Unfälle stürzen Motorradrennsport in die Krise : Der tragische Tod des Rebellen - Sport

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    18.10.2021 von Martin Einsiedler - Unfälle stürzen Motorradrennsport in die Krise Der tragische Tod des Rebellen

    Vor zehn Jahren stirbt Marco Simoncelli nach einem fatalen Manöver. Ausgerechnet sein Freund überrollt ihn. Augenzeuge Bradl erinnert sich.

    Stefan Bradl erinnert sich nicht gerne an den Großen Preis von Malaysia vor zehn Jahren. Aber wie das häufig so ist: Die schrecklichsten Bilder im Kopf sind jene, die bleiben.

    Schon der Himmel über dem Sepang International Circuit an jenem 23. Oktober 2011 schien Unheilvolles zu verkünden. Er war mit tiefdunklen Wolken verhangen. Bradl weiß noch, wie er nach seinem Rennen in der Moto2-Klasse, der zweithöchsten Rennklasse der Motorrad-WM, enttäuscht in die Boxengasse stapfte. „Ich war in Führung und hab’ Tom Lüthi vorbeigelassen“, erzählt er. „Eine Runde später wurde das Rennen abgebrochen und ich wurde nur Zweiter.“ Bradl sollte zwei Wochen später, am Ende der Saison, die Weltmeisterschaft gewinnen.

    Doch über dem sportlichen Erfolg hingen die schwer bedrückenden Gedanken an das Rennwochenende zuvor in Malaysia. An diesem 23. Oktober 2011 spielte sich direkt im Anschluss an die Moto2-Klasse beim Rennen in der Königsklasse, der MotoGP, ein fürchterliches Drama ab.

    Bradl, der heute Testfahrer bei Honda ist, weiß noch, „wie es plötzlich ganz still wurde im Fahrerlager“. Seine Enttäuschung über den zweiten Platz sei schnell verflogen gewesen. „Das war nicht mehr wichtig.“ Motorradfahrer haben ein sensibles Gespür, wann es richtig ernst ist, wann aus einem Unfall mehr als eine der vielen Arm- oder Schulterverletzungen resultiert. „Ich habe die Bilder gesehen und wusste, da ist was Schlimmes passiert.“

    In der zweiten Runde hatte sich Marco Simoncelli weit in eine Rechtskurve gelegt. Der Italiener, 24 Jahre alt, war bekannt für seinen kompromisslosen Fahrstil. Die Fans liebten ihn, viele der Fahrer im Feld nicht so sehr. Auch dieses Mal hatte Simoncelli viel riskiert.

    Sein Vorderrad rutschte in der Kurve weg. Er versuchte das Unvermeidliche zu vermeiden, indem er im Abdriften das Motorrad mit dem Einsatz seines Knies wieder aufrichten wollte. Ein fatales Manöver. Simoncelli glitt, auf dem Asphalt liegend, wieder zurück ins Kurveninnere. Die nach ihm folgenden Colin Edwards und Valentino Rossi konnten nicht ausweichen und kollidierten mit dem jungen Italiener.

    Simoncelli wurde zunächst von Edwards Yamaha im Halsbereich getroffen, dann von Rossi. Sein Helm wurde dabei abgerissen. Wenig später verstarb Simoncelli an den Verletzungen im Rettungswagen. Vor allem Rossi, nur wenige Kilometer entfernt von Simoncelli aufgewachsen und ein guter Freund seit jungen Jahren, war untröstlich. Dabei war er chancenlos. „Es war ein tragischer Unfall, die nachfolgenden Fahrer traf keine Schuld. Mit so etwas konnten sie nicht rechnen“, sagt Bradl rückblickend.

    Simoncelli galt als der spannendste Motorradfahrer seiner Zeit. Ein Rebell, schon rein äußerlich mit seiner riesigen Lockenpracht. Er hatte auch keine Probleme damit, sich mit den arrivierten Fahrern anzulegen. „Privat war er ein sehr lebensfroher und lustiger Kollege. Auf der Strecke war das allerdings anders“, erzählt Bradl, der sich mit Simoncelli so manches Duell in der Moto2-Klasse lieferte.

    Tatsächlich verstand Simoncelli auf dem Asphalt keinen Spaß. Entweder er kam weit vorne ins Ziel oder aber er schied nach einem Crash aus. Den Anhängern gefiel die Alles-oder-Nichts-Mentalität des Italieners. Simoncelli wurde als Nachfolger von seinem Kumpel Valentino Rossi gehandelt, der in der Königsklasse sieben Mal Weltmeister geworden war. Aber diese Mentalität zeugte nicht nur von Mut, sie war auch gefährlich. „Er war ein aggressiver Rennfahrer, der dafür auch viel Kritik einstecken musste“, erinnert sich Bradl.

    Der Spanier Dani Pedrosa etwa sprach wochenlang kein Wort mehr mit Simoncelli. Infolge eines Zusammenstoßes mit Simoncelli hatte er sich das Schlüsselbein gebrochen. Die Motorrad-Dokumentation „Hitting the Apex“ zeigt, wie Pedrosa mit den Tränen kämpft, weil es ihm nicht mehr möglich war, sich mit Simoncelli zu versöhnen.

    Stefan Bradl ist überzeugt davon, dass der tödliche Unfall nicht mit dem grenzwertigen Fahrstil Simoncellis zusammenhing. „Dass er in dieser Kurve versucht hat, irgendwie im Rennen zu bleiben, ist eine menschliche Reaktion, ein automatischer Reflex“, sagt er.

    Dennoch steht der wilde Rebell bis heute als Vorbild für viele junge Fahrer. Simoncelli genießt gerade in Italien eine Art Legendenstatus. Weniger bedingt durch seine Erfolge, immerhin wurde er wie Bradl Weltmeister in der Moto2-Klasse, als vielmehr durch seine wagemutigen bis halsbrecherischen Manöver. Simoncelli war ein Spektakel – weil er alles riskierte.

    Zum Leidwesen der Motorradrennsports tun das heute immer mehr junge Fahrer. Für Sportfans hierzulande ist das totale Commitment für den Motorradrennsport nur schwer nachvollziehbar. Die großen Zeiten in dieser Sportart scheinen in Deutschland vorbei zu sein. Das Zuschauerinteresse im TV ist seit vielen Jahren rückläufig. Und große Fahrer wie eben früher Bradl, Dirk Raudies, Ralf Waldmann oder den fünffachen Weltmeister Toni Mang vermisst man. In anderen europäischen Ländern aber, vor allem in Italien, Spanien und Frankreich, ist der Motorradrennsport nach wie vor eine große Nummer. Die besten Fahrer wie der Franzose Fabio Quartararo oder der Spanier Marc Marquez sind dort Helden, verdienen Millionen. Viele eifern ihnen nach. Doch wer es an die Spitze schaffen will, muss wie einst Simoncelli an die Grenzen gehen – und darüber hinaus.

    Allein in diesem Jahr sind drei Nachwuchsfahrer, allesamt Teenager, bei Motorradrennen ums Leben gekommen. Erst vor wenigen Wochen, am 25. September, verstarb Dean Berta Vinales bei einem Supersport-300-Rennen. Berichten zufolge wurde der Spanier nach einem Sturz gleich von mehreren Fahrern überrollt und starb an seinen Kopfverletzungen. Vinales wurde gerade einmal 15 Jahre alt.

    Noch ein Jahr jünger war Hugo Millan, der im Juli bei einem Nachwuchswettbewerb in Aragon (Spanien) tödlich verunglückte. Auch der Spanier wurde nach einem Sturz von einem Konkurrenten überrollt. Und nach ähnlichem Muster kam auch der Schweizer Jason Dupasquier im Mai zu Tode: Beim Moto3-Qualifying zum Großen Preis von Italien stürzte der 19-Jährige in der Kurve und wurde von zwei nachfolgenden Fahrern erfasst.
    Es ist ein schockierendes Jahr für den Motorradrennsport, der ohnehin schon Schwierigkeiten mit der Akzeptanz ob seines riesigen ökologischen Fußabdrucks hat. „Das Problem ist“, sagt Stefan Bradl, „dass die Motorräder sowie die Fahrer auf einem Level sind.“ Auf der Strecke bedeute das einen immens hohen Konkurrenzdruck und einen dichten Pulk an Fahrern. „Bei einem Sturz können die Fahrer kaum reagieren und daher nicht ausweichen.“ Und dann wäre da noch die generelle Risikobereitschaft der jungen Fahrer. „Die wird immer höher“, sagt Bradl.

    Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil die besondere Bereitschaft zum Wagnis auf ungünstige Rahmenbedingungen im Motorradrennsport trifft. Mit teilweise weit über 300 Kilometer in der Stunde jagen die Fahrer über den Asphalt, Reifen an Reifen, oftmals touchieren sie sich. Dabei ist in den vergangenen Jahrzehnten und Jahren schon viel für die Sicherheit der Fahrer gemacht worden. Straßenrennen sind aus dem WM-Kalender getilgt worden. Auf den Rennstrecken sind die Auslaufzonen groß, die Fahrer können nicht mehr gegen harte Gegenstände schlittern. Auch die Motorräder sind durch die Traktionskontrolle sicherer geworden. Zudem wird die Ausrüstung jedes Jahr besser. So sind beispielsweise in den Rennanzügen der Fahrer inzwischen Airbags verbaut.

    Aber wie kann man auf die vielen Stürze der überambitionierten jungen Fahrer reagieren? Wenn Unfälle nach dem Muster von Simoncelli und Co. passieren, helfen die bislang bekannten Sicherheitsmaßnahmen offensichtlich nicht. Stefan Bradl regt an, den jungen Fahrern beizubringen, respektvoller miteinander umzugehen. Aber der Weltmeister von 2011 weiß auch, dass Respekt auf Kosten der Zeit geht. „Das ist natürlich die Krux“, erkennt er. „Dass wir im Moment keine Antworten darauf haben, macht uns alle ein bisschen verrückt.“

    Vielleicht hilft ein wenig das Erinnern an den lebensfrohen Marco Simoncelli. Auch am kommenden Samstag wird an seinem Heimatort Coriano wie jedes Jahr am 23. Oktober für 58 Sekunden lang (in Anlehnung an seine Startnummer) Feuer aus einem überdimensionalen Motorradauspuff gestoßen. Die Flamme soll den Menschen Marco Simoncelli nicht vergessen machen. Sie kann aber auch als Warnung an all die jungen Fahrer verstanden werden, dass der waghalsige Ritt auf den motorisierten Höllenmaschinen mit dem Tod bezahlt werden kann. Beispiele gab es leider allein in diesem Jahr schon viel zu viele.