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  • Wann darf Friedrich Merz »Arschloch« genannt werden ?
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196007.beleidigungen-wann-darf-friedrich-merz-arschloch-genannt-werden.h


    Friedrich Merz nannte die deutsche Gesundheitsversorgung einen »Pull-Faktor« für Einwanderung und verbreitete dazu Fake News. Tadzio Müller schrieb daraufhin straflos : »Es geht Merz doch nicht um Fakten, sondern um symbolische Kommunikation : ›Seht her, auch ich bin ein schambefreites, rassistisches Arschloch.‹« Foto : dpa/Fabian Sommer

    Le politiciens allemands sont protégés contre la critique populaire par un parapgraphe du oide pénal qui ressemble au délit de lèse majesté.

    7.12.2025 von Matthias Monroy - Als Unions-Chef hatte Friedrich Merz über eine Rechtsanwaltskanzlei bereits Hunderte Strafanzeigen wegen Beleidigungen gestellt – etwa weil er als »Wichser«, »korrupter Faschist« oder »widerliches Arschloch« bezeichnet wurde. Seit seinem Amtsantritt als zehnter Bundeskanzler am 6. Mai 2025 setzt er diese Verfolgung fort, allerdings – angeblich – nicht mehr auf eigene Initiative: Das Bundeskanzleramt bestätigte auf Anfrage von »nd«, dass seitdem mehr als 140 »Kontaktaufnahmen« wegen strafrechtlich relevanter Äußerungen durch Polizei und Staatsanwaltschaften erfolgt seien (Stand: 24. November).

    In keinem Fall habe Merz selbst Strafantrag gestellt – einer Verfolgung von Amts wegen wurde aber nicht widersprochen. Der Kanzler schließt sich damit einer Praxis an, wegen der in der vorigen Bundesregierung vor allem Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) von einer rechten Filterblase attackiert worden war.

    Das Strafgesetzbuch kennt vor allem zwei Beleidigungstatbestände: Paragraf 185 schützt die persönliche Ehre und erfordert in der Regel einen Strafantrag der betroffenen Person. Paragraf 188 StGB hingegen schützt Politiker*innen und Amtsträger*innen und kann auch von Amts wegen verfolgt werden – deswegen gilt der Paragraf auch als modernes Verfolgungsinstrument von »Majestätsbeleidigung«. Die Strafe kann bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen betragen.

    Meldungen über womöglich beleidigende Postings im Internet laufen bei der Zentralen Meldestelle für strafbare Inhalte im Internet (ZMI) des Bundeskriminalamts (BKA) ein. Dort wurden nach Auskunft eines Sprechers in den ersten neun Monaten dieses Jahres 5155 gemeldete Fälle mit dem Straftatbestand des Paragraf 188 StGB kategorisiert – das ist rund ein Drittel aller bei der ZMI in diesem Zeitraum erfolgten Meldungseingänge. 4439 Verstöße gegen den Paragrafen 188 seien vom BKA in diesem Zeitraum in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) aufgenommen worden, berichtet die »Welt«, die ebenfalls zu den Zahlen recherchiert hat. Demzufolge sollen Anzeigen wegen Merz-Beleidigungen auch mithilfe der Firma »So Done« zustandegekommen sein – sie wurde von einer FDP-Politikerin gegründet und durchsucht Soziale Medien mit einer Software.

    I_n mehreren Postings hatte Müller den Noch-Nicht-Bundeskanzler ein »Arschloch« genannt – immer jedoch mit kontextualisierenden Zusätzen wie »schamfrei« oder »rassistisch«_ .

    Das BKA erhält seine Informationen zu Beleidigungen im Netz wiederum von anderen Meldestellen – privat oder staatlich. Am bekanntesten ist »Hessen gegen Hetze«, die für 92 Prozent der Paragraf-188-Meldungen an die ZMI verantwortlich ist. Diese Zahl nannte das BKA auf nd-Anfrage. Weitere Zulieferer waren Meldestellen wie »Respect!« oder Landesmedienanstalten.

    Überraschende null Prozent verzeichnet das BKA für Meldungen zu Beleidigungen nach Paragraf 188 StGB von der Zentralstelle für Hasskriminalität im Netz (ZHIN). Sie ist mit dem Portal »www.hassanzeigen.de« bei der Staatsanwaltschaft Göttingen angesiedelt, die vergangenes Jahr nach einer US-Dokumentation über eine brachiale Verfolgung von Online-Beleidigungen zum Ziel eines rechten Intermobs geworden war. Kritisiert wurde (auch aus linker Perspektive zu Recht), dass die Justiz offenbar schon die Beschlagnahme von IT-Geräten als eine Strafe für die Betroffenen betrachtet – obwohl dies eigentlich nur eine Ermittlungsmaßnahme sein sollte.

    Nach einer ersten Prüfung leitet das BKA die gemeldeten Inhalte an die zuständigen Landeskriminalämter weiter. Dann erhalten die Beschuldigten zunächst einen Anhörungsbogen, den sie ausfüllen oder ignorieren können. Im Falle weiterer Ermittlungen kann dann die Staatsanwaltschaft zusätzliche Maßnahmen anordnen, etwa eine Bestandsdatenabfrage bei den Internetplattformen oder Hausdurchsuchungen zur Beschlagnahme von digitalen Beweismitteln. Geben die Betroffenen Handys, Rechner oder Speichermedien freiwillig heraus, verzichten die Behörden mitunter auf eine Razzia.

    Diese Routine zeigt sich auch in den Strafverfahren, die tatsächliche oder vermeintliche Beleidigungen von Friedrich Merz betreffen. So berichtet es dem »nd« der Anwalt Jannik Rienhoff, der rund 30 Fälle betreut, in denen der CDU-Politiker mit »Rassist«, »Nazi«, »Arschloch« oder anderen Ausdrücken betitelt wurde.

    Über Akteneinsichten erhielt Rienhoff einen Auszug aus einer Excel-Tabelle mit zahllosen Beleidigungen, von denen ein Teil offenbar in Sammelanträgen verarbeitet wurde. Der Anwalt hält es aufgrund der bei Ziffer 4995 beginnenden Nummerierung des Aktenauszugs für möglich, dass tausende weitere Einträge Merz betreffen. Oft gingen diese Ermittlungen auf die Meldestelle »Hessen gegen Hetze« zurück – unabhängig von einem direkten Strafantrag durch Merz.

    Im Fall einer im Internet als »Schwester Esther« auftretenden gelernten Krankenschwester führten die Ermittlungen sogar zu einer Hausdurchsuchung und einer Gefährderansprache: Die schwerbehinderte Internetnutzerin hatte Merz als »weißen, charakterlich verkorksten Idioten« und »Nazi« bezeichnet. Dafür musste sie eine Geldstrafe bezahlen.

    In fast einem Dutzend anderen von Rienhoff vertretenen Fällen wurden Ermittlungen und Verfahren mit Hinweis auf eine geschützte Meinungsäußerung oder eine geringe Schuld eingestellt. Dies war etwa der Fall, wenn die vermeintliche Beleidigung einen zusätzlichen Kontext enthielt. So erging es dem Berliner Umweltaktivisten Tadzio Müller, der wegen Beleidigungen von Merz auf X oder Bluesky in mindestens acht Fällen angezeigt wurde – mal wegen Paragraf 185 StGB, mal 188.

    In mehreren Postings hatte Müller den Noch-Nicht-Bundeskanzler in den Jahren 2023 und 2024 wegen dessen abschätzigen Äußerungen zu Migrant*innen ein »Arschloch« genannt – immer jedoch mit kontextualisierenden Zusätzen wie »schamfrei« oder »rassistisch«. In einem dieser Fälle schrieb Müller in Bezug auf Merz von einer »ultrarassistischen und grundgesetzwidrigen Forderung eines ›Aufnahmestopps‹« und nannte dies »Arschlochisierung«.

    Eines dieser Verfahren hat die Staatsanwaltschaft erst kürzlich eingestellt – weil die Ermittlungen nicht ausreichend Anlass zur Erhebung einer öffentlichen Klage gegeben hatten. Merz hatte wahrheitswidrig behauptet, Asylsuchende könnten in Deutschland aufwändige Zahnbehandlungen in Anspruch nehmen – und dies als »Pull-Faktoren« für Einwanderung nach Deutschland bezeichnet. Müller schrieb daraufhin: »Es geht Merz doch nicht um Fakten, sondern um symbolische Kommunikation: ›Seh her, auch ich bin ein schambefreites, rassistisches Arschloch.‹« Dieser Post ist offenbar von der Meinungsfreiheit gedeckt – vielleicht da Müller Merz die Worte rhetorisch in den Mund legt. So jedenfalls vermutet es der Aktivist in einem erklärenden Blogpost.

    Wird das Schimpfwort indes mit verschärfenden Adjektiven belegt, kann es zur Strafe kommen. So ging es einer 46-jährigen Bürgergeldbezieherin aus Bochum, die Merz »dummes und empathieloses Arschloch« nannte und dafür 50 Tagessätze à 15 Euro kassierte.

    Müllers Rechtsanwalt Rienhoff findet es deshalb falsch, wenn Merz Postings zur Anzeige bringen lässt, die einen klaren politischen Kontext haben – »da darf man viel, zu Recht«. »Bei einer Formalbeleidigung würde ich es verstehen, allerdings könnte Merz auch darüber stehen«, so Rienhoff. Den Paragrafen 188, der Ermittlungen auch ohne direkten Strafantrag des Bundeskanzlers ermöglicht, kritisiert der Anwalt auch grundsätzlich. Dadurch würden unnötig hohe Kosten und Aufwand für Betroffene entstehen.

    Das bestätigt der von Rienhoff vertretene Tadzio Müller, der in den Ermittlungen das Muster sogenannter Slapp-Klagen (Strategic Lawsuit Against Public Participation) sieht: »Machtvolle Akteure« setzten mit zahlreichen, häufig offensichtlich unbegründeten Anzeigen »nicht so ressourcenstarke« Kritiker*innen unter Druck, erzeugten hohen anwaltlichen Aufwand und finanzielle Belastungen und schränkten so deren Teilnahme am öffentlichen Diskurs ein, erklärt der Aktivist »nd«. »Das ist besonders traurig, weil es ja angeblich gegen Hass im Netz gehen soll, diese Verfahren aber nun verwendet werden, um öffentliche Diskussionsräume einzuschränken – und somit dem Autoritarismus in der Gesellschaft Vorschub leisten«, sagt Müller.

    Weitere Informationen zu den Anzeigen wegen der Merz-Beleidigungen will das Kanzleramt nicht veröffentlichen. Der »Tagesspiegel« klagt deshalb beim Berliner Verwaltungsgericht auf Herausgabe der Informationen zu den »Kontaktaufnahmen von Strafverfolgungsbehörden«. Der Merz-Stab lehnt die Auskunft mit der Begründung ab, die Anfrage sei ein »unzulässiger Ausforschungsantrag«, der die Verfahrenshoheit der Staatsanwaltschaften beeinträchtige. Eine Entscheidung des Gerichts steht noch aus.

    #Allemagne #pollitique #droit #répession #censure

  • Kurze Pause zum Pinkeln an der Endhaltestelle
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195820.tarifverhandlungen-und-bvg-kurze-pause-zum-pinkeln-an-der-endhalt
    https://www.nd-aktuell.de/img/jpeg/800/314820
    Hohes Verkehrsaufkommen und ständiger Stress wegen Verspätungen: Busfahrer*in in Berlin zu sein, ist kein leichter Job. Foto: dpa/Paul Zinken

    4.12.2025 vin Maria Neuhauss - Verdi fordert für BVG-Beschäftigte längere Pausen, mehr Urlaubstage und Arbeitszeitverkürzung

    Die Traube von Gewerkschafter*innen in Warnwesten, die sich am Donnerstagvormittag vor der Hauptverwaltung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) eingefunden hat, bricht in Gelächter aus: Kurz klingt es so, als würde Verdi für die Beschäftigten der BVG in der kommenden Tarifrunde 33 weitere Urlaubstage fordern. Statt eines ganzen Monats geht es aber lediglich um drei zusätzliche Tage, die am Ende für die Beschäftigten herausspringen sollen. Sie sind Teil eines Forderungspakets, mit dem diese vor allem eins wollen: Entlastung.

    »Die Fahrer sind am Ende ihrer Kräfte«, meint Serat Canyurt, Verdi-Gewerkschaftssekretär und neuer Verhandlungsführer auf der Arbeitnehmerseite. »Wir haben alle Beschäftigten, nicht nur die Verdi-Mitglieder, in einer zwei Monate laufenden Umfrage nach ihrer Meinung befragt, und zu 99 Prozent wollen sie Entlastung.«

    Neben mehr Urlaub fordert die Gewerkschaft die ausnahmslose Umsetzung der vereinbarten Mindestruhezeit von elf Stunden und eine maximale Schichtlänge von zwölf Stunden. Zudem sollen die Wendezeiten auf sechs Minuten erhöht werden. Damit ist die Zeit gemeint, die Fahrer*innen an den Endhaltestellen zur Verfügung steht, bevor sie die Rückfahrt antreten müssen. Aufgrund ständiger Verspätungen während der Fahrten verkürzen sich Wendezeiten häufig – oder fallen gleich ganz weg. »Ich rate jedem, sich einfach mal einen Wendepunkt anzugucken und zu schauen, was die Busfahrer in der Wendezeit als Erstes machen: Die steigen aus ihren Fahrzeugen aus, rennen auf Toilette, rennen wieder zurück und steigen in den Bus. Weil sie keine Zeit haben«, sagt Kemal Aykac. Aykac ist Mitglied im Personalrat der BVG.

    »Die Fahrer sind am Ende ihrer Kräfte.«
    Serat Canyurt Verdi Gewerkschaftssekretär und Verhandlungsführer

    Problematisch seien auch die geteilten Dienste, wenn also zwischen zwei Arbeitsblöcken eine längere Pause liegt. »In der Pause können die Fahrer weder nach Hause noch etwas anderes machen. Das heißt, sie sind teilweise zwölf Stunden auf Achse, aber davon fahren sie nur acht Stunden und bekommen auch nur acht Stunden bezahlt«, sagt Aykac. Verdi fordert eine höhere Zulage für solche Dienste und ihre Abschaffung an Wochenend- und Feiertagen.

    In den kommenden Verhandlungen ringen Verdi und Vertreter*innen des Landes Berlin um einen neuen Manteltarifvertrag, in dem die Arbeitsbedingungen der 16 000 Beschäftigten der BVG und Berlin Transport (BT) geregelt sind. Entgelte und Zulagen sind diesmal kein Thema. Die aktuelle Fassung des Entgelttarifvertrags wurde bereits im April beschlossen. Damals war aufgrund verhärteter Fronten ein Schlichtungsverfahren eingeleitet worden. Im Ergebnis konnte Verdi eine Lohnerhöhung von bis zu 20 Prozent für die Fahrer*innen durchsetzen.

    Im Rahmen der Schlichtung hatten sich die Arbeitgeber zudem das Versprechen abnehmen lassen, in den Verhandlungen zum Manteltarifvertrag auch über die Arbeitszeiten zu sprechen: Für die anstehende Tarifrunde erwartet Verdi daher Gespräche über eine 35-Stunden-Woche, eine Vier-Tage-Woche und flexiblere Arbeitszeitmodelle, wie es in einer Tarifinfo an die Verdi-Mitglieder heißt.

    Der Gewerkschaft zufolge sind die Tarifverhandlungen auch für die Passagiere relevant. »Es geht darum, dass der ÖPNV zuverlässig funktioniert«, so Gewerkschaftssekretär Canyurt. Denn dass Linien verlässlich befahren werden können, hänge auch von einer guten Personalausstattung ab. Zwar hätten sich mit Erhöhung der Entgelte die Bewerber*innenzahlen bei der BVG erhöht. Doch würden viel zu viele Beschäftigte das Unternehmen wieder vorzeitig verlassen. »Wir haben uns die Zahlen angeschaut. Im Vergleich zu anderen Unternehmen ist die Personalfluktuation bei der BVG fast doppelt so hoch«, so Aykac. Das liege vor allem an den schlechten Arbeitsbedingungen im Fahrdienst.

    Die Forderungen der Gewerkschaft wurden am Donnerstagvormittag an die Arbeitgeber überreicht. Da letztere nicht zugegen waren, mussten sie im Büro abgegeben werden – ein Zeichen fehlender Wertschätzung, wie Canyurt findet.

    Mit der Auftaktverhandlung am 13. Januar startet die bundesweite Tarifrunde im kommunalen Nahverkehr. Betroffen sind bundesweit knapp 150 kommunale Unternehmen in ebenso vielen Städten und Landkreisen sowie in den drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen. Die konkreten Forderungen legen die jeweiligen Tarifkommissionen für jeden Landestarifvertrag eigenständig fest.

    #Bertin #Tarifverhandkungen #BVG #Ver.de #Arbeit #Gewerkschaft #ÖPNV

  • Weg frei zu Karl und Rosa
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195894.berlin-friedrichsfelde-weg-frei-zu-karl-und-rosa.html

    2.12.2025 von Andreas Fritsche - Liebknecht-Luxemburg-Demonstration kann stattfinden

    Die zwischenzeitlich infrage gestellte Liebknecht-Luxemburg-Demonstration zur Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde kann offenbar wie geplant am 11. Januar stattfinden. Am Dienstag habe es ein »sehr sachliches Gespräch« mit der Polizei gegeben, teilte Ellen Brombacher vom Bündnis LL-Demo dem »nd« mit. »Es sieht so aus, als ob die traditionelle Strecke gelaufen werden kann.«

    Allerdings werde am Eingang zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde wegen der gegenwärtig beengten Verhältnisse eine »hohe Disziplin« erforderlich sein, sagte Brombacher. So sind Transparente und Fahnen auf dem Friedhof untersagt. Sie müssen vor dem Eingang zurückgelassen werden. Das war auch in den vergangenen Jahren so, nur hatten sich nicht immer alle daran gehalten.

    Weil es auf dem Friedhofsvorplatz eine Dauerbaustelle gibt, war die Demonstration diesmal in Gefahr. Alarmierend waren E-Mails aus dem Bezirksamt Lichtenberg, dass Info- und Verkaufsstände nicht genehmigt werden könnten. Dazu hieß es: »Momentan ist noch nicht klar, ob und in welchem Umfang die Demonstration durchgeführt werden kann.« Doch am 20. November erklärte Stadträtin Filiz Keküllüoğlu (Grüne): »Das Straßen- und Grünflächenamt hat gemeinsam mit der Polizei unter Hochdruck an einer Lösung gearbeitet, damit die Liebknecht-Luxemburg-Demo im Januar trotz Baustelle auf dem Zentralfriedhof stattfinden kann.« Das von der Berliner Linken angemeldete stille Gedenken soll nie zur Disposition gestanden haben. Doch auch das war zunächst unklar gewesen

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    #Berlin #Friedrichsfelde #Gudrunstraße #Gedenkstätte_der_Sozialisten #Liebknecht-Luxemburg-Demo

  • Theater Ost in Berlin-Adlershof will bleiben
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195902.mietvertragskuendigung-theater-ost-in-berlin-adlershof-will-bleib

    1952 als Fernsehtheater erbaut, ist das einstige »Studio 5« inzwischen sehr marode. Foto: imago/Funke Foto Services

    2.12.2025 von Maria Neuhauss - Theater in früherem DDR-Fernsehstudio wehrt sich gegen Mietvertragskündigung

    In Adlershof spielt sich aktuell die deutsche Wiedervereinigung von Neuem ab. Zumindest, wenn man den Worten Kathrin Schüleins folgt. Schülein ist Leiterin des Theaters Ost, eines seit 2015 bestehenden Kulturortes in Treptow-Köpenick. Das Besondere: Das Theater befindet sich in den historischen Räumlichkeiten eines ehemaligen Fernsehstudios der DDR. Von hier wurde bis 1991 wöchentlich die »Aktuelle Kamera« ausgestrahlt. Das Theater möchte an diese Vergangenheit anknüpfen, doch steht sein Verbleib aktuell auf der Kippe: Der Inhaber hat den Mietvertrag gekündigt und droht nun mit der Räumung.

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    Für Schülein ist klar: Hier geht es auch um Ost und West. »Stefan Klinkenberg weist nur unternehmerische Absichten auf, und wir kämpfen um ein Stück Geschichte«, sagt sie zu »nd«. Nicht nur waren manche der 36 Ehrenamtlichen des Theaters Ost früher bereits im Fernsehstudio tätig. Auch im Programm spiegelt sich das DDR-Erbe wider: Darin finden sich Inszenierungen russischer Autor*innen oder Filmvorführungen wie über den DDR-Profischwimmer Axel Mitbauer, der 1969 über die Ostsee die Flucht antrat.

    2020 ging das Gebäude an der Moritz-Seeler-Straße über einen Erbbaupachtvertrag an Klinkenberg. Zwar stammt der Architekt und Projektentwickler gebürtig aus Köln und damit aus dem Westen, doch will das Stereotyp eines profitversessenen Wessis nicht so ganz zu ihm passen. Er sieht sich als »Sozialunternehmer«, der unter Beteiligung von Bürger*innen Projekte umsetzt, etwa das Rathaus Friedrichshagen oder die Brauerei Königstadt in Prenzlauer Berg.

    Grundstückseigentümer des ehemaligen »Studios 5«, in dem das Theater Ost seinen Sitz hat, ist seit der Wende das Land Berlin. In dem Erbpachtvertrag verpflichtet sich Klinkenberg zu einer Sanierung der baufälligen Immobilie. Zudem soll das Theater Ost nach der Instandsetzung ein Vorrecht auf die Weiternutzung bekommen. Schülein war zunächst begeistert: »Wir dachten, wir seien gerettet. Ein kulturaffiner Investor, der sogar Architekt ist!«

    Von der ursprünglichen Begeisterung ist inzwischen nichts mehr geblieben – die Fronten sind verhärtet. Während Schülein Klinkenberg nicht mehr als Vermieter haben möchte, wäre er sie und ihr Theater inzwischen auch gerne los. Streitpunkt sind vor allem die hohen Betriebskosten, die anstehende Sanierung sowie ein von Klinkenberg geplanter Neubau hinter dem Gebäude.

    »Wir wünschen uns vom Land, dass es das Haus in unsere Hände gibt.«
    Kathrin Schülein Leiterin Theater Ost

    Als Klinkenberg das »Studio 5« übernahm, nutzte das Theater Ost lediglich den vorderen Teil des Gebäudes. Im Zuge der Corona-Pandemie erlaubte das Land dem Theater, zusätzlich den großen Saal zu nutzen. Als 2022 die Energiekosten in die Höhe schossen, waren plötzlich Zehntausende Euro an Heizkosten offen. Schülein sammelte Spenden, um den Betrag zu decken.

    Im Gespräch mit »nd« sagt Klinkenberg, dass die Rechnung für ihn trotzdem nicht aufgehe. Er will, dass sich Schülein stärker finanziell beteiligt. Sie wiederum sieht ihn als mitverantwortlich für die hohen Kosten, da er sich kostensenkenden Baumaßnahmen verweigere. Ohnehin kümmere er sich nicht um das Objekt: »Das Haus ist sehr marode. Es müssen ständig Reparaturen am Dach, an der Heizung und so weiter vorgenommen werden«, beschwert sich Schülein.

    Klinkenberg gibt derweil an, das Gebäude vollständig sanieren zu wollen. Tatsächlich läuft ihm langsam die Zeit davon. Laut Erbpachtvertrag müssen die Bauarbeiten bis Februar 2028 abgeschlossen sein – ein ehrgeiziger Plan. »Eigentlich müsste ich übermorgen mit der Sanierung beginnen«, sagt Klinkenberg. Einen laufenden Theaterbetrieb hält er aufgrund von Auflagen und Umfang der Maßnahmen nicht mit der Sanierung vereinbar. Schülein sieht das anders. Allerdings teilte auch die Pressestelle des Senats für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen »nd« mit, dass bei einer vollständigen Sanierung der Theaterbetrieb für die Zeit des Umbaus nicht möglich sei und das Theater Ost zeitweise in einen alternativen Standort ausweichen müsste. Die Pressestelle verwies darauf, dass der Vertrag zwischen Senatsverwaltung und Klinkenberg diese Generalsanierung per Bauverpflichtung vorsehe.

    Um eine Finanzierung für die Sanierung aufzutreiben, ist nach Aussage von Klinkenberg zudem ein Neubau hinter dem Theater notwendig. Nur dieser könne langfristig die Wirtschaftlichkeit des Komplexes garantieren. Klinkenberg würde gerne eine Obdachlosenunterkunft errichten, womit er bereits Erfahrung gesammelt hat. Für Schülein ist dies keine geeignete Perspektive.

    Als zuletzt die Nutzungsgenehmigung der Bauaufsicht für das Gebäude auslief, kam es zum Bruch zwischen den Parteien. Beide schieben sich gegenseitig die Schuld dafür zu. Klinkenberg kündigte zum Januar 2025 fristlos das Mietverhältnis und leitete eine Räumungsklage ein. Schüleins Anwalt erhob Widerspruch, das Urteil steht noch aus. Derweil läuft der Theaterbetrieb weiter – laut Klinkenberg keine tragbare Situation: »Ich halte das für einen Hochrisikofall«, auch aufgrund ungenügender Umsetzung des Brandschutzes.

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    Schülein fordert vom Land Berlin, dass es den Erbpachtvertrag mit Klinkenberg rückabwickelt. »Wir wünschen uns vom Land, dass es das Haus in unsere Hände gibt und uns finanziell bei der Sanierung begleitet.« Neue Hoffnung schöpft sie aus einer Kooperation mit der »Berliner Zeitung«. Anfang November hatte deren Verleger Holger Friedrich auf einer Konferenz zur Rettung des Theaters Ost seine Unterstützung zugesagt. Schülein sieht das Theater Ost als zukünftiges Medienzentrum der Zeitung und träumt davon, die Fernsehtradition des Gebäudes wieder aufleben zu lassen.

    Geht es nach ihr, sollte der historische Ort dafür genutzt werden, von der DDR und Ostdeutschland nach der Wende zu erzählen. »Die Geschichte verschwindet, es bleibt nur noch der Mauerfall«, sagt sie. Ihr zufolge setzt der aktuelle Konflikt das Unrecht der Wiedervereinigung fort: »Das ist ein Gebäude, das die DDR-Bürger gebaut haben, es war Volkseigentum. Nach der Wende ist es an das Land Berlin gegangen. Jetzt müssen wir uns als geborene DDR-Bürger dafür rechtfertigen, darin unser Kulturerbe schützen zu wollen.«

    Klinkenberg wiederum sieht das Problem bei Schülein: Ihr fehle es an einem tragfähigen Konzept für den nachhaltigen wirtschaftlichen Betrieb des Theaters. Er wünscht sich eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Solange Schülein ihn quasi als als Wiedergänger der Treuhand betrachte, seien Gespräche allerdings schwierig. Am 13. Dezember ist die Räumungsklage Thema vor Gericht. Das Schicksal der DDR-Fernsehstätte bleibt weiterhin offen.

    https://www.theater-ost.de

    #Berlin #Adlershof #Moriz-Seeler-Straße #Theater

  • Lieferdienste: Wer streikt, kriegt Prügel
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195911.subunternehmen-lieferdienste-wer-streikt-kriegt-pruegel


    Für viele Kuriere ist der Arbeitsplatz am Rande der Illegalität häufig die einzige Einkommensmöglichkeit. Foto: imago/Seeliger

    2.12.2025 von Christian Lelek - Nach RBB-Recherche: Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) prüft Direkt­anstellungs­gebot für Lieferdienste

    Barauszahlungen, Verstöße gegen den Mindestlohn, Kündigungsdrohungen und Strohmänner als Geschäftsführer: Eine RBB-Recherche dokumentiert neue Fälle von Rechtsverstößen in der Branche der Essenskuriere. Im Mittelpunkt stehen die Subunternehmen, über die Unternehmen wie Wolt, Uber Eats und Lieferando ihre Kuriere beschäftigen.

    Die beiden Journalisten Jan Wiese und Fabian Grieger begleiten mehrere Beschäftigte mit der Kamera. Etwa als sich ein Fahrer bei einem neu gegründeten Subunternehmen, einem sogenannten Flottenpartner von Uber Eats, bewirbt. Wie mehr als 80 Fahrer*innen vor ihm soll er 500 Euro bezahlen. »Wir müssen hier deinen Arbeitsvertrag machen und da alles eintragen, deine Sozialversicherungsnummer, deine Krankenversicherung und das alles«, soll ein Mitarbeiter laut Gedächtnisprotokoll des Fahrers die Zahlungsaufforderung erklärt haben.

    Ein weiterer Fahrer für ein anderes Subunternehmen soll zur Täuschung der Behörden lediglich einen Teilzeitvertrag bekommen haben. Die darüber hinausgehende Arbeitszeit sei zur Umgehung von Abgaben bar vergütet worden. Bei der Geldübergabe wird der Fahrer von der mutmaßlichen Chefin darauf hingewiesen, den Geldumschlag zu verstecken. Sie droht mit Kündigung für den Fall, dass der Fahrer nicht härter arbeiten sollte. Nach Abzügen errechnet der RBB einen Stundenlohn von 7,01 Euro für den Fahrer. Uber Eats erklärt, die Zusammenarbeit mit dem betroffenen Unternehmen eingestellt zu haben.

    »Zeigt mir die Gesichter der Fahrer. Wenn sie nicht wissen, was Mafia ist, zeigen wir ihnen, was Mafia ist.«
    Chef eines Subunternehmens von Uber Eats

    Für einen bereits mehrfach vor Gericht verhandelten Fall haben sich die Journalisten auf die Suche nach einem Geschäftsführer eines Subunternehmens von Wolt begeben. Gefunden haben sie ihn im polnischen Poznań. Der in einer Kleingartenanlage lebende Mann weiß nichts von seiner vermeintlichen Geschäftsführungstätigkeit. Auch an die Unterschrift auf dem zwischen ihm und den damaligen Geschäftsführern von Wolt geschlossenen Vertrag kann er sich nicht erinnern. Der RBB geht davon aus, dass der Mann ohne sein Wissen als Geschäftsführer eingesetzt wurde, um die wahren Verantwortlichen zu verschleiern.

    Um gegen die widrigen und zum Teil illegalen Arbeitsbedingungen zu protestieren, in die viele Beschäftigte vor allem aus Südostasien gezwungen werden, stellten einige von ihnen im vergangenen Frühling ihre Arbeit für Uber Eats ein. 700 Fahrer*innen sollen zwei Tage lang irregulär gestreikt haben. Neben angedrohten Kündigungen soll es laut der RBB-Dokumentation dabei auch zu Übergriffen von Betreibern von Subunternehmen auf streikende Fahrer gekommen sein. »Zeigt mir die Gesichter der Fahrer. Wenn sie nicht wissen, was Mafia ist, zeigen wir ihnen, was Mafia ist«, heißt es in einer Sprachnachricht. Später sollen mehrere Chefs von Flottenpartnern protestierende Fahrer verletzt haben. Ein Fahrer berichtet, dass er am Tag nach dem Streik keinen Zugang mehr zu seinem Account der Uber-Eats-App hatte.

    Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigte an, angesichts anhaltender Arbeitsrechtsverstöße ein Direktanstellungsgebot in der Branche zu prüfen. Zuvor hatte die Konferenz der Landesarbeits- und Sozialminister*innen ein solches Verbot von Subunternehmen gefordert. Den entsprechenden Antrag hatte die ebenfalls SPD-geführte Berliner Senatsverwaltung für Arbeit eingebracht.

    Bas erklärte nun, es sei nicht tragbar, wenn digitale Plattformen keine Verantwortung für die Menschen übernähmen, aufgrund deren Ausbeutung sie enorme Profite erwirtschaften würden. Deshalb prüfe das Ministerium ein Gesetz zur verpflichtenden Direktanstellung – »und ich bin schon dafür«, sagte Bas, »dass wir es rechtlich hinbekommen, aber es ist nicht ganz einfach«.

    Die Dokumentation »Ausgeliefert! Das Geschäft mit den Kurierfahrern« von Fabian Grieger und Jan Wiese kann über die ARD-Mediathek kostenlos gestreamt werden.

    #Berlin #Arbeit #Ausbeutumg #immigration

  • Klette-Prozess : »Es geht um die Bestrafung einer Widersacherin« 
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195625.raf-klette-prozess-es-geht-um-die-bestrafung-einer-widersacherin.

    Daniela Klette steht seit Ende März vor Gericht. Foto : Sina Schuldt

    Les organes de répression de l’état et leurs représentants n’ont pas changé ces derniers cinquante ans. Ils sont toujours auss vindicatifs et détestables.

    20.11.2025 Interview: Niels Seibert - Strafverteidiger Lukas Theune über den Stand des seit März laufenden Gerichtsverfahrens gegen die ehemalige RAF-Militante Daniela Klette

    Wenn Sie nur einen Aspekt nennen dürften, der den Prozess gegen Daniela Klette zu einem einzigartigen macht, welcher wäre das?

    Der Aufwand, mit dem dieser politische Prozess betrieben wird. Angeklagt sind ganz normale Raubstraftaten, eine davon als versuchter Mord, nichts Ungewöhnliches für ein Landgericht. Wegen der Person unserer Mandantin wird dieser Prozess betrieben, als ginge es um ein einmaliges Jahrhundertverfahren. Da werden keine Kosten und Mühen gescheut, Millionen investiert, die woanders dringend gebraucht würden und eine absurde Hochsicherheitsatmosphäre aufgebaut: mit Maschinengewehren bewaffnete Beamte, Natodraht, penibelste Durchsuchungen. Das steht völlig außer Verhältnis.

    Daniela Klette wird beschuldigt, eine Militante der RAF gewesen zu sein, aber angeklagt ist sie nicht wegen politischer Anschläge, sondern wegen Geldbeschaffungsaktionen zwischen 1999 und 2016, um das Leben in der Illegalität zu ermöglichen. Warum sprechen Sie von einem politischen Prozess?

    Es ist eben die Art und Weise, wie die Verdener Staatsanwaltschaft das Verfahren führt. Die Wohnung unserer Mandantin wurde bis hin zu den Fußleisten in Berlin abgebaut und nach Hannover gebracht. Die Auswertung der Asservate erfolgte mithilfe einer KI, was im Strafverfahren verboten ist, weil keine gesetzliche Grundlage existiert. Dutzende Polizeibeamte wurden in einer Sonderkommission zusammengezogen. Hier geht es nicht um die Aufklärung von Raubstraftaten, sondern um die Bestrafung einer politischen Widersacherin.

    Interview

    Privat

    Lukas Theune, 38 Jahre alt, ist Fachanwalt für Strafrecht und Geschäftsführer des Republikanischen Anwältinnen- und Anwältevereins. Zusammen mit Rechtsanwalt Ulrich von Klinggräff und Rechtsanwältin Undine Weyers vertritt er Daniela Klette, gegen die aktuell vor dem Landgericht Verden verhandelt wird.

    Ist in einem politischen Prozess wie diesem auch eine politische Verteidigung erforderlich?

    Notgedrungen. Natürlich müssen wir gegen politisch geleitete Grundannahmen verteidigen. Das Landgericht hat zum Beispiel im Eröffnungsbeschluss geschrieben, es gehe davon aus, dass die Verdächtigen ganz grundsätzlich übereingekommen seien, auch den Tod von Menschen in Kauf genommen zu haben. Dafür gibt es überhaupt keine Anhaltspunkte, im Gegenteil, am vergangenen Prozesstag hat wieder eine Zeugin geschildert, wie ausnehmend höflich und vorsichtig die Räuber gewesen seien. Wir können uns das nur mit der Annahme des Gerichts erklären, die Verdächtigen seien aus der politischen Linken. Mithin ist ein Ziel der Verteidigung, dem Gericht zu erklären, dass gerade Linke eben niemals den Tod von Menschen für die Erlangung von Geld für den Lebensunterhalt in Kauf nehmen würden.

    Das Medieninteresse hat im Vergleich zu den ersten Prozesstagen merklich nachgelassen. Ist der aktuelle Prozessverlauf nicht mehr interessant?

    Das ist ja immer so, die Öffentlichkeit ist da, wenn der Prozess startet und dann wieder, wenn er sich dem Ende nähert. Es gibt allerdings wirklich treue Unterstützer*innen, die jeden Prozesstag im Publikum sind. Und diese Menschen sind für unsere Mandantin in der Tat die wichtigste Stütze in dem ganzen Prozess. Dass sie dem nicht allein ausgesetzt ist in der riesigen Prozesshalle, das bedeutet wirklich viel.

    Können Sie schon prognostizieren, wann und wie der Prozess enden wird?

    Nächstes Jahr wird der Prozess wohl zu Ende gehen. Das Gericht hat bereits zu erkennen gegeben, dass es der Argumentation der Verteidigung folgt und die abwegige Behauptung der Staatsanwaltschaft vom Mordversuch nicht teilt. Ob es zu Verurteilungen wegen der einzelnen Raubüberfälle kommt, ist noch nicht vorherzusehen. Einen Freispruch würde ich allerdings schon wegen der aufgebauschten politischen Stimmung für sehr fernliegend halten.

    Gibt es etwas, was Sie an Ihrer Mandantin beeindruckt?

    Die Ruhe, mit der sie dem Verfahren begegnet, ist schon besonders. Es gelingt ihr, ihre Würde zu bewahren und mit aufrechter Haltung durch das Verfahren zu gehen.

    Hat Daniela Klette mit einer weiteren Anklage wegen der Attentate der RAF zu rechnen?

    Davon müssen wir ausgehen. Der Bundesanwalt Rommel hat bereits im April in einem Podcast erklärt, er werde sie »auf jeden Fall« anklagen – ein bedenkliches Rechtsstaatsverständnis, so etwas in der Öffentlichkeit zu sagen, bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind, aber dann haben wir wenigstens Klarheit.

    Welcher politische Wille steht hinter dieser zweiten Anklage?

    Das müssen Sie Herrn Rommel fragen. Klar ist ja, es geht nicht um vollendete Tötungsdelikte, bei allen drei Taten, die unserer Mandantin vorgeworfen werden, ist kein Mensch verletzt worden. Ganz unabhängig von der überaus fraglichen Beweislage, die sich allein auf schwächste DNA-Spuren stützt, lässt sich das unbedingte Festhalten an der Verfolgung wohl hauptsächlich mit politischer Feindschaft erklären.

    Um welche drei Taten handelt es sich?

    Es geht um drei Vorwürfe, zwei davon sind relativ unbekannt. Einmal ein Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn 1991, bei dem niemand verletzt worden ist, dann ein versuchter Anschlag auf ein Rechenzentrum der Deutschen Bank und schließlich die Sprengung der im Bau befindlichen JVA Weiterstadt 1993, die letzte der RAF zugerechnete Aktion. Insgesamt ist bei keiner der Aktionen ein Mensch verletzt worden.

    Was heißt es, in einem Prozess zu verteidigen, der gegen eine vermeintlich ehemalige Militante aus der RAF geführt wird, ohne dass es eine wahrnehmbare Bewegung gibt, die sich mit Fragen beschäftigt, die einst die RAF stellte?

    Der Prozess in Verden fühlt sich manchmal so an, als ob die Ermittlungsbehörden sich die Zeit der 70er oder 80er Jahre zurückwünschen. Ihr Verhalten ist etwas aus der Zeit gefallen. Das mutet für mich als Kind der 80er schon etwas peinlich an, diese verstaubte Haltung, so eine Art nachträglicher Siegerjustiz. Aber wir lassen uns davon nicht unterkriegen.

    #Allemagne #justice_de_classe #histoire

  • »Oyvon«: Strategisch kleiner
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195438.seenotrettung-oyvon-strategisch-kleiner.html

    »Oyvon« ist im Gegensatz zu anderen Schiffen zwar klein, doch steht vor einer großen Aufgabe. Foto: MSF

    13.11.2025 von Ruta Dreyer - Ärzte ohne Grenzen startet mit Schiff »Oyvon« wieder Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer

    Mit dem Schiff »Oyvon« ist Ärzte ohne Grenzen nach fast einem Jahr Pause bei der Seenotrettung zurück – auf einer der tödlichsten Migrationsrouten weltweit. Die Organisation kündigte diesen Woche an, wieder Menschen aus dem zentralen Mittelmeer aufzunehmen. Laut der Internationalen Organisation für Migration sind zwischen Nordafrika und Italien seit 2014 mehr als 25 000 Menschen ums Leben gekommen oder verschwunden.

    Die »Oyvon« ist mit 20 Metern Länge und sechs Meter Breite deutlich kleiner als das Vorgängerschiff. Ein kleineres und schnelleres Schiff sei »eine strategische Reaktion auf die restriktiven Gesetze und Praktiken der italienischen Regierung«, erläutert Juan Matias Gil, Einsatzleiter für Seenotrettung von Ärzte ohne Grenzen. Rom habe es speziell auf humanitäre Rettungsschiffe abgesehen. Italienische Behörden setzten das Vorgängerschiff »Geo Barents« per Erlass 160 Tage lang in Häfen fest. Regelmäßig schickten sie es ins nördliche Italien, wodurch es knapp 65 000 zusätzliche Kilometer zurücklegen musste. Wegen dieser Behinderungen stellte Ärzte ohne Grenzen die Fahrten im Dezember 2024 ein.

    »Oyvon« bedeutet auf Norwegisch nicht ganz unpassend »Hoffnung für die Insel«. Das ehemalige Ambulanzschiff stammt aus Norwegen, wo es Inselbewohner im ärztlichen Notfall aufs Festland brachte. Eine Umrüstung und Neuausstattung bereitete das Schiff für Rettungseinsätze auf dem Meer vor. Zu den zehn Crewmitgliedern gehört auch medizinisches Personal. Ein schnelles Schlauchboot für Rettungseinsätze sowie zwei Decks zur Aufnahme geretteter Personen sind vorhanden. Wie viele von letzteren auf dem Schiff Platz finden, hängt laut der Hilfsorganisation unter anderem von der Wetterlage ab. Ein Startpunkt der Suchaktionen ist derzeit noch unklar.

    Das neue Schiff reiht sich in eine Chronik der Seenotrettung von Ärzte ohne Grenzen ein, die auf dem Mittelmeer 2015 begann. Auf neun verschiedenen Rettungsschiffen war die Organisation bisher alleine oder mit anderen Nichtregierungsorganisationen im Einsatz und rettete in dieser Zeit nach eigenen Angaben mehr als 94 000 Menschen das Leben.

    Die Lage für zivile Seenotretter ist ernst: »Monitor«-Recherchen ergaben zunehmende Einschränkungen. Ein besonders schwerwiegender Vorfall ereignete sich diesen August, als die libysche Küstenwache 20 Minuten auf das Rettungsschiff »Ocean Viking« schoss. Konsequenzen der EU blieben aus – wenig verwunderlich, da sie die libysche Küstenwache doch selbst seit 2017 aufbaute und ausrüstete. Ärzte ohne Grenzen will bei ihren Einsätzen die Erfahrungen von aus Libyen fliehenden Menschen dokumentieren.

    »Oyvon« ist einerseits das Ergebnis strategischer Überlegungen: um Restriktionen der rechtsgerichteten Meloni-Regierung in Italien zu entgehen. Andererseits ist sie Ausdruck des Willens, nicht wegzuschauen: »Als medizinische und humanitäre Organisation ist unser Engagement, auf See präsent zu sein und Menschen auf der Flucht zu helfen, ungebrochen«, erklärt Juan Matias Gil.

    #mer_méditerranée #réfugiés #MSF #iatrocratie

  • Gegenwehr von Jobcenter bis Werkbank
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194937.vom-buergergeld-zur-neuen-grundsicherung-gegenwehr-von-jobcenter-

    Sous prétexte de faire des économies l’état allemand réduira encore le loyer maximal payé dans le cadre des aides sociales.

    22.10.2025, von Sarah Yolanda Koss - Warum es im Interesse der Gewerkschaften liegt, sich gegen die »neue Grundsicherung« einzusetzen

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    Die »lohnstabilisierende Arbeitslosenquote« des Finanzministeriums zeigt: Vollbeschäftigung ist kaum das Ziel der Bürgergeld-Reform. Foto: imago/Bihlmayerfotografie

    »Geplant ist ein Generalangriff auf den Sozialstaat«, schreibt das Bündnis »AufRecht bestehen« in einer Pressemitteilung. Gemeint ist die sogenannte »neue Grundsicherung«, die, wie Anfang Oktober von der Bundesregierung vorgestellt, das Bürgergeld ablösen soll. Bis zu zehn Prozent der ehemaligen Kosten, etwa fünf Milliarden Euro, könne der Staat laut Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), so einsparen. Einem Papier aus Regierungskreisen zufolge werde die Reform dagegen keine nennenswerten Einsparungen bringen, schreibt die »Zeit«.

    Erreichen will die Bundesregierung jene Einsparungen jedenfalls über Sanktionen. Ab einem verpassten Termin beim Jobcenter droht eine Kürzung der Geldleistung um 30 Prozent, ab vier verpassten Terminen sollen Personen in der Grundsicherung alle Leistungen gekürzt werden, inklusive Unterkunftskosten. Wenn Personen ein »zumutbares« Arbeitsangebot ablehnen, drohen »Totalsanktionen«, ihnen werden also alle Geldleistungen gekürzt. Außerdem plant die schwarz-rote Koalition, die Wohnkosten zu pauschalisieren und das Schonvermögen zu streichen, also jene Vermögenswerte, die bei der Beantragung von Bürgergeld nicht berücksichtigt werden.

    Sparen will die Bundesregierung auch dadurch, Geflüchteten aus der Ukraine anstelle des Bürgergelds Asylbewerberleistungen auszuzahlen. Diese sind niedriger als das Bürgergeld. Der Chef der Arbeitsagentur Nordrhein-Westfalens, Roland Schüßler, bemängelte das zuletzt gegenüber der »Rheinischen Post«: Die Maßnahme führe zu Mehrausgaben, weil dadurch die Arbeitsmarktintegration verzögert werde.

    Mit den Sanktionen beim Bürgergeld will SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas an »die Grenzen dessen gehen, was verfassungsrechtlich zulässig ist«. Eine Anspielung auf einen Entscheid des Bundesverfassungsgerichts von 2019, wonach eine vollständige Streichung von Leistungen das Recht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum verletzt.

    »AufRecht bestehen« wirft die Frage auf, ob die Maßnahmen nicht doch einen Verfassungsbruch darstellen. Laut einem kürzlich veröffentlichten Gutachten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes könnte bereits das Bürgergeld einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts widersprechen. »Statt der steigenden Armut entgegenzuwirken, will die Regierung Erwerbstätige mit durchschnittlichem oder niedrigem Einkommen gegen Erwerbslose, Rentner*innen und andere Menschen mit wenig Geld ausspielen und plant eine weitere Umverteilung von unten nach oben«, kritisiert »AufRecht bestehen«.

    Entgegen der kritisierten Ausspielungen fordert das Bündnis aus Erwerbsloseninitiativen und Gewerkschaften, wie der Arbeitskreis Arbeitslosigkeit der IG Metall oder der Sozialhilfeverein Tacheles, diese Woche bei mehreren Informationsveranstaltungen armutsfeste Löhne, Renten und Existenzsicherungsleistungen für alle. Außerdem mehr Qualifizierungen und Weiterbildungen, wie sie ursprünglich im Bürgergeld vorgesehen waren, und bezahlbaren Wohnraum. Finanziert werden soll der Ausbau des Sozialstaats über eine Wiedereinsetzung der Vermögen- und eine Reform der Erbschaftsteuer.

    Dass sich Gewerkschaften nun hinter Erwerbslose stellen, ist per se nicht verwunderlich, schließlich greift die Bundesregierung zum Beispiel mit dem Schonvermögen gewerkschaftliche Errungenschaften an. Zudem gibt es Familien im Bürgergeldbezug, deren unzureichende Löhne durch Sozialleistungen aufgefangen werden.

    »Es ist die Kernaufgabe von Gewerkschaften, die Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen gemeinsam mit ihnen zu verbessern«, so Philipp Singer, Erster Bevollmächtigter IG Metall Berlin, über das Bestreben von »AufRecht« auf »nd«-Anfrage. »Das schließt auch Menschen ein, die aktuell nicht in Arbeit sind, aber selbstverständlich Teil der Gesellschaft. Daher kämpfen wir auch mit ihnen dafür, dass die Grundsicherung als Abfederung für schwierige Lebenssituationen verbessert wird.«

    Die Nullrunden beim Bürgergeld wirken sich auch auf die Grundsicherung im Alter aus, erklärt Ulla Pingel vom Arbeitskreis Rentner*innen mit geringem Einkommen bei Verdi im Gespräch mit »nd«. Der Arbeitskreis fordert bereits länger eine Erhöhung um 200 Euro, weil das Existenzminimum nicht gewährleistet sei.

    »Wenn Sanktionen erhöht, Leistungen gestrichen werden und Erwerbslose gezwungen sind, jeglichen Job anzunehmen, steigt der Druck auf alle Löhne.«
    Rainer Timmermann Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen

    Das Hauptargument für Gewerkschaften ist aber: »Wenn Sanktionen erhöht, Leistungen gestrichen werden und Erwerbslose gezwungen sind, jeglichen Job anzunehmen, steigt der Druck auf alle Löhne«, so Rainer Timmermann von der Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen zu »nd«. Das passiert zum Nachteil der Verhandlungsbasis der Gewerkschaften, ergo aller Arbeiter*innen. Ebenso wenn Erwerbstätige fürchten müssen, bei einer Kündigung durch das soziale Netz zu fallen. »Deshalb fordern wir einen funktionierenden Sozialstaat und Teilhabe für alle am Arbeitsmarkt.«

    Die neuen Sanktionen werden kaum zu mehr Geld in der Staatskasse führen –und auch nicht zu mehr Beschäftigung. Das ist gar nicht unbedingt das Ziel der Reform. Denn Arbeitslosigkeit ist – neben einem Druckmittel auf Gewerkschaften – auch ein wirtschaftspolitisches Instrument. Könnten Arbeiter*innen bei Vollbeschäftigung höhere Löhne fordern, würden Unternehmen mit höheren Preisen reagieren und eine Lohn-Preis-Spirale nach sich ziehen. Dadurch käme es zu einer hohen Inflation.

    Dass die Bundesregierung ein Interesse daran hat, Arbeitslosigkeit zu erhalten, zeigt sich exemplarisch an der »lohnstabilisierenden Arbeitslosenquote« die jedes Jahr im Bundesfinanzministerium berechnet wird. Der Zielwert lag 2024 bei 2,8 Prozent. Der Diskurs um angeblich arbeitsunwillige Bürgergeld-Beziehende verfälscht also die Realität und dient vor allem der Spaltung, wie sie das Bündnis »AufRecht bestehen« kritisiert.

    #Allemagne #aide_sociale #Grundsicherung

  • Lieferando in Berlin: Kleiner Streik, großes Echo
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195004.plattformarbeit-lieferando-in-berlin-kleiner-streik-grosses-echo.

    Tatsächlich eine »Tarifbaustelle«: Ein Tarifvertrag bei Lieferando liegt in weiter Ferne. Foto: DPA/Lilli Förter

    Besser orgabisiert als die Taxifahrer

    24.10.2025 von Christian Lelek - 150 Beschäftigte des Lieferdienstes Lieferando legen in Berlin die Arbeit nieder

    Vorab hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zwei Ziele ausgelobt. Der Streikaufruf an die Berliner Beschäftigten des Lieferdienstes Lieferando sollte eine »deutlich dreistellige Anzahl von Beschäftigten« dazu bringen, die Arbeit niederzulegen. Und die Forderungen der Gewerkschaft sollten einen gewissen Handlungsdruck bei der Politik auslösen. Das hatte der Gewerkschaftssekretär Veit Groß Anfang der Woche zu »nd« gesagt.

    Am Ende kommen am Donnerstagmittag etwa 150 Personen zu einer Streikkundgebung zusammen, geschätzte 100 von ihnen sind Beschäftigte von Lieferando, der Rest Unterstützer*innen. Das Medieninteresse ist groß.

    Seit Jahren kämpft die NGG bei Lieferando für einen Tarifvertrag, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Seitdem im Sommer bekannt wurde, dass Lieferando 2000 Fahrer*innen und damit 20 Prozent seiner sogenannten Flotte entlassen und durch Subunternehmen ersetzen wird, fordert die Gewerkschaft darüber hinaus einen Sozialtarifvertrag. Damit will sie die Folgen für die Gekündigten beispielsweise durch Abfindungen und längere Kündigungsfristen abdämpfen. Kleine Streiks hat es seitdem immer wieder im ganzen Bundesgebiet gegeben. Bisher verschließt sich Lieferando einem wie auch immer gearteten Tarifvertrag.

    Kaum Auswirkungen auf den Betrieb

    Die NGG hat nach eigenen Angaben »über 150 Streikende« erfasst, geht aber von einer Dunkelziffer aus. Das teilte die Gewerkschaft auf Anfrage mit. Aufgerufen waren 1900 Kurier*innen und Support-Mitarbeiter*innen. »Insgesamt hielt sich die Streikbeteiligung in Grenzen«, erklärte Lieferando, es habe keine negativen Auswirkungen auf den Betriebsablauf gegeben, Kund*innen hätten jederzeit einschränkungsfrei bestellen können, ohne auf ihr Essen länger warten zu müssen. Man habe vorab die Kapazitäten in den betroffenen Schichten durch mehr eingeteilte eigene Mitarbeiter*innen erhöht und auch »zusätzliche Flottenpartner« beauftragt, so das Unternehmen.

    Das unabhängig von der Gewerkschaft agierende Lieferando Workers Collective (LWC) sieht es als Erfolg, dass am Streiktag das Personal aufgestockt werden musste. Am Ende seien zwar weniger als zehn Prozent der Beschäftigten dem Streikaufruf gefolgt, es sei dennoch »der größte Streik von Ridern jemals in Deutschland« gewesen, teilt das LWC mit.
    Gewerkschaft rechnet mit weiteren Einschnitten

    Lieferando warf der NGG eine »irreführende Skandalisierung« vor. Die Gewerkschaft hatte zuvor erklärt, dass sie davon ausgehe, Lieferando würde über das bisher kommunizierte Niveau hinaus einen weiteren Stellenabbau planen. »Lieferando weigert sich komplett, eine Zukunftsklausel zu unterschreiben, mit der sie die restlichen Beschäftigten absichern würden. Deshalb befürchten wir, dass Lieferando den kompletten Betrieb auf die Schattenflotten umstellen könnte. Das ist zumindest unsere Arbeitshypothese«, sagte Gewerkschaftssekretär Veit Groß.

    Lieferando wollte sich unter Verweis auf Wettbewerbsgründe nicht dazu äußern, mit wie vielen Fahrer*innen das Unternehmen in Berlin langfristig plant. Bekannt ist, dass ein Abbau der eigenen Belegschaft organisch, also ohne unternehmensseitige Kündigungen erfolgen kann, etwa durch auslaufende befristete Verträge und Kündigungen durch die Beschäftigten selbst. Ohne regelmäßige Neueinstellungen schrumpft so die Belegschaft.
    Antrittskundgebung in der Nähe der Warschauer Brücke in Friedrichshain

    Lieferando werde bundesweit lediglich fünf Prozent der bisher selbst erbrachten Lieferungen an andere Logistikunternehmen auslagern, teilt das Unternehmen weiter mit. Von allen Bestellungen, die über die Bestell-App eingehen, werden wiederum lediglich fünf Prozent durch Lieferando und seine Subunternehmen zugestellt. Die Verarbeitung und Lieferung der restlichen 95 Prozent übernehmen die Restaurants selbst.

    In Berlin werde sich das Liefergeschäft mit eigenen Fahrer*innen künftig »auf zentrale Stadtgebiete und Wohnquartiere mit einer hohen Restaurant- und Bestelldichte konzentrieren«, schreibt Lieferando auf Nachfrage. In den Außenbezirken würden sogenannte Flottenpartner die Aufträge übernehmen. Für die eigenen und die Fahrer*innen bei den Flottenpartnern würden sich die Bedingungen dadurch verbessern, dass weniger Strecke pro Bestellung gefahren werden müsse. Mehr Bestellungen würden mehr Boni und mehr Trinkgeld bedeuten.

    Rider wollen »legale Arbeit«

    Auf der Streikkundgebung schildert Alexandra, die nach eigener Aussage bis zum Beginn dieses Jahres für Lieferando in Spandau ausgefahren hat, wie das Unternehmen das Bestellgeschäft dort an den Flottenpartner Fleetlery abgegeben habe. Die in Spandau ansässigen Lieferando-Angestellten mussten seitdem ihre Arbeit weiter in die Innenstadt verlagern. Wer weiter in Spandau fahren wolle, muss auf Fleetlery umsteigen. Diverse Medien berichteten zuletzt von fragwürdigen Bedingungen bei Fleetlery, etwa von Barzahlungen und einer Provision, die man zahlen müsse, um für die Lieferando-App freigeschaltet zu werden und Aufträge zu bekommen. Alexandra beklagt, dass zu wenige Kolleg*innen mitstreiken würden.

    »Die Bedingungen bei Lieferando gelten als die besten in der Branche, dabei wäre alles andere illegal. Wir verteidigen das absolute Minimum.«
    Kurier von Lieferando

    Es sind vor allem die Beschäftigten, die sich das Mikrofon in die Hand geben. Klar wird: Im Vordergrund steht nicht Angriff, sondern Verteidigung. Ein Fahrer von Uber Eats berichtet von seinen Erfahrungen mit dem Flottenpartnermodell, auf das die Lieferando-Konkurrenten Uber Eats und Wolt maßgeblich setzen: »Uns fehlt es an Lohn, an der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, wir bekommen keine Gehaltsabrechnungen und haben keine Gewerkschaft.« Die Versammelten skandieren immer wieder: »Wir wollen legale Arbeit.«

    Ein Lieferando-Mitarbeiter sagt: »Die Bedingungen bei Lieferando gelten als die besten in der Branche, dabei wäre alles andere illegal. Wir verteidigen das absolute Minimum.« Lieferando spricht von Durchschnittsgehältern von 14 Euro pro Stunde und mehr. Viele Fahrer*innen berichten, dass sie das in der Realität kaum erreichen. Auch aus anderen Ländern sind Kolleg*innen da. Ein Fahrer aus Österreich berichtet, dass Lieferando dort im März sämtliche 900 Fahrer*innen entlassen und durch Flottenpartner ersetzt hat. »Ein Tarifvertrag hat uns nicht davor geschützt und hat jetzt, wo wir für andere Firmen fahren, keine Gültigkeit mehr.«

    Politik fordert Direktanstellungsgebot

    Etliche Politiker*innen bringen ihre Solidarität mit den Beschäftigten zum Ausdruck. »Ihr haltet den Laden am Laufen, ihr seid das Stadtbild«, sagt etwa der Linke-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak. Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Werner Graf, sagt: »Lieferando muss Abstand davon nehmen, die gewerkschaftlichen Strukturen zu zerschlagen.« Graf spricht sich für eine Pflicht der Festanstellung aus.

    Zur Abschlusskundgebung erscheint auch Berlins Arbeitssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD). »Der Konkurrenzkampf in der Branche wird auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen.« Gute Arbeitsbedingungen und Arbeitsrechte würden umgangen. Sie sagt, Berlin habe in die diesjährige Konferenz der Arbeits- und Sozialminister*innen, die im November tagt, einen Antrag eingebracht, mit dem ein Direktanstellungsgebot für die Lieferdienste gefordert werde. »Das heißt: Schluss mit diesen dubiosen Subunternehmerketten, Schluss mit dieser organisierten Verantwortungslosigkeit«, sagt Kiziltepe. Dem Ansinnen haben sich andere Bundesländer bereits angeschlossen. Es dürfte am Ende aber wohl beim Appell bleiben.

    Die Linke will deshalb noch einen Schritt weiter gehen. Berlin müsse eine entsprechende Bundesratsinitiative einleiten, sagt der Abgeordnete Damiano Valgolio zu »nd«. Seine Fraktion habe daher entschieden, einen entsprechenden Antrag ins Abgeordnetenhaus einzubringen. Darin werden unter anderem das Direktanstellungsgebot analog zu Regelungen in der Fleischindustrie gefordert sowie verstärkte Kontrollen und eine konsequente Umsetzung der EU-Plattformrichtlinie auf Bundesebene.

    Die Richtlinie erfordert von den Mitgliedstaaten Regelungen, die Unternehmen auch für Arbeitsrechtsverstöße bei ihren Subunternehmern haftbar machen. Bis Ende 2026 sollen sie in Kraft getreten sein.

    Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), deren Haus derzeit den Gesetzentwurf zur Umsetzung der Richtlinie erarbeitet, lässt den Streikenden in Berlin ein Grußwort übermitteln. Auf »nd«-Anfrage teilt das Ministerium mit, dass der Richtlinie zufolge Plattformtätige beim Subunternehmen denselben Schutz genießen müssen wie bei einer direkten Anstellung bei der Arbeitsplattform. Bei der konkreten Umsetzung lasse die Richtlinie den Mitgliedstaaten Spielraum. Das Ministerium prüfe alle in Betracht kommenden Maßnahmen, so ein Sprecher.

    #Berlin #Streik #Lieferdienste

  • Berliner Stadtkonzept: Der kolonialen Metropole auf der Spur
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194707.kolonialismus-erinnern-berliner-stadtkonzept-der-kolonialen-metro

    Stadtmuseums-Vorständin Sophie Plagemann, Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos) und der Kurator Ibou Diop und Dekoloniale-Koordinatorin Anna Yeboah (von links nach rechts) Foto: nd/Jule Meier

    Quand lagauche applaudit la droite car ... l’anticolonialisme unit tous, mon oeuil ...

    13.10.2025 von Jule Meier - Berlin war für den Kolonialismus wichtig. Jetzt gibt es das Stadtkonzept »Kolonialismus erinnern«

    In der Wilhelmstraße 92 in Mitte trafen sich 1884 führende Kolonialmächte, um die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents zu planen. Auf der Kolonialausstellung 1896 im Treptower Park wurden Sklaven aus den deutschen Kolonien in Afrika zur Schau gestellt. Und am Halleschen Tor gründete sich 1898 die »Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler« (E. d. K, später Edeka). Dies sind nur drei Beispiele, die zeigen, welche Bedeutung Berlin für den deutschen Kolonialismus hatte.

    Die drei Beispiele sind auch im am Montag veröffentlichten Erinnerungskonzept »Kolonialismus erinnern« aufgelistet. Das Projekt wurde vom Stadtmuseum Berlin initiiert, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und maßgeblich durch verschiedene antikoloniale zivilgesellschaftliche Strukturen erarbeitet. Am Montag hat das Projekt eine überarbeitete Fassung an Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos) überreicht. Die erste Fassung wurde im April 2024 im Haus der Kulturen der Welt präsentiert.

    Vor allem der Begriff des Kolonialismus sei geschärft worden, sagt Ibou Diop zu »nd«. Der Literaturwissenschaftler und Kurator hat das Projekt in den vergangenen drei Jahren koordiniert. Kolonialismus wird im Konzept zum einen als die historische Zeit der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika, Asien und im Pazifik zwischen 1884 und 1919 begriffen. Zum anderen bezieht er sich auf »protokoloniale Bestrebungen« vor 1884 sowie auf Nachwirkungen in der Weimarer Republik, während der Nazi-Zeit, in DDR und BRD sowie auf koloniale Kontinuitäten im Hier und Jetzt.

    Berlin brauche einen zentralen Lern- und Erinnerungsort für Kolonialismus, lautet eine der drei zentralen Forderungen des Projekts. Diskutiert würden Orte wie das ehemalige Deutsche Kolonialmuseum am Hauptbahnhof, das frühere Königliche Museum für Völkerkunde neben dem Gropiusbau oder das Gelände der Kolonialausstellung im Treptower Park.

    Zudem fordert das Projekt, bedeutende Orte der Kolonialgeschichte als solche zu markieren. »Auch angemessene Mahnmale für Deutschlands kaum beachtete Kolonialverbrechen wie den Völkermord an den Herero und Nama oder den genozidalen Maji-Maji-Krieg in Ostafrika sind vorgesehen«, teilt das Projekt mit. Es brauche darüber hinaus eine Stiftung »Kolonialismus erinnern« und die institutionelle Förderung zivilgesellschaftlicher Strukturen, um die Arbeit dauerhaft zu sichern.

    Ziel sei es, »die bis heute spürbaren Kontinuitäten und Folgen des Kolonialismus sichtbarer zu machen«. Im August 2019 hat das Berliner Abgeordnetenhaus die Entwicklung eines gesamtstädtischen Erinnerungskonzeptes zur Geschichte und zu den Folgen des Kolonialismus des Landes Berlins beschlossen. »Jetzt ist die Politik gefordert, Verantwortung zu übernehmen, die Finanzierung sicherzustellen und die Umsetzung gemeinsam mit der Zivilgesellschaft entschlossen voranzutreiben«, teilen die Projektbeteiligten mit.

    »Ziel ist es, die bis heute spürbaren Kontinuitäten und Folgen des Kolonialismus sichtbarer zu machen.«
    Projekt »Kolonialismus erinnern«

    Zu ihnen gehören unter anderem der Afrika-Rat Berlin-Brandenburg, Decolonize Berlin und der Korea-Verband. Insgesamt seien über 30 verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen beteiligt gewesen, sagt Diop, als er der Kultursenatorin das »Kind« überreicht, wie er das Erinnerungskonzept liebevoll nennt.

    Die seit Mai 2025 amtierende Senatorin Wedl-Wilson hat in ihrer Verwaltung derweil 110 Millionen Euro an Kürzungen geplant. Das sind 50 Millionen weniger als ursprünglich unter ihrem Vorgänger Joe Chialo (CDU) vorgesehen. »Wir haben das Maximum rausgeholt, was möglich ist in diesem Haushalt, der trotzdem noch ein Sparhaushalt ist«, wird sie dazu im »Inforadio« zitiert.

    Anlässlich der Veröffentlichung des Erinnerungskonzepts »Kolonialismus erinnern« in ihrem Amtszimmer bedankt sie sich beim Projekt, das die koloniale Geschichte Berlins und den Umgang damit von unten aufgearbeitet hat. »Wir in der Politik haben nun die Verantwortung und Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit dieser Prozess weiter vorangebracht werden kann«, teilt sie mit. Es gehe nicht allein um die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern vor allem darum, »eine gemeinsame Zukunft zu gestalten«.

  • Signa Holding: Pleiten mit Strahlkraft
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194683.rene-benko-signa-holding-pleiten-mit-strahlkraft.html

    Andere Zeiten, andere Sitten: Unternehmer René Benko (Mitte), von der Politik hofiert; hier mit Alfred Gusenbauer (ehem. Kanzler SPÖ, links) und Sebastian Kurz (ehem. Kanzler ÖVP, rechts) Foto: imago/SKATA

    C’est la banqueroute - felix Austria !

    13.10.2025 von von Stefan Schocher - Am Dienstag startet der Prozess in der Causa um René Benko und das Immobilienunternehmen Signa

    René Benko, um ihn scharten sich einst Leute in Österreich, wie um einen festen Himmelskörper im Austro-Kosmos. Ein Unternehmer, in dessen Licht man sich sonnte – Politiker fanden sich da ein, Ex-Politiker, Unternehmer, Promis und solche, die gerne welche werden wollten. Früher einmal pflegte man salbungsvolle Höflichkeiten auszutauschen in diesen Kreisen rund um das Immobilien- und Handelsunternehmen Signa. Aber so ist es, wenn ein Fixstern plötzlich implodiert: Die Höflichkeiten sind Schweigen gewichen und das Schweigen Milliarden-Forderungen.

    Am Dienstag beginnt der erste Prozess gegen Benko in Innsbruck. Angeklagt ist der 48-Jährige zunächst einmal wegen betrügerischer Krida. Im österreichischen Rechtswesen versteht man unter Krida die betrügerische oder grob fahrlässige Herbeiführung der Zahlungsunfähigkeit durch einen Schuldner, im Deutschen also etwa eines Bankrotts.

    Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) wirft Benko vor, 660 000 Euro beiseitegeschafft und damit Gläubiger geschädigt zu haben. Wohlgemerkt: Das ist die erste Anklage. Darin geht es zunächst nicht um das fragwürdige Konstrukt des Signa-Konzerns und Benkos Rolle darin, sondern um die Frage, was nach der Pleite der Signa passiert ist. Und auch dabei nur um einen Teilaspekt: Gegen eine zweite Anklage wegen betrügerischer Krida, in der es um 370 000 Millionen Euro geht, haben Benko und Mitangeklagte Einspruch erhoben.

    Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass Benko wie ein »Alleinherrscher« agiert hat.

    Was Österreichs Justiz damit bevorsteht, ist eine Serie von Verfahren, die Superlative verdient. Denn noch ist nicht einmal das Ausmaß der Pleite erhoben. Genauer gesagt: das der internationalen Verschachtelung von Signa sowie die Rolle Benkos sowie seiner Privatstiftung. Ermittelt wird zudem in Italien wie auch in Deutschland. Beide Staaten haben Haftbefehle ausgestellt. Deshalb wurde Benko ausschließlich über österreichisches Staatsgebiet von Wien nach Innsbruck gebracht – der einfachere Weg auf Straße und Schiene verläuft über das »Deutsche Eck« über Rosenheim in Bayern.

    Die Causa Signa-Benko ist die größte Pleite in Österreichs Nachkriegsgeschichte. Und es ist eine Pleite mit Strahlkraft in viele Bereiche der österreichischen Gesellschaft. Benko war breit aufgestellt: Sebastian Kurz (Ex-Kanzler der Österreichischen Volkspartei, ÖVP), Alfred Gusenbauer (Ex-Kanzler der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, SPÖ), Hans Peter Haselsteiner (Großunternehmer mit Neigung zu den liberalen Neos) und viele andere waren mit Signa verflochten. Mit der Pleite folgte die Einsicht, dass dieser Konzern im Grunde ein Pyramidenspiel war. Schließlich folgte der Privatkonkurs Benkos.

    Jetzt wirkt dieser Kreis wie ein Schwarm Aasgeier, bedacht darauf, ein Stück Kadaver zu ergattern. So forderte Gusenbauer (Ex-Aufsichtsratsvorsitzender von Signa-Prime) 6,3 Millionen aus der Konkursmasse und besteht darauf, nichts über die Lage der Gruppe gewusst zu haben. Benko behauptet wiederum, Gusenbauer wie auch Haselsteiner seien sehr wohl unterrichtet gewesen. Der ehemalige Berater Benkos, der Investor Dieter Berninghaus, fordert von Benkos Privatstiftung 115 Millionen Euro und wirft Benko »Bespitzelung« vor.

    Nach der Signa-Pleite erhob auch Kurz eine Forderung von 1,6 Millionen Euro für Vermittlungstätigkeiten. Überliefert ist, dass Kurz Benko bei der Suche nach Investoren in Abu Dhabi geholfen hat – erstmals bei einem Staatsbesuch als Kanzler 2018. Dann erneut als Kanzler bei einem Staatsbesuch, bei dem es um Energieprojekte ging, im Oktober 2021, also knapp vor seinem Rücktritt im April 2022.

    Nach seinem Rücktritt begann Kurz als Europa-Direktor des in Energiefragen engagierten Staatsfonds von Abu Dhabi, Mubadala, zu arbeiten – der auf Anraten von Kurz wiederum in Signa investierte. Kurz verzichtete schlussendlich auf die Millionen-Forderung. Sie hätte einiges an Aufmerksamkeit auf diese Abfolge gerichtet. Zumal Kurz’ Gesamtrechnung an Signa 2,4 Millionen ausgemacht hatte – 750 000 Euro also bereits beglichen waren.

    Dass sich bei der juristischen Aufarbeitung der Pleite alles auf die Privatstiftung Benkos richtet, hat seinen Grund: Im Geflecht der Signa-Gesellschaften, die zum Teil einander finanzierten, dürfte der Privatstiftung die Rolle der Geldschleuse in den Benko-Häfen zugekommen sein. Im Raum steht der Verdacht, dass aus dem Geldkreislauf zwischen Signa-Gesellschaften immer wieder Geld auf das Konto der Stiftung überwiesen wurde.

    Signa-Investoren brachten nun Forderungen in der Gesamthöhe von 2,36 Milliarden Euro ein – wovon 130,6 Millionen vom Insolvenzverwalter für berechtigt anerkannt wurden. Das Problem dabei: Benko hatte in der Signa keinerlei offizielle Funktion. Die WKStA geht aber davon aus, dass Benko wie ein »Alleinherrscher« agiert hat. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft.

    #Autriche#spéculation #banqueroute #capitalisme #nepotisme

  • Es wird eng für die freie Software
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194489.freie-software-es-wird-eng-fuer-die-freie-software.html
    https://www.nd-aktuell.de/img/jpeg/2040/312222 Offizielles Maskottchen des freien Betriebssystems Linux : Tux, der Pinguin Foto : Picture Alliance/dpa-ZB/Jan Woitas

    Est-ce que la communauté #SPIP est le dernier des mohicans ? Cet article d’Anne Roth annonce la fin de l’internet solidaire et des logiciels libres, mais elle a tort. Il y a toujous des milliers de communautés du libre et il est toujours possible de commencer de nouveaux projets et montant sur les épaules des géants. Peut-être A.R. est une victime de la distortion des perspectives qui te touche quand tu vis trop longtemps la vie comfortable quoique stressante d’une assistante parlementaire de gauche.

    Elle décrite plein de phénomènes qui existetnt, mais le combat pour le libre n’est toujours pas perdu.

    5.10.2025 Anne Roth - Digitale Technologien eröffneten Möglichkeiten, eine bessere Welt zu entwickeln. Doch der kurze Sommer der digitalen Anarchie ist vorbei

    »Schau, es ist ziemlich verdammt offensichtlich, dass Freie Software und Open-Source nicht mehr die Sorte Hippie-Kram sind, für die wir sie damals hielten, als sie dir mit Computer-Zeitschriften CDs mit Linux-Distributionen gegeben haben.« Ich bin kürzlich über einen Blogpost gestolpert, der diesen harmlosen, aber doch provokanten Satz enthielt. Provokant, weil im Text der Vorschlag folgt, selbst entwickelte Software nicht mehr allen umsonst zur Verfügung zu stellen. Und das ist einer der Grundsätze freier und offener Software: Dass Software in einer Weise geschrieben und veröffentlicht wird, die es anderen ermöglicht, sie zu benutzen, zu prüfen und nach Bedarf zu verändern. Einfach so, ohne etwas kaufen zu müssen.

    Anne Roth

    Privat

    Anne Roth gehört zu den Pionierinnen linker Netzpolitik. Für »nd« schreibt sie jeden ersten Montag im Monat über digitale Grundrechte und feministische Perspektiven auf Technik.

    (Ich bitte hiermit alle um Entschuldigung, die jetzt den starken Impuls verspüren, auf die Feinheiten und Unterschiede hinzuweisen, die ich gerade übergehe. Für alle, die damit nicht vertraut sind: Vergleichbar mit einer Zusammenfassung von ›Das Kapital‹ in ein paar Sätzen.)

    Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir manchmal für Software bezahlen müssen und manchmal nicht. In manchen Fällen gibt es die Apps umsonst und wir ›bezahlen‹ sie mit unseren Daten und der eingeblendeten Werbung, und in anderen gibt es die freie Software, die keine Daten von uns sammelt, aber dennoch nichts kostet. Dahinter steckt reiner Idealismus. Mit Software sollte eine alternative digitale Welt geschaffen werden, die niemandem gehört und deren Bestandteile von allen geteilt, genutzt und verbessert werden.

    Warum soll es diese freie Software nun nicht mehr für alle geben? Weil, so der Blogtext, die Idee der freien Software nicht mehr funktioniert. Um das zu verstehen, ein kurzer Blick zurück.
    Die Wurzeln der freien Software

    Wie kam es überhaupt dazu? Vor genau 40 Jahren, im Oktober 1985, war die ›Free Software Foundation‹ (FSF) gegründet und damit ein Grundstein für das Selbstverständnis gelegt worden, dass Software-Entwicklung besser ist, wenn sie gemeinsam, unreguliert und nicht von individuellen Profitinteressen geleitet stattfindet. Eine bessere Welt, digital.

    Wie bei allen Utopien und Bewegungen gab es in der Praxis allerlei handfeste Probleme. Etwa, dass die Open-Source-Entwickler*innen von Anfang an weit überdurchschnittlich weiß, männlich und finanziell gut aufgestellt waren – weit mehr, als es bei kommerzieller Softwareproduktion der Fall war und ist. Das spiegelt sich natürlich auch darin wider, wie Software gestaltet ist. Viele hatten und haben kein Problem damit, dass ein Frauen- und Transfeind im Vorstand der FSF sitzt.

    Ist es möglich, im falschen Leben ein besseres anzufangen? Es sieht nicht gut aus, aber es bleibt alternativlos.

    Einem weiteren Problem widmete sich der US-amerikanische Professor David Golumbia, der in seinem 2024 posthum veröffentlichten Buch »Cyberlibertarianism. The Right-Wing Politics of Digital Technology« gut begründet die These vertrat, dass diese sich als so ganz anders verstehende Netzkultur wesentliche Wurzeln im rechten Libertarismus hat. Mit ›frei‹ ist danach eher der freie Markt und die Abwesenheit von gesetzlichen Regulierungen beispielsweise zur Meinungsfreiheit gemeint. Meiner Meinung nach übersah er, klar mit Blick auf die politischen Auseinandersetzungen in den USA, dass es auch eine sehr legitime linke Kritik am Staat, seinen Gesetzen und ihrer Durchsetzung gibt. Richtig ist aber, dass die Abwesenheit von Regelungen etwa zum Schutz von Schwächeren in der Gesellschaft keine progressive Form der Freiheit ist.

    Beide Beispiele ändern nichts daran, dass es richtig war, das Netz nicht Unternehmen, Militär und Sicherheitsbehörden zur Gestaltung zu überlassen. Freie Software ist keine Nische, sondern ein wesentlicher Teil unserer digitalen Infrastruktur.

    Dazu gehört, dass das idealistische freie Netz auf der einen und das kommerzielle Netz auf der anderen Seite nicht getrennt voneinander existieren. Wo sich anfangs beide Seiten noch sehr ideologisch bekriegten, haben wir inzwischen eine Situation, in der viele Unternehmen die Vorteile der freien Software sehr zu schätzen wissen. Viele bezahlen mittlerweile ihre eigenen Entwickler*innen dafür, an Open-Source-Software mitzuarbeiten, und viele Unternehmen wie auch Behörden nutzen gern Software-Bausteine, die bereits vorhanden sind, nichts kosten und sogar von anderen kostenlos gepflegt werden. Würde das gut funktionieren und wären alle zufrieden mit der Situation, wäre das womöglich kein Problem. Tatsächlich ist es so, dass es zu vielen dieser Software-Bestandteile keine Community gibt, die sie ehrenamtlich und gemeinsam aktuell halten.
    Der verlorene Kampf um die bessere digitale Welt

    Aria Salvatrice stichelt im eingangs erwähnten Blogtext: »Open Source ist zu einer Art unbezahltem Praktikum geworden, um schlechte Apps zu machen, die unserer Welt mehr Überwachung und Werbung bringen.«

    Der Effekt: In den letzten Jahren hat es immer wieder spektakuläre IT-Sicherheits-Vorfälle gegeben, die aus Situationen entstanden sind, in denen von vielen genutzte und sicherheitsrelevante Software von einem Baustein abhing, der von einzelnen Entwickler*innen in der Freizeit in Ordnung gehalten wurde. Das IT-News-Portal »Heise online« titelte 2021 zu einem solchen Fall »Sicherheitslücke Log4Shell: Internet in Flammen«. Warum diese Arbeit nicht angemessen bezahlt wurde und wird: gute Frage. Einerseits, weil die Programmierer*innen es selbst nicht wollen und die Unabhängigkeit durchaus auch schätzen; andererseits, weil Unternehmen nichts zahlen, was sie nicht müssen, und die meisten Regierungen im neoliberalen Schwung der letzten Jahrzehnte nicht verstehen, dass stabile Infrastruktur eine staatliche Aufgabe ist.

    Vor 20 Jahren schon stellten Frank Rieger und Rop Gonggrijp beim jährlichen Congress des Chaos Computer Clubs in einem viel beachteten Talk fest: »We lost the war«, wir haben den Krieg verloren. Sie bezogen das zunächst auf die Gefahr, dass digitale Technologien schon damals immer mehr für Überwachung genutzt wurden. Es war einige Jahre nach dem 11. September 2001, der »War on Terror« tobte, und auch hierzulande wurden unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Terrorismus viele Überwachungsgesetze eingeführt. Das eigentliche Thema des Vortrags war aber, dass der Kampf gegen die Kommerzialisierung von IT-Produktion und Internet verloren war. Mit »wir« waren erst mal die Hacker*innen, die Netz- oder IT-Community gemeint, aber mit dem Aufruf, Aktivist*innen und soziale Bewegungen mit technischen Fähigkeiten zu unterstützen, war klar, dass es um mehr ging. Auch die 2005 schon anrollende Klimakatastrophe wurde erwähnt.

    Nichtsdestotrotz gibt es bis heute die Vorstellung, dass die Welt im Netz eine ganz andere sei oder jedenfalls hätte sein können. Ein Freiraum, der von denen »in der alten Welt« nicht verstanden wurde und wird, der ihnen mangels technischen Verständnisses nicht zugänglich war und auch erst mal nicht sein sollte. Das Misstrauen war gegenseitig, denn die Nerds lebten mit dem Image der etwas seltsamen und nicht recht gesellschaftsfähigen, unsportlichen und blassen Außenseiter*innen. Das änderte sich erst mit den Enthüllungen von Edward Snowden 2013 und dem Wissen von der technischen Massenüberwachung durch die Geheimdienste. Plötzlich waren die Nerds cool, denn sie wussten, wie Kommunikation verschlüsselt werden kann und hatten Alternativen zu den kommerziellen Plattformen, die mit den Behörden kooperieren.
    Der kurze Sommer der Anarchie

    Der digitale Freiraum bot viele Möglichkeiten, das digitale Zusammenleben ganz anders und besser zu gestalten, es wurde entwickelt und experimentiert und es entstanden großartige Dinge. Leider hat sich dieses Tor zu einer besseren Welt inzwischen fast vollständig geschlossen. Der Krieg ist verloren und der Hippie-Kram ist verstaubt oder aufgekauft. Es bleiben die Abwehrkämpfe gegen die Dominanz von Big Tech und Überwachung.

    Mich erinnert das an die Freiräume der Häuserbesetzungen in Berlin nach der Wende. Die halbe Stadt (Ost) stand leer, über 100 Häuser wurden besetzt, dazu die Clubs, die Projekte und so viel mehr. Alles war möglich. Wir haben gebaut, gemalt, Wände versetzt. Wir hatten tagelang Plenum, wir haben uns die Nazis vom Hals gehalten und so viel Krach gemacht, wie wir Lust hatten. Wir haben sehr viel gelernt. Wir haben gefühlt, wie anders die Welt sein könnte. Was ist davon geblieben? Sehr wenig, denn womit wir uns nicht beschäftigt haben: mit der Welt um uns herum, und die ist nicht stehen geblieben. Irgendwann wurden die Häuser gekauft, die Clubs wegen Lärmbelästigung dicht gemacht und alle vor die Tür gesetzt. Der Kapitalismus hatte gewonnen und Berlin war wieder langweilig. Hätten wir besser die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften besetzen sollen? In Büros an Gesetzesvorlagen gegen Immobilienkonzerne arbeiten? Vielleicht. Das wäre von Anfang an sehr langweilig gewesen und wenn es jemand vorgeschlagen hätte, hätten vermutlich nicht sehr viele mitgemacht. (Wobei Deutsche Wohnen & Co. Enteignen ja gerade zeigt, dass Gesetzentwürfe und Glitzer sehr gut zusammenpassen – Respekt!)

    Ist es möglich, im falschen Leben ein besseres anzufangen? Es sieht nicht gut aus, aber es bleibt alternativlos.

    #FLOSS #open_source #gauche #privatisation

    • Vues les lois scélérates en cours de rédaction (Chat Control...), je me demande sérieusement comment nous pourrons publier des applications ouvertes à l’avenir sans courir des risques légaux. Si, par exemple, communiquer en SSH ou en GPG, rentre sous le coup des transcriptions dans le droit de nos pays de Chat Control, comment continuer à faire de l’informatique un petit peu intelligente ?

      C’est tellement absurde qu’on se dit que ça n’arrivera pas. Mais.

  • NRW: Linke in allen 53 kreisfreien Städten und Kreistagen
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194060.kommunalwahlen-nrw-linke-in-allen-kreisfreien-staedten-und-kreist

    Neben den großen Parteien und den vielen lokalen Wahlzusammenschlüssen, war es für die NRW-Linke noch nicht so leicht, mit ihren Botschaften durchzudringen. Foto: dpa/Oliver Berg

    En Rhénanie-du-Nord-Westphalie le parti de gauche Die Linke a réussi son entrée dans tius les parlements municipaux.

    15.9.2025 von: David Bieber - Die Partei hat ihr bei Kommunalwahlen bestes Ergebnis erzielt. Landessprecher Sascha H. Wagner über Gründe und Potenziale

    Sind die 5,6 Prozent für die Linke bei den Kommunalwahlen in NRW eine Bestätigung für den seit dem Jahreswechsel stabilen Erfolg in ganz Deutschland?

    Na, zumindest ist es das historisch beste Ergebnis in Nordrhein-Westfalen bei Kommunalwahlen, und zu den Landtagswahlen werden wir ja derzeit zwischen sechs und acht Prozent in den Umfragen gelistet. Darauf können wir aufbauen.

    Dennoch haben sich viele Genossen bestimmt mehr ausgerechnet, gerade im Revier. Sie nicht?

    Also da sind schon sehr gute Ergebnisse dabei. Man darf nicht verkennen, dass wir auf der kommunalen Ebene immer auch viele Klein- und Kleinstparteien sowie Wählervereinigungen haben, an die wir auch traditionell abgeben. Bei Landtags- und Bundestagswahlen sieht das schon wieder ganz anders aus. Wir haben also überhaupt keinen Grund, traurig oder enttäuscht zu sein. Wir sind in allen 53 kreisfreien Städten und Kreistagen vertreten. Das ist ein enormer Erfolg.

    Was ist jetzt konkret zu tun, da die Linke flächendeckend in die Kreistage und Stadträte einziehen kann? Das Ergebnis ist sicher ein wichtiger Baustein, um in Zukunft mehr zu bewegen in NRW?

    Ja, selbstverständlich. Mit dem Ergebnis ist uns viel Verantwortung übertragen worden. Es bedeutet auch, dass wir unseren Kurs mit einer engagierten und glaubwürdigen Sozialpolitik fortsetzen müssen. Die Herausforderungen in NRW sind gewaltig bei den kommenden Transformationsprozessen. Man denke nur an den Stahl und ThyssenKrupp. Dem müssen wir uns stellen.

    Insbesondere im Ruhrgebiet ist der eigentliche Gewinner die AfD, die zum Beispiel in Duisburg und Gelsenkirchen in die OB-Stichwahl kommt. Wie ordnen Sie das Abschneiden der Rechten ein?

    Es bewahrheitet sich, was wir seit Langem prognostiziert haben. Der Verfall der Infrastruktur, der Ausverkauf der öffentlichen Daseinsvorsorge rächt sich gerade in der alten Herzkammer der Sozialdemokratie massiv. Auf Landesebene ist die SPD zu einem Totalausfall geworden und kaum mehr wahrnehmbar, hinzu kommt die desaströse finanzielle Lage der Städte und Gemeinden. Das ist der Nährboden für Braun-Blau. Die Menschen haben das Gefühl des Staatsversagens, und die großen Parteien ziehen keinerlei Konsequenzen daraus. Das ist verheerend. Auch das Infrastruktur-Sondervermögen der Bundesregierung wird auf kommunaler Ebene weitgehend verpuffen. Das wird ein böses Erwachen geben, wenn diese Erkenntnis in den Rathäusern ankommt.

    Angesichts der Tatsache, dass es in vielen Städten zu einer Stichwahl um den Chef-Posten im Rathaus kommt, bleibt zu fragen, wieso da nie ein linker Politiker steht. Die politische Gemengelage ist doch so fragmentiert, dass ein charismatischer Linker bestimmt gute Chancen hätte, oder?

    Naja, bisher zeigt sich ein flächendeckendes Bild, das man hier doch eher Kandidat*innen in Stichwahlen sehen wird, die schon länger im Amt sind bzw. aus den großen Parteien kommen. Für uns sind aber solche Kandidaturen grundsätzlich ein wichtiger Beitrag im Wahlkampf, weil wir damit unsere Positionen auf den Podien ausführlich darstellen können. Und dafür gilt es, allen ein großes Dankeschön zu sagen. Unsere Kandidat*innen für die Rathausspitzen haben einen tollen Job gemacht.

    Sascha H. Wagner ist Ko-Landessprecher der Linken in NRW und seit Mai Mitglied des Bundestages.

    Kommunalwahl NRW: Antifa in die Stadtteilparlamente!
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194041.nordrhein-westfalen-kommunalwahl-nrw-antifa-in-die-stadtteilparla

    15.9.2025 von Sebastian Weiermann
    - In vielen armen Kommunen hat die AfD starke Ergebnisse erzielt.

    Die »Blaue Welle« ist ausgeblieben. Bei den Kommunalwahlen in NRW konnte die AfD keine Rathäuser im Ruhrgebiet erobern, wie im Vorfeld der Wahlen oft geunkt wurde. 14,5 Prozent stehen am Ende landesweit auf der Habenseite für die extrem rechte Partei. Beinahe eine Verdreifachung im Vergleich zum letzten Kommunalergebnis im Jahr 2020. Aber auch knapp zwei Prozent weniger als bei der Bundestagswahl und knapp zehn weniger als in aktuellen bundesweiten Umfragen. Ein Grund für das rheinische »Et hätt noch emmer joot jejange.«
    (Es ist bisher noch immer gut gegangen) ist das nicht. Die AfD hat fast 15 Prozent geholt, obwohl sie bei zahlreichen Wahlen in kleineren Orten gar nicht angetreten ist und auf einen großen Wahlkampf mit viel Parteiprominenz und bekannten Kandidat*innen verzichtet hat. In Gelsenkirchen etwa steht nun ein weitgehend unbekannter, im Wahlkampf wenig engagierter AfD-Politiker in der Stichwahl. Auch in Duisburg und Hagen hat die Partei es in die Stichwahl geschafft. Wo die AfD auf dem Stimmzettel steht, wird sie auch gewählt. Ohne eigene politische Leistungen zu erbringen. Das ist eine Erkenntnis aus der Wahl.

    Die AfD weiß um ihre kommunale Schwäche und will sich professionalisieren und verankern. Ein Weg dazu führt über die Bezirksvertretungen in den Großstädten. In manchem Stadtteilparlament von armen Großstädten ist die Partei jetzt die stärkste Kraft. Das wird sie nutzen wollen. Antifaschist*innen in den Vertretungen müssen in den kommenden Jahren dafür kämpfen, dass es gerade dort an der kommunalen Basis nicht zu einer Normalisierung der extrem rechten Partei kommt. Schon in den ersten Sitzungen wird es darum gehen, blaue Bezirksbürgermeister*innen in Städten wie Essen, Hagen, Gelsenkirchen und Wuppertal zu verhindern. Gelingt das nicht, wird die »blaue Welle« auch in Nordrhein-Westfalen größer und hat das Zeug, nicht nur die SPD aus den Rathäusern zu spülen.

    #Allemagne #Rhénanie-du-Nord-Westphalie #élections #municipalités #gauche #politique

  •  »Krabat« in Görlitz : Der Gewinn der Freiheit
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194051.lausitz-festival-krabat-in-goerlitz-der-gewinn-der-freiheit.html

    L’histoire de Krabat qui vainc le mal est le deuxième grand mythe populaire rebelle allemand avec_ Les Musiciens de Brême_ . La ville de Görlitz a vu la première de l’opéra de Marius Felix Lange d’après le récit sorabe.

    15.9.2025 von Kai Köhler - Im Rahmen des Lausitz-Festivals wurde Marius Felix Langes Familienoper »Krabat« in Görlitz uraufgeführt

    Der Schwarzmüller hat ein Problem: Ihm drohen die Knechte auszugehen. Ob es nun am Dreißigjährigen Krieg und dem entsprechenden Männermangel liegt oder am schlechten Ruf des Müllers – kurz vor Ostern steht er mit leeren Händen da. Dabei muss er doch laut Vertrag mit der Todesgöttin Smjertnica das Dutzend wieder vollmachen, wenn er ihr wie jedes Jahr einen der Bediensteten zum Opfer gebracht hat. Andernfalls muss er selbst dran glauben. Sein Zauberbuch indessen hilft. Er begibt sich in die Zukunft und rekrutiert dort den jungen Krabat, der sich als sein gelehrigster Zauberschüler erweist.

    Marius Felix Lange hat für seine Familienoper auf einen Lausitzer Sagenstoff und eine sorbische Gestalt zurückgegriffen. So lag es nahe, dass das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau für die Uraufführung mit dem Lausitz-Festival kooperierte. Der Komponist, der zugleich das Libretto verfasst hat, nutzte für seine Oper, die sich weitgehend auf Märchen- und Mythenmotive stützt, verschiedene Varianten der Überlieferung. Die Figuren sind nicht auf psychologische Komplexität hin angelegt. Wenn die Ordnung von Gut und Böse einmal ins Schwanken gerät, wird sie schnell wiederhergestellt. Das hilft, Gegensätze zu klären; Märchen, Sagen, Legenden haben der Menschheit ihre ganze Geschichte hindurch geholfen, Welt zu bewältigen. Dies gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Insofern hat Lange tatsächlich eine Familienoper geschrieben.

    Seine Musik ist fasslich, ohne an Anspruch nachzulassen – jedenfalls wenn nicht der Anspruch besteht, Musik heute müsse avantgardistisch sein. Lange schmilzt Mittel der musikalischen Moderne behutsam in einen Stil ein, der am ehesten als spätromantisch zu bezeichnen ist. Dabei erweist sich, dass die überkommenen Verfahrensweisen heute noch taugen, auch für erwachsene Hörer. Instrumentalfarben werden kaum je entgegen der Erwartung eingesetzt. Zitate von Lied und Choral rücken Szenen in eine – historische – Alltagspraxis. Ausflüge in Grenzbereiche der Tonalität zeigen Gefahr und Böses an, stabile Harmonik steht für das Positive. Die Neue Lausitzer Philharmonie zeigt unter Roman Brogli-Sacher, wie wirkungssicher und differenziert Lange diese Mittel einzusetzen weiß.

    Zugleich ist er ein geschickter Dramaturg. Sein Text ist umfangreich; würden nicht etliche Passagen gesprochen, gäbe es noch mehr als gut zwei Stunden Musik zu hören. Dabei entwickelt sich die Handlung rasch. Jede der 19 Szenen hat ihren eigenen Spannungsbogen, und fast jeder zielt auf einen Höhepunkt. Lange weiß, wie er für konzentrierte Verläufe zu schreiben hat, und zwar derart, dass die Worte zugleich die Ergänzung durch Musik herausfordern. Allenfalls ist etwas gegen seinen Umgang mit Stilebenen einzuwenden. Krabat als Junge aus der Zukunft und später auch seine Mutter, die zu seiner Rettung beiträgt, reden und singen zuweilen modernen Slang. Das sprengt naturalistisch die Märchenwelt, die zeitlos auch dann sein müsste, wenn in ihr Zeitsprünge stattfinden.

    Im Zentrum von Vinzenz Hegemanns Bühnenbild steht das Wasserrad der Mühle. Es bezeichnet die notwendige Arbeit und hat an einem Rand das Verlies, mit dem der Schwarzmüller droht. Eine Nacht darin muss grauenhaft sein; wir erfahren nie, warum – was die Drohung noch steigert. Das Rad dient als Ausgangspunkt für die Ausflüge in Raum und Zeit, die die Animationen von Felicia Bergström ins Bild setzen. Die Videos transportieren auf poetisch-zeichenhafte Weise Bühnenvorgänge, die Raum und Zeit sprengen oder auch sonst anders kaum umzusetzen sind. Das gilt besonders für die Schlussphase, in der Krabat und Schwarzmüller sich in immer andere Tiere verwandeln, um einander zu bekämpfen. Die Regisseurin Rebekka Stanzel bekommt auf diese Weise den nötigen Raum zu einer überzeugenden Personenführung, die ohne unnötige Zutaten Machtverhältnisse, Drohungen, aber auch Zuneigung vermittelt.

    Dass dies nicht immer auf den Punkt genau klappte, mag der Premierennervosität geschuldet sein oder der Konzentration aufs Musikalische. Bis in die Nebenrollen hinein war die Oper gut besetzt. Neben dem Tod – oder, genauer, der verführerischen Tödin – von Shoushik Barsoumian ist Peter Fabig als Schwarzmüller zu nennen, der volltönend und machtvoll der Figur das nötige Bedrohliche gab. Buyan Li wurde als Krabat zum angemessenen Widerpart; was hier wie auch oft sonst nicht einfach war, regen doch das Böse und die Macht zur eindrucksvolleren Gestaltung an. Mal sanft, mal mit klugen Ratschlägen brachte Lisa Orthuber als Knechtin Měrćin einen weiblichen Ton in die Männerwelt vom Müller und seinen Gehilfen; der Schwarzmüller hatte aus Personalnot so tun müssen, als durchschaue er Měrćins leicht durchschaubare Verkleidung als Junge nicht, und stellte das Mädchen an. So kann Lange auch die Liebeshandlung einfügen, ohne die kaum eine Oper auskommt, die jemals Erfolg gehabt hat.

    Eine Familienoper? »Krabat« bietet tatsächlich allen Generationen etwas zum Hören, Sehen, Denken. Die (wenigen) Kinder bei der Premiere blieben ruhig bis zum Ende, also scheint das zu funktionieren. Ihr Inhalt? Dass Liebe, gar wie in dieser Oper Mutterliebe, das Böse besiegt, glaubt kein ernstzunehmender Mensch. Anders sieht es aus, wenn Liebe für Utopie (das Spielzeitthema der Görlitz-Zittauer Theaters) steht. Diese ermöglicht das zielgerichtete Handeln – und tatsächlich muss Krabat, von seiner Mutter gerettet, danach noch gegen den Müller kämpfen.

    Um Freiheit? Herrentum und Freiheit gehören zusammen, verkündete der Müller Krabat, den er als seinen Nachfolger installieren wollte. Krabat fragt nach: ob nicht auch der Müller Angst habe? Natürlich bangt der Mühlenbesitzer, jedes Jahr, vor dem Tod, ob er einen neuen Knecht findet. Und natürlich leugnet er seine Unfreiheit. Erst am Ende geht er glücklich mit der Smjertnica ab. Das Ende der Herrschaft befreit auch die Herrscher; aber damit sie dies verstehen, so erzählt uns diese Opernsage, müssen sie zunächst einmal besiegt werden.

    Nächste Vorstellungen: 21.9., 11. und 12.10.
    www.g-h-t.de

    #Allemagne #Görlitz #minorités_nationales #sorabes #opéra #contes #culture_populaire

  • Der Frontalangriff auf die Laienverteidigung
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194044.bundesrat-der-frontalangriff-auf-die-laienverteidigung.html

    La marche législative continue vers l’état de droit pour les riches uniquement. Au grand plaisir des associations d’avocats les partis chrétiens au Bumdestag tentent d’abolir le droit au libre choix du représentant juridique pour les accusés dans les procès de droit criminel. Actuellement on peut défendre un accusé sans être inscrit au barreau ou sns être juriste du tout. Dans les procès politiques beaucoup d’accusés choisissent cette option car les juristes professionnels sont chers et n’ont souvent pas assez de temps pour la préparation du procès.

    10.9.2025 vin Hanna Poddig - Gesetzentwurf des Bundesrats will Recht massiv einschränken

    Die Laienverteidigung soll demnächst nur noch Vertreter*innen von Berufsverbänden und Gewerkschaften vorbehalten sein. Foto: Arne Dedert/dpa

    Ein aktueller Gesetzentwurf des Bundesrates sieht die Änderung der Strafprozessordnung vor. Bisher ist es möglich, dass im Strafverfahren auch Personen, die nicht Jura studiert haben, als Verteidigung zugelassen werden. Vor allem Umweltaktivist*innen nutzen diese Möglichkeit seit über 15 Jahren und verteidigen sich gegenseitig. Das soll nach Meinung der CSU ein Ende haben. Nun muss der Bundestag über das Vorbringen entscheiden.

    Es bestehe derzeit, so die Begründung im Gesetzesentwurf, die Gefahr, dass »extremistische« oder »staatsfeindliche« Menschen als Verteidigerinnen zugelassen würden, Reichsbürger oder Aktivistinnen etwa. Und denen gehe es »in manchen Fällen« darum, den Gerichtssaal für Propaganda zu nutzen und dort öffentlich »verfahrensfremden politischen Aktivismus darzubieten«. Organisierte Rechte als vermeintlichen Grund für Gesetzesverschärfungen anzuführen, ist keine neue Strategie, trifft am Ende aber eben doch immer alle.

    Rechtsanwalt Nils Spörkel aus Göttingen sagt im Gespräch, er könne nur konstatieren, dass die Befürchtungen mit der Praxis wenig zu tun hätten. Er habe bei mehreren Gelegenheiten gemeinsam mit erfahrenen Laien verteidigt und dabei vielfach großen Respekt vor den Kenntnissen und Ideen gehabt, mit denen sich diese einbrachten. »Hier wäre es vielleicht sinnvoll, wenn die Politik vor Schnellschüssen zunächst Erfahrungsberichte aus der Praxis einholen würde«, resümiert der Strafverteidiger.

    Auch den betroffenen Aktivistinnen drängt sich der Eindruck auf, dass das Problem der CSU nicht der Missbrauch, sondern der Gebrauch der Regelungen der StPO ist. Aktivistin und Laienverteidigerin Irene Thesing schildert, dass sich Laienverteidiger*innen oft gründlicher vorbereiten könnten als Anwält*innen und sie deshalb sogar oft eine bessere Verteidigung gehabt habe. »Meine Vermutung ist, dass es gerade die gute Verteidigung ist, die stört. Unsere Verteidigung soll nicht verbessert, sondern erschwert werden.«

    Die intensive Vorbereitung auf den Einzelfall hat auch Rechtsanwalt Tronje Döhmer beobachtet. In einem Interview aus dem Jahr 2017 bestätigt er, Laienverteidiger*innen hätten regelmäßig eine bessere Aktenkenntnis und würden sich nicht selten besser in der Strafprozessordnung auskennen. Die Zusammenarbeit mit ihnen sei stets sinnvoll und förderlich. Laienverteidiger*innen seien in der Regel in der Lage, sich mit ihren Fällen besonders zeitintensiv zu befassen. »Das ist ihr entscheidender Vorteil«, so Döhmer.

    Der aktuelle Bundesratsentwurf will die Laienverteidigung nicht ganz abschaffen, sondern auf bestimmte Berufsgruppen beschränken. Explizit benannt sind in der Begründung als Beispiel Polizeibeamte, die sich im Strafverfahren von Juristen einer Polizeigewerkschaft vertreten ließen. »Diese Möglichkeit soll auch künftig erhalten bleiben.« Es gehe dabei um das Anerkenntnis des Bedürfnisses, sich von Personen vertreten zu lassen, »die bei berufsbezogenen Prozessen ein besonderes Fachwissen einbringen und gleichzeitig eine kostengünstige Vertretungsmöglichkeit bieten (Gewerkschaften und Berufsverbände, soweit der Betroffene deren Mitglied ist).« »Gesinnungsgenossen« und »Mitstreiter« schieden hingegen als Laienverteidiger*innen »von vornherein aus«.

    Dass diese Argumentation zunächst exakt das beschreibt, was die aktivistische Laienverteidigung real leistet, kurz darauf aber betont wird, dass durch die Neuregelung explizit Aktivist*innen ausgeschlossen werden sollen, zeigt den Charakter des Vorbringens: Es geht an keiner Stelle um das Wohl aller Angeklagten, sondern darum, dass nur bestimmte Angeklagte von den Regelungen profitieren sollen.

    Der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) hingegen gehen die Änderungsvorschläge nicht weit genug. Aufgrund der vermeintlich gestiegenen »Komplexität der geltenden strafprozessualen Regelungen« regt die BRAK an, Laienverteidigung insgesamt abzuschaffen. Selbstredend wegen der »Qualität der Verteidigung« und »dem Schutz des Beschuldigten«.

    Die Aktivistin Irene Thesing stellt die Gegenfrage: »Was hilft mir eine angeblich bessere Verteidigung, wenn ich sie mir nicht leisten kann? Angeklagten würde helfen, kostenlose Verteidigungen in jedem Strafverfahren zu stellen – denn zahlreiche Menschen stehen unverteidigt vor Gericht und werden oft deshalb verurteilt. Das ist das reale Problem von Beschuldigten, nicht ob die Verteidiger*innen einen Abschluss haben oder nicht.«

    Der Bundesrat begründet den vermeintlich bestehenden Handlungsbedarf damit, die Rücknahme einer einmal erteilten Genehmigung sei mit Aufwand und Eskalationsrisiko verbunden. Doch in der Praxis ist das Gegenteil der Fall: Wenn Angeklagte alleine auf der Anklagebank sitzen, werden sie viel mehr Pausen brauchen, um sich zu besprechen, StPO-Regelungen nachzuschlagen oder Anträge zu formulieren. Wenn es nicht, wie naheliegenderweise von vielen befürchtet, faktisch darum geht diese Verteidigungsfähigkeit zu beschneiden, würden Prozesse in Zukunft länger und komplizierter.

    In der Begründung zum Gesetzentwurf steht, eine Beschränkung der Verteidigungsmöglichkeiten des Beschuldigten sei mit den Änderungen nicht verbunden, da die Qualifikation seiner möglichen Verteidiger erhöht werde. Thesing empfindet das als sachlich falsch und zynischen Neusprech. »Wie ich mich verteidigen will und mit wem, muss meine Entscheidung bleiben.«

    #Allemagne #justice #état_de_droit #justice_criminelle

  • Wie die Linke zum Mainstream-Problemfall wurde
    https://overton-magazin.de/top-story/wie-die-linke-zum-mainstream-problemfall-wurde

    Encore un eassai analytique qui tente d’expliquer la disaparition de la gauche et sa dissolution dans le consensus capitaliste occidental. Intéressant mais insuffisant.

    14.9.2025 von Bernd Schoepe - Lektionen aus dem Versagen der Linken in der Corona-Krise – Absage an die Brandmauer, die die gesellschaftlichen Probleme nur überdeckt.

    „In den am Horizont erscheinenden, kommenden Verteilungskämpfen werden sich die von ‚Unten‘ nicht an die korrekte linkskonforme Ausdrucksweise und linke Identitätspolitik halten. Warum sollten sie auch? Diese Schwäche der Linken macht überhaupt erst das Erstarken der Rechten möglich.“ – Linke und rechte Maßnahmenkritik: Was ist der Unterschied?

    „Progressive“ und „linke“ Rhetorik, die sich die Global Governance zu eigen gemacht hat

    Soziale Inklusion, Kampf gegen den angeblich menschengemachten Klimawandel, Förderung und Ausweitung von Sharing Economy und Plattform-Ökonomien, was von einer eigentümlich unkritischen Einstellung gegenüber Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zeugt. Bedingungsloses Grundeinkommen, 15-Minuten-Städte, eine migrationsfreundliche, multiethnische und kulturelle Heterogenität bejahende Politik, die mit höchster Achtsamkeit vor gesellschaftlicher Diversität (statt sozialer Gleichheit) als kardinalem Wert auftritt. Dies drückt sich z.B. in einem aktivistischen Eintreten für die Belange der LGBTQ+ -Bewegung, die Beanspruchung einer Avantgarde-Rolle für Gender- und Trans-Themen aus – so war die Linke zuletzt in die Schlagzeilen geraten, nachdem sie die Übernahme der Kosten für Bartentfernung für Transfrauen durch die Krankenkassen gefordert hatte.

    Im politischen Koordinatensystem, so wie es sich in den ersten zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts herausgebildet und weg von den klassischen Themen von „links“ und „rechts“ verschoben hat, gelten diese politischen Inhalte und Ziele heute als links. Zeitgleich lassen sich auf dem Feld der Global Governance – ich verwende den Begriff als „technisch und technologisch gestützte, informelle Weltregierung“ (1) – gezielt Weltordnungspläne identifizieren, die von einer UN, die von Großkonzernen gekapert wurde, top-down, ohne demokratische Legitimation, mit Hochdruck verfolgt werden.

    Der Club der reichsten Männer der Welt, deren Vermögenswerte sich während der Corona-Zeit mehr als verdoppelten, hat mit Stiftungen, Think Tanks und NGOs im Schlepptau, ein die heutige Global Governance-Architektur prägendes, einzigartiges Machtkonglomerat geschaffen. Damit lobbyiert die Milliardärsklasse erfolgreich in fast allen Regierungen: „We penetrate the cabinets“, so Klaus Schwab, der frühere Chairman des World Economic Forums (WEF), über das young-global leader-Programm, mit dem die Führungskräfte, im Geist dieser Elite indoktriniert und global vernetzt werden, um den Einfluss und Profit der Reichsten, die 1% der Weltbevölkerung ausmachen, zu sichern und zu maximieren, die jetzt schon fast die Hälfte des weltweiten Vermögens besitzen. Auf diese Weise vereint sich ökonomische Macht mit verfasster politischer Macht zu korporatistischen Strukturen – und zwar immer enger und ununterscheidbarer für die Bürger und Wähler, welche dann wiederum mehr und mehr diesen oligarchischen Strukturen unterliegen.

    Medial werden diese Weltordnungspläne durch die Agenda 2030 der Vereinten Nationen angeführt, die aus 17 Zielen zur sogenannten nachhaltigen Entwicklung besteht. Im Zentrum all dieser Aktivitäten stehen dabei besonders die vom Weltwirtschaftsforum und einflussreichen Akteuren der Finanzindustrie vorangetriebene Einführung einer digitalen Identität und die Implementierung des Digitalen Zentralbank-Geldes (CBDC) als neuem elektronischen Zahlungsmittel für die Weltbevölkerung, damit einhergehend die Abschaffung des Bargeldes. Um die Ziele der Agenda, zu denen sich alle 193 UN-Mitgliedsstaaten verpflichtet haben, einzuhalten, wird an digitalen Überwachungsstrukturen gearbeitet. Sie sind dazu geeignet, ein Sozialkreditsystem nach chinesischem Vorbild global Wirklichkeit werden zu lassen, das positives und negatives Verhalten im Sinne der Herrschenden belohnt bzw. bestraft. Die Strafen könnten bis zum Verlust aller bürgerlichen Freiheiten und Sicherheiten reichen, da die E-ID mit den Kontodaten verknüpft und das Konto bei unbotmäßigem Verhalten des E-ID-Inhabers einfach gesperrt werden kann.

    Wo einerseits die europaweit ausgeblutete etablierte Linke (2) ihre Rettung im Identitätspolitischen sucht, Fragen von Krieg und Frieden (Achtung: Zeitenwende!) nunmehr pro Aufrüstung, also rechts beantwortet (für die Linkspartei ist die Ukraine gut, Russland böse und den militanten Zionismus der amtierenden israelischen Regierung darf man auch dann nicht offen kritisieren, wenn in dessen Namen Genozid an den Palästinensern verübt wird) und damit selber der immer größer werdenden Schere zwischen arm und reich Vorschub leistet (3), vollziehen sich andererseits insbesondere auf den Schlüsselmärkten des Kapitalismus die Prozesse der vierten industriellen Revolution.

    Man muss sich die sogenannte vierte industrielle Revolution als ein Innovations-Potpourri auf den Gebieten der Informatik, Nano-, Bio- und Netzwerktechnologien, der Robotik und dem maschinellen Lernen (KI-Entwicklung) vorstellen. Deren in rasanter Geschwindigkeit erfolgenden Entwicklungen spielen sich immer noch weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit ab, jedenfalls außerhalb eines Diskussionsraumes, welche Gesellschaft daraus entstehen soll und ob wir das alles eigentlich wollen. Sie krempeln die Gesellschaften aber nicht nur ökonomisch völlig um. Der Schub dieser Innovationen, die in Richtung des Ausbaus cyber-physischer Systeme bis hin zur Verschmelzung von Mensch und Maschine, dem Erreichen der sogenannten „Singularität“ gehen, droht nicht nur Millionen von Arbeitsplätzen zu vernichten, sondern unser ganzes Erwerbsarbeits-, Gesundheits- und Bildungssystem „schöpferisch“ zu zerstören.

    Um wirklich einzuschätzen, welche Wirkungen diese Strukturen des so entstandenen,
    einzigartigen Technopols zeitigen (auf denen dieser neue Typ technokratischer
    Herrschaft aufruht), erscheint es sinnvoll, an die klassische Faschismus-Definition Benito Mussolinis (1883-1945) zu erinnern. Mussolinis Ansicht nach sollte der Faschismus eigentlich Korporatismus heißen. Denn er sei „die perfekte Verschmelzung der Macht von Regierung und Konzernen.“ (4) Nun sind es diese korporatistischen Bedingungen, unter denen von oben geplant und durchgesetzt, die sogenannte vierte industrielle Revolution stattfinden und der grundlegende Umbau der Gesellschaft („Great Reset“) forciert werden soll.

    Mussolinis Definition hilft zu begreifen, worin das Totalitäre dieser Umwälzung liegt und wohin es als spezifische Bündelung der Macht (fascio = das Bündel) politisch und gesellschaftlich führt.

    Der Frage „woher die Konzerne in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem eigentlich ihre zunehmende Macht beziehen“ (5), ist der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring in seinem letzten Buch „Endspiel des Kapitalismus“ (2021) nachgegangen. Er beantwortet damit die Frage, die für alle linken politischen Kräfte zwar von besonderer Relevanz sein müsste, bei den meisten Linken aber gar nicht (mehr) vorkommt. Häring beschreibt die Entwicklung „hin zu einem System (…), in dem alles darauf angelegt ist, die Kapitalbesitzer vor Verlusten zu schützen und ihren Reichtum weiter zu mehren, während die ohnehin Benachteiligten das Nachsehen haben“ (6), durch zahlreiche Quellen belegt akribisch, in seinem 2022 noch einmal aktualisierten Buch.

    Häring weist auch nach, „dass die Hauptnutznießer der Corona-Krise (…) die global dominierenden IT-Konzerne und Plattformen der USA und deren Hauptaktionäre (sowie) ebenso die großen chinesischen IT-Konzerne“ (7) sind. Für die hiesige Linke war das dennoch kein Grund, dass Pandemie-Narrativ „Der Gesundheitsschutz vor Covid-19 hat absoluten Vorrang“ zu hinterfragen, auch wenn diese Verabsolutierung des Gesundheitsschutzes durch die Corona-Maßnahmen selbst – Stichwort „Kollateralschäden“ (die Maßnahmen richteten größere gesundheitliche Schäden als die eigentliche „Pandemie“ an) – sich in der Praxis paradoxerweise immer stärker selbst dementierte.
    Wie Doublethink zur Herrschaftstechnik und zum Problem der Linken wurde

    Augenscheinlich sind die Prozesse und Strukturen des von Häring u.a. unter die Lupe genommenen global operierenden Neo-Korporatismus bei den Linken bis dato eine Black Box geblieben. Die Linksliberalen und identitären Linken, die kulturell und ideologisch heute den hegemonialen Platz innerhalb dieses politischen Spektrums besetzen, verfügen nicht über die notwendigen Kategorien und Instrumente, um die progressive Rhetorik der Global Governance und ihrer Auguren als geschickte Propaganda und PR-Strategie eines im Kern totalitär ausgerichteten Unternehmens entlarven zu können. Stattdessen fördert man im politischen Raum ein besonderes Phänomen und beteiligt sich munter an dessen Verbreitung, dass das Erkennen sozialer Realitäten zu einem immer schwierigeren Unterfangen macht: das Phänomen des Doublethink.

    Doublethink gab es zum einen auf der Ebene des Pandemiegeschehens selbst. Um nur drei Beispiele dafür zu nennen:

    Erst wurde eine Maskenpficht vom RKI, aber auch von Drosten, Montgomery u.a. als wirkungslose Maßnahme abgelehnt, dann wurde sie nachdrücklich und sogar an der frischen Luft empfohlen. (8)
    Die Impfung wurde als absolut wirksam und nebenwirkungsfrei bezeichnet, dann wurde 2G eingeführt und 3G heftig aufgrund der sogenannten „Impfdurchbrüche“ diskutiert. Doch statt die Wirksamkeit der Impfung zu thematisieren, kreierte man den Slogan „Pandemie der Ungeimpften“ und brachte dafür (Tschentscher in Hamburg, Söder in Bayern) sogar nachweislich falsche Zahlen (9) über den Impfstatus der mit und an Corona erkrankten Patienten in den Krankenhaus-Statistiken in Umlauf.
    Jahrelang wurde ein Laborunfall als möglicher Ursprung des SARS-CoV-2-Virus als „Verschwörungstheorie“ denunziert. Inzwischen steht der Zusammenhang des Covid-19-Ausbruchs mit der gain-of-function-Forschung außer Frage und selbst Drosten ist in das Lager derer, die er vorher mit zweifelhaften Mitteln bekämpft hat, übergelaufen. (10)

    Doublethink gibt es aber auch auf der Ebene des politischen Diskurses allgemein. Aktuell ist das z.B. der „Herbst der Reformen“, womit eigentlich die Schleifung des Sozialstaates gemeint ist. In der Corona-Zeit war es die „Solidarität“. Die lief darauf hinaus, sich gentherapeutische Injektionen, für die es nur eine Notfallzulassung gab, ohne informierte Einwilligung aufgrund eines Gruppenzwangs im Rahmen einer politisch gewollten „Formation der Massen“ (der belgische Psychoanalytiker Mattias Desmet) verabreichen zu lassen. Zusammengefasst ist Doublethink, so die Philosophin Elena Loisa Lange, „ein gewolltes manipulatives Mittel, Herrschaft zu legitimieren“ und in diesem Zusammenhang „bedeutend für die Restauration neoliberaler Eliten durch die Covid-Krise“. (11) Doublethink verwirrt die Menschen und ruft bei ihnen psychische Störungen hervor. Aber noch schlimmer: durch die Wiederholungen konditioniert Doublethink die Massen zum Gehorsam. Über das einzelpsychische Schicksal hinaus stellt sich da nämlich,

    „wo Tatsachen durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden (…) heraus, dass es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, daß die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“ (12)

    Diesem Doublethink konnte man links nur deshalb aufsitzen, weil man die politischen Entwicklungen der letzten 15 – 30 Jahre im globalen Maßstab verschlafen oder aber bewusst, d.h. absichtsvoll ausgeblendet bzw. ignoriert hat. So ist, teils unbemerkt, teils mutwillig, die Linke auf die die hinter progressiver Rhetorik verborgenen technokratisch-totalitären Konzepte, die die neoliberale Elitenherrschaft zementieren sollen, reingefallen. Das konnte nur passieren, weil es „keine theoriefähigen Marxisten mehr im Lande gibt“ (Ulrike Guérot), sie seien „Opfer der Drittmitteluniversität geworden“. (13)
    Die postmoderne Wandlung

    Keinesfalls darf also bei Überlegungen zum prekär gewordenen Zustand der Vernunft im Hinblick auf die Frage, wie und wodurch die gesellschaftliche Rationalität aufgrund einer Zunahme regressiver Prozessen so stark angegriffen und zerstört werden konnte, eine Betrachtung der Linken und ihres historischen Versagens in der Corona-Krise fehlen.

    Nach Ansicht Elena Louisa Langes und Joshua Pickett-Depaolis kann das Versagen der Linken nur dadurch erklärt werden, weil die Linke

    „das Projekt der Abschaffung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse aufgegeben (…) hat. Sie hat sich damit von der Abschaffung der konkreten Form der spezifisch kapitalistischen Herrschaft, nämlich der Ausbeutung, verabschiedet, und ersetzte sie durch moralische Bedenken über Sexismus, Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Homophobie, Transphobie, Islamophobie und so weiter als Formen der Diskriminierung oder Unterdrückung, aber innerhalb der kapitalistischen Ordnung.“ (14)

    Die Einbindung der Linken in das bestehende System, was in Deutschland besonders gut an der Entwicklung der Linkspartei gezeigt werden kann, die ja zuletzt Friedrich Merz dabei half, am Tag seiner größten Blamage doch noch zum Bundeskanzler gewählt zu werden, muss als Anzeichen interpretiert werden, „wie gut es den Neoliberalen gelungen ist, ideologischen Konsens in weiten Teilen der Entscheidungsträger, aber auch der Bevölkerung zu erzielen“, so Michael Wengraf, ein anderer prononcierter Kritiker der Linken. Denn die Neoliberalen hätten, so Wengraf weiter, es vermocht

    „eine kulturell-gesellschaftliche Einheit herzustellen, ‚durch die eine Vielzahl auseinanderstrebender Willen mit heterogenen Zielen für ein und dasselbe Ziel zusammengeschweißt werden, auf der Basis einer (gleichen), gemeinsamen Weltauffassung’ (Zitat Antonio Gramsci, Aus den Gefängnisheften)“. (15)

    Damit spricht Wengraf das Problem der nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch kulturellen Hegemonie des Neoliberalismus und den Umstand an, dass es den Linken
    nicht gelungen ist, sich erfolgreich gegen die neoliberale Indoktrination und die Durchdringung des gesamten Gesellschaftskörpers mit dieser Ideologie zur Wehr zu setzen. Die Neoliberalen konnten dank geschickter Steuerung durch Public-Relations-Netzwerke und think tanks ihr propagandistisches Mind-Set so nachhaltig an den Mann und die Frau bringen. Erst ein konzertiertes Vorgehen von den bei Friedrich von Hayek „second hand dealers in ideas“ genannten Multiplikatoren der public opinion (16) ermöglichte die Implementierung des neoliberalen Denkens und Fühlens auf breiter gesellschaftlicher Grundlage, die vom Arbeitsleben über den Bildungsbereich bis hinein in die Bereiche des Sports und der Unterhaltung reicht.

    Meiner Ansicht nach kämpfte die Linke besonders zwischen 1980 und 2010 gegen diesen Einfluss viel zu wenig an und setzte weder offensiv noch selbstbewusst genug ihre eigenen Überzeugungen dagegen. Sie brachte nicht genügend Mut auf, den neoliberalen Doublethink mit den Mitteln einer für die breiten Schichten der Bevölkerung verständlich formulierten Ideologiekritik zu entlarven. Wichtiger noch als die Rolle der Kritik wäre dabei gewesen, dem zynischen Neoliberalismus mit seinem negativen Menschenbild einen eigenen attraktiven, menschenfreundlichen Entwurf entgegenzuhalten. Die Linke erstarrte selbst im kapitalistischen Kältestrom dieser „The-Winner-takes-it-all“-Ideologie. Und in der Postmoderne, die zwischenzeitlich angebrochen war (Jean-François Lyotard, Das Ende der großen Erzählungen, 1979), ging den Linken offenbar ihr eigener Humanismus über Bord. Aber vermutlich war die Linke schon damals zu schwach zur Gegenwehr. Denn scheinbar fraglos zeigte sich am weltgeschichtlichen Horizont doch mit dem untergehenden realsozialistischen System die nicht mehr dementierbare Überlegenheit des Kapitalismus. Es wurde nach 1989 sogar ernsthaft über das Ende der Geschichte debattiert!

    Was die Kraft der „eigenen Überzeugungen“ angeht, so muss man konstatieren, dass sie schon früh durch die überdurchschnittlich hohe, signifikante Zugehörigkeit ihrer (jüngeren) Mitglieder zum akademischen Milieu und zu akademischen Berufen durch den Postmodernismus geprägt wurden. Dieser hatte Mitte der 1980er Jahre die deutschen Universitäten erobert. Neben der Deindustrialisierung und der Individualisierung liegen darin die Gründe, dass der Arbeiter schließlich zum Relikt in den einstigen Arbeiterparteien wurde (17). Heute ist in Deutschland mit großem Abstand die AfD die Arbeiterpartei.

    Der Postmodernismus schuf in vielen Köpfen die ideologische Prädisposition, durch die linke Inhalte und linke Identität viel stärker kulturell bzw. kulturalistisch aufgefasst worden. Klasseninteresse und Klassenbewusstsein verflüchtigten sich. So wurde Links-Sein zu einem nachbürgerlichen Lebensstilphänomen „der feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu), und das entlang gesinnungsethischer und milieuspezifischer ästhetischer Markierungen, die vor allem die soziale Distinktion (18) als eine Spielart des Kampfes um Anerkennung innerhalb einer Wettbewerbsgesellschaft beförderten. Bei der Frage nach dem Distinktionsgewinn ging es also nicht mehr darum, sich in den Dienst einer Sache zu stellen, die größer und wichtiger als man selber ist, sondern vor allem um die geradezu neurotisch-fetischartig betriebene Pflege der richtigen Gesinnung. Fragt man nach dem Antriebsmotor für diese Art von Gesinnungspflege, landet man schnell beim narzisstischen Syndrom. (19)
    Der Sündenfall Corona für die Linke…

    Von der Autoritätshörigkeit und Geschichtsvergessenheit der kulturalistischen Linken zeigt sich die Züricher Historikerin und Philosophin Tove Soiland in „Die Linke und Corona: ein postideologischer Totalitarismus“ (20) erstaunt. „Man konnte“, so Soilands Resümee

    „sich in den vergangenen zwei Jahren nur wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit der Großteil der Linken davon überzeugt war, in ihrer vorbehaltlosen Unterstützung der rigorosesten staatlichen Corona-Maßnahmen auf der politisch richtigen Seite zu stehen, auf der linken nämlich.“

    Zur dort immer wieder erhobenen Forderung, man müsse „der Wissenschaft“ folgen, alles andere sei irrational, bemerkt Soiland, dass diese Haltung eingedenk des geschichtlichen Hintergrunds solcher Verabsolutierungen des wissenschaftlichen Geltungsanspruchs, verwunderlich sei:

    „Als hätte es in Deutschland nie eine problematische Indienstnahme der Medizin gegeben, die sich in das Gewand von Wissenschaftlichkeit und Fortschritt kleidete – was uns eigentlich die politische Pflicht auferlegte, genau in diesem Feld besonders wachsam und vorsichtig zu sein. Doch die Mehrheit der Linken tut bis heute das Gegenteil: Wer berechtigte Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Maßnahmen äußert, deren Wirksamkeit nie evidenzbasiert untersucht wurde, wird kurzerhand in die rechte Ecke gestellt, das Gespräch wird verweigert (…).“ (21)

    Mit dem Abschied der Linken von jeder grundsätzlichen Kritik an den kapitalistischen Produktions- und Klassenverhältnissen – der, wie Lange und Pickett-Depaolis schreiben, „konkreten Form der spezifischen kapitalistischen Herrschaft“ – hat ausgerechnet in und mit Corona eine sich ins politische Sinnvakuum hinein manövrierende Linke den Rettungsanker für ihre Malaise erblickt. Folglich sprang sie auf die Corona-Hysterie nicht nur auf, sondern verstärkte sie sogar noch durch ihre Rufe nach einer „Zero-Covid-Strategie“. So schien sie sich selbst und alle anderen von ihrem traurigen Schicksal perfekt ablenken zu können, politisch heimat- und bedeutungslos geworden zu sein.

    Sie vermeinte sich durch das Virus, genauer durch seine biologistische Fetischisierung (eine für Marxisten bemerkenswerte Regression) schlagartig von ihrem Horror vacui befreien zu können. Dabei gesellte sich zur Theorievergessenheit die Geschichtsvergessenheit der „New Ager“ hinzu. Beide bestimmen heute das desolate Bild der Linkspartei und der Grünen.

    Anders ausgedrückt: Dank Corona simulierte eine programmatisch ausgezehrte, um das Subjekt der Veränderung gebrachte Linke, wieder Stärke – und fand sie, kurzschlüssig, im Gemeinsame-Sache-Machen mit der sich entgrenzenden staatlichen Gewalt. Diese wurde in der „Pandemie“ auf unverhältnismäßige Weise durch einen Notstand, der der Sache nach zu keiner Zeit gerechtfertigt war, entfesselt. Mit Notstandsgesetzgebung wurde bis in die Wohn- und Kinderzimmer der Bürger durchregiert, das Lesen eines Buches alleine auf einer Parkbank war zeitweilig verboten. Dass die Linken zu Apologeten des Notstandes aufgrund eines respiratorischen, die oberen Atemwege betreffenden Virus wurden, ist und bleibt ein Treppenwitz der Geschichte. Man könnte es auch eine „lächerliche Farce“ nennen, wenn dies nicht so viele ernsthafte, ja tödliche Folgen gehabt hätte!

    Die Stunde der autoritären Exekutive, die mit der Pandemie schlug, wurde tatsächlich von der Linken nahezu uneingeschränkt unterstützt und begrüßt. Sie versuchte sie ihrerseits dafür zu nutzen, eine riesengroße „Solidargemeinschaft“ gegen die weltweite pandemische Gefahr zwar nicht herzustellen – denn dafür fehlte es ihr an Einfluss und Macht – aber wenigstens herbei zu fantasieren –, eine Solidargemeinschaft, die sich im Kampf oder gar Krieg gegen das Virus vereint und sich hinter sie – die Linke – schart, damit alle, von der neuen hygienepolitischen Avantgarde geleitet, sicher gemeinsam ins Reich steriler Immunität geleitet werden können. Dumm ­– nein böse, und bestimmt ein Rechtsextremer! – wer da nicht mitmacht!
    …als verunglückter Selbstrettungsversuch

    Eine handzahm gewordene, theoriestrategisch zu Boden liegende, neoliberal gewendete und weit in der Wählergunst abgeschlagene Linke, versuchte in dieser Situation also noch einmal so etwas wie leadership in public opinion zu erlangen bzw. dieses Mal zumindest bei einer anscheinend alle anderen Themen in den Schatten stellenden Aufgabe, dem „Bevölkerungsschutz“, die Führungsrolle, zumindest auf moralischem Gebiet, zu beanspruchen. Einem Bevölkerungsschutz, der dem Kapitalismus doch eigentlich „wesensfremd“ und der bürgerlichen Demokratie, ihrer politischen Form nach, bestenfalls äußerlich ist.

    Ein solcher Bevölkerungsschutz hätte daher als die von Anfang an strapazierte, wenig glaubwürdige Begründungsfigur der Maßnahmen von linker Seite auf Vorbehalte und Skepsis stoßen müssen. Doch weil die Mehrheitslinke die Ebene der konkreten Analyse
    der Krise, ihrer Genese und ihres spezifischen (kapitalistischen) Bedingungsrahmens übersprang, wurde das theoretische Defizit, unter dem sie seit ihrem moralistic turn leidet, durch einen ins Absurde gesteigerten Aktionismus, der „Zero Covid!“ forderte, überkompensiert – obgleich dieser Ruf medizinisch gesehen Nonsens und politisch-ökonomisch betrachtet der reine Wahnsinn war.

    Ziehe man, so Tove Soiland, in Betracht, dass laut Oxfam „durch die Maßnahmen, nicht durch das Virus weltweit mit 20 Millionen mehr Hungertoten zu rechnen ist, (…) dass die von der WHO instrumentierte Corona-Politik (…) global gesehen zu einer massiven Verschärfung der eh schon skandalös großen sozialen Ungleichheit führt“, hatte der „Zero-Covid“- Kurs der Linken, so Soiland, „etwas Unfassbares“. (22)

    Woran erkennbar wird, dass es die mangelnde Bereitschaft zur Aufklärung war, die dazu führte, dass die Linken in der Mehrzahl die Absurditäten der Corona-Politik nicht nur mittrugen, sondern ihrerseits noch zusätzlich befeuerten. Die Folge davon war, dass sie als Opposition gegen das neue, sich formierende biopolitisch-autoritäre Regime nahezu komplett ausfielen und bis heute abgemeldet sind. Die Linken unterstützen die WHO immer noch und haben auch kein Problem damit, dass in der neuen Fassung der Internationalen Gesundheitsvorschriften auf Geheiß der korrupten WHO die Grundrechte erneut eingeschränkt werden können (23).

    Doch bevor eine derart von sich selbst entfremdete Linke in die hygienepolitische Falle gehen konnte, musste sie schon in eine andere, nämlich die identitätspolitische Falle, gelaufen sein. Wie Bernd Stegemann schreibt, ist

    „(d)er gemeinsame Kern all dieser politischen Handlungen, (…) dass sie eine Stressreaktion auf die Zersplitterung der Gesellschaft sind. Identitätspolitik verspricht (…) einfache Lösungen in einer komplizierten Zeit. Die dialektische Pointe besteht aber (…) darin, dass diese Stressreaktionen das Phänomen der Zersplitterung immer weiter vergrößern. Identitätspolitik bewirkt also nicht nur auf der Ebene der Kompromissbildung, sondern auch auf der Ebene des zivilisierten Miteinanders das Gegenteil von dem, wofür sie angetreten ist.“ (24)

    Es liegt auf der Hand, dass dies auch für Corona und erst recht für die Jagd der „Antifa“ auf alle Zweifler am offiziellen Pandemie-Narrativ gilt („Wir impfen euch alle!“).
    Das Waste Land der ökonomischen Analyse

    Die durch den Stresstest gefallene Linke übersieht, was vom Bremer Sozialwissenschaftler Rudolph Bauer und einigen anderen linken Ausnahme-Intellektuellen zur Erklärung der P(l)andemie ins Visier genommen wurde: Für die Wahrnehmung der akuten Problem-Zuspitzungen des an seinen unlösbaren Widersprüchen in zunehmender Verzweiflung herumlaborierenden kapitalistischen Systems, wie es sich in einer dramatisch erhöhten Krisenanfälligkeit seit 1990 darstellt, gab und gibt es bei den im Mainstream gestrandeten Linken keine Antennen mehr. Sie sollten sich daher Hilfe bei Bauer holen. Die Kernthesen der Analyse Bauers lauten:

    „Die Corona-Pandemie (…) ist unterfüttert von einer ökonomischen, wirtschafts-, finanz- und handelspolitischen Weltkrise. Diese ist schon seit Längerem als realwirtschaftliche Rezession im Gang und wird durch eine Spekulationskrise verschärft. Die Realwirtschaft ist ‚in den größten Crash seit 90 Jahren geraten‘ (Elsner 2020). Einer der Gründe ist der tendenzielle Fall der Profitrate (…). Er erschüttert im Weltmaßstab das kapitalistische System. Die Geldwirtschaft des imperialistischen Kapitalismus verlangt in der Krise entweder kriegerische Zerstörung im Außen, d.h. die territoriale Eroberung von Ressourcen und Märkten, sowie Wiederaufbaumaßnahmen im Gefolge der Zerstörungen. In diesem Zusammenhang werden Russland und China von der imperialistischen Nato zu Feinbildern stilisiert. Oder/und das kapitalistische System erzwingt im Inneren eine grundlegende Umwälzung der Produktionsweise. Ziel ist es, die Produktivkräfte im Sinn der industriellen Revolution des ‚Great Reset‘ (Schwab/Malleret 2020) grundlegend umzuschichten und von oben nach unten neu auszutarieren. In diesem Kontext wiederum gilt die Staatsordnung der VR China den westlichen Eliten als Vorbild. Die Entwicklung und Durchsetzung neuer Methoden der Mehrwertproduktion geht eine ‚schöpferische Zerstörung‘ (Joseph Schumpeter) voraus. Teile der bisherigen Güter und Produktionsverfahren sowie die bestehenden Märkte und ihre Akteure werden ruiniert, wie das gegenwärtig beim Mittelstand und im Verkehrsbereich der Fall ist, bei den kleinen und mittleren Betrieben und Geschäften, beim Kulturangebot, den Sport-und Freizeitvereinen sowie den sog. Soloselbständigen.“ (25)

    Doch blieb es bei der Linken nicht allein bei Distanz, ja Absenz von kritischer Analyse im Kontext einer mit Rekurs auf politische Theorien angeleiteten Gegenwartsdurchdringung. Wie wir wissen ging ihre Weigerung, Corona klassentheoretisch zu deuten, soweit, dass jene, die die Corona-Krise mit den veränderten Koordinaten, Fliehkräften und Richtungswechseln innerhalb des global-kapitalistischen Systems erklärten, pauschalierend von ihr als „Verschwörungserzähler“ und „Rechte“ diffamiert wurden – ohne dass je eine Debatte mit diesen kritischen Stimmen gesucht worden wäre.

    Dabei war längst bekannt (der Fernsehsender „Arte“ sendete z.B. im April 2017 die vielbeachtete Dokumentation „Die WHO – im Griff der Lobbyisten?“) wie supranationale Organisationen wie die UN-Weltgesundheitsorganisation aufgrund ausbleibender Reformen und unzureichender Finanzierung, z.B. in Form nicht geleisteter Beiträge durch Mitgliedstaaten, besonders im Fall der USA, zum Spielball megareicher privater Investoren, ihren Stiftungen und Think Tanks geworden sind. Auch dass die WHO auf Betreiben potenter Sponsoren, an der Spitze die Bill- und Melinda-Gates-Stiftung, sich von einer Public-Health-Politik, die auf die Schaffung niedrigschwelliger medizinischer Versorgungsinfrastruktur in den ärmeren und ärmsten Ländern richtete, verabschiedete und stattdessen das Heil vor allem in teuren und oft fragwürdigen Impfprogrammen sieht, von denen die Pharmaindustrie besonders stark profitiert, war schon vor Corona bekannt und wurde immer wieder kritisiert. Jedenfalls ist es ein unbestrittenes Faktum, dass die privaten Investoren am Beginn der 2000er Jahre den großen Nutzen von UN-Organisationen wie der WHO erkannt hatten, um ihre erfolgreichen Geschäftsmodelle weiter zu optimieren, sie also noch erfolgreicher zu machen. Sie nutzten dabei den schwachen Staat der Neoliberalen für öffentliche Güter, wie z.B. die Gesundheit, konsequent zum eigenen Vorteil aus.

    Wilfried Schwetz, ein ehemaliger Gewerkschafter, hat in „Ein Versuch über linkes Mitläufertum“, seiner äußerst lesenswerten Auseinandersetzung mit der Linken unter Corona, ein bitteres Fazit gezogen:

    „Die Linke hatte während der Corona-Zeit die Chance, die anschwellende Protestbewegung mit den richtigen Argumenten zu versorgen. Stattdessen hat sie sich Kapital und Staatsmacht in die Arme geworfen, ist (neben Mainstream-Medien und Staatsfunk) zur wichtigsten Hilfstruppe bei der Durchsetzung der Corona-Agenda (und dem, was in diesem Zuge noch alles erreicht werden sollte) geworden. Sie hat objektiv alles getan, um die Selbstbefreiung genau derjenigen zu verhindern, deren Interessen sie vorgibt zu vertreten. Sie hat die Macht von Staat und Kapital über die Massen nicht nur nicht abzubauen geholfen, sondern nochmals verstärkt.“ (26)

    Warum wir eine neue Aufklärung brauchen

    Schließlich sei, um das Bild abzurunden, auf Ulrike Guérot verwiesen. Sie kommt angesichts der Kollaboration der Linken mit dem Corona-Regime, die die Unterstützung der dort „fröhliche Urstände“ feiernden gesellschaftlichen Ausgrenzung ausdrücklich mit einschloss (was sich beim Ukraine-Konflikt und der Klimadebatte ja nun in ganz ähnlicher Weise wiederholt) in „Wer schweigt, stimmt zu“ zu dem Schluss:

    „Dass auf diese Weise jede Form der legitimen Gesellschaftskritik – eigentlich das Betätigungsfeld der Linken – zur Verschwörung umgemodelt wurde, die man nicht ernst nehmen muss und nach Belieben stigmatisieren kann, ist das eigentlich Fatale, das Skandalöse am Corona-Diskurs. Denn damit ist Verschwörung ein Kampfbegriff (…) geworden, um das soziale Leid und die Schädigungen durch die Coronamaßnahmen nicht sehen zu müssen, ja, um sie verdrängen zu können. Durch den Kampfbegriff der Verschwörung ist die Gesellschaftskritik, früher Treiber für Fortschritt und bessere Verhältnisse, quasi aus Politik und Gesellschaft verschwunden.“ (27)

    Diese Mechanismen zeigen, wie die maßgeblichen politischen Kräfte, die an einer Aufrechterhaltung, ja Vertiefung des Status Quo, mit all seinen sozialen Ungerechtigkeiten, die die neofeudalen Verhältnisse weiter verhärten, daran arbeiten, linke Gesellschaftskritik durch propagandistische Mittel, die dem Bereich der kognitiven Kriegsführung (cognitive warfare) entstammen, so schlecht zu reden, dass sie öffentlich ganz dasavouiert werden soll.

    Guérots Hinweis auf den Wegfall der Gesellschaftskritik als dem Treiber für Fortschritt unterstreicht die Notwendigkeit einer neuen linken Bewegung. Durch das Bündnis Sahra Wagenknecht, das vor zwei Jahren gegründet wurde, ist der Versuch gestartet worden, diese Leerstelle endlich wieder zu füllen. Allerdings verzichtet das BSW aufgrund des stark gestiegenen Verwirrungspotenzials bei der Verwendung der Begriffe „links“ und „rechts“ darauf, seine Politik noch nach diesem Schema zu kennzeichnen. Diese Begriffsverwirrung ist ein Symptom für die große Orientierungslosigkeit, die, so Norbert Häring „von oben (…) nach Kräften befeuert (…) wird, mit der durchaus erwünschten Folge,

    dass die Fronten in der öffentlichen Diskussion völlig durcheinandergeraten. Kritik am Weltwirtschaftsforum und der Heuchelei der Konzerne gilt denen, die sich für links oder progressiv halten, inzwischen als ‚rechts‘. Von Liberal-Konservativen wird dagegen ausgerechnet dem Weltwirtschaftsforum mit seinem, Great Reset und den Konzernen in skurriler Weise ein Hang zum Kommunismus unterstellt, wo diese in Wahrheit eine neue Form des Feudalismus vorantreiben. Der verbliebenen Minderheit klassenbewusster, traditioneller Linker wird von der einen Seite unterstellt, rechts zu sein, von der anderen, dem Kommunismus zu huldigen.“ (28)

    Zudem hat das BSW klar erkannt, dass gegen die grassierende Cancel Culture unbedingt Flagge gezeigt werden muss. Denn Cancel Culture ist auch als eine die Stasis extrem verschärfende Folge dieser Verdrehungen von links und rechts, genauer gesagt der daraus entstandenen doktrinären Intoleranz anzusehen. Die Mittel, die eingesetzt werden, um diese teilweise absurden Travestien zu verteidigen, werden zunehmend härter, konzessionsloser, widerwärtiger, militanter – mit einem Wort: immer autoritärer. Mit der weiteren Verengung des „zulässigen“ Meinungskorridors und der drohenden Auslöschung des Pluralismus steht nichts weniger als die Möglichkeit einer selbstbestimmt-humanen Entwicklung unseres Gemeinwesens auf dem Spiel.

    Wir bedürfen, wie ich es anderer Stelle ausführlich und philosophisch grundiert dargelegt habe, einer neuen, zweiten Aufklärung (29) Für diese kann auf der organisierten Ebene sich glaubhaft nur eine durch kritische Selbstreflexion erneuerte Linke einsetzen. Damit meine ich jene Kräfte, die den Corona-Test
    entweder bestanden oder nachträglich tatsächlich aus ihm Entscheidendes gelernt haben.

    Noch ist der Kampf auch im BSW nicht entschieden, da einflussreiche Teile der Partei das BSW zur Linkspartei 2.0. machen wollen. Eine Linkspartei 2.0. braucht aber keiner in diesem Land. Selbst wenn das BSW aus den Fehlern lernt, die in Thüringen gemacht worden sind, und sich in Zukunft als klar erkennbare Opposition zum herrschenden Parteiensystem profiliert, wird dies allein nicht ausreichen, um damit eine andere Politik in Deutschland möglich zu machen.
    Vorschlag, die gesellschaftliche Stasis (= Stockung) zu überwinden

    Der Partei müsste es darüber hinaus stärker darum gehen, links und aufklärerisch denkende Menschen, die bislang von Parteien nicht angesprochen wurden, Raum und Gewicht zu geben. Jenen also, die sich zur Verteidigung der Grundrechte in den Corona-Maßnahmen-Protesten zwischen 2020 und 2023 unter Hinnahme von persönlichen Nachteilen und beruflichen Repressalien engagiert haben. (30)

    Das Framing des „rechten“ Corona-Protests ist, auch wenn die Medien z.T. immer noch keinen Abstand davon nehmen, schon länger als eine der vielen Täuschungen der Öffentlichkeit, die in dieser Zeit Hochkonjunktur hatten, überführt worden. Der Soziologe Oliver Nachtwey hat zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Carolin Amlinger zum eigenen Erstaunen – da sie persönlich sehr kritisch auf diese Proteste schauen – in einer umfangreichen Studie mit 1200 Anhängern der Querdenker-Bewegung festgestellt, dass „40 Prozent der Teilnehmer:innen unserer Erhebung bei der Bundestagswahl 2017 noch Grüne oder Linke gewählt haben“. Insgesamt gehe es „um eine Bewegung, die eher von links kommt und eine Dynamik nach rechts entwickelt“ (31). In der Auswertung der Studie wird klar, dass Alminger/Nachtwey selber definieren, was rechts an den Querdenkern ist. So behaupten sie, dass „antiautoritäre Verständnis“ der Querdenker-Anhänger (…) kippe teilweise in Verschwörungsdenken“. Für Alminger/Nachtwey ist im Übrigen auch die Kritik an Experten („Auflehnung gegen den Staat und das Expertenwissen“), also höchstwahrscheinlich auch Kritik an ihrer eigenen Expertise, „rechts“. (32)

    Das BSW sollte bundesweit den Mut haben, sich stärker für die sog. Querdenker-Bewegung zu öffnen. Bei den Querdenkern und Querdenker-nahen Gruppen haben viele für die (organisierte) Linke erst einmal verloren gegangene kritische Zeitgenossen einen Ort und ein Forum gefunden, in dem sie sich mit anderen verbinden und gemeinsam Wege aus der Ohnmacht finden konnten, mit der sie in Folge ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung als „Corona-Leugner“ und „Covidioten“ (Saskia Esken) konfrontiert waren. Es wird zu wenig gesehen, dass der Zulauf der AfD – bei Alminger und Nachtwey fällt er als Grund für die „Drift nach rechts“ auch unter den Tisch – viel mit der durch die Corona-Politik erfolgten Spaltung der Bevölkerung zu tun hat. Ein beträchtlicher Teil der Maßnahmen- und Impfgegner rechnen der AfD ihre Haltung zur und ihre Verdienste bei der Aufarbeitung der Corona-Krise hoch an, sind sie doch von allen anderen Parteien (vielleicht mit Ausnahme von Sahra Wagenknecht und sechs weiteren damaligen Linken-Abgeordneten, die sich dem Grundrechteentzug und dem Covid-Impfregime ebenfalls verweigerten) massiv unter Druck gesetzt worden. Sie wählen und unterstützen seitdem die AfD, ohne dass das natürlich heißt, dass sie mit allen anderen Positionen der Partei automatisch einverstanden wären.

    Ein Politikwechsel in Deutschland kann angesichts der verhärteten Situation – Guérot spricht von einer gesellschaftlichen Stasis (Stockung) – nur durch eine Assoziation aller globalisierungskritischen Stimmen, und zwar bis in die AfD hinein, gelingen. Das sollte dem BSW bewusst werden, das ja leider durch die Koalitionen auf Länderebene in Brandenburg mit der SPD und vor allem in Thüringen mit CDU und SPD viel an Glaubwürdigkeit bei den Wählern eingebüßt hat.

    Wenn Wagenknecht sich „selbstverständlich für Gespräche mit der AfD ausspricht“ (33), will sie sicher auch den von der Thüringer Parteispitze um Katja Wolf stark hervorgerufenen Eindruck, man beteilige sich als BSW in erster Linie an der Seite der Altparteien am Kampf gegen die AfD, korrigieren.

    Ein vernünftiger Umgang mit der AfD dürfte mehr als nur eine (eigentlich) republikanische Selbstverständlichkeit sein. In den Zeiten der Stasis wird er zum obersten Gebot der Stunde. Denn eine nicht aufgelöste Stasis könnte sich als das Vorspiel zum Bürgerkrieg entpuppen.

    „Rechts“ ist, das kann man sehr gut an der Brandmauer-Rhetorik ablesen, längst zu einem Voodoo-Begriff geworden, an dem wir, so der Wiener Psychoanalytiker und Bestseller-Autor Raphael Bonelli, erkennen können, dass wir „in einer Tabu-Gesellschaft leben“. Guérot, Bonelli, Wengraf und andere wache Zeitgenossen realisieren, dass die gesellschaftlichen Probleme, die nicht mehr angesprochen werden dürfen, das Ende der Demokratie bedeuten. Denn eine Demokratie, die nur die herrschende Meinung zulässt, ist keine. Erst vor kurzem gingen CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke, Die Partei und Volt in Köln in einem „Fairnessabkommen“ so weit, dass sie sich gegenseitig dazu verpflichteten, sich im Kommunalwahlkampf nur positiv über das Migrationsthema zu äußern (34). Das kommt der Entmündigung des Souveräns gleich. Bleibt daher nurmehr der Schluss: „Wer die Demokratie retten will, muss die Brandmauer beseitigen“ (Guérot). (35)

    Günther Burbach ist zuzustimmen, wenn er die Ablehnung der Brandmauer durch Sahra Wagenknecht als das Ergebnis „strategischer Klarheit“ (36) beurteilt: „Wenn man verhindern will, dass die AfD alleine regiert, muss man mit ihr reden.“ Neben der Absage an die Kriegspolitik und den Konfrontationskurs gegen Russland, für die CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP und, mit Einschränkung, auch die Linkspartei stehen, sind es besonders die Felder der Energiepolitik, der Corona-Aufarbeitung und der Migrationspolitik, auf denen Berührungspunkte zwischen BSW und AfD sichtbar werden. Das Ausloten konkreter Gemeinsamkeiten könnte den Menschen laut Burbach bei einem diesbezüglich klaren Handeln des BSW das Signal geben: „Wir sehen euch. Wir hören euch. Wir nehmen euch ernst“.

    Freilich sollte auch das BSW für sich noch einige Fragen klären und wäre gut beraten, die Entscheidungen darüber nicht auf die allzu lange Bank zu schieben.

    Die Gretchenfrage dabei dürfte sein: „Wie hältst du’s mit der Neutralität?“

    Der neue Jugendverband der Partei (JSW) ging mit gutem Beispiel schon einmal voran und beschloss auf seinem Gründungskongress im Juli in Bochum: „Eine neutrale Bundesrepublik soll als Weiterführung der Ideen der Mutterpartei ein Ziel des Jugendverbandes des BSW sein“. Es wird „eine vermittelnde Rolle der Bundesrepublik in den Konflikten der Welt und der Einsatz für Völkerfreundschaft und Verständigung“ gefordert. BSW-Politikerin Sevim Dagdelen sprach danach im Overton-Magazin von einem „wegweisenden Beschluss“, da anders, so Dagdelen die „Rettung der Bevölkerung kaum gelingen“ werde. (37)

    Vor diesem Hintergrund muss auch noch erwähnt werden, dass sich sicher mehr gemeinsame Ansatzpunkte zwischen BSW und AfD finden lassen, wenn letztere mehr von der politischen Linie Tino Chrupallas und weniger von der Alice Weidels bestimmt würde.

    Was schließlich die Vorwürfe gegenüber einer Gesprächsoffenheit des BSW zur AfD angeht, so ist darauf zu antworten: Weit realistischer als anzunehmen, dass die AfD die neue NSDAP sei (ein die NSDAP verharmlosender Vergleich, auch wenn sich „Unsere Demokratie“ und der Verfassungsschutz auf Weisung der Altparteien noch so sehr bemühen mögen, ein anderes Bild zu erzeugen – ein Verfassungsschutz im Übrigen, der selbst tief in rechte Netzwerke und ihre kriminellen Machenschaften verstrickt ist), könnte Blackrock-Merz – sofern er bei seiner kompromisslosen Politik gegenüber Russland bleibt und die Militarisierung der deutschen Gesellschaft à tout prix weiter vorantreibt – ein neuer und sogar noch gefährlicherer Brüning sein, – gefährlicher, da er nicht aufhört, mit Deutschlands Atomtod zu spielen.

    Transparenzhinweis: Der Autor ist Mitglied des BSW.

    Anmerkungen

    1) „Mit dem Begriff der Global Governance werden alle politischen Entscheidungs-und Umsetzungsmechanismen und -prozeduren auf globaler Ebene bezeichnet, die dem Geist und der Form nach im Rahmen der sog. Public Private Partnership (PPP) ablaufen. Akteure der Global Governance sind nationale Regierungen, internationale (z.B. UNO, Weltwirtschaftsforum, Weltbank) und regional internationale Organisationen (z.B. die EU), multinationale Unternehmen, NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen aus der sog. Zivilgesellschaft, die durch die Politik selektiv gefördert werden, Think Tanks, Stiftungen), Interessenverbände, einflussreiche Lobbyorganisationen und Medien, außerdem Kirchen, religiöse bzw. weltanschauliche Gruppen.“ https://www.bpb.de/veranstaltungen/netzwerke/teamglobal/67457/global-governance.

    2) Zur besseren Unterscheidung könnte man auch von einer staatstreuen versus einer herrschaftskritischen und emanzipatorischen Linken sprechen.

    3) So ermöglichte die Linkspartei durch ihre Untätigkeit erst, dass der abgewählte Bundestag noch ganz kurz vor der dafür hinausgeschobenen Konstituierung des neuen im Februar gewählten Bundestages, die Grundgesetzänderungen zur Schuldenbremse beschloss, den Weg zum schuldenfinanzierten 800 Milliarden-Aufrüstungspaket bahnte. Diese
    beispiellose Aufrüstung wird eine massive Verarmung Deutschlands und ein weiteres Erodieren der Mittelschicht im Gefolge haben.

    4) https://yoice.net/benito-mussolini-faschismus-sollte-korporatismus-heissen

    5) Häring, Endspiel des Kapitalismus, Köln 2021, S.11.

    6) Ebd.

    7) Ebd., S.21.

    8) Drosten wechselte im Frühjahr 2020 seine Meinung zur Nützlichkeit der Masken innerhalb von knapp drei Wochen, erstaunlich in einer für Virologen so wichtigen Frage: https://www.focus.de/gesundheit/news/virologe-drosten-virologe-masken-sind-tatsaechlich-sinnvoll-aber-nur-unter-wic, 23.03.2020. https://www.focus.de/gesundheit/news/maskenpflicht-in-deutschland-studie-liefert-laut-virologe-drosten-neue-argumen, 10.04.2020

    9) https://www.merkur.de/politik/corona-inzidenz-hamburg-geimpfte-ungeimpfte-senat-tschentscher-kubicki-zr-911, 19. Dezember 2021.
    https://www.welt.de/politik/deutschland/article235803198/Geimpfte-und-Ungeimpfte-Falsche-Covid-Zahlen-Amtspraesident-in-Bayern-wird-vers, 21.12.2021.

    10) Siehe Alexander Kekulés Kritik am „Weltklassevirologen“ Christian Drosten: https://www.focus.de/corona-virus/drosten-und-die-laborthese-was-bei-unserer-corona-aufklaerung-gerade-schieflae, 19.03.2025.

    11) Elena Loisa Lange, https://www.achgut.com/artikel/die_rueckkehr_desdoublethink, 29.08.2022.

    https://www.achgut.com/artikel/die_rueckkehr_desdoublethink, 29.08.2022.

    12) Hannah Arendt, Wahrheit und Politik, Berlin 2006, S.22.

    13) Ulrike Guérot, Zeitenwenden. Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart, Frankfurt/M. 2025, S. 88.

    14) Joshua Pickett-Depaolis, Elena Louisa Lange, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1162887.marxismus-die-konformistische-rebellion.html, 04.2022.

    15) Michael Wengraf, Die rechte Revolution. Veränderte ein Masterplan die Welt, Kassel 2020, S.216 f.

    16) Ebd.

    17) Während bei der Bundestagswahl 2025 37 Prozent (plus 17 Prozent gegenüber der Wahl 2021) der Arbeiter die AfD wählten, aber nur 12 Prozent die SPD (minus 14 Prozent) und 8 Prozent der Arbeiter die Linke gewählt hat. https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/bundestagswahl-polarisierte-erstwaehler-in-der-wahlanalyse,UdePYRT, 23.02.2025.

    18) Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1979.

    19) Hans-Joachim Maatz, Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm, München 2014.

    20) Tove Soiland, Ein postideologischer Totalitarismus, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1162247.die-linke-und-corona-ein-postideologischer-totalitarismus.html, 18.03.2022.

    21) Ebd.

    22) Ebd.

    23) Die Linke tritt für die Stärkung der WHO ein: https://www.krankenkasseninfo.de/ratgeber/interviews/62114/gesundheitspolitik-der-parteien-die-linke.html, 14.02.2025. Sie unterstützt auch die Reform der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV), die der WHO wiederum weitreichende Befugnisse geben würde, Pandemien auszurufen und den Staaten Grundrechtseinschränkungen zu empfehlen.

    24) Bernd Stegemann, Identitätspolitik, Berlin 2022, S.10 f.

    25) Rudolph Bauer, Vernunft in Quarantäne, Bergkamen 2021, zitiert nach Daniel Sandmann, Das Karzinom des Kapitalismus, http://nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27476, 09.06.2021.

    26) Wilfried Schwetz, Zur Psychologie des Mitläufers:Ein Versuch über linkes Mitläufertum auf einen Text von Peter Brückner, https://magma-magazin.su/2023/04/wilfried-schwetz/zur-psychologie-des-mitlaeufers-ein-versuch-ueber-linkes-mitlaeufertum-auf-einen-text-von-peter-brueckner/,07.04.2023.

    27) Ulrike Guérot, Wer schweigt, stimmt zu. Über den Zustand unserer Zeit und darüber, wie wir leben wollen, Frankfurt/M. 2022, S.88.

    28) Norbert Häring, Endspiel des Kapitalismus, Taschenbuch-Ausgabe, Köln 2022, Vorwort S.18 f.

    29) https://www.gew-ansbach.de/2024/10/plaedoyer-fuer-eine-neue-aufklaerung-2, 14.10.2024.

    30) Im Fall des wegen seiner Kritik an der Corona-Politik geschassten bayerischen Gesundheitsamtsleiters Friedrich Pürner ist der Versuch nach nur einem Jahr gescheitert: Pürner trat kurz vor der Bundestagswahl aus dem BSW mit harscher Kritik an Teilen des Parteivorstandes aus. Auch hier sollten die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden, und zwar möglichst ohne Ansehen der Personen.

    31) https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/carolin-amlinger-und-oliver-nachtwey-eine-bewegung-von-links-mit-drift-nach-recht, 31.10. Siehe auch: https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/coronademos-rechte-verfassungschutz-100.html, 22.01.2022.

    32) Interview der Frankfurter Rundschau mit Amlinger und Nachtwey, a.a.O. –Adorno erörterte solche Selbstimmunisierung vor Kritik im Kontext der „Verwissenschaftlichung von Lebenspraxis“ und beschrieb sie als Symptom des Abfalls der Zivilisation von der Aufklärung in die Technokratie.

    33) https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bsw-sahra-wagenknecht-zeigt-sich-offen-fuer-gespraeche-mit-afd-im-bund-a-f4a, 04.07.2025.

    34) https://www.welt.de/politik/deutschland/article68adce1cd6fbb97dca47ac9e/NRW-Kommunalwahl-Sieben-Parteien-unterschreiben-in-Koeln-Fairness-Abkommen-ohne, 26.08.2025.

    35) Ulrike Guérot, Zeitenwenden. Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart, Frankfurt/M. 2025, S.93.

    36) https://free21.org/systembruch-oder-rettung-warum-wagenknechts-vorstoss-kein-tabu-sein-darf, 26.08.2025

    37) Sevim Dagdelen, Brückenkopf Europa, https://overton-magazin.de/kolumnen/dagdelen-direkt/brueckenkopf-europa, 30.07.2025.
    Bernd Schoepe

    Bernd Schoepe (Jahrgang 1965), freier Autor, ist langjähriges aktives GEW-Betriebsgruppen-Mitglied, ehem. Vertrauensmann und Mitglied der Hamburger Lehrerkammer. Hauptberuflich arbeitet er als Deutsch-, Politik-und Philosophielehrer an einer Stadtteilschule und ist seit 2003 im Hamburger Schuldienst. Zusammen mit dem Rechtsanwalt und Autor Sebastian Lucenti, den Pädagogen Stefanie Raysz und Alexander Wittenstein und dem Professor für Kinderpolitik Dr. Michael Klundt, gehört er zu den Gründungsmitgliedern des Netzwerkes für die pädagogische Aufarbeitung der Corona-Zeit. Nähere Informationen zum Netzwerk findet man hier: https://padlet.com/netzwerkaufarbeitung/netzwerk-p-dagogische-aufarbeitung-der-corona-zeit-kow5p1819im4so0l

    #Allemagne #politique #gauche

  • Die Linke und Palästina
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193738.linkspartei-die-linke-und-palaestina.html

    Parteimitglieder mit Kufiya auf dem Bundesparteitag der Linken in Chemnitz im Mai 2025. Foto : dpa

    Le parti Die Linke n’a pas de position évidente par rappirt à la situation en Palestine. Ses membres berlinois les mieux connus de l"aile « socialisme démocratique » ont quitté le parti car ils ne considèrent pas la déclaration de Jérusalem comme assez anti-antisemite. D’ailleurs ce n’est pas mieux avec la guerre en Ukraine. On est loin des positions de Liebknecht et Luxemburg.

    2.9.2025 von Patrick Lempges - Zwischen Antisemitismusvorwurf und ungenügender Palästina-Solidarität

    Kein Thema hat die deutsche Linke so lange begleitet und gespalten wie das Themenfeld Palästina und Antisemitismus – seit Jahrzehnten entzünden sich immer wieder dieselben Debatten. Mit Beginn des Gaza-Krieges am 7. Oktober 2023 hat die Auseinandersetzung eine neue Aktualität erhalten. Seitdem steht die Partei Die Linke regelmäßig im Fokus öffentlicher Diskussionen – stets verbunden mit dem Vorwurf des Antisemitismus auf der einen oder ungenügender Palästina-Solidarität auf der anderen Seite.

    Zu ersten heftigen Auseinandersetzungen nach Beginn des Krieges in der Linkspartei kam es auf dem Landesparteitag der Berliner Linken am 11. Oktober 2024. Ein Antrag des israel-solidarischen Flügels um Ex-Kultursenator Klaus Lederer, der Antisemitismus verurteilte und Solidarität mit den israelischen Opfern des Hamas-Angriffs betonte, sollte ergänzt werden, um auch palästinensische Opfer und anti-palästinensischen Rassismus zu berücksichtigen. Als diese Änderungen auf dem Parteitag eine Mehrheit fanden, zog Lederer seinen Antrag zurück und verließ mit Petra Pau, Elke Breitenbach und weiteren Delegierten unter Protest den Saal.

    Was folgte, waren massive Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Linke. Währenddessen versuchte die Parteispitze die Lage zu beruhigen. Auf dem Bundesparteitag vom 18. bis 20. Oktober in Halle/Saale wurde ein im Bundesvorstand erarbeiteter, breit getragener Kompromiss beschlossen, in dem Solidarität mit den Opfern auf beiden Seiten bekundet und betont wurde, dass antisemitische und rassistische Positionen keinen Platz in der Partei haben dürfen. Drei Tage später, am 23. Oktober 2024, traten prominente Parteimitglieder mit Lederer aus der Partei aus. Die Begründung: Die Linke stelle sich nicht entschlossen gegen Antisemitismus.

    Im Dezember 2024 wurde Ramsis Kilani, trotzkistisches Basis-Mitglied aus Neukölln und palästinensischer Aktivist, wegen »parteischädigenden Verhaltens« aus der Partei ausgeschlossen. Ihm wurde außerdem die »Verherrlichung« der Hamas vorgeworfen. Bekannt wurde Kilani durch einen Schlagabtausch mit Petra Pau auf »X« zur Situation auf dem Berliner Landesparteitag. Teile der Palästina-Solidaritätsbewegung stellten sich hinter Kilani.

    Für Antisemitismusvorwürfe sorgte am 6. Mai auch ein auf »X« gepostetes Bild vom Parteivorstandsmitglied Ulrike Eifler. Neben dem Spruch »All United for a free Palestine« waren grüne, rote und weiße Hände in der Form Israel-Palästinas abgebildet. Der Parteivorstand distanzierte sich am 8. Mai 2025 in einem Beschluss von »jedweder bildlichen Darstellung«, die »die Auslöschung Israels propagiert« und bekannte sich zum Existenzrecht Israels. Eifler betonte, eine solche Lesart nicht zu teilen.

    Tags darauf, beim Bundesparteitag in Chemnitz, beschlossen die Delegierten, die »Jerusalemer Erklärung« als Grundlage für die Antisemitismusdefinition innerhalb der Linken zu übernehmen – als Alternative zur umstrittenen IHRA-Definition, die genutzt werde, um Kritik an Israel zu delegitimieren. Auch dieser Schritt führte zu Antisemitismusvorwürfen.

    Der jüngste Anlass für Kritik war ein Solidaritätsfest der Linken in Berlin-Neukölln »für die Menschen in Gaza« am 9. August unter dem Titel »Neukölln steht zusammen für die Menschen in Palästina«. Die Teilnahme des »Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees« führte erneut zu Vorwürfen, denn dem Komitee wird im Verfassungsschutzbericht eine Nähe zur Hamas vorgeworfen. Die Parteispitzen distanzierten sich von den Neuköllnern.

    In diesem Kontext findet am 27. September die Demonstration »Zusammen für Gaza« samt Kundgebung »All Eyes on Gaza« in Berlin statt, zu der die Linke mobilisiert und an deren Organisation sie beteiligt ist. Die bereits im Juni angekündigte und auf September verschobene Veranstaltung gilt vielen als Gradmesser der Palästina-Solidarität der Linken – einer Partei, die sich seit Monaten im Spagat übt. Palästina-Solidarische Arbeitsgruppen werfen ihr mangelnde Unterstützung vor, israel-solidarische sehen antisemitische Tendenzen. Gleichzeitig wächst der Druck von außen. Dass die Linke dennoch einen Konsens für die Veranstaltung gefunden hat, zeigt, dass sie fähig ist, eine universalistische und menschenrechtsgeleitete Position zum Krieg in Gaza zu vertreten.

    #Allemagne #gauche #Palestine

  • Klimabilanz der Luftfahrt : Die Streifen müssen weg
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193784.flugverkehr-klimabilanz-der-luftfahrt-die-streifen-muessen-weg.ht

    Bei Kälte und hoher Luftfeuchtigkeit entstehen besonders häufig Kondensstreifen. Foto : IMAGO/ActionPictures

    Les trainées de condensation contribuent à l’effet climatique de l’aviation. De nouvelles études scientifiques proposent des procédés pour réduire leur apparition.

    4.9.2025 vin Frank Littek - Durch veränderte Flugrouten und neue Kraftstoffe ließe sich die Klimabilanz der Luftfahrt verbessern

    Fliegen Verkehrsflugzeuge bei strahlend blauem Himmel in großer Höhe, bilden sich hinter den Maschinen häufig weiße Streifen, die noch lange zu sehen sind. Die so entstandenen Kondensstreifen können in Höhen von acht bis zwölf Kilometern mehrere Stunden bestehen. Mit der Zeit bilden sie hohe Wolken, die als Kondensstreifen-Zirren bezeichnet werden. Diese setzen sich aus winzigen Eiskristallen zusammen und sind besonders klimawirksam.

    CO2 gilt nach landläufiger Ansicht auch im Luftverkehr als Hauptfaktor für den Anteil des Menschen am Klimawandel. Aber das ist gar nicht so – wie schon 2020 eine umfangreiche internationale Studie der Manchester Metropolitan University unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ergeben hat. Grundsätzlich hat demnach die globale Luftfahrt einen Anteil von 3,5 Prozent an der menschengemachten Klimaerwärmung. Aber nur ein Drittel der Klimawirkung des Luftverkehrs beruht auf CO2-Emissionen. Zwei Drittel entfallen auf sogenannte Nicht-CO2-Effekte. Dazu gehören unter anderem Ozon, Aerosole, Stickoxide und Kondensstreifen. Diese – und die sich daraus entwickelnden Kondensstreifen-Zirren haben dabei den größten Anteil. Daraus folgt: Wer die klimaschädliche Wirkung des Luftverkehrs reduzieren will, hat bei Kondensstreifen dazu den größten Hebel.
    Kälte plus Luftfeuchtigkeit

    Wie entstehen Kondensstreifen? Dazu ist eine Kombination von tiefen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit nötig, das sogenannte Schmidt-Appleman-Kriterium. Die Temperatur muss zwischen Minus 35 und 55 Grad Celsius liegen. Gleichzeitig darf die Luft nicht zu trocken sein, weil sich die Kondensstreifen sonst schnell wieder auflösen. Verbrennt Kerosin in Düsentriebwerken, entstehen pro Kilogramm Treibstoff 1,23 Kilogramm Wasserdampf, 3,15 Kilogramm CO2 – und Myriaden winziger Rußpartikel. Verlassen diese das Triebwerk, verklumpen sie schnell und bilden Kondensationskeime für kleine, unterkühlte Wassertropfen. Diese gefrieren zu Eiskristallen. Hinter dem Flugzeug bilden sich Kondensstreifen und werden von den dort vorhandenen Wirbeln in die Breite gezogen.

    Das DLR forscht seit Jahren international federführend an möglichen Lösungen. Grundsätzlich lassen sich Kondensstreifen und damit ihre klimaschädliche Wirkung auf zwei Wegen deutlich reduzieren.

    Sustainable Aviation Fuel

    Fachleute unterteilen grob drei Generationen nachhaltigen Kerosins. Zur ersten gehören Kraftstoffe, die aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen erzeugt wurden. Die zweite beinhaltet Kerosin, dessen Ausgangsstoff sowohl pflanzliche als auch tierische Altöle und -fette sind. Dazu gehört gebrauchtes Fett aus Fritteusen. Zur dritten Generation gehört E-Fuel. Es wird synthetisch produziert und den sogenannten Power-to-Liquid-Kraftstoffen zugerechnet, die aus Wasser, Ökostrom und CO2 hergestellt werden.

    Ein Lösungsansatz liegt in der Optimierung der Flugrouten, sodass die Maschinen möglichst viel unter Umgebungsbedingungen fliegen, die die Entstehung von Kondensstreifen gar nicht erst möglich machen. Das ist nicht nur Theorie, sondern funktioniert auch in der Praxis. DLR und das Maastricht Upper Area Control Centre (MUAC) haben gemeinsam nachgewiesen, dass sich langlebige Kondensstreifen durch vergleichsweise kleine Veränderungen der Flughöhe vermeiden lassen. Entsprechende Testflüge fanden während der Corona-Pandemie statt, in der der Luftverkehr weltweit drastisch eingeschränkt war. Das bot ideale Bedingungen für Analysen im oberen Luftraum über den Benelux-Staaten und Nordwestdeutschland.

    Sagten die Wetterberichte langlebige Kondensstreifen voraus, wurden die Maschinen bei den Testflügen um rund 600 Meter nach oben oder unten umgeleitet. An anderen Tagen mit diesen Bedingungen flogen die Flugzeuge ohne Eingriff in die Flughöhe. Per Satellit wurden die Ergebnisse aus großer Höhe überwacht, vergleichbar gemacht und dokumentiert. Und tatsächlich ergaben die Versuche eine deutliche Verringerung der Kondensstreifen-Bildung durch die Flughöhenanpassung.
    Änderung der Flughöhe lohnt sich

    Noch sind Fragen offen: So sind zur Veränderung der Flughöhe oft Steigflüge nötig. Dadurch verbraucht das Flugzeug etwas mehr Kerosin und erzeugt mehr CO2. Der Nachteil dadurch sollte geringer sein als der Vorteil durch die verminderte Kondensstreifenbildung. Weiter muss sicher sein, dass die Veränderung von Flughöhen und -routen weder die Sicherheit noch die Kapazität des Luftraums beschränkt. Geklärt werden diese Fragen unter anderem im Forschungsprojekt D-Kult. Die Abkürzung steht für Demonstrator Klima- und Umweltfreundlicher Lufttransport. Daran arbeiten unter anderem das DLR, der Deutsche Wetterdienst, die Deutsche Flugsicherung, Fluggesellschaften und IT-Dienstleister.

    Kondensstreifen-Zirren setzen sich aus winzigen Eiskristallen zusammen und sind besonders klimawirksam.

    Die Fluggesellschaft Etihad hat bereits am 23. Oktober 2023 gezeigt, dass sich auch im Alltagsbetrieb Flüge durchführen lassen, bei denen Flughöhe und -route hinsichtlich Kondensstreifenbildung optimiert sind. An diesem Tag führte Flug EY20 der Airline von London nach Abu Dhabi. Airline-Mitarbeiter hatten in Zusammenarbeit mit dem britischen Unternehmen SATAVIA Regionen in der Atmosphäre identifiziert, in denen die Bildung von Kondensstreifen zu erwarten war und die Flugroute entsprechend angepasst. Ergebnis des Fluges: Aufgrund der leicht veränderten Route entstand ein Mehrverbrauch von 100 Kilogramm Kerosin. Das entspricht nach Angaben der Airline 0,48 Tonnen CO2. Rechnerisch wurden so bei diesem Flug 64 Tonnen CO2 eingespart.

    Der andere Ansatz zur Reduzierung der Kondensstreifen besteht in der Verminderung der Rußpartikel im Kerosin. Je weniger Ruß vorhanden ist, umso weniger Eis bildet sich im Abgasstrahl und umso kleiner sind die Kondensstreifen. Kerosin wird aus Rohöl hergestellt. Neben verschiedenen Kohlenwasserstoffen wie Paraffinen oder Cycloparaffinen enthält Kerosin ringförmige Kohlenwasserstoffe. Fachleute sprechen auch von Aromaten. Diese »verursachen bei ihrer Verbrennung mehr Rußpartikel als kurzkettige Kohlenwasserstoffe«, wie Patrick Le Clercq vom DLR-Institut für Verbrennungstechnik in Stuttgart erklärt. Wäre es möglich, Kerosin ohne ringförmige Kohlenwasserstoffe herzustellen, ließe sich die Bildung von Rußpartikeln im Abgas von Flugzeugen deutlich reduzieren.

    Genau das ist machbar. Und es funktioniert nicht nur in der Theorie. Solches Kerosin gibt es bereits. Es wird als Sustainable Aviation Fuel (SAF) bezeichnet und aus regenerativen Quellen hergestellt. Dazu bedarf es keines Erdöls. SAF hat einen geringeren CO2-Fußabdruck als das herkömmlich erzeugte Kerosin.
    Weniger Ruß durch Treibstoffwechsel

    SAF lässt sich auf unterschiedliche Arten herstellen. In vielen Fällen wird es aus Abfällen produziert, in anderen aus Pflanzen. Bei aktuellsten Verfahren wird SAF aus regenerativen Energien zum Beispiel mithilfe von Windstrom gewonnenem »grünem« Wasserstoff hergestellt – und als E-Fuel bezeichnet. »Alle diese nachhaltigen Kraftstoffe haben gemeinsam, dass sie ohne zyklische Kohlenwasserstoffe, sogenannte Aromate, produziert werden können«, erläutert Patrick Le Clercq. »Weniger Aromate im Kraftstoff bedeutet weniger Ruß in den Emissionen und damit weniger Eiskristalle in den Kondensstreifen. Damit verringern nachhaltige Kraftstoffe die beiden größten klimaerwärmenden Effekte der Luftfahrt, Kondensstreifen und den CO2-Fußabdruck.«

    Wachstum frisst Effizienzgewinne

    Der Passagierflugverkehr ist nach Angaben der International Air Transport Association IATA im Jahr 2024 erstmals auf ein größeres Volumen als im letzten Jahr vor der Corona-Pandemie gewachsen. Gemessen in Fluggastkilometern waren dies 3,8 Prozent mehr als 2019. Für 2025 wird ein weiteres Wachstum erwartet. Laut einer Auswertung des Unternehmens atmosfair von 2024 reichen bisherige Effizienzverbesserungen nicht aus, um das Wachstum des Flugverkehrs zu kompensieren. Dafür wäre eine ...

    Bereits 2018 hat das DLR zusammen mit der US-Weltraumbehörde Nasa Flugversuche zu diesem Thema durchgeführt. Dabei wurde ein Airbus zum einen mit herkömmlichem Kerosin betankt, zum anderen mit einer 50-50-Mischung von Kerosin und SAF. Die Versuche wurden vom DLR fortgeführt und schließlich ein Testflugzeug mit 100 Prozent SAF betankt. Als Referenz diente die Betankung mit 100 Prozent herkömmlichem Kerosin. Wie schon bei den Versuchen zuvor, folgte ein Messflugzeug. Die Ergebnisse dieser Flüge wurden kürzlich veröffentlicht. Sie zeigen einen kleineren Ausstoß von Rußpartikeln und eine um 56 Prozent geringere Anzahl an Eiskristallen in Kondensstreifen. Das führte zu einer Reduzierung der Klimawirkung von Kondensstreifen um 26 Prozent, wie das DLR in globalen Klimamodell-Simulationen errechnet hat.
    Beimischungspflicht ab 2030

    Der nächste Schritt wäre es jetzt, SAF in großem Maßstab im kommerziellen Luftverkehr einzusetzen. Bisher dürfen die neuen Kraftstoffe nur gemischt mit Kerosin zum Einsatz kommen. Bis zu 50 Prozent dürfen es sein. Solche Mengen sind aber aktuell noch nicht am Markt verfügbar. Das soll sich in Zukunft ändern und der SAF-Anteil bei Flügen in Europa schrittweise steigen. Ab 2030 ist eine Beimischung von fünf Prozent SAF gesetzlich vorgeschrieben. 2050 sollen es 63 Prozent sein.

    Durch SAF lassen sich Kondensstreifen stark vermindern. Wenn dann noch die Flugrouten optimiert werden, dazu noch der ohnehin geringere CO2-Fußabdruck des SAF kommt und der geringere CO2-Ausstoß durch den technischen Fortschritt in Form zum Beispiel der Einführung moderner Triebwerke, ist der klimaerwärmende Effekt der Luftfahrt schon deutlich reduziert. Das soll eine Brücke schaffen, bis Elektroantriebe auf extremen Kurzstrecken und grüner Wasserstoff oder E-Fuel für den Antrieb auch auf längeren Strecken in ausreichender Menge zur Verfügung stehen.

    #climat #aviation #science

  • Bad Kleinen und die Gewalt der Nachwendezeit
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/825705.bad-kleinen-und-die-gewalt-der-nachwendezeit.html

    On ne saura jamais qui a tué Wolfgang Grams ni si c’est lui qui a tué un policier #GSG9 ou si le fonctionnaire a été abattu par une balle perdue de ses collègues. Il n’y a pas eu de documentation complète et les témoins sont parti prenante, le procureur fédéral compétent un fanatique sécuritaire de droite, et de toute manière le terrorisme #RAF et les interventions de police contre sont comme des histoires du j’ardin d’enfants policier quand on les compare saec les attentats et complots qu’on nous sert tous les soirs dans le journal de vingt heures.

    Pourtant il y a un élément à retenir de ces conneries historiques : la contre-révolution exécutée par l’Allemagnet capitaliste sur l’ancien territoire de l’état socialiste allemand n’a pas été réalisée sans faire couler du sang même si ce n’était pas un fleuve d’érythrocytes comme d’habitude. Ce n’est que maintenant que les écluses de sang capitalistes commencent à s’ouvrir vraiment.

    27.6.2013 von Velten Schäfer - Der Vorfall auf dem Bahnhof von Bad Kleinen sorgte einst für große Nervosität in Bonn. Nach der desaströsen Polizeiaktion gegen die RAF drohte eine tiefe Vertrauenskrise. Heute ist die Affäre weitgehend vergessen - wie so viele Details aus den gewalttätigen Jahren nach der »friedlichen Revolution«.

    Was und wie genau am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen geschehen ist, wird sich nicht mehr feststellen lassen. Zu fragwürdig ist die Causa von Anfang an. Ausgerechnet von den entscheidenden Szenen der Polizeiaktion existierte keine Videoaufnahme, Spuren an Wänden wurden flugs übertüncht. Nicht einmal die Patronenhülsen waren offenbar gesichert worden nach einer generalstabsmäßigen Aktion mit Dutzenden Beteiligten aus GSG 9, BKA und Polizeidiensten - und die Beamten wurden erst eine Woche später vernommen. Eine Zivilkammer des Bonner Landgerichts hat befunden, dass der Fall nicht mehr zu entscheiden sei.

    Die Version, die sich am Ende durchsetzte, lautet wie folgt: Der RAF-Militante Wolfgang Grams habe sich, nachdem er angeschossen auf die Bahngleise gestürzt sei, mit seiner Pistole - Typ Ceska, neun Millimeter - »selbst gerichtet«, wie sich die »Welt« einst ausdrückte. Gegenläufige Darstellungen, etwa der berühmten Kioskbesitzerin, die von der Erschießung eines Hilflosen berichtet hatte, wurden nach langen Ermittlungen »widerlegt«. Heute ist der Selbstmord kanonisiert. Der Autor Oliver Tolmein, der in »Konkret« von einer »Todesschwadron« geschrieben hatte, wurde wegen Beleidigung verklagt, der Journalist Hans Leyendecker, der im »Spiegel« zunächst den Selbstmord bezweifelt hatte, ließ sich vom Gegenteil überzeugen. Vor einigen Jahren hat er seine Berichterstattung als Fehler bezeichnet. Er habe sich damals verrannt, sagte er.

    Bis sich diese Auffassung durchsetzte, verging 1993 allerdings einige Zeit, während der die Öffentlichkeit von einer Art Hinrichtung Grams’ durch die Kameraden des tödlich getroffenen GSG-9-Beamten ausging. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der einige Jahre später mit seinem Versuch auffiel, die FDP in eine Stahlhelm-Partei zu verwandeln, hatte sich bei der Darstellung des Vorfalles mehrfach so krass widersprochen, dass die Bundesanwaltschaft ein Glaubwürdigkeitsproblem bekam.

    Erstaunlicher ist im Nachhinein, dass der Kohl-Vertraute und Innenminister Rudolf Seiters (CDU) sogar noch vor dem Chef-verfolger sein Amt verlor. Rückblickend scheint das etwas voreilig - doch zeitgenössisch war der Schritt wohl unumgänglich. Seiters sagte später, sein Rücktritt habe einer Entfremdung von Bürger und Staat vorbeugen sollen; die »Welt« schrieb noch zum 15. Jahrestag des Vorfalls, damals sei das »Vertrauen in den Rechtsstaat« nachhaltig beschädigt gewesen. Darüber hinaus galt die Sorge vor allem dem Ansehen im Ausland, wie schon bei den rassistischen Attacken der Nachwendezeit.

    Nur wer »Bad Kleinen« mit »Rostock«, mit »Solingen« und »Hoyerswerda« zusammendenkt, versteht die Nervosität, die vor 20 Jahren in Bonn vorherrschte und die Seiters sowie die damalige und heutige Justizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger (FDP) nach Eigenauskunft tagelang kaum schlafen ließ: Ein Innenminister, der noch am Tag der Rostocker Brandstiftungen rund ein Jahr vor Bad Kleinen zu Konsequenzen gegen den »Asylmissbrauch« aufrief und ein oberster Strafverfolger, der standhaft den rechten Hintergrund des Solinger Anschlages in Abrede stellte, waren ohnehin bereits Futter für die »Viertes-Reich«-Karikaturen im Ausland. Nach der vermeintlichen Exzesstat des Staates in Bad Kleinen war auch innenpolitisch das Maß voll. Es stand nach der Aktion aus Regierungssicht nicht weniger im Raum als die Gefahr, dass sich Teile des Millionenpotenzials, das die Lichterketten und auch die Asylkampagne in den Monaten zuvor mobilisiert hatten, ernsthaft politisieren und vom Staat abwenden könnten.

    Seiters und Stahls politisches Ende sollte das verhindern und einen Schlussstrich unter die Jahre der Gewalt nach der Wende signalisieren. Deutschland brauchte dringend »Normalität«. Dass sich die Bad-Kleinen-Geschichte im Nachhinein entkräften ließ, verschaffte Seiters Nachfolger beste Startbedingungen und Kohl seine letzte Regierungsperiode.

    Nachdem sich der tiefe Abgrund, den Bad Kleinen zunächst eröffnet hatte, als eine optische Täuschung hatte entlarven lassen, erschien Business as Usual als so herrlich »normal«. Eine mentalitätsgeschichtlich ganz ähnliche Funktion hatte drei Jahre später der Brandanschlag von Lübeck: Auch hier ging die Öffentlichkeit zunächst von einem rassistischen Angriff aus. Doch die Staatsanwälte klagten am Ende einen libanesischen Bewohner des Hauses an, der in zwei skandalösen Prozessen einen nur zweitklassigen Freispruch erhielt. Die eigentlichen Täter sind bis heute nicht ermittelt - und der Vorfall ist, wie der in Bad Kleinen, weitgehend vergessen im coolen Deutschland der Jetztzeit, das sich nach einer wohl halbwegs zuverlässigen BBC-Umfrage zum weltweit angesehensten Staat gemausert hat.

    #Allemagne #histoire #police #terrorisme #RAF

  • Drei Tage im September
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193821.tuerkei-drei-tage-im-september.html

    Plünderungen und Zerstörungswahn im griechischen Viertel von Istanbul, September 1955. Foto: Wikipedia

    Aujourd’hui il y a 70 an les Turcs éliminent la minorité grèque dans la nuit de cristal d’Istambul.

    5.9.2025 von Stefan Berkholz - Vor 70 Jahren: Die Vertreibung der griechischen Minderheit aus Istanbul

    Der Schriftsteller Petros Markaris war siebzehn, als es zu den blutigen Überfällen auf ethnische Minderheiten in Istanbul kam. Markaris wohnte während der Krawalle am 6. und 7. September 1955 auf der Insel Heybeliada (auf Griechisch Chalki). Dort hatten seine Eltern ein Sommerhaus. Auf der Insel lebte »eine bunte Mischung von kleinbürgerlichen Sommerfrischlern, Griechen, Armenier und Juden«, heißt es in seinen Erinnerungen »Wiederholungstäter« (2008). Sein Vater war Armenier, seine Mutter Griechin. Auf der Insel sei es ruhig geblieben, erinnert sich der Schriftsteller, »die Prinzeninseln wurden von den Krawallen verschont«. Doch sein Vater sei alarmiert gewesen und am nächsten Morgen nach Istanbul gefahren, »um festzustellen, ob sein Büro und unsere Wohnung attackiert worden waren«. Dort war soweit alles in Ordnung, aber die Stadt: ein Trümmerhaufen.

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    Markaris fährt einen Tag später nach Istanbul und sieht »das Ausmaß des Desasters. Die Hälfte der Geschäfte auf der zentralen Einkaufsstraße im Zentrum Istanbuls, in Beyoglu, war völlig zerstört«. Eine Woche später fängt die Schule wieder an. Seine türkischen Mitschüler verlieren kein Wort über die Pogrome. Nur eine junge Lehrerin, die türkische Literatur unterrichtet, sei in einer Pause zu ihm gekommen und habe geflüstert: »Ich werde dir nur eines sagen. Ich schäme mich!«
    Nächte der Schande

    Der türkische Journalist Can Dündar, seit 2016 im Berliner Exil, fasst in seinem Geschichtsabriss »Die rissige Brücke über den Bosporus. Ein Jahrhundert Türkische Republik und der Westen« (2023) einige Daten zusammen: In der Nacht zum 6. September 1955 sei ein Sprengsatz in den Garten des Geburtshauses des Republikgründers Atatürk in Saloniki geworfen worden. Keine große Sache, eher eine symbolische Attacke, ein paar Scheiben gingen zu Bruch. Später kam heraus, dass der Täter Verbindungen zum türkischen Geheimdienst hat und ein beteiligter türkischer Brigadegeneral spricht vom »Sonderkrieg«.

    »Die damalige türkische Regierung unter Adnan Menderes beschuldigte sofort die griechische Regierung«, erinnert sich Markaris, »diese wies jedoch jede Beteiligung vehement zurück.« Militaristische Nationalisten in der Türkei nutzten die Explosion für ihre Hetze, vergifteten das Klima, riefen zur Attacke. »Eine der schändlichsten Nächte der türkischen Geschichte stand bevor«, urteilt Dündar. 3000 Häuser, 5000 Geschäfte und 60 Schulen der griechischen, armenischen und jüdischen Minderheiten wurden überfallen und geplündert. Das Kriegsrecht wurde verhängt, Panzer fuhren auf, Istanbul glich einem Schlachtfeld. 15 Tote, 500 Verwundete – »vor allem aber war die jahrhundertelange Tradition des Zusammenlebens verwundet«, schreibt Dündar.

    Tausende Griechen flohen: Von 90 000 Personen schrumpfte die Gemeinde »innerhalb von anderthalb Jahren auf 30 000, später noch weiter auf 5000«. Neureiche aus Anatolien übernahmen Wohnungen und Geschäfte zu Spottpreisen, ein Wendepunkt auch in der Geschichte der Türkei: »Es begann die Herrschaft der Provinz«, urteilt Dündar.

    »Drei Tage«, heißt eine 90 Seiten umfassende Erzählung von Markaris im Band »Der Tod des Odysseus« (2016). Sie beginnt am Montag, dem 5. September 1955, und endet mit einem Epilog am Donnerstag, dem 8. September 1955. Darin skizziert der Autor die Vorgeschichte der Ausschreitungen: die Nachwirkungen der »Kleinasiatischen Katastrophe« von 1922; das tief verwurzelte Misstrauen zwischen Griechen und Türken; die aus dem Genozid von 1915 rührende Furcht der Armenier; der »Zypernkonflikt«; die gewalttätigen nationalistischen Ausdünstungen; die vergiftende Rolle der Kirchen; wirtschaftliche Probleme und hinter den Kulissen politische Rankünen. Am 6. September, kurz nach Mitternacht, kommt es zu einer Bombenexplosion in Thessaloniki. »Es wird Krawall geben«, warnt ein türkischer Kommissar in Istanbul. Am Nachmittag brüllen Zeitungsverkäufer die Schlagzeilen der Boulevardpresse heraus. Und dann: »ein dumpfes Brausen«, ab halb sechs das Bersten von Schaufensterscheiben. »Eine Katastrophe von biblischen Ausmaßen!«, schreit eine griechische Augenzeugin. Um dann, von Dienstag auf Mittwoch, »die Raupenketten der Panzer«.

    Krawalle oder Pogrom?

    »Zwei Tage lang wurde Istanbul für alle Nichtmuslime in eine Hölle verwandelt«, erinnert sich Orhan Pamuk, der türkische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 2006. In seinem Buch »Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt« (2003) heißt es: »Am Morgen nach jener Nacht, in der jeder Nichtmuslim Gefahr lief, gelyncht zu werden, war die Istiklal-Straße in Beyoglu übersät mit den Überresten von Dingen, die die Plünderer aus den zerstörten Läden nicht hatten mitschleppen können, aber dennoch genüßlich ruiniert hatten. Auf Stoffen, Teppichen und Kleidern in allen Farben und Größen lagen ramponierte Kühlschränke, Radioapparate und Waschmaschinen, allesamt Dinge, die in der Türkei gerade erst aufkamen …« Später sei herausgekommen, »daß staatliche Agitatoren dem Pöbel in Aussicht gestellt hatten, es dürfe nach Herzenslust geplündert werden«.

    Das, was Can Dündar als »Eigentümerwechsel des Kapitals in einer einzigen Nacht für einen Spottpreis« bezeichnet, heißt im Kriminalroman »Die Kinderfrau« von Markaris »unrechtmäßige Bereicherung«. Er schreibt von »Krawallen« und »Tumulten«, an einer Stelle auch vom »Septemberpogrom«. Was war das nun, frage ich den Schriftsteller persönlich? »Türken bezeichnen die Ereignisse bis heute als Krawalle«, antwortet er, »alle anderen nennen sie Pogrome.«

    Der verantwortliche türkische Ministerpräsident Adnan Menderes (1899–1961) genießt bis heute in der Türkei »sehr hohes Ansehen«, heißt es auf Wikipedia. In den 1980er Jahren sind Straßen und der internationale Flughafen von Izmir nach ihm benannt worden, in Istanbul wurde ein monumentales Mausoleum, das Adnan Menderes Anit Mezar, errichtet. Auch eine Universität erhielt seinen Namen.

    Die Ursachen für Hass und weitere Scharmützel sind bis heute nicht beseitigt, zwischen der Türkei und Griechenland brodelt es weiterhin.