Exil-Iraner: „Jubel für Reza Pahlavi ist Ausdruck völliger Hoffnungslosigkeit“
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13.01.2026 - Hamid Nowzari kämpfte gegen die Monarchie und die Islamisten. Er warnt vor einer Wiederholung der Geschichte unter umgekehrten Vorzeichen.
Ein Name taucht im Zusammenhang mit der Iran-Krise auf, den viele in den Geschichtsbüchern nachschlagen müssen: Der im US-Exil lebende Schah-Sohn Reza Pahlavi heißt genau wie sein 1979 von der Islamischen Revolution vom Pfauenthron gestürzter Vater. Der iranische Schah herrschte als Verbündeter der USA und Israels mit eiserner Faust. Sein Sohn gilt nun als Galionsfigur des iranischen Aufstandes gegen die Mullahs. Die Bilder von 2026 gleichen denen von 1978 unter umgekehrten Vorzeichen. Es ist zum Augenreiben. Hamid Nowzari leitet den Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin und vertritt seit Jahrzehnten die Belange der Exil-Iraner. Er kämpfte gegen den Schah und floh 1980 vor den Mullahs. Wie steht er zu Reza Pahlavi II.?
Herr Nowzari, Sie haben als junger Mann gegen den Schah protestiert. Jetzt gilt der Sohn des Schahs als Gesicht einer möglichen neuen Revolution im Iran. Legt die Geschichte den Rückwärtsgang ein?
Ich glaube, das trifft es gut. Die Menschen im Iran sind so verzweifelt, dass sie die Revolution ungeschehen machen wollen. Junge Iraner wissen wenig über die Zeit unter dem Schah. Sie hören, dass es dem Land wirtschaftlich besser ging. Es gab kein westliches Sanktionsregime wegen eines Atomprogramms. Und die persönliche Freiheit war nicht eingeengt durch die religiösen Regeln. Die Folter und die Unterdrückung unter dem Schah sind angesichts des heutigen Albtraums offenbar für viele junge Iraner ganz weit weg. Ich kann das verstehen, aber ich halte es für gefährlich.
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Markus Wächter/Berliner Zeitung
Aktivist aus dem Iran
Hamid Nowzari
floh 1980 aus dem Iran nach West-Berlin. Er gründete mit Exil-Iranern 1986 den Verein iranischer Flüchtlinge. Nowzari wurde 1958 geboren. Er war Gegner des 1979 durch die Islamische Revolution gestürzten Schahs Reza Pahlavi und der nachfolgenden Herrschaft der Mullahs im Iran.
Warum?
Die Iraner müssen sich fragen, wie es so weit kommen konnte mit ihrem Land. Und zur ehrlichen Antwort gehört, dass es ohne die Unterdrückung durch den Schah die Revolution von 1978 bis 1979 und die folgende Diktatur der Mullahs mit ihren schrecklichen Folgen nicht gegeben hätte.
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Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die damalige Linke 1978 mit den Islamisten gemeinsame Sache gegen den Schah gemacht hat, oder nicht?
Ich bin mit der Analyse auch völlig einverstanden. Deshalb mahnen viele im heutigen linksliberalen Lager der Opposition zur Vorsicht, den Fehler von damals nicht jetzt unter umgekehrten Vorzeichen zu wiederholen. Mich macht die unkritische Haltung der Monarchisten zu Donald Trump besonders misstrauisch.
Reza Pahlavi, der Sohn des gestürzten iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi, spricht während einer Pressekonferenz.
Reza Pahlavi, der Sohn des gestürzten iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi, spricht während einer Pressekonferenz.Thomas Padilla/AP
Als iranischer Linker haben Sie den Sturz des demokratischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh 1953 mit Unterstützung des US-Nachrichtendienstes CIA sicher nicht vergessen. Es folgte die US-interessenverpflichtete Herrschaft des Schahs. Nun ist Reza Pahlavi II. nicht sein Vater. Er redet von einem Referendum über die Wiedereinführung der Monarchie nach einem Sturz der Mullahs. Das klingt demokratisch.
Ja, es klingt so. Aber sehen wir auch Konsequenzen? Pahlavi hat sich nie von den Hinrichtungen oder der Folter unter seinem Vater distanziert. Er spricht von Separatisten, wenn es um Kurden und andere Minderheiten Irans geht. Und was Donald Trump betrifft, gäbe es genug Gründe, nicht allzu sehr seine Nähe zu suchen. Es könnte auch sein, dass es Reza Pahlavi am Ende so geht wie der venezolanischen Oppositionsführerin María Corina Machado.
Sie meinen, dass Trump Pahlavi II. fallen lassen könnte, um mit jemandem aus der zweiten Reihe des Mullah-Regimes einen Deal zu machen?
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Trump redet viel über das Öl in Venezuela, das jetzt ihm gehören soll. Er sagt nichts über die Freilassung politischer Gefangener oder über Demokratie für das venezolanische Volk. Das Regime unterdrückt auch ohne Maduro weiter das Volk. Das wünsche ich mir nicht für den Iran.
Wie geht es nun weiter?
In den kommenden Tagen gibt es politisch keine Ausreden. Wir dürfen unter keinen Umständen zulassen, dass die Verbrechen des Regimes im Iran erneut aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden. Unsere Aufgabe ist es, Demonstrationen zu organisieren, Druck aufzubauen und Öffentlichkeit zu erzwingen. Schweigen ist keine Option. Keine Sekunde darf vergessen werden, dass unsere Hauptfeinde noch immer im Iran an der Macht sind.
Sie planen also weitere Kundgebungen der iranischen Exilgemeinde in Berlin. Und was passiert im Iran? Dort lassen die Demonstrationen ja schon wieder nach.
Ich weiß es nicht. Ich hatte Mitte vergangener Woche das letzte Mal Kontakt mit Bekannten im Iran. Sie haben mir gesagt, die Menschen beben, es wird etwas Großes passieren. Ich weiß im Moment nicht einmal, ob meine Freunde noch am Leben sind. Ich gehe davon aus, dass das Regime das Netz nicht mehr lange abschalten kann, weil sonst die Wirtschaft zusammenbricht. Was danach geschieht, ist für mich völlig unklar.
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Von der Euphorie zur Zeit der „Frau, Freiheit, Leben“-Bewegung 2022 und 2023 gegen die Unterdrückung der Frauen im Iran scheint bei Ihnen nichts mehr übrig zu sein.
Damals gab es einen utopischen Moment. Die Menschen träumten von einer feministischen Revolution, die alle Iraner aus den Städten, vom Land, aus den Minderheiten und LGBT vereint. Es schien für einige Zeit möglich zu sein. Die Repression hat gesiegt und heute sehe ich im Iran nur noch Überlebenskampf und nackte Verzweiflung. Pahlavis Anhänger haben den Slogan „Frau, Freiheit, Leben“ in „Mann, Heimat, Entwicklung“ umgedichtet. Das ist vielleicht als Angebot für manche Konservative gedacht, die noch zum Regime halten. Aber es zeigt ihre Haltung. Jubel für Reza Pahlavi ist der Ausdruck völliger Hoffnungslosigkeit für mich.
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