• Tagesspiegel Leute Newsletter | Pankow 29-11-2018
    https://leute.tagesspiegel.de/pankow/unter-nachbarn/2018/11/29/65274

    Die Geschichte um die verschwundenen Briefe an ihren jüdischen Vormieter Isak Binder, die Elisabeth Peter 1987 in ihrer Wohnungstür fand, hat große Anteilnahme bei Ihnen gefunden (den Artikel finden Sie hier). Unter den Zuschriften war auch eine unseres Lesers Karl Tietze. Er konnte den „alten Mann aus New York“ identifizieren, dessen Eltern einst im Haus von Frau Peter eine Milchhandlung betrieben. Dabei handelte es sich um Joseph Lautmann, genannt „Jossel“, der sich selbst stets als „meine Wenigkeit“ bezeichnete. Einen Text über ihn finden Sie auch auf der Website der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, und hier können Sie sogar seine Stimme hören.

    Im Jahr 2000 nahm Herr Tietze an einer Führung von Lautmann durchs Scheunenviertel (Foto) teil. Er verfasste damals eine kleine Geschichte über die Begebenheit, in der Lautmann seine Vergangenheit und die des Scheunenviertels rekapitulierte. Sie entführt uns unmittelbar in das jüdische Berlin der Vorkriegszeit:

    „Wir standen am Eingang zu den Hackeschen Höfen in der Rosenthaler Straße und warteten auf Joseph Lautmann. Hier zwischen Almstadtsraße und Hackeschem Markt, zwischen Linien- und Münzstraße ist er auf­gewachsen, und davon wollte er uns erzählen. Touristen drängten sich in die Höfe und wollten sich das neue Berlin ansehen. Und dann endlich löste sich aus dem Menschengedränge ein klein gewachsener, grauhaariger Mann. Wir liefen neben Lautmann durch die Straßen und er erzählte. Scheunenviertel, das Leben der Ostjuden, Betstuben und koschere Re­staurants. Als die Almstadtstraße noch Grenadierstraße hieß und die Max-Beer-Straße noch Drago­nerstraße und das Jüdische Volksheim noch Zulauf hatte und in der Almstadtstraße fast vierzig Betstuben zu fin­den waren, da verlebte Joseph seine Kindheit und Jugend hier.

    Joseph Lautmann wurde 1916 in der Dragonerstraße geboren. Wie viele der Bewohner zwischen Hirten- und Alter Schönhauser Straße, zwischen Schendelgasse, Mulack­straße und Münzstraße, also dem früheren Scheunenviertel, waren auch seine Eltern Ostjuden. Hier in der Nähe der schon im 17. Jahrhundert vorhandenen jüdischen Einrichtun­gen wohnten die durch Pogrome und Armut vertriebenen Juden aus „Russisch-Polen“, aus dem Gebiet zwischen Warschau und Lodz und Krakau und aus dem Inneren Russlands als Kleinhändler, Handwerker und Arbeiter. Vielen war der große Sprung nach Amerika nicht geglückt. Nicht an den Kais von Manhattan, sondern auf dem Schlesischen Bahnhof endete ihre Reise.

    Die Eltern Josephs, gläubige Juden, betrieben in der Dragonerstraße 12 einen Laden für Milchprodukte „en gros und en détail“. Lautmann führt uns dorthin. Das Haus gab es noch, Ende des 19. Jahrhundert gebaut mit einem Torweg, von dem auch ein Zugang zum Laden führte. Wer abends oder am Sonntag noch etwas brauchte, benutzte trotz regelmäßiger Öffnungszeiten diesen Eingang und wurde bedient. Neben der Ladentür stand auf dem Putz in großen schwarzen Buchstaben geschrieben, was es zu kaufen gab: Butter, Milch, Käse – alles koscher.

    Joseph wurde regelmäßig in die Brunnenstraße zur Molkerei geschickt, um sicher zu sein, dass für die Milch nur die Gefäße der Handlung Lautmann benutzt wurden. Dort in der Brunnenstraße standen 30 Kühe, im Sommer roch es nach frischem Gras und im Winter nach Heu. Und nicht ohne Stolz bemerkte Lautmann, dass selbst die Firma Tietz von Lautmanns mit ko­scheren Milchprodukten beliefert wurde. Recht einträglich muss das en-gros-Geschäft seines Vaters gewesen sein. Für einen günstigen Skontosatz verteilten die Lieferan­ten die Ware, zum Beispiel ein Waggon Zucker, direkt an die Verbraucher, an das Restaurant in der Dragonerstraße oder den Bäcker in der Grenadierstr.

    Der Großvater, ebenfalls ein strenggläubiger Jude, wohnte in der Grenadierstraße 29, in die die Lautmanns auch zunächst gezogen waren. Er lebte vom Geldwechselgeschäft und genoss bei den Banken großes Ansehen. Eines Tages erschien in einer Tageszeitung ein Bild des Großvaters, einen typischen Ostjuden mit Bart und Schläfenlocken wollte man zeigen. Joseph entdeckte das Bild in einer Kaffeehauszeitung, riss es heraus und brachte es nach Hause. Der Großvater wies das weit von sich, nein das wäre er nicht, ein orthodoxer Jude lässt sich nicht abbilden. Nur einmal war das nicht zu vermeiden: Für seinen Pass brauchte auch der Großvater ein Foto.

    Joseph Lautmanns Onkel betrieb in der Grenadierstraße in einem der vielen Kellerlokale das Sortieren von Lumpen und den Handel mit Textilien. In Haufen lagen dort Wolle, Baumwolle und gebrauchte Kleidung, um dann an einen Großhändler weiterverkauft zu werden. Der Schuster Wilhelm Vogt, der selbst ernannte Hauptmann von Köpenick, hatte hier Teile seiner Uniform erstanden, so Lautmann. Joseph erinnert sich, dass der Onkel mehr im Himmel als auf Erden lebte. Denn wenn er nur konnte, ließ er seine Arbeit im Stich, um eine der vielen Bet­stuben – in manchen Häusern gab es drei Stuben – zum Gebet oder zum Lesen der Thora aufzusuchen. Es war meist die Grenadierstraße 1, wo ein berühmter Rabiner residierte. Die eifrige Frömmigkeit vertrug sich nicht immer mit den Pflichten des Onkels, und wenn die Tante nicht so tüchtig gewesen wäre – sie betrieb den Handel – hätte es für die drei Kinder schlecht ausgesehen.

    Zur Schule ging Joseph Lautmann in der Großen Hamburger Straße. Jeden Morgen lief er mit zwei Milchkannen in der Hand die Grenadierstraße hinunter, die er dann den Kunden seines Vaters vor die Tür stellte. Die Grenadierstraße war der Mittelpunkt des Viertels, stets wimmelte es, besonders an Sonntagen, von Menschen, die hier Handel trieben und kauften, Juden liefen im Kaftan vorbei, vielleicht war ein durchrei­sender Rabbiner dabei, und an manchen Wochentagen früh morgens reihten sich Pferdewagen die Straße entlang, es waren Bauern der Umgebung, die zum Alexan­derplatz auf den Markt fuhren.

    An der Essigfabrik Heinn und der Geflügelhandlung Marilos vorbei stieß er am Ende der Grenadiertraße auf die Münzstraße. Die Münz­straße war schon immer Kinostraße, denn 1899 eröffnete Pritzkow hier das erste Kino, gegenüber die Bio-Lichtspiele, ein Tageskino, daneben im ersten Stock Ber­ger’s Wiener Restaurant. In der Schulpause gab es bei der Witwe Berger Kuchen und im Lokal nebenan, dem „Pappelbaum“ Eis und im Winter Gänse zu kaufen. Der Uhrenladen von Brauchstätter an der Ecke war samstags, am Sabbat, geschlos­sen. Gegenüber das Schuhgeschäft Bernhard und unübersehbar Bötzows „Münz­glocke“, ein bekanntes Lokal der Unterwelt, vor dem auf offener Straße auch Schwarzhandel betrieben wurde.

    Josephs Schulweg führte weiter in die Neue Schönhauser Straße und die Rosenthaler Straße bis zu den Hackeschen Höfen. Kleingewerbe und insbesondere Konfektionsbetriebe – „Zwischenmeister“ – erinnert sich Lautmann, waren hier zu finden. Den Schüler interessierte mehr das Haus des Jüdischen Wanderbundes am Monbijou-Park gegenüber. Hier hatte er sein Ziel fast erreicht, von der Oranienburger Straße bog er rechts in die Große Hamburger und da war das große Schulgebäude schon zu sehen, 800 Knaben wurden dort zeitweise unterrichtet und wir wissen, dass es über 1000 Jungen und Mädchen waren, als die Nazis ein Schulverbot für alle jüdischen Kinder verhängten.

    Die Turnhalle lag zum alten jüdischen Friedhof, mit Joseph Lautmann tauchten wir in den Schatten der al­ten Bäume. Er übersetzte uns die hebräische Inschrift auf dem Grabstein Moses Mendelssohns, „der Hofjude Friedrich des Großen“, wie Lautmann meinte. Und das jüdische Altersheim zwischen Friedhof und Schule? Daran konnte sich Josef Laut­mann nicht mehr erinnern. Die Nazis hatten hier die jüdische Bevölkerung zum Ab­transport zusammengetrieben und dann das Gebäude zerstört.

    Noch eine andere Schule musste Lautmann regelmäßig besuchen. Jeden Samstag führte sein Weg in die Grenadierstraße 31 zur Talmud-Schule. Joseph spielte lieber Fußball mit seinen Freunden, aber nicht oft hat er sich dazu überreden lassen, denn schon wenn er zu spät zum Unterricht kam, wurde sein Vater sehr böse. Übers Jahr lasen die Schüler die Thora und am Ende wurde das Laubhüttenfest gefeiert. Als Lohn für die Mühen konnte sich dann Joseph mit dem Bau der Hütten vergnügen, er wusste, wie viel Eierkisten er benötigte und wo er die Zweige herholte für das Dach. Durch das konnte man den Himmel sehen, denn die Laube, nur von kurzem Bestand, war das Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens.

    Zu einer weiteren jüdischen Bildungseinrichtung führte uns Lautmann, in die Max-Beer-Straße 5 (damals Dragonerstraße 22), dem Jüdischen Volksheim. Zwei junge Leute ließen uns in den Torweg – nichts schien sich geändert zu haben, seit dem Joseph sich dort zu Vorträgen und belehrenden Gesprächen mit seinem Vater eingefunden hatte. Eine Bildungseinrichtung, so etwas gäbe es dort jetzt auch, meinte der junge Mann. Und wem hat Lautmann damals zugehört? Er erwähnt Egon Kisch, Franz Kafka, Mischket Liebermann, Arnold Zweig und Scholem Aleichem, Martin Buber und Max Brod waren auch dort. Bis 1929 gab es das Volksheim, da war Josef 13 Jahre alt.

    Wir gingen weiter bis zur Ecke Schendelgasse. Lautmann erinnert sich: Hier war die Apotheke von Goldmann, das Restaurant Süßapfel und Gotzler’s Fischhandlung. Und dann standen wir vor einem sorgfältig restaurierten Eckhaus. So schön hatte es Lautmann noch nie gesehen. Hier war eine Kneipe, erinnert er sich, in der zuerst Kommunisten verkehrten, dann aber machte sich die SA dort breit und benutzte sie als Sturmlokal, das bedeutete, von hier machten die Nazis Jagd auf Juden.

    Joseph Lautmann hatte noch nicht viel über die Nationalsozialisten gesagt, und doch hatte er sie erlebt. Noch nicht bewusst 1919 die blutigen Handgemenge in der Grenadierstraße, aber das Pogrom 1923 im Scheunenviertel schon als Siebenjähriger, und als 1928 Joseph Goebbels in den Sophiensälen seine Kampfreden hielt, da war er schon dabei. Als die Nazis an die Macht kamen war Josef Lautmann 17 Jahre alt. 1936 verließ sein Vater Deutschland, sein Bruder und eine Schwester wenig später. Er selbst floh 1938 im Alter von 22 Jahren. Eine Schwester blieb, sie wurde 1942 im KZ ermordet. Joseph Lautmann kam nach Deutschland zurück. „Meine Wenigkeit“, wie er sich die ganze Zeit bezeichnete hatte, er und sein Leben – nein, eine Wenigkeit war das nicht.“

    Vielen Dank an Herrn Tietze für diese eindrückliche Schilderung. Joseph Lautmann starb ein paar Jahre darauf, 2005.

    #Berlin #Mitte #Geschichte


  • Monbijoutheater in Berlin-Mitte bangt um Existenz: Lärmschutz sorgt für Ärger mit Nachbarn | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/laermschutz-aerger-das-monbijoutheater-bangt-um-seine-existenz-3167

    Das Monbijoutheater in Mitte gehört zu den bekanntesten Spielstätten der Stadt. Am Ufer der Spree, gegenüber der Museumsinsel, führt die freie Theatergruppe im Sommer Stücke von Shakespeare, Schiller und Goethe auf. Gäste sitzen an der Strandbar Mitte, die es seit 17 Jahren gibt und die die älteste Strandbar der Stadt ist.

    Abends tanzen dort Besucher unter freiem Himmel. Tango, Walzer und Swing. Und im Winter lesen Schauspieler in zwei Märchenhütten Geschichten für Kinder und Erwachsene vor. 110.000 Besucher kommen jedes Jahr. Die Tourismusagentur Visit Berlin empfiehlt Gästen der Stadt diese Sehenswürdigkeit.

    Doch jetzt fürchten die 80 Mitarbeiter des Theater- und Barbetriebes um ihre Existenz. Die neuen Nachbarn, die dieses Jahr in die lukrative Immobilie Forum Museumsinsel gezogen sind, haben sich bei ihm mehrfach über die abendlichen Geräusche aus der Strandbar und von der Bühne beschwert.

    Um 22 Uhr muss Ruhe sein
    Vor vier Jahren hatte der bayerische Unternehmer Ernst Freiberger die denkmalgeschützten einstigen Charité-Gebäude und das Reichstelegrafenamt gekauft und den historischen Komplex für 300 Millionen Euro zum neuen Stadt- und Kunstquartier mit hochwertigen Wohnungen, Hotel, Gastronomie und Galerien umgebaut. In diesem Jahr sind die ersten Bewohner eingezogen.

    Seitdem gibt es Ärger. Theater-Direktor Christian Schulz sagt, während es in den vergangenen zwei Jahrzehnten keine Probleme mit dem Lärmschutz gegeben habe, forderten die zugezogenen Bewohner nun eine „genaue Einhaltung“. Das heißt, um 22 Uhr muss Ruhe sein. Praktisch heißt das, die ersten Vorstellungen müssten 18.30 Uhr beginnen, alle Aufführungen und Open-Air-Tanzabende müssten bis spätestens 22 Uhr beendet sein, auch die Strandbar muss dann schließen.

    #Berlin #Mitte #Theater #Kultur #Gentrifizierung #Verdängung


  • Hinter den Kulissen des Berliner Großbordells: Die Akte Artemis - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/hinter-den-kulissen-des-berliner-grossbordells-die-akte-artemis/23671460.html
    Bei dem großem Auftritt von Staatsanwaltschaft, Polizei und Zoll kam nichts zutage, was große Maßnahmen gegen das Großbordell rechtfertigen würde. An der Halenseestraße wird weiter hart gearbeitet, schlimmer als im Taxigewerbe geht es dort aber nicht zu, eher werden Regeln eingehalten. Es sieht so aus, als ob die Anti-Prostitutions-Fraktion in Politik und Behörden eine Denunziation zum Anlaß genommen hat, ohne richtige Ermittlungen zuzuschlagen, um nach Monaten das verfahren einstellen zu müssen.

    24.11.2018 - Sebastian Leber

    Zuhälterei? Menschenhandel? Eine Razzia und ein gescheitertes Verfahren ermöglichen tiefe Einblicke in eine Branche unter Verdacht.

    Er sagt, sie hätten geahnt, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie fragten sich: „Warum gibt es seit Monaten keine Kontrollen mehr?“ Wo bleiben die Beamten vom Landeskriminalamt, vom Zoll und vom Finanzamt, die doch regelmäßig vorbeikamen, jetzt aber schon ein ganzes Jahr nicht mehr? Er rief beim LKA an und fragte, ob es ein Problem gebe. Nein, nein, habe der Mann geantwortet, alles in bester Ordnung. Es gebe bloß interne Umstrukturierungen, da habe man gerade keine Zeit für Besuche.

    Als sie dann das nächste Mal kamen, waren es gleich mehrere hundert. Am 13. April 2016 stürmten Polizisten abends über den Parkplatz Richtung Eingang, einer hatte einen Rammbock dabei, um die Tür aufzubrechen. War aber nicht nötig, denn sie stand offen. Ein Freier, der gerade selbst erst eingetroffen war, stellte sich freundlicherweise neben den Eingang und hielt die Glastür auf, sodass die Einsätzkräfte im Gänsemarsch durch konnten.

    530 Ermittler durchsuchten an diesem Mittwoch das Artemis, weitere 400 diverse Wohnungen in der Stadt, es sollte ein spektakulärer Schlag gegen das organisierte Verbrechen werden. Ein Schlag gegen einen brutalen Betrieb, der Frauen systematisch ausbeutet und zur Prostitution zwingt. Und in dem Frauen, so formulierte es ein Staatsanwalt, wie „Sklaven auf Baumwollfeldern“ behandelt würden.
    In Berlin gilt das Artemis als Ausnahme

    Zweieinhalb Jahre später steht Hakki Simsek auf der breiten Wendeltreppe, die runter zur Dampfsauna und zum Schwimmbad führt, und sagt: „Wir rätseln bis heute, warum sie uns das alles angetan haben.“ Simsek, 56, angegrautes Haar, gemütliche Strickjacke, die Lesebrille in den Kragen gesteckt, sieht eher nach Gesamtschullehrer aus als nach Bordellbetreiber. Er sagt: „Die vergangenen Jahre haben mein Vertrauen in den Rechtsstaat schwer beschädigt.“ Er spricht mit breitem fränkischen Akzent, Simsek ist in Bamberg aufgewachsen.

    Die Razzia und die spätere Anklage haben den Blick der Öffentlichkeit auf eine Branche gelenkt, die seit jeher umkämpft ist und unter Verdacht steht. In Berlin gilt das Großbordell Artemis als Ausnahme – mit 100.000 Gästen pro Jahr und zweistelligen Millionenumsätzen. Der Großteil der Prostitution in Berlin findet aber in den geschätzt 600 sogenannten Wohnungsbordellen oder auf den Straßenstrichen an der Oranienburger Straße sowie der Kurfürstenstraße statt, beide werden von rivalisierenden Zuhältergruppen dominiert. Stadtweit sollen mehr als 8000 Prostituierte arbeiten, erst ein Viertel davon hat sich gemäß dem Prostituiertenschutzgesetz als Sexarbeiterinnen registrieren lassen. Immer wieder gehen Ermittler Fällen von Zwangsprostitution nach: Rocker und Clans lassen Frauen für sich anschaffen, ihre Namen werden den Frauen auf die Haut tätowiert, davor die Wörter „Property of“, zu Deutsch: „Eigentum von“. Trotzdem gelingt es der Justiz selten, Banden zu verurteilen, die Opfer schweigen aus Angst, oft werden sie mit Filmaufnahmen erpresst. Umso sensationeller wäre der Schlag gegen das Artemis gewesen. Wäre er denn erfolgreich gewesen.

    Die blauen Wände neben der Wendeltreppe sind mit opulenten Jugendstilverzierungen bemalt. Ältere Männer laufen in Bademänteln und Gummischlappen herum, die Frauen sind nackt und heißen Alison, Lilly, Cindy oder Cora, jedenfalls während der Arbeit. Simsek schwenkt mit dem Zeigefinger umher: „Da ist überall Nichtraucherbereich.“ Beim Rundgang merkt man ihm an, dass er stolz ist auf seinen Laden, der seine Idee war und der einst, also vor der Razzia, nicht nur als Berlins größtes Bordell, sondern auch als Positivbeispiel galt, falls es so etwas in dieser Branche gibt. In vielen Ecken stehen Statuen nackter griechischer Göttinnen herum, vielleicht sind es auch bloß Statuen gewöhnlicher Nackter, man weiß es nicht. Simsek deutet auf den kleinen Kasten an der Wand neben dem Pool. Das Display zeigt abwechselnd Wassertemperatur, PH-Wert und Chlorgehalt an. Am Eingang der Sauna ein Schild: „Kein Schweiß auf Holz“.

    Sex soll nur oben auf den Zimmern stattfinden, die heißen offiziell Verrichtungszimmer. Hakki Simsek erklärt, jedes sei ein bisschen anders eingerichtet. Sie tragen Namen wie „Akropolis“, „Maharadja“, „Fata Morgana“, „Palast“. Hier ist der Spiegel größer, da die Beleuchtung dunkler, dort sind die Plüschkissen zebragestreift. In jedem liegt zur Begrüßung eine Rolle Zewa auf dem Bett.
    70 Polizisten holten ihn ab, beim Abendessen

    Am Tag nach der Razzia lud die Staatsanwaltschaft zur Pressekonferenz, um ihren vermeintlichen Erfolg zu verkünden. Die Rede war von „Menschenhandel“ und „Zuhälterei“, im Artemis seien Frauen in „Abhängigkeit gehalten und ausgebeutet“ worden. Ein Ankläger sagte, der Erfolg der Ermittler erinnere an das Vorgehen gegen Al Capone. Hakki Simsek und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Kenan, der ebenfalls Betreiber ist, saßen zu diesem Zeitpunkt schon in Haft. Am Abend der Razzia hatten 70 Polizisten Hakki Simsek in seiner Wohnung abgeholt, er war gerade beim Abendessen, Schnitzel mit Kartoffelbrei. Ein Ermittler fragte: Warum hat Ihr Kind denn so viele Spielzeuge? Simsek antwortete: „Soll ich mich jetzt wirklich für das Spielzeug meines zweieinhalbjährigen Sohnes rechtfertigen?“

    Er sagt, die U-Haft habe ihn fertig gemacht. „Nur einmal die Woche duschen, das ist doch Irrsinn.“ Sein Bruder und er kamen erst nach vier Monaten frei, als das Kammergericht die Arbeit der Ermittler rügte und einen dringenden Tatverdacht verneinte. Die Staatsanwaltschaft arbeitete weiter an ihrer Anklage. Hakki Simsek sagt: „Da war unser Ruf bereits ruiniert. Freunde und Geschäftspartner hatten sich abgewendet, Banken hatten uns die Konten gekündigt, die Zahl der Kunden war eingebrochen.“

    Ihr Büro liegt im ersten Stock. Durch die eine Fensterfront sehen sie raus auf den Parkplatz, direkt dahinter die Stadtautobahn, durch die andere nach Nordwesten rüber zum ICC. Die Messen sind eine entscheidende Einnahmequelle, sagt Simsek, nur mit Berlinern würde sich der Betrieb nicht rentieren. Am meisten sei jeden Februar los, da ist immer „Fruit Logistica“, die internationale Obst- und Gemüsemesse. Wohlhabende Großhändler kommen dann ins Artemis. An der Bürowand neben dem Fotokopierer haben die Simseks Zeitungsartikel eingerahmt, die im Laufe der Jahre über sie erschienen sind. Sie tragen Überschriften wie „Die ersten Damen ziehen ins neue Sex-Sterne-Hotel“ oder „Sex ist auch nur eine Arbeit“.

    Das Geschäftsmodell der Simseks ist in Berlin einzigartig und funktioniert folgendermaßen: Sowohl die Freier als auch die Prostituierten zahlen 80 Euro Eintritt, können dafür alle Räume nutzen und sich am Büfett bedienen, Frühstück von 11 bis 15 Uhr, Warmes ab 18 Uhr. Die Freier bezahlen die Prostituierten für den Sex direkt, die Betreiber kriegen davon nichts ab. Die Staatsanwaltschaft sagt, das Geld floss trotzdem reichlich: Allein Hakki Simsek habe innerhalb von zehn Jahren fast zwei Millionen Euro Geschäftsführergehalt ausgezahlt bekommen, dazu 5,8 Millionen Euro Gewinn als Gesellschafter aus der Artemis GmbH.
    Gute Arbeitsbedingungen - und bloß keinen Behördenärger

    „Wir haben von Anfang an mit allen Behörden kooperiert“, sagt Hakki Simsek. Die Beamten konnten sich im Haus frei bewegen, jede Prostituierte befragen – und zwar alleine, die Betreiber waren nie anwesend. „Nach jeder Kontrolle haben wir von uns aus die Prüfer gefragt, ob wir irgendwas verändern sollten.“ Ob etwas rechtlich nicht in Ordnung sei. „Nein“, hätten die jeweils geantwortet, „behalten Sie Ihre Standards genau so bei.“

    Man muss sich die Simseks nicht als Philanthropen vorstellen. „Wir sind Unternehmer.“ Sie wollen, dass ihr Geschäft reibungslos läuft. Gute Arbeitsbedingungen für die Prostituierten, damit die besten in ihrem Haus arbeiten wollen, und bloß keinen Behördenärger. Ihre Strategie erklärt Simsek so: „Um auf der sicheren Seite zu sein, haben wir immer versucht, die gesetzlichen Anforderungen im Zweifel überzuerfüllen.“

    Ihr Vater stammt aus einem Dorf in der Türkei, kam in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Bayern, war bei einer Textilfirma angestellt. Kenan begann eine Ausbildung zum Kaufmann, Hakki in Hotel- und Gastronomie. Später eröffneten sie mehrere Spielhallen in Süddeutschland, das brachte viel Geld ein. Dass sie zur Prostitution kamen, verdanken sie Rot-Grün. Um die soziale Situation von Prostituierten zu verbessern, beschloss die Schröder-Regierung 2001 das sogenannte „Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“ – kurz „ProstG“. Seitdem ist Prostitution nicht mehr sittenwidrig. Außerdem war ab sofort die „Schaffung eines angemessenen Arbeitsumfeldes“ nicht mehr strafbar, sofern keine Ausbeutung von Prostituierten stattfindet.
    Die Alternative: ein Hotel aufmachen

    Als Hakki Simsek davon erfuhr, dachte er: Da will ich mitmischen, aber richtig groß. Sein Bruder und er reisten wochenlang durch Deutschland und besuchten unterschiedliche Bordelle. „Wir haben uns überall bedient und die besten Ideen gemerkt“, sagt Hakki Simsek. Kenan hat mehrfach Prostituierte gebucht, bezahlt, aber dann nur interviewt. Um zu verstehen, auf was es ankommt. Am Ende so eines Gesprächs hat die Prostituierte gefragt: „Also wenn du jetzt wirklich kein Zivilbulle bist: Warum willst du das alles wissen?“ Meist reisten sie in Begleitung eines Architekten und eines Künstlers, der für die Innengestaltung verantwortlich sein würde. Beim Bau achtete er darauf, dass sich das Haus auch anders nutzen ließe. „Wäre das Bordell nicht gelaufen, hätte ich stattdessen ein Hotel aufgemacht.“

    Sie haben dann bundesweit Annoncen in der „Bild“ und immer wieder in der Frauenzeitschrift „Heim und Welt“ aufgegeben: Prostituierte für neues Etablissement in Berlin gesucht. Das habe sich als effektiv erwiesen. Zwei Tage vor Eröffnung hätten sie alle interessierten Prostituierten zu einer Versammlung geladen und diese dann abstimmen lassen, welche Konditionen sie wollten. Damals einigten sich die Frauen untereinander auf einen Einheitspreis: 30 Minuten inklusive Oral- und Geschlechtsverkehr kosten 60 Euro. Extras variieren. Auf dem Straßenstrich am Kurfürstenkiez verdienen die Frauen etwa die Hälfte.

    Die Versammlungen finden seitdem in unregelmäßigen Abständen statt, immer in Anwesenheit eines Anwalts, der Protokoll führt. In seinem Büro kramt Simsek die Aufzeichnung der ersten Sitzung nach seiner Entlassung aus der U-Haft hervor. Die Frauen votierten einstimmig dafür, alle bisherigen Regeln beizubehalten, auch das Preissystem. Im Protokoll ist zudem nachzulesen, dass die Mehrheit das Hausverbot für die Kollegin mit dem Künstlernamen Arminia aufrechterhalten möchte. Arminia hatte Preisdumping betrieben.

    Den Gang entlang links neben dem Eingang liegt die Umkleide. Ein riesiger Raum mit mehreren Reihen verspiegelter Schminktische davor, es sieht aus wie die Maske im Theater. Auf den Ablagen stapeln sich strassverzierte High Heels und Parfumflakons. Die Frauen hier sind Deutsche oder aus dem ehemaligen Ostblock, es gibt auch Spanierinnen und Kubanerinnen. Alle sprechen Deutsch, das ist Bedingung, um im Artemis zu arbeiten. Die Frauen geben offen Auskunft über die Hausregeln und das Preissystem. Nova, 33, lange blonde Haare, sagt: „Für uns Frauen war die ganze Zeit klar, dass die Vorwürfe realitätsfern sind. Wer diesen Laden halbwegs kennt, und das taten ja nun viele staatliche Stellen, musste das ebenfalls wissen.“ Nova arbeitet mit Unterbrechungen seit neun Jahren hier. Damals bei der Razzia hatte sie gerade eine längere Pause eingelegt. Sie sagt, die Frauen würden sich wohlfühlen, vor allem auch sicher. „In jedem Verrichtungszimmer gibt es einen Notruf-Knopf. Wenn wir den drücken, ist sofort Security da.“ Der Unterschied zu Wohnungsbordellen oder gar zur Straße sei so groß, dass es oft eine Warteliste mit Interessentinnen gebe. Die Betreiber achten auf das Verhältnis zwischen Freiern und Prostituierten. Denn die Frauen haben ein unternehmerisches Risiko: Holen sie den gezahlten Eintrittspreis plus die pauschale Steuerabgabe in Höhe von 30 Euro pro Arbeitstag nicht wieder rein, machen sie Verlust.
    Bitte nicht vom Beckenrand springen!

    Die Geschäftsanbahnung findet meist im Erdgeschoss statt. Wenn die Männer geduscht und ihre Wertsachen im Spint weggeschlossen haben, betreten sie eine große Lounge mit Bar in der Mitte. Die Couches haben helle Lederbezüge, an den Wänden Gemälde, der Raum ist leicht abgedunkelt. Simsek sagt: „Auch alles Nichtraucherbereich.“ Er führt durch den Essensraum mit dem Frühstücksbüfett rüber zur Außenanlage. Ein weiterer Pool mit Hinweisschild: Bitte nicht vom Beckenrand springen! Nebenan eine kleine Gasse, die an einer Reihe von Hütten mit orientalisch anmutenden Fassaden vorbeiführt, das sind weitere Verrichtungszimmer. Dieses Minidorf hat Hakki Simsek „Marrakesch“ getauft. Er war nie dort, aber so stellt er es sich vor.

    In den ersten Monaten haben die Simseks keinen Alkohol ausgeschenkt. Sie hofften, so könnten sie sich Stress mit pöbelnden Kunden ersparen, einen reibungslosen Ablauf ihrer Geschäfte garantieren. „Dieser Ansatz hat überhaupt nicht funktioniert“, sagt Hakki Simsek. Die Freier hätten ihre Schnapsfläschchen im Bademantel ins Gebäude geschmuggelt und heimlich zugelangt: „Die brauchten das, um sich Mut anzutrinken.“

    Von jeder Frau, die im Artemis arbeiten wollte, wurde der Pass eingescannt und ans LKA geschickt. Außerdem unterzeichnete jede Prostituierte eine 13-teilige Erklärung. Darin wird ihr etwa mitgeteilt, dass ungeschützter Geschlechtsverkehr zu lebenslangem Hausverbot führt. Auch Drogenkonsum ist verboten. Diese Liste hat Simsek dem LKA ebenfalls vorgelegt mit der Bitte um Änderungsvorschläge. Der Beamte fand die Liste gut.

    Zunächst lief das Geschäft mies. Oft kamen über den ganzen Tag verteilt nur 30 Freier. Simsek rechnete, wie lange er durchhalten könnte, ihm kam wieder sein Notfallplan Hotelbetrieb in den Sinn. Doch dann begann 2006 die Fußball-WM in Deutschland und brachte haufenweise neue Gäste. Die beiden Sexkinos im Haus wurden zur Public-Viewing-Zone umfunktioniert. Ab da wurde es voll.

    Hakki Simsek sagt, sie haben immer versucht, sich klar vom Rotlicht-Milieu abzugrenzen. „Natürlich gab es Versuche, sich an uns zu bereichern, ja sich uns einzuverleiben.“ Verschiedene Berliner Clans und auch Rockergruppen hätten versucht, einen Fuß ins Artemis zu bekommen. Es gab Schlägereien auf dem Parkplatz, Drohungen. Simsek sagt, die Polizei hätte sie damals nicht ausreichend geschützt, sie hätten trotzdem an ihrer Linie festgehalten und sich geweigert, Schutzgeld zu zahlen, an wen auch immer. „Es ist nämlich so: Wenn du einmal Schutzgeld zahlst, wirst du es immer tun.“ Die Simseks haben Securitys. Und eine Menge Überwachungskameras, drinnen auf den Fluren sowie draußen. In einem Raum im Erdgeschoss sitzt ein Mitarbeiter ständig vor dutzenden Bildschirmen.
    Das Hauptverfahren wird gar nicht erst eröffnet

    Im Februar 2018, fast zwei Jahre nach der Razzia, reichte die Staatsanwaltschaft schließlich die Anklageschrift ein. Von den ursprünglichen Vorwürfen Menschenhandel und Zuhälterei war nichts mehr zu lesen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Vorwurf, die Prostituierten seien jahrelang scheinselbstständig gewesen, dem Staat seien dadurch Millionensummen an Steuereinnahmen entgangen. Außerdem hätten die Simseks die Behörden getäuscht und ihr Regelwerk verheimlicht, damit die Scheinselbstständigkeit nicht auffliegt. Beobachter vermuteten schon damals, die Anklage sei ein Versuch, wenigstens irgendeine Verurteilung zu erreichen, um nach der Riesenrazzia am Ende nicht völlig blamiert dazustehen.

    Genau dies ist nun, neun weitere Monate später, umso mehr eingetreten: Am Freitag voriger Woche beschloss das Berliner Landgericht, die Anklage abzulehnen. Das Hauptverfahren wird erst gar nicht eröffnet, zu unplausibel erscheinen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, zu ungenau und missverständlich sind ihre Ausführungen zum Sachverhalt. Es kommt sehr selten vor, dass eine Anklageschrift vom Gericht als derart schwach eingestuft wird, dass es nicht mal den Prozess eröffnet.
    Gab es Druck aus der Politik?

    Was also ist schiefgelaufen? Hatten die Ermittler falsche Informationen? Versprach sich einer den schnellen Karrieresprung durch einen Coup dieser Größenordnung? Gab es Druck aus der Politik? Wollte sich jemand mit einem Schlag gegen die vermeintliche organisierte Kriminalität profilieren – so kurz vor dem Berliner Wahlkampf?

    Die Staatsanwaltschaft will sich nicht äußern. Auch nicht sagen, ob sie innerhalb von zehn Arbeitstagen Beschwerde gegen den Beschluss einlegen wird, dann käme der Fall erneut vor das Kammergericht. Das hatte den Anklägern schon im Sommer 2016 schlechte Arbeit bescheinigt, als es die Simseks aus der U-Haft entließ.

    Zurück im Foyer.

    „Herr Simsek, wären Sie auch so behandelt worden, wenn Sie Klaus oder Jürgen heißen würden und nicht Hakki?“

    Simsek windet sich, dann formuliert er es diplomatisch. „Ich glaube, dass die große Mehrheit der Bevölkerung in dieser Frage keinen Unterschied zwischen Menschen macht. Aber eventuell gab es Ermittler, die nicht zu dieser Mehrheit gehören.“

    In seinen ersten Tagen in Haft seien ihm alle wichtigen Dokumente auf Türkisch vorgelegt worden. „Was soll das?“, habe er gefragt, er könne doch kaum Türkisch lesen. „Wir sind hier aufgewachsen und deutsche Staatsbürger, wir sind durch und durch Deutsche.“ In der Öffentlichkeit seien sie stets als Türken oder Deutsch-Türken oder Kurden hingestellt worden. „Das passte natürlich besser ins Bild.“ Lasse sich leichter irgendwie mit Clankriminalität in Verbindung bringen.

    Eine ungewöhnliche Unterstützerin haben die Simseks in der Berliner Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates gefunden. Sie kennt das Artemis gut. Für ein Buch über Prostitution hat sie mehrfach vor Ort recherchiert, mit Frauen gesprochen. Ates sagt: „Diese Razzia war nie zum Schutz der Prostituierten gedacht. Sonst hätten sie die Aktion über die ganze Stadt verteilen und vor allem die Frauen befreien können, die tatsächlich in Berlin in Wohnungen eingesperrt und zur Prostitution gezwungen werden.“
    Sie planen einen Erweiterungsbau mit acht Etagen

    Die Tatsache, dass das „Artemis in Berlin im ganzen Rotlicht-Milieu noch die beste Einrichtung für die Prostituierten ist, macht die Prostitution an sich für mich zwar nicht sehr viel besser.“ Aber sie beklage „die Heuchelei all derer, die Prostitution als ,Sexarbeit‘ beschreiben und einen Ort, an dem dies bestmöglich geschieht, unter Aufsicht der Behörden auseinandernehmen, aber dort wegschauen, wo es den Frauen wirklich um Stufen elender geht.“ Sie sagt, die Politik müsse sich endlich ernsthaft mit den Frauen, die diesem Geschäft nachgehen, und deren Anliegen beschäftigen. „Dazu sollten sie einfach mal, wie ich es getan habe, mit sehr vielen Prostituierten sprechen und sich die Einrichtungen von Innen anschauen.“

    Wie geht es jetzt weiter? Die Simseks hoffen, dass alte Geschäftspartner und Freunde, die sich zurückgezogen hatten, zurückkehren. Außerdem planen sie seit längerem einen Erweiterungsbau: ein achtstöckiges sogenanntes „Laufhaus“. Das Bezirksamt hat bei einer Bau-Voranfrage die Geschosszahl abgelehnt, der Neubau würde sich nicht in die Umgebung einpassen. Nun muss das Bauamt entscheiden.
    „Wir sind ja keine Idioten“

    Gleichzeitig bekommen die Simseks seit Längerem Angebote, ihr Gelände zu verkaufen. Fünf Millionen hat es damals gekostet, inzwischen ist es ein Vielfaches wert. Denn direkt hinter dem Artemis liegt eine riesige bewaldete Brachfläche. Sie ist zu mehreren Seiten von Bahntrassen beziehungsweise der Stadtautobahn begrenzt. Die ideale Zufahrt, um das Gebiet erschließen und bebauen zu können, führt geradewegs über das Artemis-Grundstück. „Aber wir sind ja keine Idioten“, sagt Simsek. „Wir verkaufen das Areal nicht, der Wert wird weiter steigen.“ Simsek hofft, dass die schlimmen Zeiten jetzt vorbei sind.

    Am Ende des Gesprächs wird er fröhlich. Ja, doch, einen Missstand haben sie bei der Razzia schon aufgedeckt, sagt er, einen ziemlichen Skandal. Die Beamten stießen im Vorratsraum im Keller auf mehrere Kisten Orangennektar – und fanden heraus: Dieser wird oben in der Lounge zwar kostenlos, aber laut Getränkekarte als „Orangensaft“ angeboten. Es ist allerdings so, dass Saft laut Gesetz 100 Prozent Fruchtgehalt haben muss, Nektar lediglich 50. Die Ermittler haben für das Vergehen ein Ordnungswidrigkeitsverfahren angestrengt.

    Es wurde ebenfalls eingestellt.

    #Berlin #Halensee #Halenseestraße #Polizei #Prostitution


  • CleverShuttle will noch mehr Autos nach Berlin bringen
    https://www.taxi-times.com/clevershuttle-will-noch-mehr-autos-auf-berlins-strassen-bringen

    Laut Berliner Zeitung soll die Zahl der Fahrzeuge bald von 30 auf 150 steigen. Einen entsprechenden Antrag hat das Unternehmen eingereicht. Rechtlich ist die Möglichkeit gegeben, denn das Personenbeförderungsgesetz beinhaltet eine Experimentierklausel. Nach der hat CleverShuttle eine Genehmigung, seine Dienste anzubieten – und dies bis August 2020.

    Die Genehmigung zur Erweiterung der Flotte muss das Berliner Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, kurz LABO, erteilen. „Keinesfalls sollte das LABO dies genehmigen“, sagt Leszek Nadolski von der Berliner Taxi-„Innung“. Und dann sprudeln die Argumente dagegen nur so aus ihm heraus. „Die Deutsche Bahn steht hinter CleverShuttle. Sie wollen für die Zugreisenden mit dem Dienst auch die sogenannte letzte Meile von den Bahnhöfen bis zur Haustür der Passagiere überbrücken. Aber in den Randbezirken fährt kein CleverShuttle. Das macht nur das Taxi. Sich nur die Rosinen aus dem Kuchen zu picken, ist aber kein fairer Wettbewerb. Am Hauptbahnhof ist nun mal mehr los als in Grünau. Aber da fahren sie nicht!“

    #Berlin #Taxi #ride_sharing #disruption #Bahn




  • Berliner Register | Register zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle in Berlin
    https://berliner-register.de

    Auswertung der Vorfälle der Berliner Register für das Jahr 2017

    Im Jahr 2017 dokumentierten ReachOut, die Beratungsstelle für Opfer rassistischer und rechter Gewalt, und die Register in den Berliner Bezirken Angriffe und Vorfälle, die einen rassistischen, antisemitischen, homophoben oder diskriminierenden Hintergrund hatten. Unter Vorfällen, die bei den Registern aufgenommen werden, sind neben Gewalttaten auch Propagandaaktivitäten, wie das Anbringen von Aufklebern, Plakaten oder Sprühereien gefasst. Darüber hinaus werden auch Veranstaltungen und Beleidigungen gefasst, die einmal jährlich qualitativ ausgewertet werden.

    Read more about Auswertung der Vorfälle der Berliner Register für das Jahr 2017

    Zwischauswertung 2018 - Extrem rechte Vorfälle in Treptow-Köpenick steigen an

    Das Register zur Erfassung diskriminierender und extrem rechter Vorfälle in Treptow-
    Köpenick meldet einen starken Anstieg in der ersten Jahreshälfte.

    Dies zeigt sich vor allem im Vergleich mit dem Vorjahr. Waren es 2017 im selben Zeitraum noch
    206 Vorfälle, so sind es bereits 2018 über 260 (+27%). Dieser Anstieg lässt sich vor allem auf die
    Bereiche Propaganda (+30%) und Beleidigung/Bedrohung/Pöbelei (+181%) zurückführen.

    #Allemagne #extrême_droite #Berlin


  • Berlin-Reinickendorf: 80-jähriger Fleischer erschlägt Wildschwein und zerlegt es - Polizei - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/berlin-reinickendorf-80-jaehriger-fleischer-erschlaegt-wildschwein-und-zerlegt-es/23391048.html

    Nach den Rumänen kommen die Berliner. Selbstversorgung mit Fleisch oder leckeren Krebsen aus dem Tiergarten ist in Berlin verboten. Früher galt das Jagdprivileg für Adelige, heute muss man Grund und Boden, Jagdschein und registrierte Waffen besitzen, um sich selbst mit Fleisch versorgen zu dürfen.

    Dumm gelaufen für den pensionierten Berliner Schlachter, der sich endlich mal wieder die Tiefkühltruhe füllen wollte. Hätte auch klappen können ohne Denunzianten.

    06.11.2018, 10:08 Uhr Alexander Fröhlich

    Enthauptet, gehäutet, ausgenommen: Ein 80-jähriger Fleischer wollte Wildschwein essen, kann es sich aber nicht leisten. In Berlin-Tegel griff er selbst zur Axt.

    Die Berliner Polizei warnte ihre Twitter-Fans gleich vorab: „Wenn Sie nicht wissen möchten, was ein 80-jähriger Fleischer letzte Nacht auf einem Parkplatz in Reinickendorf mit einem Beil angestellt hat, klicken Sie bitte nicht hier.“ Auf zwei Fotos sind der abgetrennte Kopf eines Wildschweins, eine Axt und ein Wetzstahl zu sehen.

    Wer dann doch weiterklickt, bekommt eine ungewöhnliche Geschichte zu lesen. Sie handelt von einem Rentner, der sich gutes Fleisch vom Wildschwein nicht leisten kann und der sich im Tegeler Forst kurzerhand selbst bedient hat.

    Ein Zeuge hatte am Sonntagabend die Szenerie auf einem Discounter-Parkplatz an der Ecke Waidmannsluster Damm, Ecke Karolinenstraße beobachtet: Eine Frau und ein Pkw, dessen Scheinwerfer in den Wald am Tegeler Fließ leuchteten. Dem Zeugen kam das nicht ganz geheuer vor und er alarmierte die Polizei.

    Gegen 22.40 Uhr kam ein Funkstreifenwagen vorbei, die Beamten trafen eine 75 Jahre alte Frau. Sie sagte den Polizisten: „Ich warte auf meinen Mann, der gleich von der Arbeit kommt." Tatsächlich hatte ihr Mann zu tun: Die Beamten schauten sich weiter in dem angrenzenden Waldstück um und fanden eine Bache – enthauptet, gehäutet, teilweise ausgenommen.

    Verwertbare Eingeweide und einige größere Stücken Fleisch lagen schon in einer Kiste, die Schlachtutensilien gleich daneben. Der 80-Jährige versteckte sich derweil im Gebüsch, dann wurde er von den Polizisten entdeckt.

    Am Ende räumte der Mann seine Tat ein. Das Tier soll zutraulich gewesen sein, er habe es mit einem Beil erschlagen – um es fachmännisch zu schlachten und zu zerlegen. Leisten könne er sich das gute Wildschweinfleisch sonst nicht. Den Beamten zeigte er auch den abgetrennten Kopf der Bache. Die Polizei übergab die Kadaverteile an den herbeigerufenen Förster, die Schlachtwerkzeuge wurde beschlagnahmt.

    Nun wird gegen den pensionierten Fleischer wegen Jagdwilderei ermittelt. Noch nicht klar ist, ob der Mann sich zum ersten Mal selbst im Wald am Schwarzwild bedient hat. Das müsste nun im Zuge der weiteren Ermittlungen geklärt werden, sagte ein Sprecher der Polizei.

    Es ist nicht der erste Fall in Berlin, in dem Tiere einfach geschlachtet werden. In Mariendorf wurden Schafe des Kindergartens Global Village gestohlen. Auch der Neuköllner Streichelzoo war mehrfach betroffen. Dort hatten im Februar zwei wohnungslose Rumänen versucht, eine Angoraziege zu schlachten. Im Strafprozess wegen Diebstahls mit Waffen sowie der „Tötung eines Wirbeltiers ohne vernünftigen Grund“ erklärten die beiden Männer: „Wir töteten das Tier, weil wir Hunger hatten." Bereits im Januar war ein Schaf des Streichelzoos gestohlen und ausgeweidet worden.

    #Berlin #Reinickendorf #Waidmannsluster_Damm #Karolinenstraße #Armut #Hunger


  • Umbenennung des Mariannenplatzes in Kreuzberg: Kurt Wansner gegen Rio Reiser - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/umbenennung-des-mariannenplatzes-in-kreuzberg-kurt-wansner-gegen-rio-reiser/23655358.html

    19.11.2018, 22:16 Uhr Robert Kiesel

    Der CDU-Politiker kritisiert die Pläne für Umbenennung des nördlichen Mariannenplatzes und warnt davor, „dass der Bezirk nicht zur Beute linksradikaler Kreise“ werde.

    Die Debatte um eine mögliche Umbenennung des nördlichen Mariannenplatzes in Rio-Reiser-Platz geht in die nächste Runde: Jetzt meldet sich das Kreuzberger CDU-Urgestein Kurt Wansner zu Wort und kritisiert den von der Linken initiierten Vorschlag. „Das ist Gentrifizierung der Tradition meines Bezirks“, wettert der 71-Jährige im Gespräch mit dem Tagesspiegel und übernimmt dabei – gewollt oder nicht – einen Kampfbegriff des politischen Gegners.

    Man müsse aufpassen, „dass der Bezirk nicht zur Beute linksradikaler Kreise“ werde, warnt Wansner angesichts der möglichen Umbenennung des „schönsten Platzes in Kreuzberg“ und attackiert zugleich die vielen „Zugezogenen“ in seinem Bezirk, die diesen inzwischen zu sehr dominieren würden. „Der Mariannenplatz ist für meinen Bezirk sehr wichtig“, schließt Wansner, der seit 1995 ununterbrochen Mitglied des Abgeordnetenhauses ist und viele Jahre Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes war.

    Martin Richter, als Bürgerdeputierter der Linken-Fraktion im Bezirk auch Mitglied des für Straßenumbenennungen zuständigen Kulturausschusses, ist von Wansners Kritik nicht überrascht. Richter war es, der die Idee einer teilweisen Umbenennung des Mariannenplatzes in Rio-Reiser-Platz vor mehr als einem Jahr aufgeworfen hatte. Ein Jahr später fasste die BVV einen Entschluss, in dem eine Umbenennung zumindest „in Betracht gezogen“ wird. Die bezirksinterne Vorgabe, bei Umbenennungen zunächst nur noch Frauen zu würdigen, konnte mit Reisers Homosexualität umgangen werden.

    CDU und Rio Reiser hatten schon in den 70ern ein angespanntes Verhältnis
    Aktuell läuft im Bezirk eine Anwohnerbefragung zur Frage der angemessenen Ehrung von Rio Reiser. Sie ist nicht bindend und soll lediglich ein Stimmungsbild einholen, versichert Martin Richter. Neben den Plänen zur Umbenennung eines Teils des Mariannenplatzes gab es auch Überlegungen, ersatzweise den Heinrichplatz zum Rio-Reiser-Platz zu machen.

    Tatsächlich gibt es einige Anknüpfungspunkte zwischen dem Mariannenplatz und dem künstlerischen Schaffen des „Ton Steine Scherben“-Sängers: Der bis heute zum Standardrepertoire der linken Hausbesetzerszene gehörende „Rauch-Haus-Song“ thematisiert die Besetzung des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses am Mariannenplatz am 8. Dezember 1971, dessen Schwesternwohnheim die Besetzer „Georg-von-Rauch-Haus“ nannten. Ob der 1996 verstorbene Reiser den Song tatsächlich während der Besetzung schrieb, ist nicht sicher belegt.

    Klar ist, und da schließt sich der Kreis zu Kurt Wansner: Reiser und die CDU hatten bereits in den 70er Jahren ein mindestens angespanntes Verhältnis zueinander. Im „Rauch-Haus-Song“ sang Reiser: „Der Senator war stinksauer, die CDU war schwer empört, dass die Typen sich jetzt nehmen, was ihnen sowieso gehört.“

    #Berlin #Kreuzberg #Mariannenplatz #Gechichte #Hausbesetzungen #Politik #Musik


  • Preußische Eisenbahn: Vor 180 Jahren eröffnete die erste Bahnstrecke zwischen Berlin und Potsdam - Berlin - Tagesspiegel
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/preussische-eisenbahn-vor-180-jahren-eroeffnete-die-erste-bahnstrecke-zwischen-berlin-und-potsdam/23239764.html

    29.10.2018, 07:16 Uhr Andreas Conrad

    Am 29. Oktober 1838 fuhr die erste Eisenbahn auf der neuen Strecke. Dabei war der König Friedrich Wilhelm III. zunächst skeptisch. Ein Rückblick.

    Selbstverständlich war der Zug nicht pünktlich, startete aus Berlin mit einigen Minuten Verspätung, aber das dürfte die Reisenden an jenem 29. Oktober 1838 nur wenig gestört haben, ja, es machte die Reise doch nur noch spannender. Und das konnte ihnen sowieso niemand nehmen: Sie würden die ersten Berliner Eisenbahn-Reisenden sein.

    Es ist in den vergangenen Jahren oft von der gewünschten, geplanten, abgelehnten Wiedereröffnung der Stammbahn die Rede gewesen, dem Lückenschluss der Bahnverbindung zwischen Berlin und Potsdam. Erst vor wenigen Tagen hat die Deutsche Bahn ihre Pläne bezüglich einer Erneuerung dieses Schienenweges noch einmal bekräftigt. Ob aber wohl jeder Teilnehmer an der oft heftig geführten Diskussion die Herkunft des Namens Stammbahn erklären könnte, sei dahingestellt. Dabei ist es so einfach: Die Strecke Berlin-Potsdam war die erste Eisenbahnverbindung Preußens, teileröffnet am 22. September 1838, als es von Potsdam aus nur bis nach Zehlendorf ging, komplett in Betrieb genommen heute vor 180 Jahren.

    Skeptische Preußen

    Erst drei Jahre zuvor war zwischen Nürnberg und Fürth das Eisenbahnzeitalter auch in Deutschland eröffnet worden, in Preußen dagegen war man bei Hofe anfangs skeptisch. „Kann mir keine große Seligkeit davon versprechen, ein paar Stunden früher von Berlin in Potsdam zu sein“, grummelte Friedrich Wilhelm III. Sein Thronfolger, der spätere Friedrich Wilhelm IV., dagegen erkannte die Zeichen der Zeit und jubelte nach der – angeblich sogar auf der Lok absolvierten – Jungfernfahrt: „Diesen Karren, der durch die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf.“ Womit er wohl eher den Zeitgeist traf als der eher auf Gemütlichkeit schwörende Herr Papa. Die „Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen“ schwärmten denn auch von einem „lichten Moment in der Geschichte Berlins“, während die „Vossische Zeitung“ in der Eröffnung der kompletten Strecke gar den „Anfangspunkt einer höchst segensreichen, bedeutungsvollen Zukunft“ sah.

    Im Jahr vor der Eröffnung der Strecke hatte die Berlin-Potsdamer Eisenbahngesellschaft vor dem Potsdamer Tor ein zuvor für das Bleichen von Stoffen genutztes Grundstück erworben und dort, nahe dem Potsdamer Platz, den ersten Bahnhof Berlins errichtet. Das Gegenstück in Potsdam befand sich etwa dort, wo sich noch heute der Hauptbahnhof von Brandenburgs Landeshauptstadt befindet. Auch Zehlendorf hatte eine Station, 1839 folgte Steglitz.

    Die Züge, vorneweg Robert Stephensons „Adler“, stammten noch aus englischer Produktion. Die erste Lok des Berliner Eisenbahnkönigs August Borsig wurde erst 1840 montiert. Da hatte es bereits den ersten Eisenbahnunfall gegeben.

    Spaziergang auf der alten Stammbahntrasse in Zehlendorf, hier am Hegauer Weg. Die Bahnstrecke führte einst vom Berliner zum Potsdamer Hauptbahnhof über Zehlendorf. Seit 1945 ist sie außer Betrieb. Stillgelegte Teile davon lassen sich zu Fuß ablaufen.

    Das ist die Strecke, um die es geht - vom Berliner zum Potsdamer Hauptbahnhof, über Steglitz, Kleinmachnow und Babelsberg. Die Stammbahn könnte durchaus wiederaufgebaut werden - oder als Fahrradschnellweg dienen.

    Der 13. Tag war der Unglückstag

    Für den Bahnhof vor dem Potsdamer Tor hatte die Berliner Polizei strenge Verhaltensregeln erlassen, ordnete „größte Vorsicht bei dem Verkehr in der Nähe der Bahn und auf den Übergängen derselben“ an: „Die zur Befriedung der Bahn und zur Sicherung der Übergänge dienenden Verschluss-Anlagen dürfen nicht bestiegen werden, auch darf niemand an solche andrängen.“ Aber ausgerechnet am 13. Tag nach Eröffnung fuhr eine Lok auf einen vor ihr fahrenden Zug auf. Köpfe stießen zusammen, es gab Beulen und eine Frau verlor zwei Zähne.


    Täglich vier „Dampfwagen-Fahrten“ hin und zurück gab es anfangs, um die 40 Minuten wurden für die 26 Kilometer benötigt. Einer der regelmäßig das neue Transportmittel nutzenden Berliner war der Maler Adolph Menzel, der in Potsdam gern seinen Freund Wilhelm Puhlmann besuchte. Der erwarb auch die Ölskizze „Die Berlin-Potsdamer Bahn“ (1847), die sich heute in der Nationalgalerie befindet. Zwei Jahre zuvor hatte Menzel dazu eine Bleistiftskizze angefertigt, die Bahngleise noch ohne Zug.

    #Berlin #Potsdam #Geschichte #Eisenbahn #Stammbahn


  • November 1918: Die Schauplätze der Revolution in Berlin - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/november-1918-die-schauplaetze-der-revolution-in-berlin/23353856.html

    09.11.2018, 00:07 Uhr Andreas Austilat

    An welchen Orten fand die Novemberrevolution vor 100 Jahren in Berlin statt - und wie sieht es dort heute aus? Eine Reise durch die Zeit.

    Arbeiter formieren sich zu Marschkolonnen, auf der Chausseestraße fallen Schüsse. Und der Kanzler wartet auf Nachricht vom Kaiser. Lesen Sie hier den Essay von Andreas Austilat über die Novemberrevolution 1918 in Berlin.

    1. Bebelplatz / Straße unter den Linden
    Im November 1918 heißt der Bebel- noch Kaiser-Franz-Josef-Platz. Das Bild zeigt einen Demonstrationszug der die Linden hinunter zum Schloss zieht. Im Hintergrund erkennt man rechts das Alte Palais und links daneben die ehemals Königliche Bibliothek, die schon damals von der Universität genutzt wurde. Heute befindet sich dort die Bibliothek der Juristischen Fakultät. In der Mitte des Demonstrationszuges schwenkt ein Matrose in Marineuniform eine rote Fahne.

    2. Garde-Ulanen-Kaserne / Invalidenstraße 55
    Es ist der 9. November 1918, immer mehr Demonstranten tauchen vor den Berliner Kasernen auf und fordern die Soldaten auf, sich ihnen anzuschließen. So auch die Garde-Ulanen in der Invalidenstraße. Teile der Truppe legen die Waffen nieder, das Regiment wird aufgelöst. Doch im Januar werden viele einstige Ulanen zurückkehren und sich den Freikorps anschließen, die an der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beteiligt sind. 1943 nutzt die SS die Ställe der Kaserne, um dort jüdische Bürger Berlins zu sammeln, die anschließend am Moabiter Güterbahnhof die Züge nach Auschwitz besteigen müssen. Die Kaserne wird 1955 abgerissen, in den 1970er Jahren wird dort die Heinrich-Zille-Siedlung errichtet.

    3. Maikäferkaserne / Chausseestraße
    Die Kaserne der Garde-Füsiliere in der Chausseestraße. Bei einem Handgemenge vor dem Tor sterben drei Demonstranten, unter ihnen Erich Habersaath, der erste Tote des Tages. Nach ihm wird später die ehemalige Kesselstraße benannt, die zu einem Nebentor der Kaserne führt. Lange befand sich auf dem Gelände, der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kaserne, das Stadion der Weltjugend. Heute ist dort der Sitz des Bundesnachrichtendienstes.

    4. Vor dem Berliner Schloss / Lustgartenseite
    Am 29. Dezember findet vor dem Schloss eine Kundgebung zum Gedenken an die Matrosen statt, die bei den Kämpfen mit Freikorpsangehörigen an Weihnachten getötet wurden. Der Redner auf der Balustrade ist Otto Tost, zeitweise Befehlshaber der Volksmarinedivision. Im Hintergrund erkennt man in der Mitte das heute nicht mehr existierende Gebäude der Danat-Bank. Rechts am Rand der Straße Unter den Linden, die Kommandantur. Äußerlich rekonstruiert ist dort heute die Hauptstadtrepräsentanz der Bertelsmann-Stiftung.

    5. Circus Busch, James-Simon-Park
    Der Circus Busch an der Burgstraße ist damals beliebte Vergnügungsstätte, der Kuppelbau fasst 4000 Zuschauer. Am 10. November ist er Schauplatz der Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte. Bestätigt wird der Rat der Volksbeauftragten, gebildet von SPD und USPD, der bis zum Jahresende die Regierungsgeschäfte führt. Der Circus wurde 1937 abgerissen, heute befindet sich dort ein Park, zu sehen am rechten Bildrand.

    6. Berliner Schloss, Portal IV
    Am 24. Dezember wurde das Schloss von Freikorps-Truppen mit Artillerie beschossen, um die Volksmarinedivision zu vertreiben, doch die behauptete sich. Das Original wurde zu DDR-Zeiten in das Staatsratsgebäude eingefügt, Liebknecht hatte einst vom Balkon die sozialistische Republik ausgerufen. Liebknecht hatte einst vom Balkon zur Lustgartenseite hin die sozialistische Republik ausgerufen.

    7. Schlossplatz, Ecke Breite Straße
    Das Bild zeigt Soldaten auf der anderen Seite des Schlosses, an der Ecke Breite Straße vor dem Marstall, vermutlich um Weihnachten 1918, als der Streit um die Besetzung des Schlosses durch die Volksmarinedivision eskalierte und zur Schlacht mitten im Stadtzentrum geriet. Die Männer dürften die Situation hier nachgestellt haben, während der Kämpfe hätten sie sich kaum so exponieren können. Heute ist die Fassade des Schlosses im Hintergrund an dieser Stelle weitgehend rekonstruiert.

    8. Marinehaus, Märkisches Ufer 48-50
    Das Marinehaus ist das letzte Hauptquartier der Volksmarinedivision. Per Handzettel wurden zu Beginn der Revolution die überall in der Stadt auftauchenden Matrosen der Kriegsmarine aufgefordert, sich am 11. November im Neuen Marstall zu melden, dort wurde die Division als eine Art Schutztruppe der jungen Republik aufgestellt. Lange begriff sich die Division als überparteilich. Doch im Dezember geriet sie immer stärker in Opposition zur Mehrheit der Sozialdemokraten. Der Streit eskaliert Weihnachten in Kämpfen um das Berliner Schloss. Im März 1919 wird die Truppe aufgelöst, das Bild zeigt die Abgabe der schweren Waffen. Das Marinehaus steht heute noch, in DDR-Zeiten wurde dort eine Gaststätte eingerichtet, im Erdgeschoss ist im Haus immer noch ein Restaurant.

    9. Friedrichstraße Ecke Kochstraße
    Die Aufnahme der Straßenkämpfe ist vermutlich im Januar 1919 entstanden. Darauf deutet die Werbung auf der Litfaßsäule hin. Das aktuelle Foto zeigt die direkt gegenüberliegende Straßenecke.

    #Berlin #Geschichte #Revolution #1918


  • Mendes Lexikon der Berliner Begräbnisstätten: Eine Reise über die Friedhöfe der Haupstadt | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/lexikon-der-begraebnisstaetten-berlins-besonderes-buch-der-toten-31

    Berlin hat 394 Begräbnisstätten, 195 davon noch in Betrieb, 80 geschlossen, 111 überbaut, zudem 17 Einzel- und Sondergrabanlagen. Menschen besuchen sie in großer Zahl – zum Trauern, Erinnern, um Stille in der Großstadt oder die Begegnung mit den Trägern großer Namen zu suchen. Aber wie soll man die Gräber finden?

    Soeben ist ein gewaltiges Werk erschienen, das „Lexikon Berliner Begräbnisstätten. Sozial- und kunsthistorischer Wegweiser zu allen Berliner Kirch- und Friedhöfen und Grabstätten bekannter Persönlichkeiten“ (Pharus). Ein mächtiges Buch, sage und schreibe 1147 Seiten, dichteste Typografie: kleine Buchstaben, eng stehende Zeilen, kaum Ränder – maximale Platzausnutzung, maximale Informationsdichte. Für jeden Friedhof gibt es einen Lageplan und einen historischen Abriss. Hunderte Fotos zeigen wichtige oder interessante Grabanlagen.
    ...
    Ein eindruckvolles Werk, es ist das letzte, das Hans-Jürgen Mende, der leidenschaftliche Berlin-Historiker, Gründer, Motor und Seele des leider aufgelösten Luisenstädtischen Bildungsvereins, hinterließ. Er ist am 21. September verstorben.

    Pharus – Pharus Stadtplan Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Begräbnisstätten
    http://www.pharus-plan.de/en/?kat=1-0-&artid=2039

    Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Begräbnisstätten
    Ein Wegweiser zu Grab- und Erinnerungsstätten
    Hardcover mit 1.156 Seiten. Mit detaillierter Darstellung der Grabfelder. Durchgängig farbig und reich illustriert. Mit Register (alphabetisch und numerisch).
    Ein sozial- und kunsthistorischer Wegweiser zu allen Berliner Kirch- und Friedhöfen und Grabstätten bekannter Persönlichkeiten
    Size: ca. 16 x 23 cm, Edition: 1. Auflage 2018, ISBN: 978-3-86514-206-1, Price: 78,00 Euro

    #Berlin #Geschichte #Friedhöfe


  • Hilfe für Obdachlose in Berlin-Schöneweide: Gabenzaun für Bedürftige | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/hilfe-fuer-obdachlose-der-gabenzaun-von-schoeneweide--31545248


    Der Gabenzaun wurd ekurze Zeit später vandalisiert. Die Initiatorin gab das Projekt auf und versuchte andere Wege zu gehen.

    Schöneweide - Manchmal passiert es, dass Ideen zuerst etwas banal erscheinen – doch schon nach kurzer Zeit stellt sich plötzlich heraus, dass sie absolut wichtig und notwendig sind. Ines Achtert aus Köpenick erlebte einen solchen Moment erst Ende der Woche. Sie kam am Bahnhof Schöneweide an und ging zu dem Bauzaun, an dem sie Tage zuvor Schals und Handschuhe mit Klammern befestigt hatte – und staunte. „Von den Schals waren nur noch wenige da, die Handschuhe waren weg“, sagt sie, und in ihrer Stimme hört man Zufriedenheit. „Da merkte ich: Mein Projekt wird angenommen.“

    „Sie sind nicht die Obdachlosen, zu denen Passanten den Kontakt suchen“
    Ihr Projekt heißt „Gabenzaun“ und die Idee stammt ursprünglich aus Hamburg. Dort steht am Hauptbahnhof ein Zaun, an dem Menschen Dinge befestigen, die sie selbst nicht mehr brauchen, die anderen aber helfen können. Obdachlose können sich dort kostenlose Kleidung abholen, die andere am Zaun angebracht haben.

    Ines Achtert hat diese Idee nach Berlin geholt – der Anreiz kam durch den Brandanschlag, der sich am S-Bahnhof Schöneweide Ende Juli ereignete. Ein Täter hatte dort Obdachlose mit einer Flüssigkeit übergossen und angezündet, die Tat hatte für Entsetzen gesorgt. „In der Stadt wird zwar viel für Obdachlose getan, aber im Osten gibt es weniger solche Initiativen“, sagt Achtert. „Es gibt eine Gruppe, die schon lange nach einem Platz für einen solchen Zaun sucht – ich habe es aber nun einfach gemacht.“


    Ines Achtert vor dem Gabenzaun am Bahnhof. Unweit geschah Ende Juli ein Brandanschlag auf Obdachlose.

    Ihr „Gabenzaun“ ist ein Bauzaun, an dem sie ein selbst gemaltes Schild befestigte. Achtert kennt die Obdachlosen, die ringsherum leben. „Ich komme oft hier vorbei, unterhalte mich mit ihnen“, sagt sie. „Viele haben Suchtprobleme, trinken, sind aggressiv und am Boden. Sie sind nicht die Obdachlosen, zu denen Passanten den Kontakt suchen. Deshalb wollte ich denen, die helfen wollen, sich aber nicht trauen, die Jungs anzusprechen, eine Möglichkeit bieten.“ Das Feuer-Attentat habe den Platz düsterer gemacht. Achtert will dafür sorgen, dass hier wieder Menschlichkeit zu spüren ist.

    Mit dem „Hackenporsche“ zur Kleiderkammer 
    Dabei hat die Köpenickerin selbst harte Zeiten hinter sich. Die gelernte Kauffrau in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft bekommt seit ein paar Jahren aus gesundheitlichen Gründen eine EU-Rente, die sehr knapp ist. „Ich weiß, wie es ist, wenn man unverschuldet in Not gerät und am Existenzminimum lebt“, sagt sie. „Vielleicht habe ich deshalb mehr Verständnis für Menschen in Notsituationen.“


    Foto: Markus Wächter Warme Socken, Handschuhe, Kosmetikpröbchen und Co. – all das können sich Bedürftige am „Gabenzaun“ in Schöneweide holen.

    Täglich schnappt sich Achtert ihren Rollkoffer, „Hackenporsche“ nennt sie ihn liebevoll. Sie fährt zu einer Kleiderkammer, wo sie für 50 Cent gebrauchte Kleidung bekommt, oder holt Spenden bei Privatpersonen ab. „Ich sortiere die Dinge aus und bringe sie dann zum Zaun.“ Sie verkaufte sogar ein Kleid für fünf Euro im Internet, um dafür zehn andere Kleidungsstücke zu kaufen. „Allein kann ich es aber nicht stemmen. Ich hoffe, dass sich noch andere bereit erklären, etwas zum Gabenzaun beizutragen und das Projekt zu unterstützen“, sagt sie.

    Auf jeden Kritiker kommen zehn begeisterte Berliner
    In den sozialen Netzwerken fallen die Reaktionen auf die Idee gemischt aus. Es sei nur ein Bauzaun, der verschwindet. Ob sie eine Genehmigung habe, fragte ein Nutzer. Eine kritisierte, der Zaun sehe „müllig“ aus. Unterkriegen lassen will sich die 50-Jährige nicht – außerdem kommen auf jeden Kritiker zehn begeisterte Berliner.

    „Ich finde es wichtig, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und Bedenkenträger gibt es immer.“ Sie könne sich nicht damit abfinden, dass vor unser aller Augen Menschen erfrieren. „Jeder Obdachlose war auch mal ein Junge mit einer Zuckertüte, jede ,Pennerin‘ mal ein Mädchen, das mit Puppen spielte – und sie alle haben sich ihr Leben sicher anders vorgestellt und gewünscht.“

    #Berlin #Treptow-Köpenick #Schöneweide #Obdachlosigkeit


  • Aus Fremdenhass: Berliner Obdachloser wollte Sachbearbeiterin töten | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/polizei/aus-fremdenhass--obdachloser-gesteht-vor-gericht---sachbearbeiterin

    Berlin - Mario Z. wollte in einer Obdachlosenunterkunft ein Einzelzimmer. Er bekam es nicht. Deswegen ging er am 19. September 2016 zum Sozialamt an der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Er lief in die dritte Etage, wo die Abteilung Soziale Wohnhilfe untergebracht ist. Als seine Sachbearbeiterin die Tür zu ihrem Büro öffnete, um mit russischem Akzent den nächsten Kunden aufzurufen, stürmte Mario Z. mit einem Kampfmesser in der Hand auf sie zu.

    Er wollte sie töten. Weil sie keine Deutsche sei und durch ihr Verhalten Deutsche schädige, heißt es in der Anklage. Tatsächlich traf Mario Z. einen Kollegen der Frau, der sich ihm in den Weg stellte, am Oberkörper. „Ich wollte sie umbringen“, gab der 59-jährige am Montag vor einer Schwurgerichtskammer zu.

    Angeklagter wollte seinen Namen umändern

    Er habe so aus seiner Obdachlosigkeit herauskommen wollen, zudem hasse er Ausländer. „Ich wollte eine Ausländerin umbringen, die ich kenne, die mich beschissen hat“, erklärt er mit fester Stimme. Schließlich hätte ihm seine Sachbearbeiterin bei einem Gespräch zuvor erklärt, dass sie ihm kein Einzelzimmer besorgen könne. Sein Hass auf Ausländer geht so weit, dass er einen Namensänderung beantragt hat: Mario sei italienisch, sagt er. Er wolle Marko gerufen werden.

    Es ist bereits der zweite Prozess gegen den früheren Taxifahrer, der nach eigener Aussage Beethoven liebt und derzeit Englisch und Französisch lernt. Wegen des Messerangriffs war er bereits im Mai vorigen Jahres zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Zudem wurde die Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet, weil Mario Z. zur Tatzeit erheblich vermindert schuldfähig gewesen sein soll.

    Mario Z. will nach Tegel verlegt werden

    Gegen das Urteil hatte die Sachbearbeiterin als Nebenklägerin Revision eingelegt. Der Angeklagte selbst ging ebenfalls gegen die Entscheidung vor, weil er nicht in der Psychiatrie landen wollte. „Ich will nach Tegel, zu den normalen Straftätern. Ich will von diesem Idiotenparagrafen weg“, begründet er.

    Ironischerweise hatten beide Revisionsanträge Erfolg. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf mit der Begründung, die Richter im ersten Verfahren hätten Mordmerkmale wie niedrige Beweggründe und Heimtücke nicht ausreichend in Betracht gezogen. Zudem seien die Feststellungen zur verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten fehlerhaft.

    Verurteilung wegen versuchten Mordes steht bevor

    Mario Z. erklärt in dem neuen Prozess, dass er schon einmal mit dem Kampfmesser, Klingenlänge 25 Zentimeter, losgezogen sei, um die Sachbearbeiterin zu töten. Das sei ein Tag vor der Tat gewesen. Er sei auf halbem Weg umgekehrt. „Ich bin kein Gewohnheitsverbrecher.“

    Tags darauf schritt er zur Tat. Er habe der Frau in den Hals stechen wollen, sie aber nicht erwischt, sondern ihren deutschen Kollegen. „Ein Kollateralschaden“, sagt Mario Z. zynisch. Auf seiner Flucht soll er noch einen türkischstämmigen Wachmann verletzt haben. Das allerdings bestreitet der Angeklagte.

    Jedenfalls konnte Mario Z. das Sozialamt unbehelligt verlassen. In einer Obdachlosenunterkunft wurde er später festgenommen. Seitdem wartet er in der Psychiatrie auf ein rechtskräftiges Urteil. Ihm droht eine Verurteilung wegen versuchten Mordes.

    Kein Reue

    Die Tatwaffe, die lange Zeit fehlte und deswegen auch beim ersten Prozess nicht gezeigt werden konnte, liegt nun auf dem Richtertisch. Das Messer hatte Mario Z. erst kürzlich wiedergefunden, wie er sagt – in der Psychiatrie. Nach seinen Angaben sei es aus einer Tasche mit doppeltem Boden gefallen. Niemand hatte das Messer bemerkt, er selbst hatte es nach eigener Aussage vergessen.

    Die Sachbearbeiterin aus dem Sozialamt leidet noch immer unter den Folgen der Tat. Laut Gericht sei sie arbeitsunfähig, sie habe Schlafstörungen und könne keine U-Bahn mehr benutzen. Ob sie als Zeugin gehört werden kann, ist fraglich. Ihrem Kollegen geht es psychisch gut, er hat sich jedoch versetzen lassen. Und Mario Z.? Er bereut seine Tat nicht. Die Frau habe ihm damals nicht leidgetan und auch heute nicht. Es sei immer noch „eine angemessene Überlegung, sie zu töten“.

    #Berlin #Kriminalität #Obdachlosigkeit


  • Neubaugebiete in Berlin: Planer denken nicht an Kitas und Schulen | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/neubaugebiete-in-berlin-planer-denken-nicht-an-kitas-und-schulen-31

    Überall in Berlin entstehen derzeit Neubausiedlungen in großem Stil. In Karlshorst und in der Rummelsburger Bucht haben Eltern bereits demonstriert, weil die Planer es versäumten, neue Kitas und Schulen mitzuplanen.

    Eine Anfrage der Abgeordneten Katalin Gennburg (Linke), die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt, offenbart nun: Für Neubausiedlungen scheint es ein systematisches Planungsdefizit zu geben. Es wird nämlich generell pro errichteter Wohnung angenommen, dass dort nur zwei Personen pro Haushalt wohnen werden.

    „Gemäß dem Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung sind von zwei Einwohnern pro errichteter Wohneinheit 7 Prozent der Einwohner Kitakinder und 6 Prozent Grundschüler“, teilte Sebastian Scheel, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, mit.

    „Wir müssen Kinder mitdenken“

    „Der Normalhaushalt besteht aber in solchen Siedlungsgebieten meist aus mehr als zwei Menschen“, merkte Katalin Gennburg, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linke-Fraktion, kritisch an. An der Rummelsburger Bucht sind zudem nicht nur hochpreisige Eigentumswohnungen geplant, auch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge will dort etwas kleinere Wohnungen errichten, in denen auch kinderreiche Familien unterkommen sollen.

    „Deshalb erscheinen die Kennzahlen für die B-Planung zu niedrig“, sagte Gennburg und verwies darauf, dass im Wohnungsbau weitere Großprojekte anstehen. Zum Beispiel die Elisabeth-Aue im Pankower Norden, auch wenn hier bis 2021 ein Projektstopp gilt.

    Interessant sei zudem, dass im Geschosswohnungsbau für eine Wohneinheit eine Fläche von 100 Quadratmetern angenommen werde – für statistisch zwei Personen. „Hier sollten wir eine Debatte über den Wohnflächenverbrauch führen“, sagte Gennburg. Stattdessen könnte angesichts des Bevölkerungswachstums für weniger Geld kleiner gebaut werden. „Und wir müssen Kinder mitdenken.“

    Jeder zehnte Schüler besucht eine Privatschule

    Bedenklich ist, dass nach Angaben der zuständigen Senatsverwaltung beim Modell der kooperativen Baulandentwicklung nur 70 Prozent der Kinder in einer Kita im Bezirk versorgt werden. Tatsächlich aber liegt die tatsächliche Betreuungsquote schon jetzt höher. Nach dem Willen des rot-rot-grünen Senats besuchen künftig noch mehr Kinder eine Kita – und zwar noch früher.

    Die Antwort auf die parlamentarische Anfrage zeigt auch, wie sehr der Senat jetzt schon auf das Angebot von Privatschulen angewiesen ist. Öffentliche Schulbauten werden nur noch für 90 Prozent der schulpflichtigen Kinder einkalkuliert. Der Rest soll Privatschulen besuchen, was bereits jetzt jeder zehnte Berliner Schüler macht.

    Immer mehr Schulcontainer

    Raumnot und rege Bautätigkeit in vielen Schulgebäuden zwingen die Bezirke inzwischen dazu, immer mehr Schüler in schnöde Container-Bauten auszulagern. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage des FDP-Politikers Bernd Schlömer hervor, die der Berliner Zeitung ebenfalls vorliegt. Demnach kommen an den staatlichen Berliner Schulen bereits jetzt gut 1030 Schulcontainer zum Einsatz, die meisten davon in Spandau (221), Mitte (214 ) und Friedrichshain-Kreuzberg (189).

    „Die Container dienen der befristeten Bereitstellung von Unterrichtsräumen während Sanierungsarbeiten, bei temporär auftretenden Bedarfsspitzen und zur Bedarfsdeckung bis zur Fertigstellung neuer Schulgebäude“, sagte Bildungsstaatssekretär Mark Rackles. Eine dauerhafte Nutzung sei anders als bei den Modularen Ergänzungsbauten nicht vorgesehen.

    Container sollen dauerhaft zum Einsatz kommen

    Bei den Containern kommen demnach verschiedenste Hersteller zum Zuge, meist wird gekauft, mitunter auch gemietet. Um einen Unterrichtsraum aufzunehmen, würden drei Container benötigt, erklärte Rackles. Zumindest kurzfristig sei der Aufbau einer „strategischen Containerreserve“ auf Landesebene nicht vorgesehen.

    „Der Senat verschleiert seine tatsächlichen Absichten“, sagte FDP-Mann Schlömer. Notwendig sei eine professionell arbeitende Infrastrukturgesellschaft, die Schulen schnell und nach zeitgemäßen Standards ausstatte. Er gewinne allerdings den Eindruck, dass auch Container dauerhaft zum Einsatz kommen sollen.

    #Berlin #Stadtentwicklung #Schule


  • Karl-Marx-Allee: Friedrichshain-Kreuzberg legt sich mit Deutsche Wohnen an | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/karl-marx-allee-bezirk-legt-sich-mit-deutsche-wohnen-an-31617076

    Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg legt sich mit dem Konzern Deutsche Wohnen an. Nachdem die Berliner Zeitung vor kurzem darüber informiert hatte, dass der größte private Vermieter der Stadt rund 700 Wohnungen an der Karl-Marx-Allee erwerben will, versucht Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne), dem Konzern einen Strich durch die Rechnung zu machen.

    Für drei der vier Gebäudeblöcke an der Allee mit mehr als 600 Wohnungen bestehe zwar kein gesetzliches Vorkaufsrecht, doch prüfe das Bezirksamt die Möglichkeit eines „treuhänderischen Kaufs“, beispielsweise über eine städtische

    Zwei Monate Zeit

    Wohnungsbaugesellschaft, teilt Schmidt den Mietern jetzt in einem Schreiben mit. Betroffen sind die Blöcke C-Nord, C-Süd sowie D-Nord, die alle im Bereich zwischen dem Frankfurter Tor und dem Strausberger Platz liegen. Die Mietwohnungen in diesen Gebäuden wurden laut Schmidt bereits in Eigentumswohnungen umgewandelt. Der jetzt stattfindende Verkauf führe dazu, dass das gesetzliche Vorkaufsrecht für die Mieter ausgelöst werde. Darüber seien die Mieter durch den beauftragten Notar bereits informiert worden. 

    Die Mieter haben zwei Monate Zeit, um von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen – ab Zugang der Mitteilung durch den Notar. Das spezielle Problem in diesem Fall: Sie können nur dann ihre Wohnung kaufen, wenn das Geld für den Erwerb bereits vorhanden sei, schreibt Schmidt in dem Brief. Denn durch die Verträge sei eine Kreditaufnahme bei einer Bank mit Grundbuch-Sicherung noch vor der Eigentumsumschreibung ausgeschlossen. 

    Vorkaufsrecht in Milieuschutzgebieten

    Dass es Mieter gibt, die das Geld parat haben, gilt als unwahrscheinlich. Aus diesem Grund will der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Möglichkeit des treuhänderischen Erwerbs prüfen. Hierbei würde beispielsweise eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft die Wohnung übernehmen und dann weiter an die jetzigen Bewohner vermieten. 

    Beim Block D-Süd, in dem es rund 80 Wohnungen gibt, ist die Ausgangslage eine andere: Dieser Block liegt im Milieuschutzgebiet Weberwiese. Hier hat der Bezirk ein gesetzliches Vorkaufsrecht. Die Deutsche Wohnen kann dies jedoch ins Leere laufen lassen, wenn sie eine Vereinbarung unterzeichnet, in der sie sich zur Einhaltung der Milieuschutz-Ziele verpflichtet.

    Bewohner sind alamiert

    Als Käufer der Wohnungen in der Karl-Marx-Allee tritt laut Stadtrat Schmidt die DWRE Alpha GmbH auf. Dabei handelt es sich laut Geschäftsbericht der Deutschen Wohnen um ein Tochterunternehmen des Konzerns. Gegenstand der Geschäftstätigkeit ist laut Handelsregister unter anderem „der Erwerb und die Veräußerung von Grundstücken“.

    Die Bewohner sind alarmiert. Sie befürchten, dass das Vorkaufsrecht bei dem Geschäft unterhöhlt werde, wie aus einer Stellungnahme des Mieterbeirats hervorgeht – und fordern die Überprüfung der Transaktion.

    #Berlin #Friedrichshain #Karl_Marx_Allee #Immobilien #Gentrifizierung #Widerstand #Politik


  • Entbehrliche Grundstücke: Bund und Land verhandeln über sozialen Wohnungsbau | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/entbehrliche-grundstuecke-bund-und-land-verhandeln-ueber-sozialen-w

    Ein Grundstück mit einer früheren Dienstvilla des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Zehlendorf und eine ehemalige Fläche der Roten Armee in Karlshorst – das sind zwei von 65 Immobilien in Berlin, von denen sich der Bund trennen will. Das geht aus der Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Frage der Bundestagsabgeordneten Daniela Kluckert (FDP) hervor.

    „Nach Mitteilung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) stehen nach der aktuellen Verkaufsplanung für die Jahre 2018/19 in Berlin 65 Liegenschaften zur wirtschaftlichen Verwertung zur Verfügung“, heißt es in dem Schreiben. Die Grundstücke seien entweder unbebaut oder gewerblich genutzt.

    "Soziales und ökologisches Bauen, das allen Generationen nutzt.“
    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werde mit dem Land Berlin über zehn dieser 65 Grundstücke verhandelt – vor allem im Hinblick darauf, ob sie sich für eine Bebauung mit Sozialwohnungen eignen, schreibt die Parlamentarische Staatssekretärin Bettina Hagedorn. Ob die Flächen tatsächlich für den sozialen Wohnungsbau genutzt und damit verbilligt ans Land Berlin abgegeben werden können, hänge vom Planungsrecht und den Verhandlungen mit dem Senat ab.

    Erst auf Nachfrage der Abgeordneten listet das Ministerium die Adressen der zehn Grundstücke auf, über die der Bund mit dem Land Berlin verhandelt. Dabei wird klar, dass die Zehlendorfer Villa in der Sven-Hedin-Straße 11, Standort des ehemaligen BND-Anwesens, dazu gehört, ebenso das Übergangsheim für Flüchtlinge in der Marienfelder Allee 66-80 in Tempelhof. Ferner stehen auf der Liste zwei Flächen an der Bernauer Straße 25 in Mitte, zwei Grundstücke am Bohnsdorfer Weg in Treptow und Areale an der Rheinpfalzallee in Karlshorst, die früher von der Roten Armee genutzt wurden. Außerdem stehen das Grundstück am Müggelseedamm 109-111 und eines an der Münsterlandstraße in Lichtenberg auf der Liste.

    „Ich erwarte vom Land Berlin, dass mit dem Bund umgehend zielführend Verhandlungen über die Flächen aufgenommen werden“, sagt Kluckert. „In diesem Zusammenhang brauchen wir endlich eine vorgelagerte Strategie für schnelles soziales und ökologisches Bauen, das allen Generationen nutzt.“

    Bezirke werden unterstützt ihr Vorkaufsrecht zu nutzen
    Nachdem der Bund in der Vergangenheit viele seiner Grundstücke zum Höchstpreis privatisiert hat, will er Städten, Ländern und Gemeinden künftig großzügige Preisnachlässe gewähren – bis zu 100 Prozent des Kaufpreises. Wer ein Grundstück erwerben will, erhält etwa pro Sozialwohnung, die gebaut wird, einen Nachlass in Höhe von 25.000 Euro. Die Verbilligung ist auf die Höhe des Kaufpreises begrenzt.

    Die Berliner FDP kritisiert unterdessen Ankündigungen des Senats, in Milieuschutzgebieten die Ausübung des bezirklichen Vorkaufsrechts selbst beim Teil-Verkauf von Immobilien zu unterstützen. „Die Idee, das Vorkaufsrecht zu verschärfen, ist verrückt“, sagt die Abgeordnete Sibylle Meister. „Wenn das Vorkaufsrecht jetzt auch noch für Teilerwerbe ausgeübt werden soll, heißt das, dass die Wohnungsbaugesellschaften 25-Prozent-Anteile eines Hauses erwerben müssen.“ Sie würden damit Minderheitsgesellschafter mit all den damit verbundenen Herausforderungen.

    Wie berichtet, will der Senat durch den Teil-Erwerb verhindern, dass clevere Geschäftemacher das gesetzliche Vorkaufsrecht unterlaufen, indem sie geplante Transaktionen in mehrere Tranchen aufteilen. Der Grund: Machen die Bezirke beim Teil-Verkauf von zunächst 20 oder 25 Prozent nicht gleich von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch, können sie es später nicht mehr nachholen, wenn der Erwerber den Rest der Immobilie kauft. Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) hat deswegen angekündigt, die Bezirke dabei zu unterstützen, auch bei Teil-Verkäufen vom Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen.

    #Berlin #Zehlendorf #Karlshorst #Immobilien #Stadtentwicklung #Politik


  • Ehemaliger Grenzübergang in Berlin: Grüne stoppen Müllers Pläne für den Checkpoint Charlie - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/ehemaliger-grenzuebergang-in-berlin-gruene-stoppen-muellers-plaene-fuer-den-checkpoint-charlie/23655634.html

    20.11.2018, 05:43 Uhr Laura Hofmann Hendrik Lehmann Ralf Schönball

    Berlins Regierender Bürgermeister will am Checkpoint Charlie einen privaten Investor bauen lassen. Doch Müllers Koalitionspartner haben andere Vorstellungen.

    Der Streit um den Checkpoint Charlie spaltet die an Berlins Landesregierung beteiligten Parteien. Am Wochenende hatte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) auf dem Landesparteitag der Sozialdemokraten ein Machtwort zugunsten der umstrittenen Pläne für eine Bebauung freier Flächen durch einen privaten Investor gesprochen.

    Am Montag konterten die an der Landesregierung beteiligten Grünen. Sie wollen im Abgeordnetenhaus die Übernahme eines von zwei Grundstücken an der Friedrichstraße durch das Land beantragen sowie den Bau eines Museums des Kalten Krieges in öffentlicher Regie. Die Linke will prüfen, „ob man an dem Ort enteignen kann“. Das wichtigste sei der Erhalt und die Wahrung des Ortes als Kultur- und Denkmalort, sagte die Berliner Abgeordnete Katalin Gennburg. Das Trockland-„Konsortium“ sei „undurchsichtig“ und habe „sicher kein Interesse an der Gemeinwohlorientierung“. Es sei fragwürdig, einer solchen Firma „Eigentum in der Stadt zu verschaffen“.

    Zwei attraktive Baugrundstücke links und rechts der Friedrichstraße sind der wirtschaftliche Einsatz im Tauziehen um den Checkpoint Charlie. Verhandelt wird an dem touristischen Brennpunkt außerdem die Geschichte Berlins, Deutschlands und der Welt, weil sich dort im Kalten Krieg russische und amerikanische Panzer schussbereit gegenüberstanden.

    Hardrock-Hotel geplant

    Bisher verhandelt der Senat ausschließlich mit der Firma Trockland über Bebauung und Nutzung dieser Flächen. Trockland will dort ein Hardrock-Hotel errichten sowie „eine wohlausbalancierte und vielfältige Zusammensetzung aus Wohnungen, Einzelhandel, Büroflächen, Gastronomie und Ausstellungsflächen“.

    Kernpunkt des anhaltenden Streits ist die Gestaltung des Gedenkortes, die Trägerschaft des Museums, dessen Standort und die Größe des Vorplatzes sowie der freien Flächen einschließlich historischer Brandwände. Trockland bietet dem Land einen Mietvertrag im privaten Neubau für 22 Euro je Quadratmeter an, zwei Drittel der Flächen lägen im Keller.

    #Berlin #Mitte #Friedrichstraße #Zimmerstraße #Schützenstraße #Mauerstraße #Checkpoint_Charlie #Stadtentwicklung #Immobilien #Politik


  • Interview mit Pappsatt | reclaimyourcity
    http://reclaimyourcity.net/content/interview-mit-pappsatt

    „Die Pappen sind noch lange nicht alle“ - Ein Gespräch mit dem Kunst- und Politkollektiv pappsatt
    (zuerst veröffentlicht in der ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 574 / 17.8.2012 )
     

    Mitten in einem von der Gentrifizierung schwer gezeichneten Stadtteil Berlins hat pappsatt sein zuhause. Hier, im selbstironisch genannten »pappquartier«, traf ak-Autor Hartl Konopka mit Mao, Kelly, Benno, Simit und Tony (alle Namen auf Wunsch geändert) fast den gesamten Kern des Kunstkollektivs, das zu bestimmten Anlässen bis zu 25 Personen umfasst. Der Kampf um die Stadtentwicklung ist das Hauptthema von pappsatt. »Hier ist die Gentrifizierung aber schon durch«, meint Kelly auf die Frage nach ihrer Rolle als KünstlerInnen im Verdrängungsprozess.

    Die erste Aktion hatte pappsatt mit einem Fassadentransparent zur Demo »Mediaspree versenken«. Vier mal sechs Meter groß, Aufschrift: »Ihr habt eure Baupläne ohne uns gemacht«.

    Das Thema Mediaspree war dann auch Inhalt ihres ersten Films. Der wurde unter mehreren Bewerbungen ausgewählt und in Kinos gezeigt, um für den Bürgerentscheid gegen Mediaspree zu mobilisieren. Im Netz wurde er so häufig angeklickt, dass pappsatt für Berlins Viral Video Award nominiert wurde und in der Publikumsabstimmung nur knapp den ersten Preis verpasste.

    Pappsatt erweiterte dann bald sein Interventionsrepertoire. Neben weiteren Mobilisierungsvideos (Fast alle Videos sind abrufbar auf Vimeo) gab es Kunstaktionen auf verschiedenen Demos wie z.B. den Anti-NATO-Aktionen 2009 in Straßburg und Kehl sowie erst vor kurzem bei Blockupy in Frankfurt, ein Musikvideo, einen Lehrfilm mit dem Titel »Was ist Gentrifizierung?«, Workshops, Fassadenbemalungen (Anfragen an: pappsatt@riseup.net) und, inzwischen schon zum dritten Mal, die Gestaltung eines Zirkuszeltes beim Musik- und Kunstfestival Fusion. Von dort waren sie auch ganz frisch nach Berlin zurückgekommen, nach knapp drei Wochen harter Arbeit und kurzem Abfeiern.

    Die Arbeiten und Aktionen des pappsatt-Kollektivs werden breit rezipiert, nicht nur im Internet und in linksradikalen Magazinen wie der Interim. Ihre überdimensionalen character wurden in den Heute-Nachrichten des ZDF gezeigt, ihre Sprechblasen waren in der Berichterstattung zu Blockupy überall zu sehen, ihr Musikvideo »Die Seitenlehne« schaffte es bei den Oberhausener Kurzfilmtagen vor zwei Jahren in die Top Ten, und mit ihrem Film zu einer Häuserräumung kamen sie auf die Titelseite von Springers BZ. »Der Höhepunkt meiner Karriere«, witzelt Benno. In dem recht lebhaften zweieinhalbstündigen Gespräch mit den fünf (zwei Frauen, drei Männer, was in etwa dem Geschlechterverhältnis der ganzen Gruppe entspricht) ging es um ihr Verständnis von politisch eingreifender Kunst, ihre Arbeitsweise, Entscheidungsstrukturen sowie Themen wie Humor, Ferienkommunismus, Hedonismus, Graffiti und Einmischung in Stadtpolitik.

     
    :Fangen wir doch mal mit dem Musikvideo »Die Seitenlehne« an. Wie kam es dazu, und wie habt ihr gearbeitet?

    MAO: Da haben wir zum ersten Mal in einem Riesenteam gebastelt, mit bis zu 25 Beteiligten. 2009 hat uns Lena Stoehrfaktor von Connexion Musical (Politrap-Gruppe aus Berlin) gefragt, ob wir für sie ein Musikvideo machen wollen. Das hat es umgedreht: Vorher hatten wir immer Bilder gemacht u. nachträglich Musik dazu gesucht, jetzt plötzlich haben wir Musik bekommen und sollten einen Film dazu machen. Wir fanden die Musik gut, ihre Inhalte vor allem, und da haben wir nicht lange überlegt. Da haben wir mehrere Monate daran gearbeitet. Im Oktober 2009 haben wir damit angefangen, die Kulisse zu bauen. Im Februar 2010 wurde das Ganze releast. Das Material hatten wir bis Mitte Dezember, im Januar wurde an einem Wochenende gedreht und im Anschluss geschnitten. Vorher waren das zwei Wochen Sweatshop in meinem Zimmer.

    BENNO: Da hat sich dann die Arbeitsweise entwickelt, dass wir Aufgaben aufgeteilt haben. Dass ihr beide (zeigt auf Mao und Kelly) die Kulisse gemacht habt, den Wagen. Und ich hab die Grundstruktur für die Marionetten gemacht. Die Massenaktion war dann, dass verschiedene character entstehen, verschiedene Gesichter, verschiedene Klamotten, verschiedene Hände und Füße, dass das eine bunte Mischung wird.

     

     

     
    :Wer sind die Leute, die dazukommen, und wer definiert sich als pappsatt?

    TONY: Was pappsatt ausmacht und wo wir die Leute auch herhaben, ist die Schnittstelle von sozialen linken Bewegungen und Kunst und Design. Und dass wir innerhalb dieser Schnittstelle die Leute gefunden haben und die mittlerweile auch ganz gut mobilisieren können.

    SIMIT: Der Kern ist pappsatt, aber auch die große Gruppe, die sich dann formiert, ist pappsatt. Auf der Fusion mit 20 Leuten sind wir pappsatt und bei anderen Projekten auch wieder andere.

     

    Als die Räumung der Liebigstr. 14, eines besetzten Hauses in Berlin-Friedrichshain, bevorstand, hat ein Video von pappsatt für Furore gesorgt. Springers BZ titelte: »Linkes Hass-Video gegen Körting«. Die Handlung des Sabotage-Videos wurde hier erweitert um eine fiktive Entführung des Innensenators Körting, der in Anlehnung an das berühmte Schleyer-Foto der RAF ein Schild hält mit der Aufschrift »Seit 4 Tagen nur vegane Pampe«. Ein schwarzhumoriges Spiel mit Bildern von damals, nur dass im Liebigfilm die Körtingfigur zum Schluss freigelassen wird. Wie war es dazu gekommen?

    BENNO: Wir sind keine Verfechter des Gewaltfetischismus und wollen immer was mit Witz und Ironie machen, darin versteckt radikale, militante Forderungen. Ich bin für ein Neben- und Miteinander verschiedener Aktionsformen. Es war sehr wenig Zeit bis zur Räumung, und da haben wir uns eine Story überlegt. Ich hab dann einen Drum’n’Bass-Remix des Songs »Sabotage« von den Beastie Boys gefunden. Das Video zu »Sabotage« fand ich damals so megageil, das hat mich geflasht und auch beeinflusst. Und da haben wir gedacht: Das ist eine super Vorlage, da können wir ein Remake drehen mit einfachen Mitteln. Wir spielten drei Tiere, die für die radikalen Berliner stehen, die sauer werden, wenn sowas passiert. Wir haben dann das Video gemacht, in zwei Nächten geschnitten und ins Netz gestellt. Am nächsten Tag war ich auf einer Party, eben in der Liebig 14, und da hat einer zu mir gesagt: Ey, hast du schon gesehen, das Video ist auf dem Cover der BZ.

    KELLY: Wenn jetzt die Stadt schon großer Themeninhalt bei uns ist und der Konflikt um die Liebigstraße auch ein Konflikt um die Stadt ist, und dann guck ich mir an, wer gegeneinander steht, und genau in dem Moment mit dem Humor einer autonomen Szene diese Sache anzugehen.

    BENNO: Die autonome Szene hat das auch verstanden. Das Titelbild der BZ war dann auf dem Cover der Interim, und da waren auch ein paar Worte an uns gerichtet: An die humoristischen Papp-Autonomen oder sowas. Der Titel war: »Wenn mensch trotzdem lacht.« Das war auch ein bisschen die Absicht. In die Stimmung rein, an dieses »Nehmt ihr uns die Liebig ab, machen wir die City platt« - und dann wird sie halt doch nie platt, jedes Mal nicht - , um mit Humor zu zeigen: Nehmt euch nicht so ernst.
     

     

    :Mit euren Arbeiten erreicht ihr auch noch einmal andere Leute. Da kriegt man richtig Lust, wo hinzugehen und sich zu widersetzen.

    TONY: Ein Punkt ist auch: ein Zeichen zu setzen an andere Gestalter, sich mit politischen Themen zu beschäftigen. Was wir, denke ich, auch geschafft haben. Eine andere Sache ist, dass bei pappsatt die Wahl des Materials wichtig ist. Wir beschränken uns ja auf sehr einfache Mittel, die jedem eigentlich überall, immer, kostenlos oder fast kostenlos zur Verfügung stehen. So dass schon durch die Materialität Do It Yourself nach außen getragen wird.

    BENNO: Apropos Do It Yourself: Gestern war dieser Anarchist aus Holland da und hat die Buchstaben gesehen, die hier auf dem Schrank stehen: DIT. Er hat gemeint: »Wofür steht denn das? Steht das für Do It Together?«

    KELLY: Das ist auf jeden Fall unser neuer Slogan. Ist viel besser als DIY.

    SIMIT: Die Kollektivalternative.

     

    :Ihr wart kürzlich beim Weltkongress der Hedonisten, euer neues T-Shirt hat den Aufdruck »DIEPAPPENSINDALLE« und zitiert damit auch ein Graffito bei der Fusion, das ironisch auf einen Engpass bei der Drogenversorgung hinweist. Welche Rolle spielen denn bei euch Hedonismus und Rausch?

     

    TONY: Ich glaube, dass wir uns jetzt zum ersten Mal mit dem Begriff »Hedonismus« beschäftigt haben, auf diesem Kongress. Wir haben uns noch nicht inhaltlich mit Hedonismus als Ideologie oder Gedanke auseinandergesetzt. Aber ich glaube trotzdem, dass diese Grundidee, Spaß und Lebensgenuss mit Politik zu verbinden oder es als Teil dessen zu sehen, und nicht nur für sich, sondern es mit anderen zu teilen oder zu fordern, dass andere das haben, wichtig für uns alle ist. Da die meisten von uns sehr lebensbejahende Menschen sind, findet sich das schon in unserer Arbeit wieder. Wir sind schon sehr fröhlich, spielerisch.

    KELLY: Was wir mit pappsatt machen, da steckt für mich viel mehr Selbstverwirklichung drin, als ich es vorher in politischen Gruppen erlebt habe. Es hat mir keinen Spaß gemacht, mit 20 Leuten einen Text zu diskutieren.

    SIMIT: Meine große Kritik am Hedonismus ist die starke individualistische Schiene, die ich raushalten will aus unserer Arbeit.

    BENNO: Ich finde, wir zeichnen uns weniger durch Hedonismus aus, sondern eher durch eine krasse Arbeitsethik und Workoholismus. Den Hedonismus gibt’s am Feierabend.

     

     
    :Pappsatt hat zum 1. Mai 2011 eine »Free-Oz«-Aktion gemacht. Was steckt dahinter?

    KELLY: Oz ist ein Sprüher aus Hamburg, der schon seit über 30 Jahren aktiv ist, den man nicht in so eine Sprüher- oder Graffiti-Szene reindeuten kann, weil er sehr abstrakt arbeitet und viel mit Formen macht, mit Smilies und Kringeln und Riesenpizzastücken. Der war insgesamt schon acht Jahre im Knast bzw. in gewissen Anstalten wegen Graffiti oder Sachbeschädigung. Und der hatte jetzt wieder eine Gerichtsverhandlung, wo er zu 14 Monaten Knast verurteilt wurde in der ersten Instanz. Für die zweiten Instanz gab’s dann eine größere Solikampagne, »Free Oz«, auch weil er weitere 14 Monate Knast vielleicht nicht so gut hätte wegstecken können in seinem Alter. Und da haben wir zum 1. Mai bei Tony im Hinterhof große Buchstaben gebaut, die wir mit rumgetragen haben, und daraus ist dann ein kleiner Clip entstanden, der die Praxis von Oz als eine städtische Aneignungspraxis darstellt, um die Stadt für alle bereitzustellen.

     

    :Wie ist die Verbindung von pappsatt zur Graffiti-Szene?

    MAO: Ein großer Teil der Gruppe kommt aus der Graffiti-Szene. Graffiti ist für uns eine Form der Aneignung der Stadt, eine Selbstermächtigung, dass man sich nicht mit den gegebenen Machtverhältnissen zufrieden gibt, sondern dass man die Stadt selbst mit gestaltet. Wir zitieren viele Graffitis in unseren Filmen.

    KELLY: Ich glaube schon, dass die jahrelangen Aktivitäten auf der Straße, sei es Streetart oder Graffiti, und die Praxis, die Stadt zur eigenen zu machen, unseren Blick geweitet haben. Wir mischen uns ein in die großen städtischen Prozesse. Mit Mediaspree hängen wir auch emotional an den Orten, die kaputt gehen, wenn die ihre Investorenträume umsetzen, weil viel von unserer Stadt drinsteckt, wie wir sie schön finden, wie sie in der Spontaneität und auch oft über irgendwelche Gesetze hinweg gemacht wird. Dieser Background in der Straßenkultur war der Zugang, dieses Feld weiter künstlerisch zu bearbeiten. Wie Christoph Schäfer (Autor des Buchs »Die Stadt ist unsere Fabrik«, Verlag Spector Books) sagt: Wenn unser Terrain die Stadt ist, dann sind unsere Berge, in die sich die Guerilla zurückzieht und die Aktionen plant, die Dächer.

     

     

     

    :Euer aktuellster Film war zu Blockupy in Frankfurt, Mitte Mai, dieses Mal ohne Pappe als Material. Dafür haben zehn Leute an einem Leuchttisch aus den Buchstaben CRISIS eine Geschichte gezeichnet, eine Nacht durch, wegen der gleichbleibenden Lichtverhältnisse.

    MAO: Das Schwierige an dem ganzen Projekt war, die Kritik an der EU-Politik, Finanzpolitik in der Krise usw. bildlich darzustellen, ohne sich der Bilder zu bedienen, die schon da sind. Letztendlich kamen wir auf die Idee, einzelne Elemente der Krise rauszunehmen und Aspekte und Auswirkungen bildlich darzustellen. Und dass die Krise keine der Banken ist, sondern bei den Menschen stattfindet, und zwar schon lange, nicht erst in den letzten Jahren.

    SIMIT: Krise ist nicht ein Thema wie NATO oder Dresden, sondern Krise ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das alle Lebensbereiche erfasst und nicht vom Kapitalismus zu trennen ist. Und deswegen saßen wir da und dachten: Wir müssen eigentlich über alles etwas machen. Das war voll problematisch. Dann kam die Idee mit den Buchstaben.

    MAO: Es hat dann plötzlich so einen Spaß gemacht, dass es wie Anstehen war, bis man den Stift bekommen hat. Vorher hatte mich das Thema richtig gequält, und dann wurde es zu einem Selbstläufer.

     

    :Für die Demo selbst wurde auch viel vorbereitet.

    SIMIT: Die Vorbereitung der ganzen Tage in Frankfurt war ziemlich prekär. Von daher war es toll, dass sich pappsatt beteiligt hat, weil hier auch in Masse produziert werden kann.

    KELLY: Es gab einen Faceblock, eine Aktion, die in Zukunft vielleicht öfters eingesetzt werden soll: Gesichter auf Pappen, und auf der Rückseite eine Sprechblase. Man kann sie nebeneinanderhalten und beliebig kombinieren. Mit Sprüchen, was für die Menschen die Krise bedeutet oder welche Auswirkungen sie hat, z.B. »Warum verlier ich immer im Casino?«

    BENNO: Dazu Schilder aus Styropor, die die Berliner Finger in Frankfurt anführen sollten, mit verschiedenen Symbolen zu sozialen Kämpfen und, angelehnt an die italienischen tute bianche, etwas Schutz bieten sollten. Und Masken, zum Schutz gegen Pfefferspray, abgeschaut vom letzten Castor-Protest, aus Overhead-Folien, auf denen um die Augen ein 99% gemalt war, als Anspielung auf den Occupy-Slogan. Super simpel, schaut nett aus und hat einen praktischen Nutzen.

     

     
    :Und woher kommt der Titel pappsatt?

    MAO: Übertragen heißt es: Wir sind voll, wir sind bedient von Werbung, von Politik, wie sie machtmäßig von oben ausgeübt wird, und von vielem mehr. Und dazu das Wortspiel mit der Pappe, weil das unser Material ist.

    BENNO: Pappe ist ja selbst schon eine Aussage: Es ist die Verpackung der Konsumgüter, ein Wegwerfprodukt, das im Müll landet und jederzeit verfügbar ist. Man muss nur zur Papiertonne gehen. Hier ist es noch so, in Berlin, in Deutschland. In anderen Ländern ist es leider schon so, dass die Pappe immer gleich abgeholt wird von Recycling-Leuten, die die paar Cent auch noch brauchen. Von daher ist die Frage, wie lang das hier noch gehen wird.
    MAO: Wenn das passiert, dann bewaffnen wir uns bis an die Zähne.

    SIMIT: Mit Pappschwertern.

    #Berlin #Stadtentwicklung #Widerstand #Gentrifizierung


  • Absage an die Hauptstadt: Definitiv kein Google Campus in Berlin - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/absage-an-die-hauptstadt-definitiv-kein-google-campus-in-berlin/23624804.html

    12.11.2018, 19:47 Uhr - Felix Hackenbruch Robert Klages

    In Lichtenberg hatten sie bis zuletzt auf Google gehofft. „Wir fordern den Berliner Senat und das Bezirksamt Lichtenberg auf, auf Google zuzugehen und die Idee, den Google-Startup-Campus auf dem ehemaligen Stasigelände anzusiedeln, auszuloten“, hatte am Sonntagabend der Aufarbeitungsverein Bürgerkomitee 15. Januar in einer Pressemitteilung gefordert.

    Die weltweit größte Suchmaschine auf dem Gelände der früheren Überwachungszentrale der DDR – für den Verein eine reizvolle Vorstellung. „Wo, wenn nicht hier, wird Google genau unter die Lupe genommen“, sagte Christian Booß, Historiker und Vorstandsmitglied des Vereins noch am Montagmorgen. Doch am Abend die Enttäuschung: Google wird den ursprünglich in Kreuzberg geplanten Campus definitiv nicht in Berlin ansiedeln.

    „Google wird nirgendwo in Berlin einen Google-Campus etablieren“
    Zuerst hatte Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) die Nachricht erhalten. „Google wird nirgendwo in Berlin einen Google-Campus etablieren“, sagte er dem Tagesspiegel nach einem Telefonat mit dem Konzern. Kleinere Kooperationen mit Google seien aber vorstellbar, dafür habe der Bezirksbürgermeister weitere Gespräche vereinbart. Auch die zuständige Senatorin Ramona Pop (Grüne) bestätigte das Aus im Wirtschaftsausschuss am Montag. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Burkhard Dregger zeigte sich verärgert: „Das ist rot-rot-grünes, unternehmensfeindliches und die Zukunftsaussichten zerstörendes Totalversagen“.

    Der Lichtenberger CDU-Abgeordnete Danny Freymark, der die Idee eines Google-Campus auf dem Stasi-Areal mit eingebracht hatte, will trotzdem weiter für eine Ansiedlung von Google werben. „Ich erwarte, dass die Wirtschaftssenatorin proaktiv bei Google für den Standort wirbt“, sagte er. Gleichzeitig hofft er auf eine Realisierung der Idee eines Campus der Demokratie. Demnach könnten dort Studentenwohnheime, Cafés, Bibliotheken und Büros entstehen. „Ideen sind willkommen“, sagte Freymark. Seinen Angaben zufolge wurden große Teile des Grundstücks im Jahr 2004 für einen Euro von der Deutsche Bahn an einen privaten Investor verkauft. Dieser wiederum sei offen für einen Verkauf, so Freymark. Andere Teile gehören Bund und Land.

    Google Campus: Der Irrtum des Kreuzbergertums - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/google-campus-der-irrtum-des-kreuzbergertums/23354200.html

    04.11.2018, 10:06 Uhr Ursula Weidenfeld

    Erst verdienen, dann verteilen: Was alle, die sich jetzt freuen, dass Google sein Berliner Campus-Projekt aufgegeben hat, nicht begriffen haben. Ein Zwischenruf.

    In der vergangenen Woche hat Google sein Campus-Projekt in Berlin begraben und die eigentlich dafür vorgesehene Immobilie als „Haus des sozialen Engagements“ an die Spendenorganisation Betterplace weitergereicht. Diese Entscheidung wurde in Berlin als Beweis dafür gefeiert, dass der Kapitalismus in dieser Stadt nicht alles kann. Doch die gute Laune in Kreuzberg-Friedrichshain offenbart auch etwas anderes.

    Sie zeigt, wie dynamisch sich die Bürger der Hauptstadt von den Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft distanzieren – zum Beispiel von dem Wissen, dass der Wohlstand erst einmal erworben werden muss, bevor man ihn sozialen Zwecken widmen kann.

    Wer die Welt in Böse (Geldverdienen) und Gut (es für soziale Zwecke ausgeben) teilt,  lehnt eine in der Vergangenheit sehr erfolgreiche Arbeitsteilung ab. Er nimmt in Kauf, dass am Ende weder Geld verdient wird, noch welches für soziale Zwecke da ist.

    Es gibt Gründe, Google zu kritisieren. Das berechtigte Misstrauen beginnt beim Verhalten des Konzerns gegenüber Wettbewerbern. Es steigert sich bei der Frage, wo und wieviel Steuern das Unternehmen zu zahlen bereit ist. Und es endet schließlich bei der Sorge um die persönlichen Daten.

    Da sitzen sie in ihrer Oase des vermeintlich Anständigen
    Doch hier geht es um etwas anderes. Wie schon bei dem gescheiterten Bauvorhaben auf dem Tempelhofer Feld mobilisiert das Kreuzbergertum seine Kräfte, um Eindringlinge aus der kapitalistischen Welt abzuwehren. Dabei übersieht es großzügig, dass von den Einkommen der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter nicht nur die Geschäftsleute der Markthalle 9 profitieren. Davon leben auch Baustadträte, Lehrer und Sozialarbeiter.

    Die Nachricht, dass der Google Campus nun zur Hauptbetriebsstätte des sozialen Unternehmertums werden soll, ist ebenfalls nur auf den ersten Blick eine gute. Denn sie zeigt auch, wie sich ein Teil der Stadtgesellschaft in einer Oase des vermeintlich Anständigen einrichtet und das schmutzige Geldverdienen den robusteren Südwestdeutschen überantwortet.

    Von ihren Steuern und Abgaben profitieren die öffentlichen Haushalte Berlins, von ihrem Nachwuchs, ihrem Altruismus und ihren Stiftungen der gemeinnützige Sektor. Ist das nachhaltig?

    Ein Dorf (Kreuzberg) kann mit einer solchen Strategie vielleicht noch durchkommen. Eine Stadt (Berlin) kann es auf die Dauer nicht.

    Fuck off Google - Google-Campus Kreuzberg verhindern!
    https://fuckoffgoogle.de

    Wehren wir uns gemeinsam gegen den Google-Campus in Kreuzberg !
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    Jeden 2. und 4. Samstag (früher am Sonntag) im Monat von 15-19 Uhr findet das Anti-Google Cafe face2face im Kalabal!k (Reichenberger Str. 63a) statt.

    #Berlin #Kreuzberg #Stadtentwicklung #Gentrifizierung #Google #Widerstand


  • Richtfest für „Typenhaus“ in Hellersdorf - DDR-Platte dient als Vorbild für neue Wohnungen in Berlin | rbb|24
    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/11/richtfest-typenhaus-hellersdorf-wohnungsbau.html

    20.11.18 | 06:14 Uhr
    Die landeseigenen Wohnungsbau-Unternehmen sind angehalten zu bauen, bauen, bauen. Und sie tun es: Die „Stadt und Land“ hat gerade Richtfest bei ihrem neuen „Typenhaus“ in Hellersdorf gefeiert - das Vorbild sind DDR-Plattenbauten. Von Heike Schüler

    Zum bombastischen Klang von Richard Strauß’ „Also sprach Zarathustra“ hebt sich der Richtkranz am Rohbau in die Höhe, beim Richtfest für das erste „Typenhaus“ der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land. Architekt Frank Arnold hat hier, in der Schkeuditzer Straße 28-36 in Hellersdorf, 165 Wohnungen entworfen. „Es geht - fast im Sinne des gründerzeitlichen Bauens - darum, dass man gute und bewährte Grundrisse zu Modulen zusammenfügt“, erklärt Arnold, „und relativ schnell in bestimmten städtebaulichen Situationen einsetzen kann.“

    So werden die Treppen, Balkons und Decken komplett vorgefertigt angeliefert, der Rest wird nach Standard gebaut. Eine vier Zimmer-Wohnung im Typenhaus hat 82 Quadratmeter. Küche und Bad liegen Wand an Wand, um nicht unnötig Platz für Leitungsschächte zu verschwenden. „Das werden sehr, sehr gute Wohnungen werden“, meint Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke).

    Kein Haus soll aussehen wie das andere

    Es gibt Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen. Einheiten, die übereinander liegen, haben den gleichen Grundriss. Das erinnert an die DDR-Platte, die Wohnungsbauserie WBS 70. Frank Arnold, der sein Büro im Westberliner Schöneberg hat, kennt sie gut: Die „Ost-Platte“ markiert den Beginn seiner beruflichen Laufbahn. „Unser erstes Projekt war die Sanierung einer großen WBS70“, erzählt er. „Wir haben uns - durchaus mit Hochachtung - die sehr klugen Grundrisse angeschaut“, erinnert sich der Architekt. Mit ganz kleinen Flächen sei gutes Wohnen ermöglicht worden. „Wir konnten aus der DDR-Platte etwas lernen - klar.“

    Schall- und Wärmedämmung des Typenhauses sind auf dem Stand von heute. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land plant etwa 1.500 Wohnungen in diesem Stil. Trotzdem soll kein Haus aussehen wie das andere: Architekten wie Frank Arnold geben dem Standard das Besondere. „Wir haben ein selbstbewusstes, dunkles Haus mit weißen Fensterbändern geplant, durchaus in Kontrast zur Umgebung.“ Außerdem seien die Grundrisse optimiert, um zum Beispiel in einer Ein-Zimmer-Wohnung vielleicht doch noch eine Schlafnische unterzukriegen, sagt Arnold.
    165 Wohnungen entstehen so in Hellersdorf, die Hälfte mit einer Netto-Kaltmiete von 6,50 Euro pro Quadratmeter, die anderen für unter zehn Euro.
    Beitrag von Heike Schüler

    #Berlin #Hellersdorf #Schkeuditzer_Straße #Stadtentwicklung #Wohnen


  • Fußpflege in Marzahn: „Von sona schönen Frau lass ick ma jerne quälen“ | ZEIT ONLINE
    https://www.zeit.de/kultur/literatur/2018-10/fusspflege-marzahn-altenpflege-rentner-lebensgeschichte-nagelstudio

    Openstreetmap: Skywalk Marzahner Promenade
    https://www.openstreetmap.org/node/3763316278

    In der Berliner Plattenbausiedlung Marzahn gibt es eine Attraktion, die jährlich um die 1.500 Besucher anzieht: den Skywalk, eine Spezialkonstruktion aus Metall.

    Man fährt mit dem Fahrstuhl vom Erdgeschoss bis in die oberste, die 21., Etage des Doppelhochhauses in der Raoul-Wallenberg-Straße 40/42, steigt Stufen hinauf, verlässt den gewaltigen Turm, um über weitere nun frei schwebende Gitterstufen windige Höhen zu erklimmen und an den eigenen Füßen vorbei in die Tiefe zu schauen. Schwindelfreiheit ist von Vorteil. Ganz oben auf dem Dach angekommen, erreicht man eine Aussichtsplattform. Aus 70 Metern Höhe hat man einen grandiosen Blick über die Marzahner Promenade, über von Baumkronen durchschäumte Hochhausketten, über die ganze Stadt bis zum Fernsehturm, bis zum Müggelsee, bis zum Flughafen Schönefeld. Unter dem Himmel rasen die Wolken, erstrecken sich die Brandenburger Weiten. Ich war schon einmal dort oben auf dem Skywalk, in der Raoul-Wallenberg-Straße 40/42, und ließ mir den Wind um die Nase wehen.
    In jenem Hochhaus, auf dessen Dach man über den Skywalk spazieren kann, wohnt Fritz.

    Als Fritz unser Studio zum ersten Mal betrat, war er 65 Jahre alt und seit Kurzem Rentner. Ich war 45 Jahre alt und hatte vor einigen Monaten begonnen, als Fußpflegerin zu arbeiten. Fritz kam, weil seine Frau ihn geschickt hatte. Er trug Jeans und Turnschuhe, sah jünger aus, keinesfalls wie ein Rentner. Er war schüchtern und er war charmant, er roch gut und er entschuldigte sich ausdrücklich und ernsthaft für seine Füße. Fritz dachte, sie seien eine Zumutung. Er rechnete damit, ihretwegen umgehend wieder nach Hause geschickt zu werden. Ich verliebte mich sofort in sie.

    Fritz’ Füße sind ebenmäßig geformt, von beinahe antiker Schönheit: die Fesseln stabil, die Fersen rund und fest, die Längsgewölbe klassisch geschwungen. Unter der Haut, die auch im Winter leicht gebräunt bleibt, fächern die Sehnen des Mittelfußes über den breiten Vorfuß hinein in muskulöse Zehen. Füße, auf denen einer sicheren Tritt hat. Füße, in denen eine Kraft schlummert. Intakte, ansehnliche Füße.
    Aber die Nägel waren verdickt, manche dunkelgelb wie gequollene Linsen, andere von spröde geschichtetem Weiß, ausgefranst vor Trockenheit. Holznägel, sogar Turmnägel werden sie genannt, hatte ich in der Ausbildung gelernt. Mit den Zehennägeln wurde Fritz, obwohl er sie mühelos erreichte, schon lange nicht mehr fertig; die heimischen Werkzeuge versagten den Dienst.
    Fritz hatte sich die verdickten, porösen Zehennägel in schweren, klobigen Arbeitsschuhen mit Stahlkappen erworben. Er war gelernter Facharbeiter für Plaste und Elaste. Zu DDR-Zeiten hatte er in Lichtenberg gearbeitet, in einem Betrieb, der Angelsehnen, Blumenkästen, Eierbecher produzierte. Nach der Wende, als Fritz schwante, dass sein Betrieb womöglich bald schließen würde, spazierte er durch West-Berlin, entdeckte eine Firma für Granulat-Herstellung, bewarb sich, wurde genommen. Dort, in Reinickendorf, verbrachte Fritz die zweite Hälfte seines Arbeitslebens, in Arbeitsschuhen und Schutzanzug, mit Gehör- und Gesichtsschutz. In der Werkhalle standen die Kessel; durch riesige Schläuche und Rohre wurden die Zusätze für das Granulat geleitet, auf 130 Grad Celsius erhitzt und vermischt. Es war heiß, es war laut, brachiale Herstellungsprozesse, brüllende Arbeiter. Passierte ein winziger Fehler, verschmolz das Granulat in Sekunden und härtete zu einer steinstarren Masse aus. Plastik eben, haltbar für die Ewigkeit. Eine Acht-Stunden-Schicht reichte nicht aus, um die erkaltete Masse mit dem Presslufthammer zu zerstören und vom Boden des Kessels zu entfernen.

    Zu Beginn war ich vorsichtig mit den Nägeln, mir fehlte die Erfahrung. Je besser ich Fritz und seine Füße kennenlernte, umso mutiger wurde ich. Ich setzte den nächstgröberen Fräserkopf ins Handstück ein, wählte eine höhere Umdrehungszahl. Ich schnitt und schliff und feilte, ein kleiner Ehrgeiz packte mich. Fritz war nicht zimperlich. Geduldig ließ er mich werkeln und wir alberten herum, während ich die Turmnägel flacher fräste. Immer gab er mir zum Abschied ein großzügiges Trinkgeld und manchmal einen verstohlenen Handkuss. Fritz’ Füße gewannen im Verlauf vieler Sitzungen ihre ganze Schönheit zurück. Ich bezeichnete sie insgeheim als mein Gesellenstück.

    Fritz’ Eltern waren Zirkusartisten
    Einmal brachte Fritz von zu Hause einen vergilbten Zeitungsausschnitt von 1973 mit. Das körnige Schwarz-Weiß-Foto zeigte einen muskelbepackten Mann mit festem Stand, die Arme seitlich ausgestreckt, den Kopf in den gewaltigen Nacken gelegt. Auf der Stirn des Mannes steht eine lange Stange, die er freihändig balanciert. Hoch oben, am Ende der Stange, verbiegt sich eine zierliche, überaus gelenkige Frau in einem hauchdünnen Glitzerkostüm in den Spagat. Der Stiernackige und die Grazile – das waren Fritz’ Eltern. Fritz entstammt einer Artistenfamilie. Der Vater war zeitlebens mit einem Wanderzirkus umhergezogen, hatte täglich trainiert und an seiner Stirnperch-Nummer gefeilt. Die Stirnperch, jene Stange mit der Aufsatzfläche für die Stirn, ließ der Vater extra anfertigen, eine Spezialkonstruktion aus Metall. Die Frau, die sich am oberen Ende der Stange verbog, wechselte Fritz’ Vater mehrmals im Leben aus: Fritz’ Mutter wurde irgendwann von einer zweiten Frau ersetzt, später führte der Vater die Stirnperch-Nummer mit der eigenen Tochter auf, Fritz’ Schwester. Der Vater stand in der Manege, bis er weit über 70 war, ein vor Gesundheit strotzender Kerl, der im stolzen Alter von 90 Jahren starb. Fritz wuchs wegen des Tingeltangels der Eltern hauptsächlich bei seiner Oma auf. Die Oma schlug ihm dann auch vor, einen ordentlichen Beruf zu erlernen.

    Ich stellte mir vor, wie Fritz als Kind hinter dem Vorhang der Zirkusmanege steht und seinen Eltern zusieht. Dem Vater, dessen in höchster Anspannung gestraffter Körper die Stange balanciert und dessen Blick stramm und ausschließlich auf die Frau in der Luft gerichtet bleibt. Der Mutter, die in schwindelerregenden Höhen und größter Konzentration ihren Körper verbiegt, eine Augenweide, graziös und unerreichbar. 
    Fritz erzählte während unserer Fußpflegesitzungen vom Wanderzirkus der Eltern, von seiner Kindheit bei der Oma, von der Schichtarbeit im Chemiebetrieb. Wenn ich das Hornhautpaddel ansetzte, grinste er und riss sich zusammen. Fritz ist an bestimmten Stellen, die wahrscheinlich nur ich kenne, kitzlig. Ich schrubbte die Fersen glatt, grinste zurück und fragte Fritz, ob ich aufhören solle. „Von sona schönen Frau lass ick ma jerne quälen“, sagte Fritz leise. Für die Fußmassage nahm ich mir Zeit. Ich schloss die Tür, dimmte das Licht und ausnahmsweise zog ich die Latexhandschuhe aus. Ich berührte die schönen Füße, spürte die warme Haut, senkte den Blick. Meine Hände sannen den antiken Formen nach. Ich zögerte alles hinaus, jeden Griffwechsel, massierte langsam, mit Hingabe. Ich empfand Fritz’ Blick auf mir und hörte mich atmen. Mit Fritz kann man schweigen, aktiv und zweideutig schweigen.

    Schweren Herzens trennte ich mich von den Füßen. Dann hob ich den Blick, sah Fritz ins verschmitzte, gelöste Gesicht mit den träumenden Augen. „Ach“, sagte Fritz. „Wenn ick 20 Jahre jünger wäre.“ Ich lächelte, sagte nichts, dachte aber etwas.
    Fritz ist nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Keine Stirnperch, keine Stangenakrobatik. Fritz hat einen ordentlichen Beruf gelernt. Er hat eine Frau, Kinder und Enkelkinder, er hat ein Wochenendgrundstück und einen Hund. Mit dem Hund dreht er täglich mehrstündige Gassirunden. Fritz ist fit. Vielleicht hat er die stabile Gesundheit vom Vater geerbt. Vielleicht hat er auch die schönen Füße mit dem sicheren Tritt vom Vater geerbt. Neulich, als Fritz’ Sohn heiratete, war Fritz erstaunt, dass er sich keinen neuen Anzug kaufen musste, weil jener Anzug, der seit 20 Jahren ungetragen im Kleiderschrank hing, ihm noch immer wie angegossen passte. Ich hätte Fritz gern in diesem Anzug gesehen, am liebsten barfuß.

    Das Wochenendgrundstück, die Familienfeiern, die Enkel, der Hund – das alles lastet Fritz nicht aus. Er kommt auch deshalb gern zu mir. Der Fußpflegetermin ist der Höhepunkt des Tages. Seit Fritz nicht mehr arbeitet, ist sein größter Feind die Langeweile.

    Um sie zu vertreiben, rennt er einmal täglich im Treppenhaus der Raoul-Wallenberg-Straße 40/42 die Stufen hoch, Hunderte Stufen, vom Erdgeschoss bis in die 15. Etage, wo er wohnt. Und obwohl Fritz Tag für Tag in seinem eigenen Haus die Treppen hinaufrennt, war er noch kein einziges Mal ganz oben, in der 21. Etage. Für Fritz ähnelt der Skywalk der Stirnperch. Fritz hat auf dem Dach, was sein Vater auf der Stirn hatte – eine extra angefertigte Spezialkonstruktion aus Metall.

    #Berlin #Marzahn #Marzahn-Hellersdorf #Raoul-Wallenberg-Straße #Sehenswürdigkeiten #Literatur


  • Schießerei in Berlin-Gesundbrunnen: Frau wurde erschossen | Berliner Zeitung
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/polizei/obduktionsergebnis-steht-fest-23-jaehrige-in-gesundbrunnen-wurde-er

    28.10.18 Gesundbrunnen - Die am Samstag bei einem Streit in Berlin-Gesundbrunnen getötete Frau ist an einer Schussverletzung gestorben. Das habe die Obduktion der Leiche ergeben, sagte eine Polizeisprecherin am Sonntag. Bei der Auseinandersetzung zwischen mehreren Unbekannten in einem Lokal in der Prinzenallee war zudem ein Mann schwer verletzt worden. Zu seinen Verletzungen und seinem Zustand war zunächst nichts bekannt.

    Dem Gewaltausbruch war eine illegale Pokerrunde im Hinterzimmer vorangegangen, der Streit entzündete sich offenbar an einem verlorenen Wetteinsatz. Die Beteiligten gingen laut Polizei mit Hämmern, Äxten und Baseballschlägern aufeinander los. Zeugen hatten auch von Schussgeräuschen berichtet. Die 23 Jahre alte Frau war schwer verletzt vor dem Lokal gefunden worden und starb wenig später im Krankenhaus.

    #Berlin #Gesundbrunnen #Mitte #Prinzenallee #Kriminalität



  • ver.di – Botanischer Garten
    https://bb.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++6a946e3e-f308-11e8-abe4-525400b665de


    A Berlin une lutte acharnée oppose les employés du grand jardin botanique aux managers de la Freie Universität . Après la conclusion d’un accord qui garantit à tous les employés du jardin botanique de continuer leur travail dans le jardin, les gestionnaires de l’université ordonnent aux techniciens de travailler dans d’autres instituts situées hors du jardin. Par cette violation du contrat la direction cherche évidemment à briser l’unité des équipes qui ont accumulé une grande expérience de lutte.

    28.11.2018 - ver.di fordert Einhaltung des Interessensausgleichs am Botanischen Garten

    Nur wenige Monate nach dem Betriebsübergang verstößt die Freie Universität Berlin gegen die mühsam verhandelten Vereinbarungen im Interessenausgleich und gegen den Kuratoriumsbeschluss im Bereich der Technik. Obwohl dort festgelegt wird, dass alle Techniker auch weiterhin überwiegend am Botanischen Garten eingesetzt werden müssen, wurden jetzt 2 der 8 Techniker gegen ihren Willen zum 01.11.2018 dauerhaft aus dem Betriebsbereich Botanischer Garten abgezogen und angewiesen, ihre Arbeit an anderen Standorten aufzunehmen. Im heftigen Widerspruch zu diesem Vorgehen stehen die Vereinbarungen im Interessenausgleich mit dem Betriebsrat als auch der Beschluss des Kuratoriums Nr. 281/2017, Punkt 4 vom 15.12.2017. ver.di fordert das Kuratorium der Freien Universität und damit auch den Wissenschaftssenat auf, dafür zu sorgen, dass die zwei zugehörigen Beschlüsse eingehalten werden und die Techniker wieder mit Arbeiten an der ZE BGBM betraut werden.

    ver.di kritisierte schon in 2017 die Ausgliederung des Technikservice aus dem Garten an die Freie Universität Berlin (siehe Pressemitteilungen vom 13.12.2017 und 22.12.2017). Zwar konnte die Eingliederung des Technikservice in die ZE BGBM nicht erreicht werden, dafür wurde ein überwiegender Einsatz der einzelnen Techniker des Technikservice im Botanischen Garten und Museum gemäß dem Beschluss des Kuratoriums der Freien Universität vom 15.12.2017 im Interessenausgleich festgeschrieben. Begründet wurde das auch damit, dass die vom Senat bereit gestellten Mittel für den Aufwuchs der Löhne der Beschäftigten der Betriebsgesellschaft im Hochschulvertrag über einen Sondertatbestand geregelt wurden und in der Zentraleinrichtung Botanischer Garten und Botanisches Museum verbleiben sollten.

    „Die Vereinbarung ist eindeutig“, so Jana Seppelt, zuständige Gewerkschaftssekretärin. „Sie besagt nicht – wie die Kanzlerin der FU, Frau Bör mittlerweile verlauten lässt –, dass nur die überwiegende Anzahl der Beschäftigten des Technikservice mit Tätigkeiten im Botanischen Garten und das Botanische Museum betraut werden muss, während der Rest irgendwo außerhalb an der FU eingesetzt werden kann. Die Vereinbarung besagt vielmehr, dass jeder einzelne Beschäftigte des Technikservice auch nach dem 01.01.2018 überwiegend mit Tätigkeiten für den Botanischen Garten zu betrauen ist. Nur diese Lesart wird dem Wortlaut und dem Geist der Vereinbarung gerecht.“

    Das Kuratorium der Freien Universität wird sich am kommenden Freitag, den 30.11.2018 mit dem Konflikt befassen. Die Kuratoriumssitzung ist öffentlich und findet im Clubhaus der Freien Universität in der Goethestraße 49, 14163 Berlin, statt. ver.di hat die Kollegen im Bereich Technik und Unterstützer/innen zur Teilnahme an der Sitzung aufgerufen.

    Für Rückfragen:
    Jana Seppelt, ver.di Berlin-Brandenburg, Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung
    mobil: 0151 / 15 94 88 42, Mail: jana.seppelt@verdi.de

    ver.di – Bildung,Wissenschaft,Forschung Berlin-Brandenburg
    https://biwifo-bb.verdi.de/ueber-uns

    Forscher, Studierende, Mitarbeiter der Studentenwerke, Bibliothekarinnen, Archivare, Beschäftigte der Hochschulen – sie alle sind in diesem Fachbereich organisiert.

    Jardin botanique et musée botanique de Berlin-Dahlem
    https://fr.wikipedia.org/wiki/Jardin_botanique_et_mus%C3%A9e_botanique_de_Berlin-Dahlem

    BGBM - Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin
    https://www.bgbm.org

    #Berlin #Freie_Universität #jardin_botanique #lutte_des_classes