Statt « Sex & Drugs & Rock’n’Roll » nun « Private Equity & Hedgefonds & Brands’n’Sponsoring »

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  • Statt “Sex & Drugs & Rock’n’Roll” nun “Private Equity & Hedgefonds & Brands’n’Sponsoring” | Telepolis
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    Le capitalisme dévore la musique.

    Das Konzertgeschäft als solches ist ja ein Superstar-Markt: Ein Prozent aller Musiker und Bands erzielen sechzig Prozent aller weltweiten Konzerteinnahmen, und die oberen fünf Prozent der Performer generieren sage und schreibe 85 Prozent aller Konzerteinnahmen. Und natürlich sind die Ticketpreise für Konzerte dieser fünf Prozent die höchsten, und sie wachsen zudem deutlich schneller als bei allen anderen Musikern. Und die Konzertkonzerne konzentrieren sich hauptsächlich auf dieses Superstar-Geschäft, denn ihre Investoren und Shareholder erwarten sich davon Super-Renditen und Super-Profite.

    „Wir benötigen dringend gesetzlich festgelegte Mindestgagen“

    Alles super also?
    Berthold Seliger: Für die Konzerne schon, und für die Superstars wohl auch. Nicht aber für die 95 Prozent aller Musiker weltweit, die die übrigbleibenden 15 Prozent aller Einnahmen unter sich aufteilen müssen. Der CEO von Live Nation verdient 70 Millionen Dollar im Jahr, während die deutschen Musiker laut Künstlersozialkasse im Durchschnitt gerade einmal 14.199 Euro im Jahr verdienen, und die unter dreißigjährigen Frauen kommen gerade einmal auf 10.883 Euro - eine Existenz auf Hartz-IV-Niveau also.

    Da läuft also etwas grundfalsch im Konzertgeschäft, die soziale Ungleichheit zwischen denen, die die Musik machen, und den Mittelsmännern, den „Mitessern“, wird zementiert und immer größer. Deswegen benötigen wir unter anderem so dringend gesetzlich festgelegte Mindestgagen.
    Und: wer kümmert sich um all die kleineren und die neuen Bands? Die Großkonzerne ganz sicher nicht, denn mit Bands, die vor wenigen Fans in den Clubs spielen, ist kein Geld zu machen. Aber genau dort, in den Clubs, entsteht die Popkultur.

    „Weltherrschaft im Konzertgeschäft“

    Wie machen Veranstaltungskonzerne heutzutage ihr Geld?
    Berthold Seliger: Live Nation und CTS Eventim haben ein ähnliches Geschäftsmodell, beide Konzerne betreiben ja eigene Ticketingfirmen, bei Live Nation ist das der weltgrößte Tickethändler, Ticketmaster. Wenn man die Unternehmensbilanzen genauer betrachtet, stellt man fest: Das Veranstalten von Konzerten macht riesige Verluste (im Fall von Live Nation) oder nur geringe Gewinne (bei CTS Eventim), während der Löwenanteil mit dem Ticketing und neuerdings außerdem noch mit Sponsoring verdient wird.
    Live Nation weist im Konzertbereich Verluste im fast dreistelligen Millionenbereich aus (in 2017 sind es 93,59 Millionen US-$), während im Ticketing in aller Regel Gewinne in der Größenordnung von etwa 200 Millionen US-$ erzielt werden. Und dazu kommen Riesengewinne im Unternehmensbereich „Sponsoring & Advertising“: Bei nur 445 Millionen Dollar Umsatz erzielte diese Sparte 2017 für Live Nation Gewinne in Höhe von etwa 252 Millionen Dollar. Eine Bruttogewinn-Marge von 56,50 Prozent, das ist einigermaßen sensationell.

    Ähnlich sind die Zahlen bei CTS Eventim: Die EBITDA-Marge des Konzertgeschäfts liegt bei diesem Konzern bei knapp über vier Prozent, mit sinkender Tendenz, die Marge im Ticketing dagegen bei über vierzig Prozent, mit steigender Tendenz. Im Klartext: Eigentlich veranstalten die großen Konzerne ihre Konzerte nur noch, um mit Ticketing und Sponsoring Gewinne einzufahren.

    Und sie verwenden ihre gewaltigen Gewinne aus dem Ticketing dazu, weiter zu expandieren, weltweit Konzert- und Tourneeveranstalter sowie Konzerthallen aufzukaufen, die wiederum dafür sorgen, dass die Ticketingeinnahmen der Konzerne steigen, womit sie weiter expandieren können und so weiter und so fort. Die Erfindung des Perpetuum mobile - im Konzertgeschäft ist sie gelungen, als sowohl horizontales wie auch vertikales Imperiengeschäft. Es geht um weltweite Imperien, es geht um die Weltherrschaft im Konzertgeschäft.