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  • Rubio über linken politischen Terrorismus oder Extremismus: „Es ist an der Zeit, dieses Übel ein für alle Mal zu vernichten“
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    30.7.2026 von Florian Rötzer -Vom US-Außenministerium organisiertes MInistertreffen über das „Wiederaufleben des politischen Terrorismus“. Screenshot von State-Video.

    Wenig beachtet wurde, dass die Trump-Regierung vor den Midterm-Wahlen versucht, einen neuen, weltweit operierenden Feind aufzubauen, der mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Ähnlich wie man in die Vergangenheit greift, um Amerika wieder groß zu machen, werden auch vergangene Gruppen, namentlich die Roten Brigaden und die Baader-Meinhof Gruppe, der Weather Underground oder die Tupamaros und Montoneros, beschworen. Im Visier steht der „politische Terrorismus“ oder der„politische Extremismus“, allerdings nur, wie man sich denken kann, der angeblich linke, der jetzt wieder auflebe und auch „Far-Left Terrorism“ genannt wird. Er bedroht, wie könnte es anders sein, die nationale Sicherheit, ist nach Stephen Miller, ein „Zivilisationskrebs“

    Veranstaltet wurde am 16. Juli vom US-Außenministerium ein Gipfel mit dem Namen „Ministerial on the Resurgence of Political Terrorism“, an dem angeblich Vertreter von 68 Staaten teilgenommen haben. Maßgeblich verantwortlich waren Außenminister Marco Rubio, Vizeaußenminister Christopher Landau, Sicherheitsberater Stephen Miller, Sebastian Gorka, Chef der Chef der Terrorismusbekämpfung. und Finanzminister Scott Bessent. Man hat den Eindruck, dass da eine wahrscheinlich hauptsächlich von Stephen Miller und Sebastian Gorka ausgebrütete Regierungs-Verschwörungstheorie gestrickt wird.

    Interessant daran ist, dass Rubio schon in seiner Rede darauf hinweist, dass der nächste Workshop in Deutschland „mit unseren Partnern“ stattfinden wird. Man würde erst einmal wohl an die AfD denken, aber, wie der Spiegel berichtet, wird das Bundesinnenministerium diesen „Workshop von Fachkräften“ organisieren, der aus „logistischen“ Gründen solle in Deutschland stattfinden. Wer die Partner sind, verriet das Ministerium nicht. Auch Gregory D. LoGerfo vom Bureau of Counterterrorism wies bei der Pressekonferenz nach dem Ministerial auf die nächste Veranstaltung in Deutschland hin: „Deutschland hat angekündigt, den nächsten Workshop auszurichten, bei dem wir mit einer noch größeren Teilnehmerzahl rechnen. Dieses Forum wird auch weiterhin die enge Zusammenarbeit der Fachleute im Hinblick auf diese Bedrohung fördern.“

    Wenn man sich anschaut, was von der Trump-Regierung im Kampf gegen den ausschließlich links verorteten politischen Extremismus an Ideologie verbreitet wird, muss man sich schon fragen, warum das von der CSU geführte Bundesinnenministerium bei der Regierungskoalition von SPD und Union hier meint, mitspielen zu müssen.

    Dazu passt, dass der Außenminister in seiner Rede eine organisierte Unterstützung des linken Terrorismus vor allem an den Universitäten sieht, die bei der Trump-Regierung sowieso verhasst sind: „In unseren Ländern hat sich rund um die Erforschung des Extremismus eine ganze Branche entwickelt. Wir haben Thinktanks, Stipendienprogramme, Fachzeitschriften und Beratungsunternehmen, zwischen denen das unausgesprochene Einverständnis herrscht, dass nur eine einzige Form politischer Gewalt eine echte Bedrohung für das System darstellte.“ Für Rubio sind die George Floyd-Proteste ein Beispiel. Da hätten „Kriminelle und Extremisten“ Amerikas Städte angezündet und geplündert und mangels Gegenwehr fast das Land auf die Knie gebracht: „Gewalt von links wurde nicht nur entschuldigt, sondern als sakrosankt behandelt, als eine eigene, geschützte Gruppe. Diese Ära muss ein Ende finden.“ Dass dabei rechte Gewalt oder die der Staatsmacht nicht einmal erwähnt wird, ist symptomatisch.
    Marco Rubio auf dem Treffen.

    Ausgemacht wird eine „gezielte, ideologisch motivierte Strategie zur Destabilisierung freier Gesellschaften, die darauf abzielt, unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme gewaltsam anzugreifen, einschließlich Anschläge auf Privatpersonen, Regierungsvertreter, Polizei und Strafverfolgungsbehörden, Unternehmen sowie kritische Infrastruktur weltweit“. Genannt wird als Terrorismus auch „Wirtschaftssabotage gegen öffentliches und privates Eigentum“. Das Einschlagen einer Fensterscheibe könnte dann schon als Terroranschlag gewertet werden. Und als Unterstützung können auch Spenden an von Washington als „far-left terrorist and other aligned groups“ eingestufte Gruppen oder angebliche Netzwerke gelten.

    Die Zeit, als man den Globalen Krieg gegen den Terrorismus führte, der gegen die Islamisten gerichtet war, soll vorbei sein. Man habe ihn gewonnen, der islamistische Terrorismus sei weitgehend besiegt, sagt Rubio. Jetzt wolle die US-Regierung, so eine Mitteilung des Außenministeriums, die führende Rolle bei der Bekämpfung des linken Terrorismus einnehmen, der „trotz der von ihm ausgehenden Gefahr ein blinder Fleck in den Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zur Terrorismusbekämpfung geblieben ist“. Das soll sich nun ändern.

    Konkret genannt werden aktuell nur Gruppen aus Europa. Ende 2025 wurden Antifa Ost (Deutschland), die Informelle Anarchistische Föderation/Internationale Revolutionäre Front (FAI/FRI) aus Italien, die bewaffnete Proletarische Gerechtigkeit und die Organisation für Revolutionäre Selbstverteidigung (beide Griechenland) als Ausländische Terrororganisationen und Globale Terrorristen gelistet. Es wurde eine Belohnung von 10 Millionen US-Dollar für den denjenigen ausgelobt, der deren Geldkanäle aufdecken kann. Die Bedeutung der Gruppen, die weitgehend zerschlagen sind, wird von der US-Regierung massiv übertrieben, um politisch Signale zu setzen, denn es wird die Gewalt, die von Rechten – und von der eigenen Regierung natürlich – ausgeübt wird, strikt ausgeblendet.
    Dämonisierung der Antifa

    Zu Antifa Ost wurde offenbar nichts Aktuelles gefunden. Die Einstufung wurde so begründet: „Antifa Ost verübte zwischen 2018 und 2023 zahlreiche Angriffe auf Personen, die sie als ‚Faschisten‘ oder als Teil der ‚Rechtsszene‘ in Deutschland ansieht, und wird beschuldigt, Mitte Februar 2023 eine Reihe von Angriffen in Budapest verübt zu haben.“

    Rubio malt ein extrem einseitiges Bild mit Unterstellungen über die angeblichen Täter: „Sie sind hier, und Sie sind gekommen“, sagte er zu den Anwesenden, „weil einen Monat nach jenem Stromausfall in Berlin ein 23-jähriger Franzose seinen traumatischen Hirnverletzungen erlag, nachdem er auf den Straßen von Lyon von einer Gruppe militanter Linksextremisten zu Tode geprügelt worden war. Ihr seid hier, weil eure politischen Führer auf euren Straßen angegriffen, niedergestochen und erschossen werden, weil eure Geschäfte bombardiert wurden, weil eure Eisenbahnstrecken sabotiert wurden, weil eure Polizisten geschlagen und verbrannt wurden. Ihr seid hier, weil das alles Realität ist, weil es immer schlimmer wird, weil es nicht länger geleugnet und nicht länger ignoriert werden kann – denn es ist an der Zeit, dieses Übel ein für alle Mal zu vernichten.“

    Die Dämonisierung der Antifa, die keine Organisation ist, sondern ein lockeres Netzwerk von Gruppen und Individuen, die sich so bezeichnen, gehört zum politischen Instrumentarium von Trump. Er hatte nach dem Attentat auf Charlie Kirk die Antifa allgemein als Terrororganisation, als „militaristisches, anarchistisches Unternehmen“ durch ein Dekret im September 2025 eingestuft. Allerdings als inländische Terrororganisation, die angeblich die US-Regierung stürzen will, politische Gewalt ausübt und legale politischer Rede unterdrückt. Das war bereits so interpretiert worden, dass die Trump-Regierung eine möglichst breite und diffuse Terrorismus-Einstufung vorbereitet, um gegen politische Opponenten vorgehen zu können. Widerstand gegen die brutalen Aktionen von ICE werden der Antifa zugeschrieben, die man, so eine Erklärung des Weißen Hauses vom Juni 2026, erfolgreich durch Festnahmen und Klagen bekämpfe.
    Neuauflage des Globalen Kriegs gegen den Terror

    Diesen Ansatz will man nun auch international durchsetzen, im Januar 2025 waren Kartelle als ausländische Terrororganisationen von Trump in einem Dekret eingestuft worden, was das Vorgehen gegen Venezuela und die Verschleppung von Maduro legitimierte und zeigt, dass dies von Beginn an geplant war. Nun muss man sich fragen, was in Washington mit der Beschwörung der Gefahr durch den linken politischen Extremismus im Ausland geplant ist. Vorbild scheint der von George W. Bush initiierte Globale Krieg gegen den Terror zu sein, es wird nur der Gegner ausgewechselt. Die Extremisten agieren nämlich weltweit, achten keine Grenzen, sind Globalisten und transnational und sollen nach der Verschwörungstheorie alle zusammenhängen.

    Joe Biden wollte mit einer Kampagne Demokratien (unter der Kontrolle der USA) stärken und autoritäre Systeme schwächen, was letztlich auch den Krieg in der Ukraine ermöglichte. Für die Trump-Regierung hat der angesagte Kampf oder Krieg gegen den politischen Extremismus noch deutlich mehr religiöse Züge, hinter denen die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen verborgen werden. Wie bei Rechtsaußen Peter Thiel wird der Gegner zum Antichristen erklärt, geht es wie beim Ideengeber der Techmilliardäre Tolkien um den finalen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, wobei die kapitalistische Ordnung und die Profitinteressen das Gute verkörpern, wie Rubio deutlich macht:

    „Dies ist ein ganz eigenes und einzigartiges Übel. Es wurde schon immer vor allem von einem Hass angetrieben, einem Hass auf die Zivilisation selbst. Es ist eine Revolte der Schlechtesten gegen die Besten, eine Revolte der Schwachen und Feigen gegen die Starken und Guten. Es wird von jenen verübt, die nicht aufbauen, nicht schaffen und keine großen Taten vollbringen können und sich für ihre eigene Unzulänglichkeit an der Welt rächen, indem sie versuchen, diejenigen zu vernichten, die dazu fähig sind. Das ist es, was radikaler Linksextremismus ist.“
    Stephen MIller

    So ganz klar scheint man sich mithin auch nicht in der Begrifflichkeit zu sein. Aber das dürfte Absicht sein, um bei der Benennung der Gegner flexibel sein zu können und eine Koalition der Willigen zu schaffen: „Es ist an der Zeit, dass wir, die Menschen der zivilisierten Welt, uns verteidigen, uns vereint gegen diese hereinbrechende Dunkelheit stellen und kämpfen – kämpfen für das, was uns gehört.“

    Stephen Miller, der Scharfmacher, beschwört die Normalität und sieht in den Linken schon im Aussehen deformierte Menschen. Darin zeigt sich der inhärente Rassismus der Trump-Regierung: „Es ist kein Zufall, dass man, wenn man sich diese gewalttätigen Antifa-Demonstrationen ansieht und sich ein Foto der Versammelten ansieht – um es ganz offen zu sagen: Nicht einer der Demonstranten sieht wie ein normaler Mensch aus. Nicht einer sieht normal aus. Sie sind alle auf irgendeine Weise entstellt – in ihrem Aussehen, in ihrer Kleidung, in ihrem Verhalten.“

    Wird es bald Handbücher geben, die auflisten, woran sich Extremisten erkennen lassen? Da war fast die Bush-Regierung noch weiter. Dort träumte man davon, islamistischen Terroristen auch aus der Ferne ins Gehirn schauen zu können, um böse Gedanken festzustellen (Systeme zum Erkennen der bösen Absichten von Terroristen). Daraus wurde aber wohl nichts.

  • Operationsplan Deutschland offenlegen – Bundeswehr stuft Teile herunter
    https://overton-magazin.de/top-story/operationsplan-deutschland-offenlegen-bundeswehr-stuft-teile-herunte


    L M1-Abrams-Panzerkonvoi bei GRafenwöhr. Bild : dvidshub.net

    Pour les militaires la guerre avec la Russie est déjá arrivée sur le sol allemand. Ils ne savent pas encore où exactement, alors il faut tout modifier partout comme si la guerre y était. Ce n’est pas grave, car le plan opérationnel est secret défense de toute manière.

    Vous ne comprenez rien ? Lisez Les Aventures du brave soldat Švejk !
    https://bibliotheque-russe-et-slave.com/Livres/Hasek%20-%20Le%20Brave%20Soldat%20Chveik.htm

    puis ...
    https://seenthis.net/messages/1081309
    https://seenthis.net/messages/993368

    26.6.2026 von Thomas Moser - Wenn ein hoher Offizier einen geheimen Kriegsplan wie Waschmittel anpreist. Bereits seit Jahren wird die Infrastruktur im Interesse der Armee ausgebaut – zum Beispiel Straßen, Brücken, Schienen.

    Im Operationsplan Deutschland soll stehen, wie sich die Bundeswehr zusammen mit der Nato auf den Krieg gegen Russland vorbereitet. Genaues weiß man nicht, weil dieser Plan weitestgehend geheim ist. Inzwischen hat sich zumindest begonnen herumzusprechen, dass es ihn gibt. Er soll 1000 Seiten umfassen und wird als OPLAN Deutschland abgekürzt, als stelle allein der Name schon eine Legitimation dar. Da zivile Stellen und Infrastrukturen in den geplanten Krieg einbezogen sein sollen, aber mit Geheimnissen eine Zusammenarbeit zwischen Militär und zivilen Behörden nur schwer möglich ist, wurden die Fragen zu dem Plan und seinen Inhalten in den letzten Monaten drängender. Motto: Was sollen wir im Kriegsfalle tun, wenn ihr nicht sagt, was ihr vorhabt?

    Wie bewegen sich die Truppen im Aufmarschland Deutschland, wo 800.000 Nato-Soldaten Richtung Ostfront durchgeschleust werden sollen? Welche Wege, Straßen und Schienen benutzen sie? Wie werden sie versorgt? Wo und wie nächtigen sie? Wie ist daneben die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt? Funktionieren die Lieferketten? Dürfen Bürger reisen? Welche Kapazitäten müssen Krankenhäuser für verletzte Soldaten bereithalten? Und welche Kapazitäten private Unternehmen? Solche Fragen kommen immer öfter von Kommunen, Rettungsdiensten, aber auch Unternehmen, die in die Kriegswirtschaft einbezogen werden sollen.

    Eine Stimme in diesem Chor ist zum Beispiel der ehemalige Chef des Technischen Hilfswerkes, davor Feuerwehrchef von Berlin. Er vertritt die Auffassung, dass die Bundeswehr ihre Geheimniskrämerei so weit wie möglich aufgeben solle, sonst sei keine effektive Zusammenarbeit der zivilen Seite mit der militärischen möglich. Der Plan an sich wird nicht infrage gestellt.

    Auf diese Fragen muss die Bundeswehr reagieren und tritt mit Vertretern an die Öffentlichkeit, um den Operationsplan Deutschland vorzustellen, wie es heißt. So zum Beispiel Anfang Juni 2026 bei der Interschutz-Messe in Hannover in Person von Armin Schaus, Oberst im Generalstab sowie Generalleutnant André Bodemann unter dessen Leitung der OPLAN erstellt worden sei. Bodemann ist Stellvertreter des Befehlshabers vom Operativen Führungskommando der Bundeswehr und Kommandeur für Territoriale Aufgaben dieses Kommandos. Eine führende Figur der Bundeswehr also. Wenn sich so jemand an die Öffentlichkeit wendet, kann man davon ausgehen, dass er nationale und internationale Prokura hat. Und dass es den Kriegsbetreibern ernst ist mit ihrem Plan.
    „Kriegsverhinderungsplan“

    Am 4. Juni sprach André Bodemann stark 20 Minuten zu Messepublikum. Quelle der Aufnahme ist der TV-Kanal von Epoch Times.

    Bodemann nennt den Oplan direkt am Anfang einen „Kriegsverhinderungsplan“. Bei einer Armee, die keinen Angriffskrieg führen darf, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch dann stellt sich umso mehr die Frage, warum es diesen Operationsplan überhaupt gibt, schließlich heißt er nicht Verteidigungsplan. Bodemann benutzt einen der derzeitigen Lieblingsbegriffe der Kriegsbetreiber aus Politik und Militär, den von der „hybriden“ Bedrohungslage – und wörtlich: „Wir sind nicht im Krieg, aber auch schon lange nicht mehr im Frieden, sondern irgendwo dazwischen.“ Mit einer solchen Rhetorik schafft er eine sicherheitspolitische Grauzone, die dem Bundeswehrpersonal in den grauen Uniformen größtmöglichen Spieltraum gibt.

    Zu den hybriden Bedrohungen zählt er Desinformationen, Fake news, Cyberangriffe, aber auch Ausspähungen im klassischen Sinne – und zwar „tagtäglich“. Er erwähnt als Beispiel einen angeblichen Pilzesammler, bei dem „möglicherweise Spionageverdacht“ vorliege. Oder verdächtige Schiffe auf der Ostsee, die vielleicht einen Anker hinter sich herziehen, wo Datenkabel verlaufen, die damit zerstört werden: „Ich glaube nicht an Zufälle.“ Doch was der hohe Militär präsentiert, ist alles spekulativ – und zwar im doppelten Sinne. Weder weiß er, ob es sich um mögliche kriegsvorbereitende Handlungen oder Sabotageakte handelt, noch ob Russland dahintersteckt. Er muss einräumen: „Wir können nicht immer eindeutig sagen, wer ist es denn? Aber in einigen Fällen können wir das.“ Es ist eine Herangehensweise der Verantwortungslosigkeit.

    Hinzu kommt: Beim Thema Ostsee und Sabotage kein Wort über die Sprengung der Nordstream-Gasleitungen zu verlieren, ist schon eine Kunst. Man kann dieses Verschweigen aber auch als Eingeständnis interpretieren, dass in den Augen von Bundeswehr und Nato die Pipeline nicht vom möglichen Gegner Russland zerstört wurde, weil man ihn doch sonst ohne Ende anprangern würde, sondern im Gegenteil von Kräften, zu denen man selber gehört. Und über die man deshalb schweigen muss.

    Da die westlichen Sicherheitskräfte bei diesen ganzen hybriden Angriffen wenig bis nichts in der Hand haben, was belegen würde, dass Russland dahinter steckt, muss der Generalleutnant die möglichen Täter relativieren. Es sei egal, ob es von Russland komme, sagt er, oder von China, oder ob es sich um internationalen oder nationalen Terrorismus oder um Organisierte Kriminalität oder auch nur einfach um Kupferdiebstahl handle, damit werde die kritische Infrastruktur in Deutschland bedroht und angegriffen. Nur: um das zu verhindern, braucht es keinen militärischen Operationsplan.

    Bodemann wiederholt, der Oplan sei ein Kriegsverhinderungsplan, die Bundeswehr wolle nicht, dass das Parlament gezwungen sei, über den Spannungs- und Verteidigungsfall zu beraten: „Wir wollen das verhindern.“ Deutet sich hier eine Differenz an zu kriegstreibenden Politikern wie dem CDU-Mann Roderich Kiesewetter, der genau das, den Spannungsfall, wiederholt in die Debatte warf? Oder versucht die Bundeswehr, die Öffentlichkeit über ihre eigenen Motive hinweg zu täuschen?

    Und dann spricht der Generalleutnant doch explizit Russland an. Es gebe konkrete Hinweise aus dem nachrichtendienstlichen Bereich, dass Russland strategische Optionen entwickle, um in einigen Jahren in der Lage zu sein, einen Krieg gegen die Nato erfolgreich führen zu können. Aus dem „nachrichtendienstlichen Bereich“, also den Geheimdiensten, sprich: Bundeswehrgeheimdienst MAD (Militärischer Abschirmdienst) und Auslandsgeheimdienst BND (Bundesnachrichtendienst). Auch hier stellt sich die Frage, gibt es diese Geheimdienstinformationen tatsächlich oder sind sie erfunden, weil Politik und Armee sie brauchen? Erfunden entweder von den Diensten selber oder gleich direkt von der Bundeswehr? Jedenfalls stellen die Nachrichtendienste bei der Legitimation einer Kriegsvorbereitung so etwas wie die Trumpfkarte dar, die gezogen werden kann, um eine Wahrhaftigkeit vorzugaukeln, ohne dass das überprüft werden kann.

    Vor allem: Sich nach den NSU-Attentaten oder dem LKW-Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz, in die Geheimdienste verwickelt waren, weiterhin ungeniert auf diese Geheimdienste zu berufen, wie es der Bundeswehrmann tut, verbietet sich eigentlich.

    Die Perspektive von der strategischen Option, einen Krieg gegen den potentiellen Gegner führen zu können, hat darüber hinaus etwas Verhängnisvolles. Es ist die fatale Logik, die militärischem Handeln inne liegt. Wenn die Nato erklärt, sie bereite sich auf einen möglichen Angriff Russlands in einigen Jahren vor, weil sich Russland entsprechend wappne, warum soll das nicht auch umgekehrt gelten? Was ist, wenn also auch Russland Hinweise gewinnt, dass die Nato sich auf einen Krieg mit Russland wappnet – und dann entsprechend aufrüstet? Dann würde der angebliche Verteidigungswille beider Seiten eine Angriffseskalation auslösen, die beide doch angeblich vermeiden wollten. Damit eine solche Tragik vermieden wird, braucht es Kommunikation zwischen den Kontrahenten. Doch gerade die wird seit Jahren durch eine aggressive Rhetorik verhindert, so als sei genau das bezweckt.

    Mit der Methode, alle möglichen Vorfälle zu hybriden Angriffen auf die Infrastruktur zu erklären, kann man auch ungeklärte Anschläge dazu zählen, etwa den Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres. Bekannt dazu hat sich eine sogenannte Vulkangruppe. Und obwohl LKA und BKA das für glaubhaft halten, ist der Vertreter der Bundeswehr damit nicht so ganz zufrieden: „Was wir nicht wissen, ist, ob andere dahinterstecken, die der Vulkangruppe finanziell oder mit Knowhow geholfen haben.“ Bei dieser Konstruktion angekommen, wagt der Generalleutnant gleich den großen geschichtlichen Coup. Auch die Friedensbewegung der 80er Jahre sei damals von der Staatssicherheit der DDR unterwandert gewesen, sagt er. Man könne nicht ausschließen, dass das auch heute der Fall sein wird. So ganz nebenbei hat der Militär gleich noch die Friedensbewegung und Kriegsgegner zu Gegnern erklärt, die doch von Russland finanziert sein könnten. Wer so argumentiert, hat feste Absichten.

    Der hohe Offizier erklärt sehr viel, nur den Operationsplan erklärt er nicht.

    Was bei seinem Vortrag deutlich wird, ist, wie weit das Denken in Kriegsperspektiven bei den Militärs bereits fortgeschritten ist. Im Ernstfall sollen jene berühmten 800.000 Soldaten inklusive schweres Gerät an die Nato-Ostfront verlegt werden. Die Masse dieser Bewegungen erfolge über und durch Deutschland, auf allen Transportwegen, Brücken, Tunnel, Eisenbahnverbindungen, Flughäfen und Häfen. Deshalb müsse mit Anschlägen und Sabotageakten auf diese Infrastruktur gerechnet werden. Und die Frage wäre an diesem Punkt erneut: Wer die eigene Gaspipeline sprengt, inkognito sozusagen, warum soll der nicht auch weitere solche „eigenen“ Anschläge durchführen? Sprich: Man kann Kriegsgründe auch inszenieren. Neu wäre das nicht.

    Für André Bodemann können solcherart Aktivitäten jedoch nur aus Russland kommen: „Ich bin überzeugt, dass wir heute schon im Visier sind“, formuliert er einen dieser unbelegten politischen Glaubenssätze. Und die Antwort darauf seien nicht nur die Nato-Verteidigungspläne, sondern auch der Oplan Deutschland. Bingo, nun ist der Militär endgültig in der Rolle des Waschmittelverkäufers angekommen. Er preist ein Programm an mittels Nebensächlichkeiten, etwa so: „Nehmen Sie es, es ist für alles gut!“ Damit muss er nicht mehr sagen, wofür es gut sein soll.
    Wer darf welche Information haben?

    Ein bisschen Geduld noch, denn André Bodemann, einer der Autoren des Werkes „Operationsplan Deutschland“ hat noch mehr auf Lager. Ja, der Plan sei geheim, gesteht er, aber einige Teile seien inzwischen als „VS-NfD“ (Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch) heruntergestuft worden. Das ist nun wirklich etwas Neues. Die Bundeswehr werde viele andere Dinge ebenfalls noch offenlegen, sagt er weiter – und zwar um zum Beispiel mit Behörden und Kommunen ins Gespräch zu kommen. Denn der Oplan regle zwar die militärischen Teile, aber zum Beispiel nicht Lebensmittel-, Tierfutter- oder Gesundheitsversorgung. Das alles falle unter „zivile Verteidigung“. Eine interessante Begriffswahl: Der Militär betrachtet die zivilen Strukturen offensichtlich nur unter dem Aspekt des Militärischen, unter einem Verteidigungsgedanken.

    Warum, das wird im Folgenden klar. Denn wenn die Nato gegen Russland in den Krieg zieht, dann muss sich auch ein Großteil der Bundeswehr an die Ostflanke bewegen. Und dann fehlen für militärische Aufgaben an der Heimatfront Kräfte. Die Bundeswehr habe jedenfalls nicht genug dafür. Wenn für die Sicherung verteidigungsrelevanter Infrastrukturen also nicht die Bundeswehr aufkommen kann, dann brauche man eine Reserve. Und das sei der Heimatschutz, der mit Freiwilligen zuhause aufgestellt werden soll, womit in einigen Orten auch schon begonnen wurde. „Wir brauchen noch viel mehr Heimatschützer“, verkündet der Profi, „wir brauchen einen Aufwuchs“, und zwar für Einheiten alle 80 bis 100 Kilometer. Dazu werde zur Zeit an einem entsprechenden Alternativplan gearbeitet, der Ende des Jahres abgeschlossen sein soll.

    Zu den Unterstützern des Krieges soll auch die Privatwirtschaft zählen, die seit einiger Zeit in die Vorbereitungen einbezogen wird. Mit Rheinmetall, beziehungsweise einer Tochterfirma, hat die Bundeswehr, wie General Bodemann stolz referiert, folgenden Vertrag geschlossen: Rheinmetall baut eine Art Containerdorf auf, in dem Nato-Truppen versorgt werden sollen, die in den Niederlanden ankommen, das Ziel Polen haben und durch Deutschland geschleust werden müssen. Mit Catering, Frischwasser, Kraftstoffen, medizinischer Versorgung, Unterkunftscontainern, Duschcontainern und und und. Bodemann: „Das ist nichts anderes als eine militärische Raststätte.“ Genannt wird sie „Convoy Support Center“. Rheinmetall stellt dieses Versorgungszentrum bereit und entlastet damit die Bundeswehr, das tun zu müssen. Stattdessen kann sie freie Kapazitäten in den Krieg stecken.

    Ein anderer Bereich, den die Bundeswehr in ihrem Sinne verändern will, ist die militärische Verkehrsführung. Zuständig sei die Polizei. Doch 800.000 Soldaten nach Osten zu lotsen, schaffe die Polizei nicht, ist sich der Generalleutnant sicher. Die BW-eigene Polizei, die Feldjäger, schaffe es zwar, habe es aber bis vor kurzem nicht machen dürfen. Die Bundeswehr bat um gesetzliche Veränderungen, um den Feldjägern die militärische Verkehrsführung auf öffentlichen Straßen zu ermöglichen, und das sei jetzt eingeleitet worden.

    Schritt für Schritt umfasst die Militarisierung der BRD sämtliche Bereiche der Gesellschaft. Die Erfordernisse eines Krieges kennen keine Ausnahmen. Als nächstes will die Bundeswehr den Zugriff auf alle Verkehrsdaten und Kamerasysteme in Tunnels oder auf Brücken.

    Überhaupt die Verkehrsinfrastruktur. Schweres Gerät der Bundeswehr wog früher 40 bis 50 Tonnen und wiegt heute 80 bis 100 Tonnen. „Wo sind die Aufmarschwege der Soldaten? Wo müssen wir Brücken und Tunnel ertüchtigen? Oder neu bauen?“ Vielleicht erklärt das so manche Baumaßnahme der letzten Monate. Die Rahmedetalbrücke der A45 bei Lüdenscheid sei schneller gebaut worden, weiß der Bundeswehrvertreter, weil „wir sie benötigen.“

    Doch damit nicht genug. „Da sitzt zum Beispiel ein Radioreporter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der nicht sicherheitsüberprüft ist“, lässt Bodemann seine Fantasie spielen und meint: „Darüber müssen wir uns Gedanken machen. Wer darf welche Information haben?“ Informationsfreiheit, Pressefreiheit, Rundfunkfreiheit, auch das kann eine Armee, die im Krieg ist, nicht mehr dulden. Wenn die Wahrheit geopfert werden soll, als erstes, darf es keine Zeugen geben. Krieg verändert auch das Land nach innen. Demokratische Verfahren stören nur. Und Sätze Bodemanns wie, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit seien ein hohes Gut, das uns von Russland unterscheide, denn wer in Russland gegen die Regierung demonstriere, werde eingesperrt oder umgebracht, erweisen sich so von einer Haltbarkeitsdauer, die gegen Null geht. Wichtig ist dem Militär die Botschaft: „Wir werden unabhängig von Russland bedroht, aber ganz besonders von Russland. Das war nie so ernst.“

    Der Bundeswehr-Offizier beendet seinen Vortrag mit dem Satz: „Und alle Communities, die hier sind, müssen zusammenhalten, zusammenwirken, das ist sehr wichtig.“ Es ist wie eine Einstimmung. Angesagt ist bald Nationalismus und nicht mehr Demokratie.

    #Allemagen #militaire #armement

  • Soziologie des Massenmordes
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    Massengrab im KZ Bergen-Belsen nach dessen Befreiung im April 1945. Bild : Imperial War Museum/public domain

    La discussion de la responsabilité individuelle et collective pour les crimes de guerre et les génocides posent le problème des structures du contexte de chaque crime. L’auteur nous propose une analyse structuraliste suivant Luhmann des institurions de l’état et de la politique mais ignore le rôle de la production/reproduction capitaliste et sa transformation de tout en.marchandise.

    Alors c’est intéressant mais il passe à côté de l’essentiel. Ce n’est pas étonnant, il est professeur à Vilinius où on n’apprécie guère la pensée matérialiste, historique et dialectique.

    21.6.2026 von Jörg Räwel - Die Organisation des Bösen – das Böse der Organisation.

    1. Das Böse hat kein Gesicht

    Es ist eine mittlerweile etablierte gesellschaftliche Erkenntnis: Nähert man sich den mutmaßlichen Adressaten des Bösen, den schlimmsten Verbrechern gegen die Menschlichkeit, so tauchen nicht etwa Teufel in Menschengestalt auf – wie man angesichts der ungeheuerlichen Gräueltaten naiverweise erwarten könnte –, sondern Personen „wie du und ich“.

    Es war die Inkongruenz der Monstrosität des Holocausts als Verbrechen der Nazis in Deutschland einerseits und die „beunruhigende Normalität“ eines unterwürfigen, bürokratisch denkenden, sich bis zuletzt lediglich als Befehlsempfänger darstellenden Adolf Eichmann in seiner Funktion als einer der Hauptorganisatoren der Deportation und Ermordung der europäischen Juden andererseits, die Hannah Arendt dazu bewog, in diesem Zusammenhang von der „Banalität des Bösen“ zu sprechen.

    Auch Hermann Göring, verantwortlich für den Aufbau der Gestapo, die Einrichtung der ersten Konzentrationslager und die Planung der sogenannten „Endlösung“, erschien als das Gegenteil von verabscheuungswürdig. Er war leutselig und volksverbunden und erschien sogar dem Gefängnispsychiater während der Nürnberger Prozesse als „charmant, überzeugend, intelligent und charismatisch“.

    Pol Pot, der Führer der Khmer Rouge, unter deren Schreckensregime von 1975 bis 1979 1,7 bis 2 Millionen Kambodschaner – ein Viertel der damaligen Bevölkerung – starben, war laut dem Journalisten Nate Thayer bei einem der wenigen Interviews mit westlichen Journalisten im Jahr 1997 „auffallend charmant, mit sanfter Stimme, sehr charismatisch und sympathisch“. Vor seiner Machtübernahme arbeitete er als Lehrer, galt als warmherzig und geistesgegenwärtig, liebte Musik und Dichtung und hatte ein „einladendes, engagiertes Lächeln“.

    Auch im Fall von Radovan Karadžić kollidiert seine vom Internationalen Strafgerichtshof festgestellte Verantwortlichkeit für den Genozid in Srebrenica mit 8.000 Toten mit seiner Persönlichkeit als Psychiater und Lyriker sowie mit Beschreibungen, die ihn als „charismatisch, mitunter clownesk, listig und spielerisch” charakterisieren.

    Offenkundig ist die Persönlichkeit bzw. der Charakter individueller Personen die falsche Adresse, um zu klären, wie es zu Verbrechen in einem Ausmaß wie dem Holocaust kommen konnte – und auch zukünftig kommen kann. Denn daraus folgt, dass es nicht ausreicht, einzelne Personen unschädlich zu machen, um derart monströse Verbrechen zu verhindern. Diese Erkenntnis ist mit dem Diktum der „Banalität des Bösen“ verbunden und verlangt, sich nicht nur mit der Schuld einzelner Personen, sondern auch mit den gesellschaftlichen Ursachen und Bedingungen zu befassen, die Menschheitsverbrechen ermöglichen.

    Von Naivität gegenüber dem Bösen ist dort zu sprechen, wo dieses ausschließlich individuellen Personen zugeordnet wird – als gäbe es eine direkte Entsprechung zwischen Personen und ungeheuerlichen Formen von Verbrechen wie denen der Khmer Rouge.

    Komplementär dazu ist die Naivität zu beobachten, das Gute ausschließlich an individuellen Personen festzumachen. Auch hier sind Enttäuschungen möglich, wie sich anhand der mittlerweile bestehenden Möglichkeiten zeigt, sich online über die NS-Vergangenheit eigener Familienmitglieder zu informieren. Die liebevolle Mutter oder Großmutter, der gütige Vater oder Großvater, der hilfsbereite Onkel – sie können sich als Person mit ganz anderen Facetten herausstellen. Allein die Beobachtung einer frühen und freiwilligen NSDAP-Mitgliedschaft eines Familienmitglieds erzeugt kognitive Dissonanzen.
    2. Zwischen Soziologie und Strafrecht: Eine notwendige Unterscheidung

    Wir stellen fest: Es sind nicht die einzelnen Menschen, sondern die Form der Organisation, die Verbrechen in dem Ausmaß ermöglichen, die mit Personen wie Eichmann, Göring oder Pol Pot verknüpft sind. – Und müssen sogleich angesichts des zu erwartenden Protestes innehalten: „Damit entschuldigst du ja Verbrecher wie Hitler und Göring. Es sollen nicht Personen, sondern abstrakte Organisationen schuldig sein? Du machst dich mit einem Eichmann gemein, der sich für schuldlos hielt und sich lediglich als Befehlsempfänger und Rädchen im Getriebe eines Staates sah. Wenn das richtig wäre, könnten Verbrecher wie Eichmann und Pol Pot ungestraft nach Hause gehen statt ins Gefängnis.“

    Dem ist zu entgegnen, dass es sich hier schlicht um zwei unterschiedliche Sachfragen handelt: Zum einen die – hier: massenmedial – diskutierte Frage, wie es zu Menschheitsverbrechen im Ausmaß z. B. des Holocausts kommen kann. Zum anderen die – rechtlich bzw. juristisch – zu klärende Frage nach der Schuld von Personen. Selbst einem Gericht, das sich primär mit der Schuld von Personen befasst, wird schließlich allenfalls peripher zugemutet, die gesellschaftlichen Bedingungen zu klären, die zu einem Verbrechen geführt haben. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass auch Organisationen Schuld im juristischen Sinne zugerechnet werden kann.

    Dabei kokettieren wir mit dem Verweis auf den Ort unserer Reflexion (Massenmedien) keineswegs mit der offensichtlichen eigenen Belanglosigkeit: „Glaubst du ernsthaft, dass sich der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag von einer Reflexion in den Massenmedien – zumal von einem faktisch in seiner Reichweite und Bedeutung marginalen Medium wie „Overton“ – beeinflussen ließe? Hätte das Gericht Radovan Karadžić mit Verweis auf einen Artikel in „Overton“ freilassen müssen?“ Koketterie ist hier fehl am Platz: Ein unrichtiges Argument lässt allenfalls noch Raum, den Argumentierenden zu diskreditieren.

    Das Argument, dass es sich um zwei getrennt zu behandelnde Sachfragen handelt, ist sachlich gemeint und keine Koketterie. Der Einwand, ein Verweis auf die Verantwortlichkeit von Organisationen im Zusammenhang mit Menschheitsverbrechen entledige Personen ihrer Schuld, hätte nur unter totalitären Bedingungen Gültigkeit. Nur dort können massenmediale Reflexionen auf die Justiz durchschlagen. Genau diese Bedingungen sollen durch funktionale Differenzierung überwunden werden.

    Erfahrungsgemäß sind es nicht die Massenmedien, sondern die organisierte Politik, die eine durchschlagende Wirkung auf andere gesellschaftliche Sphären, wie etwa das Recht, haben kann. Politische Macht vermag in totalitärer Weise alle anderen gesellschaftlichen Sphären zu dominieren und sie „gleichzuschalten“. Unter diesen Bedingungen, wenn das Rechtssystem politischen Zielen eines Regimes untergeordnet wird, wäre es statthaft, das genannte Argument aufzugreifen: „Aber gemäß diesen – hier: politischen – ‚Argumenten‘ sprichst du ja Verbrecher wie Hitler, Göring oder Eichmann frei.“ Und genau das war unter den Bedingungen des NS-Regimes empirisch der Fall.

    In totalitären Systemen wird nicht nur die Rechtsprechung nach Maßgabe politischer Richtlinien korrumpiert (Gesinnungs- und Terrorjustiz), sondern es werden auch alle anderen für die Politik relevanten gesellschaftlichen Bereiche beeinflusst: Die Wirtschaft erscheint als Plan- bzw. Zentralverwaltungswirtschaft, Wissenschaft wird ideologisiert, etwa im Sinne einer „Deutschen Physik”, Kunst erscheint als Propagandakunst, Staatskunst oder Agitprop, Religion wird zu Patriotismus bzw. Loyalität gezwungen, Lehrpläne werden nach Maßgabe politischer Ideologien umgeschrieben, die Massenmedien werden als Propaganda nach Vorgabe eines staatlichen Informationsmonopols instrumentalisiert und Sport wird ideologisiert und für das Prestige eines Regimes genutzt.

    Aufmerksamen Lesern wird auffallen, dass diese Argumentation zirkulär ist – und zirkulär sein muss. Die Forderung, unterschiedliche Sachfragen gesellschaftlich getrennt zu behandeln – etwa rechtliche anders als wissenschaftliche und diese wiederum anders als politische – setzt eine bereits in ihren Funktionen differenzierte Gesellschaft voraus, in der genau dies möglich ist. Hingegen werden solche Forderungen in totalitären Gesellschaftsformen, in denen diese gerade nötig wären, charakteristischerweise – etwa durch politische Zensur der Massenmedien – effizient unterdrückt.

    Zirkuläre Argumentationen sind hier unvermeidlich, da die Instanzen, die anzusteuernde Verhältnisse einfordern, auf derselben gesellschaftlichen Ebene liegen wie die zu verändernden Verhältnisse. Es gibt keine Position außerhalb der Gesellschaft, von der aus kausale Steuerung möglich wäre. Die Steuerung der Gesellschaft beschränkt sich daher auf Selbststeuerung – mit den ihr eigenen, stets begrenzten und korrumpierbaren Möglichkeiten, Kontrolle und Erfolg abzusichern.

    Festzuhalten ist: Es ist die Form der Organisation, durch die Menschheitsverbrechen wie der Holocaust möglich werden und zu erklären sind. Dies schließt – zumindest unter den Bedingungen einer funktional differenzierten Gesellschaft, in der unterschiedliche Sachfragen unterschiedlich behandelt werden und nicht ausschließlich politischer Ideologie unterworfen sind – nicht aus, dass auch individuelle Schuld von Personen bezogen auf Menschheitsverbrechen festzustellen ist.
    3. Die operative Unabhängigkeit der Organisation von der menschlichen Psyche

    Allerdings ist der Verweis auf Organisation im allgemeinen Sinne kaum geeignet, um zu klären, warum ausgerechnet diese Gesellschaftsform Menschheitsverbrechen im genannten Ausmaß ermöglichen soll. Zu klären sind die spezifischen Bedingungen, die es Organisationen ermöglichen, als Tötungsmaschinerien zu fungieren. Denn die Form der Organisation hat erst jene Bedingungen geschaffen, die es heute 8 Milliarden Menschen ermöglichen, zu überleben.

    Die moderne Gesellschaft wäre ohne Organisation undenkbar. Moderne Landwirtschaft ist nur durch Agrarkonzerne, Genossenschaften, staatliche Regulierungsbehörden und Fließbandproduktion möglich. Massenproduktion von Gütern, Logistik und globale Lieferketten sind gleichermaßen von Organisation abhängig.

    Das gilt auch für Politik und Recht: staatliche Verwaltung in Form von Ministerien, Ämtern und Behörden, politische Parteien, Gerichte, Staatsanwaltschaften und Rechtsanwaltskanzleien sowie das Militär wären ohne Organisation undenkbar. Dasselbe gilt im Gesundheitswesen für Krankenhäuser, Krankenkassen, die Pharmaindustrie und Pflegeeinrichtungen ebenso wie, das Erziehungssystem betreffend, für Schulen, Universitäten, Verlage und Fachzeitschriften. Die Abhängigkeit von Organisation ist für die moderne Gesellschaft konstitutiv.

    Doch wie kann die Form der Organisation so pervertieren, dass sie Massenmord produziert? Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst geklärt werden, was diese Gesellschaftsform spezifisch ausmacht. Anschließend ist zu untersuchen, unter welchen Bedingungen Organisationen zu Tötungsmaschinerien mutieren können.

    Kennzeichnend für Organisationen ist, dass es sich um sich kommunikativ reproduzierende Systeme handelt – genauer: um Systeme, die sich aufgrund, mittels und zum Zweck von Entscheidungen in ihrem Bestand aufrechterhalten. Entscheidungen in Organisationen sind durch vorausgegangene Entscheidungen bedingt und bedingen wiederum zukünftige Entscheidungen (vgl. Luhmann, Niklas (2000), Organisation und Entscheidung, Westdeutscher Verlag).

    Der abstrakte Bezug auf Entscheidungen als Form der Operation, mittels derer sich Organisationen reproduzieren, ist notwendig, um so disparate Organisationen wie Supermarktketten, Hedgefonds, Gefängnisse, Bauämter, Altenheime, Forschungsinstitute, Medienkonzerne, Opernhäuser, Moscheeverbände oder NGOs wie Amnesty International miteinander zu vergleichen. Das Prozessieren von Entscheidungen ist das Merkmal, das diese Organisationen bei aller Unterschiedlichkeit der sachlichen Bezüge als Organisationen auszeichnet.

    Wenn ein Krankenhaus angesichts begrenzter Kapazitäten zu entscheiden hat, welcher Patient prioritär zu operieren ist, oder eine Militärorganisation entscheidet, ob es ausreicht, Hiroshima atomar zu bombardieren, werden hier bei aller Unterschiedlichkeit des Sachbezugs Entscheidungen prozessiert, die auf bereits getroffenen Entscheidungen beruhen und weitere Entscheidungen nach sich ziehen. Gerade diese Form charakterisiert Organisationen als Organisationen.

    Daraus wird deutlich, dass Organisationen in ihrem Bestand nicht davon abhängig sind, dass „ganze Menschen“ an ihnen beteiligt sind. Vielmehr nutzen sie lediglich ein Personen zurechenbares kommunikatives Potenzial – das Potenzial, den Erwartungen gerecht zu werden, die eine Organisation mit ihren spezifischen Strukturen und Sachbezügen an Personen stellt. Ob ein Fließbandarbeiter gedanklich mit seinem Job hadert, ist für die Organisation irrelevant, solange keine Erwartungen enttäuscht werden. Erst wenn Erwartungen nicht mehr erfüllt werden, reagiert die Organisation mit einer Entscheidung – etwa mit der Entlassung des Mitarbeiters.

    Dies gilt für alle Organisationen: Eine Lehrerin mag am Rande eines Burnouts stehen oder das Notensystem für pädagogisch falsch halten, ein Soldat mag einen konkreten Auftrag für moralisch fragwürdig halten, eine Richterin mag die Anwendung eines Gesetzes für verfehlt halten, ein Arzt mag die Priorisierung profitabler Eingriffe für falsch halten und eine Mitarbeiterin eines Wahlkampfteams mag den Kandidaten für eine Fehlbesetzung halten. Solange diese Vorbehalte auf gedanklicher Ebene bleiben und keine kommunikativen Auswirkungen auf die Erwartungserfüllung haben, sind sie für die Organisation irrelevant. Organisationen sind weder von psychischer „Compliance“ (Motive, Gefühle, Überzeugungen) noch von körperlicher Anwesenheit abhängig – wie die Arbeitsweisen im Homeoffice oder bei digitalen Nomaden zeigen.

    Da Organisationen lediglich davon abhängig sind, dass ihre spezifischen Erwartungen, die von ihren Strukturen und Sachbezügen abhängen, erfüllt werden, sind sie auch nicht von einzelnen Persönlichkeiten bzw. „ganzen Menschen“ abhängig. Dadurch ist die Teilnahme von Personen in komplett unterschiedlichen Organisationen möglich. So kann eine Person ihr Geld in einem Erdölkonzern verdienen und sich gleichzeitig beim Fundraising von Greenpeace engagieren. Es ist daher nicht überraschend, dass Personen, die im NS-Regime Karriere gemacht haben, auch in andersartigen Organisationen im Nachkriegsdeutschland Karriere machen konnten.

    Da für Organisationen nicht eine spezifische (menschliche) Personalität entscheidend ist, sondern sie lediglich davon abhängig sind, dass ihre Erwartungen im Rahmen der sie konstituierenden Entscheidungen erfüllt werden, ist es durchaus realistisch, dass sich zukünftig viele Organisationen im Rahmen von Kostenoptimierungen dafür entscheiden könnten, die Erfüllung dieser Erwartungen mittels fortschrittlicher KI-Software bei limitiertem oder anders geartetem Personal („Chatbots“) zu realisieren. Hinzu kommt, dass die Erwartungen von Organisationen in hohem Maße kleinteilig fragmentiert werden können, was eine Entlastung von Verantwortlichkeit – auch in psychischer Hinsicht – ermöglicht.

    Organisationen rekrutieren somit keine „Menschen“, sondern lediglich die Erwartung, dass ihre Erwartungen erfüllt werden – gleich, ob dies durch KI-Agenten oder durch Personen geschieht, die ihre Tätigkeit innerlich ablehnend, zähneknirschend oder mit Schuldgefühlen erledigen. Solange die Erwartungen erfüllt werden, sind solche inneren Zustände irrelevant.

    Organisationen funktionieren, weil sie Menschen in ihren Gedanken nicht korrumpieren können – und nicht korrumpieren müssen. Ihre Funktionalität ist nicht von einem unmittelbaren kausalen Einfluss von Kommunikation auf das Denken von Personen abhängig. So werden monströse Konstellationen möglich, wie ein „idyllisches“ Familienleben in unmittelbarer Nachbarschaft des Konzentrationslagers Auschwitz.

    Das Potenzial, Erwartungen erfüllen zu können, ist gesellschaftlich von so zentraler Bedeutung, dass es selbst funktional (im Erziehungssystem) bzw. organisatorisch (etwa mittels Schulen, Universitäten oder Fortbildungsstätten) etabliert und erprobt wird. Das Endprodukt von Bildungsinstitutionen ist letztlich ein Ranking von Personen hinsichtlich ihres durch Tests, Klassenarbeiten, Klausuren oder Examen geprüften Potenzials, Erwartungen erfüllen zu können.
    4. Wann Organisationen zu Tötungsmaschinen werden

    Doch unter den bisher diskutierten Bedingungen ist noch immer nicht hinreichend geklärt, warum Organisationen zu Tötungsmaschinen pervertieren können. Krankenhäuser oder Sportvereine werden nicht leichtfertig zu Institutionen des Massenmords. Es gilt, weitere Bedingungen zu bestimmen, die organisierten Massenmord ermöglicht haben – etwa wie eine extremistische Hutu-Miliz in Ruanda innerhalb von 100 Tagen 800.000 Tutsi und moderate Hutu töten konnte, wie sudanesische Regierungstruppen bis zu 300.000 Menschen töten konnten oder wie es im Gazakrieg (bis zum jetzigen Zeitpunkt) zu mehr als 80.000 Toten kommen konnte.

    Charakteristisch für Organisationen ist zudem, dass sie in ihrer Eigendynamik über ein stark eingeschränktes Potenzial zur Selbstreflexion verfügen. „Eigendynamik“ meint hier, dass sie zukünftige Entscheidungen aufgrund vergangener Entscheidungen mittels gegenwärtiger Entscheidungen treffen – bei unterschiedlichem sachlichem Bezug. Unter üblichen Bedingungen ist dies kein Problem. Auf organisatorischer Ebene wird dieses strukturelle Defizit – kaum überraschend – organisatorisch gelöst, etwa durch Unternehmens- und Managementberatungen wie McKinsey oder PricewaterhouseCoopers.

    Auch auf gesellschaftlicher Ebene, also auf der Ebene von Funktionssystemen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Erziehung, fungieren Organisationen üblicherweise unter Bedingungen, die Reflexivität ermöglichen. In der Wirtschaft operieren Unternehmen unter Marktbedingungen: Sie sollen sich – hinsichtlich Qualität und Preisen – im Wettbewerb mit konkurrierenden Unternehmen selbst reflektieren. Versagt dieser Mechanismus, können externe Organisationen wie Kartellbehörden (etwa das Bundeskartellamt oder EU-Kommissionen) eingreifen.

    In der Politik beschränken und reflektieren sich Regierung und Opposition gegenseitig; Parteien konkurrieren um Stimmen und Mandate. Institutionell wird die Exekutive durch Parlament, Verfassungsgericht und Föderalismus eingehegt – alles organisierte Gegenspieler, die Reflexivität ermöglichen.

    Im Rechtssystem reflektieren sich Gerichte durch organisatorisch getrennte Instanzenzüge – etwa Amtsgericht, Landgericht, Oberlandesgericht und Bundesgerichtshof. Staatsanwaltschaften und Verteidiger stehen sich organisatorisch gegenüber. Anwaltskammern kontrollieren Berufszugang und Berufsethik; Ombudsleute und Verfassungsgerichte begrenzen die Justizorgane.

    Die Massenmedien kontrollieren und reflektieren sich üblicherweise durch Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Reputation, der durch eine vielfältige Medienlandschaft aus unterschiedlichen Redaktionen, Verlagen und Sendern erreicht werden soll. Hinzu kommen organisierte Kontrollinstanzen wie Presserat, Rundfunkrat oder Landesmedienanstalten und gegebenenfalls Gerichte.

    Allein die Vielzahl dieser Kontroll- und Reflexionsinstanzen verdeutlicht, dass die Form der Organisation in ihrer Eigendynamik und ihrer mangelnden Kapazität zur Selbstreflexion gesellschaftlich als prinzipiell gefährlich gilt – unabhängig vom jeweiligen sachlichen Bezug. Monopolistische Unternehmen, Sekten oder unkontrollierte Bildungsinstitutionen können in ihren jeweiligen Sphären gleichermaßen gefährlich werden. Notwendig sind daher nicht nur Reflexionsinstanzen innerhalb von Funktionssystemen, sondern auch ein kontrollierendes Verhältnis der Funktionssysteme untereinander.

    Ein unabhängiges Rechtssystem sollte politische Entscheidungen kontrollieren können. Massenmedien sollten in der Lage sein, Ungereimtheiten in allen gesellschaftlichen Sphären aufzudecken. Die Wissenschaft sollte fehlgeleitete politische Programme kritisieren können. Die Politik sollte nicht auf dysfunktionale Weise in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sein – etwa durch wirtschaftliche Zwänge wie den „Steuerwettbewerb“ zwischen Staaten – und am Allgemeinwohl orientierte Programme durchsetzen können.

    Unter diesen Voraussetzungen lässt sich nun genauer benennen, unter welchen Bedingungen Organisationen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Institutionen des Massenmords mutieren.

    Erstens handelt es sich um Organisationen, die über Macht verfügen und Entscheidungen treffen können – üblicherweise Staaten als politische Organisationen oder, unmittelbarer und weniger komplex, militärische Organisationen wie Milizen oder „reguläre“ Truppen.

    Zweitens muss es diesen Organisationen gelingen, reflektierende und kontrollierende Instanzen auf organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene auszuschalten oder deren ohnehin vorhandene Abwesenheit auszunutzen.

    Die Vorgänge der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland sind hinlänglich bekannt. Innerhalb von 18 Monaten gelang es, nahezu alle kontrollierenden und reflektierenden Instanzen auszuschalten – alle organisatorischen und funktionalen Gegengewichte zu beseitigen und nahezu jede gesellschaftliche Sphäre – Recht, Wirtschaft, Massenmedien, Bildungssystem – in Instrumente der politischen Herrschaft zu verwandeln.
    5. Wenn ein Rechtsstaat seine Schutzwälle abbaut

    Die vorangegangenen Überlegungen sind nicht nur historisch, sondern auch aktuell von Interesse – etwa hinsichtlich der Erosion kontrollierender Instanzen wie der Massenmedien und der Justiz, wie sie in den USA zu beobachten ist, oder der Vorgänge im Krieg in Gaza. Die Bedingungen, die den Massenmord der Hamas mit etwa 1.200 Toten am 7. Oktober 2023 ermöglicht haben, sind dabei weniger erklärungsbedürftig als diejenigen, die den Massenmord an Palästinensern mit gegenwärtig mehr als 80.000 Toten – in der Mehrzahl Zivilisten – ermöglicht haben.

    Der Massenmord der Hamas am 7. Oktober 2023 lässt sich mit dem hier entwickelten Erklärungsrahmen unmittelbar fassen: Eine Miliz mit minimalen innerorganisatorischen Reflexionsinstanzen und direkter Machtverfügung erfüllt die genannten Bedingungen in ihrer einfachsten Form. Gerade weil das Erklärungsmodell hier ohne Zusatzannahmen greift, bedarf dieser Fall keiner weiteren Ausführung – nicht weil er moralisch weniger verabscheuenswert wäre, sondern weil er theoretisch bereits erklärt ist. Analytisch interessanter und daher eingehender zu untersuchen ist der Fall Israel: Ein demokratisch verfasster Rechtsstaat verfügt strukturell über eben jene Reflexions- und Kontrollinstanzen, die Massenmord verhindern sollen. Dass es gleichwohl zu einer Tötung von mehr als 80.000 Menschen – in der Mehrzahl Zivilisten – kommen konnte, verlangt nach einer differenzierteren Analyse der damit verbundenen Erosionsprozesse.

    Aus unserer Perspektive muss es Tendenzen geben, die die reflexiven Instanzen eines Rechtsstaats schwächen oder beseitigen – als Voraussetzung für einen Massenmord, den reputierliche Organisationen als Genozid klassifizieren.

    Genau diese Tendenzen sind in Israel zu beobachten. In Bezug auf die Politik gibt es strukturelle Gründe, die die Regierung mit einer großen Machtfülle ausstatten und die Opposition als Kontroll- und Reflexionsinstanz schwächen. Es gibt nur eine Kammer (die Knesset), keine föderalistische Struktur und kein Vetorecht des Präsidenten. Das Wahlrecht mit einer niedrigen Sperrklausel von 3,25 % führt zu großen, koalierenden Machtblöcken, in denen rechtsradikale und ultraorthodoxe Parteien großen Einfluss gewinnen. Gleichzeitig entsteht eine durch Zersplitterung geschwächte Opposition.

    Zudem versucht die Regierung, die Massenmedien als reflektierende Instanz zu schwächen. Die Tageszeitung Haaretz ist seit November 2024 Ziel eines koordinierten staatlichen Boykotts: Keine Regierungsstelle darf in dieser Zeitung inserieren oder mit ihr kommunizieren. Staatliche Abonnements wurden gekündigt. Das Al-Jazeera-Gesetz (April 2024) ermöglicht die Sperrung ausländischer Medien bei diffus definierter „Sicherheitsgefährdung“ – was einer Regierung, die sich in einem dauerhaften Kriegszustand wähnt, eine weitreichende Handhabe zur Medienkontrolle gibt. Die Berichterstattung zum Gazakrieg findet unter massivem Druck, Drohungen und Zensur statt.

    In Bezug auf das Rechtssystem versucht die rechts-ultraorthodoxe Koalition um Netanjahu, dieses so umzubauen, dass die Strafverfolgung von Regierungsmitgliedern – einschließlich des wegen Korruption angeklagten Premierministers – dauerhaft erschwert oder unmöglich gemacht wird. Dies soll beispielsweise durch die Abschaffung der Angemessenheitsdoktrin, die politische Kontrolle über die Ernennung von Richtern und eine De-facto-Immunisierung des Regierungschefs gegen Amtsunfähigkeitsverfahren erreicht werden.

    Das israelische Rechtssystem war in seiner Kontrollfunktion gegenüber der Politik ohnehin nie stark ausdifferenziert: Ohne Verfassung, zweite Kammer oder Föderalismus konzentriert sich die Kontrolle über Regierung und Parlament nahezu allein beim Obersten Gerichtshof. Dessen Befugnisse – Angemessenheitskontrolle, Richterwahl, Möglichkeit zur Aufhebung von Gesetzen – will die Regierung nun einschränken und untergräbt damit den einzigen wirksamen rechtsstaatlichen Kontrollmechanismus.

    Die außerparlamentarische Protestbewegung gegen die Justizreform – eine notgedrungene Form der Kontrolle des Regierungshandelns – ist im Zuge des Massenmords der Hamas vom 7. Oktober 2023 als Gegenkraft praktisch weggefallen. Darüber hinaus erschwert die Regierung durch Gesetzgebung die Arbeit regierungskritischer Organisationen wie „Breaking the Silence“ oder „B’Tselem“ oder verhindert sie.

    Das Erziehungssystem lässt kaum eine gemeinsame staatsbürgerliche Öffentlichkeit entstehen. Stattdessen werden vier autonome Parallelwelten erzeugt: Der ultraorthodoxe Sektor (24 % der Erstklässler) erhält Staatsgelder ohne Bildungsaufsicht und unterrichtet keine Kernfächer, der nationalreligiöse Sektor (17 % der Schüler) sozialisiert messianisch-nationalistisch, der arabische Sektor ist chronisch unterfinanziert. Die Wahrscheinlichkeit, dass daraus eine (selbst-)kritische demokratische Öffentlichkeit entsteht, ist gering – umso mehr, als sich der Staat selbst als religiös-nationalistisch (zionistisch) verortet und ein stark religiös orientiertes Bildungssystem Reflexionsmechanismen somit eher abschwächt.

    Die Kunst als gesellschaftliche Reflexionsinstanz steht in Israel seit Jahren unter Förderentzug und Loyalitätsdruck. Bereits unter Kulturministerin Miri Regev (Likud) wurde die staatliche Förderung von Kultureinrichtungen davon abhängig gemacht, ob sie bereit waren, in Siedlungen in besetzten Gebieten aufzutreten. Das „Loyalitätsgesetz“ für Kulturförderung ist zwar nicht förmlich verabschiedet, wirkt aber faktisch bei der Mittelvergabe.

    Die israelische Wirtschaft fungierte 2023 kurzzeitig als Reflexions- und Kontrollinstanz: Kapitalflucht, eine Bonitätswarnung durch Moody’s und ein Einbruch der Start-up-Finanzierungen um fast 70 % zwangen die Regierung, die Justizreform vorübergehend auszusetzen. Diese Kontrollfunktion erwies sich jedoch als strukturell begrenzt: Der kriegsbedingte Rüstungsboom macht den Hightech-Sektor zunehmend staatsabhängig, gewerkschaftliche Gegenmacht fehlt weitgehend. Die Wirtschaft wirkt als kurzfristiger Schockmechanismus, nicht als dauerhafter Gegenspieler.

    Wenn die Politik das Recht beschneidet, Medien zensiert, die Zivilgesellschaft durch das Bildungswesen fragmentiert und Kunst auf Loyalität verpflichtet, entdifferenziert sich die Gesellschaft. Der Staat wird zu einer Organisation, die ihre Entscheidungen – den Einsatz massiver militärischer Gewalt eingeschlossen – durch keine unabhängigen gesellschaftlichen Sphären mehr reflektieren lassen muss. Israel liefert das gegenwärtig deutlichste Beispiel dafür, dass die Wahrscheinlichkeit für organisierten Massenmord in dem Maß steigt, in dem ein Gemeinwesen seine funktionalen Kontrollinstanzen beseitigt.
    6. Vom Sachprimat zum Personprimat: Eine gefährliche Transformation

    In besorgniserregender Weise ist aktuell zu beobachten, dass die zunehmend dominante Form digitaler Kommunikation zu einem Wandel der primären Gesellschaftsform führt. Die Form der Organisation wird auf Kosten funktionaler Differenzierung privilegiert. Das bislang gültige Primat sachlich unterschiedlich zu behandelnder funktionaler Sphären – Politik, Wirtschaft, Erziehung, Recht, Kunst, Religion – wird zugunsten personeller Belange zurückgedrängt. Identitätspolitische moralisch ausgerichtete Strömungen – „woke“ wie „anti-woke“ – sind der gegenwärtig sichtbarste Ausdruck dieser Entwicklung.

    Dabei wird nicht behauptet, dass diese Strömungen inhaltlich gleichwertig wären oder dieselben politischen Ziele verfolgten. Die hier relevante Frage ist ausschließlich eine strukturelle: Beide privilegieren – bei aller inhaltlichen Verschiedenheit – Personmerkmale und moralische Zuschreibungen gegenüber den sachlich-funktionalen Kriterien der Funktionssysteme. Gegenstand der Analyse ist diese strukturelle Gemeinsamkeit, keine moralische Gleichsetzung.

    Eine detailliertere Erläuterung dieser Entwicklungen würde an dieser Stelle zu weit führen (vgl. ausführlicher Räwel (2022) und Räwel (2025)). Es lässt sich dieses Geschehen jedoch anhand markanter gesellschaftlicher Veränderungen veranschaulichen:

    Noch 1983 waren Boykottaufrufe in Deutschland gegen eine geplante Volkszählung, die die Anonymität von Personen bedrohte, nicht nur als Protestbewegung erfolgreich, sondern auch institutionell: Aufgrund rechtlicher Bedenken musste der Zensus auf das Jahr 1987 verschoben werden.

    Dieses Geschehen lässt sich als Ausdruck der gesellschaftlichen Etablierung funktionaler Differenzierung interpretieren: das Primat sachlicher vor persönlichen Belangen. Anonymität ist dabei als gesellschaftliche Struktur zu verstehen, die den Zugang zu Funktionssystemen und ihren Organisationen – anders als in feudalen Gesellschaftsformen – von sachlichen Erwartungen (Leistung) abhängig macht, nicht von persönlichen Merkmalen wie Herkunft, Rang, Geschlecht, Alter oder Hautfarbe.

    Der Zugang zu gesellschaftlichen Sphären soll im Prinzip universell offenstehen – nicht qua Stand oder Herkunft, sondern qua Leistung, orientiert an den Leitunterscheidungen der Funktionssysteme. Wer zahlen kann, nimmt am Wirtschaftssystem teil; wer eine rechtlich relevante Klage hat, erhält Zugang zum Rechtssystem. In der Wissenschaft ist nicht die Person entscheidend, sondern ob ihre Aussagen methodisch begründet, überprüfbar und mit dem Forschungsstand vereinbar sind. Der Zugang zu politischen Ämtern und Organisationen sollte über Wahlen, Mandate und demokratische Verfahren geregelt sein, nicht über Protektion oder Herkunft.

    Anonymisierung und formale Verfahren sind das strukturelle Mittel, um diese Logik gegen die Eigendynamik persönlicher Bindungen, sozialer Vorurteile und stratifikatorischer Rangordnungen abzusichern – das Individuum tritt dem System als Rollenträger, nicht als ganze Person gegenüber. Diese angestrebten Verhältnisse sind natürlich nie vollständig realisiert. Abweichungen von ihnen können aber als Korruption beobachtet werden.

    Digitale, an Nutzerprofilen orientierte Kommunikation kann dazu führen, dass persönliche Belange Vorrang vor funktionssystemspezifischen Erwartungen erhalten. Stabile Nutzerprofile – nicht zuletzt durch soziale Medien – ermöglichen eine funktionssystemübergreifende Identifizierbarkeit von Personen. Dadurch wird es grundsätzlich möglich, den Zugang zu gesellschaftlichen Sphären erneut von persönlichen Charakteristika abhängig zu machen – wie in stratifizierten oder organisierten gesellschaftlichen Formen.

    Damit kann (technisch) die Form der Organisation – mit identifizierbaren „Mitgliedern“ – gegenüber der funktional differenzierten Gesellschaft, die strukturell auf Anonymität angewiesen ist, Vorrang gewinnen.

    Veranschaulichen lässt sich dies an der Art, wie die Gesellschaft mithilfe digitaler Kommunikation der Corona-Pandemie begegnet ist. Mit den 2G- und 3G-Regeln wurde ein einziger, funktionssystemübergreifender Zugangscode eingeführt: der persönliche medizinische Körperstatus, dokumentiert per digitalem Zertifikat. Dieser entschied über die Teilnahme an nahezu allen gesellschaftlichen Sphären – Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung, Kultur, Gastronomie, öffentlicher Verkehr. Das Prinzip, nach dem jeder Bereich seinen Zugang nach eigenen sachlichen Regeln organisiert und persönliche Merkmale keine Rolle spielen, konnte so vorübergehend außer Kraft gesetzt werden.

    Dass diese Maßnahme zeitlich begrenzt blieb und durch Gerichte, parlamentarische Debatten und öffentlichen Widerstand zurückgedrängt wurde, belegt nicht deren Harmlosigkeit. Es waren noch funktionierende Reflexionsinstanzen, die das Potenzial dieser Möglichkeit eingehegt haben. Die technische Infrastruktur für systemübergreifende personenbezogene Klassifikationen bleibt jedoch bestehen – und mit ihr die Möglichkeit, Kontroll- und Reflexionsinstanzen durch Ausnutzung dieses Potenzials zu schwächen oder außer Kraft zu setzen.

    Die Erosion gesellschaftlicher Kontroll- und Reflexionsmechanismen, wie sie aktuell in den USA zu beobachten ist, könnte darauf hindeuten, dass die zunehmend digitale Reproduktion der modernen Gesellschaft die Form der Organisation auf gesellschaftlicher Ebene vorantreibt. Damit evolviert möglicherweise eine Gesellschaftsform, die – wie gezeigt – extrem gefährlich und potenziell selbstzerstörerisch ist. Nicht zuletzt deshalb, weil es jenseits der Gesellschaft keine Kontroll- und Steuerungsmittel gibt, die solchen Entwicklungen Einhalt gebieten könnten. Ein Primat weltgesellschaftlicher Organisation vermag kaum eine außer Kontrolle geratene, Weltherrschaft anstrebende Organisation einzuhegen – wie es einem alliierten Staatenverbund zur Zeit des Zweiten Weltkriegs noch möglich war.

    Jörg Räwel

    Jörg Räwel ist Soziologe. Sein aktuelles Forschungsinteresse umfasst die Anwendung von Evolutionstheorien in den Sozialwissenschaften, die Entwicklung von Kommunikationstheorien der sozialen Medien und die Untersuchung des sozialen Wandels durch die »Digitalisierung« der Gesellschaft. Er ist Research Fellow am Next Society Institute an der Kazimieras-Simonavičius-Universität in Vilnius. Letzte Monographie: »Die nächste Gesellschaft. Soziale Evolution durch Digitalisierung, Velbrück Wissenschaft 2022«.

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    Wer die Lösung hat,
    hat ein Problem.

    Der Rückzug in die Überschaubarkeit geistiger und fachlicher Schrebergärten ist nicht nur anstrengend, er kostet uns über weite Strecken auch das, was die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft ausmacht. In einer digital vernetzten Welt verflüchtigt sich die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und eindeutigen Antworten zu einem Sirenengesang falscher Hoffnungen. Mehr denn je sind wir alle aufeinander angewiesen – trotz aller Unterschiede, die uns trennen.
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    Das ist keine Sozialromantik. Das Selbstgespräch, das wir uns durch den Rückzug in Filterblasen, Fangemeinschaften und Fachgremien einhandeln, beruhigt zwar unser Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung und Zugehörigkeit. Aber es hilft uns nicht weiter, wenn es um die Arbeit an den großen Herausforderungen unserer Zeit geht. Klimawandel, Migration, der radikale Umbau unserer Arbeitswelt, die klaffende Schere zwischen Arm und Reich – all diese „wicked problems“ entziehen sich einfachen Lösungen und sind im Alleingang nicht lösbar. Für niemanden.
    Komplexität ist die Lösung.

    Nicht das Problem.

    Was wir dazu brauchen, ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven. Dazu gehört die Offenheit, verschiedene Ansichten als gleich-wertig nebeneinander stehen zu lassen. Widersprüche nicht als Bedrohung, sondern Bereicherung zu empfinden. In der Lage zu sein, die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und Verbindungen herzustellen.

    Ohne Neugier und Lust an einer disziplin-übergreifenden Auseinandersetzung werden wir nicht weit kommen. Unsere Welt ist zu klein geworden, um sich einfach aus dem Weg zu gehen.
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    Seit mehr als 10 Jahren arbeitet die Stiftung Nächste Gesellschaft daran, Menschen und Organisationen aus unterschiedlichsten Kontexten miteinander ins Gespräch zu bringen. In dieser Zeit hat sie eine Vielzahl von Projekten initiiert, die allesamt das Ziel verfolgen, die Welt in ihrer Vielfalt erlebbar zu machen und dabei das Fremde nicht als Angstgegner, sondern Quelle von Inspiration und Irritation zu begreifen.

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    In regelmäßigen Abständen lanciert die Stiftung Arbeitsprojekte, die sich mit zentralen Aspekten einer „Nächsten Gesellschaft“ auseinandersetzen.

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    The Next Society Institute Limited (in foundation) conducts and supports research on the structures and semantics of modern societies, with a particular focus on social systems theory and its contemporary extensions.
    The Institute provides a platform for theoretical innovation, interdisciplinary exchange, and advanced research training, while also contributing to the public understanding of social theory. Its formal establishment was marked by an inaugural meeting held at Clare College, University of Cambridge, reflecting the Institute’s roots in international academic exchange and its orientation toward research conducted in the public interest and with a view toward charitable status.

    Directors

    Dr Vincent Lien, Clare College, Trinity Lane, Cambridge, United Kingdom, CB2 1TL
    Professor Steffen Roth, Wolfson College, Barton Road, Cambridge, United Kingdom, CB3 9BB

    Guarantors

    Professor Michal Kaczmarczyk, Uniwersytet Gdański, Gdansk, Poland
    Professor Franz Kasper Krönig, Technische Hochschule Köln, Cologne, Germany
    Professor Augusto Sales, Escola Brasileira de Administração Pública e de Empresas, Rio de Janeiro, Brazil, and Yale University, United States of America
    Professor Tilia Stingl de Vasconcelos Guedes, Fachhochschule der Wirtschaftskammer Wien, Vienna, Austria

    #sociologie #génocide #crime_de_guerre #iatrocratie

  • Amtsgeheimnis Corona-Tote
    https://overton-magazin.de/top-story/amtsgeheimnis-corona-tote

    Coronavirus SARS-CoV-2. Bild : NIAID-RML/public domain

    Nous ignorons le nombre d’Allemands morts du coronavirus et les administrations compétentes refusent de publier les statistiques sur la question. Les tribunaux jouent le jeu et refusent d’obliger les administrations à suivre la loi et de mettre à disposition d’un journalist les données à propos du sujet.

    13.6.2026 von Thomas Moser - Der Freiburger Rechtsanwalt Udo Kauß, der wissen will, wie viele Menschen tatsächlich „an“ dem Virus gestorben sind, scheitert nach sechs Jahren endgültig an der Mauer, die Behörden und Gerichte errichtet haben.

    „Im Laufe der Pandemie sind bis Juni 2023 rund 174.400 Menschen in Verbindung mit COVID-19 gestorben.“ – Robert Koch Institut, Stand 1.10.2025

    „…in Verbindung mit Covid-19 gestorben.“ Eine Formulierung, die unklarer nicht sein könnte und die in gewisser Weise einmalig ist. Sie gibt es nur bei Corona. Formulierungen wie „in Verbindung mit Masern gestorben“ oder „in Verbindung mit einem Herzinfarkt gestorben“, hat man noch nicht gehört. Wie viel Menschen an Corona starben, ist Amtsgeheimnis.

    Dieses angeblich aufgeklärte und wohl organisierte Land, genannt Bundesrepublik Deutschland, hat keine Zahl, wie viele Menschen tatsächlich am Sars-Cov 2-Virus gestorben sind. Und das bei dieser einmaligen Pandemie eines nie dagewesenen Killervirus‘. Das entscheidende Datum, um die Gefährlichkeit einer Epidemie zu erkennen, fehlt diesem Land – beziehungsweise kann es nicht vorweisen. Stattdessen vermischt es Menschen, die „an“ Corona gestorben sind, mit Menschen, die „mit“ Corona verstorben sind, also an anderen Ursachen, die aber zur gleichen Zeit mit dem Virus infiziert waren. Doch inzwischen macht sich die Gewissheit breit, dass dieses Land, beziehungsweise seine politische Nomenklatur, die die Führungspositionen besetzt hält, es auch gar nicht wissen will.

    Was wir bisher noch nicht wissen, ist: Weiß diese Nomenklatur es tatsächlich nicht oder spielt sie nur vor, es nicht zu wissen? Kennt sie in Wahrheit doch die tatsächliche Zahl der Corona-Verstorbenen, versteckt sie aber, weil sie so niedrig ist, dass das Corona-Regime mit seinen autoritären Maßnahmen seine Legitimität verloren hätte und das ganze Corona-Brimborium von drei Jahren als Betrug entlarvt werden könnte.

    Soweit die nötige Vorbemerkung zur Geschichte des Freiburger Rechtsanwaltes Udo Kauß, der sechs Jahre lang versucht hat, von Ämtern, Behörden und Gerichten die Frage beantwortet zu bekommen, wie viele Menschen in Freiburg und Umgebung tatsächlich an dem Coronavirus gestorben sind. Er darf es nicht erfahren. Was das Gesundheitsamt ihm vorlegte, waren – wie beim Robert Koch Institut in Berlin – lediglich vermischte Zahlen von Menschen, die „an und mit Corona verstorben“ sind.

    Jetzt, Ende April 2026, erfolgte der letzte Akt des Trauerspiels: Der Verwaltungsgerichtshof von Baden-Württemberg schloss den Vorgang endgültig, indem er ein Urteil des Verwaltungsgerichtes Freiburg bestätigte und Kauß‘ Antrag auf Zulassung der Berufung zurückwies.

    Dass die Gerichte überhaupt ins Spiel kamen, lag daran, dass die Behörden nicht bereit waren, dem Bürger Kauß Auskunft über die Anzahl eindeutiger Coronatoten zu geben und er eine staatliche Gewalt bemühen musste. Dass die Gerichte jedoch für die Behörden entschieden, zeigt wiederum, dass sie sich der von der Exekutive geschaffenen Corona-Ordnung unterordneten und sie mittrugen.

    Begonnen hatte der Hindernislauf des Rechtsanwaltes Kauß im April 2020 nach den ersten Corona-Monaten. Kauß fiel auf, dass die Mitteilungen des Gesundheitsamtes über die ersten Todesfälle wegen Corona allgemein gehalten waren und unterschiedslos nur von „im Zusammenhang mit dem Coronavirus“ gesprochen wurde. Er erbat unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz des Landes (LIFG) die Aufschlüsselung der Zahlen nach „an-Covid-verstorben“ und „mit-Covid-verstorben“ sowie, um die Angaben zu überprüfen, um Einblick in die Unterlagen. Was man ihm vorlegte, waren aber keine amtlichen Totenscheine, sondern lediglich 87 Kopien von Todesmitteilungen von Krankenhäusern und Ärzten an das Gesundheitsamt. Und zwar nach den Vorgaben des RKI, nach denen eine laborbestätigte Coronainfektion mit angegeben werden sollte. Es war das Gegenteil dessen, was der Antragsteller Kauß wissen wollte.

    Kauß legte Widerspruch ein und verlangte die Vorlage der amtlichen Totenscheine inklusive des vertraulichen Teils, in dem die Todesursache eines Verstorbenen vermerkt ist. Er wollte die Angaben aber nur in anonymisierter Form, damit die Identität der Verstorbenen geschützt bleibe. Das Regierungspräsidium Freiburg wies den Widerspruch zurück und erklärte, Todesursachen genießen eine besondere Schutzwürdigkeit. Auch in anonymisierter Form sollten die Totenscheine nicht eingesehen werden können, weil trotzdem Rückschlüsse auf die Identität einer konkreten Person gezogen werden könnten. Das regle das Bestattungsgesetz, das Vorrang vor dem Informationsfreiheitsgesetz habe.
    „Kein öffentliches Informationsinteresse“

    Im August 2020 erhob der Jurist Kauß Klage vor dem Verwaltungsgericht Freiburg auf Herausgabe der Unterlagen, um die Zahl der Coronatoten zu erfahren. Gleichzeitig beantragte er zusätzlich eine einstweilige Anordnung. Die einstweilige Anordnung lehnte das Verwaltungsgericht Freiburg ab. Kauß zog daraufhin vor den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim, doch auch von dort kam ein Negativbescheid, der inhaltlich den Behördenbescheiden Recht gab: Todesursachen seien vertraulich und nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Das gelte auch für eine anonymisierte Form. Es handelte sich nebenbei um denselben Senat des VGH, der später, Ende April 2026, den endgültigen Schlussstrich unter den Vorgang zog.

    Im September 2020 legte Jurist Kauß nun Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. Nun wurde es bizarr. Kauß brachte das Schreiben fristgerecht am letzten Tag nach Karlsruhe und gab es persönlich an der Wache des Gerichtsgebäudes ab. Die Poststelle bestätigte das Eingangsdatum. Dennoch erklärte das höchste deutsche Gericht, die Beschwerde sei „verfristet“ eingegangen, sprich: verspätet, und wies sie zurück.

    Das Hauptsacheverfahren blieb derweil vor dem VG Freiburg anhängig. In der Klageerwiderung des Landratsamtes auf das Auskunftsbegehren des Bürgers Udo Kauß vom Mai 2021 findet sich eine bemerkenswerte Passage. Die Behörde behauptet, es liege bei der Frage der Corona-Todesursache „kein öffentliches Informationsinteresse“ vor, das den Schutz der personenbezogenen Daten der Verstorbenen überwiege. Das ist politisch argumentiert und gewichtet, lässt man außer Betracht, dass es mutmaßlich auch noch falsch ist. Man kann davon ausgehen, dass das öffentliche Informationsinteresse an Corona ungebrochen ist. Das kann man selbst bei den Behörden ablesen. So teilte im April 2024 das Gesundheitsamt Freiburg mit, dass seit dem 1. Februar 2020 in Freiburg 327 Menschen und im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald 423 Menschen „mit oder an Covid-19 verstorben“ seien.

    Am 30. Juli 2024 verhandelte das Verwaltungsgericht Freiburg die im August 2020 erhobene Klage von Udo Kauß gegen das Land Baden-Württemberg und seine Ämter – und gab den Behörden Recht. Im Dezember 2024 wandte sich Kauß erneut an den VGH in Mannheim und beantragte die Zulassung der Berufung gegen das Urteil des VG Freiburg. Eineinhalb Jahre später, jetzt im April 2026, kam der Beschluss: „Abgelehnt“.

    Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim begründet seine ablehnende Entscheidung unter anderem folgendermaßen: Der Kläger, Udo Kauß, habe keine Begründung für die grundsätzliche Bedeutung der Sache dargelegt, warum der Frage eine „über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung zukomme“. Auch das ist politisch argumentiert, wie seitens des Landratsamtes. Man könnte sagen, dass der Bürger Kauß es wissen möchte, reiche aus, ihm diese Informationen zu geben. Aber zu verneinen, dass die Frage, wie viel Coronatote es tatsächlich gab, von allgemeinem Interesse ist, ignoriert nicht nur die Debatte in der Gesellschaft, sondern auch die Bedeutung der Frage für die Legitimität der Coronamaßnahmen. Damit wird der Corona-Ausnahmezustand in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Was damals unter Corona bedeutungsvoll und zwingend gewesen sein soll, soll heute nach Corona keine Rolle mehr spielen?

    Wie unqualifiziert und substanzlos die Auseinandersetzung um die Zahl der Coronatoten nach wie vor geführt wird, kann man ständig erleben, sogar in Kreisen derjenigen, die es wissen müssten oder beruflich erfahren könnten, zum Beispiel die etablierten Medien. Jedes Jahr von neuem entdecken sie im Herbst eine Coronavirusvariante und versuchen einen neuen Ausnahmezustand herbei zu trommeln. Im Herbst 2025 verbreiteten zahlreiche Medien zum Beispiel die Überschrift „Deutlich mehr Menschen haben Covid“. Wenn man den Artikel überprüfte, ergab sich das Gegenteil. Gegenüber 2024 waren deutlich weniger Menschen mit Corona infiziert, und Corona lag 2025 nur an dritter Stelle mit elf Prozent der an einer Erkältung Erkrankten.

    Ich konfrontierte die Kollegen der Stuttgarter Zeitung, die den Artikel ebenfalls gedruckt hatten, mit dem Widerspruch und erhielt vom verantwortlichen Redakteur der Wissensseite folgende Antwort: „In der Sache kann ich Ihnen natürlich nur Recht geben; die Zahl der Corona-Fälle ist im Vergleich zu Grippe und Erkältung tatsächlich verschwindend gering. Nichtsdestotrotz stimmt die Überschrift aber trotzdem. (…) Und an einer Erkältung ist im Gegensatz zu Corona (und auch der Grippe) in Deutschland noch nie jemand gestorben. Und darum ging es uns im Kern ja auch. Darauf hinzuweisen, dass eine Erkrankung, die noch vor Jahren täglich Tausende von Menschen in Deutschland dahinraffte und in Sorgen versetzte, nach wie vor nicht ausgemerzt und vollständig kontrollierbar ist.“

    Der Kollege scheint nicht zu realisieren, was er da schreibt: „Täglich tausende dahingerafft“ – also mindestens 30.000 jeden Monat. Das Corona-Regime und seine Träger gründen auf Glauben und nicht auf Wissen. Und die Ämter und Gerichte sorgen dafür, dass das so bleiben soll. Der Beschluss des VGH in der Sache Kauß gegen das Land Baden-Württemberg beziehungsweise das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald ist übrigens „unanfechtbar“.
    Thomas Moser

    Thomas Moser ist freier Journalist und Autor, der unter anderem für das Online-Magazin Overton und ARD-Anstalten arbeitet. Er tritt für eine Erneuerung und Demokratisierung der Öffentlich-Rechtlichen Medien ein. Der Politologe beschäftigte sich mit dem NSU-Komplex und veröffentlichte hierzu mehrere Bücher (u.a. „Ende der Aufklärung. Die offene Wunde NSU“). Er berichtete über die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz und schrieb dazu das Buch „Der Amri-Komplex“.
    Covid-19-Viren
    Coronavirus SARS-CoV-2. Bild: NIAID-RML/public domain

    Der Freiburger Rechtsanwalt Udo Kauß, der wissen will, wie viele Menschen tatsächlich „an“ dem Virus gestorben sind, scheitert nach sechs Jahren endgültig an der Mauer, die Behörden und Gerichte errichtet haben.

    „Im Laufe der Pandemie sind bis Juni 2023 rund 174.400 Menschen in Verbindung mit COVID-19 gestorben.“ – Robert Koch Institut, Stand 1.10.2025

    „…in Verbindung mit Covid-19 gestorben.“ Eine Formulierung, die unklarer nicht sein könnte und die in gewisser Weise einmalig ist. Sie gibt es nur bei Corona. Formulierungen wie „in Verbindung mit Masern gestorben“ oder „in Verbindung mit einem Herzinfarkt gestorben“, hat man noch nicht gehört. Wie viel Menschen an Corona starben, ist Amtsgeheimnis.

    Dieses angeblich aufgeklärte und wohl organisierte Land, genannt Bundesrepublik Deutschland, hat keine Zahl, wie viele Menschen tatsächlich am Sars-Cov 2-Virus gestorben sind. Und das bei dieser einmaligen Pandemie eines nie dagewesenen Killervirus‘. Das entscheidende Datum, um die Gefährlichkeit einer Epidemie zu erkennen, fehlt diesem Land – beziehungsweise kann es nicht vorweisen. Stattdessen vermischt es Menschen, die „an“ Corona gestorben sind, mit Menschen, die „mit“ Corona verstorben sind, also an anderen Ursachen, die aber zur gleichen Zeit mit dem Virus infiziert waren. Doch inzwischen macht sich die Gewissheit breit, dass dieses Land, beziehungsweise seine politische Nomenklatur, die die Führungspositionen besetzt hält, es auch gar nicht wissen will.

    Was wir bisher noch nicht wissen, ist: Weiß diese Nomenklatur es tatsächlich nicht oder spielt sie nur vor, es nicht zu wissen? Kennt sie in Wahrheit doch die tatsächliche Zahl der Corona-Verstorbenen, versteckt sie aber, weil sie so niedrig ist, dass das Corona-Regime mit seinen autoritären Maßnahmen seine Legitimität verloren hätte und das ganze Corona-Brimborium von drei Jahren als Betrug entlarvt werden könnte.

    Soweit die nötige Vorbemerkung zur Geschichte des Freiburger Rechtsanwaltes Udo Kauß, der sechs Jahre lang versucht hat, von Ämtern, Behörden und Gerichten die Frage beantwortet zu bekommen, wie viele Menschen in Freiburg und Umgebung tatsächlich an dem Coronavirus gestorben sind. Er darf es nicht erfahren. Was das Gesundheitsamt ihm vorlegte, waren – wie beim Robert Koch Institut in Berlin – lediglich vermischte Zahlen von Menschen, die „an und mit Corona verstorben“ sind.

    Jetzt, Ende April 2026, erfolgte der letzte Akt des Trauerspiels: Der Verwaltungsgerichtshof von Baden-Württemberg schloss den Vorgang endgültig, indem er ein Urteil des Verwaltungsgerichtes Freiburg bestätigte und Kauß‘ Antrag auf Zulassung der Berufung zurückwies.

    Dass die Gerichte überhaupt ins Spiel kamen, lag daran, dass die Behörden nicht bereit waren, dem Bürger Kauß Auskunft über die Anzahl eindeutiger Coronatoten zu geben und er eine staatliche Gewalt bemühen musste. Dass die Gerichte jedoch für die Behörden entschieden, zeigt wiederum, dass sie sich der von der Exekutive geschaffenen Corona-Ordnung unterordneten und sie mittrugen.

    Begonnen hatte der Hindernislauf des Rechtsanwaltes Kauß im April 2020 nach den ersten Corona-Monaten. Kauß fiel auf, dass die Mitteilungen des Gesundheitsamtes über die ersten Todesfälle wegen Corona allgemein gehalten waren und unterschiedslos nur von „im Zusammenhang mit dem Coronavirus“ gesprochen wurde. Er erbat unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz des Landes (LIFG) die Aufschlüsselung der Zahlen nach „an-Covid-verstorben“ und „mit-Covid-verstorben“ sowie, um die Angaben zu überprüfen, um Einblick in die Unterlagen. Was man ihm vorlegte, waren aber keine amtlichen Totenscheine, sondern lediglich 87 Kopien von Todesmitteilungen von Krankenhäusern und Ärzten an das Gesundheitsamt. Und zwar nach den Vorgaben des RKI, nach denen eine laborbestätigte Coronainfektion mit angegeben werden sollte. Es war das Gegenteil dessen, was der Antragsteller Kauß wissen wollte.

    Kauß legte Widerspruch ein und verlangte die Vorlage der amtlichen Totenscheine inklusive des vertraulichen Teils, in dem die Todesursache eines Verstorbenen vermerkt ist. Er wollte die Angaben aber nur in anonymisierter Form, damit die Identität der Verstorbenen geschützt bleibe. Das Regierungspräsidium Freiburg wies den Widerspruch zurück und erklärte, Todesursachen genießen eine besondere Schutzwürdigkeit. Auch in anonymisierter Form sollten die Totenscheine nicht eingesehen werden können, weil trotzdem Rückschlüsse auf die Identität einer konkreten Person gezogen werden könnten. Das regle das Bestattungsgesetz, das Vorrang vor dem Informationsfreiheitsgesetz habe.
    „Kein öffentliches Informationsinteresse“

    Im August 2020 erhob der Jurist Kauß Klage vor dem Verwaltungsgericht Freiburg auf Herausgabe der Unterlagen, um die Zahl der Coronatoten zu erfahren. Gleichzeitig beantragte er zusätzlich eine einstweilige Anordnung. Die einstweilige Anordnung lehnte das Verwaltungsgericht Freiburg ab. Kauß zog daraufhin vor den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim, doch auch von dort kam ein Negativbescheid, der inhaltlich den Behördenbescheiden Recht gab: Todesursachen seien vertraulich und nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Das gelte auch für eine anonymisierte Form. Es handelte sich nebenbei um denselben Senat des VGH, der später, Ende April 2026, den endgültigen Schlussstrich unter den Vorgang zog.

    Im September 2020 legte Jurist Kauß nun Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. Nun wurde es bizarr. Kauß brachte das Schreiben fristgerecht am letzten Tag nach Karlsruhe und gab es persönlich an der Wache des Gerichtsgebäudes ab. Die Poststelle bestätigte das Eingangsdatum. Dennoch erklärte das höchste deutsche Gericht, die Beschwerde sei „verfristet“ eingegangen, sprich: verspätet, und wies sie zurück.

    Das Hauptsacheverfahren blieb derweil vor dem VG Freiburg anhängig. In der Klageerwiderung des Landratsamtes auf das Auskunftsbegehren des Bürgers Udo Kauß vom Mai 2021 findet sich eine bemerkenswerte Passage. Die Behörde behauptet, es liege bei der Frage der Corona-Todesursache „kein öffentliches Informationsinteresse“ vor, das den Schutz der personenbezogenen Daten der Verstorbenen überwiege. Das ist politisch argumentiert und gewichtet, lässt man außer Betracht, dass es mutmaßlich auch noch falsch ist. Man kann davon ausgehen, dass das öffentliche Informationsinteresse an Corona ungebrochen ist. Das kann man selbst bei den Behörden ablesen. So teilte im April 2024 das Gesundheitsamt Freiburg mit, dass seit dem 1. Februar 2020 in Freiburg 327 Menschen und im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald 423 Menschen „mit oder an Covid-19 verstorben“ seien.

    Am 30. Juli 2024 verhandelte das Verwaltungsgericht Freiburg die im August 2020 erhobene Klage von Udo Kauß gegen das Land Baden-Württemberg und seine Ämter – und gab den Behörden Recht. Im Dezember 2024 wandte sich Kauß erneut an den VGH in Mannheim und beantragte die Zulassung der Berufung gegen das Urteil des VG Freiburg. Eineinhalb Jahre später, jetzt im April 2026, kam der Beschluss: „Abgelehnt“.

    Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim begründet seine ablehnende Entscheidung unter anderem folgendermaßen: Der Kläger, Udo Kauß, habe keine Begründung für die grundsätzliche Bedeutung der Sache dargelegt, warum der Frage eine „über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung zukomme“. Auch das ist politisch argumentiert, wie seitens des Landratsamtes. Man könnte sagen, dass der Bürger Kauß es wissen möchte, reiche aus, ihm diese Informationen zu geben. Aber zu verneinen, dass die Frage, wie viel Coronatote es tatsächlich gab, von allgemeinem Interesse ist, ignoriert nicht nur die Debatte in der Gesellschaft, sondern auch die Bedeutung der Frage für die Legitimität der Coronamaßnahmen. Damit wird der Corona-Ausnahmezustand in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Was damals unter Corona bedeutungsvoll und zwingend gewesen sein soll, soll heute nach Corona keine Rolle mehr spielen?

    Wie unqualifiziert und substanzlos die Auseinandersetzung um die Zahl der Coronatoten nach wie vor geführt wird, kann man ständig erleben, sogar in Kreisen derjenigen, die es wissen müssten oder beruflich erfahren könnten, zum Beispiel die etablierten Medien. Jedes Jahr von neuem entdecken sie im Herbst eine Coronavirusvariante und versuchen einen neuen Ausnahmezustand herbei zu trommeln. Im Herbst 2025 verbreiteten zahlreiche Medien zum Beispiel die Überschrift „Deutlich mehr Menschen haben Covid“. Wenn man den Artikel überprüfte, ergab sich das Gegenteil. Gegenüber 2024 waren deutlich weniger Menschen mit Corona infiziert, und Corona lag 2025 nur an dritter Stelle mit elf Prozent der an einer Erkältung Erkrankten.

    Ich konfrontierte die Kollegen der Stuttgarter Zeitung, die den Artikel ebenfalls gedruckt hatten, mit dem Widerspruch und erhielt vom verantwortlichen Redakteur der Wissensseite folgende Antwort: „In der Sache kann ich Ihnen natürlich nur Recht geben; die Zahl der Corona-Fälle ist im Vergleich zu Grippe und Erkältung tatsächlich verschwindend gering. Nichtsdestotrotz stimmt die Überschrift aber trotzdem. (…) Und an einer Erkältung ist im Gegensatz zu Corona (und auch der Grippe) in Deutschland noch nie jemand gestorben. Und darum ging es uns im Kern ja auch. Darauf hinzuweisen, dass eine Erkrankung, die noch vor Jahren täglich Tausende von Menschen in Deutschland dahinraffte und in Sorgen versetzte, nach wie vor nicht ausgemerzt und vollständig kontrollierbar ist.“

    Der Kollege scheint nicht zu realisieren, was er da schreibt: „Täglich tausende dahingerafft“ – also mindestens 30.000 jeden Monat. Das Corona-Regime und seine Träger gründen auf Glauben und nicht auf Wissen. Und die Ämter und Gerichte sorgen dafür, dass das so bleiben soll. Der Beschluss des VGH in der Sache Kauß gegen das Land Baden-Württemberg beziehungsweise das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald ist übrigens „unanfechtbar“.
    Thomas Moser

    Thomas Moser ist freier Journalist und Autor, der unter anderem für das Online-Magazin Overton und ARD-Anstalten arbeitet. Er tritt für eine Erneuerung und Demokratisierung der Öffentlich-Rechtlichen Medien ein. Der Politologe beschäftigte sich mit dem NSU-Komplex und veröffentlichte hierzu mehrere Bücher (u.a. „Ende der Aufklärung. Die offene Wunde NSU“). Er berichtete über die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz und schrieb dazu das Buch „Der Amri-Komplex“.

    #Allemagne #covid-19 #coronavirus #statistique #justice #iatrocratie

  • Die Heldenverehrung der ukrainischen Nationalisten : « Ob es jemandem passt oder nicht – scheiß drauf »
    https://overton-magazin.de/top-story/56446

    An der Beerdigungszeremonie für den UPA-Kommandeur Melnyk nahm der ukrainische Präsident Selenskij demonstrativ teil. Bild : president.gov.ua/CC BY-ND-NC-4.0

    Qui sont les personnes au pouvoir en Ukraine ? Avec la cérémonie officielle de l’enterrement des restes du criminel de guerre nationaliste Andriy Melnyk le président du pays s’est expressément situé du côté des fascistes historiques et actuels.L’élite ukrainienne et ses commanditaires ouest-européens sont dangereux pour nous et pour tous les habitants d’Europe.

    Zelensk est pour Merz ce que Netanyahou est pour Trump. Il le tient aux couilles par derrière. Il y a pourtant une différence notable entre les couples malheureux. Chez nous le mariage insolite a lieu sur place chez moi. L’états-unien s’en fout de ce qu’Israël fait avec ses fusées. Nous n’avons pas la même distance aux missiles que lui. Il s’agit d’Orechniks en notre cas.

    11.6.2026 von Florian Rötzer - Derzeit ist wegen der staatlichen Ehrung der ukrainischen Aufstandsarmee UPA, die für auch besonders brutale Massaker an Juden und Polen während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich ist und mit den Nazis kollaboriert hat, wieder ein Streit zwischen der polnischen und ukrainischen Regierung aufgebrochen (Ukraine holt ihre Nationalhelden heim: OUN-Führer und Nazikollaborateur Melnyk kommt als erster).

    Auslöser war ein Dekret von Präsident Selenkij vom 26. Mai: „Um die historischen Traditionen der nationalen Armee wiederherzustellen und dabei die beispielhafte Erfüllung der ihr übertragenen Aufgaben beim Schutz der territorialen Integrität und Unabhängigkeit der Ukraine zu berücksichtigen, verordne ich: Dem separaten Spezialoperationszentrum ‚Nord‘ der Spezialeinsatzkräfte der Streitkräfte der Ukraine den Ehrentitel ‚benannt nach den Helden der UPA‘ zu verleihen und es fortan so zu benennen: Separates Spezialoperationszentrum ‚Nord‘, benannt nach den Helden der UPA der Spezialeinsatzkräfte der Streitkräfte der Ukraine.“

    Er schwelt schon lange, weil Kiew die rechtsnationalistischen, faschistischen „Freiheitskämpfer“ feiert und deren Untaten übersieht oder gar für gut heißt, weil der radikale ukrainische Nationalismus weiterhin rassistisch ist (Der ukrainische Nationalismus). Die Einstellung machen beispielsweise Ex-Asow-Kommandeur Maxim Zhorin, jetzt Kommandeur der des III. Armeekorps, Andriy Biletsky, Kommandeur der 3. Separaten Angriffsbrigade, und Dmitri Jarosch, Kommandeur der Ukrainischen Freiwilligenarmee, deutlich.

    In einem Interview mit der SZ macht Brigadegeneral Christoph Huber, Kommandeur der Bundeswehr-Panzerbrigade in Litauen, deutlich, dass dies die „Kameraden“ der Bundeswehr sind, die „unsere Freiheit“ verteidigen: „Natürlich nutzen wir die Erfahrungen, die unsere ukrainischen Kameradinnen und Kameraden haben. Sie sind für uns die First Defense Line, die Verteidiger auch unserer Freiheit. Sie bezahlen das teuer mit ihrem eigenen Blut. Wir bilden in Deutschland ukrainische Kameradinnen und Kameraden für ihren Freiheitskampf aus, und wir lernen dabei von den Erfahrungen, die sie machen.“

    Schon nach der Orangen Revolution wurden etwa UPA-Kommandeure Roman Schuchewytsch und OUN-Gründer Stepan Bandera zu „Helden der Nation“ (v)erklärt, was der von der militanten Maidanbewegung gestürzte Präsident Janukowitsch 2011 aber erst einmal wieder rückgängig machte. Neonazi-Gruppen wurden während der Maidan-Proteste stärker und bildeten die militanten Freiwilligenverbände, die teils ganz offen mit Bezeichnungen und Symbolen des deutschen Faschismus wie der Waffen-SS auftraten und weiterhin auch als Teil der Nationalgarde und der Streitkräfte auftreten.

    Es werden nicht nur die „Helden“ der Vergangenheit mit ihren rassistischen Ideologien gefeiert und Straßen oder Plätze nach ihnen benannt sowie Museen eingerichtet. Offen werden für sie oder die Waffen-SS Galizien Umzüge und Feiern veranstaltet oder Einheiten nach Nazi-Vorbild wie Einheiten der unbemannten Streitkräfte mit den Namen „Luftwaffe“ oder Nachtigall (nach dem 1941 von der deutschen Abwehr gegründeten Bataillon Nachtigall mit vorwiegend ukrainischen OUN-Kämpfern) von Asow benannt. Letztere unter dem Kommandeur Yevhen Karas, dem Führer der Neonazi-Gruppe C14.

    Bei der als Zeremonie inszenierten Beerdigung von UPA-Kommandeur war Präsident Selenskij zugegen und sagte: „Wenn wir nun auf ukrainischem Boden stehen, unter unserer ukrainischen Flagge, zu den Klängen unserer ukrainischen Nationalhymne, und unseren ukrainischen Helden die Ehre erweisen, spüren wir in unseren Herzen alles, was die Ukrainer durchleben mussten, alles, was unser Volk erdulden musste.“ Über die brutalen Seite der Vergangenheit des nun gewehrten „Freiheitskämpfers“ wurde selbstverständlich kein Wort verloren.

    Selenskij braucht dringend weiter die Unterstützung der Nationalisten und vor allem der Bewaffneten der Freiwilligenverbände, die einen entscheidenden Teil der Kampfkraft der ukrainischen Streitkräfte ausmachen und gefährlich für ihn werden könnten, wenn es tatsächlich zu Friedensverhandlungen kommen sollte und er Kompromisse eingehen würde, die ihn aus der Sicht der Rechten, die weiter gegen den „ewigen Feind“ kämpfen wollen, zum Verräter machen. Man muss wissen, dass es auch diese Kräfte sind, die mit europäischen Steuergeldern unterstützt, bewaffnet und ausgerüstet werden. Noch kann Selenskij darauf vertrauen, dass die Freiwilligenverbände untereinander konkurrieren und dadurch politisch schwach sind. Das muss aber nicht so bleiben.
    „Lasst uns und unsere Helden in Ruhe“

    Da gibt es beispielsweise den ehemaligen Chef des Rechten Sektors Dmitro Jarosch, jetzt Kommandeur der in die Territorialstreitkräfte integrierten Ukrainischen Freiwilligenarmee, der am 23. Mai auf Facebook im Kontext der Heimholung der Helden schrieb:
    „Ehre sei der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die jahrzehntelang heldenhaft für die Unabhängigkeit und Einheit des ukrainischen Staates gekämpft hat! Ehre sei Petljura, Konowalets, Bandera, Schuchewitsch, den Otamanen und Kosaken, den Aufständischen, Kommandanten und Soldaten, die seit Jahrtausenden unser Land und unsere Freiheit verteidigen! Die Ukraine lebt und wird leben, solange es Krieger gibt, die bereit sind, ihr Leben für ihre Verteidigung zu opfern! Schande über die widerwärtigen Opportunisten, Verräter, Kollaborateure, Drückeberger und Deserteure! Ewiges Andenken und Ruhm allen, die im Kampf gefallen sind! Ruhm den Kriegern, die jetzt in den Kampf gegen das ewige Böse ziehen!“

    Russen sind für Jarosch Orks und „Unmenschen“. Auch ukrainische Abgeordnete werden zu Feinden und Unmenschen, wenn sie versuchen, „die traditionelle ukrainische Familie zu zerstören; … die vorschlagen, Migranten in die Ukraine zu holen, um die ethnische Landkarte unseres Staates zu verändern; … die die ukrainische Identität und die Ukrainer insgesamt auslöschen wollen, und so weiter…“ Unter „Verdammt, schon wieder die Polen“, schrieb er: „Lasst uns und unsere Helden in Ruhe, die gegen die russische, deutsche und polnische Besatzung gekämpft haben… Jetzt kämpfen wir für unsere und eure Freiheit… Wir – die Ukrainer – sind der Schutzschild Polens und ganz Europas.“

    Ein weiteres Beispiel ist Brigadegeneral Andriy Biletsky, einst Mitbegründer von Asow, Gründer des Nationalen Korps und Abgeordneter in der Rada und jetzt Kommandeur der 3. Separaten Angriffsbrigade der ukrainischen Armee. Er feierte 2023 die Gründung der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA), einer Freiwilligenarmee: „Die Anführer der OUN, Stepan Bandera, Roman Schuchewytsch, Jewhen Konowalez, Andrij Melnyk und andere, wussten genau, dass sie für die Freiheit der Ukraine kämpfen mussten. Und deshalb brauchten sie eine starke Armee.“

    Selbstverständlichkeit kein Wort zu den begangenen Massakern, ethnischen Vertreibungen und Kollaborationen mit den Nazis, aber ganz klar tritt man in die Fußstapfen der UPA: „Heute haben wir, das ukrainische Militär, die ukrainische Armee des 21. Jahrhunderts, den Staffelstab des Kampfes übernommen. Auch sie wird buchstäblich auf dem Schlachtfeld geformt und verbessert. Der Preis für diese Auseinandersetzung ist, wie schon vor 100 Jahren, die Existenz einer freien und starken Ukraine. Nur der Umfang des Kampfes hat sich deutlich vergrößert. Wir haben die einmalige Chance, das Werk unserer Vorgänger zu vollenden, Russland zu besiegen und die Geschichte der ukrainischen Unabhängigkeit endgültig abzuschließen.“
    Asow-Zeremonie, die an den Faschismus erinnern. Bild: Asow
    „Vertreter der modernen nationalistischen Bewegung sind die ideologischen Nachfolger der OUN und der UPA“

    Und dann ist beispielsweise noch der von Asow kommende stellvertretende Kommandeur des III. Armeekorps Zhorin, der sich über das „Gejammer einiger Staaten, linker Aktivisten und verdeckter Kollaborateure über die Umbettung von Andrij Melnyk“ echauffiert. Vor allem gegenüber Polen verkündet er: „Unsere Nation durchlebt gerade eine sehr schwierige Phase des Kampfes und hat allen Grund, offen stolz auf ihre Helden zu sein. Ob es jemandem passt oder nicht – scheiß drauf. Das ist unsere Geschichte und unser Weg.“

    Auch hier bedingungsloser Anschluss an die Vergangenheit und deren Glorifizierung: „Nachdem Melnyk im Nationalen Pantheon der Helden beigesetzt wurde, sollte dasselbe mit Konovalets, Bandera, Stetsky, Lenkavsky, Dontsov und anderen bedeutenden Persönlichkeiten geschehen. Vertreter der modernen nationalistischen Bewegung sind die ideologischen Nachfolger der OUN und der UPA und führen deren Kampf fort. Wir müssen unsere Helden in unserem Land ehren, ungeachtet dessen, was unsere Nachbarn oder lokale Schurken und Linke dazu sagen.“

    Politisch bleibt er auch den alten „Helden“ treu, die eine ethnisch reine Ukraine errichten wollten: „Migranten sind hier absolut unerwünscht.“ Gegenüber Ungarn schrieb er: „Die Ukraine sollte, angesichts unserer tragischen Erfahrungen, ein ausschließlich einheitlicher Staat mit einer klaren nationalen Politik sein. Es darf keine Sonderrechte und Privilegien für nationale Minderheiten geben!“

    Zhorin schürt mit abwegigen Behauptungen die Ausländerangst und hängt der rechtsextremen These vom großen Austausch an, der etwa in Deutschland schon stattgefunden haben soll: „Während die polnische Seite einen Wutanfall wegen der Ehrung der UPA in der Ukraine bekommt, strömen gleichzeitig massenhaft Migranten aus Asien und Lateinamerika ins Land. Geleitet von ihren pseudohistorischen Theorien schaffen die polnischen Behörden Bedingungen, die Ukrainer zur Auswanderung bewegen. Migranten kommen, um sie zu ersetzen, und werden schließlich auch die Polen selbst verdrängen – wie es bereits in Frankreich, Großbritannien, Deutschland usw. geschehen ist.“ Der Kamerad, der für „unsere Freiheit“ kämpft, verbreitet offensichtlich Lügen über Europa, das die rechten und rassistischen Nationalisten keineswegs schätzen: „Die Aufnahme von Arbeitsmigranten ist eindeutig Selbstmord für unseren Staat. Ich wüsste kein bezeichnenderes Beispiel als Europa, wo es in manchen Ländern keine Europäer mehr gibt.“

    Liens

    https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_in_Wolhynien_und_Ostgalizien

    https://overton-magazin.de/top-story/ukraine-holt-ihre-nationalhelden-heim-oun-fuehrer-und-nazikollaborat

    https://www.president.gov.ua/documents/4402026-59649

    https://overton-magazin.de/top-story/der-ukrainische-nationalismus

    https://www.sueddeutsche.de/politik/bundeswehr-litauen-nato-uebung-verteidigung-ostflanke-li.3492075

    https://t.me/ptah_ngl/297

    https://overton-magazin.de/top-story/bandera-deutsch-ukrainische-staedtepartnerschaften-vor-stresstest

    https://overton-magazin.de/top-story/der-juedische-praesident-und-sein-arier-soldat-mit-ss-runen

    https://luftwaffe.com.ua

    https://t.me/s/ptah_ngl

    https://www.president.gov.ua/en/news/prezident-uzyav-uchast-u-ceremoniyi-perepohovannya-andriya-m-104577

    https://uda-army.com.ua

    https://www.facebook.com/dyastrub/posts/pfbid08bnmzqiVuivjBtUozWmJ7F2A6vqYzus1WB8Wegosud1qHta9VYdqLKAtPNKzQMS2l?__

    https://www.facebook.com/dyastrub/posts/pfbid02CBWLd6KgEY2rua5KZDc369QWwsQq7orHzNrDdAaj8Hc15zPyfa28HW4Cbo7mCuJ5l?_

    https://www.facebook.com/dyastrub/posts/pfbid02dwPg1PLoQRj8vzdnE2okEc5qTr8oPrdd6aPp6aJPDVJeE9F3CvhqAMJPYBxCAhGdl?_

    https://www.facebook.com/dyastrub/posts/pfbid02f6fXpEFyH1jDR6E9iCFSVKcUXb3B2ABnCh8g3znXWVyqyEKqXGH59TpLHLozVw2rl?_

    https://ab3.army/en

    https://t.me/BiletskyAndriy/5179

    https://t.me/MaksymZhorin/6059

    https://t.me/MaksymZhorin/6060

    https://t.me/MaksymZhorin/6065

    https://t.me/MaksymZhorin/6067

    https://t.me/MaksymZhorin/6049

    #Ukraine #fascisme

  • Ärzteschaft will Cannabis wieder verbieten lassen
    https://overton-magazin.de/top-story/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen

    Les associations de médecins confirment leur caractère ultra réactionnaire en se prononçant contre la législation en vigeur. La légalisation partielle du cannabis risque effectivement de créer quelques failles dans le filet omniprésent de contrôle qu’ils entretiennent et défendent sans scrupules.

    24.5.2026/vin Stephan Schleim - Auf dem jüngsten Ärztetag wurden auch härtere Regeln für medizinisches Cannabis gefordert.

    Letzte Woche fand in Hannover der 130. Deutsche Ärztetag statt. Dort diskutieren Vertreterinnen und Vertreter der Landesärztekammern medizinische Themen. Rund 250 waren es dieses Mal. Und ganz oben auf der Agenda standen suchtmedizinische und drogenpolitische Themen.

    Das Beschlussprotokoll vom 15. Mai umfasst stolze 740 Seiten. Darin kommt 36-mal das Wort „Alkohol“ und gar 54-mal „Cannabis“ vor. Vor allem über letzteres Thema wurde ordentlich gestritten.
    Konsummuster

    Wir erinnern uns, dass mit dem damaligen SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach gerade ein erfahrener Mediziner und Wissenschaftler für die 2024 erreichte Teillegalisierung kämpfte: Der Cannabiskonsum stieg trotz Verboten seit Jahren, wodurch sich die Gesundheitsrisiken und Kriminalität erhöhten.

    Die Justiz wurde – trotz der Ausnahmen für „geringe Mengen“ zum Eigenbedarf – mit schließlich über 500.000 Verfahren pro Jahr belastet. Für den bloßen Besitz drohten bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe, das gleiche Strafmaß wie für Körperverletzung.

    Diese Strafandrohung konnt nicht verhindern, dass sich der Cannabiskonsum in Deutschland von 2012 bis 2021 von 4,5 auf 8,8 Prozent fast verdoppelte. Das bezieht sich auf Erwachsene, die die Substanz mindestens einmal im Jahr gebrauchten. Bei den starken Konsumierenden verdreifachte sich der Konsum sogar von 0,5 auf 1,5 Prozent.

    In den USA hatte der Cannabiskonsum um 1980 seinen Höhepunkt. Er fiel dann stark ab, um seit den 1990ern vor allem bei den jungen Erwachsenen wieder zu steigen. Bei den Minderjährigen ist die Droge in jüngerer Zukunft aber weniger beliebt.

    Aufgrund der starken Kommerzialisierung, auch mit fragwürdiger Werbung von Cannabis zum Beispiel zur Krebsheilung oder als Vorbeugung gegen Demenz, hat es in manchen Regionen in den USA inzwischen sogar Alkohol als die am häufigsten gebrauchte Substanz überholt. Der Konsum von Alkohol und Tabakprodukten ist weltweit sowieso seit Jahren rückläufig.

    Doch wie man es auch dreht und wendet: Der Konsum psychoaktiver Substanzen, angefangen beim Kaffee und anderen koffeinhaltigen Getränken, ist gesellschaftlich verbreitet und somit „normal“. Und da haben wir noch gar nicht von der steigenden Verwendung von Schmerzmitteln oder dem extremen Anstieg bei den Psychopharmaka gesprochen – so werden heute zum Beispiel Substanzen, die gegen Depressionen helfen sollen, elfmal so häufig verschrieben wie noch in den 1980ern. Trotzdem (oder darum?) scheinen die Probleme mit depressiven Störungen immer größer zu werden.
    Wissenschaft dafür, Wissenschaft dagegen?

    Angesichts dieser Ausgangslage ist fraglich, ob die Fokussierung auf eine einzelne Substanz in drogenpolitischen Diskussionen sinnvoll ist. Dennoch haben die Delegierten der Ärzteschaft jetzt vor allem Cannabisprodukte aufs Korn genommen und dazu auf dem Ärztetag mehrere Beschlüsse verabschiedet.

    Mit gleich zweien davon wird der Gesetzgeber dazu aufgefordert, „die Teillegalisierung von Cannabis zurückzunehmen“ (Beschlüsse II-4 und II-20). Vor allem mit Blick auf den allseits bemühten Kinder-, Jugend- und Gesundheitsschutz sei „die Teillegalisierung von Cannabis ein Fehler“. Dass man in der Verbotsphase vor dem 1. April 2024 kein tragfähiges Konzept hatte, besser mit dem Substanzkonsum umzugehen, wird hier verschwiegen.

    Nach all der Evidenz, die Lauterbach und seine Mitstreiter für die Teillegalisierung anführten, verwies man hier auf „eine aktuelle Studie aus Bayern“, die den Anstieg von psychischen Problemen im Zusammenhang mit Cannabis dokumentiere.

    Diese Zahlen – das sollte die Ärzteschaft eigentlich wissen – dokumentieren aber nur, dass sich Mediziner häufiger mit solchen Problemen befassen. Das kann schlicht daran liegen, dass nach Aufhebung des Verbots mehr Menschen mit Drogenproblemen Hilfe suchen. Das ist eigentlich eine gute Sache, wird hier aber gegen die Teillegalisierung angeführt.
    Stichwort Jugendschutz

    Außerdem wurde bedauert, dass nun weniger Jugendliche wegen Cannabiskonsums von den Gerichten zu therapeutischen Maßnahmen verurteilt würden. Dabei ist das Mittel für Minderjährige in Deutschland nach wie vor verboten.

    Die Ärztinnen und Ärzte seien daran erinnert, dass das strafrechtliche Verbot das schärfste und letzte Mittel des liberalen Rechtsstaats ist. Zur verfassungsrechtlichen Prüfung gehört auch, dass eine Maßnahme erforderlich ist. Das ist sie aber nur dann, wenn es keine milderen, (mindestens) gleich geeigneten Mittel zum Erreichen eines Zwecks gibt.

    Ob man also den Cannabiskonsum für alle Bürgerinnen und Bürger verbieten dürfte, um Minderjährige anders zu behandeln, ist damit fraglich. Schon ein Blick ins Nachbarland Niederlande ist hier aufschlussreich: Während der Besitz von geringen Mengen für den Eigenbedarf bei Erwachsenen in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt wird, kommt es bei Jugendlichen immer zur Anzeige.

    Gesetzlich ist das sehr einfach zu regeln. Aber damit käme man auf die größere Frage, ob Drogenverbote überhaupt funktionieren. Wie wir oben schon sahen, stieg der Cannabiskonsum trotz der Verbote. Abwasseruntersuchungen in mehreren Städten dokumentierten zudem, dass die Teillegalisierung im Allgemeinen wenig änderte. Zur Erinnerung:

    „Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.“ (im Menschenbilder-Blog im September 2025)
    Medizinisches Cannabis

    Ginge es nach der Ärzteschaft, würde auch der medizinische Konsum von Cannabisprodukten wieder eingeschränkt. Seit der Streichung der Substanz aus der Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes, dominieren hier große Online-Anbieter und -Apotheken den Markt.

    Es gab zwar ein paar Urteile wegen Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz. Doch an der prinzipiellen Möglichkeit, durch das Ausfüllen einer Frageliste Cannabis von pharmazeutischer Qualität bestellen zu können, hat sich bisher nichts geändert. Das ist auch der CDU unter Führung der heutigen Gesundheitsministerin ein Dorn im Auge, die hierzu eine Gesetzesänderung vorbereitet.

    Die Ärzteschaft kritisiert passend hierzu: „Die Vermutung liegt nahe, dass auch Freizeitkonsumierende Cannabis über z. B. telemedizinische Plattformen und mit ihnen kooperierende Versandapotheken beziehen, die den Erwerb teilweise nur durch die Beantwortung eines Fragebogens möglich machen“ (Beschluss II-2). Die Verwendung dieser Produkte als Genussmittel gilt hier automatisch als „Missbrauch“.

    Allerdings geben mit 82 Prozent mehr als vier von fünf Konsumierenden an, Cannabis als Mittel zur Entspannung zu verwenden. Die Ärzteschaft sollte nicht ignorieren, dass Stress- und Burnout-Beschwerden immer mehr zunehmen. Daher lässt sich meiner Meinung nach keine harte Grenze zwischen medizinischem und Freizeitkonsum ziehen.

    Auch das Erleben schöner Gefühle, mit 64 Prozent der zweithäufigste genannte Grund, gehört zu einem guten und gesunden Leben dazu. Wer das bezweifelt, der möge sich in Erinnerung rufen, wie die Ärzteschaft selbst, in Form der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, den Zustand der Gesundheit definiert. (Nämlich als vollständiges, auch psychosoziales Wohlbefinden.) Dazu kommt die medizinische Verwendung von Cannabis im engeren Sinn, etwa um besser zu schlafen, Schmerzen zu behandeln oder das spezifische Leiden einiger Krankheiten zu lindern.
    Autonomie oder Bevormundung?

    Ein (wieder) erschwerter Zugang zu medizinischem Cannabis dreht sich damit auch um die Frage der Autonomie oder Bevormundung. Inwieweit sollen, dürfen und können die Menschen selbst über ihren Konsum psychoaktiver Substanzen entscheiden?

    Geht man mit der Mehrheit der Delegierten auf dem Ärztetag, dann reicht die Autonomie hier nicht sehr weit: Man müsse „den besonderen Risiken von Medizinalcannabis im Therapieverlauf gerecht“ werden und darum, erstens, mindestens einmal pro Quartal persönlichen Patienten-Arzt-Kontakt haben und, zweitens, ein umfassenderes Versandverbot einführen (Beschluss II-12).

    Das wirft aber die Frage auf, inwiefern hier ein legitimes Ziel verfolgt wird: Wie wir schon sahen, wird Cannabis ohnehin konsumiert, ganz unabhängig von seinem rechtlichen Status. Die Online-Anbieter nutzen eher das Unvermögen des Gesetzgebers aus, eine praktikable Regelung einzuführen.

    Nicht jeder hat die Geduld, erst eine Pflanze zu züchten. Da schon eine davon schnell mehr als die zulässigen 50 Gramm für den Besitz zu Hause abwirft, werden diese Personen zudem wieder schnell kriminalisiert. Sie müssten die überschüssige Ernte eigentlich sofort unbrauchbar machen und vernichten. Viele dürften davon Freunden und Bekannten etwas abgeben – was allerdings illegal ist und von Verbotsbefürwortern zum Schwarzmarkt gezählt wird, selbst wenn hierfür gar nicht bezahlt wird.
    Hausgemachte Probleme

    Den Anbauvereinigungen wurden durch die komplexen Regeln und behördliche Maßnahmen vor Ort viele Steine in den Weg gelegt. Ich warnte schon vor der Teillegalisierung vor einem „Bürokratiemonster„. Heute kritisieren dann Drogenpolitiker, dass die Vereinigungen nur einen Bruchteil der Nachfrage bedienen können und es weiterhin einen Schwarzmarkt gibt. So beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.

    Die große Beliebtheit der Online-Anbieter belegt vor allem den großen Bedarf in der Erwachsenenbevölkerung an sicherem und qualitativ hochwertigem Cannabis. Wenn Ärzteschaft und Verbotspolitiker hier den Zugang wieder einschränken, wird es mit zwangsweise zu neuen Problemen kommen.

    Zudem ist nach über zwei Jahren nicht ersichtlich, was verpflichtende, persönliche Informationsgespräche mit dem Arzt verbessern würden – außer deren Einnahmen, versteht sich. Zumindest dem Anschein nach gehen heute schon die allermeisten Konsumierenden vernünftig mit ihren Cannabisprodukten um.

    Ob die geplante Einschränkung der Telemedizin überhaupt mit EU-Wettbewerbsrecht und der Berufsfreiheit vereinbar ist, ist außerdem fraglich. Hier zeichnen sich komplexe Gerichtsverfahren ab. Und die Online-Anbieter haben inzwischen gut verdient.
    Gutes Ende oder Odyssee?

    Der Deutsche Ärztetag hat in der Sache natürlich keine gesetzgeberische Kompetenz. Diese liegt hier beim Bundestag und nachrangig dem Bundesrat. Es ist aber abzusehen, dass man auch in der parlamentarischen Debatte auf die genannten Beschlüsse verweisen wird: „Schaut her, die Ärztinnen und Ärzte fordern sogar noch schärfere Regeln!“ Zumindest die Unionsparteien und die AfD dürften sich daher über Steilvorlage der Mediziner aus Hannover freuen.

    Ob die Drogengesetzgebung irgendwann zu einem guten Ende kommen wird oder eine Odyssee bleibt, muss sich zeigen. Dass Verbote hier in der Regel nicht funktionieren und oft nachteilige Effekte haben, wurde auch von Delegierten auf dem Ärztetag angemerkt. Die Beschlüsse zeigen aber, dass dies nicht die Sichtweise der Mehrheit ist – jedenfalls nicht der dort vertretenen Ärztinnen und Ärzte.

    Es sei noch einmal daran erinnert, dass die Prohibitionspolitik die Probleme zu oft vergrößert hat. Dabei stand ein Cannabisverbot erst gar nicht zur Debatte und wurde vor rund 100 Jahren erst durch einen diplomatischen Kuhhandel beschlossen.

    Bei den Opioiden ist die Bilanz noch einmal ernüchternder, da viele Ärztinnen und Ärzte jahrelang an deren Verbreitung mitverdient haben. Richtig tödlich wurde das aber erst, als die Politik in den USA auf das gesellschaftlich-medizinische Problem mit Verboten reagierte. Vielen in die Abhängigkeit getriebenen, früheren Patienten blieben dann nur noch illegale und gefährlichere Quellen. Wie glaubwürdig ist es da, jetzt vor dem – eher geringen – Abhängigkeitsrisiko von Cannabis zu warnen?
    Vor der eigenen Haustür kehren

    In etwa zeitgleich mit dem Bericht über den 130. Ärztetag erschien im Deutschen Ärzteblatt ein Interview mit Katja Just, der kommissarischen Direktorin des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Aachener Uniklinik. Zu problematischem Dauerkonsum von Medikamenten heißt es darin:

    „Auch andere Arzneimittel finden sich oftmals in der Dauermedikation, ohne ausreichende Evidenz, zum Teil konträr zu aktuellen Leitlinienempfehlungen und auch unabhängig von der vom Patienten empfundenen Wirksamkeit. Dies betrifft typischerweise Benzodiazepine und Z-Substanzen, kann aber auch diverse Analgetika, etwa Opioide in der Dauermedikation bei bestimmten Schmerzentitäten, betreffen.“ (Univ.-Prof. Dr. med. Katja Just)

    Schlaf-, Schmerz- und angstlösende Mittel, die weder im Einklang mit der Evidenz und den Richtlinien, noch den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten verschrieben werden – die Ärzteschaft könnte dieses Problem mit Substanzkonsum direkt und selbst lösen. Und auch die Politik könnte sich darauf besinnen, ob es keine dringlicheren Probleme gibt, als gegen die psychoaktive Wahl von gut 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu kämpfen.

    Warum verschreiben sie dann selbst so viele Medikamente mit Abhängigkeitspotenzial entgegen den Richtlinien?

    Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht. Zum Thema siehe vom Autor: „Die Cannabis-Protokolle. Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand“. Zuletzt erschien von ihm das Bucprononçant contre spektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt“.

    #Allemagne #médecins #cannabis #iatrocratie

  • Lehrstück für die Linksparteien? Steiler Aufstieg und tiefer Fall von Podemos in Spanien
    https://overton-magazin.de/top-story/lehrstueck-fuer-die-linksparteien-steiler-aufstieg-und-tiefer-fall-v

    Adelante Andalucia nach dem Wahlerfolg. Bild: Jose Ignacio García

    Le destin des mouvements de gauche en Espagme montre les mécanismes de la perte d’influence des partis de gauche.

    24.5.2026 von Ralf Streck - Vor 15 Jahren breitete sich mit Platzbesetzungen die Empörten-Bewegung in ganz Spanien aus und brachte Podemos hervor. Heute ist die Partei fast genauso abgewickelt wie deren von rechts aufgebauter Gegenspieler. Aber es bleiben linke Formationen an der Peripherie, die meist zuvor schon bestanden und fest verankert sind und zum Teil schon zweitstärkste Kraft sind. Der Trend hat sich mit der Wahl der Antikapitalisten im bevölkerungsreichsten Andalusien gerade verfestigt.

    Am 15. Mai 2011 artikulierte sich die Empörten‑Bewegung in Spanien erstmals deutlich sichtbar, als zahllose „Indignados“ mit der „Bewegung 15M“ in mehr als 50 Städten auf die Straße gingen. Tausende Empörte waren einem Aufruf von „Democracia Real Ya“ (Wahre Demokratie Jetzt) gefolgt, um die „Zweiparteiendiktatur“ einer „PPSOE“ zu beenden. Der Akronym‑Mix stand für die damals noch regierenden Sozialdemokraten (PSOE) unter und die sehr rechte Volkspartei (PP), die sich in den Jahrzehnten nach der Franco-Diktatur an der Macht abgewechselt haben und daran hat sich bis heute auch nichts geändert.

    Die PSOE-Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero wurde, unterstützt durch die Proteste gegen dessen harten Einschnitte ins Sozialsystem, Ende 2011 abgewählt. Dass der 15 Jahre danach nun massiven Korruptionsvorwürfen ausgesetzt ist, steht auf einem anderen Blatt und muss an anderer Stelle bearbeitet werden. Letztlich halfen die Empörten dabei, mit der PP wieder eine Partei an die Macht zu bringen, die von Ministern der Franco-Diktatur gegründet wurde, von der die sich nie distanziert hat. Das war das Gegenteil davon, dass zuvor lautstark und beständig eine „wirkliche Demokratie“ gefordert wurde.

    Hier manifestierte sich das erste Scheitern dieser Bewegung, aber noch der Weg offen. Doch schlimmer geht immer. Heute ist von ihr praktisch nichts mehr übrig. Sie schlug den falschen Weg ein und praktisch wurde die Bewegung von denen erledigt, die stellvertretenden den berühmten Gang durch die Institutionen antraten. Bei dem werden, vor allem wenn der Vorgang nicht von einer starken Bewegung auf der Straße kontrolliert und begleitet wird, nicht die Institutionen verändert werden, sondern die Marschierer werden zum Pfeiler des Systems, zu dessen Veränderung sie angetreten waren. Die Grünen sind ein herausragendes Beispiel in Deutschland.

    Gab es am zehnten Jahrestag noch 15M-Gedenkdemonstrationen, hat sich das definitive Scheitern der Bewegung am 15. Jahrestag nun ungeschminkt gezeigt. Nicht einmal im Zentrum der Bewegung in Madrid fand eine neue Demonstration wie noch vor fünf Jahren statt. Dabei gäbe es heute sogar wahrlich noch viel mehr Gründe, um auf die Straße zu gehen.

    Tatsächlich hat die Bewegung wenig erreicht, wie auch damalige Protagonisten einräumen. „Für mich ist jedenfalls klar, dass eine weitere 15M-Bewegung heute mehr denn je notwendig wäre“, unterstreicht Kike Castelló. Er war 2011 der Sprecher von „Democracia Real Ya“ und er verweist zum Beispiel darauf, dass Wohnen mehr denn je zuvor heute zum Luxus geworden ist. Die Arbeitslosigkeit ist zwar etwas geringer, aber man kann mit dem Lohn auch angesichts durch Übertourismus explodierter Mieten oft nicht mehr leben.

    Auch die von der Franco-Diktatur im sogenannten „Übergang“ installierte Monarchie wurde nicht geschleift, sondern mit dem Königssohn Felipe sogar erneuert. Es war Franco, der mit dem korrupten Juan Carlos eigens seinen Nachfolger bestimmt hatte. Es wurden sogar alle Verbrechen nach dem Putsch 1936 und der Diktatur amnestiert. Bis heute wurde kein einziger Mörder und Folterer bestraft. Sogar in Argentinien, Chile, Uruguay… ist man weiter gekommen, wo die Diktaturen mitunter später zu Ende gingen.

    Was in Spanien von den Indignados als installiertes „Regime von 1978“ bezeichnet wurde, ist in 15 Jahren nicht einmal reformiert worden. In den Sicherheitskräften und der Justiz bestimmen noch immer alte Seilschaften und zeigen gerne ein „lawfare“-Eigenleben, wie auch Prof. Eckhart Leiser auf Overton herausgearbeitet hat. In einem juristischen Krieg werden in Kloaken Fake-Anklagen geschmiedet, die dann ein PP-Parteirichter vorantreibt. Das passiert sogar im Fall der Frau des Ministerpräsidenten Pedro Sánchez. Mit gravierenderen Folgen kommt es auch zu Haftstrafen gegen Musiker oder Menschen müssen ins Exil fliehen.

    Zwar sah es anfänglich so aus, als könnte der 15M das Zweiparteiensystem aufbrechen, aber auch das ist, was das Zentrum angeht, nicht der Fall, jedenfalls nicht von links. Die beiden aus der Empörung über PPSOE entstandenen Parteien sind entweder ganz verschwunden oder wie Podemos nur noch ein Zombie. Die einst eher breit mit linkem Einschlag aufgestellte Podemos (Wir können es) und die von rechts als Gegeninstrument für Protestwähler aufgebauten ultranationalistischen Ciudadanos (Bürger/Cs), konnten die Empörung nur für einige Zeit kanalisieren.

    Real hat Spanien heute sogar ein noch gravierendes Problem als damals, wie auch die damalige 15M-Aktivistin Cristina Monge feststellt: „Diese Empörung nimmt heute die extreme Rechte auf, welche die Demokratie abbauen will“, erklärt sie mit Blick auf die PP-Rechtsabspaltung. Es waren die Cs-Ultras, die einstige FDP-Schwesterpartei, die VOX den Boden bereitet hat.
    Mission erfüllt!

    Diese „Bürger“ sind und konnten deshalb verschwinden, weil das Projekt durchgesetzt wurde, um das es ultranationalistischen Faschisten wirklich ging, die von einer militant-antikommunistischen, frauenfeindlichen und klerikal-faschistischen Internationalen unterstützt wird. Geld für die VOX-Gründung kam von exiliranischen Volksmudschahedin (MEK), die Finanzierung der Islamisten ist noch unklarer.

    Für Overton-Leserinnen und Lesern ist es kein Geheimnis, dass nun die offenen Anhänger der Franco-Diktatur zu immer neuen Rekordwerten aufsteigen. Die Mutterpartei PP ist praktisch nun in allen Regionen auf VOX als Mehrheitsbeschaffer angewiesen. Das gilt allerdings nicht in den nicht anerkannten Nationen im spanischen Staat mit eigenen Sprachen. In Galizien, dem Baskenland und Katalonien bekommt VOX bisher keinen wirklichen Fuß auf den Boden.

    Bei den Wahlen in der Extremadura im Dezember, in Aragonien im Februar oder in Kastilien-Leon im März verfehlte die PP, aus der VOX hervorging, jeweils die angestrebte absolute Mehrheit. VOX-Parteigründer Santiago Abascal ist ein Zögling und Ex-Abgeordneter der PP, der in seinem Leben noch nicht gearbeitet hat. Am vergangenen Sonntag verlor die PP nun auch die absolute Mehrheit in Andalusien, eine ehemalige Hochburg der Sozialdemokratie, welche die PSOE 40 Jahre bis 2019 ununterbrochen regiert hatte.

    VOX kam in der Extremadura auf 16,9 Prozent, in Aragonien auf 17,8 Prozent und in Kastilien-Leon sogar schon auf 18,9 Prozent. Und für eine Regierungsbeteiligung setzen die Rassisten und AfD-Freunde eine verfassungswidrige „nationale Priorität“ bei Sozial- und Hilfsleistungen für Spanier durch, von der einst der Rassist und Antisemit Le Pen in Frankreich geträumt hat und die auch die Partei seiner Tochter Marine Le Pen anstrebt. In Andalusien legten sie, angesichts einer aufstreben linken Alternative (weiter unten mehr) aber kaum noch von 13,5 auf 13,8 Prozent zu, obwohl die PP klarere Verluste verzeichnete und nur noch auf knapp 42 Prozent kam.

    Das klingt alles ziemlich fatal für das, was man gemeinhin so alles als „links“ bezeichnet. Das ist es bei näherer Betrachtung aber nicht, wie wir noch sehen werden. Denn real ist kein Absturz dessen zu verzeichnen, was man real als Linke einstufen kann. Es stürzen die Kräfte ab, die wie Sánchez gerne links blinken, um dann meist rechts zu überholen. Von einstigen absoluten Mehrheiten träumt die Partei nicht einmal mehr, sie fuhr mit nur noch 22,7 Prozent ein neues Rekord-Negativergebnis ein.

    Wundern muss man sich darüber nicht. Denn die sogenannte „Linksregierung“ Spaniens hat zum Beispiel die brutale PP-Arbeitsmarktreform nicht wie versprochen gestrichen. Es wurde ein Reförmchen draus, das vor allem die Arbeitgeberverbände beklatscht haben. Statt das PP-Maulkorbgesetz wie versprochen zu streichen, wurde es nicht einmal reformiert, sondern sogar noch auf das Internet ausgeweitet. Die Menschen wählen dann doch lieber das Original als die Kopie.

    Wo etwas passierte, wie bei der versprochenen „Aufarbeitung der Franco-Diktatur“, wurde vor allem Schminke aufgetragen und „Marketing“ betrieben, wie Opferverbände beklagen. So wurde bis heute keine Organisation verboten, nicht einmal die Franco-Stiftung. Man stelle sich eine Hitler-Stiftung in Deutschland vor. Dass niemand für die Diktatur-Verbrechen angeklagt wurde und noch immer zehntausende Opfer unidentifiziert in Massengräbern liegen, sagt auch viel. Kein Wunder, dass der Unmut vor allem die Parteien trifft, die sich links der Sozialdemokratie angetreten waren, das System umzukrempeln.

    Die goutieren es auch nicht, dass verbal die Erhöhung der Militärausgaben gegenüber Trump international medienwirksam abgelehnt wird, das Nato-Ziel, fünf Prozent der Wirtschaftsleitung für Militär auszugeben. Doch dann hat es die Sánchez-Regierung unterschrieben und damit dem Dokument zur nötigen Einstimmigkeit verholfen. Im Land werden derweil die Militärausgaben, weil man seit drei Jahren keinen Haushalt verabschieden konnte, sogar per Dekret ohne Parlamentsbeschluss massiv erhöht. Die Armut unter der selbsternannten „progressivsten Regierung Spaniens“ steigt weiter. Ist es also ein Wunder, wenn die Bevölkerung diese Politik erst auf Landesebene und danach in den Regionen abwatscht?

    Als Koalitionspartner von Sánchez hatte erst Podemos und dann die neuere Linkskoalition „Sumar“ (Summieren) eine Kröte nach der anderen geschluckt, sogar nicht einmal die Regierung in Frage gestellt, als es zum Massaker in Melilla kam. Noch fataler war für viele die Tatsache, dass Sánchez die ehemalige Kolonie Westsahara dem autokratischen Marokko zusprach. Er begab sich damit ausgerechnet ins Fahrwasser des US-Präsidenten Trump, gegen den sich Sánchez angeblich offiziell doch stellt.

    Man kann viel von der Verteidigung des Völkerrechts und des Selbstbestimmungsrechts in der Ukraine, Palästina oder anderswo sprechen. Aber das ist dann nur peinlich, wenn man aus geostrategischen Gründen – vor allem zur Abwehr von Flüchtlingen und Einwandern aus Kriegs- und Krisengebieten – in der Westsahara das Völkerrecht selbst mit Füßen tritt und die Souveränität gegen die UN-Resolutionen dann Marokko zuschlägt. Das hat sich sogar die PP nie getraut. Vom brutal unterdrückten Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien und der Repression mit erfundenen Anschuldigungen auch durch Sánchez wollen wir hier nicht erneut sprechen.
    Lehren für Linksparteien aus dem Podemos-Debakel

    Fortschrittlichere Positionen von Podemos oder Sumar wurden im Bündnis mit der Sozialdemokratie bis zur Unkenntlichkeit verwässert und entstellt. So wurden diese Formationen für linke Wählerinnen und Wähler unwählbar.

    Das könnte eine Lehre für Linkspartei sein. Die Linke ist Schwesterpartei von Sumar und fährt einen sogar noch wachsweicheren Kurs, schaut man vor allem auf Positionen zum Völkermord in Palästina oder den Iran-Krieg. Sánchez hat sogar noch medial mit seinem „Nein zum Iran-Krieg“ weiter den Raum besetzt, den eigentlich Podemos oder Sumar für sich beanspruchen und ihnen weiter Wasser abgegraben. Dass das wieder nur ein halbes Nein ist, dürfte durch die Schilderungen auch längst klar sein und die Haltung wurde schon teilweise unterlaufen.

    Der eingeleitete Kurswechsel von Podemos ist wenig glaubhaft. Die Partei machte erst wieder auf Opposition, nachdem Sánchez keine Parteigängerin mehr in seiner Regierung haben wollte. Die neue harte Oppositionsrolle nimmt der Partei kaum jemand ab. Deshalb flog Podemos auch seither weiter aus einem Regionalparlament nach dem anderen heraus, bisweilen auch zugleich mit dem noch weicher gespülten Nachfolger Sumar. Die einstige Empörten-Partei Podemos ist nun genauso praktisch abgewickelt wie ihr Nachfolger. Auch hier stimmt wieder das spanische Sprichwort: Sag mir was du postulierst und ich sage dir, was dir fehlt.

    Es ist aber wahrlich nicht alles schlecht, und das haben nach den Wahlen in Aragonien im Februar auch die Wahlen in Andalusien letzten Sonntag wieder gezeigt. Podemos, die auch in Aragonien und Kastilien und Leon im März erneut aus den Regionalparlamenten flog, suchte im panischen Überlebenskampf nun wieder Bündnisse, die man lange bekämpft hatte. Podemos setzte sich in Andalusien wieder mit den Parteien in ein Boot, die man in den letzten zwei Jahren bis aufs Messer bekämpft hat, wie die Vereinte Linke (IU), die den Ton in Sumar angibt. Dabei war klar, dass kein Podemos-Kandidat auch nur eine minimale Chance auf einen Sitz hatte. Dieser neue Schwenk sorgte für unfassbares Stauen bei vielen Anhängern und Mitgliedern.

    So trat Podemos in Südspanien in einer zerstrittenen Madrider Truppe als „Pro Andalucía“ (Pro Andalusien/PA) an. Darüber können immer mehr Andalusierinnen und Andalusier nur noch müde lächeln. PA kam mit 6,3 Prozent wieder mit fünf Parlamentariern ins Regionalparlament, verlor aber weiter Zuspruch. 2022 waren es noch 7,7 Prozent. Erst mit etwas Perspektive wird deutlich, wie fatal dieses Ergebnis ist. Vor zehn Jahren holte Podemos (Wir können es) allein in Andalusien fast 15 Prozent und machte auf Landesebene der PSOE mit gut 20 Prozent sogar die Hölle heiß. In Andalusien kamen damals noch knapp sieben Prozent für die IU hinzu. Die Parteien also, die nun noch knapp über die fünf Prozent Hürde kommen, erzielten vor einem Jahrzehnt noch 22 Prozent. Damals regierten zudem die Sozialdemokraten in Andalusien. Heute wählen dort etwa 60 Prozent drei Parteien am rechten Rand.

    Aus „Wir können es“ wurde „Wir können es nicht“. Als Koalitionspartner in Regierungen mit den Sozialdemokraten hat man sich in nur zwei Legislaturperioden verschlissen, weil man keine klaren Vorstellungen und keine roten Linien hatte und heftige Grabenkämpfe ausfocht. Durchgesetzt hat man kaum etwas. Dass man den Sozialdemokraten durchaus etwas abringen kann, nicht jede Kröte schlucken muss, hat die katalanische Partei von Exilpräsident Carles Puigdemont vor zwei Jahren gezeigt.

    Damit Sánchez eine Patchwork-Regierung gegen den Wahlsieger von PP und VOX bilden konnte, trotzte „Gemeinsam für Katalonien“ (JxCat) ihm eine Amnestie für die Vorgänge um das Unabhängigkeitsreferendum und wichtige Zugeständnisse in der Sprachenfrage ab. Da weder die Amnestie umfassend umgesetzt wurde, noch Katalanisch, Baskisch und Galizisch bisher zu offiziellen EU-Sprachen wurden, hat JxCat der PSOE auch wegen anderer gebrochenen Versprechen die Unterstützung längst wieder entzogen. Das hätte man angesichts vieler Vorgänge von linken Formationen erwartet, die diesen Namen wirklich verdienen. Man muss sich nicht ständig über den Tisch für die Durchsetzung der PSOE-Agenda ziehen lassen, um von ihr mit in den Abgrund gerissen zu werden.
    Warum die Antikapitalisten in Andalusien Erfolge erzielen konnten

    Eine der Formationen die sich verweigert haben, sind die Antikapitalisten in Andalusien, die von den Wählerinnen und Wählern nun für ihre Politik auch belohnt werden, weil sie die Spielchen der Sozialdemokratie nicht mitspielen. Adelante Andalucía (Vorwärts Andalusien/AA) wurde für ihre klare Haltung vom ehemaligen Podemos-Guru Pablo Iglesias an den Rand gedrängt und dann herausgemobbt. Sumar grenzte die Linksradikalen gleich komplett aus. Eine klare Haltung gegen Kriege, erhöhte Militärausgaben und einer neoliberalen Agenda mit Privatisierungen war unter der Gründerin Yolanda Díaz nicht angesagt. Dabei ist sie Mitglied der Kommunistischen Partei (PCE). Sie sei aber nur aus nostalgischen Gründen wegen ihrer Eltern noch Mitglied, erklärte sie. Sie bezeichnet sich selbst längst als „Sozialdemokratin“.

    Die Antikapitalisten von AA, die bis in Jahr 2023 acht Jahre den Bürgermeister in Cádiz stellten, wollten und werden sich nicht an zerstrittenen Parteiensuppen beteiligen. Sie haben aus den Erfahrungen in Podemos gelernt. Sie wollen etwas für ihre Region erreichen. Die Parteien aus Madrid versuchen vor allem, die Kraft in den Regionen in der Hauptstadt ausnutzen. Für die Regionen fällt dann kaum etwas ab. AA unterstützt zum Beispiel Streiks wie den der Metaller in der Bucht von Cádiz und stellt sich gegen die staatliche Repression von Aktivisten.

    Dass AA nicht in einer „Einheitsfront“ antreten wollte, konnten andere ebenfalls gestandene Linke nicht nachvollziehen. Für die hatte unter anderem der Chef der andalusischen Gewerkschaft SAT Óscar Reina im Interview mit dem Autor geworben. AA schärft gegen eine Verwässerung der Ziele lieber das eigene Profil und treibt die Verankerung als linke Alternative in der Region voran, was real auch die SAT von Reina tut.

    AA konnte außerhalb der Parteiensuppe mit kaum Ressourcen, aber der Ameisenarbeit vieler Menschen an der Basis, den Einheitsbrei von PA weit übertreffen. Statt knapp fünf Prozent und zwei Sitzen im Jahr 2022 kam die Partei nun auf fast zehn Prozent und acht Sitzen. Zur einer klaren linken Haltung gehört auch, um glaubwürdig zu sein, dass man nicht an gut bezahlten Sesseln klebt. Die AA-Gründerin Teresa Rodriguez ist längst wieder in ihren Lehrerinnenjob zurückgekehrt. Ihr Ehemann und Ex-Bürgermeister José María González „Kichi“ gab auch nach zwei Legislaturperioden wie versprochen den Posten auf und kandidierte auch nicht erneut.

    Die charismatische Rodriguez hielt sich aus diesem Wahlkampf komplett heraus. Das hatte damit zu tun, dass sie sich von einer Brustkrebsbehandlung erholt. Dass sie wieder wohlauf ist, bestätigte sie Overton. Doch auch dem Autor wollte sie vor den Wahlen kein Interview geben. Sie wollte mit ihrer Krankheit in einer Region nicht hausieren gehen, in der zahllose Frauen in einem Skandal keine Brustkrebsbehandlung bekamen.

    Auffällige Befunde bei Vorsorge-Mammografien blieben monatelang liegen, Betroffene wurden sehr spät oder gar nicht informiert. Krebserkrankungen wurden zu spät erkannt, es kam zu Todesfällen in einem immer stärker privatisierten System. Die Privatisierungen hatten die Sozialdemokraten unter der Kandidatin für die Wahlen einst begonnen. „Von meinem Krebsleiden im Wahlkampf zu sprechen, war zu einfach und zu hässlich“, erklärte Rodríguez in einem sehr interessanten Interview in der großen Zeitung El País diese Woche. Bescheidenheit ist auch ein Qualitätsmerkmal, wenn man links glaubwürdig sein will.

    Keine Ausnahme!

    Man könnte jetzt sagen, die linksnationalistische AA sei eine Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Weit gefehlt. AA bestätigt genau die Regel, und das gilt im Fall einer Formation, die eigentlich erst im Umfeld der Empörten-Bewegung wie Podemos entstanden ist. Das gilt so nicht für die „Chunta Aragonesista“ (CHA), die es schon seit 40 Jahren gibt. Die sozialistische, progressive und ökologische Partei aus dem nordspanischen Aragonien hatte eigentlich sogar die Parteiensuppe angestrebt, wie der Parteichef Jorge Pueyo dem Autor erklärte. Da die Grabenkämpfe in Madrid das Streben nach „Einheit“ torpediert hatten, musste die CHA im Alleingang gegen Podemos und zudem gegen Sumar antreten.

    Heute ist man in Saragossa froh darüber, dass es keinen Einheitsbrei mit Grabenkriegen im Hintergrund gab, in dem CHA weitgehend untergegangen wäre. So konnte sie sich als gut verankerte glaubhafte Alternative von der egozentrischen Madrider Nabelschau absetzen und kam allein auf ein Rekordergebnis von fast zehn Prozent mit klaren Forderungen und inhaltlichen Positionen. Podemos flog mit nur noch 0,8 Prozent auch aus diesem Regionalparlament und Sumar erhielt nur wegen einer Besonderheit im Wahlgesetz einen Sitz, denn auch dieses Bündnis scheiterte an der Drei-Prozent-Hürde.

    Noch viel klarer wird das Bild, schaut man ganz in den Nordwesten. Dort wurden die Linksnationalisten des BNG schon im Jahr 2020 mit 24 Prozent zur zweitstärksten Kraft vor den Sozialdemokraten. Die Liste, die im Dunstkreis von Podemos und Sumar angesiedelt war, flog mit vier Prozent aus dem Parlament. 2024 erreichte der sozialistische, ökologische und feministisch „Nationalistische Block Galiciens“, der schon 1982 gegründet wurde und stetig zulegt, sogar schon 31,3 Prozent. Die PSOE geht dort den Weg der SPD in Richtung Einstelligkeit wie in Baden-Württemberg oder Sachsen-Anhalt.

    Auch im Baskenland ist die linksnationalistische EHBildu (Baskenland Vereinen) seit langem zweitstärkste Kraft. Das war sie auch schon 2016, trotz einer damals stark aufstrebenden Podemos. Die kam auf 15 Prozent, Bildu aber schon auf 21 Prozent. Die sozialistische, feministische Partei, die für die Unabhängigkeit des Baskenlands eintritt, hat einen starken antikapitalistischen und ökologischen Flügel. Sie sägt seit 2020 am Stuhl der Christdemokraten, als sie auf 29 Prozent kam. Der Platzhirsch, der das Baskenland seit fast 50 Jahren regiert, begann 2024 zu zittern. Es wurde knapp und die Baskisch-Nationalistische (PNV) kam noch auf knapp 35 Prozent, die baskische Linke auf gut 32 Prozent. Sumar kam auf drei Prozent und Podemos auf zwei Prozent. Es gibt auch hier 22.000 verrückte Verirrte, die die faschistoide VOX mit zwei Prozent gewählt haben. Diese Wähler finden sich vor allem im Umfeld der Kasernen der paramilitärischen spanischen Guardia Civil und Militärkasernen.

    Die Ausnahme, welche die hier aufgezeigte Regel bestätigt, ist die Republikanische Linke Kataloniens (ERC). Diese Linksnationalisten verzeichneten in den 1990er Jahren unter Josep Lluís Carod-Rovira einen klaren Aufwärtstrend und kamen gut verankert und mit klarem Profil 2003 auf fast 17 Prozent. Nach dessen Abgang sackten sie zwar wieder ab, wurde aber unter dem noch heutigen Parteichef Oriol Junqueras 2012 zweitstärkste Kraft. 2021, als Oriol Junqueras wegen des Unabhängigkeitsprozesses noch als politischer Gefangener im Knast saß erzielte sie das beste Ergebnis mit 21,3 Prozent.

    Nach der eher peinlichen Begnadigung, die aus Europa erzwungen wurde, ging es mit der historischen Unabhängigkeitspartei steil bergab. Man hatte das linke Profil und auch das Unabhängigkeitsprofil weitgehend aufgegeben. In einer Art Stockholm-Syndrom mutierte die ERC unter einem Junqueras vor den Gittern plötzlich zum Mehrheitsbeschaffer für die Sozialdemokraten, die ihn unter anderem in den Knast gebracht hatten. Die ERC stützt seit sechs Jahren die Sánchez-Regierung in Madrid, ohne dafür, bis auf die teilweisen Begnadigungen, außer Versprechen etwas zu erhalten.

    Das goutieren die Wähler nicht. Unter dem Bürgersöhnchen Pere Aragonès, einem Unternehmersohn, dessen Familie ausgerechnet im Franquismus reich wurde, brach die ERC auf 13,6 Prozent ein. Dann brachte sie sogar den früheren Sánchez-Gesundheitsminister Salvador Illa in Katalonien gegen die ehemaligen Bündnispartner an die Macht. Planlos und ohne Strategie stießen die ERC sowohl der antikapitalistischen CUP, als auch der Puigdemont-Partei vor dem Kopf. Ist es ein Wunder, wenn die stärkste Kraft in der katalanischen Metropole Barcelona im Jahr 2019 dann vier Jahre später sogar auf den vierten Rang mit elf Prozent abgestürzt ist?

    Nur Realitätsverweigerer in einer sektenähnlichen Partei sehen die Zusammenhänge nicht. Die nächsten Wahlen werden hart. Die Menschen vergessen nicht, dass statt dem Wahlsieger von Puigdemonts JxCat in Barcelona die ERC mit Collboni einen Sozialdemokraten zum Bürgermeister gemacht hat, sogar noch gemeinsam mit den rechten spanischen Nationalisten der PP. Die ERC ist, anders als AA, CHA, BNG oder Bildu angesichts ihrer erratischen Politik in den freien Fall übergegangen. Sie zerfällt zusehends als Krücke der Sozialdemokratie. Eine Partei mit einer fast 100jährigen Geschichte ist auf dem Weg von Podemos und Sumar und verwandelt sich in einen Zombie.

    Parteigründer Francesc Macià, der 1931 nach dem Wahlsieg der ERC die erste katalanische Republik ausrief, würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wüsste er, wie die Partei heute zerstört wird. Sie hat ihre einstige Verankerung weitgehend verloren. Ehemalige Kader wollen „ihre“ Partei „nie“ wieder wählen, von der sie sich verraten fühlen. Rovira, der für ihren Wiederaufschwung gesorgt hatte, hat sie längst fluchtartig verlassen. Er sieht seine Ex-Partei nur noch als Instrument zur Machtverwaltung mit dem genetischen Code, der eher den rechten Vorgängern der Puigdemont-Partei passt. Unter Puigdemont hatte die sich zwischenzeitlich nach links geöffnet und den rechten Flügel abgestoßen. Sogar Linksradikale wie Roger Español konnten auf aussichtsreichen Plätzen auf offenen Listen kandidieren. Hier ist ebenfalls eine Rückwärtsbewegung zu verzeichnen. Die sollte JxCat angesichts linker Zerwürfnisse umkehren, um als breit aufgestellte Formation wählbar zu sein.

    Ralf Streck

    Der Journalist und Übersetzer Ralf Streck wurde 1964 in Flörsheim am Main geboren. Er studierte Politikwissenschaft und Turkologie an der Universität in Frankfurt. Seine journalistische Laufbahn begann bei Radio Dreyeckland in Freiburg, wo er eine Fortbildung zum Fachjournalist für Umweltwirtschaft absolvierte. Er lebt seit mehr als 20 Jahren im Baskenland, ist spezialisiert auf linke Unabhängigkeitsbewegungen und berichtet für diverse Medien in Europa vor allem von der Iberischen Halbinsel.

    #Espagne #politique #gauche

  • Sozialkahlschlag für Großmachtziele
    https://overton-magazin.de/top-story/sozialkahlschlag-fuer-grossmachtziele

    A propos de la raison d"être de la guerre européenne contre la Russie

    175.2026 von Tobias Weißert

    Der Zweck der Aufrüstung

    Als Donald Trump 2025 seine Initiative zu einem Friedensschluss zwischen Russland und der Ukraine startete, ohne die Europäer einzubinden, erfasste die Politiker der sich als Großmächte verstehenden europäischen Staaten blankes Entsetzen. Sie taten alles in ihrer Macht Stehende, um einen Friedensschluss zu verhindern. Am 27.11. 2025 fasste das europäische Parlament im Anschluss an eine Brandrede von Ursula von der Leyen einen Beschluss über die Bedingungen eines Friedensvertrages. Darin wird bekräftigt:

    Kein von Russland besetztes Territorium darf von der EU und ihren Mitgliedstaaten rechtlich als russisches Territorium anerkannt werden.
    Keine Friedensverhandlungen ohne europäische Beteiligung.
    Der Ukraine darf durch Friedensabkommen keine „Beschränkung im Hinblick auf die Möglichkeiten, ihre Souveränität, Unabhängigkeit und territoriale Unversehrtheit zu verteidigen, auferlegt werden“… .
    Die Ukraine muss ihre Bündnisse (militärischer und wirtschaftlicher Natur) frei von jeglichem Veto Russlands wählen dürfen.
    Russland muss in einem Friedensabkommen verpflichtet werden, „die Ukraine für alle materiellen und immateriellen Schäden, die es verursacht hat, in vollem Umfang zu entschädigen“. Dazu werden die eingefrorenen Vermögenswerte Russlands den Grundstock bilden.1

    Damit macht sich das Europäische Parlament im Wesentlichen die Kriegsziele Deutschlands zu eigen. Wiederherstellung der territorialen Integrität in den Grenzen von 1991 bedeutet Räumung der Krim und des Donbass. Bündnisfreiheit bedeutet Aufnahme der Ukraine in EU und NATO. Wenn Russland für alle Kriegsschäden aufkommen soll, bedeutet das, dass Russland seinen Krieg als Kriegsverbrechen anerkennt. Nur die Forderung deutscher Politiker, russische Kriegsverbrechen strafrechtlich zu verfolgen, taucht in der Resolution nicht auf. Die Resolution wurde mir 401 Stimmen verabschiedet; mit Nein stimmten 70 Abgeordnete; 90 enthielten sich.

    Es ist völlig klar, dass diese Positionen nur bei einer vollständigen militärischen Niederlage Russlands zu erreichen sind. Europa legt sich so auf einen Siegfrieden fest. Mehr noch: Selbst ein Friedensschluss, der diesen Zielen nicht genügt, darf von der EU und ihren Staaten nicht akzeptiert werden. Ein eventueller Friedensschluss, der von Ukraine Einschränkungen einfordert, gilt als erzwungen und rechtlich nicht bindend. Damit hält sich die EU auch für die Zukunft offen, den Krieg immer wieder vom Zaun zu brechen.

    Der Krieg in der Ukraine hat sich aus einem Bürgerkrieg zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Großmächten entwickelt. Nachdem sich die USA nun weitgehend daraus zurückziehen, stehen sich die Großmächte Russland und Europäische Union gegenüber. Vor allem die EU (und in ihr besonders Deutschland) richtet sich auf eine lange Auseinandersetzung ein, denn das wirkliche Ziel vor allem Deutschlands ist es, Russland als Großmacht auszuschalten und einen Regime-Wechsel zu erzwingen, der den russischen Markt für freien Kapitalverkehr öffnet.

    Das Ziel, eine hoch gerüstete atomare Großmacht zu besiegen, ist äußerst ambitioniert und im Augenblick fehlen Deutschland und der EU dazu die Mittel. Das muss geändert werden. Deutschland und Europa müssen aufrüsten, denn Großmachtpolitik ist ohne entsprechende militärische Stärke nicht zu haben. Deutschland als ökonomisch stärkstes Land der EU fordert nun auch die militärische Führung. Fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Aufrüstung ist das Ziel. Den Auftakt dafür setzt der Beschluss des Bundestags vom März 2025. Es wurde ein Sondervermögen von 500 Mrd. Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität beschlossen, das überwiegend dazu dienen sollte, die Kriegstüchtigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig wurden 500 Mrd. Euro für militärische Güter aus einem weiteren Sondervermögen beschlossen. Die Aufnahme von Krediten dafür, die 1 Prozent des Bundeshaushalts übersteigen, soll unbegrenzt sein, kann also 500 Mrd. Euro erheblich übersteigen. Das Gesetz benötigte Grundgesetzänderungen, weil es die Schuldenbremse modifizierte. Die Zweidrittelmehrheit konnte nur erreicht werden durch Zusammengehen der Parteien der alten Regierungskoalition mit der CDU. Ohne vorhergehende öffentliche Diskussion stimmte ein schon abgewähltes Parlament einer aus dem Hut einer schon abgewählten Regierung gezauberten gigantischen Aufrüstung zu.

    Die wirtschaftliche Lage

    Der Zwang zur Aufrüstung findet Deutschland in einem ökonomisch angeschlagenen Zustand. In den letzten sieben Jahren (von 2019 bis 2025) stieg das BIP nur um 1,4 Prozent. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung von 0,2 Prozent.2 Gleichzeitig kam es zu einer hohen Inflation von insgesamt 22,2 Prozent, was einem jährlichen Durchschnitt von 3,17 Prozent entspricht. In den letzten 3 Jahren war das Wachstum des BIP sogar negativ und auch für 2026 ist keine Erholung zu erwarten, während die Inflation wieder ansteigt und ebenfalls die Arbeitslosigkeit. Diese Lage ist der Horror für Ökonomen.

    Zur Erklärung dieser schweren Wirtschaftskrise werden zumeist äußere Faktoren herangezogen. Erst Corona, dann der Ukrainekrieg, der die Energiekosten in die Höhe trieb. Es folgte die Zollpolitik Trumps und nun der die Wirtschaft schwer belastende Krieg gegen den Iran. Diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle, aber sie erklären nicht, warum Deutschland das Land in der EU ist, das am schwersten von der Krise betroffen ist. Dem liegen strukturelle Ursachen zugrunde, die gerne verschwiegen werden.
    Die Privatisierung

    Seit der politischen Wende 1982 herrscht in Deutschland eine neoliberale Austeritätspolitik mit Hilfe der weitgehenden Privatisierung des Staatsvermögens. Die Bahn, die gewinnträchtige Telekommunikationssparte der Post (heute Telekom), die Energieunternehmen VEBA(Vereinigte Elektrizitäts -und Bergwerke AG) und VIAG (Vereinigte Industrieunternehmen AG (heute E-on), die Lufthansa, die Salzgitter AG, Volkswagen, das Fernsehen und viele Betriebe der Energie und Wasserversorgung wurden vollständig oder teilweise privatisiert.

    Mit der gleichen Privatisierungswut überfielen die Neoliberalen nach der Wende nahezu alle Branchen und volkseigenen Betriebe der DDR-Staatswirtschaft. 80 Prozent von ihnen wurden durch die Treuhand Westeigentümern zugeschlagen, 14 Prozent gingen an Ausländer und nur 4 Prozent konnten ehemalige DDR-Bürger erwerben. Die Folge dieses Überfalls der westlichen Heuschrecken waren nicht blühende Landschaften, sondern ruinierte und abgebaute Betriebe in einer stark entindustrialisierten Landschaft. Die Privatisierung geht bis heute weiter. Autobahnraststätten, Tankstellen, Bundesanleihen an Fluggesellschaften wurden verkauft. Bis 2023 hat sich der Staat von 90 Prozent seiner unmittelbaren und mittelbaren Beteiligungen getrennt. Er hat sich arm gemacht.

    Durch Verkauf von Bestandsvermögen machten neue Konzerne Milliardengewinne.

    Zur Bahn schrieb die Zeitschrift LunaPark:

    „Die Eisenbahn in Deutschland war es seit mehr als 150 Jahren und die Deutsche Bahn ist es auch heute noch: der größte Immobilienbesitzer im Land. Dabei hat die Deutsche Bahn AG seit 1994 Immobilien im Wert von mehreren Milliarden Euro verkauft und auf diese Weise weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit Milliarden-Gewinne erzielt. Zum Zeitpunkt der Bahnreform Anfang 1994 zählten zum Bahneigentum rund 160.000 Hektar Fläche. Schätzungen gehen davon aus, dass das Immobilienvermögen der Bahn zu diesem Zeitpunkt umgerechnet rund 200 Milliarden Euro wert war“.3

    Heute sind nur noch ein Viertel der Bahnhofsgebäude Eigentum der Bahn. Allein im Jahr 2021 verkaufte die Bahn Flächen im Wert von 2,3 Mrd. Euro. Vorher schon verscherbelte die Bahn 112.900 Eisenbahnerwohnungen zu einem Schleuderpreis. Hauptkäufer war die Deutsche Annington, aus der als der größte Miethai die Vonovia hervorging.

    Ähnlich verfuhr die Post. Auch sie verschleuderte Immobilien im Wert von vielen Milliarden Euro, um die Kurse aufzubessern und Cash zu generieren, wie es im Manager-Jargon heißt. Allein 2008 verkaufte die Post 1.300 Immobilien für eine Milliarde Euro in bar an den US-Investor Lone Star.4

    Was machen die Konzerne mit dem Geld? Sie agieren weltweit. Die Telekom hält 52,8 Prozent des großen Mobilfunkanbieters T-Mobile US.

    Die Bahn hält Beteiligungen an Eisenbahnunternehmen in Großbritannien, in Kasachstan, Tansania und Saudi-Arabien und anderswo.

    Die Lufthansa besitzt Fluggesellschaften aus der Schweiz, Österreich, Belgien und Italien und hat viele weitere internationale Beteiligungen.
    Der Kapitalexport

    All das weist auf das zweite wesentliche strukturelle Problem Deutschlands. Deutschland ist Weltmeister im Kapitalexport. Mit einem Auslandsvermögen von 3,6 Billionen Dollar liegt es vor Japan und China an erster Stelle aller Länder. Durchschnittlich gingen ca. 8 Prozent des BIP in den Aufbau eines weltweiten Kapitalstocks, während gleichzeitig die Investitionen im produktiven Gewerbe Deutschlands rückläufig waren.5

    Dazu schrieb schon 2014 Werner Sinn, der damalige Papst der Ökonomen:

    „Unser Land hatte in den vergangenen 15 Jahren die niedrigste Nettoinvestitionsquote aller OECD-Länder, das zweitniedrigste Wachstum (rote Laterne!) und eine Massenarbeitslosigkeit, die die Regierung Schröder zu schmerzlichen Sozialreformen und die Gewerkschaften zur Lohnzurückhaltung zwang.

    Wir fielen beim BIP pro Kopf vom dritten (1995) auf den zehnten Platz (2009) der EU. Die niedrigen Lohnsteigerungen belebten die Exporte, das geringe Wachstum dämpfte die Importe. Deutschland entwickelte den größten Kapitalexport und Leistungsbilanzüberschuss der Welt nach China. Von 2002 bis 2010 hatte Deutschland eine gesamtwirtschaftliche Ersparnis von 1622 Mrd. Euro. Davon flossen 1067 Mrd. Euro als Nettokapitalexport ins Ausland (vier Fünftel davon als Finanzkapital, der Rest als Direktinvestition). Nur 554 Mrd. Euro, gerade mal ein Drittel, wurden zu Hause investiert“.6

    2019 schrieb das Kieler Institut für Weltwirtschaft:

    „Gut 350 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr ins Ausland überwiesen. Das entspricht etwa dem Volumen des gesamten Bundeshaushalts eines Jahres (2018: 337 Milliarden Euro). Allein in den vergangenen zehn Jahren haben wir so unser Auslandsvermögen um 2900 Milliarden Euro erhöht. Das ist deutlich mehr als die gesamte deutsche Staatsverschuldung oder rund 85 Prozent dessen, was in Deutschland in einem Jahr erwirtschaftet wird. Die Summen, um die es geht, sind riesig“.7

    Die mangelnden Investitionen der deutschen Kapitalisten in ihr eigenes Land schwächen insgesamt das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft.

    Für 2022 berichtet das IW (Institut der deutschen Wirtschaft):

    „Rund 132 Milliarden Dollar (125 Milliarden Euro) mehr Direktinvestitionen flossen 2022 aus Deutschland ab, als im gleichen Zeitraum in die Bundesrepublik investiert wurden. Damit gemeint ist die Differenz zwischen Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland und ausländischer Unternehmen in Deutschland. Die Summe stellt die höchsten Netto-Abflüsse dar, die jemals in Deutschland verzeichnet wurden“.8

    Heute nach ca. 45 Jahren erleben die Bürger täglich die Folgen dieser Wirtschaftsinteressen und der ihr entsprechenden Politik. Kaputte Schulen, marode Brücken und Straßen, verödete Innenstädte, verschuldete Kommunen, steigende Mieten, wachsende Armut. Der Unmut wächst.

    Deutschland stand mit dieser neoliberalen Austeritätspolitik nicht allein. Die anderen Staaten der G7-Gruppe USA, Frankreich, Italien, Japan, Kanada und das Vereinigte Königreich verfuhren ebenso. Sie bauten durch Kapitalexporte ihre Industrie weitgehend ab und förderten dadurch die Verlagerung der industriellen Warenproduktion in Entwicklungs- und Schwellenländer. Das führte zu einer starken Verschiebung der Wertschöpfungszentren weltweit. Während im Jahr 1994 die G7-Länder, die 10 Prozent der Weltbevölkerung haben, noch 45,3 Prozent der Weltproduktion lieferten, ist ihr Anteil im Jahr 2022 auf 29,3 Prozent gefallen, während die BRICS-Staaten 35,2 Prozent der Anteile stellten. Die VR China hat nach Kaufkraftparität die USA als stärkste Wirtschaftsmacht deutlich überholt. Am stärksten haben Japan und Europa Anteile am Weltsozialprodukt verloren und auch Deutschland hat mit einem Anteil von noch 3,2 Prozent nach Kaufkraft eingebüßt.9

    Die USA reagieren auf diese ökonomischen Veränderungen mit der Losung: „Make America Great Again“ und spielen hemmungslos ihre militärische Vormacht aus. Dazu beschließen sie, obwohl sie schon Weltmeister der Staatsverschuldung sind, neue Schulden im Umfang von 1,5 Billionen Dollar für neue Rüstungsprojekte. Die Europäer unter Führung Deutschlands wollen, um international eine selbständige Großmachtrolle zu spielen, ihnen folgen mit der geheimen Losung: „Make Europe Great Again“.

    Grundlegende Probleme

    Auch Privatisierung und Kapitalexport sind letztlich nur Erscheinungsformen des sich zum Weltmarkt entfaltenden Kapitalismus. Sie sind nicht zufällig und politisch korrigierbar, sondern notwendige Stufen der kapitalistischen Warenwirtschaft. Die Ursache dieser Entwicklung liegt in der Grundeigenschaft des Kapitals, sich ständig auf erweiterter Reproduktion erneuern zu müssen um profitabel zu sein. Dabei verschärft die sich immer weiter steigernde technische Produktivität das Problem, dass der in Produktionsanlagen gebundene Kapitalanteil gegenüber dem variablen Kapital, der Arbeitskraft, ständig zunimmt. Ausgangspunkt allen Profits ist aber die Mehrwertproduktion, d.h. die unentgeltlich angeeignete verausgabte Arbeitszeit. Die nimmt relativ ab und damit verbunden ist die Tendenz zum Fallen der Profitraten. Das Kapital sucht dieser Tendenz entgegenzuwirken, indem es die Warenmasse, die es produziert, gewaltig erhöht, und gleichzeitig die Löhne senkt. Das wiederum verschärft die Widersprüche, weil sich die Schere zwischen massenhaftem Warenangebot und der Kaufkraft der Massen weiter öffnet. Das ist dann die Ursache immer wieder kehrender zyklischer Überproduktionskrisen.

    Kein Kapitalist handelt allein. Es sind immer viele Kapitalien, die um Marktanteile streiten. Eine unauflösbare Bedingung der Warengesellschaft ist Konkurrenz. Zuerst entwickelte sich der Kapitalismus in nationalen Grenzen. Aber die Produktionsmasse sprengte schon früh diesen Rahmen und es entstanden imperialistische Monopole, die von ihrer nationalen Basis aus versuchten die Welt zu beherrschen. Sie befanden sich mit anderen nationalen Monopolen in scharfem Wirtschaftskrieg um Absatzmärkte und Einflusszonen.

    Durch Kapitalexport und gleichzeitige Entwicklung neuer Nationalstaaten hat sich heute die Zahl der Konkurrenten um Anteile am Weltmarkt stark erhöht. Der Wirtschaftskrieg zwischen Staaten und Regionen hat gewaltig zugenommen. Der Sehnsucht des einzelnen Kapitalisten nach Monopolstellung entspricht die Sehnsucht einzelner mächtiger Staaten und Finanzgruppen an alleiniger Macht und damit dem ungehinderten Zugriff auf die ökonomischen Ressourcen der Erde und für sie geöffnete Märkte. Das ist die Ursache der imperialistischen Kriege.
    Rettet die Aufrüstung die deutsche Wirtschaft?

    Die deutsche Wirtschaft liegt am Boden. Die Auslastung der Industriekapazitäten ist an einem Tiefstand. Der Maschinenbau ist nur zu 77,2 Prozent, die Chemieindustrie zu 72 Prozent, die Textilindustrie zu 70 Prozent ausgelastet und das Baugewerbe sogar nur zu 66,6 Prozent. Der Durchschnitt der industriellen Auslastung liegt bei nur 77,5 Prozent.10

    Viele Firmen geben auf. 24.064 Insolvenzen im Jahr 2025 sprechen eine deutliche Sprache.11

    Unter diesen Bedingungen leiden in vielen Branchen die Renditen.

    Der Gewinneinbruch trifft nicht alle gleich:

    Automobilindustrie: Der Gewinn ist um rund 46 Prozent eingebrochen.
    Chemie: Die Branche verzeichnet einen Gewinnrückgang von rund 71 Prozent.
    Dagegen gibt es Gewinner: IT-Unternehmen haben ihre Gewinne fast verdoppelt und Gesundheitskonzerne konnten ein Wachstum von rund 40 Prozent verzeichnen.12

    Diese Unterschiede weisen auf ein weiteres strukturelles Problem. Die kapitalistische Weltwirtschaft befindet sich in einem technologischen gewaltigen Umbruch zu einer Computer gesteuerten Industrie. Um hier technisch mitzuhalten, sind riesige Investitionsmengen erforderlich.

    Jetzt wünschen sich das Kapital und seine Verbände nicht mehr einen schwachen Staat. Der Staat wird aufgefordert, durch dirigistische Maßnahmen die Rahmenbedingungen für profitableres Wirtschaften zu schaffen und der schwachen Wirtschaft mit Investitionen aufzuhelfen. Ein Bericht des Walter-Eucken-Instituts gibt an, dass 2026 die gesamtstaatlichen Investitionen mit 321 Mrd. Euro einen Höchststand erreicht haben, während sie schon 2025 mit 307 Mrd. Euro sehr hoch lagen.13 Der Staat soll Stärke zeigen. Der Bezug von Investitionen, ca. 50 Prozent davon gehen an die Industrie14, hindert die großen Konzerne allerdings auch in der Krise nicht, mit dem Kapitalexport fortzufahren. Schlagendes Beispiel dafür ist die BASF, die mit 9 Milliarden Euro die größte Investition ihrer Geschichte in China tätigt.15

    Unter den Bedingungen der Krise dient das 500 Milliarden Investitionsprogramm und die Milliarden für Rüstung ohne Zweifel auch als Sanierungsprogramm für die Industrie.

    Ob industrielle Investitionen zum Erfolg führen, wird erst sichtbar, wenn sie realisiert sind. Erst ausreichender Absatz macht die Anlagen rentabel. Der Zweck der Produktion von Rüstungsgütern besteht jedoch darin, ein Machtmonopol herzustellen, das der Abschreckung dienen soll. Deswegen ist es nur bedingt sinnvoll, sie als Güter zu verkaufen. Sie müssen monopolisiert und gebunkert werden, denn ihr Ziel ist der Einsatz zum militärischen Sieg. Deswegen entziehen Investitionen in die Rüstung der Volkswirtschaft investive Kapazitäten zu zivilen wirtschaftlichen Zwecken. Es ist eine Scheinerholung. Die Disparitäten der Volkswirtschaft verschärfen sich und die konsumtiven Möglichkeiten nehmen ab. Da Rüstungsgüter nur einen begrenzten Nutzen als Waren besitzen, müssen sie immer wieder mit neuen Schulden finanziert werden. Das bläht die Geldsumme auf und führt gesetzmäßig zu Inflation und in der letzten Konsequenz zum Staatsbankrott. Krieg ist dann der Ausweg den Staatsbankrott zu verhindern. So geschehen nach acht Jahren des Tausendjährigen Reiches.

    Leider ist auch das 500 Milliarden schwere Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, aufzuteilen auf 12 Jahre, keine rein zivile Investitionsmasse. Wenn davon gesprochen wird, dass Deutschland 5 Prozent des BIP für Aufrüstung ausgeben will, so sollen davon 3,5 Prozent auf rein militärische Güter entfallen, während 1,5 Prozent der militärischen Infrastruktur und dem Heimatschutz dienen sollen. Dazu kommen Ausgaben für Nachrichtendienste, für den Schutz der IT-Systeme sowie Hilfen für völkerrechtswidrig angegriffene Staaten. Ohne intakte Autobahnen, Brücken und Eisenbahnstrecken kann Deutschland nicht zum Aufmarschgebiet europäischer Truppenbewegungen werden. Ohne Kasernen, Bunker, Krankenhäuser und Heimatschutzorganisationen gibt es kein militarisiertes Rückland. Ohne zusätzliche Milliarden für die Ukraine kann der Krieg dort nicht weiter gehen.16 Insofern kommt das Sondervermögen nur im geringen Umfang den maroden Kommunen oder dem zivilen Wohnungsbau oder den Schulen zu Gute. Es dient in erster Linie der Vorbereitung auf Krieg.

    Die Staatsverschuldung

    Die Gesamtverschuldung des deutschen Staates ist schon jetzt sehr hoch. 2025 waren es 2,84 Billionen Euro. Allein 2025 wuchsen die Staatsschulden um 144 Mrd. Euro. Davon entfielen 107 Mrd. Euro auf den Bund, 19 Mrd. Euro auf die Länder und 25 Mrd. Euro auf die Kommunen.17 Darin nicht enthalten ist der Anteil der Schulden am Schuldenstand der EU. Der deutsche Anteil daran wird von der Bundesbank auf 108 Mrd. Euro beziffert.18 Mit den Rüstungsfonds der EU und dem erweiterten EU Haushalt werden diese Schulden ebenfalls stark zunehmen. Die veranschlagten, mindestens eine Billion umfassenden Planungen für Rüstungsgüter und Sonderprogramme werden die Staatsverschuldung im Planungsraum bis 2030 auf mindestens 3,5 Billionen Euro ansteigen lassen.

    Allein 2026 ist die Ausgabe von Wertpapieren im Umfang von 318 Mrd. Euro geplant. Damit hätte allein der Bund dann 2025 und 2026 schon 425 Mrd. Euro Schulden gemacht. Auch die folgenden Jahre weisen große Deckungslücken auf.19

    Was bedeutet das für zukünftige Haushalte?

    Durch die Verschuldung des Bundes wird die Zinslast bis 2030 weit mehr als verdoppelt. Dann müssen im Bundeshaushalt ca. 80 Mrd. Euro allein für Zinsen aufgebracht werden. Von der Tilgung der Schulden wird dabei noch gar nicht gesprochen.

    Noch wichtiger ist allerdings die Frage, wie die Ausgaben für Rüstung nach 2029 finanziert werden sollen. Wenn es dabei bleiben sollte, dass nur ein Prozent des BIP durch den Bundeshaushalt finanziert wird, müssten wieder 4 Prozent des BIP über neue Schulden finanziert werden, wenn es beim Ziel von 5 Prozent des BIP bleibt. Es müssten wieder mindestens 180 Mrd. jährlich neue Schulden außerhalb des Haushalts gemacht werden. Geld lässt sich nicht gefahrlos drucken. Die Inflation steigt und die Bonität des Staates wird gefährdet, was wiederum die Zinsen steigen lässt. Außerdem existiert die Schuldenbremse. Jede weitere Staatsverschuldung löst deswegen eine neue Debatte aus.

    Der Haushaltsplan für 2029 weist eine Deckungslücke von 126 Mrd. Euro aus. Dazu kommen erhöhte Zinszahlungen von ca. 40 Mrd. Euro. Nicht berücksichtigt im Haushalt sind die Schulden der Länder und Kommunen und die erhöhten Ausgaben für die EU. Grob geschätzt kann man für 2029 eine Finanzierungslücke von mindestens 200 Milliarden Euro annehmen. Das sind 35 Prozent des Bundeshaushalts für 2029. Schuldentilgung ist darin noch gar nicht enthalten. Allein 2026 müssen 343 Mrd. Euro Bundesschulden getilgt werden.20 Sollte beschlossen werden, dass ein größerer Anteil der Rüstungsausgaben aus dem regulären Haushalt erbracht werden muss, wird die Finanzierungslücke entsprechend steigen. Es gibt gewichtige Kräfte, die das fordern.

    Der Sozialstaat ist nicht mehr finanzierbar und „Wir“ arbeiten zu wenig

    Die Unternehmer warnen vor der Katastrophe. Der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände(BDA) Dulger nimmt an, dass der Sozialstaat kollabiere, wenn die Politik nicht energisch entgegen steuere.21 . Handwerkspräsident Jörg Dittrich verglich den Sozialstaat mit einem Schiff, das am Rumpf ein Leck hat. Wird es nicht gedichtet, geht der Kahn komplett unter.22 Marie-Christine Ostermann, Präsidentin des Verbands der Familienunternehmer hält den Sozialstaat für nicht mehr finanzierbar. Wird er nicht reformiert, läuft er auf den Kipppunkt zu.23

    Die Unternehmer sind unzufrieden mit der Bundesregierung. In einer gemeinsamen Erklärung vom 06.03.2026 beschweren sie sich, dass ihnen die bisherigen Maßnahmen bei weitem nicht ausreichen und viele Vorhaben bislang nur als Ankündigung auf dem Papier stünden.

    „Die deutsche Wirtschaft erwartet von der Politik deutlich mehr Mut zur Veränderung. 2026 muss zum Jahr der Reformen werden. Je länger dieser Prozess aufgeschoben wird, desto schmerzlicher werden die Maßnahmen später ausfallen. Es ist dringend erforderlich, dass sich die Politik dieser enormen Verantwortung bewusst wird und entsprechend handelt. Ohne weiteren Aufschub.

    Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag steigt rasant und ungebremst. Strukturreformen in allen Systemen sind notwendig. Nur so kann sichergestellt werden, dass sie leistungsfähig und finanzierbar bleiben und Arbeitgeber und Beschäftigte nicht immer weiter belastet werden“.24

    Am 20. April 2026 setzt der Präsident des BDI Peter Leibinger am Tag der Eröffnung der Messe in Hannover noch eins drauf:

    Die seit Jahren und gefühlt an hunderten Orten und bei ebenso vielen Gelegenheiten angemahnten Reformen würden eine „Giftliste“ erforderlich machen und eine „Gegenbewegung“ hervorrufen. Aber da müssten die beiden (Merz und Klingbeil) durch. Und das Land auch. Wenn das scheitere, „dann scheitern wir auf einem anderen Weg“.25

    Deutlich klingt das wieder nach der großen deutschen Symphonie vom Untergang.

    Das große Kapital wittert in der Krise die Gunst der Stunde. Deswegen machen sie umfangreicher denn je zu jeder Sozialversicherung umfangreiche Sparvorschläge. Gleichzeitig verschränken sie die Sozialpolitik mit ihren Zielen in der Arbeitsmarktpolitik.

    Sie wollen:

    Die sogenannten Lohnnebenkosten senken. Rote Linie sind für sie maximal 20 Prozent Arbeitgeberbeitrag zu den Lohnkosten, am besten aber weniger.
    Die Eigenverantwortung der Bürger stärken. Das hehre Ziel ist ihr beschönigender Ausdruck für Kürzung der gesetzlichen Rente, Streichung medizinischer Leistungen und die Minderung staatlicher Zuschüsse in der Pflege. Die Eigenverantwortung drückt sich für sie in privaten Zusatzversicherungen für Rente, für medizinische und pflegerische Leistungen und damit in höheren Eigenkosten für Versicherte aus. Staatliche Leistungen senken und durch private kompensieren. So einfach ist das.
    Die Arbeitskosten senken. Löhne sind zu hoch, Arbeitskräfte zu teuer. Vor allem soll ohne Lohnausgleich länger und gleichzeitig flexibler gearbeitet werden. Die Lebensarbeitszeit soll steigen, die Rentenbezugszeit verkürzt und Feiertage gestrichen werden. Die Arbeitsdisziplin muss gefördert werden durch Erschwerung des Krankschreibens, durch Wiedereinführung von Karenztagen und der Beschränkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
    Für sich beanspruchen sie Subventionen und Steuersenkungen und umfassende Deregulierungen von Arbeitsrechten und Schutzvorschriften.

    Den Unternehmern zur Seite steht nahezu die gesamte Zunft der ökonomischen „Wissenschaft“. Sie hat das „Programm“ der Arbeitgeber längst vorgedacht.

    Ob sie Werding, Fuest, Schulareck, Schnitzer, Grimm, Feld, Rürup usw. heißen – seit Jahren kritisieren sie die Ausgaben für den Sozialstaat und unterstützen Maßnahmen, die vor allem die Prozentsätze der Renditen der Unternehmen erhöhen sollen.

    Wir müssen uns auf jeden Fall mit den Sozialversicherungen beschäftigen. Die sind nicht zukunftsfest“, sagte Frau Schnitzer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am 25.8.2025. „Wenn die Regierung nichts tut, wird der Kollaps unweigerlich kommen“.26

    Der Wirtschaftsweise Martin Werding rechnet damit, dass die Sozialabgaben ohne durchgreifende Reformen auf 50 Prozent des Bruttoeinkommens steigen werden. „Die aktuelle Entwicklung ist atemberaubend“, sagte Werding der „Rheinischen Post“. … „Die Frage ist nicht, ob die Beitragssätze irgendwann 50 Prozent erreichen, sondern wann das geschieht“.27 (10.07.2025)

    Im Gespräch bei Maybrit Illner äußerte der Präsident des Ifo Clemens Fuest, er verstehe den Wunsch, dass man nicht sagen wolle: „Tut mir leid Leute, wir kürzen jetzt unseren Sozialstaat zusammen. … Aber das wird so sein. Kanonen und Butter – es wäre schön, wenn das ginge. Aber das ist Schlaraffenland, das geht nicht“.28

    Jetzt haben sie mit dem Blackrock-Manager Friedrich Merz den Wunschkanzler.

    Er erklärte am 25.08.2025:

    „Ich werde mich durch Worte wie Sozialabbau und Kahlschlag und was da alles kommt, nicht irritieren lassen. Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar.“29

    Wegen Mangel an parlamentarischer Mehrheiten hängt der CDU nach Meinung der Ökonomen mit der SPD ein Klotz am Bein. Aber Klingbeil hat mit seiner Grundsatzrede vom 25. 03. 2026 die Zweifel zerstreut. Er sagte u.a.:

    „Wir können nicht jede Krise und jedes Problem mit einfach noch mehr Geld beantworten.“ In der Finanzplanung kämen schwierige und unbequeme Entscheidungen auf die Koalition zu. … „Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen.“ … Die Koalition berate aktuell, wie Steuern und Sozialversicherungsbeiträge reduziert werden könnten. „Wir schließen nichts aus, aber wir haben ein klares Ziel: Entlastung der Arbeitnehmer und der Betriebe.“30

    Das klingt wie ein Blankoscheck. Wir machen mit, was die Arbeitgeber wollen.

    Der Sozialstaat

    Der Sozialstaat ist ein umfangreiches Gebilde. Kern sind die Sozialversicherungen für Rente, Krankheit, Pflege und Arbeitslosigkeit und Unfall. Dazu kommen staatliche Leistungen wegen Armut und Bedürftigkeit wie Bürgergeld inklusive Kosten für Unterkunft und Heizung, Sozialhilfe und Wohngeld. Familien erhalten Kindergeld und Elterngeld, Geflüchtete Asylbewerberleistungen, Behinderte Leistungen zur Teilhabe und Rehabilitation.

    In Institutionen der sozialen Sicherung und Beratung arbeiten hunderttausende Angestellte als Sachbearbeiter und Fachkräfte in den Bereichen Erziehungsberatung, Heimerziehung, Familienberatung, Jugendarbeit, Kinderschutz und Kindeswohl.

    Die allermeisten Bürger sind in mehrfacher Weise mit Institutionen des Sozialstaats verbunden. Die Aufwendungen betragen, Löhne und Gehälter eingeschlossen, insgesamt ungefähr ein Drittel des Nettosozialprodukts und kosten mehr als eine Billion Euro. Darauf richtet sich das Begehr derjenigen, die nach Sparmöglichkeiten Ausschau halten.

    Zu allererst kamen die Ärmsten der Armen der Gesellschaft dran. Das gerade erst reformierte Bürgergeld wurde mit Gesetz vom 27. 03. 2026 in „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ umgewandelt. Darin wird gefordert, dass

    „erwerbsfähige Leistungsberechtigte ihre Arbeitskraft in dem Umfang einsetzen müssen, der zur vollständigen Überwindung ihrer Hilfebedürftigkeit und der mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen erforderlich ist“.31

    Für Meldeversäumnisse sind wieder schärfste Sanktionen bis zum vollständigen Leistungsentzug vorgesehen. Seit zwei Jahren wird die Anpassung der Regelsätze an die Inflation ausgesetzt. Weitere kleinliche Kürzungen, wie z.B. die volle Anrechnung von Minijobs verschlechtern die Lebenslage. Was dadurch gespart werden soll, ist unerfindlich. Der Generalsekretär der CDU Carsten Linnemann hatte vollmundig von 15. Mrd. Euro gesprochen.32 Aber das war reines Geschwätz. Ein solches Sparvolumen könnte sich erst ergeben, wenn die Zahl der Bezieher von Grundsicherung nennenswert abnehmen würde. Doch danach sieht es in der Zeit zunehmender Arbeitslosigkeit wirklich nicht aus.

    Der Hass auf kleine Leute drückt sich sehr deutlich auch in einem Arbeitspapier von Bund, Ländern und Gemeinden mit dem Titel:

    „Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen“ aus. Der Paritätische Gesamtverband berichtet von Kürzungsvorschlägen bei Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung im Umfang von mehr als 8,6 Mrd. Euro.

    Gestrichen werden sollen die ambulanten Leistungen zur Familienhilfe, Leistungen zur Teilhabe an Bildung (Inklusion), der Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende. Eingeschränkt werden sollen die Leistungen für unbegleitete geflüchtete Jugendliche und für junge Erwachsene, für Kinder -und Jugendhilfe und für Obdachlose.

    Dazu erklärte Dr. Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes:

    „Was hier unter dem harmlosen Titel ‘Effizienter Ressourceneinsatz’ verhandelt wird, ist ein Angriff auf Errungenschaften, die elementar für soziale Teilhabe sind und die über Jahrzehnte erkämpft wurden. Dass solche grundlegenden Leistungen für Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen so radikal gekürzt werden sollen und die Debatte an den Menschen vorbei im Verborgenen geführt wird, ist gleichermaßen skandalös. Hier droht ein Kahlschlag bei Alltagshilfen, mit einschneidenden Folgen für Betroffene und ihre Familien“.33

    Da viele Leistungen in diesen Bereichen von gut ausgebildeten Fachkräften (Sozialarbeitern, Erziehern, Pädagogen) erbracht werden, wird auch durch diese Maßnahmen die Arbeitslosigkeit zunehmen.
    Die größten Angriffe stehen noch aus. Sie gelten den größten Posten: den Sozialversicherungen für gesetzliche Rente (380 Mrd. Euro), für Krankheit (326 Mrd. Euro) und für Pflege im Alter (68 Mrd. Euro).

    Auch hier ist das Vorgehen klammheimlich und schleichend. Zuerst setzt man umfangreich besetzte Kommissionen ein, um von der „Fachwelt“ für die Alternativlosigkeit des Vorgehens Absicherung zu erlangen. Und dann lässt man alles aus, was vielleicht auch die Wirtschaft und die Reichen belasten könnte. So geschieht es gerade im Gesundheitswesen. Die Kommission lieferte über 66 Vorschläge, mit einem Sparvolumen von 64 Mrd. Euro bis 2029. Darin enthalten ist auch eine Anhebung der Pflichtversicherungsgrenze und auch Einsparungen bei pharmazeutischen Produkten, medizinischen Maßnahmen, bei Kliniken und Ärzten sind genannt.34 Dagegen erhebt sich heftige Kritik aus den Berufsverbänden und vieles wird man fallen lassen.

    Der größte Teil der Sparmaßnahmen aber betrifft die Versicherten. Die Mitversicherung von Familienangehörigen wird, wenn nicht ganz abgeschafft, stark eingegrenzt. Die Zuzahlungen zu Rezepten wird steigen und auch die Erhöhung für Gebühren für Klinikaufenthalte und Arztbesuche könnte kommen. Gleichzeitig werden für die Versicherten medizinische Leistungen reduziert und gestrichen. Über die eigentliche Ursache der steigenden Kosten in der medizinischen Versorgung, die Privatisierung, wird geschwiegen.

    Die stärksten Angriffe drohen der jetzt schon viel zu niedrigen Rente. Hier besteht der Ehrgeiz, die Zuschüsse des Bundes zur Rentenversicherung, die 127,8 Mrd. Euro im Jahr 2025 betrugen, radikal abzubauen. Diese Bundesmittel werden immer als Geschenke behandelt. Das ist Unsinn. Sie sollen der Rentenversicherung die Ausgaben erstatten, die sie für nicht durch Beiträge gesicherte Leistungen auszuzahlen hat. Im Jahr 2023 kosteten die nicht durch Beiträge gedeckten Leistungen 124,1 Mrd. Euro. Davon von überwies der Bund 84,3 Mrd. 39,8 Mrd. wurden zu wenig überwiesen.35 Und das geht schon seit Bestehen der Bundes so. Den Rentenversicherten werden gesellschaftliche Aufgaben zugewiesen und zu gering erstattet. Der Bund schuldet der Rentenversicherung eigentlich eine ungeheure Geldsumme.

    Immer wieder wird behauptet, die Ausgaben für Renten liefen aus dem Ruder. Wie das meiste, was darüber geredet wird, entspricht auch das nicht der Wahrheit. Die Anteile der Bundeszuschüsse an den Renteneinnahmen sind von 24,4 Prozent (2004) auf 22,4 Prozent (2024) gefallen. Im Verhältnis zum BIP sind sie im gleichen Zeitraum von 3,5 Prozent auf 2,7 Prozent gesunken. Im Vergleich zu unseren Nachbarländern sind die Renten extrem niedrig. Das muss man immer wieder betonen. 2022 betrug der durchschnittliche Rentenzahlbetrag in Deutschland 1.098 Euro, in Österreich dagegen 1.645 Euro. Weil die Renten in Österreich 14 mal im Jahr ausgezahlt werden, hatte 2022 der durchschnittliche Rentner in Österreich 9.854 Euro mehr zu Verfügung als sein deutscher Nachbar.

    In einer beispiellosen demagogischen Kampagne werden die Ansprüche der Rentner für die Krise des Sozialsystems verantwortlich gemacht und immer wieder beschworen, dass die Alten den Jungen die Zukunft wegfressen. Das ist zwar kompletter Unsinn, dient aber dazu die jetzigen Angriffe propagandistisch vorzubereiten. Die niedrigen Renten weiter abzusenken, ist zwar äußerst zynisch, aber genau das ist das Ziel. Die Renten sollen von der Lohnentwicklung entkoppelt werden und damit fallen. Die Lebensarbeitszeit soll verlängert werden und damit die Rentenbezugszeiten sinken. Vorzeitige Renteneintritte sollen verhindert und durch hohe Abschläge erschwert werden. Renten für Angehörige sollen entfallen. Bei allen diesen Maßnahmen verbinden sich sozialpolitische und arbeitsmarktpolitische Fragen. Die Werktätigen sollen länger arbeiten und durch den Wegfall familientypischer Leistungen (Witwenrente, Familienmitversicherung in der Krankenversicherung) sollen vor allem Frauen gezwungen werden, vermehrt Arbeit zu suchen.

    Das alles und vielleicht noch einige unangenehme Überraschungen werden kommen. Die Front der Unternehmer steht.

    Wie ist es um die Gegenfront bestellt?

    Der Aufruf des DGB zum 1.Mai steht unter dem Motto:

    „Wir lassen nicht zu, dass Profitinteressen über Menschenleben gestellt werden!”

    Der Aufruf enthält kein Wort zu Aufrüstung und Krieg. Der Bundeskongress des DGB im Mai steht unter dem Motto:

    „Stark mit uns: Gute Arbeit, starke Wirtschaft, soziale Sicherheit“.

    Im Entwurf zum Leitantrag: kein Wort zu Aufrüstung und Krieg.

    Die DGB-Führung hat nicht begriffen, dass mit der ungeheuren Aufrüstung und Kriegsvorbereitung eine Situation begonnen hat, die den Sozialkahlschlag im Interesse der herrschenden Klasse unvermeidbar macht. Sie wollen die Realität nicht sehen. Für sie geht das Geschäft weiter wie üblich. Die honorigen Repräsentanten des Staats, Kanzler Merz und Arbeitsministerin Bas, sind als Gastredner eingeladen.

    Gut, das ist Sache der Gewerkschaftsrechten. Aber was macht die Gewerkschaftslinke? Als einer ihrer Repräsentanten gilt Hans-Jürgen Urban, Sozialvorstand der IG Metall. Am 25. 10 2025 stellte er seinen Standpunkt zur „Debatte“ in der FAZ dar. Unter dem Titel: „Sozialstaat in Herbststimmung“36 kritisiert er das Katastrophengerede und den aufgeheizten Diskussionsstil. In der Sache ist er kompromissbereit.

    „Das bedeutet nicht, dass der Sozialstaat so bleiben kann, wie er ist. Seine Reform an Haupt und Gliedern ist dringend geboten. Aber so muss die Debatte um seine Zukunft scheitern – der Form und dem Inhalt nach.“

    Die Debatte muss scheitern, aber was ist mit den wirklichen Angriffen? Urban führt aus:

    „Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Kosten für Sozialausgaben werden steigen. Nicht nur demographiebedingt, auch ein Teil der technologischen und ökologischen Transformationskosten muss vom Sozialstaat geschultert werden. Zugleich werden mit geringer werdenden Wachstumsraten Verteilungsspielräume enger und Anforderungen an den Staat größer. In dieser Situation darf und muss sogar über die Kostenseite der Sozialausgaben nachgedacht werden.“

    Urban formuliert sehr vornehm in der Art eines gebildeten bürgerlichen Ökonomen. Er kritisiert vor allen, dass Sozialkürzungen auf der Nachfrageseite negative Effekte hätten. Das ist das typisch sozialpartnerschaftliche Gejammere von Leuten, die sich selbst als den klügeren Unternehmer darstellen. Es ist ein Appell an die gesamtgesellschaftliche Vernunft, die es in einer Klassengesellschaft unter der Herrschaft von großen Kapitalisten nicht geben kann.

    Darauf ist eine Gegenwehr nicht aufzubauen.
    Wie könnte Widerstand möglich werden?

    Die Unternehmerverbände haben ihre Interessen klar formuliert. Was sie fordern ist eine verschärfte Gangart des Klassenkampfes von oben. Ihren Plänen für Aufrüstung, Krieg und Sozialkahlschlag könnte nur wirksam begegnet werden, wenn die Lohnabhängigen sich ebenfalls als Klassenfront formierten und lernen, dass ihre existentiellen Interessen mit den Interessen des Kapitals unversöhnbar sind. Das bedeutet Nein zum Krieg, nein zur Aufrüstung, nein zum Sozialabbau.

    Der Vorsitzende der GEW Thilo Hartmann hat dazu auf seiner Rede am Ostermarsch Frankfurt im Detail viel Richtiges gesagt. Aber gleichzeitig verkündet er ein merkwürdiges Bild der Gesellschaft:

    „Friedensfähig ist eine Gesellschaft nur, wenn sie nicht tief gespalten ist. Wenn demokratische Strukturen ebenso funktionieren wie die Daseinsvorsorge. Wenn es eine gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums gibt. Wenn der Staat die richtigen Prioritäten setzt und jede und jeder sich gesehen fühlen kann.“

    „Wir brauchen keine hochgerüstete, unsolidarische und immer ungleichere Gesellschaft! Was wir brauchen, ist eine egalitäre Einkommens- und Vermögensverteilung, denn das ist die Grundlage für sozialen Frieden. Eine gerechte Gesellschaft bietet die beste Grundlage für eine friedliches Zusammenleben! Nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt!“37

    Von welcher Gesellschaft spricht Thilo Hartmann? Etwa von einer sozialistischen oder gar einer klassenlosen? Wir leben im Kapitalismus und der Staat, in dem wir leben, ist die Herrschaftsformation der ökonomisch herrschenden Klassen. Die Parteien, die die bisherigen Regierungen stellten, sind alle Vertreter kapitalistischer Interessen. Hartmanns „Wenn-Gesellschaft“ hat nichts mit der Realität der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu tun. Er sind fromme Wünsche und damit in der Konsequenz mit Urban verwandt, weil beide die Illusion erzeugen, dass eine „Gerechte Gesellschaft für alle“ unter Klassenbedingungen möglich sein könnte.

    Nachzudenken ist zuerst, wie überhaupt ein auch nur nennenswerter Widerstand anzufangen wäre. Worauf könnte man aufbauen: Krieg ist in der Gesellschaft unpopulär. Sozialabbau ebenfalls. Beides wird von vielen Menschen abgelehnt. Davor haben die Kapitalisten Angst. Damit die Ablehnung aber politisch wirksam werden kann, müssen die Lohnabhängigen besser verstehen, dass die zerstörerische Politik aus den notwendigen Interessen des Kapitals erwächst und nur gehindert werden kann, wenn man Konsequenzen daraus zieht. Da sich die politische Willensbildung in der Form parlamentarischer Vertretungen vollzieht, muss eine Konsequenz heißen: Es dürfen keine Parteien gewählt werden, die Aufrüstung, Kriegsvorbereitung und damit Sozialabbau vertreten. CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP sind unwählbar und ebenfalls natürlich die AfD.

    Wen könnte man also wählen? Eine Alternative könnte nur ein Bündnis all der Parteien und Gruppierungen sein, die sich der Kriegspolitik widersetzen. Keine einzige Partei kann das bewirken. Es müsste zu einem Bündnis wie in Frankreich kommen. Wenige klare Losungen müssen das Kennzeichen dieses Bündnisses sein. Ob das möglich wäre, wäre erst mal auszuloten. Es setzt voraus, dass der Ernst der Lage begriffen würde und die Bereitschaft bestünde, verantwortlich und mutig zu handeln.

    Anmerkungen

    1 https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20251125IPR31571/eu-muss-fuhrungsrolle-bei-der-friedenssicherung-in-der-ukraine-ubern

    2 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2112/umfrage/veraenderung-des-bruttoinlandprodukts-im-vergleich-zum-vorjahr

    https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2025/heft/1/beitrag/sinkende-produktionskapazitaeten-in-der-industrie.html

    3 https://www.lunapark21.net/deutsche-bahn-als-geburtshelfer-von-vonovia

    4 https://www.fes.de/news/weniger-staat-mehr-markt-eine-kurze-geschichte-der-privatisierungen-in-deutschla

    5 https://www.fidelity.de/fidelity-articles/themen-im-fokus/kapitalmarktblog-deutschland-kapitalexport-auslandsvermoegen-usa-handelspol

    6 https://www.hanswernersinn.de/de/maerchen-vom-kredit-aus-dem-nichts-ftd-30052011https://www.hanswernersinn.de/de/maerchen-vom-kredit-aus-dem-nichts-ftd-30052011

    7 https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/kiel-focus/kapitalexport-ist-ein-milliardengrab

    8 https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/kiel-focus/kapitalexport-ist-ein-milliardengrab

    9 https://www.kettner-edelmetalle.de/news/wirtschaftsmachte-im-wandel-brics-staaten-uberholen-g7-18-06-202

    10 https://www.ifo.de/fakten/2026-02-10/kapazitaetsauslastung-steigt-langsam

    11 https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/insolvenzen-creditreform-100.html

    12 https://finanzblatt.net/wirtschaft/deutschland-2025-gewinneinbruch-bei-top-unternehmen.html

    13 ( FAZ, 15.04.2026)

    14 https://www.familienunternehmen.de/de/publikationen/freiburger-subventionsbericht-2026

    15 https://www.basf.com/global/de/who-we-are/organization/locations/asia-pacific/our-engagement-in-china

    16 https://www.bmvg.de/de/aktuelles/nato-gipfel-2025-historischer-beschluss-verteidigungsausgaben-5952094

    17 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_114_71137.html

    18 https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/deutsche-staatsschulden-992718

    19 https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/Ausgabe/2025/08/Inhalte/Kapitel-3-Analysen/3-2-bundeshaushalt-2026.html

    20 Planung des Bundeshaushalts 2026-2029 Punkt 4.4

    21 https://www.n-tv.de/wirtschaft/Arbeitgeberpraesident-Dulger-fordert-geschrumpften-Sozialstaat-article25928658.

    22 https://www.welt.de/politik/deutschland/article6881befd0e680a76f4e93b94/Handwerkspraesident-warnt-vor-Kollaps-und-fordert-Reform-des-Buergergelds-und-d

    23 https://www.pkv.de/verband/presse/meldungen/steht-der-sozialstaat-vor-dem-kollaps

    24 https://arbeitgeber.de/mit-mut-aus-der-standortkrise-2026-muss-zum-jahr-der-reformen-werden

    25 FAZ 21.04.2026

    26 .tagesspiegel.de/politik/wenn-die-regierung-nichts-tut-kommt-der-kollaps-wirtschaftsweise-schnitzer-halt-sozialversicherungen-fur-nicht-zukunftsfest-14222483.html

    27 https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sozialabgaben-wirtschaftsweiser-werding-warnt-vor-sozialabgaben-von-50-prozent/100140702.html

    28 //www.merkur.de/wirtschaft/illner-zdf-oekonom-fuest-ricarda-lang-sozialstaat-schlaraffenland-buergergeld-lindner-zr-92849782.html 23.2.2024

    29 https://www.deutschlandfunk.de/merz-sozialstaat-von-heute-nicht-mehr-finanzierbar-100.html

    30 FAZ 26.03.2026

    31 .harald-thome.de/files/pdf/2025/Zusammenfassung der SGB II-Änderungen 26.10..pdf

    32 https://irene-mihalic.de/berlin/der-15-milliarden-linnemann

    33 https://www.der-paritaetische.de/alle-meldungen/enthuellung-kahlschlag

    34 FAZ 31.03.2026

    35 Imke Brüggemann-Borck und Edgar Kruse, Bundesmitte: Wofür der Staat Steuereinnahmen an die Rentenversicherung zahlt. Fachseminar der DRVBund, 22.05.2025

    36 Hans-Jürgen Urban, Sozialstaat in Herbststimmung? FAZ 25.10.2025

    37 https://www.friedenskooperative.de/ostermarsch-2026/reden

    Tobias Weißert

    Tobias Weißert
    Nach Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft war ich lange Jahre als Lehrer und Ausbilder in der Erwachsenenbildung tätig. Ich unterrichtete hauptsächlich Sozial-und Wirtschaftskunde. Seit nahezu 60 Jahren bin ich politisch aktiv und habe mich intensiv mit politischer Theorie beschäftigt. In dem großen Ausbildungsbetrieb war ich Sprecher der gewerkschaftlichen Vertrauensleute und lange Jahre Betriebsratsvorsitzender. Heute bin ich unter anderem im Rhein-Main-Bündnis gegen Sozialabbau und Billiglöhne politisch tätig.

    #Europe #guerre #impérialisme

  • « Es ist kein Komplott durch die militärische Seite... » - Corona und die Bundeswehr
    https://overton-magazin.de/top-story/es-ist-kein-komplott-durch-die-militaerische-seite-corona-und-die-bu

    Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann. Screenshot aus dem Video des Deutschen Bundestags

    Comment la lutte ckntre l’épidémie du covid a servi pour préparer la guerre contre la Russie ?

    15.5.2026 von Thomas Moser - Das offizielle Wortprotokoll der Sitzung vom 23. April steht bisher nach wie vor nicht auf der Homepage des Bundestags. Wir haben ein eigenes kommentiertes Protokoll erstellt.

    „Die Pandemie und die Rolle der Bundeswehr.“ Die Enquêtekommisson des Bundestags zu Corona befasste sich auf ihrer Sitzung am 23. April 2026 mit einem besonderen Player, der grundlegende Fragen aufwarf: Was hatte die deutsche Armee mit der Epidemie und der Epidemiepolitik jener Jahre zu tun? Antwort: Mehr als man bisher dachte oder wusste. War der Ausnahmezustand zugleich auch eine unerklärte nationale Übung, die anderen Zwecken diente als der Virusbekämpfung?

    Vor einigen Tagen haben wir Teil eins der fraglichen Sitzung im April als Wortprotokoll dokumentiert (Corona-Enquêtekommission: „Die Wahrheit ist wahr, weil sie wahr ist, nicht weil der Bundestag das beschließt“). Dabei ging es um die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Beamten im Bundesinnenministerium, Stephan Kohn, der die Coronamaßnahmen der Regierung in Frage stellte und deshalb entlassen wurde…

    Das offizielle Wortprotokoll des Bundestags lag auch bis zum 13. Mai 2026 bei Abgabe dieses Manuskriptes noch nicht vor. Wir haben ein eigenes Protokoll erstellt.

    Der Vertreter der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann, sagte in seinem Kurzstatement unter anderem:

    „Die Gesundheitsversorgung eines Staates ist relevant für die Funktionsfähigkeit des Staates und für die Sicherheit. Und das ist ja immer ein Stresstest für das gesamte System. (…) Gesundheitskrisen sind immer auch KRITIS-Krisen. Es sind immer Krisen, die sich auch auf andere Bereiche auswirken, und ein Ausfall wird eben sehr schnell auch systemrelevant. (…) Ein kurzer Blick auf die Rolle der Bundeswehr: Die Bundeswehr ist hier kein nachgelagerter Unterstützer, die Bundeswehr ist Teil einer gesamtstaatlichen Resilienzarchitektur. Wir spielen eine Rolle und bringen uns ein in die Bewältigung von Krisen in diesem Staat. (…) Für den Sanitätsdienst heißt das, wir gucken uns an, wie wir funktionieren, auch wenn wir unter Stress kommen. Dabei kann die Bundeswehr nicht strukturelle Defizite ersetzen, sondern wo wir helfen können, machen wir das auch. Siehe Corona, siehe Flutereignis, Katastrophen aller Art. Aber eines ist auch klar: Wir sind nur subsidiär tätig und im Ernstfall, militärischen Ernstfall, wird das zivile System die Bundeswehr unterstützen müssen. (…) Die Zusammenarbeit in der Coronakrise hat dabei in weiten Teilen gut funktioniert, wir waren meistens pragmatisch orientiert und wirkungsvoll, aber sie war häufig sehr ad hoc gestartet und hier und da auch improvisiert. (…) Gesundheitskrisen denken wir immer mit als Teil der Sicherheitsarchitektur.“

    Kommentar: „Im militärischen Ernstfall wird das zivile System die Bundeswehr unterstützen müssen.“ Das ist ein entscheidender Leitsatz: Nicht die Bundeswehr unterstützt mehr das zivile System, sondern umgekehrt muss das zivile System die Bundeswehr unterstützen. In der Folge bestimmt nicht mehr das demokratische Gemeinwesen, was in diesem Land geschieht, sondern die Armee.

    Ein zweites Statement kam von Armin Schaus, Oberst im Generalstabsdienst:

    „Im Inland hat die Bundeswehr wiederholt im Rahmen der Amtshilfe unterstützt. (…) Ausgeschlossen sind dabei die Übernahme von hoheitlichen Zwangs- und Eingriffsbefugnissen. (…) Prägend war die Unterstützung der Corona-Pandemiebekämpfung. Die Bundeswehr war Ende 2019 bei der Übung European Defender, einer wesentlichen Verlegeübung deutscher und internationaler Kräfte, schon gebunden. Schnell wurde klar, dass die Entwicklung der Infektionszahlen und die frühzeitig beginnenden Anfragen an die Bundeswehr zu Amtshilfen führen wird. Hierzu wurde im oben beschriebenen Kommando die vorhandene 24/7 betriebene Operationszentrale von vier auf später bis zu 80 Mitarbeitende erhöht. (…) Das erhöhte Arbeitsaufkommen zum Beispiel in Gesundheitsämtern hat den Fokus auf die personelle Unterstützung gelenkt. Die Bundeswehr hatte hierzu frühzeitig mit der Aufstellung eines Personalkontingentes reagiert, das immer wieder angepasst wurde und an der Spitze 25.000 Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfasste.

    (…)

    Jens Peick (SPD): Herr Oberst Schaus, das operative Führungskommando der Bundeswehr ist jetzt relativ jung, neu strukturiert worden, haben Sie gerade auch gesagt. Welche Lehren aus der Covid-Pandemie sind denn in die Gründung eingeflossen?

    Schaus: Wir hatten ja vorher die Trennung zwischen den Krisenmanagementeinsätzen, das hat ein Kommando in Schwielowsee wahrgenommen, das ist ein Führungskommando der Bundeswehr. Und alles, was im Inland war, hat das Kommando Territoriale Aufgaben in Berlin verantwortet. Mit der neuen sicherheitspolitischen Entwicklung – das Kommando ist halt, wenn Sie so wollen, ein Kind der Zeitenwende – ist es so, dass man entschieden hat, diese beiden Betrachtungen zusammen zu führen und dann die Bundeswehr aus einem Portfolio zu bewerten (…) und dann gezielt, zum Beispiel Heer, Luftwaffe, Marine damit zu beauftragen.“

    Kommentar: Die neue Struktur der Territorialen Führungskommandos ist kein Kind der Zeitenwende, sondern mit ihrem Aufbau wurde bereits 2020 begonnen, also vor dem Angriff russischer Streitkräfte auf die Ukraine.

    (…)

    Beate Pfeil, Sachverständige für die AfD-Fraktion (Minute 1:33:25): „Meine Frage geht an den Herrn General Dr. Hoffmann. Als Lehre aus den schlimmen Erfahrungen der Weimarer und vor allem der NS-Zeit sieht das Grundgesetz eine prinzipielle Trennung zwischen militärischen und zivilen Aufgaben der Exekutive im Inland vor. Jetzt war gerade die Coronazeit, die Zeit intensivster Grundrechtseingriffe, die mit dem bisher längsten und größten Einsatz der Bundeswehr in zivilen Bereichen verbunden war. Dies unter Berufung auf die Regelung der Amtshilfe, die ihrem Ausnahmecharakter entsprechend zeitlich begrenzt nur dann greifen sollte, wenn die zivilen Behörden ihre Aufgaben nicht oder nicht ausreichend selbst wahrnehmen können. Also eine Form der Militarisierung von Gesundheitspolitik, wie sie beispielweise in der Doktrin der WHO anklingt, ist vom Grundgesetz nicht vorgesehen. Viele Aufgabenbereiche der Bundeswehr befanden sich aber gefährlich nahe an grundrechtssensiblen Bereichen, zum Beispiel Impfungen in Pflegeheimen, Testungen, Zugangsbeschränkungen.

    Frage eins: Wie stellen wir im Falle künftiger ausgerufener Notlagen sicher, dass die Bundeswehr in der Praxis die empfindliche Grenze zwischen technischer Unterstützung und hoheitlichem Zwang zum Beispiel wie bei Impfungen nicht überschreitet? Frage zwei: Gab es tatsächlich keine fachlich kompetente Alternative zu Herrn General Holtherm als Leiter des BMG-Corona-Krisenstabs (Bundesgesundheitsministerium) oder waren auch andere Gründe für seine Berufung maßgeblich, zum Beispiel die Erkenntnisse des BND zum Laborursprung des Virus? Drittens: Wie erklären Sie sich, dass just in der von Verdachtstodesfällen im Kontext der Coronaimpfung am meisten betroffenen Altersgruppe in Pflegeheimen etwa 55 Prozent der Chargennummer unbekannt waren, obwohl doch gerade die Bundeswehr für die Dokumentation der Impfungen in Pflegeheimen zuständig war?

    Hoffmann: Ich gehe das mal der Reihe nach durch. Zunächst einmal: Die Aufgaben, die die Bundeswehr im Rahmen der Amtshilfe dort wahrgenommen hat, waren Aufgaben, die an einer Stelle entschieden wurden. (…) Als zum Beispiel Soldaten in die Gesundheitsämter abgestellt wurden, um dort eine Nachverfolgung der Erkrankung vorzunehmen, war das eine Aufgabe, die wir wahrgenommen haben, weil allein von der Personaldichte der Gesundheitsämter dort keine adäquaten Ressourcen vorhanden waren. Was die Berufung von dem General Dr. Holtherm angeht, wie das genau gelaufen ist im Bereich des Gesundheitsministeriums, kann ich Ihnen nicht sagen, dafür war ich nicht zuständig. Da habe ich keinen Einblick darauf, deswegen kann ich auch nur sagen, alles was da jetzt im Raum steht, ist mir nicht bekannt und nehme ich jetzt mal so zur Kenntnis. Das Thema Pflegeheime oder Grundrechtseingriffe. Die Grundrechtseingriffe sehe ich in diesem Fall nicht, sondern es war hier ein Aufgabenportfolio entschieden worden auf der Ebene der Bundesregierung und des Bundestages, also der entsprechenden Entscheidungsgremien. (…)

    Pfeil: Entschuldigung. Die dritte Frage Pflegeheime betraf die mangelnde Dokumentation von Impfungen in… Und dafür war die Bundeswehr ja zuständig.

    Hoffmann: Nein, die Bundeswehr war nicht für die Dokumentation…, also die jeweiligen Impfenden, nicht die Bundeswehr, die Impfenden waren für die Dokumentation zuständig im Rahmen dessen, was machbar war. Und ich kann das nicht so bestätigen, (…) aber ich weiß, wo wir geimpft haben, wir sehr wohl dokumentiert haben und auch Chargen festgehalten haben. Und ich habe im Übrigen selber auch mit geimpft, als es darauf ankam, und habe sehr wohl sehr deutlich erstens aufgeklärt und zweitens Chargen festgehalten.“

    Kommentar: Die Kontaktnachverfolgung von Erkrankten oder Infizierten durch die Gesundheitsämter ist eine Fahndung nach den privaten Adressen der betreffenden Personen, also ein hoheitliches Vorgehen, das, wenn überhaupt, Aufgabe ziviler Behörden ist, aber nicht der Armee.

    (…)

    Tom Lausen ist unabhängiger IT-Experte, Datenanalyst und Publizist. Er ist neben der Corona-Enquêtekommission des Bundestags auch Mitglied der entsprechenden Enquête im Thüringer Landtag. Er stellt Fragen für die AfD-Fraktion (Minute 1:53:10) : „Uns interessiert ja alle die Rolle der Bundeswehr und des Militärs in der ganzen Welt. Und in diesem Zusammenhang in Deutschland wurde ja bereits am 19. Januar 2020 der Bundeswehrgeneral Dr. Hans-Ulrich Holtherm in eine zentrale Steuerungsfunktion im Gesundheitsministerium als Leiter des Krisenstabes und als Fachvorgesetzter des RKI (Robert Koch-Institut) akquiriert. Zu einem Zeitpunkt, als es noch keine erkennbare epidemische Lage in Deutschland und ganz Europa gab, noch nicht einmal einen PCR-Coronafall in ganz Europa. (…) Meine Frage an Sie, Herr General Dr. Hoffmann: War diese historische Entscheidung, General Holtherm schon lange vor einer Krise einzubinden, aus Ihrer Sicht tatsächlich medizinisch begründet oder war sie von Beginn an Teil eines übergeordneten militärisch geprägten Steuerungsmodells, das auf zentrale Lageführung, Durchgriff und Kontrolle ausgerichtet ist?

    Hoffmann: Von Durchgriff und Kontrolle kann definitiv überhaupt keine Rede sein. Und ich kann nur eins sagen, der Kamerad Generalstabsarzt Dr. Holtherm verfügt über eine herausragende fachliche Qualifikation, die, ich glaube, hier keiner infrage stellen kann…

    Lausen: Das war auch keine Kritik an Herrn Holtherm, entschuldigen Sie…

    Hoffmann: Ich sag ja nur…, es geht um die Einschätzung, ob ich das für eine sinnvolle Entscheidung gehalten habe. Das kann man durchaus so sehen, weil eben er neben der fachlichen Erfahrung, die er mitgebracht hat, immer auch über eine große organisatorische…

    Lausen: Aber warum so früh?

    Hoffmann: Das weiß ich nicht…

    Lausen: Warum schon vor dem ersten PCR-Fall in ganz Europa? Warum wird das Militär schon so früh eingebunden? Und ich stelle noch eine weitere Frage vor dem Hintergrund, dass eben auch weltweit, also auch in Spanien oder Italien und in vielen anderen Staaten ähnlich früh militärische Strukturen eingebunden wurden. Sehen Sie darin ein zufälliges paralleles Vorgehen oder deutet das auf ein gemeinsames Verständnis hin, Pandemien, in der Vergangenheit und zukünftig, primär im Rahmen eines militärisch geprägten Steuerungsmodells zu bewältigen? Verlieren wir also gerade unsere Demokratie? Wie sehen Sie das?

    Hoffmann: Also erst mal verlieren wir überhaupt keine Demokratie, zweitens sehe ich hier nicht, dass das Teil eines Steuerungswillens war, sondern die Identifikation von einer Personalmaßnahme, die in dieser Krise unterstützend tätig sein konnte. Warum zu diesem Zeitpunkt das entschieden wurde, kann ich nicht sagen. Da würde ich Sie bitten, beim Gesundheitsministerium nachzufragen…

    Lausen: Ich will nicht wissen warum, sondern wie schätzen Sie das ein, dass das so früh war?

    Hoffmann: Ich sage Ihnen nur, es geht hier nicht um die Übernahme einer Kontrollfunktion. Das ist überhaupt nicht der Fall, und Herr Holtherm hat auch keine Kontrollfunktion dort übernommen. Und es ist auch kein Komplott oder keine Anlage, die, ich sag mal, die Übernahme von Kompetenzen durch die militärische Seite…

    Lausen: Herr Dr. Hoffmann, da muss ich Ihnen ganz entschieden widersprechen. Ich habe die RKI-Krisenstabsprotokolle, die viele von den hier Anwesenden noch nicht gelesen haben, die möchte ich Ihnen berichten: In den Krisenstabsprotokollen ist er mindestens 20 bis 25-mal erwähnt und zwar unter anderem als wissenschaftliche Kontrolle. Ihm wurden fachliche Produkte vom RKI zur Prüfung vorgelegt. Ein markantes Beispiel ist die erste Modellierung, die dann zu diesen Maßnahmen führte, wo 400.000 Menschen innerhalb weniger Wochen als worst case ausgestellt wurden, wenn kein Lockdown gemacht wird. Darüber hinaus war das Problem, dass auch verboten wurde, diese Modellierung seitens des BMG durch Herrn Holtherm, dass diese Modellierung veröffentlicht werden durfte, während alles vorher… Und natürlich hatte er auch strategisch als Auftraggeber einige Funktionen. Seine Aufgabe Weisungsbefugnis und Zensur des RKI hatte er auch, das steht alles so in den Protokollen. Deshalb verstehe ich nicht, warum Sie sagen, es gab keine Entscheidungsbefugnis, oder wie haben Sie es genannt: Beratung und Entscheidungsfindung war nicht unsere Rolle, haben Sie am Anfang gesagt. Ich sehe das ganz anders aus den RKI-Protokollen. Was sagen Sie dazu?

    Hoffmann: Weil Herr Holtherm sich zu dem Zeitpunkt abgestellt ans Bundesministerium der Gesundheit befand und sich unter der Weisungsbefugnis…

    Lausen: In Uniform?

    Hoffmann: Ja, in Uniform, selbstverständlich als Person… und sich unter der Weisungsbefugnis des Bundesministers für Gesundheit befand und nicht unter der Weisungsbefugnis oder einer Anleitung durch das Bundesministerium der Verteidigung. Und er hat dort seine Funktion als Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium wahrgenommen. Auch wenn er Soldat ist und damals war, war es keine durch das BMVg (Bundesverteidigungsministerium) gesteuerte Maßnahme. Ausrufezeichen.“

    Kommentar: „Es ist auch kein Komplott…“ Eine bemerkenswerte Wortwahl. Hinzu kommt, dass der Bundeswehroffizier etwas dementiert, was nicht geäußert wurde.

    Peick: „Ich glaube, uns allen ist bewusst, dass diese Krise eine große Ausnahmesituation war. Wir wissen auch, dass die Bundeswehr besondere Kompetenzen mitbringt, wenn es um eine solche Situation geht. Und deswegen will ich hier sagen, sind wir sehr dankbar, dass die Bundeswehr früh eingebunden worden ist und auch so tatkräftig dabei unterstützt hat, dass wir als Land gut da durchkommen. Das gilt auch für jede einzelne Soldatin und jeden einzelnen Soldaten, das will ich hier auch mal für die SPD-Fraktion und ich glaube, auch für die anderen demokratischen Fraktionen hier sehr deutlich sagen.

    Zustimmendes Klopfen.

    (…)

    Christian Weidner, Professor Dr. Dipl.phys., Präsident des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, der für die Union in der Enquête sitzt (Minute 2:08:45): Meine Frage richtet sich an General Dr. Hoffmann. Sie haben in Ihrem Eingangsstatement erwähnt, dass das Lagebild von ganz besonderer Bedeutung ist, insbesondere auch was die Versorgungskapazitäten anbetrifft. Und wir haben ja da in der Pandemie erstmals einen gewissen Ernstbetrieb gehabt, also wir haben eine mittlere zweistellige Zahl an Intensivpatienten über das Kleeblattsystem ausfliegen müssen. Übrigens echte Patienten, beatmungspflichtig, also Opfer einer echten Pandemie, die ja jetzt heute wieder einmal in Frage gestellt worden ist. (…) Und dass wir eben in eine Versorgungsnotsituation kommen könnten, wenn wir nicht vorsorgen. Es ist gelungen durch die verschiedensten Abwehrmaßnahmen, unter anderem Kleeblattsystem, das nicht dazu kommen zu lassen. Aber das sind ja Strukturen, die wir auch brauchen, wenn wir zum Beispiel an OPLAN Deutschland denken und an die Versorgungsfunktion, die wir in Zukunft haben könnten. (…) Welche Hausaufgaben würden Sie uns mitgeben, dass wir in der Lage sind, ein Lagebild für die stationäre und ambulante Gesamtversorgungsleistung tatsächlich in welcher Krise auch immer zur Verfügung zu haben?“

    Kommentar: „…Das sind ja Strukturen, die wir brauchen, wenn wir zum Beispiel an OPLAN Deutschland denken und an die Versorgungsfunktion, die wir in Zukunft haben könnten.“ Er denkt an Krieg, ohne es so zu sagen. Der OPLAN Deutschland ist der geheime Vorbereitungsplan auf den anvisierten Krieg gegen Russland. Und Coronastrukturen sollen dem offensichtlich dienlich sein.

    Hoffmann: (…) „Die Lage muss zwei wesentliche Anteile beinhalten, sie muss einerseits einen Überblick geben über das vorhandene Patientengut. Das heißt, mit was wird das Gesundheitssystem belastet? Und zwar hier in allen Bereichen, das ist mir ganz wichtig, sowohl im Hinblick auf Infektionskrankheiten, Verletzungen, Verletzungsmustern, Bedarf an Intensiv-, an Verbrennungsbetten, an infektiologischen Betten, also dieses Gesamtpaket muss betrachtet werden. Wir sprechen da auch von einem One-health approach. (…)“

    Kommentar: „Bedarf an Verbrennungsbetten…“. Die Ausführungen sind durchdrungen von einer Kriegs- und Schlachtenlogik mit multiplen Verletzungen. Das Gesundheitswesen wird militarisiert. Und das wurde bereits unter Corona begonnen einzuführen.

    (…)

    Kay-Uwe Ziegler (AfD) (Minute 2:14:00): „Sie sagten vorhin in Ihren Ausführungen, wir haben katastrophale Auswirkungen gesehen und dann sind Sie ins Allgemeine reingegangen. Können Sie uns eventuell sagen: Wie waren denn die Auswirkungen direkt in der Bundeswehr, wie waren die in der Truppe, wie waren die bei Soldaten in den Jahren ’20, ’21, ’22, liegen Ihnen das Zahlen vor?

    Hoffmann: Also erst mal haben wir unterschiedliche Phasen der Erkrankung gehabt, weil der Virustyp sich entsprechend geändert hat mit entsprechenden Auswirkungen, die sich während der Krise auch verändert haben. Ich selber bin regelmäßig zum Beispiel in Bundeswehr-Krankenhäusern gewesen und habe nach Patienten und dem Behandlungsstand geguckt und habe festgestellt, dass es dort sehr viele Intensivpatienten gab mit sehr schweren Symptomatiken, die behandelt wurden.

    Ziegler: Ich hatte Sie konkret nach Zahlen gefragt, weil: Wir wollen ja immer Daten, Daten, Daten… Und zwar gibt es eine Anfrage von meinem Kollegen Dietz, der hatte gefragt, wie waren denn die infizierten Soldaten in den Jahren 2020, ’21, ’22? Und im Jahr 2020 waren es gut 3000, im Jahr 2021 waren es gut 10.000 und im Jahr 2022 waren es knapp 93.000. Das nach der Duldungspflicht. Können Sie das in irgendeiner Form erklären, wie trotz dieser Impfung und der Duldungspflicht?… Und Sie hatten ja am Ende fast eine hundertprozentig durchgeimpfte Truppe, alles relativ junge sportliche Menschen…, wie Sie das, wenn Sie vor allem die Fähigkeit der Bundeswehr zu Verteidigung aufrecht erhalten, wie Sie diesen Zustand überhaupt hinnehmen konnten? Das würde ich gerne einmal kurz erklärt haben.

    Hoffmann: Punkt Nummer eins: Zahlen habe ich nicht da, bin ich nicht darauf vorbereitet. Punkt zwei ist: Der Virus hat sich während dem entsprechenden Verlauf erstens ausgebreitet, zweitens verändert. Punkt Nummer drei: Die Auswirkungen haben sich verändert, die der Virus hervorgerufen hat. Und die entsprechenden Maßnahmen, die ergriffen wurden, dienten auch dazu, schwere Auswirkungen zu verhindern bei den Soldaten. Und das ist weitestgehend gelungen.

    Ziegler: Wissen Sie vielleicht zufällig, wie viele schwere Verläufe Sie hatten innerhalb der Bundeswehr?

    Hoffmann: Hab ich nicht parat.

    Ziegler: Gut. Dann würde ich noch mal wissen, wenn das alles so war, weshalb haben Sie eigentlich die Duldungspflicht im Jahr ’23 abgeschafft? Und das wäre jetzt eine Frage vielleicht auch mal für alle: Warum Sie eine Sache erst so durchboxen mit allen Maßnahmen vor allen Dingen für die Soldaten, die sich nicht haben impfen lassen wollen? Und dann im Jahr ’23, Ende ’23, sagen Sie: Wir hören damit auf. Gibt’s da einen nachvollziehbaren Grund? Und wenn wir schon einmal dabei sind bei Impfungen: Die US-Army hat die Impfung zum Thema Grippe eingestellt. Wie betrachten Sie das?

    Hoffmann: Bei Impfungen machen wir regelmäßig eine Bewertung, ob…, und das ist genau das, was Herr Kohn neben mir gerade gefordert hat, wobei wir eine Abwägung machen, welchen Nutzen und welches Ergebnis erzielen wir mit den Impfungen und ist diese Impfung erforderlich oder ist sie nicht erforderlich? Wir richten uns dabei auch ganz maßgeblich nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), deshalb haben wir die Duldungspflicht ausgesetzt.

    (…)

    Peick (SPD): Eine Forderung, die die Kommunen erhoben haben, war, man müsste üben üben üben. Auch ich habe lange Krisenstabsarbeit bei der Stadt Dortmund gemacht, da war immer das Motto: „In Krisen Köpfe kennen“. Deshalb meine Frage an den Oberst Schaus: Jetzt ist natürlich die Amtshilfe, die zivil-militärische Zusammenarbeit nicht die Kernaufgabe, deswegen wahrscheinlich auch nicht Kern der Übung, aber gibt’s gemeinsame Übungen von Bundeswehr in solchen Fragestellungen zusammen mit Kommunen und Ländern?

    Schaus, Abteilungsleiter für zivil-militärische Zusammenarbeit im Operativen Führungskommando der Bundeswehr (Minute 2:21:50): Ja absolut regelmäßig. Das, was wir verantworten, ist erst einmal, dass wir unser Personal auch zentral schulen und dann gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe schulen. Und dann gibt’s eine ganze Menge und eine ganze Reihe von Übungen, die manche Länder zentral durchführen oder runter bis zu Landkreisen, die einzelne Übungen durchführen. Mittlerweile ist das so, dass nicht nur auf klassische Wetterszenarien rekurriert wird wie zum Beispiel ein Waldbrand oder Vergleichbares, sondern dass insgesamt breiter bis hin zu sicherheitspolitischen Lagen…, ja, OPLAN Deutschland sind mittlerweile Übungsteile in diesem Bereich, wo dann die Unterstützung der Streitkräfte durch zivile Teile vielleicht als Übungsgegenstand mit dabei sind.

    (…)

    Christina Baum (AfD) (Minute 2:28:10): Ich bitte Sie, Herr Dr. Hoffmann, um eine Antwort. Und zwar: Zum Zeitpunkt der Einführung der Duldungspflicht, wissen wir, handelte es sich bei der Impfung um ein nur bedingt zugelassenes Medikament mit neuem Wirkprinzip, was bis dato noch nie erfolgreich in der Medizin verwendet wurde. Dazu kommt, dass es ja prophylaktisch eingesetzt wurde, also bei jungen gesunden sportlichen Personen, bei denen die höchsten Sicherheitskriterien für ein solches Medikament anzuwenden sind. Dazu kommt, dass von Anfang an klar und bekannt war, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu keiner Zeit durch das Coronavirus gefährdet waren. Warum wurde trotz dieser Kenntnisse, trotz dieser drei Punkte, die Duldungspflicht bei den Soldaten Ende 2021 eingeführt?

    Hoffmann: Die Situation der militärischen Auftragserfüllung führt dazu, dass wir bei Soldaten, was das soziale Miteinander angeht, eine ganz besondere Situation haben. Wir haben nämlich ein sehr enges Miteinander, was die Soldaten angeht, was sowohl Einheiten als auch entsprechende Verwendungen und Einsatzräume angeht und hier ein sehr intensiver Kontakt der Menschen untereinander. Und gerade das Abstandhalten ist im Einzelfall in der Bundeswehr nur begrenzt möglich. (…) Und deswegen ist das seinerzeit durch den damaligen Inspekteur so entschieden worden.

    Baum: Kann es sein, dass Sie nach erneuter Abwägung – Sie haben ja die Zahlen gehört, wie viele Soldaten erkrankt sind – nach erneuter Abwägung des Schaden-Nutzen-Risikos deshalb dann die Duldungspflicht aufgehoben haben, weil Sie festgestellt haben, dass eben der Schaden größer war als der Nutzen?

    Hoffmann: Wir haben vor allem betrachtet, wie der Schaden zum Zeitpunkt der Aufhebung der Duldungspflicht war und haben festgestellt, dass insgesamt die Zahl der schweren Verläufe deutlich zurück gegangen war und wir deswegen hier, was die Schadensbilanz anging, klar gesagt haben, sehen wir keine Notwendigkeit mehr einer Duldungspflicht.

    (…)

    Stefan Kluge, Professor und Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, der für die CDU/CSU-Fraktion in der Runde sitzt (Minute 2:46:30): Ich habe noch mal eine Frage an die Kollegen der Bundeswehr. Während der Pandemie, die ja doch eine Krise war, mussten Patienten nicht nur in Deutschland verlegt werden über das Kleeblattkonzept, sondern auch in Europa. Wir haben ja in Deutschland über die Bundeswehr Patienten aus Frankreich, Italien bekommen, und natürlich gab’s während der Pandemie immer regionale Schwerpunkte des Infektionsgeschehens aufgrund der dynamischen Entwicklung und natürlich auch der Gegenmaßnahmen. (…) Meine konkrete Frage ist: Ich erinnere mich sehr gut an französische Patienten, die auch nach Hamburg gebracht wurden, aber was wir gelernt haben für Deutschland ist dieses Kleeblattkonzept. Können Sie dazu noch einmal kurz etwas sagen: Was ist das eigentlich? Ich glaube, viele haben es immer noch nicht verstanden. Während der Pandemie hat man ja auch innerdeutsch Patienten verlegen müssen, und man hat Deutschland in fünf Gruppen, fünf Kleeblätter eingeteilt, um das etwas zu ermöglichen. Und das Konzept wird ja jetzt – und wir wollen hier ja immer auch für die Zukunft lernen – von Ukraineverwundeten, Schwerstverwundeten genutzt. Können Sie zu diesem Konzept und den Folgen jetzt und die zukünftigen Nutzungsmöglichkeiten noch mal etwas sagen bitte?

    Hoffmann: Das Kleeblattkonzept wurde seinerzeit ins Leben gerufen, um tatsächlich hier punktuelle Überlastungen des Gesundheitssystems entsprechend dadurch abzufedern, dass Patienten in Regionen verlegt wurden, wo tatsächlich Behandlungskapazitäten frei waren und entsprechend verfügbar waren. Dazu hat man ein gemeinsames Melde- und Lagezentrum im BBK eingerichtet, also im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, und hat hier tatsächlich Anfragen stellen können: Ich habe gerade eine punktuelle Überlastung, ich würde gerne einen Patienten verlegen. Und dann wurde nachgeschaut, in welchem der fünf Kleeblätter befand sich eine entsprechende Behandlungskapazität, um diese Patienten zu übernehmen. (…) Dann ist das gemeinsame Melde- und Lagezentrum an die entsprechenden Landesleitstellen herangegangen und an die Koordinatoren der Länder für das Kleeblatt und hat mit denen abgesprochen, ob eine entsprechende Übernahme des Patienten möglich war und dann wurde der Transport des Patienten in diesem Bereich organisiert. (…) Dieses Kleeblattprinzip hat sich bewährt und deswegen hat man dann auch entschieden, mit Hilfe dieses Kleeblattes über die Verteilung von ukrainischen Patienten nachzudenken. (…) Die Problematik ist ein bisschen die Gesamtsumme der Patienten, die man auf diese Art und Weise tatsächlich verlegen kann. Wir haben daran angelehnt jetzt ein System aufgebaut, mit dem man dann größere Mengen der Patienten tatsächlich verteilen kann.“

    Kommentar: Ein Konzept zur Versorgung von Coronapatienten wird nun genutzt für verwundete ukrainische Soldaten. Unter Corona wurde es eingeübt, obwohl es nicht notwendig war. Motto: Aus Corona lernen für den Krieg. Frage zum Schluss: Wurden Patienten auch verlegt, nicht weil es medizinisch nötig war, sondern aus Gründen der Übung und der Inszenierung?

    Thomas Moser

    Thomas Moser ist freier Journalist und Autor, der unter anderem für das Online-Magazin Overton und ARD-Anstalten arbeitet. Er tritt für eine Erneuerung und Demokratisierung der Öffentlich-Rechtlichen Medien ein. Der Politologe beschäftigte sich mit dem NSU-Komplex und veröffentlichte hierzu mehrere Bücher (u.a. „Ende der Aufklärung. Die offene Wunde NSU“). Er berichtete über die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz und schrieb dazu das Buch „Der Amri-Komplex“.

  • Ist Hannah Arendt für aufklärende politische Bildung unverzichtbar ?
    https://overton-magazin.de/top-story/ist-hannah-arendt-fuer-aufklaerende-politische-bildung-unverzichtbar

    Hannah Arendt, 1933. Bild : public domain

    Horreur ! Je découvre que Hannah Arendt n"a pas seulement eu une affaire avec le seul philosophe nazi qui mérite cette appellation mais que sa thèse est le résultat du pouvoir que Heidegger avait sur Jaspers, puis on me rappelle que c’est elle la responsable pour l’infâme identification du communisme avec le fascisme sous la définition de totalitarisme, puis qu’elle a été une lobbyiste qui a facilité la collaboration des vieux nazis avec les sionistes.

    Ouf, c’est dur de perdre cette idole quand tu vis dans un monde où tout est centré sur la « Aufarbeitung » du passé nazi-allemand, où on te dit que tes grand parents ont peut-être été des nazis et qu’il te faut l’absolution des méfaits de tes ancêtres.

    Bref, tout ce qu’on te raconte á l’école allemande sur l’histoire récente est construit suivant la méthode « mit der Wahrheit lügen » . À quinze ans on te montre Nuit et brouillard mais on ne t’explique pas la machine économique de l’horreur . On te cache l’essentiel afin de créer avec les informations incomplètes une conscience erronnée en toi qui te culpabilise alors qu’il te faudrait identifier les responsables derrière le pouvoir nazi et leurs héritiers afin de pouvoir les combattre.

    C’est eux, les riches héritiers nazis et leurs semblables, leur fortune et leur pouvoir qui profitent de l’idéologie fabriquée par les Arendt et d’autres nouveaux philosophes.

    Vu la place dominante de l’Allemagne capitaliste au sein de l’Europe on y trouve partout des morçeaux de la philosophie fallacieuse et implicitement (même explicitement quand on la regarde de près ) anticommuniste.

    Aujourd’hui à Berlin on ne peut plus traverser la Hardenbergstraße et se rendre ainsi de la librairie Kiepert, source du savoir des étudiants de Berlin-Ouest, à la librairie Heinrich Heine qui vendait tous les livres imprimés à Berlin-Est et en #RDA.

    Aujourd’hui Hannah Arendt fait partie du canon unique. On censure les idées et informations venues de l’Est. On sanctionne les personnes qui les publient. La critique de Hannah Arendt par quelques érudits ne remplace pas le poids des discussions fondées sur l’effort collectif de construire une société socialiste.

    La pensée unique d’aujourd’hui n’est plus celle du parti de la Stasi . Elle est le produit de l’auto-censure des journalistes et professeurs officiels ayant mérité leur CDI.

    11.5.2026 von Johannes Schillo - Hannah Arendt – eine der dümmsten Intellektuellen oder der bedeutendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ein Blick auf aktuelle Kontroversen.

    „Eine der einflussreichsten intellektuellen Stimmen der Nachkriegszeit“, so wird Hannah Arendt (1906-1975) auf der Website der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte gelobt, die der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), der etwas totalitär gestrickte, der Extremismusabwehr verpflichtete Staatsminister Wolfram Weimer, fördert. Aber auch sonst wird der Frau bescheinigt, dass man es in ihrem Fall mit der „klügsten“ oder „bedeutendsten“ Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zu tun hat, so etwa in der neuen Biographie von Willi Winkler.

    Ein Kirchenvater weist den Weg

    Auf der Website IVA, wo die intellektuellen Leistungen Arendts verschiedentlich Thema waren, fiel das Urteil dagegen anders aus. Die „dümmste Intellektuelle des 20. Jahrhunderts“ hieß es da im Update zur katholischen Kapitalismuskritik, wo daran erinnert wurde, wie Arendt beim Beginn ihrer akademischen Karriere dem Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) als philosophischer Größe gehuldigt hat. Bei diesem Frömmler, der nach wilder Jugend zur Askese fand und das Ende der Welt kaum erwarten konnte, werde irgendwie der Grundstein für die moderne Existenzphilosophie gelegt, wie Arendts Mentor, der Nazi-Philosoph Martin Heidegger, in einer bahnbrechenden Vorlesung vom Sommersemester 1921 entdeckte und seine Lieblingsstudentin ihm nachbetete.

    Augustinus, so Heidegger, habe „das Phänomen der Zeitlichkeit des menschlichen Lebens gesehen“ (Flasch 2020, 267), sei aber noch auf dem neuplatonischen Niveau stehen geblieben statt bis zum seinsphilosophischen des 20. Jahrhunderts fortzuschreiten. Gar nicht der Rede wert ist dabei das Gedankengebäude, das dieser Kirchenvater errichtet hat: eine brutale Gnadenlehre, die von einer Vorherbestimmung des Menschen ausgeht. Da der menschliche Wille nichts bewirken kann, findet eine Erwählung einzelner Seelen zum ewigen Leben oder zu ewiger Verdammnis statt, wo die besagte Zeitlichkeit ihr Ziel hat. Jesus gilt dabei als die Antithese zur „Synagoge des Satans“, in der sich die Juden versammeln und ihren weltlichen Gelüsten, der Anhäufung von Reichtum, nachgehen.

    Das irdische Jammertal ist aber nicht zu überwinden, sondern bleibende Herausforderung an die christliche Nächstenliebe, wie jüngst noch der amtierende Papst Leo in seinem ersten sozialen Rundschreiben „Dilexi Te“ (DT) festgestellt hat. Es wird erst beim Jüngsten Gericht seinen Schrecken verlieren, alle Notleidenden bzw. die nach Gottes Ratschluss Erwählten werden dann die volle, überzeitliche Entschädigung erhalten, wobei die jenseitige Glückseligkeit, die die Apokalypse des Johannes ausmalt, im Prinzip aus der Umkehrung der jetzigen Verhältnisse besteht.

    Diejenigen, die auf Erden unten sind, werden dann oben sein und neben dem höchsten Herrn sitzen. Diejenigen, die heute oben sind, werden ihnen zu Füßen liegen. Augustinus, auf dessen Liebesbegriff Leo XIV. sich ausdrücklich beruft (DT, Nr. 44ff), hat das in seiner Theologie ausgeführt. Demnach besteht die ewige Glückseligkeit gerade darin, die eigene Erhöhung und die Erniedrigung der anderen zu genießen. Der Mittelalter-Fachmann Kurt Flasch hat darin eine „Logik des Schreckens“ (so der Titel seines Essays) entdeckt. Man könnte fast sagen, von Augustinus bis zu Dantes Inferno wurden mit den christlichen Visionen des ewigen Höllenfeuers die modernen KZs vorweggenommen.

    Flasch schreibt (1990, 91f) über diejenigen, die der Verdammnis verfallen: „Ihre öffentliche Exekution, also ihre ewige Hinrichtung im Höllenfeuer, sollen alle sehen, und die Erwählten sollen daraus Nutzen ziehen, daß er [= Gott] die Unbegnadeten nicht wie in einem leidenschaftlichen Racheakt vernichtet, sondern daß er sie – fein abgestuft, nach einem durchdachten Plan, eben ordnungsgemäß – verheizt. Wem dies Wort mißfällt, hadere mit Augustin; er hat die physische wie die übertragene Bedeutung dieses Wortes ausdrücklich beansprucht.“ Darum lautet das Fazit des Fachmanns: „Von eigentümlicher Fremdartigkeit bleibt Augustins Konzept der Liebe.“

    Und das ist das Konzept, das von Hannah Arendt in ihrer unsäglichen Dissertation über den augustinischen „Liebesbegriff“ als wichtiger Beitrag zum Erkenntnisfortschritt idealisiert und zugleich als unvollständige, noch auszubauende Position relativiert wurde. Augustin eignet sich ja überhaupt als Berufungsinstanz für dubiose Anliegen. So wurde er zuletzt noch mit seinem „Ordo-Amoris“-Konzept – der fein abgestuften Nächstenliebe vom Nahbereich bis zu den weniger liebenswürdigen Fremden – von US-Vize J.D. Vance für die fremdenfeindliche Linie der USA und die Gewalttätigkeit der ICE-Trupps in Anspruch genommen. Was allerdings vom Vatikan, noch vor dem Streit mit Trump, zurückgewiesen wurde. Wenn Fachleute der katholischen Militärseelsorge heute auf Augustinus wegen seiner Lehre vom gerechten Krieg zurückgreifen, haben sie dagegen den Segen ihrer Nationalkirche.

    Für Heidegger, gegen Linke

    Eine wichtige Rolle hat Arendt bei der Etablierung des Konstrukts „linker Antisemitismus“ gespielt, das in der letzten Zeit schon mehrfach auf den Prüfstand gestellt worden ist, so von Gerhard Hanloser oder in einer neueren Übersicht zu den Zensurleistungen der deutschen Öffentlichkeit. Das Konstrukt hat auch, siehe die IVA-Reihe „Marx is back“, seine Tradition im akademischen Antikommunismus und greift zudem gerne auf den angeblichen Selbsthass des „Juden Marx“ zurück.

    Bei der Erfindung und Durchsetzung dieses „Kampfbegriffs“ (Hanloser) hat sich die politische Theoretikerin Arendt große Verdienste erworben, speziell bei der antikommunistischen Formierung des Frontstaates BRD, der Antifaschismus durch Feindbildpflege in Richtung des totalitären Ostblocks ersetzte. Arendt hat in der Nachkriegszeit eifrig an der Rehabilitierung ihres faschistischen Protektors Heidegger mitgewirkt und, statt die Aufklärung über Aufstieg und Triebkräfte der NS-Herrschaft zu stärken, den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus anhand formaler Kriterien gleichgesetzt. Damit schuf sie das Modell für das Feindbild von NATO und Co. im West-Ost-Gegensatz, wo der realsozialistische Gegner hinterm „Eisernen Vorhang“ als Inbegriff des Bösen dingfest gemacht wurde.

    Dass Arendt am Beginn ihrer Karriere auf Augustinus stieß, war übrigens das Ergebnis einer eher unappetitlichen Affäre: Der verheiratete und auf seine Karriere bedachte Philosoph Heidegger hatte Sex mit seiner Studentin, schob sie dann, um Aufsehen zu vermeiden, an die Universität Heidelberg ab, wo sein Spezi Karl Jaspers ihr Unterschlupf gewährte und ihre von Heidegger inspirierte Augustinus-Dissertation durchwinkte. Heraus kam eins der groteskesten Werke der modernen Philosophie. Es balanciert, deutsch-lateinisch radebrechend, an der Grenze zur Unlesbarkeit und will den für seine körperfeindliche Sexualethik bekannten Kirchenvater ausgerechnet mit seinem „Liebesbegriff“ als Impulsgeber fürs heutige Philosophieren retten.

    Arendt hat die Schrift später nicht mehr veröffentlicht – vielleicht war dieser peinliche Start ins akademische Leben auch der Grund dafür, dass sie sich nachträglich von der Berufsbezeichnung „Philosophin“ distanzierte (vgl. Gleichauf 2021, 41). Die Schriftstellerin Ingeborg Gleichauf hat der Beziehungskiste Heidegger – Arendt – Jaspers eine biographisch angelegte Studie gewidmet. Das entscheidende Kapitel des Buchs geht auf Heideggers Rolle als (zeitweise) führender Nazi-Philosoph ein.
    NS-Philosophie

    Heutzutage wird diese Rolle – genauso wie die spätere Legendenbildung der Heidegger-Schule – allgemein verurteilt. Seit Ende des 20. Jahrhunderts liegen ja auch zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt Heideggers „Schwarze Hefte“, vor, die die Mär vom „träumenden Knaben“ (Gleichauf 2021, 63), der aus lauter Weltfremdheit ins NS-Fahrwasser geriet, widerlegen. Wichtig war hier vor allem die große Studie von Emmnauel Faye „Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ (2009), die zuerst auf Französisch 2005 erschien und Unveröffentlichtes aus der Zeit von 1933 bis 1935 brachte.

    Solche Enthüllungen bedeuten aber für die philosophische Gemeinde nicht unbedingt eine Disqualifizierung. Selbst ein Wissenschaftler wie Micha Brumlik, der Heidegger als Apologeten einer seinsgebundenen Volksgemeinschaft einstuft, hält an der Seinsphilosophie als wichtigem philosophiegeschichtlichem Datum fest. Dabei wird Heidegger mittlerweile, seitdem Arendts Elogen verklungen sind, von Fachleuten ein „ontologischer“ oder „metaphysischer Antisemitismus“ attestiert. Dafür hätte man natürlich nicht 50 Jahre lang auf die Edition der hinterletzten Notizen und Tagebuchaufzeichnungen warten müssen. Die Marxistische Gruppe (MG) ist schon in ihrer legendären Hochschulagitation auf den Fall eingegangen und hat den Gehalt der Seinsphilosophie unvoreingenommen ins Visier genommen. Das Ergebnis war 1988 die Studie „Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist“, die Peter Decker 2020 in einer Neuausgabe vorgelegt hat.

    Diese Erkenntnis kommt in neueren Würdigungen durchaus zur Sprache. Damit wird auch ein bezeichnendes Licht auf den Umgang mit der NS-Zeit geworfen, der in der Adenauerära an der Tagesordnung war. Wie Gleichauf belegt, besteht der Skandal darin, dass die jüdische Emigrantin Arendt und der Hochschullehrer Jaspers, der mit einer Jüdin verheiratet war, nach 1945 entscheidend an dieser Legendenbildung mitwirkten – wider besseres Wissen. Sie hätten „sich aus einer Haltung der Treue heraus davor gedrückt, der Wahrheit einer Verstrickung Heideggers in das NS-System ins Auge zu blicken“ (Gleichauf 2021, 63).

    Das heißt, dass die beiden einem bekennenden Faschisten die Stange hielten. Sie verbreiteten die Unwahrheit – nicht in nebensächlichen Dingen, sondern zur Rechtfertigung eines Wegs, der immerhin zum „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des 20. Jahrhunderts führen sollte. Bei dieser angeblichen Treue muss man zudem berücksichtigen, dass Heidegger bis in persönliche Fragen hinein eine schäbige Rolle spielte: Wenn es um die jüdische Herkunft bei Kollegen und Weggefährten ging, war er ganz auf Parteilinie. So wird bei Gleichaufs Beschwörung einer Freundschaft, die in völliger kommunikativer Offenheit stattgefunden habe, im Prinzip etwas anderes deutlich: die politisch-weltanschauliche Verlogenheit, die diese Geistesgrößen des Nachkriegs im Umgang mit der Öffentlichkeit (und untereinander) pflegten.

    Dazu passen die Mitteilungen (Gleichauf 2021, 70ff), dass Jaspers Heideggers Opus Magnum „Sein und Zeit“ wahrscheinlich gar nicht gelesen hat, während der als Meister verehrte Seinsphilosoph die Schriften von Jaspers und Arendt ebenso ignorierte, möglicherweise nur die Schlussseiten durchblätterte – eine These, der Faye in seiner neuen Studie übrigens widerspricht; er sieht, auch in den antisemitisch exponierten Veröffentlichungen, eine regelrechte Komplizenschaft von Arendt und Heidegger am Werk (Faye 2024, 245ff).

    Doch auch ohne eine solche Kollaboration bieten die Einblicke, wie sie inzwischen möglich sind, einigen Aufschluss über die Misere der Vergangenheitsbewältigung in Westdeutschland. Während Adorno damals in seinen berühmten Stellungnahmen zu einer „Erziehung nach Auschwitz“ eindeutig Position bezog, wechselte Arendt schwülstige Briefe mit ihrem ehemaligen Liebhaber, hielt ihm eine unmögliche Laudatio und beschwerte sich parallel bei Jaspers, dass ihr an Adornos Schriften nichts „glaubwürdig“ erscheine, da sie darin nur ein „Durcheinander des Beliebigen“ entdecken könne (Gleichauf 2021, 35).

    Eine neue aufwändige Studie der Erziehungswissenschaftlerin Lena Köhler würdigt nun Arendt als Begründerin einer politischen Bildung, die die „Bedeutung von Natalität oder – wie Arendt ins Deutsche überträgt – von Gebürtlichkeit“ in den Mittelpunkt rückt (Köhler 2026, 7). Arendt zähle zu denjenigen Persönlichkeiten „der philosophischen Tradition, die, wie niemand sonst, die Gebürtlichkeit des Menschen und seine Fähigkeit neu anfangen zu können ins Zentrum ihres Denkens gestellt hat“ und sich damit von Heideggers Philosophie und der damit verbundenen Bestimmung des menschlichen Daseins als „Sein zum Tode“ abgesetzt habe: „Dass die Geburt und ihre Bedeutung für den Menschen verstärkt ins Zentrum des philosophischen Denkens rückt, ist besonders Hannah Arendt zu verdanken.“ (Ebd., 8)

    Eine erstaunliche Erkenntnis: Man muss erst geboren werden, um da zu sein und etwas unternehmen zu können. Aus dieser absoluten Banalität wird dann ein politisch-philosophischer Schwulst gestrickt, der Heideggers Geraune kongenial ist und der sich auch gar nicht groß von dessen Erkenntnisfortschritt unterscheidet, der Mensch müsse sich – endlich nach 2500 Jahren abendländischer Philosophiegeschichte wird das einmal klargestellt – seines Seins zum Tode bewusst werden. Arendt bringt die Ergänzung zu dieser tiefen Einsicht: Um sterben zu können, muss man erst einmal geboren sein. Sie ist also gewissermaßen Vollenderin oder Vollstreckerin der Heideggerschen Philosophie, die sie als Intellektuelle – als eine Kopfarbeiterin, der die Abfassung oder der Vortrag von Texten locker von der Hand geht – in außerphilosophische Kontexte übertragen hat, um dort dann als politische Theoretikerin Furore zu machen.

    Einfach Nachplappern will sie die Werke der großen Vorbilder nicht, sei es jetzt der hl. Augustin oder der Meisterdenker Heidegger. Auch bei Augustinus bestätigt Arendt nicht einfach die tiefen Gedanken, sondern stellt Defizite fest. Sie lässt die religiös begründete Weltfremdheit des Kirchenvaters nicht als letztes Wort gelten, wie die Philosophin Frauke Kurbacher, die Arendts Dissertation neu herausgegeben hat, hervorhebt, um dann aber gleich hinzuzufügen, dass hier weniger Kritik als Übereinstimmung festzustellen sei: „Der Gedanke des Sich-verantwortenden-Denkens, das Arendt bei Augustinus – freilich in Bezug auf Gott – exemplarisch vorgeprägt sieht und dem sie sich selbst, wenngleich unter anderen Rahmenbedingungen, verpflichtet weiß, impliziert letztlich immer ein Sich-vor-etwas-oder-jemand-anderen- und auch -vor-sich-selbst-Verantworten“ (Arendt 2028, XLVI; korrekt müsste es wohl heißen: „… oder-jemand-anderem-“).

    Politische Bildung muss sich also bewusst machen, dass Menschenkinder geboren (und nicht vom Storch gebracht) werden und dass sie dann in irgendeiner Form Verantwortung übernehmen müssen. Dieses „Muss“ ist wie bei Heidegger der Ausfluss von Seinsbestimmungen, denen sich angeblich keiner entziehen kann, da sie so abstrakt sind, dass sie auf alles und jeden passen. Salopp gesagt kann man daher Heideggers Erkenntnis in dem Spruch „Was sein muss, muss sein“ zusammenfassen. Jede Notwendigkeit, wie sie von maßgeblichen Instanzen vorstellig gemacht wird – seit Gaucks Präsidentschaft ist z.B. glasklar, dass wir Deutschen „mehr Verantwortung“ übernehmen müssen –, erhält so bei Bedarf ihre höhere Weihe.

    Die Geburt als wichtiges, bisher angeblich kaum in den Blick genommenes Thema ist laut der Arendt-Exegese von Köhler „nicht nur ein Ereignis, dass das Leben des einzelnen Menschen beginnen lässt, sondern auch ein Geschehen, das den Menschen an soziale Gefüge bindet.“ (Köhler 2026, 9). Wer hätte das gedacht, man hat sofort mit Vati, Mutti und der Geburtsstation im Krankenhaus zu tun. Und mit den folgenden Windelwechseln ist dann auch schon Erziehung „verwoben“, sie „ermöglicht es dem Menschen, sich aktiv in die Welt einzuschalten (zu handeln), aber auch sich zu bilden, indem das Handeln durch kritisches Denken reflektiert und das bisher Gelernte hinterfragt wird“ (ebd., 277). Hilfreich hier auch die Präzisierung der Erziehungswissenschaftlerin, dass Einschalten gleich Handeln ist – junge Menschen würden sonst nur ans Handy denken. Und mit der Anhäufung solcher Umständlichkeiten und Redundanzen ist es natürlich ein Leichtes, ein Buch mit 300 Seiten und 350 Literaturhinweisen zu füllen.

    Solche Banalitäten hat also eine Theoretikerin geliefert, die während der Nachkriegszeit in den Publikationen der Kritischen Theorie nur ein „Durcheinander des Beliebigen“ entdecken konnte! Mit antifaschistischer Aufklärung, die von Adorno und Co. nach 1945 als Herzstück einer zeitgemäßen politischen Bildung gefordert wurde, haben solche Ausführungen nichts zu tun. Es sind aber auch nicht einfach die trivialen Mitteilungen vom Zoon Politikon etc., die man seit Aristoteles kennt.

    Das Ganze gibt sich total modern als eine seinsphilosophische Reflexion, die erst die Grundlage fürs heutige Denken und Handeln schaffen soll – und das explizit in der Nachfolge Heidggers. Dem schrieb Arendt noch 1960, dass ihre Schrift „Vita activa“ ihm „in jeder Hinsicht so ziemlich alles“ schulde. Daher kommt Faye zu dem Schluss, dass Arendt systematisch an der „Zerstörung des Denkens“ gearbeitet hat: „Bereit dazu, jegliche Kritik zu neutralisieren, hat sie mit einem kultischen Hymnus einen Sockel errichtet, auf dem der ehemalige Nazi-Rektor, der Horst Wessel als Vorbild für die deutsche Jugend empfahl, zum König im Königreich des Denkens erhoben wurde.“ (Faye 2024, 451)
    Nachweise:

    Hannah Arendt, Der Liebesbegriff bei Augustin. (Erstausgabe 1929) Hg. von Frauke A. Kurbacher. Hamburg 2018.

    Peter Decker, Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist. (Erstausgabe 1988) 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, München 2020.

    Emmanuel Faye, Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. (Erstausgabe 2005) Berlin 2009.

    Emmanuel Faye, Martin Heidegger und Hannah Arendt – Zerstörung des Denkens. (Erstausgabe 2016) Würzburg 2024.

    Kurt Flasch, Augustin – Einführung in sein Denken. Ditzingen, 5. Aufl. 2020.

    Kurt Flasch (Hg.), Augustinus von Hippo, Logik des Schreckens – De diversis quaestionibus ad Simplicianum I 2. Mainz 1990.

    Ingeborg Gleichauf, Hannah Arendt und Karl Jaspers – Geschichte einer einzigartigen Freundschaft. Wien u.a. 2021.

    Lena Köhler, Politische Bildung der doppelten Geburt – Hannah Arendts pädagogische Figur der Natalität. Weinheim 2026.

    Johannes Schillo

    Johannes Schillo arbeitet als Autor, Journalist und Redakteur von Fachzeitschriften. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich in seinen Artikeln und Büchern mit aktuellen Fragen aus (Weiter-)Bildung und Kultur. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur“ (Klemm + Oelschläger, 2022) und (zusammen mit Norbert Wohlfahrt) „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“ (VSA, 2023).
    Mehr Beiträge von Johannes Schillo →

    #Allemagne #philosophie #nazis #anticommunisme #totalitarisme

  • Das Konzentrationslager Salaspils
    https://overton-magazin.de/top-story/das-konzentrationslager-salaspils

    Zeichnung des Konzentrationslagers Salatpils eines Lagergefangenen. Bild : public domain

    À propos du culte de criminels nazis dans les pays baltes.

    26.4.2026 von Michael Silnizki - Wider das Vergessen! Ein Menschheitsverbrechen: Kinderkonzentrationslager Salaspils (1941-1944).

    1. Eine unbequeme Geschichte

    Das NS-Konzentrationslager Salaspils bei Riga, das während des Zweiten Weltkriegs im von den Nazis besetzten Lettland errichtet wurde, war das größte im Baltikum. Es erstreckte sich über eine Fläche von dreißig Hektar. Im Lager waren Kriegsgefangene, Zivilisten und Kinder interniert. 1944 wurde es von sowjetischen Soldaten befreit.

    Eine außerordentliche staatliche Kommission sammelte dort anschließend Zeugenaussagen, Dokumente und Beweise für die Verbrechen der Nazis und ihrer Kollaborateure. 1967 wurde eine Gedenkstätte errichtet und in den Kulturkanon Lettlands aufgenommen. Nach 1991 erwies sich das Thema Salaspils als heikel, da es nicht in die Agenda der revisionistischen lettischen Geschichtsschreibung passte.

    Anfang der 2000er-Jahre wurden Ideen entwickelt, die Gedenkstätte in ein Denkmal für die Opfer der „zwei Besatzungen“ umzuwandeln. Im heutigen Lettland gibt es Bestrebungen, die Geschichte des Lagers Salaspils umzuschreiben, um die Verbrechen der Nazis in Vergessenheit geraten zu lassen. Salaspils‘ Vergangenheit sorgt bis heute bei lettischen Geschichtsrevisionisten für Unmut.

    Sowjetischen Quellen zufolge wurden im Konzentrationslager Salaspils über 100.000 Menschen, darunter ca. 12.000 Kinder, von denen mindestens 7.000 jüdische Kinder, inhaftiert und ermordet.

    Es war nicht nur ein Vernichtungslager, sondern auch eine Blutbank. Kinderblut! Die abgemagerten und ausgehungerten Kinder, manche unter fünf Jahren, wurden zynischerweise als lebende Blutbehälter oder als Versuchsobjekte für medizinische Experimente behandelt.

    In den meisten Fällen wurde den Kindern das gesamte Blut abgenommen. Im Laufe von mehr als drei Jahren (1941–1944) wurden insgesamt 3.500 Liter Kinderblut entnommen.

    Den jungen Gefangenen wurde Blut abgenommen, um die Vorräte deutscher Krankenhäuser aufzufüllen. „Wir lebten in einer Baracke; wir durften nicht nach draußen“, erinnerte sich Natalia Lemeshonok, eine ehemalige Gefangene von Salaspils. „Die kleine Anja weinte unaufhörlich und bettelte um Brot, aber ich hatte nichts, was ich ihr geben konnte. Ein paar Tage später wurden wir zusammen mit anderen Kindern ins Krankenhaus gebracht. Dort war ein deutscher Arzt und mitten im Raum stand ein Tisch mit verschiedenen Instrumenten. Der Arzt sagte, dass es keinen Sinn zu weinen hätte, da wir sowieso alle sterben würden, aber so wären wir wenigstens nützlich … Ein paar Tage später wurde uns erneut Blut abgenommen. Anja starb.“

    Ein forensischer Untersuchungsbericht vom 28. April 1945 über die Massengräber von Kindern im Konzentrationslager Salaspils ist erhalten geblieben. Dem Dokument zufolge wurden auf dem Gelände von Salaspils 54 Massengräber entdeckt. Darin fand man die Überreste von über 600 Menschen. Unter ihnen befanden sich 114 Säuglinge, 106 Kinder im Alter von ein bis drei Jahren und 208 Kinder im Alter von drei bis acht Jahren. Die übrigen jungen, unschuldigen Gefangenen verschwanden spurlos. Viele trauernde Mütter und Väter erfuhren nie, was mit ihren Kindern geschehen war und konnten deren Gräber nicht besuchen.1

    Während der Sowjetzeit kannten sehr viele Menschen diesen furchterregenden Ort. Heute ist das Konzentrationslager Salaspils ganz in Vergessenheit geraten. Mehr noch: Solche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges sind in Lettland und den anderen baltischen Republiken derart gleichgültig geworden, dass es am 20. April 2026 in den lettischen Medien über einen Vorfall mit der Überschrift „Ein Picknick im Konzentrationslager? Letten schockiert über ein Foto an der Gedenkstätte Salaspils“ berichtet wurde.

    Das Foto zeigt zwei Mädchen, die vor einer der Figuren der Gedenkstätte pietätlos aßen und tranken. „Wenn das stimmt“, was auf dem Foto zu sehen ist, „dann frage ich mich“, sagte eine empörte Lettin, „was in ihrem Kopf vorgeht und was in diesem Dorf vor sich geht, wenn Kinder zu einem Picknick an einen Ort mitgenommen werden, wo die Erde hinter den Toren ächzt“.

    Ja, was geht in den Köpfen der Jugendlichen vor? Die Frage ist an diejenigen zu stellen, die in den vergangenen fünfunddreißig Jahren seit der Wiederherstellung der staatlichen Souveränität dreier baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen ihren Geschichtsrevisionismus betrieben haben.

    2. Die Gegenwart

    In ihrer am 18. September 2020 veröffentlichten Studie „„Других героев у них нет“. Прославление нацистов в странах Балтии имеет глубокие корни“ (Sie haben keine anderen Helden. Die Verherrlichung der Nazis in den baltischen Staaten hat tiefe Wurzeln) schreibt Anastasia Filippova: „Die Ursprünge des baltischen Nationalismus müssen im vergangenen Jahrhundert gesucht werden, da die kurze Vorkriegszeit der Unabhängigkeit in diesen Ländern nicht als Blütezeit der Demokratie gelten kann. Die Geschichte wiederholt sich und die herrschenden Eliten setzen ihren rechtsgerichteten Kurs fort.“

    Der Prozess der Etablierung der baltischen Republiken als souveräne Staaten nach dem Untergang der Sowjetunion wurde durch eine Überwindung des sowjetischen Totalitarismus geprägt, an dessen Stelle statt liberaler Werte wie Menschenrechte und Rechtsstaat ein grassierender, bereits zu Sowjetzeiten vorhandener, aber unterdrückter Ethnonationalismus trat. Dieser richtete sich nicht nur gegen die im „befreiten“ Baltikum lebenden vielen Russen, die als „Besatzer“ wahrgenommen wurden, sondern auch gegen die überkommene sowjetische Geschichtsdeutung, die einer radikalen Revision unterzogen wurde.

    Die Wiedergewinnung der staatlichen Souveränität der Balten konnte offenbar auch auf keiner anderen Grundlage als auf der des Ethnonationalismus erfolgen, begleitet durch eine massive Diskriminierung und Entrechtung der russischstämmigen Bevölkerung, die in den EU-Hauptstädten weitgehend totgeschwiegen werden. Wenn es um die Russen geht, werden in der EU die Menschenrechte klein geschrieben.

    Die baltischen Republiken waren indes weder vor dem Beitritt zur UdSSR noch sind sie nach dem Austritt Hochburgen von Menschenrechten und Rechtsstaat geworden. Die kurze Phase ihrer Unabhängigkeit in der Zwischenkriegszeit war von der Dominanz des Ethnonationalismus und Autoritarismus geprägt. Was wir in den vergangenen fünfunddreißig Jahren seit dem Untergang der Sowjetunion im Baltikum erlebt haben, ist zudem eine sukzessive Rehabilitierung und Verherrlichung des Faschismus.

    Wie Bandera, Schuchewytsch und Co. zu Nationalhelden der Ukraine wurden, so werden die „Waldbrüder“ und ehem. Legionäre der Waffen-SS als Nationalhelden im Baltikum verehrt.

    Jedes Jahr findet am 16. März in Riga mit stillschweigender Duldung der Behörden ein Marsch lettischer SS-Legionäre statt. Es werden Bücher mit Memoiren von Kriegsverbrechern veröffentlicht, darunter die von Herberts Cukurs (1900-1965), einem Mitglied von Viktors Arajs‘ Sonderkommando, der zu den brutalsten Henkern des Rigaer Ghettos gehörte und an der Vernichtung der Juden beteiligt war.

    „Dies ist mein Mörder“, überschrieb Jürgen Hogrefe am 27. Juli 1997 seinen Spiegel-Artikel, als er ein „Protokoll der Jagd auf einen Nazi“ veröffentlichte. Darin schilderte er, wie „der Geheimdienst Mossad den berüchtigten „Henker von Riga“, Herbert Cukurs, aufspürte und tötete“2.

    Die „Waldbrüder“ gelten in Litauen mittlerweile als Nationalhelden, die angeblich zur Kollaboration mit dem NS-Regime gezwungen wurden, da dies ihre einzige Hoffnung auf Unabhängigkeit gewesen sein sollte.

    Bereits am 30. November 2023 beklagte sich der russische Außenminister, Sergej Lawrow, auf einer Sitzung des Außenministerrats der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) darüber, dass „wir uns seit Jahren nicht darauf einigen können, das Thema Neonazismus in die Tagesordnung aufzunehmen, obwohl wir in Europa, vor allem in der Ukraine und im Baltikum, einen Anstieg der Nazi-Ideologie und -Praktiken sowie anderer Formen rassistischer und religiöser Intoleranz, die Verherrlichung von Nazi-Kollaborateuren, die Zerstörung von Denkmälern für Befreier und die gesetzliche Verankerung dieser Verbrechen beobachten“.

    Dass Lawrows Be- und Anschuldigungen weder aus der Luft gegriffen noch ganz neu sind, zeigen selbst Berichte in den deutschen und anderen EU-europäischen Medien über „Nationalismus im Baltikum“. Unter der Überschrift „Marschieren für die Waffen-SS“ veröffentlichte Reinhard Wolff bereits am 17. März 2013 seinen Artikel in der taz.

    Dort war zu lesen: „Am Samstag fand im Zentrum der Hauptstadt Riga wieder der jährliche Marsch zum Gedenken an die Angehörigen der lettischen Waffen-SS-Division statt. Auf 3.000 schätzte die Polizei die Zahl der TeilnehmerInnen, an der Spitze marschierten Abgeordnete und Mitglieder der nationalistischen Regierungspartei Nationale Allianz.“

    Und die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete noch früher, schon am 31. Juli 2007, unter dem Titel „Baltikum: Die SS-Veteranen marschieren“:

    „SS-Veteranen und Ex-Soldaten anderer Einheiten des Hitlerregimes haben am Wochenende in Estland und Lettland eine Würdigung ihrer historischen Rolle verlangt. Die Veteranen der 20. estnischen SS-Division wollen gesetzlich fixiert haben, dass die „Esten, die in deutscher Uniform gekämpft haben, für die Demokratie gekämpft haben“. Hinter der Grenze finde sich noch immer ein „feindlicher Staat“, meinten sie am Samstag im ostestnischen Volost Vaivara. Verteidigungsminister Jaak Aawiksoo richtete eine Grußbotschaft an sie, in der er die Auffassung teilte, der Kampf estnischer Soldaten unter Adolf Hitler sei als zweiter Freiheitskampf – nach dem ersten 1918-1920 – zu sehen. Unter den bis zu 330 Versammelten befanden sich auch SS-Veteranen aus Österreich und Norwegen sowie Vertreter von Jugendverbänden. …

    Beim zeitgleichen Veteranentreffen in der lettischen Hauptstadt Riga sind erstmals die SS-Veteranen gemeinsam mit den lettischen Ex-Partisanen („Waldbrüder“) aufmarschiert. Schließlich sei die Sowjetunion der gemeinsame Feind beider Verbände gewesen, erklärte der Vizepräsident der „Gesellschaft lettischer Nationalkämpfer“, Leonid Rose. Im Lettland schickte gar der neue Präsident Waldis Zatlers eine Grußbotschaft.“

    Was tat aber die EU? „Die EU schaut weg: Im Baltikum werden SS-Veteranen als Helden gefeiert“, berichteten die Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN) am 21. März 2015. Und weiter ist dort zu lesen: „In den EU-Staaten im Baltikum findet ein neuer Kult um die Veteranen der Waffen-SS statt. Die rechtsextremen Umtriebe werden von der EU-Politik ebenso ignoriert wie die Aktivitäten der rechtsextremen Milizen in der Ukraine. Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center warnt vor einer gefährlichen Melange aus anti-russischen und antisemitischen Vorurteilen.“

    Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) berichtete schließlich am 20. Januar 2012 unter dem Titel „Balten feiern SS-Schergen als Helden – bald auch per Gesetz“ empört:

    „Die Regierung Estlands will ehemalige Nazi-Kollaborateure per Gesetz als Freiheitskämpfer ehren. Auch in Lettland marschieren Veteranen. In der EU hält sich der Protest gegen die Mitgliedsstaaten in Grenzen, nur Russland beklagt sich lautstark. Sie schworen einen Eid auf Adolf Hitler und tragen zum Teil heute noch stolz das Eiserne Kreuz. Im März will die Regierung Estlands ehemalige Angehörige der Waffen-SS per Gesetz als Freiheitskämpfer ehren. Auch in Lettland marschieren jedes Jahr am 16. März Veteranen der SS-Legion durch die Hauptstadt Riga. … Im Gegensatz zu Estland und Lettland gab es zwar in Litauen keine freiwillige SS-Division – jedoch Polizeibataillone, die Jagd auf Juden machten. Es finden auch keine traditionellen Nazi-Aufmärsche statt. Dennoch steht Litauen zusammen mit Estland, Lettland, Ukraine, Österreich und Kanada auf der Liste der Länder, die laut dem Simon-Wiesenthal-Zentrum nichts tun, um Nazi-Kol­laborateure zu entlarven.“

    Vor diesem geschichtsrevisionistischen Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn es eine Geschichtspolitik des Vergessens in den sog. baltischen „Demokratien“, in denen angeblich die Menschenrechte und der Rechtsstaat beachtet und geachtet werden, grassiert.

    Der vorgelegte bescheidene Beitrag sollte dazu dienen, die Erinnerung an die unbeschreiblich grausame Vernichtung der Unschuldsengel im Konzentrationslager Salaspils dem Vergessen zu entreißen. Denn „wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal“ (Elie Wiesel).

    Anmerkungen

    Zitiert nach einem Bildungsprojekt „Без срока давности“ (Keine Verjährung), 14. Oktober 2023.
    Hogrefe, J., „Dies ist mein Mörder“, Der Spiegel 31/1997, 27. Juli 1997.

    Michael Silnizki

    Michael Silnizki (20. Juni 1957) immigrierter 1976 nach Israel aus der Sowjetunion, wo ich 6 Jahre verbrachte. Im Januar 1982 wanderte ich nach Deutschland ein. An der Uni. zu Köln absolvierte ich geisteswissenschaftliche Studien (Philosophie, gr. Philologie, kath. Theologie). 1987 und in den 1990er-Jahren arbeitete für Forschungsinstitute: BIOst (Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien) und Max-Planck-Institut f. Europäische Rechtsgeschichte. Ab Anfang des Jahrhunderts bin ich sozusagen ein Privatgelehrter und habe mehrere Bücher und zuletzt ca. 250 Studien geschrieben, die auf meiner Webseite: www.ontopraxiologie.de zu finden sind.

  • Die Bundeswehr wird zur Massenarmee – mit allen Konsequenzen
    https://www.telepolis.de/article/Die-Bundeswehr-wird-zur-Massenarmee-mit-allen-Konsequenzen-11271196.html

    Le gouvernement allemand vient révéler une partie supplémentaire de ses projets militaires. L’information confirme les intentions du pouvoir : ils veulent la guerre.

    24.4.2026 von Luca Schäfer - Pistorius macht Ernst: Deutschland soll das stärkste Militär Europas bekommen. Die Bundeswehr wird zur Massenarmee. Was das für die Zivilgesellschaft bedeutet.

    Paukenschlag in Berlin: Als Verteidigungsminister Boris Pistorius am Dienstag gemeinsam mit Generalinspekteur Carsten Breuer vor die Presse trat, verkündete er die erste Militärstrategie der Bundeswehr überhaupt – und ließ die bisher groben Skizzen der Zeitenwende konkret werden.

    Seine Kernaussage ist eine Kampfansage: Die Bundeswehr soll zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ ausgebaut werden. Neben einem Grundsatzdokument wurde auch ein Fähigkeitsprofil vorgestellt, das erstmalig militärische Ziele bis ins Jahr 2039 definiert.

    Pistorius, laut Umfragen seit Monaten beliebtester Politiker Deutschlands, genießt auch international hohes Ansehen: Die französische Le Monde porträtiert den Niedersachsen als den Mann, der „Deutschland für den Krieg bereit macht“ und als Freund der Rüstungskonzerne. Doch sind seine Pläne wirklich neu, innovativ und rein defensiv?
    Alt-bekannt Unbekannt

    Pistorius’ zentrale Parole ist tradiert: Bereits im Mai 2025 gab Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner allerersten Regierungserklärung den Ton vor – die Bundeswehr solle zur „konventionell stärksten Armee Europas“ ausgebaut werden.

    Die politische Debatte stand zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre unter der Knute der Zeitenwende-Rhetorik, Multi-Milliarden-Militärkredite waren noch von der Ampel-Koalition durch den Bundestag gestimmt und militärische Belange später von der Schuldenbremse ausgenommen worden. Insofern konkretisiert Pistorius lediglich einen bekannten Pfad.

    Weite Teile bleiben zwar gesperrt, denn „potenzielle Gegner sollen natürlich nicht vorher wissen, wie die Bundeswehr auf konkrete Bedrohungssituationen reagiert“, so das Verteidigungsministerium. Pistorius selbst nannte süffisant einen weiteren Grund: Würde man die Dokumente vollständig veröffentlichen, könne man „Wladimir Putin auch in unseren E-Mail-Verteiler aufnehmen“.

    Die auf der Seite des Bundesministeriums der Verteidigung einsehbaren Grundsatzdokumente umfassen daher primär Auszüge der Militärstrategie, das Fähigkeitsprofil, die Reservestrategie sowie den Personalaufwuchsplan.
    Russland im Visier

    Ausgehend vom Ziel der stärksten konventionellen Armee Europas wird Russland klar als Hauptbedrohung definiert. Den Dokumenten liegt die Annahme zugrunde, dass Moskau einen großangelegten Offensivstoß Richtung EU-Europa vorsehe.

    Russland, so die zentrale Hypothese, bereite sich – vermittelt durch den Ukraine-Krieg – auf eine militärische Konfrontation mit den Nato-Staaten vor. Vorerst läge der russische Fokus noch auf gezielter Sabotage, Desinformationskampagnen und Cyberkrieg.

    Die deutsche Gegenmacht soll in einem Drei-Phasen-Modell erreicht werden: bis 2029 schnelle Einsatzfähigkeit, bis 2035 strukturierter Personalaufwuchs, bis 2039 technologische Dominanz.

    Der Übergang von einer auf Friedensmissionen und Krisenmanagement ausgerichteten Doktrin hin zu einer Strategie, die Krieg als realistische Option darstellt, ist damit vollzogen. Die Ziele lassen nur einen Schluss zu: Die deutsche Armee soll in großen Gefechten langfristig bestehen können, sie wird eine konventionelle Massenarmee.
    Kriegsvorbereitungen

    Die Dokumente belegen, wovor Friedenskräfte seit Jahren warnen: Deutschland geht von einer vermeintlichen Spezialarmee auf eine kriegsfähige Großmachtarmee über. Unter dem Paradigma einer angeblichen „Gesamtverteidigung“ verschwimmen die Grenzen zwischen Zivilem und Militärischem zusehends.

    Was aus dem Grünbuch ZMZ 4.0 zur zivil-militärischen Zusammenarbeit im Bereich der Gesundheit exemplarisch bekannt ist, wird nun auf alle gesellschaftlichen Bereiche übertragen: Resilienz, Industrieumbau, Infrastruktursicherheit und gesellschaftliche Einschränkungen als logische Konsequenz eines Staates im Kriegsmodus. Die Wirtschaft wie das Zivile werden Teil eines überdehnten Sicherheitsbegriffs.

    Unter der Annahme eines zunehmend „entgrenzten Krieges“ sollen Automatisierung, KI und Bürokratieabbau für den notwendigen technologischen Fortschrittsschub sorgen – dies sei eine zentrale Lehre aus dem Ukraine-Krieg. Im finanziellen Gießenkann-Prinzip und dem grassierenden Nepotismus bleibt der Erfolg fraglich.

    Ansprüche und Widersprüche

    Denn auch eine übergroße Mehrheit der Jugend sieht ihre Zukunft in keiner Kaserne – sie lehnt die Wehrpflicht ab. Ein kleinerer Teil organisiert sich bereits gegen die Wehrpflicht-Pläne.

    Auf Basis der aktuellen Aufwuchszahlen kann das freiwillige Modell kaum die Größenordnungen erbringen – Zwangsdienste drohen. Auch in der breiten Bevölkerung lehnen die Deutschen eine militärische Führungsrolle in Europa ab – mit großen geografischen Unterschieden: 75 Prozent der Ostdeutschen, jedoch nur 58 Prozent im Westen sagen Nein.

    Im Parlament zeigen sich die Linke sowie Teile einer wiedererwachten sozialdemokratischen Tendenz innerhalb der SPD mit ernsten Gewissensbissen. Die CDU kritisiert Pistorius als „Minister der Ankündigungen“, dem messbare Ziele fehlen. Die AfD, mit überproportionalem Soldatenanteil und tief verwurzeltem Militarismus, dürfte hingegen umschwenken. Das BSW könnte lokal-föderal Widerstand organisieren.
    Außenpolitische Sprengkraft

    Besorgniserregender noch als der Binnenwiderstand könnte die außenpolitische Sogwirkung sein: Das Sicherheitsdilemma einer allseitigen Aufrüstung – Moskau wird auf die Pläne reagieren – könnte einem Himmelfahrtskommando gleichen.

    Abschreckung als Lösung global-ordnungspolitischer Probleme ist eine gefährliche Chimäre. Streitbar ist, ob das vom Bmvg gezeichnete Bild einer Nato- oder EU-Einheit haltbar ist: Polen, das seinerseits bemüht ist, Berlin militärstrategisch den Rang abzulaufen, verspürt zwar Angst vor Russland, dürfte aber wenig Interesse an einer Unterordnung unter Berlin haben. Hier könnte Konflikt statt Kooperation – insbesondere durch die engen polnischen Beziehungen gen Washington im Vordergrund stehen.

    Im Élysée-Palast läuten Daueralarme: Die Force de frappe gilt als letztes Unterpfand gegenüber einem ökonomisch übermächtigen Berlin. Einzig die Selenskyj-Administration jubelt. Zünglein an der Waage könnte Washington sein: bislang bestand die Trump-Administration zwar auf Eigen-Verantwortungsübernahme, schob jedoch einem eskalativen Krieg mit Moskau einen Riegel vor.

    Das US-Kalkül ist simpel: Kosten nein, freie Bahn gen Peking ja – doch dazu braucht es im besten Falle ein Auskommen mit Moskau und eine Lockerung des sino-russischen Bündnisses.

    Ostland-Ritt 3.0?

    Die Militärstrategie fußt – indirekt – auf einer langen Liste deutsch-militaristischer Planungen: ob Schlieffen-Plan oder Unternehmen Barbarossa, auch im Kalten Krieg stand der Feind östlich. Heute wird Russland erneut als Hauptgegner adressiert. Die Strategie-Struktur lässt nur einen Schluss zu: Vorbereitung auf einen großen konventionellen Massenkrieg gen Osten.

    Die Dringlichkeit der Warnungen vor einem schon 2029 bevorstehenden russischen Angriff auf Europa erscheint begrenzt faktenbasiert. Pistorius und Breuer legten keinerlei Belege vor, verschwiegen bewusst, dass Russland den Nato-Staaten militärisch um ein Vielfaches unterlegen ist und sich seit Jahren im Stellungskrieg um die Ukraine festbeißt.

    Selbst innerrussische Stimmen warnen vor einem suizidalen Krieg mit Kern-Europa, auch ohne die USA wäre der EU-Nato-Rumpf-Staatenblock Moskau um ein Vielfaches überlegen – eine Ausdehnung des Krieges würde Putin politisch schwerlich überstehen können.

    Was, wenn wir gerade deutschen Angriffsplanungen gehüllt ins defensive Gewand beiwohnen? Aus Prävention kann in geopolitisch aufgeladenen Zeiten schnell Aggression werden, sobald die operativen Möglichkeiten dafür vorhanden sind.

    #Allemagne #bellicisme

  • „Wir haben genug von Big Tech“
    https://overton-magazin.de/top-story/wir-haben-genug-von-big-tech

    Diese Veranstaltung war der TUNIX Kongress der Bewegung gegen das Tech-Großkapital.

    16.4.2026 vin Peter Nowak - Am vergangenen Wochenende diskutierten in Berlin Gewerkschafter, Klimaaktivisten und Mietrebellen, wie man sich gegen die Macht von großen Techkonzernen wehren kann.

    Auf einen Tisch liegen Schachteln mit Medikamenten. An ihnen mussten alle vorbei, die am letzten Wochenende das Tagungshaus am Franz-Mehring-Platz hinter dem Berliner Ostbahnhof betraten. Es waren viele. Allein am Samstag waren es über 900 Menschen, die an der Cable of Residenz-Konferenz teilgenommen haben. Noch viel mehr wollten teilnehmen. Doch die Konferenz war schon seit Wochen restlos ausverkauft. Die Organisatoren hatten offenbar einen Nerv getroffen, als sie letztes Jahr mit den Vorbereitungen auf den Kongress gegen Big Tec begannen. Dabei stand weder eine Partei noch eine andere Großorganisation dahinter. Die Idee entstand am Küchentisch von linken Wohngemeinschaften, wie einige der Organisatoren der Taz verrieten.
    Eine Konferenz für Gewerkschafter, Umwelt- und Mietenaktivisten

    Dass es kein Kongress der linken Szene wurde, war schon am Manifest zu erkennen, das eine Art Grundsatzpapier für den Kongress darstellte. Dort sind Formulierungen zu lesen, die für viele Spektren der Bewegung gegen Big Tec anschlussfähig sind:

    „Wir haben genug von Big Tech! Wir wehren uns! Big-Tech-Unternehmen vertiefen bestehende Krisen und Ungerechtigkeiten: Sie tragen massiv zu Umweltzerstörung und Klimakrise bei, machen Arbeit und Wohnungsmärkte noch prekärer, vereinzeln und isolieren die Menschen, die ihre Dienste nutzen, sie verstärken globale Ungleichheit, befeuern Faschismus weltweit und erleichtern systematisches Morden in Kriegen und Konflikten.“

    Tatsächlich diskutierten auf der Konferenz drei Tage lang Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftler, Beschäftigte von Big Tec, wütende Mieterinnen und Mieter sowie Klimaaktivisten ohne Streit und Geschrei miteinander. Niemand musste zu Beruhigungs- und Kopfschmerztabletten greifen, wie vielleicht der anfangs erwähnte Medikamententisch im Eingangsbereich der Konferenz denken ließ. Dabei handelte es sich um ein Kunstobjekt, das aufzeigen sollte, wie stark Big-Tec auf alle Bereiche des Lebens Einfluss nimmt. Dazu gehört auch die digitale Medikamentenbestellung. Klassische Apotheken, die auch eine wichtige Beratungsfunktion haben, geraten deshalb in finanzielle Schwierigkeiten. Was hier am Beispiel der Medikamentenbestellung gezeigt wird, kann auf viele weitere Bereiche des täglichen Lebens ausgeweitet werden.

    Doch auf der Konferenz wurde nicht die romantische Vorstellung bedient, dass wir uns in Zeiten zurücksehnen, wo noch Restaurants oder Einzelhandelsläden bereitstellten, was heute durch Internetfirmen und Lieferdienste ins Haus kommt. Vielmehr kamen auf der Konferenz in den unterschiedlichen Foren und Panels die Menschen zu Wort, die in diesen neuen Firmen beschäftigt sind. Allen war klar, deren Lohnarbeit war schon früher schwer und schlecht bezahlt und ist sie heute immer noch oder noch mehr. Und es gibt viele, die sich dagegen wehren.
    Wenn Tik-Tok-Beschäftigte streiken

    Dazu gehört Sonthaya Etschenberg, die eine wichtige Rolle beim Streik der Content-Moderatoren im letzten Jahr gespielt hat. Sie wollten verhindern, dass ihre Arbeit durch Künstliche Intelligenz ersetzt wird. Obwohl der Streik nicht erfolgreich war, hat Etschenberg ihren Optimismus nicht verloren. „Arbeiterinnen und Arbeiter, die vorher völlig angepasst waren, wurden bald so wütend, dass sie am liebsten den Betrieb anzünden wollten“, brachte sie die Veränderungen auf den Punkt, die der Arbeitskampf bei ihren Kolleginnen und Kollegen bewirkte. Sie gab sich überzeugt, dass es in Zukunft noch häufiger solche Arbeitskämpfe in der Big-Tec-Branche geben wird.

    Die für diese Branche zuständige IG-Metall-Sekretärin Sabrina Lamers benannte auch die Probleme, mit denen renitente Beschäftigte konfrontiert sind. Ein besonders anschauliches Beispiel waren die Betriebsratswahlen in der Tesla-Fabrik bei Grünheide vor einigen Wochen. Das Management machte deutlich, dass es eine Mehrheit für die IG-Metall-Betriebsratsliste unter allen Umständen verhindern sollte. Deswegen wurde die IG-Metall bekämpft wie eine feindliche linke Organisation. Ein IG-Metall-Sekretär wurde mit der Polizei sogar aus dem Werk entfernt. Die Union-Busting-Aktionen hatten Erfolg. Die IG-Metall-Liste verlor an Stimmen, eine unternehmernahe Liste gewann. Jetzt wird das Ergebnis vom Arbeitsgericht überprüft.
    Union-Busting-Methoden von Musk und Co.

    Doch auffällig war, dass es wenig Proteste gegen die wochenlange Kampagne Union-Busting-Kampagne gegen die IG-Metall in Deutschland gab. Dabei wurde hier genau nach dem gewerkschaftsfeindlichen Drehbuch eines Elon Musk verfahren. Zudem ist es erst einige Monate her, dass es in verschiedenen Städten auch hierzulande Aktionen gegen Tesla-Filialen gab. Damals stand Musk noch in den Diensten von Trump. Nach einer als Hitlergruß interpretierten Armbewegung war vielen klar, dass Musik ein Nazi ist. Merkwürdig nur, dass die Union-Busting-Methoden, die weniger Interpretationskraft als eine Armbewegung bedürfen, auf viel weniger Empörung stoßen.

    Vielleicht sorgt die Konferenz dafür, dass sich das ändert. Schließlich fanden sich dort genügend Zeugnisse, die zeigen, dass es auch anders geht. So zeigte eine Fotoausstellung über die Waldbesetzung in Grünau gegen die Ausweitung des Tesla-Werks ein Transparent, auf dem sich die Besetzer mit den Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft solidarisierten. Als die Besetzung schließlich im Spätherbst 2024 polizeilich geräumt wurde, konnten einige von den Besetzern gerettete Gegenstände im IG-Metall-Häuschen in Grünau unterstellen. Auf der Konferenz gab es viele Möglichkeiten, zur Vernetzung unterschiedlicher Spektren. Noch am Samstagabend nach 22 Uhr saßen kleine Gruppen von Besuchern zusammen und bereiteten neue Aktionen vor. Dazu gehörten Studierende der TU-Berlin, die eine Veranstaltungsreihe auf ihren Campus planen.

    Siehe auch : https://seenthis.net/messages/1168559

  • Geoökonomische Umwälzungen
    https://overton-magazin.de/top-story/geooekonomische-umwaelzungen

    Straße von Hormus. Bild : Nasa, public domain

    L’Iran a gagné la guerre, les États Unis et leurs alliés ont perdu l’accès fiable et bon marché au gaz et pétrole d’Asie de l’Ouest. Le commerce entre l’Europe et la Chine a pris un coup et le dollar amèricain perdra encore en importance.

    Je comprends que les Trump/Netanyahou ont accéléré le déclin de l’empire états-unien au lieu d’améliorer la sécurité de l’état d’Israël. L’autre conclusion que je n’ai pas accepté avant la nouvelle situation est que l’opération armée du Hamas sur le terrain contre l’occupant sioniste a été transformée en victoire stratégique par la réaction génocidaire et la guerre contre l’Iran du gouvernement Netanyahou.

    La réaction des gouvernements allemands et français sera une catastrophe pour les citoyens ordinaires. Nous subirons encore des coupes budgétaires des services et allocations payés avec l’argent des impôts, nos enfants seront récrutés de force pour les guerres impérialiste des nantis et notre vie sera de plus en plus chère.

    Il est grand temps de lutter pour la fin des gouvernements à la solde des nantis et de l’impérialisme états-unien.

    9.4.2026 von Michael Silnizki

    Der Irankrieg und die Folgen.

    „Schon allein die Tatsache, dass Trump sich bereit erklärt hat, über den Zehn-Punkte-Plan zu sprechen, ist ein Erfolg für die Iraner…. Die Frage ist, ob Washington dem zustimmen wird: Schließlich beinhaltet er Entschädigung für die Schäden im Iran, die Fortführung des Atomprogramms und Teherans Kontrolle über die Straße von Hormus. Eine solche Zustimmung ist unvorstellbar! Es wäre eine Demütigung für Trump und käme einem tatsächlichen Sieg Irans gleich. Was dann? Wieder Kriegshandlungen?“ – Dmitrij Medwedew, 8. April 2026
    1. Der Iran als Weltmacht?

    „The War Is Turning Iran Into a Major World Power“ (Der Krieg macht Iran zu einer Weltmacht). Diese These stellte der US-Politikwissenschaftler, Robert Pape (geb. 1960), am 6. April 2026 in seinem gleichnamigen Artikel für die New York Times auf. Pape ist bekannt für seine Arbeiten zu Fragen der internationalen Sicherheit, insbesondere zu Luftkriegen und Selbstmordattentaten.

    In den letzten Jahren herrschte seiner Meinung nach in der Geopolitik die Ansicht vor, dass sich die Weltordnung auf drei Machtzentren zubewege: die USA, China und Russland. Diese Sichtweise ging davon aus, dass Macht primär auf der wirtschaftlichen Größe und militärischen Stärke beruhe.

    „Diese Annahme ist nicht mehr haltbar“, behauptet Pape und ist davon überzeugt, dass der Iran als ein viertes globales Machtzentrum entsteht, der allerdings weder wirtschaftlich noch militärisch mit den drei anderen Weltmächten konkurriert. Seine neu gewonnene Macht beruht vielmehr auf der Kontrolle über den wichtigsten Energieknotenpunkt der Weltwirtschaft die Straße von Hormus.

    Der amerikanisch-israelische Angriffskrieg gegen den Iran führte dazu, dass der Iran seit dem 28. Februar 2026 eine Blockade der Straße von Hormus errichtete. Etwa ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssigerdgasversorgung wird durch diese Straße transportiert. Kurzfristig gibt es keine wirklichen Alternativen zu dieser Lieferroute. Sollte die iranische Kontrolle über die Straße von Hormus über Monate und Jahre andauern, wird sie die globalisierte Weltwirtschaft drastisch zu Lasten der westlichen Volkswirtschaften verändern.

    Selbst nach der Kriegsbeendigung ist nicht mehr damit zu rechnen, dass der Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus aufgeben wird. Sie lässt sich auch ohne Abriegelung kontrollieren. Der Schiffsverkehr ist seit Kriegsbeginn um über 90 Prozent zurückgegangen, und zwar nicht, weil der Iran jedes Schiff versenkt hätte, das in die Straße einfuhr, sondern weil die Versicherer angesichts der glaubwürdigen Bedrohung durch einen Angriff ihre Kriegsrisikodeckung zurückgezogen bzw. neu berechnet haben.

    Ein Treffer auf ein Frachtschiff alle paar Tage reichte vollkommen aus, um das Risiko unannehmbar zu machen. Das Problem der von den Öllieferungen aus dem Persischen Golf stark abhängigen Weltwirtschaft ist, dass der Iran von nun an asymmetrisch agieren kann. Jede einzelne Öllieferung, die die Straße von Hormus passiert, kann unmöglich vor potenziellen Angriffen – Minen, Drohnen und Raketen – geschützt werden. Es erfordert eine ständige militärische Präsenz, die weder die USA noch sonst jemand gewährleisten kann. Der Iran muss hingegen nur gelegentlich einen Öltanker angreifen, um Zweifel an der Zuverlässigkeit der weltweiten Öllieferungen zu säen, und ohne die termingerechten Öllieferungen funktioniert heute keine moderne Volkswirtschaft.

    Der brutale Angriffskrieg gegen den Iran hat die energiepolitischen Bedingungen für den Welthandel derart dramatisch verändert, dass sie zur geoökonomischen Aufwertung des Irans als einem die Weltwirtschaft maßgeblich bestimmenden Machtfaktor geführt haben.
    2. Geoökonomie des Krieges

    Der Irankrieg, der die Anrainerstaaten des Persischen Golfs Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Katar, Bahrain, Oman und den Irak in Mitleidenschaft gezogen hat, hat die bereits längst in Gang gesetzten weltweiten geoökonomischen Machtverschiebungen erheblich beschleunigt.

    Irans asymmetrische Kriegsführungsstrategie war offenkundig von Anfang an darauf angelegt, den Krieg für die USA und die Weltwirtschaft unerträglich teuer zu machen, damit nach Erreichen einer kritischen Toleranzschwelle irreversible Zerstörungsprozesse im Weltfinanzsystem und auf dem weltweiten Energiemarkt einsetzen und die US-Kriegsführung untergraben.

    Die Sperrung der Straße von Hormus hat den Iran de facto zu einem bedeutenden Regulator des Öl- und Gashandels gemacht. Die Ironie der Geschichte ist, dass es infolge des Krieges Teheran und nicht Washington ist, dass die globalen Treibstoffpreise maßgeblich beeinflusst und bestimmt hat und welche Schiffe die Straße von Hormus passieren dürfen.

    Trump konnte das Problem nicht mit militärischer Gewalt lösen, was der ausschlaggebende Grund war, warum er sich zu einer Feuerpause gezwungen sah. Seine Weltuntergangsrhetorik war nur ein Ablenkungsmanöver. Er hatte zudem auch keine Zeit, um den Krieg siegreich zu beenden. 60 Tage nach dem Kriegsausbruch musste er die Zustimmung des Kongresses für die Weiterführung des Krieges einholen. Ohne diese Zustimmung kann er de jure den Krieg nicht weiterführen, was für ihn persönlich in dieser verfahrenen Lage nicht einmal die schlechteste Lösung wäre.

    Selbst wenn die Blockade jetzt beendet sein sollte, was noch nicht ganz klar ist, wird die Wiederherstellung der zum Teil zerstörten Kapazitäten lange dauern und die Energiepreise werden bis auf weiteres hoch bleiben.

    Sollte der Krieg nach der vereinbarten zweiwöchigen Feuerpause fortgesetzt werden, womit jederzeit zu rechnen ist, wird Europa in eine Energiekrise stürzen und die Lage auf den Energiemärkten wird weiter labil bleiben.

    Trumps Freigabe von 172 Millionen Barrel aus der US-amerikanischen strategischen Ölreserve hat den Preisanstieg zwar verlangsamt, aber nicht gestoppt. Auch die vorübergehende Aufhebung der Sanktionen gegen russisches und iranisches Öl hat die Lage nur leicht entspannt, den allgemeinen Trend aber nicht umkehren können: Die Hauptabnehmer von russischem und iranischem Öl sind Indien und China und nicht der „Westen“.

    Aufgrund des kalten Winters ist die unterirdische Gasspeicherkapazität in der EU mit rund 30 Prozent (Stand: 1. März 2026) auf einem Rekordtief. Europa ist dadurch besonders anfällig für Versorgungsengpässe. Steigende Energiepreise treffen vor allem die energieintensiven Branchen wie die Metallurgie und die Chemieindustrie, die Düngemittelproduktion und den Maschinenbau.

    Erst die Ankündigung der Feuerpause brachte die Energiepreise so richtig ins Rutschen, was freilich auch nur von kurzer Dauer sein könnte. Die antirussisch gestimmte EU-Führung scheint von diesen Marktturbulenzen nicht sonderlich beeindruckt zu sein, lässt sich nach wie vor allein von ideologischen Imperativen leiten, handelt getreu dem Motto „Nach uns die Sintflut“ und weigert sich beharrlich, russische Energielieferungen nach Europa zuzulassen.

    Ob Putin überhaupt bereit ist, seinerseits Lieferungen nach Europa zu erlauben, sei dahingestellt. Zuletzt hat er den Eindruck erweckt, alle Energielieferungen in die EU stoppen zu wollen. Wie auch immer, Russland befindet sich in einer beneidenswerten Lage, was nicht nur an hohen Öl- und Gaspreisen, sondern auch daran liegt, dass Europa womöglich nicht mehr in der Lage sein wird, Waffen in gleichem Umfang von den USA für die Ukraine zu kaufen, falls die USA angesichts des Irankrieges überhaupt noch freiverfügbare Waffenbestände haben.

    Die Trump-Administration ist wiederum nicht, wie die Eurokraten, ideologisch borniert. Darum reiste der US-Sonderbeauftragte John Cole in Anbetracht der Sperrung der Straße von Hormus nach Minsk und kündigte u. a. die Aufhebung der Sanktionen gegen Belaruskali und die Belarusian Potash Company an.

    Zudem wurden die Sanktionen gegen das Finanzministerium, die Entwicklungsbank und die Belinvestbank aufgehoben. Die USA handelten pragmatisch im eigenen Interesse, weil sie schlicht und einfach Kali für ihre Landwirtschaft benötigten, und dieses ist bekanntermaßen nur auf einem sehr begrenzten Markt erhältlich: in Belarus, Russland oder Kanada.

    Die Kaliproduktion in Kanada ist jedoch aufgrund hoher Energiepreise teuer und die Beziehungen Washingtons zu Ottawa sind durch einen Handelskrieg angespannt. Daher sind Düngemittel aus Belarus für die US-Landwirte zumindest teilweise eine bessere Lösung.

    Lukaschenko erklärte auf Nachfrage von Journalisten zu den belarussisch-amerikanischen Verhandlungen: „Wir sind bereit zu verhandeln. Donald schlägt ein großes Abkommen vor, und wir werden uns treffen. Wir werden uns sogar zu Verhandlungen in seinem Haus in Florida treffen.“

    Solange die Straße von Hormus und die gesamte Küstenzone (bis zu 1700 km) vom Iran kontrolliert wird, wird er seinen Einfluss auf die Schifffahrt nutzen und die Energielieferungen steuern.

    Auch jenseits der Schifffahrt verfügt der Iran über beträchtliche Druckmittel, wie die Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Länder des Nahen Ostens (LNG- und Ölterminals, Produktionsanlagen, Ölraffinerien und LNG-Anlagen, Öllager, Öl- und Gaspipelines) zeigen. Die Dichte dieser Infrastruktur ist so hoch, sodass ein Angriff praktisch überall ein Treffer ist.

    Noch nie in der Geschichte gab es eine so gravierende Lücke in der Öl- und Gasversorgung, die unweigerlich die führenden Rohstoffimporteure aus Asien und Europa treffen und den Preisschock mit allen daraus resultierenden Konsequenzen auslösen.

    Die geoökonomische Machtverschiebung wird mit oder ohne Kriegshandlungen langfristige Folgen für die Produktions- und Verarbeitungskapazitäten der Länder des Nahen Ostens haben. Es ist zudem noch gar nicht klar, welcher Anteil der Produktion dauerhaft bzw. ohne einen neuen und längerfristigen Investitionszyklus verloren gehen wird. Die globalen Energieengpässe können so oder so nicht so schnell beseitigt werden.

    Selbst die USA werden davon nicht ungeschoren bleiben, auch wenn ihre Abhängigkeit von Rohstoffen aus dem Nahen Osten gering ist und sie in Bezug auf ihre Energiebilanz ein Nettoexporteur sind und von den Marktturbulenzen profitieren.

    Der Irankrieg schlug sich nieder im Rückgang der Börsenkapitalisierung (je länger der Konflikt, desto größer der Schaden); auf dem Anleihemarkt; auf dem Geldmarkt mit wahrscheinlichen Zinserhöhungen, was die Finanzierungskosten erhöht und die Stabilität eines hochverschuldeten Weltwirtschaftssystems verringert.

    Bei branchenübergreifenden Verbindungen erhöhte sich der makroökonomische Einfluss auf die Produktionsketten, was zu Druck auf den Arbeitsmarkt, die Löhne und die Preise führt.

    Sollte die Straße von Hormus nach der angekündigten Feuerpause wieder gesperrt sein, werden die strategischen Ölreserven vollständig erschöpft sein, die Energiekrise wird ihr volles Ausmaß erreichen und womöglich in eine zweite „Great Depression“ umschlagen. Eine drastische Nachfragekürzung könnte zur Schrumpfung der industriellen Produktion, unternehmerischen Aktivitäten und des Verbrauchs der privaten Haushalte sowie negative gesamtwirtschaftliche Folgen haben.

    Es wird immer deutlicher, dass Trump sich verkalkulierte, nicht viele Trümpfe in der Hand hielt und deswegen gezwungen war, seinen Angriffskrieg mangels Alternative zu stoppen. Vieles wird nun davon abhängig sein, wie sich die iranische Führung während und nach der angekündigten Feuerpause verhält.

    Momentan sieht es so aus, als würde der Iran wie der brennende Vogel Simurgh aus der persischen Mythologie, der laut Legende etwa 1700 Jahre lebte, bevor er in Flammen aufging und sich selbst verbrannte, um aus der Asche ähnlich dem Phönix neu geboren zu werden, geoökonomisch gestärkt aus diesem Krieg hervorgehen.

    3. Petro-Yuan statt Petrodollar?

    Um vom Sieg zu sprechen, musste Trump mindestens zwei Ziele erreicht haben: die Kontrolle über den Persischen Golf und ein Regime Change im Iran. Beide Ziele hat er mit Pauken und Trompeten verfehlt. Der Regimewechsel ist weit in die Ferne gerückt. Und was die Straße von Hormus angeht, so hat die zweiwöchige Feuerpause zwar eine freie Schifffahrt vereinbart; sie steht aber erstens nach wie vor unter Irans Kontrolle und ist zweitens gebührenpflichtig.

    The New York Times zitiert in ihrem Leitartikel „Trump Finds Offramp After a Day of Apocalyptic Threats“ (Trump findet einen Ausweg nach einem Tag voller apokalyptischer Drohungen) vom 8. April 2026 den iranischen Außenminister, Abbas Araghchi, der klipp und klar sagt: „Der Schiffsverkehr werde zwar fortgesetzt, jedoch unter der Kontrolle der iranischen Streitkräfte, die bestimmen würden, wer wann passieren dürfe“.

    „Der Iran kontrolliert weiterhin die Straße von Hormus, was vor dem Krieg nicht der Fall war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die USA und die Welt eine Situation akzeptieren könnten, in der der Iran auf unbestimmte Zeit einen wichtigen Energieknotenpunkt kontrolliert. Das wäre ein wesentlich schlechteres Ergebnis als vor dem Krieg“, zitiert The New York Times einen entsetzten Analysten, Richard Fontaine (Geschäftsführer des Center for a New American Security).

    Nun ja, jetzt bleibt dem außenpolitischen US-Establishment wohl nichts anderes übrig, als „eine Situation“ zu akzeptieren, „in der der Iran auf unbestimmte Zeit einen wichtigen Energieknotenpunkt kontrolliert“, und es muss sich mit den vor unseren Augen stattfindenden geoökonomischen Machtverschiebungen abfinden. Und sollte die Kontrolle durch den Iran vertraglich dauerhaft gebührenpflichtig bleiben, wird es laut Schätzungen mancher Experten dem Iran Einnahmen von bis zu 64 Milliarden Dollar pro anno bringen.

    Die Fokussierung auf die Straße von Hormus ist indes irreführend und verzerrt die Realität, da der Iran die Fähigkeit besitzt, fast die gesamte 1700 km lange Küstenzone und insbesondere den Persischen Golf zu kontrollieren und notfalls die Energie-, Industrie- und Verkehrsinfrastruktur der Region zu zerstören.

    Die US-Kontrolle über die Straße von Hormus kann nicht mehr erlangt werden. Denn alle Häfen und Terminals im Persischen Golf können vom Iran ebenso, wie Tanker, die aus dem Persischen Golf auslaufen, angegriffen werden.

    Selbst wenn seine Raketenproduktion, sein militärisch-industrieller Komplex und seine industrielle Basis vollständig zerstört würden, könnte der Iran die Region leicht mit Drohnenangriffen von verteilten mobilen Startplätzen und Montageanlagen tief unter der Erde terrorisieren. Es wird immer deutlicher, dass der Iran einen strategischen Sieg errungen und Trump eine strategische Niederlage erlitten hat.

    Schlimmer noch: Die Trump-Administration läuft Gefahr die privilegierte monetäre Stellung des US-Dollars, die den USA halbwegs (noch) eine geoökonomische Vormacht ermöglicht, als Folge des Irankrieges zu verlieren.

    Ausgerechnet der Angriffskrieg gegen den Iran kann dem US-Dollar das Genick brechen. Die Sperrung der Straße von Hormus rüttelt ernsthaft am unverzichtbaren monetären Fundament der US-Hegemonie. Iran fordert zu alledem, dass künftig nur noch Tanker passieren dürfen, deren Öl in chinesischem Yuan bezahlt werden.

    China profitiert damit neben Russland von Trumps Iran-Feldzug. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der US-Dollar die Weltleitwährung schlechthin. Und nun droht ihm ein dramatischer Absturz vom Sockel der Unersetzbarkeit und Unverzichtbarkeit.

    Viele Investoren, insbesondere im Globalen Süden, preisen mittlerweile chinesische Vermögenswerte als sicheren Hafen für Kapital an. Indische Ölraffinerien haben laut Bloomberg aufgrund globaler politischer Spannungen und einer rücksichtslosen US-Außenhandelspolitik einen Kurs eingeschlagen, um ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern.

    Inder bezahlen ihr Öl zunehmend in Rupien, die sie anschließend in VAE-Dirham oder Yuan umtauschen. Das wäre vor dem Irankrieg unvorstellbar. Russland hat seinerseits infolge der westlichen Wirtschaftssanktionen längst auf die Bezahlung von Öllieferungen in Rubel oder chinesischen Yuan umgestellt.

    Selbst die südkoreanische Regierung informierte ihre Unternehmen Anfang April über die Möglichkeit, russisches Öl ohne Angst vor sekundären US-Sanktionen zu erwerben, und gab an, dass solche Transaktionen nicht nur in Dollar, sondern auch in Yuan, Rubel und Dirham abgewickelt werden können.

    Peking strebt seinerseits eine stärkere Rolle des Yuan im globalen Zahlungsverkehr mit dem Ziel an, ihn zur Weltreservewährung zu machen. Xi Jinping machte dies kurz vor dem Angriff auf den Iran deutlich. „China braucht eine starke Währung, die im internationalen Handel, bei Investitionen und auf den Devisenmärkten breit eingesetzt werden kann und die den Status einer Reservewährung erreichen kann“, schrieb er in einem Artikel für das Parteiorgan „Qiushi“ am 15. Februar 2026.

    Die durch den Irankrieg verursachten geoökonomischen Turbulenzen spielen Peking nur in die Hände. Die Zentralbanken in mehreren Ländern wurden gezwungen, ihre Abhängigkeit von Dollar-Anlagen zu überdenken. Laut IWF betrug der Anteil des Yuan an den globalen Währungsreserven im dritten Quartal 2025 1,93 % und lag damit an sechster Stelle aller Währungen. Der US-Dollar machte rund 57 % aus (gegenüber 71 % im Jahr 2000), der Euro rund 20 %. Anfang dieses Jahres war der Anteil des US-Dollars an den globalen Währungsreserven auf rund 40 % gefallen und hatte damit den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten erreicht.

    Der chinesische Ministerpräsident, Li Qiang, erklärte Ende März, dass Chinas jährliches BIP bis 2030 um mehr als 30 Billionen Yuan (4,35 Billionen US-Dollar) steigen dürfte, was „größere Möglichkeiten für eine Vertiefung des Handels und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen China und anderen Ländern eröffnen“ werde.

    Und der Gouverneur der Chinesischen Volksbank, Pan Gongsheng, betonte seinerseits, dass Chinas Geldpolitik die von Xi Jinping vorgeschlagenen globalen Governance-Initiativen berücksichtige, wonach Peking sich „aktiv an der Reform und Verbesserung des globalen Finanzmarktes beteiligen“ und die Koordinierung der internationalen Geld- und makroökonomischen Politik verstärken werde, um ein „multilaterales und effektives globales finanzielles Sicherheitsnetz“ zu schaffen.

    Auf dem Weg zu einer globalen Reservewährung steht dem Yuan allerdings in Wege die fehlende freie Konvertibilität, Kapitalverkehrskontrollen und die geringe Liquidität am Markt für Staatsanleihen. Freilich ermöglichen diese Beschränkungen es Peking, den Yuan-Wechselkurs und den Anleihenmarkt zu kontrollieren und gleichzeitig das Risiko eines starken Kapitalabflusses zu minimieren. China ist folglich noch nicht bereit, diese Kontrolle aufzugeben.

    Dieser chinesische Staatsdirigismus erschwert naturgemäß dem Yuan, potenziell und tendenziell eine Reservewährung zu werden. Der Irankrieg könnte indes die Vorherrschaft des Petrodollars eliminieren und der Bildung des Petro-Yuan Vorschub leisten.

    Alles in Allem stehen wir womöglich vor rasanten geoökonomischen und monetären Umwälzungen, die die Welt zuletzt so vor achtzig Jahren gesehen hat. Erneut scheint sich Heraklits Spruch zu bewahrheiten: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“.

    Michael Silnizki

    Michael Silnizki (20. Juni 1957) immigrierter 1976 nach Israel aus der Sowjetunion, wo ich 6 Jahre verbrachte. Im Januar 1982 wanderte ich nach Deutschland ein. An der Uni. zu Köln absolvierte ich geisteswissenschaftliche Studien (Philosophie, gr. Philologie, kath. Theologie). 1987 und in den 1990er-Jahren arbeitete für Forschungsinstitute: BIOst (Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien) und Max-Planck-Institut f. Europäische Rechtsgeschichte. Ab Anfang des Jahrhunderts bin ich sozusagen ein Privatgelehrter und habe mehrere Bücher und zuletzt ca. 250 Studien geschrieben, die auf meiner Webseite: www.ontopraxiologie.de zu finden sind.

    #USA #Israël #Iran #impérialisme #guerre

  • Ukraine: Preise im Mobilisierungsmarkt, um nicht eingezogen zu werden
    https://overton-magazin.de/top-story/ukraine-preise-im-mobilisierungsmarkt-um-nicht-eingezogen-zu-werden

    7.4.2026 von Florian Rötzer - In der Ukraine hat sich mit der Mobilisierung ein Korruptions- und Betrugsregime entwickelt, das die Nation zunehmend spaltet und auch nach dem Krieg für Verwerfungen sorgen wird. Seitdem den Streitkräften die Freiwilligen ausgegangen sind und die Lücken des Personals vor allem an der Front nicht mehr gefüllt werden konnten, wurde auf der einen Seite der Drohnenkrieg ziemlich erfolgreich ausgebaut und andererseits mit der Jagd auf die wehrpflichtigen Männer begonnen, die nicht kämpfen wollen, aber keine Möglichkeit haben, den Kriegsdienst zu verweigern. Dabei kommt es zu Gewalt und auch zu Toten auf Seiten der Mitarbeiter der Rekrutierungszentren (TCC) und der von ihnen Gejagten und Eingefangenen.

    Schon Ende 2024 wurde mit der anschwellenden Zahl der Deserteure und der sinkenden Bereitschaft der Männer, in den Krieg zu ziehen, die Korruption im Militär offenkundig: Ukrainischer Kommandeur: 90 Prozent der Mobilisierten an der Front kommen vom Land oder „Die eigentliche Katastrophe ist Shabuning – das mit Kommandeuren abgesprochene Umgehen des Militärdienstes“. Und dass sich ein Korruptionssystem unter den Angestellten in den Rekrutierungszentren und unter den Ärzten zur Musterung und den Häschern auf den Straßen in einem Oligarchen-Land, das seit langem tief in der Korruption festsitzt, entwickelt hat, ist auch lange bekannt (Organisierte Korruption bei den Rekrutierungszentren und der Jagd auf Wehrpflichtige). Mobilisiert werden auch Untaugliche. So wurde in einer Einheit festgestellt, dass dort 2000 Männer waren, die untauglich sind. Nur in den Unterstützungsländern des Westens wollte man davon nichts wissen, Hauptsache, die Ukraine stellte in der Arbeitsteilung Geld und Waffen gegen Menschen ausreichend Soldaten als Moribundi, um Russland zu binden oder zu schwächen. Und wenn die Männer nicht als Helden in den Krieg ziehen wollen, müssen sie im Namen der Freiheit dazu gezwungen werden, es sei denn, sie können sich freikaufen.

    Die Ukrainska Pravda (UP) hat in einer Recherche die Grundzüge des „großen Markt“ herausgearbeitet, „auf dem Zeit, Status, Dokumente und das Recht, nicht an einen Ort geschickt zu werden, an den der Staat einen zwangsweise schicken kann, verkauft werden“. Es geht um viel Geld, um die Gier aus Verzweifelten, die dem Tod geweiht sind, herauszuholen, was man kann, weil man es kann, um gegenseitige Deckung zum Zweck der Bereicherung und um Gewalt und Freiheitsberaubung. Faktisch stehen Strafen auf Bestechung, Betrug und Dokumentenfälschung, aber offensichtlich gibt es eine Kultur, die das zulässt, obgleich die nationale Einheit beschworen wird. Verfolgt und bestraft werden vor allem diejenigen, die mit Schleusern oder auf eigene Faust versuchen, aus dem Land zu entkommen. Aber es wird auch vereinzelt gegen Korruption bei den Behörden ermittelt, die mit der Mobilisierung zu tun haben. Es scheint aber kaum Verurteilungen zu geben.

    Die Gejagten in der Ukraine sind Männer über 25 Jahren. In dem Mobilisierungsmarkt geht es mindestens noch um zwei Millionen Männer, die sich dem Wehrdienst entziehen, sagt Verteidigungsminister Fedorov. Manche gehen davon aus, dass sich um die 2 Million Männer vor dem Zugriff versteckt haben, was natürlich in den Städten einfacher ist als auf dem Land. Verkauft werden medizinische Dokumente von den Angestellten der medizinisch-militärischen Kommissionen (VLK), die Untauglichkeit belegen sollen, Aufschub der Mobilisierung oder Befreiung von ihr aus verschiedenen Gründen, Löschung von der Fahndungsliste, Scheinbeschäftigung in kritischen Unternehmen, Ausreisegenehmigungen oder Freilassung aus dem TCC oder dem Fahrzeug, mit dem die Eingefangenen ins TCC verschleppt werden:

    „Das günstigste Angebot einiger Vertreter des CCC und zahlreicher „Vermittler“ beschränkt sich auf einen geringfügigen Eingriff in die Registrierung mit Streichung von der Fahndungsliste und Aktualisierung der Daten ‚ohne Konsequenzen‘. Die Verschiebung, Reservierung und der Abschluss des VLK mit Löschung aus dem Register sind teurer. Am teuersten ist ein Paket, das medizinische Dokumente, Kommissionsentscheidungen, Registeränderungen und die Möglichkeit einer Auslandsreise umfasst.“

    Die Informationen über die Preise stammen aus offiziellen Mitteilungen der Polizei, des Staatlichen Ermittlungsbüros, der Staatsanwaltschaft und dem Register der Gerichtsentscheidungen. Ein UP-Journalist hatte auch Angebote von einem „Vermittler“ bei Problemen mit den Behörden und bei Auslandsreisen eingeholt. Am billigsten ist es, sich von der Fahndungsliste des TCC streichen zu lassen. Das kann man für 300 bis 2000 US-Dollar erhalten. Mit bis zu 50.000 US-Dollar ist es am teuersten, sich ein gefälschtes Behindertenzertifikat zu besorgen, um die Ukraine verlassen zu können. Aber natürlich werden Angebote auch vorgetäuscht. Der „Kunde“ zahlt, aber erhält dafür nichts.

    Ein paar Preise: 3000 US-Dollar für die Löschung aus der Militärregistrierung aus gesundheitlichen Gründen; 6000 US-Dollar, um einen Besuch im TCC zu vermeiden; 6000 US-Dollar für eine fiktive Beschäftigung in einer kritischen Infrastruktureinrichtung, um eine Reservierung zu erhalten; 16.000 US-Dollar für Einflussnahme auf die Entscheidung der Militärmedizinischen Kommission und ein Paket von Dokumenten für die Abreise; 18.000 US-Dollar für eine fiktive Diagnose oder 25.000 US-Dollar für eine Registrierung wegen Untauglichkeit.

    Nur vorsichtig bewertet die UP die Folgen des Mobilisierungsmarktes, der letztlich über Tod und Leben entscheiden kann: „In einem solchen System wird das Prinzip der Gleichheit durch Zahlungsfähigkeit ersetzt: Die einen suchen einen Vermittler und eine Krypto-Wallet, die anderen bedienen. Je länger dieser Markt existiert, desto schwieriger wird es für den Staat, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Mobilisierung eine gemeinsame Pflicht ist und keine ungleiche Last, der sich die Wohlhabenden durch die Hintertür entziehen können.“

    #Ukraine #guerre #corruption

  • Ärgernis Bildung : Bildungsexpansion
    https://overton-magazin.de/top-story/aergernis-bildung-bildungsexpansion

    L’école et l’université modernes sont des machines de sélection comme leurs modèles historiques. Les réformes scolaires et universitaires n’y changeront rien.

    Kaum einer ist mit dem staatlichen Bildungswesen zufrieden, weil fast alle darauf angewiesen sind. Bei den vielen Forderungen, wofür es da sein sollte, bleibt meist außen vor, wofür es da ist. Dazu ein Durchgang in drei Teilen:
    Bildungsexpansion (I),

    politökonomische Anmerkungen (II) https://overton-magazin.de/hintergrund/wissenschaft/aergernis-bildung-politoekonomische-anmerkungen

    Lernkonkurrenz (III)
    https://overton-magazin.de/hintergrund/wissenschaft/aergernis-bildung-lernkonkurrenz

    Der Lehrer spricht :
    Georg Schuster (Pseudonym) verbrachte sein Berufsleben als Lehrkraft. Von 2013 bis Ende 2019 schrieb er für das GEW-Magazin „Auswege“. Nach dessen Einstellung war er bis Anfang 2023 Autor bei „Telepolis“. Seither schreibt er für „Overton“.

    #école #relations_de_classes #sélection #capitalisme #éducation #Allemagne

  • Die israelische Atombombe …ist eine deutsche Atombombe.
    https://overton-magazin.de/top-story/die-israelische-atombombe

    On le sait depuis des années mais c’est le mioent de vous rappeller que les nazis allemands se sont rachetés auprès des sionistes en.leur fournissant les brevets et fonds nécesssires pour la construction de l’arme nucléaire. Depuis on est toujours acceuilli chaleureusement en Israel. Finalement on s’entend très bien entre barbares ;-)

    2.4.2026 von Gaby Weber - Es war erfrischend, als Bundeskanzler Merz seinen Mut zusammennahm und zu dem US-israelischen Angriff auf den Iran verkündete: „Dies ist nicht unser Krieg.“ Er sollte noch einen zweiten Schritt gehen und endlich zugeben, wer Israel zu seiner Atombombe verholfen hat: Konrad Adenauer. Die Patente stammten aus der Nazi-Waffenschmiede und trugen die Unterschrift deutscher Atomwissenschaftler wie Werner Heisenberg, Karl-Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, Paul Harteck und Wilhelm Groth von der Universität Hamburg sowie Kurt Diebner vom Heereswaffenamt.

    Umgesetzt wurde dieses Know-how ab 1959 am israelischen Weizman-Institut in Rehovoth vom Kernphysiker Wolfgang Gentner und dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Otto Hahn. Beide waren bereits in Hitlers Uranverein mit von der Partie gewesen. Finanziert wurde das auf Anweisung des Bonner Bundeskanzlers mit der streng geheimen Operation „Geschäftsfreund“, weder das Parlament und nicht einmal das Kabinett waren eingeweiht. Und das Uran stammte aus Argentinien und wurde, mit Wissen der US-Regierung, über die Nukem nach Israel geliefert.

    Über die deutsche Hilfestellung beim Bau der israelischen Atombombe habe ich bereits 2018 einen 37-minütigen-Dokumentarfilm gemacht, Titel: „Geheime Kommandosache – Israels Atombombe aus dem Nazi-Schoß gekrochen“.

    Es gibt ihn auch in englisch und spanisch, Links auf meiner Homepage.

    Lange Zeit wurde meine Recherche einfach totgeschwiegen, erst in den letzten Tagen scheint das Thema wieder auf die Tagesordnung zu kommen. Immerhin berichtete Haaretz plötzlich über die deutsche Finanzierung.

    Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Regierung in Jerusalem laut darüber nachdenkt, Nuklearwaffen gegen den Iran einzusetzen. Allzugroß scheint der Widerstand gegen diese Pläne im Heiligen Land nicht zu sein. Und schließlich haben doch bisher alle die Augen beim (illegalen) Bau der Waffe zugedrückt, nicht nur die USA und Deutschland, auch die Sowjetunion und vor allem die Internationale Atomenergie-Behörde in Wien. Die sog. internationale Staatengemeinschaft stört sich nur an den persischen Uranreaktoren, nicht aber an der israelischen Atombewaffnung, die schon lange kein Geheimnis mehr ist. Leider stellt kaum jemand die naheliegende Frage: Ob in einer konfliktbeladenen Region wie dem Nahen Osten ein dauerhafter Frieden möglich sein wird, ohne dass diese Region zu einer komplett atomwaffenfreien Zone erklärt wird, also auch ohne die israelische A-Bombe. Und hier trifft die deutsche Politik eine besondere Verantwortung, denn die israelische Atombombe ist eine deutsche Atombombe.

    Der Film beruht auf Dokumenten aus verschiedenen Archiven, nicht auf irgendwelchen selbsternannten „Experten“. Ich habe jahrelang dazu recherchiert und Prozesse führen müssen, um an diese Dokumente heranzukommen, etwa gegen die Deutsche Bank, denn die Finanzierung wurde vom Nazi-Kriegsverbrecher Hermann-Josef Abs durchgeführt; seine Akten liegen leider nicht im Bundesarchiv, wo sie laut Gesetz hingehören, sondern im Historischen Institut der Deutschen Bank in Frankfurt. O-Ton Abs: „Bei dem Treffen des Herrn Bundeskanzlers mit Herrn Ben Gurion am 14. März 1960 in New York sei u. a. über eine deutsche Entwicklungshilfe an Israel gesprochen worden […] Der Herr Bundeskanzler habe eine Entwicklungshilfe auf kommerzieller Basis in Form eines Darlehen von jährlich 200 Millionen DM für zehn Jahre zugesagt. […] In diesem Sinne seien dann weitere Gespräche mit dem Herrn Bundeskanzler, Minister Erhard und Staatssekretär Globke [.…] geführt und […] mit einer Verabredung beendet worden, wonach ein erster Teil der diesjährigen Rate […] also insgesamt 85 Millionen DM im Juni/Juli dieses Jahres angewiesen werden sollte.“

    Adenauer hatte bereits in dem sog. „Wiedergutmachungsabkommen“ von 1952 zu verstehen gegeben, dass er bereit war, hohe Geldsummen an Israel zu zahlen, um das Thema der Judenvernichtung im Dritten Reich aus der öffentlichen Diskussion zu verdrängen. Und der Staatschef David Ben Gurion brauchte das Geld und lobte fortan seine neuen Bonner Freunde als eine „andere Generation“. „Die frühere Generation – das war Hitler. Das ist eine andere Generation“, erklärte er. Seine Worte landeten umgehend im Kanzleramt. Adenauer war zufrieden.

    Dass in seiner Regierung und in allen Ämtern die „alten Kameraden“ wie Hans Globke ihren Dienst verrichteten, erwähnte Ben Gurion nicht. „Es gibt heute nur noch wenige Nazis“, verkündete er seinen Landsleuten, “Israel muss sich heute die Freundschaft des neuen Deutschland erwerben.“ Und das schloss eine enge militärische Zusammenarbeit mit ein. In einem „streng geheimen“ Vermerk notierte Staatssekretär Karl Carstens: „Bundesminister Strauß ist vor wenigen Tagen mit Ben Gurion zusammengetroffen. Ben Gurion ist auf die Produktion atomarer Waffen zu sprechen gekommen. In dem Gespräch habe Ben Gurion erklärt, der Herr Bundeskanzler habe ihm versprochen, dass sich die Bundesrepublik an der Erschließung der Negev-Wüste beteiligen werde.“ Dort wurde gerade das Atomzentrum Dimona gebaut. Allerdings, so Carstens, solle die Beendigung des Eichmann-Prozesses abgewartet werden. Adenauer wollte sicherstellen, dass sich Ben Gurion an die Vereinbarung halten und seiner Regierung Nazi-Vorwürfe ersparen werde. Und der hielt sich an den Pakt.

    Bis heute hat das Bundeskanzleramt seine Akten zur Aktion „Geschäftsfreund“ nicht herausgegeben. Aber beim Auswärtigen Amt gibt es dazu eine geheime Akte, und diese gab der damalige Außenminister Guido Westerwelle auf meinen Antrag frei. Die Patente aus Hitlers Uranverein fand ich im Münchner Patentamt, auch sie waren lange Zeit geheim. Die Dekrete über die argentinischen Uranlieferungen werden im Nationalarchiv in Buenos Aires aufbewahrt, sie waren offen zugänglich. Das US-amerikanische Energieministerium DoE wusste von diesen Lieferungen, teilten Sie mir auf meine Anfrage mit und schickte die entsprechenden Dokumente mit. Eigentlich besteht also an der Faktenlage kein Zweifel, man hüllt sich bis heute in Schweigen.

    Der Einzige, der die israelische Atomanlage Dimona der internationalen Kontrolle unterwerfen wollte, war der US-Präsident John F. Kennedy. Er wurde, so ein Aktenvermerk aus dem Auswärtigen Amt, Ende September 1963 von den Deutschen über ihre „Ausrüstungshilfe für Israel“ persönlich und streng vertraulich informiert: „Präsident Kennedy (ist) auf einem absolut zuverlässigen Weg von den von uns getroffenen Maßnahmen unterrichtet worden.“ Wenige Wochen später wurde er ermordet. Und kein anderer US-Präsident störte sich fortan an der israelischen Atombombe. Auch nicht die Internationale Atomenergie-Behörde in Wien.

    Die Prozesse auf Akteneinsicht wurden mit Spenden finanziert, einige dieser Verfahren sind noch anhängig, etwa gegen den BND. So wird voraussichtlich am 4. Juni 2026 vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig in öffentlicher Verhandlung über meine Berufung auf weitere Geheimhaltung der BND-Akten verhandelt. Wer diesen und die anderen Verfahren auf Aktenfreigabe unterstützen will:

    Paypal: gaby.weber@gmx.net

    Oder Banküberweisung: IBAN DE43120300001207441294, bic BYLADEM1001

    Gaby Weber
    Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.

  • War der iranische Angriff mit Interkontinentalraketen auf den Stützpunkt Diego Garcia Desinformation?
    https://overton-magazin.de/top-story/war-der-iranische-angriff-mit-interkontinentalraketen-auf-den-stuetz

    Start einer iranischen Zuljanah-Trägerrakete für Satelliten (2021). Sie könnte eventuell auch als Mittelstreckenrakete eingesetzt werden. Bild: Fars/CC BY-SA-4.0

    Il n’y a aucune preuve pour l’existence de missiles intercontinentales iraniennes capables de frapoes à 4000 kilomètres. Les informations à ce sujet sont vraisemblablement de la propahande.

    29.3.2026 von Florian Rötzer - Man wird sich noch an die Nachricht erinnern, dass der Iran angeblich zwei Marschflugkörper Richtung des britisch-amerikanischen Stützpunkts Diego Garcia fliegen ließ. Eine sei im Meer abgestürzt, auf den zweiten sei eine von einem US-Kriegsschiffe eine SM-3-Abfangrakete abgefeuert worden. Hervorgehoben wurde, dass der Stützpunkt etwa 4000 km vom Iran entfernt ist.

    Unklar blieb, wo die erste Rakete abgestürzt sein soll und ob und wo die zweite abgeschossen wurde. Berichtet hatten zuerst das WSJ und CNN. Es hieß dann, der Angriff sei erfolglos geblieben. Auffällig war, dass der Angriff kurz vor der Entscheidung der britischen Regierung erfolgte, den amerikanischen Streitkräften aufgrund „kollektiver Selbstverteidigung“ zu eröffnen, britische Stützpunkte zu benutzen, um iranische Stellungen anzugreifen, die Schiffe in der Straße von Hormus bedrohen. Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums bestätigte den Angriff: „Die rücksichtslosen Angriffe des Iran, die sich über die gesamte Region erstrecken und die Straße von Hormus lahmlegen, stellen eine Bedrohung für britische Interessen und britische Verbündete dar. … Diese Regierung hat den USA die Erlaubnis erteilt, britische Stützpunkte für spezifische und begrenzte Verteidigungsoperationen zu nutzen.“

    Auch der britische Verteidigungsminister John Healey sagte noch am 23. März dem Parlament: „Ich kann dem Parlament bestätigen, dass in den frühen Morgenstunden des Freitags zwei iranische Raketen in Richtung Diego Garcia, unserem gemeinsamen Stützpunkt von Großbritannien und den USA, abgefeuert wurden. Eine verfehlte ihr Ziel, während die andere noch vor Erreichen ihres Ziels abgeschossen wurde. Keine der beiden kam Diego Garcia auch nur nahe.“ Wie nah oder fern sagte er nicht. In einem Interview mit Sky News wollte er nicht ausschließen, dass der Iran UK mit Raketen angreifen könne, erklärte jedoch, man gehe nicht davon aus, dass Teheran entsprechende Pläne habe. Das weist daraufhin, dass mit der iranischen Bedrohung gespielt wird, ohne etwas zu sagen, was sich nachprüfen ließe. Die meisten Medien übernehmen solche strategische Kommunikation oder Desinformation. Auch Wohnungsminister Steve Reed, der natürlich keine „operativen Einzelheiten“ mitteilen wollte, folgte der Sprachregelung und sagte der BBC: „Es gibt keine konkreten Hinweise darauf, dass die Iraner das Vereinigte Königreich ins Visier nehmen oder dies überhaupt könnten, selbst wenn sie es wollten.“

    Israel nutzte den angeblichen Angriff, um zu demonstrieren, dass der Iran auch Europa bedroht. Israels Militärchef Ejal Zamir einen Tag später: „Der Iran hat eine zweistufige Interkontinentalrakete mit einer Reichweite von 4000 Kilometern auf ein amerikanisches Ziel auf der Insel Diego Garcia abgefeuert. Diese Raketen waren nicht dazu bestimmt, Israel zu treffen. Ihre Reichweite reicht bis in die Hauptstädte Europas – Berlin, Paris und Rom liegen alle in direkter Reichweite.“

    Die Israelischen Streitkräfte (IDF) veröffentlichten auch gleich eine Karte, auf der die Reichweite der iranischen Raketen ausgewiesen war, um in einem begleitenden Text den Angriff auf den Iran als Schutz Europas zu legitimieren: „Im Rahmen der Operation „Rising Lion“ im Juni 2025 enthüllte die IDF, dass das iranische Regime die Absicht hat, Raketen mit einer Reichweite von 4000 km zu entwickeln, die eine Gefahr für Dutzende Länder in Europa, Asien und Afrika darstellen. Das iranische Regime bestritt dies. Wir haben es immer wieder gesagt: Das iranische Terrorregime stellt eine globale Bedrohung dar. Jetzt mit Raketen, die London, Paris oder Berlin erreichen können.“
    Bild: IDF

    Der Kontext und die nur abstrakte Behauptung der Raketenangriffe lässt es nicht unwahrscheinlich sein, dass es sich um Desinformation oder strategische Kommunikation durch Israel, die USA oder Großbritannien handelt. Alle könnten ein Interesse daran haben, den Krieg gegen den Iran nachträglich um die unmittelbare Bedrohung zu rechtfertigen, London, um Trump entgegenzukommen, indem Stützpunkt in der Region für amerikanische Flugzeuge geöffnet werden.

    Esmaeil Baqaei, Sprecher des iranischen Außenministeriums, den die IDF von der Kill-Liste angeblich entfernt hat, um Washington einen Ansprechpartner zu lassen, bezeichnete die Story als Desinformation. Er verwies dabei auf den Nato-Generalsekretär Rutte, der CBS am 22. März erklärte, er könne nicht bestätigen, dass Iran Diego Garcia mit Interkontinentalraketen angegriffen hat. Baqaei: „Dass selbst der NATO-Generalsekretär (der bekanntlich Druck auf die Bündnismitglieder ausübt, den USA entgegenzukommen und ihren illegalen Krieg gegen den #Iran zu unterstützen), sich weigert, Israels jüngste Desinformationskampagne zu unterstützen, spricht Bände: Die Welt hat diese abgedroschenen und diskreditierten „False-Flag“-Geschichten gründlich satt.“

    Nun ja, Rutte hatte den Angriff nicht bestätigt, aber unterstützt den Krieg, weil iranische Interkontinentalraketen bald möglich seien, die die Region und Europa bedrohen: „Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass sie kurz davor stehen, über diese Fähigkeit zu verfügen; ob dies im Fall des britischen Stützpunkts Diego Garcia zutrifft, prüfen wir noch. Sollte es jedoch zutreffen, bedeutet dies, dass sie diese Fähigkeit bereits besitzen. Sollte es nicht zutreffen, wissen wir, dass sie kurz davor stehen, diese Fähigkeit zu erlangen.“

    Seltsam ist, dass der Vorfall nach den ersten Wellen unkritischer Berichte schnell in den Hintergrund geriet. Es wurden keine weiteren Beweise und offizielle Verlautbarungen nachgeliefert, während der iranische Außenminister einen Tag brauchte, um ausgehend von Rutte die Story als falsch zu bezeichnen. Das iranische Medium Mehrnews bezog sich auf den WSJ-Artikel und schrieb: “Iran fired two intermediate-range ballistic missiles at ‘Diego Garcia’, a joint US-UK military base in the middle of the Indian Ocean, according to the US officials.” Um dann den Iran zu feiern: “that shows that the range of Iran’s missiles is beyond what the enemy previously imagined”. Andere staaliche Medien haben gar nicht darüber berichtet oder nur Baqaei wiedergegeben. Man kann davon ausgehen, dass Mehrnews Propaganda betreiben wollte.

    In einem Interview mit NBC Anfang März hatte Araghchi gesagt, der Iran habe die Reichweite seiner Raketen bewusst unter 1250 Meilen (2000 km) gehalten, „weil wir von niemandem auf der Welt als Bedrohung wahrgenommen werden wollen“. Das kann man glauben oder auch nicht, allerdings rühmt das iranische Regime ansonsten seine im Land entwickelten Waffen. Wenn zwei Interkontinentalraketen Richtung Diego Garcia zur Demonstration abgefeuert wurden, dann hätte man wohl die Reichweite propagiert.

    Der Verdacht, dass die Story von den beiden iranischen Interkontinentalraketen, die Diego Garcia und Europa erreichen könnten, eine von Israel, den USA oder Großbritannien erfunden sein könnte, resultiert aus der Vagheit der Behauptungen. David Vine schreibt für Foreign Policy in Focus (FPIF): „Die Rätsel um den angeblichen Raketenangriff auf Diego Garcia könnten geklärt werden, wenn die US-Regierung Beweise über die beteiligten Raketen, ihre Flugbahnen und damit ihre potenzielle Reichweite vorlegen würde. Solange keine Beweise seitens der Regierung oder aus unabhängiger Quelle vorliegen, sollten Beobachter es vermeiden, unbestätigte Behauptungen zu wiederholen und Schlussfolgerungen zu ziehen, die auf Aussagen von Regierungen beruhen, die ein Interesse daran haben, die militärische Bedrohung durch den Iran aufzubauschen.“

    #Irn #USA #Israël #propagande #guerre

  • Kontosperrung in Deutschland, weil ich als Russland-Korrespondent in einem „Hochrisikoland“ lebe
    https://overton-magazin.de/top-story/kontosperrung-in-deutschland-weil-ich-als-russland-korrespondent-in-

    Ulrich Heyden. Bild : eigenes Foto

    Il est désormais impossible de lire des nouvelles de Russie de souce indépendante et assez fiable. On prive de compte en banque les journalistes de langue allemande qui ne travaillent pas pour les médias proches de l’état et du militaire allemand.

    Ceci est la demande de soution d’Ulrich Heyden au président allemand.

    Sachant que ce type a laisse pourrir Murat Kurnaz à Guantanamo alors qu’il aurait pu le faire libérer ce texte n’a qu’une valeur symbolique. L’appel restera sans suite.

    Moskau, 13.3.26 von Ulrich Heyden - Sehr geehrter Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier,

    ich bin Russland-Korrespondent und schreibe ihnen, weil ich seit heute von einer Kontokündigung betroffen bin. Diese Maßnahme ist nicht nur geeignet, meine Existenz zu zerstören, sie widerspricht auch den Grundsätzen der Demokratie und der Pressefreiheit. Ich bitte Sie, sich dafür einzusetzen, dass die Kontokündigung rückgängig gemacht wird.

    Mein Konto bei der Hamburger Sparkasse habe ich seit Anfang der 1990er. Am Telefon erklärte mir gestern ein Mitarbeiter der Sparkasse, die Kündigung habe mit den EU-Sanktionen gegen Russland zu tun. Der Mitarbeiter der Sparkasse meinte, ich würde in einem „Hochrisiko-Land“ leben.

    Wenn ich in einem „Hochrisiko“-Land lebe, müsste die Bundesregierung und die EU-Kommission mich dann nicht unterstützen? Stattdessen wirft man mir Knüppel zwischen die Beine.

    In dem Kündigungsschreiben, das ich heute erhielt, ist nur die Rede von einer „Überprüfung“ aller unserer „Geschäftsverbindungen zu Kunden, die ihren Wohnsitz in Russland haben“. Konkrete Vorwürfe gegen mich werden nicht erhoben.

    Ich bin nicht der Erste, in Russland lebende deutsche Journalist, der von einer Kontokündigung betroffen ist. Vor mir wurde schon meinen Kollegen Thomas Röper und Alina Lipp die Konten gekündigt und damit die Existenzgrundlage entzogen.

    Dass man ausgerechnet uns drei für Kontokündigungen auswählt und nicht die Moskau-Korrespondenten der Zeit, der FAZ, des ZDF und der ARD liegt auf der Hand. Wir drei berichten über Russland mit Verständnis und nicht mit Schaum vor dem Mund. Doch Verständnis passt nicht zu der von der Bundesregierung geforderten Kriegsertüchtigung.

    Wie geht das an, Herr Steinmeier? Projekte russischer Oppositioneller und Journalisten, die in Deutschland leben, werden durch Förderprogramme des Auswärtigen Amtes unterstützt und ein deutscher Journalist, wie ich, der in Moskau lebt und seit 34 Jahren für deutsche Leser und Radiohörer, Informationen und Hintergrundberichte aus Russland, der Ukraine und Zentralasien und dem Kaukasus liefert, wird die Existenzgrundlage entzogen?

    Ich lebe ausschließlich von Einkünften deutscher, Schweizer und österreichischer Medien, die ich auf meinem Konto bei der Hamburger Sparkasse sammelte. In den letzten zwei Jahren ließ die Hamburger Sparkasse online-Überweisungen nach Moskau schon nicht mehr zu, mit der Begründung, sie sei eine „Regionalbank“.

    Ich werde in diesem Jahr 72 Jahre alt. Was soll ich meinem Großonkel, Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, sagen, wenn ich ihn im Himmel treffe? Er wurde im September 1944 in Berlin-Plötzensee als Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime mit einer Drahtschlinge ermordet. Ich trage meinen Vornamen zu seinen Ehren. Was wird mein Großonkel sagen? Er wird sagen, dass es Mord und Terror gegen Andersdenkende auch in der Nazizeit gab, und dass er sich nicht hätte vorstellen können, dass sich so etwas in Deutschland wiederholt.

    Zu meiner Person: Zehn Jahre lieferte ich als freier Mitarbeiter Radio-Features zu Russland-Themen für den Deutschlandfunk. 13 Jahre war ich Moskau-Korrespondent der Sächsischen Zeitung. 30 Jahre berichtete ich für die Wochenzeitung „der Freitag“. Außerdem schrieb ich für den Tagesspiegel, den Rheinischen Merkur, die Financial Times, die Märkische Allgemeine, die Thüringer Allgemeine und die Mittelbayerische Zeitung. Heute arbeite ich für die Nachdenkseiten und andere deutsche Internetportale. Ich bin Autor mehrerer Bücher zu den Themen Russland, Ukraine und deutsche Nachkriegsgeschichte. 2024 erschien von mir im Promedia-Verlag das Buch „Mein Weg nach Russland. Erinnerungen eines Reporters.“

    mit freundlichen Grüßen

    Ulrich Heyden

    Mail: heyden@list.ru

    Telefon: +7 916 165 25 50

    Ulrich Heyden

    Ulrich Heyden, Jahrgang 1954, ist in Hamburg geboren. Er ist Korrespondent und Autor, lebt seit 1992 in Russland und schreibt für deutschsprachige Medien, u.a. Nachdenkseiten, Overton-Magazin, Globalbridge, Manova. 2022 erschien von ihm im Verlag tredition »Der längste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass« und 2024 im Verlag Promedia «Mein Weg nach Russland. Erinnerungen eines Reporters».

    https://de.wikipedia.org/wiki/Murat_Kurnaz

    ... Schließlich flogen im September 2002 zwei Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) zusammen mit einem CIA-Mitarbeiter zum Verhör nach Guantánamo. Der Mitarbeiter des BfV war zuvor in Bremen auf das Verhör vorbereitet worden, darüber hinaus gab es Fragelisten von BKA und LKA.

    Nach Auffassung der deutschen vernehmenden Beamten war Kurnaz nie terroristisch tätig, sondern nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Da die US-Stellen diese Auffassung teilten, sollen die Vereinigten Staaten kurz darauf Kurnaz’ Rückkehr nach Deutschland angeboten haben. Die deutschen Behörden hätten jedoch eine Abschiebung in die Türkei, nicht aber nach Deutschland befürwortet. Daraufhin hätten die Vereinigten Staaten ihr Angebot zurückgezogen, obwohl der damalige Außenminister Joschka Fischer persönlich im US-Außenministerium für seine Freilassung intervenierte.[24] Laut Aussage des damaligen US-Sonderbotschafters und Guantánamo-Beauftragten Pierre-Richard Prosper war Kurnaz seit 2002 zur Freilassung vorgesehen, was der deutschen Bundesregierung auch bekannt war oder hätte sein müssen.

    Der damalige Innensenator Bremens, Thomas Röwekamp, kündigte 2004 an, dass Kurnaz nach seiner Freilassung nicht wieder nach Deutschland einreisen dürfe, da seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis wegen eines mehr als sechsmonatigen Auslandsaufenthalts erloschen sei. Kurnaz habe versäumt, die in solchen Fällen vorgeschriebene Verlängerung der Wiedereinreisefrist zu beantragen. Zu diesem Schluss kam ursprünglich ein Dossier des damals zuständigen Referatsleiters im Bundesinnenministerium Hans-Georg Maaßen, das Jahre später bei der politischen Aufarbeitung des Falles Kurnaz Hauptgegenstand des dafür eingerichteten Untersuchungsausschusses wurde.[25] Das Verwaltungsgericht Bremen entschied im November 2005, dass die Aufenthaltserlaubnis weiterhin gültig sei, da Kurnaz keine Gelegenheit hatte, rechtzeitig die sonst erforderliche Genehmigung für eine längere Abwesenheit ohne Verlust des Aufenthaltsrechtes einzuholen.
    ...
    Der CIA-Sonderausschuss des Europäischen Parlaments stellte in seinem Abschlussbericht vom Januar 2007 fest, die deutsche Bundesregierung habe 2002 ein Angebot der Vereinigten Staaten, Kurnaz freizulassen, ausgeschlagen.[28] Dies sei geschehen, obwohl die Nachrichtendienste beider Staaten von seiner Unschuld überzeugt waren. Mitverantwortung für die Entscheidung soll nach Presseberichten der damalige Chef des Bundeskanzleramtes und Beauftragte für die Nachrichtendienste Frank-Walter Steinmeier tragen.[29] Steinmeier bestritt diese Vorwürfe 2007: Es habe kein offizielles belastbares Angebot der Vereinigten Staaten gegeben und es bestehe kein Zusammenhang zwischen der Entscheidung, Kurnaz wegen Terrorismusverdachts nicht in die Bundesrepublik einreisen zu lassen, und seiner langen Haft in Guantánamo. Er sagte im Januar 2007: „Ich würde mich heute nicht anders entscheiden“ und „Man muss sich ja nur vorstellen, was geschehen würde, wenn es zu einem Anschlag gekommen wäre, und nachher stellte sich heraus: Wir hätten ihn verhindern können“.

    #Allemagne #journalisme #censure #debanking

  • Epstein-Files : Müssen Linke Noam Chomskys Bücher entsorgen ?
    https://overton-magazin.de/top-story/epstein-files-muessen-linke-noam-chomskys-buecher-entsorgen

    Chomsky und Epstein in dessen Privatflugzeug. Bild : House Oversight Democrats

    Les grands intellectuels ont toujours constitué des pierres précieuses pour les puissants qui échangent encore de nos jours protection et alimentation contre réputation et plaisir intellectuel. Le Tasse, Voltaire et Chomsky brillent dans les vitrines des puissants et leur garantissent l’éternité que la science médicale ne leur a toujours pas rendue accessible.

    Que les brillants esprits par contre au moment de la fin inévitable sombrent dans la folie ou jouissent de leur célébrité, peu importe. Nous leurs sommes reconnaissants de pouvoir monter sur leurs épaules d’où la vue sur le monde est dégagé des nuages aux étages inférieurs.

    28.2.2026 von Florian Rötzer - Der Linguist, linke Intellektuelle und Medien-, Kapitalismus- und Machtkritiker Noam Chomsky hatte, wie jetzt bekannt wurde, auch mit Jeffery Epstein engere Kontakte, obgleich dieser 2008 wegen Anstiftung zur Prostitution von Minderjährigen verurteilt worden war. Er ließ sich nicht nur von Epstein einladen, bekannt wurde das Foto, das ihn mit Epstein in dessen Privatflugzeug zeigt, sondern stand im Email-Austausch mit ihm und stellte sich hinter Epstein und gegen die „hysterischen Anschuldigungen“, die gegen diesen vorgebracht wurden.

    War auch der von vielen gefeierte Intellektuelle eine gespaltene Persönlichkeit, ein Dr. Jekyll and Mr. Hyde? Kann man niemanden mehr vertrauen? War Chomsky, das linke Idol von vielen, auch nur ein erbärmlicher Prominenter, der unbedingt in den Kreisen der Reichen und Mächtigen sein und von diesen anerkannt sein wollte, auch und gerade weil er vorgab, diese zu kritisieren?

    Chomsky – von Jacobin 2024 als „moralischer Gigant“ gefeiert – ist jetzt 96 Jahre und seit 2023 nach einem schweren Herzinfarkt kann er nicht mehr laufen und kommunizieren. Alles, was jetzt über ihn gesagt und geschrieben wird, geht über ihn hinweg, weil er dazu nichts mehr sagen kann. Seine Frau Valerie Wasserman entschuldigte sich auch für ihn und gibt dabei vor, von Epsteins Machenschaften nichts gewusst zu haben: „Es war für uns beide zutiefst beunruhigend zu erkennen, dass wir uns auf jemanden eingelassen hatten, der sich als hilfsbereiter Freund präsentierte, aber ein geheimes Leben voller krimineller, unmenschlicher und perverser Handlungen führte.“

    Das ist schon deshalb irritierend, weil Chomsky durchaus Kenntnis von den Anschuldigungen hatte und Epstein noch 2019 in einer Email riet: „Ich habe mit angesehen, wie schrecklich Sie in der Presse und in der Öffentlichkeit behandelt werden. Es tut mir weh, das zu sagen, aber ich glaube, das Beste ist, es zu ignorieren.“ Dabei verglich er die Vorwürfe gegen Epstein mit den Beschimpfungen, die er erhalten hatte. Epstein schrieb er: „Das ist ärgerlich, aber das ist der beste Weg.“ Die Email wurde wohl im Februar 2019 verschickt, einige Monate vor der Verhaftung von Epstein. Dem WSJ sagte Chomsky 2023, Epstein sei verurteilt worden, habe seine Strafe verbüßt und habe jetzt wieder eine „weiße Weste“.

    Wahrscheinlich wollte er sich damit bei Epstein einschmeicheln, zumal über diesen auch Geld an ihn geflossen ist. Zudem scheint es eine Männerangelegenheit zu sein, das Thema Missbrauch an Frauen und Minderjährigen übertrieben zu finden. Es sind nur „Geier“, die nach Aufmerksamkeit suchen: „Das gilt insbesondere jetzt angesichts der Hysterie, die sich um den Missbrauch von Frauen entwickelt hat und die so weit gegangen ist, dass schon das Infragestellen einer Anschuldigung als ein Verbrechen gilt, das schlimmer ist als Mord.“

    Jeffrey Epstein mit Begleitung. Bild: House Oversight

    Nun kann man fragen, ob der kritische Intellektuelle von dem reichen und super vernetzten Investmentbanker und Lebemann (und Sexualstraftäter) so beeindruckt war, dass kritisches Denken bei ihm ausfiel? Waren er und seine Frau also so naiv, auch nicht die Möglichkeit zu sehen, dass der verurteilte Epstein tatsächlich Frauen und Mädchen missbrauchte und damit auch eine sexgetriebene und verschworene Gemeinschaft schuf? Angeblich hat sich Epstein als Philanthrop mit Interesse an Wissenschaft vor Chomsky ausgegeben, als diese sich 2015 erstmals getroffen haben.

    Valerie Wasserman stellt nun Chomsky und sich selbst als naive Trottel hin, die sich von Epstein haben einseifen oder mit Geschenken, Geldüberweisungen und Aufmerksamkeit haben kaufen lassen: „Epstein begann, Noam zu umgarnen, schickte ihm Geschenke und schuf Gelegenheiten für interessante Gespräche über Themen, mit denen sich Noam intensiv beschäftigt hatte“, schrieb sie. „Wir bedauern, dass wir dies nicht als Strategie erkannt haben, uns zu verführen und die Anliegen, für die Noam eintritt, zu untergraben.“

    So viel Naivität und Gutgläubigkeit kann man nicht wirklich glauben. Wenn dies zuträfe, könnte das auch Chomskys Werk beeinträchtigen, da auch hier dann die kritische Distanz in manchen Hinsichten fehlen könnte. Auffällig ist, was nicht nur unter Eliten herrscht, ein Schweigen über moralische Verfehlungen. Man will ja nicht Spielverderber sein und ausgestoßen werden.

    Wir wissen trotz der Emails nicht, was Epstein und Chomsky besprochen und gemacht haben, wenn sie sich zu zweit, mit seiner Frau oder in Kreisen mit anderen Männern wie Woody Allen, Steve Bannon oder mit Ehud Barak, dessen Regierung Kriegsverbrechen begangen hat, getroffen haben. Er hat Epstein in seiner Wohnung in Manhattan besucht und wohl auch Epsteins Wohnungen in Manhattan und Paris benutzt. In einer Email schrieb er, er „träume von der Karibikinsel“ Epsteins. Einige Emails in den Epstein Files von Noam Chomsky an seine Frau und Kinder sind auch völlig eingeschwärzt. Die meisten behandeln die Hilfe, die Epstein den Chomskys bei Finanz- und Steuerangelegenheiten geleistet hat.
    „Chomsky ist für uns als Autor nicht mehr tragbar“

    Was aber macht man jetzt mit einem Mann, den man als kritischen Intellektuellen über Jahrzehnte geschätzt hat, und der nun in die Falle wie andere Männer ging oder wegen eigener Interessen über Kriminelles und sexuelle Gier und Gewalt hinwegsah? Der deutsche linke Unrast Verlag, der einige Bücher von Chomsky veröffentlicht hat, will nun diese nicht mehr vertreiben und hat sich mit der Ankündigung auf jeden Fall schon Medienöffentlichkeit erworben. Anlass sei, so der Verlag, „die Nähe Noam Chomskys zu Jeffrey Epstein“. Damit wäre man bei einer Kontaktschuld, die verstärkt wird durch die Versuche Chomskys in den Mails, Epstein zu schützen: „Als linker Verlag, der sich für eine gerechte Welt und gegen Frauenhass und patriarchale Gewalt einsetzt, ist Chomsky für uns als Autor nicht mehr tragbar“, schreibt die Verlagsleitung. Das ist billig, ein durchschaubarer Versuch, sich eine reine moralische Weste überzuziehen und den wirklichen, komplizierteren Fragen aus dem Weg zu gehen, die nicht nur aus Schwarz und Weiß, Verdammnis oder Preisung bestehen.

    Der Kölner Stadt-Anzeiger mischt mit an der Verdammung, womit man auch die politischen Positionen Chomskys auf den Müll werfen kann: „Die Schere zwischen hochmoralischen Forderungen – ‚Die Verantwortung des Intellektuellen‘ hieß einer seiner frühen Artikel – und rücksichtsloser Vorteilsnahme ist zu groß. Seine Ideen sind farblos geworden, sinnentleert. Jetzt werden sie schlafen gelegt. Es bleibt die Wut.“ Von der rechten Seite wird die Verurteilung der Person und des politischen Autors gerne betrieben, um linke Kritik zu entsorgen.

    „Die Enthüllungen über Epstein und Chomsky dürften das letzte Kapitel der Schande für den viel zu hochgelobten Linguisten und späteren politischen Kommentator bedeuten. Er hatte eindeutig eine Schwäche für Schmeicheleien und Gefälligkeiten. Und da diese von Epstein stammten, stellt dies sein Urteilsvermögen ernsthaft in Frage“, heißt es beispielsweise in Kennedys and King Home, wo man Chomsky auch klein machen will und vom „Todesstoß für seine stark überschätzte Position in der progressiven Gemeinschaft“ spricht.

    Müssen Linke also nun die Bücher von Chomsky aus den Regalen räumen, in den Giftschrank stellen oder zum Altpapier bringen, weil die Inhalte Epstein-verseucht sind? Ist die Nähe zu Epstein ansteckend wie ein Virus? Gibt es bei Chomsky Frauenhass und patriarchale Gewalt? Sicher, Chomsky und seine Frau waren naiv oder haben weggesehen, sich vielleicht auch bestechen lassen. Aber sollten deswegen Chomskys Gedanken nicht mehr rezipiert werden, wie der Unrast Verlag es macht, der zwar zur eigenen Weißwaschung der Cancel Culture frönt, aber nicht erklärt, warum die Inhalte der von ihm verlegten Bücher, die weder mit Epstein noch mit Sexualität zu tun haben, verpönt sein sollen. Zudem soll Chomsky erst seit 2015 Epstein kennengelernt haben. Sollte die Verurteilung aufgrund von Kontaktschuld, so man sie denn machen will, schon auf alles auswirken, was Chomsky zuvor gesagt und geschrieben hat?

    Man kann Chomsky verurteilen, mit Epstein über längere Zeit hinweg in Kontakt gestanden und sich nicht explizit von ihm distanziert zu haben, man darf skeptisch sein, ob die Chomskys tatsächlich nichts von den „kriminellen, unmenschlichen und perversen Handlungen“ Epsteins gewusst haben, aber wirkt sich das aus auf die Kritik am amerikanischen Imperialismus, am Vietnamkrieg und an anderen Kriegen, an den Strukturen der Massenmedien, an der Politik von Trump oder gar auf seine generative Transformationsgrammatik?

    Es ist immer falsch, Menschen zu idealisieren und zu Heroen zu machen. Chomsky kann man als Person verurteilen, dennoch sind nicht alle seine Ideen kontaminiert. Welche es sein könnten, müsste man erst einmal herausarbeiten. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, Autor und Werk nicht gänzlich zu verschmelzen. Das gilt auch für andere verfemte Menschen. Ich jedenfalls lasse Chomskys Bücher in meiner Bibliothek, auch wenn ich die Person skeptischer sehe, und hoffe auch, dass dem Beispiel des Unrast Verlags nicht weitere Verlage folgen werden.

    #histoire #intellectuels #société_de_classes