Plötzlich kann sie sich an Jahre ihrer Ehe nicht mehr erinnern : „Ich dachte, ich träume, dann kam die Panik“
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La perte de la mémoire jette les pes personnes concernées dans ume situation cstsstrophique parve que leur monde est déconnecté de la réalité desautres.
26.8.2026 von Carolin Rückl - Michi und Marc Schreiber haben einen schweren Autounfall, sie verliert ihr Gedächtnis. Wie macht man als Paar weiter, wenn sich nur einer an die schönen Momente erinnert?
Sie beide standen kurz davor, sich Ihren gemeinsamen Lebenstraum von einer Auffangstation für Wildtiere in Südafrika zu verwirklichen, dann hatten sie dort einen schweren Autounfall. Sie, Frau Schreiber, haben dabei ihr Gedächtnis verloren.
Michi Schreiber: Ich hatte eine globale Amnesie. Das heißt, dass mein Kurz- und mein Langzeitgedächtnis nicht funktionierten. Ich kann mich nicht an den Unfall und die Wochen danach erinnern und mir fehlen bis heute alle Erinnerungen an die zwei Jahre davor.
Wie war das für Sie, Herr Schreiber: in einem fremden Land, selbst verletzt, mit einer Frau, die sich an nichts erinnert?
Marc Schreiber: Ich war damals wie im Tunnel. Michi hat mich alle zehn Minuten gefragt, was passiert ist, warum ihr Gesicht wehtut und wo wir überhaupt sind. Die Ärzte sagten damals, das würde sich nach 24 bis 48 Stunden wieder geben.
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Seit 2019 ist das Paar verheiratet, die Feier fand in Thailand statt. © Marc und Michi Schreiber/Phoobes Wiseswong
Haben Sie sich deswegen keine Sorgen gemacht?
Marc Schreiber: Ich war beunruhigt, aber andere Dinge hatten Priorität. Michis Jochbein, Augenhöhle, Kiefer, Wangenknochen und Nase waren gebrochen, sie hat die Situation aber überhaupt nicht realisiert. Ich musste funktionieren, weil ich der Ansprechpartner für die Ärzte war und alle Entscheidungen allein treffen musste.
Zum Beispiel?
Marc Schreiber: Dass wir für die Behandlung zurück nach Deutschland fliegen können und wann Michi operiert wird. Sie war sehr schwach, aber ihre gebrochenen Gesichtsknochen drohten, auf den Sehnerv oder den Augapfel zu drücken. Hätten wir gewartet, bis sie stabiler ist, hätte sie erblinden können. Welche Tragweite diese Entscheidung hatte, habe ich erst Monate später realisiert.
Ihre Frau konnte nicht selbst über ihre Behandlung entscheiden, weil ihr Gedächtnis sich auch Tage nach dem Unfall nicht erholte. Wann ist Ihnen bewusst geworden, was das bedeutet?
Marc Schreiber: Als Michis Gedächtnis sich auch nach der Gesichts-OP nicht verbesserte, obwohl sie keine Blutungen, Schwellungen oder strukturellen Verletzungen im Gehirn hatte. Zu dem Zeitpunkt waren auch die Ärzte ratlos. Sie konnten nicht mehr sagen, als dass wir abwarten müssten, bis sich das Gehirn regeneriert.
Das klingt herausfordernd.
Marc Schreiber: Ich habe mich total hilflos gefühlt. Wir hatten keine Prognose, wann oder ob Michi überhaupt wieder alltagsfähig wird. Sie ist damals ins Bad gegangen und hat auf dem Weg vergessen, was sie dort wollte. Ich hatte Angst, dass sie zum Pflegefall wird, nie wieder arbeiten kann und, am allerwichtigsten, dass sie ihren Traum aufgeben muss, mit Affen zu arbeiten. Das wäre das Schlimmste für sie gewesen.
Frau Schreiber, was ist das Erste, an das Sie sich wieder erinnern?
Michi Schreiber: Ich werde frühmorgens zu Hause wach und mein Gesicht fühlt sich komisch an, als hätte ich falsch gelegen. Das war sechs Wochen nach dem Unfall.
Was ging Ihnen damals durch den Kopf?
Michi Schreiber: Ich dachte anfangs, ich träume. Dann kam die Panik. Ich hatte das Gefühl, nicht richtig atmen zu können und habe mich erstmal im Bad eingesperrt. Ich wusste, dass es stimmen musste, als ich im Spiegel meine gebrochene Nase sah. Aber ich konnte nicht begreifen, dass wir wirklich einen Unfall hatten und ich mich an nichts erinnere.
Wie war diese Situation für Sie, Herr Schreiber?
Nicht so einprägsam, weil ich dieses Gespräch schon so oft geführt hatte. Erst als Michi zum ersten Mal Dinge über Nacht und damit dauerhaft abspeichern konnte, hatte ich das Gefühl, es bewegt sich etwas. Das war für mich eine Riesenerleichterung. Für Michi fing damit aber die schwierigste Zeit erst an, weil sie ab dann mit ihren körperlichen und kognitiven Einschränkungen und der Gedächtnislücke konfrontiert war.
Frau Schreiber, können Sie beschreiben, wie es ist, sich nicht an sein eigenes Leben zu erinnern?
Michi Schreiber: Die groben Strukturen waren zum Glück noch dieselben wie vor den zwei Jahren, an die ich mich nicht erinnere. Ich war noch Autorin und Tierschützerin, Marc und unser Hund waren mir vertraut und ich kannte unsere Wohnung, weil wir dort schon einige Jahre wohnten. Aber viele Details waren anders: In meinem Büro standen neue Regale, in meinem Kleiderschrank fehlten meine Lieblingsteile und als ich morgens aus dem Fenster schaute, hatte unser Garten über Nacht Beete, eine hohe Hecke und einen neuen Zaun bekommen. Im Buchladen habe ich ein Buch mit meinem Namen darauf entdeckt, bevor Marc mich vorwarnen konnte. Ich hatte vergessen, dass ich es geschrieben hatte.
Wie war das für Sie?
Michi Schreiber: Am Anfang war ich überfordert und wollte mich einfach nur verstecken. Ich dachte, wenn ich für immer in meinem Büro bleibe, ist egal, welches Jahr gerade ist. Dazu kam, dass ich oft Kopfschmerzen hatte, sehr viel Schlaf brauchte und große Probleme hatte, mich zu konzentrieren. Ich habe mich sehr dumm gefühlt, weil ich nicht einmal einfache, kurze Bücher lesen konnte.
Vor dem Unfall haben Sie selbst Bücher geschrieben, in Oxford studiert, wollten promovieren.
Michi Schreiber: Ich war immer sehr leistungsstark und mochte das, weil es mir ermöglicht hat, viele Träume gleichzeitig zu leben: Ich konnte meinen Master in Primatologie machen, im Tierschutz arbeiten, schreiben. Nach dem Unfall war daran nicht zu denken. Ich hatte bei der neurologischen Reha eine 80-jährige Omi mit Schlaganfall am Tisch, die hatte bessere Ergebnisse im Reaktionstraining als ich. Normalerweise haben Menschen meines Alters Werte um 80 Prozent, ich lag bei unter einem Prozent.
Marc Schreiber: Wir spielen seit Jahren Rummikub. Normalerweise gewinne ich alle zehn bis 15 Spiele mal. In der Zeit habe ich so gut wie jedes Spiel gewonnen, weil Michi nicht mehr in der Lage war, die Steine und das Feld zu erfassen und mögliche Spielzüge zu sehen.
Was macht es mit dem Selbstwert, wenn Fähigkeiten wegbrechen, über die man sich definiert?
Michi Schreiber: Ich habe hart gearbeitet, um es bis nach Oxford zu schaffen. Nicht mehr die kognitiven Fähigkeiten zu haben, um diesen Weg weiterzugehen, war schwierig. Die Ärzte haben mir geraten, meine Selbstständigkeit aufzugeben und einen Behindertengrad zu beantragen, aber ich wollte auf keinen Fall in Teilzeit in irgendeiner Behörde landen. Also habe ich extra hart trainiert, um meine Träume nicht aufgeben zu müssen. Ich bin zum Beispiel regelmäßig mit Marc auf den Sportplatz gegangen. Er hat mir so lange Bälle zugeworfen, bis ich es wieder geschafft habe, sie zu fangen.
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Halten fest zusammen: Michi und Marc Schreiber.
© Marina.Fotografie, Marc und Michi Schreiber/Marina.Fotografie
Was hat Ihnen in dieser Zeit Halt gegeben?
Michi Schreiber: Marc und unser Hund waren mein Anker. Ich hatte außerdem das große Glück, dass meine Kreativität nicht beeinflusst war. Ich konnte mir Geschichten ausdenken, habe Kinderbücher und ein Buch über meine Oma geschrieben. Das ist das Wichtigste: Wenn eine Sache nicht funktioniert, etwas anderes zu finden, das noch klappt, um das Selbstwirksamkeitsgefühl nicht zu verlieren. Und am Anfang war auch meine Oma sehr wichtig für mich.
Warum?
Michi Schreiber: Sie war schon über 90 und dement. Für sie hatte der Unfall genauso wenig stattgefunden wie für mich, und zusammen konnten wir einfach sein, ohne zu wissen, was gestern oder morgen ist oder worüber wir schon geredet haben.
Zwischen Ihnen beiden ist das anders: Anders als Sie, Frau Schreiber, kann sich Ihr Mann erinnern, was Sie in den zwei Jahren besprochen und erlebt haben, die Ihnen fehlen. Belastet das Ihre Ehe?
Michi Schreiber: Am Anfang war es aber schwierig, die gemeinsamen Erfahrungen nicht mehr zu haben. Wir haben zum Beispiel vor dem Unfall auf Mauritius unser Ehegelübde erneuert. Der Brief, den ich Marc dort geschrieben habe, hat mich auch später noch berührt – aber weil ich ihn schön fand, und nicht, weil er mich an den Moment erinnert. Wenn ich heute Bilder von Mauritius anschaue, denke ich, wie schön es dort aussieht. Dabei hat es mir anscheinend überhaupt nicht gefallen. Ich hatte wohl eine Lebensmittelvergiftung, aber davon gibt es eben keine Fotos.
Herr Schreiber, um welche Erinnerung trauern Sie am meisten?
Marc Schreiber: Schwieriger als ein bestimmter Moment sind für mich diese kleinen Situationen im Alltag, wenn man ein schönes Gefühl aus der Vergangenheit teilen will. Zum Beispiel, wenn ich irgendwo einen Fuchs sehe, der mich an eine unserer Safaris erinnert. Ich musste lernen, diesem „Weißt du noch?“-Impuls nicht mehr nachzugeben, weil Michi solche Momente eher betroffen oder wütend machen.
Frau Schreiber, welche Momente hätten Sie gern zurück?
Michi Schreiber: Die letzten zwei bewussten Jahre mit meiner Oma, die nach dem Unfall gestorben ist. Und meine Abschlussfeier in Oxford. Ich habe mein ganzes Studium darauf hingefiebert, eine Absolventenkappe zu tragen, wie in „Twilight“. Diesen Moment bekomme ich nie wieder.
Gab es auch Erinnerungen, über deren Verlust Sie sich gefreut haben?
Michi Schreiber: Ja! In meinem Regal standen acht Bände von „Die sieben Schwestern“, in meinem Kopf existierten aber nur sechs. So konnte ich meine allerliebste Buchreihe noch mal zu Ende lesen. Krass war auch, an einem Tag zu erfahren, dass Donald Trump wieder US-Präsident ist, Israel im Krieg und Deutschland kurz vor Neuwahlen steht.
Herr Schreiber, wie haben Sie entschieden, was aus den verlorenen Jahren Sie mit Ihrer Frau teilen?Marc Schreiber: Angefangen habe ich mit allem, was für ihre Zukunft relevant ist: dass sie ihr Reiseunternehmen abgemeldet und eine Promotion angefangen hat, welche Freunde Kinder haben oder nicht mehr zusammen sind. Bei allem anderen habe ich Michi gefragt, was sie wissen will und was nicht.
Den Verlust dieser Freundschaft noch einmal selbst zu erfahren, war super traurig.
Michi Schreiber
Sie hätten Ihrer Frau eigentlich alles Mögliche erzählen können.
Marc Schreiber: Das sagt jeder! Aber einen größeren Vertrauensbruch gibt es doch nicht.
Was hätten Sie lieber verschwiegen?
Marc Schreiber: Zu einer Freundin hatte Michi kein gutes Verhältnis mehr. Das habe ich erzählt, aber Michi sollte selbst entscheiden, was sie damit anfängt.
Wie sind Sie damit umgegangen, Frau Schreiber?
Michi Schreiber: Ich konnte den Bruch nicht nachvollziehen. Deswegen habe ich versucht, die Freundschaft wieder aufleben zu lassen, auch wenn Marc das für keine gute Idee hielt. Für mich war es enorm wichtig, dass er mich das selbst entscheiden und auch negative Erfahrungen machen ließ. Den Verlust dieser Freundschaft noch einmal selbst zu erfahren, war zwar supertraurig, aber anders hätte ich die Trennung nicht verstanden und keinen Schlussstrich ziehen können.
Was macht es mit der Augenhöhe in einer Beziehung, wenn eine Person so viel Macht über die andere hat?
Michi Schreiber: Am Anfang habe ich mich manchmal wie ein kleines Kind gefühlt, weil ich so abhängig von Marc war, aber auch, weil er so besorgt um mich war. Wenn ich mal eine halbe Stunde länger mit dem Hund draußen war, musste er abwägen, ob ich mich verlaufen habe. Als ich wieder eigenständiger wurde, kam auch die Augenhöhe zurück. Ich glaube, das lag daran, dass ich nie das Gefühl hatte, dass er mich bevormundet.
Dann hat der Unfall Ihre Beziehung nicht verändert?
Marc Schreiber: Doch, er hat uns als Paar gestärkt. Wir haben beide die Erfahrung gemacht, dass wir uns, egal, was uns im Leben erwartet, auf den anderen verlassen können. Ich war ja nicht nur für Michi da, sie hat sich auch um mich gekümmert, als ich mich nach meiner Schulter-OP nicht allein waschen konnte und nach meiner Bandscheiben-OP neu laufen lernen musste.
Michi Schreiber: Mir ist klar geworden, dass ich mit Marc alt werden will. Wir haben jung gelernt, dass wir nie den Respekt füreinander verlieren, selbst wenn Erinnerungen fehlen oder wir beide Katheter haben. Zu wissen, dass wir auch dann unseren Humor nicht verlieren, war eigentlich die schönste Erkenntnis. Wir hatten immer Momente, in denen wir gelacht haben. Zum Beispiel, als wir beide frisch operiert zu Hause Rummikub gespielt haben, meine Spielsteine unter das Sofa gefallen sind und wir keine Chance hatten, ranzukommen, weil wir beide so eingeschränkt waren.
Hat sich verändert, was Sie sich vom gemeinsamen Leben wünschen?
Michi Schreiber: Ich hatte vorher fast ausschließlich berufliche Ziele. Seit dem Unfall sind viele private hinzugekommen, weil uns beiden klar geworden ist, wie kurz das Leben sein kann. In den nächsten fünf Jahren wollen Marc und ich eine Weltreise zu Orten machen, die man in einem kurzen Urlaub schlecht bereisen kann. Ich mache mir inzwischen viel mehr Gedanken darüber, was ich mit wem noch erleben will.
Was ist aus Ihrem gemeinsamen Traum von der Wildtierstation in Südafrika geworden?
Michi Schreiber: Wie nah wir diesem Traum waren, dass wir schon ein Grundstück gefunden hatten und kurz vor der Zusage der Behörden standen – daran konnte ich mich nach dem Unfall nicht erinnern. Aber ich träume davon, seit ich mit 18 zum ersten Mal in Südafrika war, und diese vage Idee war noch da. Inzwischen stehen wir wieder am selben Punkt wie vor dem Unfall. Wir haben Zeit und ich vielleicht auch gewisse Fähigkeiten verloren, aber nicht das Leben, das wir uns gewünscht haben.






