Dans le contexte allemand les prises de position politiques de participants du festival cinématographique Berlinale risquent de faire perdre son poste à la cheffe Tricia Tuttle.
Le spécialiste du film Rüdiger Suchsland explique quelques quiproquos et sources de malentendu à la Berlinale de 2026. Son texte est marqué par la confusion générale et la corruption fondamentale qui empêche les intellectuels allemands d’adopter une position humaine par rapport au génocide en Palestine.
23.2.2026 von Rüdiger Suchsland - Statt über Filme zu reden, dominieren politische Skandale das Festival. Warum das größte Problem hausgemacht ist. Ein Kommentar.
"Es geht nicht um politische Filme, sondern darum, politisch Filme zu machen." Jean-Luc Godard
Die Berliner Filmfestspiele, deren 76. Ausgabe am Wochenende zuende ging, vermarktet sich selbst als explizit „politisches Filmfestival“. Tatsächlich aber ist die Berlinale das unpolitischste Filmfestival von allen. Warum?
Das Etikett des politischen Filmfestivals ist ein Label, das sich genau genommen nicht besonders klar von anderen unterscheidet. Denn im Grunde ist es selbstverständlich, dass Filme immer politisch sind – nur die Berlinale tut so, als sei dies etwas Besonderes. Aber wäre ein Filmfestival überhaupt denkbar, das sich umgekehrt explizit „unpolitisch“ nennt?
In Zeiten öffentlicher Hysterisierung, Social-Media-Erregung und fortwährend platzender Filterblasen fällt der Berlinale dieses Label aber nun zunehmend auf die Füße.
Kulturvermeidungsmaschine Berlinale
Immer wieder schafft es die Berlinale, dass nicht über Filme geschrieben und gesprochen wird, sondern über irgendeinen Polit-Quatsch, oder die Frage, wie politisch Filme sein sollen – sie schafft es, zu einer Filmvermeidungsmaschine und Kulturvermeidungsmaschine zu werden. Vielleicht ist das ja auch das heimliche Ziel der Berlinale: Dass niemand mehr über ihre Filme redet, weil die einfach zu schlecht sind.
Die seit einigen Jahren auf der Berlinale grassierenden Positionierungen überaus einseitiger „Palästina-Solidarität“ und antisemitisch gefärbter, sogenannter Israel-Kritik gehören dort fast schon zum guten Ton.
Noch wird der „Krieg der Meinungen“ (FAZ) nur in schrillen Worten ausgetragen, aber wer am Samstag den syrischen Regisseur Abdallah Alkhatib in seiner Dankrede für den Preis fürs Spielfilmdebüt hörte, dem lief es eiskalt den Rücken herunter:
„Wir werden uns an jeden erinnern, der für uns war. Und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“
"Palästina-Solidarität" als Lifestyle-Label
Das halte ich für „Kulturstalinismus“, die Aussage erinnert an gewisse AfD-Einlassungen. Sie macht Redefreiheit zum Mittel ihrer Unterdrückung.
Es ist empörend, dass Derartiges ausgerechnet in Berlin stattfindet, nur wenige hundert Meter vom Standort der Berliner Mauer, des Führerbunkers und des Holocaustmahnmals entfernt.
Vor allem aber ist dies eine Ausnutzung der Opfer. „Palästina-Solidarität“ ist in der internationalen Kunstszene längst ein Lifestyle-Ding geworden, eine wohlfeile und folgenlose Parteinahme, die das „reale Leid“ ignoriert und oft genug instrumentalisiert, um die eigenen Blasen zu füttern.
Manche, die sich hier positionieren, sind überdies inhaltlich entgegengesetzter Ansicht, aber sie fühlen sich eingeschüchtert vom Gruppenzwang und haben Angst vor dem öffentlichen Pranger, wenn sie sich nicht positionieren.
Schrift an einer Berliner Hauswand „Wim, Du Feigling“ Hauswand, Berlin. Bild: Privat„Wir müssen uns aus der Politik raushalten“
Gleich zum Auftakt vor zehn Tagen hat es bei der Berlinale richtig Ärger gegeben: Tilo Jung, als YouTuber weniger ein an ausgewogener Information und umfassender Faktendarstellung interessierter Journalist denn ein politischer Aktivist und bekannter palästinensischer Parteigänger, der bislang nicht damit aufgefallen ist, dass er journalistisch über Film berichtet, hatte es geschafft, im Berlinale-Pressecorps akkreditiert zu werden.
Bei der Pressekonferenz der Jury meldete er sich zu Wort, und Regisseur Wim Wenders, der Präsident der hochkarätig besetzten internationalen Jury, hatte sich von seinen Fragen – „Unterstützen Sie als die Jury die ‚Unterstützung der deutschen Regierung für den Genozid in Gaza‘“, „ihre Rolle als Hauptfinanzier der Berlinale“ und „die selektive Behandlung der Menschenrechte“? – provozieren lassen.
Wenders antwortete nicht gerade elegant: „Wir müssen uns aus der Politik raushalten. ... Wir sind das Gegengewicht zur Politik, wir sind das Gegenteil der Politik.“
Das war keine sehr glückliche Formulierung. Die Idee, dass Filme in erster Linie künstlerisch und ästhetisch zu verstehen sind, ist zwar richtig und gut gemeint, aber unscharf und baut einen Gegensatz auf, der in der Realität oft verwischt wird.
Wenders wurde gewollt missverstanden. Schon hat die Berlinale auch 2026 wieder ihren Polit-Skandal.
„Ihre Frage ist unfair“
Ein anderes Jurymitglied, die polnische Produzentin Ewa Puszczynska ("Zone of Interest") hatte eine bessere, klarere Antwort:
„Nein. Filme sind nicht politisch in der Weise, in der Sie glauben, dass sie politisch sind. Filme handeln von Empathie, von dem Versuch, etwas zu verstehen; sie dienen dazu, dass man sich selbst seine Meinung bildet. Und uns diese Frage zu stellen, ist ein bisschen unfair – denn wir versuchen, als Filmemacher zu jedem einzelnen Zuschauer zu sprechen und sie zum Denken zu bringen.“
Man fragte sich auch, wie die Jury, und die Festivalleitung so naiv sein konnten, dass dort offenbar auch nach der Vorgeschichte der vergangenen zwei Jahre mit den diversen Antisemitismus-Vorfällen oder israelfeindlichen Statements bei der Berlinale niemand mit entsprechenden Gefahren rechnete.
Man würde von der Presseabteilung des Festivals mindestens erwarten, ihre Chefin vorzuwarnen, wer bei der Jury-Pressekonferenz anwesend ist.
Ist jeder Aktivist ein Journalist?
Nun wird es persönlich: Vor einer Woche bat der Medienpartner der Berlinale, 3sat, den Autor dieses Beitrags, in der Sendung „Kulturzeit“ über all das zu sprechen.
Es ist eine gute Gelegenheit, noch einmal klarzustellen, dass nicht jeder, der einen Presseausweis hat, deswegen auch Journalist ist. Es mag sein, dass sich Menschen, die eine bestimmte politische Agenda kommentierend und polemisierend vertreten, für Journalisten halten, sie sind es deswegen trotzdem oft nur politische Agitatoren.
Um es für die, die nicht verstehen wollen, nochmals zu verdeutlichen: Es geht keineswegs darum, Journalisten zu zensieren.
Sondern es geht um zwei Fragen: Ist jeder Aktivist ein Journalist? Die Frage ist, ob man Leute auf ein Filmfestival zulassen muss, die politische Aktivisten sind, und die Berlinale offenbar vor allem als Plattform nutzen, um ihre Followerblase zu bedienen und ihre Reichweite zu stärken?
Tilo Jungs Verhalten auf den Pressekonferenzen der Berlinale spricht hier für sich: Er macht es zu seinem persönlichen Geschäftsmodell, dass er eine bestimmte Frage immer wieder stellt, jeden die im Prinzip gleiche Frage fragt und Antwort-Schnipsel veröffentlicht.
Genau deswegen, weil er die Pressekonferenzen entert, sollte er deswegen nicht bei der Berlinale akkreditiert werden.
Minimalismus und Pseudopoesie
Beim Filmfestival von Cannes wäre der Meinungsaktivismus von YouTubern wie Tilo Jung schon nach zwei Tagen von allen vergessen worden, weil starke Filme den interessanteren Diskurs bestimmen. Bei der Berlinale gibt es hingegen nichts, was davon ablenkt.
Was daher am meisten stört, ist, dass die politische Debatte sowohl auf der Berlinale als auch in ihrer Rezeption kaum mit einer ästhetischen in Verbindung gebracht wird: Wenn die Berlinale ihre ganzen, durch poststrukturalistische Theorien, Minimalismus und Pseudopoesie verklausulierten Meinungsfilme ohne eigenes Erkenntnisinteresse zeigt, ohne sie filmhistorisch oder ästhetisch einzuordnen, ist es doch nur logisch, dass dann die von Film losgelösten politisch genannten Debatten kommen.
Den Zeitgeist mit abzubilden, ist gut und richtig. Aber das kann nur sinnvoll sein, um damit einen Streit über den Zeitkern, über die geistige Situation der Epoche auszulösen, den das Festival dann moderiert und damit das Publikum überrascht, nicht aber damit selbst überfordert ist.
Dilettanten der Kunst, Dilettanten der Politik
Die Intendantin der Internationalen Filmfestspiele Berlin, Tricia Tuttle, setzt Zeichen, sie redet über Meinungsfreiheit und Diversität und Inklusion und den ganzen Plan, aber dann macht sie solche Fotos und wenn Leute im Saal rufen „Free Gaza from Hamas“ werden sie von Moderatorin Desiree Nosbusch niedergeredet und sie sagt, jetzt sei nicht die Zeit für Dialog.
Das politische Grundproblem ist, dass die Berlinale sich als diplomatische „Plattform für alle“ darstellt und sich um grundsätzliche Meinungen herumdrückt, aber in dieser pseudo-staatsmännischen Attitüde nie souverän genug ist.
Die Berlinale verpasst ihre Chancen. Sie versammelt viele Politiker, Beamte, Stakeholder in Berlin, weist ihnen aber die Rolle der Statisten zu: Sie flanieren über den Filmmarkt, werden mit Kreativen fotografiert oder bei Premieren begrüßt.
Die, die also tatsächlich für Politik zuständig sind, werden zwar eingeladen und sind anwesend, sie werden aber in ihrer Verantwortung, ihrem Beruf nie adressiert.
Der ganze deutsche Kulturbetrieb und auch dieser internationale linke Betrieb mag Politiker nicht, misstraut ihnen, aber hat vor allem Angst vor ihnen – in Zweifelsfall zu Recht, denn wenn sie sie adressieren würden, dann würde als Erstes die eigene Blase platzen und sie müssen sich streiten, sie müssen ihre oft absurden Positionen verteidigen.
Das ist für ein Festival, das behauptet, so politisch zu sein, schon komisch: Das Feld wird den Laien und Dilettanten überlassen.
Die Dilettanten der Kunst, die Politiker, geben auf dem roten Teppich grotesk oberflächliche, rein geschmäcklerische Ad-Hoc-Interviews zu ihren Lieblingsfilmen oder dem Berlinale-Wettbewerb. Und die Künstler dilettieren zu Politik: Regisseure salbadern über Gaza, Schauspieler über Mindestlohn und Trump, alle über Klimapolitik und Veganismus.
Die Kunst ist frei und muss es bleiben
Festivalleiterin Tricia Tuttle, die sich an diesem Wochenende durch ein explizit parteiergreifendes Foto mit Palästinenserflagge zusätzlich angreifbar gemacht hat, also im Prinzip begrüßenswert ihre Funktion dazu nutzt, offen Partei zu ergreifen, müsste nun auch konkret in die Verantwortung genommen werden und gefragt, was sie denn mit „Palästina-Solidarität“ eigentlich meint?
Diese Ebene wird in all den Diskussionen bisher überhaupt nicht angesprochen.
Was dabei völlig in Vergessenheit gerät, und das gilt für Tuttle wie für Wenders, wie für jeden Filmemacher: Es gibt auch ein Recht, sich nicht zu bestimmten Themen und Problemen zu äußern; und es gibt auch ein Recht, die Antwort auf eine Frage zu verweigern.
Es gibt das Recht, Ansichten zu vertreten, die politischen Aktivisten nicht passen. Und vor allem gibt es das Recht, die eigene Kunst von der Politik fernzuhalten.
Die Kunst ist frei und muss es bleiben.