Egal, ob SPD oder Junge Gruppe sich durchsetzen : „Wer vorher arm oder reich war, ist es nachher auch“
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Le système des retraites allemandes est injuste et continuera à l’être tant qu’on n’introduira pas une retraite de base suffisamment élevée pour tout le monde.
2.12.2025 von Boban Dukic - Beim aktuellen Rentenstreit der Bundesregierung handelt es sich um eine Scheindebatte, die die wahren Probleme ausklammert. Ein Gespräch mit dem Rentenexperten Dr. Elmar Stracke gibt Aufschluss.
Die Debatte um das Rentenpaket der Bundesregierung hat der schwarz-roten Koalition ihre bislang größte Belastungsprobe beschert. Kurz vor der entscheidenden Abstimmung im Bundestag ist weiter unklar, ob die CDU/CSU-Fraktion geschlossen hinter dem Entwurf steht oder ob die Junge Gruppe der Union das Vorhaben tatsächlich zu Fall bringt.
Beim Streit geht es um die Haltelinie des Rentenniveaus von 48 Prozent bis 2031 und darüber hinaus. SPD-Chefin Bas hatte am Montag in Brüssel deutlich gemacht, dass ein Scheitern des Rentenpakets den Fortbestand der Regierung gefährden könnte: „Dann werden wir kaum noch andere Gesetzgebungen durchs Parlament bringen.“
Unionsfraktionschef Jens Spahn wollte sich zuletzt nicht dazu äußern, ob genügend Stimmen aus den eigenen Reihen gesichert seien. Klar ist jedoch: Weder die Union noch die SPD sprechen über das, was viele Fachleute für das eigentliche Problem halten – die strukturelle Ungleichheit des deutschen Rentensystems.
„Wer vorher arm oder reich war, ist es nachher auch“
Dass der Streit eine Scheindebatte ist, die die wahren Probleme der Altersvorsorge in Deutschland nicht berührt, verdeutlicht ein Gespräch mit dem Rentenexperten Dr. Elmar Stracke vom Zentrum für neue Sozialpolitik.
Aus seiner Sicht zielt der aktuelle Konflikt zwischen SPD und Junge Gruppe am Kern vorbei. Aufgabe der gesetzlichen Rentenversicherung sollte sein, Altersarmut zu verhindern. „Als Mittel gegen Armut hilft die Haltelinie nicht. Sie hält nur diejenigen, die sich selbst halten können“, so Stracke.
Stracke betont, dass sich die soziale Ungleichheit im Alter quer durch alle Säulen der Altersvorsorge fortsetzt – ob gesetzlich, betrieblich oder privat. „Wer vorher arm oder reich war, ist es nachher auch“, sagt er. Gerade deshalb dürfe die gesetzliche Rentenversicherung diesen Mechanismus nicht weiter verstärken, sondern müsse ihn ausgleichen. Notwendig sei mehr Umverteilung im System, nicht weniger. Dass dies keine radikale Position ist, zeigt, dass selbst der Sachverständigenrat der Wirtschaft seit Jahren einen stärkeren sozialen Ausgleich in der Rente fordert.
Mehr Mut gewünscht von der SPD
Eine Haltelinie von 48 Prozent helfe dabei nur begrenzt. Stracke bestätigt zwar, dass auch Geringverdiener von einem höheren Rentenniveau profitieren. „Aber wenn Sie die Rente unten um einen Euro erhöhen, steigt sie oben automatisch um zwei. Und Gutverdiener leben länger und verfügen oft über zusätzliche Vorsorge. Als sozialpolitische Maßnahme ist das Rentenniveau nicht zielgenau.“
Der Streit verschleiere, dass eine grundlegende Reform nötig wäre. Eine Rente mit stärker umverteilenden Elementen. Mit jeder reinen Prozentsteigerung zementiere man die Ungleichheiten des Erwerbslebens – auf Kosten der Allgemeinheit und auf Dauer.
Warum hält die SPD dennoch unerschütterlich an der Haltelinie fest? Stracke sieht die Partei in „rhetorischen Sackgassen“. Das Beschwören der Haltelinie als Teil der sozialdemokratischen DNA habe sie festgefahren. „Die individuelle Rentenhöhe hängt von so vielen Faktoren ab – Beschäftigung, Gesundheit, Erwerbsbiografie. Das Rentenniveau ist dafür überraschend unwichtig. Wenn ich vorher arm bin, bin ich bei jedem Rentenniveau später arm.“
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Eine andere Sackgasse ist laut Stracke „das Motiv, dass die Rente Lebensleistung belohnen soll“. Was bedeutet, dass man die meisten Ressourcen zu den Leuten schiebt, die sowieso schon erfolgreich durchs Leben gekommen sind. Man hatte wohl sehr lange den gut bezahlten, gewerkschaftlich organisierten Fabrikarbeiter vor Augen, glaubt Stracke. Denn für ihn ist das System quasi optimal. Aber der ist nicht mehr das Maß der Dinge. Trotz allem hofft Stracke, dass die SPD den Mut hat, sich für neue Vorschläge bei der Rente zu öffnen.
Rentenreformen sind kein Gewinnerthema
Auch der Widerstand der Jungen Gruppe bietet nach Strackes Ansicht kaum Antworten. Zwar begrüßt er, dass das Land über die Rente diskutiert. Doch die Fixierung auf einen Konflikt Jung gegen Alt hält er für verkürzt. „Das größere Problem sind die Unterschiede innerhalb der Generationen.“ Niemand sei so heterogen wie die Generation der Älteren: Lebenserwartung, Einkommen, Gesundheit – all das klaffe weit auseinander.
Ein denkbarer Kompromiss wäre aus seiner Sicht, das Rentenalter moderat zu erhöhen, aber zugleich den sozialen Ausgleich deutlich zu stärken. Menschen, die aufgrund körperlicher Belastung frühzeitig ausscheiden müssen, dürften dadurch nicht benachteiligt werden. Stattdessen könne man Gutverdienende, die ohnehin länger und gesünder leben, stärker in die Pflicht nehmen.
Dass in Deutschland seit Jahrzehnten keine strukturelle Rentenreform gelingt, führt Stracke auf politische Ängste zurück. Rentenpolitik sei „kein Gewinnerthema“ – zu groß die Sorge, jemand könne behaupten, den Rentnern werde etwas weggenommen. „Dabei haben die meisten Reformoptionen kaum Einfluss auf Bestandsrenten.“ Die Politik habe Angst, weil es viele Rentner gibt und „irgendjemand schafft es in der Debatte immer, den Eindruck zu erwecken: die nehmen euch die Renten weg!“ Eine engagierte Reform, die vor allem fairer verteilt, würde seiner Einschätzung nach jedoch von vielen begrüßt.
Niederlande: Rund 1000,- mehr Rente als in Deutschland
Stracke verweist im Gespräch auf das niederländische Rentensystem, mit dem er sich intensiv auseinandergesetzt hat – unter anderem in seinem eigenen Podcast „Alter, was geht“. In einer der letzten Folgen erläutert er dort die Struktur und Funktionsweise der Altersvorsorge unserer westlichen Nachbarn.
Ein zentraler Unterschied zu Deutschland: In den Niederlanden erhält jeder Bürger nach 50 Jahren Wohnsitz eine einheitliche Grundrente, völlig unabhängig vom früheren Einkommen. Sie liegt bei rund zwei Dritteln des Mindestlohns und damit aktuell bei etwa 1.500 Euro. „Das reicht, um das Alter frei von Armut zu gestalten, egal wie einem das Leben gespielt hat“, sagt Stracke. Altersarmut sei in den Niederlanden deshalb „nahezu unbekannt“.
Während Deutschland das Rentenniveau am Erwerbsleben orientiert, setzt das niederländische Modell auf eine absolute Untergrenze, die für alle gilt. Ergänzt wird diese Basis durch weitgehend verpflichtende, kapitalgedeckte Betriebsrenten, die nach Stracke für Leistungsgerechtigkeit sorgen. Zusammengenommen führt das dazu, dass Rentner in den Niederlanden im Schnitt rund 1.000 Euro mehr pro Monat erhalten als in Deutschland.
Arm gegen Reich
Auch der Armutsforscher Christoph Butterwegge hat sich jüngst in der Berliner Zeitung zur Jungen Gruppe geäußert. Er warf ihr vor, die Demografie werde „als Mittel der sozialpolitischen Demagogie“ benutzt, und betonte, dass die vermeintliche Konfliktlinie zwischen Jung und Alt in Wirklichkeit trügerisch sei. Die entscheidende soziale Spaltung verlaufe vielmehr zwischen Arm und Reich.
Stracke stimmt dieser Analyse zu: „Unser Rentensystem müsste Ungleichheit stärker abfedern, nicht zementieren.“ Die aktuelle politische Debatte konzentriere sich jedoch auf Haltelinien und Prozentpunkte, die das strukturelle Problem nicht lösen und keine wirklichen Antworten darauf liefern, wie Altersarmut verhindert werden kann. Für Stracke verdeutlicht dies, dass die Diskussion der Koalition und der Jungen Gruppe an der falschen Stelle ansetzt.
Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung zum Rentenpaket der Bundesregierung am Freitag, dürfte eine grundlegende Rettung des Rentensystems nicht zu erwarten.
