„Influencer“ und Reisevlogger machen im besten Fall Boulevardjournalismus im BILD-Zeitumgs-Stil. Die meisten kriegen nicht mal das richtig hin, der hier hat es perfektioniert. Muss man das ernst nehmen? Als Chef von Partner für Berlin mit Sicherheit. Alle anderen sollten den Vogel einfach ignorieren.
2.1.2025 von Enno Kramer - Mit seinen YouTube-Videos erreicht Kurt Caz ein Millionenpublikum. Bei einem Besuch in seiner alten Heimat Berlin zeigt er sich schockiert – bekommt aber Gegenwind.
Kurt Caz gehört zu den bekanntesten Reise-YouTubern der Welt und begibt sich für seine Videos regelmäßig in gefährliche Situationen. Dabei versucht er, auch die Schattenseiten bestimmter Regionen zu beleuchten und möglichst actionreich das abzubilden, was in den Beiträgen vieler seiner Berufskollegen auf Social Media oft unter den Tisch fällt.
Seine Reisen führten ihn etwa nach der Machtübernahme der Taliban nach Afghanistan. Er begab sich in IS-Hochburgen im Irak, erkundete den Südsudan, war unterwegs in den Barrios Venezuelas sowie den Favelas Kolumbiens und führte in Mogadischu Gespräche mit Milizen und Clan-Mitgliedern. Nun war der gebürtige Südafrikaner mit deutschen Wurzeln in seiner alten Heimat Berlin unterwegs.
„Willkommen im größten Drecksloch Europas“
„Guten Morgen und willkommen im größten Drecksloch Europas“, leitet der YouTuber mit fast vier Millionen Abonnenten ein und macht damit gleich zu Beginn überdrastisch deutlich, wohin die Reise geht. Berlin sei wie der Wilde Westen mit seinen guten, schlechten und hässlichen Seiten – nur eben ohne die guten. Caz lebte acht Jahre lang in der Hauptstadt, freue sich aber nur bedingt, wieder hierher zurückzukehren.
Auf seine typisch provozierende, fast schon streitsüchtige Art versucht er gleich zu Beginn des 30-minütigen Videos, mehrere mutmaßliche Trickbetrüger zu konfrontieren. Sein Ziel sei es, „Kriminelle zu entlarven“, heißt es im Titel. Er warnt vor Betrügern am Brandenburger Tor und Unter den Linden, die angeblich Spenden sammeln, diese jedoch in die eigene Tasche stecken. Eine Berlinern wohl vertraute Masche, die für Besucher jedoch oft zur Falle werde: „Seid auf der Hut, wenn euch jemand an touristischen Orten um eine Spende für wohltätige Zwecke bittet“, mahnt der 27-jährige Influencer.
Im Laufe des Videos wird Caz grundsätzlicher und demonstriert am Breitscheidplatz – wo zum Zeitpunkt der Aufnahme noch der Weihnachtsmarkt aufgebaut ist –, wie sich Berlin seiner Meinung nach in den vergangenen Jahren erkennbar zum Negativen entwickelt habe. Statt angeblich durch Migration verursachte Probleme an der Wurzel zu packen und deren Ursachen zu bekämpfen, würden lediglich Symptome behandelt, etwa durch das Aufstellen von Pollern als Sicherheitsbarrieren, erklärt er seinen Zuschauern.
Seiner Auffassung nach seien umfassende Hintergrundchecks aller Menschen nötig, die nach Deutschland kommen. „Hier hängen viele andere solcher Menschen herum, die tickende Zeitbomben sind“, so Caz in Anspielung auf den islamistischen Attentäter Anis Amri, der 2016 einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche lenkte.
Clickbait statt seriöse Berichterstattung?
Bei einem Spaziergang durch Kreuzberg droht der Videodreh am Görlitzer Bahnhof schließlich zu eskalieren, nachdem ein Mann ihn auffordert, das Filmen zu unterlassen. „Ich werde in meinem Land filmen, was ich will“, stellt der in Südafrika lebende Influencer klar, begleitet von einem Bodyguard. „Die Polizei und Politiker in diesem Land wissen alle, was hier passiert – der Verkauf von harten Drogen wie Crack, Heroin und Speed. Doch niemand tut etwas dagegen.“ Stattdessen werde alles wegnormalisiert. „Diese Stadt ist einfach so kaputt.“
Von den einen für seine furchtlose Art gefeiert, wird Caz für seinen „Adrenalin-Content“ auch häufig vehement kritisiert. Ihm wird vorgeworfen, Risiken zu verharmlosen, indem er sich bewusst in gefährliche Situationen begibt. Zudem werden ihm immer wieder Voyeurismus, Ignoranz sowie migrationsfeindliche und rassistische Aussagen vorgehalten – Clickbait statt seriöser Berichterstattung, so der Vorwurf.
Erst vor wenigen Wochen war Caz im Frankfurter Bahnhofsviertel unterwegs gewesen und filmte Drogenabhängige, Obdachlose und andere Menschen ohne deren Einverständnis frontal ins Gesicht. Wie auch jetzt für das Berlin-Video, erntete er viel Kritik. Viele Zuschauer empfanden sein Vorgehen als bloßstellend und respektlos, statt als angemessene Darstellung sozialer Realität.
Obwohl in Deutschland grundsätzlich gilt, dass Menschen im öffentlichen Raum gefilmt werden dürfen, betonten Polizeibeamte in dem Video, dass die Betroffenen ausdrücklich nicht gefilmt werden wollten – was Caz jedoch weitgehend ignorierte.