendern auf der Payroll. In der jüngsten Folge ihres Podcasts „feel the news“ geht es 60 Minuten lang um den Niedergang der ARD.
Jule Lobo kritisiert die „Tagesschau“, weil die Redaktion auf Instagram über Hitlers vermeintlichen Mikropenis berichtete. Wie viel Clickbait ist erträglich? Am Beispiel der Jérôme‑Boateng‑Doku illustrieren die beiden den Kern ihrer Kritik: Die ARD habe einen aufwendigen Dreiteiler über den ehemaligen Fußballstar produziert, obwohl das Thema kaum journalistischen Mehrwert biete. In seiner unkritischen Machart sei dies ein Projekt, das eher der Reinwaschung Boatengs diene, als für Aufklärung zu sorgen. Sascha Lobo stellt die Vermutung auf, die ARD sei einen Deal mit Boateng eingegangen. Der wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilte frühere Nationalspieler nehme gerade viel Geld in die Hand, um sich zu rehabilitieren.
21 Seiten voll mit Kommentaren unter den veröffentlichten Folgen in der ARD-Mediathek sprechen eine klare Sprache: Von „Wie unfassbar, dass ich das auch noch mit finanzieren muss“ über „Ein Schlag ins Gesicht für Opfer von Beziehungsgewalt“ bis „Spürt ihr euch noch?“ attestieren die meisten Kommentare einen journalistischen Tiefpunkt.
Die Causa Mischke
Jule Lobos letztes Engagement für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde durch die schnelle Abberufung von Thilo Mischke als Moderator von „ttt – Titel, Thesen, Temperamente“ vereitelt. Sie hatte Mischke als Nachfolger von Max Mohr empfohlen und sollte mit ihm den Podcast „ttt für die Ohren“ moderieren.
Lobo hatte die Redaktion im Vorfeld auf frühere Äußerungen von Mischke hingewiesen, die als problematisch ausgelegt werden könnten. Die Entscheidungsträger hätten Rückendeckung signalisiert, sahen aber schlussendlich nur das Potenzial für Quote. Als der Shitstorm wegen seines vor 15 Jahren entstandenen Buches „In 80 Frauen um die Welt“ groß wurde, machte die ARD einen Rückzieher und wollte von Mischke und Lobo nichts mehr wissen.
„Ich habe meine berufliche Karriere an euch verschwendet“, resümiert Jule Lobo verbittert. Doch der forcierte Abstand hat ihren Blick auf die systematischen Verfehlungen geschärft. So spricht sie über grobe Lügen in der Berichterstattung, juristisch dubiose Arbeitsverträge freier ÖRR-Journalisten, zu hohe Intendantengehälter und die Ignoranz in den Führungsetagen, wo der Aufprall des Dampfers ignoriert wird.
Ihr Mann fährt fort: Das Abservieren der konservativen Journalistin Julia Ruhs war für ihn „fragwürdig bis beschämend“. Das Bild von ideologisch verbohrten ÖRR-Redakteuren sei kein erfundenes rechtes Klischee. Er habe im Kosmos der ARD sehr viele Menschen angetroffen, die „null Lust haben, auch nur irgendeinen Zentimeter außerhalb des Horizonts als sinnvoll wahrzunehmen“. Diese Menschen empfänden sich als „Korrektiv der Gesellschaft“, seien aber gleichzeitig unkündbar und würden nicht nach Leistung bezahlt.
Das ZDF nimmt Sascha Lobo von seiner Kritik weitestgehend aus
Hätte Sascha Lobo einen Knopf, mit dem er die gesamte ARD zerstören könnte, würde er ihn sofort drücken. Das ZDF nimmt Lobo kurioserweise von seiner Kritik weitestgehend aus. Dort könnten „ein paar Verbesserungen“ die Dinge zum Guten richten, meint der Autor. Er weist darauf hin, dass er schon mehrere Filme für den Sender produziert hat.
Jule Lobo benutzt ein ähnlich deutliches Bild für das Ende der ARD: „Wenn dieser Laden abfackelt, ich werde so applaudieren. Ich werde mich so freuen, weil ich denke, dass es höchste Zeit ist, dass es passiert.“
Beide Lobos sind Teil einer links-woken Hauptstadtblase, in der es sich nicht schickt, Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk deutlich zu äußern. Insofern erstaunt ihre differenzierte und gleichzeitig radikale Bilanz. Sie deckt sich mit der vieler ÖRR-Aussteiger, die den Grundgedanken eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks zwar verteidigen, die Hoffnung auf tiefgreifende Veränderungen innerhalb des Systems aber aufgegeben haben.
So hat der Dokumentarfilmer Thorolf Lipp 15 Jahre lang innerhalb des Systems für echte Veränderungen gekämpft. Er war Sprecher des Deutschen Medienrates, zwölf Jahre Vorstand der AG DOK und zuletzt Vorstand der Deutschen Akademie für Fernsehen. Seine Ideen hat er zusammen mit dem gerade verstorbenen Dieter Wiedemann im Buch „Medienzukunft 2025“ zusammengetragen. Ein Medienkonvent zur Diskussion weitgehender Reformvorschläge hat weder in den Sendern noch in der Politik und selbst bei den Kreativen wenig Rückendeckung erhalten. Der fehlende Veränderungswille ist für ihn verblüffend. Vor einem Jahr hat Lipp ernüchtert Abstand von seinem Engagement genommen. Er sagt, „es muss wahrscheinlich noch dramatisch schlechter werden, damit sich wirklich etwas ändert“.
Vielleicht liegt die Lösung im Zitat des Architekten Richard Buckminster Fuller: „Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, baut man Modelle, die das Alte überflüssig machen.“
Fast zeitgleich zur Veröffentlichung des Lobo-Podcasts tagten die ARD-Intendanten zum letzten Mal in diesem Jahr. Ihre Erklärung liest sich in dem Kontext wie Satire:„Der Reformstaatsvertrag der Länder gibt der ARD zusätzliche Impulse für den bereits eingeschlagenen Weg. Noch mehr Zusammenarbeit, auch mit ZDF und Deutschlandradio, und noch mehr Dienst an der Gesellschaft – diese Ziele unterstützen wir.“
Eine Petition zur Abschaffung und Privatisierung des ÖRR wurde bei OpenPetition hingegen gelöscht, weil sie angeblich gegen die Community-Regeln verstoßen hat. Der Vorwurf: hetzerische Aussagen und falsche Tatsachenbehauptungen. Die Initiatoren, zwei FDP-Politiker, haben nun eine eigene Website für die Petition erstellt.
Unser Autor
Ole Skambraks war insgesamt zwölf Jahre als Redakteur und redaktioneller Mitarbeiter für MDR, WDR und SWR tätig. In einem offenen Brief kritisierte er 2021 die Corona-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Daraufhin wurde ihm vom SWR fristlos gekündigt. Er ist Mitgründer der Initiative Meinungsvielfalt.Jetzt und setzt sich für eine Renaissance des Journalismus ein.
