• Gutes Leben und langsamer Tod
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1201630.debatte-frankfurter-bahnhofsviertel-gutes-leben-und-langsamer-tod

    Bars und Clubs verstecken sich hinter Absperrungen : Rein darf nur, wer zahlt. Foto : B. Surmann

    A #Francfort la chasse aux #mendiants et #malades s’intensifie. Le racisme ambiant est à son apogée. La distance au programmes d’ #euthanasie n’est plus grande.

    4.8.2026 von Daniel Loick - In alten Westernfilmen ist oft zu sehen, wie ein Fort von »Eingeborenen« angegriffen wird. Diese Darstellung, so schreiben Stefano Harney und Fred Moten in »The Undercommons«, verwechselt Angreifer*innen mit Angegriffenen: In Wirklichkeit ist es das Fort, das in die Umgebung einfällt. Ein ähnliches Bild lässt sich jedes Wochenende im Frankfurter Bahnhofsviertel beobachten. Zahlreiche Bars und Clubs umzäunen öffentliche Gehwege mit Gitterabsperrungen, hinter denen sich nur aufhalten darf, wer zahlt. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell: Hipster wie Yuppies genießen es, hier so lange, so laut und so ungezügelt feiern zu können, wie sie es in ihren eigenen Vierteln kaum dürften.

    Ein ganz anderes Bild sieht man, wenn man sich tagsüber im Bahnhofsviertel bewegt. Wer vom Hauptbahnhof in die Innenstadt läuft, stellt sich schnell die Frage, ob er versehentlich in einem Kriegsgebiet gelandet ist. Auf den engen Gehwegen liegen regungslose Körper, fast wie auf einem verlassenen Schlachtfeld. Weil sich hier nicht nur Sexarbeit und Wohnungslosigkeit, sondern auch offener Drogenkonsum konzentrieren, gilt das Frankfurter Bahnhofsviertel seit Jahrzehnten als »Problemviertel«. Durch eine baustellenbedingte Absperrung des Karlsplatzes, der normalerweise ein zentraler Aufenthaltsort für Drogennutzende ist, hat sich die Lage seit April noch einmal drastisch verschärft: Vertrieben von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten haben die Drogen-User*innen kaum noch Orte, an denen sie sich ungestört aufhalten können. Der Effekt ist die Produktion dessen, was der Soziologe Zygmunt Bauman als »verworfenes Leben« bezeichnet hat: Menschliches Leben wird wie Müll behandelt. Beides – das exzessive Clubleben der einen und die Dehumanisierung der anderen – hängen zusammen. Wie die Siedlung im Wilden Westen, so sind auch die Clubs im Bahnhofsviertel auf eine Entwertung ihrer Umgebung angewiesen.

    Frankfurter Bahnhofsviertel

    Das Frankfurter Bahnhofsviertel gilt unter anderem wegen der großen Zahl an Drogenkranken bundesweit als Problemviertel, dem nur mit – immer mehr – Polizei beizukommen sei. Der Philosoph Daniel Loick, der zu den Auswirkungen staatlicher Gewalt forscht und selbst im Bahnhofsviertel wohnt, blickt radikal anders auf die Lage. Für ihn ist es die gezielte Vernachlässigung von Nachbarschaften und Menschen, die thematisiert werden muss.

    Zum Teil funktioniert diese Entwertung über die skandalisierenden medialen Darstellungen, deren Gegenstand das Bahnhofsviertel regelmäßig wird. Dazu zählen zum einen die Kampagnen der Boulevardpresse – am extremsten vielleicht der Bericht 2024 der englischen Zeitung »The Sun«, die zur EM anreisende Fußballfans vor dem »Zombieland« Bahnhofsviertel warnte, aber auch regelmäßige Aufmacher in »Bild« und »Welt« sowie Realityformate von RTL und Sat1, die die Einzelschicksale von Drogenkonsument*innen dramatisch in Szene setzen. Zum anderen verwenden rechte Medien wie die »Junge Freiheit« oder der Travel-Blogger Kurt Caz immer häufiger Social Media, um das Bahnhofsviertel als Drogen- und Gewaltmoloch darzustellen. Frankfurt wird hier zum Symbol für alles, was falsch läuft in Deutschland: voll mit Junkies, Ausländern und Kriminellen. Unerwünschte Bevölkerungsgruppen werden so als Störfaktoren konstruiert, gegen die sich »normale Bürger« verteidigen müssen – ein beliebtes Motiv autoritärer und faschistischer Agitation.

    Die Stadt ist nicht nur eine Infrastruktur, zu der jede*r Zugang haben sollte, sondern auch ein todbringender Prozess, den es zu unterbrechen gilt.

    Auch Gewerbetreibende des Bahnhofsviertels versuchen mittlerweile verstärkt, in die Debatte einzugreifen und bedienen sich dabei dehumanisierender Rhetoriken. Besonders häufig werden dabei Menschen symbolisch in die Nähe von Müll und Unordnung gestellt. So veröffentlichte die so genannte »Eigentümerinitiative Bahnhofsviertel«, ein Zusammenschluss verschiedener Frankfurter Unternehmen, auf ihrer Webseite eine Liste von 13 Forderungen zum Bahnhofsviertel, von denen so gut wie alle die Themenbereiche »Sicherheit und Sauberkeit« betreffen: Gefordert wird der massive Ausbau der Polizeipräsenz, Kameraüberwachung und effizientere Müllabfuhr. Noch deutlicher wird die mit viel Presse-Echo neu gegründete Initiative »S.O.S. Bahnhofsviertel«, die unter anderem vom Club- und Pizzeriabetreiber Rusbeh Toussi, dem Ex-Moderator Achim Winter (»Tichys Einblick«) sowie dem wegen Anlagebetrugs verurteilten PR-Berater Jürgen Aha unterstützt wird. Die Bildersprache auf der Webseite der Initiative erinnert an die eugenischen Phantasien der 1930er Jahre. Auf einer Grafik (»Vom Wohngebiet zur Zombie-Area«) etwa ist eine Waage zu sehen, bei der auf der einen Seite eine ganz in Schwarz gezeichnete grimmige Personengruppe mit Messern, Reagenzgläsern und Totenköpfen steht (»Junkies und Dealer«), auf der anderen Seite freundliche Geschäftsleute mit Aktenkoffern und Kindern vor der Frankfurter Skyline (»Betroffene Bürger«). Die Message: »Ein Viertel als Geisel«. Der »Zehn-Punkte-Plan« der Initiative fordert unter anderem die Einhegung der Drogennutzenden in eine »Toleranzzone«, den Einsatz von »Suchtmittelspürhunde[n]« sowie: »wirksame Drohnenbefliegungen (...)! Was sich in der Ukraine längst bewährt hat, fehlt bei uns. Gemeinsam mit Militärs aus unserer Partnerstadt Lviv sollten leistungsstarke Überwachungsdrohnen über den Straßen des Bahnhofsviertels fliegen, und zwar möglichst ganztägig«.

    Während die Vorstellung militärischer Drohnenüberwachung selbst ordnungsliebenden Frankfurter*innen noch übertrieben anmuten mag, findet der Ruf nach mehr Repression durchaus Gehör. Die Stadt Frankfurt und das Land Hessen haben mit der Umsetzung eines »Sofortprogramms« begonnen, das die Eröffnung einer neuen mobilen Polizeiwache, die Einrichtung von Waffenverbotszonen und KI-gestützte Videoüberwachung umfasst. Die Polizeipräsenz auf den Straßen ist massiv: Es ist kaum möglich, einen viertelstündigen Spaziergang durch das Viertel zu machen, ohne Betroffene*r oder Zeugin einer verdachtsunabhängigen Personenkontrolle zu werden. Am Elend im Viertel ändern all diese Maßnahmen natürlich nichts: Weder Drogenabhängigkeit noch Arbeits- und Wohnungslosigkeit lassen sich durch Repression bekämpfen. Im Gegenteil: Für diejenigen, deren Existenz ohnehin durch ständige Vertreibung und Entmenschlichung geprägt ist, bringt die Polizei mehr Stress und im Zweifelsfall einen riskanteren Konsum.
    Soziale Infrastrukturen statt Polizei

    Eigentlich braucht es nicht viel Fantasie, um sich Maßnahmen auszumalen, die den Menschen im Bahnhofsviertel wirklich helfen würden. Zum einen sind dies Maßnahmen, die etwas an ihrer Lebenssituation ändern würden, das heißt vor allem Wohnungen, Gesundheitsversorgung und eine gute Drogenarbeit, für die mit dem akzeptierenden »Frankfurter Weg« bereits eine Grundlage geschaffen wurde. Aber auch eine Hygiene-Infrastruktur mit Toiletten und Duschen, Trinkwasserspender, schattenspendende Bäume sowie Sitz- und Liegegelegenheiten würden der Verelendung entgegenwirken. Allein eine Umverteilung vorhandener Haushaltsmittel von repressiven Maßnahmen in den Ausbau von Möglichkeiten der sozialen Teilhabe würde die Situation entschärfen. Dies wirft die Frage auf, warum Gewerbetreibende, Medien und Politik so eisern an der Fantasie einer Befriedung durch Vertreibung und Repression festhalten – Strategien, die ihre Wirkungslosigkeit seit Jahrzehnten bewiesen haben?

    Gentrifizierung wird häufig als Aufwertung eines Viertels beschrieben: Cocktailbars, Galerien und Bio-Supermärkte machen eine Nachbarschaft attraktiver, verursachen höhere Mieten und zwingen so die bisherigen Mieter*innen zum Umziehen. Dieser Prozess erscheint als unintendiert und »soft«: Verdrängung ist der Kollateralschaden von Hipster-Cafés und Künstlerkneipen. Im Frankfurter Bahnhofsviertel lässt sich aber beobachten, dass Gentrifizierung auch als Abwertung eines Viertels ablaufen kann. Gerade das verruchte und »gefährliche« Image des Viertels macht es für einen Teil der Gewerbetreibenden bezahlbar und bietet den Gästen eine kulturell aufregende Hintergrundszenerie. Viele der Wochenend-Tourist*innen kommen gerade deshalb ins Bahnhofsviertel, weil ihnen hier Verhaltensweisen offenstehen, die im Westend, Nordend oder Kronberg sanktioniert würden – und die auch den regulären Bahnhofsviertel-Nutzer*innen untersagt sind: Sie sind laut, blockieren Gehwege, urinieren an die Wände. Besonders ironisch ist dabei, dass sie auch auf die gleichen Formen der Selbstmedikalisierung zurückgreifen: Alkohol, Nikotin, Kokain. Nur ist der Gebrauch dieser Substanzen in entgegengesetzte soziale Welten eingebunden: Der Gebrauch für die einen wird durchgesetzt durch die Kriminalisierung und die organisierte Vernachlässigung der anderen. Das gute Leben der einen geht mit dem langsamen Tod der anderen einher. Gentrifizierung erscheint so anders als im konventionellen Bild: Die Degradierung des Viertels zur Kulisse für Party-Tourismus wird bewusst vorangetrieben und bedient sich Mitteln der offenen staatlichen Gewalt.

    Die regulären Drogennutzenden des Bahnhofsviertels selbst kommen in der öffentlichen Debatte nur als Kranke oder als Gefahr vor. Sie haben keine oder nur strafrechtlich relevante Handlungsmacht: Sie sind Objekte, über die von anderen bestimmt werden muss. An dieser Objektifizierung wirken nicht nur die Medien und die Politik, sondern auch die privilegierten Bevölkerungsgruppen mit – Gewerbetreibende, gut situierte Nachbar*innen, Party-Tourist*innen. Zum einen müssen sie sich gegenüber dem allgegenwärtigen Leid kalt und indifferent machen und können die Menschen, die sich ansonsten noch auf der Straße aufhalten, nicht als echte Gegenüber wahrnehmen. Zum anderen können sie auch eine Macht über das verworfene Leben genießen – sie wissen, dass sie jederzeit die Polizei rufen können, um souverän über andere Menschen im öffentlichen Raum verfügen zu können. Eine ähnliche Macht üben im Bahnhofsviertel auch viele männliche Freier über Sexarbeiter*innen aus, insbesondere wenn diese schutzlos sind, etwa weil sie Drogen nehmen oder einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben. Alles ist käuflich, alles ist wegwerfbar, auch das Leben der Anderen. Das Verhältnis zwischen den Reichen und den Armen, den Yuppies und den Junkies ist also nicht nur ungleich, sondern differenziell: Die einen haben nicht nur mehr Macht als die anderen, sondern auch Macht über sie.

    Im Bahnhofsviertel – eine kleine Nachbarschaft, die nicht mehr als 0,5 Quadratkilometer umfasst – konzentrieren sich wie kaum anderswo in Deutschland die globalen Krisen. Der zentrale gesellschaftliche Gegensatz ist hier unmittelbar sichtbar: Rund um den Karlsplatz Armut und Leid, im Hintergrund Soll und Haben, die glitzernden Zwillings-Wolkenkratzer der Deutschen Bank, die im letzten Jahr einen Umsatz von 32 Milliarden Euro erwirtschaftet hat. Aus dem Zusammenspiel von Gentrifizierung und Staatsgewalt, das sich hier wie unter einer Lupe beobachten lässt, kann man zweierlei lernen. Erstens darf man sich die Produktion von »verworfenem Leben« nicht als etwas vorstellen, das nur an den Grenzen der Gesellschaft geschieht. Diese Prozesse finden in ihren Zentren statt, inmitten der Innenstädte, und zwar zwischen Gemeinschaften, die sich in enger räumlicher Nähe zueinander befinden. Und zweitens wird jeder Versuch, das Elend im Bahnhofsviertel und anderswo zu mildern, humanitäre Geste bleiben, solange nicht die gesellschaftlichen Strukturen verändert werden, die menschliches Leben als entbehrlich definieren. Die Stadt ist nicht nur eine Infrastruktur, zu der jede*r Zugang haben sollte (wie es die »Recht auf Stadt«-Bewegungen fordern) und ein Reichtum, den wir uns aneignen können (wie es in den Vergesellschaftungs-Debatten diskutiert wird), sondern auch ein todbringender Prozess, den es zu unterbrechen gilt.

    #gentrification #extermination #nazis #petitite_bourgeoisie

  • Euthanasiemorde in Sachsen : Das Archiv erinnert sich, wenn Familien es nicht tun
    https://www.berliner-zeitung.de/article/euthanasiemorde-in-sachsen-das-archiv-erinnert-sich-wenn-familien-e

    Cet article sur l’euthanasie sozs le natibal-socialisme contient une hypothèse intéressante : l’antifascisme officie de l’état socialuste allemandl aurait empeché l’identification de crimes et criminels nazis. L’état capitaliste allemand, l’héritier det successeur officiel du troisième Reiich aurait posé lrs questions essentielles sur son histoire et permis au familles, d’éclaircir la la collaboration et les méfaits de leurs ancêtrs.

    Je pense que c’est faux. Bien au contraire la RFA a été construite sous direction et dans l’intérêts des mazis survivants et de leurs alliés impérialistes, alors qu’en DDR/RDA les combattants antifascistes ont été au pouvoir après la victoire de l’Union des républiques socialistes soviétiques sur les fascistes allemands et leurs collaborateurs.

    La « Aufarbeitung » du nazisme a été une question morale à l’Ouest capitaliste et une histoire de solides faits à l’Est socialiste. La RDA et l’URSS ont puni et mis hios état de nuire tous les nazis qu’ils ont pu arrêter pendant qu’à l’Ouest les criminels fascistes et leurs collabirateurs ont continué à prospérer. tous, même les membres de l’’élite nazie. Les vainquers occidentaux de la guerre avaient besoin d’eux et du pays sous leur contrôle comme rempart contre le communisme.

    L’état socualiste allemand a mis fin au pouvoir des forces fascistes et au capitalisme , la base matérielle du fascisme, alors que l’état capitaliste allemand n’a même pas pu condamner les pires criminels de guerre.

    24.7.2026 von Martyra Peng - Über eine Datenbank, eine Patientenakte und das, was ostdeutsche Familien nicht fragen wollten.

    Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

    Jetzt gibt es eine Datenbank. Mit und ohne Paywall. Man gibt den Namen der Großmutter ein, des Großvaters, des Urgroßvaters. Die NSDAP-Mitgliederdateien – digitalisiert, durchsuchbar. Viele suchen gerade.

    Ich habe anders gesucht. Nicht in Mitgliederlisten. Sondern in Patientenakten. Im Staatsarchiv Leipzig. In einer Doktorarbeit über die Euthanasiemorde in Sachsen, die ich fand, weil ich nicht aufgehört habe zu fragen. Was ich fand, war kein Parteibuch. Es war eine Patientenakte. Und eine Geschichte, die meine Familie seit Jahrzehnten falsch erzählt hatte.

    Mein Urgroßvater hieß Otto Kertscher. Geboren 1878 in Chemnitz. Sohn eines Arbeiters. Sechsunddreißig Jahre alt, als der Krieg ihn holte. Vierzig, als er zurückkam – mit zitternden Händen, Augen, die das Licht fürchteten, einer Lunge, die das Gas bei Ypern nie vergessen hat. 38 Mark Rente im Monat. Für vier Jahre Westfront. Er sammelte Zigarettenstummel von der Straße. Das war sein Vergehen.

    Am 14. März 1941 kamen zwei Männer in grauen Kitteln. Otto nahm seine dunkle Brille vom Tisch, setzte sie auf, und ging mit ihnen. Er sah sich nicht noch einmal um.

    Die Patientenakte liegt im Staatsarchiv Leipzig. Sie ist ein erschütterndes Dokument. Otto fleht darin das Anstaltspersonal an, gehen zu dürfen. In seinen eigenen Worten, auf vergilbtem Papier. Ein Mann, der kämpft. Der nicht aufgibt. Der weiß, dass er weg muss.

    Foto

    Gedenk-und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasiemorde in der Tiergartenstraße in Berlin © Reiner Zensen/Imago

    Die Akte vermerkt auch Besuche. Frau und Tochter. Regelmäßig. Dieselbe Tochter, die das Einweisungsformular ausgefüllt hatte, besuchte ihren Vater in der Anstalt. Sie brauchten seine Rente. Ohne die 38 Mark kamen sie nicht durch den Winter. Das ist keine Geschichte über Ideologie. Das ist eine Geschichte über Armut. Über das, was Armut mit Menschen macht.

    Das Wort auf dem Formular lautete: Belastung.

    Sie schrieb es über ihren eigenen Vater. Den Mann mit den zitternden Händen. Der Stummel von der Straße aufhob, weil sonst nichts da war. Der eine Lunge hatte, die noch immer brannte, seit Ypern 1917. Was wir heute PTBS nennen würden, hieß damals Schwäche. Schwäche war eine Wahl – das hatte die Gruppenführerin gesagt. Das stand in ihrem Heft. Sie zog einen Stift aus der Schublade. Schrieb: Belastung.

    Das Wort kam leicht. Es hatte sich über Jahre geformt, Schicht für Schicht.

    Irgendwann zwischen 1941 und 1945 starb Otto Kertscher in Waldheim, in Arnsdorf oder in Großschweidnitz bei Löbau. Ermordet im Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten.

    Das genaue Datum geben die Archive nicht her. Die Geschichte, die meine Familie danach erzählte, war eine andere. Die Russen hätten ihn umgebracht. Diese Geschichte saß fest – so fest, dass die Erzählerin selbst irgendwann daran glaubte. Die Russen-These war bequemer als das Formular.

    Jetzt, wo viele Deutsche in Datenbanken suchen, lohnt es sich, über einen spezifisch ostdeutschen Mechanismus nachzudenken.

    Im Westen gab es die Auschwitz-Prozesse. Den Eichmann-Prozess. „Holocaust“ im Fernsehen, 1979. Die Frage „Was hat Opa gemacht?“ wurde gestellt. Zögerlich, unvollständig, manchmal erst in der dritten Generation. Aber sie wurde gestellt.

    Im Osten gab es einen anderen Weg. Die DDR war der antifaschistische Staat. Nicht als Metapher – als Staatsdoktrin. Wer im Osten lebte, stand per Definition auf der richtigen Seite der Geschichte. NS-Vergangenheit war ein westdeutsches Problem. Man musste nicht fragen, was Opa gemacht hatte. Der Staat hatte es bereits beantwortet: Nichts. Ihr seid die Guten. Diese Entbindung hatte Konsequenzen.

    NS-Täter, die im Osten blieben, konnten sich hinter dem Staatsnarrativ einrichten. Familien wurden von der Frage entbunden, bevor sie gestellt wurde. Das Schweigen wurde institutionalisiert – nicht durch Anordnung, sondern durch Überflüssigmachen.

    Meine Familie stammte aus Sachsen. Aus Freiberg. Sie floh noch vor dem Mauerbau in den Westen. Die Muster reisten mit.

    Das Wort Belastung hat eine lange Reise gemacht. Es stand 1941 auf einem Formular. Staatsarchiv Leipzig, Bestand Großschweidnitz. Jahrzehnte später tauchte es in anderen Mündern auf, über andere Körper, in anderen Kontexten. Es reiste durch Generationen wie ein Erbstück, das niemand bewusst weitergegeben hat. Es kam einfach mit. Eingepackt ins Schweigen.

    Ich war zehn, als ich es zum ersten Mal hörte. Eine Drei in Mathematik. Meine Großmutter väterlicherseits saß mir gegenüber. Ich wusste damals nicht, dass das Wort eine Geschichte hatte. Dass es sechsunddreißig Jahre zuvor über einen Mann geschrieben worden war, der Stummel von der Straße sammelte und nicht schlafen konnte, weil seine Lunge noch immer brannte.

    Ich war in Großschweidnitz. Das Mahnmal ist klein. Fast versteckt hinter Büschen. Ein Stein: Den Opfern der Euthanasie 1940–1945. Keine Namen. Nur diese kollektive Formel für Tausende, die alle ihren eigenen Namen hatten, ihre eigenen Hände, ihre eigenen Gründe, warum sie auf einem Formular landeten. Ich zündete eine Zigarette an. Legte sie auf den Boden vor dem Stein. Wie er es getan hätte.

    Die NSDAP-Datenbank ist ein Werkzeug. Die Patientenakten in den Staatsarchiven sind ein anderes. Was man dort findet, ist nicht immer das, was man gesucht hat.

    Manchmal findet man das Gegenteil: nicht den Täter, sondern das Opfer. Nicht die Mitgliedschaft, sondern das Formular. Nicht die Ideologie, sondern die Armut, die ein Wort produziert hat, das Generationen überlebt. Das Archiv erinnert sich, wenn Familien es nicht tun.

    Meine Familie hatte entschieden, zu vergessen. Die Russen-These war fester als die Wahrheit. Fester als Transportlisten. Fester als eine Patientenakte, in der ein Mann fleht, gehen zu dürfen – und in der vermerkt ist, dass die Tochter ihn besucht hat. Regelmäßig. Solange die Rente kam. Danach kam die Geschichte von den Russen.

    Schweigen schützt die Täter. Nicht die Opfer.

    Otto Kertscher. Geboren in Chemnitz. Sohn eines Webers. Gestorben 1945, allein, achtzig Kilometer von Chemnitz entfernt. Ich kenne deinen Namen. Ich habe eine Zigarette für dich niedergelegt. Ich schweige nicht.

    Martyra Peng ist Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin und schreibt als freie Autorin. Sie war langjährige Chefredakteurin des Erotik-Magazins Kaufmich und bringt unter anderem Erfahrungen aus der Sexarbeitsbranche in ihre Arbeit ein. Als Buchautorin und Bloggerin (futurevibes.substack.com) hat sie mehrere Bücher veröffentlicht, darunter die Romane „Workuta“ und „Die unsichtbare Frau“, die Memoirs „Kohle“ und „Der Magnolienbaum“ sowie das Sachbuch „Sexwork 3.0“.

    Transparenzhinweis: Die Autorin verwendet ein Pseudonym, der wahre Name ist der Redaktion bekannt.

    #Allemagne #histoire #nazis #iatrocratie #euthanasie

  • [Tribune] À mes amis députés de gauche qui ont voté la loi « sur la fin de vie » mais reviendront sur leur décision lors du prochain vote | Le Télégramme
    https://www.letelegramme.fr/opinions/tribune-a-mes-amis-deputes-de-gauche-qui-ont-vote-la-loi-sur-la-fin-de-

    Par Bertrand du Marais, président, au nom des Poissons Roses, association qui regroupe des chrétiens de différents partis politiques de gauche.

    Chère et Cher Ami député, toi, de gauche, lors du vote du 24 février 2026 sur l’aide à mourir, tu as fait partie des 299 députés qui ont voté favorablement à ce texte. Vous étiez moins nombreux que lors du vote du 27 mai 2025, qui avait recueilli 305 votes positifs. L’opposition à cette loi est passée de 199 voix à 226. L’écart s’est donc réduit. Lors de ce vote, tu n’as pas voté comme le député LFI, la députée écologiste, les deux communistes et les quatre socialistes, qui ont eu le courage de voter NON.

    Finalement, toi, de gauche, tu as voté massivement avec tes collègues pour autoriser ce qui s’appelle « l’aide à mourir ». Toi, de gauche, tu n’as pas frémi au souvenir de la déclaration des droits de l’homme et tu as donné ton accord pour franchir ce Rubicon de la mort donnée. Toi, de gauche, tu n’as pas craint pour les plus fragiles, toutes ces personnes économiquement faibles, ces personnes handicapées, ces personnes âgées à qui leur entourage risque de faire comprendre qu’il serait peut-être temps de laisser la place et qui se retrouveront piégés par les impatiences des bien- portants.

    Toi, de gauche, tu as fait confiance aux critères mentionnés dans le texte afin de constituer des garde-fous alors que tu sais bien que, partout où ce type de loi a été voté, ces critères ont progressivement été étendus. Ainsi, en Belgique, plus de 3,6 % des décès relèvent de cette loi, plus de 7,9 % au Québec et toutes les restrictions tombent les unes après les autres.

    Toi, de gauche, tu pensais défendre une liberté et révérer un noble stoïcisme. Mais tu ne fais que consacrer un matérialisme individualiste que tu combats pourtant ardemment lors des réformes économiques.

    Toi qui défends le collectif devant le libéralisme du marché, tu oublies que toute mort n’est pas une affaire individuelle mais embarque les familles, les voisins, bref toute la société.

    Toi, de gauche, tu t’es laissé enfermer dans la bulle des sondages que l’Association pour le droit de mourir dans la dignité répand au mépris d’une réalité plus complexe. Car si personne ne souhaite mourir dans la souffrance et l’isolement, la majorité des gens préfère être accompagnée dans ce grand voyage et ne souhaitent pas l’euthanasie pour leurs proches. Dès qu’ils bénéficient de soins palliatifs, ils abandonnent leur désir d’euthanasie jusqu’à accepter des sédations adaptées à la dégradation de leur état.

    Toi, de gauche, tu as confondu la dignité de mourir avec la volonté d’effacer ce moment essentiel de notre vie, quand nous touchons à notre humanité la plus nue dans une agonie qui revisite notre existence. Toi, de gauche, tu as mis ta raison et ton cœur au service d’une compassion détournée envers les malades. Mais il n’est pas trop tard. Actuellement, ce texte revient devant l’Assemblée nationale. Ce jour-là, toi, au nom de tes valeurs de gauche, tu pourras voter contre ce projet de loi.

  • Die Vernichtung von psychisch kranken und geistig behinderten Menschen unter nationalsozialistischer Herrschaft | Sciences Po Violence de masse et Résistance - Réseau de recherche
    https://www.sciencespo.fr/mass-violence-war-massacre-resistance/fr/document/die-vernichtung-von-psychisch-kranken-und-geistig-behinderten-menschen-un

    Zusammenfassung

    1939 bis 1945 wurden schätzungsweise 300.000 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen im Deutschen Herrschaftsgebiet unter dem Deckmantel der „Euthanasie“ ermordet. « Aktion T4 » und « Aktion 14f13 » sind die bekanntesten Aspekte dieser Politik. Der Beitrag beschreibt der Geschichte der Idee des „lebensunwerten Lebens“, ihre radikale und grausame Umsetzung in der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich wie in den besetzten Gebieten, differenziert die verschiedenen Aktionsformen des „Euthanasie“-Programms, beschreibt die Täter und ihre Motive und versucht, an die ermordeten Menschen zu erinnern.

    Schlüsselworte

    #Aktion_T4, Aktion 14f13, Nationalsozialismus, „Euthanasie“, Verfolgung von psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, Krieg und Krankenmord

    #nazis #euthanasie #iatrocratie

  • Quand l’État organise la mort
    https://lundi.am/Quand-l-Etat-organise-la-mort

    L’affaire a vite été présentée comme une bataille entre conservateurs et progressistes. En 2026, donc, approuver qu’un État accorde sa mise à mort à l’une de ses ressortissantes dépressive et handicapée, malmenée dans sa jeunesse, convalescente, traumatisée par un viol survenu deux ans plus tôt, c’est faire partie du camp du progrès. On observera la gauche parlementaire espagnole se contorsionner pour défendre la décision, se réfugiant derrière la loi, se prévalant du respect du protocole, rabâchant les mots creux de dignité, d’autonomie, de choix à respecter. En comparaison, les paroles des « conservateurs » apparaîtraient presque comme des îlots d’humanité et de bon sens. Il faudra ainsi se coltiner un article du Figaro pour lire quelques évidences qu’aucun des principaux organes de presse « progressistes » n’aura jugé bon de rappeler : que l’autonomie individuelle est un mythe, qu’elle masque en l’occurrence une série de défaillances, tout au long de la vie de la jeune femme, qui ont conduit à ce choix, la société n’hésitant plus à offrir la mort aux premières victimes de ses manquements.

    Pendant ce temps, de l’autre côté, on croit s’en sortir en débunkant des fake news. Ainsi un journaliste d’El País met-il un point d’honneur à démontrer qu’il ne s’agit pas de la première euthanasie pour dépression, mais que ce sont l’état clinique et les souffrances physiques de la jeune femme qui ont été pris en compte. En quoi est-ce plus rassurant ? Il ne précise pas. Le cas Noelia Castillo Ramos n’est pourtant pas hors-norme. Les personnes ayant des handicaps et des douleurs similaires aux siennes sont nombreuses. Ces gens sauront désormais que l’État, dans le grand tri qu’il opère entre les vies dignes d’être vécues et les autres, ne fait pas grand cas de la leur. Qu’il accèdera sans broncher à leur envie bien légitime d’en finir. Quant aux proches, ces êtres arcboutés sur leur logiciel passéiste, qui auraient encore la curieuse idée de vouloir aider leur ami, enfant, parent, à reprendre goût à la vie, ils n’auront désormais pas simplement à affronter la détresse d’un être suicidaire, mais toute une machinerie étatique qui ne s’oppose plus en rien à son exécution. On les priera de « respecter la décision » de l’être aimé, de ne pas faire peser sur lui de « pression ».

    D’où cette scène ubuesque, devant l’hôpital, sous le feu des caméras, où une amie de Noelia Castillo Ramos, en pleurs, enfant en bas âge dans les bras, déclarant être venue de loin après avoir appris la nouvelle par la presse, supplie le policier posté à l’entrée de la laisser parler à la jeune femme, pour tenter de la faire « changer d’avis », ou, à défaut,« lui dire au revoir ». On ne le lui permettra pas. Rien n’a encore commencé, mais une heure a été fixée, la télévision est là, et il n’est visiblement plus temps d’interrompre un script écrit de longue date, pas pour si peu. Noelia Castillo Ramos, qui avait demandé à mourir seule, n’aura sans doute jamais su que son amie a fait des pieds et des mains pour la voir. On a décidé pour elle, en invoquant ses directives, qu’il ne le fallait pas. Sa mort ne lui appartient déjà plus.

    #euthanasie #Espagne #dépression #débat #politique

    • Un délit d’entrave à l’aide à mourir est créé, sur le modèle de celui concernant l’interruption volontaire de grossesse (IVG). L’entrave est définie comme « le fait d’empêcher ou de tenter d’empêcher de pratiquer ou de s’informer sur l’aide à mourir par tout moyen, y compris par voie électronique ou en ligne [...] », notamment en induisant « intentionnellement en erreur, dans un but dissuasif, sur les caractéristiques ou les conséquences médicales de l’aide à mourir ». Cette nouvelle infraction sera caractérisée lorsque son auteur aura :

      soit perturbé l’accès aux lieux de pratique de l’aide à mourir et le travail des personnels ;

      soit exercé des pressions, menaces ou intimidations sur des personnes cherchant à s’informer, des soignants, des patients ou leur entourage.

      Les peines encourues pour ce nouveau délit ont été doublées par les députés : jusqu’à 2 ans de prison et 30 000 € d’amende.

      https://www.vie-publique.fr/loi/298544-fin-de-vie-droit-laide-mourir-proposition-de-loi-falorni

  • BGH weist Revision zurück: Berliner Arzt rechtskräftig wegen Sterbehilfe verurteilt
    https://www.berliner-zeitung.de/news/bgh-wehrt-revision-ab-berliner-arzt-rechtskraeftig-wegen-sterbehilf

    19.1.2025 von Eva Maria Braungart - Der 74-Jährige half einer schwer depressiven Frau beim Sterben. Er wurde verurteilt und legte dagegen Revision ein – ohne Erfolg.

    Der Bundesgerichtshof (BGH) hat die Verurteilung eines Berliner Arztes wegen Totschlags im Fall einer Sterbehilfe bestätigt. Das Gericht verwarf die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Berlin vom April 2024.

    Die Überprüfung des Urteils habe keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben, teilte der BGH mit.
    Arzt arbeitete als „Freitodbegleiter“

    Der damals 74-jährige Arzt im Ruhestand, der einer Sterbehilfeorganisation angehörte, war wegen Totschlags in mittelbarer Täterschaft zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt worden.

    Er hatte einer schwer depressiven Frau beim Sterben geholfen und aus Sicht der Richter dabei Grenzen überschritten. Nach Überzeugung des Gerichts war die 37-jährige Frau wegen ihrer Depression zu einer „vollständig rationalen Entscheidung“ krankheitsbedingt nicht in der Lage. Sie habe sich in einer akuten depressiven Episode ihrer manisch-depressiven Grunderkrankung, aus der sie sich nicht mehr herauszuhelfen wusste, befunden. Daher habe sie den 74-jährigen Arzt, der als „Freitodbegleiter“ arbeitete, kontaktiert. Er habe sich nach einem 90-minütigen Kennenlernen sogleich zur Unterstützung ihrer Selbsttötung bereit erklärt. Ein Abwarten oder das Einbinden einer Sterbehilfeorganisation hielt er nicht für erforderlich, obwohl ihm bekannt war, dass eine depressive Erkrankung die freie Willensbildung beeinflussen kann.

    Zudem empfand er die von Sterbehilfeorganisationen bei psychisch erkrankten Suizidwilligen regelmäßig geübte Zurückhaltung als unangebracht und diskriminierend. Einen wenige Tage später mit vom Angeklagten bereitgestellten Mitteln unternommenen Suizidversuch überlebte die Frau. Vom wegen seiner Mitwirkung an einem vorhergehenden Suizidversuch der Geschädigten erhobenen Vorwurf eines versuchten Tötungsdelikts hatte das Berliner Landgericht ihn in diesem Fall freigesprochen.

    BGH: Arzt handelte vorsätzlich

    Der 74-Jährige habe danach engen telefonischen Kontakt zu der 37-Jährigen gehalten und ihr seine Unterstützung bei einem weiteren Versuch zugesichert. „Krankheitsbedingt ambivalent schwankte sie zwischen neu gefasstem Lebensmut und dem Wunsch zu sterben“, so der BGH. Sie habe dem 74-Jährigen mehrfach mitgeteilt, seine Unterstützung nicht mehr zu benötigen, da sie weiterleben wolle, um ihn dann erneut um Unterstützung zu bitten.

    Nur wenige Stunden nach der Entlassung der 37-Jährigen aus einer Klinik habe er sich mit ihr getroffen, ihr einen Zugang gelegt und eine Infusion angeschlossen, die er mit einem nur ihm als Arzt zugänglichen Narkosemittel versetzte. Die Geschädigte öffnete den Durchflussregler und starb.

    „Der Angeklagte habe vorsätzlich gehandelt und das Geschehen steuernd in den Händen gehalten, sodass er als mittelbarer Täter eines Totschlags anzusehen sei“, so der BGH. Das Urteil gegen den Arzt ist hiermit rechtskräftig.

    #Berlin #justice #Euthanasie #iatrocratie

  • Erinnerung an NS-Verbrechen: Tötungsanstalt an der Havel
    https://taz.de/Erinnerung-an-NS-Verbrechen/!6140251

    Mario Sommer, Mike Poller, Carola Breuer und Alf Düsterhöfft bei der Führung durch die Gedenkstätte   Foto: Tina Eichner

    14.1.2026 von Andreas Hergeth - In Brandenburg (Havel) stand eine Vernichtungsanstalt des NS-„Euthanasie“-Programms. Heute führen Menschen mit Behinderungen durch die Gedenkstätte.

    D as beklemmende Gefühl reist mit von Berlin nach Brandenburg an der Havel. Auch meine Schwester ist im Geiste dabei, ich muss oft an sie denken, seit der Termin in der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasiemorde ausgemacht ist. Meine Schwester lebt in einer Wohnstätte für Menschen mit Behinderungen. Sie wäre damals zur Nazizeit womöglich in so einer Tötungsanstalt umgebracht worden, spukt es mir durch den Kopf.

    In Brandenburg an der Havel gibt es inklusive Führungen: Menschen mit Behinderungen führen durch Gedenkstätte und Ausstellung. Christian Marx, Historiker und pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte, sagt, dass Gedenkstättenleiterin Sylvia de Pasquale 2015 den Wunsch nach Inklusion geäußert habe. „Wir hatten von Inklusion keine Ahnung“, erzählt Marx freimütig. Und so wurde Kontakt zur Lebenshilfe-Werkstatt in der Stadt aufgenommen, zu Carola Breuer – sie sitzt auch heute in der Runde.

    Anfangs waren es zwölf Menschen mit Lernschwierigkeiten – „das ist der Begriff, den wir benutzen“, sagt Christian Marx –, die sich 2016 für den Job des Guides qualifizierten. Ein Jahr später ging es mit den inklusiven Führungen los. „Wir waren damit die Ersten in Deutschland“, sagt Marx.

    Nicht alle sind bei der Stange geblieben, sieben sind bis heute dabei. Carola Breuer war jahrelang Sozialarbeiterin in der Werkstatt und hat zusammen mit Marx das Projekt aufgebaut. Nun in Rente macht sie weiter, weil ihr die Führungen Spaß machen – und bedeutend erscheinen: „Mir ist wichtig, dass diese Menschen gesehen werden und Bestandteil der Gesellschaft sind. Inklusion passiert doch nur durch das In-Kontakt-miteinander-Kommen. Man hat immer Angst vor dem Fremden, das ist mit den Ausländern so, das ist mit den Behinderten so – das ist Unwissenheit.“

    Das „Euthanasie“-Programm

    Die Ideologie

    Ab 1939 begannen die Nazis damit, im Sinne der „Rassenhygiene“ die Tötung von „lebensunwertem Leben“ vorzubereiten. Eltern sollten Kinder mit Behinderungen in Kliniken abgeben, wo man sie verhungern ließ oder durch eine Überdosis tötete.

    Zu Beginn stellen sich die Guides vor. Alf Düsterhöfft, Katrin König, Mike Poller, Christel Kindel und Mario Sommer arbeiten in verschiedenen Bereichen der Lebenshilfe-Werkstatt und bieten allen das Du an. „Und übrigens“, sagt Mario dann noch, „haben wir nächstes Jahr ein Jubiläum, wir sind dann zehn Jahre Guides.“ Christian Marx greift das auf: „Dann machen wir eine große Party.“

    Doch hier und jetzt geht es erst mal um die Macht der Worte. Alf steht vor einem leeren Clipchart und fragt die Gäste der Führung, „wie die Nazis behinderte Menschen nannten“, und gibt sogleich Beispiele: „Sinn-los“, sagt er – Christel hält dazu ein Papier in die Luft, auf dem ebendieses Wort (mit Bindestrich) zu lesen ist, und pinnt es an. Die Nazis behaupteten, behinderte Menschen wären „un-nütz, minder-wertig, erb-krank – und nun kommt das schwierigste Wort: lebens-unwert“, sagt Alf. „Da fehlen den meisten Leuten die Worte.“
    Ruine in der Gedenkstätte für die Opfer von Euthanasie in Brandenburg/Havel
    Hier standen die Gaskammer und die Verbrennungsöfen   Foto: Tina Eichner

    Die Guides führen die Gruppe nach draußen vor die lang gestreckte, hellgrau verputzte Hausfassade. Sie haben laminierte Unterlagen dabei und halten alte Fotos vor der Brust, damit wirklich alle an der Führung Teilnehmenden die Bilder gut sehen können: So hat es hier also früher ausgesehen, nicht alle Gebäudeteile von einst haben den Krieg überstanden.

    Katrin liest dazu einen Text in großen Druckbuchstaben ab. „Hier“– und sie zeigt dabei mit dem Arm auf die Wand hinter sich – „sperrten die Nationalsozialisten ab 1933 politische Gegnerinnen und Gegner ein. 1939 wurde es eine Euthanasieanstalt. Das heißt: Menschen wurden hier getötet. Heute befindet sich in dem Gebäude die Stadtverwaltung“, sagt Katrin und hält das Foto von damals wieder hoch.
    Mitten in der Stadt

    Das Gelände mitten in der Stadt am Nicolaiplatz – von den Einheimischen liebevoll „Nico“ genannt – war ursprünglich ein Landarmen- und Invalidenhaus, ab 1820 wurde es als Zuchthaus genutzt. 1933 richtete die Polizeiverwaltung Brandenburgs dort eines der ersten Konzentrationslager auf reichsdeutschem Gebiet ein, das bis Ende Januar 1934 Bestand hatte.

    Knapp sechs Jahre später, Anfang Dezember 1939, wurde ein Großteil des Strafanstaltkomplexes zur Mordstätte für das nationalsozialistische Euthanasieprogramm „Aktion T4“ hergerichtet. Zwischen Februar und Oktober 1940 tötete das Personal dort mehr als 9.000 Menschen. In den insgesamt sechs T4-Tötungsanstalten im Deutschen Reich wurden zwischen Januar 1940 und August 1941 etwa 70.000 Menschen umgebracht.

    „Die Ermordung von Menschen durch Giftgas begann hier in Brandenburg an der Havel“, sagt Marx. Die meisten Ermordeten waren Menschen mit psychiatrischen Krankheitsbildern und Behinderungen sowie soziale Außenseiter.

    Die Guides erinnern im Lauf der Führung auch an die politischen Gefangenen des Konzentrationslagers. Mario berichtet an der nächsten Station zum Beispiel vom Schicksal von Gertrud Piter, einer „Gegnerin der Nazis. In diesem Gebäude wurde sie 1933 ermordet. Sie war eine Wiederstandskämpferin“, sagt Mario, und Katrin ruft in die Runde hinein: „Sie hat etwas gegen Hitler gehabt!“

    Christian Marx hat Zahlenmaterial parat: „Aus verschiedensten Parteien und Organisationen sind 1933/1934 hier Menschen eingesperrt worden, es waren rund 1.200, viele aus der Stadt Brandenburg. Drei Häftlinge kamen ums Leben und einige 1934 ins KZ Oranienburg.“

    Mike treibt die Gruppe an. Er erklärt dabei, wie das hier vor dem Krieg aussah, wo früher die Busse mit den „Patienten“ auf den Hof durch ein heute nicht mehr existierendes Tor fuhren. „Da hinten“, deutet er mit dem Arm in Richtung Nicolaiplatz.

    Christian Marx berichtet, wer hier getötet wurde: „Männer, Frauen, Kinder. Das älteste Opfer war ein 87 Jahre alter Mann, die Jüngsten waren zweijährige Kinder.“ Von den mehr als 9.000 Opfern in Brandenburg an der Havel wurden rund 8.000 identifiziert. „Von ungefähr 1.000 Menschen wissen wir also nicht, wer sie waren.“

    Mike übernimmt es, die Gruppe wieder nach drinnen in die Ausstellung zu lotsen. Alf berichtet währenddessen, dass sich in diesem Gebäude früher womöglich die Kantine befand. „Hier wurde gegessen, und nebenan wurden Menschen ermordet, wie eklig.“

    Der Rundgang durch die Ausstellung macht an ausgewählten Punkten Station. Da geht es etwa um die Meldebögen. Ein Exemplar ist zu sehen, in dem einer Frau als Diagnose „Idiotie“ angedichtet wurde. Das Schreiben hat in der linken Ecke ein freies weißes Feld und den Vermerk „Dieser Raum ist frei zu halten“ – aber wozu?

    Ein Rollenspiel verdeutlicht die monströse Bürokratie hinter dieser Tötungsanstalt. Christian Marx spielt dafür einen Mitarbeiter der Euthanasiemordaktion aus Berlin, Alf den Direktor der Anstalt, der für das Ausfüllen der Meldebögen verantwortlich war. Beide tun so, als ob es sich um ein normales Krankenhaus handeln würde: „Bitte alles ordentlich ausfüllen!“ – nur eben die eine Stelle nicht. Ohne es auszusprechen, wofür das weiße Feld diente, wird mit der Zeit deutlich (und dann am Ende auch erklärt): Es diente der Selektion, dem Todesurteil.

    Christel liest aus einem „Trostbrief“ an die Angehörigen, der die traurige Nachricht vom Tod überbringt, die wahre Todesursache aber verschleiert. In diesem Brief ist von einer „septischen Angina“ die Rede und davon, dass „trotz aller Bemühungen unserer Ärzte die Versuche, die Patientin am Leben zu erhalten, erfolglos blieben“.

    „Lügen über Lügen“, macht Alf weiter. Das ging schon mit dem Namen der Einrichtung los. „Landespflegeanstalt Brandenburg an der Havel – hier wurde nie jemand gepflegt, hier stand kein einziges Bett, Menschen, die hier ankamen, wurden sofort getötet.“ Die Namen der unterzeichnenden Ärzte waren erfunden, oft auch die Orte des Todes. Die Todesursachen sowieso. „Alles, um die Mordtaten zu verschleiern“, fasst Alf entrüstet zusammen.

    Die Gruppe bleibt vor einer riesigen Kopie eines Familienfotos von 1912 stehen. Es zeigt die Feier der silbernen Hochzeit von Auguste und Samuel Scheuer; dazu sind alle Abgebildeten der jüdischen Familie mit den Lebensdaten aufgelistet. Einige konnten nach Argentinien fliehen. Lina Caroline Stern, geborene Scheuer, hatte nicht das Glück. Sie wurde am 1. Oktober 1940 im Sammeltransport mit 125 jüdischen Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Gießen nach Brandenburg an der Havel verlegt – und dort mit Kohlenmonoxid getötet. „Der jüdische Glaube reichte zum Töten“, liest Christel vor. „Rund 800 Jüdinnen und Juden wurden hier ermordet.“
    Stelen in der Gedenkstätte für die Opfer von Euthanasie in Brandenburg/Havel
    Stelen erinnern an die Opfer   Foto: Tina Eichner

    Alf berichtet davon, dass es zu Unruhen gekommen sein soll. Dass es da hinter den Mauern am Nicolaiplatz nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, hätten viele wohl geahnt haben müssen, erzählt er. „Die Leute wurden stutzig, weil es ordentlich gestunken hat und die Schornsteine auch im Sommer rauchten. Und dann die vollen Busse, die wieder leer herausgefahren sind.“

    Die Euthanasieanstalt in Brandenburg an der Havel wurde im Herbst 1940 geschlossen. Das Morden aber, sagt Alf, ging weiter: in den Krankenhäusern, den Pflegeanstalten, durch Verhungern, Medikamente, Spritzen. „Die erste Form der Euthanasie war zu auffällig, deshalb wurde im Verborgenen weitergemordet“, beendet Alf seinen kurzen Vortrag.

    „Noch irgendwelche Fragen?“ Nein, keine. Es herrscht bedrücktes Schweigen.
    Seltsame schwarze Flecken

    Jetzt, wo wir wieder nach draußen gehen, an den Ort des Tötens, wird es noch stiller. Keiner muss, darauf wird ausdrücklich hingewiesen, aber alle wollen sich das zumuten. Die Gruppe geht über eine asphaltierte Fläche (auf der Autos parken) auf Stelen zu, auf denen Bilder und Lebensdaten von getöteten Menschen aus verschiedenen Opfergruppen zu sehen sind. Dahinter sind die Grundmauern eines nicht mehr existierenden Gebäudes zu erkennen, auf dem Boden liegt Schotter: Hier stand die Scheune, auf alten Fotos ist sie zu sehen. An der Grundstücksgrenze steht eine Ziegelmauer mit seltsamen großen schwarzen Flecken.

    Die Guides stellen sich, diese Mauer im Rücken, in Reihe auf. Mike ergreift als Erster das Wort. „In der Scheune war die Gaskammer. Sie war klein, drei Meter breit und fünf Meter lang. Dahinten“ – und er zeigt darauf –, „wo die schwarzen Flecken sind, waren zwei Öfen.“

    In der Gaskammer wurden die Menschen mit Giftgas getötet, sie mussten sich ausziehen, ihnen wurde gesagt, „dass sie dort frische Luft einatmen oder duschen, doch sie wurden schamlos belogen“, sagt Alf, der als Zweiter spricht. Ein Arzt sah sich die Menschen kurz an, untersuchte sie aber nicht, sondern dachte sich Todesursachen aus und „guckte auch nach Goldzähnen – diese Menschen bekamen einen Strich auf die Schulter“, damit man nach dem Tod die Goldzähne herausbrechen konnte, ohne lange danach zu suchen. „In den Verbrennungsöfen wurden die Menschen verbrannt“, sagt Alf – „mitten in der Stadt.“

    Schweigen. „Will noch jemand was ergänzen?“, fragt Alf die anderen Guides. „Nein“, sagt Katrin, „du hast alles gesagt“, um dann doch noch über Elvira Hempel – Diagnose „schwachsinnig“ – zu sprechen, die als Achtjährige wie durch ein Wunder kurz vor der Gaskammer vermutlich von einem Arzt den Befehl bekam, sich wieder anzuziehen. Sie kam in die psychiatrische Anstalt bei Magdeburg, aus der sie nach Brandenburg an der Havel – zum Getötetwerden – gekommen war. „Dort erlebte sie das Kriegsende“, erzählt Katrin.

    Am Ende können alle Teilnehmenden einen Stein auf Fotos von Stationen der Führung legen. Die meisten landen auf dem Foto des Richters Lothar Kreyssig (1898–1986) aus Brandenburg an der Havel, der sich mit einer Strafanzeige gegen das Töten gestellt hat. Kreyssig wurde zwangsbeurlaubt und im März 1942 in den Ruhestand versetzt. Michel, einer der Teilnehmenden, erklärt, warum sein Stein auf dem Foto von Kreyssig liegt: „Das war mutig, was er getan hat.“

    Die Nachfrage nach den inklusiven Führungen ist groß. „Wir sind gut gebucht von Auszubildenden, gerade denen in sozialen Berufen“, sagt Carola Breuer, „und von Schulklassen aus Brandenburg an der Havel.“ Angefangen habe es 2017 mit über 20 Führungen, letztes Jahr seien es über 60 gewesen. „Diese Woche sind wir drei Tage hier“, sagt sie und schiebt hinterher: „Wir sind ein eingespieltes Team.“

    #Alkemagne #Brandebourg #histoire #Nazis #Euthanasie

  • Psychologe über Euthanasie in Hamburg : „Sie wussten, was sie taten“
    https://taz.de/Euthanasie-in-Hamburg/!6140250

    12.1.2026 von Petra Schellen - Menschen mit Behinderung wurden von Alsterdorf in KZs geschickt. Michael Wunder sollte die NS-Verbrechen aufarbeiten. Warum das Jahrzehnte dauerte.
    Gedenkstein in Hamburg für die Opfer des NS Euthanasie Programm, die Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus
    Gedenkstein in Hamburg für die Opfer des NS-Euthanasie-Programms   Foto: Joerg Boethling/imago

    taz: Herr Wunder, wie stark war Hamburg an den Euthanasieverbrechen beteiligt?

    Michael Wunder: Das Besondere an Hamburg ist, dass man lange behauptet hat: Bei uns, in der weltoffenen Hansestadt, war alles nicht so schlimm. Deshalb fiel es wohl schwer, bestimmte historische Zusammenhänge zu erforschen und sich öffentlich dazu zu bekennen. Was die Euthanasiegeschichte betrifft, ist ihre Aufarbeitung in Alsterdorf, der damals größten Hamburger „Heil- und Pflegeanstalt“ für Menschen mit Behinderung, im Vergleich zu anderen Regionen relativ früh erfolgt: Anfang der 1980er Jahre. Aber auch das war 40 Jahre nach den Verbrechen natürlich viel zu spät.

    Im Interview: Michael Wunder

    Michael Wunder, Jahrgang 1952, Psychologe, hat über Euthanasie promoviert und leitete bis zur Pensionierung das Beratungszentrum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Er ist Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin und Wissenschaftlicher Beirat der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse.

    taz: Inwiefern war Hamburg Vorreiter der Euthanasie?

    Wunder: Hamburg war in der NS-Zeit ein „Mustergau“: eine gerade in der Sozial- und Gesundheitspolitik gut durchorganisierte Stadt mit einer schon früh rassistisch und sozialhygienisch orientierten Politik. Dazu gehörte die rabiate Erfassung von Opfergruppen. Hamburg beschleunigte die Verfolgung der rassistisch Unerwünschten zudem durch die Einführung der Kategorie des „moralischen Schwachsinns“ für die Zwangssterilisation. Auf diese Weise wurden neue Opfergruppen definiert, etwa Prostituierte und alleinerziehende Frauen, die weiter Kinder bekamen. Diese Methoden sind dann schnell auch reichsweit angewandt worden.

    taz: Was ist konkret in Alsterdorf passiert?

    Wunder: Alsterdorf war führend an der Erfassung von Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung beteiligt. Stammbäume ganzer Familien, im NS-Jargon „erbkranker Sippen“, wurden in einer „Erbgesundheitskartei“ erfasst und an die Gesundheitsämter gemeldet. Alsterdorfer Ärzte haben in den Erbgesundheitsgerichten mitgearbeitet, also beurteilt, wer zwangssterilisiert wurde. Außerdem herrschte in Alsterdorf ein rigoroser Antisemitismus: Schon 1938 wurden vorauseilend 26 jüdische Insassen der Anstalt verwiesen.

    Die Anstaltsleitung behauptete, man könne die Gemeinnützigkeit verlieren, wenn man sie gemeinsam mit „arischen“ Patienten versorgte. Diese Patienten gehörten 1940 zu dem ersten Abtransport Hamburger Opfer ins Gas. Die jüdischen Patienten waren die ersten Hamburger Euthanasie- und gleichzeitig Holocaustopfer. Und dann natürlich die Alsterdorfer Mittäterschaft an der Euthanasie in allen Phasen. 630 Menschen mit Behinderung wurden aus Alsterdorf abtransportiert, 513 wurden nachweislich ermordet. Zu den Meldebögen verfasste man übrigens ein Exkulpierungsmemorandum.

    taz: Was stand darin?

    Wunder: Die Anstaltsleitung beteuerte, man melde diese Menschen nur, weil der Staat es verlange. Man lehne jede Verantwortung ab, wenn die Daten, die offiziell der planwirtschaftlichen Erfassung dienten, für andere Zwecke verwendet würden. Unsere Nachforschungen haben jedoch ergeben, dass dieses Memorandum wahrscheinlich nicht mit dem Meldebogen mitgeschickt wurde, sondern nach wie vor in Alsterdorf liegt. Daher weiß man nicht, ob dieser angebliche Protest, der in den Nachkriegsprozessen eine große Rolle spielte, wirklich stattfand. Insgesamt sind aus Hamburg bislang 4.800 Euthanasieopfer bekannt.

    taz: Weiß man von Protesten der Ärzte und Pflegenden?

    Wunder: Aus Alsterdorf gibt es die Geschichte, dass Pflegerinnen mit „ihren Kindern“, wie sie es nannten, an die Alster flohen, damit die Häscher aus den Bussen sie nicht kriegten. Die Geschichte hat sicherlich einen gewissen Wahrheitswert, aber das waren Einzelaktionen. Nach dem Krieg haben sowohl die damalige Alsterdorfer Oberin als auch die Schwesternschaft gesagt: Wir wussten von nichts. In den 2000ern ist dann der Brief einer Schwester an die Oberin von 1947 aufgetaucht. Sie schreibt, dass sie der Oberin 1943 ein von den Alliierten abgeworfenes Flugblatt mit Fakten zur Euthanasie gegeben habe. Das war der unfreiwillige Beleg, dass alle Schwestern Bescheid wussten. Sie begleiteten die Patienten zu den berüchtigten grauen Deportationsbussen, und sie wussten, was sie taten.

    taz: Wie verlief die Aufarbeitung in Alsterdorf?

    Wunder: Die Evangelische Stiftung Alsterdorf, wie die damaligen Alsterdorfer Anstalten heute heißen, hat sich lange mit Händen und Füßen gegen die Geschichtsaufarbeitung gewehrt. Ende der 1970er Jahre hat Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt angefangen, gegen den ehemaligen Leiter von Alsterdorf, Pastor Friedrich Lensch, sowie den ehemaligen Oberarzt Gerhard Kreyenberg zu ermitteln.

    taz: Auf welcher Basis?

    Wunder: Der als geistig behindert abgestempelte Albert Huth hatte ein Tagebuch über die NS-Zeit geschrieben und Mitte der 1970er Jahre der Staatsanwaltschaft zugeschickt. Die leitende Psychiaterin der Anstalt sagte daraufhin öffentlich: „Albert Huth ist ein Psychopath, und der konfabuliert in seine Erinnerungslücken.“ Und der leitende Pastor behauptete, Huth wolle sich durch unglaubwürdige Geschichten interessant machen.

    taz: Aber der Staatsanwalt nahm das Tagebuch ernst.

    Wunder: Ja, Kuhlbrodt begann zu ermitteln. Als er zur Akteneinsicht nach Alsterdorf kam, sagte man ihm, alles sei verbrannt. Beim nächsten Besuch hieß es, ein Wasserschaden habe die Akten vernichtet. Schließlich fand Kuhlbrodt sie durch Zufall in einem Schrank. Er sagte dann in einem Interview der Zeit, dass die Aussagen in Huths Tagebuch seinen Ermittlungen entsprachen. Diese unglaubliche Geschichte hat auch mich dazu gebracht, die Euthanasie in Alsterdorf zu erforschen, was anfangs als Nestbeschmutzung galt. Erst 1984, nach einem Vorstandswechsel, wurde ich offiziell mit der Aufarbeitung der Geschichte betraut.

    taz: Wurden die Täter nach dem Krieg belangt?

    Wunder: Kuhlbrodt erstellte eine Anklageschrift gegen Pastor Lensch, Oberarzt Kreyenberg und den Verwaltungsbeamten Kurt Struve. Alle drei Verfahren wurden aber eingestellt. Lensch leitete bis 1976 ein Pfarramt, Kreyenberg betrieb eine Praxis, Struve machte Karriere in der SPD. Auch die Euthanasieärzte und -ärztinnen der Kinderfachabteilungen Rothenburgsort und Langenhorn sowie der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn kamen davon.

    #Allemagne #histoire #nazis #euthanasie #iatrocratie

  • Gesellschaft für humanes Sterben in Berlin: Alice und Ellen Kessler erlaubten, dass wir über sie sprechen
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/kessler-zwillinge-alice-und-ellen-baten-in-berlin-um-hilfe-fuer-den


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    18.11.2025 von Susanne Lenz - Alice und Ellen Kessler wandten sich mit ihrem Wunsch zu sterben an die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben in Berlin. Sie gaben ihr auch die Erlaubnis, darüber zu sprechen.

    Als Alice und Ellen Kessler beschlossen hatten, mit 89 Jahren in ihrem Haus in Grünwald bei München zu sterben, wandten sie sich an die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben in Berlin (DGHS). Diese leistete ihnen am Montag Hilfe zum assistierten Suizid. Wega Wetzel, die Sprecherin der DGHS, gab Auskunft über den Prozess.

    Was muss man tun, wenn man von der DGHS Hilfe zum assistierten Suizid bekommen möchte?

    Man muss zunächst Mitglied werden, und das auch mindestens sechs Monate lang sein, bevor man Hilfe zum assistierten Suizid von uns bekommen kann.

    Wie war das bei Alice und Ellen Kessler, sind die beiden vor sechs Monaten Mitglied bei Ihnen geworden?

    So knapp war das nicht, Sie sind wohl bereits Ende vergangenen Jahres beigetreten.

    Dürfen Sie überhaupt darüber sprechen?

    Alice und Ellen Kessler haben uns explizit die Erlaubnis gegeben, dass wir darüber sprechen dürfen, sonst würden wir das nicht tun. Normalerweise äußern wir uns nicht zur Identität der Menschen, die bei uns Hilfe suchen.

    Welche anderen Voraussetzungen muss man erfüllen?

    Das ist durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts festgelegt. Die Freiverantwortlichkeit der Entscheidung muss gewährleistet sein, es darf einen also niemand bedrängt oder unter Druck gesetzt haben. Der Entschluss muss eine gewisse Konstanz aufweisen, deshalb auch die sechs Monate Mitgliedschaft, die Entscheidung muss wohlerwogen sein, die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit muss gegeben sein, das heißt, man muss frei von einer akuten psychiatrischen Problematik oder einer beginnenden Demenz sein. Deshalb ist der Prozess auch recht langwierig, es ist ein mehrstufiges Verfahren.

    Kessler-Zwillinge Alice und Ellen sind tot – Polizeieinsatz in München

    Ohnmacht der Kunst: Warum das Gorki die Uraufführung von Adania Shiblis „Eine Nebensache“ absagt

    Also muss man nicht unheilbar krank sein?

    Nein, es hat uns nicht zu interessieren, was einen Menschen, der sterben will, umtreibt, solange sich jemand freiverantwortlich dazu entscheidet. So hat das Bundesverfassungsgericht entschieden.

    Könnten Sie beschreiben, wie das mehrstufige Verfahren bei Ihnen aussieht?

    Ein Mitglied stellt bei uns schriftlich in freien Worten einen Antrag, in dem es begründet, warum er oder sie sterben möchte. Sollte eine schwere Krankheit der Grund sein, legt man am besten die entsprechenden ärztlichen Unterlagen schon bei. Oder man beschreibt, aus welchen anderen Gründen man entschlossen ist, aus dem Leben zu gehen. Dieser Antrag wird eingehend geprüft und dann an das jeweilige lokale Team aus einem Juristen und einem Arzt weitergeleitet, von denen es in Deutschland etwa 20 gibt, die mit der DGHS kooperieren. Die beiden führen dann Gespräche vor Ort, erst der Jurist, dann der Arzt. Diese Gespräche werden umfassend protokolliert, man braucht sie auch später für die Polizei. Wenn es keine Zweifel an der Freiverantwortlichkeit gibt, kann man einen konkreten Termin verabreden, der einem genug Zeit lässt, seine Angelegenheiten zu ordnen.

    Was passiert am verabredeten Termin?

    Da kommen beide, also der Arzt oder die Ärztin und der Jurist, zu dem Sterbewilligen. Der Arzt muss von der Garantenpflicht entbunden werden, damit er nicht wegen unterlassener Hilfeleistung juristisch belangt werden kann, zu der er ja eigentlich verpflichtet ist. Dann legt der Arzt den Zugang für eine Infusion, da das Narkosemittel, das wir verwenden, nur intravenös funktioniert. Das Mittel bringt der Arzt mit. Die Person, die sterben will, probiert dann zunächst mit einer Kochsalzlösung, ob sie den Zugang problemlos aufdrehen kann. Sie muss die Tatherrschaft über das Geschehen haben, das heißt, sie muss es auslösen, dass das Narkosemittel fließt.

    Bleiben denn der Arzt und die Juristin oder der Jurist dann auch noch dabei?

    Ja, die sind die ganze Zeit dabei. Der Jurist fungiert auch als Zeuge, der später mit der Polizei sprechen kann.

    Das muss ja extrem belastend sein.

    Das ist schon nicht ohne, aber diese Menschen sehen ihre Tätigkeit als wichtig an. Oft sind es Ärzte, die nicht mehr praktizieren. Und sie erfahren viel Dankbarkeit. Manche Menschen fiebern auf diesen Termin hin, weil sie sich so verabschieden können, wie sie sich das vorstellen. Angehörige können dabei sein. Unser Team informiert dann telefonisch die Polizei darüber, dass eine Freitodbegleitung stattgefunden hat. Sie warten, bis die Polizei eintrifft. Das sind dann Kripobeamte in Zivil, die prüfen, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

    Wie vielen Menschen hat die DGHS im vergangenen Jahr Assistenz zum Suizid geleistet?

    Es waren 623 in Deutschland. Dieses Jahr werden es ein paar mehr sein.

    #Allemagne #euthanasie #iatrocratie #viva_la_muerte

  • Das Problem der Vernichtung lebensunwerten Lebens im Schrifttum, 1933
    https://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=65544345


    Gerhard Wischer um 1940

    Dissertation von Gerhard Wischer, 1933, Umfang: 53 S.
    Signatur. U 35.3139
    Standort: Hauptbibliothek Altstadt / Ausweichmagazin
    bestellbar (Lesesaal)
    Mediennummer: 05261154

    Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, 1922
    https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/download/pdf/8796938.pdf

    Ihr Maß und ihre Form
    Von den Professoren
    Dr. jur. et phil. Karl Binding
    und
    Dr. med. Alfred Hocke

    Euthanasie : Das Problem d. Vernichtung lebensunwerten Lebens , 1924
    https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/3HOQ2N3OJJVBSXCJTFEO556JVJIF63BV

    Standort
    Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main

    Maße
    8

    Umfang
    88 S.

    Sprache
    Deutsch

    Anmerkungen
    Zugl.: Heidelberg, Diss., 1924

    Ereignis
    Veröffentlichung

    (wo)
    [s. l.] @

    (wer)
    [s. n.] @

    (wann)
    1924

    Urheber
    Barth, Fritz
    https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/person/gnd/116063386

    Inhaltsverzeichnis
    https://d-nb.info/572137427/04

    Rechteinformation
    Bei diesem Objekt liegt nur das Inhaltsverzeichnis digital vor. Der Zugriff darauf ist unbeschränkt möglich.

    Letzte Aktualisierung
    11.06.2025, 14:17 MESZ

    Bernd Withöft: Die Todesurteile der Waldheimer Prozesse. Dissertation Wien 2008, überarbeitet 2014 (mit 25 Fallanalysen, darunter 22 Hingerichtete).
    https://fedora.phaidra.univie.ac.at/fedora/get/o:364098/bdef:Content/get

    #Kalenderblatt – Vor 70 Jahren wurde der „Euthanasie“-Arzt Gerhard Wischer hingerichtet
    https://www.stsg.de/cms/pirna/aktuelles/kalenderblatt-vor-70-jahren-wurde-der-euthanasie-arzt-gerhard-wischer-hingerich
    ...
    Im Oktober 1945 kam Wischer in sowjetische Haft. Im Zuge der Waldheimer Prozesse wurde er am 23. Juni 1950 „wegen Teilnahme an Tötungen in der Heil- und Pflegeanstalt Waldheim“ als „Hauptverbrecher“ zum Tode verurteilt. Seine weitreichende Beteiligung an der „Aktion T4“ blieb dem Gericht allerdings unbekannt.
    An die „Waldheimer Prozesse“ erinnern heute, auf dem Gelände des ehemaligen Haftkrankenhauses, ein Gedenkstein und eine Gedenktafel. Einen Hinweis auf die nationalsozialistischen Krankenmorde sucht man dort jedoch vergebens.
    (Verfasst von Marie-Christien Martin)
    Hagen Markwardt (Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, Öffentlichkeitsarbeit)
    Tel.: 03501 710963
    hagen.markwardt@stsg.de

    Gerhard Wischer,
    https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Wischer

    Gerhard Hans Kurt Julius Wischer (* 1. Februar 1903 in Berlin; † 4. November 1950 in Waldheim) war ein deutscher Psychiater, der während der Zeit des Nationalsozialismus an Euthanasieverbrechen beteiligt war.

    #euthanasie #nazis #médecine #iatrocratie

  • Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene Frankfurt am Main
    https://de.wikipedia.org/wiki/Universit%C3%A4ts-Institut_f%C3%BCr_Erbbiologie_und_Rassenhygiene_Fran

    Das Universitäts-Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene Frankfurt am Main war ein erbbiologisches Forschungsinstitut der Universität Frankfurt in Frankfurt-Süd, das zugleich als amtsärztliche „erb- und rassenpflegerische“ Beratungsstelle diente. Nach der Gründung 1935 stand im Mittelpunkt der Forschung zunächst der Versuch, in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Gesundheitsamt einerseits eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“ der Einwohner Frankfurts und andererseits der Bauernbevölkerung der 18 Dörfer der hessischen Schwalm zu erstellen. Im Rahmen der Funktion des Instituts als Beratungsstelle stellten die Mitarbeiter Erbgesundheitszeugnisse aus, erstellten Abstammungsgutachten und nahmen Gutachtertätigkeiten in Verfahren nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wahr. Das Institut und dessen Mitarbeiter waren auf diese Weise unmittelbar an der Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenhygiene und der nationalsozialistischen Verfolgung der Sinti und Roma beteiligt. Als eine der größten Einrichtungen ihrer Art kam dem Institut Modellcharakter zu. Geleitet wurde es zunächst von Otmar Freiherr von Verschuer und von 1942 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges von Heinrich Wilhelm Kranz. Zu den bekanntesten Mitarbeitern gehörten Heinrich Schade, Hans Grebe, Gerhart Stein und Josef Mengele. Ab 1945 ging das Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene in dem Institut für Humangenetik des Universitätsklinikums Frankfurt am Main auf.
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    Otmar von Verschuer
    https://de.wikipedia.org/wiki/Otmar_von_Verschuer

    Bereits 1931 behauptete Verschuer, dass die „Bedeutung der erblichen Veranlagung für die Entstehung des Verbrechertums […] an kriminellen Zwillingen in einwandfreier Weise bewiesen worden“ sei und berief sich dabei auf Studien des Psychiaters Johannes Lange. Mit seinem Freund Diehl erbrachte er ab 1931 vermeintliche Belege für die Erblichkeit der Tuberkulose, was zur Sterilisierung zahlreicher Menschen führte.[13] An der Universität Berlin wurde Verschuer 1933 nebenamtlicher außerordentlicher Professor für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik.[14] Im Juni 1933 wurde die Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene verstaatlicht, Verschuer wie auch die andern Vorstandsmitglieder aus dem KWI in Berlin mussten zurücktreten und wurden durch Ernst Rüdin als von Wilhelm Frick ernannten Reichskommissar der Gesellschaft ersetzt.[15] Im Mai 1933 wurde ein „Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik beim Reichsinnenminister“ gegründet, dessen Aufgabe auch der Entwurf eines Sterilisationsgesetzes war. Für die Durchführung des daraus resultierenden Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 wurde neben Fischer und Fritz Lenz auch Verschuer aufgefordert, seinen Sachverstand beizutragen.[16] Die Wissenssoziologen Kurt Bayertz, Jürgen Kroll und Peter Weingart beschreiben die neue Situation so: Die Machtergreifung bot die Verheißung der Professionalisierung der Rassenhygiene zum Preis der Abhängigkeit von politischer Kontrolle, was angesichts der ideologischen Affinität kein hoher Preis war.[17] Im August 1933 war von Verschuer einer der Referenten bei den von Karl Astel durchgeführten Schulungen in der Staatsschule für Führertum und Politik in Egendorf bei Blankenburg.[18] 1936 wurde er Richter am Erbgesundheitsgericht Charlottenburg.[19]

    Ab 1934 erschien, bis 1939 als Beilage zum Deutschen Ärzteblatt, seine Zeitschrift Der Erbarzt. Darin wurden „Ergebnisse der Erbforschung“ an die frei praktizierende deutsche Ärzteschaft vermittelt.[19] Im Mai 1939 hatte Verschuer auf der Hauptversammlung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Breslau verkündet „Ein neuer Arzttyp hat sich herausgebildet, der Erbarzt“.
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    Von 1936 bis 1938 war Gerhart Stein, ein in der SA aktiver Student, einer von Verschuers Doktoranden. Er promovierte über Roma, die er vor allem im Zwangslager für „Zigeuner“ in Berlin-Marzahn untersuchte. Noch vor Abgabe der Arbeit arbeitete Stein für die Rassenhygienische Forschungsstelle. Josef Mengele, der seit Januar 1937 zu Verschuers Institut gehörte, wurde 1938 mit Sippenuntersuchungen bei der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte promoviert. Er versuchte, deren Erblichkeit statistisch nachzuweisen.

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  • Die Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege in Dresden - gedenkplaetze.info

    Die Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege in Dresden
    Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege#Allemagne #histoire #nazis #euthanasie #racisme #médecine #iatrocratie #santé #eugénisme #alcoolisme
    Pfotenhauerstr. 92
    01307 Dresden

    Im Haus auf der Pfotenhauer Straße 92 am Rande des damaligen „Rudof-Hess-Krankenhauses“ und heutigen Universitätsklinikums befand sich die Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege. Sie war ein Teil des Selektionssystems der Nazis, dass den Wert eines Menschen allein anhand seiner Abstammung bemaß. Das System brach mit der Tradition moralischer Prinzipien, sich besonders für die Schwachen, Benachteiligten und Kranken zu engagieren. Es reduzierte den Wert eines Menschen auf seine biologische Abstammung und unterteilte hierbei Menschen allein deshalb in angeblich höherwertiges und weniger wertes Leben.

    Neue Gesetze zur Ausgrenzung von Menschen

    Basis für die Arbeit der Beratungsstellen waren grob gesagt drei Gesetze, von denen zwei Teil der sogenannten Nürnberger Gesetze waren und der rassistische und antisemitische Ideologie des Nationalsozialismus eine juristische Grundlage lieferten. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde am 15. September 1935 beschlossen. Es verbot Eheschließungen, aber auch außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen. Im Kern stand dahinter ein Familienbild, dass die traditionelle und ‚arische‘ Familie in den Mittelpunkt stellte und alle anderen Familienverbände nach rassistischen und antifeministschen Kriterien abwertete. Unterfüttert wurde es durch das zeitgleich verabschiedete Reichsbürgergesetz, dass nun auch jursitisch jüdische Menschen aus der Bürgerschaft ausschloss und sie zu Menschen zweiter Klasse abwertete. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde bereits im März 1933 noch vom Reichstag verabschiedet führte die Möglichkeit von Zwangssterilisationen von Menschen ein, die nach der NS-Ideologie als körperlich oder geistig behindert galten.

    https://gedenkplaetze.info/ns-gesundheitspolitik/die-beratungsstelle-fuer-erb-und-rassenpflege-in-dresden

    Die Aufgaben der Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege

    Die Beratungsstellen für Erb- und Rassenpflege waren den Gesundheitsämter untergeordnet, so auch in Dresden. Ihre Hauptaufgabe war die Gutachtenerstellung. So genannte Abstammungsgutachten dienten als Nachweis der eigenen „rassischen Abstammung“ und konnten bei im Sinne der NS-Ideologie ‚negativem‘ Ergebnis zu repressiven Maßnahmen führen. Hierzu zählten Berufsausschluss, Eheverbote, Zwangsarbeit und letztendlich auch Deportation und Vernichtung. Erbegesundheitszeugnisse führten im Zweifel zu Zwangssterilisierung und gezielter Tötung. Die Die Beratungsstelle und deren Mitarbeitende waren auf diese Weise unmittelbar an der Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenhygiene beteiligt.

    Der Dresdner Arzt und ‚Rassenhygieniker’ Hermann Vellguth

    Hermann Vellguth wurde am 4. Februar 1906 in Kirchtimke bei Bremen als Sohn eines Arztes geboren. Nach dem Abitur studierte Vellguth ab 1924 Medizin. Er war ab 1930 unter anderem an einer Chirurgischen Klinik in Dresden tätig. Im Februar 1932 trat er in die NSDAP und im Juni 1933 in die SS ein und erreichte bis 1944 den Grad des SS-Sturmbannführers in Himmlers Sicherheitsdienst. Am 15. Juni 1933 wurde Vellguth Abteilungsleiter der neu gegründeten Abteilung „Erb- und Rassenkunde“ am Deutschen Hygiene Museum in Dresden. Seine Aufgabe war die Ausarbeitung eines wissenschaftlichen Fundamentes für die Umsetzung der Selektion von Menschen im Sinne der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Dafür wurden vor allem zahlreiche Lehrmittel, Schautafeln und Ausstellungen er- und umgearbeitet. Vom Staatskommissar für das gesamte Gesundheitswesen Ernst Wegner wurde er berufen um

    „alles zu entfernen, was gegen unsere nationalsozialistische Weltanschauung, gegen Anstand und Sitte und gegen das deutsche Schönheitsideal verstößt.“

    Unter Leitung der Abteilung „Erb- und Rassenkunde“ wurde unter anderem 1933 Veranschaulichungsmaterialien wie die Lichtbildreihen 38a „Vererbungslehre“, 65a „"Bevölkerungspolitik und Rassenhygiene“, oder die Unterrichtssammlung über Vererbungslehre, Rassenpflege, oder auch Rassenkunde herausgegeben. Außerdem war Vellguth verantwortlich für die Wanderausstellungen „Volk und Rasse“ und „Blut und Rasse“. Diese Ausstellungen sah Vellguth als wichtigen Beitrag zur Schulungs- und Aufklärungsarbeit an, welche essenzielle Grundpfeiler der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda darstellten. Darüber hinaus war Herrmann Vellguth als ärztlicher Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht in Dresden tätig und entschied über die Zwangssterilisierung vieler, wahrscheinlich hunderter oder tausender Menschen. Eine genaue Anzahl der durch ihn gefällten Urteile ist leider nicht überliefert.

    Propaganda im Dienste der NS-Volksgemeinschaft

    Im Katalog zur Ausstellung „Blut und Rasse“ machte Vellguth als Gefahr für das Fortbestehen des deutschen Volkes vor allem die Vermehrung von ihm als ‚schwachsinnig‘, aber auch verbrecherisch und unsozial bezeichneter Menschen aus. Aus ideologischer Überzeugung hielt er die Fürsorge für psychisch Kranke und körperlich eingeschränkte Menschen für eine groteske Idee. Im Vordergrund stand ein verdrehter Arbeitsrationalismus mit Fokus auf Arbeiter, die den wirtschaftlichen Erfolg des deutschen Volkes sichern würden. Für Vellguth waren Kinder, welche sogenannte „erbkranke Anlagen“ in sich trugen ein schweres Unrecht gegen Volk und Staat. In dem Katalog zur Ausstellung „Blut und Rasse“ von 1936 betont Dr. Vellguth, dass dieses Gesetz auf dem „Grundsatz der Freiwilligkeit“ aufbaut. Wörtlich heißt es: „Es soll dem Erbkranken selbst die Möglichkeit gegeben werden, aus der Erkenntnis seines unverschuldeten Zustandes die Folgerungen zu ziehen und sich dem Eingriff der Unfruchtbarmachung zu unterziehen.“ Tatsächlich wurde mit dem System der Erbgesundheitsgerichte aber ein System geschaffen, dass die zwangsweise Sterilisation anordnete.

    Aufstieg und mangelnde Aufarbeitung nach dem Ende des NS

    Während in der Dresdner Beratungsstelle willige Beamte im Sinne Vellguths Dienst schoben und sich so am System des Nationalsozialismus mitschuldig machten, stieg Vellguth zum Leiter des staatlichen Gesundheitsamtes Ostpreußen auf und übernahm schließlich 1940 die Leitung des Hauptgesundheitsamtes in Wien. Nach dem Krieg ließ er sich in Flensburg nieder. Während des Verfahrens, das 1947 gegen ihn als ehemaligen Sturmbannführer der SS und Untersturmführer der Waffen-SS geführt wurde, beschrieb er seine Tätigkeit für das Rassenpolitische Amt als eine rein gesundheitspolitische Arbeit. Das Gericht glaubte seiner Darstellung, dass er kein aktives SS-Mitglied und kein bekennender Nationalsozialist gewesen sei und beließ es bei einer Geldstrafe von 3000 Mark. Dies überrascht, da Vellguth noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, und sogar gemeinsam mit seinem Vater, der NSDAP beigetreten war. In seiner SS-Laufbahn wurde er mit Auszeichnungen wie dem SS-Ehrenwinkel und dem SS-Julleuchter geehrt. Ab 1958 praktizierte Dr. Hermann Vellguth als niedergelassener Arzt in Hennstedt in Dithmarschen. Wann er verstarb ist nicht bekannt.

    Quellen/Literatur

    Deutsches Ärzteblatt Heft 1, 1. Juli 1933

    Katalog der Wanderausstellung „Blut und Rasse“ (1936)

    Harten, Hans-Christian; Nerisch, Uwe; Schwerendt, Martin: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs, Berlin 2006

    Klee, Ernst (2003): Das Personen Lexikon zum Dritten Reich

    Rickmann, Anahid S.: „Rassenpflege im völkischen Staat“. Vom Verhältnis der Rassenhygiene zur nationalsozialistischen Politik, Bonn 2002.

    Süß, Winfried: Der „Volkskörper“ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939 - 1945, München 2009 (=Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 65).

    Stigmatisation sociale des consommateurs de drogues
    https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Stigmatisation_sociale_des_consommateurs_de_drogues

    #Allemagne #histoire #nazis #euthanasie #racisme #médecine #iatrocratie #santé #eugénisme #alcoolisme #euthanasie

  • Kunstgeschichte: Opfer der Herrenrasse
    https://www.jungewelt.de/artikel/507415.kunstgeschichte-opfer-der-herrenrasse.html

    Hildegard Seemann-Wechler, Selbstporträt, Öl auf Sperrholz, 36,3 × 32cm, um 1930, Sammlung Frieder Gerlach

    3.9.2025 von Peter Michel - Vor 85 Jahren wurde die Dresdner Malerin Hildegard Seemann-Wechler in Pirna-Sonnenstein ermordet

    Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.« (Aus dem Hippokratischen Eid)1

    Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört ein Arztbesuch in der Kinderklinik der Universität Jena. Damals – im Jahr 1943 – war ich fünf Jahre alt und durch lange Aufenthalte in einem modrigen Luftschutzkeller und Mangelernährung lungenkrank. Meine Mutter versprach sich von einer Behandlung durch den Kinderarzt Jussuf Ibrahim Besserung. Dieser Arzt genoss außerordentliches Ansehen und Vertrauen vor allem unter den Müttern – beinahe wie ein Wunderheiler. Er entstammte einer Kairoer Arztfamilie, leitete von 1917 bis zu seinem Tod 1953 diese Klinik und wurde auch in der DDR in hohem Maß geehrt. Nach dem Jahr 2000 wurde bekannt, dass er den Nazis nahegestanden und ihm anvertraute Kinder an die »Landesheilanstalten« Stadtroda ausgeliefert hatte, wo man sie umbrachte.
    Euthanasie

    Das Ganze lief unter dem Schlagwort »Euthanasie«. Im Griechischen wird damit ein guter oder schöner Tod bezeichnet. Unter den Nazis mutierte dieser Begriff zu einer Verschleierungs- und Legitimationsformel für ein in der Geschichte einmaliges staatlich durchorganisiertes Mordprogramm, das »Rassenhygiene« in medizinischen und psychiatrischen Einrichtungen in ganz Deutschland zur Pflicht machte. Tötungsanstalten befanden sich unter anderem in Grafeneck, Hadamar, Bernburg, Brandenburg an der Havel, Lüneburg, Andernach, auf dem Schloss Hartheim bei Linz in Österreich (damals »angeschlossen« als Teil des Deutschen Reiches), in Wehnen, Ursberg, Leipzig, Münnerstadt, Meseritz-Obrawalde (bis 1945 in der Provinz Posen; seitdem polnisch) und Pirna-Sonnenstein. An den meisten Orten wurden später Gedenkstätten eingerichtet. Die bisher ermittelten Opferzahlen schwanken zwischen 200.000 und 300.000, darunter etwa 5.000 Kinder und Jugendliche. Die Menschen erstickten in Gaskammern, wurden durch Überdosierung von Medikamenten, Nahrungsentzug, Lufteinspritzungen, Verweigerung ärztlicher Hilfe und andere Methoden umgebracht. Den Angehörigen übermittelte man frei erfundene Todesursachen. Die Forschung zu diesem verbrecherischen Teil deutscher Vergangenheit hat viele solcher Fakten erschlossen, ist aber bei weitem nicht vollständig.

    Bereits am 14. Juli 1933 hatte die faschistische Regierung das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« verabschiedet, das massenweise Zwangssterilisationen vorschrieb. Ab 1934 entstand am Tollensesee bei Neubrandenburg ein Dorf mit dem Namen Alt Rehse als »Führerschule der deutschen Ärzteschaft«. Dort erhielten etwa 12.000 Ärzte, Schwestern und Pfleger, auch Hebammen und Apotheker, das ideologische Rüstzeug der »Rassenlehre« für die Praxis der »Euthanasie«. Ihr Umgang mit behinderten und psychisch kranken Menschen hatte mit ärztlichem Ethos, mit dem Hippokratischen Eid nichts zu tun. Sie übten keine humane Sterbehilfe, sondern geplanten Mord. Sie kannten keine Humanität am Krankenbett. Sie schützten das Leben der Kranken und Behinderten nicht und gliederten sie nicht wieder in die Gesellschaft ein. An die Stelle dieser traditionellen Pflichten trat der Fanatismus des Herrenmenschentums. In der »Aktion T4« liefen die Fäden für die systematische und kaltblütige Tötung »lebensunwerten Lebens« zusammen, benannt nach einer Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4, wo sich die Tötungszentrale befand. Dort wurde 2014 ein zentraler Gedenk- und Informationsort eingerichtet. Der Deutsche Bundestag stimmte am 30. Januar 2025 – also erst 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – einem fraktionsübergreifenden Antrag zu, in dem auch diese Opfer als Verfolgte des Naziregimes anerkannt wurden.²

    Oberhalb des Stadtzentrums von Pirna entstand ab 1811 auf dem Sonnenstein in einer früheren Burg- und Festungsanlage eine Heilanstalt für psychisch Kranke. Sie genoss einen guten Ruf und wurde im Lauf der Jahrzehnte ständig erweitert. Auch dort zog 1933 faschistisches Denken ein, das auf »Rassenhygiene«, also auf die Vernichtung psychisch kranker und geistig behinderter Patienten, ausgerichtet war. Im Frühjahr 1940 wurde in einem abgeschirmten Teil des Geländes eine Tötungsanstalt eingerichtet. In einem Keller entstanden eine Gaskammer und ein Krematorium. Am 28. Juni 1940 wurden die ersten zehn Patienten vergast und verbrannt. Mehr als hundert Ärzte, Pfleger, Fahrer, Schwestern, Bürokräfte und Polizisten arbeiteten in den Jahren 1940/41 in dieser Einrichtung. Die Kranken und Behinderten holte man mit den berüchtigten graugrünen Bussen aus anderen Anstalten, um sie als »Ballastexistenzen« umzubringen. Bis zum 24. August 1941 starben dort 13.720 Menschen. Hinzu kamen im Sommer 1941 mehr als tausend Häftlinge aus Sachsenhausen, Buchenwald und Auschwitz. Danach löste man diese »Euthanasie«-Anstalt auf, verwischte die Spuren und richtete ein Wehrmachtslazarett, die »Adolf-Hitler-Schule Gau Sachsen« und eine Reichsverwaltungsschule ein. Ein Teil der an den Morden Beteiligten nahm anschließend an den Massenvernichtungen in den Konzentrationslagern Belzec, Sobibor und Treblinka teil.
    Künstlerin mit Haltung

    Unter den Opfern befanden sich drei Dresdener Künstlerinnen: Gertrud Fleck (geb. 1870), Elfriede Lohse-Wächtler (geb. 1899) und Hildegard Seemann-Wechler (geb. 1903). Sie alle starben 1940. Der bekannte Dresdener Fotograf Hugo Erfurth hatte Hildegard Seemann-Wechler 1929 porträtiert und sie damit in die Reihe seiner historisch bedeutsamen Künstlerporträts gestellt. Bis in die Gegenwart sind seine Bildnisse aus den 1920er Jahren vorbildlich für eine ganz persönliche, psychologisierende, den Charakter einfühlsam erfassende fotografische Arbeitsweise. Die Porträtfotografien von Otto Dix, Käthe Kollwitz, Max Beckmann, Lovis Corinth, Oskar Kokoschka, Heinrich Zille, Max Slevogt, Wassili Kandinsky, Ernst Barlach und vielen anderen sind aus der deutschen Kunstgeschichte nicht wegzudenken.

    Offensichtlich hat ihn die damals 26jährige Hildegard Seemann-Wechler mit ihrer Bubikopffrisur stark beeindruckt. Als er sie fotografierte, setzte er sie aufrecht, beinahe denkmalhaft ins Bild und vermied jede körperliche und mimische Bewegung. Die Hände liegen im Schoß locker übereinander. Die Gesichtszüge sind ebenmäßig; die Augen blicken selbstbewusst und neugierig auf die Kamera. Ein kaum merkliches Lächeln zeugt von innerer Ruhe. Die Umrisse der Frisur und des Kragens bilden gemeinsam einen ovalen Rahmen für das Gesicht. Der keilförmige Ausschnitt der Jacke zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters nach oben. Eine solche bildnerische Inszenierung zeugt von großer Achtung. Erfurth kannte ihre künstlerischen Leistungen.

    Beinahe denkmalhaft in Szene gesetzt: Porträtfoto der Malerin von dem Dresdener Fotografen Hugo Erfurth aus dem Jahr 1929, Rheinisches Bildarchiv Köln

    Seemann-Wechler kam aus einem bürgerlichen Elternhaus. Künstlerin zu werden war der große Traum ihres Lebens. Zunächst begann sie ein Studium an der Kunstgewerbeakademie in der Dresdener Güntzstraße und wechselte 1921 an die Dresdener Kunstakademie, an der ab 1919 auch Frauen studieren durften. Zu ihren Lehrern und Förderern gehörten Robert Sterl und Otto Dix. Bei Dix genoss sie das Privileg, drei Semester lang als Einzelschülerin zu studieren. Sie folgte ihm jedoch kaum in seinem schonungslos entlarvenden Verismus; sie verzerrte oder karikierte nichts, sondern stand stilistisch den Vertretern neusachlicher Malerei näher. Während ihres Studiums war sie mit Eva Schulze-Knabe und Fritz Schulze befreundet, die beide später im antifaschistischen Widerstand ihr Leben aufs Spiel setzten. Sie wurden von der Gestapo verfolgt, verhaftet und in einem Hochverratsprozess verurteilt; Fritz Schulze wurde 1942 in Plötzensee hingerichtet; Eva Schulze-Knabe überlebte im Zuchthaus Waldheim. Schulze-Knabe erinnerte sich später an einen in der Akademie ausgestellten Selbstakt von Seemann-Wechler. Da auch Hans und Lea Grundig in dieser Zeit an der Kunstakademie studierten, ist zu vermuten, dass beide ebenfalls zu diesem Freundeskreis gehörten. All das kennzeichnet die politische Haltung Hildegard Seemann-Wechlers.

    Im April 1929 beendete sie ihr Studium und heiratete ihren Mitstudenten Herbert Seemann. In dieser Zeit entstand das Blatt »Sitzender Knabe als Akt«, gestaltet mit Farbstift, Aquarell- und Deckfarben über einer Bleistiftzeichnung auf gelblichem, strukturiertem Papier. Es zeigt ein schwaches, kränkliches Kind mit apathischem Gesichtsausdruck, übergroßen verschatteten Augen und kurzgeschorenem Haar, das auf einem flachen Tisch vor einem Ofen sitzt. Etwa ein Jahr später malte sie ein Knabenbildnis mit einem ähnlichen Bildaufbau und kräftigeren Farben. Proletarierkinder wurden damals in Dresden zu einem wichtigen Bildmotiv. Wilhelm Lachnit schuf 1924/25 einen »Mädchenakt auf rotem Stuhl«; Rudolf Bergander malte 1931 ein schwindsüchtiges »Mädchen im blauen Kleid«; im selben Jahr entstand Eva Schulze-Knabes »Junge im gelben Pullover«. Hans Grundig hatte 1926 einen »Jungen mit Katze« gemalt und 1930 Linol- und Holzschnitte mit Titeln wie »Lernender Arbeiterjunge« oder »Kinder der Großstadt – Kind mit Puppe auf der Straße« geschaffen. Hildegard Seemann-Wechler reihte sich ein. Auch ihre Abbilder wurden zu Sinnbildern des Elends.
    Selbstporträts

    Um 1930 entstanden zwei ihrer Selbstporträts. Eines fesselt den Betrachter durch die Spannung zwischen zeichnerischem Realismus und freiem Umgang mit eigenwilligen Farben. Es zeigt ihr Gesicht en face wie in Hugo Erfurths Fotografie. Doch von Selbstbewusstsein und innerer Ruhe ist nur noch wenig zu spüren. Die Weichheit der Umrisse ist härteren Konturen gewichen. Die Pinselführung ist heftig und dennoch kontrolliert. Die Schädelform mit breiten Wangenknochen tritt deutlich hervor. Der Blick geht in eine unbestimmte Ferne; der Glanz der Augen ist verschwunden, man kann sie in ihrer Dunkelheit nur erahnen. Die Farben orientieren sich kaum noch an der äußeren Erscheinung, sondern werden zum Ausdruck der eigenen Gefühlswelt. So näherte sich Seemann-Wechler einem expressiven Realismus, der ihrer antibürgerlichen Grundhaltung entsprach.

    Ein anderes, ebenfalls 1930 gemaltes Selbstbildnis zeigt einen ähnlich freien Umgang mit Farben und Formen, ist jedoch in seiner Expressivität zurückhaltender. Der Kopf mit direktem Blick auf den Betrachter folgt einem kaum spürbaren Halbprofil; die Augen sind detailliert dargestellt. Sie verraten bei aller Selbstachtung dennoch Verletzlichkeit und Skepsis dem Betrachter gegenüber; Trotz, Angst und Ratlosigkeit scheinen sich zu vereinen. Der dunkle Hintergrund lässt das Gesicht hell hervortreten. Beide Selbstbildnisse vermeiden konsequent eine Idealisierung, wie sie der Fotograf ein Jahr zuvor angestrebt hatte. Die Künstlerin war ehrlich zu sich selbst.

    Die erste Schaffenszeit Hildegard Seemann-Wechlers konnte nur kurz und intensiv sein. Boris Böhm, der seit 1999 die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein leitet, erforschte auf verdienstvolle Weise Leben und Sterben einer ganzen Reihe Ermordeter. Er gab eine Schriftenreihe unter dem Titel »Den Opfern einen Namen geben« heraus und ehrte im Heft 26/2018 auch diese Künstlerin detailreich und ausführlich.³ So sind zahlreiche Fakten bekanntgeworden, die sonst unbeachtet geblieben wären. Bei Böhm ist zu lesen, dass sich im Sommer 1931 bei Seemann-Wechler Symptome einer schweren psychischen Erkrankung zeigten und sie am 13. August 1931 ins Dresdener Stadtkrankenhaus Löbtauer Straße eingeliefert wurde, wo man unheilbare Schizophrenie diagnostizierte. Von dort kam sie in die Landesanstalt Arnsdorf und verbrachte dort achteinhalb Jahre.
    Vergast und verbrannt

    Nachdem das faschistische »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« 1933 erlassen worden war, wurde sie am 12. September 1935 in der Staatlichen Frauenklinik Dresden gegen ihren Willen zwangssterilisiert und nach diesem entwürdigenden Eingriff nach Arnsdorf zurückgebracht. Böhm berichtet weiter über die rasante Verschlechterung der Existenzbedingungen für die Arnsdorfer Patienten nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. In Arnsdorf wurde ein Wehrmachtslazarett eingerichtet. Hildegard Seemann-Wechler kam deshalb am 23. April 1940 in die Landesanstalt Leipzig-Dösen, blieb dort aber nur ein Vierteljahr; dann wurde sie in die Landesanstalt Großschweidnitz bei Löbau verlegt. Hier fuhren am frühen Morgen des 3. September 1940 die Transportbusse vor und brachten 104 Frauen nach Pirna-Sonnenstein: »In einer der wahrscheinlich vier Gruppen wurde auch Hildegard Seemann-Wechler noch am gleichen Tag der Ärztekommission vorgeführt und anschließend von Krankenschwestern mit etwa 25 Mitpatientinnen in die als Baderaum getarnte Gaskammer im Keller von Haus C geführt. Hildegard Seemann-Wechler starb inmitten von angstvoll schreienden und verzweifelt an Türen und Fenstergittern rüttelnden Leidensgefährtinnen einen gewaltsamen Tod.«⁴ Dieser Tod wurde mit Kohlenmonoxid herbeigeführt. Ein Arzt beobachtete den Tötungsvorgang, der etwa 20 bis 30 qualvolle Minuten dauerte. Die Leichen wurden in zwei Koksöfen verbrannt. Die Asche lagerte man auf einer Anstaltsdeponie oder man schüttete sie nachts hinter dem Haus den Elbhang hinunter.

    1946 gab es auf der Dresdener Brühlschen Terrasse als Teil einer Ausstellung sächsischer Künstler eine Sonderschau »Opfer des Faschismus«, in der man Hildegard Seemann-Wechler postum ehrte. Es wurden sieben ihrer Werke gezeigt, darunter eine Zeichnung »Frauenkopf« und ein »Jungenbildnis«. Vermutlich hatte Eva Schulze-Knabe dafür gesorgt. Das Blatt »Sitzender Knabe« tauchte später in einer Auktion auf. Und in einer Ausstellung im Schloss Hubertusburg war 2023 auch Seemann-Wechler vertreten.

    Im Sommer 1947 wurden einige der an den Morden Beteiligten zur Verantwortung gezogen. Das Dresdener Schwurgericht verurteilte einen der medizinischen Leiter der Krankenmordaktion und zwei »Pfleger« zum Tode. Andere konnten sich ihrer Verantwortung entziehen.
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    Sammlung Frieder Gerlach

    Hildegard Seemann-Wechler, Selbstporträt, Öl auf Sperrholz, 36,3 × 32cm, um 1930

    Bis 1949 waren auf dem Sonnenstein ein Flüchtlingslager, ein Quarantänelager für entlassene Wehrmachtsangehörige, Teile des Landratsamtes und eine Polizeischule untergebracht. Ein großer Teil des Geländes wurde von 1954 bis 1991 überwiegend vom Strömungsmaschinenwerk zum Bau von Flugzeugturbinen genutzt. 1977 entstand im Schlossbereich das »Kreisrehabilitationszentrum Pirna«, aus dem 1991 eine »Werkstatt für behinderte Menschen« der Arbeiterwohlfahrt hervorging.

    Heute befindet sich im ehemaligen »Euthanasie«-Gebäude und in seiner unmittelbaren Nähe eine würdige Gedenkstätte mit einer ständigen dokumentarischen Ausstellung im Dachgeschoss, Stelen mit Kurzbiographien im Mordkeller, einem Gedenkkreuz und einem als Sammelgrabfläche gekennzeichneten Waldareal am Elbhang. Bei archäologischen Grabungen im Jahr 2002 fand man dort menschliche Knochen und Asche aus den Verbrennungsöfen.

    Vielleicht liegen dort auch nicht mehr identifizierbare Überreste dieser Künstlerin, die ihr Schaffen so eindrucksvoll begann und sich nicht vollenden konnte. Ihr blieb ein eigenes Grab verwehrt. Die überlebenden Familienmitglieder, die 1945 aus dem zerstörten Dresden nach Westdeutschland übersiedelten, ließen Hildegard Seemann-Wechlers Namen in einen Familiengrabstein auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe meißeln. So bleibt ein Platz zum Trauern.

    Anmerkungen:

    1 1948 beschloss der Weltärztebund nach den Greueln des Zweiten Weltkrieges eine Neufassung der ärztlichen Berufspflichten, das Genfer Gelöbnis, in dem es unter anderem heißt: »Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und Patientin oder meinen Patienten treten.«

    2 Vgl. auch: »Erinnerungspolitisch gibt es noch viel zu tun. Eine längst überfällige Ausstellung in Berlin widmet sich verleugneten Opfern der Nazidiktatur. Ein Gespräch mit Barbara Stellbrink-Kesy«, junge Welt, 3.1.2025, und »Herrscher über Leben und Tod. Systemerkrankung: Eine Wanderausstellung über das Verhältnis von Arzt und Patient in Nazideutschland« von Sabine Lueken, junge Welt, 17.1.2025

    3 Boris Böhm: »Hildegard Seemann-Wechler (1903–1940). Biografisches Porträt eines sächsischen Opfers der NS-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein«. Heftreihe »Den Opfern ihren Namen geben«, Heft 26/2018

    4 Ebd., S. 12

    #nazis #euthanasie #iatrocratie

  • Canada Gave Citizens the Right to Die. Doctors Are Struggling to Meet Demand. - The Atlantic
    https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2025/09/canada-euthanasia-demand-maid-policy/683562

    When Canada’s Parliament in 2016 legalized the practice of euthanasia—Medical Assistance in Dying, or MAID, as it’s formally called—it launched an open-ended medical experiment. One day, administering a lethal injection to a patient was against the law; the next, it was as legitimate as a tonsillectomy, but often with less of a wait. MAID now accounts for about one in 20 deaths in Canada—more than Alzheimer’s and diabetes combined—surpassing countries where assisted dying has been legal for far longer.

    It is too soon to call euthanasia a lifestyle option in Canada, but from the outset it has proved a case study in momentum. MAID began as a practice limited to gravely ill patients who were already at the end of life. The law was then expanded to include people who were suffering from serious medical conditions but not facing imminent death. In two years, MAID will be made available to those suffering only from mental illness. Parliament has also recommended granting access to minors.

    At the center of the world’s fastest-growing euthanasia regime is the concept of patient autonomy. Honoring a patient’s wishes is of course a core value in medicine. But here it has become paramount, allowing Canada’s MAID advocates to push for expansion in terms that brook no argument, refracted through the language of equality, access, and compassion. As Canada contends with ever-evolving claims on the right to die, the demand for euthanasia has begun to outstrip the capacity of clinicians to provide it.

  • Prozess gegen Palliativarzt wegen 15-fachen Mordes : Einblick in die Verhandlung am Moabiter Gericht
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/palliativarzt-in-berlin-wegen-15-fachen-mordes-vor-gerichts-er-geri

    A Berlin commence le procès contre un médecin accusé d’au moins 15 meurtres de patients. La police est en train d’enquêter plus de 70 d’autres morts suspectes de patients du médecin.

    14.7.2025 von Katrin Bischoff - Der 40-jährige Johannes M. soll schwerstkranken Patienten einen tödlichen Medikamentenmix gespritzt haben. Am ersten Verhandlungstag schweigt er.

    Der Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts atmet Geschichte. Hier wurde der Hauptmann von Köpenick ebenso verurteilt wie Erich Honecker, Erich Mielke oder der Tiergartenmörder. Und auch dieser Mann, der seit Montag auf der Anklagebank des holzgetäfelten Saals sitzt, könnte in die Annalen eingehen: Johannes M., 1984 in Frankfurt am Main geboren, promovierter Mediziner, Palliativarzt, verheiratet, Vater eines Kindes und, glaubt man dem Staatsanwalt, ein 15-facher Mörder.

    Das Interesse an diesem Prozess ist riesig – wohl auch, weil es sich dabei um den „größten Fall der bundesrepublikanischen Justizgeschichte“ handeln würde, wie es ein Anwalt der Nebenklage vor Prozessbeginn ausdrückt. Wohl noch nie stand ein Arzt in der Nachkriegszeit unter dem Verdacht, so viele Menschen umgebracht zu haben.

    Sieben Kamerateams sind vor Ort, Dutzende Medienvertreter, die Zuschauersitze sind bis zum letzten Platz gefüllt. Johannes M. ist ein mittelgroßer Mann mit blonden Locken, hellen Augen und vollen Lippen. Er trägt an diesem ersten Verhandlungstag ein weißes Hemd zum schwarzen Anzug.

    Berliner Palliativarzt unter Mordverdacht: Wollte Johannes M. überführt werden?

    Von Katrin Bischoff, Christian Schwager

    06.12.2024

    Laut und deutlich spricht er, als er von der Vorsitzenden Richterin Sylvia Busch nach seinen Personalien gefragt wird. Selbstbewusst, könnte man meinen. Der 40-Jährige sitzt hinter Panzerglas und drei Verteidigern. Ihm gegenüber haben acht Anwälte Platz genommen, die 13 Familienangehörige der mutmaßlichen Opfer vertreten. Drei der Nebenkläger sind an diesem Tag persönlich erschienen. Für die Hinterbliebenen sei es immens wichtig, aufzuklären, wie es zu der Serie habe kommen können, sagt einer der Anwälte.

    Johannes M. sitzt seit dem 5. August vorigen Jahres in Untersuchungshaft. Zwischen dem 22. September 2021 und dem 24. Juli 2024 soll er in 15 Fällen schwerstkranke Menschen, denen er als Palliativarzt eines Pflegedienstes auf dem letzten Abschnitt ihres Lebens die Angst vor dem Tod und die Schmerzen nehmen sollte, aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch getötet haben.

    Die zwölf Frauen und drei Männer im Alter von 25 bis 87 Jahren starben laut Anklage bei Hausbesuchen, ein Patient in einem Hospiz in Köpenick. Unter dem Vorwand der ärztlichen Fürsorge habe er seine Patientinnen und Patienten zu Hause aufgesucht und dabei die zu diesem Zeitpunkt bereits vorliegende Tötungsabsicht verheimlicht, sagt Staatsanwalt Philipp Meyhöfer in seiner Anklage.
    Sein erstes mutmaßliches Opfer war erst 25 Jahre alt

    Arglos sollen die alleinlebenden Patienten Johannes M. die Tür geöffnet haben. In allen Fällen soll der Arzt ohne Wissen der Schwerstkranken und ohne deren Einwilligung zunächst ein Narkoseeinleitungsmittel und dann ein Muskelrelaxans gespritzt haben, das jeweils in wenigen Minuten zur Lähmung der Atemmuskulatur, dann zum Atemstillstand und schließlich Tod geführt hat. Mit den Taten habe sich Johannes M. „aus eigensüchtigen Motiven als Herr über Leben und Tod“ geriert, sagt Meyhöfer.

    Das erste Opfer des Mediziners war laut Anklage die 25-jährige Kadiatou D., die Johannes M. am 22. September 2021 umgebracht haben soll. Sie und ihre Mutter waren vor Jahren aus Guinea nach Deutschland gekommen, um die Krebserkrankung von Kadiatou D. behandeln zu lassen. Ihre Mutter sitzt an diesem ersten Verhandlungstag weinend auf der Seite der Nebenkläger. Die Leiche der jungen Frau soll, wie viele andere Opfer auch, exhumiert worden sein. Bei der Untersuchung wurde ein tödlicher Medikamentencocktail im Gewebe gefunden.

    Das Interesse der Medien an dem Prozess ist riesig.

    Das Interesse der Medien an dem Prozess ist riesig.Pressefoto Wagner

    Die letzte Patientin, die 72-jährige Gisela B., starb am 24. Juli 2024. Zudem soll Johannes M. in einigen Fällen Feuer in den Wohnungen der getöteten Patienten gelegt haben, um seine Spuren zu verwischen. Mit ihrer Anklage strebt die Staatsanwaltschaft nicht nur eine lebenslange Freiheitsstrafe, sondern auch die Anerkennung der besonderen Schwere der Schuld und ein Berufsverbot als Mediziner an.

    Die mutmaßliche Mordserie blieb lange Zeit unentdeckt. Auf die Spur des Angeklagten kamen die Ermittler erst, nachdem der Pflegedienst in Tempelhof, für den der Angeklagte gearbeitet hatte, Ende Juli vorigen Jahres misstrauisch geworden war: Innerhalb von zwei Wochen waren vier Patienten gestorben, und es hatte in ihren Wohnungen gebrannt.

    Berliner Palliativarzt soll aus Mordlust Patienten getötet haben: Haftbefehl auf zehn Morde erweitert

    Von Katrin Bischoff

    11.02.2025

    Johannes M. hat während der Ermittlungen zu den Vorwürfen geschwiegen. Und auch im Gerichtssaal sagt er kein Wort dazu. „Unser Mandant wird zunächst keine Erklärung abgeben“, sagt Verteidiger Christoph Stoll kurz. Dann wird bekannt, dass die Schwester des Angeklagten im Saal sitzt. Sie hatte beantragt, als Zuhörerin an einem Verhandlungstag anwesend sein zu können, und erklärt, von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen.

    Der Angeklagte ließ sich für Fotos und Filmaufnahmen nicht vorführen. Er wird von Klaudia Dawidowicz, Ria Halbritter und Christoph Stoll (v.l.n.r.) verteidigt.

    Der Angeklagte ließ sich für Fotos und Filmaufnahmen nicht vorführen. Er wird von Klaudia Dawidowicz, Ria Halbritter und Christoph Stoll (v.l.n.r.) verteidigt.Pressefoto Wagner

    Erste Zeugen werden erst am nächsten Verhandlungstag gehört. Vermutlich wird es weitere Anklagen gegen den Palliativarzt geben. Die Ermittler der Sonderkommission „Pfanne“, so genannt wegen der angestellten Herdplatten in den Brandwohnungen, gehen derzeit weitere Patientenakten durch. Noch immer gebe es in 72 Fällen einen Anfangsverdacht, heißt es.

    Darunter soll auch die in Polen lebende Schwiegermutter des Mediziners sein, die an Krebs erkrankt war. Sie starb nach Informationen des Magazins Stern und des Fernsehsenders RTL während eines Besuchs von Johannes M. und seiner Frau Anfang vorigen Jahres. Später soll der Arzt in seinem Team erzählt haben, dass sie totgespritzt worden sei.

    Können dem Angeklagten die Vorwürfe in den bisher geplanten 35 Verhandlungstagen nachgewiesen werden, dann mutet die 117-Seiten-Dissertation von Johannes M. unter dem Titel „Tötungsdelikte in Frankfurt am Main – ein Überblick von 1945 bis 2008“ wie eine Vorlage an. Sie beginnt mit der Frage: „Warum töten Menschen?“ Auf Seite 58 verweist der Autor auf ein „Dunkelfeld bei Tötungen an älteren Menschen, da Tötungen bei pflegebedürftigen Menschen nicht leicht nachzuweisen sind“.

    Tötungsdelikte in Frankfurt am Main : ein Überblick von 1945 bis 2008
    https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/CZNA5ZTWPTTSJTROREF5KNCVINQC44IA

    Standort
    Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main

    Maße
    21 cm

    Umfang
    117 S.

    Sprache
    Deutsch

    Anmerkungen
    Ill., graph. Darst.
    Frankfurt (Main), Univ., Diss., 2013

    Klassifikation
    Medizin, Gesundheit
    Soziale Probleme, Sozialdienste, Versicherungen

    Urheber
    Moore, Johannes

    Inhaltsverzeichnis
    https://d-nb.info/1032360852/04

    Rechteinformation
    Bei diesem Objekt liegt nur das Inhaltsverzeichnis digital vor. Der Zugriff darauf ist unbeschränkt möglich.

    Letzte Aktualisierung
    11.06.2025, 14:20 MESZ

    DNB, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
    https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=idn%3D1032360852

    Link zu diesem Datensatz https://d-nb.info/1032360852
    Art des Inhalts Hochschulschrift
    Titel Tötungsdelikte in Frankfurt am Main : ein Überblick von 1945 bis 2008 / vorgelegt von Johannes Moore
    Person(en) Moore, Johannes (Verfasser)
    Zeitliche Einordnung Erscheinungsdatum: 2012
    Umfang/Format 117 S. : Ill., graph. Darst. ; 21 cm + 1 CD-R
    Hochschulschrift Frankfurt (Main), Univ., Diss., 2013
    Sprache(n) Deutsch (ger)
    Sachgruppe(n) 610 Medizin, Gesundheit ; 360 Soziale Probleme, Sozialdienste, Versicherungen
    Weiterführende Informationen Inhaltsverzeichnis

    Frankfurt Signatur: 2013 CRA 4544
    entliehen
    Vormerken in Frankfurt
    Leipzig Signatur: 2013 A 24407 u. CD
    Bereitstellung in Leipzig

    ##Berlin #meurtre #iatrocratie #euthanasie

  • Sabine Bode : „Meine Mutter war eine Massenmörderin und mein Vater ein Verbrecher“
    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/sabine-bode-meine-mutter-war-eine-massenmoerderin-und-mein-vater-ei

    La journaliste Sabine Bode a passé la plus grande partie de sa vie á décortiquer les traumatismes des familles nazies. A 78 ans elle arrête ce travail.

    6.7.2025 von Anja Reich - Die Bestsellerautorin sagt im Interview, warum sie nicht länger zu Kriegskindern und Kriegsangst forschen will. Und warum ihre Eltern ihr einen Namen mit den Initialen SS gaben.

    Sabine Bode ist Bestsellerautorin, Journalistin, Tabu-Brecherin. Eine Frau, die mit ihrer Neugier und Unerschrockenheit erst die Geschichte ihrer eigenen Familie ausgrub und dann andere dazu brachte, sich den Folgen von Krieg, Nationalsozialismus oder Vertreibung zu stellen.

    Ihre Bücher über Kriegskinder, Nachkriegskinder und Kriegsenkel haben das Leben vieler Menschen verändert. Auf Lesungen oder in Mails erzählen ihr Unbekannte ihre Familiengeschichten und wie sie unter dem Schweigen ihrer Eltern gelitten hätten. Dennoch mache sie jetzt Schluss, sagt Sabine Bode im Interview im Berliner Verlag, Schluss mit den Veranstaltungen, Schluss mit den Büchern. Das hat mit ihrem Alter zu tun, sie ist 78, aber paradoxerweise auch mit der Zeit, in der die Angst vor Krieg wieder allgegenwärtig ist.
    Sabine Bode: „Ich bin in einem Haus voller Geheimnisse aufgewachsen“

    Frau Bode, Sie haben mit Ihren Büchern das Schweigen von Menschen gebrochen, die in ihrer Kindheit Krieg, Flucht oder Vertreibung erlebt haben. Wie kamen Sie dazu?

    Meine Eltern betraf dieses Schicksal nicht. Sie waren Nazis. Ich bin in einem Haus voller Geheimnisse aufgewachsen, was mich unglaublich inspiriert hat, Fragen zu stellen, Journalistin zu werden. Bis heute finde ich Geheimnisse enorm anziehend.

    Sie wollen immer rauskriegen, was verschwiegen wird?

    Ja, und als der Bosnienkrieg war, habe ich mich gefragt: Wie geht es eigentlich den deutschen Kriegskindern heute? Wie wirken sich die frühen Katastrophen im späteren Erwachsenenleben aus? Warum weiß ich darüber nichts? Warum finde ich nichts im riesigen WDR-Archiv? Darüber sprach ich mit einem Redakteur, und zu meiner eigenen Überraschung gab er mir den Auftrag für ein einstündiges Hörfunk-Feature.

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    Sabine Bode: Die Kriegskinder konnten durch unermüdliches Arbeiten ihre schlimmsten Erinnerungen auf Abstand halten.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Und dann?

    Habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, Menschen in der Altersgruppe der Kriegskinder anzusprechen und zu fragen, auf Zugfahrten zum Beispiel. Das waren ja noch Zeiten ohne Handy. Viele freuten sich, wenn sie nett angesprochen wurden, aber von hundert konnten nur drei meine Fragen beantworten. Nach einem Jahr gab ich den Auftrag zurück. Der Redakteur überredete mich weiterzumachen. Mit dem Ergebnis, dass von 300 Kriegskindern neun bereit waren, für die Radiosendung das Schweigen zu brechen. Als ich drei Wochen nach der Ausstrahlung wieder in die Redaktion kam, stand dort eine Plastikwanne mit 600 Zuschriften.

    Was waren so die typischen Reaktionen der Leute aus dem Zug?

    Sie haben gesagt: „Unsere Eltern, ja, die haben Schreckliches erlebt, aber wir doch nicht. Wir waren Kinder im Krieg. Das war für uns normal.“ Sie konnten das Leid nicht empfinden, das sie geprägt hatte. Sie nannten sich nicht Kriegskinder, sondern Nachkriegskinder. Jetzt sterben mit ihnen die letzten Zeitzeugen. Doch nicht sie alle sind von den Spätfolgen des Krieges belastet, sondern ein Drittel dieser Generation. Fünf Millionen Menschen, die nicht wussten, dass sie traumatisiert waren. Was sich darin gezeigt hat, dass sie von den grausamsten Erlebnissen völlig gefühlsfrei berichten konnten. Psychiater haben mir erklärt, dass dies eine Art von Betäubung war, eine Strategie des seelischen Überlebens. Wenn Kinder etwas erleben, das eigentlich einen Herzstillstand herbeiführen könnte, dann betäuben sie sich, und diese Art von Betäubung kann ein Leben lang anhalten.

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    Kinder in Trümmern, ca. 1945Image Broker/imago

    Wie äußert sich das?

    Statt sich zu freuen, lächeln sie schüchtern, sie hören nicht richtig zu, interessieren sich für nichts Neues. Weihnachten gibt es das immer gleiche Ritual, ihre Liebe drücken sie mit gutem Essen und Geschenken aus, leider oft den falschen, denn sie kennen ihre Kinder nicht, weil sie sich nicht für deren Welt interessieren.

    Die Kriegskinder – das ist die Generation, für die es nach dem Krieg bergauf ging, das Leben immer besser wurde. Im Osten wie im Westen. War dieses neue, bessere Leben auch eine Art von Betäubung?

    Ja, sicher. Die Kriegskinder konnten durch unermüdliches Arbeiten ihre schlimmsten Erinnerungen auf Abstand halten. Ich habe mich vor allem mit dem Westen beschäftigt, und da lernte man: Die Demokratie lohnt sich. Deshalb kann man auch nicht so genau sagen, ob alle aus Überzeugung gute Demokraten geworden sind oder weil das Leben ihnen so viel Gutes bescherte.
    Sabine Bode: „Über Ostdeutsche schreibe ich nicht“

    Warum haben Sie sich nicht auch mit dem Osten beschäftigt? Sind die Traumata aus dem Krieg nicht die gleichen?

    Für die Aufarbeitung einer tabuisierten Kindheit im Krieg braucht man einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit. Im Westen waren das die Merkel-Jahre, es war friedlich und ein bisschen langweilig, es bewegte sich nicht viel. Ich habe bei meinen Recherchen zu dem Thema immer wieder versucht, mit Ostdeutschen in Kontakt zu treten. Aber die waren oft noch mit der Bewältigung des neuen Alltags im neuen Deutschland beschäftigt und konnten sich nicht auch noch mit den Traumata des Krieges befassen. Gelegentlich werde ich in E-Mails aufgefordert: Schreiben Sie auch über uns, über die ostdeutschen Kinder von Kriegskindern. Aber das mache ich nicht, das müsste jemand mit mehr Abstand tun, vielleicht aus Frankreich oder England.

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    Sabine Bode: Ich bin in einem Haus voller Geheimnisse aufgewachsen.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Oder aus dem Osten.

    Ja, oder aus dem Osten. In den letzten Jahren kommen interessante Bücher zur DDR und zur Wendezeit auf den Markt, in denen es auch um diese Generation der Kriegskinder geht. Christoph Heins „Das Narrenschiff“ zum Beispiel. Ich lese alles, was ich bekommen kann. Von meinen etwa 400 Lesungen in 20 Jahren fanden keine zehn Prozent im Osten statt, und es waren eher die Kriegsenkel, also die Kinder der Kriegskinder, die sich für das Thema interessiert und plötzlich verstanden haben, warum ihre Eltern sonderbar ticken. Da hieß es: Worüber die Eltern sich alles aufregen, und gegen alles sind sie versichert, und extrem misstrauisch sind sie. In meinen Lesungen vor Kriegskindern ging beim Stichwort „Rente“ eine Erschütterung durch den Saal, das können Sie sich nicht vorstellen.

    Weil die Menschen Verarmungsängste haben?

    Ja, das ist ein Thema, das zu wenig beleuchtet wird. Sie fühlen sich zu kurz gekommen. Und immer sind die anderen schuld. Das sind so typische Ängste von Kriegskindern, die ihre Traumata nicht verarbeiten konnten. Im Osten wie im Westen.

    Als Sie Ihr Buch „Die vergessene Generation“ schrieben, waren Sie selbst in Ihren Fünfzigern. Wie weit waren Sie damals mit der Aufarbeitung Ihrer eigenen Familiengeschichte?

    Dass meine Eltern Nazis waren, fast bis zu ihrem Lebensende, wusste ich schon lange. Die haben das ja nicht verschwiegen, fanden nur alle anderen feige, die nicht dazu gestanden haben. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater sagte, er habe einen Zug gesehen, wo Leute zusammengepfercht standen, und die hätten gerufen: Die bringen uns nach Theresienstadt. Ich hab ihn gefragt: Und du hast trotzdem weiter mit den Nazis paktiert? Er hat gesagt, was hätte ich denn machen sollen und sich dabei theatralisch ans Herz gefasst. Das Schlimmste aber war, dass ich, das jüngste Kind, absichtlich einen Namen mit einem S als Anfangsbuchstaben bekommen habe. Mein Nachname fing auch mit S an. SS waren meine Initialen.

    Um Himmels Willen!

    Meine Mutter hat das locker als unterhaltsame Familiengeschichte erzählt, als neue Nachbarn uns eingeladen hatten. Danach ging das in der Kleinstadt rum. Ich war das SS-Kind und musste die Schule wechseln, denn die war ein Gymnasium mit überwiegend Verfolgten des NS-Regimes im Lehrerkollegium. Mein Vater hat immerhin an seinem Lebensende benannt, was die Nazis verbrochen haben. Solche Gedanken konnte er meistens betäuben. Er war Alkoholiker, was sein Leben verkürzte. Während seiner letzten Monate aber äußerte er frei heraus, dass er kein guter Mensch gewesen sei.

    Wie hat er das gesagt?

    In einem Halbsatz: „Wenn mich jetzt der Teufel holt …“ Kurz vor seinem Tod sind wir zusammen spazieren gegangen, und er sagte völlig unvermittelt: „Das Schlimmste, was man sich an Grausamkeiten vorstellen kann, die Menschen anderen Menschen antun, das existiert in der Realität“. Und er fügte mit lauterer Stimme hinzu: „Und noch darüber hinaus!“ Er hat von Auschwitz gesprochen, das weiß ich heute.
    Sabine Bode: „Meine Mutter hat im Euthanasieprogramm gearbeitet“

    Was haben Ihre Eltern in der NS-Zeit gemacht?

    Sie sind als junge Menschen der Karriere wegen in das überfallene Polen gegangen. Mein Vater war in Oberschlesien in der Leitung eines Rüstungsbetriebs, wo auch KZ-Häftlinge eingesetzt wurden. Meine Mutter hat im Euthanasieprogramm gearbeitet. Die Nazis haben in Polen die Behinderten umgebracht und aus den Heimen deutsche Lazarette gemacht.

    Wurden sie nach dem Krieg vor Gericht gestellt?

    Nein. Wer am Euthanasie-Programm beteiligt war, wurde äußerst selten bestraft, und wenn, dann waren es Ärzte, keine NS-Schwestern. Als ich und mein Bruder einmal schwer erkrankten, versuchte meine Mutter zu verhindern, dass wir überleben. Sie meinte, wir sollten nicht länger von Ärzten gequält werden, da wir ja sowieso sterben würden. Wir sollten den Gnadentod erhalten, wie es die Nazis ausdrückten. Und jedes Mal, wenn am Weihnachtsbaum die Lichter brannten, sagte meine Mutter zu mir den Halbsatz: „Weihnachten 1947, als du sterben wolltest …“

    Auch mit diesen Nazi-Geheimnissen und deren Folgen haben Sie sich in Ihren Büchern beschäftigt.

    Ja, in vielen Familien wird bis heute geschwiegen, da haben Nachkommen der zweiten und dritten Generation psychische Probleme und wissen nicht warum. Die Mutter einer Freundin wollte verhindern, dass herauskommt, dass der Vater ihres Mannes an den Sittengesetzen beteiligt war. Ein amerikanischer Wissenschaftler hatte das ausgegraben. Die drei Kinder hatten sich darüber zerstritten. Die alte, schwer kranke Mutter konnte jahrelang nicht sterben, weil sie Angst hatte, dass nach ihrem Tod die Familie zerbricht. Doch der Bruch zwischen den Geschwistern war längst geschehen.

    Sind Ihre Eltern gestorben, bevor Sie Ihre Bücher geschrieben haben?

    Mein Vater ja, in den Siebzigern. Als ich das zweite schrieb, ist meine Mutter gestorben.

    Sie haben Ihre Bücher nicht mehr gelesen?

    Nein, haben sie nicht.

    Konnten Sie auch deswegen diese Bücher überhaupt schreiben?

    Damit hat das nichts zu tun. Die Bücher hätte ich auf jeden Fall geschrieben. Auf Menschen, die dem Kind einen Namen mit den Initialen SS geben, braucht man keine Rücksicht zu nehmen. Mich hat meine eigene Familienforschung befreit. Den letzten Mosaikstein habe ich in einem Archiv gefunden, als ich 60 war. Es ging um meinen Großvater und meinen Vater. Der SA –Mann und der SS-Mann verstanden sich auf Anhieb gut. Mein Großvater besaß in einem kleinen Ort eine Ölmühle. In der Nachkriegszeit, als die Menschen hungerten, war er da der König. Mein Vater und mein Großvater haben riesige Summen damit verdient, das ÖL in Eisenbahnwaggons in den Westen zu schmuggeln.

    Wo war dieser Ort?

    In der Magdeburger Börde, da bin ich auch geboren. Aber was auch in den Akten stand, war, dass mein Großvater eine angeheiratete Familienangehörige an die Gestapo verraten hat. Es war seine jüdische Schwägerin, die er abgrundtief hasste. Sie wurde in Auschwitz umgebracht. Bei diesem Verrat hatte mein Vater kräftig mitgeholfen.

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    Sabine Bode: Meine Mutter hat im Euthanasieprogramm gearbeitetPaulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Gibt es noch Verwandte der Frau, die verraten wurde?

    Ja, eine Tochter lebt noch. Ich habe ihr sofort die Unterlagen geschickt, obwohl ich sie gar nicht kannte. Sie wusste davon nichts.

    Wie hat sie reagiert?

    Sie hat mir erzählt, dass ihr Vater nie über die Mutter gesprochen hat. Dass sie selber drei Jahre alt war, als sie starb. Aber es gebe, sagte die Tochter, den großen Trost einer Erinnerung, wie sie im Arm ihrer Mutter lag und sich geborgen fühlte. Sie war mir dankbar, wir haben ein sehr herzliches Verhältnis. Kurz vor Weihnachten wird sie einen runden Geburtstag feiern. Ich werde hinfahren.

    Gehen Sie zu Ihren Eltern ans Grab?

    Nein. Das Grab vom Vater existiert auch nicht mehr. Mit ihm bin ich im Reinen. Ihn kann ich lieben. Er war ein Verbrecher, aber immerhin hat er sich am Lebensende mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und war alles andere als stolz auf seine Nazivergangenheit.

    Und Ihre Mutter, hat sie jemals Ihre Taten bereut?

    Meine Mutter war eine Massenmörderin, und sie hat nicht bereut. Wenn wir in einem Restaurant waren, und da saß ein behindertes Kind, was ein bisschen lauter war, machte sie so eine Miene und sagte: „Sowas ist doch heute nicht mehr nötig.“ In meiner Generation sind wir mit der Angst aufgewachsen: Hoffentlich ist der Vater kein Massenmörder gewesen. Und dann stellt sich heraus, dass es die Mutter war.
    KZ-Gedenkstätten-Besuche als Pflicht: „Davon halte ich nichts“

    Gerade gibt es in den Medien und im Buchhandel eine neue Welle von NS-Familiengeschichten. Enkel finden heraus, dass der Opa ein hochrangiger Nazi und an schlimmsten Verbrechen beteiligt war. Jetzt, mehr als 80 Jahre später! Wie erklären Sie sich das?

    Das ist die dritte Welle. Die erste kam mit der Ausstrahlung der Holocaust-Serie Ende der 70er-Jahre. Die zweite mit den Büchern um die Jahrtausendwende. Ich bin ja nicht die Einzige, die über Kriegskinder- und -enkel geschrieben hat.

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    Eine Parade des Wehrmachtsverbandes im Jahr 1936teutopress/imago

    Was halten Sie von dem Vorschlag der neuen Bildungsministerin Karin Prien, KZ-Gedenkstättenbesuche in Schulen als Pflicht einzuführen?

    Nichts. Man kann Lehrer nicht dazu zwingen. Und wenn man es tut, besteht die Gefahr, dass sie zu angespannt sind. Man kann so etwas nur machen, wenn man selbst das eigene Kinderzimmer mit all seinen Traumata aufgearbeitet hat. Ich hätte kein Problem, mit einer Schülergruppe nach Auschwitz zu fahren, ich würde sie auch ausbremsen können, wenn sie „Ausländer raus“ singen. Aber das kann man von Lehrern nicht verlangen.

    „Das Kinderzimmer aufarbeiten“, wie kann man damit anfangen, wenn man es nicht schon getan hat?

    Der erste Schritt ist, an Archive zu schreiben und parallel dazu historisches Wissen erwerben. Cicero hat vor 2000 Jahren geschrieben: „Nicht zu wissen, was vor der eigenen Geburt geschehen ist, heißt, immer ein Kind zu bleiben.“ Es gibt diese Abwehr, die sich als Naivität äußert: Wird schon alles nicht schlimm so gewesen sein. Ist ja schon so lange her. Anderes ist wichtiger.

    Ist diese Abwehr, dieses Schweigen in den Familien, eigentlich etwas typisch Deutsches oder gibt es das auch in anderen Regionen der Welt, wo Kriege oder Massaker stattgefunden haben?

    Natürlich gibt es das auch woanders. Wenn eine Katastrophenzeit zu Ende geht und eine neue Zeit beginnt, boomen die Familiengeheimnisse. Der spanische Bürgerkrieg ist quer durch die Familien gegangen und wir wissen wenig drüber. In den USA entwickeln sich zur Zeit Familien-Tabus. Gemeinsame Mahlzeiten gelingen nur noch, wenn darüber geschwiegen wird, wer pro und wer gegen Trump ist. Das ist etwas ganz Normales. Man schämt sich auch und erzählt es nicht weiter.

    Ist die Angst vor einem neuen Krieg in Deutschland größer als in anderen Ländern?

    Ja. Schon in den 80ern, als der Golfkrieg begann, wurde in Köln der Rosenmontagszug abgesagt, aus Angst, der Krieg könnte zu uns kommen. Das muss man sich mal vorstellen. Und aus den Fenstern wehten weiße Bettlaken, die mit der Zeit immer grauer wurden. So verstört waren die Leute.

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    Sabine Bode: 20 Jahre bin ich mit den Kriegskindern und -enkeln durchs Land getourt. Das reicht.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Sabine Bode: „Gewalt durch Gegengewalt in Schach halten“

    Und heute, da wieder überall von einem neuen Krieg in Europa und Aufrüstung geredet wird?

    Viele haben Angst vor Aufrüstung, statt erleichtert zu sein, dass wir nicht ausgeliefert sind für den Fall, dass Russland mit einem Angriff auf ein Nato-Land einen großen Krieg anzettelt. Offenbar ist durch 80 Jahre Frieden – für die ich unglaublich dankbar bin – bei vielen das Wissen abhanden gekommen, dass Gewalt nur durch Gegengewalt in Schach zu halten ist. Ich habe 2006 ein Buch über die deutsche Angst als nationale Gefühlslage und über Verdrängung geschrieben und wollte eigentlich noch eins schreiben: Deutsche Angst 2.

    Was ist daraus geworden?

    Nicht mehr als ein Arbeitstitel und sehr viel Unausgegorenes. Das ist vorbei. Ich denke, das sind jetzt auch die letzten Veranstaltungen, die ich zu meinen Themen mache. Dann ist Schluss.

    Dann ist Schluss?

    Ja. Man braucht für diese Art von Aufarbeitung eine Zeit, die friedlich ist, in der nicht so viel Vertrautes aus den Fugen gerät. Eine Zeit, in der nicht jeden Abend die Fernsehnachrichten den Blutdruck in die Höhe jagen. Ich gehe davon aus, dass die Menschen nicht mehr die Kraft haben, sich am Feierabend mit einem weiteren schweren Thema zu befassen. 20 Jahre bin ich mit den Kriegskindern und -enkeln durchs Land getourt. Das reicht. In zwei Jahren bin ich 80 Jahre alt. Wenn ich mich zurückziehe, kommen vielleicht andere, die diese Themen aufgreifen.

    Sabine Bode

    wurde 1947 in Eilsleben in der Nähe von Magdeburg geboren. 1948 zogen ihre Eltern mit ihr ins Rheinland. Als Journalistin arbeitete sie beim Kölner Stadtanzeiger und beim WDR und NDR. In ihren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel deckte sie auf, dass kindliche Kriegstraumata oft jahrzehntelang unentdeckt bleiben, sich erst im höheren Lebensalter zeigen und sich auf spätere Generationen übertragen können. Sabine Bode lebt in Köln.

    #Allemagne #nazis #euthanasie #psychologie

  • Près de Montpellier : à Murviel, un couple retrouvé décédé par arme à feu dans sa maison
    https://actu.fr/occitanie/murviel-les-montpellier_34179/pres-de-montpellier-a-murviel-un-couple-retrouve-decede-par-arme-a-feu-dans-sa-

    Selon les premiers éléments de l’enquête qui débute à peine, les faits auraient eu lieu entre 2h30 et 4h30, ce dimanche : le mari aurait tiré à bout portant sur son épouse avant de mettre fin à ses jours, un peu plus tard. L’arme à feu a été retrouvée près du corps du retraité et placée sous scellé judiciaire pour les besoins de l’enquête.

    J’attend impatiemment que notre ministre de l’intérieur annonce qu’il va faire interdire la vente d’armes à feu aux hommes adultes.

  • L’aide active à mourir : une fausse solution progressiste, Laure_M, Ingénieure malade (via SNJMG)
    https://blogs.mediapart.fr/laurem/blog/230125/l-aide-active-mourir-une-fausse-solution-progressiste

    L’aide active à mourir, présentée comme un progrès, masque des pressions sociales et des dérives graves. En réalité, elle renforce le validisme, pousse des personnes handicapées à choisir la mort faute de soutien et détourne le débat des vraies solutions : soins palliatifs, inclusion et lutte contre les discriminations. Ce n’est pas un droit, mais une fausse réponse d’une société validiste.

    [...]

    Le Canada : l’euthanasie comme réponse à la précarité

    Depuis l’instauration du Medical Assistance in Dying (MAiD) en 2016, initialement limité aux maladies terminales, la loi canadienne a été élargie en 2021 aux handicaps non terminaux. Cependant, ce « choix » reflète bien souvent les défaillances d’un système incapable de répondre aux besoins fondamentaux des personnes handicapées, incapable de respecter leurs droits, un « choisir la mort » bien obligé face aux conditions de vie précaires et aux inégalités systémiques, à l’absence de logement et à la maltraitance dans le système de santé.

    Voici des exemples qui illustrent ces dérives :

    1. Un homme perdant son logement : Un homme souffrant de douleurs chroniques a demandé le MAiD non pas parce qu’il voulait mourir, mais parce qu’il se retrouvait sans logement après la vente de son appartement. Son faible revenu, l’équivalent de l’AAH, l’empêchait de se reloger, et la demande de MAiD a été validée par les médecins, bien qu’il ait clairement exprimé qu’il ne souhaitait pas mourir. 

    2. Maltraitance hospitalière : Un autre cas est celui d’un homme ayant été hospitalisé et maltraité au point de développer des escarres graves après des heures d’attente aux urgences. Il a demandé le MAiD, considérant que la maltraitance subie était un indicateur de l’échec du système de santé à répondre à ses besoins. 

    3. Pression directe des médecins : Dans une autre situation, un patient a enregistré des discussions avec des membres du personnel hospitalier lui suggérant de recourir au MAiD, évoquant que ce serait la « meilleure option », malgré ses propres réticences à la mort.

    4. Des choix forcés par des défaillances systémiques : Christine Gauthier, une ancienne paralympienne, raconte comment un agent des Affaires des anciens combattants lui a suggéré de recourir au MAiD comme alternative à son incapacité à obtenir une rampe d’accès pour son domicile, qu’elle attend depuis cinq ans. 

    5. Accessibilité très facile de l’aide à mourir et inaccessibilité des soins palliatifs : Une autre Canadienne a témoigné de son expérience où, face à l’impossibilité d’accéder à des soins palliatifs ou à un suivi adéquat, elle a vu sa demande pour le MAiD validée en quelques semaines, sans aucune autre forme de soutien pour soulager sa souffrance, alors qu’elle ne souhaite pas mourir, mais souhaitait accéder aux soins palliatifs pour diminuer ses douleurs. 

    6. Incohérences du système de santé : Une Canadienne a été rappelée en seulement 24 heures pour une demande de MAiD, tandis que d’autres patients attendent des mois pour une consultation médicale. Cela révèle l’absurdité d’un système où la mort devient plus accessible que les soins nécessaires.

    Ces exemples révèlent les conséquences dramatiques du choix canadien : dans un système où la mort est une alternative plus accessible que toute autre forme d’assistance, elle vient aussi “soulager” les besoins de réformes essentielles en matière de santé et de soutien social. Le système canadien a rendu la mort « plus abordable » que des investissements dans les soins de santé, le soutien financier ou le logement accessible.
    Ce n’est donc pas de la « compassion », ni un véritable « choix » de vivre ou de mourir, mais le reflet d’un système capitaliste où la vie humaine semble avoir moins de valeur que des considérations économiques.

    #euthanasie #validisme #précarité #soins #soins_palliatifs

    • Piège de la réthorique du choix : le droit à choisir sa mort se divise en deux.

      Je repense à Benjamin, dont le « choix » du suicide résultait de la phase de conditionnement au désespoir des années 30 dans l’Allemagne nazie et d’une série d’autres contraintes, dont un refus de naturalisation par la France, et, pour finir, d’une intox des autorités franquistes : il serait en tant qu’apatride reconduit en France par l’Espagne, une réglementation jamais appliquée...

  • Le projet de loi « Fin de vie », qu’en disent les personnes handicapées antivalidistes ?
    https://www.lalutineduweb.fr/projet-loi-fin-vie-personnes-handicapees-antivalidistes

    J’ai décidé de compiler ici des ressources qui doivent être lues, regardées, écoutées afin de vraiment comprendre de quoi il est question ainsi que les implications concrètes de ce projet de loi pour des vies que beaucoup semblent préférer oublier. Source : La Lutine du Web

    • De nombreux patients en psychiatrie seront concernés en raison de la nature « incurable » de leur trouble selon les psychiatres. L’amendement excluant les patients en déficience intellectuelle a été rejeté. L’amendement exigeant de vérifier que le patient fait sa demande de façon libre et éclairée a aussi été rejeté. Le médecin peut être seul juge de cela. L’article 4 dans son intégralité laisse beaucoup de place à la subjectivité.

      De nombreux amendements visant à vérifier l’état mental, le discernement, le consentement mais aussi l’absence de coercition financière ou matérielle du patient ont été rejetés. Cependant le texte actuel ne prévoit rien de suffisant sur ces sujets. Il y a une superposition totale entre les personnes pouvant décider de l’institutionnalisation, et de celles pouvant être consultées par le médecin évaluant la demande d’aide à mourir. Rien ne permet au patient d’avoir accès à une vie en dehors des institutions, ou à des aides à domicile plutôt qu’en hôpital, avant de se voir administrer la substance létale.

      Les contrôles et évaluations de l’aide à mourir se feront a posteriori, donc après les décès. La commission qui en est chargée ne représente pas les patients et les personnes institutionnalisées de façon équitable.

      (...) L’aide à mourir pourra prendre place directement dans les établissements hébergeant des personnes dépendantes, handicapées, âgées, mais aussi des établissements en lien avec le milieu carcéral.

      [...]

      Article 9 paragraphe 4. On est sur un gros morceau, amendement demandé par les lobbyistes de @ADMDFRANCE , qui accusent les anti-validistes d’être des vilains lobbyistes, c’est cocasse… Encore une fois leur demande est acceptée : l’aide à mourir est réputée « mort naturelle ».

      Nous nageons en pleine dystopie, les mots signifient l’inverse de qu’ils signifiaient à la demande de l’État. Non seulement ce projet de loi nous fait quitter le cadre de l’euthanasie pour entrer dans celui du suicide assisté, mais en plus, il faut créer une novlangue assortie : le mot suicide est évincé, et l’administration volontaire d’une substance létale devient une mort naturelle.

      #fin_de_vie #suicide_assisté#euthanasie #maladie #handicap #psychiatrisés

    • Aide à mourir : un projet de loi dangereux dont les dérives sont déjà prévisibles. SNJMG
      https://drive.google.com/file/d/1X6palIkDbrTJtBU3CyyvoESSEvrOaNOC/view?pli=1

      Le débat sur une telle loi aurait pu être imaginé à un autre moment de l’histoire, et dans un contexte où l’assurance de moyens de subsistance et de soins décents serait acquise à long terme pour tous-tes. Malheureusement, il ne l’est pas en France en 2025, alors qu’on observe, et ce de façon encore plus criante depuis 5 ans, un refus inquiétant du progrès en santé, la normalisation des prises de positions eugénistes, validistes et âgistes, l’acceptation de pertes d’un nombre indécent de vies humaines, l’exclusion de l’espace public et la mise en danger de personnes vulnérables et que parallèlement on assiste à la constante régression de nos droits sociaux et à l’effondrement du système de santé public ainsi que des services publics de façon générale. Les discours sur les vies “dignes d’être vécues” se multiplient. Dans ce cadre, légiférer maintenant est en soi déjà inquiétant.

      Car le sujet ne peut être extrait de son contexte, et si l’attitude individualisante consistant à vouloir soi-même le droit de choisir de mourir si les souffrances sont insupportables est tout à fait compréhensible, le contexte social, la pression latente qui s’exerce sur les individus sont des éléments essentiels. Une recherche médicale correctement financée, des conditions de soins et de vie décentes pour tous-tes les malades doivent être un préalable.

  • De la « leçon de vie » à l’abattoir, les existences handicapées au service de la société validiste - Solidaires Informatique
    https://solidairesinformatique.org/2024/11/25/de-la-lecon-de-vie-a-labattoir

    Le 3 octobre dernier, Michel Barnier annonce être « favorable à reprendre le travail » sur le projet de loi sur l’euthanasie des personnes handicapées « là où il a été interrompu » lors de la dissolution de l’Assemblée Nationale.

    Dans la plus grande indifférence, à part la terreur et la colère des personnes directement concernées, ce texte, en cours d’examen au début de l’été, avait été validé lors d’un premier vote ; faisant ainsi consensus dans les partis politiques sans que cela ne pose question.

    La Commission Handicap de Solidaires Informatique est mortifiée de voir ce projet revenir sur le devant de la scène sous les applaudissements satisfaits de personnes valides de tous bords. Car loin d’être simplement motivée par un souci de respect de la dignité, cette loi s’inscrit plus cyniquement dans un projet continu de coupes budgétaires à la santé : suppression de l’AME (Aide Médicale d’État), fermetures de services entiers, accueil et structures indignes, discriminations et maltraitances, etc.

    Sur l’ensemble des territoires français, l’accès aux soins est de plus en plus difficile, mettant prioritairement en péril les personnes précaires malades ou handicapées.

    Au-delà de ce constat dramatique, n’oublions pas que la participation à la vie en société constitue une lutte permanente pour chaque personne handicapée… Quand elle ne tient pas de l’impossible, qu’il s’agisse de logement, déplacements, courses, culture, de travail et même d’accès aux espaces militants.

    Dans ce contexte, l’enthousiasme généralisé pour cette loi d’euthanasie est abject.

    Trouver un médecin traitant ou spécialiste relève du luxe pour nombre d’entre nous : les personnes pour qui un suivi médical assidu est une condition sine qua non de survie sont d’ores et déjà en danger.

    • Ce qu’on a vu ailleurs où c’est autorisé, c’est que le recours à l’aide à mourir est le fait de personnes plutôt plus aisées et âgées que la moyenne et qui très majoritairement souffrent d’une pathologie incurable du style cancer ou maladie neurologique. Et on se retrouve ici avec une alliance plus qu’improbable de curetons, de réacs divers (Retailleau en tête et toute la clique de la manif pour tous) et de gens de gauche pour combattre ça... Y a comme un problème à mes yeux.

    • Oui, je connais une dame âgée qui a fait mentionner dans son testament son intention de vouloir une « mort digne » ... en Suisse. Heureusement pour elle, elle a les moyens de financer « l’opération ».
      Maintenant j’ai quand même un mauvais pressentiment. Un peu comme si on disait aux familles modestes ; "Vous voyez bien, le service public d’éducation est complètement « failed ». Mais ne vous inquiétez pas, on va vous aider financièrement à scolariser vos enfants à Bétharram".

    • Je comprends pas trop la comparaison avec l’éducation nationale (en fait c’est déjà exactement ce qu’ils font que de pousser les gens dans le privé). La comparaison que j’ai en tête, c’est comme si on avait milité contre le mariage homo sous prétexte que le gouvernement ne faisait pas grand chose contre l’homophobie. Finalement, l’homophobie n’a pas spécialement reculé mais y a un droit en plus pour les homosexuel⋅l⋅es et ça c’est bien, même si c’était aussi un coup politique de Hollande pour cacher toutes ses mesures anti-sociales.
      Là ça milite contre l’aide à mourir sous prétexte que le système de santé est détruit méthodiquement et de plus en plus défaillant. Mais en fait, le système de santé va continuer à être détruit méthodiquement, loi ou pas, tant qu’on aura pas viré les gus au pouvoir. Et bien sûr que c’est aussi un coup politique des macronistes que de faire du « sociétal » pour masquer leur indigence sur les autres sujets par ailleurs.

    • Je pense que tu as toi même répondu au problème que tu soulèves lorsque tu parles de comparaison. Sinon, pour « l’aide à mourir », les services de soins palliatifs pratiquent déjà la sédation profonde lorsque la personne malade est « en fin de vie ». Encore faut-il que les malades y aient accès. Alors, à quoi vont servir les dispositions de cette nouvelle loi ?

    • @sombre la perspective de finir en sédation profonde n’enchante réellement personne, car avant d’en arriver à cette fameuse sédation, on passe par des étapes rarement plaisantes. Je comprends parfaitement qu’on n’ait pas envie de terminer de façon anticipée sa vie mais on est un paquet de monde à penser que finir dans un mouroir n’est pas très émoustillant. On sait très bien que tout cela est hypocrite et que les plus aisé⋅e⋅s vont en Suisse ou ailleurs, là où c’est autorisé, plutôt que d’atteindre le stade coincé dans un lit en état végétatif. Pour les autres c’est donc soit les piqûres pour dormir, soit le suicide à l’arrache (avec les risques de se louper, j’en connais une à qui s’est arrivé, une défenestration ratée, et son calvaire a duré 3 ou 4 mois de plus, dans un état encore bien pire et elle n’était plus en état physique de pouvoir le refaire, car tétraplégique, donc une vraie torture mentale en supplément).

  • Theo Boer, professeur d’éthique néerlandais : « J’ai cru qu’un cadre rigoureux pouvait prévenir les dérives de l’euthanasie : je n’en suis plus si sûr »
    https://www.lemonde.fr/idees/article/2025/04/07/theo-boer-professeur-d-ethique-neerlandais-j-ai-cru-qu-un-cadre-rigoureux-po


    Tribunal à La Haye où se tenait le procès d’une médecin accusée d’avoir donné la mort à une patiente atteinte de la maladie d’Alzheimer, sans s’être suffisamment assurée de son consentement. A La Haye, aux Pays-Bas, le 26 août 2019. ALEKS FURTULA / AP

    Depuis plus de vingt ans, les Pays-Bas expérimentent l’#euthanasie dans un cadre présenté comme strict, balisé, #éthique. Pourtant, les chiffres publiés dans le dernier rapport du comité d’examen, daté du 24 mars, racontent une autre histoire. Celle d’un élargissement constant, d’une banalisation progressive et d’un basculement culturel silencieux.

    En 2024, le nombre d’euthanasies a connu une nouvelle hausse de 10 %. On aurait pu penser que le phénomène atteindrait un plateau, surtout après une croissance modeste de 4 % en 2023. Il n’en est rien. La dynamique repart de plus belle, et le président du comité, Jeroen Recourt, prévoit que la courbe poursuivra sa montée dans les années à venir. Ce n’est plus une fluctuation : c’est une tendance structurelle.

    On objectera peut-être que cette augmentation suit le vieillissement de la population. Mais, même en proportion des décès globaux, le phénomène continue de s’amplifier : de 5,4 % des morts en 2023 à 5,8 % en 2024. En 2017, dans certaines régions, ce pourcentage atteignait déjà 15 %, et on s’attend à ce qu’il ait augmenté depuis lors. L’euthanasie n’est plus exceptionnelle : elle devient, dans bien des cas, une #fin_de_vie parmi d’autres.

    Pression accrue

    Mais, au-delà des statistiques brutes, d’autres évolutions suscitent une profonde inquiétude. L’émergence de l’« #euthanasie_à_deux », qui permet à des couples ou à des fratries de mourir ensemble, en est une. En un an, le nombre de ces morts planifiées en tandem a bondi de 64 %, pour atteindre 108 décès en 2024. Surtout, les euthanasies pour troubles psychiatriques ont progressé de 59 % , touchant des personnes parfois très jeunes. Des patients physiquement en bonne santé, mais plongés dans des souffrances mentales que la médecine peine à soulager, demandent désormais à mourir – et obtiennent gain de cause.

    Le nombre de cas liés à la démence augmente également rapidement. Ici, une demande d’euthanasie est souvent fondée sur la crainte d’une dépendance, d’une perte de dignité ou sur un testament de vie signé bien avant les premiers symptômes. Nous entrons là dans un champ où la volonté actuelle du patient est parfois floue, et l’acte médical repose sur des interprétations.

    Dans mes échanges avec de nombreux médecins néerlandais, une constante revient : la pression s’accroît. Ce n’est plus seulement une demande individuelle, mais une attente sociale. Du fait d’une « normalité » croissante, le personnel soignant se demande : « Jusqu’où irons-nous ? A quel moment cela cessera-t-il d’être un acte de compassion pour devenir une réponse automatique aux patients qui refusent d’accepter un refus ? » Pour de bonnes raisons, le gouvernement a maintenant lancé une enquête sur les raisons de cette augmentation.

    Et pourtant, face à ces doutes, le mouvement législatif continue. Le Parlement néerlandais étudie prochainement une proposition de loi visant à accorder le suicide assisté à toute personne de plus de 74 ans, même en l’absence de pathologie grave. Le seul critère serait l’âge . Un basculement symbolique majeur : on ne meurt plus parce qu’on souffre, mais parce qu’on estime avoir assez vécu. C’est une vision radicalement nouvelle de la #vieillesse, et de la valeur que nous accordons à notre société.

    En tant qu’ancien membre d’un comité d’examen de l’euthanasie, j’ai cru, à l’époque, qu’un cadre rigoureux pouvait prévenir les dérives : je n’en suis plus si sûr. Ce que je constate, c’est que chaque ouverture du champ de l’euthanasie crée de nouvelles attentes, de nouvelles demandes, une nouvelle #normalité. La logique interne du système pousse toujours à élargir. Une souffrance jugée « insupportable » aujourd’hui l’est parfois moins que celle d’hier, mais l’issue reste la même.

    Un pari risqué

    Dans l’Hexagone, certains assurent que « la France n’est pas la Hollande », et que ces évolutions ne s’y produiront pas. C’est un pari risqué. Car, dans tous les pays où l’euthanasie ou le #suicide_assisté ont été légalisés, on observe une croissance continue du nombre de cas. Ce n’est pas une exception néerlandaise. C’est une dynamique à l’œuvre partout où la mort médicalement provoquée devient une option.

    Je ne suis pas un adversaire acharné de l’euthanasie. Dans certains cas extrêmes, elle peut être un recours ultime. Mais je suis convaincu que sa légalisation n’apaise pas la société : elle l’inquiète, la transforme, la fragilise. Elle modifie notre rapport à la vulnérabilité, à la vieillesse, à la dépendance. Elle introduit l’idée que certaines vies, dans certaines conditions, ne valent plus la peine d’être vécues – ni même d’être soignées.

    Je m’adresse ici aux Français, non pour donner des leçons, mais pour partager l’expérience de mon pays. Regardez ce qui se passe chez nous. Ecoutez les voix, même discrètes, de ceux qui doutent. Avant d’ouvrir cette porte, posez-vous une question simple mais fondamentale : sommes-nous prêts à ce que tuer devienne une #option_médicale parmi d’autres, même en présence de soins palliatifs de pointe, et même en l’absence de maladie ? Sommes-nous prêts à faire peser sur les #soignants le poids d’un tel choix ?

    Apprenez de notre expérience. Il est encore temps.

    Theo Boer est professeur d’éthique de la santé à l’université théologique protestante de Groningue (Pays-Bas) et ancien membre d’un comité de contrôle de l’euthanasie du gouvernement néerlandais.

    La question est vite répondue à dire que la liberté individuelle se fout de la théologie. C’est louper les enjeux du soin, de ce que serait une solidarité consistante, louper l’emprise de normes sociales évolutives, comme le souligne l’article, d’un ensemble de dimensions qui viennent compliquer le fier présupposé du libre-arbitre.

    #vulnérables #malades #vieux #psychiatrie