12.6.2026 von Cedric Rehman - Der Verein unterstützt ältere Berliner bereits seit Juni am Telefon bei hohen Temperaturen.
Der nächste kühle Ort war nicht barrierefrei, doch das ältere Ehepaar gehbehindert. Margret Hampel vom Verein Silbernetz erinnert sich an das Telefonat während des ungewöhnlich heißen Wochenendes Ende Juni.
Hampel leitet bei der 2014 gegen Einsamkeit unter Senioren gegründeten Berliner Initiative den im Juni an den Start gegangenen Hitze-Service am Info-Telefon. Ältere Berliner können sich unter der Telefonnummer 030 544 533 0 533 registrieren. Das achtköpfige Team warnt vor Hitze, sobald der Deutsche Wetterdienst (DWD) eine entsprechende Meldung veröffentlicht. Auch bei Glatteis oder Unwetter erfolgt eine Benachrichtigung durch das Info-Telefon.
Hampel und ihre Mitstreiter halten auch während einer Hitzewelle den Kontakt mit den bei ihnen registrierten Senioren. Laut Hampel haben sich inzwischen 18 Berliner für den Service angemeldet. Hampels Team berät am Telefon, wie ältere Menschen Wohnungen und sich selbst kühl halten können. Dazu zählen Tipps wie das Auflegen feuchter Tücher auf Arme und Beine. Sie senken wie bei Fieberwickeln die Körpertemperatur.
Das Team gibt Tipps zum Abkühlen
Das Hitze-Telefon informiert auch über Regeln fürs Lüften. Die Fenster sollten an heißen Tagen nur am frühen Morgen und am Abend geöffnet werden. „Wichtig ist auch, den Arzt nach der Lagerung von Medikamenten bei Hitze und einer möglichen Anpassung der Dosis zu fragen“, sagt Hampel.
Die Berater von Silbernetz verließen sich nicht nur auf Schilderungen ihrer Gesprächspartner, sondern versuchten herauszuhören, wie es den Senioren mit der Hitze gehe, erklärt Hampel. Ist etwa am Ende der Leitung ein Keuchen zu hören, könnte das ein Hinweis auf Atemnot sein, erklärt Hampel.
Die Senioren erfahren in den Gesprächen auch, wo sie bei hohen Temperaturen in der Nähe ihres Wohnorts kühle Räume etwa in Büchereien, Rathäusern oder Kirchen finden. Sie sind auf der Landes-Internetseite „Bärenhitze“ zu finden. Doch wie im Fall des gehbehinderten Ehepaars sind nicht alle auf der sogenannten Erfrischungskarte verzeichneten Orte für Rollstuhlfahrer und andere in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen geeignet.
Mitarbeiter können Rettungsdienst alarmieren
„Ich habe an dem heißen Wochenende Ende Juni dann mehrmals mit dem Ehepaar telefoniert und ihnen erklärt, wie sie sich abkühlen können“, sagt Hampel. Sie hätte bei einer Verschlechterung auch sofort die Rettungssanitäter informieren können.
Der Verein Silbernetz greift auf eine Idee zurück, mit der Frankreich nach dem Jahrhundertsommer 2003 auf eine Katastrophe reagierte. 15.000 meist ältere Franzosen starben in wenigen Wochen. Die Notaufnahmen füllten sich mit unter Hitzeschlag leidenden Patienten meist hohen Alters. Vielerorts mussten Tote in Kühllastern aufbewahrt werden, weil in den Leichenhallen der Platz fehlte.
Hitze gefährdet ältere Menschen besonders. Sie schwitzen weniger. Damit ist bei ihnen die nach dem Verdunstungsprinzip arbeitende Klimaanlage des Körpers eingeschränkt funktionstüchtig. Zudem trinken ältere Menschen im Durchschnitt weniger. Hohe Temperaturen überfordern ihren Organismus schneller. Hinzu kommen Vorerkrankungen und die Auswirkungen von Medikamenten, die Ältere in der Regel häufiger einnehmen als Jüngere.
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Margret Hampel von Silbernetz erklärt älteren Menschen aus Berlin, wie sie sich an heißen Tagen zum Beispiel mit feuchten Tüchern an Armen und Beinen abkühlen können. © Silbernetz e.V.
Frankreich registriert Senioren
Frankreich reagierte auf die Überlastung des Gesundheitssystems im Sommer 2003. Seit 2004 erfassen die Rathäuser alleinstehende Senioren. Sobald nach dem nationalen Hitzeplan die Warnstufe Orange gilt, rufen Mitarbeiter der Kommunen und ehrenamtliche Helfer die registrierten Senioren an. Sie erkundigen sich etwa danach, ob sie genug trinken und wie sie sich fühlen.
Wird eine Person nicht erreicht, oder klagt sie über starke Beschwerden, statten die Mitarbeiter oder Freiwilligen einen Hausbesuch ab, um nach dem Rechten zu sehen. Sie alarmieren, wenn es nötig scheint, auch den Rettungsdienst.
Silbernetz will ein solches Konzept in Berlin umsetzen. Im vergangenen Sommer erprobte der Verein das Info-Telefon in Neukölln. Nun steht es Senioren in ganz Berlin zur Verfügung. Derzeit schult Silbernetz ehrenamtliche Helfer. Sie sollen nach französischem Vorbild Senioren zu Hause besuchen, sich persönlich nach ihrem Befinden erkundigen oder auch Einkäufe übernehmen, erklärt Margret Hampel.
Der Verein sucht Mitstreiter
Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg sind rund eine Million Berliner älter als 60 Jahre. Silbernetz könne natürlich nicht allen Berliner Senioren am Telefon oder voraussichtlich ab Sommer 2027 auch persönlich mit Ehrenamtlichen bei Hitze zur Seite stehen. „Wir versuchen im Moment, uns auch mit anderen Organisationen zu vernetzen“, erklärt Hampel. Ziel seien möglichst wohnortnahe Angebote der Unterstützung bei Hitze, fügt sie hinzu.
Helfer könnten die Gesundheitsrisiken bei Hitze für Senioren aber nur durch Aufklärung und Unterstützung abmildern, betont die Leiterin des Info-Telefons. Die Verwaltung stehe in der Pflicht, den Ende 2025 beschlossenen Hitzeschutzplan konsequent umzusetzen und voranzubringen.
Er sieht unter anderem die Klimaanpassung von Seniorenheimen mit Sonnenschutzsegeln, Jalousien und Ventilatoren vor, und das Erstellen von Lüftungskonzepten sowie die Kontrolle der Flüssigkeitszufuhr in den Einrichtungen. In ihnen soll es auch kühle Gemeinschaftsräume geben.
Politik soll Klimaanpassung voranbringen
Solche Räume seien auch in größeren Mietshäusern dringend notwendig, findet Hampel. Als es in Berlin fast 40 Grad waren, habe es ein Ehepaar kaum noch in der Wohnung ausgehalten. Es sei ein Notfall gewesen, erzählt Hampel. „Wir mussten ihnen raten, mit dem Aufzug ins Erdgeschoss oder gegebenenfalls in die Tiefgarage zu fahren, weil es in der Umgebung keinen kühlen Ort gab, der rollstuhlgeeignet war. Das hat uns sehr leidgetan“, sagt Hampel.
Zudem sei alles, was die Stadt bei hohen Temperaturen kühle, zu fördern, erklärt die Leiterin des Info-Telefons. Sie meint damit ausdrücklich mehr Stadtbäume. Der Berliner Verein Baumentscheid äußerte Anfang August Kritik an der Umsetzung des Ende 2025 beschlossenen Baum-Plus-Gesetzes. Es sieht eine Million Straßenbäume bis 2040 vor. Sie sollen bei Hitze stark belastete Kieze um bis zu zwei Grad abkühlen.
Laut der Initiative verschleppt die Senatsverwaltung unter anderem die Finanzierung des Projekts. Margret Hampel rät der Politik dazu, die Klimaanpassung auch nach dem Ende des Hitze-Sommers in diesem Jahr nicht aus dem Auge zu verlieren. „Die hohen Temperaturen sind nicht für Senioren, sondern für alle zunehmend eine Belastung“, sagt sie.