• Zeitzeugen aus Oldisleben und Umgebung » 9. November 2020.
    http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/11/03/9-november-2020-invasionsziel-ddr-der-klassiker-zu-terror-sabo

    „Invasionsziel DDR“ – der Klassiker(für Andersdenkende) zu Terror, Sabotage, psychologischer Kriegführung gegen die DDR. Autor Karl Heinz Roth, konkret-Verlag Hamburg, nach wie vor erhältlich. Heißer Krieg gegen die DDR in Mosambik – die BND-gestützte Terrororganisation RENAMO und deren Kindersoldaten…

    https://berlingeschichte.de/lesezei/blz01_01/text34.htm
    Die Zerstörungspläne für die DDR-Wirtschaft, DDR-Natur, DDR-Landwirtschaft, für die gewachsenen soziokulturellen Strukturen Ostdeutschlands schon komplett und detailliert in der Schublade
    …Das Buch stellt klar, daß die Bundesregierung im Herbst 1989 „nicht im geringsten von den ,Ereignissen‘ überrascht worden [ist], wie heute gemeinhin behauptet wird“ Es wirft zahlreiche Fragen auf, um die sich die bisherige Einigungsliteratur vorbeigemogelt hat: Wann und wie startete Bonn sein Destabilisierungs-und Übernahmeprogramm, waren Losungen der Montagsdemonstrationen wie „Wenn die DM nicht kommt, gehen wir zu ihr“ gesteuert, wie wurde der basisdemokratische Aufbruch (Runde Tische) ausmanövriert, welche Rolle spielten die „Berater“, die ab 20. März 1990 unter der de Maizière- Regierung das Zepter übernahmen, wie verfuhr man mit dem Ost-Entwurf eines Einigungsvertrages u. a. m. Antworten auf diese Fragen wird man erst nach Ablauf der 30jährigen Sperrfrist in den Bonner Archiven finden, dann nämlich, wenn „die Sieger der historisch-konkreten Forschung den Blick auf ihr eigenes archiviertes Herrschaftswissen über die Vernetzung von Planung, Entscheidungsfindung und Handeln bei der Einverleibung der DDR freigeben“. Wenn überhaupt, wird dies erst der übernächsten Historikergeneration möglich sein…http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/10/17/regime-change-in-der-ddr-und-die-rolle-westlicher-geheimdienst .
    Was in den billigen Propagandafilmchen des zwangsfinanzierten MDR über den Osten systematisch verschwiegen wird. Liegts an den Aufpassern der Geheimdienste in den Redaktionen, fragen sich viele MDR-Konsumenten. Kein Tag ohne Stasi-Bezug im MDR-Programm – doch nie über Nazi-Kriegsverbrecher Reinhard Gehlen und den von ihm gegründeten, geführten BND, dessen wichtige Rolle bei der DDR-Destabilisierung.

    Roth erläutert die Planungen, die die beiden wichtigsten westdeutschen Institutionen, die mit der Vorbereitung der Wiedervereinigung befasst waren und die direkt den jeweiligen Bundesregierungen zuarbeiteten – der »Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands« und die »Forschungsstelle für gesamtdeutsche wirtschaftliche und soziale Fragen« – von 1952 bis 1990 entwickelt haben.
    Anhand des verfügbaren Aktenbestandes dieser Einrichtungen zeigt der Autor, dass die Vereinigung 1990 nach Vorgaben vollzogen ist, die bereits in den 1950er Jahren vor allem von Wissenschaftlern ausgearbeitet worden waren, die zuvor ihre planerischen Fähigkeiten in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt hatten. Hochspannend und absolut empfehlenswert – uns ist kein vergleichbares Buch bekannt!


    …Rückblickend muss man sagen: Der Ausverkauf war gewollt. Dem Wählerwillen entsprach die Abwicklung der DDR-Wirtschaft nicht. Faktisch lief die Deindustrialisierung des sogenannten Beitrittsgebietes auf eine Fortsetzung des Kalten Krieges mit ökonomischen Mitteln hinaus. Die rechtskonservative Regierung Helmut Kohl ergriff die einzigartige Chance, das jahrzehntelang bekämpfte System im östlichen Teil Deutschlands mit Stumpf und Stiel zu beseitigen. Warten wir ab, was Zeithistoriker in zehn Jahren zu dieser These sagen.Alternativlos war das Verfahren ganz sicher nicht.

    „Sanieren vor Privatisieren“

    Am 12. Januar 1990 machte die Oppositionsgruppe Demokratie Jetzt am Runden Tisch den Vorschlag, das DDR-Volkseigentum in die Hände der verfassungsmäßigen Eigentümer zu überführen – durch die Ausgabe von Anteilsscheinen. Eine Art Privatisierung in maximaler Breite, die den basisdemokratischen Schwung der Wende hätte aufnehmen können. Und eine unerträgliche Vorstellung für die westlichen Kontrollfreaks.
    Die Idee wurde noch in den am 17. Mai verabschiedeten Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit aufgenommen. Als Möglichkeit. Doch das Treuhandgesetz – von der ersten frei gewählten Volkskammer am 17. Juni verabschiedet – verwarf diese Möglichkeit. Damals beobachteten PDS-Parlamentarier wie Christa Luft hinter den meisten Abgeordneten der Regierungsparteien mehrere Berater aus dem Westen, die den Betreuten dringend die Privatisierungsvariante empfahlen – unumgänglich im Interesse der Nation. Alternativlos…Berliner Zeitung 2020

    “Gute Nachricht”. Ausriß.

    GESTAPO-Folter unter Brasiliens Diktator Getulio Vargas. Die Bundesrepublik Deutschland und Brasiliens Judenhasser Getulio Vargas – unter CDU-Adenauer mit der Sonderstufe des Großkreuzes des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Der Fall des deutschen Juden Harry Berger, enger Freund der Jüdin Olga Benario. Getulio Vargas und Stefan Zweig. Von Lula beibehaltene Pflichtwahlen unter Vargas eingeführt. Willy Brandt und Brasilien:http://www.hart-brasilientexte.de/2010/04/19/gestapo-folter-unter-brasiliens-diktator-getulio-vargas-trager-d

    Ausriß.



    Vorschläge zu Widerstandsaktionen an die DDR-Bevölkerung:“Schmeißt Würfelzucker in den Benzintank, dann fährt ein Auto zum letzten Mal! Gebt per Telefon falsche Anordnungen für Parteien, Verwaltungen! Tut Sand ins Getriebe der Maschinen oder die Schmierfettbüchsen der Eisenbahn-Waggonräder! In die Gleisabzweigungen und Weichen klemmt Steine, und die seitlich der Schienen laufenden Signaldrähte kneift durch! In Briefkästen der Postanstalten, Verwaltungen, Ministerien schmeißt gelben Phosphor! Schiebt ungelöschte Kalksplitter in Strohdächer und wartet auf den nächsten Regen! Zieht mittels trockenem Bindfaden Kuhketten über die Elektrizitätsleitungen(liegenlassen!) Schlagt im Transformatorenhäuschen die unteren Behälterhähnchen ab, damit sie auslaufen und dadurch in den Fabriken der Strom ausfällt!…Mit Sprengstoff gefüllte Briketts in die Kohlenhaufen von Eisenbahn und Fabrikmaschinen werfen…“


    “Er erzählte offen, daß er 1947 in der SBZ Sprengstoffanschläge auf Züge durchgeführt habe”.


    “Gift gegen Sowjets”. (Vergiftung von Fleisch, das an sowjetische Militäreinheiten geliefert werden sollte”.

    “Sabotage in der Industrie”.


    “…in der Silvesternacht 1951 Brandsätze durch ein von außen aufgedrücktes Fenster in den Keller der Neuen Bühne(heute Maxim-Gorki-Theater…” “Es ist aber gesichert, daß KgU-Leute in den folgenden Monaten HO-Objekte mit Brandsätzen angriffen”.


    HO-Kiosk in der Berliner Strelitzer Straße:”Der Kiosk wurde durch ca. 10 l Benzin in Brand gesetzt”.


    “Ihr wurden von der CIA ökonomische Schäden in Millionenhöhe zugeschrieben, von den Imageschäden bei Aktionen gegen den DDR-Außenhandel ganz zu schweigen. Zudem war die Organisation in die westlichen Kriegsfallplanungen involviert…”


    In Wahrheit dürfte es sich um Milliardenschäden gehandelt haben – in manchen Nächten konnte man vor dem Mauerbau u.a. in Thüringen sehen, wie gleich eine ganze Serie von LPG-Ställen und Scheunen verschiedener Dörfer in Flammen aufging, womit Versorgungsprobleme bewirkt werden sollten. Wie Grenzpolizisten, Grenzsoldaten betonen, ist die offizielle Geschichtsschreibung über die Vorgänge an der Grenze zwischen 1945 und 1989 realitätsfremd und in großen Teilen unwahr.

    Leiter von Landwirtschaftsbetrieben und MTS von Thüringen bestätigten gegenüber der Website diese Anschläge und Brandstiftungen nach 1945. Wegen der Gefahr immer neuer Terrorattacken und Sabotageakte seien die LPG, MTS und volkseigenen Güter gezwungen gewesen, ein sehr aufwendiges, lückenloses System zur Bewachung von Traktoren und anderer Technik sowie von Ställen rund um die Uhr zu installieren. Selbst wenn Landwirtschaftsbetriebe nur wenige Rinderställe besessen hätten, habe man diese zwangsläufig bewachen müssen. An diesen Wachdiensten hätten sich sogar Dorfbewohnerinnen im Rentenalter beteiligt.

    Alles Lehrstoff wenigstens an ostdeutschen Schulen, etwa unter Ramelow/Holter in Thüringen? Oder ist das auch dort streng verboten?

    Die Teilnehmer des rassistischen Ausrottungskrieges gegen die Sowjetunion machten nach 1945 gleich weiter im Krieg gegen die Nazigegner der SBZ/DDR – von Gehlen und seinem enormen Naziverbrecher-Anhang bis hin zu den KgU-SS-Leuten – ein bemerkenswerter historischer Fakt.


    Der Rowohlt-Skandal:

    Ausriß.

    Ibraimo Alberto bei Kiepenheuer & Witsch:http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/10/03/ex-geheimdienstkoordinator-steinmeierspd-schwingt-am-3-oktober

    Max Annas bei Rowohlt: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/09/07/krimiautor-max-annas-aus-koeln-crime-cologne-award-2020-was-in


    Alles Lehrstoff wenigstens an ostdeutschen Schulen, etwa unter Ramelow/Holter in Thüringen? Oder ist das auch dort streng verboten?

    Ausriß. http://www.faz.net/aktuell/politik/amerikaner-bezahlten-anschlaege-in-der-ddr-13440897.html

    In der Dissertation von Enrico Heitzer fehlt ein Kapitel über die völkerrechtlichen Aspekte der sehr aktiven Terror-und Anschlagstätigkeit von CIA, Gehlen-BND und damit von westdeutscher und USA-Regierung gegen die SBZ/DDR. Zu vermuten ist, daß Heitzer im Falle von Erörterungen über diese gravierenden Verletzungen des Völkerrechts nie und nimmer seine Dissertation durchbekommen hätte, die er wohl ohnehin notgedrungen mit zahlreichen Ostklischee-Floskeln anzureichern hatte.

    “Die Arbeit wurde an der Philosophischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg als Dissertation angenommen und im Mai 2012 verteidigt”.

    Ausriß. http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/ddr-cia-finanzierte-sabotage-und-anschlaege-a-1019553.html
    Bemerkenswerte Wertvorstellungen der BRD-Führung – den Ostdeutschen – „Brüder und Schwestern“ – sollte es materiell und sozial so schlecht wie möglich gehen…

    Wie das MfS auf Terror und Sabotage des Westens reagierte – ausführlich beschrieben in Band 2 von edition ost: „Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS:


    Berichtet Ihr Lieblingsmedium auch darüber – oder herrscht dort scharfe Zensur?


    Das absolute Symbolfoto – Schmidt, Kinkel, Strauß:

    Ausriß: SPD-Ikone Helmut Schmidt, beteiligt am Nazikriegsverbrechen der Leningrad-Belagerung und dafür hochdekoriert, politisch verantwortlich für den heißen Krieg mit SS-Methoden gegen die DDR in Mosambik, mittels der u.a. vom BND finanzierten, bewaffneten, trainierten Terrororganisation Renamo. Klaus Kinkel, als BND-Chef federführend bei der massiven Renamo-Unterstützung auf westdeutsche Steuerzahlerkosten. Franz-Josef Strauß – besonders aktiver Renamo-Unterstützer.


    Heißer Krieg gegen die DDR in Mosambik:


    1.“1984 wurden in Mosambik acht DDR-Helfer ermordet, darunter auch Thüringer. Manfred Grunewald lässt die Erinnerung daran nicht los”. Die westdeutsche Thüringer Allgemeine(Funke-Medienkonzern Essen/NRW) bringt am 28. Dezember 2019 einen großen Beitrag zum Thema – doch die wichtigsten Basisfakten fehlen. Immerhin spielten der BND, Helmut Schmidt(SPD), Willy Brandt(SPD) eine sehr wichtige Rolle…(Mosambik-Dossier 1) Unter Ramelow und LINKE-Bildungsminister Holter alles Unterrichtsstoff an den Thüringer Schulen? http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2019/12/28/1984-wurden-in-mosambik-acht-ddr-helfer-ermordet-darunter-auch.


    Mosambik, Dorothea Gräfin Razumovsky, BND und Kindersoldaten. “Letzte Hoffnung am Kap” – Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart – explosive Informationen, zu denen Maas/SPD, Steinmeier/SPD etc. lieber schweigen…Die deutsch-deutsche Identitätsdiskussion und der Fall Mosambik. US-Protest 1983 bei Kanzleramtschef Waldemar Schreckenberger in Bonn – gegen die Aktivitäten des BND in Mosambik:”Auch sei es nicht hinnehmbar , daß in Bonn Politiker empfangen würden, die in den USA als faschistisch eingestuft seien.” http://www.hart-brasilientexte.de/2019/04/24/mosambik-dorothea-graefin-razumovsky-bnd-und-kindersoldaten-letz.


    2. Die ermordeten DDR-Entwicklungshelfer, darunter Thüringer, das Kriegsbündnis NATO, der BND, die Kindersoldaten. (Unter Ramelow und LINKE-Bildungsminister Holter alles Unterrichtsstoff an den Thüringer Schulen?)Mosambi-Dossier 2: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/03/mosambik-dossier-2-die-ermordeten-ddr-entwicklungshelfer-das-k.


    3. Westliche Rohstoffinteressen und der kalte/heiße Krieg. Gerd Bonk, ostdeutscher Geophysiker, Mosambik-Experte. “Deutsches Kapital am Kap”. Mosambik-Dossier 3: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/10/westliche-oelinteressen-und-der-kalteheisse-krieg-gert-bonk-os


    Das politisch brisante Dementi der CDU-Kohl-Regierung von 1984: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/18/mosambik-die-attentate-auf-ddr-entwicklungshelfer-das-politisc


    4. Mosambik und die bemerkenswerten Ungereimtheiten in der Berichterstattung deutscher Medien, darunter der zwangsfinanzierten ARD. Was ist Wahrheit, was Lüge? Wie der renommierte ostdeutsche Afrikaexperte Dr. Ulrich van der Heyden den Darstellungen von Staats-und Mainstream-Medien deutlich widerspricht – die kritisierten Medien indessen nicht den geringsten Versuch machen, Dr. van der Heyden zu widerlegen, zu dementieren. Mosambik-Dossier 4: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/23/mosambik-und-die-bemerkenswerten-ungereimtheiten-in-der-berich.


    5. “Das gescheiterte Experiment. Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR-Wirtschaft(1979-1990)”. Autor Dr. Ulrich van der Heyden widerlegt kuriose Lügen zur Mosambik-und DDR-Geschichte, prüft den Wahrheitsgehalt von offiziellen Versionen und Medien-Agitprop. Wie war das mit Rassismus, Neonazis, dem Rechtsextremisten-Mord an dem Mosambikaner Manuel Diogo in der DDR? Leipziger Universitätsverlag 2019, 725 Seiten. Mosambik-Dossier 5: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/27/das-gescheiterte-experiment-vertragsarbeiter-aus-mosambik-in-d


    6. Max Annas. “Morduntersuchungskommission”. rowohlt HUNDERT AUGEN. “Für Manuel Diogo(1963 – 1986)”. Ein neuer Krimi von 2019, der Mosambikaner Manuel Diogo in der DDR, kuriose Ungereimtheiten. Mosambik-Dossier 6: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/27/max-annas-morduntersuchungskommission-rowohlt-hundert-augen-fu


    7. Wie die DDR-Staatsführung im südlichen Afrika extrem hinterhältig ihr Unwesen trieb, sogar im Mielke-Auftrag DDR-Entwicklungshelfer durch DDR-Soldaten ermorden ließ.(?) Der Krimi “Funny Money. Geld und Macht” von Marinella Charlotte van ten Haarlen. Was alles fehlt. Der Thüringen-Krimi “Morduntersuchungskommission” des westdeutschen Autors Max Annas. Mosambik-Dossier 7: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/02/01/wie-die-ddr-staatsfuehrung-im-suedlichen-afrika-extrem-hinterh


    8. Das “Dossier Makwakwa” – Paulo Oliveira, einstiger Führer der Terrororganisation Renamo, packt aus. Viele interessante Details über die enge Kooperation mit NATO-Staaten wie Westdeutschland, mit dem BND, mit Südafrika. Mosambik-Dossier 8: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/02/15/das-dossier-makwakwa-paulo-oliveira-einstiger-fuehrer-der-terr


    9. “RENAMO – Terrorism in Mozambique”, von Alex Vines, Centre for Southern African Studies, University of York. Wie Westdeutschland und sein Geheimdienst BND den kalten/heißen Krieg u.a. gegen Ostdeutsche in Mosambik führten – sich dazu just einer extrem sadistischen Terrororganisation bedienten. Weiter warten auf Positionierung von Merkel, Schäuble. Steinmeier, Gauck, Ramelow etc…Mosambik-Dossier 9: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/02/28/renamo-terrorism-in-mozambique-von-alex-vines-centre-for-south


    10. “Von bundesdeutschem Boden den Terror in Mosambik geplant.” Frankfurter Rundschau, 4.10.1989, über die Terrororganisation Renamo. Die Opfer der tödlichen Terrorattacken: Viele DDR-Entwicklungshelfer, darunter aus Thüringen – über eine Million ermordete Mosambikaner, darunter ca. 600000 Kinder. Wer in Nazistan außer dem BND eng mit der Renamo kooperierte, sie stark unterstützte….Mosambik-Dossier 10: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/03/06/von-bundesdeutschem-boden-den-terror-in-mosambik-geplant-frank


    11. Markus Meckel(SPD), Almuth Berger, Dr. Hans-Joachim Döring, Günter Nooke u.a. im bizarren Mosambik-Sachbuch “Für Respekt und Anerkennung. Die mosambikanischen Vertragsarbeiter und das schwierige Erbe aus der DDR” – ein Leckerbissen für Politologen, Kommunikationswissenschaftler und Historiker (falls sie sich an eine Analyse trauen). Besonders aufschlußreich und erhellend der Vergleich mit dem Sachbuch “Das gescheiterte Experiment. Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR-Wirtschaft(1979-1990)” von Dr. Ulrich van der Heyden, Humboldt-Universität Berlin. SPD-Meckel und Willy Brandt – und FDP-Genscher. Mosambik-Dossier 11: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/04/01/markus-meckel-almuth-berger-dr-hans-joachim-doering-guenter-no


    MDR-Lebensretter am 6.2. 2020 – warum fehlen beim Thema Mosambik die wichtigsten, brisantesten Fakten, warum bringt der zwangsfinanzierte öffentlich-rechtliche Sender nicht die ganze Wahrheit? Jene nicht näher bezeichneten “Söldner”, “Rebellen”, die das Attentat auf die DDR-Entwicklungshelfer verüben, werden von NATO-Staaten wie der BRD, dem westdeutschen Geheimdienst BND finanziert, bewaffnet, trainiert, instruiert: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/02/06/mdr-lebensretter-am-6-2-2020-warum-fehlen-beim-thema-mosambik-.

    http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2019/02/16/afd-pegida-ostdeutsche-systemkritiker-als-schwerpunkt-deutsche


    Thüringen – die kuriose offizielle Erinnerungspolitik: Stets Gedenkveranstaltungen zum sowjetischen Speziallager bei Weimar – doch nie zum amerikanischen Speziallager für Nazi-Funktionäre und Kriegsgefangene in Gotha. Nicht einmal ein Gedenkstein…Alexander Kluge in Gotha – Tag der Einheit 2020. http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/09/21/thueringen-die-kuriose-offizielle-erinnerungspolitik-stets-ged

    “Undercover. Wie der BND die deutschen Medien steuert.” Erich Schmidt -Eenboom, Knaur-Verlag.
    “Bespitzelung
    BND setzte Nazi-Täter für “Operation Fadenkreuz” ein

    BND-Gründer Reinhard Gehlen ließ in den Fünfzigerjahren Hunderte Politiker, Wissenschaftler, Militärs und Journalisten bespitzeln – von einer Gruppe schwer belasteter Altnazis.” DER SPIEGEL, Okt. 2016
    “BND beschäftigte den Erfinder der Vergasungswagen.” DIE WELT 2011 zu den Wertvorstellungen des westdeutschen Geheimdienstes BND.
    „Ostdeutschland – die Geschichte einer Annexion“:
    http://www.hart-brasilientexte.de/2019/11/08/ostdeutschland-die-geschichte-einer-annexion-was-in-der-original .
    Terrorismus und Kalter Krieg – die gehätschelten Terroristen:
    http://www.hart-brasilientexte.de/2020/11/02/simone-barreto-silva-brasilianerin-aus-bahia-opfer-des-islamisti

    “Deutschland half Islamisten in Afghanistan…Damit wurde der Islamismus massiv gefördert.” Deutscher Nachrichtensender N24 bereits 2010 zur geheimen BRD-Unterstützung für islamistische Terroristen. Woran das deutsche Staatsfernsehen, der deutsche Staatsfunk, der gesamte straff gesteuerte deutsche Mainstream derzeit, 2016, angesichts der überall sichtbaren Resultate der Terroristenförderung nicht erinnern dürfen – und damit ohne jegliche Glaubwürdigkeit. Kabarett “Die Anstalt”: “Sie rüsten radikale Islamisten auf…Radikale Islamisten – gegen die Russen – toll!..Anführer in Afghanistan.,.Osama bin Laden…” Landtagswahlen 2016 und stockreaktionäre Islamisierungsparteien.

    Akten von 1980 belegen
    Deutschland half Islamisten in Afghanistan/N24 – 2010 http://www.hart-brasilientexte.de/2016/07/28/deutschland-half-islamisten-in-afghanistan-damit-wurde-der-islam

    Englische Geheimakten belegen, dass die USA und Deutschland in den 80er Jahren den Widerstand in Afghanistan gegen die Sowjetunion unterstützt haben. Damit wurde der Islamismus massiv gefördert.

    Westliche Mächte wie die USA und Deutschland haben laut jetzt erst freigegebenen britischen Akten Anfang der 80er Jahre den Widerstand in Afghanistan gegen die Sowjetunion unterstützt und damit die Ausbreitung des Islamismus am Hindukusch gefördert.
    Islamistischen Widerstand koordiniert

    Kurz nach dem sowjetischen Einmarsch im Dezember 1979 trafen sich am 15. Januar 1980 hochrangige Regierungsvertreter aus der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA in Paris, um ihre Reaktion auf die Invasion abzustimmen, wie aus Dokumenten hervorgeht, die das Nationale Archiv Großbritanniens nach dem Ablauf der 30-jährigen Sperrfrist freigab.

    An dem Treffen nahmen demnach der Nationale Sicherheitsberater der USA, Zbigniew Brzezinski, sowie der britische Kabinettssekretär Robert Armstrong teil. Armstrong informierte nach dem Treffen seine Regierung, dass die Teilnehmer zu dem Schluss gekommen seien, dass es “im Interesse des Westens” sei, den Widerstand in Afghanistan “zu ermutigen und zu unterstützen”. Er habe empfohlen, die Unterstützung der islamischen Widerstandskämpfer solle von “unseren Freunden” koordiniert werden.
    Kampf der Mudschahedin stärkte Islamisten

    Mit dieser Formulierung umschrieb er die westlichen Geheimdienste. Armstrong sagte den Akten zufolge, der Widerstand müsse unterstützt werden, solange es noch Afghanen gebe, die sich den Sowjettruppen entgegenstellten, und solange das Nachbarland Pakistan es akzeptiere, dass sein Gebiet von afghanischen Guerilla-Kämpfern als Stützpunkt genutzt werde. “Das wird den Sowjets die Befriedung Afghanistans erschweren”, so dass dieser Prozess mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, fügte Armstrong hinzu.

    Der Kampf der islamischen Mudschahedin in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzer hatte das Erstarken der Islamisten am Hindukusch befördert, mit denen die internationale Afghanistan-Truppe ISAF heute zu kämpfen hat. Diese Entwicklung trug auch dazu bei, dass das Terrornetzwerk El Kaida in Afghanistan Fuß fassen konnte. Alle Länder, die an dem Treffen 1980 teilnahmen, haben heute Soldaten in Afghanistan stationiert. 2010 war bislang das tödlichste Jahr für die ausländischen Truppen seit ihrem Einmarsch Ende 2001: Seit Jahresbeginn starben mehr als 700 ausländische Soldaten.N24

    Die Taliban, andere islamistische Terrororganisationen, verübten, finanziert u.a. von den deutschen Steuerzahlern, grauenhafte Kriegsverbrechen an der afghanischen Zivilbevölkerung – bemerkenswert, daß sich sog. deutsche Menschenrechtsorganisationen für die politisch Verantwortlichen dieser per BRD-Hilfe erst ermöglichten Kriegsverbrechen einfach nicht interessieren wollen.

    Neue Zürcher Zeitung, 11. Oktober 1995:”Jede Grausamkeit wird mit dem Islam gerechtfertigt. Durch den gnadenlosen Machtkampf unter den siegreichen Mujahedin,die 1992 das kommunistische Najibullah-Regime verjagt hatten, ist die afghanische Hauptstadt Kabul stärker verwüstet worden als während des langjährigen Guerillakrieges gegen die sowjetischen Invasionstruppen und ihre lokalen Alliierten. Islamische Fundamentalisten terrorisieren willkürlich die noch verbliebene Zivilbevölkerung…Selbst unter sowjetischer Besatzung, angesichts ihrer militärischen Präsenz, lebte und pulsierte die Stadt…Mit den Frauen ging die islamische Revolution besonders grausam um. Nach der Machtübernahme der Muhajedin wurden Frauen, die keine islamische Kleidung trugen, im Fluss ertränkt. Tausende von Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt und verschleppt…Die neuen Herrscher leben Korruption und Verbrechen vor.” Zitat NZZ – bisher keinerlei Wiedergutmachung an Frauen, Mädchen, die Opfer der Mujahedin wurden, welche nur durch die starke Unterstützung durch USA-NATO an die Macht kommen konnten.

    http://www.hart-brasilientexte.de/2016/07/27/das-zweite-halbjahr-2016-wird-zu-einem-fiasko-fuer-den-mainstrea

    http://www.hart-brasilientexte.de/2016/07/21/die-nato-unterstuetzung-fuer-islamische-terroristen-in-afghanist
    Leipzig-Demo am 7.11. 2020 und Corona-Diktatur. “Frieden, Freiheit – keine Diktatur!”(Sprechchöre) “Wir sind das Volk!” “Freiheit, Freiheit!” “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit raubt!” http://www.hart-brasilientexte.de/2020/11/07/leipzig-demo-am-7-11-2020-und-corona-diktatur. Ramelows Polizei(TH) auf dem Augustusplatz massiv präsent…


    ostwelle. DDR-Musik ohne Ende. Manfred Krug:”Twist in der Nacht”. “Es steht ein Haus in New Orleans”. Was in den Staatsradios nicht durch die Zensur kommt. In Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt darf ostdeutsche Musik in den Radios nur in Ausnahmefällen gespielt werden – kulturelle Kolonisierung total: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/03/28/ostwelle-ddr-musik-ohne-ende

    “Der Bundesnachrichtendienst ist krakenhaft in alle Bereiche der Gesellschaft eingedrungen”. Erich Schmidt-Eenbohm. Und der Kyffhäuserkreis?

    “Der BND – die unheimliche Macht im Staate”. Econ-Verlag. Schlüsselrolle beim Regime Change in der DDR.

    Die westdeutsche Thüringer Allgemeine(Funke-Medienkonzern Essen/NRW) bringt alle paar Tage Geschichten über die Stasi, über Stasi-Agenten, Stasi-IM. Was indessen stutzig und sehr nachdenklich macht – Texte über BND-Agenten, BND-IM, CIA-Agenten beispielsweise in Thüringen zur DDR-Zeit und danach, mit Klarnamen und Beispielen von Bespitzelten – fehlen in der Thüringer Allgemeinen. Manche mutmaßen, das könnte an Berichterstattungsvorschriften liegen…
    Schmidt-Eenbohm:

    Wie der BND seine DDR-Agenten, DDR-IMs bezahlte…

    DDR-Diamant-Fahrräder aus Karl-Marx-Stadt.
    Was geschah am 6. Dezember 1984? Das Massaker von Unango/Mosambik, Zeitzeuge Manfred Grunewald/Thüringen, die BND-gestützte Terrororganisation RENAMO. Wie die NATO mit Hilfe der sowjetischen Gorbatschow-Führung den Wirtschaftskrieg gegen die DDR verschärfte, die Ostdeutschen deshalb weder an dringend benötigte Devisen noch Mosambik-Rohstoffe(Erdöl!) kamen, kostspielige Investitionen scheiterten – und die DDR dadurch heftige innenpolitisch-wirtschaftliche Probleme bekam.

    Wolfgang Grunewald aus Frauenprießnitz/Thüringen im deutschen Regierungssender Deutsche Welle 2020: https://www.dw.com/de/unango-das-attentat-das-die-ddr-entwicklungshilfe-in-mosambik-stoppte/a-55812328

    https://www.dw.com/pt-002/unango-o-ataque-que-parou-a-ajuda-da-rda-a-mo%C3%A7ambique/a-55741707

    https://www.dw.com/embed/480/av-55741628

    “Unango: O ataque que parou a ajuda da RDA a Moçambique.
    Moçambique foi o principal beneficiário da ajuda ao desenvolvimento da Alemanha Oriental. Mas um ataque a 6 de dezembro de 1984 em Unango, na província do Niassa, travou um dos maiores projetos agrícolas em África.” DW.

    Was natürlich alles fehlt:

    Wie war das mit dem Attentat von Unango?
    Mosambik-Dossier 1: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2019/12/28/1984-wurden-in-mosambik-acht-ddr-helfer-ermordet-darunter-auch.

    Ausriß.


    Mosambik-Dossier 2. Die ermordeten DDR-Entwicklungshelfer, das Kriegsbündnis NATO, der BND: http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/03/mosambik-dossier-2-die-ermordeten-ddr-entwicklungshelfer-das-k

    Hatten DDR-Bürgerrechtler wie Birthler, Meckel oder Eppelmann an die Adresse der BRD-Regierung gegen deren massive Hilfe für die Terrororganisation Renamo, gegen die Ermordung ostdeutscher Entwicklungshelfer protestiert?

    Denkmal für Unango-Attentatsopfer.
    Westliche Ölinteressen und der kalte/heiße Krieg. Gerd Bonk, ostdeutscher Geophysiker, Leiter der DDR-Projekte für die Erdöl/Erdgas-Erkundung in Mosambik. (Mosambik-Dossier 3): http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/2020/01/10/westliche-oelinteressen-und-der-kalteheisse-krieg-gert-bonk-os .

    Ausriß: https://zzf-potsdam.de/sites/default/files/mitarbeiter/hertle/2009_05_21_hhh_da_2009_3_476-496.pdf

    Warum die DDR so stark in Mosambik investierte – der Hintergrund:
    “Hinzu kam 1982 die Kürzung der sowjetischen Rohöllieferungen um zwei Millionen auf 17 Millionen Tonnen, gekoppelt mit einer weiteren Preissteigerung um 50 Prozent. Die DDR geriet nun in die dramatischste Außenwirtschaftskrise seit ihrem Bestehen.” Karl Heinz Roth, “Die westdeutschen Planungen zur Übernahme der DDR. 19952 – 1990?, edition berolina.

    “Für die Mineralölbezüge aus der Sowjetunion mußte sie das Zweifache des Weltmarktpreises bezahlen, so daß sie nicht mehr konkurrenzfähig war…Die BRD sollte erstens die Außenhandelsstrategie der DDR, die darauf abzielte, im Rahmen von Spezialisierungs-und Kooperationsabkommen Wettbewerbsbeschränkungen zu erreichen, blockieren. Und zweitens sollte die BRD selbst ihre eigene Deregulierungs-und Internationalisierungspolitik beschleunigen, um die DDR im Zusammenspiel mit der Europäischen Gemeinschaft zu destabilisieren…Man wollte also nicht mehr auf einen machtpolitisch herbeigeführten Tag X warten, um dann durchzustarten, sondern erst einmal diesen Tag X selbst durch einen Wirtschaftskrieg herbeizwingen.”


    –“Für die DDR bedeutete dies, daß sie für ein Faß Öl 1983 im Vergleich zum Anfang der siebziger Jahre das Achtzehnfache (in realen Preisen das Zehnfache) zu zahlen hatte.” DIE ZEIT 1986


    “1970 verlangte Russland von der DDR 13 Rubel pro Tonne Öl, 1980 waren es 71?. spartacist. https://zzf-potsdam.de/sites/default/files/mitarbeiter/hertle/2009_05_21_hhh_da_2009_3_476-496.pdf.


    MDR: …Die Reduzierung der Ölzufuhr durch die Erdölleitung “Freundschaft” stellte nicht nur eine Weiche in Richtung wirtschaftlicher Bankrott, sondern war auch eine der Ursachen für den ökologischen Kollaps in der DDR…

    Wikipedia:https://de.wikipedia.org/wiki/Juri_Wladimirowitsch_Andropow

    Faktisch musste sich Andropow in den wenigen Monaten, die ihm verblieben, auf – durchaus nicht unbedeutende – personelle Umbesetzungen beschränken. Zu den auf diese Weise von Andropow geförderten Persönlichkeiten, welche während seiner Amtszeit als Generalsekretär in Spitzenpositionen aufrückten und so zum Kreis von Andropows engeren Mitarbeitern gehörten, zählte peripher wegen seiner (allerdings bereits seit 1978 ausgeübten) Funktion als für Landwirtschaft zuständiger Sekretär des Zentralkomitees auch Gorbatschow, den Andropow – mehreren Quellen zufolge – zu seinem direkten Nachfolger aufbauen wollte. Wikipedia

    Gorbatschow-Einfluß auf die sowjetische Politik seit 1978:
    …Mitglied der Kreml-Führung wurde er nach dem überraschenden Tod seines Förderers F. Kulakow 1978. Gorbatschow wurde dessen Nachfolger als ZK-Sekretär für die Landwirtschaft. Zusätzlich wurde er 1979 Kandidat des Politbüros. Ein weiteres Jahr später nahm ihn das Politbüro im Oktober 1980 als Vollmitglied auf. Während seiner Tätigkeit im Politbüro lernte er Juri Andropow, den Chef des KGB, kennen, der ebenfalls aus Stawropol stammte und Gorbatschow in den kommenden Jahren in seiner Karriere im Parteiapparat unterstützte. Wikipedia. …1984 reiste er nach Großbritannien und sprach mit Premierministerin Margaret Thatcher. Diese war die erste Politikerin im Westen, die den neuartigen Politikstil Gorbatschows erkannte und ihn insbesondere dem misstrauischen US-Präsidenten Ronald Reagan empfahl: „I like Mr. Gorbachev. We can do business together“ (deutsch: „Ich mag Herrn Gorbatschow. Mit ihm können wir arbeiten“; 17. Dezember 1984 in einem Interview der BBC).[5]…

    Die Honecker-Führung war damals in der Zwickmühle – angesichts der immer beteuerten “unverbrüchlichen Freundschaft” zur Sowjetunion. Wie sollte man der Bevölkerung die Faktenlage verklickern? Zumindest die SED-Genossen erfuhren im Parteilehrjahr, wie die Breshnew-Gorbatschow-Führung der DDR-Wirtschaft brutal schadete. Zeitzeugen, die damals ökonomische Leitungsposten in Thüringen besetzten, berichteten gegenüber der Website, wie im Parteilehrjahr diskutiert wurde: Alte erfahrene Genossen hätten angesichts der DDR-weiten Gorbatschow-Euphorie bekundet, in Wahrheit sei Gorbatschow eine Gefahr und richte in der DDR-Wirtschaft enormen Schaden an. Generell sei im Parteilehrjahr vermittelt worden, daß Moskau der DDR schlechtere Konditionen, höhere Preise aufgezwungen habe, was strenge Rationierung/Kontingentierung in der DDR-Wirtschaft notwendig mache. Wegen Gorbatschows Kurs sei auf einmal nahezu alles knapper in der Wirtschaft – vom Treibstoff bis zum Papier. Dies führe zu einer schlechteren Versorgung der Bevölkerung, bewirke wachsende Unzufriedenheit. In den Betrieben stocke die Produktion, brächen Lieferketten zusammen, weil Zulieferungen wegen fehlenden LKW-Treibstoffs ausblieben. Masttiere konnten nicht bedarfsgerecht in die Schlachthäuser transportiert werden, Futtermittel nicht in die LPG.
    Im gleichen Moment prasselte über die West-TV-und Radiokanäle auf die DDR-Bürger ein Propaganda-Trommelfeuer ohnegleichen nieder, demzufolge an den wirtschaftlichen Problemen allein die DDR-Führung schuld sei. Hoffnung komme einzig vom Obermodernisierer Gorbatschow, dessen Vorschläge für mehr wirtschaftliche Effizienz die Honecker-Führung indessen ablehne.

    An Nationalfeiertagen Rußlands – stets Erinnerungen an die Rolle von Gorbatschow, wie hier im Moskauer Sokolniki-Park: “12. Juni – Tag des Staatsverrats!!!
    “Der Agent des Feindes!”
    Medaille der USA “Für den Sieg über die UdSSR im Kalten Krieg”.


    »Dafür, den Gorbatschow-Kurs vom ersten Tage an durchschaut und sich ihm verweigert zu haben, gebührt Erich Honecker unser bleibender Dank«. Sahra Wagenknecht, laut jw.


    “Egon Krenz. Wir und die Russen.edition ost”.


    “Rückblickend denke ich manchmal, es grenzt an ein Wunder, dass die DDR angesichts dieser Bedingungen vierzig Jahre durchgehalten hat…Die Sowjetunion ist bekanntlich nicht durch eine Volksbewegung zerbrochen. Sie wurde von oben, von verschiedenen Fraktionen der Kommunistischen Partei, zerschlagen…Insider Walentin Falin…Wir haben über den Kopf der DDR alles ausgehandelt, wir haben dieses Land verraten…Der Milliardenkredit war lediglich eine vertrauensbildende Geste…Im übrigen lag der Betrag bis zum Schluss gleichsam auf der hohen Kante, er wurde nie abgerufen. 1990 hat die BRD die Summe auf Heller und Pfennig zurückbekommen…Heute weiß ich: Nicht nur ich habe mich in diesem Mann getäuscht…Für Gorbatschows Truppe schien die DDR ein reines Schacherobjekt zu sein, ein Gegenstand, den man für Deals mit den USA und mit der BRD einsetzte…Gelegentlich treffe ich Weggefährten von einst, die meinen, Gorbatschow von Anfang an durchschaut zu haben. Das kann ich von mir nicht behaupten…Die Bevölkerung der DDR spürte, daß wir Vorbehalte gegenüber der Politik Gorbatschows hatten, aber wir erklärten nicht, warum dies so war…Das Schweigen produzierte Vermutungen, Missverständnisse, Unterstellungen und Entstellungen unserer Politik…Am 15. Juni 1961, als Ulbricht auf einer Pressekonferenz den heute wieder und wieder repetierten Satz sagte`Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten, konnte er nicht wissen, was Wochen später in Moskau beschlossen und in Berlin geschehen würde. Dieses Zitat muss aber seither dazu herhalten, ihn als Lügner zu diffamieren…Honecker vermutete unverändert, dass der KPdSU-Generalsekretär ein falsches Spiel trieb…Auch ich durchschaute es nicht…”

    Ausriß.

    “Nur 27 Prozent der Deutschen zwischen Elbe und Oder/Neiße wollen, daß die DDR mit der BRD einen gemeinsamen Staat bildet. 71 Prozent hingegen meinen, daß die DDR ein souveräner Staat bleibensolle”. DER SPIEGEL, Dezember 1989. Offizielle Geschichtsschreibung(in Schulbüchern etc.) und störende Faktenlage. Wie von westlicher Seite kräftig “nachgeholfen” wurde… http://www.hart-brasilientexte.de/2019/11/13/nur-27-prozent-der-deutschen-zwischen-elbe-und-oderneisse-wollen

    Unter den vielen ostdeutschen Mosambik-Experten gibt es offenbar zwei Denkrichtungen:

    1. Ich gehe auf die 80, 90 zu, was soll mir da schon noch passieren. Also halte ich zur Gesamt-Faktenlage nicht länger den Mund, packe aus, positioniere mich.

    2. Ich gehe auf die 80, 90 zu, will bis zum Lebensende meine Ruhe, keinen Ärger mit dem System haben. Also halte ich zur Gesamt-Faktenlage weiter den Mund.

    Dem Vernehmen nach wurden auf ostdeutschen Mosambik-Fachtagungen die Erkenntnisse/Bücher von Schmidt-Eenbohm, Jürgen Roth, Paulo Oliveira etc. nicht einmal erwähnt, geschweige denn, debattiert.

    Der Grad der Einschüchterung von politisierten Ostdeutschen ist nach wie vor auffällig hoch – was das System entsprechend ausnutzt.


    Erik Neutsch – wichtigster gesellschaftskritischer sozialistischer Schriftsteller der DDR. Werke(Auswahl)
    In der DDR-Literatur wurden westlicher Terror und Sabotage gegen Ostdeutschland ausführlich thematisiert – in der sogenannten Wende-Literatur westdeutscher Verlage nach 1990 scheint die brisante Problematik komplett zu fehlen. Was ist da passiert – wurde von Lektoraten scharf zensiert? Oder war sogar vorauseilender Gehorsam ostdeutscher Autoren im Spiel, die verlegt werden wollten? Erik Neutsch(Spur der Steine etc.) zählt zu jenen DDR-Autoren, die am detailliertesten Terror und Sabotage auch um den 17. Juni 1953 analysierten. Die Neutsch-Romane sind nach wie vor Klassiker über DDR-Realität, auch für Späteinsteiger: Wie tickte die DDR, wie ging sie mit Widersprüchen, Problemen, gravierenden Fehlern der Führung um. Durfte man in der DDR schlecht über hohe, höchste Partei-und Staatsfunktionäre sprechen – sogar in der Literatur? Laut den offiziellen Denkvorschriften nach 1990 war das strikt verboten – bei Neutsch indessen – wichtigster systemkritischer sozialistischer Schriftsteller der DDR – stehts anders… https://www.tagesspiegel.de/berlin/30-jahre-mauerfall-wie-die-literatur-auf-die-wende-reagierte/25196334.html


    “Wenn bereits das der Sozialismus sein soll, dachte er, meiner ist es nicht.”(Erik Neutsch, Der Friede im Osten)

    http://www.zeitzeugen-oldisleben.de/wp-content/uploads/2020/10

    Was Adenauer an der Mauer zu hören bekam:


    Neutsch und Suizid von Kommunisten:

    Neutsch und die DDR als Experimentier-Republik:

    Neutsch und der KZ-Häftling:”…Er soff, trieb es auch fortwährend mit anderen Weibern…”

    Neutsch und 17. Juni 1953:

    “Inzwischen hatte man die Männer vom Nebentisch bereits überführt, die Eisenkeile in die Weichen der Werkbahn geklemmt und den Damm am Ostufer der Saale durchstochen zu haben”.


    “Die Brandstiftung in den Vieh-und Schlachthöfen der Hauptstadt, die Kokeleien in der Humboldt-Universität. Seit Monaten häuften sich wieder die Sabotageakte gegen die Republik, eindeutig, wie er aus internen Informationen wußte, von eigens dafür geschaffenen Agenturen des Westens gesteuert.”

    “Die Arbeiter waren im Recht und die Beschlüsse des Ministerrats falsch”.

    “Matti Matti. So dürft ihr die Arbeiter nicht belügen…Wenn wir irgendwann, irgendwann versagen, greifen wir zur Lüge, funktionieren eine Niederlage in einen Sieg um…”

    “Ja, wenn es galt, einen sich hier und da wieder einnistenden, menschenverachtenden Bürokratismus zu geißeln und vom Staat mehr Lebensnähe und Bürgerdienst zu fordern.”

    “Das war das Schlimmste, das Unerträgliche. Das Schweigen der anderen, ihr selbstangelegter Maulkorb, ihr Sichducken”.

    “Kam man in die Siebzig, hinterließen gewiß auch, bei dem einen mehr und dem anderen weniger, biologische Prozesse ihre Spuren im Menschen. Ulbricht, so wie er ihn erlebt hatte, schien davon noch ausgenommen. Lag es daran, daß er weder rauchte noch trank, regelmäßig Sport trieb, im Sommer schwamm und im Winter Ski fuhr…?

    “Was hierzulande nicht stimme, sei die Informationspolitik, und gewisse, für sie verantwortliche Genossen verhielten sich gegenüber dem Volke so, als befinde es sich geistig im Stadium des Vorschulalters”.

    “Wenn das sozialistische Ökonomie sein soll, dann macht sie den Sozialismus eines Tags ökonomisch kaputt”.

    “Ja, knirschte der Direktor, und weil wir genauso denken, deshalb halten wir die Beschlüsse vom grünen Tisch da oben für weltfremd und selbstmörderisch…”

    “Frißt nicht die Revolution schon ihre eigenen Kinder?”


    https://de.wikipedia.org/wiki/Erik_Neutsch

    Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 03. November 2020 um 12:30 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

    Tags: DDR und Bundeswehr-Flugblätter, DDR und Destabilisierung, DDR und heißer Krieg in Mosambik, DDR und Sabotage, DDR und Terror, invasionsziel DDR - Karl Heinz Roth - konkret-Verlag

    #Allemagne #histoire #DDR #anticommunisme #réunification

  • Die gekaufte Linke – wie eine Bewegung lernte, ungefährlich zu sein
    https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/die-gekaufte-linke-wie-eine-bewegung-lernte-ungefaehrlich-zu-sein

    Linke CSD Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

    L’idéologie américaniste a tromphé sur la gauche. Voici un aperçu des raisons et des méthodes employées pour désarmorcer la gauche anticapitaliste et efficace. L’auteur de l’article a oublié la déstruction de l’Allemagne socialiste et les méthodes pour y arriver. Ce qu’il décrit était impossible tant que la #RDA / #DDR investissaient d’importants moyens dans la recherche sur la société de classes. Le discours américaniste n’a gagné qu’une fois son adversaire principal éliminé.

    30.4.2026 von Julian Kairos - Sie nennt es Fortschritt – doch es war und ist Kapitulation. Während die Linke Identität und Sprache priorisierte, verschwand die Frage nach Besitz, Löhnen und Macht.

    Es gibt eine Geschichte, die die westliche Linke über sich selbst erzählt. Sie lautet: Wir haben uns weiterentwickelt. Wir haben verstanden, dass Unterdrückung viele Gesichter hat – nicht nur Klasse, sondern Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Identität. Wir sind komplexer geworden, sensibler, gerechter. Das ist Fortschritt.

    Diese Geschichte des angeblichen Fortschritts ist leider falsch. Nicht in jedem Detail, aber in ihrer Grundstruktur. Was als moderne Erweiterung erzählt wird, war in Wirklichkeit ein fataler Tausch: Die Linke hat die einzige Frage aufgegeben, die „Macht“ etwas kosten könnte – wem gehört was, und warum – und sich auf Fragen konzentriert, die „Macht“ nichts kosten. Das war kein Versehen. Es war ein Systemergebnis, das niemand planen musste, weil die Anreize es von selbst produzierten.

    Der Strukturbruch und seine Deutung

    Um zu verstehen, was passiert ist, muss man in die 1970er Jahre zurückgehen. Die Deindustrialisierung zerstört die materielle Basis klassischer Arbeiterpolitik. Gewerkschaften verlieren Mitglieder und politischen Einfluss. Thatcher und Reagan sind nicht Symptome dieses Wandels, sondern seine Architekten – die Zerschlagung der Bergarbeitergewerkschaft 1984 in Großbritannien, die Entlassung der Fluglotsen in den USA 1981 waren bewusste Klasseninterventionen, Signale, dass der Nachkriegskompromiss aufgekündigt war.

    Die Linke verlor ihre materielle Basis nicht einfach. Sie wurde enteignet. Die entscheidende Frage ist, wie sie darauf reagierte. Eine mögliche Reaktion wäre gewesen: neue Organisationsformen entwickeln, die veränderte Klassenstruktur analysieren, die wachsende Dienstleistungsklasse gewerkschaftlich erschließen. Das geschah punktuell. Aber die dominante Reaktion war eine andere: Der Begriff der Klasse selbst geriet unter Verdacht.

    Die akademische Umcodierung

    In den Geistes- und Sozialwissenschaften vollzog sich ab den 1980ern eine Verschiebung, die für die intellektuelle Linke konstitutiv werden sollte. Foucault, Derrida, Butler boten etwas, was eine materialistische Analyse nicht leicht bieten konnte: die Möglichkeit, Macht als allgegenwärtiges diskursives Phänomen zu begreifen, das sich nicht auf Eigentumsverhältnisse reduzieren ließ. Klassenpolitik wurde als “Reduktionismus” markiert, als “Ökonomismus”, als “blind für Intersektionalität”.

    Diese Kritiken sind nicht vollständig falsch. Tatsächlich hat ein enger, deterministischer Klassenmarxismus reale blinde Flecken. Aber die Konsequenz, die gezogen wurde, ist analytisch verheerend: Man warf nicht die simplen Versionen des Klassenbegriffs über Bord, sondern den Klassenbegriff als Ganzes. Das Ergebnis war eine Linke, die Unterdrückung in immer feinere Kategorien differenzieren konnte – aber den strukturellen Mechanismus der Umverteilung nach oben nicht mehr benennen wollte (oder konnte).

    Warum “kontaminiert”?

    Klassenpolitik wurde nicht nur als analytisch überholt markiert – sie wurde moralisch als „kontaminiert“ verdächtigt. Das geschah über eine rhetorische Verknüpfung, die so effektiv ist, weil sie empirisch nicht vollständig falsch ist: Die Arbeiterbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war oft rassistisch, sexistisch, imperial. Diese reale Geschichte wurde nun aber nicht als Problem innerhalb der Klassenpolitik behandelt, das einer Lösung bedarf, sondern als strukturelles Merkmal – als ob Klassenpolitik wesenhaft diese Ausschlüsse produziere.

    Dazu kommt ein zweiter Mechanismus: In identitätspolitisch sozialisierten Milieus ist moralische Überlegenheit ein zentrales Gut. Wer Klasse priorisiert, muss sich vorhalten lassen, er vernachlässige Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit. Das ist eine soziale Kosten-Nutzen-Rechnung, die die meisten Akteure schnell lernen. In akademischen Kontexten, NGOs, Redaktionen, progressiven Parteistäben wird Klassenpolitik schlicht nicht gefördert. Wer sie betreibt, wirkt “retro”, im schlimmsten Fall verdächtig nah an populistischen Rechten.

    Die Elitenkompatibilität als Schlüssel

    Was diesen Prozess antrieb und stabilisierte, war ein Interesse, das im progressiven Milieu selbst selten benannt wird: Identitätspolitik ist für kapitalistische Eliten weitgehend kostenlos. Ein Unternehmen kann Diversity-Programme einführen, Genderbeauftragte einstellen, Queerflaggen hissen – und gleichzeitig Gewerkschaftsgründungen mit juristischen Mitteln bekämpfen, Löhne drücken, Steuervermeidung betreiben. Es gibt keinen strukturellen Widerspruch zwischen progressiver Identitätspolitik und kapitalistischer Akkumulation.

    Es gibt einen sehr deutlichen Widerspruch zwischen Klassenpolitik und kapitalistischer Akkumulation. Große Stiftungen haben identitätspolitische Programme großzügig gefördert. Das war kein konspirativer Masterplan, aber auch kein bloßer Zufall. Es war Klassenselbstbedienung von liberal-kapitalistischen Eliten, die eine Linke bevorzugen, die ihnen kulturell ähnlich ist und materiell nichts kostet. Man musste niemanden zwingen. Man musste nur fördern, was kompatibel war.

    Die institutionelle Selbstreproduktion

    Nach einer Weile braucht es keinen externen Förderer mehr. Universitätsstellen werden nach Kriterien vergeben, die Diskurskompatibilität belohnen. NGO-Karrieren hängen an Sprache und Framing. Progressive Medien selektieren Stimmen, die das Milieu ansprechen. Wer in diesen Strukturen sozialisiert wird, lernt – nicht durch Anweisung, sondern durch Beispiel – was sagbar ist und was nicht.

    Das Ergebnis ist eine Linke, die sich selbst für radikal hält, weil sie in Sprach- und Repräsentationsfragen kompromisslos ist – und die gleichzeitig die Verteilungsfrage systematisch vermeidet. Das ist kein Versagen im Sinne von Fehlern. Es ist ein Systemergebnis.

    Die pseudoreligiöse Struktur

    Was dabei entstand, ist keine säkulare politische Bewegung, sondern ein moraltheologisches System mit erkennbarer Struktur. Die Erbsündenlehre heißt jetzt “struktureller Rassismus” – Schuld ist kollektiv, unverdient, durch Geburt zugewiesen. Die Erweckung und das Bekenntnis heißen “privilege checking” – öffentliche Selbstkritik als Reinigungsritual. Der unfehlbare Text ist nicht mehr die Bibel, sondern ein akademischer Kanon, dessen Infragestellung als moralisches Versagen gilt, nicht als intellektuelle Herausforderung. Und die Exkommunikation funktioniert heute ohne Kirchengericht.

    Das ist keine Metapher. Das ist strukturelle Isomorphie mit dem puritanischen Protestantismus, gegen dessen Erbe diese Bewegung angeblich antritt. Die tiefste Ironie: Der lauteste Kampf gegen westlichen Kulturimperialismus wird mit den Mitteln seines dunkelsten Kapitels geführt – Kollektivschuld, Bekenntniszwang, Ketzerverfolgung. Was gerade weltweit als progressiver Universalismus exportiert wird, ist amerikanischer Moralprotestantismus in säkularem Gewand. Das ist kultureller Imperialismus der besonderen Art – durchgeführt von jenen, die am lautesten gegen Imperialismus rufen.

    Was das konkret bedeutet

    Die Konsequenzen sind nicht abstrakt. In öffentlichen Debatten über Jugendliche und soziale Medien etwa wird regelmäßig gefragt, welche Gruppen gefährdet oder problematisch sind – aber der Symmetrietest wird nicht angewendet. Strukturelle Fragen nach Bildungsarmut, Perspektivlosigkeit, sozialem Abstieg tauchen nicht auf. Das Problem wird als Diskursproblem behandelt, das eine Diskurslösung braucht. Dass es ein Strukturproblem sein könnte, liegt außerhalb des Analyserahmens – weil Strukturprobleme materielle Antworten verlangen, und materielle Antworten Macht kosten.

    Die, im materiellen Sinne, armen Schwarzen, arme Frauen, arme Migranten – genau jene, in deren Namen Identitätspolitik betrieben wird – profitieren am wenigsten von ihr. Was sie bräuchten, wären höhere Löhne, stabile Arbeit, bezahlbare Mieten. Was sie bekommen, sind sichtbarere Repräsentation in Vorständen und gendergerechte Sprache. Identitätspolitik hat die Emanzipation von ihrem materiellen Kern getrennt – ironischerweise ausgerechnet im Namen der materiell Benachteiligten.

    Europa: Chance und verpasste Gelegenheit

    Hier liegt eine historische Ironie besonderer Qualität. Europa hätte die intellektuellen Werkzeuge, um diesen Prozess zu benennen und ihm zu widerstehen. Die kontinentale Wissenschaftstradition ist epistemisch rigoroser: Theorien müssen sich selbst begrenzen, Übertreibung gilt als Warnsignal, Universalismen werden historisch kontextualisiert. Ein Argument, das jede Kritik als Beweis seiner eigenen Wahrheit umdeutet, wäre in dieser Tradition nicht als radikal, sondern als methodisch unseriös eingestuft worden.

    Bourdieu hat die Mechanismen der kulturellen Reproduktion präzise beschrieben. Habermas hat die Bedingungen rationaler Diskurse formuliert. Popper hat die Immunisierungsstrategie unfalsifizierbarer Theorien als wissenschaftliches Ausschlusskriterium definiert. Das europäische Denken des 20. Jahrhunderts hat – durch Religionskriege, totalitäre Erfahrungen, Aufklärung und Gegenaufklärung – gelernt, was geschlossene Systeme anrichten. Es hat Begriffe dafür entwickelt.

    Und dennoch: Europa importiert aktiv die amerikanische epistemische Schwäche, anstatt die eigene Stärke auszuspielen. Das geschieht nicht durch Zwang, sondern durch Statusimitation. Amerikanische Universitäten definieren akademisches Prestige. Wer in den richtigen Journals publiziert, welche Theorieschulen als fortschrittlich gelten, welche Sprache Fördergelder anzieht – das wird in einem transatlantischen Diskursraum bestimmt, in dem Amerika das Gravitationszentrum bildet. Das akademische Milieu, das die Werkzeuge zur Kritik besäße, ist gleichzeitig das Milieu, das dem amerikanischen Diskurs am stärksten folgt.

    Das ist strukturell gefährlicher als die amerikanische Situation selbst. Die USA puffern ihre epistemischen Schwächen durch institutionelle Plastizität, brutale Marktselektion und die strikte Trennung zwischen produktiven und symbolischen Wissensdomänen. Europa hat diese Puffer nicht in derselben Stärke. Es übernimmt den epistemischen Irrsinn ohne die kompensierenden Stärken.

    Die Chance wäre real: Europa könnte den aufklärerischen Universalismus nicht als historisches Erbe verwalten, sondern als lebendiges Argument einsetzen – gegen Kollektivschuld, gegen Bekenntniszwang, gegen die Ersetzung von Analyse durch Moral. Es könnte die Klassenfrage neu stellen, ohne in die Fehler eines dogmatischen Marxismus zurückzufallen. Es könnte zeigen, dass Universalismus nicht die Verleugnung von Unterschieden ist, sondern ihre einzige stabile politische Grundlage.

    Stattdessen wiederholt es den amerikanischen Fehler – mit Verzögerung, ohne die Reserven, und mit dem zusätzlichen Nachteil, ihn nicht einmal als eigenen zu erkennen.

    Das Paradox am Ende

    Heute werden Elemente klassischer Klassenpolitik – Industrieschutz, Lohnpolitik, Skepsis gegenüber der Globalisierung – gerade von jenen Kräften artikuliert, die das progressive Milieu am meisten verachtet. Und das progressive Milieu reagiert reflexhaft mit Delegitimierung. Was dabei verteidigt wird, sind nicht die Interessen der Arbeitenden. Es ist die eigene Diskurshoheit.

    Die Linke wurde nicht besiegt. Sie wurde umfunktioniert. Sie betreibt heute moralische Politik, die nichts kostet, und hält das für Fortschritt. Darum wirkt sie kaltgestellt und irrelevant in der Verteilungsfrage – und darum ist dieser Zustand für jene optimal, die von Verteilung am meisten profitieren.

    Klassenpolitik bedroht Macht. Identitätspolitik verwaltet Moral. Und Moral lässt sich kaufen.

    Julian Kairos

    Dr. Julian Kairos ist Arzt und Gesundheitsökonom mit klinischer und akademischer Erfahrung in der Hochschulmedizin. Er schreibt über Diskursasymmetrien, epistemische Standards und die Wechselwirkung zwischen institutionellen Anreizsystemen und technologischen Wissenssystemen. Seine Analysen stehen in der Tradition universalistischer Aufklärung und verantwortungsethischer Wissenschaftskritik. Er publiziert unter Pseudonym, um die Argumente von der Person zu trennen – ein Prinzip, das seine Texte einfordern und das er auf sich selbst anwendet.

    #idéologie #impérialisme #classes_sociales #rollback #sciences_sociales

    • 1. Mai in Berlin

      die Taz ergeht sich in Elogen:

      https://mastodon.social/@tazgetroete/116510825391281251

      vgl. hier: https://seenthis.net/messages/1170563

      oAnth:

      Diesen Leuten kannst Du alles erzählen, heute das Gegenteil von gestern, und morgen das Gegenteil von heute - wird alles keine Rolle spielen, da fehlt jegliches übergreifend analytisches Fundament: Jugendkultur übertüncht die fehlende inhaltlich präzisierende Zielsetzung, ein bisschen Feminismus hier, ein wenig Ökologie da, und das PR-consulting, zuständig für die Diskurssteuerung, besorgt bei Bedarf die entsprechende Nachjustierung, wie es gemäß der politischen Großwetterlage den Chefetagen, Parteigremien und Medienanstalten in den Kram passt.

      De facto handelt es sich um eine Strategie geistiger #Entmündigung, und die hier als Feindbild gemeinsam zu bekämpfen vorgegebene #AfD kann sich des Zustroms der Frustrierten und ökonomisch Abgehängten unseres Gesellschaftssystems mehr denn je gewiss sein.

  • 80 Jahre SED : Warum ein dialektischer Umgang mit der DDR-Einheitspartei angebracht ist
    https://www.berliner-zeitung.de/article/80-jahre-sed-warum-ein-dialektischer-umgang-mit-der-ddr-einheitspar


    21.4.1946 - 4.2.1990

    Je n’ai jamais apprécié le bureaucratisme et le dogmatisme de beaucoup des membres du parti SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Les vieux stalinistes à la tête de son appareil de sécurité ont fait toit leur possible pour ruiner la réputation du socialisme dans les yeux des personnes qui ne partageaient pas les mêmes idées.

    Pourtant le bilan du parti est positif. Sur les ruines de l’Allemagne nazie ses membres ont construit un des pays les plus prospères, modernes et justes du monde.

    Quand l’état socialiste allemand s’est écroulé sous le poids de ses contradictions et des coups de l’impérialisme occidental le SED a rendu possible une transition paisible au lieu de défendre son pouvoir avec ses forces armées. C’est la seule révolution ou contre-révolution dans l’histoire humaine sans effusion de sang, dernière preuve de la grandeur et de l’humanisme des convictions socialistes.

    11.4.2026 von Frank Schumann - Wenn in diesen Tagen an die Gründung der SED vor achtzig Jahren erinnert wird, sollte dies nicht ausschließlich mit dem Blick auf ihr Ende geschehen.

    In meiner Diele stapeln sich wegen fehlenden Platzes im Regal Bücher auf dem Boden. Auf einem Stoß lag oben, an dessen Konterfei unschwer auszumachen, ein Druckwerk von Hans Modrow. Der letzte Ministerpräsident der DDR mit SED-Parteibuch ist inzwischen drei Jahre tot und Geschichte, nur wenige werden sich an den glaubwürdigen Politiker und ehrlichen Parteisoldaten noch erinnern. Modrow war etliche Jahre Leiter der Abteilung Agitation im SED-Zentralkomitee und danach, etwa anderthalb Jahrzehnte lang, der Erste der Partei im Bezirk Dresden, ehe er im Herbst 1989 nach Berlin gerufen wurde, um eine Regierung zu bilden und zu führen.

    Das Buch mit seinem Bild lag monatelang mit dem Gesicht zuoberst auf diesem Stapel, doch eines Tages, als uns ein Handwerker aufsuchen wollte, war das Buch am Morgen gewendet. Da der Personenkreis überschaubar war, der es hätte wenden können, war die Tätersuche kurz …

    Foto
    Hans Modrow, der letzte Ministerpräsident der DDR mit SED-Parteibuch © sepp spiegl/imago

    Ein wenig Provokation im Pfarrhaus musste sein

    Der Vorgang erinnerte mich an meine Jugend. Unser Pfarrhaus war ein sehr offenes, und ständig wurden Geburtstage, Jubiläen, Kindtaufen und Konfirmationen gefeiert. Zu diesen kamen Verwandte und Freunde der Familie aus allen deutschen Ländern und Gauen, wie man in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch zu sagen pflegte.

    Aus Lüdenscheid reisten Edith und ihr Mann an, aus Berlin (West) Onkel Otto mit dem VW-Käfer und aus Berlin (Ost) Onkel Günter mit Gefolge. Sein Bruder Rudi, der Klavierkünstler und Komponist, kam aus Frankfurt an der Oder mit der Bahn. Beide Brüder waren in der SED, was sie auch mit dem sogenannten Bonbon bekundeten. Sie hängten ihre Jacken wie alle anderen an die Garderobe, aber so, dass auch jeder das Parteiabzeichen sah. Ein wenig Provokation im Pfarrhaus musste sein. Sie blieb auch die einzige. Die Feiern verliefen in der Regel sehr harmonisch.

    Was sich gewiss auch meine Mutter zuschrieb, denn sie wendete regelmäßig die Sakkos ihrer beiden Schwäger. Sie entzog die Reverse den Augen der anderen und rollte, so wohl ihre naive Vorstellung, damit mögliche Steine des Anstoßes aus dem Blickfeld. Eine Vorsichtsmaßnahme. Als wenn Beelzebub auf diese Weise aus des Pastoren Haus verbannt sei.

    Dabei wusste doch jeder an der Tafel, dass Günter im Ministerrat arbeitete und Rudi im Auftrag der Partei Kultur aufs Land brachte. Er selbst unterhielt uns doch mit Berichten von seinen Radfahrten zwischen Frankfurt und Seelow, um in den Oderbruchdörfern Schulorchester zu formieren und diese zu unterrichten. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften stellten die Instrumente und die Heranwachsenden ihre Talente in den Dienst der musischen Erbauung und Erziehung der Dorfgemeinschaft. Und Rudi hielt überdies Ausschau nach Begabten unter seinen Schäfchen, deren besondere Förderung an staatlichen Musikschulen er empfahl.

    Ach Jottchen, wie isses nur möglich, bemitleidete Edith aus Lüdenscheid den Musikus, dass man Sie bei Wind und Wetter über die Dörfer jagt. Und dabei setzte sie hinter ihren Ausruf kein Frage-, sondern vernehmlich ein vorwurfsvolles Ausrufezeichen. Diese diktatorische Partei!

    Dass Menschen auch von Idealismus getrieben werden konnten, den sie mit anderen teilten, kam ihr nicht in den Sinn. Wie es auch in Lüdenscheid unvorstellbar war, dass ein Pfarrer kein Auto besaß und seinen Pflichten in den drei Gemeinden seines Sprengels bei Wind und Wetter mit dem Berliner Roller nachkam. Gut, irgendwann ließ die Patengemeinde in Hessen christliche Nächstenliebe walten und bestellte bei Genex, der Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH im Osten, für wenige Tausend D-Mark einen Trabant und sicherte sich Verbundenheit und Dank auf Jahre.

    Ziemlich beste Freunde

    Der Klassenkampf wurde bei uns im Hause immer sehr moderat ausgetragen. Und wir Heranwachsenden gewannen den Eindruck, ohne dies artikulieren zu können, dass Selbst- und Fremdbestimmung nicht unbedingt Gegensätze sein mussten und unter „Freiheit“ und „Demokratie“ Unterschiedliches verstanden werden konnte.

    Die Familie gibt es schon lange nicht mehr, Gevatter Hein ist nicht untätig gewesen. Doch augenscheinlich hatte er Vor- und Rücksicht nicht mitgenommen, bestimmte Charaktereigenschaften und Reflexe sind geblieben – obgleich doch das System gewechselt hat. Heute ist die Furcht, in den Fokus zu geraten, nach meinem Eindruck größer als einst. Bloß nicht auffallen, nur nicht anecken! Private Gesinnung zu offenbaren, könnte Probleme bereiten, wirtschaftlich tödlich sein. Nicht grundlos sind Parteiabzeichen aus der Mode, Flaggen am Fenster auch. Wer hängt schon am 1. Mai eine rote Fahne raus?

    In der DDR gab es bestimmte Tage, an denen es jedermanns Pflicht war, Farbe zu bekennen. (Ob das gut war, steht dahin.) Einmal hängte ich in der Gubener Straße die Fahne aus dem Fenster, die ich hatte mitgehen lassen, als ich am Ende meiner Dienstzeit vom Minen-, Such- und Räumschiff „Wittstock“ in Prora am Strelasund abgestiegen war.

    Gegenüber unserem Wohnhaus befand sich das Büro des Abschnittsbevollmächtigten. Keine fünf Minuten später klingelte es an der Tür. Ein junger Leutnant forderte mich mit scharfem Ton auf, sofort die Dienstflagge der Volksmarine niederzuholen, sie zu hissen sei mir als Zivilisten nicht erlaubt.

    Ich bat den neuen ABV in die Wohnung, um auf den Feiertag zu trinken, und nachdem wir die Flasche geleert hatten, waren wir ziemlich beste Freunde, und die rote Fahne mit schwarz-rot-gelben Streifen, auf denen Lorbeerlaub den Ährenkranz mit Hammer und Zirkel umkränzte, flatterte weiter im Maienwind. „Genosse“, sagte der Genosse Abschnittsbevollmächtigte beim Abschied, „du bist ein richtiger Kumpel.“ „Du aber auch“, sagte ich.

    Das wechselseitig wohlmeinende Urteil war nicht allein dem Alkohol geschuldet. Und es war nicht singulär, will heißen: In dieser Partei gab es nicht wenige, denen man auch nüchtern dieses Etikett anheften konnte.

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    Teilnehmer einer Demonstration zum 1. Mai tragen in Ost-Berlin SED-Fahnen. © Sven Simon/Imago
    Begriff und Dogma wurden aufgehoben

    Da war z. B. der Bürgermeister, der sich im Bergwerk eine Staublunge zugezogen hatte. Er kam regelmäßig zu uns ins Pfarrhaus, um mit meinem Vater aktuelle politische Fragen zu diskutieren. Da war der Parteisekretär im Flachglaskombinat, der mich für seinen Verein werben wollte, als ich dort tätig war, ehe ich zur Fahne eingezogen wurde. Ich war jetzt Arbeiter, nicht mehr Pastorensohn und „Sonstiger“, wie bislang meine soziale Herkunft hieß.

    Damals wollte ich nicht Mitglied werden, und Jahre später, als ich es aus Überzeugung zu werden wünschte, wollte man mich nicht mehr: Ich war jetzt Student und kein Arbeiter mehr, weil doch die vorgeblich proletarische Partei mehrheitlich aus Arbeitern bestehen musste. Irgendwann löste man den Begriff und das Dogma auf und erklärte selbst Parteiarbeiter zu Arbeitern.
    Avantgarde wurde zur Nachhut

    Am Ende waren es über zwei Millionen, die mit Unterstützung zweier Bürgen und nach einer einjährigen Kandidatenzeit als Mitglied aufgenommen worden waren. Nicht wenige darunter, die aus Opportunitätsgründen um das rote Büchlein gebeten hatten. Sie warfen es im Herbst 1989 auch als Erste rasch weg.

    Das vormalige Millionenheer schrumpfte binnen Monaten auf den idealistischen Kern, die einstige Avantgarde war zur Nachhut geworden. Beschimpft, geschmäht, moralisch in Haft genommen für alles, was sich seit 1945 zwischen Rügen und Thüringen zugetragen hatte. Ausschließlich Schreckliches natürlich, denn Freude und Frohsinn, Zufriedenheit und Glück hatte es in der Diktatur bekanntlich nicht gegeben. Jenen, die bestritten, ihr Leben in der Hölle verbracht zu haben, attestierte man Deformation und die nachhaltige Wirkung der Indoktrination.

    Ich rechne mich den Kranken zu, die noch immer glauben, dass diese DDR nicht das schlechteste Kapitel der deutschen Geschichte war. Wie ich auch meine, dass die vor achtzig Jahren aus SPD und KPD gebildete Sozialistische Einheitspartei Deutschlands daran ihren Teil hatte.
    Gegensätze bilden immer eine Einheit

    Die nach Bildung der Bundesrepublik in den Westzonen gegründete zweite deutsche Republik war nicht nur der zwangsläufige Reflex auf die Spaltung Deutschlands, sondern auch die notwendige wie legitime Antwort auf all die Verbrechen, die in deutschem Namen bis zum 8. Mai 1945 verübt worden waren: an Juden, Russen, Polen, Franzosen, Ukrainern, Ungarn … Diese Untaten waren systemischen Ursprungs. Also musste mit dem System gebrochen werden. Das meinte auch die Adenauer-CDU auf ihrem Parteitag in Ahlen am 3. Februar 1947: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“

    Auf dem Gründungsparteitag der SED am 21. April 1946 im Berliner Admiralspalast hatte es kaum anders geklungen. In den Grundsätzen und Zielen hieß es: „Mit der Verwirklichung der Gegenwartsforderungen ist jedoch das System der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung nicht beseitigt und die Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise nicht aufgehoben, der Frieden nicht endgültig gesichert. Das Ziel der SED ist die Befreiung von jeder Ausbeutung und Unterdrückung, von Wirtschaftskrise, Armut, Arbeitslosigkeit und imperialistischer Kriegsdrohung.“ Und wie wollte man dahin kommen? „Auf demokratischem Wege, durch die Gewinnung der Mehrheit des Volkes“. Die Einheitspartei orientiere sich „auf die Durchführung der sozialistischen Revolution mit friedlichen Mitteln“.

    In der deutschen Parteigeschichte sind Hunderte Programme verfasst und verbreitet worden, und es ist ein offenes Geheimnis, dass nie eins – und das gilt bis in die Gegenwart – jemals realisiert worden ist. So gesehen besitzen Programme allenfalls Bedeutung für die Geschichtsbücher, um zitiert zu werden. Gleichwohl sollte man die Lauterkeit der Frauen und Männer nicht in Zweifel ziehen, die die politischen Intentionen in Sprache gossen. Programme sind verschriftlichte Visionen, Ziele, die Menschen einen, welche sich hinter einer Fahne versammeln.

    Wenn also heute – sofern dies überhaupt geschieht – an die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (nicht der DDR!) vor achtzig Jahren erinnert wird, sollte dies nicht ausschließlich mit dem Blick auf ihr Ende geschehen. Wie man auch nicht annehmen sollte, dass die DDR und das Leben in diesem Staat für die meisten Ostdeutschen nicht trotz dieser SED so erträglich waren, wie es für die meisten war, sondern auch wegen dieser Partei. Denn das gehört zu einer dialektischen Betrachtung dazu. Gegensätze bilden immer eine Einheit, und aus der Lösung von Widersprüchen erwächst Fortschritt.

    Heute scheitern die politischen Parteien unseres Landes augenscheinlich bereits an der Analyse der Gegensätze der Gegenwart. Wie sollten sie da die Zusammenhänge in der Vergangenheit begreifen?

    Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplomjournalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.

    #histoire #DDR #socialisme

  • Verkauft, Verfallen, Vergessen: Die Schicksale der DDR-Bauten in Berlin
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/lost-places-in-ost-berlin-die-verfallenen-ueberreste-der-ddr-entdec

    Nach 35 Jahren sind weiterhin zahlreicje Gebäude unzugängluch die einmal Heimat von Angeboten für die Bevölkerung der Hauptstadt des sozialistischen Deutschlandes waren..

    29.3.2026 von Albert Hammig - Bauwerke der DDR-Zeit sind heute weit mehr als Ruinen und Geschichte – es sind Symbole für eine Gesellschaft, die plötzlich verschwand. Wir haben sie erforscht.

    Zwischen Bauzäunen, bröckelnden Fassaden und überwucherten Grundstücken stehen in Berlin Gebäude, die einst das Rückgrat eines ganzen Systems bildeten. Sie waren Orte der Arbeit, der Fürsorge, der Freizeit und der politischen Inszenierung – nun sind sie ganz unterschiedlichen Schicksalen ausgesetzt. Wir erkunden die Überreste eines Staates, der mit einem Mal verschwand.

    Ehemalige irakische Botschaft

    Wir starten unsere Reise vor der ehemaligen irakischen Botschaft in Niederschönhausen. In den 70er- und 80er-Jahren war sie ein Ankerpunkt für eine stabile Beziehung zwischen der DDR und dem Irak. Das lag im Interesse beider Seiten: Beide waren klar antiwestlich geprägt, und der Irak zeigte sich offen für Beziehungen zum Ostblock.

    Nach der Wende wurde das Bauwerk plötzlich überflüssig und vegetiert seither vor sich hin. Zwar erklärte der irakische Botschafter, dass der Bau erhalten werden soll – wirklich kümmern will sich aber niemand.

    Heute entdeckt man die alte Botschaft auf einem vollständig verwilderten Grundstück, umgeben und abgesperrt von Bauzäunen. Gleich daneben stehen Häuser in baugleicher DDR-Architektur, allerdings in deutlich besserem Zustand und gewerblich genutzt. Im Vergleich dazu wirkt die Brache wie ein ausgestoßenes Familienmitglied, das langsam an Altersschwäche stirbt. Sie steht sinnbildlich dafür, dass mit dem Untergang eines Staates auch internationale Beziehungen von einem Moment auf den anderen verschwinden.

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    Die ehemalige irakische Botschaft wirkt wie vergessen. Drinnen sieht es eher nach einer spontanen Flucht als nach einem Auszug aus.Albert Hammig

    Schwimmhalle Pankow

    In der Wolfshagener Straße, nicht weit entfernt von der Botschaft, steht noch heute die Schwimmhalle Pankow. Zu ihrer Eröffnung 1975 galt sie als hochmodern und war ein ideologisch wichtiger Teil der staatlichen Freizeit- und Gesundheitsversorgung. Das Volk sollte schließlich fit sein, um am Arbeitsplatz maximale Leistung zu erbringen. Doch auch nach der Wende blieb das Bad noch einige Jahre in Betrieb, bevor es im Jahr 2000 wegen Baufälligkeit schließen musste. Sanierungs- und Abrisspläne verzögern sich nun schon seit mehr als 25 Jahren.

    Dieser Lost Place zeigt damit weniger den Verfall der DDR als vielmehr das Scheitern der Nachwendepolitik. Zugenagelte Fensterfronten und Sperrzäune lassen die Halle zunächst unantastbar wirken, doch es gibt einen leicht erreichbaren „Hintereingang“. Drinnen eröffnet sich ein Bild, bei dem einem Urban Explorer das Herz aufgeht. Laut einer Anwohnerin halten sich hier häufig Obdachlose auf, alte Rucksäcke und Schuhe liegen verstreut auf dem Gelände. Doch als wir hineingehen, ist da nur ein kleiner Fuchs, der nach etwas Essbarem sucht.

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    Die alte Schwimmhalle Pankow ist einer der letzten klassischen Lost Places in Berlin. Der „Einbruch“ ist relativ leicht durch eine improvisierte Hintertür.Albert Hammig

    Kinderkrankenhaus Weißensee

    Südöstlich davon, in der Hansastraße, befinden sich Teile des ältesten Bauwerks dieser Tour: das ehemalige Säuglings- und Kinderkrankenhaus Weißensee. Es wurde bereits vor mehr als hundert Jahren im Kaiserreich errichtet, um die damals hohe Säuglingssterblichkeit zu bekämpfen. In der DDR wurde es weiter genutzt, obwohl schon in den 1980er-Jahren ein zunehmender baulicher Verfall zu beklagen war. Für das zentralisierte Gesundheitssystem der Bundesrepublik galt die Einrichtung schließlich als überflüssig und wurde 1997 geschlossen.

    Heute ist der Blick auf das verwilderte Areal durch Sichtschutzwände versperrt. Zwei einsame Baucontainer warten seit 2015 vergeblich auf ihren Einsatz, seit das denkmalgeschützte Gelände wieder in den Besitz des Landes Berlin überging. Zuvor diente es als Objekt der Immobilienspekulation. Eine Anwohnerin berichtet von mehreren Bränden, die große Teile der Anlage zerstört haben. Ein Ort, der einst Leben schenkte, liegt heute selbst im Sterben – ein trauriges Denkmal.

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    Das ehemalige Kinderkrankenhaus ist sowohl innerlich als auch äußerlich nicht viel mehr als eine Ruine, bereit zum Abriss. Container stehen schonmal.Albert Hammig

    Zuckerwarenfabrik Alt-Hohenschönhausen

    Ein nahezu gegensätzliches Schicksal ereilte die Anfang des 20. Jahrhunderts erbaute Zuckerwarenfabrik in der weiter südlich gelegenen Konrad-Wolf-Straße. Zu DDR-Zeiten war sie ein wichtiger Teil der staatlichen Konsumgüterproduktion. Hier wurde die Bevölkerung mit Süßwaren versorgt, bevor der Betrieb – wie große Teile der DDR-Industrie – nach der Wende zusammenbrach.

    Lange war auch die denkmalgeschützte Fabrik ein Lost Place, wie die zuvor beschriebenen Orte. Doch schließlich wurde sie an einen Investor verkauft, der den Backsteinkomplex zu einem Luxuswohnhaus umbauen ließ. Heute leben hier Familien in kostspieligen Eigentumswohnungen. Das Gebäude diente erst als staatliche Produktionsstätte, dann als Privateigentum. In ihm lebte sowohl die Idee des Kommunismus als auch die des Kapitalismus. Es wurde erst deindustrialisiert, dann gentrifiziert. Hätte es ein Bewusstsein, wäre es heute wohl ein Chronist wirtschaftlicher Umbrüche.

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    Unten das Hauptgebäude der früheren Zuckerfabrik während der Entkernung im Frühjahr 2010. Heute ist es im besten Zustand.Albert Hammig

    Stadtbad Lichtenberg (Hubertusbad)

    Das Stadtbad Lichtenberg an der Frankfurter Allee ist ebenfalls ein Vorkriegsbau, der während der deutschen Teilung weiterbetrieben wurde. Es galt als wichtiger sozialer Ort, an dem Hygiene, Sport und Gemeinschaft zusammenkamen. Typisch für die DDR, wurde das Gebäude jedoch kaum saniert und so lange genutzt, bis es stark baufällig war. Eine Sanierung erschien in der Nachwendezeit zu teuer, und das Bad, im Volksmund „Hupe“ genannt, wurde sich selbst überlassen.

    Heute erinnert das verfallene Denkmal daran, wie Baukunst verloren gehen kann: Wenn sich niemand um ihren Erhalt kümmert, kommt irgendwann der Punkt, an dem eine Sanierung wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll erscheint.

    Bei unserem Besuch blitzt dennoch hinter einigen Fenstern Licht hervor. Trotz seines maroden Zustands wird das Gebäude gelegentlich genutzt – etwa für Kunstausstellungen und Veranstaltungen. Die leeren Becken, alten Fliesen und bröckelnden Wände entfalten dabei einen ganz eigenen ästhetischen Reiz.

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    Außen pfui, innen hui: Das Hubertusbad wird zurzeit für eine erfolgreiche Ausstellung genutzt.Albert Hammig
    Funkhaus Berlin

    Noch weiter südlich, direkt an der Spree, erstreckt sich ein regelrechtes Medienimperium vergangener Zeiten. Das Funkhaus Berlin war die zentrale Rundfunkanstalt der DDR. Sendungen wie „Die aktuelle Kamera“ oder „Unser Sandmännchen“ wurden von hier aus in den Osten Deutschlands ausgestrahlt. Sogar ein Saal für Orchesteraufnahmen gehörte zum Komplex. Mit der Auflösung des DDR-Rundfunks verlor auch diese Institution abrupt ihre Funktion.

    Doch beim Betreten erwartet uns kein melancholischer Lost Place, sondern ein lebendiges Treiben junger Künstler. Exzentrisch gekleidet, oft Englisch sprechend, bewegen sie sich durch die Flure. In einem Raum werden Instrumente gespielt, im nächsten stehen Fotostative. Das Funkhaus hat – anders als viele andere Orte der DDR – eine zweite Karriere begonnen. Noch immer ist es ein Ort der Medienproduktion, doch statt staatlich gelenkter Inhalte entfaltet sich hier heute kreative Freiheit. Zwei Welten scheinen hier auf bemerkenswerte Weise zusammenzufinden.

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    Zwei Etagen, eine Zeitreise: Die erste (unten) wurde stark modernisiert, mit Glasfassaden und weißen Wänden. Die zweite (oben) ist noch fast wie zu DDR-Zeiten.Albert Hammig

    Kulturhaus des Werkes für Fernsehelektronik

    Zum Abschluss begeben wir uns in den einstigen Industrie-Hotspot der DDR: Schöneweide. Genauer gesagt in die Wilhelminenhofstraße, zum Kulturhaus des Werkes für Fernsehelektronik. Das geschichtsträchtige Gebäude diente als Wohlfahrts- und Kulturhaus für die Belegschaft des VEB Werk für Fernsehelektronik, einem der bedeutendsten Elektronikhersteller der DDR. Betriebsfeiern und Tanzabende, Theater- und Musikveranstaltungen oder politische Schulungen – all das fand hier statt. Die Idee, dass der Betrieb auch Kultur, soziale Kontakte und Freizeit organisiert, verlor nach der Wende ihre Grundlage. Das Gebäude wurde überflüssig.

    Nach rund 30 Jahren Leerstand soll das Kulturhaus nun unter dem Namen „Wilhelmine“ saniert und wiederbelebt werden. Der Projektentwickler wirbt mit einem „bunten Gewerbemix aus Event, Hotel, Gastronomie, Büro, Freizeit, Sport und Einzelhandel“. Ein Großteil der Flächen scheint bereits vermietet zu sein – allerdings sieht man es dem Gebäude noch nicht an. Ob die Ostberliner das Haus nach Jahrzehnten des Stillstands bald wieder nutzen werden, und ob sie das überhaupt wollen, bleibt abzuwarten.

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    „Ein neues Kapitel beginnt“ verspricht ein Schild der Vermietungsgesellschaft „Wilhelmine“ am alten Kulturhaus Schöneweide.Albert Hammig

    #DDR #Berlin

  • DDR-Geschichte: Den Krieg bekämpfen
    https://www.jungewelt.de/artikel/518355.ddr-geschichte-den-krieg-bek%C3%A4mpfen.html

    Letzte Vereidigung junger NVA-Soldaten am Fahnen­monument am Hansering in Halle, 1988 Lutz Sebastian/IMAGO

    28.2.2026 von Arnold Schölzel - Am 1. März 1956 wurde die Nationale Volksarmee der DDR gegründet – die bisher einzige deutsche Armee, die nie einen anderen Staat angriff

    Im Februar 2006 versammelten sich zahlreiche frühere NVA-Angehörige zu einer Feier in Altlandsberg nordöstlich von Berlin. Anlass war die Vereidigung der ersten NVA-Soldaten 50 Jahre zuvor am 1. März 1956. Der aus einer Landarbeiterfamilie stammende Admiral a. D. Theodor Hoffmann (1935–2018), der letzte »echte« Verteidigungsminister der DDR – sein ziviler Nachfolger Rainer Eppelmann hat ab April 1990 nur Abwicklung betrieben – erinnerte an die Motive der ersten NVA-Soldaten: Dafür zu sorgen, dass sich ein Krieg wie der vom faschistischen Deutschland ausgegangene nie mehr wiederhole: »Wir haben gedient, um den Krieg zu bekämpfen, bevor er ausbricht. Das war der Sinn unseres Soldatseins, der Sinn unseres Lebens!«

    Die Verhinderung eines Krieges in Europa gelang bis zur Auflösung der NVA am 2. Oktober 1990. Das bleibt ihre wichtigste Errungenschaft in der deutschen Militärgeschichte. Den Einmarsch der Bundeswehr in die DDR begleiteten Treuhand, Massenarbeitslosigkeit und der US-»Begrüßungskrieg« gegen den Irak mit deutscher 18-Milliarden-D-Mark-Hilfe. Die bundesdeutsche Militärpolitik änderte sich fast im Handumdrehen zur Kenntlichkeit.

    Dieser aggressive Charakter stand schon 1956 fest. Mit der BRD war 1949 ein Staat entstanden, dessen »Staatsräson« etwa nach Meinung des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein dem Wesen nach »militärischer Druck« war. Augstein schrieb 1961 in einem Sonderheft der Zeitschrift Magnum: »Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue deutsche Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen.« Die Pläne des »Fall Barbarossa«, des Überfalls vom 22. Juni 1941 auf die Sowjetunion, müssen daher im gegenwärtigen Stellvertreterkrieg gegen Russland nicht reaktiviert werden.

    »Ohne Geschrei«

    Denn der »Barbarossa«-Chefplaner Adolf Heusinger (1897–1982) überarbeitete bereits seit dem Frühjahr 1945 für die USA seine Wehrmachtsvorlagen. Folgerichtig wurde er 1956 erster Generalinspekteur der Bundeswehr. Zu diesem Zeitpunkt war zumindest Teilen der sowjetischen Führung klar, dass der Westen unter Führung der USA eine Wiederholung des 22. Juni 1941 anstrebte. Während des Koreakrieges von 1950 bis 1953 drohte Washington mehrfach mit dem Einsatz von Atomwaffen. Am 10. März 1952 hatte Stalin jedoch den Westmächten den Entwurf eines Friedensvertrages mit Deutschland inklusive freier Wahlen in beiden deutschen Staaten sowie Abzug aller Besatzungstruppen unterbreitet. Das wurde abgelehnt. Anfang April 1952 traf sich Stalin daraufhin in Moskau zu Gesprächen mit Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Otto Grotewohl über den »militärischen Schutz der DDR« und erklärte dabei: »Die pazifistische Periode ist vorbei.« Pieck notierte: »Sofortige Schritte zur Bildung einer Volksarmee statt Polizei« sowie »Jugenddienst – vormilitärische Erziehung«, »alles ohne Geschrei, aber beharrlich«.

    Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass Stalin an eine 300.000-Mann-Armee dachte. Das ging weit über die ökonomische Leistungsfähigkeit der DDR hinaus. Die NVA erreichte in den 1970er und 1980er Jahren eine maximale Größe von 170.000 bis 180.000 Soldaten. Sie sollte zusammen mit den bis zu 500.000 in der DDR stationierten Soldaten der »Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland« (GSSD) im Verteidigungsfall die erste Front der Truppen des Warschauer Vertrages bilden, den Prellbock.

    Am 26. Mai 1952 wurde in Bonn der »Generalvertrag« mit den drei Westalliierten unterzeichnet. Er sah die Einbindung der BRD in ein westliches Militärbündnis vor. Am 1. Juli 1952 folgte der Befehl des DDR-Innen- und späteren ersten DDR-Verteidigungsministers Willi Stoph (1914–1999) über die Bildung kasernierter Polizeibereitschaften (KVP). Damit war der Grundstein für die NVA gelegt.

    Die KVP umfasste zu diesem Zeitpunkt etwa 55.000 Angehörige. Der für die Wiederaufrüstung eingesetzte Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte schon 1950 von einer »150.000-Mann-Armee in der Ostzone« phantasiert. Die DDR ließ zugleich keinen Zweifel an ihrer Bereitschaft, jeder Aggression militärisch zu begegnen. Pieck erklärte Anfang Juli 1952 auf der II. Parteikonferenz der SED zur Schaffung der KVP: »Wir wollen keinen Krieg, und wir werden alles tun, um ihn zu verhindern. Aber eben, um den Imperialisten die Lust an Kriegsabenteuern im Herzen Europas zu nehmen, müssen wir unsere eigenen starken nationalen Streitkräfte schaffen.«

    Der gegensätzliche Charakter von Bundeswehr und NVA drückte sich unter anderem in der Zusammensetzung ihres Führungspersonals aus. In Volkspolizei, KVP und NVA dienten zwischen 1948 und 1958 neun Wehrmachtsgeneräle. Von ihren rund 18.500 Offizieren waren 1956 rund 540 ehemalige Wehrmachtsoffiziere. 1959 waren es noch 163, 1964 67. Sie waren zum größten Teil als Kriegsgefangene in der Sowjetunion Mitglieder des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) geworden. Der Bundeswehr galten sie als Verräter. Das 1965 in der DDR erschienene »Braunbuch« über Kriegs- und Naziverbrecher in der BRD hielt fest: »Von gegenwärtig 189 Generalen und Admiralen der Bundeswehr sind über die Hälfte ehemalige Generalstabsoffiziere der Hitlerwehrmacht; auch die übrigen waren ohne Ausnahme Offiziere der faschistischen Wehrmacht.« Noch 1979 hatte jeder zweite der 215 aktiven Generale und Admirale der Bundeswehr eine Wehrmachtsvergangenheit, darunter waren etliche Kriegsverbrecher.

    Insgesamt dienten in der NVA mehr als 2,5 Millionen DDR-Bürger. 1962 war die Wehrpflicht eingeführt worden, 1964 der Ersatzdienst für Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen in Baueinheiten. Als die USA ihren Krieg in Vietnam ab Mitte der 1960er Jahre zum Völkermord steigerten, wollten nicht wenige DDR-Jugendliche freiwillig dorthin. Dazu kam es nicht. Charakteristisch ist wohl, wie der Liedermacher Gerhard Gundermann (1955–1998) begründete, warum er 1975 seine Offiziersausbildung beendete: Er habe »die Revolution« mit der NVA verteidigen wollen, dann jedoch feststellen müssen, dass »das nicht gerade die Armee von Che Guevara« war.

    Internationale Solidarität

    Kämpfe im Ausland sollte und konnte die NVA nicht leisten. Nur die NATO-Propaganda halluziniert bis heute eine Teilnahme der NVA am Einmarsch von Truppen des Warschauer Vertrags 1968 in die Tschechoslowakei oder »Honeckers Afrikakorps«. Matthew Read hat am 26. Februar 2025 in jW die lange vermiedene, dann durchaus tatkräftige militärische Hilfe der DDR für nationale Befreiungsbewegungen analysiert. Grundlage war ein Beschluss des Politbüros der SED vom 10. Januar 1967. Read schrieb: »Eine genaue Bezifferung des Umfangs dieser Solidarität ist schwierig, aber allein für den Zehnjahreszeitraum von 1973 bis 1983 gab das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR rund 700 Millionen Mark für die unentgeltliche militärische Unterstützung der ehemaligen Kolonien und Befreiungsbewegungen aus.« Die ersten Lieferungen gingen demnach an die Frelimo (Mosambik) und die MPLA (Angola), was mit zum Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreiches beitrug und damit zur Nelkenrevolution 1974. Nach dem Massaker des südafrikanischen Apartheidregimes in Soweto 1976 entschied die SED-Führung, ANC-Kämpfer militärisch auszubilden. Bis 1988 waren es mehr als 1.000.

    Entsprechend verhasst waren die bewaffneten Organe der DDR einschließlich der NVA bei den Bonner Unterstützern von Apartheid und faschistischen oder Militärdiktaturen.

    Keine Tradition

    Gegen eine eventuelle Übernahme von Generälen in die Bundeswehr wandte sich im Bonner Kabinett 1990 vehement Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Die NVA-Angehörigen erhielten die Bescheinigung »gedient in fremden Streitkräften«. Die Diskriminierung wurde mit Degradierung der wenigen, die »übernommen« wurden, und durch Rentenkürzungen verwirklicht. Im Traditionserlass der Bundeswehr von 2018 heißt es, die NVA »als Institution« begründe »keine Tradition der Bundeswehr«. Heusinger dagegen, erklärte die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen 2017, sei eine der Persönlichkeiten, auf die »wir stolz sein können«. Bei solch gradlinigem Selbstverständnis war es zwingend, den aus einer kommunistischen Arbeiterfamilie stammenden Heinz Keßler (1920–2017), der kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 zur Roten Armee übergelaufen und von 1985 bis 1989 DDR-Verteidigungsminister war, 1993 zu siebeneinhalb Jahren Haft zu verurteilen.

    Der gegenwärtige Stellvertreterkrieg gegen Russland führte zu perversen Rückgriffen auf die NVA. Anfang April 2022 teilte die Bundesregierung zum Beispiel mit, sie habe den Weiterverkauf von 56 Schützenpanzern aus früheren DDR-Beständen an Kiew erlaubt und die Lieferung von 2.700 »Strela«-Flugabwehrraketen aus früheren NVA-Beständen genehmigt. Im September 2025 kamen der Linke-Politiker Dietmar Bartsch – Grundausbildung bei den NVA-Fallschirmjägern – und der CDU/CSU-Fraktionsvize Sepp Müller auf die Idee, frühere NVA-Soldaten als Bundeswehrreservisten für den Heimatschutz zu mobilisieren. Bartsch und Müller hielten das offenbar für ein ehrenvolles Angebot.

    #Allemagne #histoire #DDR #guerre_froide

  • „Kulturpolitisches Verbrechen“: Warum Berlins beliebte DDR-Bauten weichen müssen
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/ddr-bauten-in-berlin-ein-nachruf-li.10019301

    Mir zerreißt es die Verbindung der materiellen Marketn mit denen der inneren Landkarte. Berlin wird abstrakter, weniger greifbar. Mal sehen, vielleicht hilft Alkohol. Der dämpft zumindest den Schmerz.

    21.2.2026 vin Valentin Wölflmaier - Anfang März verschwindet mit dem SEZ wohl Berlins nächste DDR-Ikone. Inmitten der Tilgung ostdeutscher Erinnerungsorte wird das FEZ zum gallischen Dorf der Wuhlheide.

    Berlin räumt auf – und reißt ab. Wo früher DDR-Geschichte stand, rollen seit Jahren die Bagger. Der Palast der Republik ist längst verschwunden, das Ahornblatt nahezu geräuschlos aus dem Stadtbild getilgt, und bald arbeiten sich die Maschinen durch das SEZ. Wer durch Berlin geht, erlebt, wie biografische Fixpunkte ganzer Generationen verschwinden: Markante DDR-Bauten, einst prägend für Identität und Alltag, werden nach und nach ausgelöscht.

    Das Gebäude des DDR-Außenministeriums am Berliner Schinkelplatz wurde abgerissen. Das Generals­hotel in Schönefeld ist weg – trotz Denkmalschutz. Im Jahn-Sportpark brechen die Tribünen ein. Abriss folgt auf Abriss, Erinnerung auf Leerstelle.

    Inmitten dieser Verluste wirkt das FEZ in der Wuhlheide wie ein letzter Zufluchtsort – ein Ort, an dem ein Stück gebaute Geschichte noch standhält.
    Viele DDR-Bauten sind Orte voller Erinnerungen

    Es ist ein kalter Tag. Der Schnee fällt leise auf die Kiefern, der Wald schluckt den Lärm der Großstadt. Hier steht das FEZ, 1979 als Pionierpalast „Ernst Thälmann“ fertiggestellt. Heute nennt es sich „Europas größtes gemeinnütziges Familienzentrum“. Vor dem Eingang stehen Gabriela und ihre beiden Kinder. Der Atem wölkt in der frostigen Luft, während sie Bananen essen. Sie kommen gerade aus einer Theateraufführung. Gabriela ist 62 Jahre alt, sie arbeitet als Betreuerin. „Wir waren früher ganz oft hier“, sagt sie und blickt auf den riesigen Flachbau mit den markanten braunen Fensterrahmen.

    Gabriela stammt aus Thüringen, zog 1987 nach Berlin. Für sie ist das Gebäude mehr als Architektur; es ist ihre Biografie. „Meine Tochter hat hier Geige gelernt“, erzählt sie. Dass das Haus mittlerweile unter Denkmalschutz steht, findet sie „total toll“. Es ist ein Satz, der Erleichterung verrät. Denn Gabriela weiß: Es ist im heutigen Berlin eine politische Entscheidung, ob ein Haus der DDR-Moderne stehenbleiben darf oder nicht.

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    Gabriela lebt seit 1987 in Berlin. Gebäude wie das FEZ sind Teil ihrer Biografie.Valentin Wölflmaier/BLZ

    „Hier wird abgerissen, was noch funktioniert“

    Ein paar Kilometer weiter westlich, an der Landsberger Allee, scheitert diese Anerkennung gerade. Das SEZ, einst der Stolz von Friedrichshain, wird abgerissen. Ein Investor, ein jahrelanger Rechtsstreit, nun das Ende. Das SEZ war das Spaßbad des Ostens, ein Ort mit Wellenbad und Kaskaden. Der Architekt Christoph Wagner sieht darin ein grundsätzliches Problem der Stadtentwicklung: „Das Problem ist, dass man hier etwas abreißt, was noch funktioniert – und das eine Bedeutung für viele Menschen hat“, sagt er. „Von der Umweltbelastung dieser Abrisse ganz zu schweigen.“

    Das Argument, dort dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, lässt er nicht gelten: „Wohnen findet ja nicht nur in Wohnungen statt, sondern benötigt kulturelle, sportliche und Versorgungseinrichtungen in direkter Nachbarschaft. Sonst leben wir mitten in Berlin bald in einer Schlafstadt.“
    Die Liste der abgerissenen DDR-Bauten ist lang

    Der Abriss des SEZ ist Teil einer Entwicklung, die kurz nach der Wende einsetzte. Die sogenannte Ostmoderne hatte einen schweren Stand. Sie galt vielen als politisch belastet oder ökonomisch ineffizient. Dabei war diese Architektur oft experimentierfreudiger, als es das Klischee vom Plattenbau vermuten lässt. Das Ahornblatt auf der Fischerinsel etwa, eine kühne Betonschalenkonstruktion von Ulrich Müther, wurde im Jahr 2000 trotz Proteste für einen Hotelneubau geopfert. Es war das Signal dafür, wie die neue Berliner Republik mit dem Erbe des Ostens umzugehen gedachte.

    Dann kam der Palast der Republik. „Erichs Lampenladen“, wie der Volksmund sagte. Er war Ort der Volkskammer, aber auch Ort der Bowlingbahn, der Restaurants, der Diskotheken. Offiziell besiegelte der Asbest sein Ende. In der Tat hatten sich Mitarbeiterinnen des Palasts über die Asbestbelastung beschwert. Doch während das ebenfalls asbestbelastete ICC im Berliner Westend unter Denkmalschutz steht, verweist der Historiker Hanno Hochmuth beim Palast auch auf die politische Dimension: „In den 90er-Jahren und auch noch beim Palast der Republik schwang das Politische sehr stark mit.“

    Es ging darum, die städtebauliche Dokumentation der DDR im Herzen der Stadt zu brechen und die preußische Tradition des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Heute steht dort das Humboldt Forum mit seiner barocken Schlossfassade.
    Abriss des Palast der Republik – ein „kulturpolitisches Verbrechen“

    Ein „kulturpolitisches Verbrechen“ nennt das Rudolf Denner, Sprecher des Freundeskreises Palast der Republik. 100.000 Unterschriften habe man damals gesammelt, 800 Petitionen vorgetragen, eine Mehrheit der Bevölkerung sei für den Palast gewesen. Beim SEZ sieht Denner Parallelen: „Auch hier werden Fakten geschaffen gegen den Willen der Bevölkerung.“

    Hanno Hochmuth zufolge hat sich das Bewusstsein für den Wert der DDR-Architektur aber gewandelt, der Palast würde heute wohl nicht mehr abgerissen. „Beim SEZ geht es auch nicht vorrangig um eine Tilgung der DDR, sondern vielmehr um die Schaffung von neuem Wohnraum, und Wohnen ist in Berlin heute ein viel heißeres Thema als der Umgang mit der Vergangenheit“, sagt Hochmuth. Dennoch plädiert er in dieser hochsymbolischen Frage für mehr Sensibilität: „Es wäre sensibler, das SEZ zu erhalten, denn neue Wohnungen könnten auch noch woanders geschaffen werden.“

    Missachtung der DDR: „Unsere Geschichte wird plattgemacht“

    Für viele Menschen im Osten fühlt sich das Verschwinden der Ost-Bauten wie eine Entwertung ihrer eigenen Biografie an. „Das ist eine Missachtung der DDR“, sagt Ute. Sie ist 70 Jahre alt und mit ihrer Freundin Bettina auf dem Weg zum Schwimmen im FEZ. Ute hat eine klare Meinung zu dem, was mit den Orten ihrer Vergangenheit passiert: „Dass da einiges vielleicht marode war, okay. Aber das jetzt verfallen zu lassen, wie das SEZ, und dann zu sagen: Jetzt können wir es wegreißen – das finde ich den Ostbürgern gegenüber schuftig. Das war unsere Geschichte. Die wird plattgemacht.“

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    Ein „Ort unserer Geschichte“: Ute und Bettina gehen zweimal in der Woche zum Schwimmen ins FEZ.Valentin Wölflmaier/BLZ

    Bettina nickt. Sie ist gebürtige Berlinerin. „Auch wenn in der DDR nicht alles in Ordnung war“, sagt sie, „es ist unsere Geschichte. Und die existiert dann einfach nicht mehr.“ Die Debatte um die DDR-Architektur ist damit immer auch eine Debatte um Anerkennung. Wenn Gebäude wie das Kino International oder das Haus der Statistik gerettet werden, sind das Ausnahmen. Die Orte des täglichen Lebens, die Schwimmbäder und Gaststätten, verschwinden zuerst.

    Das FEZ hat überlebt. Vielleicht, weil es weit draußen im Wald liegt, überlegt Bettina. Sie sorgt sich dennoch um solche Orte, die in Berlin weniger werden. Nicht nur wegen ihrer Geschichte: „Wir wollen immer, dass die Kinder nicht so viel daddeln am Handy“, sagt sie. „Aber eigentlich tun wir gar nichts dafür, um diese Orte zu erhalten.“

    #Berlin #Friedrichshain #SEZ #Leninallee #Landsberger_Allee #Dimitroffstraße #Danziger_Straße #Sport #Freizeit #DDR #Architektur #Stadtentwicklung

  • China, Merz und ein vergessenes Erbe: Was die DDR für den Aufstieg Pekings leistete
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/china-merz-und-ein-vergessenes-erbe-was-die-ddr-fuer-den-aufstieg-p

    17.10.2026 von Frank Schumann - Der Kanzler reist nach China und beschwört „traditionell gute Beziehungen“. Doch die wurzeln nicht etwa in der BRD, sondern in der frühen Zusammenarbeit mit der DDR.

    „Wir fahr’n auf Feuerrädern / Richtung Zukunft durch die Nacht“, sang Nena in den Achtzigerjahren. Soeben begann in China das Jahr des Feuerpferdes, und erstmals reist der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz in die Volksrepublik. Die Berliner Zeitung zitierte einen Professor vom Institut für Deutsche Studien an der Tongji-Universität in Shanghai, der die bevorstehende Staatsvisite mit dem Satz kommentierte: „Merz kommt im Jahr des Feuerpferdes auf dem Maulesel nach China.“

    Lautmalerei ist ein Markenzeichen chinesischen Sprechens, die Betonung von Silben und Tönen macht den Unterschied. Ob Professor Hu Chunchun also den Fokus auf das „Maul“ oder auf den „Esel“ richtete, ist an der deutschen Transkription nicht erkennbar. Beides trifft zu. Die deutsche Politik hat nun mal das große Maul und ist so dynamisch wie das Grautier; auch die Farbe kommt hin.

    Die Mission des deutschen Bittstellers ist auch klar. Darum ist die Reise nach Peking eigentlich ein Gang nach Canossa, auch wenn es dem Reisenden und seinem Umfeld vermutlich nicht bewusst zu sein scheint. Man spürt förmlich das Brett vor der Stirn und die hiesige Arroganz. Zumindest lassen die lauten Töne, die hier unverändert gespuckt werden, keinen anderen Schluss zu. Doch in China wird Merz vermutlich das Hohelied auf die traditionell guten wirtschaftlichen Beziehungen anstimmen. Nach westdeutscher Lesart begannen diese mit der diplomatischen Anerkennung Pekings durch Bonn 1972. Das ist, wie auch bei anderen Rückversicherungen in die Vergangenheit, nicht einmal die halbe Wahrheit.

    US-Präsident Richard Nixon besucht im Februar 1972 die Volksrepublik China – ein historischer Schritt zur Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und China. Im selben Jahr nahm die Bundesrepublik Deutschland offiziell diplomatische Beziehungen mit China auf.

    US-Präsident Richard Nixon besucht im Februar 1972 die Volksrepublik China – ein historischer Schritt zur Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und China. Im selben Jahr nahm die Bundesrepublik Deutschland offiziell diplomatische Beziehungen mit China auf.UIG/imago

    Bekanntlich betrat die Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 die politische Weltbühne, eine Woche später konstituierte sich die DDR als Reaktion auf die zuvor erfolgte Gründung des westdeutschen Separatstaates. Schon am 25. Oktober erkannte China die DDR an, zwei Tage darauf unternahm die DDR den entsprechenden Schritt.

    Das Faksimile des Telegramms des chinesischen Außenministers Zhou Enlai an seinen Amtskollegen Georg Dertinger findet sich im Buch „Botschaftergespräche“ von Konrad Herrmann, das unlängst erschienen ist. Der Text der Depesche ist in der Sprache der Diplomatie, also auf Französisch, ausgefertigt und vom Haupttelegraphenamt Berlin noch auf einem Formular der Deutschen Reichspost zugestellt worden.

    Wenig später schon tauschten die beiden Staaten diplomatische Missionen aus. Das John-Rabe-Museum in Shanghai – einst das Office der Niederlassung von Siemens in China, in die sich während des japanischen Massakers 1937/38 Hunderte Chinesen retteten – zeigt auf einer bunten Bildwand alle (west-)deutschen Staatsgäste Chinas. Am Anfang der Fotogalerie jedoch hängt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme vom 24. Juni 1950: DDR-Diplomaten bei Mao Zedong.

    Leiter der seinerzeitigen Diplomatischen Mission war Johannes König, er sollte schon bald als Botschafter akkreditiert werden. Der 1903 in Arnstadt geborene König war Journalist und mit seiner Frau, einer „staatsgefährdenden Jüdin“, nach wiederholter KZ-Haft 1939 nach Shanghai emigriert. Acht Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück, wo er im Herbst 1947 Chefredakteur der Sächsischen Zeitung in Dresden wurde. Im April 1950 holte man König ins Außenministerium nach Berlin und schickte ihn weiter nach China.

    König blieb bis 1955 als Botschafter in Peking, nebenbei vertrat er sein Land eine Zeit lang auch noch in der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik (KDVR) und in der Demokratischen Republik Vietnam (DRV). Später war er Botschafter in Moskau und danach in Prag, wo König 1966, keine 63 Jahre alt, starb.

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    Briefmarke der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Konterfei von Mao ZedongMatthias Zabanski/imago

    Der DDR kommt Genosse Zufall zu Hilfe

    Bereits im Januar 1950 hatte die DDR-Führung beschlossen, wirtschaftliche Beziehungen mit China zu knüpfen. Dazu wollte man den Umstand nutzen, dass Mao im März Moskau besuchte, um mit Stalin einen Freundschaftsvertrag zu verhandeln. In Berlin wurde eine Delegation in Marsch gesetzt, die mit Maos Entourage in Moskau die Möglichkeiten eines Handelsabkommens mit China ausloten sollte. Dabei kam der DDR der Genosse Zufall zu Hilfe.

    An Stalins Geburtstagstafel wurde Wilhelm Pieck neben Mao platziert. Beim Anblick der Torte erkundigte sich der DDR-Präsident beim Großen Vorsitzenden, wie es um die Zuckerfrage in China bestellt sei. Nicht gut, antwortete der, das im Süden angebaute Zuckerrohr reiche nicht aus, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen. Pieck erzählte ihm etwas über die deutsche Zuckerrübe und dass man über hinlängliche Erfahrung bei deren Verarbeitung verfüge. So kam die Verabredung zustande, im Nordosten Chinas eine Zuckerfabrik zu errichten: Im Oktober 1955 wurde sie in Baotou übergeben. Sie produzierte über Jahrzehnte und nach ihrer Modernisierung in den Achtzigerjahren über 3000 Tonnen Zucker täglich.

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    Zuckerrohrernte im chinesischen ShoushanXinhua Wei Rudai/imago

    Bonn aber sagte „Nö“

    Am 10. Oktober 1950 erfolgte in Peking die Unterzeichnung des ersten Handelsabkommens zwischen beiden Staaten. Es sah einen Warenaustausch im Volumen von 55 Millionen Dollar vor. China wollte vornehmlich Lebensmittel und Rohstoffe liefern, die DDR diese mit Maschinen und Ausrüstungen bezahlen. Allerdings warf ihr die Bundesrepublik Knüppel zwischen die Beine. So sah der Vertrag beispielsweise die Lieferung einer Kohlehydrieranlage zur Benzinproduktion vor, wofür Teile aus der BRD bezogen werden mussten. Bonn sagte aber „Nö“, und Berlin sah sich gezwungen, Peking um die Streichung dieses Postens aus dem Plan zu bitten.

    Trotz der schmalen eigenen industriellen Basis und der Reparationsverpflichtungen gegenüber der Sowjetunion (die BRD war bereits ausgestiegen) errichtete die DDR in den Fünfzigerjahren 40 komplette Fabrikanlagen in China. Am Ende des Jahrzehnts war die ostdeutsche Republik – nächst der Sowjetunion – der wichtigste Handelspartner der Volksrepublik.

    Der bereits erwähnte Konrad Herrmann, ein studierter Maschinenbauer und Sinologe, arbeitete in den späten Achtzigerjahren an der DDR-Botschaft in Peking als Sekretär für Wissenschaft und Technik. Seit 1991 war er in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt tätig und dort an der Kooperation mit der VR China auf dem Feld der Metrologie, der Wissenschaft vom Messen, beteiligt.

    Annäherung gegen den Willen der Sowjetunion

    Der heute 80-Jährige hat im Nachgang die vielfältigen wirtschaftlichen Beziehungen in den 40 DDR-Jahren akribisch recherchiert. Das war nicht einfach, denn es wurden nicht nur über 8000 volkseigene Betriebe von der Treuhand abgewickelt, sondern auch deren Archive geschreddert. Mithilfe von Zeitzeugen und von Mitarbeitern in den Landesarchiven der ostdeutschen Bundesländer war er in der Lage, die – keineswegs spannungsfreie – Zusammenarbeit zu dokumentieren und jetzt auch zu publizieren: „Lokomotiven und Hightech. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der VR China in der Mao-Ära 1949–1978“. Bereits zuvor hatte Konrad Herrmann diese Kooperation in den Achtzigerjahren untersucht und in seinem Buch „Technologietransfer“ veröffentlicht.

    Herrmann kam zu dem Befund, dass die Beziehungen zwischen der DDR und China drei Phasen durchliefen: Den erfolgreichen Fünfzigerjahren folgten die schwierigen Sechziger- und Siebzigerjahre, die im Zeichen des Zerwürfnisses zwischen Moskau und Peking standen. Wie sehr die DDR in diesen Konflikt eingebunden war, obgleich er nicht der ihre war und auch nicht von ihr gewollt wurde, illustriert die Tatsache, dass die chinesische Seite die Annahme des Kondolenztelegramms der DDR-Führung zum Tode Mao Zedongs 1976 verweigerte. Und dass von 1967 bis 1969, während der Kulturrevolution, die VR China in der DDR keinen Botschafter hatte und sich nur durch einen Geschäftsträger a.i. vertreten ließ.

    In den Achtzigerjahren, der dritten Phase, kam es wieder zu engen Beziehungen. Diese neuerliche Annäherung erfolgte gegen den Willen der Sowjetunion, sie war auch nur durch deren ökonomische Schwäche möglich geworden. Die DDR, namentlich Honecker, war diesbezüglich sehr aktiv. Es entsprach auch dem Wunsch der chinesischen Seite, die sich nach 1978 unter dem Einfluss von Deng Xiaoping grundlegend zu verändern begann. Die DDR lieferte Schiffe und Schienenfahrzeuge, Maschinen und chemische Erzeugnisse sowie Know-how im Rahmen ihrer objektiv begrenzten Kapazitäten, die zudem noch von Forderungen aus der Sowjetunion eingeschränkt wurden.

    Montage und Betrieb inklusive

    Unterm Strich lässt sich konstatieren: Die DDR – nicht die Bundesrepublik – leistete maßgebliche Hilfestellung am Beginn des Aufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht. Der noch immer unverändert gute – wenngleich schwindende – Ruf deutscher Waren und das Ansehen Deutschlands in China haben Wurzeln, die über 1972 hinausreichen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg fanden Erzeugnisse zum Beispiel von Krupp, Siemens und Zeiss in China eine hohe Anerkennung. In den Fünfzigerjahren jedoch setzten DDR-Betriebe diese Traditionen nicht nur fort, sondern schufen auch neue Maßstäbe.

    Vergessen wir nicht: Erst zu Beginn der Siebzigerjahre nahm die BRD diplomatische Beziehungen zur VR China auf. Westdeutsche Unternehmen, die dann kamen, profitierten nachweislich von der Vorarbeit der DDR. Erst ab jener Zeit wurden auch die Wirtschaftssanktionen der westlichen Industriestaaten gegen China allmählich gelockert. Bis dahin bezog China von der DDR fortschrittliche Technologien und Erzeugnisse, die das Land woanders nicht erhielt. Und die DDR lieferte, sofern nicht das Schisma zwischen Moskau und Beijing und der Kalte Krieg dies gelegentlich verhinderten.

    Die aktiven Beziehungen zwischen (Ost-)Deutschen und Chinesen wiesen noch eine Besonderheit auf. Darauf macht Herrmann in seinen Publikationen ebenfalls aufmerksam. Die DDR schickte nicht nur komplette Fabrikanlagen und Ausrüstungen, sorgte für deren Montage und den Betrieb in China, wozu sie Hunderte Fachleute entsandte. Sie bildete vor Ort und in der DDR auch Tausende chinesische Fachkräfte aus. Und, das belegen verschiedene Untersuchungen der DDR-Beziehungen auch zu anderen Staaten, die ostdeutsche Republik war als Entwicklungshelfer und Partner immer willkommen, weil sie – anders als die Sowjetunion oder die Bundesrepublik – weder dominant noch paternalistisch auftrat.

    Daran hat sich allenfalls geändert, dass die DDR verschwunden ist. Der westliche Hochmut ist geblieben. Vielleicht ändert sich das einmal. Doch Nenas eingangs zitierter Song scheint angesichts der Äußerungen aus Berlin noch immer programmatisch für die deutsche erratische Außenpolitik zu sein: „Irgendwie, irgendwo, irgendwann.“

    Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost.

    #DDR #Chine #histoire

  • Warum in der DDR mehr Kinder geboren wurden als im Westen
    https://www.telepolis.de/article/Warum-in-der-DDR-mehr-Kinder-geboren-wurden-als-im-Westen-11170198.html

    Heute nur noch museal : Interieur eines DDR-Kindergartens Bild : Kiev.Victor, shutterstock

    Quand le niveau de vie baisse, quand l’avenir est incertain, les gens font moins d’enfants. En #RDA la natalité a atteint un niveau inégalé dans les pays dits développés. La base de phénomème historique ont été l’aide de l’état pour les familles et les mères seules, les postes de travail stables, l’absence de chômage et la perspective d’un meilleur avenir. La dissolution de l’état socialiste, une conséquence de son integration dans l’économie capiataliste internationale et de sa gestion par les vieux stalinistes, a fait chuter la natalité à un niveau aussi historique.

    13.2.2026 von Uwe Kerkow - Die #DDR steigerte ihre Geburtenrate auf 1,9 Kinder pro Frau, während der Westen bei 1,4 stagnierte. Das Erfolgsrezept war simpel. Eine Analyse.

    Der demografische Winter kommt und die Bevölkerung in Deutschland wird älter. Die Westdeutschen sind heute im Schnitt 44,5 Jahre alt, die Menschen in den fünf neuen Ländern 47,6 Jahre.

    Dabei sah es in der DDR zeitweise ganz anders aus. Zwar erlebte die DDR in den 1970er Jahren zunächst einen Geburtenrückgang – genau wie die Bundesrepublik. Während die BRD diesen Bevölkerungsschwund durch gezielte Anwerbung von Gastarbeitern ausglich, reagierte Ostberlin mit einem umfassenden familienpolitischen Programm.

    Auf ihrem achten Parteitag 1971 beschloss die SED ein Paket aus verschiedenen Maßnahmen: Das Kindergeld wurde angehoben, die Kinderbetreuung massiv ausgebaut. Besonders wirksam waren die sogenannten Ehekredite. Diese ließen sich mit jedem geborenen Kind teilweise tilgen – beim dritten Kind waren sie sogar komplett getilgt.

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    SED-Familienpolitik wirksam

    Familien erhielten zudem schneller Wohnungen und Autos, wurden beim Bezug von Urlaubsreisen bevorzugt. Bis 1975 besuchten bereits über 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen sozialistische Betreuungseinrichtungen.

    Und die Maßnahmen zeigten Wirkung: Die Geburtenrate stieg auf 1,9 Kinder pro Frau. Demografen bezeichnen dieses Phänomen heute abfällig als „Honecker-Buckel", benannt nach dem damaligen SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. In Westdeutschland verharrte die Rate dagegen bei 1,4 Kindern.
    Mütter jünger; selten kinderlos

    Die DDR-Familienpolitik prägte die Gesellschaft nachhaltig. Die Frauen bekamen nicht nur mehr Kinder als im Westen, sondern wurden auch im Schnitt drei Jahre früher Mutter. Eine Familie zu gründen, galt in der DDR als normaler als in der BRD. Der Anteil kinderloser Frauen lag 1989 im Osten bei nur sieben Prozent, im Westen dagegen bei 18 Prozent.

    Besonders auffällig war der hohe Anteil außerehelicher Geburten. Weil praktisch alle Frauen in der DDR einer bezahlten Arbeit nachgingen, waren sie wirtschaftlich unabhängiger als im Westen. Sie konnten daher leichter auch ohne Trauschein oder versorgenden Lebenspartner Kinder bekommen.
    Bedeutend mehr uneheliche Kinder

    Unverheiratete Frauen konnten bereits beim ersten Kind eine einjährige Erziehungspause bei voller Lohnfortzahlung einlegen, verheiratete erst beim zweiten Kind. Zum Ende der DDR lag der Anteil unehelich geborener Kinder bei 30 Prozent, im Westen bei zehn Prozent. Diese unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen blieben auch nach der Wende erhalten: 2016 lag die Quote im Osten bei 62 Prozent, im Westen bei 29 Prozent.

    Allerdings verlor die DDR-Familienpolitik mit Beginn der 1980er Jahre ihre Wirkung und die Geburtenrate sank wieder.
    Wiedervereinigung als Babyschreck

    Neun Monate nach der Wiedervereinigung sackte die Geburtenrate rapide ab und erreichte bald einen Wert von knapp 0,8 Kindern je Frau. Dies war der niedrigste Wert, der jemals außerhalb von Kriegszeiten in einem ehemaligen Land gemessen wurde.

    Der Rückgang geht vor allem auf die wirtschaftlichen Unsicherheiten und gesellschaftlichen Umbrüche der Nachwendezeit zurück. Viele junge Frauen entschieden sich, mit dem Kinderkriegen abzuwarten. So näherte sich das Alter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes schnell dem um drei Jahre höheren Westwert an.

    In dieser Zeit sank die Zahl der Neugeborenen im Osten auf die Hälfte. Über 2.000 Schulen mussten geschlossen werden. Ende der 2000er Jahre erlebten die neuen Bundesländer einen Mangel an Auszubildenden, dann an Studenten und heute an Menschen, die Familien gründen.
    Warum junge Menschen keine Kinder wollen

    Die Gründe für die niedrigen Geburtenraten sind vielfältig. Der Ifo-Forscher Joachim Ragnitz verweist darauf, dass Krisen wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg besonders bei jungen Menschen Unsicherheiten auslösen. Auch steigende Energiepreise und Inflation sorgen dafür, dass Kinderpläne aus materiellen Gründen aufgeschoben werden.

    Eine aktuelle Studie der Universität Uppsala in Schweden zeigt, dass sich immer mehr Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden. Demnach ist jede vierte Frau entweder über einen Kinderwunsch unsicher oder hat sich bereits dagegen entschieden. 2014 war das nur bei jeder zehnten Frau der Fall.

    Als Gründe nannten die Frauen den Wunsch nach Selbstbestimmung, gesundheitliche Bedenken, die Wertschätzung ihrer Freiheit, wirtschaftliche Gründe sowie die Sorge um Überbevölkerung und Klimawandel.

    Einer Studie der Dualen Hochschule Gera-Eisenach zufolge machen Frauen in Deutschland sehr ähnliche Gründe geltend: Es geht ihnen um Selbstbestimmung und alternative Zeitnutzung, nicht primär um die Karriere. Die Studie widerlegt auch das Vorurteil, kinderlose Frauen würden ihre Entscheidung später bereuen oder im Alter einsamer sein. 70 Prozent von ihnen leben in einer Partnerschaft.
    Honeckerbuckel – könnten wir das auch?

    Bleibt die Frage, ob Maßnahmen, wie sie die DDR-Regierung in den 1970er Jahren ergriffen hat, heute in Gesamtdeutschland umsetzbar wären. Die Antwort muss eindeutig negativ ausfallen, solange sich die Verhältnisse hierzulande nicht bedeutend ändern.

    Zum einen konnte die SED ihre Politik – Wohnungsvergabe, Arbeitsplatzsicherheit, Kita‑Plätze als Normalfall – zentral und flächendeckend durchsetzen, was im heutigen marktwirtschaftlichen System, in denen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegeneinander in Stellung gebracht werden, politisch und rechtlich nur sehr begrenzt möglich ist.
    Bessere Familienpolitik, weniger Kinderarmut

    Zudem machen hohe Wohnkosten in Städten und die Rekordarbeitslosigkeit bei gleichzeitig fortschreitender Zusammenstreichung des sozialen Sektors die Gründung einer Familie zu einer schwierigen und riskanten Sache.

    Doch einzelne Elemente ließen sich durchaus übernehmen: Eine verlässliche, kostenlose Ganztags-Betreuung, gezielte Wohn- und Kredithilfen für Familien, steuerliche Begünstigung und die gezielte Unterstützung von Eltern und vor allem von Alleinerziehenden sowie familienfreundliche Arbeitszeiten könnten helfen.

    Eine solche Politik würde gleichzeitig erheblich dazu beitragen, die grassierende Kinderarmut zu mindern.

  • Mauerfall 1989 – Konzert für Berlin
    https://www.youtube.com/watch?v=vARrG-9-Y0Y

    En novembre 1989 La wall city fête sa fin.

    26.11.2014 - Wolfgang Niedecken speaks about the “Concert for Berlin”:

    For the very first time, and to celebrate the 25th anniversary of the fall of the Berlin Wall, Universal Music’s ‘Panorama’ label released a special digitally re-mastered highlights album from the historic 1989 ‘Concert for Berlin’.

    Only hours after the gates of the Berlin Wall had been opened to elated East Germans, the staff at Radio Free Berlin (SFB) organised a free welcome concert for the first-time visitors. Two days later the SFB would undertake a live broadcast of that entire 11-hour-long concert, featuring 20 rock and pop artists, all performing to an audience estimated at 50,000. The recordings of the event were only recently unearthed in the archives of the SFB’s successor station Radio Berlin-Brandenburg and have never been released.

    The line-up included Joe Cocke, Melissa Etheridge and performances by West German stars Udo Lindenberg, Nina Hagen, Konstantin Wecker, Wolfgang Niedecken and BAP. Performers from the East include Die Zöllner, Silly and Pankow.

    Konzert für Berlin – Wikipedia
    https://de.wikipedia.org/wiki/Konzert_f%C3%BCr_Berlin

    Erst am 31. Oktober 2014 (zum 25-jährigen Jubiläum) erschien unter dem Titel Mauerfall - Das Legendäre Konzert Für Berlin ’89 ein Auszug des Konzertmitschnitts (Laufzeit 69 min inklusive der Live-Moderation durch Steffen Simon) auf CD.

    Nina Hagen
    https://www.youtube.com/watch?v=nbqz5CxVEpc

    Hagen’s performance at the Konzert fur Berlin that celebrate the fall of the Berlin wall, with an interview and 3 songs : “TV Glotzer” (ich glotz TV), “Michail Michaeil” and “Ave Maria”.

    #musique #Berlin #histoire #DDR #Berlin-Ouest #mur

  • To Give Birth or Not to Give Birth
    https://jacobin.com/2026/01/birth-rates-children-pronatalism-gender

    Pronatalist and antinatalist positions are becoming magnified in reaction to falling birth rates. Both miss aspects of a deeper problem: care being privatized, moralized, and foisted onto the family unit alone. (Billie Weiss / Boston Red Sox / Getty Images)

    Les chef de l’état socialiste allemand #DDR considéraient la famille comme noyau du socialisme. Pourtant à cause des nécesdités économiques et à cause de l’influence des féministes prolétaires ils considéraient la prise en charge collectuve des enfants et des femnes enceintes comme élément clé de la nouvelle société. L’avortement autorisé, gratuit et facilement accessible la décision d’avoir ou non des enfants fut une décision á prendre librement par les femnes et les familles.

    18.1.2026 by Evelina Johansson Wilén - Global fertility decline has made reproduction a site of reactionary family policies and moralized childlessness. But a healthy society would let people choose to have children or not without turning that choice into a moral adjudication.

    In her book The Argonauts, Maggie Nelson describes pregnancy as an experience marked by a peculiar duality. On the one hand, it is deeply transformative, bodily alien, sometimes almost incomprehensible to the person undergoing it. On the other hand, pregnancy is one of the most socially accepted — nearly invisible — states one can inhabit. The same paradox applies to parenthood. At a societal level, it appears as an almost self-evident life choice: something statistically expected of most people and silently assumed as a precondition for the survival of the state and the welfare system. Yet for the individual, the decision to become a parent is rarely self-evident. On the contrary, it is often one of the most far-reaching and irreversible decisions a person can make, saturated with hope, anticipation, fear, and anxiety. Having children is simultaneously norm and exception, routine and existential leap.

    In a time marked by economic and political uncertainty, fewer and fewer people are taking that leap. Birth rates are falling, and what long appeared stable now looks fragile. In 2024, the Swedish government appointed a commission on “A Future with Children” after the fertility rate dropped to around 1.4 children per woman — a historic low, not seen since the eighteenth century. This development is far from unique. Declining fertility has become a global pattern, particularly pronounced in high-income countries but increasingly visible in parts of Asia and Latin America as well. Across much of Europe and North America, fertility lies well below replacement level, with Italy, Spain, and South Korea as extreme cases. Even countries long associated with high birth rates, such as India, have seen sharp declines. Only parts of sub-Saharan Africa maintain relatively high fertility rates, though even there a downward trend is evident.

    This is therefore not a cultural quirk or national anomaly but a worldwide shift with profound implications for the global economy and future systems of care. Ultimately, it reflects how political instability and increasingly conditional promises of the future intervene in the most basic of human decisions. A 2025 report from the Swedish Trade Union Confederation (LO) shows that young working-class households often postpone or forgo having children due to economic precarity and fear of future hardship. Other studies suggest that climate anxiety also affects people’s willingness — or courage — to take the existential leap of parenthood.

    Fewer births pose problems, particularly for the state. Over time, low fertility produces aging populations, placing pressure on pension systems, health care, and the balance between working and dependent populations. In capitalist economies dependent on growth and labor supply, this is often framed as a systemic threat: fewer workers, a shrinking tax base, weaker growth. As the future of the capitalist welfare state appears increasingly uncertain, reproduction reemerges as an explicit political problem. Governments speak of the need to “enable” childbearing, while a different language gains traction — one focused on demographic balance, dependency ratios, and future labor supply.
    The Repoliticization of Reproduction

    This framing is not merely economic or administrative. Falling birth rates are frequently nationalized, as when Hungarian prime minister Viktor Orbán, at the Budapest Demographic Summit, criticized Western countries for addressing population decline through immigration and instead advocated aggressive pronatalist family policies. Anxiety over the nation’s future fuels restrictive immigration regimes alongside efforts to steer reproduction through financial incentives, moralizing discourse, and, in some cases, direct curtailments of women’s reproductive rights. In countries such as the United States and Poland, the “pro-life” movement has made alarming advances. By August 2024, seventeen US states had enacted sweeping abortion bans, some as early as six weeks into pregnancy. Poland allows abortion only in cases of rape, incest, or threat to the woman’s life — rendering access practically impossible for most.

    These assaults on bodily autonomy coincide with the normalization of the “great replacement” conspiracy theory, which claims that white populations in Europe and North America are being deliberately replaced by nonwhite migrants. This ideology fuels a politics that restricts reproductive rights for some while encouraging reproduction among others to preserve a white demographic majority. Here the nuclear family becomes a political instrument, mobilized in service of an exclusionary and racist vision of society. Reactionary family policy is never for all families — only for certain ones. While the great replacement theory is often associated with fringe extremism, it has pedigreed antecedents: at the 1965 United Nations World Population Conference, “overpopulation” was framed as a central global problem, and population control measures targeting the Global South were actively promoted.

    At the same time, as welfare states retreat, we see a clear trend toward the “refamilialization” of social reproduction — the shifting of care responsibilities back onto families. When public services such as childcare, eldercare, health care, and income support are cut or privatized, the burden falls on private households. The family becomes a central node in the social safety net, concentrating economic support, physical care, and emotional labor within the same unit. This development reinforces traditional gender roles. Women, who already perform the majority of unpaid care work globally, are disproportionately affected, while social inequalities deepen as resource-poor families struggle to meet rising demands.
    The Pronatal Position

    A crucial blind spot of pronatalist policy is unpaid female care labor. Pronatalism focuses on births, not on the long-term labor of care that children require. Care is treated as a logistical issue to be solved by institutions, markets, or private families. But care is relational, time-consuming, and emotionally demanding. When states call for more children without renegotiating how care is distributed, they reproduce a gendered division of responsibility. Women are expected not only to give birth but to shoulder most of the labor that follows. Pronatalism thus fits into a broader pattern in which reproductive labor is rhetorically acknowledged but practically devalued — treated as an invisible background condition.

    Pronatalism is hardly new. Throughout the twentieth century, population policy was central to many states’ self-understanding, often intertwined with nationalism, pseudoscientific racism, and social engineering. Fascist Italy launched a “Battle for Births” in the 1920s and ’30s, linking women’s reproduction directly to national strength, offering incentives for large families while criminalizing contraception and abortion. The Soviet Union introduced pronatalist measures during and after World War II to offset demographic losses, including taxes on childless adults. Nazi Germany fused family policy and racial ideology, rewarding “Aryan” reproduction while violently excluding others.

    Given this history, pronatalism appears unequivocally reactionary. Yet it can also be understood differently. Any society, regardless of its political system, depends on people being born and caring for one another. From this perspective, concern over declining fertility can be linked to traditions of welfare and feminist politics rather than racial discipline or authoritarian control. The key question becomes why people do not have children — and how states might make family formation easier without coercion.

    In “After the Family Wage: Gender Equity and the Welfare State,” feminist political theorist Nancy Fraser distinguishes between different welfare state regimes. In the male breadwinner model, childbearing is enabled through women’s economic dependence and unpaid care labor, excluding them from full participation in paid work. The universal breadwinner model promotes women’s employment without reorganizing care, producing a double burden and privatizing the problem of reproduction. Only the caregiver parity (or dual-earner-dual-carer) model — which socializes care through public childcare and generous parental rights — creates real conditions for combining work and childbearing by recognizing care as a collective responsibility. In such contexts, women are more likely to have children. Sociologist Gøsta Esping-Andersen similarly argues that both deeply traditional and genuinely egalitarian societies tend to have higher fertility, while societies caught between declining patriarchy and incomplete gender equality experience falling birth rates. Where ideals and material conditions clash, the nuclear family falters; where they align, it thrives.

    These ideas shaped feminist family policy aimed at building a “women-friendly state,” shifting responsibility for care and provision from private families to public institutions through individual rights, expanded care services, and gender equality policies. Yet this tradition has increasingly been dismissed as tepid reformism or disguised heteronormativity — criticized for failing to challenge the nuclear family and reproduction as ideals.
    Family Abolitionism and Antinatalist Ethics

    As reproduction becomes a political flash point across the spectrum, an opposing tendency has gained visibility: family abolitionism and antinatalism. These currents reject both conservative and traditional feminist family politics. Family abolitionists argue that the nuclear family reproduces gender oppression and capitalism itself, socializing individuals into capitalist subjects and supplying labor power. From this perspective, abolishing the nuclear family is essential to anti-capitalist struggle. Any pro-family rhetoric is seen as inherently reactionary — what writer Dustin Guastella calls a “nuclear weapon” that must be dismantled.

    Antinatalism goes further, questioning whether it is ethical to bring children into the world at all. Reproduction appears not as a contribution to the future but as a moral problem: another life that will consume resources, generate emissions, and inevitably suffer amid ecological collapse and political instability. In climate debates, this has taken the form of movements like BirthStrike, urging people to forgo parenthood as climate action, as well as philosophical arguments such as David Benatar’s claim that it is always better never to be born. These ideas resonate in contemporary lifestyle discourse, where childlessness is framed as an enlightened, responsible choice — a refusal to burden an already strained system.

    Both family abolitionism and antinatalism articulate alternative ethics of responsibility beyond the call to reproduce society through the nuclear family. Abolitionists urge us to rethink solidarity and care beyond exclusive family units, arguing that the nuclear family blocks more collective and inclusive forms of care while promoting possessive, antisocial relations. Antinatalism frames childlessness as moral action — sometimes as solidarity with future generations — redefining responsibility as refusal rather than reproduction.
    Reproduction, Guilt, and Moral Economy

    A striking feature of pronatalist, antinatalist, and abolitionist discourses alike is how reproduction becomes saturated with guilt. Pronatalism frames childlessness as withdrawal and free riding. Antinatalism casts parenthood as irresponsible harm. Abolitionism condemns exclusive familial attachment as selfish possessiveness. This moralization reflects a broader moral economy in which responsibility is increasingly framed as individual choice rather than collective arrangement. Reproduction becomes a decision to be justified before an imagined moral ledger — to the state, the planet, or future generations. Yet these future generations often function as political fictions, mobilized to legitimize action or inaction in the present while lacking agency themselves. When reproduction is reduced to utility — national, economic, or ecological — something essential is lost. Children become either investments or liabilities. What disappears is the question of what it means to live through relationships that cannot be reduced to instrumental value.

    Is it possible to think about reproduction without falling into pronatalist or antinatalist calculus — and without dismissing people’s desire for family as false consciousness? I suggest that we treat reproduction as an existential choice: one some people want to make, others do not, without either choice being morally superior by default. This choice is always shaped by political and social conditions. Sometimes refusing reproduction is a response to conditions that make a dignified life difficult. But the most effective way to change those conditions is not to regulate reproduction through norms or calculations but to expand people’s political capacity to choose what they want — grounding reproductive decisions in meaning, relationships, and life projects rather than imperatives.

    Such a politics is simultaneously pro- and anti-natalist. It acknowledges the ambivalence of reproduction: that it can be meaningful for some and constraining for others. A noninstrumental approach does not deny the political dimensions of parenthood but refuses to reduce it to a means — whether for national survival, economic growth, or ecological management. Responsibility, then, is not about maximizing or minimizing birth rates, but about creating conditions in which relationships can be formed and sustained without systematically sacrificing certain bodies or groups.

    Reproduction thus becomes not merely a matter of family policy, but an ethical and existential project — a way of shaping our lives together in a shared world, where we are allowed to take, or refuse, the existential leap of giving birth. To make that possible, we don’t need anti- or pronatalist politics, but a just society.

    #société #enfants #réproduction #grossesse #famille #état_de_providence #natalité #démographie #socialisme

  • DDR-Pflichtfach in Berlin auf der Kippe : Massive Kritik an Plänen für Geschichtsunterricht
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/mauerfall-im-klassenzimmer-wird-in-berlin-das-ddr-pflichtfach-abges

    Les lycéens berlinois profiteront de la suppression d’une année d’indoctrination anticommuniste avant le baccalauréat. Les associations de profs conservateurs et la fondation anticommuniste du Bund Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur s’insurgent. On pourrait passer sur cet événement mineur, mais il montre à quel point le fonctionnement du lycée est menacé par les défis qu’on refuse d’accepter depuis longtemps.

    15.1.2026 von Oliver Weinlein - Berlin war das Zentrum der Teilung, doch ausgerechnet hier soll die DDR-Geschichte in der Oberstufe wegfallen können. Lehrerverbände protestieren.

    Berlin gilt als das Zentrum der deutschen Zeitgeschichte. Kaum eine andere Stadt ist so tief mit den Narben zweier Diktaturen des 20. Jahrhunderts gezeichnet wie die heutige Hauptstadt. Ob als Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit, als Brennpunkt des Kalten Krieges oder als Ort der Friedlichen Revolution – die Spuren der SED-Diktatur sind im Stadtbild allgegenwärtig.

    Kaum verwunderlich also, dass eine geplante Reform der gymnasialen Oberstufe für erhebliche Unruhe unter Historikern und Pädagogen sorgt. Es steht die Befürchtung im Raum, dass künftige Abiturienten die Schule verlassen könnten, ohne vertiefte Kenntnisse über die deutsche Teilung und die DDR erworben zu haben.
    Kritik an der Herabstufung zum Wahlthema

    In einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) wird die Debatte um den Geschichtsunterricht in Berlins Oberstufe detailliert beschrieben. Im Streit geht es weniger um den neuen Rahmenlehrplan selbst, sondern um die Frage, was am Ende für alle verpflichtend ist. Denn nach den Plänen der Bildungsverwaltung soll Geschichte in der gymnasialen Oberstufe künftig nur noch in den ersten beiden Kurshalbjahren verbindlich belegt werden.

    Genau das alarmiert Historiker und Pädagogen: Die beiden späteren Kurshalbjahre, in denen im Berliner Lehrplan die deutsche Teilung, die DDR und im Anschluss Erinnerungskultur und Aufarbeitung verankert sind, könnten viele Schüler dann gar nicht mehr erreichen. Nationalsozialismus und Weimarer Republik bleiben dagegen im Pflichtteil der ersten beiden Halbjahre fest abgesichert. Der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur warnen deshalb in einem offenen Brief an Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) vor einer faktischen Abwertung der DDR-Geschichte und fordern eine Korrektur der Belegpflicht.

    Widerspruch zu politischen Zielsetzungen

    Die geplante Neuregelung steht nach Ansicht der Fachverbände in deutlichem Widerspruch zum geltenden Koalitionsvertrag des schwarz-roten Senats. Darin sind die Stärkung der Erinnerungskultur und die Vermittlung der Geschichte von Diktatur und Demokratie ausdrücklich als zentrale Aufgabe verankert.

    Besonders kritisch wird bewertet, dass Berlin im Vergleich zu Brandenburg einen Sonderweg einschlägt, wo die DDR-Geschichte in der Oberstufe weiterhin über vier Kurshalbjahre verbindlich verankert ist. Da der Geschichtsunterricht in der Mittelstufe in Berlin ohnehin oft nur einstündig oder in Fächerverbünden erteilt wird, käme der Oberstufe eine entscheidende Rolle bei der vertieften historischen Einordnung zu.

    Die Landesvorsitzende des Geschichtslehrerverbandes, Lea Honoré, fordert deshalb eine Angleichung an das Brandenburger Modell mit vier verbindlichen Semesterthemen. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung findet sie deutliche Worte: „Das ist dramatisch für eine Stadt wie Berlin, für die die DDR-Geschichte so zentral ist. Gerade in der heutigen Zeit muss ein besonderes Augenmerk auf Verständnis und Erhalt der Demokratie gelegt werden.“
    Bildungsverwaltung prüft die Einwände

    Die Kritik der Experten ist in der zuständigen Senatsverwaltung angekommen. Auf Anfrage dieser Zeitung signalisierte die Behörde Gesprächsbereitschaft hinsichtlich der künftigen Ausgestaltung der Lehrpläne.

    Martin Klesmann, der Pressesprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, äußerte sich dazu wie folgt: „Die Senatorin hat den offenen Brief des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gestern erhalten und gelesen. Die darin angesprochenen Hinweise nehmen wir zum Anlass, den betreffenden Sachverhalt nochmals in den Blick zu nehmen.“

    Damit bleibt vorerst offen, ob die Senatsverwaltung die Verbindlichkeit des Themas DDR-Geschichte in der Oberstufe doch noch festschreiben wird, um eine Marginalisierung der jüngsten deutschen Vergangenheit im Berliner Abitur zu verhindern.

    #Berlin #éducation #lycée #histoire #DDR #RDA

    • DDR-Geschichte bleibt doch Pflichtstoff an Berliner Schulen
      https://www.berliner-zeitung.de/news/ddr-geschichte-bleibt-doch-pflichtstoff-an-berliner-schulen-li.1001

      26.1.2026 von Eva Maria Braungart - An den Plänen von Katharina Günther-Wünsch gab es scharfe Kritik. Nun rudert sie zurück und ändert die Pläne für die gymnasiale Oberstufe.

      Die Geschichte der DDR bleibt doch Pflichtstoff in der gymnasialen Oberstufe in Berlin. Wie die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie auf Anfrage mitteilte, nahm die Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die scharfe Kritik an der geplanten Reform zur Kenntnis.

      Bei der Debatte um die Reform geht es unter anderem darum, welcher Stoff für alle verpflichtend sein soll. Nach den Plänen der Bildungsverwaltung soll Geschichte in der gymnasialen Oberstufe künftig nur noch in den ersten beiden Kurshalbjahren verbindlich belegt werden.
      DDR-Geschichte nicht mehr verpflichtend? Scharfe Kritik

      Nationalsozialismus und Weimarer Republik sollen in diesen Halbjahren behandelt werden. Die späteren Kurshalbjahre, in denen im Berliner Lehrplan die deutsche Teilung, die DDR und im Anschluss Erinnerungskultur und Aufarbeitung thematisiert werden, soll nicht mehr verpflichtend sein.

      Die Reformpläne sorgten für scharfe Kritik. Der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur warnten deshalb in einem offenen Brief an Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) vor einer faktischen Abwertung der DDR-Geschichte und fordern eine Korrektur der Belegpflicht.

      Die in einem offenen Brief angesprochenen Kritikpunkte „wurden zum Anlass genommen, die vorgesehenen Regelungen gemeinsam mit der Fachpraxis einzuordnen und ihre Umsetzung zu präzisieren“, so ein Sprecher der Senatsverwaltung.

      In einem fachlichen Austausch am Freitag habe sich Günther-Wünsch und die Vorsitzende des Berliner Landesverbands der Geschichtslehrerinnen und -lehrer auf eine „Konkretisierung der Belegverpflichtung unter Berücksichtigung rechtlicher wie schulorganisatorischer Rahmenbedingungen“ verständigt.

      Neuer Plan: So sollen Schüler doch DDR-Geschichte lernen

      Alle Schüler belegen verpflichtend die Kurshalbjahre Q2 (Weimarer Republik und Nationalsozialismus) sowie Q3 (Welt nach 1945). Damit bleibe „die Behandlung zentraler Kapitel der deutschen Geschichte, einschließlich der Zeit nach 1945 und somit der deutschen Teilung, verbindlicher Bestandteil des Geschichtsunterrichts in der gymnasialen Oberstufe“.

      In Kursen, in denen Schüler mit unterschiedlicher Belegdauer (zwei oder vier Semester) gemeinsam unterrichtet werden, werde die zeitliche Zuordnung der Inhalte des neuen Rahmenlehrplans Geschichte flexibler gestaltet. Konkret bedeutet dies: Im ersten Jahr der Qualifikationsphase werden die Themen der Kurshalbjahre Q2 und Q3 behandelt. Im zweiten Jahr folgen die Inhalte der Kurshalbjahre Q1 (Umbrüche und Revolutionen) sowie Q4 (Erinnern und Gedenken). Die Verordnung über die gymnasiale Oberstufe (VO-OG) werde entsprechend präzisiert.

  •  »Weltmacht DDR« : Alles Schlechte kommt aus der DDR-Kinderkrippe
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196195.zeitschrift-fuer-ideengeschichte-weltmacht-ddr-alles-schlechte-ko


    Les communistes de l’Allemagne de l’Est sont les Fantômas du 21ème siècle.

    15.12.2025 von Jakob Hayner - Die aktuelle Ausgabe der »Zeitschrift für Ideengeschichte« widmet sich der »Weltmacht DDR«

    Als Heiner Müller in den Alpen war, so besagt eine Anekdote, schmiss er Ostmark von einem Gipfel. Damit sich die Archäologen eines Tages über die Ausmaße der DDR wundern, so die überraschende Begründung des Dramatikers.

    Nimmt man die aktuelle Ausgabe der »Zeitschrift für Ideengeschichte« zur Hand, scheint die Verwunderung bei den Kulturwissenschaftlern und Historikern schon eingesetzt zu haben. »Weltmacht DDR« lautet der Titel der Neuvermessung, mit Erich Honecker im Citroën CX auf dem Cover. Wie ist das mit der Weltmacht zu verstehen? Zunächst im Sinne einer zugeschriebenen »posthumen Geschichtsmacht«, wie die Herausgeber Christian Neumeier und Danilo Scholz schreiben. »Mehr als 30 Jahre nach ihrem Untergang steht die DDR im Zenit ihrer Macht.« Zumindest im bundesrepublikanischen Bewusstsein, das die eigenen Pathologien nur mit einer Rückverlagerung in den Einflussbereich sozialistischer Staatsmacht zu erklären vermag. »Seit 1990 hat der autoritäre Charakter seinen Hauptwohnsitz nur noch in den neuen Bundesländern«, pointieren Neumeier und Scholz diese Geisteshaltung.

    Sehr treffend nimmt zum Beispiel Stephan Papst die jüngste ostdeutsche Genreliteratur von Anne Rabe bis Hendrik Bolz auseinander. Die These des Literaturprofessors aus Halle an der Saale ist, dass Literatur über den langen Schatten der DDR zu einem Verkaufsschlager mit vorgefertigter Vorurteilsstruktur geworden ist. »Der Dreiklang Osten/Gewalt/Nazi hat sich zu einem literarisch erwartbaren Topos verdichtet«, schreibt Papst. »Er ist zum Element eines in Teilen ideologisch motivierten Genres geworden und kommt einer Erwartungshaltung entgegen, die oft weniger Aufklärung als Bestätigung sucht.« Alles Schlechte kommt aus der DDR-Kinderkrippe, so das Muster.

    Zur Krippe schreibt die Historikerin Yanara Schmacks einen erhellenden Beitrag, der sich den Kampagnen gegen die Kindererziehung im Osten widmet. Und zu dem Schluss kommt, dass aus »westlicher Perspektive nicht die DDR, sondern die BRD als rückständiger, illiberaler Sonderfall« erscheint. Nur lässt sich damit kein überschaubares literarisches Talent vermarkten.

    Ein brillantes Essay von Thomas Meaney, Redakteur bei »New Left Review« und »Granta«, hat Mitherausgeber Scholz ins Deutsche übersetzt. Meaney untersucht in »Die 89er. Lehrjahre einer Deutungselite«, wie eine Klasse von Meinungsmachern durch den »Mauerfall« zur Meinungsmacht werden konnte. Im Journalismus und in NGOs zu Hause haben die 89er sich in »ihrer Rolle als zeithistorische Hofberichterstatter eines siegreichen Liberalismus gefallen«, so Meaney. Und durch ihre Zivilgesellschaftsfolklore einen unpolitischen Begriff des Politischen geprägt. »Vielleicht besteht das eigentliche Erbe der 1989er darin, einen Begriff von Politik als Sphäre widerstreitender Interessen aus dem öffentlichen Diskurs weitgehend retuschiert zu haben.«

    Man treffe außerdem immer dann auf die 89er, sobald »eine Gesellschaft als ›totalitär‹ bezeichnet wird, um sie für eine westliche Intervention publizistisch sturmreif zu schießen«, schreibt Meaney. Für ihn hängt der Menschenrechtsidealismus der 89er so sehr in der Luft, dass nur Bomber ihn erreichen. Doch mit der Krise des Liberalismus scheint nun auch die Dämmerung der 89er-Intelligentsia anzubrechen.

    Neben meinungsstarken Eingriffen in den Ost-West-Diskurs gibt es auch einige hübsche Fundstücke aus dem untergegangenen Staatssozialismus. So lässt sich Dietmar Daths Hymne auf den DDR-»Fernsehroman« – wir nennen es heute: Serie – kaum anders verstehen, als dringlichst noch die DVD-Box von Frank Beyers »Die sieben Affären der Doña Juanita« auf den Wunschzettel für Weihnachten zu setzen. Dass Dath dabei nicht nur über die Serie schreibt, sondern auch über alles, was man sonst noch über Politik damals und heute wissen muss, versteht sich fast von selbst. Muss man lesen!

    Sehr lesenswert sind auch Peter Richters »Die Quadratur der Platte« oder Martin Sabrows »Honecker in Chile«. Einen besonderen Archivfund präsentiert Ulrich von Bülow: Es handelt sich um die Antwortschreiben zu einer Umfrage des Kulturministers, welche zehn Bücher im »Leseland« DDR unbedingt zu empfehlen wären. Es antwortet unter anderem der Dramatiker und Dichter Peter Hacks, der zwar kein einziges Buch aus der DDR empfiehlt, dafür unter anderem »Struwwelpeter«, Arno Schmidt und George Bernard Shaw. Das meint »Weltmacht DDR« am Ende nämlich auch: Eine noch immer unterschätzte Weltzugewandtheit und Weltläufigkeit zwischen Ostsee und Thüringer Wald, Elbe und Erzgebirge. Sogar ganz ohne Heiner-Müller-Tricks.

    »Zeitschrift für Ideengeschichte: Weltmacht DDR«. Ausgabe Winter 2025. Hrsg. v. Christian Neumeier u. Danilo Scholz. C. H. Beck, 128 S., br., 20 €.

    #DDR #wtf

  • Beethoven für jedermann: Ein Lob auf die DDR-Kulturhäuser
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/beethoven-fuer-jedermann-ein-lob-auf-die-ddr-kulturhaeuser-li.10005

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    Gaststätten in der DDR Gaststätte im Kulturhaus Völkerfreundschaft in Limbach- OberfrohnaWolfgang Schmidt/imago

    8.12.2025 von Martin Ahrends - Einst machten die Kulturhäuser der DDR Kunst für alle Gesellschaftsschichten zugänglich. Nun wird diese Idee von Graswurzel-Initiativen in neuer Form wiederbelebt.

    Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

    Eher aus Pflicht, denn aus Neigung unternahm mein Vater Gustav Schmahl seine alljährlichen Konzertreisen durch die DDR-Provinz, um in den Kulturhäusern der Arbeiter- und Bauernmacht die Violinsonaten von Beethoven, Brahms und César Franck zu spielen. Viel lieber gastierte er mit großem Orchester in Dresden und Leipzig als mit seinem Pianisten in Pritzwalk, Kyritz und Rathenow.

    Nach dem Studium hatte er sich für die DDR entschieden, weil er es besser machen wollte als die bürgerliche Klasse, aus der er herstammte, und die ihm mitschuldig schien am Dritten Reich. Ein Eliteversagen nannte er die Tatsache, dass die Brücke zwischen den Gebildeten und den Bildungsfernen so tragisch abgerissen war. Man hatte einander nicht mehr getraut und zugehört. Die-da-oben waren so wenig von den Straßenparolen erreichbar gewesen, wie Die-da-unten den Argumenten der Gebildeten zugehört hatten. Als er Kind war, glaubte man es sich in höheren Kreisen leisten zu können, auf den „braunen Pöbel“ nur verächtlich herabzublicken. Worauf die „braunen Horden“ über alles herfielen, das nach Bildungsbürgertum roch.

    Das durfte seiner Meinung nach nicht noch einmal passieren. Deshalb bequemte er sich, mit seiner gut verpackten Guadagnini-Geige in der Wartburg-Limousine winters über die Dörfer zu juckeln – zur „Stunde der Musik“ und dem „Konzertwinter auf dem Lande“. Danach berichtete er dann überrascht, wie man ihm auf dem flachen Lande so viel dankbarer zugehört habe, als es das verwöhnte städtische Konzertpublikum tat.

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    Menschen beim Sommerkonzert im Kloster Chorin, 1983imago stock&people

    Von Wolf Biermann bis Veronika Fischer

    In den mehr als zweitausend Kulturhäusern der DDR gab es diverse Zirkel schreibender, malender, musizierender Arbeiter und Bauern unter sachkundiger Anleitung; es gab Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Volkskunst und Hochkultur, Hochzeiten und Gedenkstunden, Jugendweihen, Frauentags-Feiern, die Ensembles der Betriebe, die Singeklubs der FDJ. Der jazzende Manne Krug, die rockende Vroni Fischer hatten hier ihre Bühne. Günter de Bruyn, Erwin Strittmatter und Volker Braun lasen vor großem Publikum. Der Hafenarbeitersohn Wolf Biermann und der Bergarbeitersohn Stephan Krawczyk gewannen in den Kulturhäusern der Arbeiterklasse erste Lorbeeren und wurden alsbald wieder aus ihnen ausgesperrt. Hier debütierten Künstler, die später mit einem politisch bedingten Arbeitsverbot in den Westen umziehen mussten.

    Diese Häuser mit ihren Bibliotheken und Bildungsreihen hatten ein hohes Ideal und ein enges politisches Korsett, dennoch haben sie auch Brücken gebaut zwischen denen, die mehr wissen wollten und denen, die mehr wussten. Die so genannten einfachen Leute ernst zu nehmen: Das war ein anderes Konzept, als sie mit bunter Werbung und Bildzeitungen aller Art abzufüttern. Was ja kein Konzept, sondern eine Art von Ignoranz ist.

    Niemand sollte nur den Verdauungssäften des Kapitals ausgeliefert bleiben. Die Wirtschaft braucht uns weder als gute noch als glückliche Menschen. Schon gar nicht als zufriedene, denn Zufriedenheit ist die Todsünde des Kapitalismus. Wenn es im öffentlichen Raum nichts anderes gibt als die Darmzotten der Ökonomie, nichts das mich herausfordert als Mensch – dann ist mir das zu wenig.

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    Auch Schriftsteller wie Günter de Bruyn lasen in den Kulturhäusern vor großem Publikum.Brigitte Friedrich/imago

    Die Kulturhäuser fehlen als Kommunikationszentren in Stadt und Land, sie sind abgerissen, umgewidmet worden. Eines der letzten erst vor kurzem: Das Kulturhaus von Ahlbeck, das in seiner repräsentativen Verlorenheit als Baudenkmal einige Berühmtheit erlangt hatte und nun endlich auch geldwert umgenutzt werden darf.

    Das waren ja keine Schlösser. Eher die „Salons der Sozialisten“ (so der Titel eines lesenswerten Bildbandes zum Thema). Da wurde also eher die bürgerliche als die Adelskultur beerbt: Das alte sozialdemokratische Projekt der „Volkshäuser“ realsozialistisch gedeutet. Ich fand es ganz normal, in diesen Häusern Menschen aus allen Klassen und Schichten zu begegnen, gleichrangig, wenn auch etwas unterschiedlich fein gekleidet. Es gab da kein Herabschauen auf, kein hinaufschauen zu den Anderen.

    Den Künstlern, die in der DDR reüssierten und es dort auch bis zuletzt aushielten, kann man manches nachsagen. Was man ihnen nicht vorhalten kann: Dass sie sich an ein elitäres Publikum richteten. Das war nicht vorgesehen: Nischenkunst, Kunst für Kunstkenner, für Spezialisten. Tendenziell sollten immer alle angesprochen werden. Auch wenn das für die Vielen herausfordernd war: Diese Herausforderung war Konzept und trug eine humane Entwicklungschance in sich.

    Ein Ort für Hochzeiten und Bandproben

    Die Kulturhäuser waren keine Kunst-Konsumtempel, sie waren stets Angebot und Aufforderung, mitzutun, sich in der Kunst, der Sphäre des höheren Menschseins zu erproben und zu bilden. Auch eine Art von Kirchenersatz. In einem Kulturhaus habe ich geheiratet. Habe mich dort in der Schubert-Liedbegleitung geübt und mit der städtischen Singakademie das Mozart-Requiem einstudiert. Das waren feierliche Räume mit niedriger Schwelle. Wenn man hier abends zum Essen ging, begegnete man vielleicht den jungen Leuten auf dem Weg zur Band- oder Ballettprobe. Und immer hingen ein paar farbfrische Bilder an der Wand. Im „Haus der DSF“ (der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft), haben wir als Schüler die aktuellen Songs von Bob Dylan, Joan Baez und den Beatles gesungen, bis ein Aufpasser auf die Idee kam, die pazifistischen Texte zu beanstanden. Wir waren der Pflicht-Kulturteil am wöchentlichen Tanzabend.

    Die Kulturhäuser von einst gibt es nicht mehr. Wo sie noch existieren, gastiert zumeist die immer gleiche Bespaßung. Interessanter sind jetzt die kleinen Kulturorte, die ohne das Geld, aber auch ohne die Gängelung einer Staatspartei auskommen. Sie gründen sich auf Vereine, Privatinitiativen, werden auch kommunal gefördert. Und scheinen lebendiger, wandlungsfähiger als die offizielle, hoch subventionierte Kulturszene.

    Initiativen von unten, die nicht im Plan standen, hat die Staatspartei als Eigenmächtigkeit und Wildwuchs grundsätzlich beargwöhnt. Das Misstrauen des Staates gegenüber kulturellen Unternehmungen ist geschwunden, allerdings auch das staatliche Interesse an „Kultur- und Bildungsplänen“ in den Betrieben, an „kulturellen Masseninitiativen“ wie den jährlichen Arbeiterfestspielen.

    Graswurzelei in entwidmeten Telefonzellen

    Ein Myzelium von Kontakten und Synergien lässt nun allerorts die Projekte wie Pilze austreiben. Statt des einen zentralen Kulturpalastes gibt es viele kleine Kulturstuben, -garagen, -scheunen, -kirchen, -fabriken. Ich erlebe Musiker, Vorlesende auf vernachlässigten Parkbänken, in leerstehenden Innenstadtgeschäften. Entwidmete Telefonzellen als Buchtauschzentren und Erstveröffentlichungsorte für die Druckwerke namenloser Autoren. Graswurzeleien, meist ohne Geld und öffentliche Aufmerksamkeit. Oft kurzlebig, aber lernfähig und beim dritten Versuch dann tatsächlich Wurzeln schlagend.

    Die ehemals zuständigen Institutionen gibt es nicht mehr. Aber die entleerte Einkaufsstraße gibt es, den vernachlässigten Park, die alte Scheune, den ungenutzten Bahnhof, das Gasthaus mit dem prächtigen verstaubten Tanzsaal. Das heruntergekommene Gutsschloss.

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    Ein Mann liest vor einer Bücherbox.Sonja Marzoner/dpa

    Theater im ehemaligen Kaufhaus

    Das hab ich schon selbst erlebt, das kenne ich aus eigener Erfahrung: Gut besuchte Lesungen mit Regina Scheer oder Ingo Schulze in der ehemaligen Schule des Fünfhundert-Seelen-Dorfes Wittbrietzen, die von zwei Berliner Künstlerinnen bewohnt und für aller Art Kunst geöffnet ist. In der Stadtrandgemeine Kleinmachnow haben die ansässigen Künstler aus einem ungenutzten Landarbeiterhaus ihre Galerie gestaltet, in der Remise werden Kurse angeboten. In Petzow und Meßdunk, wurden Kirchen umgewidmet und dienen nun den Künstlern der Umgebung mit ihrer besonderen Atmosphäre. In Werder wird das ehemalige Kaufhaus als Theater genutzt und als nahezu mondänes Café, das an zwei Abenden der Woche Tanz und eine für jedermann offene Bühne bietet. Im Kunsthaus Koldenhof, mitten im wunderschönen Nirgendwo der mecklenburgischen Seenplatte, hat auch Katja Lange-Müller schon gelesen. In einer ehemaligen Pferdekutschen-Remise der Potsdamer Innenstadt hat sich ein Galerie-Café eingenistet mit Life-Musik, Lesungen, wechselnden Ausstellungen. Der Kulturort liegt inzwischen in einer teuren Wohngegend, hier begegnen sich alte Genossen und zugezogene „Westler“, man toleriert oder befreundet sich.

    Es verwächst sich. Statt der namhaften Staatskünstler, statt der vielgelesenen kritischen Autoren der DDR, statt der Künstlerikonen gibt es nun zu viele von ihnen, um sich auch nur die Namen merken zu können. Diversifikation. Im Osten hat man gelernt, sich selbst zu organisieren. Kleinteilig, mühselig, aber ohne jene Machtgebärde, die eine gültige Kultur von einer feindlich-negativen scheidet. Eine inoffizielle Gruppendynamik stellt sich ein, denn ab einer bestimmten Teilnehmerzahl würde der Ton wie von selbst offiziös.

    Das ist nun weit entfernt von der Dramatik und öffentlichen Aufmerksamkeit, die Lesungen in Zeiten des Kalten Krieges haben konnten, Säle, die von der Stasi besetzt oder versperrt wurden, drängende Massen, Angst vor Verhaftung, wie sie von Christa Wolf, Stefan Heym oder Freya Klier berichtet wurden. Der Überdruck ist raus aus der ostdeutschen Kultur, was ich jetzt erlebe, ist wohl so etwas wie eine kulturelle Normalität. Ohne die sozialistische Bildungsambition und Gängelung.

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    Die historische Dorfkirche in Petzow dient nun Künstlern der Umgebung mit ihrer besonderen Atmosphäre.Ina Hensel/imago

    Wirtschaft ist Mittel, Kunst ist Zweck, das ist so ziemlich außer Betracht geraten. Die Existenzbedingungen deutscher Künstler sind im Durchschnitt so erbärmlich, dass sie sich entbehrlich fühlen könnten. Tendenziell ist ihre Arbeit kein privates Hobby, ihre Hervorbringungen sind kein Zierrat, sondern verantwortlich für das Bild des Zeitgenossen mit seinen Versehrungen und seinem utopischen Glanz, nach dem ich immer wieder auf der Suche bin, wenn ich die Galerien durchstreife und mich über die Büchertische beuge. Die Effizienz der Künste lässt sich weder messen noch in Zahlen ausdrücken. Doch mein Menschenbild wäre zur Unkenntlichkeit verwischt, unkenntlich wäre ich mir selbst als Zeitgenosse ohne die Künste.

    Martin Ahrends, 1951 in Berlin geboren, war zwischen 1986 und 1994 Redakteur und freier Mitarbeiter der Wochenzeitung Die Zeit. Seither arbeitet er als freier Autor. Neben publizistischen Arbeiten schreibt er auch literarische Texte: Seine Erzählungen, Essays, Romane u. a. sind bei bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, bei Wallstein in Göttingen und im Aufbau Verlag Berlin erschienen.

    #DDR #RDA #histoire #culture

  • Das letzte Jahr der DDR : „Der Westen hat alles niedergemacht, was ostdeutsch war“
    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/das-letzte-jahr-der-ddr-der-westen-hat-alles-niedergemacht-was-ostd

    Il y a 36 ans, le 9 novembre 1989 le Berlinois font ouvrir les points de passage entre la capitale des la RDA et la ville sous occupation alliée Berlin-Ouest. La suite a été le dématèlement de l’état RDA et de l’existence matérielle de millions de ses citoyens. Le journaliste Martin Gross a déménagé à Dresde pour témoigner des événements.

    8.11.2025 von Anja Reich - Der Westdeutsche Martin Gross zog 1990 nach Dresden, um die Wende zu beschreiben. Im Interview sagt er: „Es war ganz roher, brutaler Kapitalismus.“

    Das Jahr zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung wurde oft beschrieben. Aber das genaueste, schonungsloseste Zeugnis war lange kaum bekannt. Es ist das Buch „Das letzte Jahr“, geschrieben von Martin Gross, einem Westdeutschen, der im Januar 1990 nach Dresden gezogen war. Sein Bericht bricht mit dem Mythos, das Jahr der Wiedervereinigung sei vor allem eine Phase der Euphorie, des Freiheitsrausches für die Ostdeutschen gewesen. Und es ist sicher kein Zufall, dass es damals niemand lesen wollte und es erst drei Jahrzehnte später wiederentdeckt wurde - durch den Ostdeutschen Jan Wenzel, der für Recherchen zu einem eigenen Buch darauf stieß.

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    Martin Gross: Wusste nicht mehr, was er da eigentlich geschrieben hatte.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Sechs Jahre ist das her. Martin Gross steht im Regen auf dem Bahnhof von Bienenbüttel, einer Gemeinde in Niedersachsen. Sein Haar ist grau, sein Gesicht jungenhaft. Auf der Fahrt in sein Dorf erzählt er, wie überrascht er von der Wiederentdeckung seines Buches war. Dass er es erst noch einmal selbst lesen musste, um zu wissen, was er damals in Dresden alles erlebt hatte.

    Sein Haus steht zwischen einer Pferdekoppel und einem Teich. Er wohnt allein hier, aber heute ist seine Familie zu Besuch. Samuel, sein Sohn, kocht Espresso. Christine Garbe, seine Ex-Frau, stellt Kuchen auf den Tisch, setzt sich dazu, manchmal ergänzt sie seine Erinnerungen durch ihre.
    Martin Gross: „Schnell absehbar war dieser irre Zusammenbruch“

    Herr Gross, wie sind Sie auf die Idee gekommen, im Januar 1990 in den Osten zu ziehen?

    Meine Frau ist in Dresden geboren. Ihre Familie ist 1955 in den Westen gegangen, aber ihre Verwandtschaft war noch da. Im Dezember 1989 haben sie uns in West-Berlin besucht und gesagt, kommt doch mal rüber. Und wir haben gesagt, gut, dann kommen wir im Januar für ein paar Tage.

    Christine Garbe: Beim ersten Besuch war ich dabei. Wir haben bei einer früheren Nachbarin gewohnt, ein bisschen außerhalb. Von da aus sind wir in die Stadt gezogen. Da hat es dich gepackt.

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    Die Westler sind in den Osten eingefallen: Foto von Martin Gross aus dem Jahr 1990 Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Was hat Sie gepackt, Herr Gross?Das alles von Nahem zu erleben, zu sehen, was noch übrig ist von dieser friedlichen Revolution. Erst wollte ich nur einen Artikel für die Zeitschrift Lettre International schreiben, hatte dann aber das Gefühl, noch viel mehr beschreiben, noch länger bleiben zu wollen.

    Weil so viel passierte?

    Ja, alles veränderte sich rasend schnell. Jede Woche passierte was Neues. Im März fanden die Wahlen statt, die wollte ich mir unbedingt noch ansehen. Danach war klar, dass demnächst die Währungsunion kommen würde. Ich dachte, das nehme ich auch noch mit. Und sehr schnell absehbar war dieser irre Zusammenbruch, den man im Westen gar nicht mitbekam. Ich dachte, im Osten gibt es jetzt einen riesigen Aufbruch. Dabei war es ein riesiger Abbruch. Und der Aufschwung fand im Westen statt.

    Christine Garbe: Ich habe Martin immer wieder in Dresden besucht, und er hat mir Briefe nach Berlin geschrieben. Wir waren schockiert, wie schnell der Westen im Osten einfiel. Mit diesen unglaublich brutalen Methoden.

    Sie waren überall ganz dicht dabei, Herr Gross. Im Krankenhaus, in der Redaktion einer Zeitung, in der ehemaligen Stasizentrale. Wie haben Sie das geschafft?

    Durch die Kontakte meiner Frau, ihre Onkel und Tanten. Ich war in Dresden, aber auch in Magdeburg. Christines Bruder ist Dermatologe, und er hatte Kontakt in die Klinik. Ohne ihn wäre ich dort nicht reingekommen.

    Also war es leicht für Sie, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen?

    Ja, die Menschen damals in dieser Situation waren sehr offen. Es gab einen großen Gesprächsbedarf. Da war etwas geschehen, über das man reden musste, unbedingt reden, reden, reden, und sei es mit dem dahergelaufenen Wessi. Aber die Gesprächsbereitschaft ist dann allmählich verstummt, einer Enttäuschung gewichen.

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    Dresden 1990: Ostdeutsche im Kaufrausch.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Wurden Sie immer gleich als Westdeutscher erkannt?

    Ja, immer. An der Westkleidung, an der Art, Gespräche zu führen. Ich habe die Unterschiede an einer Stelle im Buch ganz brutal formuliert.

    Westdeutsche tragen ihren Bauch stramm voraus, schreiben Sie. Und die Ostdeutschen beschreiben Sie als unbeholfen. Sie wollen nicht auffallen, nichts falsch machen.

    Genau. Den ostdeutschen Journalisten, die ich in Dresden kennenlernte, fiel es zum Beispiel schwer, einfach Knall auf Fall eine Frage zu stellen, sie sind auf Umwegen dahin gekommen, haben erstmal die Stimmung und die Interessen ihres Gesprächspartners sondiert, bevor sie mehr aus sich herausgegangen sind. Ich fand dieses Bescheidene, Zurückgenommene angenehmer als die lauten, selbstbewussten Westjournalisten oder Westpressesprecher.

    Viele Westjournalisten sind damals in den Osten gekommen, waren aber auch schnell wieder weg. Hatten Sie Kontakt zu ihnen?Nein, ich war ganz für mich, hatte eher Kontakt zu DDR-Journalisten, zu Uta Dittmann zum Beispiel, die am 10. Oktober 1989 in ihrer Zeitung, der „Union“, über die Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten am Dresdner Hauptbahnhof berichtet hatte – und zwar nicht als rowdyhafte Ausschreitungen, sondern als Bürgerprotest. Durch die Gespräche in ihrer Redaktion bekam ich sehr intime Einblicke, da hat es mich wirklich gepackt.

    Martin Gross: „Die ostdeutschen Reformer wollten Helmut Kohl“

    Inwiefern?

    Uta Dittmann war die erste Journalistin im Osten, die sich getraut hat, so einen Bericht zu veröffentlichen. Vor diesem Hintergrund sind Hans Modrow, der ehemalige SED-Bezirkschef in Dresden, und Wolfgang Berghofer, der damalige Bürgermeister, auf die Demonstranten zugegangen. Die Polizei hat sich von nun an zurückgehalten, es gab keine Verhaftungen mehr und auch nicht mehr diese üblen Verfahren in der Haftanstalt und so weiter. Das im Detail zu beschreiben, hat mich interessiert, das Leben einer Person über ein ganzes Jahr zu verfolgen. Auch die Konflikte in der Redaktion der „Union“, die ja zu DDR-Zeiten eine CDU-Parteizeitung war.

    Erinnern Sie sich noch an einen dieser Konflikte?

    Ja, es gab dort ein großes Misstrauen den Ost-CDUlern gegenüber. Menschen, die zu den Reformern zählten, stützten sich lieber auf Helmut Kohl als auf ihre eigenen Leute. Das war für mich ein bisschen befremdlich. Denn Kohl war ja nicht gerade eine Person, die für Erneuerung stand. Aber die ostdeutschen Reformer wollten Kohl und seine Mannschaft, weil sie eben ihren eigenen Leuten nicht getraut haben. Das hatte auch mit den ganzen Stasienthüllungen zu tun. Beim Demokratischen Aufbruch Wolfgang Schnur, bei der ostdeutschen SPD Ibrahim Böhme. Viele unserer Bekannten haben gesagt: Bevor wir eine Partei wählen, in der dann doch wieder die Stasi mit sitzt, nehmen wir lieber den Westen.

    Uta Dittmann arbeitete dann aber nicht mehr lange bei der „Union“, erfährt man aus Ihrem Buch.

    Das hatte mit einem anderen Konflikt zu tun. Sie stellte sich eine Zeitung vor, in der gestritten und reflektiert, die lang erkämpfte Meinungsfreiheit ausgekostet wird. Aber dann kam der Westverlag, in dem Fall war es der Süddeutsche, und der kommissarisch eingesetzte Chefredakteur sagte, ihr könnt schreiben, was ihr wollt, Hauptsache, der Artikel ist um 16 Uhr fertig und es gibt Fotos dazu und keine Bleiwüste. Das, was Uta Dittmann gegen ihre Chefs durchgekämpft hatte, die eigene Meinung zu schreiben, Debatten zu führen, war nicht mehr wichtig. Das hat sie unendlich enttäuscht und frustriert. Sie hat sich zurückgezogen.

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    Beim Interview in Niedersachsen: Martin Gross mit seiner Ex-Frau Christiane Garbe Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Auch Ihre Enttäuschung ist beim Lesen Ihrer Schilderungen oft zu spüren. Woher kam die?

    Aus meinen Erwartungen. Es war eine Revolution, und dann auch noch eine in Deutschland. Sowas gibt es ja nicht oft. Aber als ich in Dresden ankam, war von der Revolution nicht mehr viel übrig geblieben.

    Was war noch übrig?

    Der Runde Tisch, an dem es darum ging, die Kultur in Dresden zu organisieren. Aber auch das war enttäuschend. Es hieß, nun macht mal Vorschläge, wie es weitergeht, aber wir haben leider noch kein Telefon, ihr müsst sie uns mit der Post schicken. Zu dem Zeitpunkt war bereits klar: Der Westen kommt, schickt seine Beamten, um seine Konzepte von Kulturpolitik mit den künftigen Bürgermeistern besprechen. Alles sollte nach Westvorbild aufgebaut und strukturiert werden. Steuer, Stadtplanung, Baugenehmigungen. Das war keine Revolution mehr, das war eine gewendete Revolution.

    Christine Garbe: Das beschreibst du ja auch gut, dass zweitklassige Leute aus der alten Bundesrepublik plötzlich Leitungspositionen im Osten hatten. Das habe ich auch an den Universitäten erlebt.

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    Originalausgabe von „Das letzte Jahr“, erschienen 1992 Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Martin Gross: „Ganz roher, brutaler Kapitalismus“

    So ein Westprofessor kann sich hier nochmal in seinem ganzen Glanz präsentieren, schreiben Sie. Ein Satz, wie man ihn selten hört.

    Die Arroganz, mit der der Westen wirklich alles niedergemacht hat, was ostdeutsch war – damit waren wir überhaupt nicht einverstanden. Der Westen war als System gewollt, und seine Leute konnten plötzlich im Osten eine unglaubliche Karriere machen. Ich habe bei meinen Recherchen einen Filialleiter eines Supermarkts getroffen, der gerade noch ein kleiner Angestellter in Düsseldorf war und jetzt ein Riesenzelt auf einem matschigen Gelände aufgebaut hatte, das von fünf Sattelschleppern pro Tag beliefert wurde. Er hatte nicht mal eine Genehmigung dafür, die Waren wurden einfach nur abgeladen, nicht mal mehr in Regale sortiert. „Was glaubst du, was das für eine Chance ist“, sagte der zu mir. „In ein paar Jahren bin ich ganz oben.“ Die Freiheit, die sich die Ostdeutschen erkämpft hatten, war eben vor allem für die Westler ein Freiheitsrausch.

    Gibt es eigentlich so eine Art Unrechtsbewusstsein bei Westdeutschen?

    Also ich kenne niemanden. Die Ostperspektive ist gar nicht im Bewusstsein der Westdeutschen gelandet, die Erkenntnis, dass es sich um einen raffgierigen Frühkapitalismus, wirklich ganz rohen, brutalen Kapitalismus gehandelt hat.

    Aber Sie haben das erkannt, schreiben, die Kolonnen von Lastwagen transportieren die Arbeitslosigkeit in den Osten. Haben Sie sowas auch mal zu einem Mann wie diesem Filialleiter gesagt?

    Nein. Ich habe ihn ausgefragt. Ich wollte ja seine Sicht kennenlernen und darüber schreiben können.

    Und hatten Sie manchmal das Bedürfnis, die Ostdeutschen in ihrem Kaufrausch wachrütteln zu wollen, sie zu warnen?

    Ja, ich habe es auch versucht. Aber für Leute wie Christines Onkel war ich ein Schwarzmaler. Er hat gesagt, bei euch im Schwarzwald sind alle Straßen asphaltiert, die Häuser beleuchtet, die Warenangebote stimmen, und du bist hier der Miesepeter. Leute wie er wollten so leben wie wir. Ich musste ständig ihre Fragen beantworten. Welche Versicherungen sie brauchen: Vollkasko, Teilkasko, ADAC? Welche Steuerklasse, drei oder fünf?

    Christine Garbe: Sie haben ja nicht gesehen, was auf sie zukommt, die Treuhand, die westliche Konkurrenz, der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft, die Massenarbeitslosigkeit. Von einem Tag auf den anderen war ihnen die Existenzgrundlage entzogen. So etwas hatten wir bei uns im Westen noch nie erlebt.

    Martin Gross: Nicht einmal nach Kriegsende war das so krass, wie das in der DDR 1990 war.

    Martin Gross: „Die ganze Wendezeit stand unter einem enormen Zeitdruck“

    Martin Gross: „Die ganze Wendezeit stand unter einem enormen Zeitdruck“Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Hätte man das Ihrer Meinung nach verhindern können?

    Martin Gross: Schwer zu sagen. Die ganze Wendezeit stand unter einem enormen Zeitdruck, es sollte verhindert werden, dass noch mehr Leute abhauen. Bei einer Montagsdemo in Dresden haben mir Jugendliche gesagt, also wenn die D-Mark nicht sofort kommt, dann sind wir weg hier. Klar, der Westen hat die DDR geschluckt. Aber es waren natürlich auch die Ostdeutschen selbst, die den Westen wollten und keine Interesse hatten, wie Polen, Rumänien oder Ungarn ein eigenes System, einen eigenen souveränen Staat aufzubauen. Und als mit den Wahlen klar war, sie wollen das westliche System, kamen aus dem Westen eben die Leute, die sich damit auskannten. Man hätte den Ostdeutschen nicht so viel Hoffnung machen sollen, stattdessen das Bewusstsein dafür schärfen, dass es eine schwierige Situation wird. Und darauf achten, dass man sie mit einbindet in die neuen Strukturen.

    Martin Gross: „Die Russen wollten unser System gar nicht“

    Im Januar 1991 haben Sie Dresden verlassen. Als 1992 Ihr Buch „Das letzte Jahr“ erschien, waren Sie wieder im Westen. Wie haben Sie das erlebt?

    Mein Buch ist erschienen, als unser Sohn Samuel geboren wurde, im Oktober ’92. Wir lebten wieder im Schwarzwald, wo ich herkomme, und waren geistig ganz woanders. Es gab eine einzige Rezension, in der taz, ansonsten hat mein Buch keinen Menschen interessiert. Das Thema war im Westen abgegessen, weil die Ostdeutschen ja angeblich sowieso nur jammerten. Und die Ossis wollten sich nicht mehr an ihre Hoffnungen und Enttäuschungen von vor zwei Jahren erinnern. Es hieß, Martin Gross erzählt nur das, was wir längst wissen.

    Es sind dann dreißig Jahre vergangen, bis Ihr Buch entdeckt wurde. In der Zwischenzeit haben Sie kein einziges mehr geschrieben. Warum nicht?

    Naja, es gab die Familienphase, und ab 1998 stand für mich Russland im Vordergrund.

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    Martin Gross beim Interview in seinem Haus in Niedersachsen Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Russland?

    Wir waren inzwischen hierhergezogen, in die Nähe von Lüneburg, wo meine Frau eine Professur hatte. Es gibt hier sehr viele Deutschrussen und einen Bürgerverein, der eine Partnerschaft mit einer russischen Stadt in die Wege leiten wollte. Es wurde für die dortige Uni ein Gastdozent für das Fach Deutsch gesucht, und ich war neugierig darauf, Russland hautnah zu erleben, auch mit dem Hintergrund, noch einmal eine Wendezeit zu erleben. Diesmal wollte ich aber nicht mehr der skeptische Beobachter sein, sondern mithelfen, die Demokratie aufzubauen. Die EU hatte riesige Programme für Hochschulkooperationen mit Russland. Ich dachte, das ist eine einmalige Chance. Aber ja, es hat nicht funktioniert, man sieht ja heute das Ergebnis.

    Warum hat es nicht funktioniert?

    Im Nachhinein würde ich sagen, es war ein fundamentales Missverständnis, dass Russland wirklich von Demokratie, Zivilgesellschaft, Rechtsstaatlichkeit, Parteienvielfalt begeistert war. Die Begriffe „Demokratie“, „Marktwirtschaft“ usw., standen aus russischer Sicht für die Katastrophenjahre unter Jelzin: Oligarchenkriege und Korruption. 1998 war das schwärzeste Jahr in der russischen Geschichte. Der Rubelkurs rutschte tief in den Keller, es gab die Ölkrise, der Staatshaushalt war pleite. Die Häuser waren Ruinen, noch viel schlimmer als in Dresden. Arbeit, Wohnen, medizinische Versorgung, alles war zusammengebrochen, alles ohne Absicherung. Und dann kamen wir und wollten den Russen die Vorteile der Demokratie erklären. Es hat ständig gekracht.

    Können Sie ein Beispiel erzählen?

    Deutsche Journalistikstudenten haben eine russische Zeitung besucht. Eine ihrer Fragen war: Wer ist eigentlich der Eigentümer dieser Zeitung, wem gehört sie? Und die zweite Frage: Wir haben gehört, dass die Zeitung sich auch dadurch finanziert, dass Politiker für ihre Interviews bezahlen. Am Abend bekam ich den Anruf von Nina, einer russischen Kollegin: Ihr seid doch Gäste, sowas fragt man doch nicht. Der Zeitungstermin für den nächsten Tag wurde dann gestrichen. Ein anderes Mal wurden deutsche Studenten durch den russischen Rektor verabschiedet, aber die russischen Studenten, bei denen sie gewohnt haben, sollten nicht dabei sein. Die Deutschen haben gesagt: „Nö, da kommen wir auch nicht“. Das war natürlich arrogant von ihnen. Und ich verstehe Russen, wenn sie nach solchen Erfahrungen, die sie auch mit mir gemacht haben, sagen: Der Westen will uns bevormunden. Das war so.

    Was meinen Sie mit: Erfahrungen, die Russen auch mit Ihnen gemacht haben?

    Weil von EU-Seite die Förderung von Kooperationen auf „Problem-Themen“ konzentriert war, habe ich mich überall reingehängt: in die Arbeit mit schwierigen Jugendlichen und schwer Heroinsüchtigen. Ich war in Waisenhäusern, auch im Knast. Dass da jemand so sehr in ihren „Schmuddelecken“ herumstöbert, war für die Russen schwer zu ertragen. 2002 wurde mir das Visum weggenommen und ein paar Jahre später, als ich wieder eins hatte, nochmal. Ich war eine unerwünschte Person und habe dann natürlich überlegt: Was ist da schiefgegangen? Die, mit denen ich in Kontakt bin, haben mir gesagt: Du bist zu offensiv gewesen, zu fordernd. Und es stimmt ja auch. Wir hatten die Vorstellung, Demokratie sieht so und so aus, die Russen wollten aber unser System gar nicht, haben gesagt, wir haben unser eigenes.

    Sie haben immer noch Kontakt zu ihnen, auch jetzt, während des Krieges?

    Ja, ich bin erschüttert über Putins Krieg, nichtsdestotrotz bin ich ein Freund der Russen und schreibe mir mit einigen Kollegen, und sie schreiben mir.

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    Martin Gross: „Warum haben nicht auch wir die Chance, noch einmal alles zu ändern?“ Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Was schreiben sie Ihnen?

    „Lieber Martin, wir sind traurig.“ Oder: „Wir machen uns große Sorgen.“ Ohne zu sagen, worüber sie sich Sorgen machen. Andere schreiben: „Lieber Martin, du hast uns von Anfang an nicht verstanden, wir kämpfen hier um Leben und Tod“. Und dann frage ich mich natürlich: Schreiben sie so, weil sie das wirklich denken, oder weil sie diejenigen fürchten, die insgeheim ihre E-Mails mitlesen? „Wir beten dafür, dass es besser wird“, stand in einem Brief; von Krieg war keine Rede.

    Martin Gross: „Ich würde wieder in den Osten gehen“

    Sind die Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschen, der Aufstieg der AfD, für Sie Entwicklungen, die aus den Fehlern der Vergangenheit resultieren?

    In den großen Zügen, ja. Sie sagen auf diese Art: Wir wollen euer System nicht, wir machen das lieber selber. Es war ein Fehler, DDR-Bürger nicht mehr einzubeziehen beim Aufbau des westlichen Systems. Man hat sie verwaltet, aber nicht mit aktiviert. Und das zahlt sich massiv aus.

    Vor fast genau 35 Jahren haben Sie über die Ostdeutschen geschrieben: „Schade, wenn ich diese Leute sehe, wie sich alles für sie ändert, denke ich, warum nur sie? Warum haben nicht auch wir die Chance, noch einmal alles zu ändern?“ Denken Sie das heute noch?

    Heute sehe ich keine große Chance, etwas zu ändern. Man kann eigentlich nur Millimeterarbeit leisten, im Sinne der Verständigung mit denen, die enttäuscht sind.

    Ihre Stärke ist es, immer die Perspektive der anderen verstehen zu wollen. Wo haben Sie das gelernt?

    Ich weiß nicht. Vielleicht hat es damit zu tun, dass beide meiner Eltern praktisch gehörlos waren. Da spielte es eine große Rolle, den anderen jenseits von Worten zu verstehen.

    Wie war das für Sie, als Ihr Buch wiederentdeckt wurde?

    Ich bin aufgelebt, habe wieder geschrieben und publiziert, auch über meine Zeit in Russland. Das war für mich vor 20 Jahren nicht abzusehen, das ist ein neues schönes Lebensgefühl.

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    Martin Gross im Jahr 1988 privat

    Haben Sie noch Kontakt zur Ostverwandtschaft in Dresden?

    Die Dresdner leben nicht mehr. Aber zu einem Ost-Journalisten von damals habe ich noch Kontakt. In meinem Buch habe ich in „Stefan“ genannt. Er hat mich neulich besucht und wir haben überlegt, ob wir eine Fortsetzung vom „Letzten Jahr“ schreiben sollten.

    Wo würden Sie heute hingehen, um ein Buch über so große gesellschaftliche Veränderungen zu schreiben?

    Wieder in den Osten, klar.

    Martin Gross

    geboren 1952, wuchs in Böblingen auf, zog kurz vor dem Abitur nach West-Berlin. Er studierte Germanistik und Politologie, arbeitete als Lehrbeauftragter an der FU, schrieb einen Roman und Texte für Zitty und taz. 1990 zog er nach Dresden und Magdeburg und schrieb „Das letzte Jahr“. Von 1998 bis 2016 arbeitete er für verschiedene Universitäten in Kooperationen mit russischen, indischen und europäischen Partnern. 2019 entdeckte Jan Wenzel Gross’ Buch „Das letzte Jahr“. 2020 wurde es im Verlag Spector Books neu aufgelegt und verkaufte seitdem rund 4000 Exemplare. Gross schrieb wieder Romane: „Ein Winter in Jakuschevsk“ und „Nadjas Geschichte“.

    #Allemagne #histoire #DDR #RDA

  • DDR-Manager und Russlandkenner : Die unglaublichen Lebensgeschichten des Richard Schimko
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/physiker-manager-buerger-wie-es-einem-ossi-gelang-sich-nicht-verzwe

    A l’Est rien n’était comme on voudrait nous faire croire. Les choses étaient bien plus absurdes, prèsque autant qu’à l’Ouest, seulement aujourd’hui la situation est pire.

    5.11.2025 von Maritta Adam-Tkalec - Geheimnisträger Ost: Richard Schimko, Forschungsdirektor im Werk für Fernsehelektronik, veröffentlicht unglaubliche Geschichten aus seinem Leben. Achtung, witzig!

    120 Meter unter Moskau liegt ein geheimes Tunnelsystem, Stalin hatte es zusammen mit der Metro bauen lassen. Zutritt für Außenstehende unmöglich. Schier unglaublich, was der Physiker Prof. Dr. Richard Schimko aus Ost-Berlin in der Moskauer Maulwurfswelt sah, als ihn sowjetische Genossen dorthin führten. Er und seine DDR-Kollegen hatten gerade Nachtsichtgeräte entwickelt („Wir hatten gelernt, im Dunkeln zu sehen“), alles unter strengster Geheimhaltung natürlich, doch „die Sowjetgenossen kannten unser Tun besser als wir selbst“.

    Per Draisine ging es kilometerweit bis zu einer Stahltür, wo sich der Chef des Instituts für Optik der UdSSR (und General des KGB) vorstellte. Dahinter eröffnete sich der Blick von einer Galerie in einen riesigen Reinraum, in dem Tausende Mess- und Montierarbeiter saßen. Richard Schimko und ein DDR-Kollege schauten auf einen Teil des Industriekomplexes für Rüstungsgüter, in dem auch die Raumstation MIR entstand.
    Zwischen Ukraine, Russland, Osten und Westen

    Was für eine Geschichte! Es ist nur eine von 30, die Richard Schimko in seinem soeben in der Edition Ost (Eulenspiegelverlag) erschienenen Buch „Physiker und Kleinkapitalist. Erlebnisse eines Wirtschaftsmanagers aus dem Osten“ erstmals einer größeren Öffentlichkeit erzählt. In einem kurzen Buchtitel ist kein Platz für mehr Auskünfte zur Person. Doch um die Relevanz all seiner unglaublichen Berichte zu verstehen, muss man mehr wissen über den soeben 80 Jahre alt Gewordenen.

    Er studierte Physik im ukrainischen Lemberg/Lwow/Lwiw, promovierte im georgischen Tbilisi, ist Inhaber von 33 Patenten, zweifacher Nationalpreisträger (Halbleiter, Mikroelektronik). Von 1970 an wirkte er im Werk für Fernsehelektronik (WF) in Berlin-Oberschöneweide, er war Gründer und Direktor der WF-Forschungsabteilung, in der 400 Wissenschaftler aus Akademie-Instituten mitarbeiteten, Aufbauleiter des Mikrooptoelektronikzentrums Berlin, Professor an der Humboldt-Universität.

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    Die Brigade „Kurtschatow“ im Werk für Fernsehelektronik: hinten Richard Schimko, neben ihm Dr. Gottfried Müller; Technologiechef und Teamleiter Michael Haubold rechts im Vordergrund, am Mikroskop ein sowjetischer Kollege privat

    Der wache Bürger Schimko beförderte das Aufkeimen der Friedlichen Revolution in seinem Betrieb, indem er seine Hand über die „Plattform WF“ hielt, die eine radikale Reformierung der SED verlangte. Aus dem Frühsommer 1989 stammen zwei Berichte, die Ost-Berliner damals für sensationell gehalten hätten: Da geriet Schimko in ein Geheimtreffen, bei dem KoKo-Chef Schalck-Golodkowski eine neue DDR-Wirtschaftspolitik umriss – ein Zusammengehen mit der Bundesrepublik. „Wir verkaufen wir ihnen die Mauer“, lautete dessen Plan. Die andere Geschichte erzählt, wie Günter Schabowski Schimko zum Oberbürgermeister von Ost-Berlin bestimmte und das dann doch nicht gelang – bitte nachlesen!

    Ökonomen und Astrologen sind Deuter – und mir als Naturwissenschaftler darum suspekt. Richard Schimko

    Richard Schimko saß im Wendeherbst kurze Zeit in der Volkskammer, hörte live Stasi-Mielkes Satz von der Liebe zu allen Menschen. Nicht lange darauf trug er die Verantwortung für die schmerzhafte Überführung des Hightech-Betriebes WF in die Marktwirtschaft und machte dabei exklusive Erfahrungen mit den DDR-Verramschern, die er unter dem Titel „In treuen Händen“ nun öffentlich macht: „Im Januar 1991 erschien bei mir ein Herr Möllemann mit dem Ansinnen, ein Werk in Pankow zu erwerben.

    Er bot mir als Kaufpreis eine Million DM und eine weitere halbe Million für mich persönlich, wenn ich dem Kauf zustimmte. Ich gab dem nassforschen Bieter zu bedenken, dass das Mindestgebot bei sieben Millionen liege; ich selbst benötige schließlich für den Kauf der Schweizer Staatsbürgerschaft vier Millionen. Daraus schloss er messerscharf und durchaus zutreffend, dass ich ihn nicht ernst nahm.“ Der Herr Möllemann drohte Schimko, er werde seinen umgehenden Rausschmiss erwirken. Wie das? Jürgen Möllemann, FDP, Wirtschaftsminister und Vizekanzler in Helmut Kohls Deutschland-einig-Vaterland-Kabinett, war der Bruder. Köstlich, wie diese Geschichte dann ausgeht!

    Bedrückend erfasst Schimko die DDR-Abwicklung: 8500 Betriebe, vier Millionen Werktätige, das Volkseigentum zu 85 Prozent in westdeutschen Besitz überführt und so fort. Er selbst beschloss, als Kleinkapitalist sein Glück zu versuchen, und wurde zum Mitgründer der Berlin-Oberspree Sondermaschinenbau GmbH (BOS), die wundersame Geräte herstellte wie den Bioradar, der hinter meterdicken Wänden schlagende Herzen entdecken und etwa in Erdbebengebieten Leben retten kann. Wieder öffnete der professionelle Erfolg Türen: Als einziger Ossi zog er ins 16-köpfige Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) ein, als „Vorzeige-Kleinkapitalist des Ostens“.

    Schimko schreibt über sein Leben im näheren, ferneren und sehr fernen Osten, der bis nach Japan reichte, und weil viele Erlebnisse schier unglaublich sind, hat er sich bei jeweils Beteiligten rückversichert, ob ihn die Erinnerung nicht trügt. Vor die Leserschaft tritt der Naturwissenschaftler/Manager als Spaßmacher. Selbst die böseste seiner Wahrheiten kommt lustig daher. Die eingestreuten Witze, ob aus DDR- oder UdSSR-Quelle, sind auserlesen und grandios.

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    Promotion geschafft, Glückwünsche mit Nordhäuser Doppelkorn im WF-Labor, 1975privat

    Im Eulenspiegelverlag zu publizieren, passt also bestens. Doch warum schreibt der Verlag: „Schimko erzählt unernste Geschichten“? So witzig, ironisch und selbstironisch die Texte daherkommen, sind sie doch ernst – so ernst, dass einem auch mal das Blut in den Adern erstarrt, wenn man erkennt, dass der Schimko sich das Mäntelchen des Schalks nur umgehängt hat, um nicht gleich auf den ersten Blick als Überbringer unangenehmer Wahrheiten abgewiesen zu werden.

    Nehmen wir als Beispiel einen Witz. Darin findet die der Sowjetgesellschaft innewohnende Gewalt ein Bild. Hier, sträflich verkürzt, die „sowjetphilosophische Anekdote“: Streiten ein Amerikaner, ein Brite und ein Russe (Deutsche kommen in solchen Witzen nicht vor) darüber, wer den besten Gummi der Welt herstelle. Der Ami gibt an, sein Hosenträger habe beim Sturz aus dem Empire State Building sein Leben gerettet. Der Franzose legt eins drauf: Sein Hosenträger habe ihn bei der Zugfahrt von Paris nach Lyon wieder zurück befördert. Alles nichts, sagt der Russe: Auf dem Spasski-Turm am Roten Platz sei „einer unserer vaterländischen Monteure“ beim Lampenaustausch abgestürzt. Dank seiner Galoschen, der russischen Gummischuhe, flog er „runter, hoch, runter, hoch“. Was tun? „Wir mussten ihn abschießen. Aber die Galoschen waren wie neu.“ Ist das unernst?

    Ein Deutscher! Ein Feind! Großartig!

    Schimkos Spezialität ist das pointierte Beschreiben komischer Situationen, die entstanden, weil er als Deutscher im Sowjetland unterwegs war und sich auf Land und Leute einließ. So geschehen in der Nacht „am Kursker Bogen“: Studentenvertreter Schimko hatte gelegentlich zu reisen, was „dank unzähliger Verspätungen wegen des Wetters, der Technik, der Anfälligkeit sowjetischer Piloten für gewisse Getränke lange Wartezeiten auf Flugplätzen“ mit sich brachte. Als Ausländer durfte er das „Zimmer für Abgeordnete“ benutzen.

    In einem solchen Warteraum traf er an einem Nebel-und-Schneesturm-Abend auf dem Kiewer Inlandflughafen zwei ebenfalls gestrandete Generäle a.D., einen Armenier, einen Russen, Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs gegen die „verfluchten Faschisten“: „Die Freude, einem Vertreter des ehemaligen Feindes zu begegnen, war echt und herzlich. Sie beschlossen, mit mir die Schlacht am Kursker Bogen vom Juli 1943 nachzustellen.“ So geschah es: „Nach unserer Schlacht lagen auf dem Tisch umgestoßene Gläser unterschiedlicher Größen, Teller und vertrocknete Sakuski. Das waren Armeen, Divisionen, Bataillone, Kompanien.“

    Die Kunst, sich etwas vorzumachen, habe ich früh erlernt. Richard Schimko

    Nach der Neuaufführung einer der größten Schlachten des Zweiten Weltkriegs gratulierten die Generäle einander und auch Schimko „als unterlegenem Gegner“ zum Ausgang: „Alle waren der Meinung, dass ich mir – stellvertretend für das seinerzeitige deutsche Volk – hinter die Ohren schreiben sollte, nunmehr den Krieg zu beenden.“ Damals hatten die Deutschen noch zwei schreckliche Jahre weitergekämpft, obwohl die Niederlage unausweichlich war. Ihm selber sei es „nach diesen für mich ungeheuren Zahlen, Fakten, Namen und der mir trotz allem entgegengebrachten Freundlichkeit furchtbar schlecht“ gegangen. Ihm war bewusst geworden, wie wenig er wusste; seinen ostfronterfahrenen Vater hatte er aus Feigheit nie befragt. Nun fragt er sich: Wer waren „die Nazis“? „Das waren doch Männer wie mein Vater gewesen.“

    Die heiter-erhellenden Jugendgeschichten spielen ganz überwiegend in Lwow (im Studentenwohnheim, an der Uni, im Geselligen) und in Kiew, Moskau, Tbilisi. Tatorte sind Schlafwagen, Straßenbahn oder Blumenrabatten. Als zentrales Agens (fast) immer dabei: Alkohol in allen Formen, vom Selbstgebrannten (Samogon) über Nordhäuser zum edlen Kognak. Schimko entwickelt hier die Kunst, Klischees zugleich zu be- und zu widerlegen.

    Apropos widerlegen: Eine ungeheuerliche Information streut er ganz nebenbei ein: Ende August 1968 fuhr Student Schimko im Zug zum Studienort. Die Strecke führte über Prag nach Moskau, sodass er zum Augenzeugen eines Teils des Prager Aufstandes wurde: „Der Zug war voller verwundeter sowjetischer Offiziere. Sie erzählten mir von zwei verwirrenden Einsatzbefehlen: Erstens sollten sie die sozialistische Ordnung in der Tschechoslowakei bedingungslos wiederherstellen und zweitens dabei aber keine Gewalt anwenden. Die meisten hatten Kopfwunden und Brandverletzungen davongetragen. Die einen waren von Pflastersteinen und die anderen von Molotow-Cocktails getroffen worden. Die Gewaltlosigkeit schien also ziemlich einseitig gewesen zu sein.“ Man bekommt die Geschichte sonst anders erzählt.

    Vom Mainstream abweichend, dafür gesättigt von Erfahrungen mit Russen, West- und Ostukrainern, vermittelt Schimko seine Sicht auf den gegenwärtigen Krieg. Er erinnert zum Beispiel daran, wie der Ukrainer Nikita Chruschtschow 1954 Kraft seines Amtes als Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in Feierlaune die geopolitisch zu Russland gehörige Halbinsel Krim an die Ukraine verschenkte – und damit gleich doppelten Verfassungsbruch beging.

    Von Schimkos Erlebnissen als Ost-Feigenblatt unter den BDI-Bossen von 1998 bis 2002 war schon eingangs die Rede. Es ist bei allem Ulk ein bitteres Kapitel, persönlich wie gesellschaftlich. In jenen Jahren sei von den Ossis Dankbarkeit verlangt worden, zum Beispiel für die vom Westen geleistete Hilfe zur Menschwerdung, nachdem die Ostendeutschen in der DDR durch „Verzwergung“ „unbrauchbar“ gemacht worden seien. Schimko sagt: „Ich war einer von diesen Zwergen.“ Seine Erkenntnis nach den Sitzungen: Es ist alles so, wie wir es gelernt haben. Es geht im Kapitalismus um die Interessen der Großkonzerne.

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    Richard Schimko: „Quantenmechanik gehört zu jenem Teil der Wissenschaft, den man so lange studiert, bis man überzeugt ist, man habe ihn erfunden.“Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

    Der Mann weiß, wovon er spricht. Solch eine Authentizität als Quelle erlangen wenige. Millionen DDR-Bürger werden wissend nicken, wenn sie zum Beispiel die „Geschichte von der Ahnung des Untergangs“ lesen, in der Schimko von Glanz und Elend seiner Branche, der Mikroelektronik in der DDR, berichtet.

    Richard Schimkos wunderbare Miniaturen kann man nun im Stillen lesend genießen, aber die Texte eignen sich auch wunderbar für das Vorlesen in geselliger Runde. Wetten, dass sie lebhafte Gespräche nach sich ziehen? Jeder und jede, der oder die ein Stück Leben im Osten verbrachte, wird sich wiederfinden. Sie und alle anderen werden Zeile für Zeile lernen.

    Das Buch

    Autor: Richard Schimko, geb. 1945
    Titel: „Ich bin Physiker und Kleinkapitalist. Die Erlebnisse eines Wirtschaftskapitäns aus dem Osten“
    Verlag: soeben erschienen im Verlag Edition Ost, einem Imprint der Eulenspiegel-Verlagsgruppe
    Umfang: 256 Seiten, broschiert, mit Fotos
    Preis: 22 Euro

    #Allemagne #DDR #RDA #histoire #capitalisme

  • Étoiles, Konrad Wolf, 1959
    https://www.arte.tv/fr/videos/005406-000-A/etoiles

    Dans ce film émouvant le protagoniste échoue car son humanisme le fait trahir son amour. A la fin il prend enfin la décision de s’allier aux antifascistes et de combattre activement les armées génocidaires

    Les oeuvres de Gorki, Brecht et Wolf sont toujours d’actualité. Aujourd’hui on peut les regarder en dehors du contexte staliniste et découvrir leurs réponses essentielles aux question de la lutte pour la libération du capitalisme, du colonialisme et de l’impérialisme.

    Disponible jusqu’au 19/01/2026

    Un sous-officier de la Wehrmacht tente de faire évader Ruth une jeune femme juive dont il est tombé amoureux... Par le cinéaste est-allemand Konrad Wolf, une histoire d’amour tragique, récompensée à Cannes en 1959.

    La question centrale du film est soulevée implicitement par la tentative desespérée et absurde de comprendre le conflit en Palestine en tant que tel alors qu’il s’agit d’un épisode du développement des contradictions provoquées par l"impérialisme mondial.

    Gilles Deleuze et la Palestine
    https://seenthis.net/messages/1142722
    https://lestempsquirestent.org/fr/numeros/numero-7/gilles-deleuze-et-la-palestine

    Le fascisme et le national-socialisme partagent la même image de l’homme avec le libéralisme : L’homme est un loup pour l’autrui. En passant à l’acte conséquent les adeptes de ces idéologies créent les conditions nécessaires pour illustrer le soi-disant bien-fondé de leur axiome méprisant..

    Une cible à la fois : La logique qui a aidé les libéraux israéliens à commettre un génocide
    https://seenthis.net/messages/1142822

    Si on suit la définition israélienne du génocide décrite dans cet article, même l"holocauste nazi n’en fut pas un, car dans la logique de l’époque il s’agissait d’un acte de légitime défense pour sauver le peuple allemand de la déstruction par le venin juif.

    Là aussi il n’y a donc rien de nouveau depuis 1945,. Il y a eu une modification de la distribution des rôles, mais en principe on joue toujours la même pièce.

    #Allemagne #Bulgarie #Israel #Palestine #histoire #film #DDR #antifascisme #shoa #holocauste #nakba #génocide

  • Vietnam und Deutschland : Lieber totschweigen
    https://www.jungewelt.de/artikel/508859.vietnam-und-deutschland-lieber-totschweigen.html

    Kurz nach den USA erkannte die BRD im Oktober 1955 den antikommunistischen Separatstaat »Republik Vietnam« an. Im Bild : Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU) zu Besuch in Saigon (21.10.1958)

    Les relations emte l’Allemagne capitaliste et le Vietnam on toujours été dictés par les États Unis. La République socialuste allemande (#DDR) par contre a envoyé d’anciens résistants antifascistes dans le pays qui mena sa guerre de libération contre l’impérialie français et états-unien.

    23.9.2025 von Hellmut Kapfenberger - 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Vietnam: Was heute aus deutscher Sicht vergessen sein soll

    Die Bundesrepublik Deutschland und die Sozialistische Republik Vietnam blicken am 23. September – im Zeichen einer 2011 beschlossenen »Strategischen Partnerschaft« – auf 50 Jahre diplomatischer Beziehungen zurück. Wer in der DDR gelebt oder sich auch nur etwas mit der Geschichte der deutsch-vietnamesischen diplomatischen Beziehungen beschäftigt hat, weiß allerdings, dass diese schon 20 Jahre zuvor ihren Anfang genommen haben. Auch Vietnam hat das nicht vergessen. Dafür, dass das heutige amtliche Deutschland wie einst das Bonner Bundesdeutschland im Gegensatz zum geschichtsbewussten Vietnam dem Erinnern daran nichts abgewinnen kann, gibt es mindestens zwei Gründe. Zum einen müsste konstatiert werden, dass einst nicht die Bundesrepublik als erste ihre Fühler in Richtung Vietnam ausgestreckt hatte. Geschenkt! Zum anderen, das aber wäre für einstige westdeutsche, selbst noch für die heutigen Verantwortungsträger im hiesigen Politikbetrieb sehr schmerzhaft, müsste eingestanden werden, dass die Bundesrepublik in Sachen Vietnam anfangs zwei Jahrzehnte lang völkerrechtswidrig handelte und den Krieg der USA unterstützte. Verwundern konnte diese Beteiligung am Völkerrechtsbruch nicht, entsprach sie doch ihrem auch nach der Einverleibung der DDR nicht geläuterten Wesen, ihrer ungebrochenen Treue zum antikommunistischen Erbe.

    Lassen wir die Fakten sprechen. Am 3. Februar 1950 erkannte die Provisorische Regierung der DDR die am 2. September 1945 gegründete Demokratische Republik Vietnam (DRV) offiziell an. Vietnam stand zu dieser Zeit in hartem Abwehrkampf gegen den nur Tage nach der Ausrufung der Unabhängigkeit gestarteten Versuch Frankreichs, den verlorenen Indochina-Kolonialbesitz zurückzuerobern. Andere sozialistische Staaten, so die Sowjetunion und die Volksrepublik China, taten es der DDR gleich. Die Regierung Ho Chi Minh hatte am 14. Januar 1950 vom Widerstandszentrum im gebirgigen Landesnorden aus – die Landeshauptstadt Hanoi war in der Hand der Franzosen – die Welt auf die Lage in Vietnam aufmerksam gemacht und als rechtmäßige Regierung erstmals die Bereitschaft bekundet, »diplomatische Beziehungen mit den Regierungen aller Länder aufzunehmen, die die Gleichberechtigung, territoriale Souveränität und nationale Unabhängigkeit Vietnams achten«. Am 7. März 1954, eine Woche vor Beginn der Schlacht von Dien Bien Phu, unterzeichneten die Botschafter der DDR und der DRV in Beijing im Auftrag ihrer Regierungen eine Vereinbarung über den Botschafteraustausch. Johannes König, DDR-Botschafter in China, übergab am 2. Januar 1955 in der seit August des Vorjahres freien Hauptstadt Hanoi als Zweitakkreditierung sein Beglaubigungsschreiben. Am 30. August 1955 nahm die erste deutsche Botschaft im unabhängigen Vietnam mit Sitz in Hanoi ihre Arbeit auf.

    Vom Westen ignoriert

    Den Ruf der Regierung Ho Chi Minh vom Januar 1950 hatte die westliche Welt ignoriert. Die Bundesrepublik sah sich an der Seite Frankreichs und ließ Paris auf deutschem Boden nicht nur ungestört, sondern ausgesprochen wohlwollend, zum Teil mit erpresserischem Druck, Tausende junge Männer als Fremdenlegionäre für das in Indochina mordende Expeditionskorps anheuern. Frankreichs militärisches Abenteuer endete am 7. Mai 1954 mit der Kapitulation der Festung Dien Bien Phu. Am Tag danach trat eine von der UdSSR erzwungene Indochinakonferenz¹ in Genf zusammen, die im Juli völkerrechtlich verbindliche Beschlüsse für die Zukunft Vietnams und ganz Indochinas verabschiedete. Vietnams Nord- und Südhälfte wurden zu »Umgruppierungszonen« zur Separierung der Truppen beider kriegführenden Seiten erklärt, getrennt durch eine nicht als Grenze geltende »zeitweilige militärische Demarkationslinie«. Die »zuständigen repräsentativen Behörden beider Zonen«, die Regierung der DRV und eine von den Franzosen 1949 im rückeroberten Landessüden, in Hue, implantierte Separatregierung unter Kaiser Bao Dai², sollten am 20. Juli 1955 Verhandlungen zur Vorbereitung für die für den Juli 1956 vorgesehenen allgemeinen Wahlen in beiden Zonen aufnehmen.

    Dazu kam es nicht. Die USA, die Frankreichs Feldzug mit großem materiellen und finanziellen Aufwand erst möglich gemacht hatten und nur als »Beobachter« in Genf vertreten waren, fühlten sich nach Präsident Dwight D. Eisenhowers Bekunden nicht an die Beschlüsse gebunden. Der Nationale Sicherheitsrat der USA verpflichtete die Regierung, »einen kommunistischen Sieg durch gesamtvietnamesische Wahlen zu verhindern«. Ihr aus den USA eingeflogener Gewährsmann Ngo Dinh Diem³ hatte Bao Dai auszubooten, im Oktober 1955 für den Landessüden eine »Republik Vietnam« mit Saigon als Hauptstadt auszurufen und die Konferenzbeschlüsse rigoros zurückzuweisen.

    Die Bundesregierung, über die Vorgänge offenbar bestens informiert, war sofort zur Stelle. Noch im Oktober erkannte Bonn als erster Staat nach den USA das Separatstaatsgebilde an. Am 12. Dezember folgte die Herstellung konsularischer Beziehungen mit der Eröffnung eines Generalkonsulats in Saigon, das am 12. Juni 1957 zur Gesandtschaft wurde. Am 25. April 1960 erhob man diese diplomatische Vertretung schließlich in den Rang einer Botschaft. Die stellte erst wenige Tage vor dem schmählichen Ende des Regimes, am 24. April 1975, ihre Arbeit ein. Sechs Tage später marschierten Befreiungstruppen in die Stadt ein, die Machthaber des antikommunistischen Regimes kapitulierten bedingungslos. Bonn hatte es von Anfang bis Ende nach Kräften politisch, propagandistisch, ökonomisch, materiell, teils auch personell, vor allem aber als zweitgrößter Geldgeber nach den USA finanziell unterstützt. Noch Ende 1974 hatte Bonn Saigon einen langfristigen Kredit über 40 Millionen DM gewährt. Ab 1965 war man in mancherlei Hinsicht auch direkt den US-Aggressoren zu Diensten gewesen.

    BRD: Nazis und Militärs

    Und wer durfte von Beginn an diese Bundesrepublik auf südvietnamesischem Boden vertreten? York Alexander von Wendland, Spross eines königlich bayrischen Rittmeisters, amtierte als erster Botschafter der BRD bis Juni 1964. Er war am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP geworden und im April 1936 in den auswärtigen Dienst des Nazireichs eingetreten. 1938 bestand er die »diplomatisch-konsularische Prüfung«. Auslandsstationen waren in der Folge das Konsulat in Brünn, das Generalkonsulat in Batavia (damals Hauptstadt des Kolonialgebiets Niederländisch-Indien, heute als Jakarta Hauptstadt der Republik Indonesien) und ab 1940 die Gesandtschaft in Bangkok. Nach kurzer Unterbrechung stand er seit 1951 wieder im diplomatischen Dienst.

    Auf von Wendland folgte bis November 1965, also in der Anfangszeit der direkten US-Aggression⁴, Günther Schlegelberger. Nach Studien an der Berliner Humboldt-Universität und von 1937 bis 1939 an der hauptstädtischen Universität des faschistischen Horthy-Ungarns war er von 1940 bis 1942 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Ribbentrops Auswärtigem Amt tätig. Sein Vater Franz Schlegelberger stand in jener Zeit an verantwortlicher Stelle der Nazijustiz. Von 1931 an und, vom Hitlerregime übernommen, noch bis 1941 war er Staatssekretär im Reichsjustizministerium. 1941/42 fungierte er als kommissarischer Reichsminister der Justiz.⁵ Günther Schlegelberger gehörte ab 1943 in höherem Offiziersrang der Wehrmacht an. Wie von Wendland wurde er 1951 wieder in den auswärtigen Dienst aufgenommen.

    In besonderer Mission weilte Hans Schmidt-Horix Ende März 1966 in Saigon. Er war 1934 der Reiter-SS beigetreten und brachte es zum Untersturmführer. Ab 1935 als Attaché dem Auswärtigen Amt zugehörig, war er von 1937 bis 1942 an den Botschaften in Lissabon und als Legationsrat in Washington tätig. 1942/43 Offizier des faschistischen Afrikakorps, wurde er 1944 Legationssekretär an der Nazibotschaft in Italien. Schmidt-Horix durfte 1952 wieder den diplomatischen Dienst antreten. Seine besondere Mission bestand darin, Verhandlungen mit dem Saigoner Außenminister über den Einsatz des westdeutschen Lazarettschiffs »Helgoland« zu führen, das von September 1966 bis Ende 1972 in den Häfen von Da Nang und Saigon unter Rotkreuzflagge agierte, aber dem BRD-Militärattaché in Saigon unterstand, dem ehemaligen Wehrmachtsoberstleutnant Joachim Tzschaschel.

    Schlegelbergs Nachfolger im Amt des Botschafters wurde – nach zeitweiliger Leitung der Mission durch einen Geschäftsträger – von 1966 bis Oktober 1968 in der Person von Wilhelm Kopf wieder ein Mann mit ausgewiesener Nazivergangenheit. Ab 1933 für einige Jahre Angehöriger der SA, wurde Kopf Anfang 1938 NSDAP-Mitglied. Im Oktober 1940 trat er den Dienst in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes an. Ab April 1941 war er verantwortlicher Mitarbeiter der dortigen Nachrichten- und Presseabteilung. Deren Leiter und damit Pressechef Ribbentrops war während der Kriegsjahre Obersturmbannführer Paul Karl Schmidt.⁶ Ab Mai 1941 fungierte Kopf als Vertreter des Auswärtigen Amtes bei der Abteilung Wehrmachtpropaganda des Oberkommandos der Wehrmacht. Ab Februar 1942 Ausbilder in der »Aserbaidschanischen Legion«⁷, einer aus nichtrussischen Kriegsgefangenen und Überläufern rekrutierten Söldnerformation der Naziwehrmacht, war er in der Folge wieder unter Schmidt tätig, bevor er im Juni 1944 in der Botschaft in Ankara für die »Bearbeitung von Presseangelegenheiten« zuständig wurde. Ab Juni 1952 stand er im auswärtigen Dienst der Bundesrepublik.

    Auf Kopf folgte im November 1968 bis Ende 1974 Horst von Rom. Der promovierte Jurist (1934) war von 1937 bis 1945 verantwortlicher Mitarbeiter einer anfangs unverfänglich »Forschungsamt« und ab 1935 pro forma »Forschungsamt der Luftwaffe« genannten Einrichtung und war ab 1943 bis zum Schluss an das Auswärtige Amt abkommandiert. Bei diesem »Forschungsamt« handelte es sich um einen im April 1933 von Hermann Göring für »technische Aufklärung« geschaffenen Spionagedienst, der ab 1935 von SS-Sturmbannführer Christoph Ernst August Prinz von Hessen geleitet wurde. Es überwachte Telefonate, Fernschreiben und Telegramme mit dem Ziel der Ausschaltung von Antifaschisten. Horst von Rom konnte sich ab 1953 der Zugehörigkeit zum auswärtigen Dienst der Bundesrepublik erfreuen.

    Erst mit dem Amtsantritt von Heinz Dröge im November 1974 endete die Präsenz erheblich belasteter Nazis auf dem Botschafterstuhl in der Saigoner Straße Pho Vo Thang 217. Der ehemalige Luftwaffenleutnant setzte sich am 24. April 1975 mit dem Botschaftspersonal nach Bangkok ab.

    DDR: Partisanen und Widerständler

    Wie sah es dagegen in der Hanoier Straße Pho Tran Phu 29 aus, dem Sitz der DDR-Botschaft? Der erste akkreditierte Botschafter der DDR, der am 30. August 1955 seinen Dienst antrat und bis 1959 amtierte, war der Arbeitersohn Rudolf Pfützner, ab 1928 Mitglied der KPD. 1933 wegen antifaschistischer Widerstandsarbeit zeitweise in »Schutzhaft« genommen und 1934 erneut verhaftet, wurde er im April 1935 in Dresden zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Waldheim war eine Haftstation. 1941 als Leiter einer Leipziger Widerstandsgruppe wieder verhaftet, folgte im Jahr darauf das auf 15 Jahre Zuchthaus lautende Urteil von Freislers Volksgerichtshof. Er durchlitt abermals Waldheim und gehörte 1945 zu den Überlebenden des KZ Mauthausen.

    Der als Schriftsteller bekannt gewordene Eduard Claudius hatte nach Pfützner bis 1961 das Amt des Botschafters in der DRV inne. Geboren als Sohn eines Bauarbeiters, wurde er Maurer und in den 1920er Jahren aktiver Gewerkschafter und Arbeiterkorrespondent im Ruhrgebiet. Stationen: Drei Jahre Westeuropa-Wanderschaft, 1932 Mitglied der KPD, 1933 zeitweise Haft, 1934 Emigration in die Schweiz, 1936 wegen antifaschistischer Arbeit Verhaftung durch die Schweizer Behörden, wegen drohender Auslieferung an Nazideutschland Flucht nach Spanien. Claudius kämpfte zuletzt als Kriegskommissar in den Reihen der Internationalen Brigaden und wurde 1938 mit vielen Interbrigadisten in Frankreich interniert. 1939 wieder von Auslieferung bedroht, gelang die Flucht zurück in die Schweiz. Wegen illegalen Aufenthalts abermals verhaftet, folgte 1939 bis 1945 Internierung in Schweizer Arbeitslagern. Anfang 1945 schloss er sich der italienischen Partisanenbrigade Garibaldi an. Im Juli 1945 kehrte er nach Deutschland zurück. Dass er bis 1947 als Pressechef eines bayrischen Ministeriums für Entnazifizierung fungierte und 1948 in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) übersiedelte, sei am Rande erwähnt.

    Das Amt des Botschafters übernahm von ihm bis 1963 Karl Nohr. Er war 1923 dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) und der KPD beigetreten. Von 1930 bis 1933 leitete er eine »Liga für Mutterschutz und soziale Hygiene« in Magdeburg. 1933 nach Frankreich emigriert, wurde er Mitarbeiter des Sexualforschers Professor Magnus Hirschfeld bis zu dessen Tod 1935 und danach politischer Mitarbeiter der Internationalen Roten Hilfe in Frankreich. Auf die Internierung von 1939 bis 1942 folgte bis Januar 1945 Dienst in der britischen Armee. Im Oktober 1945 kehrte er nach Deutschland zurück.

    Bis 1968 bekleidete schließlich Wolfgang Bergold das Amt des Botschafters der DDR in der DRV. Bis zur Relegation 1933 studierte das Mitglied des KJVD an der Technischen Hochschule Dresden Volkswirtschaft, Russisch und Chinesisch. Er hatte 1930 zu den Gründern des Sozialistischen Schülerbundes gehört und wurde dann Mitglied der Freien Sozialistischen Studentenschaft. EinJahr Haft verbrachte er 1933/34 im KZ Hohnstein.⁸ Wegen illegaler Arbeit Ende 1934 erneut verhaftet und wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verurteilt, war er 1935/36 in Dresden und im KZ Sachsenburg inhaftiert. Bergold gehörte zu den Organisatoren einer Dresdner Widerstandsgruppe, wurde 1941 in Dresden abermals verhaftet und im März 1942 vom Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Außer mehreren Monaten Zwangsdienst im berüchtigten Strafbataillon 999 im Jahr 1943 wurde er bis 1945 im Zuchthaus Waldheim gefangengehalten. 1945 wurde er Mitglied der KPD.

    Nach Bergold hatte bis 1972 ein jüngerer Mann das Amt des Botschafters inne, Klaus Willerding. Als wehrpflichtiger Soldat 21jährig 1944 in sowjetische Gefangenschaft geraten, besuchte er von 1946 bis 1948 eine Antifa-Schule, eine der ab 1942 für deutsche Kriegsgefangene eingerichteten Frontschulen. 1949 folgte die Unterrichtung an der Antifa-Zentralschule im Gefangenenlager Krasnogorsk unweit Moskaus, in dem 1943 von deutschen Antifaschisten und gefangengenommenen oder desertierten Wehrmachtsangehörigen das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) gegründet worden war.

    Es versteht sich von selbst, dass auch der spätere stellvertretende Außenminister Johannes König, der 1954 von Beijing aus den diplomatischen Kontakt der DDR zur DRV zu knüpfen hatte, auf eine von aufopferungsvollem antifaschistischen Kampf in den Reihen der KPD und vielfacher Verfolgung geprägte Vergangenheit an der Seite seiner jüdischen Frau mit jahrelangem politischen Wirken ab 1939 im chinesischem Exil zurückblicken konnte.

    Kein Schuldeingeständnis

    23. September 1975. Die Demokratische Republik Vietnam (DRV) nach 20 Jahren massiver Unterstützung der Spalter Vietnams plötzlich als rechtmäßiges Vietnam mit der Hauptstadt Hanoi wahrgenommen zu haben, das können nur sträflich Gutgläubige als Zeichen quasi über Nacht gewonnener Einsicht Bonns werten, einem blutgetränkten Irrweg gefolgt zu sein. Es gab andere Gründe. Für das bundesdeutsche Kapital roch es jetzt nach einer unerwarteten, Profit verheißenden Chance. Und es war für Hallsteins Erben unvorstellbar, der dort hoch angesehenen DDR allein das Feld im nun wieder geeinten Vietnam zu überlassen. Bonn aber hinderte sich selbst daran, möglichst schnell zum Zuge zu kommen. Mit dem Ende des Krieges begann, was bis Anfang der 1990er Jahre währen sollte: eine rigorose Embargopolitik der gedemütigten USA gegenüber Vietnam. Bonn folgte gehorsam. Zwar wurde im April 1976 in einem Hanoier Hotel eine Botschaft etabliert, und im Juli rückte noch der erste bundesdeutsche Botschafter an. Dann aber endete der Alleingang, standen die diplomatischen Beziehungen jahrelang nur auf dem Papier. Vietnam schickte 1982 seinen Außenminister nach Bonn; die bundesdeutsche Öffentlichkeit erfuhr von dem erfolglosen Good-will-Trip nichts. Erst als Anfang der 1990er Jahre ein Kontakt zwischen Washington und Hanoi zustande kam, regte sich auch Bonn wieder. Im April 1993 kreuzte Außenamtschef Klaus Kinkel am Roten Fluss auf, sein absonderlicher Auftrag nach 18 Jahren Beziehungen: die Lage »sondieren«.

    Bleibt anzumerken: Bis heute fehlt, was Bonns bzw. Berlins Sache nicht ist: das Eingeständnis schwerwiegender Mitschuld an millionenfachem Tod und großflächiger Zerstörung eines Landes. Das gab es anlässlich des vor allem von ökonomischem Eigennutz diktierten Neuanfangs nicht und nicht später bei der Begründung der sogenannten Strategischen Partnerschaft. So konnte man in Bonn und kann man auch heute in Berlin noch von Glück reden, dass mit milliardenschweren Forderungen verbundene Schuldzuweisungen von Hanoi nie zu befürchten waren. Auch wenn man sich hüten sollte zu glauben, Vietnam werde derlei vergessen.

    Anmerkungen:

    1 Auf der Konferenz waren die UdSSR, Frankreich, Großbritannien, China, die USA, die DRV, die Bao-Dai-Verwaltung des vormaligen vietnamesischen Kaisers sowie die Königreiche Laos und Kambodscha vertreten.

    2 Kaiser Bao Dai hatte sich nach seiner Entmachtung 1945 ins Ausland abgesetzt und lebte bis 1949 im französischen Exil.

    3 Der katholische Geistliche Ngo Dinh Diem, einst Berater am Hofe Bao Dais, lebte später in Japan, kehrte im Zweiten Weltkrieg nach Vietnam zurück, kollaborierte mit den japanischen Besatzern und lebte dann bis 1953 in den USA.

    4 Nach dem Einsatz Tausender »Militärberater« bei der Saigoner Armee begann mit der Entsendung der ersten Kampftruppen im Februar 1965 die direkte Aggression der USA.

    5 Franz Schlegelberger wurde 1947 im Nürnberger Juristenprozess, einem der zwölf Nachfolgeprozesse im Anschluss an die Verhandlung gegen die Hauptkriegsverbrecher, von einem USA-Militärgericht zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, aber schon im Januar 1951 wegen »Haftunfähigkeit« aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen.

    6 Schmidt, auch Paul Carell, war seit 1931 Mitglied der NSDAP und der SA. Als Psychologiestudent in Kiel leitete er einen »Kampfausschuss wider den undeutschen Geist«. Am 10. Mai 1933 war der Burschenschafter studentischer Redner bei der Bücherverbrennung in Kiel. 1935/36 war er »Gaustudentenführer« in Schleswig-Holstein. In den 1950er Jahren Journalist bei Die Zeit und Der Spiegel tätig, machte er dann Karriere im Springer-Verlag. Bis zu Axel Springers Tod 1985 war Schmidt dessen persönlicher Berater und Sicherheitschef.

    7 Die »Aserbaidschanische Legion« war Teil der »Ostlegionen« der faschistischen Wehrmacht, für die schon ab 1941 Angehörige von Minderheitenvölkern der Sowjetunion für »Sicherungsaufgaben im besetzten Gebiet« angeworben wurden. Ihnen gehörten mindestens 40.000 Kriegsgefangene und Deserteure an.

    8 Bewacht von SA-Schlägern aus Pirna, war die Jugendburg Hohnstein von März 1933 bis August 1934 eines der ersten Konzentrationslager. Etwa 5.600 Antifaschisten hatten teils schwerste Zwangsarbeit in einem nahen Steinbruch zu verrichten.

    Hellmut Kapfenberger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. April 2025 über die Einnahme Saigons im April 1975: »Friedlicher Schlussakt«

    #Allemagne #Vietnam #diplomatie

  • Puhdys Songtexte, sortiert nach Album
    https://www.songtextemania.com/puhdys_songtexte.html
    https://www.youtube.com/watch?v=nkU2E_nSeNg

    14.7.2021 Die Puhdys schließen wieder Frieden : Die Band beendet Streit um Songrechte
    https://www.berliner-kurier.de/berlin/die-puhdys-schliessen-wieder-frieden-die-band-beendet-streit-um-song

    Le groupe rock le plus célèbre de la #RDA se reconcilie après une dispute sur lrs droits d’auteur de ses chansons.

    Die Musiker der aufgelösten Rockband Puhdys haben ihren Streit um die Urheberschaft der Songrechte beigelegt, wollen sich aber zu Einzelheiten des Vergleichs nicht äußern, um neuen Streit zu vermeiden. Das meldet die dpa am Mittwoch und beruft sich auf ein Anwaltsschreiben. Eine wahrhaft nebulöse Nachricht über das Ende des drei Jahre währenden Streits. Sie erzwingt Recherchen.

    Die kurze Antwort: Die Hits schrieb Dieter Birr und nicht die Puhdys-Combo. Die Gema wird die Autorenschaft der meisten strittigen 200 Titel umregistrieren. Und ausführlich: Die Einzelheiten sind komplizierter.

    Wir fragen als Erstes bei Dieter Birr nach, der 2019 in einem Interview mit dem Berliner KURIER begründet hatte, warum er nach fast 50 gemeinsamen Jahren plötzlich erklärte, die Kompositionsrechte stünden ihm allein zu. Der seine Kollegen sogar verklagte, als sie nicht freiwillig verzichteten. Immerhin reagierten auch Fans mit Unverständnis.

    Dieter Birr erklärt am Mittwoch am Telefon, dass er gern Auskunft geben würde, aber seine Kollegen bestünden auf Verschwiegenheit. Daher keine Einzelheiten, nur so viel: „Ich bin mit dem Ergebnis des Vergleichs mehr als zufrieden und auch froh, dass wir keine Gerichte bemühen mussten.“

    Verständlich, denn nach Informationen des Berliner KURIER regelt der Vertrag, dass die meisten der strittigen Kompositionen von der Gema umregistriert werden müssen, darunter so bekannte Songs wie „Alt wie ein Baum“. Das heißt, für mehr als 100 Titel, die den frühen Puhdys als Gruppe oder dem Duo Birr/Meyer zugeordnet waren, wird Dieter Birr nun als alleiniger Komponist ausgewiesen. Rückwirkend erhebt er keine Ansprüche.

    Dieter Birr, Sänger, Gitarrist, Komponist, Texter

    Dieter Birr, Sänger, Gitarrist, Komponist, TexterImago/Karina Hessland

    Zum Kompromiss gehört dem Vernehmen nach, dass Birr in etlichen Fällen trotzdem auf die Hälfte der Gema-Erlöse verzichtet, während sich die Kollegen die andere Hälfte teilen. Der Anspruch gilt auf Lebenszeit der Musiker. 1979 übernahm Klaus Scharfschwerdt die Drums, 1997 ersetzte Peter Rasym den Bassisten. Rasym ist nicht an Tantiemen der Puhdys beteiligt.

    Das klingt komplex, ist aber eindeutig und beendet den Streit für immer. Der Vergleich wurde von Anwälten ausgehandelt, zugestimmt haben neben Dieter Birr auch Peter Meyer, Dieter Hertrampf, Klaus Scharfschwerdt, Gunther Wosylus und die Witwe von Harry Jeske, Erma Juros Jeske.
    Dieter Birr fühlte sich 2018 von seinen Kollegen verraten

    Der Streit hat den Blick auf die Bandgeschichte von 1969 bis 2016 verändert, gerade weil die Puhdys stets als gute Kumpel galten, die alles einvernehmlich regeln. Niemals, sagte Dieter Birr 2019, sei ihm früher auch nur der Gedanke gekommen, seine Kompositionsrechte zurückzufordern. Die habe er stets bewusst und gern mit den Kollegen geteilt, als seinen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg.

    Doch 2018 erhob er plötzlich seinen durchaus bizarren nachträglichen Anspruch auf frühe Rechte, denn er fühlte sich verraten. Der Bruch passierte in dem Augenblick, als sich die Band zu einer Platte ohne neuen Titel von ihm entschloss: „Heilige Nächte“, 2013. Man muss das als Aufstand gegen „Maschine“ verstehen, den musikalischen Kopf der Band, Liebling der Medien, der sich fraglos auch stets als Macher, Treiber und Bestimmer aufführte.

    Hat er dabei vielleicht Ideen der anderen unterdrückt? Oder waren einige Kollegen schon so desinteressiert an gemeinsamen Titeln, dass sie für neue Alben nicht mal ihre Instrumente selbst einspielten? In jedem Fall hätten sie jetzt die Chance gehabt, es allen zu zeigen – mit einem Puhdys-Album ohne Maschine, stattdessen mit Titeln von Meyer, Hertrampf, Scharfschwerdt.

    Aber die Musiker steuerten ohne Birr überhaupt nichts bei: Kompositionen, Arrangements, Texte – alles eingekauft, nichts darauf hatte noch mit den Puhdys zu tun. „Heilige Nächte“, das letzte Album der Puhdys, wurde das am schlechtesten verkaufte in der Geschichte der Band.
    Dieter „Maschine“ Birr wollte Anerkennung für seine Kreativität – als Urheber, als Komponist

    Nach diesem Affront fiel Dieter „Maschine“ Birr über Wochen in Schockstarre. Wollte dann eine Aussprache, die mit Schweigen endete. Er hatte jahrzehntelang die Titel beigesteuert, seinen Kollegen Hunderttausende Euro an Tantiemen überlassen. Jetzt war er verletzt. „Ich war fertig mit der Welt, stand völlig allein da“, erzählte er erstmals sechs Jahre später.

    Das Ende der erfolgreichsten DDR-Rockband, die vielleicht nicht zu den Kritikerlieblingen gehörte, aber auf jeden Fall zum Klangbild des Ostens, es war damit besiegelt. Jetzt wollte er klarstellen, wer die Titel komponiert hatte. Die Kollegen wehrten sich, erklärten, es hätten „immer alle mitgewirkt“ an der Entstehung der Songs.

    Sicher – als Musiker, als Manager, aber das Urheberrecht schützt eben nur Kompositionen, allein dafür zahlt die Gema Tantiemen. Dort verwendet man für die Credits gewöhnlich viel Sorgfalt, denn es geht um Ruhm und Geld. Und selten ist jemand so töricht, darauf zu verzichten, weil er Kollektivgedanken pflegt.

    Dieter Birrs Anwalt Paul W. Hertin sagte am Mittwoch auf Nachfrage: „Um Geld ging es meinem Mandanten offenbar nie, wie ich im Lauf des Prozesses feststellte. Er wollte Anerkennung für seine Kreativität – als Urheber, als Komponist.“
    Ein Puhdys-Musiker meldete Insolvenz an

    Die Puhdys sind keineswegs gleichermaßen wohlhabend. Ein früheres Bandmitglied hat nach einer Insolvenz offenbar empfindliche Geldsorgen, Dieter Birr dagegen, der Soloplatten rausbrachte und viel für andere schreibt, wird auf ein Millionenvermögen geschätzt.

    Auf die strittigen Puhdys-Tantiemen von vielleicht 25.000 Euro im Jahr ist er nicht angewiesen, rückwirkend hat er nie etwas verlangt. Ihm geht es vor allem um die Verwertung der Titel, darüber kann er nun endlich allein entscheiden. Seine Kollegen wussten immer genau, von wem die Songs stammen. Sie hätten sich lautlos einigen können.

    Die Forderungen wurden indes der Boulevardpresse gesteckt. Die Schlagzeilen unterstellten Dieter Birr dann Abzocke, Gier und 120.000-Euro-Forderungen. Diesen Vergleich hat nun einer gewonnen, und alle konnten ihr Gesicht wahren. Aber große Reunion-Konzerte wird es eher nicht geben.

    #DDR #musique #rock

  • Laura Laabs : Triggerwarnung wegen Till Lindemann ? „Ich hab gesagt, nee Leute, so nicht“
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/ostdeutsche-autorin-laura-laabs-der-staerkste-vorwurf-war-dass-mein

    Les enfants de la nomenklatura culturelle dans leur quarantaine

    6.9.2025 von Anja Reich - Die Regisseurin ist in Berlin-Schöneweide aufgewachsen. Im Interview spricht sie über die Wut der Nachwendekinder. Und sagt, warum der Rammsteinsänger in ihrem neuen Film mitspielt.

    Laura Laabs wohnt in einem Dachgeschoss in Berlin-Neukölln. Der Fahrstuhl geht nicht, ging noch nie in den zehn Jahren, die sie hier lebt, sagt Laabs, als sie die Tür zu ihrer Wohnung aufmacht, einer Dreier-WG mit hellen Räumen und alten Möbeln. Das Sofa in der Küche ist von ihrer Großmutter, der Gründerin der Modezeitschrift Sibylle. Der Schreibtisch in ihrem Zimmer von ihrer Mutter, der Publizistin Daniela Dahn.

    Hier schreibt Laabs Geschichten über Nachwendekinder, die sich aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand bewegen, und die dort spielen, wo sie selbst herkommt: am Adlergestell in Berlin-Schöneweide und in Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern.

    Bei Kritikern und Festivalveranstaltern kommen diese Geschichten nicht immer gut an, das hat Laura Laabs schon am Telefon erzählt. Wegen Till Lindemann, dem Rammstein-Sänger, und einer AfD-Wählerin. Darüber wollen wir reden an diesem Spätsommertag. Laabs stellt Melone und Gebäck auf den Tisch und schäumt Milch für den Kaffee auf. Draußen regnet es in Strömen.

    Laura Laabs: „Zeit nach dem Mauerfall war vakuumhaft“

    Frau Laabs, in Ihrem Film „Rote Sterne überm Feld“ geht es um eine junge linke Aktivistin. In Ihrem Roman „Adlergestell“ um eine junge Frau, die bei den Rechten mitläuft. Wo stehen Sie selbst?

    Beide Geschichten und Figuren sind fiktiv, schöpfen aber aus Erfahrungen meines eigenen Lebens. In Mecklenburg auf dem Land und im Ost-Berlin der Nachwendezeit. Es handelt sich um eine Art Selbstbefragung: Welche politischen und biografischen Entscheidungen treffen die Kinder aus der sogenannten demokratischen Revolution heute? Welche Spuren kann man in der eigenen Geschichte dafür finden?

    Sie waren vier, als die Mauer fiel. Was haben Sie davon mitbekommen?

    Gerade gestern habe ich eine Kassette digitalisieren lassen, auf der ich als Kind Losungen von der Demonstration am 4. November 1989 nachspreche, auf die mich meine Eltern mitgenommen haben. Völliges Kauderwelsch, aber jeder dritte Satz ist: „Wir sind das Volk“. Man merkt, es ist etwas im Gange, was für die Erwachsenen wichtig ist und man selbst steckt auch mit drin. Die Zeit danach war vakuumhaft. Das Alte war weg, das Neue noch nicht richtig da. Verunsicherte Lehrer, Eltern, die ihre Jobs verlieren und wollen, dass die Kinder das nicht mitbekommen.

    Foto
    Das Arbeitszimmer von Laura Laabs.Maria Sturm

    Wie hat sich die Verunsicherung Ihrer Lehrer geäußert?

    Zum Beispiel darin, dass unsere Lehrerin uns Lieder von Rolf Zuckowski beigebracht hat, den Text aber selbst noch ablesen musste.

    Tick, tick, tick, wer klopft denn da ans Ei!

    Ja, oder die Weihnachtsbäckerei. Der Horror. Wir hatten ja in der DDR auch schöne, diktaturfreie Kinderlieder oder hätten was von Gerhard Schöne singen können. Aber es musste Zuckowski sein, obwohl niemand dazu eine Beziehung hatte. Als Kind weißt du das nicht, spürst aber, irgendwas ist jetzt hier fremd. Die Lieder von Zuckowski habe ich bis heute im Kopf, genau wie die Fernsehwerbung: „Sun Sensation Barbie, sieht gut aus, hat viel Spaß!“ All die Glücksversprechen.

    Haben Sie auf den Straßen von Schöneweide Mercedes-Sterne abgebrochen wie die Ich-Erzählerin aus dem Buch?

    Vielleicht mal einen oder zwei. Wir waren Schlüsselkinder und immer unterwegs, sind über die S-Bahngleise geklettert, über das verlassene Gelände vom Wachregiment Feliks Dzierzynski gelaufen. Anders als meine Hauptfigur war ich ein selbstbewusstes Kind, habe mich schon im Kindergarten über unsere Erzieherin beschwert.

    Worum ging es?

    Darum, dass sie mir den Anorak nicht zumachen wollte, weil ich mich nicht rechtzeitig in die Schlange gestellt hatte. Dass ich nicht auf Toilette durfte, nachdem die Pinkelpause vorbei war und dass ich aufessen musste, obwohl ich keinen Hunger hatte.

    Das Adlergestell, der Titel Ihres Buches, ist eine Ausfahrtstraße im Osten der Stadt. Sie haben dort tatsächlich gewohnt, in einem Reihenhaus in einer Seitenstraße. Was war das für eine Gegend in den 90ern?

    Sozial war es da sehr durchmischt. Es gab Bildungsbürger, aber auch Kinder aus prekären Verhältnissen, wo es hieß, die Eltern sind jetzt geschieden, der Papa ist jetzt arbeitslos. Diese Begriffe hatten für uns Kinder etwas Gespenstisches. Und es war auch ein Stempel, der einem verpasst wurde. Ich frage mich bis heute, wie meine Eltern in dieser Zeit die Fassung bewahrt haben. Ihre Hoffnung auf Veränderungen in der Zeit des Mauerfalls, gefolgt von der Enttäuschung und der Skepsis gegenüber staatlichen Gremien. Das sind Eindrücke, die mich sehr geprägt haben.

    Foto
    Laura Laabs, Autorin und Regisseurin. Maria Sturm

    Laura Laabs: „Man wird sich vom kapitalistischen Wachstum verabschieden müssen“

    Die Ich-Erzählerin des Romans malt ein Hakenkreuz, ohne zu wissen, was es ist, und bekommt Riesenärger. Ist Ihnen das auch mal passiert?

    Ja, ich war wirklich noch klein und wusste nur, dass man das nicht darf und war verblüfft über das Entsetzen, das dadurch ausgelöst wurde. So ähnlich funktioniert das in der Gesellschaft ja bis heute, das Spiel mit dem rechten Feuer, wenn man eine Reaktion provozieren will. Sich zu beschweren, dass die Renten im Osten zu niedrig sind oder die Lebensleistung aus der DDR nicht anerkannt wird, löst nicht viel aus. Zu signalisieren, man könnte noch weitergehen und die AfD wählen, ist da schon was anderes. Im Gegensatz zu mir damals wissen die AfD-Wähler aber heute, was sie tun.

    Die Häuser am Adlergestell wurden rückübertragen. Auch das ist Ihrer Familie passiert?

    Im realen Fall war es komplizierter. Eine staatliche Institution hat Anspruch auf die Siedlung erhoben. Der Rechtsstreit ging 17 Jahre und irgendwann konnte man sich mit einer überschaubaren Summe „rauskaufen“. Erst danach stellte sich raus, dass die Institution keinerlei Anspruch hatte. Die haben nur geblufft. Die große Verunsicherung, die ich im Buch beschreibe, gab es in dieser Zeit. Und auch den Nachbarn, der uns die Parole „Wir protestieren auf allen vieren, denn wir wissen, Helmut Kohl ist beschissen“ eingeprägt hat. Die Stimmung war aufgeheizt, geprägt von der Wendeerfahrung: Ja, wir können uns wehren, wir organisieren eine Demo und werden wirksam. Aber die Demokratie, die gerade eingeübt worden war, war nicht mehr erwünscht. Und die Folgen der Rückübertragungen sieht man bis heute: Westdeutsche meiner Generation erben Wohnungen und Häuser, die ihre Eltern damals gekauft oder rückübertragen bekommen haben, Ostdeutsche gehen leer aus.

    Wie kommt es, dass Ihr erster Roman und Ihr erster Kinofilm fast zeitgleich erscheinen?

    Die Arbeit am Film hat lange gedauert, zehn Jahre. Dabei wuchs der Wunsch, auch mal etwas Literarisches zu schreiben. Vielleicht hat sich auch was angesammelt. Vielleicht brauchen die Ostkinder meiner Generation länger, um sich zu finden, sich was zuzutrauen. In meinen 20ern war ich erstmal ein bisschen orientierungslos, konnte noch nicht gleich in diesen Arbeitsmarkt, war noch nicht so zielstrebig. Vielleicht war es auch Trotz gegenüber dieser Leistungsgesellschaft.

    In Ihrem Film „Rote Sterne überm Feld“ stehen Windräder als Symbol für zügellosen Kapitalismus und nicht für Klimaschutz. Warum?

    Meine Familie hat ein altes Haus in Mecklenburg, wo ich viel Zeit verbringe, dort sind wir von Windrädern umzingelt. Selten profitieren die Gemeinden davon, die Besitzer sind aus dem Westen, der Strom wird in den Süden geschickt und der Strompreis bleibt so hoch, wie er immer war, im Zweifel wird er noch höher. Natürlich muss man sich die Frage stellen, wie der Planet gerettet werden kann. Aber es bringt nichts, immer mehr zu produzieren, immer mehr Autos, auch wenn es E-Autos sind. Ohne Verzicht und Umdenken geht es nicht. „Sieht gut aus, hat viel Spaß“ kann nicht mehr die Prämisse sein. Man wird sich vom kapitalistischen Wachstum verabschieden müssen.

    Der Ort ist Bad Kleinen, wo zu DDR-Zeiten auch Christa Wolf ein Haus hatte und andere Schriftsteller. Heute gewinnt dort die AfD die Wahlen.

    Ja, mit 40 Prozent zum Beispiel im Wahlkreis Alt-Meteln. Wenn ich da sagen würde, ich rede nicht mit Nazis, wäre ich ziemlich allein auf weiter Flur.

    Rote Fahnen auf dem Reichstag und Till Lindemann als Erlkönig in „Rote Sterne überm Feld“ von Laura Laabs

    „Zu jüdisch für die Nazis, zu bürgerlich für die DDR, zu links für die BRD“
    Laura Laabs: „Am Herrenstammtisch die Geschichtskeule rausgeholt“

    Also reden Sie mit ihnen?

    Ja, ich setze mich mit ihnen auseinander, weil es erstmal Menschen sind, oft auch liebe und nicht vernagelte und stumpfsinnige, wie sie meist dargestellt werden. Sie haben bestimmte Erfahrungen in ihrem Leben gemacht, finden es ungerecht, dass sie noch zwei Nebenjobs machen müssen, weil es sonst hinten und vorne nicht reicht. Und ziehen politische Schlüsse, die ich nicht teile.

    Wie setzen Sie sich mit ihnen auseinander?

    Wenn mein Nachbar mit seinem Hund am Gartenzaun von „den Kanaken“ redet, sage ich: Sorry, solche Begriffe gehen für mich nicht. Oder neulich stand ich in der Dorfkneipe hinter der Bar. Die Männer vom Herrenstammtisch wollten mit mir schäkern, ich habe sie provoziert und gesagt: Wenn ihr jetzt noch ein Bier wollt, müsst ihr ein Lied singen. Sie haben zurückprovoziert und ein Wehrmachtslied gesungen.

    Wie hieß das Lied?

    „Erika“. Ein Marschlied.

    Haben Sie es erkannt?

    Nein, ein Freund hat es mir erklärt, daraufhin habe ich mich zu den Männern gesetzt und den, der es angestimmt hat, gefragt: Warum hast du das gesungen? Er meinte: Das habe ich von meinem Großvater gelernt, und der war für mich ein Held. Ich habe gesagt, man kann seinen Großvater lieben und trotzdem zur Kenntnis nehmen, dass er bei der Wehrmacht war.

    Und dann?

    Sie haben aufgehört zu reden, ein paar sind gegangen, ein paar haben mich angefeindet. Die Stimmung war am Boden.

    Angefeindet inwiefern?

    Vielleicht solltest du woanders hingehen, nicht hier Bier verkaufen, vielleicht hattest du schon eins zu viel. Es war natürlich auch von mir blöd, ich hab mich in deren lustigen Trinkabend gemischt und die Geschichtskeule rausgeholt. Nicht gerade sensibel. Aber ich finde, man muss sich positionieren, und ein Anrecht auf einen naiven Umgang mit Vergangenheit gibt es nicht.

    Und beim Dreh in dem Ort, wie war da so die Stimmung?

    Es gab Berührungsängste, die sich nicht aufgelöst, aber aufgeweicht haben. Einmal, als das Catering ausfiel, hat Karin aus dem Dorf für alle Frühstück gemacht. Das deutscheste Frühstück der Welt: Weißbrot, Wurst und Gürkchen. Mein kolumbianischer Kameramann hat es geliebt. Ein anderes Mal hat ein Komparse vom Dorf einen Schauspieler gefragt, warum beim Film alle Englisch miteinander sprechen. Er hatte das Gefühl, das sei so eine Masche. Der Schauspieler hat ihm erklärt, dass im Team alle aus anderen Ländern kommen und sich sonst nicht verstehen würden. Das war eine Brücke für den Mann aus dem Dorf, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen, tolle Momente. Trotzdem kamen danach die 40 Prozent AfD-Stimmen im Ort. Man braucht sich keine Illusionen zu machen, nach dem Motto: Ich dreh jetzt mal einen Film und dann wird alles anders.
    Laura Laabs: „Till Lindemann wird als einer von uns angesehen“

    In Ihrem Film spielt auch Till Lindemann mit. Wie war das, der Rammsteinsänger zwischen den Leuten aus dem Dorf und dem kolumbianischen Kameramann?

    Nicht so spektakulär, denn er gehört ja auch zu den Bewohnern des Ortes und wird als einer von uns gesehen.

    Wie haben Sie ihn davon überzeugt mitzumachen?

    Man kennt sich eben im Ort. So eine Anfrage muss man nicht über die Plattenfirma stellen. Das hat er sicher aus Solidarität zu seiner Heimat gemacht, hat mit dem Ort und der Verankerung dort zu tun.

    Als der Film auf Festivals gezeigt wurde, gab es Proteste wegen der Vorwürfe des mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs gegen Lindemann. Wie sind Sie damit umgegangen?

    Dass es Proteste geben würde, hat uns nicht überrascht. Der Film ist auch bei manchem Gremium seinetwegen durchgerauscht. Wir haben gedreht, bevor die Vorwürfe bekannt wurden, aber uns im Schnitt dafür entschieden, Lindemann trotzdem im Film zu lassen. Also müssen wir uns der Debatte auch stellen. Wahrscheinlich wäre es aber auch vorher schon provokant gewesen, Till Lindemann als Erlkönig zu besetzen. Alles, was aus dem Osten kommt und ein bisschen gegen den Strich gebürstet ist, ist ja provokant.

    Laura Laabs’ Zimmer in ihrer Dreier-WG

    Laura Laabs’ Zimmer in ihrer Dreier-WGMaria Sturm

    Wie meinen Sie das?

    Wenn man über die DDR spricht, muss man immer gleich dazu sagen: Diktatur, Mauer, Stasi. Was es ja alles gab. Aber die Diktatur ist der eine Pol, die Utopie der andere, der Versuch, einen sozialistischen Staat aufzubauen und sich zu fragen, was ist davon heute noch interessant.

    Wegen Till Lindemann wollte ein Festival den Film nur noch mit Triggerwarnung zeigen. Wie haben Sie darauf reagiert?

    Ich hab gesagt: Nee, Leute, so nicht! Wenn, dann lasst uns vor allem warnen, was hier triggern könnte. Da kommt ja nicht nur Lindemann vor, sondern auch Drogenmissbrauch, Gewalt gegen Tiere, Neonazis, echte Nazis, Kriegsgeschehen, Tod, Richard Wagner, SS-Uniformen, Reichsadler.

    Wie ging es aus?

    Es wurden dann vor der nächsten Vorführung beim Festival alle Triggerwarnungen verlesen.

    Was ist heute noch zumutbar in der Kunst?

    Ich glaube, die Aufgabe von Kunst ist, Schmerzpunkte zu thematisieren und offenzulegen. Es hilft nicht, sie zu verstecken oder rauszuschneiden. Man tut eher etwas für die sogenannten Opfer, indem man die Kunst darüber verhandeln lässt, als darüber zu schweigen. Von meiner Seite aus wird der Film in Zukunft wieder ohne Triggerwarnung gezeigt.
    Laura Laabs: „Sind wir Subjekt oder Objekt der Geschichte?“

    Beim Bachmann-Preis in Klagenfurt haben Sie aus Ihrem Buch „Adlergestell“ vorgelesen. Auch dort gab es Vorwürfe, haben Sie am Telefon erzählt.

    Erst hieß es: Nachwendegenre, hat es doch schon so viel gegeben! Warum müssen wir das jetzt nochmal lesen? Aber der stärkste Vorwurf war, dass meine Ich-Erzählerin AfD-Wählerin wird. Eine Person, mit der man über viele Seiten mitgegangen ist, steht plötzlich in der Schmuddelecke.

    Haben Sie was dazu gesagt?

    Es kommt in Klagenfurt selten vor, dass sich Autoren in die Diskussion einmischen. Man liest vor, und während die Kritiker über einen reden, steht man da und hört zu. Aber als sie an meiner Intention herumgedeutet haben, so nach dem Motto: Die Autorin möchte ganz am Ende gerne noch einen Effekt setzen, habe ich gesagt: Das ist kein Effekt, das ist meine Lebens- und Alltagsrealität. Eine Erfahrung, mit der ich mich in meiner Arbeit immer wieder beschäftige, ein Versuch, dem nachzuspüren.

    Warum haben Sie sich für diesen Schluss entschieden?

    Der war für mich ab der ersten Zeile klar. Im Roman geht es um die Versprechungen der neuen Zeit, auch des Kapitalismus, die sich nicht einlösen, beschrieben an drei Freundinnen. Eine wird Beauty-Bloggerin, entscheidet sich für die völlige Affirmation. Sie wurde in der Kindheit ausgegrenzt und will es heute erst recht allen zeigen. Eine konvertiert zum Islam, verweigert sich den Strukturen, wendet sich einer Religion zu, die extrem ausgegrenzt wurde in den letzten Jahren, um von den Normen der anderen nicht mehr abhängig zu sein. Und die dritte, die immer alles mitgemacht und nie gelernt hat, für sich selbst einzustehen, probiert es mit politischer Verweigerung. Mich interessiert dabei auch die Frage: Wie können wir mit unserer eigenen Biografie auf die Verhältnisse reagieren, in denen wir leben? Haben wir das überhaupt in der Hand? Gerade als Frauen. Sind wir Subjekt oder Objekt der Geschichte?

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    Laura Laabs: „Ich interessiere mich überhaupt nicht für mich selbst“

    Sie selbst wären eine vierte Freundin. Mit Ihrer besonderen Familiengeschichte, der jüdischen Großmutter, die zurück aus dem französischen Exil die Modezeitschrift „Sibylle“ gegründet hat und Ihrer Mutter, der linken Publizistin Daniela Dahn. Warum kommen Sie nicht vor?

    Mich nerven Romane, in denen Künstler über ihre Innerlichkeit schreiben. Ich bin bildungsmäßig absolut privilegiert aufgewachsen, mit einer Wahnsinnsfamiliengeschichte im Hintergrund, in der alle Verwerfungen des 20. Jahrhunderts stecken. Ich fände es anmaßend zu sagen, warum leben nicht alle so wie ich. Und es interessiert mich auch nicht, über Leute zu schreiben, die es so einfach im Leben hatten wie ich. Ich interessiere mich überhaupt nicht für mich selbst.

    Die Großtante Nora im Buch, ist das Ihre Großmutter, die Sibylle-Gründerin?

    Nein, das ist wirklich meine Großtante Nora, die jüngste von drei Schwestern. Ich wollte ihr ein kleines Denkmal setzen. Sie wurde in der NS-Zeit von ihrem arischen Mann verlassen, hat keine Kinder bekommen, lebte allein bis zum Schluss, als ihr Leben sang- und klanglos in einem bayerischen Altersheim zu Ende ging. Eine Frau, die gezwungen war, gewissen Notwendigkeiten Folge zu leisten und demnächst vergessen werden würde.

    Es gibt noch eine andere interessante Figur in Ihrer Familiengeschichte: Sonja, Ihre Tante, von der das DDR-Kultbuch „Flucht in die Wolken“ handelt. Werden Sie sich ihrer Geschichte einmal literarisch oder filmisch nähern?

    Ich fühle schon immer wieder eine innere Aufforderung, mich der Geschichten meiner Familie anzunehmen. Aber gleichzeitig denke ich: Sollte ich mich nicht lieber anderen Themen, anderen Biografien widmen, den Blick weiten?

    Vielen Dank für das Gespräch.

    #Allemagne #cinéma #lettres #culture #histoire #DDR

  • Dennenesch Zoudé: „Ich habe jede Ferien in Ost-Berlin verbracht“
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/dennenesch-zoude-ich-habe-jede-ferien-in-ost-berlin-verbracht-li.23

    Einmal Funktionselite immer Funktionselite, perfekte Ackulturation könnte man sagen, oder der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Hier scheißt nur ein ganz kleiner Kleinbürgerteufel. Der macht brav ins Klo der Paris-Bar.

    Regionalliga, kein Trumpteufel. Der defäkiert auf den ganz großten Faschohaufen. Die südafrikanischen Aushilfsteufel karren seine Scheiße dann zur Digitalmünze. Egal wie du strampelst, aus Scheße Gold machen bleibt Privileg der Großteufel.

    31.8.2025 von Anne Vorbringer - Die Schauspielerin Dennenesch Zoudé hat ihre Kindheit und Jugend im geteilten Berlin verbracht – zwischen Spandauer Hochhaus und Staatsbürgerkunde. Wie blickt sie heute auf die Stadt?

    Die Schauspielerin Dennenesch Zoudé hat eine spannende Biografie – und die ist eng mit Berlin verbunden, obschon die 58-Jährige mehr als 5000 Kilometer Luftlinie entfernt in Addis Abeba geboren wurde. Die Tochter eines Ingenieurs stammt aus einer äthiopischen Aristokratenfamilie und wuchs ab ihrem zweiten Lebensjahr in West-Berlin auf.

    Doch auch im Osten der geteilten Stadt war Zoudé regelmäßig, erlebte dort eine sehr intensive Zeit, wie sie in unserem Stadtfragebogen erzählt. Unter anderem lernte die Schauspielerin in Ost-Berlin ihre Jugendliebe kennen.

    Stichwort Liebe: Am 9. September, im Jahr des 250. Geburtstags von Jane Austen, erscheint der wohl größte Liebesroman aller Zeiten als Hörspiel bei Audible. In „Stolz und Vorurteil“ sind Emilia Schüle als Elizabeth Bennet, Aaron Altaras als Mr. Darcy und Dennenesch Zoudé als Mrs. Bennet zu hören.

    1. Frau Zoudé, Sie sind 1966 im äthiopischen Addis Abeba zur Welt gekommen. Wie hat es Sie und Ihre Familie nach Berlin verschlagen?

    Mein Vater hat ein Stipendium an der Technischen Universität in Berlin bekommen. Er fühlte sich sehr einsam, deshalb sind meine Mutter und ich ihm nachgefolgt. Es war allerdings nie geplant, hier zu bleiben.

    2. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre ersten Jahre in West-Berlin, was hat sich besonders eingeprägt?

    Mit drei Jahren der Umzug in den Erstbezug eines Hochhauses, ich nenne es „West-Platte“. Es war total aufregend, alles neu, hochmodern, Müllschlucker auf der Etage und ein Ausblick, so weit das Auge reichte.

    3. Wann waren Sie das erste Mal im Ostteil der Stadt?

    Mit knapp 15 Jahren, ich lernte dort meine Jugendliebe kennen. Und habe jede Ferien in Ost-Berlin verbracht. Es war eine sehr intensive Zeit. Ich ging sogar teilweise in den Schulunterricht. Das war nur möglich, weil ich von der Äthiopischen Botschaft eingeladen wurde und mit den Kindern der Botschafter befreundet war. Von Chemie und Mathe bis hin zu Staatsbürgerkunde war fast alles dabei. Das war sehr spannend für mich. In der Freizeit hingen wir am Alexanderplatz ab. Auf der großen Fläche konnten wir Skateboard und Rollschuh fahren, dazu blies der Ghettoblaster. Wir waren eine gemischte Gruppe Jugendlicher aus Mali, Kolumbien, Venezuela, Sudan, Nigeria, Kongo und Deutschland, jeder war irgendwie willkommen, sich dazuzugesellen.

    4. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt?

    Die erste Station war Charlottenburg, damals noch mit Kohleofen und Außentoilette auf halber Treppe. Die war allerdings nur für unsere Familie, und meine Mutter hübschte sie auf mit rosa Toilettenvorleger und rosa Toilettendeckelbezug. Aber es war immer sehr kalt und dunkel im Winter. Dann ging es nach Spandau, in das Hochhaus, von dem ich bereits erzählte. Ab dem Gymnasium wohnten wir dann in Wilmersdorf, im Grünen am Volkspark. Jetzt wohne ich wieder in Charlottenburg, zum Glück ohne Außentoilette!

    Zwischenzeitlich habe ich auch mal für vier Jahre in Mitte direkt am Hackeschen Markt gewohnt, das war mir aber zu trubelig: Reisebusse und Touristen, die sich durch die Straßen drängelten und direkt vor einem immer wieder stehen blieben.

    5. Ihr neues Hörspiel basiert auf einem der bekanntesten Liebesromane der Welt. Empfinden Sie Ihre Heimatstadt Berlin auch als romantisch?

    Berlin würde ich eher als vibrierend bezeichnen, aber die vielen Seen und Wasserwege haben wundervolle romantische Plätzchen. Eine Dampferfahrt auf der Spree, in der Berliner Abendsonne, in passender Begleitung – das hat doch sicherlich etwas Romantisches.

    6. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

    Ich gehe gerne im Wald spazieren und bin gerne an den Seen. Berlin ist eine ganz große grüne Oase – ein schöner Kontrast zu den Zentren.

    Chris Kraus über Berlin: „Die Billigarchitektur um den Hauptbahnhof herum ist schrecklich“

    7. Wo in Berlin wollten Sie immer schon mal hin, haben es aber noch nie geschafft?

    Da gibt es so einiges, zum Beispiel ins Planetarium (ist einfach sehr lange her – dort werden auch außergewöhnliche Filme gezeigt). Außerdem in die Berliner Unterwelten: die Fluchttunnel und verborgenen U-Bahn-Schächte. Und als Kind war ich auf der Pfaueninsel, die würde ich gerne nochmal besuchen.

    8. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?

    In der Paris Bar, und das schon seit 25 Jahren. Es war das Wohnzimmer meines Ehemannes, und das habe ich übernommen.

    9. Der beste Stadtteil Berlins?

    Der, in dem ich wohne!

    10. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?

    Die vielen Baustellen und es scheint dort nie einer zu arbeiten. Wer kennt es nicht.

    11. Kommen vs. Gehen: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

    Für mich keine Frage. Ich bin mit dem Herzen Berlinerin und werde es auch immer bleiben.

    Zur Person

    Dennenesch Zoudé wurde Mitte der 90er-Jahre mit der TV-Serie „Gegen den Wind“ bekannt. Ihr Theaterdebüt gab sie im Bühnenstück „Lysistrata“ von Jürgen Benecke. Sie war die Buhlschaft bei den Berliner „Jedermann“-Festspielen und die Wilhelmina Makhubela in der RTL-Erfolgsserie „Hinter Gittern“. Unter der Regie ihres 2016 verstorbenen Mannes Carlo Rola übernahm sie die Hauptrolle in der Romanverfilmung „Und Jimmy ging zum Regenbogen“. Ab 2018 spielte Zoudé eine durchgehende Rolle in der TV-Reihe „Die Inselärztin“, zuletzt war sie in Sebastian Fitzeks „Der Heimweg“ zu sehen. Ihr neues Audible Original-Hörspiel „Stolz und Vorurteil“ erscheint am 9. September.

    #Äthiopien #Berlin #Geschichte #Spandau #Charlottenburg #Wilmersdorf #Mitte #Kantstraße #DDR #Alexanderplatz

  • Zum Tod von Uljana Havemann: Als sie erfuhr, dass sie sterben muss, sagte sie: „Wir heiraten jetzt“
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/zum-tod-von-uljana-havemann-als-sie-erfuhr-dass-sie-sterben-muss-sa

    Uljana Havemann im Herbst 2024

    Lenina Huxley is dead.

    Anja Reich - Die Regisseurin Uljana Havemann starb am 3. August im Alter von 51 Jahren in Berlin. Kaum jemand wusste von ihrer schweren Krankheit. Ein persönlicher Nachruf auf eine ungewöhnliche Frau.

    Drei Jahre vor ihrem Tod habe ich Uljana zum ersten Mal getroffen, im Sommer 2022 in einem Café in Prenzlauer Berg. Eine Filmproduzentin hatte zu einem Treffen eingeladen. Es ging um die Verfilmung meines Buches „Der Fall Scholl“, der Geschichte des Ludwigsfelder Bürgermeisters, der nach fast 50 Jahren Ehe seine Frau ermordet hatte. Ich sollte die Regisseurin kennenlernen.

    Das Café war voll, aber Uljana fiel mir gleich auf. Groß, blass, die blonden Haare auf eine gezähmte Art wild. Sie trug ein weites Kleid und ein Tuch um die Schultern, als würde sie frieren. Eine Erscheinung wie aus dem Berlin der 20er-Jahre oder einem Tschechow-Stück. Das Gegenteil von den Kleinbürgern der Brandenburger Stadt, die ich im Buch beschrieb.

    Aber für Uljana schien es keine wichtigere Geschichte zu geben. Sie hörte zu, stellte Fragen, wollte alles verstehen. Den Ort, die Beziehung, die Zeit. Wir trafen uns wieder. Sie erzählte mir von ihrem Leben, ich ihr von meinem. Sie kam aus Ost-Berlin, wohnte in Westend, war in Los Angeles zur Filmschule gegangen, hatte in New York Kurzfilme gedreht. In ihrer Familie schien sich die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu versammeln. Russen, Ukrainer, Juden, alter preußischer Adel, DDR-Dissidenten, DDR-Nomenklatura. Sie strahlte eine große Weltläufigkeit aus, schien aber immer noch auf der Suche zu sein, nach ihrem Weg im Leben, nach neuen, anderen Perspektiven.
    Mutter von Uljana Havemann: „Das Russische war ihr immer näher“

    Uljana Havemann wurde am 16. Oktober 1973 in Berlin-Mitte geboren und nach ihrer ukrainischen Urgroßmutter benannt. Ihre Mutter, eine Kunsthistorikerin, war Russin, ihr Vater, ein Physiker, kam aus der DDR. Die Eltern lernten sich beim Studium an der Moskauer Lomonossow-Universität kennen, heirateten in Kiew, zogen zusammen nach Ost-Berlin. Er arbeitete an der Akademie der Wissenschaften, sie im Amt für industrielle Formgestaltung, später in Potsdam.

    Uljana war die jüngere von zwei Schwestern. Eine Sturzgeburt, sagt ihre Mutter, sie habe es gerade noch rechtzeitig in die Charité geschafft. So sei Uljanas ganzes Leben gewesen. Alles musste immer ganz schnell gehen. Als habe sie gewusst, dass sie keine Zeit zu verschenken hatte. „Uljanchen“ nennt Jelena Jamaikina ihre Tochter. Sie spricht von ihr in der Gegenwart, als sei sie noch da.

    Mit eins wurde Uljanchen krank, Krebs, musste in die Klinik, bekam Chemotherapie und Bestrahlungen. Mit zweieinhalb gingen die Eltern für ein halbes Jahr nach Moskau und brachten die Kinder bei den Großeltern im Kaukasus unter. Als Uljana von dort zurückkam, sprach sie fließend Russisch. Ihre deutsche Großmutter war entsetzt. Uljana holte schnell auf. Aber das Russische, sagt die Mutter, sei ihr immer näher gewesen. Auch vom Temperament her.

    Zeitreise auf der Karl-Marx-Allee: Was Hermann Henselmanns Enkelin über den Großvater sagt

    13.02.2025

    „Der Fall Marianne Voss“ auf Arte basiert auf dem Ludwigsfelder Mordfall Brigitte Scholl

    22.03.2024

    Sie beschreibt ihre Tochter als ein Mädchen, „das von Gott reich beschenkt wurde“, schön, klug, mit vielen Talenten, „ein wunderbar liebenswerter Mensch“. Sie lernte Flöte und Geige, brachte sich selbst das Klavierspielen bei, liebte schon als Kind das Theater. Als sie zehn war, nahm Käthe Reichel, eine Freundin der Mutter, sie mit zu Proben ins Deutsche Theater. Mit 14 verkaufte sie Tickets im Berliner Ensemble. In der Schule gehörte sie zu den Besten. Aber sie habe es nicht immer leicht gehabt, sagt ihre Mutter. Wegen ihres Großvaters Robert Havemann, dem DDR-Regimekritiker. Ihre Lehrerin erzählte vor der gesamten Klasse, Uljana komme aus der Familie eines Nazis. Uljana kam weinend nach Hause. Ihr Vater beschwerte sich beim Direktor, die Tochter wechselte die Klasse, ab der vierten ging sie auf die Russischschule, aber sie blieb eine Außenseiterin.

    „Uljana war nie ein normales ostdeutsches Kind“, sagt ihre Mutter. Erst kürzlich habe sie ihr erzählt, wie schlimm es manchmal in der Schule für sie gewesen sei. „Aber sie wusste, sobald sie am Strausberger Platz 19 ist, ist die Welt wieder in Ordnung.“
    Uljana Havemann: Angela Merkel war ihre Babysitterin

    Strausberger Platz 19, das war einer der Türme in der Karl-Marx-Allee, entworfen von Uljanas Großonkel, dem Architekten Hermann Henselmann. Die ganze Familie wohnte in diesem Turm, die Henselmanns und die Havemanns, beste Adresse, große Wohnungen, Blick über die Stadt. Künstler und Politiker gingen ein und aus. Wenn es Probleme gab, wurde im ZK angerufen, manchmal direkt bei Erich Honecker. Robert Havemann hatte in der NS-Zeit im Zuchthaus Brandenburg gesessen, in der Nachbarzelle von Honecker. Die Stasi verfolgte Havemann, Honecker beschützte ihn. Auf einer Etage wurde später eine Abhörzentrale der Staatssicherheit gefunden. Manchmal kam eine junge Kollegin des Vaters aus der Akademie der Wissenschaften, um auf Uljana und ihre Schwester aufzupassen. Sie hieß Angela Merkel.

    Uljana Havemann auf ihrer Hochzeit, vier Wochen vor ihrem Tod

    Uljana Havemann auf ihrer Hochzeit, vier Wochen vor ihrem Todprivat

    Uljana waren ihre Familie und ihre Herkunft wichtig, aber sie zeigte es nicht. Als ich sie einmal nach ihrem berühmtem Großvater fragte, erzählte sie mir, ihr Vater Utz Havemann sei kein leiblicher Sohn von Robert Havemann, sondern von seiner Mutter Karin von Trotha in die Ehe gebracht worden. Sie hatte nicht viele Erinnerungen an ihren Großvater. Sie war neun, als er starb. Als Uljanas Mann, der Filmproduzent Thomas Kufus, Uljana einmal vorschlug, eine Dokumentation über Robert Havemann zu drehen, lehnte sie brüsk ab. Da gebe es viel zu viele Verwerfungen und Fettnäpfchen.

    Uljanas Mutter sagt, sie hätten Havemann regelmäßig in seinem Haus in Grünheide besucht, auch während seines Hausarrests, als er Tag und Nacht von der Stasi bewacht wurde. Uljana und ihre Schwester durften ohne Ausweiskontrolle das Haus betreten.„Sie rannten vor und kündigten uns an.“ Thomas Kufus sagt, sie seien einmal zusammen im Haus in Grünheide gewesen, der neue Besitzer habe sie hineingelassen. „Uljana wusste alles noch ganz genau.“

    Ein Jahr vor dem Mauerfall, 1988, als ihr Onkel Florian Havemann, heiratete, durfte sie zum ersten Mal mit ihrer Familie nach West-Berlin fahren. Ihr Vater hatte Briefe ans ZK geschrieben, sich beschwert, dass ihnen die Genehmigung verweigert worden war. Es sei eine Schande für den sozialistischen Staat, dass die französische Familie von Florians Frau dabei sein dürfe, aber nicht seine Ost-Berliner Verwandtschaft. Selbst im Westen zu bleiben, auf die Idee wären sie nie gekommen, sagt Uljanas Mutter. Die Maxime der Familie war: Wir sind die Letzten, die das sinkende Schiff verlassen.

    Als das Schiff unterging, war Uljana 16 und noch in der Schule. Die Akademie der Wissenschaften, wo ihr Vater arbeitete, wurde aufgelöst, ihre Schwester zog mit einem West-Journalisten nach New York. Uljana verliebte sich in Robert Gold, einen Ost-Berliner, drei Jahre älter als sie. Ihre Jugendliebe, sagt ihre Mutter. Robert Gold beschreibt Uljana als furchtlose Frau mit einer irrsinnigen Energie, „sehr undeutsch“.

    Sie studierte Medien- und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität, richtete große Essen für Freunde aus, besuchte ihre Schwester in New York, organisierte Theaterproduktionen in Prenzlauer Berg und einer stillgelegten Halle vom Kabelwerk Oberspree, arbeitete in der Öffentlichkeitsabteilung der Schaubühne, drehte zwei Kurzfilme mit dem Schauspieler Uwe Kockisch, einen in Berlin, einen in New York.

    Es ging um einen Wissenschaftler, der nach der Wende entlassen wurde und auf der Suche nach seiner großen Liebe war. „Kaputte DDR-Schicksale interessierten Uljana“, sagt ihre Mutter. Sie wollte Regisseurin werden. Aber als sie sich an der Filmhochschule Babelsberg für ein Regiestudium bewarb, sagte der Leiter zu ihr: Sie brauchen nicht mehr studieren, sie können doch schon alles.
    Uljana Havemann: „Kaputte DDR-Schicksale interessierten sie“

    Uljana flog nach Los Angeles, ging dort auf die Filmschule, arbeitete als Casterin, wurde zweimal für Preise nominiert, aber größere Aufträge blieben lange aus. „Uljana gehörte nicht zu dieser Filmschulblase“, sagt Robert Gold. „Sie war eine Quereinsteigerin“, sagt Thomas Kufus. Die hätten es schwer im Filmgeschäft, Frauen ganz besonders. Die Frauenquote sei für Uljana fast zu spät gekommen. „Es werden heute eher Regisseurinnen um die 30 gesucht, nicht um die 50.“

    Uljana und Thomas lernten sich 2012 kennen. Er drehte gerade in Israel einen Dokumentarfilm: „24 Stunden Jerusalem“. Sie erzählte ihm, dass ihr Großvater Robert Havemann in Yad Vashem für die Rettung von Juden im Nationalsozialismus geehrt worden war und ihr Cousin in Israel lebte. Er fragte, ob sie nicht mitkommen wolle.

    Die Literaturagentin Karin Graf, mit der Uljana befreundet war, beschreibt Thomas und Uljana als „ein ganz tolles Paar“. Die Attraktivität sei die Harmonie zwischen den beiden gewesen. „Sie lasen einander von den Augen ab, was sie wollten.“ Thomas teilte ihre Liebe für Russland, Uljana seine Leidenschaft für seine Filmproduktionen, die Themen, mit denen er sich beschäftigte. Krieg, Holocaust, Kolonialismus, Israel, Palästina, DDR, AfD, Ukraine, Russland. Als Putin die Ukraine überfiel, nahmen sie eine Ukrainerin auf.

    Sie lebte jetzt in einer Wohnung einer Villa mit Garten in Westend. Die Wochenenden verbrachte sie in der Nähe von Wittenberge an der Elbe. Uljana liebte die Natur und ihren Garten. Sie sei selbst wie ein Blume darin gewesen, sagt Karin Graf. Ihre Mutter spricht von den Lücken im freiberuflichen Alltag ihrer Tochter, die sie zu füllen versuchte. Uljana bekam inzwischen Aufträge für Fernsehproduktionen: „SOKO München“, „Ein Fall für zwei“, „Ein Sommer auf Langeoog“, ab 2017 lehrte sie am Schauspielinstitut der Kunstuniversität Graz. Aber sie hätte gerne mehr und weniger konventionelle Stoffe verfilmt. An meinem Buch über den Fall Scholl interessierte sie am meisten, wie eine Frau unter den Affären ihres Mannes litt, aber den Schein einer perfekten Ehe bewahrte, bis zu ihrem Tod.

    Wir sahen den „Fall Marianne Voss“ kurz vor der Fernsehpremiere in ihrem Wohnzimmer in Westend. Der Film war ein Erfolg, wurde im ZDF und auf Arte gezeigt, die Einschaltquoten waren hoch, die Kritiken gut. Uljana schickte mir jede einzelne, informierte mich über alle Reaktionen, die sie bekam, stärkte mir den Rücken, als der Sender aus juristischen Gründen meinen Buchtitel und meinen Namen nicht nennen wollte.

    Uljana Havemann, etwa 2007

    Uljana Havemann, etwa 2007Andre Rival
    Uljana Havemanns Mutter: „Sie hatte Angst, keine Angebote mehr zu bekommen“

    Sie war so stolz, so glücklich, hoffte, dass ihr nun der Durchbruch gelingen würde, wollte den Schwung mitnehmen, schnell ein neues Projekt anfangen, traf sich mit Drehbuchautoren und Produzenten. Als ich eine Weile nichts von ihr hörte, war ich sicher, sie stecke mitten in einem neuen Film. Als ich sie Ende November fragte, wie es ihr gehe, schrieb sie mir, ihr Film habe in Istanbul einen Preis gewonnen, auf der Reise sei sie krank geworden. Ob wir uns diesmal nicht in einem Restaurant, sondern bei mir zu Hause treffen könnten. Sie sei noch ein wenig schwach.

    Wir tranken Kamillentee, sie war dünn, aß wenig und fror. Heute weiß ich, dass sie damals schon ihre Diagnose kannte: ein aggressiver, schnell wachsender Tumor. Sie hat es niemandem außer ihrem Mann gesagt, lange nicht einmal ihrer Mutter und ihrer Schwester . Uljana habe ihre Diagnose nicht angenommen, wollte nicht krank sein, „war richtig empört“, sagt Thomas. Das Trauma aus ihrer Kindheit, als sie schon einmal Krebs hatte, holte sie ein, glaubt er. Ihre Mutter sagt, die Brutalität des Filmgeschäftes sei schuld daran, dass sie nicht darüber sprach. „Sie hatte Angst, dass sie keine Angebote mehr bekommt, wenn bekannt wird, dass sie krank ist.“

    Nach der Chemotherapie flog sie nach Sri Lanka zu einer Ayurveda-Kur. Als sie zurückkam, ging es ihr besser. Sie ging zur Berlinale, nahm im Mai an der Verleihung des Deutschen Filmpreises teil, sah blendend aus, bekam Komplimente von allen Seiten. „Sie wollte gesund sein, sie wollte arbeiten“, sagt Thomas. Die Universität Graz gab ihr einen neuen Lehrauftrag für das kommende Wintersemester, mit Senator-Film war sie im Gespräch für einen neuen Film. Im September sollten die Dreharbeiten beginnen. Als der Produzent sie zur Besprechung einlud, musste sie absagen, ihre Schmerzen waren zu stark.

    Es ging alles so schnell, sagt Thomas. Mitte Juni war sie noch mit einer Freundin in Ibiza, Ende Juni kam der Befund: Metastasen überall. Der Arzt im Virchow-Klinikum sagte: „Sie haben drei Möglichkeiten: ins Hospiz zu gehen, nach Hause zu gehen oder hier zu bleiben.“ Sie hätten beide geschrien, sagt Thomas. Dann habe Uljana gesagt: „Wir heiraten jetzt.“
    Vier Wochen vor ihrem Tod: „Wir haben geheiratet, Mama“.

    Es war der 4. Juli. Uljana hatte alles vom Krankenbett aus organisiert, mit der Juwelierin gechattet, den Blumenkranz für ihr Haar ausgesucht. Thomas hatte ein Standesamt ausfindig gemacht, das Nothochzeiten durchführte. Die Oberschwester war eingeweiht. Aus versicherungsrechtlichen Gründen hätte Uljana die Klinik nicht verlassen dürfen. Er holte sie mit dem Rollstuhl ab, das Taxi wartete vor der Tür. Zwei Stunden später war sie zurück, den Kranz im Haar. Auf den Fotos aus dem Standesamt sieht sie schmal aus und blass und wunderschön. „Wir haben geheiratet, Mama“, sagte sie zu ihrer Mutter, als sie mittags zu Besuch kam. Dann kam die Pflegerin, nahm ihr den Kranz ab und schraubte ein Metallgestell für das Gehirn-CT an den Kopf. Eine Geschichte, so brutal und berührend, wie sie kein Film erzählen kann. Uljana hat sie geschrieben.

    Sie starb am Morgen des 3. August im Krankenhaus Havelhöhe, sie wurde 51 Jahre alt. Ihr Mann Thomas war bei ihr. Kurz zuvor haben sich ihre Schwester und ihre Mutter von ihr verabschiedet. Die Beerdigung findet am 29. August auf einem Berliner Friedhof statt. Eine Erdbestattung, wie sie es sich gewünscht hat. Uljana, sagt Thomas, hatte Angst vor Feuer.

    Nach der Nachricht von ihrem Tod hat das ZDF Uljana Havemanns letzten Film „Der Fall Marianne Voss“ noch einmal in die Mediathek gestellt.
    https://www.zdf.de/filme/der-fall-marianne-voss-movie-100

    #Allemagne #histoire #biographie #DDR #nomenklatura

  • Altersweise: Wie Egon Krenz auf Honecker, sich selbst und die neuen Zeiten blickt
    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/egon-krenz-kam-zu-spaet-wie-ihn-das-leben-und-die-sieger-bestraften

    11.8.20025 von Maritta Adam-Tkalec - 1989 und die Folgen: Der dritte Band der Erinnerungen gibt einzigartige Einblicke in die Politik der Wendezeit – und in Abgründe der deutschen Einheit.

    Kaum war das gewichtige Politik-Erklärbuch „Freiheit“ von Kanzlerin a.D. Angela Merkel ausgelesen, da lag das nächste Werk vom Stapel der Leseerwartungsliteratur in der Hand: „Verlust und Erwartung“, Teil 3 der Lebenserinnerungen des FDJ- und SED-Spitzenpolitikers Egon Krenz, der im Herbst 1989 SED-Generalsekretär sowie DDR-Staatsratsvorsitzender war und den Begriff „Wende“ in die Welt setzte.

    Die unmittelbar aufeinanderfolgenden Lektüren machten einige Gemeinsamkeiten zwischen ansonsten sehr verschiedenen Ostdeutschen augenfällig: Beide sind merklich Leute von der Küste, Merkel übernahm Krenz’ Wahlkreis Rügen, beide haben jeweils eine besondere Beziehung zu Dierhagen und diskret-freundlichen Menschen dort, sogar zu denselben. Abgesehen von den lokalen Bindungen hatten beide intensive Affären mit Kairos, dem Gott der günstigen Gelegenheit, des richtigen Moments. Sie gingen allerdings sehr unterschiedlich aus.

    Angela Merkel wusste den flüchtigen Geist immer wieder zur genau richtigen Stunde beim Schopfe zu packen und erzählt in ihrem Buch, wie sie 2019 in einer Rostocker Ausstellung eine Skulptur jenes Wesens mit geflügelten Fersen entdeckte und das Werk des Rostocker Bildhauers Thomas Jastram kaufte. Dem Künstler erklärte Angela Merkel, sie habe unendlich viele Stunden über richtige Zeitpunkte nachgedacht: „Sie müssen den richtigen Augenblick erwischen. Das entscheidet über Gelingen und Misslingen.“

    Die verpassten Gelegenheiten

    Ihre Affäre mit Kairos verlief außergewöhnlich glücklich: Sie entschied sich, Politikerin zu werden, als sich die Tore für sie öffneten. Sie stürzte Kanzler Helmut Kohl, als dieser selbst verschuldet wankte. Sie wagte es, für den CDU-Vorsitz zu kandidieren, als die Herren zu schwach dafür waren. So wurde sie auch Kanzlerin. Und schließlich winkte Kairos früh genug, um sich aus eigenem Entschluss aus den Ämtern zu entfernen.

    Ganz anders sieht der Fall Egon Krenz aus. Schon auf Seite eins seines neuen Buchs steht unter der Kapitelüberschrift „Neunzehnneunundachtzig“: „Mich plagten vorrangig die in den vergangenen Monaten verpassten Gelegenheiten, im Schulterschluss mit Moskau notwendige Veränderungen in unserer Politik vorzunehmen.“ Damit ist das Thema für das Nachdenken über das eigene Handeln gesetzt.

    Erich Honecker hatte nicht die Altersweisheit besessen, rechtzeitig zurückzutreten. In Berlin hatte Michail Gorbatschow, der führende Mann in Moskau, Kairos Anfang Oktober 1989 mit seinem weltberühmt gewordenen Satz beschworen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

    Egon Krenz und seine Verbündeten kamen zu spät, als sie schließlich Erich Honecker und sein Gefolge im Politbüro absetzten. Sie kamen zu spät mit dem Versprechen, den DDR-Sozialismus zu reformieren, die Grenzen für Reisende zu öffnen, Meinungs- und Pressefreiheit zuzulassen, das Wahlsystem zu erneuern.

    Warum das so kommen musste, erklärt der heute 88-Jährige im dritten Teil der Erinnerungen. Genauso bemerkenswert wie die mit vielen bisher unbekannten, akten- und aufzeichnungsgestützten Details bereicherte Beschreibung der Vorgänge und Konflikte im Innern der Partei- und Staatsführung, in der DDR-Gesellschaft, bei den sozialistischen Nachbarn, in Kohls Bundesrepublik und vor allem in Gorbatschows Sowjetunion ist die Haltung des Autors: kein Jammern und Klagen, keine Schuldverschiebung auf andere, kein Nach-unten-Treten. Wohl aber Auseinandersetzung mit eigenem Handeln und eigenen Entscheidungen.

    Warum also das Zögern beim Einleiten des von vielen herbeigesehnten Generationen- und Kurswechsels? Krenz beschreibt seine Skrupel, die alten Männer, die Vorbilder der Jugendzeit, die einst gegen die Nationalsozialisten Widerstand leisteten, in Gefängnissen und KZs saßen, einfach abzuservieren. Selbst als er den galoppierenden Realitätsverlust Erich Honeckers beschreibt, bleibt da ein – zunehmend verzweifelter – Respekt. Das war schlecht fürs Land, aber doch auch Zeichen für Loyalität, eine anständige Haltung. Wer sich über die historische Person Krenz ein Urteil erlauben will, statt wild und bösartig Erfundenes weiter breitzutreten, nehme diese Kapitel wahr.

    Eine Szene sei genauer angeführt: In Bukarest Anfang Juli 1989 kann man miterleben, wie während des RGW-Gipfeltreffens der Ostblock zerbröselte. Die Krisen in der DDR wie in der Sowjetunion waren nicht länger zuzudecken, der Eiserne Vorhang hatte sich in Ungarn gehoben – da erleidet Erich Honecker eine Gallenkolik. Auf dem Heimflug nach Berlin bittet er Krenz an sein Krankenbett. Honecker „wollte mit jemandem reden“ und ließ seinen Ärger vom Stapel: über die Heuchelei der Westpolitiker, über Gorbatschows Flirts mit dem Westen. Fazit: Alle anderen sind schuld. Solche Berichte des Augenzeugen gibt es viele, niemand anderes außer Krenz könnte Stimmungen und Aussagen aus vielen in entscheidenden Momenten geführten Vieraugen-Gesprächen der Nachwelt besser hinterlassen. Künftige Historiker werden es zu schätzen wissen.

    Mitte August nahm Egon Krenz, seit langem als Nachfolger Honeckers auf Posten, seine Degradierung hin: Mitten im Sommer des inneren Zerfalls der DDR – das Politbüro machte Urlaub, Honecker stand eine Operation bevor – ließ sich Krenz in den Zwangsurlaub abschieben. Günther Mittag, der allseits unbeliebte Wirtschaftsguru, sollte übernehmen. Krenz nahm es widerstandslos hin und schreibt: „Warum ließ ich mich so einfach in die Ferien schicken?“ Er stellt sich Fragen: War es noch Parteidisziplin, Opportunismus oder Hörigkeit? „Mir wurde bewusst, das ich in einer entscheidenden Situation versagt hatte. Das tat weh.“ Kairos war vorbeigehuscht. Und wieder weg.

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    Egon Krenz (unten, sitzend) wechselte bei der Feier zum Tag der Befreiung 2025 die Seiten: runter von der Bühne, hinein ins Volk.Maritta Tkalec/Berliner Zeitung

    Ein paar Seiten später formuliert er eine weitere Einsicht: Man habe die DDR zwar auf den militärischen Ernstfall vorbereitet, etwa einen Überfall der Nato, aber „wir hatten nie kalkuliert, was passieren würde, wenn die eigene Bevölkerung uns nicht mehr folgte, wenn diese uns das Vertrauen entzog, weil wir als Führung unsere Glaubwürdigkeit verloren hatten“. Doch genau dieser Ernstfall war eingetreten: Massenverweigerung und Massenflucht. Wie sollte man reagieren? Mit repressiven Maßnahmen die staatliche Ordnung aufrechterhalten? Krenz konstatiert: „Die DDR-Verfassung sah Derartiges nicht vor.“

    Das wesentliche Wort des Buches steht im Titel: Verlust. Krenz empfindet das Ende der DDR und damit des sozialistischen Versuchs auf deutschem Boden als schweren Verlust – gesellschaftlich, aber natürlich auch persönlich. Das Leben hat Egon Krenz bestraft, härter als viele andere, die an der DDR-Spitze gestanden haben.

    Davon handelt der zweite Teil dieses Bandes: von den Erfahrungen mit seiner ehemaligen Partei, mit den gesamtdeutschen Siegern, der Justiz, die ihn zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte und damit gegen das Rückwirkungsverbot verstieß, nach dem niemand für Taten bestraft werden kann, die zum Zeitpunkt des Begehens nicht strafbar waren.

    Vieles bietet Anlass, sich zu schämen für das vereinte Deutschland; besonders peinlich sind die fiesen Schikanen, die der Berliner Strafvollzug gegen den prominenten politischen Gefangenen anwendete. Denn das war der Vertreter jener DDR-Partei- und Staatsführung, die vor 1990 – man hat die Fernsehbilder vor sich – noch hofiert und umschmeichelt worden war.

    Der neugierige Herr Schirrmacher von der FAZ

    Umso lieber liest man von den Anständigen. Solchen wie Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein neugieriger, sehr gebildeter Mann, darauf bedacht, sich ein eigenes Bild zu machen, anstatt die ewigen boshaften Erfindungen etlicher seiner Berufskollegen weiterzutragen. Schirrmacher hat selbst über seine Begegnungen mit Krenz berichtet. Der trägt nun seine eigene Erzählung dieser unerwarteten Bekanntschaft bei. Das ist auch deshalb interessant, weil sie ihre Verlängerung in die Gegenwart gefunden hat.

    Am 9. November 2009, 20 Jahre nach der friedvollen Grenzöffnung, hatte Schirrmacher in der FAZ geschrieben, „dass einige der wesentlichen Grundbedingungen“ dafür von Krenz „geschaffen worden sind“, und folgenden Satz aus dem Krenz-Urteil des Landgerichts Berlin angefügt: „Im Herbst 1989 trug der Angeklagte maßgeblich zur Deeskalation der damaligen Situation bei, die ohne Weiteres zu einem Bürgerkrieg mit unabsehbaren Folgen hätte führen können.“ Schirrmacher schrieb, er wolle Krenz „nicht ins Walhall verfrachten“, aber: „Wer die Gewaltlosigkeit und die Ereignisse der Nacht des 9. November würdigt, kann das nicht tun ohne ihm einen entscheidenden Part zu geben.“

    Als zehn Jahre später der ostdeutsche Verleger Holger Friedrich in der Berliner Zeitung dasselbe sagte, brach ein mediales Donnerwetter über ihn herein. Es hat sich bis heute nicht vollends beruhigt. Holger Friedrich steht dazu, wie bei der gemeinsamen Vorstellung des Krenz-Buches jüngst im Kino Babylon wieder zu vernehmen. Schirrmacher starb im Jahr 2014. Krenz schreibt: „Ich glaube, wir hätten Freunde werden können.“ Offenbar ist da ein aufschlussreicher deutsch-deutscher Dialog abgebrochen.

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    Miteinander reden: Holger Friedrich und Egon Krenz im Mai 2025 bei der Buchvorstellung im Kino BabylonMarkus Wächter/Berliner Zeitung

    Dafür ist diesmal Gott Kairos dem inzwischen 88-jährigen Egon Krenz zum Freund geworden: Diesmal hat er wohl den richtigen Moment erwischt, denn er legt das Buch in einer Zeit vor, in der immer mehr jüngere Menschen mehr über die DDR wissen wollen. Die Enkel stellen Fragen. „Den Nachgeborenen“ gilt am Ende des Buches ein spezieller Gruß. Er richtet sich an jene, „die sich trotz Verleumdungen und zahlreicher Geschichtsfälschungen, die sich auch in Schulbüchern wiederfinden, für den deutschen Arbeiter- und Bauernstaat interessieren“.

    Tatsächlich gerät ja der westliche Gesellschaftsentwurf gerade in schwere Wasser, sodass die Frage nach Alternativen aufkommen muss. Die DDR, wenn auch gescheitert, als Inspiration? Dieses Buch regt Zeitgenossen zum Erinnern und Nachdenken an, es geht ja um entscheidende Tage, Wochen und Monate im eigenen Leben; sie erhalten Gesprächsstoff. Die Enkel werden viele Antworten finden.

    Egon Krenz ist offensichtlich mit sich im Reinen, die Altersweisheit, die Gelassenheit nach lebenslanger Anspannung, der Abstand zur Verlusterfahrung, das freundliche familiäre Umfeld, der große Freundeskreis schlagen sich einem lockeren Tonfall nieder – der Mann kann pointiert und unterhaltsam erzählen, Polit-Floskeln sind verschwunden. Bei der Buchvorstellung im Babylon sagte er: Es ist vollbracht. Er meint das Buch. Die Trilogie. Das Lebenswerk wohl auch. Jetzt ist vielleicht mehr Zeit für die riesigen Stapel Post und die E-Mail-Fluten. Die Beschäftigung mit der DDR endet jedenfalls nicht.

    Zum Buch

    Autor: Egon Krenz
    Titel: Verlust und Erwartung. Erinnerungen. (Das Jahr 1989 und die Zeit danach
    — dritter und letzter Teil der Memoiren des ehemaligen Staatschefs der DDR)
    Verlag: edition ost / Eulenspiegel Verlagsgruppe
    Umfang: 384 Seiten, gebunden, mit 32 Seiten Bildteil
    Preis: Buch 26 Euro, eBook 19,99 Euro

    #Allemagne #DDR #histoite

  • Krenz, die DDR-Grenzer und der Schießbefehl : Eine Replik der Vorab-Besserwisser
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/krenz-die-ddr-grenzer-und-der-schiessbefehl-eine-replik-der-vorab-b

    Vous vous demandez toujours pourquoi en 1989 il a suffi que le peuple se pointe aux points de passage entre Berlin-Est et Berlin-Ouest pour ouvrir les barrières entre les états ? Dans des situations comparables les régimes dictatoriaux préfèrent généralement tirer plutôt que d’accepter une ouverture.

    La réponse est simple. Tout le monde, y compris le militaire et la majorité des cadres du parti, était d’accord que le régime frontalier devait changer.

    Dans cet article deux anciens enseignants de l’école militaire des gardes-frontière racontent leurs efforts pour préparer une transformation du système militaire des frontieres.

    28.7.2025 von Artur PechRolf Ziegenbein - Die Debatte um das Grenzregime der DDR zeigt: Hinterher ist jeder schlauer. Doch unsere Autoren haben sich schon vor 1990 für eine Reform eingesetzt.

    Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

    Im Interview des Verlegers der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, mit Egon Krenz zum Erscheinen des dritten Bandes der Krenz-Memoiren tauchte das Problem wieder auf, inwieweit die Toten an der damaligen Staatsgrenze der DDR hätten verhindert werden können. Krenz, der ehemalige Staatsratsvorsitzende, verwies auf das Dilemma zwischen der Schutzwürdigkeit jedes menschlichen Lebens einerseits und der weltpolitischen Notwendigkeit des Schutzes der Staatsgrenze der DDR als Systemgrenze andererseits. Sein Fazit lautete: „Ich weiß bis heute nicht, wie wir es hätten anders machen können.“

    In der Folge druckte die Berliner Zeitung zwei Beiträge zu diesem Thema ab. Michael Günther vertrat am 23. Juni (online 18. Juni) die Auffassung, dass Veränderungen am Grenzregime möglich gewesen seien, Frank Schumann rechtfertigte im Beitrag vom 4. Juli (online 29. Juni) die damaligen Entscheidungen und Handlungsweisen der DDR- Führung. Das Thema ist also immer noch aktuell.

    Nun hat Frank Schumann im (Online-)Titel seines Beitrages diejenigen, die nachträglich Überlegungen zu einem veränderten Grenzregime der DDR anstellen, als „Hinterher- Besserwisser“ abqualifiziert. Das wirft die Frage auf, ob es vielleicht „Vorher- Besserwisser“ gegeben hat?

    Wie Egon Krenz den sinnlosen Tod des letzten Mauertoten Chris Gueffroy hätte verhindern können

    Krenz und der Schießbefehl: Das Dilemma der Hinterher-Besserwisser – eine Replik

    Ja, eine solche kleine Gruppe von Offizieren in mittleren und höheren Führungsfunktionen der Grenztruppen hat es in den letzten Jahren der Existenz der DDR gegeben – und die Autoren gehörten dazu. Ausgangspunkt unserer Überlegungen war, dass das Grenzregime so, wie es existierte, nicht bleiben konnte und dringend veränderungsbedürftig war.

    Grenzer sprengen im Jahr 1974 Minen am Todeszaun im Lappwald bei Helmstedt.

    Grenzer sprengen im Jahr 1974 Minen am Todeszaun im Lappwald bei Helmstedt.Rust/imago

    Das Regime an der Grenze fügte der DDR außenpolitisch, aber auch innenpolitisch immensen Schaden zu – mehr, als es nutzte. Die Räumung der Minenfelder war 1984 ein Schritt in die richtige Richtung, aber man hätte dabei nicht stehen bleiben dürfen. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen sei angemerkt: Die Räumung der Minen an der Grenze der DDR erfolgte, nachdem die Minenkonvention im Dezember 1983 in Kraft getreten war, aus der jetzt die baltischen EU-Staaten und Polen austreten, weil sie ihre Ostgrenze verminen wollen.
    Ein „Frontdienst im Frieden“

    Durch die nach dem 13. August 1961 erfolgte Unterstellung der Grenzsicherungskräfte vom Ministerium des Innern zum Ministerium für Nationale Verteidigung traten jedenfalls gravierende Veränderungen ein. Der polizeiliche Schutz- und Überwachungsauftrag blieb dem Wesen nach erhalten, trat aber zunehmend hinter die in einem möglichen Kriegsfall zu erfüllenden Aufgaben zurück.

    Dass die Durchsetzung der Grenzordnung eine polizeiliche Aufgabe war, wurde vom Ministerium für Nationale Verteidigung zunehmend ignoriert. Der nun zuständige Minister sprach vom Grenzdienst als „Frontdienst im Frieden“ und bezeichnete Handlungen an der Grenze als „Gefecht im Frieden“. In einem Gefecht ist aber immer auch mit Toten zu rechnen.

    Hiddensee: Wo Mitglieder von Rammstein einst Stasivizechef Wolf um den Schlaf brachten

    Es blieb aber nicht bei der Wortwahl. Der Grenzdienst wurde nach militärischen Grundsätzen organisiert. Die für die Nationale Volksarmee erlassenen Dienstvorschriften wurden zu wesentlichen Teilen für die Grenztruppen gültig erklärt. Für die Wehrpflichtigen gab es dort nur die „Gefechtsausbildung“, eine Vorbereitung zur Erfüllung von Polizeiaufgaben erfolgte nur minimal.

    NVA-Soldaten während einer Übung. Die NVA-Dienstvorschriften waren im Wesentlichen auch für die Grenztruppe gültig.

    NVA-Soldaten während einer Übung. Die NVA-Dienstvorschriften waren im Wesentlichen auch für die Grenztruppe gültig.Sächsische Zeitung/imago
    Die Grenztruppen standen unter Dauerstress

    Ein Höhepunkt dieses für die Handlungen im Frieden fehlerhaften Denkens war die nunmehr eingeführte und bis Mitte der Achtzigerjahre gültige Vergatterungsformel: „Grenzverletzer sind festzunehmen bzw. zu vernichten.“ Sie war dem militärischen Denken geschuldet, nach dem es im Gefecht darum geht, den Gegner zu bekämpfen, niederzuhalten oder eben zu vernichten. Das stand in krassem Widerspruch zu den in der DDR geltenden Bestimmungen zum Gebrauch von Schusswaffen.

    Die Offiziere der Grenztruppen wurden an den militärischen Lehreinrichtungen militärisch hoch qualifiziert, hatten aber dort über viele Jahre keine Ausbildung im einschlägigen Staats- bzw. Strafrecht, vom Völkerrecht ganz zu schweigen. Da dieses Recht aber die Grundlage ihres Handelns an der Grenze in Friedenszeiten bildete, war das letztlich unhaltbar.

    Während die Grenztruppen durch extreme Belastungen unter Dauerstress standen und es immer wieder zu Toten an der Grenze kam, beriefen sich der zuständige Minister und sein Chef des Hauptstabes auf ihr militärstrategisches Denken. Sie bedauerten zwar jeden Toten, hielten die Opfer des Grenzregimes aber letztlich für einen Kollateralschaden im Kalten Krieg, wie sie verklausuliert in ihrem Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ (Edition Ost, 2011, S. 7) eingestanden.
    „Staat und Recht“ wird erst ab 1985 unterrichtet

    Die genannte kleine Gruppe von Offizieren wollte für den Grenzdienst in Friedenszeiten weg von diesem militärischen Denken. Sie versuchte zunächst, durch Publikationen auf Veränderungen im Denken Einfluss zu nehmen. Da das wegen der Militärzensur schwierig war, wich sie auf wissenschaftliche Arbeit, vor allem auf Forschungsvorhaben für die zukünftige Entwicklung des Grenzschutzes der DDR, aus.

    An der Offiziershochschule Rosa Luxemburg, an der die zukünftigen Offiziere für die Grenztruppen ausgebildet wurden und auch Weiterbildung für das bestehende Offizierskorps erfolgte, gelang es erst 1985 – gegen energischen Widerstand aus dem Ministerium für Nationale Verteidigung – das Lehrfach „Staat und Recht“ einzuführen und einen entsprechenden Lehrstuhl zu gründen.

    Egon Krenz (Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates), NVA-Armeegeneral Heinz Keßler (Minister für Nationale Verteidigung) und Horst Sindermann (Präsident der Volkskammer) im Jahr 1987 (v.l.n.r.)

    Egon Krenz (Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates), NVA-Armeegeneral Heinz Keßler (Minister für Nationale Verteidigung) und Horst Sindermann (Präsident der Volkskammer) im Jahr 1987 (v.l.n.r.)Stana/imago

    Es sei erwähnt, dass das reformorientierte Denken von Offizieren der Politischen Verwaltung der Grenztruppen ausging. Sie hätten nicht aktiv werden können, wenn nicht der Chef der Politischen Verwaltung mit dem Dienstgrad Generalleutnant schützend seine Hand über sie gehalten hätte. Während sich die Aktivitäten der Gruppe in Publikationen und wissenschaftlichen Arbeiten bis heute nachweisen lassen, hat sich der Generalleutnant allerdings schriftlicher Stellungnahmen enthalten. Das hätte ihn wohl auch seine Dienststellung gekostet.

    Was die in einem möglichen Krieg durch die Grenztruppen zu erfüllenden Anforderungen betrifft, so hätten sie im Hinblick auf die Dominanz des Polizeidienstes als paramilitärische Aufgabe gelöst werden können. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die Achtzigerjahre glücklicherweise ohnehin durch Entspannungs- und Abrüstungspolitik gekennzeichnet waren. Wenn Panzerbataillone aufgelöst wurden, wäre es wohl an der Zeit gewesen, auf die militärische Doppelfunktion der Grenztruppen zu verzichten. Die Sowjetunion hätte in diesem Fall ebenso vor vollendete Tatsachen gestellt werden müssen wie bei der Minenräumung.

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    Es geht also nicht nur um „Hinterher-Besserwisserei“. Es gab auch Menschen, die vorher ihrem Land dienen wollten, indem sie Vorschläge für Änderungen des Grenzregimes unterbreiteten. Das war damals durchaus auch mit persönlichen Risiken verbunden und Anfeindungen wirken bis heute nach. Wer sich den Fehlern der DDR stellt, muss auch darüber nachdenken.

    Artur Pech war bis 1989 Leiter der Unterabteilung gesellschaftswissenschaftliche Ausbildung im Kommando der Grenztruppen.

    Rolf Ziegenbein war bis 1989 Stellvertreter des Kommandeurs der Offiziershochschule der Grenztruppen für Ausbildung und Forschung.

    #Allemagne #histoire #mur #DDR #frontière #rideau_de_fer

  • Ein Glücksfall: Die wiederentdeckten Filme der Staatlichen Filmdokumentation der DDR
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/die-wiederentdeckten-filme-der-staatlichen-filmdokumentation-der-dd

    11.7.2025 von Frank Schirrmeister - Im Staatsauftrag wurden Dokumentationen des Alltags in der DDR hergestellt, verschwanden aber ungesehen im Archiv. Nun können sie kostenlos besichtigt werden.

    Sämtliche Filme, die in der DDR gedreht wurden, unterlagen der behördlichen Zensur und verbreiteten demzufolge höchst selten ein reelles Abbild des sozialistischen Alltags. Alle Filme? Nein! Es gab eine Nische, in der Filmemacher weitgehend frei von staatlicher Bevormundung arbeiten und (Dokumentar-)Filme drehen konnten, die keiner Abnahmepflicht durch die Hauptverwaltung Film im Kulturministerium unterlagen. Einzige, aber wesentliche Voraussetzung war, dass kein gewöhnlicher Zeitgenosse diese Filme jemals zu Gesicht bekommen sollte, sie zeitlebens der DDR also weder im Kino noch im Fernsehen oder auf Festivals liefen. Klingt seltsam? Durchaus, aber genau das war der Auftrag der Staatlichen Filmdokumentation, einer Abteilung des Filmarchivs der DDR.

    Aus heutiger Sicht mutet es wie die Ausgeburt einer kafkaesken Bürokratie an, dass eine kleine Schar von Filmemachern im Staatsauftrag zwischen 1971 und 1986 filmische Dokumentationen des Alltags in der DDR herstellte, die dann jedoch nie öffentlich gezeigt werden durften und im Archiv verschwanden. Dort lagerten sie und gerieten in Vergessenheit. Erst seit etwa zehn Jahren wird der Bestand systematisch erschlossen und im Bundesarchiv digital aufbereitet.

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    Auch die Arbeit wurde vom SFD dokumentiert.fossiphoto/imago

    Das Berliner Zeughauskino präsentierte gerade erstmals in einer Filmreihe eine Auswahl dieses hochinteressanten Materials einer staunenden Öffentlichkeit. Tatsächlich hat man solcherart ungeschminkte, authentische filmische Einblicke in verschiedenste Aspekte des Alltags- und Arbeitslebens der DDR nie bisher gesehen. Eine Fundgrube für Historiker, Ethnologen, Interessierte, Nostalgiker, Soziologen ...!

    Faszinierende Reportage über die Berliner Stadtreinigung

    Gemäß dem Selbstverständnis als Arbeitsgesellschaft spielte die Dokumentation der Arbeitswelt eine zentrale Rolle. In den zahlreichen Filmen, in denen Arbeiter beobachtet und befragt, Arbeitsprozesse sowie Fort- und Rückschritte untersucht werden, wird deutlich, welch hohen Stellenwert die Arbeit für den Alltag der Menschen hatte, zugleich aber auch, unter welch widrigen Umständen die Arbeit oft verrichtet wurde.

    In einem Bericht über den VEB Elektrokohle Berlin, dem einzigen Hersteller für Graphitprodukte in der DDR, spricht der Werksleiter freimütig über den völlig überalterten Maschinenpark; die Bilder aus den Werkshallen dazu unterstreichen das eindrücklich, unterstützt durch das körnige Schwarzweiß des 16mm-Filmmaterials.

    Ebenso faszinierend ist eine Reportage über die Berliner Stadtreinigung. Einen Tag lang werden die Männer eines Müllautos auf ihrer Tour durch den Prenzlauer Berg begleitet. Fast hat man vergessen, in welchem Ausmaß die Gebäudesubstanz des Altbaubezirks von Baufälligkeit und Verfall gezeichnet war. An verwitterten Fassaden vorbei geht die Fahrt durch die Gegend um den Kollwitzplatz; wo sich heute die bourgeoise Bohème in den unbezahlbaren Eigentumswohnungen räkelt, schleppen die Müllmänner die schweren Tonnen durch finstere Treppenhäuser und verwahrloste Hinterhöfe. Am Ende der Schicht sortieren sie den Müll notdürftig beim Ausladen auf der Deponie. Auffällig viel Brot befindet sich darunter, was vom Irrsinn einer fehlgeleiteten Subventionspolitik erzählt, die zu solcherart Missachtung von Lebensmitteln führte, die letztlich oftmals an die Schweine verfüttert wurden.

    Andere Themenfelder beschäftigen sich mit Familiensituationen und Formen des Zusammenlebens, sei es eine Straßenumfrage zum Thema „Was halten Sie von Partnerschaft ohne Trauschein?“ (die meisten finden das tolerabel) oder eine Untersuchung von Lebens- und Wohnverhältnissen im Gebiet des Berliner Scheunenviertels.

    Überhaupt das Wohnen: Kaum etwas beschäftigte die Menschen mehr und griff in ihr Leben ein, wie der Mangel an Wohnraum bzw. dessen schlechter Zustand. Zwar versuchte die Parteiführung, mit massenhaftem, standardisiertem Wohnungsbau diesen Mangel zu mildern, gleichzeitig verfielen jedoch die Innenstädte, mussten Familien in eigentlich unzumutbaren Verhältnissen wohnen, entstand das Phänomen illegal besetzter Wohnungen.

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    Wohnraum war eines der kontinuierlichen Problemfelder der DDR-Gesellschaft und wurde auch von der SFD dokumentiert.Sächsische Zeitung/imago

    Jeder Anflug von Nostalgie vergeht beim Anblick der Schlange vor der „Wohnraumlenkung“ genannten Behörde und den dort geführten Bittgesprächen im Kampf um eine bewohnbare Wohnung. Zitat: „Nun bitte ich den Herrn Stadtbezirksrat für Wohnungswesen, für meinen Sohn doch nun die Möglichkeit zu suchen, eine Wohnung zu bekommen.“

    Vollends die Fassung verliert der Betrachter beim Report über zwei Familien mit jeweils einem Kind, die sich eine kleine Hinterhof-Zweiraumwohnung teilen müssen und deren Fazit auf die entsprechende Frage hin tatsächlich lautet: „Als Notfall würde ich uns nicht unbedingt bezeichnen.“ Immerhin kostet die Wohnung lediglich 37,50 Mark, auch das eine unsinnige Subventionierung, erwachsen aus der Erfahrung der Wohnungsnot in den 1920er Jahren, in der die führenden Genossen des Landes politisiert wurden.

    Auch Bühnenstücke und Musik wurden gemaßregelt

    Die ideellen Anfänge der Staatlichen Filmdokumentation (SFD) liegen im Dunkel der Eiszeit nach dem 11. Plenum des Zentralkomitee der SED 1965, auf dem fast eine ganze Jahresproduktion der Deutschen Film AG (Defa) dem Verbot anheim fiel und auch Bücher, Bühnenstücke und Musik gemaßregelt wurden. In den Jahren danach reifte unter den Funktionären die Idee, den widersprüchlichen Weg hin zum wahren Sozialismus filmisch zu dokumentieren, ihn aber fürs Erste ins Archiv zu verbannen, um „unsere Menschen“ nicht zu verwirren.

    Das hat wohl mit dem paternalistischen Grundverständnis der führenden Genossen zu tun, die am besten wussten, was man dem Volk, dem „großen Lümmel“ (H. Heine) zumuten durfte und was lieber nicht. Wenn schon die offizielle Kunstproduktion einen propagandistischen Auftrag zu erfüllen hatte, sollte wenigstens inoffiziell ein unverstellter Einblick in realsozialistische Lebensverhältnisse festgehalten und für die Nachwelt archiviert werden.

    Das entsprach dem marxistischen Sendungsgedanken von der „historischen Mission“, demzufolge der Weg hin zum Kommunismus ein gesetzmäßiger war. Wenn dann sozusagen das Ende der Geschichte erreicht wäre, sollten die Filme vor zukünftigen Generationen Zeugnis ablegen vom schwierigen Anfang und den mühevollen Schritten, die gegangen werden mussten.

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    Der Prenzlauer Berg in der DDR-ZeitJürgen Ritter/imago

    Für Recherchen außerhalb der Hauptstadt fehlte oft das Geld

    Unter diesen Vorzeichen entstanden ungefähr 300 sehr unterschiedliche Filme, die einen ungeschminkten und vor allem unzensierten und propagandafreien Einblick in den realen DDR-Alltag zeigten. Man kann gar nicht genug betonen, welchen Schatz dieser Bestand für Historiker darstellt, weil er die Quellenlage zur DDR-Geschichte erheblich erweitert.

    Bemerkenswert ist die erratische Vielfalt der Themen und Herangehensweisen, mit denen die Filmemacher dem Volk sozusagen auf´s Maul schauten. Mit dem Auftrag, möglichst die gesamte Gesellschaft zu dokumentieren, drangen sie in sonst ungesehene Nischen vor und fingen Stimmungen und Momente ein, in denen sie einen ungewöhnlich offenen Blick auf die DDR und ihre Menschen warfen. Unter filmischen Gesichtspunkten ist das Material durchaus spröde und manchmal unbeholfen; da die Filme ja nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren, verzichtete man weitgehend auf filmische Stilmittel wie eine narrative Montage oder einen Spannungsbogen; häufig wirken sie wie ungeschnittenes Rohmaterial, was es ja auch war.

    Die Spannung ergibt sich nicht aus einer geschickten Dramaturgie, sondern aus der Authentizität des Gezeigten. Manch Unzulänglichkeit war den begrenzten finanziellen Mitteln geschuldet. Das ist auch der Grund, weshalb die meisten Filme in Berlin gedreht wurden; für Recherchen außerhalb der Hauptstadt fehlte oft das Geld oder das einzige Fahrzeug der Abteilung war kaputt.

    Eine Zensur war gar nicht notwendig

    Eine Aufgabe der SFD war es auch, wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, aus Kunst und Kultur zu ihren Lebzeiten filmisch festzuhalten. Etwa die Hälfte der Produktion besteht aus „Personendokumentationen“, darunter Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, aber auch Handwerker aussterbender Gewerke, Puppenspieler. Sogar ein Keramiker, überzeugter Christ und Wehrdienstverweigerer, bereichert die illustre Runde, womit die Kollegen bei der SFD bis an die Grenze des Mach- bzw. Zeigbaren gingen.

    Eine staatliche Abnahme, also Zensur, musste es für diese Filme gar nicht geben, auch ohne wusste jedermann, wie weit er gehen durfte. Die berühmte Schere im Kopf hatten die meisten auch ohne behördliche Überwachung verinnerlicht. Deutlich wird das in einem gefilmten Gespräch zwischen dem Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ Wilhelm Girnus sowie dem Schriftsteller Günther Rücker und Autor Wolfgang Kohlhaase. Die drei reden über die Freiheit der Kunst, zu früh abgebrochene Diskussionen und die Notwendigkeit, abweichende Meinungen zuzulassen.

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    Gegen Ende der DDR war die Vision aufgebraucht und die Staatliche Filmdokumentation wurde eingestellt. Im Bild: Honecker im Palast der RepublikStana/imago

    Einerseits ist es berührend zu sehen, mit welch nachdenklicher Ernsthaftigkeit abgewogen und gesprochen wird, mit einem (naiven) Glauben daran, dass Gespräch nützlich und Veränderung möglich ist. Andererseits wirkt die Runde zugleich wie ein groteskes Schauspiel, denn alle drei reden gekonnt um den großen Elefanten im Raum herum – das Wort Zensur fällt kein einziges Mal. Noch größer wird der Elefant, wenn man erfährt, dass dieser Film 1978 entstand, keine zwei Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns und den sich anschließenden Repressalien gegen missliebige Künstler.

    1986 wurde die Abteilung schließlich aufgelöst. Folgt man der Historikerin Anne Barnert, die ein Buch über diesen Komplex herausgegeben hat, wurde das Privileg der SFD, unzensierte Einblicke in den DDR-Alltag zu geben, für die Funktionäre zunehmend zum Problem. Die Visionen waren aufgebraucht, der Zukunftsoptimismus verblasst. Und wann sollte diese Zukunft überhaupt sein? In dreißig, fünfzig oder hundert Jahren?

    Das Bundesarchiv hat diese Antwort vorweggenommen, in dem sie die filmischen Dokumente eines gesellschaftlichen Experiments (und dessen Scheitern) dem Vergessen entzogen und damit sozusagen festgelegt hat, dass jetzt die Zukunft ist – die freilich kaum etwas mit der einst imaginierten zu tun hat.

    Nun werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, vermutlich bedauern, die (durchgehend ausverkaufte) Filmreihe im Zeughauskino verpasst zu haben, aber dem kann abgeholfen werden: Mittlerweile kann der gesamte Bestand der Staatlichen Filmdokumentation online im digitalen Lesesaal des Bundesarchivs besichtigt werden, kostenlos und ohne Anmeldung. Über die letzten Jahre sind die erhaltenen Filmkopien komplett digitalisiert worden. Angesichts knapper Kassen eine bemerkenswerte Leistung, die auch für die Bedeutung dieses Konvoluts für Zeithistoriker spricht.

    Frank Schirrmeister ist studierter Historiker, Fotograf und Bildredakteur aus Berlin. Außerdem schreibt er. Mehr Infos unter www.bildstelle.net

    #DDR #film_documentaire