Marzahns Probleme als Wahlkampfbühne: Ein Tag mit Elif Eralp
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Die kleine Königin der Linkspartei wid gern unterschätzt, aber sie bleibt eine Königin. Die Zeit der Traktoristin ist auch bei der Linkspartei vorbei.
12.6.2026 von Jana Hermann - Statt großer Wahlkampfreden stehen bei Elif Eralps Tour durch Marzahn die Sorgen der Anwohner im Mittelpunkt. Am Tal-Center wird die Stimmung plötzlich hitzig.
Als Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken, in der Mehrower Allee 50 in Berlin-Marzahn ankommt, wartet dort keine jubelnde Menschenmenge. Stattdessen stehen vor dem Plattenbau ein Fotografenteam der Berliner Linken und wenige Pressevertreter. Der eigentliche Mittelpunkt des Termins ist jedoch nicht die Spitzenkandidatin selbst, sondern der Bezirk Marzahn mit seinen Problemen. Fünf Stationen sind geplant. Los geht es in einem 18-geschossigen Haus, bei seinen Bewohnern und ihrem kaputten Fahrstuhl.
Der Fahrstuhl sei wochenlang ausgefallen, erzählt ein Mieter. Er führt die Gruppe hoch hinauf ins letzte Stockwerk, damit alle ein Gefühl dafür bekommen, wie es den Trägern – zwei jungen Männern mit Migrationshintergrund – ergehen musste, die für einen Hungerlohn hilfsbedürftige Nachbarn die Treppen hinaufgetragen haben. Der Mieter will aus Sicherheitsgründen anonym bleiben. Denn sein Endgegner ist der Eigentümer des Hauses: Vonovia.
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Mit Aussicht: Elif Eralp (Die Linke) lässt sich von Mietern die Probleme der Plattenbausiedlung erklären. © Jana Hermann/Berliner Zeitung
Erst wenn die Presse kommt, passiert etwas
Laut dem Mieter ist genau dieses Immobilienunternehmen verantwortlich für die Rohrbrüche, durch die der Fahrstuhl ausfiel. Zudem sei Vonovia für die wochenlange Vermüllung verantwortlich und nur schwer zu erreichen, sagt er. Die Liste der Beschwerden ist lang und reicht bis hin zu einer tagelang nicht beseitigten Urinpfütze. Von wem die wohl stammt? „Nicht von mir. Vielleicht von einer alten Frau, die die Treppen hochlaufen musste, weil der Fahrstuhl wochenlang nicht repariert wurde.“
Zum Glück funktioniert der Aufzug inzwischen wieder. Der Müll ist ebenfalls verschwunden. Und auch die Pfütze wurde inzwischen weggewischt.
Besonders ein Satz bleibt hängen: „Wieso muss erst die Presse kommen, damit etwas passiert?“, fragt der Mieter. Er sympathisiert zwar mit der Linken und bezeichnet die AfD als „rechte Rattenfänger“. Die Ursache für den Erfolg der Partei sieht er jedoch bei der etablierten Politik: „Unser Problem ist, dass der Markt regelt und wir als Gesellschaft von der Politik im Stich gelassen werden. Auch mit Blick auf die AfD – ohne sie verteidigen zu wollen – sage ich ganz klar: Es war die Politik der Mitte, die diese Umstände geschaffen hat. Die AfD sind bloß die Profiteure.“
Eralp lässt andere reden
Damit nicht nur die AfD von den Versäumnissen der Politik der Mitte profitiert, lädt auch die Linke zu einem Spaziergang durch Marzahn ein. Ausschließlich Medienvertreter werden durch das Plattenparadies geführt, um an verschiedenen Stationen auf Probleme im Bezirk aufmerksam zu machen. Wer große Reden der Bürgermeisterkandidatin erwartet, wird enttäuscht.
Eralp spricht wenig. Sie hört zu, nickt, fragt nach und macht sich Notizen. Nebenbei arbeitet sie. Sie müsse noch etwas autorisieren, sagt sie. Wahrscheinlich ein Interview. Der Wahlkampf läuft schließlich auf Hochtouren. Eines muss man ihr an diesem Tag lassen: Sie bleibt entspannt, freundlich und aufmerksam. Sie hört zu, nimmt sich Zeit für die Menschen und wirkt interessiert. Dass ihr Auftreten glaubwürdig erscheint, dürfte auch an ihrer eigenen Wohnsituation liegen. Die Spitzenkandidatin erzählt der Runde, dass sie selbst in einem Haus lebe, das verfalle und in dem man ähnliche Probleme kenne.
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Vor der Marzahner Seilbahn: Eralp bei der Arbeit. © Jana Hermann/Berliner Zeitung
Eralps Unterstützer erklären die Lage
Die längsten Wortbeiträge kommen an jenem Tag von den Mietern, den Bürgerinitiativen und später von den Mitarbeitern sozialer Projekte. Die Politikerin übernimmt eher die Rolle einer Vermittlerin als die einer Wahlkämpferin. Allerdings nicht allein.
Während Kristian Ronneburg, Bezirksvorsitzender der Linken in Marzahn-Hellersdorf, die einzelnen Stationen organisatorisch einführt und immer wieder den politischen Rahmen setzt, übernimmt Björn Tielebein die fachlichen Erläuterungen. Der Bezirksverordnete und wohnungspolitische Experte der Linken ordnet die Debatten um Nachverdichtung, Stadtentwicklung und Infrastruktur ein. Er bemüht sich, die Schilderungen der Anwohner immer wieder mit Hintergründen aus der Bezirkspolitik aufzufangen.
Immer dieselbe Klage
Die zweite Station ist das Tal-Center. Wieder geht es nicht um große Ideologien, sondern um ganz konkrete Sorgen. Vertreter des Bürgerbeirats kritisieren die zunehmende Nachverdichtung, fehlende Mitsprache und den drohenden Verlust des Zentrums. Wohnungen sollen an dessen Stelle gebaut werden. Dabei ist Marzahn doch schon voller Platten. Man brauche Gesundheitszentren, Einkaufsmöglichkeiten, Fitnessstudios oder Vereine.
Das Leben bestehe doch nicht nur aus Wohnen und Arbeiten, lautet die Beschwerde einer Bürgerin, die sich auch von der Bürgermeisterkandidatin nicht einschüchtern lässt. Diese Station bietet die einzige wirklich hitzige Situation des Spaziergangs. Hanni Reuter, stellvertretende Sprecherin des Bürgerbeirats, will von Eralp wissen, was die Linke denn nun konkret tun wolle, um den drohenden Abriss des Tal-Centers und die weitere Nachverdichtung zu verhindern.
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Nach hitziger Diskussion: Björn Tielebein (Die Linke) gibt der Vertreterin des Bürgerbeirats Hanni Reuter die Hand. Eralp lächelt. © Jana Hermann/Berliner Zeitung
Die Linke ist nicht gegen Neubau
Eralp greift die Frage jedoch kaum selbst auf. Es sei nicht ihr Zuständigkeitsbereich, sagt sie sinngemäß und deutet auf ihren Parteikollegen Tielebein. Der Bezirksverordnete erklärt, der Bezirk beziehungsweise die Linke könne Immobilien nicht einfach zurückkaufen; dafür fehlten ebenfalls die Zuständigkeit und die finanziellen Möglichkeiten.
Zugleich verweist er darauf, dass die Linke grundsätzlich nicht gegen neue Wohnungen sei – im Gegenteil: Sie fordere selbst den Bau zahlreicher bezahlbarer und öffentlicher Wohnungen, am besten durch Genossenschaften. Entscheidend sei in diesem Fall jedoch, dass Neubau mit der nötigen sozialen Infrastruktur und unter Beteiligung der Anwohner geplant werde, statt bestehende Quartiere immer weiter zu verdichten.
Keine großen Versprechen
Auf Nachfrage dieser Zeitung und anderer Pressevertreter, wie Eralp selbst ihre Rolle beschreibt – beim Spaziergang, aber auch grundsätzlich –, formuliert sie einen bemerkenswert zurückhaltenden Anspruch: Man müsse den Menschen das Gefühl geben, dass ihre Sorgen ernst genommen werden.
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Für den klassischen Fototermin ist immer Zeit: Eralp zwischen ihren Parteikollegen Sarah Bigall und Björn Tielebein. © Jana Hermann/Berliner Zeitung
Zuhören, für die Menschen da sein und sich um ihre Anliegen kümmern – so beschreibt Eralp ihre Wahlkampfstrategie. Dazu gehöre auch, ehrlich zu sagen, was möglich sei und was nicht, statt Versprechen abzugeben, die später nicht einzuhalten seien. Sie könne den Menschen schließlich nicht „mal eben 50 Millionen Euro“ versprechen.
Ein kleiner Seitenhieb scheint mitzuschwingen: Immer wieder fällt an diesem Tag der Name des langjährigen CDU-Politikers Mario Czaja. Der frühere Bundestagsabgeordnete und ehemalige Berliner Sozialsenator galt in Marzahn-Hellersdorf vielen als klassischer „Kümmerer“, der mit konkreten Zusagen und Versprechen vor Ort Wahlkampf machte. Eralp verzichtet an diesem Tag auf vergleichbare Zusagen.
