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  • Plattformunternehmen bilden zunehmend das Rückgrat der Infrastruktur ganzer Volkswirtschaften | Telepolis
    https://www.heise.de/tp/features/Plattformunternehmen-bilden-zunehmend-das-Rueckgrat-der-Infrastruktur-ganzer-V

    Il semble que des chercheurs et institutions découvrent l’urgence de défendre nos sociétés contre les plateformes capitalistes. A gauche on essaie de créer un coopérativisme de plateforme contre le capitalisme de plateformes. Ce mouvement reste petit par rapport á l’ignorance répandue.

    Neuinterpretation der Rolle des Staats im Zeitalter der Plattformökonomien

    Das angestammte Marktgeschehen wird seit rund einem Jahrzehnt von globalen Plattformunternehmen wie Google, Amazon, Uber, AirBnB und Co. disruptiv aufgebrochen und umgestaltet. Die Plattformunternehmen nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die Digitalisierung bietet, und vernetzen die Marktteilnehmer in einer neuartigen Weise. Die Plattformen senken dabei massiv die Transaktionskosten. Sie bieten den Marktteilnehmern einen großen Mehrwert und schöpfen einen erheblichen Teil dieses Mehrwerts ab.

    Der Marktwert der globalen Plattformunternehmen übersteigt mittlerweile den der meisten angestammten Unternehmen.1 Die angestammten Unternehmen wiederum müssen entweder selbst Plattformen aufbauen oder sich unter die Obhut einer der großen Plattformen begeben, um weiterhin erfolgreich am Markt agieren zu können.

    Die Plattformen bieten den Konsumenten ein völlig neues Einkaufserlebnis. Neben den klassischen Merkmalen der angebotenen Produkte und Dienstleistungen rücken mehr und mehr auch die Komfortmerkmale des Handels in den Fokus.

    Durch die Plattformen wird der Markt für den Konsumenten transparenter. Er findet schneller, was er sucht. Er kann die Angebote leichter vergleichen. Er kann einfacher als bisher Verträge schließen, Bestellungen auslösen, Rechnungen bezahlen, Reklamationen durchsetzen, Service in Anspruch nehmen und vieles mehr.

    Das Geschäftsmodell der Plattformunternehmen basierte in der Anfangszeit auf der Senkung der Transaktionskosten und dem Abschöpfen ihres Anteils am erzeugten Mehrwert. Die Plattformen bieten den Marktteilnehmern Vorteile und zwar gerade auch deshalb, weil sie die Vielfalt auf beiden Seiten des Marktes einschränken. Sie erzeugen und nutzen Netzeffekte2, prägen ganze Technologiepfade und setzen neue Industriestandards.3

    Die Plattformunternehmen entwickeln sich zunehmend zu Torwächtern der Märkte, ohne die Angebot und Nachfrage nicht mehr zusammenfinden. Den Plattformunternehmen liegt inhärent die Tendenz inne, ihre Gewinne fortwährend in die Ausweitung ihrer Plattform zu reinvestieren, um ihre Position immer weiter auszubauen und sich die Marktdominanz zu sichern. Sie aggregieren zu immer größeren Unternehmen und entwickeln globale Monopole.
    Was ist der Preis?

    Das Geschäftsmodell der Plattformunternehmen hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Es geht ihnen zunehmend darum, ganze Marktsegmente oder gleich ganze Märkte unter ihre Kontrolle zu bringen, um in den (alleinigen) Besitz der Nutzungs- und Transaktionsdaten zu gelangen. Auf der Grundlage dieser Daten und unter Verwendung aktueller Technologien wie Data-Mining, maschinelles Lernen etc. haben sich die Plattformunternehmen daran gemacht, das eigentliche Gold der Digitalisierung zu heben. Sie sitzen schon heute auf einem wahren Datenschatz, nutzen die darin enthaltenen Informationen, um den Marktteilnehmern einen maximalen Nutzen zu bieten und erhalten daher mehr und mehr Nutzungs- und Transaktionsdaten.

    Mittlerweile kennen die Plattformunternehmen jeden einzelnen Konsumenten und jeden Anbieter besser als diese sich selbst. Sie alleine verstehen die Bedürfnisse, die Entscheidungswege der Konsumenten sowie die Geschäftsmodelle und -prozesse der Anbieter. Aus diesen intimen Kenntnissen über alle Marktteilnehmer (wohl gemerkt der individuellen Marktteilnehmer und nicht irgendwelchen anonymen statistischen Mittelwerten) schlagen sie Kapital und beziehen sie ihre Marktmacht.

    Die Plattformunternehmen bilden zunehmend das Rückgrat der Infrastruktur ganzer Volkswirtschaften. Sie werden zunehmend unangreifbar für andere Unternehmen und künftig auch für Staaten. Wenn die Konsumenten und die anderen Unternehmen weiter am Markt teilnehmen wollen, wenn die Staaten ihre Aufgaben weiter wahrnehmen wollen, werden sie sich unter das Dach der Plattformen begeben und sich dann auch deren Regeln unterwerfen müssen. Am Ende werden auch die Staaten zu Kunden degradiert, ihr Gestaltungsspielraum wird dabei zunehmend marginalisiert werden. Die Plattformunternehmen werden sich der demokratischen Kontrolle mehr und mehr entziehen.

    Die Plattformunternehmen definieren auf ihrer Plattform die Spielregeln und entwickeln diese zu ihrem Vorteil weiter. Am Beispiel von Uber oder AirBnB wird deutlich, dass die Plattformunternehmen sich auch von nationalen oder multinationalen Gesetzen zunehmend nicht mehr einhegen lassen. Sie schleifen Gesetze und sozialen Normen indem sie diese aushebeln oder auch einfach ignorieren. Sie zwingen Menschen, für die es bisher noch reguläre Jobs gab, sich als Uber-Fahrer, als AirBnB-Vermieter oder als Click-Worker zu verdingen.

    Die Plattformunternehmen folgen der neoliberalen Philosophie. Sie reduzieren den Menschen auf seine Rolle als Marktteilnehmer und presst die Menschen mit ihren Plattformen in diese Rolle. Dies wirkt auf das Weltbild der Menschen zurück und überformt es neoliberal.

    Die Plattformunternehmen „verstehen“ die individuellen Menschen zwar immer besser und können sie folglich auch immer besser manipulieren. Für sie zählen am Ende aber nur Kaufkraft, Aufmerksamkeit und Verweildauer.

    Andere Stellen interessieren sich aber auch für die immer ausgefeilteren Möglichkeiten, die Bevölkerungen als Schwarm von Individuen zu „verstehen“ und zu manipulieren. Diese anderen Stellen verschaffen sich - ohne allzu großen Widerstand - Zugang zu den Daten der Plattformunternehmen. Sie reduzieren den Bürger auf die Rolle, die sie ihm aufgrund ihrer Philosophie zubilligen und pressen in durch ihre Manipulationen in diese Rolle.
    Was wollen wir?

    Der Staat als Ordnungsmacht und Garant für die allgemeinen Infrastrukturen ist durch die Digitalisierung im allgemeinen und die Plattformökonomien im speziellen massiv herausgefordert. Bisher hat der Staat Unternehmen durch Gesetze und andere Regelungen eingehegt und dadurch dafür gesorgt, dass die Unternehmen mehr oder weniger zum Nutzen der Gesellschaft agiert haben. Bisher hat der Staat die Verwaltungsinfrastruktur, die Verkehrsinfrastruktur, die Kommunikationsinfrastruktur etc. bereitgestellt oder zumindest die Rahmenbedingungen geschaffen, dass die notwendigen Infrastrukturen bereitgestellt werden.

    Durch die Digitalisierung haben sich die Dinge bereits so weit beschleunigt, dass die althergebrachten Gesetzgebungsverfahren nicht mehr hinterherkommen. Die Gestaltungsmacht liegt faktisch schon heute bei den Plattformunternehmen - technologiegetriebenen Wirtschaftsunternehmen unter der Kontrolle weniger - und nicht mehr bei der demokratisch legitimierten Politik. Die global aufgestellten Plattformunternehmen lassen sich durch einzelne Staaten auch nicht mehr einhegen, sondern spielen diese bereits gegeneinander aus.

    Eine Neuinterpretation der Rolle des Staats könnte einen Ausweg aus diesem Dilemma weisen. Statt der Entwicklung bei den Plattformen hinterherzulaufen und den Abstand auf die globalen Akteure immer größer werden zu lassen, könnten die Staaten - solange sie noch über die notwendige Gestaltungsmacht verfügen - selbst zum Plattformbetreiber im Sinne einer allgemeinen Infrastruktur werden und sich von den Plattformunternehmen emanzipieren. In dieser Rolle könnten sie die Spielregeln definieren und auch für das notwendige amtliche Vertrauen sorgen beziehungsweise als Bürge auftreten.

    Die öffentliche Verwaltung handelt auf der Basis eines gesetzlichen Auftrags. Wenn die Nachfrage nach amtlichen Leistungen jedoch immer weiter sinkt, wird die öffentliche Verwaltung aber über kurz oder lang durch die Politik geschrumpft werden müssen. Weder die Bedeutsamkeit noch der Bestand der öffentlichen Verwaltung sind für immer gesichert. Umgekehrt kann eine innovative Verwaltung aber auch positiv auf ihren künftigen gesetzlichen Auftrag hinwirken. Hierzu muss es ihr aber gelingen, in einer von privatwirtschaftlichen Plattformökonomien dominierten Welt neuen infrastrukturellen Nutzen zu stiften.
    Was können wir tun?

    Für staatlich betriebene Plattformen sind drei Szenarien denkbar. Der Betrieb kann zentral, dezentral oder auch kollaborativ erfolgen.

    Das letzte Szenarium ist zivilgesellschaftlich geprägt, setzt auf offene Standards, offene Schnittstellen, offene Soft- und Hardware, offene Innovation, offene Prozesse, offene Verwaltungsdaten, offenes Verwaltungshandeln etc. Beispiele, die zeigen, wie so etwas funktionieren kann, sind Open-Street-Map oder auch die Wissenschaftlergemeinde mit ihren Ansätzen zu Open-Data und Open-Access. Hier wirken offene Praxisgemeinschaften kollaborativ zusammen und erzeugen überzeugende Mehrwerte für die Allmende.

    Mit staatlich betriebenen Plattformen würden die Nutzungs- und Transaktionsdaten und auch das Nutzungsrecht an diesen Daten - dem eigentlichen Gold der Digitalisierung - in den Besitz der Allmende übergehen. Da die Staaten hier selbst die Entwicklung der Plattform steuern oder zumindest regeln und selbst auf dem Datenschatz sitzen, greifen dann auch wieder ihre Gesetze und Regelungen.

    Bei der Offenlegung der amtlichen Daten kann über geeignete Lizenzen sichergestellt werden, dass diese nicht von den privatwirtschaftlichen Plattformunternehmen in unverdienter und unfairer Weise vereinnahmt werden, um nochmal schneller zu wachsen.
    Was bisher geschah

    Die Politik hat in den letzten Jahren mehrere Gesetze auf den Weg gebracht, um die öffentliche Verwaltung digital zu transformieren. Die Verwaltung ist derzeit dabei, diese Gesetze im Rahmen ihrer Möglichkeiten umzusetzen. Die Gesetze zielen darauf ab, Bürgern und Unternehmen künftig Verwaltungsleistungen anzubieten, die sich primär an deren Situation und Bedürfnissen orientieren.

    Das Angebot und dessen Inanspruchnahme sollen sich an den Erwartungen und Erfahrungen mit anderen digitalen Angeboten orientieren. Die behördlichen Leistungen sollen verständlich und nachvollziehbar sein und sich möglichst naht- und mühelos in andere Abläufe eingliedern. Dabei soll den Bürgern und Unternehmen auch die Möglichkeit gegeben werden, sich so weit wie möglich vom behördlichen Genehmigungs- und Interpretationsvorbehalt zu emanzipieren. Die Verwaltung soll möglichst nur noch dann eingreifen, wenn Entscheidungen strittig sind oder unerwartete Ausnahmesituationen auftauchen.

    Die Bundesregierung schreibt in ihrer KI-Strategie „Wer die Standards setzt, bestimmt den Markt.“ Es ist an der Zeit, dass sich die Gesellschaft eine Meinung bildet und entscheidet, wie die Rolle des Staats im Zeitalter der Plattformökonomien aussehen soll. Wir können uns jedenfalls auf Dauer nicht nicht entscheiden, ob wir eine demokratisch legitimierte Einhegung der Plattformen haben wollen oder nicht.

    Literaturempfehlungen

    Prof. Ayad Al-Ani, Fernuniversität Hagen, Der Staat muss in Mobilitätsdienste eingreifen
    https://www.zeit.de/mobilitaet/2017-06/mobilitaetsdienstleistungen-online-plattformen-autohersteller-politik
    Prof. Dr. Stefan Baldi, Munich Business School, Regulierung in der Plattformökonomie?
    https://www.munich-business-school.de/insights/2017/regulierung-plattform-oekonomie
    Prof. Dr. Jörn von Lucke, Zeppelin Universität, In welcher smarten Welt wollen wir eigentlich leben?
    https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0947-9856-2018-4-177/in-welcher-smarten-welt-wollen-wir-eigentlich-leben-jahrgang-24-2018-
    Dr. Holger Schmidt, Netzökonom.DE, Wert der Plattformökonomie steigt im ersten Halbjahr um 1 Billion Dollar
    https://www.netzoekonom.de/2018/06/24/wert-der-plattform-oekonomie-steigt-im-ersten-halbjahr-um-1-billion-doll
    Prof. Dr. Andreas Wagener, Hochschule Hof, Plattformökonomie als Geschäftsmodell
    https://nerdwaerts.de/2018/02/1294
    Prof. Dr. Shoshana Zuboff, Harvard Business School, Überwachungskapitalisten wissen alles über uns
    https://www.sueddeutsche.de/digital/2.220/shoshana-zuboff-ueberwachungskapitalismus-google-facebook-1.4198835
    Bundesregierung, KI-Strategie der Bundesregierung
    https://www.bmbf.de/files/Nationale_KI-Strategie.pdf
    Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Digitale Plattformen
    https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Digitale-Welt/digitale-plattformen.html
    Fraunhofer FOKUS, Kompetenzzentrum Öffentliche IT, Plattformökonomie
    https://www.oeffentliche-it.de/-/plattformokonomie

    #platform_capitalism #platform_cooperativism


  • Change.org oder Bundestag ? | Telepolis
    https://www.heise.de/tp/features/Change-org-oder-Bundestag-4012736.html?seite=all

    L’outil démocratique de la pétition est victime d’un processus de privatisation. La majorité des élus au Bundestag n’a aucune idée de choses qui sont en train de se préparer dans le but de les remplacer par des instances privées.

    12. April 2018 Helmut Lorscheid

    Die Zahl der eingereichten Petitionen im Bundestag geht zurück, während Petitionen als Geschäftsmodell von privaten Plattformen florieren

    In den Länderparlamenten und im Deutschen Bundestag gibt es Petitionsausschüsse, an die sich jeder wenden kann. In diesen Ausschüssen sitzen meist engagierte Abgeordnete, die sich für die Petenten und ihre Anliegen interessieren und auch einsetzen. Denn für eine steile politische Karriere ist der „Kummerkasten der Nation“ als Sprungbrett eher ungeeignet, deshalb gehört der Petitionsausschuß nicht zu den begehrtesten Ausschüssen, aber zu denen mit engagierten Mitgliedern.

    Die meisten Petitionen kommen von Personen, die mit den Auswirkungen der Gesetze, die die jeweilige Parlamentsmehrheit beschlossen hat, nicht zufrieden sind. Bei vielen sind es sehr persönliche, oft existenzielle Probleme, die ihre Ursache oft in rücksichtslosen Gesetzen etwa im Sozialbereich oder deren Ausführungsbestimmungen haben.

    Dass die Petitionsausschüsse durchaus hilfreich wirken können - das war mal allgemein bekannt, scheint aber zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Wesentlich präsenter in der breiten Öffentlichkeit sind Online-Plattformen wie Change. Org. bei denen man sich mit paar Klicks für „eine gute Sache“ einsetzen kann viel schneller und unkomplizierter als auf der Website des Bundestagsausschusses. Sicherlich auch deshalb haben die Online-Plattformen die Nase vorn.
    Abnehmende Zahl der Petitionen im Bundestag

    Der jüngste Bericht des Bundestags-Petitionsausschusses für das Jahr 2016 bestätigt die seit längerem feststellbare Tendenz, dass die Zahl der im Bundestag eingereichten Petitionen sinkt. Von 13.137 im Jahr 2015 auf rund 11.236 im Jahr 2016 also rund 2000 weniger als im Vorjahr. Damit setzt sich ein Trend weiter fort, denn auch 2015 wurden im Vergleich zum Vorjahr 2014 insgesamt 2.188 weniger Petitionen eingereicht.

    Was stetig steigt, ist die Nutzung der Online-Petition. So gingen im Jahr 2016 3.698 und somit 33 Prozent aller Eingaben auf elektronischem Wege unter Verwendung des Web-Formulars über das Petitionsportal im Internet ein.

    Die Bundestagsstatistik zeigt ein in sich widersprüchliches Bild. Der Petitionsausschuss konnte von 2015 auf 2016 eine Verdopplung auf seiner Petitionsplattform registrierten Personen feststellen, bei - wie erwähnt - insgesamt sinkender Zahl. Ein Grund für den Rückgang der Zahl der Neueingaben liegt sicherlich in den privatrechtlichen „Petitionsplattformen“. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass nur mit einer Eingabe an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages (oder den Landtagen) von dem Petitionsrecht nach Artikel 17 des Grundgesetzes Gebrauch gemacht wird. In dem Artikel heißt es: „Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden.“ Damit, so der Bundestag, „bietet die Bundestags-Petition die Gewähr, dass jede Petition nicht nur entgegengenommen, sondern auch durch den Adressaten, den Deutschen Bundestag bzw. seinen Petitionsausschuss, sorgfältig geprüft und beschieden wird. Zudem geben die an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages gerichteten Petitionen dem Bundesgesetzgeber eine wichtige Rückkopplung zu seinen Gesetzen.“

    Mit mittlerweile mehr als 2 Millionen registrierten Nutzerinnen und Nutzern ist das Petitionsportal nach wie vor das mit Abstand erfolgreichste Internetangebot des Deutschen Bundestages. Im Vergleich zu den Online-Plattformen wirkt diese große Zahl jedoch eher bescheiden. So wirbt etwa Change.org mit „233.885.317 Menschen in Aktion“, openPetition reklamiert immerhin 4.615.324 Menschen, mit den man sich über diese Plattform „vernetzten“ könne. Doch die privaten Plattformen leben von großen Zahlen, viele Unterzeichner und eine breite Berichterstattung in den Medien bedeuten auch viele Spenden - und davon leben diese Plattformen.

    Aber auch die Adressaten von Petitionen gewöhnen sich an große Klickzahlen. Es ist absehbar, dass auch eine „Klick-Petition“ bei Change.org mit zweihunderttausend Unterstützern keinen großen Eindruck mehr macht. Was kommt dann? Katzenjammer, vielleicht die Rückbesinnung auf das was man sonst noch tun kann - und die Erinnerung an den guten alten Bundestags-Petitionsausschuss?

    Die Einreichung einer Petition im Bundestag ist kostenlos und bietet im Unterschied zu Changeorg und den anderen, dass sich Abgeordnete auch dann um das in der Petition geschilderte Anliegen kümmern, wenn es keine breite Öffentlichkeit mehr gibt - weil längst ein anderes Aufreger-Thema Medien und Öffentlichkeit beschäftigen. Bei einer Petition an den Bundestag genügt übrigens eine einzige Unterschrift unter einer Petition, damit sich der Petitionsausschuss mit dem Thema befasst. Das oft zitierte Quorum von derzeit 50.000 Unterzeichnern bezieht sich allein darauf, dass eine zur öffentlichen Mitzeichnung eingereichte Petition dann vom Einreicher im Ausschuss noch mal mündlich erläutert werden kann. Ansonsten wird jede Petition in diesem Ausschluss grundsätzlich gleichbehandelt, egal ob sie eine Unterschrift trägt oder mehrere tausend.
    Petitionen als Geschäftsmodell

    Eine sehr große Medienpräsenz hat zweifellos Change.org Gegründet als eine Art deutscher Zweig einer gleichnamigen US-amerikanischen Organisation. Eine Geschäftsidee zum Geldverdienen mit dem Willen vieler Menschen, sich mit einem Klick im Internet für eine „gute Sache“ einzusetzen. Weltweit erreichte Change.org eigenen Angaben zufolge 234.003.352 Menschen. In Deutschland über 4 Millionen - also doppelt so viele wie die beim Petitionsausschuss des Bundestages registrierten. Die FAZ schrieb 2014:

    Mit Change.org kann man richtig was losmachen: Massen mobilisieren und für oder gegen ausgewählte Ziele in Stellung bringen. Was ließe sich alles anstellen mit lancierten Kampagnen oder verhindern, indem man unliebsame Petitionen stoppt! Das haben wohl auch die Mächtigen des Silicon Valley erkannt und entschieden: Da müssen wir mit an Bord. Besser am Ruder als in der Schusslinie. Und so haben Bill Gates, Arianna Huffington, die Gründer von Yahoo, Twitter, Ebay und LinkedIn, Jerry Yang, Evan Williams, Pierre Omidyar und Reid Hoffman, mit weiteren netzkapitalen Schwergewichten 25 Millionen Dollar in die Hand genommen und sind bei Change.org eingestiegen. Damit das Unternehmen weiterwachse, in ihrem Sinne.
    FAZ

    In mehreren europäischen Ländern kritisierten insbesondere Datenschützer die Geschäftspraktiken von Change.org. Die italienische Zeitung „Espresso“ konnte 2016 die Preisliste öffentlich machen, die Change.org für die Nutzer von gesponserten Petitionen anwendet: von NGOs bis hin zu politischen Parteien, die mit der Bezahlung die E-Mail-Adressen der Unterzeichnenden erwerben. Die Preise auf der Liste reichten von 1,50 € pro E-Mail-Adresse, falls der Kunde weniger als 10.000 Adressen kaufte, bis hin zu 85 Cent für ein Paket von mehr als 500.000 E-Mail-Adressen.

    Espresso fragte einige der NGOs, die Kunden von Change.org sind, ob es wahr ist, dass sie E-Mail-Adressen der Unterzeichnenden erwerben. Einige gaben nur vage Antworten, um kein Aufsehen zu erregen - andere wie z.B. Oxfam waren so ehrlich, dies zuzugeben.

    „Espresso“ nannte change.org das „Amazon der Online-Petitionen“. Change.org wird als eine „Non-Profit-Organisation“ mit einer progressiven Seele wahrgenommen. „Change.org Inc.“ wurde in Delaware gegründet, dem Steuerparadies der USA. Das Hauptquartier ist in San Francisco, im Herzen des Silicon Valley, in dem Daten das neue Erdöl sind. Bei Change.org kann jeder seine Petitionen kostenlos einzustellen, mit dem sozialen Gedanken, auch dem letzten Obdachlosen eine Stimme zu geben. Weiter heißt es in Espresso:

    Das Unternehmen schlägt aber Profit aus den gesponserten Petitionen, die der Kunde bezahlt, um Kontakt zu den Unterzeichnern zu bekommen und damit sein eigenes Fundraising auszubauen. Woher weiß Change.org so viel? Jedes Mal, wenn wir einen Appell unterschreiben, werden Informationen über uns gesammelt, um ein Profil zu erstellen.

    Kritik der Datenschützer

    Weil Change org. die personenbezogenen Daten der Menschen, die Petitionen unterzeichnet haben, in vielfältiger und nicht transparenter Art und Weise für seine Geschäftszwecke verwendet, verlieh Digitalcourage e.V. den BigBrotherAward 2016 in der Kategorie Wirtschaft an die Kampagnenplattform Change.org.

    Zur Begründung hieß es, das Unternehmen fertige auf der Basis der Informationen über unterzeichnete Petitionen etwa Analysen an zur politischen Meinung, zur gesellschaftlichen Positionierung oder zur sozialen Situation von Einzelpersonen und verwende diese für eigene wirtschaftliche Zwecke. Change.org sei nämlich tatsächlich „keine ’non-profit’ Bürgerbewegung in digitaler Form, sondern ein Wirtschaftsunternehmen, in dessen Geschäftsmodell die Verwendung und Nutzung von sensiblen personenbezogenen Daten sowie der Handel mit E-Mail-Adressen eine zentrale Rolle einnehmen.“

    Nach dieser Kritik wurde in Deutschland der „Change org. e.V.“ gegründet. Telepolis fragte Gregor Hackmack, Vorstand Change.org e.V., wie sich Change org. heute finanziert:

    Der Change.org e.V. wurde 2016 gegründet und ist ein unabhängiger gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin mit dem Zweck der Demokratieförderung. Unsere Satzung finden Sie hier. Der Change.org e.V. hat eine Lizenzvereinbarung mit Change.org. Change.org ist ein Sozialunternehmen (Public Benefit Corporation, PBC) und eine zertifizierte B-Corporation mit Sitz in San Francisco. Diese Lizenzvereinbarung ermöglicht es uns, die Kampagnenplattform und die Marke Change.org in Deutschland zu nutzen. Das ist effizient, weil zahlreiche Change.org-Länder eine gemeinsame Infrastruktur nutzen, sodass globale Kampagnen möglich sind, und wir uns viele Kosten für die Bereitstellung und Entwicklung der technologischen Grundlagen unserer Plattform teilen können. Zusätzlich ermöglicht das deutsche Team vom Change.org e.V. eine lokale Betreuung der Petitionsstarterinnen.

    Die Change.org PBC in den USA finanziert sich durch ein Förderinnenprogramm, Nutzeranzeigen (Privatpersonen können mit einem Beitrag zu einer Petition, die ihnen am Herzen liegt, dafür sorgen, dass diese mehr Menschen anzeigt wird) und missionsgebundene Anlagen. Mehr dazu finden Sie unter Business Model. Der Change.org e.V. finanziert sich mit Spendengeldern von Privatpersonen, so garantieren wir eine unabhängige Plattform.

    Neues Lobbybüro will mitverdienen

    Eher zufällig erhielt Telepolis Kenntnis von einem neuen Lobbybüro in Berlin, das Petenten als Kunden warb. In einer dieser Emails heißt es: „Sehr geehrter Herr NN, ich habe ihre Mailadresse von Gregor Hackmack, dem Geschäftsführer von change.org, bekommen - er sagte, dass wir Ihnen bei Ihrem Anliegen, (...) weiterhelfen könnten.“ In der Email heißt es weiter:

    W. ist eine Lobbyorganisation, die ausschließlich für politische Themen von Bürgern und kleinen NGOs lobbyiert. Ähnlich wie bei change.org, können Bürger bei uns ihre Anliegen vorstellen und andere Bürger als Mitstreiter finden. Anders als bei change.org unterzeichnen Menschen aber nicht bloß eine Petition, sondern geben einen kleinen Geldbetrag, damit im Anschluss Politprofis loslegen und das Thema aktiv gegenüber der Politik vertreten. Der Vorteil ist, dass echtes Lobbying in der Regel effektiver als eine Unterschriftenliste zum Erfolg führen kann. Und der Vorteil bei uns ist, dass ein Initiator kein Geld mitbringen muss, um die Lobbykosten zu bezahlen - sondern die Masse an Unterstützern das Geld zusammen aufbringt...

    Das Lobbybüro teilte weiterhin mit, dass es „Mitte April“ mit seiner Arbeit starten würde. Auf die Frage von Telepolis: „Wer bekommt Adressen und Informationen über bei Ihnen eingegangen Petitionen?“, hatte Hackmack geantwortet: „Vor- und Nachname können von den Petitionsstartern heruntergeladen und im Rahmen einer Petitionsübergabe an den Adressaten übergeben werden.“ Wie hieß es noch in der Email? „Ich habe Ihre Mailadresse von Gregor Hackmack, dem Geschäftsführer von Change.org., bekommen.“

    Verein Mehr Demokratie e.V. - Auf Distanz zu Change org

    Weil im Fall der Vereinsauflösung das Vermögen des Change.org e.V. an den Verein Mehr Demokratie e.V. übergeht, fragte Telepolis auch nach dem Verhältnis zu dem Verein Mehr Demokratie e.V. und erhielt die Auskunft, dass es ansonsten „keine institutionellen Verbindungen“ gebe. Auch bei Mehr Demokratie e.V. legt man Wert auf eine gewisse Distanz.

    Namens des Bundesverbandes von Mehr Demokratie erklärte Anne Dänner gegenüber Telepolis seit den Vorwürfen von 2016 gebe es keine gemeinsamen Kampagnen des MD-Bundesverbandes mit change.org. Wer im Falle einer Auflösung begünstigt wird, entscheide der Verein, der sich die Satzung gibt, also in diesem Fall der change.org e.V. Deutschland. Mehr Demokratie habe bereits Mitte 2015, also vor den Geschehnissen rund um die BigBrotherAwards, per Vorstandsbeschluss Folgendes festgelegt: „MD schließt eine Zusammenarbeit mit change.org nicht grundsätzlich aus, eine Zusammenarbeit müsste aber im konkreten Fall mit change.org verhandelt werden und der Bundesvorstand von MD muss zustimmen.“

    Anne Dänner ergänzt: „Da rund ein Jahr später im Rahmen der BigBrotherAwards unsere Bedenken hinsichtlich der Datenschutzpolitik von change.org bestätigt wurden, haben wir die Zusammenarbeit mit change.org abgelehnt. Dem sind mit Ausnahme des Landesverbands Hamburg auch die Landesverbände von Mehr Demokratie e.V. gefolgt.“

    Der Datenschützer Thilo Weichert, der 2015 seine detaillierten datenschutzrechtlichen Bedenken an Change org. veröffentlicht sieht bisher kaum eine Änderung in der Geschäftspolitik von Change org. Seine detaillierten Fragen sind Weichert zufolge bis heute nicht befriedigend beantwortet worden. Change.org erklärt, die deutschen Datenschutzvorschriften einzuhalten.

    Dass die Grünen Europa-Abgeordneten Sven Giegold und Martin Häusling ihre politischen Forderungen via Chang.org als Petitionen transportieren, stößt trotz der großen Unterzeichnerzahlen von mehreren Hunderttausend durchaus auch auf Unverständnis. Sven Giegold hat darauf mit einer ausführlichen Erklärung auf seiner Internetseite reagiert, in der es heißt: „Keine andere Petitionsplattform ermöglicht uns, so viele Bürgerinnen und Bürger direkt mit unseren Forderungen zu erreichen …“

    Es wird dennoch merkwürdig, wenn Abgeordnete, an die sich normalerweise Petenten wenden, selbst das Mittel der öffentlichen Petition wählen.

    Campact und openPetition

    Neben Chang.org agierten auch Campact.de und openpetititon.de im Netz. Campact bezeichnet sich als „eine Bürgerbewegung, mit der 1,9 Millionen Menschen für progressive Politik streiten“. Die Plattform versteht sich als ein Katalysator für politische Erregungskurven und soziale Bewegungen - aber nur für die mit guten Karten.

    „Wir steigen in der Regel nur ein, wenn wir glauben, dass es etwas zu gewinnen gibt“, sagt Campact-Geschäftsführer Felix Kolb der taz. Und wenn die Basis zustimmt. 5.000 Abonnenten bekommen vor jedem Kampagnenstart Post per E-Mail. Dieser harte Kern der Campact-Aktivisten entscheidet über ein Thema. „Wir streben Zustimmungsraten um die 90 Prozent an“, sagt Kolb. „Mandat“ nennt er das.

    Campact ist wiederum Inhaber einer eigenen Kampagnenplattform „WeACT“ und arbeitet auch mit der Petitionsplattform „openPetition“ zusammen. Campact ist mit „weniger als 50 Prozent“ an der openPetition gGmbH beteiligt, wie Konrad Traupe (openPetition) gegenüber Telepolis betont.

    „Wir sind unabhängig und haben einen Anspruch an ein möglichst hohes Maß an Neutralität. Neben Spenden sind Partnermailings für NGOs (u.a. Campact) oder Verbände eine weitere Einnahmequelle. Bis zu 4x im Jahr weist openPetition auf Aktionen des Mitgesellschafters Campact hin“, so Traupe weiter. „OpenPetition unterstützt Petenten dabei, ihre Petition zu erstellen, Unterschriften zu sammeln und die Petition beim entsprechenden Empfänger einzureichen. Außerdem fordert openPetition unabhängig vom formalen Petitions-Prozess Stellungnahme von Parlamentariern ein.“

    Zur Reichweite heißt es, mehr als 6 Million Menschen nutzten diese Plattform. Der Server steht übrigens in Deutschland und openPetition hält sich peinlich genau an die in Deutschland geltenden Datenschutzvorschriften. (Zur Arbeit von openPetition siehe auch das Interview mit dem openPetition-Geschäftsführer Jörg Mitzlaff in Telepolis vom 2. Juni 2017)

    Bei Campact heißt es: „Alle Userdaten von Campact-Aktiven werden auf europäischen Servern gespeichert, die von europäischen Unternehmen betrieben werden.“

    Grüne für mehr Transparenz

    Corinna Rüffer, Obfrau von Bündnis 90 /Die Grünen im Petitionsausschuss, möchte „das Petitionswesen vom Kummerkasten zu einem echten Instrument der Bürgerbeteiligung weiterentwickeln.“ Die Grünen möchten die Sonderkategorie „öffentliche Petitionen“ abschaffen: Alle Petitionen sollten in der Regel als „öffentliche Petition“ behandelt werden, wenn der Petent das will. Nur in Ausnahmefällen nicht, wenn beispielsweise der Datenschutz dagegenspricht.

    Die aktuelle Regelung ist geradezu absurd: Die allermeisten PetentInnen reichen ihre Petition als öffentliche Petition ein, weil sie Aufmerksamkeit erzielen und über die Petitions-Plattform Unterschriften für ihr Anliegen sammeln wollen. Aber nur ein Bruchteil dieser Petitionen wird dann tatsächlich veröffentlicht. Dabei sind die Gründe für die Nichtveröffentlichung oft nicht nachvollziehbar.

    Bei anderen Petitionen dauert die Veröffentlichung wochenlang. Die PetentInnen sind dann zurecht unzufrieden über das langwierige, schwerfällige Verfahren und gehen das nächste Mal gleich zu einer privaten Plattform. Auch die Mitzeichnungsfrist für öffentliche Petitionen (bislang 4 Wochen) sollte deutlich verlängert werden. Für alle, die nicht hauptberuflich für ihre Petition trommeln können, ist es unrealistisch in nur 4 Wochen beispielsweise ausreichend Unterschriften für das Quorum für eine öffentliche Beratung (50.000) zu sammeln. Aus diesem Grund haben wir ja auch schon seit mehreren Jahren kaum noch öffentliche Beratungen.

    Die öffentliche Petition sei das größte Pfund des Petitionsausschusses, aber das werde „völlig stiefmütterlich behandelt.“ Aus Sicht der Grünen Bundestagsfraktion"sollte der Petitionsausschuss auch grundsätzlich öffentlich tagen - es sei denn die/der Petentin möchte das nicht oder Datenschutzgründe sprechen dagegen".

    SPD will Bürgerbeauftragten

    In der SPD wird nach Auskunft ihres Obmanns, Stefan Schwartz, derzeit nicht nur über Reformen beim Petitionsrecht diskutiert, sondern auch über die Einrichtung eines Bürgerbeauftragten auf Bundesebene. So wie es ihn in Rheinland-Pfalz bereits gibt und wie er in Berlin eingeführt werden soll.

    Die SPD-Arbeitsgruppe Petitionen sieht die Notwendigkeit einer besseren Öffentlichkeitsarbeit des gesamten Petitionsausschusses. Die Informationen über den Ausschuss sollten leicht verständlich sein, also in leichter Sprache abgefasst sein. Überhaupt sollte das Angebot des Bundestages niedrigschwelliger werden. Dazu gehört auch eine Gebärdensprachedolmetschung von öffentlichen Beratungen des Petitionsausschusses.

    Die SPD-Arbeitsgruppe fordert fordert weiterhin eine Absenkung des Quorums für die öffentliche Beratung von Petitionen, auf etwa 30.000 Mitzeichnungen. Derzeit müssen die Petenten innerhalb von nur 4 Wochen 50.000 Unterzeichner mobilisieren, um überhaupt die Möglichkeit zu erhalten, ihr Anliegen auch mündlich vor dem Petitionsausschuss vortragen zu können. Aber selbst das Erreichen dieser Marche garantiert keine Einladung in den Ausschuss. Die Ausschussmitglieder können dies noch immer mit einfacher Mehrheit verhindern. Die SPD fordert außerdem mehr Debattenzeit und Aussprache zu Sammelübersichten im Plenum des Bundestages.

    Bisher findet eine Debatte über die Arbeit des Petitionsausschusses nur einmal jährlich statt. Möglich wäre zusätzlich eine halbjährliche Zwischenbilanz in der Form eines mündlichen Berichts. Auch Debatten zu Sammelübersichten sind eine Möglichkeit, Petitionen ins Plenum zu bringen, von ihrem Charakter her eignen sie sich jedoch besser für die Oppositionsarbeit. Der Petitionsausschuss soll auch im Parlamentsalltag eine größere Relevanz erreichen, etwa durch die Mitberatung bei parlamentarischen Initiativen. Als mitberatenden Ausschuss würde die Relevanz des Ausschusses und der Petitionen beträchtlich steigen. Die Funktion als politischer Seismograph wäre gestärkt.

    Der SPD-Abgeordnete Udo Schiefner erinnerte daran, dass die letzte große Reform des Petitionsrechts vor zwölf Jahren unter einer SPD-geführten Bundesregierung stattgefunden habe. „Einigen hier im Haus fehlt der Wille und der Mut wieder eine große Reform auf den Weg zu bringen“, kritisierte Schiefner. Er will „den Klickaktivisten nicht das Feld überlassen“.

    Auch die SPD-Abgeordnete Martina Stamm-Fibich, stellvertretende Ausschuss-Vorsitzende, sieht „die zunehmende Nutzung privater Kampagnenplattformen, die mit dem grundgesetzlich garantierten Petitionsrecht und dem parlamentarischen Petitionswesen nichts zu tun haben“ aus unterschiedlichen Gründen kritisch. Mangelnder Datenschutz und kommerzielle Modelle gehörten dazu, außerdem ist es aus ihrer Sicht problematisch, dass Nutzerinnen und Nutzer nicht darauf hingewiesen werden, „dass die privaten Kampagnenplattformen nichts mit dem parlamentarischen Petitionswesen zu tun haben und teilweise sogar ein gegenteiliger Eindruck erweckt wird“.

    Tatsächlich erfolgen Hinweise auf den Bundestagspetitionsausschuss bei den einzelnen Plattformen in unterschiedlicher Weise. OpenPetition etwa weist die Petenten auf den Ausschuss hin und befindet sich in engem Austausch mit vielen Ausschuss-Mitgliedern.
    Christdemokraten gegen mehr Öffentlichkeit

    Beim Koalitionspartner CDU/CSU ist indes wenig Reformwillen zu verzeichnen. Die Union sieht allenfalls die Notwendigkeit für einige technische Neuerungen und befürwortet eine Beschleunigung des Verfahrens. Ihr Obmann Gero Storjohann erklärte gegenüber Telepolis:

    Für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist das parlamentarische Petitionswesen eine erfolgreiche Institution. In der Tat muss es jedoch gelingen, die Dauer der einzelnen Petitionsverfahren durch schnellere Arbeitsabläufe zu verkürzen. Dies dürfte in der aktuellen Wahlperiode angesichts der neuen Zusammensetzung des Deutschen Bundestags mit zwei weiteren Fraktionen eine große Herausforderung sein. Deshalb wäre eine zeitgleiche Bearbeitung der Petitionsakten für die Fälle wünschenswert, bei denen abweichend vom üblichen Berichterstatter-Paar, wo je ein Abgeordneter der Regierungskoalition und ein Abgeordneter der Opposition die Petition bearbeiten, Berichterstattungen beantragt werden. Zudem sollte ein Weg gefunden werden, frühzeitig erkennen zu können, wo eine breite Mitberatung gewünscht wird. Aus Sicht der CDU/CSU Bundestagsfraktion wäre so eine verkürzte und angemessene Bearbeitungszeit realisierbar.

    Storjohann sieht „die Arbeit des Petitionsausschusses nicht in Konkurrenz zu privaten Anbietern, deren vornehmliches Ziel, die Organisation von Kampagnen ist“. Der Petitionsausschuss schenke vielmehr jedem Anliegen die gleiche Aufmerksamkeit. Gleichwohl bestehe Verbesserungsbedarf, „beispielsweise beim Internetauftritt für E-Petitionen und auch bei der Möglichkeit, eine Petition mit einem mobilen Endgerät einzureichen. Zudem wäre eine Verknüpfung zur Bundestags-App wünschenswert.“

    An der bestehenden Praxis der öffentlichen Beratungen erst ab 50.000 Unterstützern wollen die Christdemokraten festhalten. Sie sind auch gegen grundsätzlich öffentliche Sitzungen des Ausschusses. Dem ständen „regelmäßig Gründe des Datenschutzes - im Interesse der Petenten und der zuständigen Berichterstatter - entgegen“, so Storjohann.

    Man darf gespannt sein, für welche Vorschläge der SPD sich die CDU/CSU noch öffnen wird. Bleibt alles beim Alten, wird auch in den nächsten Jahresberichten des Petitionsauschusses von einem weiteren Rückgang der Petitionen zu berichten sein. Die weiterführenden Vorschläge von den Grünen oder auch von den Linken oder der FDP haben noch weniger Chancen, umgesetzt zu werden. Dem stehen die überkommenden Spielregeln des Bundestages entgegen. Vorschläge der Opposition werden grundsätzlich abgelehnt. Jedenfalls zunächst.

    Es kommt immerhin vor, dass nach einiger Zeit, Anträge der Opposition mit leicht abgeänderten Formulierungen als Antrag der Koalitionsfraktionen wieder auftauchen. Das ist zwar albern, wird aber so gemacht. Bleibt abzuwarten, wie lange sich der Bundestag solchen Unsinn noch leistet. Wie hoch muss die Zahl der Nichtwähler steigen, bis die Bundestagsabgeordneten das tun, wofür sie gewählt werden - nämlich die Regierung kontrollieren und sich nicht in erster Linie wie Bodyguards der jeweiligen Koalition verhalten? Das schwindende Vertrauen in die Abgeordneten ist sicherlich ein weiterer Grund dafür, dass auch die Zahl der Petitionen sinkt.

    #Allemagne #démocratie #pétitions #privatisation


  • »Bundesregierung will das Gewerbe vernichten« (Tageszeitung junge Welt)
    https://www.jungewelt.de/artikel/350214.uber-beherrscht-überredungskunst-bundesregierung-will-das-gewerbe-v

    Leszek Nadolskis Aussagen gehen am Kern der Sache vorbei. Er sieht nicht, dass es nicht um mehr oder weniger faire Konkurrenz geht sondern um die Abschaffung eines Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Der Begriff ÖPNV kommt in diesem Interview nicht ein einziges Mal vor.

    Die Argumentation Nadolnis ist besonders schwach, da sich er als Unternehmer über Konkurrenz durch einen anderen Unternehmer beschwert. Das ist der vorgesehene Lauf der Dinge im Kapitalismus und wird von fast allen politischen Kräften als richtig angesehen. Damit macht der Taxifunktionär keinen Stich.

    Um das Maß voll zu machen, lügt er, wenn er vom Taxi als einem transparenten Gewrbe spricht. Die systematischen Betrügereien und Mauscheleien zu Lasten der Fahrer geschehen immer im Dunkeln. Da ist nichts transparent. Was diesen Aspekt angeht, ist sogar Uber transparenter.

    Verlogene Argumente haben den Schwächeren noch nie genutzt. Solange die Taxinternehmer nicht vor der eigenen Tür kehren, steht es schlacht um ihre Erfolgsaussichten im Kampf gegen Uber.

    US-Konkurrent Uber drängt auf den deutschen Markt. Politik öffnet die Türen. Ein Gespräch mit Leszek Nadolski
    01.03.2019 Von Peter Schaber

    Leszek Nadolski ist Vorsitzender der Innung des Berliner Taxigewerbes e. V.

    Sie protestieren aktuell gegen einen Gesetzentwurf aus dem Verkehrsministerium, der den Fahrdienstmarkt liberalisieren soll. Was kritisieren Sie daran konkret?

    Die Punkte, die wir bemängeln, betreffen die Abgrenzung zwischen Mietwagen und Taxen. Es geht uns hier nicht um Firmen wie Sixt, sondern jene, die taxiähnliche Dienste anbieten, also Uber, Berlkönig, Clevershuttle, die nur so tun, als wären sie Mietwagen, aber dieselbe Dienstleistung wie wir anbieten. Anders als wir werden sie aber überhaupt nicht kontrolliert, haben keine Auflagen, keine gesetzlichen Pflichten. Das Berliner Taxigewerbe ist gläsern – durch das Fiskaltaxameter, Zulassung für die Fahrer und was die Ausstattung der Fahrzeuge betrifft. Die genannten Firmen betreiben eine Unterwanderung des Gewerbes. Und dagegen wollen wir uns wehren. Denn zur Zeit sind wir die einzigen, die die Mobilität aller Berliner gewährleisten – was eine App-Vermittlung überhaupt nicht kann. Die schließt ja zum Beispiel ältere Menschen von vornherein aus. Meine Oma wird keine App benutzen, aber kann mit dem Taxi zum Arzt oder zum Kaffeeklatsch fahren. Die Bewahrung unseres Berufes ist in den Plänen des Verkehrsministeriums nicht gesichert. Wir haben den Eindruck, dass die Bundesregierung das Gewerbehttps://seenthis.net/# vernichten will.

    Nun ist zum Beispiel Uber ja ein Milliardenkonzern. Wie macht sich die Konkurrenz auf dem Markt in Berlin bemerkbar?

    Unsere Einnahmen sind um 30 Prozent, manche sprechen sogar von 40 Prozent zurückgegangen. Die Uber-Fahrer sind zur Zeit unseren Schätzungen zufolge mit 1.500 Fahrzeugen in Berlin unterwegs. Die Anzahl der Mietfahrzeuge ist in Berlin letztes Jahr auf etwa 700 Fahrzeuge angestiegen. Dazu kommen solche aus dem Umland, die hier in Berlin wildern. Wir schätzen sie auf zirka 800. Die sind in Königs Wusterhausen, Barnim, Nauen angemeldet. Da gibt es eine Wanderung von Betrieben, die Briefkastenfirmen im Umland anmelden, die sich nicht an die Rückkehrpflicht für Mietwagen halten. So umgehen sie auch die Notwendigkeit einer Ortskundeprüfung. Und dagegen demonstrieren wir. Wir versuchen, die Mobilität in der Stadt zu gewährleisten, halten uns an Gesetze, bezahlen Steuern. Uber tut nichts davon. Die bezahlen keinen Pfennig, so wie Amazon.

    Denken Sie, dass bei der Durchsetzung des gesetzlichen Rahmens für Uber Lobbyismus eine Rolle spielt?

    Selbstverständlich. Die Textbausteine für den Entwurf des Verkehrsministeriums werden doch von Uber geliefert. Es ist soweit gekommen, dass ein Konzern die Gesetze entwirft und dann der Bundesregierung »empfiehlt«, das umzusetzen. Hier sind wir derzeit mit den Koalitionspartnern im Gespräch. Wir haben die SPD auf unserer Seite, gerade die Berliner SPD. Nächste Woche sind wir mit dem Bürgermeister verabredet. Die Linke ist auch auf unserer Seite, und mit den Grünen und der CDU sprechen wir auch. Wir arbeiten auch politisch, um unsere Interessen zu wahren. Wir wollen Uber Paroli bieten.

    Wenn jetzt alle diese Parteien auf Ihrer Seite sind, warum wurde dann in Berlin zum Beispiel der »kleine Personenbeförderungsschein« abgeändert, um Uber einen größeren Pool von Fahrern zu ermöglichen?

    Die Frage stellen wir uns auch. Ich bin gebürtiger Pole, bei uns geht man und kauft einen. Hat man das hier auch so gemacht? Ich will jetzt nicht zu emotional werden, aber sagen wir es so: Uber scheint sehr gut in der Überredungskunst zu sein.

    Am 21. Februar gab es ja einen erfolgreichen Protestauftakt …

    Ja, innerhalb von 24 Stunden haben wir 1.000 bis 1.500 Leute auf die Straße bekommen. Sie sehen, die Sache ist echt brenzlig.

    Wie soll es jetzt weitergehen?

    Es soll jetzt auf der Bundesebene dezentral in verschiedenen Städten demonstriert werden. Köln, Düsseldorf und München haben sich schon angekündigt. Anschließend ist geplant, eine bundesweite Demonstration durchzuführen. In Polen geht man übrigens Anfang April auch gegen Uber auf die Straße. Ein gutes Beispiel gibt es in Spanien. Die haben Mumm. Die haben Uber mit Auflagen so weit getrieben, dass die Spanien verlassen wollen.

    #Taxi #Uber #Unternehmerverband #disruption #Poitik #Widerstand


  • #amazon #HQ2 | THE DARK HORSE THEORY
    https://hackernoon.com/amazon-hq2-the-dark-horse-theory-17222243c199?source=rss----3a8144eabfe3

    Don’t be billions-wise, trillions-foolish.SourceThis is NOT the Olympics. This isn’t about taxation. This isn’t even about subsidies.How do you think great startups are founded??Great Startups are started by people who leave successful companies to start their own successful companies.Where Amazon Reigns SupremeThe public doesn’t understand what Amazon really does.Amazon cloud revenue jumps 49 percentHeck, they don’t even understand where Amazon makes most of their money!Amazon.com Inc. is fast becoming a force to reckon with in the world of patents. With 1,662 patents granted in 2016, Amazon was ranked fourteenth in the list of companies with most patents.Patent Development is the lifeblood of an economy. That’s only going to become more and more prevalent as the Fourth Industrial Revolution (...)

    #startup #toronto #new-york #amazon-web-services


  • Hermann Göring: So funktionierte sein Geheimdienst im Reichsluftfahrtministerium - FOCUS Online
    https://m.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/forschungsamt-des-reichsluftfahrtministeriums-goerings-braune-voegel_id_1009

    Armin Fuhrer: Görings NSA - Das »Forschungsamt« im Dritten Reich. Die unbekannte Geschichte des größten Geheimdienstes der Nazis ; ISBN: 9783957681942
    –—
    Der Name klingt harmlos, doch tatsächlich verbarg sich hinter dem „Forschungsamt des Reichsluftfahrtministeriums“ der größte und bis heute weitgehend unbekannte Geheimdienst der Nazis. Niemand war vor der Telefonüberwachung des Amtes sicher – nicht einmal Propagandaminister Joseph Goebbels.

    Der Anrufer schmolz dahin vor Sehnsucht nach seiner Geliebten. „Ich wäre jetzt viel lieber bei dir als auf der langweiligen Parteiveranstaltung“, säuselte er ins Telefon und gab im weiteren Verlauf des Gesprächs intimste Liebesbeweise von sich. Der Mann war niemand anderes als einer der ranghöchsten Vertreter des Dritten Reiches: Propagandaminister Joseph Goebbels, ein enger Vertrauter des Führers Adolf Hitler.

    Normalerweise peitschte er mit seinen Reden die Massen auf, doch in dieser Nacht umgarnte er mit sanften Worten seine Geliebte: die tschechische Schauspielerin Lida Baarova. Klar, dass seine Gattin Magda Goebbels , die inoffizielle First Lady des Dritten Reiches, von solchen Anrufen nichts mitbekommen durfte.

    Dass sich aber ein Mann heimlich in das Telefongespräch eingestöpselt hatte, das verbale Liebesspiel mithörte und sogar mitschrieb, ahnte Goebbels nicht. Doch tatsächlich saß in einem riesigen Gebäudekomplex in der Schillerstraße im Berliner Bezirk Charlottenburg in ganz offizieller Mission ein Mitarbeiter des „Forschungsamtes des Reichsluftfahrtministeriums“ mit einem Kopfhörer an seinem Arbeitsplatz und hörte und schrieb alles mit, was Goebbels und die Baarova von sich gaben. Den Auftrag hatte sein oberster Chef erteilt: Hermann Göring. Die Berichte landeten direkt bei Göring und dann bei Hitler auf dem Schreibtisch.

    Der Name der Einrichtung war lediglich eine Tarnung. Tatsächlich handelte es sich um einen bis heute weitgehend unbekannten Geheimdienst der Nazis, der zu seinen besten Zeiten bis zu 6000 Mitarbeiter gehabt haben soll. Nichts und niemand war vor ihm sicher, nicht einmal Vertreter der NS-Spitze wie Joseph Goebbels. Er war ins Visier des Forschungsamtes gekommen, weil seine Geliebte unter dem Verdacht stand, eine tschechische Spionin zu sein.
    „Görings NSA. Das ‚Forschungsamt’ im Dritten Reich. Die unbekannte Geschichte des größten Geheimdienstes der Nazis“ bei Amazon kaufen.

    Gründung schon kurz nach der „Machtergreifung“

    Gegründet worden war das Forschungsamt schon im April 1933 von Göring, der damals unter anderem preußischer Ministerpräsident und Reichsluftfahrtminister war. Als einige Offiziere der Reichswehr ihm vorschlugen, einen neuen Geheimdienst zu gründen, schlug der machtbewusste Göring sofort zu. Denn Hitler billigte dem Forschungsamt, das unter seinem Tarnnamen im Reichsluftfahrtministerium angesiedelt wurde, eine Kompetenz zu, die sonst keine andere Stelle im Reich bekam: das Abhören von Telefonen.

    Auf anderen Gebieten geheimdienstlicher Arbeit konkurrierte das Forschungsamt mit anderen Dienststellen – nicht aber bei der Telefonüberwachung. Niemand war davor sicher, dass sein Telefon ins Visier der Lauscher vom Amt kam: Regimegegner, Kirchenvertreter, ausländische Botschafter und Diplomaten, Wirtschaftsunternehmen, Minister. Sogar Wehrmachtsgeneräle wurden belauscht, obwohl das offiziell untersagt war.

    Doch den Mann ganz oben an der Spitze interessierten solche Beschränkungen überhaupt nicht: Hermann Göring. Er hatte sofort erkannt, welche Machtfülle ihm das Amt bringen würde, und zwar sowohl gegen äußere wie auch gegen innere Feinde. Und nicht zuletzt gegen die Widersacher im Nazi-System, das aus zahllosen rivalisierenden Stellen bestand. Göring, der unter sich einen offiziellen Amtschef installierte, musste jeden Auftrag zur Telefonüberwachung persönlich genehmigen, und er bekam als erster die Ergebnisse auf den Tisch – noch vor den Auftraggebern der Maßnahme und auch vor Hitler.

    Aufgeschrieben wurden die Erkenntnisse aus den abgehörten Gesprächen nach strengen Regeln in Berichten, den sogenannten Braunen Vögeln. Sie hießen so, weil sie auf braunem Papier getippt waren. Sie boten Göring ein fantastisches Herrschaftswissen, und so ist es kein Wunder, dass sie einige Zeit, nachdem sie an den Auftraggeber geliefert wurden, auch wieder eingesammelt werden sollten.

    Eine halbe Million Telefonate wurden abgehört

    Abgehört wurden nach einer Angabe aus den frühen fünfziger Jahren zwischen Frühjahr 1933 und Februar 1945 etwa 498.000 Telefonate. Eine Zahl, die heute, in Zeiten hemmungsloser Telefonüberwachung, gering erscheinen mag. Man darf aber nicht vergessen, dass damals jede Überwachungsmaßnahme einzeln beschlossen werden musste und die Zahl der Telefonanschlüsse natürlich erheblich kleiner war als heute.

    Das Amt, das seit 1935 in einem großen Gebäude in der Schillerstraße untergebracht war, tat seinem Herrn hervorragende Dienste. Es spielte, soweit das heute noch nachvollziehbar ist, auch beim sogenannten Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934 eine wichtige, heute völlig unterschätzte Rolle.

    Ebenso leistete es wichtige Hilfe, als Hitler Ende September 1938 in Bad Godesberg den britischen Premierminister Nevil Chamberlain empfing. Es ging bei diesem Gespräch um Krieg und Frieden und die Lauscher vom Amt überwachten den Telefonverkehr zwischen Chamberlain und seiner Londoner Zentrale. Hitler verzögerte die Gespräche sogar eigens solange, bis ihm die abgetippten Berichte vorlagen, denn das verschaffte ihm Vorteile gegenüber seinem Kontrahenten.

    Die Berichte widersprachen Hitlers Intuition

    Gleichwohl stand der „Führer“ den „Braunen Vögeln“ zumindest teilweise skeptisch bis ablehnend gegenüber. Vor allem stets dann, wenn sie seiner „Intuition“ widersprachen, auf die er so viel Wert legte. So stellten die Berichte des Forschungsamtes im Sommer 1939 klar fest, dass Briten und Franzosen Deutschland den Krieg erklären würden, wenn die Wehrmacht in Polen einmarschieren würde. Hitler glaubte das nicht – als am 3. September 1939 London und Paris infolge des deutschen Überfalls auf Polen zwei Tage zuvor tatsächlich Kriegserklärungen übermittelten, war er ebenso erstaunt wie ratlos.

    Ebenso wenig glaubte er den recht präzisen Angaben des Amtes über die militärische und wirtschaftliche Stärke der Sowjetunion. Als er am 22. Juni 1941 die Wehrmacht losschlagen ließ, gingen Hitler und seine Generäle von einem Spaziergang nach Moskau aus, weil sie die Stärke des Erzfeindes radikal unterschätzten und nicht auf das Forschungsamt hörten. Ebenso gibt es unter anderem einen Hinweis darauf, dass das Amt einem Spion im direkten Umfeld Hitlers, der für die Alliierten arbeitete, auf die Spur kam.
    Der größte Coup gelang der Reichspost

    Erst 1941 wurde einer anderen Stelle eingeschränkt genehmigt, ebenfalls Telefonüberwachung durchzuführen: der Reichspost. Auf sie war Göring angewiesen, weil sie für die technische Durchführung sorgen musste und wohl deshalb willigte er ein. Die Reichspost gründete eine „Forschungsstelle“. Ihr gelang der wohl größte Abhörcoup bis dahin überhaupt: Ende Juli 1943 schafften es ihre Experten, ein Telefongespräch zwischen US-Präsident Franklin D. Roosevelt und dem britischen Premierminister Winston Churchill aufzuzeichnen und abzuschreiben.

    Das Forschungsamt hatte in mehreren deutschen Städten Außenstellen, die später auch auf die besetzten Länder ausgeweitet wurden. Im November 1943 ereilte die Zentrale ein schwerer Schlag: sie wurde fast vollkommen ausgebombt. Sie wurde daraufhin nach Breslau verlegt, das bis dahin weitgehend von feindlichen Fliegerangriffen verschont geblieben war. Die Arbeit wurde unter erschwerten Bedingungen wieder aufgenommen. In den letzten Monaten des Krieges teilten sich die Mitarbeiter – eine Gruppe begab sich nach Schleswig-Holstein, die andere nach Bayern. Hier verstreuten sich die letzten Mitarbeiter des Forschungsamtes in den letzten Kriegstagen in alle Himmelsrichtungen und tauchten unter.

    Vorher verbrannten sie jedoch viele Akten, die nicht schon beim Angriff auf die Zentrale vom November 1943 verbrannt waren. Daher blieben von den Aktivitäten des Forschungsamtes fast keine Spuren übrig – wahrscheinlich der Grund dafür, dass sich Historiker bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht mit der Geschichte dieser Einrichtung befasst haben. Das führt dazu, dass selbst renommierte Forscher in Standardwerken zum Dritten Reich regelmäßig fälschlicherweise von der Gestapo schreiben, wenn es um das Abhören von Telefonen geht. Die Gestapo war aber nur einer der Auftraggeber für solche Aktivitäten.
    Die Alliierten waren ahnungslos

    Auch die Alliierten waren offenbar ahnungslos was die Existenz des Forschungsamtes betraf. Erst in Verhören unmittelbar nach der deutschen Kapitulation 1945 stießen sie auf dessen Spuren. Hermann Göring war nach dem Ende des Krieges sichtlich stolz auf die Arbeit seines Forschungsamtes, wie aus Aussagen während der Vorbereitung auf den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess und im Prozess selbst hervorgeht.

    Das Amt wurde jedoch nicht zu einer verbrecherischen Organisation erklärt. Die allermeisten ehemaligen Mitarbeiter blieben unbekannt – es ist anzunehmen, dass eine ganze Reihe von ihnen als echte Abhörspezialisten bald in der „Organisation Gehlen“, der Vorläuferorganisation des Bundesnachrichtendienstes, oder später im BND selbst einen neuen Job fanden. Tatsächlich nachzuweisen ist das derzeit nur für ganz wenige von ihnen.

    Joseph Goebbels musste übrigens, nachdem Hitler die Berichte über seine Telefonate gelesen hatte, auf dessen Geheiß seine Affäre mit der Baarova beenden. Er verfiel in tiefen Liebeskummer. Als bevorzugten Tröster suchte er sich ausgerechnet den Mann, der ihn hatte ausspionieren lassen: Hermann Göring.

    Focus Online-Autor Armin Fuhrer hat die unbekannte Geschichte des Forschungsamtes recherchiert und aus seinen Ergebnissen ein Buch verfasst, das gerade erschienen ist: „Görings NSA. Das ‚Forschungsamt’ im Dritten Reich. Die unbekannte Geschichte des größten Geheimdienstes der Nazis.“

    #histoire #nazis #télécommunication #surveillance #Forschungsamt


  • Amazon devient l’entreprise la plus chère du monde
    https://www.courrierinternational.com/article/amazon-devient-lentreprise-la-plus-chere-du-monde

    Avec “seulement” 796 milliards de dollars, la valeur boursière du géant du commerce en ligne est aujourd’hui supérieure à celle de Microsoft, qui avait dépassé celle d’Apple fin novembre.

    Nos services “Amazon.com Inc. est le dernier titan technologique en date à revendiquer la couronne de la plus importante valorisation boursière du monde”, note le Wall Street Journal. Lundi 7 janvier à Wall Street, l’action du groupe dirigé par Jeff Bezos a terminé la séance à 1 629,51 dollars, portant la capitalisation (...)

    #Apple #Microsoft #Amazon #bénéfices

    • #résistance - Je suis toujours en train de me demander comment nous pourrions lutter contre la puissance Amazon. Il est impossible que ce soit pas (ou plus) possible, il doit nécessairement y avoir des solutions alternatives (mais il faudrait sans doute convaincre un très très large collectif de personne pour y arriver). Tout·e seul·e ça parait compliqué.

      Un exemple : une des institutions qui assurent mes frais de voiyages pour une mission en Asie me propose de dormir à l’hotel Ibis à Roissy pour attraper une connexion un dimanche matin très tôt. Je viens de refuser en arguant que je boycotte la chaine du fait que l’Ibis de Roissy loue un étage aux flics pour servir de prisons à migrant (en terme administratif une « zone d’attente »). Ce qui me déprime, c’est que ça ne sert à rien si je fais ça tout seul...


  • Data Doubles: Wie Regierungen und Firmen mit unseren digitalen Doppelgängern umgehen
    https://berlinergazette.de/data-doubles-wie-regierungen-und-firmen-mit-unseren-digitalen-doppel

    Algorithmische Staatsbürgerschaft und digitale Staatenlosigkeit: Zum Projekt “Citizen Ex”
    https://berlinergazette.de/algorithmische-staatsbuergerschaft-und-digitale-staatenlosigkeit

    Staatsangehörigkeitsrecht ist eigenartig und komplex, mit einer Reihe von Ausnahmen und Auslassungen, die die gemeinhin gültige Ansicht, dass eine Staatsbürgerschaft im Globalen Norden etwas Stabiles und Absolutes ist, untergräbt. So ist zum Beispiel im Vereinten Königreich die Staatsbürgerschaft erst seit dem frühen 20. Jahrhundert juristisch definiert, und die Geschichte ihrer Definition ist in erster Linie eine des Ausschlusses und der Aberkennung. Denn zunächst trachtete der britische Staat danach, seine Grenzen zu stärken. Danach wurden die früheren (und nun nicht mehr britischen) Untertanen vom Festland vertrieben. Und schließlich “entledigte” man sich jener Menschen, deren scheinbar abscheuliches Verhalten dazu führte, ihnen rechtsstaatliche Verfahren zu versagen. Wie Hannah Arendt in einem berühmt gewordenen Satz sagte: Staatsbürgerschaft sei “das Recht, Rechte zu haben”. Eine Garantie, auf der alle anderen Schutzmaßnahmen beruhen. Daher lohnt es sich, das Staatsbürgerschaftsrecht und seine Anwendungen genauer zu betrachten – als Lackmutest für demokratische Freiheiten.

    Neue Formen der Staatsbürgerschaft im Netz

    Heute gerät das Konzept der Staatsbürgerschaft zunehmend unter Druck. Einer der Orte, an denen man das besonders gut beobachten kann, ist das Internet. Im Netz mit seinen scheinbar grenzenlosen Weiten, fließen Information und Daten fast ohne Einschränkungen über die Grenzen hinweg, von Staat zu Staat. Als Staatsbürger werden unsere Rechte und Absicherungen immer weniger unseren physischen Körpern zugeordnet, sondern unseren digitalen Profilen. Also jenen Datensätzen, die unsere Stellvertreter geworden sind hinsichtlich unserer Beziehungen zu Staaten, Banken und Firmen. Somit entstehen an transnationalen, digitalen Knotenpunkten neue Formen der Staatsbürgerschaft.

    “Ius algoritmi” ist ein Begriff, den John Cheney-Lippold prägte, um damit eine neue, vom Überwachungsstaat hervorgebrachte, Staatsbürgerschaft zu beschreiben.

    Digitale Schnitte: Warum und auf welche Art wir uns von unseren Data-Doubles trennen sollten
    https://berlinergazette.de/warum-wir-uns-von-unseren-data-doubles-trennen-sollten

    Digitale Schnitte können Data Doubles und Datenschatten von verkörperten Subjekten abtrennen oder Schnitte oder Teilungen innerhalb von Data Doubles vollziehen und sie in Datenflüsse verwandeln. Mit dem Konzept der digitalen Schnitte lassen sich sowohl Phänomene beschreiben, in denen diese Aufspaltungen willentlich und wissentlich vonstatten gehen, als auch solche wie die Einspeisung biometrischer Information in Datenbanken der Migrationskontrolle, bei denen von Freiwilligkeit keine Rede sein kann.

    Digitale Schnitte können von menschlichen und nicht-menschlichen AkteurInnen (wie künstlichen Intelligenzen) durchgeführt werden. Mithilfe der Schnitte können Fleisch-Technologie-Informations-Amalgame verschiedenen rechtlichen, technologischen oder biopolitischen Regimen untergeordnet und in deren jeweiligen Logiken weiterverarbeitet werden. Neben landläufigen Akzentuierungen von Hybridität oder Amalgamierung gilt es ebenso zu untersuchen, wo und mit welchen Konsequenzen diese Kopplungen wieder aufgebrochen werden: In manchen Fällen, wie z. B. den quer durch Europa reisenden biometrischen Daten in Hotspots festsitzender MigrantInnen, bleibt mit dem Schnitt eine Referenz auf ein konkretes Individuum erhalten, in anderen, wenn z.B. Potenzialitäten verhandelt werden, ist die Loslösung von konkreten Subjekten programmatisch.

    Antiterrorbekämpfung mittels „risk alerts“ kann hierfür als Beispiel gelten: In deren Rahmen können spezifische Nachnamen, die Religionszugehörigkeit, Sprachkenntnisse oder Reiserouten etc. zu Risikopotenzialen werden. Es sind daher nicht konkrete Individuen, die im Namen von Sicherheit fokussiert werden, sondern fragmentierte Elemente eines angeblichen Risikos. Das potenziell gefährliche, dividuierte Subjekt wird also aus einem Amalgam von Teilelementen anderer Subjekte und Objekte zusammengesetzt, wie Louise Amoore betont.

    In einigen Situationen erweisen sich die Schnittstellen zwischen verkörpertem Subjekt und Data Double gleichzeitig auch als Schnitt-Stelle, als Instanz, die Schnitte durchführt, in anderen – z. B. bei der geheimdienstlichen Überwachung oder der Social-Network-Analyse der Drohnenkriege – haben Interfaces wie soziale Medien selbst wenig mit den Schnitten zu tun. Teilweise liegen agentische Schnitte in der Eigenlogik der jeweiligen Technologien begründet, z. B. entstehen die von Bridle beschriebenen algorithmischen StaatsbürgerInnenschaften aus der Logik des Routings heraus. Ihre Auswirkungen reichen von existenzbedrohenden Einschnitten in die Gestaltbarkeit des einzelnen Lebens bis hin zur banalen Film- oder Produktempfehlung auf Netflix oder Amazon.

    #politique #internet #état #nationalité


  • Uber Releases Ugly 3Q 2018 Results: Losses Widen to $1.1 Billion, Growth Slows | naked capitalism
    https://www.nakedcapitalism.com/2018/11/uber-releases-ugly-3q-2018-results-losses-widen-to-1-1-billion-grow

    Uber has no plan to make money – it would have to raise fares 2 to 3 times to become profitable – how long will investors continue to subsidize a Company that promises to make it up in volume.

    Alles klar?

    Posted on November 15, 2018 by Yves Smith
    From Hubert Horan:

    3q P&Ls released tonight. Losses and margins got worse. Gross revenue growth continues to slow down, showing their inability to fix the fundamental weakness in the core car service business.

    Expenditures on the marginal business (food delivery, scooters) that are key to the longer term growth narrative drag results down further.

    Mainstream media coverage hasn’t reached “The Emperor has no clothes” point yet, but stories are raising explicit doubts about the viability of next year’s IPO.

    Actually, as we’ll discuss, there are Uber skeptics, just not necessarily among reporters.

    First, from Eric Newcomer at Bloomberg, who shows doubts about Uber’s proposed IPO valuation of $100 billion and its oft-made claims that it’s another Amazon:

    Uber’s sales are dramatically slowing even as the ride-hailing company is spending more to fuel global growth, particularly in its food delivery business. Revenue growth of 38 percent in the third quarter was almost half of what the growth rate was six months earlier, when the company was negotiating a $9.3 billion investment led by SoftBank Group Corp.

    That’s a troubling sign for a serially unprofitable business that hopes to get valued like a technology company in a planned initial public offering next year. Uber Technologies Inc. lost $1.07 billion in the quarter ended Sept. 30, an improvement over a year ago, but the loss widened 20 percent from the second quarter.

    Highly valued companies typically grow quickly or generate big profits — and great ones do both. In the fourth quarter of 2005, Amazon.com Inc. had about the same revenue as Uber’s today — just under $3 billion, not adjusted for inflation. Yet, Amazon earned $199 million in profit and was worth about a fourth of Uber’s $76 billion valuation.

    TechCrunch was more credulous, and also touted a more flattering profit metric:

    Uber, which is expected to go public sometime next year, just released its Q3 2018 financial results. Uber’s net losses increased 32 percent quarter over quarter to $939 million on a pro forma basis, though Uber expected these losses as it continues to invest in future growth areas.

    On an earnings before interest, taxes, depreciation and amortization basis (EBIDTA), Uber’s losses were $527 million, up about 21 percent quarter over quarter. And as Uber prepares to go public, the company has started presenting the income statements with stock-based compensation.

    Ten years from now, Uber CEO Dara Khosrowshahi envisions its core ride-hailing business accounting for less than 50 percent of Uber’s overall business, Khosrowshahi told me at TechCrunch Disrupt SF 2018. That means Uber expects businesses like Eats, scooters, bikes and freight to contribute to be more of Uber’s business, which requires Uber to invest heavily in those businesses.

    And why should we expect UberEats and scooters to become profitable? Just because Uber wants it to be so?

    The New York Tines’ story came off like a string of Uber talking points, with the only apparent real cause for pause that Lyft is also planning its IPO for 2019. For instance:

    Uber’s I.P.O. is likely to create an enormous financial bonanza for its many investors and shareholders, including the company’s co-founder, Travis Kalanick, as well as venture capital firm Benchmark and the Japanese conglomerate SoftBank.

    To get ready for a public offering, Mr. Khosrowshahi has been trimming Uber’s money-losing businesses. Uber has withdrawn from markets including Southeast Asia and Russia, where it faced stiff competition and was spending a lot of money. It has focused on other areas, like food delivery, as well as other geographies that show more potential for growth. On Wednesday, Uber began a loyalty program that will give riders access to extra perks the more frequently they use Uber services.

    Uber said Uber Eats, its food delivery business that started in 2015, was growing rapidly, with bookings through its separate app up 150 percent from last year.

    Yet Uber’s spending also continues to rise. The company said its total costs and expenses were $3.7 billion in the third quarter, up from $3.5 billion in the prior quarter.

    It would be more accurate to say that Uber is cutting some loss-generating operations while expanding others.

    Finally, to the Wall Street Journal:

    The results for the three months ending in September show that Uber is still growing quickly but is likely to be unprofitable for some time. In documents for a bond offering last month, Uber said it expected it wouldn’t reach a profit for at least three years.

    Uber has turned its attention to providing customers with a host of transportation options in addition to its core ride-hailing service. Mr. Khosrowshahi said he is particularly hopeful about electric-scooters and bicycle rentals, which he has said can be a low-cost replacement for short car trips in urban centers.

    “What we’re going after is essentially to debundle car ownership,” Mr. Khosrowshahi said in an interview at The Wall Street Journal’s WSJ Tech D.Live conference Tuesday. “A world in which the people who cannot afford to buy a car have access to consistent mobility wherever they are, that’s a better world.”

    Of the 22 comments on the story so far, only one read as positive, and other readers dismissed it as bad sarcasm. And remember that WSJ readers viciously attacked the initial stories on the Theranos fraud, accusing the journalists of being jealous of a talented entrepreneur. A sampling:

    charles cotton

    I’ve been tracking Uber and its copy cat, Lyft since 2013. The underlying root of their both their problems is that there business platform is toxic and can not ever make a profit. The burn rate is over 90% of investors money which has resulted in a meltdown. Outside investors have dried up and quite frankly dismayed. Such investors were all reckless, naive, and greedy being lured by hyped, false financials and advertising.

    The promise of “get in quick, we’re going public’” being the worm on the hook. There were no accurate disclosures or prospectus given to the investor…. No one really knows what is going on at Uber.”

    Joseph Swartz

    Uber may be the biggest con game the Street has seen in decades…..an IPO of a Company that loses billions of dollars, subsidizes every ride we take, and has gone off the path with Uber Eats, a ridiculous venture. I recently read it’s drivers last about 6 months, on average, before quitting.

    Uber has no plan to make money – it would have to raise fares 2 to 3 times to become profitable – how long will investors continue to subsidize a Company that promises to make it up in volume.

    Gary Ayer

    Uber is raising money via a public offering because otherwise they would go out of business due to continuous losses.

    Jef Kurfess

    Doing a thriving business selling dollar bills for $.85?

    So Uber’s PR machine is having less and less success in keeping its story going. But will polite press amplification be enough to save Uber’s bacon.

    #Uber


  • #unten ǀ Die App ist der Feind — der Freitag
    https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-app-ist-der-feind

    #unten Der Kapitalismus bringt ständig neue Formen von Ausbeutung hervor – und erzwingt so immer neue Formen des Kampfes, Sebastian Friedrich, Ausgabe 45/2018

    Die neuen Hoffnungsträger für den Klassenkampf kommen auf zwei Rädern

    Wissenschaftler und Publizisten haben sich viel Mühe gegeben, die These zu untermauern, es gebe keine Klassen mehr. Die Bundesrepublik war noch keine fünf Jahre alt, die KPD noch nicht verboten, da sprach der Soziologe Helmut Schelsky von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“: Die Unterschiede zwischen Unten und Oben würden sich zunehmend auflösen, so Schelsky. Das Bild der Mittelstandsgesellschaft erwies sich als erstaunlich resistent: Obwohl sich in den vergangenen Jahrzehnten die Schere zwischen Arm und Reich öffnete, fühlte sich ein überwiegender Teil der Mitte zugehörig.

    Doch dieses Bild bröckelt. Mittlerweile geht selbst Konservativen der Verweis, Klassen habe es nur zu Zeiten von Karl Marx gegeben, nicht mehr so leicht von den Lippen. Die Krise, die vor zehn Jahren begann, machte viele, vor allem junge Leute in Südeuropa, arbeitslos. Selbst in Deutschland kommen Millionen Menschen nicht mit einem Job über die Runden, sind Patchwork-Arbeiter. Gleichzeitig stiegen die Gehälter der Topmanager in astronomische Höhen.

    Auch viele Linke, die lange nichts von Klassen wissen wollten, haben die soziale Frage wiederentdeckt – aus einer Position der Schwäche heraus. Als immer deutlicher wurde, dass es rechten Parteien und Initiativen gelingt, Teile der Arbeiterklasse zu mobilisieren, wurde so manchen Sozialdemokraten wie auch so manchem radikalen Kritiker an der Universität gewahr, dass der Aufstieg der Rechten irgendetwas mit der Krise der Linken zu tun haben könnte.

    Kurz nachdem die AfD im März 2016 bei Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt bei Arbeitern und Arbeitslosen stärkste Partei wurde, erschien die deutsche Übersetzung des Buches Rückkehr nach Reims von dem französischen Soziologen Didier Eribon. Das Buch war plötzlich überall: auf den Tischen in den Seminarräumen, neben dem Glas Latte Macchiato im Berliner Szenecafé und in den Reiserucksäcken deutscher Individualtouristen. Eribon beschrieb eindrucksvoll, wie sich die Linken von den Arbeiterinnen und Arbeitern abgewandt hatten. Während das Buch fleißig gelesen und diskutiert wurde, stimmte in Großbritannien eine Mehrheit für den Brexit. Ein paar Monate später wurde Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt.

    Bleib gesund, Crowdworker

    Aktuell droht die Linke, zerrieben zu werden: Es gibt keine linke Erzählung, kaum Verbindungen zum Alltagsleben breiter Teile der Bevölkerung, nur sehr wenig kollektive Erfahrung gemeinsamer erfolgreicher Kämpfe, geschweige denn eine Zukunftsvision, von einem realistischen Machtzugang einmal ganz abgesehen.

    Unter dem Begriff „Neue Klassenpolitik“ diskutieren Linke seitdem, wie feministische, antirassistische und internationalistische Perspektiven mit einer Klassenpolitik auf Höhe der Zeit verbunden werden können. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die Trennung zwischen Klasse auf der einen Seite und Antirassismus und Feminismus auf der anderen Seite keinen Sinn ergibt. Die Zusammensetzung der Klassen ist seit jeher durch Geschlechterverhältnisse, rassistische Verhältnisse und die globale Ungleichheit strukturiert.

    Klassenpolitik ist im Grunde stets „neu“, denn Klassen sind nichts Statisches. Sie unterscheiden sich je nach Gesellschaftsformation, aber auch im Kapitalismus selbst – die kapitalistische Klassengesellschaft ist im Kern noch immer eine, auch wenn sie vor 100 Jahren anders aussah.

    Das Grundprinzip bleibt freilich gleich: Die Bourgeoisie, heute bizarrerweise Arbeitgeber genannt, besitzt die Produktionsmittel und schöpft Profite aus der Arbeit der von ihnen abhängig Beschäftigten – weshalb sie eigentlich die Arbeitnehmerseite ist. Ihr gegenüber steht die Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter im weiten Sinne. Sie haben keine Produktionsmittel und müssen sich beim Bourgeois verdingen. Die durch dieses Ausbeutungsverhältnis definierte Klasse der Lohnabhängigen ist sehr divers in ihrer Gestalt: hochqualifizierte Angestellte, ungelernte Hilfsarbeiter_innen, Reinigungskräfte, Fahrradkuriere – was die gemeinsamen Interessen überdeckt und eine Organisierung erschwert.

    In der Debatte um „Neue Klassenpolitik“ geht es darum, die Orte des Klassenkampfs zu finden. Dabei geht es nicht nur um Orte, an denen gekämpft wird, sondern auch um jene Orte, an denen die Klasse zusammenkommt, an denen sie sich mit neuen Formen der Produktion auseinandersetzen muss, wie die Arbeit technisch und von oben organisiert wird. Gleichzeitig nimmt die „Neue Klassenpolitik“ die Perspektive von unten ein, wie die Arbeiterklasse für ihre Interessen kämpft, an welchen Punkten sich Protest entwickelt – und die Vereinzelung überwunden werden kann.

    Kämpfe um bessere Arbeitsbedingungen gibt es nicht nur an den bekannten Orten der Klassenauseinandersetzungen: den Fabriken, sondern auch da, wo sich neue Formen der Beschäftigung entwickeln.

    Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat nicht nur Roboter hervorgebracht. Es hat sich eine neue Gruppe innerhalb der Arbeiterklasse entwickelt: die Crowdworker. Crowdwork umfasst alle Dienstleistungen, die über Plattformen im Internet vermittelt werden. Das Prinzip: Crowdworker loggen sich über eine App ein und bearbeiten einzelne Aufträge. Eine Plattform dient als eine Zwischenstelle zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer. Nach diesem Prinzip arbeiten weltweit im Netz Tausende Plattformen. Umsatz machen sie über die Vermittlung. Und das nicht zu knapp: Der Taxidienst Uber bekommt bis zu 20 Prozent des Honorars der jeweiligen Fahrt. Damit hat Uber im Jahr 2016 über 6,5 Milliarden Dollar umgesetzt.

    Arbeitsverträge gibt es für Crowdworker kaum noch. Crowdworker werden zu „Selbstständigen“, womit sie weniger Rechte haben, etwa auf Urlaub. Von Lohnfortzahlung im Krankheitsfall träumen viele nur. Hinzu kommt: Bei den meisten Jobs in der Plattformökonomie bezahlen die Firmen pro Gig. Der Begriff Gig bezeichnet in der Musikbranche einen einzelnen Auftritt. In der Welt der Plattformen ist ein Gig ein einzelner, meist kleinteiliger Auftrag. Dass Menschen nach kleineren Jobs bezahlt werden, ist kein neues Phänomen; neu aber ist, dass nun Plattformen damit Geld verdienen.

    Die Bezahlung nach Gig ist kein Novum im Kapitalismus. Marx kannte einen anderen Begriff: Stücklohn. Er nannte das Stücklohn-Prinzip einst die dem Kapitalismus entsprechendste Form der Entlohnung. In der Tat: Das Stücklohn-Prinzip ist vor allem für die Konzerne von Vorteil, denn dadurch können sie möglichst viel aus der Arbeitskraft herauspressen. Die britische Arbeitsforscherin Ursula Huws spricht mit Blick auf die weitgehend nicht regulierte Plattformökonomie von einer Wildwest-Phase des Kapitalismus, in der wir uns gegenwärtig befänden. Die Parallelen zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert sind unübersehbar: hohe Ausbeutung auf der einen Seite, kaum bis gar kein Schutz der Arbeitskraft auf der anderen Seite.

    Extreme Formen von Ausbeutung haben sich immer nur dann geändert, wenn es zu Klassenkämpfen kam. Die Arbeiterbewegung, die in der Phase der Industrialisierung entstand, erstritt mehr Sicherheit und höhere Löhne: der Acht-Stunden-Tag, die Einführung der Sozialversicherungen, Tarifverträge. Doch wer könnte heute diese Kämpfe führen? Durch die Zerstückelung der Arbeit und die hyperflexibilisierte und die stark individualisierte Arbeit ist kollektives Handeln kaum möglich.
    Hoffnung auf zwei Rädern

    Das gilt aber nicht unbedingt für alle Gruppen. Die Hoffnungsträger eines Klassenhandelns in der Plattformökonomie kommen auf zwei Rändern. Man sieht sie vor allem in größeren Städten: Fahrradkuriere, sogenannte Rider, mit großen und bunten Warmhalte-Boxen auf dem Rücken. Sie sind unterwegs, um den Kunden ihr online bestelltes Essen zu liefern. Erste Ansätze von Kämpfen sind erkennbar: Los ging es in London, als Kuriere des Online-Essenslieferdienstes Deliveroo gegen die Einführung eines Stücklohns streikten. Auch in Italien, Spanien und in den Niederlanden gab es ähnliche Streiks. In Deutschland ging es bisher vor allem in Köln heiß her. Renitente Rider gründeten bei Deliveroo einen Betriebsrat. Laut der Kuriere hat Deliveroo darauf reagiert, indem es die Verträge der Festangestellten nicht verlängert hat.

    Die Bedingungen für kollektives Handeln sind bei Fahrradkurieren besser als bei Clickworkern, die sich einsam an ihrem heimischen Laptop mühsam von Kleinstjob zu Kleinstjob hangeln. Die Rider erkennen sich gegenseitig an ihren Essensboxen auf dem Rücken und den Farben ihrer Shirts. Viele teilen einen Lifestyle – eine Rider-Kultur. Sie interessieren sich für ausgefallene Fahrradteile, tragen ähnliche Klamotten. Was für den Industriearbeiter in der Fabrik die Kantine war, das sind bei den Riders die Orte in der Stadt, wo sie auf neue Aufträge warten. Trafen sich früher die Arbeiter in der Eckkneipe, schrauben die Rider in der Werkstatt an ihren Rädern herum. Was einst das Treffen der kämpfenden Teile der Klasse war, ist heute die Facebook- oder Whatsapp-Gruppe.

    Und es gibt Ansätze, wie sich der Kampf von unten gegen die Kontrolle von oben wenden kann. Riders nutzten ihre App, um sich mit anderen Kurieren auszutauschen. Gleichzeitig ist die App mit ihrem erbarmungslosen Algorithmus für die Rider vor allem eines: ein Feind. Tatsächlich ist sie aber auch ein nützlicher, weil gemeinsamer Feind. So manchem Untergebenen mag es schwer fallen, den Kampf gegen einen permanent duzenden Chef zu führen. Gegen eine kalte App fällt das leichter.

    Diese Kämpfe sind Anfänge. Die Streiks im Care-Bereich, bei Amazon, bei Ryanair – sie alle zeigen nicht nur, dass sich etwas bewegt, sondern dass es sie gibt, die Klassen. Vereinzelung, Atomisierung, Prekarisierung – das sind Leitbegriffe unserer Zeit. Sie müssen es nicht bleiben.

    Sebastian Friedrich ist gemeinsam mit der Redaktion analyse & kritik Herausgeber des soeben im Verlag Bertz + Fischer erschienenen Buches Neue Klassenpolitik. Linke Strategien gegen Rechtsruck und Neoliberalismus. Es umfasst 220 Seiten und kostet 14 Euro

    #Allemagne #lutte_des_classes #gig_economy #livreurs


  • Amazon scraps secret AI recruiting tool that showed bias against women
    https://www.reuters.com/article/us-amazon-com-jobs-automation-insight/amazon-scraps-secret-ai-recruiting-tool-that-showed-bias-against-women-idUS

    Amazon.com Inc’s (AMZN.O) machine-learning specialists uncovered a big problem : their new recruiting engine did not like women. The team had been building computer programs since 2014 to review job applicants’ resumes with the aim of mechanizing the search for top talent, five people familiar with the effort told Reuters. Automation has been key to Amazon’s e-commerce dominance, be it inside warehouses or driving pricing decisions. The company’s experimental hiring tool used artificial (...)

    #Amazon #algorithme #discrimination

    https://s3.reutersmedia.net/resources/r


  • Amazon’s New Microwave : ‘Alexa, Please Defrost My Chicken’
    https://www.wsj.com/articles/amazons-new-microwave-alexa-please-defrost-my-chicken-1537469765

    New offerings include Alexa-enabled chip that manufacturers can install to control basic appliances In a bid to control the smart home of the future, Amazon.com Inc. AMZN 2.08% is offering makers of electronics a small chip that would let people use their voice to command everything from microwaves and coffee machines to room fans and guitar amplifiers. The online retail giant is hoping big manufacturers will sign up to incorporate the Alexa-enabled chips—which cost a few dollars each—in (...)

    #Alphabet #Apple #Google #Microsoft #Nest #AT&T #Amazon #algorithme #Alexa #domotique #Home #HomePod #biométrie (...)

    ##AT&T ##voix
    https://images.wsj.net/im-27348/social


  • Amazon Will Consider Opening Up to 3,000 Cashierless Stores by 2021
    https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-09-19/amazon-is-said-to-plan-up-to-3-000-cashierless-stores-by-2021

    Amazon.com Inc. is considering a plan to open as many as 3,000 new AmazonGo cashierless stores in the next few years, according to people familiar with matter, an aggressive and costly expansion that would threaten convenience chains like 7-Eleven Inc., quick-service sandwich shops like Subway and Panera Bread, and mom-and-pop pizzerias and taco trucks. Chief Executive Officer Jeff Bezos sees eliminating meal-time logjams in busy cities as the best way for Amazon to reinvent the (...)

    #Amazon #CCTV #reconnaissance #facial #surveillance #vidéo-surveillance


  • Amazon Investigates Employees Leaking Data for Bribes (https://www....
    https://diasp.eu/p/7728896

    Amazon Investigates Employees Leaking Data for Bribes

    Amazon.com is investigating internal leaks as it fights to root out fake reviews and other seller scams from its website. Article word count: 74

    HN Discussion: https://news.ycombinator.com/item?id=17999282 Posted by ikeboy (karma: 9508) Post stats: Points: 135 - Comments: 63 - 2018-09-16T15:09:40Z

    #HackerNews #amazon #bribes #data #employees #for #investigates #leaking

    Article content:

    Amazon.com Inc. is investigating internal leaks as it fights to root out fake reviews and other seller scams from its website.

    Employees of Amazon, primarily with the aid of intermediaries, are offering internal data and other confidential information that can give an edge to independent merchants selling their products on the site, (...)


  • QVC: Gib dem Zufall keine Chance - brand eins online
    https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/sicherheit/qvc-gib-dem-zufall-keine-chance

    Teleshopping gilt als altbacken. Dabei handelt es sich um ein sehr innovatives Geschäft. Ein Blick hinter die Kulissen der Multimedia-Maschine QVC.

    Text und Interview: Marc-Stefan Andres

    Eine Anruferin ist in der Leitung. Silke Schulte sagt in ihr Mikro: „Frau Frisch, seit zwölf Jahren bei QVC.“ Nur Sekunden später stellt der Moderator Sascha Lauterbach die Dame vor laufenden Kameras vor, deren Namen ihm die Line Producerin per Knopf im Ohr übermittelt hat. Während er gemeinsam mit einer Kosmetikerin die Elisabeth Grant Supreme Cell Vitality Bodycream präsentiert, spricht er mit Frau Frisch über ihre Erfahrungen mit der Marke. Und beobachtet die Bildschirme, die unterhalb der vier Kameras hängen, die auf ihn gerichtet sind. Dort sieht er, welche Einstellung als Nächstes folgt.

    Auch Silke Schulte ist gedanklich schon weiter: „Jetzt mal zu einem Männerprodukt.“ Lauterbach schaltet wieder sofort und beendet das Gespräch mit Frau Frisch höflich, aber bestimmt. „So, meine lieben Damen, was wären Sie ohne das starke Geschlecht?“, sagt er grinsend. „Ich wollte nur schön einleiten, dass wir jetzt auch einmal etwas für die Männer haben.“ Black Tie, ein Eau de Parfum samt Showergel für 28,18 Euro.

    Der Produktwechsel ist gelungen. Der geplante Umsatz aber noch nicht erreicht, wie Schulte feststellt: Auf ihren Monitoren ist unter anderem der Umsatz in Euro pro Minute zu sehen – im Ist- und Sollzustand. „Mach mal eine Vorschau“, sagt sie ins Mikrofon – fünf Sekunden später erscheint das Bild einer Creme, die zuvor schon erfolgreich verkauft worden war. Fast unmittelbar steigt die Zahl der eingehenden Anrufe im Callcenter.

    Die Germanistin Schulte produziert bei QVC in Düsseldorf drei bis vier Sendungen pro Tag. Sie hat das gesamte Team im Griff – besonders den Moderator, der ihre Anweisungen teilweise schon umsetzt, während sie noch redet. Und sie redet viel. Alle paar Sekunden hat sie eine Idee, die helfen soll, die Verkäufe zu steigern. Offenbar mit Erfolg: Der Marktführer beim Teleshopping in Deutschland setzte im Jahr 2015 laut Bundesanzeiger knapp 756 Millionen Euro um und erzielte einen Bilanzgewinn von knapp 161 Millionen Euro. 2016 gab QVC, das zum amerikanischen Liberty-Interactive-Konzern gehört, den Umsatz für die Bundesrepublik mit umgerechnet 820 Millionen Euro an – eine satte Steigerung im Vergleich zum Vorjahr.

    Das sind Traumergebnisse für ein Handelsunternehmen. Mathias Birkel von der Medienberatung Goldmedia, der im Jahr 2017 eine Studie zum Teleshopping verantwortete, sagt: „QVC verbindet die Beratungsstärke des Fachhandels mit Emotionen und neuesten digitalen Technologien. Das unterscheidet das Geschäftsmodell stark zum Beispiel von einfachen Bestellplattformen im Internet.“ Laut seiner Untersuchung, die Anbieter in zehn europäischen Ländern analysierte, werden diese ihren Gesamtumsatz bis 2022 um rund ein Drittel auf 6,4 Milliarden Euro steigern. Und weiterhin, so Birkel, Bruttomargen im „deutlich zweistelligen Prozentbereich“ erzielen.

    Mehr als 80 Prozent der Kunden von QVC sind Frauen. Jeanette Lenski ist im Einkauf der Firma dafür zuständig, die richtigen Produkte auszuwählen. Dazu zählen immer häufiger sogenannte A-Marken – Artikel mit großem Marktanteil und hoher Bekanntheit: Zahnbürsten von Philips zum Beispiel, Babor-Kosmetika oder Kitchenaid-Küchenmaschinen, vom weißen Modell hat QVC europaweit die meisten verkauft. Dazu musste Überzeugungsarbeit geleistet werden, erinnert sich Lenski, die seit 2010 im Unternehmen arbeitet und zuvor beim Konkurrenten HSE beschäftigt war. Die Markenartikler hätten befürchtet, dass das eher negative Image des Teleshoppings auf sie abstrahlen würde. Heute sei das anders. „Wir können in unseren Shows die Marken in aller Ausführlichkeit darstellen – so viel Zeit haben Verkäufer im Geschäft sonst kaum.“ Hersteller hätten QVC-Präsentationen schon genutzt, um ihre eigenen Verkäufer zu schulen.

    QVC ändert sein Sortiment schnell. 19 Prozent der Artikel, die wöchentlich auf Sendung gehen, sind neu. Eigenmarken spielen eine große Rolle, weil sich der Sender mit ihnen von der Konkurrenz absetzen und höhere Gewinne machen kann.

    Über die Zusammensetzung des Sortiments in Deutschland hüllt sich das Unternehmen in Schweigen. Weltweit macht QVC ungefähr ein Drittel seines Umsatzes mit Haushaltswaren, 19 Prozent mit Kleidung und 17 Prozent mit Kosmetika und Körperpflegeartikeln.

    Mittlerweile hat das Unternehmen auch teure Produkte wie Boxspringbetten oder große Markenfernseher im Sortiment. „Wir bieten eine richtige Fachberatung und können uns die Zeit nehmen, etwa die Betten bis ins Detail zu beschreiben“, sagt Jeanette Lenski. „Und wenn die Kunden nach dem Probeschlafen nicht zufrieden sind, können sie das Bett wieder abholen lassen.“

    Eine wichtige Kennzahl ist die Minutenproduktivität, also der Umsatz pro Sendeminute. Damit der stimmt, muss Lenski sich eng mit den Produzenten abstimmen. Sämtliche Produkte werden angekauft und auf Lager gehalten, um die Kunden prompt bedienen zu können. Man wolle sowohl hohe Lagerbestände als auch den schnellen Ausverkauf eines Produkts vermeiden, sagt die Einkäuferin.

    Wie gut ein Produkt läuft, hängt nicht zuletzt vom Verkaufstalent der mehr als 20 Moderatoren ab. „Es ist sehr wichtig, dass wir ganz unterschiedliche Charaktere haben, die zur jeweiligen Zielgruppe passen“, sagt Silvia El Sheikh, die als Studioleiterin auch für das Casting und Training der Moderatoren und Gäste zuständig ist. Auch ihre Mission heißt Optimierung. „Bei der Auswahl der Gastexperten zum Beispiel haben wir früher oft ein Auge zugedrückt“, sagt die 47-Jährige. „Heute fällt mindestens die Hälfte direkt durchs Raster.“

    Gesucht werden demnach sympathische Verkäufer, die gut erklären können. Keine Dampfplauderer, die die Kundschaft an den Bildschirmen überfordern oder unseriös wirken könnten.

    Silvia El Sheikh, die zu den ersten 29 Mitarbeitern gehört, die 1996 bei QVC begannen, sagt, dass die fest angestellten Moderatoren immer wieder neue Verkaufsgeschichten erzählen müssten, damit sich treue Kunden nicht langweilen.

    Bei QVC spricht man gern von Familie, und der Begriff scheint gar nicht so falsch zu sein. Eine Idee davon bekommt man, wenn man sich die Profile der Moderatoren auf Facebook anschaut. Die Kundinnen kommentieren dort die Frisuren oder die Kleidung der Verkäufer und besprechen fleißig deren private oder halb private Statements, die oft mit Sendungsankündigungen versehen sind. Die QVC-Stars bekommen viel Fanpost, und wenn eine Moderatorin schwanger ist, schicken die Kundinnen hausgemachte Marmelade oder selbst gestrickte Socken. „In der Kommunikation kommen uns die neuen Kanäle sehr entgegen“, sagt El Sheikh. „Früher gab es nur die Anruferinnen in den Bestell-Hotlines, die sich als Fans outeten. Heute ist das aber viel mehr geworden.“

    Die meisten der rund eine Million Kommentare im QVC-Webshop sind positiv, bei einer Durchschnittsbewertung von 4,8 von 5 Sternen. Viele der Kunden erklären dort lang und breit, was ihnen besonders gefallen hat. Negatives Feedback klingt dann schon fast nach persönlichen Enttäuschungen. Die Kundschaft will gepflegt werden.

    Mathias Bork hat das stets im Blick. Beim Gespräch in seinem Büro blickt der Vorstandsvorsitzende alle paar Sekunden auf die neun Bildschirme gegenüber seines Schreibtischs. Sie zeigen das aktuelle Programm seiner drei Sender, der QVC-Kollegen in anderen Ländern sowie der Konkurrenten in Deutschland. Bork, der seit 2009 im Unternehmen arbeitet und es seit drei Jahren führt, hat ein genaues Auge auf die Entwicklung seines Geschäfts und das der Wettbewerber. Sehr positiv findet er zum Beispiel die Retourenquote, deren genaue Höhe er allerdings nicht preisgibt. Er nennt sie „niedrig im Vergleich zu einigen anderen Onlinehändlern“.

    Derzeit bemüht sich Bork, die Zielgruppen noch besser kennenzulernen. In einer Studie hat das Unternehmen sieben Gruppen identifiziert. Das Papier ist so geheim, dass es nur angeschaut, aber nicht mitgenommen werden darf. Von Cozy Cocooners, die auf ein schönes Zuhause stehen, ist darin die Rede, von Smart Shoppers, die vor allem digital einkaufen – und von den Golden Girls, die am liebsten telefonisch bestellten.

    Bork ist überzeugt, dass der Live-Aspekt noch lange entscheidend bleiben wird. Neben dem Hauptkanal, auf dem 17 Stunden live gesendet wird, gibt es seit 2017 auch auf dem zweiten Kanal ein entsprechendes Programm – das allein im Dezember den Umsatz um 300 Prozent gesteigert habe. „Konserve ist eben nicht so attraktiv“, sagt Bork. Die Zuschauer sollen das Gefühl haben, dabei zu sein – und der Sender die Chance, ununterbrochen an den Stellschrauben zu drehen.

    Aus dem Teleshopping-Kanal ist mittlerweile ein Multichannel-Händler geworden. Fast die Hälfte seines Umsatzes macht QVC weltweit bereits digital. 70 Prozent der Neukunden aus Deutschland gelangen über das Internet zu der Firma – und sind im Schnitt zehn Jahre jünger als die Bestandskunden.

    „Wir betreiben schon seit dem Jahr 2002 eine Bestellplattform, aber erst seit drei, vier Jahren verstehen wir den Kanal als eine richtige Vertriebsplattform“, sagt Florian Hoffmeister, verantwortlich für E-Commerce und Customer Marketing. In der Praxis funktioniert das beispielsweise so: Die Frühjahrsmode ist schon im Februar zum ersten Mal online zu sehen, wird wenige Wochen später im Fernsehen gezeigt und danach auf der Website weiterbeworben. Damit betreibe QVC „Risikominimierung“, sagt der 44-jährige Manager. „Wir können die Kundenkommentare aus dem Shop und von unserer Facebook-Seite aus der Vorvermarktung für die Präsentation im TV einsetzen und gleichzeitig Fragen beantworten, die während der Sendung gestellt werden.“
    Seit 1996 dabei: die Studioleiterin Silvia El Sheikh
    Chef Mathias Bork
    Das Ziel: aus Kundinnen Fans machen

    Der Internetverkehr der Firma ist hoch. Weltweit verzeichnet sie nach eigenen Angaben 2,1 Milliarden Besuche auf den zwölf Websites. QVC hat allein 2,7 Millionen Gefällt-mir-Angaben auf der globalen Facebook-Hauptseite und mehr als 240 Social-Media-Auftritte. Eine Menge Input für Hoffmeister und sein Team.

    Im Fernsehen macht QVC seit einiger Zeit dank einer besonderen Kooperation Punkte bei jüngeren Leuten. Der Sender arbeitet seit 2017 mit Ralf Dümmel aus der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ zusammen, in der Firmengründer Geld für ihre Ideen sammeln. Der Geschäftsmann ist einer der fünf Investoren in der Sendung. Nach dem emotionalen Pitch der Jungunternehmer vor einem Millionenpublikum – die Einschaltquoten liegen bei bis zu 20 Prozent in der jungen Zielgruppe – wird im Anschluss auf QVC das fertige Produkt samt der Gründer und ihrer Geschichten präsentiert. Einen direkten Hinweis auf die nachfolgende Sendung bei QVC gibt es bei Vox nicht, der Teleshopping-Sender wirbt hingegen massiv damit.

    Aus der abgelaufenen Staffel der „Höhle der Löwen“ verkaufte QVC 17 Produkte in einer Gesamtstückzahl von 455 000, allein ein Display-Schutz für Smartphones ging mehr als 73 000-mal in den Versand. Neben dem Risikokapital streckt Dümmel den Gründern auch Geld vor, mit dem sie die Produktionskosten vorfinanzieren können.

    „Gelohnt hat sich das für alle“, sagt Dümmel zu der Wertschöpfungskette, in der die „Höhle der Löwen“ so etwas wie ein vorgeschaltetes Marketing darstellt. Selbstverständlich auch für den Investor, der gleich in mehreren Rollen beteiligt ist. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Firma DS Produkte, die Non-Food-Artikel und Aktionsware herstellt und vertreibt. Auch über QVC – und hier schließt sich der Kreis, denn Dümmel begleitete dort 1996 als erster Lieferant den Sendestart und brachte insgesamt mehr als 1000 unterschiedliche Produkte unters Volk. Deswegen setzt er auch weiterhin auf QVC. Per Teleshopping könne man leichter erklärungsbedürftige Artikel verkaufen, sagt auch er. „Und die Emotionalisierung macht ebenso viel aus.“

    Dank dieses Faktors, vieler Informationen durch die Käuferinnendaten und Erfahrung hat QVC nur wenige Ladenhüter. Gelegentlich geht aber doch mal was schief. Mathias Bork erinnert sich an einen Schnellkochtopf für die Mikrowelle, von dem er hellauf begeistert war. Leider war der Topf zu groß für die meisten Mikrowellen in Deutschland. „Wir hätten warten können, bis die Kunden das Produkt enttäuscht zurücksenden“, sagt Bork. „Stattdessen haben wir allen Käufern das Problem erklärt und sie aufgerufen, uns den Kochtopf zurückzuschicken.“ Auch so kann man Kunden an sich binden.

    Lieber berichtet Bork natürlich von positiven Erlebnissen. „Manchmal bin ich überrascht, was die Kollegen da einkaufen. Wir hatten einmal ein Kissen mit einem 3-D-Druck von verschiedenen Tierköpfen, bei denen hätte ich nie gedacht, dass sie laufen.“ Taten sie aber. Der Artikel habe einen Umsatz pro Minute „in einem höheren Tausend-Euro-Bereich“ erzielt. ---
    Und das sagt der Präsident der QVC-Gruppe, Mike George

    brand eins: Herr George, die Medienwelt verändert sich rasant. Ist das ein Problem für Sie?

    Die Menschen schauen mehr Videos als je zuvor, aber sie tun das zunehmend im Internet. Das klingt bedrohlich für einen Fernsehanbieter, ist aber auch eine Chance. In den USA erzielen wir bereits 54 Prozent unseres Umsatzes im E-Commerce und davon mehr als die Hälfte über mobile Geräte.

    Haben Sie keine Angst vor Onlinespezialisten wie Amazon?

    Wir bieten etwas anderes als Amazon. Über die Jahre haben wir gelernt, die Essenz unserer Produkte dem Kunden nahezubringen. Wir bieten ein kuratiertes Produktsortiment, das zum Entdecken einlädt, und stehen für mehr Information, mehr persönlichen Kontakt und Engagement.

    Also werden eher Sie Amazon angreifen?

    Nein, neben dem Kauf in einem stationären Laden oder dem Bestellen im Internet bieten wir ein weiteres Modell. So bieten wir unseren Kunden genau den einen speziellen Toaster an, den wir für sie getestet und ausgesucht haben – im Gegensatz zu den wahrscheinlich 1000 Toastern, die Amazon anbietet.

    Ihr Geschäftsmodell ändert sich durch die neuen Kanäle. Wie agil müssen Sie sein?

    Agilität ist eine Grundvoraussetzung für unser Geschäftsmodell – seit unserer Gründung. Wir hören viel öfter als andere Unternehmen im Handel auf unsere Kunden und gehen auf sie ein, weil diese in jeder Sekunde über unsere Produkte und unsere Inhalte „abstimmen“. Das könnte man auch Shopping-Demokratie nennen.

    Und das funktioniert?

    Wir haben mit 93 Prozent eine der höchsten Raten bei den Wiederholungskäuferinnen im Handel. Außerdem haben wir eine sehr hohe Empfehlungsrate. Und unsere Stammkundinnen bestellen im Schnitt 24- bis 25-mal pro Jahr.

    Wo wollen Sie mit QVC hin?

    Wir wollen wachsen, organisch und vor allem durch die Übernahme von Firmen, die zu unserer Mentalität passen. Wir wollen nicht der größte Händler werden, aber der engagierteste.

    Mike George leitet als Präsident und Vorstandsvorsitzender die QVC-Gruppe, zu der sieben weitere Handelsmarken gehören. Zuvor arbeitete er bei Dell und war Senior Partner bei McKinsey & Company.

    QVC wurde im Jahr 1986 in den USA gegründet. Mittlerweile arbeiten insgesamt 27 000 Mitarbeiter für das Multichannel-Unternehmen, die einen Umsatz von 8,7 Milliarden US- Dollar erwirtschaften. QVC erreicht knapp 362 Millionen Haushalte und ist in Deutschland seit 1996 auf Sendung. Rund 3100 Mitarbeiter sorgen für den Betrieb des Onlineshops, der App und der drei Sender. Diese strahlen 22 Stunden Live-Programm aus. Sie erreichen zwischen 27 und 41 Millionen Haushalte in Deutschland und Österreich, wohin im Jahr 2016 rund 15 Millionen Pakete versandt wurden.

    #Publicité #télévison


  • Mehr als Demonstrationen - In Berlin steht der geplante Google-Campus in der Kritik - ein Blick ins Ausland zeigt, wie Widerstand aussehen kann
    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1092424.google-campus-in-berlin-mehr-als-demonstrationen.html

    Von Nina Scholz
    27.06.2018

    „Google ist kein guter Nachbar“: Viele Anwohner haben keine Lust auf einen Google-Campus in ihrem Kiez.

    Mittlerweile weiß es wahrscheinlich das ganze Land: Google möchte im Herbst in Berlin einen sogenannten Campus eröffnen. Im Bezirk Kreuzberg, der nicht nur auf eine lange stadtaktivistische Geschichte zurückblicken kann, sondern seit ein paar Jahren heftig mit Verdrängungen und explodierenden Mieten zu kämpfen hat, schlug die Nachricht ein wie eine Bombe: Nicht nur, aber vor allem aus San Francisco war bekannt, wie sich Gentrifizierung beschleunigt, wenn Technologieunternehmen und ihre gut bezahlten Mitarbeiter sich ansiedeln.

    In San Francisco hatten die Proteste 2013/2014 gegen den Google-Bus diese Verdrängungsprozesse sichtbar gemacht. Die Tech-Arbeiter wollten gerne im urbanen San Francisco wohnen, und so richteten die Unternehmen ihnen einen Busservice ein, mit dem sie kostenlos zur Arbeit fahren konnten.

    Ziel der Proteste war es unter anderem, darauf aufmerksam zu machen, dass rund um die Bushaltestellen des Google-Busses die Mieten durchschnittlich 20 Prozent höher waren als in umliegenden Gegenden. 30 bis 40 Prozent der Tech-Arbeiter hatten in einer Studie der Universität Berkeley angegeben, dass sie näher an ihre Arbeitsstelle ziehen würden, wenn es den Bus nicht geben würde. Bald spalteten sich die Proteste, nach Steinwürfen auf den Bus gab es Uneinigkeit darüber, ob die Tech-Arbeiter im Zweifel eher Verbündete sind, die es ebenfalls zu mobilisieren gilt, oder ob Google-Mitarbeiter per se als Gegner in dieser politischen Auseinandersetzung zu sehen sind.

    Das Berliner Bündnis, das gerade gegen den Campus mobil macht, ist derzeit weniger an den Tech-Arbeitern oder an offiziellen Gesprächen interessiert, sondern fährt eine Doppelstrategie, deren Vorbild eher die Aktionen gegen den Google-Bus sind. Einerseits demonstriert man an jedem ersten Freitag, macht Krach und projiziert »Google ist kein guter Nachbar« an das Gebäude, andererseits nehmen die Proteste auch die Form von Stadtführungen an.

    Man kann sich aber an so einem Punkt natürlich auch fragen: Was kann es außer Protest noch geben? Berlin gilt seit Jahren als Mekka für die internationale, auch widerständige Tech-Szene. Warum werden die Fragen, wie wir leben wollen, was es für Alternativen zu Smart-City-Konzepten und einer homogenen Start-up-City gibt, nicht offensiver gestellt? Warum finden kaum offensichtliche Kooperationen statt?

    Vielleicht braucht es dafür die Vermittlung der Politik. Dies wird etwa in Barcelona praktiziert, wo die Bürgermeisterin Ada Colau aus der Stadtbewegung kommt und das Problem wohl genau erkannt hat, als sie Francesca Bria zum »Chief Technology and Digital Innovation Officer« ernannte. Die Grundsätze ihres stadtpolitischen Ansatzes hat Bria gemeinsam mit Evgny Morozov in der Broschüre der Rosa Luxemburg Stiftung »Smart City anders denken« aufgeschrieben: Es geht darum, Alternativen zu Airbnb und Co. zu fördern, ein ökonomisches Öko-System zu schaffen, indem Genossenschaften es einfacher als Start-ups haben, und die demokratische Mitbestimmung in der Stadt auch mit technologischen Hilfsmitteln zu fördern.

    Doch Tech-Konzerne agieren supranational, daher kann es sinnvoll sein, sie nicht nur lokal anzugreifen. Barcelona ist bereits Teil des Rebel-City-Netzwerks, auch andere Städte könnten möglicherweise von einem Zusammenschluss profitieren. Diese Idee kam jüngst in den USA auf: Amazon hat dort einen Wettbewerb unter Städten ausgerufen, die sich um das zweite Hauptquartier des Quasi-Monopolisten bewerben konnten.

    Was folgte, war eine Art »Hunger Games meets Youtube«. Warum die Städte das machen? Weil sie seit Jahrzehnten totgespart werden, der neoliberale Kahlschlag trifft ihre Infrastruktur besonders hart, Technologieunternehmen sollen diese Lücken füllen. Doch Stadtaktivisten in Atlanta und anderen Städten wollten sich das nicht mehr länger gefallen lassen und machten mobil. So mobil, dass selbst ein Wissenschaftler wie Richard Florida neulich auf Citylab.com fragte: »Warum schließen sich die 20 Städte nicht zusammen, statt sich von Amazon gegeneinander ausspielen zu lassen?«

    Das ist gleich in doppelter Hinsicht interessant: Richard Florida war mit der These von der gewinnbringenden »Kreativen Klasse« der Vordenker der Prozesse, mit denen jetzt viele Gentrifizierungsprozesse legitimiert werden. Mit seinen alten Gedanken lag er falsch. Mit seiner neuen These, dass sich Menschen, Aktivisten und widerständige Städte nicht gegeneinander ausspielen lassen sollten, dass sie also gemeinsam stark sind - damit dürfte er hingegen recht behalten.

    #Allemagne #Berlin #Google #gentrification


  • Rights group hits Amazon, Foxconn over China labor conditions
    https://www.reuters.com/article/amazon-china-labor/rights-group-hits-amazon-foxconn-over-china-labor-conditions-idUSL1N1TC06R

    A U.S. watchdog group criticized Amazon.com Inc and contract manufacturer Foxconn over what it described as harsh working conditions at a plant in China that makes the retail giant’s Echo Dot smart speaker and Kindle e-reader. The 94-page report by New York-based China Labor Watch cited excessive hours, low wages, inadequate training and an overreliance on “dispatch” or temporary workers in violation of Chinese law at the Hengyang Foxconn plant in Hunan province. Taiwan-based Foxconn, known (...)

    #Apple #Foxconn #Amazon #Echo #Amazon_Kindle #iPhone #travail #travailleurs


  • Uber bietet seinen Laien-Fahrern Versicherungsschutz
    http://www.taxi-times.com/uber-bietet-seinen-laien-fahrern-versicherungsschutz

    Es geht weiter. Ein Gesellschaftsmodell von Ubers Gnaden entsteht.

    Anscheinend ist Uber in Europa für potentielle Fahrer noch nicht attraktiv genug, denn hier haben alle zumindest im Prinzip eine Kranken und Rentenversicherung. Sollte das AXA/Uber-Modell einer Fahrer-Soziaversicherung funktionieren, werden viele Menschen, die durch die Maschen der staatlichen sozialen Sicherungssysteme fallen, sich auf die Substandard-Jobs bei Uber einlassen und froh sein, wenigstens über eine drittklassige Absicherung zu verfügen.

    Es zeichnet sich immer klarer ab, dass Amazon, Google, Uber & Co. keine klassischen Konzerne sind, die nur der Profitmaximierung dienen, und versuchen, diesen Sinn ihrer Existenz mit Lobbying zu unterstützen.

    Die Plattformkapitalisten dagegen sind Revolutionäre, Kämpfer die den Weg bereiten für die Umwandlung des letzten Stücks an öffentlichem Besitz zu Profit auf ihren Konten. Sie stänkern nicht gegen die Quatschbude Demokratie wie Nazis vor ’33, sondern entmachten sie Schritt für Schritt. Bekämpft wird alles, was für normale Menschen den Sinn von Demokratie ausmacht: Stabile Verhälnisse mit Freiheitsrechten und gutem Einkommen.

    Fürs Volk bleibt, wenn es nach ihnen geht, nichts vom Sozial- und nichts vom Rechtsstaat. Der wird ersetzt durch privates Schiedsgericht und Callcenter-Beschwerdestelle. Nach ihnen schützet der Staat nur noch das Eigentum, mit seiner Armee weltweite Wirtschaftsinteressen. Die Staaten selbst werden zu Untertanen privater Gremien und Schiedsgerichte.

    Wehret den Anfängen, denn der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

    24. Mai 2018 von Philipp Rohde Kommentar verfassen

    Uber verkündete zusammen mit der französichen Versicherungsgesellschaft Axa, den als „selbstständig“ geltenden Fahrern in Zukunft einen Unfall- und Krankenversicherungsschutz bieten zu wollen.

    Laut Pressemitteilung der Axa soll der ab dem 1. Juni erhältliche Schutz für die Fahrer in Europa angeblich kostenlos sein und Unfälle, Verletzugen, Krankheiten ebenso abdecken wie „Leistungen bei Elternschaft“. Dennoch sind offenbar Erweiterungen nötig, die die Axa dann verkauften möchte: Die beiden Unternehmen werden eine digitale Plattform aufbauen, in der der Versicherungsschutz „individuell angepasst“ und zum Beispiel um Verdienstausfall- oder Rentenversicherung „erweitert“ werden kann. Ob der als so selbstlos daherkommende „kostenlose“ Versicherungschutz tatsächlich hält, was er verspricht oder vergleichbar ist mit dem gesetzlichen Schutz eines Angestellten in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, erscheint nicht zuletzt ob der Erweiterungs-Optionen, die zum Kauf angeboten werden sollen, fraglich.

    Uber-Boss Dara Khosrowshahi verkündete dennoch auf einer „Tech for Good“ genannten Konferenz in Frankreich, bei der er auch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron traf, vollmundig und verschwurbelt: „Ich bin so begeistert, diesen bahnbrechenden Schutz zusammen mit einem vertrauenswürdigen Versicherer wie der Axa anzubieten, weil wir unseren Fahrern damit den von ihnen gewünschten Seelenfrieden geben, während sie die Flexibilität, die sie schätzen, behalten können.“

    #Uber #Disruption #Geselschaft #Politik


  • Ab 25.5. gilt die DSGVO: Datenhändler auf dem Prüfstand Max Schrems...
    https://diasp.eu/p/7138682

    Ab 25.5. gilt die DSGVO: Datenhändler auf dem Prüfstand

    Max Schrems will die Schufa verklagen

    Sobald in einem Monat die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gilt möchte der Jurist Max Schrems mit seiner Organisation noyb gegen die deutsche Schufa klagen. Denn er fragt sich, mit welchem Recht von rund 70 Millionen Deutschen Kreditinformationen aufbewahrt werden, ohne dass sie jemals etwas nicht bezahlt haben.

    Bisher waren Datenschutzverstöße ein „Klacks“ für die Beklagten, nun aber drohen bis zu 4% des Jahresumsatzes als mögliches Bußgeld. Das würde gerade auch den Großen, wie Google, Apple und Amazon weh tun.

    Welche Daten darf Apple von mir verlangen, nur weil ich sein iPhone gekauft habe? Darf Google mich zwingen ein Google Konto anzulegen, weil ich ein Android Telefon nutzen möchte? (...)


  • Das Montags-Abschieds-Bild - DaybyDay ISSN 1860-2967
    http://daybyday.press/article6255.html


    Die kleinen Händler geben auf, weil es sich nicht mehr lohnt und weil sie alt geworden sind. Da kommt auch nichts nach, denn heute geht nichts mehr ohne Ebay, Amazon oder große Handelsketten - oder?

    Die letzte Zigarette am Abend des letzten Geschäftstages...
    ... danach wird das Geschäft - in der Kaiser-Friedrich-Str. 17A in Berlin-Charlottenburg - für immer geschlossen.

    Mal sehen, was wir in den nächsten Jahren entdecken werden - vermutlich wird es nicht mehr genügen, einfach durch die Stadt zu streifen.

    Wie bei Nachclubs wird eine online-Community, oft wiederum bei großen Kommunikationsplattformen, den so genannten sozialen Netzwerken, sich untereinander über Einkaufsmöglichkeiten verständigen. Crowdfunding wird Projekte anschieben und der kleine Händler wird nicht mehr allein in Charlottenburg sein, sondern genauso in Haight-Ashbury, Saint-Gilles oder in der Josefstadt. Auf Reisen wird das vorab Georderte eingesammelt, solange es klein genug ist, um im Handgepäck-Rollkoffer Platz zu finden, Größeres wird zugstellt. Standardartikel kommen vom Chain-Store.

    #Berlin #Charlottenburg #Kaiser-Friedrich-Straße #Handel


  • Ad Scammers Need Suckers, and Facebook Helps Find Them - Bloomberg
    https://www.bloomberg.com/news/features/2018-03-27/ad-scammers-need-suckers-and-facebook-helps-find-them

    They’d come to mingle with thousands of affiliate marketers—middlemen who buy online ad space in bulk, run their campaigns, and earn commissions for each sale they generate. Affiliates promote some legitimate businesses, such as Amazon.com Inc. and EBay Inc., but they’re also behind many of the shady and misleading ads that pollute Facebook, Instagram, Twitter, and the rest of the internet.
    Robert Gryn says users of his tracking software place about $400 million worth of ads a year on Facebook.
    Photographer: Angie Smith for Bloomberg Businessweek

    The top affiliates—virtually all of them young men—assemble a few times a year to learn the latest schemes and trade tips about gaming the rules set by social networks and search platforms. They think of themselves as kin to the surfers-slash-bank-robbers of the 1991 movie Point Break, just more materialistic, jetting from nightclub to Lamborghini race while staying a step ahead of the authorities. One San Diego crew took in $179 million before getting busted last year by the Federal Trade Commission for violating three laws governing online conduct.

    It was hard to believe that Facebook would cozy up to disreputable advertisers in mid-2017 as it was under intense scrutiny from lawmakers and the media over revelations that Russian trolls had used the platform to influence the 2016 presidential election. Officially, the Berlin conference was for aboveboard marketing, but the attendees I spoke to dropped that pretense after the mildest questioning. Some even walked around wearing hats that said “farmin’,” promoting a service that sells fake Facebook accounts.

    Granted anonymity, affiliates were happy to detail their tricks. They told me that Facebook had revolutionized scamming. The company built tools with its trove of user data that made it the go-to platform for big brands. Affiliates hijacked them. Facebook’s targeting algorithm is so powerful, they said, they don’t need to identify suckers themselves—Facebook does it automatically. And they boasted that Russia’s dezinformatsiya agents were using tactics their community had pioneered.

    Tiens, un exemple encore de pratiques qui commencent avec le commerce et migrent vers la surveillance politique.

    The basic process isn’t complicated. For example: A maker of bogus diet pills wants to sell them for $100 a month and doesn’t care how it’s done. The pill vendor approaches a broker, called an affiliate network, and offers to pay a $60 commission per sign-up. The network spreads the word to affiliates, who design ads and pay to place them on Facebook and other places in hopes of earning the commissions. The affiliate takes a risk, paying to run ads without knowing if they’ll work, but if even a small percentage of the people who see them become buyers, the profits can be huge.

    Affiliates once had to guess what kind of person might fall for their unsophisticated cons, targeting ads by age, geography, or interests. Now Facebook does that work for them. The social network tracks who clicks on the ad and who buys the pills, then starts targeting others whom its algorithm thinks are likely to buy. Affiliates describe watching their ad campaigns lose money for a few days as Facebook gathers data through trial and error, then seeing the sales take off exponentially. “They go out and find the morons for me,” I was told by an affiliate who sells deceptively priced skin-care creams with fake endorsements from Chelsea Clinton.

    Gryn found the affiliates at a moment when they were discovering social media. They’d begun applying tricks on Facebook that had been invented by email spammers, who’d in turn borrowed the tactics of fax spammers in the 1980s and ’90s. New forms of media have always been hijacked by misleading advertising: 19th century American newspapers were funded in part by dishonest patent medicine ads. Within days of Abraham Lincoln’s inauguration, the makers of Bellingham’s Onguent were placing ads claiming the president had used their product to grow his trendy whiskers.

    #Facebook #Publicité #Arnaques


  • How Facebook Helps Shady Advertisers Pollute the Internet | Zeke Faux, Bloomberg, 27/03/2018
    https://www.bloomberg.com/news/features/2018-03-27/ad-scammers-need-suckers-and-facebook-helps-find-them

    It was a Davos for digital hucksters. One day last June, scammers from around the world gathered for a conference at a renovated 19th century train station in Berlin. All the most popular hustles were there: miracle diet pills, instant muscle builders, brain boosters, male enhancers. The “You Won an iPhone” companies had display booths, and the “Your Computer May Be Infected” folks sent salesmen. Russia was represented by the promoters of a black-mask face peel, and Canada made a showing with bot-infested dating sites.

    They’d come to mingle with thousands of affiliate marketers—middlemen who buy online ad space in bulk, run their campaigns, and earn commissions for each sale they generate. Affiliates promote some legitimate businesses, such as Amazon.com Inc. and EBay Inc., but they’re also behind many of the shady and misleading ads that pollute Facebook, Instagram, Twitter, and the rest of the internet.

    The top affiliates—virtually all of them young men—assemble a few times a year to learn the latest schemes and trade tips about gaming the rules set by social networks and search platforms. They think of themselves as kin to the surfers-slash-bank-robbers of the 1991 movie Point Break, just more materialistic, jetting from nightclub to Lamborghini race while staying a step ahead of the authorities. One San Diego crew took in $179 million before getting busted last year by the Federal Trade Commission for violating three laws governing online conduct.

    #Facebook #publicité


  • Rubikon - Magazin für die kritische Masse | Sklaverei 2.0
    https://www.rubikon.news/artikel/sklaverei-2-0

    Wir sollen 16 Stunden am Tag arbeiten und dabei im Elend leben.
    von Chris Hedges
    Foto: Suzanne Tucker/Shutterstock.com

    Sie sind eine Ikone von New York City – die gelben Taxis. Sie prägen das Stadtbild und spielen in zahllosen Filmen eine Rolle, nicht zuletzt in Martin Scorseses grandiosem „Taxidriver“. Chris Hedges knöpft sich in folgendem Artikel die New Yorker Taxiszene vor. Wie unter einem Brennglas zeigen sich hier die unmenschlichen Bedingungen, unter denen immer mehr Menschen heute arbeiten und leben müssen.

    Ein 65-jähriger Taxifahrer in New York City aus Queens, Nicanor Ochisor, hat sich am 16. März in seiner Garage erhängt. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, dass die Fahrdienstvermittler Uber und Lyft es ihm unmöglich gemacht hätten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das war der vierte Selbstmord eines New Yorker Taxifahrers in den letzten vier Monaten, darunter auch der des 61-jährigen Chauffeurs Douglas Schifter, der sich mit einer Schrotflinte vor dem Rathaus erschoss.

    „Wegen der überwältigenden Anzahl von Autos auf dem Markt samt ihrer verzweifelten Fahrer, die versuchen, ihre Familien zu ernähren“, schrieb Schifter, „werden die Fahrpreise unter die Betriebskosten gedrückt und professionelle Fahrer wie ich gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben. Die Bosse scheffeln Geld und wir werden auf die Straße gejagt, werden obdachlos und müssen hungern. Ich werde kein Sklave sein und für ´nen Appel und ´n Ei arbeiten. Da bin ich lieber tot.“ Er habe in den letzten 14 Jahren jede Woche 100 bis 120 Stunden gearbeitet.

    Neofeudale Sklaverei
    Schifter und Ochisor waren zwei der Millionen Opfer der neuen Ökonomie. Der Konzernkapitalismus ist dabei, in zahlreichen Beschäftigungsfeldern eine neofeudale Sklaverei zu errichten, in der es keine Arbeitnehmerrechte, keinen Mindestlohn, keine Zuschläge, keine Arbeitsplatzsicherheit gibt, in der nichts reguliert ist. Verzweifelte und verarmte Arbeiter, die dazu gezwungen sind, 16 Stunden am Stück zu arbeiten, werden brutal gegeneinander ausgespielt. Uber-Fahrer verdienen rund 13,25 Dollar in der Stunde. In Städten wie Detroit fällt der Stundenlohn auf 8,77 Dollar. Travis Kalanick, der frühere Geschäftsführer von Uber und einer seiner Gründer besitzt ein Nettovermögen von 4,8 Milliarden US-Dollar. Logan Green, der Chef von Lyft, hat ein Nettovermögen von 300 Millionen US-Dollar.

    Die Unternehmer-Eliten, die die Kontrolle über die entscheidenden Institutionen, inklusive der Regierung, übernommen und die Gewerkschaften zugrundegerichtet haben, stellen derzeit die unmenschlichen Arbeitsbedingungen wieder her, die das 19. und frühe 20. Jahrhundert geprägt haben. Als die Arbeiter von General Motors 1936 für 44 Tage streikten und die Fabriken besetzten, lebten viele von ihnen in Baracken ohne Heizung und Wasseranschluss; sie konnten wochenlang ohne Ausgleichszahlung entlassen werden, sie kamen nicht in den Genuss von Krankengeld oder Rentenzuzahlungen und wurden oft ohne Begründung gefeuert. Sobald sie ein Alter von 40 Jahren erreichten, konnte ihr Beschäftigungsverhältnis beendet werden. Der Durchschnittslohn betrug rund 900 Dollar im Jahr und das zu einer Zeit, als die Regierung festgelegt hatte, dass eine vierköpfige Familie mindestens 1600 Dollar für ein Leben über der Armutsgrenze brauchte.

    Die Manager von General Motors (GM) haben die Gewerkschaftsorganisatoren erbarmungslos verfolgt. 1934 gab das Unternehmen 839.000 Dollar für Detektive aus, um sie auszuspionieren und bei Gewerkschaftstreffen Agenten einzuschleusen. GM stellte die weiße Terroristengruppe Black Legion ein – der Polizeichef von Detroit stand unter dem Verdacht, eines ihrer Mitglieder zu sein, um die Gewerkschaftsaktivisten zu bedrohen, körperlich anzugreifen und Gewerkschaftsführer zu ermorden, darunter George Marchuk und John Bielak, die beide erschossen wurden.

    Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!
    Die Herrschaft der allmächtigen kapitalistischen Klasse ist mit voller Macht zurück. Die Arbeitsbedingungen heute sind wieder so miserabel wie in früheren Zeiten und sie werden sich nicht verbessern, ehe die Menschen nicht den Kampfgeist wiedererlangen und die Massenorganisationen wieder aufbauen, die den Kapitalisten die Macht entrungen hatten. In New York City gibt es ungefähr 13.000 Taxis mit Lizenz und 40.000 Fahrzeuge mit Chauffeur oder Limousinen. Die Fahrer sollten das Stadtzentrum lahm legen, so wie es die Bauern 2015 mit ihren Traktoren in Paris getan haben. Und die Fahrer in anderen Städten sollten es ihnen gleichtun. Das ist die einzige Sprache, die Konzernherren verstehen.

    Die herrschenden Kapitalisten werden genauso brutal sein wie in früheren Zeiten. Nichts erzürnt die Reichen mehr, als sich von einem Bruchteil ihres obszönen Reichtums zu trennen. Sie gehören zu den abstoßendsten Exemplaren der menschlichen Gattung - von Gier zerfressen, durch ein Leben in Hedonismus und Extravaganz stumpf geworden gegenüber menschlichem Leid, empathielos, der Selbstkritik oder Aufopferung unfähig, von Kriechern umgeben und von Nassauern, die ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen, imstande, sich mithilfe ihres Vermögens über die Gesetze hinwegzusetzen und Kritiker und Gegner zu zerstören.

    Man sollte sich von den gewieften PR-Kampagnen der Eliten nicht hinters Licht führen lassen oder von liebedienerischen Promis in den Konzernmedien, die den Oligarchen als Höflinge und Apologeten dienen – derzeit ist zu sehen, wie Mark Zuckerberg, dessen Nettovermögen 64,1 Milliarden US-Dollar beträgt, einen massiven Propagandafeldzug gegen die Vorwürfe führt, dass er und Facebook darauf abzielen, unsere persönlichen Informationen auszubeuten und zu verkaufen.

    Diese Leute sind der Feind.

    16 Stunden am Steuer
    Ochisor, ein rumänischer Immigrant, besaß ein New York City Taxi Zertifikat. (Zertifikate waren früher bei Taxifahrern heiß begehrt. Sie haben den Fahrern ermöglicht, ihre eigenen Taxis zu besitzen oder sie an andere Fahrer zu verleasen.) Ochisor fuhr die Nachtschicht, die zehn bis zwölf Stunden dauerte. Seine Frau übernahm die Tagschicht. Doch nachdem Uber und Lyft vor ungefähr drei Jahren die Stadt mit Autos und unterbezahlten Fahrern fluteten, verdiente das Paar kaum noch genug, um seine Ausgaben zu decken. Ochisors Haus stand kurz vor der Zwangsversteigerung.

    Sein Zertifikat, das einst 1,1 Millionen Dollar wert war, war auf einen Wert von 180.000 Dollar gesunken. Der dramatische Wertverlust des Zertifikats, das er einst für 3000 Dollar im Monat zu verleasen oder zu verkaufen hoffte, um seinen Ruhestand zu finanzieren, vernichtete seine wirtschaftliche Sicherheit. Er stand vor dem finanziellen Ruin, Armut erwartete ihn. Und damit war er nicht alleine.

    Die Architekten dieser neuen Ökonomie haben nicht die Absicht, diesen Anschlag zu verhindern. Sie wollen jeden zum Zeitarbeiter machen, ihn in den erniedrigenden Niedriglohn- und Dienstleistungssektor und in die Teilzeitfalle zwingen, ohne Arbeitsplatzsicherheit oder Zuschläge. Diese düstere Wirklichkeit vertuschen sie, indem sie dafür coole Etiketten erfinden wie die „Gig Economy“ (Ökonomie der Gelegenheitsjobs, A.d. Ü.)

    John McDonagh fing vor 40 Jahren als Taxifahrer in New York City an. Wie die meisten Fahrer arbeitete er für ein großes Taxiunternehmen. Er bekam einen Anteil dessen, was er jede Nacht einnahm.

    „[Damals] konnte man davon leben”, erzählte er mir. „Alle haben die Last zusammen getragen. Der Betrieb hat seinen Teil getragen, der Fahrer hat seinen Teil getragen. In einer guten Nacht verdiente das Unternehmen Geld. Wenn man eine schlechte Nacht hatte, verdienten beide wenig. Das ist nicht mehr der Fall. Jetzt müssen wir die [Taxis von den Betrieben] leasen.“

    Für das Leasing des Autos muss der Fahrer 120 Dollar am Tag bezahlen und 30 Dollar für das Benzin. Der Fahrer beginnt seine Schicht also mit 150 Dollar Schulden. Wegen Uber, Lyft und anderen Mitfahr-Apps ist der Verdienst der Fahrer in vielen Fällen auf die Hälfte geschrumpft. Es kommt vor, dass Taxifahrer nach ihrer 12-Stunden-Schicht Schulden beim Betrieb haben. Sie stehen vor dem Bankrott, vor Zwangsversteigerungen und Zwangsräumungen. Manche von ihnen sind obdachlos.

    „Die New York City Transportation and Limousine Commission wollte die Arbeitszeit der Taxifahrer auf 12 Stunden täglich begrenzen“, berichtete McDonagh und bezog sich dabei auf die typischen gelben Taxis, die eine Lizenz haben und Fahrgäste aus allen fünf Bezirken mitnehmen. „Sie protestierten und führten ins Feld, dass sie 16 Stunden arbeiten müssten, um davon leben zu können. Die neue Bestimmung hat überall zu Einschnitten geführt. Jeder kämpft um zusätzliche Fahrgäste.

    Man steht mit zwei oder drei anderen gelben Taxis an der Ampel. Wenn man jemanden mit Gepäck auf der Straße sieht, fährt man über rote Ampeln, um als erster bei dem potentiellen Fahrgast zu sein. Weil er ja vielleicht zum Flughafen will. Man setzt sein Leben aufs Spiel, man riskiert einen Strafzettel, man macht alles, was man früher niemals getan hätte.

    Wir haben keine Krankenversicherung. Wir sitzen 12 bis 16 Stunden am Steuer, da kriegt man Diabetes. Der Kreislauf leidet. Man nimmt zu. Und außerdem steht man unter dem zusätzlichen Stress, womöglich kein Geld zu verdienen.“

    Im Jahr 2016 beschäftigten Uber und Lyft 370 aktive Lobbyisten in 44 Staaten. Laut dem National Employment Law Project „stellten sie damit einige der größten Wirtschafts- und Technologieunternehmen in den Schatten. Gemeinsam verfügen Uber und Lyft über mehr Lobbyisten als Amazon, Microsoft und Walmart zusammen.“ Wie viele andere Lobbyfirmen stellen die beiden Unternehmen Leute aus früheren Regulierungsbehörden der Regierung ein.

    Der ehemalige Chef der New York City Taxi and Limousine Commission ist heute beispielsweise im Vorstand von Uber. Die Firmen haben ihr Geld und ihre Lobbyisten – die meisten von ihnen sind Mitglieder der Demokratischen Partei – dafür eingesetzt, sich von Regulierungen und Kontrolle zu befreien, denen die Taxibranche eigentlich untersteht. Die Firmen, die Mitfahr-Apps benutzen, haben in den letzten zwei Jahren New York City mit rund 100.000 Fahrzeugen ohne jegliche Beschränkung geflutet.

    Die gelben Taxis sind am Ende
    „Ein gelbes Taxi muss ein bestimmter Fahrzeugtyp sein“, so McDonagh. „Und zwar ein Nissan. [Nissan hat die Ausschreibung gewonnen, die Taxis der Stadt bereitstellen zu dürfen.] Jedes gelbe Taxi muss einen bestimmten Fahrpreis verlangen, den die Stadt reguliert. Man hat den Taxis diverse Zusatzabgaben auferlegt, Abgaben an die Metropolitan Transportation Authority (staatliches Verkehrsunternehmen des US-Bundesstaats New York, A. d. Ü.), Abgaben für Rollstühle [die Hälfte der gelben Taxis müssen bis 2020 barrierefrei sein], eine Gebühr für Stoßzeiten.

    Dann kommt Uber daher. Ohne jegliche Auflagen. Sie können jeden Fahrzeugtyp aussuchen. Egal welcher Farbe. Sie dürfen Preise senken, wenn wenig los ist. Und wenn viel los ist, dürfen sie die Preise erhöhen. Auf den doppelten oder dreifachen Satz. Dagegen muss das gelbe Taxi zur gleichen Zeit zum immer gleichen Fahrpreis zur Stelle sein. Von Manhattan zum Kennedy Flughafen kostet es 52 Dollar. Ganz gleich wie viel Verkehr, ganz gleich wie viele Stunden die Fahrt dahin dauert. Uber dagegen erhöht einfach den Preis auf das Doppelte oder Dreifache. Bei ihnen muss man dann vielleicht 100 Dollar für die Fahrt zum Kennedy Flughafen bezahlen.

    Während also die Branche der gelben Taxis durch die Regularien fast erdrosselt wird, kommt Uber daher mit neuer Technologie, die ihnen dabei hilft, neue Methoden zum Geldverdienen zu entwickeln... Die gelben Taxis sind am Ende.“

    Wettlauf nach unten
    Das Leben der Uber- und Lyft-Fahrer ist genauso schwierig. Uber und Lyft locken Fahrer mit Boni ins Geschäft. Wenn die aber aufgezehrt sind, fallen die Fahrer in die gleiche wirtschaftliche Misere wie die Fahrer der gelben Taxis.

    „Uber least Autos”, so McDonagh, „Sie verfügen über Autohäuser. Sie werben so: ‚Wenn Sie einen Kredit zu schlechten Bedingungen haben, kommen Sie doch zu Uber. Wir beschaffen Ihnen das Geld oder den Kredit, damit Sie dieses Auto erstehen können.‘ Uber kann dabei nur gewinnen. Wenn Sie scheitern, verkaufen die das Auto einfach zurück ans Autohaus und bringen es für den nächsten Fahrer wieder auf Vordermann. Das ist die Masche.

    Als Fahrer eines gelben Taxis erlebt man den berühmten ‚Wettlauf nach unten‘. Man arbeitet immer länger und bekommt dafür immer weniger Lohn. Das ist die neue ‚Gig Economy‘. Man fährt mit Uber zum Airbnb, und bestellt dann übers Handy bei Amazon etwas zu essen. Die Geschäfte sind alle verschwunden. Von der Kassiererin zum Taxifahrer, alle diese Jobs gehen verloren. Ich komme mir vor wie ein Schmied oder ein Schriftsetzer bei einem Zeitungsverlag, wie ich hier so versuche zu erklären, wie die Taxibranche einst funktioniert hat. Wir werden überflüssig.

    Die Taxifahrer schlafen im Taxi. Sie fahren um zwei oder drei Uhr morgens zum Kennedy Flughafen raus, parken und schlafen dort, um ein paar Stunden später die Fluggäste der ersten Maschine aus Kalifornien zu fahren. Manche kommen mehrere Tage gar nicht nach Hause. Sie bleiben einfach auf der Straße. Die Zahl der Unfälle wird in die Höhe schnellen, weil die Fahrer übermüdet sind.“

    McDonagh meinte, dass Uber und Lyft reguliert werden müssen. Alle Wagen sollten einen Taxameter haben, um den Fahrern ein angemessenes Einkommen zu garantieren. Und die Fahrer sollten krankenversichert sein und Zuschläge bekommen. Doch nichts davon wird umgesetzt werden, warnte er, solange wir unter einem Regierungssystem leben, in dem unsere politischen Eliten von Wahlkampfspenden der Unternehmen abhängig sind und solange diejenigen, die die Industrie regulieren sollten, darauf setzen, bei diesen Unternehmen in der Zukunft einen Job zu bekommen.

    „Wir müssen die Zahl der Taxis beschränken, insbesondere hier in New York City”, sagte McDonagh. „Wenn wir das mit den gelben Taxis vor 50 Jahren so gehandhabt haben, warum sollte das mit Uber nicht möglich sein? Sie stellen jede Woche 100 neue Wagen auf die Straßen von New York. Das ist doch irre. Heute beschweren sich die Leute vor allem darüber, dass das Uber-‚Fahrzeug zu schnell kommt.‘ Innerhalb von nur zwei oder drei Minuten. In der Zeit kann ich mich nicht mal anziehen. … Die fahren mit leerem Fahrzeug durch die City und warten nur auf diesen Treffer.

    Pferde haben es besser als Menschen
    Die Pferde im Central Park unterliegen Beschränkungen. Es gibt nur 150 von ihnen. Die Pferdehalter mit ihren Wagen können super davon leben. Stellen Sie sich jetzt mal vor, Uber käme daher und sagte: ‚Wir wollen Uber-Pferde auf den Markt bringen. Und zwar 100.000 davon.‘ Dann kann man ja mal sehen, wie der Markt damit fertig wird. Wir wissen, was dann passiert.

    Dann wird niemand mehr Geld verdienen. Der ganze Central Park wäre voll damit. Und niemand kann mehr einen Schritt dort gehen, weil man andauernd in eines der 100.000 Pferde rennt. Alle würden über diesen Wahnsinn den Kopf schütteln. Und niemand käme auf die Idee. Aber bei der Taxibranche, in der 50 Jahre lang höchstens 13.000 Taxis erlaubt waren, kann man ja ohne mit der Wimper zu zucken einfach mal 100.000 mehr zulassen, innerhalb von nur einem Jahr oder zwei Jahren. Schauen wir doch einfach mal, wie der Markt dann funktioniert! Wir wissen, wie der Markt funktioniert.

    Sie [die Pferde] haben kürzere Arbeitstage [als wir Taxifahrer]. Sie müssen weder bei heißen, noch bei kalten Temperaturen arbeiten. Wenn Sie an Reinkarnation glauben, sollten Sie als Pferd im Central Park wiederkommen. Die leben auch alle im Westen Manhattans. Wir aber leben in Kellern in Brooklyn und Queens. Wir haben unseren Status im Leben nicht erhöht, darauf können Sie Gift nehmen.“

    Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „The Gig-Economy ist the New Term for Serfdom". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

    Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

    #Taxi #USA #New_York #Uber


  • Protest ǀ Goldesel — der Freitag
    https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/goldesel

    Protest Das Geschäft boomt, aber wenn es um das Verteilen des Profits geht, bleiben Fahrradkuriere außen vor. Nun starten sie den Arbeitskampf

    Rebekka Gottl | Ausgabe 08/2018

    Abgenutzte Reifen, gerissene Ketten, durchgesessene Sättel, vor dem Gebäude in der Oranienburger Straße hat sich ein beträchtlicher Haufen Schrott angesammelt. Immer mehr Menschen in rosa- und türkisfarbenen Jacken werfen verschlissene Fahrradteile dazu. „Lass mich dein Sklave sein“, schallt aus den Musikboxen der Refrain eines Ärzte-Songs. „Sie wissen überhaupt nicht, wie es ist, hier draußen zu sein“, empört sich Joe auf Englisch per Megafon. Er ist mit dem Fahrrad gekommen, mit dem er der Kundschaft Gerichte vom Restaurant zur Wohnungstür liefert und blickt wütend nach oben zum Delivery-Hero-Schriftzug. Etwa 40 Kuriere, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt, haben sich hier vor der Berliner Zentrale des Lieferdienstnetzwerks versammelt, um gegen Lohn- und Arbeitsbedingungen beim Tochterunternehmen Foodora sowie des britischen Konkurrenten Deliveroo zu demonstrieren.

    Eine von ihnen ist Georgia Palmer. Die Pressesekretärin der FAU, der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, sitzt zwei Tage später in einem Café und zieht ein Resümee. Sie trägt feste Schuhe, einen Kapuzenpulli und wirkt, als könne sie wenig aus der Ruhe bringen. „Nach den gescheiterten Verhandlungen mit Foodora setzen wir den Arbeitskampf jetzt erst einmal mit Protesten und gewerkschaftlichen Aktionen fort, um konkrete Forderungen durchzusetzen“, sagt Palmer. Die 25-jährige Philosophiestudentin brauchte kurzfristig einen Minijob. Die Idee, für Foodora Essen vom Produzenten mit dem Rad zur Kundschaft zu liefern, kam durch eine Freundin. „Ökologisch gesehen ein super Konzept“, findet auch Geraldine, mit einem knapp dreijährigen Beschäftigungsverhältnis hält sie den berlinweiten Rekord. Viele werfen den Job nach einem Sommer hin. Im Winter gebe es keinen Raum zum Aufwärmen und Foodoras Arbeitsklamotten sind laut Palmer „von schlechter Qualität, oft nicht wasserdicht und hauptsächlich groß und pink und mit vielen Logos bedruckt“.

    Anders als die Arbeitskleidung werden die Fahrräder nicht von Foodora gestellt, sie müssen selbst angeschafft und instand gehalten werden. Zwar hat das Unternehmen tags zuvor per Pressemeldung verkündet, den Kurieren eine Gutschrift von 25 Cent pro gefahrener Stunde zu gewähren, die sie beim kooperierenden Fahrradservice LiveCycle einlösen können, zufriedenstellen ließen sich die Fahrer damit nicht. Angesichts eines Stundenlohns von neun Euro ist das zu wenig, um Reparaturkosten selbst zu tragen. „Im Büro muss ich mich auch nicht mit meinem Chef streiten, damit ich nicht meinen eigenen Bürostuhl mitbringen und selbst reparieren muss“, vergleicht Palmer. Foodoras Entgegenkommen liegt unter der geforderten Fahrtkostenpauschale von 35 Cent pro Kilometer.

    Mit Marx den Aufstieg von Trump & Co. verstehen: Nach Brexit, dem politischen Wandel in den USA und den Wahlerfolgen rechter Parteien fragt dieser Sammelband, wie weit das Bonapartismus-Konzept trägt, um die Wiederkehr von Autoritarismus und Nationalismus zu verstehen und diskutiert dies in historischer Rückschau...

    Unmut verbindet

    Die Übernahme der Reparaturkosten, eine Lohnerhöhung und eine effektivere Schichtplanung, das sind die Forderungen, die die FAU in den Verhandlungen mit Foodora geäußert hat. Unmut verbindet, er führte dazu, dass sich die Boten der beiden Lieferdienste über WhatsApp organisierten und austauschten. So wuchs die Gruppe derer, die ihre Arbeitserfahrungen und ihren Frust teilten. Die merkten, dass sie nicht alleine sind, sich nicht selbst optimieren müssen, sondern an ihren Arbeitsbedingungen ansetzen und mitbestimmen können. Die geringfügig Beschäftigten begannen, sich unabhängig von gewerkschaftlichen Strukturen solidarisch zusammenzuschließen. Die Kooperation mit der anarchosyndikalistischen, sprich selbstbestimmten, FAU sei ein „organischer Übergang“. Nötig, um auf eine kollektive Interessenvertretung zurückgreifen zu können. „In einer Basisgewerkschaft wie der FAU haben die Arbeiterinnen selbst in der Hand, was wie umgesetzt wird“, erklärt Palmer. Je weniger Vermittlungsebenen es gebe, desto flexibler könne reagiert werden. Ein Ansatz, der in der Gig-Economy effektiv ist. „Firmen wie Foodora, Deliveroo oder Amazon nutzen neue Technologien, um eigentlich ganz alte, ausbeuterische Arbeitsbedingungen wieder einzuführen.“ Palmer spielt auf die Digitalisierung des Arbeitsablaufs an. Mit dem Piepen des Handys wird den Boten die Adresse des Restaurants mitgeteilt, die des Kunden wird erst nach Übergabe des Essens sichtbar. Das Abarbeiten der von der App vorgegebenen Aufträge strukturiert den Ablauf, macht ihn berechenbar und durch die Datenspeicherung jederzeit nachverfolgbar. „Maschinell“ sei das, sagen die Kuriere. In die Datenverwertung haben sie keinen Einblick. Die daraus resultierenden Statistiken würden, insbesondere bei Deliveroo, das Gehalt beeinflussen und als Druckmittel verwendet. „Das Unternehmensrisiko wird auf die selbstständigen Arbeiterinnen verlagert, diese werden aber durch die App wie Angestellte des Unternehmens kontrolliert. Ein extrem problematisches, perfides Doppelspiel“, sagt Palmer.

    Warum tragen Joe, Geraldine, Georgia und viele andere Kuriere, die um den aufgehäuften Fahrradschrott stehen, Jacken und Thermoboxen mit Firmenlogo, auf ein Piepsen des Handys und damit den nächsten Auftrag wartend? Bei einem Arbeitsmodell, in dem alles auf Unabhängigkeit ausgelegt sei, sollte es doch einfach sein, dem Unternehmen den Rücken zu kehren. Das hört man oft, wenn es um Jobs in der Start-up-Branche geht. Vergessen wird dabei die Tatsache, dass etliche Boten auf diese Arbeit angewiesen sind. „Viele sind noch nicht lange in Deutschland, beherrschen die Sprache noch nicht so gut und sind von diesem Job abhängig.“ Arbeitnehmer, die ihre Rechte nicht kennen, sind dabei kein Einzelfall. Zudem würden sich einige so weit mit dem Konzept des Unternehmens identifizieren, dass sie einen Misserfolg des Unternehmens als eigenen Tiefschlag empfänden. „Klassenkampf von oben, geschickt verpackt“, bezeichnet Palmer Foodoras Strategie. Es sei auch keine Lösung, von Job zu Job zu gehen, fügt sie hinzu im Hinblick auf jene, die auf Mini- oder Midijob-Basis angestellt sind und sich nach kurzer Zeit nach etwas Neuem umsehen.

    Sie selbst will bald zwar nicht mehr aufs Rad steigen und sich die Thermobox auf den Rücken schnallen, bei der internationalen Kampagne #deliverunion möchte sie aber weiter mitwirken. Geld bringt ihr das Engagement nicht, ihr Einkommen von Foodora würde wegfallen.

    Zurück zur Festanstellung?

    Die FAU-Flaggen wehen nicht nur auf Demos der Deliverunion-Kampagne, sondern auch bei Kundgebungen unter dem Motto #makeamazonpay. Diese Protestform gegen Amazon ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Arbeiter verbünden, um gegen niedrige Löhne, algorithmusgesteuerte Abläufe und permanente digitale Überwachung zu kämpfen. Obwohl sich die Amazon-Mitarbeiter und die Fahrradkuriere mit ihren Forderungen auf das jeweilige Unternehmen beschränken, ziehen sie an einem Strang. „Wir machen keine Branchentarifpolitik“, so Palmer. „Wir arbeiten lokal, solidarisieren uns aber gegenseitig mit Arbeitnehmerinnen in ähnlichen Situationen und unterstützen uns über Städte- und Ländergrenzen hinweg.“ Sich austauschen, nicht gegeneinander ausspielen lassen, parallel streiken. Nicht ohne Stolz sagt sie das. „Sie wollen nicht, dass wir zusammenarbeiten. Dass wir uns gegenseitig helfen“, ruft Joe ins Megafon. Das „befreiende Moment, sich zusammenzutun, um aus der Abhängigkeit und Ohnmacht herauszukommen“, motiviere dazu, sich für die Idee eines Tarifvertrags starkzumachen.

    Zurück zur Festanstellung, geregeltem Lohn und festen Arbeitszeiten? Nein, lautet Georgia Palmers Antwort. „40-Stunden-Woche-Lohnsklaverei“ sei kein Konzept, zu dem sie zurückwolle. Die versprochene Selbstbestimmung, die mit flexiblen Arbeitsverträgen einhergehen müsste, solle eingefordert werden, um Entscheidungen im Kollektiv zu treffen und die eingefahrenen Profite gleich zu verteilen.

    Fahrwerk, ein Fahrradkurierkollektiv aus Berlin, operiert nach diesen Kriterien. 2009 gegründet, „um sich selbst bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen“, transportiert man Sendungen nach dem Credo „Schneller. Umweltfreundlich. Selbst organisiert“. Die Open-Source-App CoopCycle aus Frankreich könnte bald die Plattform liefern. Funktionieren soll sie wie die Software von Gig-Economy-Plattformen. Mit einer gegensätzlichen Strategie, Kollektive werden ermutigt, sich zusammenzuschließen, um sich mithilfe der durch Nutzungsbeiträge finanzierten App zu organisieren. Eine Idee, die wegführt vom Profitdenken. Ein utopischer Gedanke? Vielleicht. Zur Zeit wird mit den verschiedensten Arbeitsformen experimentiert, es wäre reine Stagnation, dieser kollektiven Form selbstbestimmter Arbeit nicht wenigstens eine Chance zu geben.

    Für die hungrigen Kunden ändert sich dadurch nicht viel. Außer das schlechte Gewissen, das einen bei dem Gedanken quälen mag, der schlecht bezahlte Bote rast durch die Stadt, um das bestellte Essen noch dampfend an der eigenen Wohnungstür abzuliefern.

    #Berlin #Gewerkschaft #Arbeitskampf #Disruption #Ausbeutung #Fahrrad


  • 20.03.2018: Hingehen und stören (Tageszeitung junge Welt)
    https://www.jungewelt.de/artikel/329378.hingehen-und-st%C3%B6ren.html

    Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) hat den Amazon-Gründer Jeff Bezos im Jahr 2014 zum schlimmsten Chef des Planeten gekürt – der Axel-Springer-Verlag will ihn am 24. April in Berlin für sein »visionäres Geschäftsmodell« auszeichnen. Am Samstag traf sich ein Kreis von linken und gewerkschaftlich aktiven Menschen, darunter auch Amazon-Beschäftigte, zur Vorbereitung von Protestaktionen gegen diese Preisverleihung.
    ...
    So liegen auf der möglichen Demonstrationsroute für den Tag der Preisverleihung auch der »Google-Campus« im Umspannwerk Kreuzberg und das Jobcenter des Bezirks. Letzteres, da Erwerbslosen Leistungskürzungen drohen, wenn sie nicht bereit sind, zu den Bedingungen von Amazon – häufig befristet – zu arbeiten.

    #disruption #syndicalisme


  • „Das Radio hat sein Monopol verloren“: Wie Sprachsteuerung und Audio-Formate den Medienmarkt revolutionieren › Meedia
    http://meedia.de/2018/01/29/das-radio-hat-sein-monopol-verloren-wie-sprachsteuerung-und-audio-formate-den

    Audio-Formate und Sprachassistenten befinden auf dem Vormarsch und werden auch 2018 eines der Trendthemen in der Medienbranche sein. Neben dem Smartphone machen so genannte Smart Speaker wie Amazons Echo oder Google Home das Feld der Audio-Inhalte für Redaktionen und Content-Produzenten interessanter. MEEDIA zeigt, welche Werkzeuge notwendig sind, um sich als Medienanbieter durchzusetzen.

    Von Marvin Schade

    In der Redaktion von T-Online in Berlin hat man unter Umständen nicht einmal auf dem stillen Örtchen seine Ruhe. Ein kurzer Sprachbefehl reicht aus und schon erklingt eine Stimme, die das Wetter für die Mittagspause vorträgt, die aktuelle Nachrichtenlage vorliest oder die eigene Lieblingsmusik auflegt. In den Redaktionsräumen in der Torstraße kann man der letzte Mitarbeiter im Büro sein und Selbstgespräche führen, eine hört immer mit: Alexa, die smarte Sprach-Assistentin von Amazon. Selbst in den Toiletten der Redaktion warten ihre Mikrofone darauf, die Wünsche der Belauschten zu erfüllen. Im Zweifel ließe sich mit ihr sogar Klopapier nachbestellen.

    Die überall in der Redaktion verbauten Mikrofone sind Teil eines Raumkonzeptes, mit dem T-Online den „modernsten Newsroom“ in Deutschland betreiben will. Ob Amazons Alexa, Google Home oder der bald in Deutschland verfügbare Home Pod von Apple: Sprachassistenten und deren Steuerung zählen auch in diesem Jahr zu den großen Trendthemen, auf die sich Medien einstellen, um ihren Konsumenten noch ein Stückchen näher kommen.

    „In zehn Jahren wird man mit Wehmut und Belustigung auf die Phase schauen, als in der digitalen Sphäre schriftliche Interaktion der Standard war“, hielt erst vor einigen Tage Spiegel-Online-Kolumnist und Digital-Philosoph Sascha Lob fest. Smart Speaker sind „Einstiegsdroge“ und zugleich „Brückentechnologie“, die das gesellschaftliche Leben verändern könnten, wie es zuletzt das iPhone getan hat. Kurz: Smart Speaker sind der neue heiße Scheiß.

    Verlässliche Angaben gibt es zwar nicht, Schätzungen zufolge verkauft aber allein Google seit Oktober vergangenen Jahres sekündlich mindestens einen Google-Home-Speaker, Amazon setzte allein im Weihnachtsgeschäft mindestens 20 Millionen Geräte mit Sprachassistenten-Funktion ab. Mit der Sprachsteuerung und entsprechenden Audio-Formaten sind durchaus Visionen verbunden. Ausgehend von wachsenden Datenvolumina auf mobilen Endgeräten, wird nicht nur Video- sondern auch Audiostreaming voraussichtlich zunehmen, Sprachassistenten werden nicht nur in der heimischen Küche beim Morgenkaffee die Nachrichten vorlesen, sondern auch während der Autofahrt zur Arbeit Befehle ausführen und für Unterhaltung sorgen.

    Geräte wie Amazons Echo-Modelle verfolgen in erster Linie natürlich eigene kommerzielle Ziele. Ein unbedachter Befehl reicht aus und in den Regalen des nächsten Logistiklagers wird bereits nach der neuen Waschmaschine gesucht, die Alexa eben bestellt hat. Um im Alltag des Nutzers eine hohe Akzeptanz zu erlangen, müssen die Geräte aber sehr viel mehr leisten als ein verlängerter Arm des E-Commerce zu sein. Deshalb konzipieren Hersteller ihre Smart Speaker als Plattformen, auf denen sich künftig viele Akteure aus Handel und Medien zusammenfinden und um die Aufmerksamkeit des Nutzers kämpfen werden.

    Für Medien bedeutet das, dass es eine weitere Plattform gibt, für die sie Inhalte aufbereiten können. Etabliert hat sich dafür der Begriff der „Homeless Media“. Losgelöst von der eigenen Homepage spielen Medienanbieter ihre Inhalte mittlerweile auf Plattformen wie Facebook Instant Articles oder Googles AMP aus, Fernsehsender machen ihre Mediatheken nicht mehr nur im Web verfügbar, sondern auch mit Hilfe von TV-Erweiterungen wie Google Chrome oder Amazon Fire TV, für Podcasts haben sich Plattformen wie iTunes, Soundcloud oder Spotify etabliert. Mit Audible ist derzeit ebenfalls wieder Amazon dabei, eine weitere Plattform zu schaffen. Die ARD hat gar eine eigene App entwickelt, die all ihre Audioformate bündelt. Und die Hör-Inhalte werden mehr angenommen denn je. Erstmals seit Jahren liegt die Nutzung laut ARD-/ZDF-Onlinestudie wieder fast gleichauf mit Video. Denn Audio ist jederzeit und überall verfügbar: beim Kochen, Joggen, im Auto. 13 Prozent der Nutzung entfallen auf Podcasts.
    “Audio ist der Text der mobilen Generation“

    Mit Smart Speakern kommen neue Endgeräte hinzu, die wieder eigene Anforderungen mitbringen. Sie locken Inhalte-Produzenten an, für die Audio-Inhalte bislang kaum beziehungsweise gar keine Rolle gespielt haben. „Das Radio hat sein Monopol verloren. Das Internet hat die Art und Weise verändert, wie wir Audio-Inhalte konsumieren“, sagt Marc Krüger. Er ist gelernter Radiojournalist und bislang einer der wenigen, die innerhalb der Branche zu einem Publisher gewechselt sind, um dort voranzutreiben, was er am besten kann: Als „Voice Redakteur“ soll er bei T-Online nicht nur über Sprachsteuerung schreiben, sondern Audio-Formate entwickeln und Inhalte produzieren. Im Team von Chefredakteur Florian Harms sind Audio-Inhalte ein neuer, aber wichtiger Bestandteil der Strategie zur publizistischen Aufwertung des Portals. Aktuell arbeite die Redaktion daran, erste „Leuchttürme“, wie Harms es nennt, zu bauen. Mit der audiovisuellen Aufbereitung des „Tagesanbruch“-Newsletters wolle man probieren und zeigen, was geht.

    Dass Audio-Inhalte in Zukunft eine dominierende Rolle in der Medienlandschaft einnehmen, glaubt nicht nur Sascha Lobo. “Audio ist der Text der mobilen Generation“, sagt Michael Bröcker. Seine Rheinische Post hat als eines der ersten regionalen Medienhäuser den Audiotrend erkannt Mitte 2017 richtig losgelegt.. Begonnen haben die Audio-Aktivitäten sogar ein Jahr früher, als die Redaktion begann, WhatsApp-Nachrichten nicht nur zu texten, sondern auch als Sprachnachrichten an die Nutzer zu verschicken. „Reden ist das neue Schreiben und Hören das neue Lesen“, lautet seine These. Auch deshalb gehe es darum, Inhalte für neue Audio-Plattformen möglichst schnell zu professionalisieren. Die Rheinische Post bietet mittlerweile sechs unterschiedliche Podcast-Formate an, mit denen sie eigenen Angaben zufolge mehr als 300.000 Zugriffe pro Monat verzeichnet. Den morgendlichen „Aufwacher“-Podcast vertreiben sie auch via Amazon Echo.

    Mit den neuen Playern wächst die Konkurrenz im ohnehin schon großen Wettbewerbsfeld. Radio- wie auch TV-Sender bringen bereits professionell produzierte audiovisuelle Inhalte mit, ohne zusätzlichen Aufwand zu betreiben. Vor allem im Umfeld der Kurznachrichten heben sich Marken wie „Tagesschau“ oder n-tv mit ihren prägnanten Senderstimmen auf der Alexa-Plattform vom Umfeld ab, das größtenteils auf die noch blecherne Alexa-Stimme setzt, ab.

    Auch wenn die RP in ihrem Echo-Skill (Skills sind so etwas wie programmierte Audio-„Apps“ für die Alexa-Plattform) News noch vom Computer vorlesen lässt, ist für Bröcker klar: “Kein Mensch braucht die vorgelesene Zeitung; das plumpe Vertonen von Nachrichten kann und wird nicht ausreichen.“ Der Hörer habe den Anspruch, informativ unterhalten zu werden, weshalb das Interesse an Podcasts sehr viel größer sei. Deshalb, glaubt Bröcker, ist der Markt trotz der Vielzahl an klassischen Anbietern noch nicht gesättigt. „Zeitungen haben sich über viele Jahre als Marken etabliert und treue Leser und Nutzer aufgebaut. Diese hören vielleicht klassisches Radio. Sie würden sich aber gerne auch Neuigkeiten von ihrer Lieblingszeitung anhören.”

    Sprachassistenten eröffnen freilich nicht nur für Nachrichtenmedien neue Möglichkeiten. Medienanbieter zielen darauf ab, zukünftig Ansprechpartner für zahlreiche Interaktionen zu werden. Während sich beispielsweise Programmies noch darauf beschränken, Alexa und Co. das TV-Programm aufsagen zu lassen, könnten Anbieter wie TV Spielfilm zukünftig auch für die Interaktion mit dem Endgerät verantwortlich sein. Erweiterungen wie Echo-Show, ein Alexa-Lautsprecher mit Bildschirm, geben den Inhalte-Produzenten die Möglichkeit, auch Video-Material zu zeigen.

    Um sich im Kampf um die Aufmerksamkeit aus der Masse hervorzuheben, ist das Herausarbeiten der eigenen Marke von großer Bedeutung. “Der Sprachsteuerung eine individuelle und unverkennbare Stimme zu geben, zählt derzeit zu den Hauptaufgaben – womöglich ist es sogar die wichtigste“, sagt T-Online-Mann Krüger. Während in Podcasts die Aufgabe von Moderatoren und Redakteuren übernommen werden kann, überlegt seine Redaktion – wie auch die Rheinische Post – für das Vertonen von Nachrichten eine eigene Stimme zu casten.
    Monetarisierung: „Einen komplizierten Prozess wollen wir vermeiden“

    Während die RP laut Bröcker zumindest ihren Aufwecker-Podcast mittlerweile sehr erfolgreich vermarkte, sind die Möglichkeiten der Monetarisierung insgesamt noch nicht weit gediehen. Seit die ARD-Werbetochter A&S begonnen hat, Podcasts in ihr Vermarktungsprogramm aufzunehmen, habe sich in der Branche aber schon einmal etwas bewegt, berichtet Krüger.

    Für Medienanbieter können übergreifende Vermarkter von Bedeutung sein. Die Einzelvermarktung gestaltet sich aufgrund nicht allzu hoher Reichweiten unter Umständen schwierig. Hinzu kommt, dass sich Podcast-Konkurrenten ohne Medienunternehmen im Hintergrund durchaus flexibler in der Produktpräsentation zeigen. Wenn Podcast-Moderatoren zugleich Werbeansager sind und unter Umständen noch die Vorzüge eines Produktes loben, ist das medienethisch zumindest diskussionswürdig. Medienanbieter verfahren hier selbst innerhalb der eigenen Formate durchaus unterschiedlich. Während Spiegel Online in seinem Politik-Podcast „Stimmenfang“ die Moderatorin ebenfalls die Werbung sprechen lässt, wird Sascha Lobos Debatten-Podcast bei SpOn von einer Werbestimme begleitet.

    Bei T-Online fange man derzeit an, sich mit dem Thema der Monetarisierung zu befassen, sagt Chefredakteur Harms. „Es soll natürlich erkennbar sein, dass es sich dabei um Werbekunden handelt, eine klare Kennzeichnung ist wichtig. Einen komplizierten Prozess, wie er beim Radio vorkommt, wollen wir aber vermeiden.“ Bröcker erklärt, bei der RP laufe vor allem die Vermarktung des morgendlichen Podcasts äußerst zufriedenstellend. Als Vorteil erweist sich derzeit, dass die Plattformbetreiber keine Einschränkungen in der Darstellung vornehmen und die Formate abspielen, wie sie angeboten werden. Also inklusive Werbung.

    Über Smart Speaker könnten bald weitere Monetarisierungsmöglichkeiten hinzukommen. Wenn Amazon selbst unter die Vermarkter geht und, wie ein CNBC-Bericht zuletzt andeutete, auch Werbung innerhalb der Skills plant, könnten die Betreiber entsprechend davon profitieren. Amazon hatte entsprechende Vorhaben zwar dementiert, der US-Sender beruft sich aber auf Insider.

    In der Monetarisierung hilfreich wäre auch mehr Transparenz, berichtet Krüger. Zwar stelle Amazon bereits Grunddaten wie Skill-Installationen und Abrufzahlen bereit. „Es ist aber nicht so, dass wir morgens eine Tabelle öffnen und alle Zahlen ausgewiesen bekommen.“ Angaben zur Verweildauer, Abruchsquoten, Abrufzeiten oder zur Wiederkehr, gebe es noch nicht. Er sei allerdings nicht pessimistisch: “Als Apple bei iTunes nach Jahren plötzlich mehr Daten zur Verfügung gestellt hat, ging ein Ruck durch die Podcastszene. Wenn andere Anbieter nun erkennen, dass dies die Inhalte auf ihrer Plattform besser macht, kann ich mir vorstellen, dass Amazon in Sachen Transparenz nachlegt.“

    Unterdessen befassen sich Redaktionen mittlerweile auch damit, wie smarte Geräte und Sprachsteuerung die eigene Arbeit erleichtern können. Die verbauten Alexa-Mikrofone bei T-Online mögen derzeit noch eher als Gag verstanden werden. Auch geht es sicher darum, sich selbst an die Nutzung zu gewöhnen, mit der Technik zu spielen und zu lernen. Innerhalb Harms‘ Redaktion hat Alexa aber bereits Aufgaben übernommen und erfüllt eine Berichtsfunktion. „Dazu zählt – wie für die Nutzer – die aktuelle Nachrichtenlage, Alexa kennt aber auch unsere Analytics-Daten und kann uns sagen, welche Themen am Vortag gut gelaufen sind und über welche Kanäle wir welche Reichweiten erzielt haben“, erklärt Harms.

    Das mag erst der Anfang sein. “Vorstellen kann ich mir eine ganze Menge. Vielleicht kommen wir irgendwann in die Situation, dass Alexa mit unserem CMS gekoppelt ist und Eilmeldungen für uns anlegt“, so eine Vision von Harms. „Natürlich auf Befehl eines Redakteurs.“

    #medias #radio