• Segmentierung als Weg aus der Corona-Krise | Telepolis
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    Eine Segmentierung schafft die Möglichkeit, dass alle gesellschaftlichen Gruppen am sozialen Leben teilhaben können, ohne einzelne Schichten übermäßig zu belasten

    Covid-19 ist ein aggressives Virus, das sich rasend über den ganzen Erdball ausgebreitet hat. Die Möglichkeit, dieses Virus oder Nachfolgeviren auf Dauer zu unterdrücken, scheint nicht gegeben zu sein. Ob und wann ein Impfstoff auf den Markt kommt, wie lange und wie wirksam er angesichts der schnellen Mutationen ist, steht in den Sternen.

    In dieser Situation ist es wichtig, einen Weg zu finden, wie eine Gesellschaft langfristig mit dem Virus leben kann - mit einer funktionierenden Wirtschaft, mit hohen Bildungszielen, mit kulturellem Leben und gleichzeitig hohen Schutz für Risikogruppen.

    Die bisherigen, anfangs unter großer Ungewissheit ergriffenen, teilweise sehr strikten Regelungen dürften auf Dauer nicht von allen Gesellschaftsgruppen mitgetragen werden. Wir brauchen daher eine langfristige Lösung, die allen Gesellschaftsgruppen gerecht wird, ohne die Gruppe der Jungen, Gesunden und Werktätigen über Gebühr zu belasten, eine Lösung, die alle Gesellschaftsschichten langfristig mittragen können.

    Covid-19 greift vor allem hochbetagte Menschen und solche mit schweren multiplen Vorerkrankungen an, während der Rest der Gesellschaft mit keinen, wenigen, oder grippeähnlichen Symptomen davonkommt (s. Schaubild).

    Nun stellt sich die Frage, wie eine solches Konzept langfristig aussehen könnte. Die beste Möglichkeit scheint aus unserer Sicht eine Segmentierung des öffentlichen Lebens zu sein:

    Läden: Derzeit leidet der Einzelhandel sehr stark unter der Maskenpflicht. In Umfragen geben Menschen an, mit Maske nicht shoppen zu wollen. Gleichzeitig würden viele Menschen sich ohne Maske gar nicht mehr einkaufen trauen.

    Lösungsvorschlag : Es wird täglich ein Zeitkorridor eingerichtet (z.B. von 9 bis 11 Uhr), in dem eine strikte Maskenpflicht und Abstandsregelungen für alle im Laden befindlichen Menschen gilt. Zu den übrigen Zeiten entscheidet jeder selbst, ob er eine Maske tragen will oder auch nicht.

    Restaurants/Kulturelle Veranstaltungen/Sportstätten etc.: Restaurants bleiben derzeit oft leer (die ersten Insolvenzen wurden schon angemeldet), Kulturschaffende stehen vor dem wirtschaftlichen Ruin, sportliche Betätigung ist bei den gegebenen Regelungen (z.B. darf ein Übungsleiter nur zwei Stunden die Woche halten) nur sehr eingeschränkt möglich. Das ist ungesund und wird auch mittelfristig zu hoher Arbeitslosigkeit führen.

    Lösungsvorschlag : Öffentliche DienstLösungsvorschlagleister bieten an einem von ihnen selbst zu wählenden Tag der Woche für ihre Veranstaltungen große Abstände und strikte Maskenpflicht. An anderen Tagen entscheiden die Menschen selbst, ob sie eine Maske tragen, ob sie eine Wasserrutsche benutzen oder ein Konzert besuchen wollen.

    Schulen/Kitas: Über viele Monate wurden die Kinder nicht richtig beschult. Der Lernfortschritt war stark verringert, viele Eltern wurden enorm belastet, einige Kinder bleiben auf der Strecke. Die Öffnung der Schulen dürfte der schwierigste Bereich sein, denn es ist zu erwarten, dass fast alle Eltern ihre Kinder in die Einrichtungen schicken wollen, aber unter den Lehrkräften ein höherer Anteil an Risikopatienten ist.

    Lösungsvorschlag : Lehrkräfte, die ein ärztliches Attest vorweisen, können ihren Unterricht über Homeschooling anbieten. Der andere Unterricht findet in Präsenz statt.

    Diese Segmentierung kann auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens angewendet werden. Es würde dadurch sichergestellt, dass die Risikopatienten gut geschützt werden, während Wirtschaft, Bildung und Kultur nicht in dem Maße zusammenbrechen müssen, in dem wir es derzeit erleben. All die Schulden, die wir derzeit anhäufen, müssen eines Tages von den Kindern und Jugendlichen beglichen werden, denen wir heute Bildung, regelmäßigen Sportunterricht und Jugendtreffs versagen oder dezimieren. Dies war vielleicht ein gangbarer Weg während der ersten Monate der Krise unter großer Ungewissheit. Als langfristiger Weg ist er jedoch ungeeignet. Bildung, Wirtschaft und Kultur dürfen nicht ruiniert werden. Daher ist eine Segmentierung unserer Einschätzung nach der beste Weg für eine Gesellschaft mit Covid-19.

    Eine Segmentierung schafft die Möglichkeit, dass alle gesellschaftlichen Gruppen am sozialen Leben teilhaben können, ohne einzelne Schichten übermäßig zu belasten. Das wäre unseres Erachtens eine langfristige, konsensfähige Lösung.

    Dr. Sylvia Kreiß, Professorin für Finanzierung Hochschule Würzburg/ Schweinfurt, Dr. Christian Kreiß, Professor für Finanzierung Hochschule Aalen.