4.8.2026 von Daniel Loick - In alten Westernfilmen ist oft zu sehen, wie ein Fort von »Eingeborenen« angegriffen wird. Diese Darstellung, so schreiben Stefano Harney und Fred Moten in »The Undercommons«, verwechselt Angreifer*innen mit Angegriffenen: In Wirklichkeit ist es das Fort, das in die Umgebung einfällt. Ein ähnliches Bild lässt sich jedes Wochenende im Frankfurter Bahnhofsviertel beobachten. Zahlreiche Bars und Clubs umzäunen öffentliche Gehwege mit Gitterabsperrungen, hinter denen sich nur aufhalten darf, wer zahlt. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell: Hipster wie Yuppies genießen es, hier so lange, so laut und so ungezügelt feiern zu können, wie sie es in ihren eigenen Vierteln kaum dürften.
Ein ganz anderes Bild sieht man, wenn man sich tagsüber im Bahnhofsviertel bewegt. Wer vom Hauptbahnhof in die Innenstadt läuft, stellt sich schnell die Frage, ob er versehentlich in einem Kriegsgebiet gelandet ist. Auf den engen Gehwegen liegen regungslose Körper, fast wie auf einem verlassenen Schlachtfeld. Weil sich hier nicht nur Sexarbeit und Wohnungslosigkeit, sondern auch offener Drogenkonsum konzentrieren, gilt das Frankfurter Bahnhofsviertel seit Jahrzehnten als »Problemviertel«. Durch eine baustellenbedingte Absperrung des Karlsplatzes, der normalerweise ein zentraler Aufenthaltsort für Drogennutzende ist, hat sich die Lage seit April noch einmal drastisch verschärft: Vertrieben von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten haben die Drogen-User*innen kaum noch Orte, an denen sie sich ungestört aufhalten können. Der Effekt ist die Produktion dessen, was der Soziologe Zygmunt Bauman als »verworfenes Leben« bezeichnet hat: Menschliches Leben wird wie Müll behandelt. Beides – das exzessive Clubleben der einen und die Dehumanisierung der anderen – hängen zusammen. Wie die Siedlung im Wilden Westen, so sind auch die Clubs im Bahnhofsviertel auf eine Entwertung ihrer Umgebung angewiesen.
Frankfurter Bahnhofsviertel
Das Frankfurter Bahnhofsviertel gilt unter anderem wegen der großen Zahl an Drogenkranken bundesweit als Problemviertel, dem nur mit – immer mehr – Polizei beizukommen sei. Der Philosoph Daniel Loick, der zu den Auswirkungen staatlicher Gewalt forscht und selbst im Bahnhofsviertel wohnt, blickt radikal anders auf die Lage. Für ihn ist es die gezielte Vernachlässigung von Nachbarschaften und Menschen, die thematisiert werden muss.
Zum Teil funktioniert diese Entwertung über die skandalisierenden medialen Darstellungen, deren Gegenstand das Bahnhofsviertel regelmäßig wird. Dazu zählen zum einen die Kampagnen der Boulevardpresse – am extremsten vielleicht der Bericht 2024 der englischen Zeitung »The Sun«, die zur EM anreisende Fußballfans vor dem »Zombieland« Bahnhofsviertel warnte, aber auch regelmäßige Aufmacher in »Bild« und »Welt« sowie Realityformate von RTL und Sat1, die die Einzelschicksale von Drogenkonsument*innen dramatisch in Szene setzen. Zum anderen verwenden rechte Medien wie die »Junge Freiheit« oder der Travel-Blogger Kurt Caz immer häufiger Social Media, um das Bahnhofsviertel als Drogen- und Gewaltmoloch darzustellen. Frankfurt wird hier zum Symbol für alles, was falsch läuft in Deutschland: voll mit Junkies, Ausländern und Kriminellen. Unerwünschte Bevölkerungsgruppen werden so als Störfaktoren konstruiert, gegen die sich »normale Bürger« verteidigen müssen – ein beliebtes Motiv autoritärer und faschistischer Agitation.
Die Stadt ist nicht nur eine Infrastruktur, zu der jede*r Zugang haben sollte, sondern auch ein todbringender Prozess, den es zu unterbrechen gilt.
Auch Gewerbetreibende des Bahnhofsviertels versuchen mittlerweile verstärkt, in die Debatte einzugreifen und bedienen sich dabei dehumanisierender Rhetoriken. Besonders häufig werden dabei Menschen symbolisch in die Nähe von Müll und Unordnung gestellt. So veröffentlichte die so genannte »Eigentümerinitiative Bahnhofsviertel«, ein Zusammenschluss verschiedener Frankfurter Unternehmen, auf ihrer Webseite eine Liste von 13 Forderungen zum Bahnhofsviertel, von denen so gut wie alle die Themenbereiche »Sicherheit und Sauberkeit« betreffen: Gefordert wird der massive Ausbau der Polizeipräsenz, Kameraüberwachung und effizientere Müllabfuhr. Noch deutlicher wird die mit viel Presse-Echo neu gegründete Initiative »S.O.S. Bahnhofsviertel«, die unter anderem vom Club- und Pizzeriabetreiber Rusbeh Toussi, dem Ex-Moderator Achim Winter (»Tichys Einblick«) sowie dem wegen Anlagebetrugs verurteilten PR-Berater Jürgen Aha unterstützt wird. Die Bildersprache auf der Webseite der Initiative erinnert an die eugenischen Phantasien der 1930er Jahre. Auf einer Grafik (»Vom Wohngebiet zur Zombie-Area«) etwa ist eine Waage zu sehen, bei der auf der einen Seite eine ganz in Schwarz gezeichnete grimmige Personengruppe mit Messern, Reagenzgläsern und Totenköpfen steht (»Junkies und Dealer«), auf der anderen Seite freundliche Geschäftsleute mit Aktenkoffern und Kindern vor der Frankfurter Skyline (»Betroffene Bürger«). Die Message: »Ein Viertel als Geisel«. Der »Zehn-Punkte-Plan« der Initiative fordert unter anderem die Einhegung der Drogennutzenden in eine »Toleranzzone«, den Einsatz von »Suchtmittelspürhunde[n]« sowie: »wirksame Drohnenbefliegungen (...)! Was sich in der Ukraine längst bewährt hat, fehlt bei uns. Gemeinsam mit Militärs aus unserer Partnerstadt Lviv sollten leistungsstarke Überwachungsdrohnen über den Straßen des Bahnhofsviertels fliegen, und zwar möglichst ganztägig«.
Während die Vorstellung militärischer Drohnenüberwachung selbst ordnungsliebenden Frankfurter*innen noch übertrieben anmuten mag, findet der Ruf nach mehr Repression durchaus Gehör. Die Stadt Frankfurt und das Land Hessen haben mit der Umsetzung eines »Sofortprogramms« begonnen, das die Eröffnung einer neuen mobilen Polizeiwache, die Einrichtung von Waffenverbotszonen und KI-gestützte Videoüberwachung umfasst. Die Polizeipräsenz auf den Straßen ist massiv: Es ist kaum möglich, einen viertelstündigen Spaziergang durch das Viertel zu machen, ohne Betroffene*r oder Zeugin einer verdachtsunabhängigen Personenkontrolle zu werden. Am Elend im Viertel ändern all diese Maßnahmen natürlich nichts: Weder Drogenabhängigkeit noch Arbeits- und Wohnungslosigkeit lassen sich durch Repression bekämpfen. Im Gegenteil: Für diejenigen, deren Existenz ohnehin durch ständige Vertreibung und Entmenschlichung geprägt ist, bringt die Polizei mehr Stress und im Zweifelsfall einen riskanteren Konsum.
Soziale Infrastrukturen statt Polizei
Eigentlich braucht es nicht viel Fantasie, um sich Maßnahmen auszumalen, die den Menschen im Bahnhofsviertel wirklich helfen würden. Zum einen sind dies Maßnahmen, die etwas an ihrer Lebenssituation ändern würden, das heißt vor allem Wohnungen, Gesundheitsversorgung und eine gute Drogenarbeit, für die mit dem akzeptierenden »Frankfurter Weg« bereits eine Grundlage geschaffen wurde. Aber auch eine Hygiene-Infrastruktur mit Toiletten und Duschen, Trinkwasserspender, schattenspendende Bäume sowie Sitz- und Liegegelegenheiten würden der Verelendung entgegenwirken. Allein eine Umverteilung vorhandener Haushaltsmittel von repressiven Maßnahmen in den Ausbau von Möglichkeiten der sozialen Teilhabe würde die Situation entschärfen. Dies wirft die Frage auf, warum Gewerbetreibende, Medien und Politik so eisern an der Fantasie einer Befriedung durch Vertreibung und Repression festhalten – Strategien, die ihre Wirkungslosigkeit seit Jahrzehnten bewiesen haben?
Gentrifizierung wird häufig als Aufwertung eines Viertels beschrieben: Cocktailbars, Galerien und Bio-Supermärkte machen eine Nachbarschaft attraktiver, verursachen höhere Mieten und zwingen so die bisherigen Mieter*innen zum Umziehen. Dieser Prozess erscheint als unintendiert und »soft«: Verdrängung ist der Kollateralschaden von Hipster-Cafés und Künstlerkneipen. Im Frankfurter Bahnhofsviertel lässt sich aber beobachten, dass Gentrifizierung auch als Abwertung eines Viertels ablaufen kann. Gerade das verruchte und »gefährliche« Image des Viertels macht es für einen Teil der Gewerbetreibenden bezahlbar und bietet den Gästen eine kulturell aufregende Hintergrundszenerie. Viele der Wochenend-Tourist*innen kommen gerade deshalb ins Bahnhofsviertel, weil ihnen hier Verhaltensweisen offenstehen, die im Westend, Nordend oder Kronberg sanktioniert würden – und die auch den regulären Bahnhofsviertel-Nutzer*innen untersagt sind: Sie sind laut, blockieren Gehwege, urinieren an die Wände. Besonders ironisch ist dabei, dass sie auch auf die gleichen Formen der Selbstmedikalisierung zurückgreifen: Alkohol, Nikotin, Kokain. Nur ist der Gebrauch dieser Substanzen in entgegengesetzte soziale Welten eingebunden: Der Gebrauch für die einen wird durchgesetzt durch die Kriminalisierung und die organisierte Vernachlässigung der anderen. Das gute Leben der einen geht mit dem langsamen Tod der anderen einher. Gentrifizierung erscheint so anders als im konventionellen Bild: Die Degradierung des Viertels zur Kulisse für Party-Tourismus wird bewusst vorangetrieben und bedient sich Mitteln der offenen staatlichen Gewalt.
Die regulären Drogennutzenden des Bahnhofsviertels selbst kommen in der öffentlichen Debatte nur als Kranke oder als Gefahr vor. Sie haben keine oder nur strafrechtlich relevante Handlungsmacht: Sie sind Objekte, über die von anderen bestimmt werden muss. An dieser Objektifizierung wirken nicht nur die Medien und die Politik, sondern auch die privilegierten Bevölkerungsgruppen mit – Gewerbetreibende, gut situierte Nachbar*innen, Party-Tourist*innen. Zum einen müssen sie sich gegenüber dem allgegenwärtigen Leid kalt und indifferent machen und können die Menschen, die sich ansonsten noch auf der Straße aufhalten, nicht als echte Gegenüber wahrnehmen. Zum anderen können sie auch eine Macht über das verworfene Leben genießen – sie wissen, dass sie jederzeit die Polizei rufen können, um souverän über andere Menschen im öffentlichen Raum verfügen zu können. Eine ähnliche Macht üben im Bahnhofsviertel auch viele männliche Freier über Sexarbeiter*innen aus, insbesondere wenn diese schutzlos sind, etwa weil sie Drogen nehmen oder einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben. Alles ist käuflich, alles ist wegwerfbar, auch das Leben der Anderen. Das Verhältnis zwischen den Reichen und den Armen, den Yuppies und den Junkies ist also nicht nur ungleich, sondern differenziell: Die einen haben nicht nur mehr Macht als die anderen, sondern auch Macht über sie.
Im Bahnhofsviertel – eine kleine Nachbarschaft, die nicht mehr als 0,5 Quadratkilometer umfasst – konzentrieren sich wie kaum anderswo in Deutschland die globalen Krisen. Der zentrale gesellschaftliche Gegensatz ist hier unmittelbar sichtbar: Rund um den Karlsplatz Armut und Leid, im Hintergrund Soll und Haben, die glitzernden Zwillings-Wolkenkratzer der Deutschen Bank, die im letzten Jahr einen Umsatz von 32 Milliarden Euro erwirtschaftet hat. Aus dem Zusammenspiel von Gentrifizierung und Staatsgewalt, das sich hier wie unter einer Lupe beobachten lässt, kann man zweierlei lernen. Erstens darf man sich die Produktion von »verworfenem Leben« nicht als etwas vorstellen, das nur an den Grenzen der Gesellschaft geschieht. Diese Prozesse finden in ihren Zentren statt, inmitten der Innenstädte, und zwar zwischen Gemeinschaften, die sich in enger räumlicher Nähe zueinander befinden. Und zweitens wird jeder Versuch, das Elend im Bahnhofsviertel und anderswo zu mildern, humanitäre Geste bleiben, solange nicht die gesellschaftlichen Strukturen verändert werden, die menschliches Leben als entbehrlich definieren. Die Stadt ist nicht nur eine Infrastruktur, zu der jede*r Zugang haben sollte (wie es die »Recht auf Stadt«-Bewegungen fordern) und ein Reichtum, den wir uns aneignen können (wie es in den Vergesellschaftungs-Debatten diskutiert wird), sondern auch ein todbringender Prozess, den es zu unterbrechen gilt.