Abwanderung aus der Ukraine: Hunderttausende haben das Land verlassen
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Die Taxifahrer in Warschau kotzen ...
28.1.2026 von Nicolas Butylin - Hunderttausende Ukrainer haben in den vergangenen Monaten ihr Land verlassen. Politiker warnen vor Folgen für Mobilisierung und Wirtschaft. Auch in der EU wächst der Druck zur Rückkehr.
Die Ukraine steht vor einem demografischen und sicherheitspolitischen Problem. Immer mehr junge Menschen verlassen das kriegsgebeutelte Land. Besonders auffällig ist dabei die Abwanderung junger Männer, seitdem für bestimmte Altersgruppen die Ausreisebeschränkungen gelockert wurden.
Nach Angaben des ukrainischen Abgeordneten Serhij Nahornjak von der Regierungspartei Diener des Volkes haben in den vergangenen sechs Monaten mehr als eine halbe Million Ukrainer unter 23 Jahren das Land verlassen. In einem Interview mit dem Portal Nowyny.Live sprach der Politiker von „erschreckenden Zahlen“ und schilderte eindrücklich, wie präsent Ukrainer inzwischen in europäischen Metropolen seien.
Ukraine: Grenzschutz widerspricht Selenskyj-Kollegen
„Wenn man nach Warschau kommt, hat man manchmal den Eindruck, der einzige Unterschied zu Kiew bestehe darin, dass es dort Licht und Wärme gibt“, sagte Nahornjak. In der polnischen Hauptstadt treffe man überall auf junge Ukrainer. In der Tat sind ein Großteil der Taxifahrer, Mitarbeiter in Cafés, Restaurants oder Geschäften in Warschau Ukrainer. „Fast jeder zweite Taxifahrer ist Ukrainer. Und alle sind junge Männer“, so der Parteikollege von Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Der Abgeordnete betont – wie auch das Gros des ukrainischen Polit-Establishments –, er versuche, Landsleute zur Rückkehr zu bewegen, wann immer er sie im Ausland treffe. So habe Nahornjak zuletzt am Flughafen in Zürich mit Ukrainern gesprochen und gefragt, ob sie es erwägen würden, wieder zurück in die Heimat zu kommen. Nahornjak war auf der Rückreise vom Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos.
Die Darstellungen Nahornjaks sorgen erwartungsgemäß für Unmut innerhalb der ukrainischen Behörden. Der ukrainische Grenzschutz wies die Zahl von 500.000 Ausgereisten ausdrücklich zurück. Der Sprecher Andrij Demtschenko erklärte, diese Angaben entsprächen nicht der Realität, die tatsächliche Zahl liege deutlich darunter. Konkrete Statistiken veröffentlichte die Behörde allerdings nicht.
Unabhängig von der exakten Größenordnung gilt die Abwanderung junger Ukrainer in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als ernstes Problem. Der Abgeordnete Roman Kostenko von der Oppositionsfraktion Holos kritisierte, dass junge Männer ins Ausland gingen, während Gleichaltrige im Rahmen spezieller Jugendverträge an der Front kämpften.
Auch auf kommunaler Ebene wächst die Sorge vor einer Massenabwanderung junger ukrainischer Männer. Der Bürgermeister von Iwano-Frankiwsk, Ruslan Marzinkiw, erklärte, nach der Grenzöffnung für Männer unter 22 Jahren hätten sehr viele junge Menschen die Stadt verlassen. Dies habe den lokalen Arbeitsmarkt spürbar belastet und zu akutem Fachkräftemangel geführt.
Seit Beginn des Krieges im Februar 2022 unterliegen Männer zwischen 18 und 60 Jahren grundsätzlich einem Ausreiseverbot. In den vergangenen Monaten wurden diese Regeln jedoch für bestimmte Altersgruppen und Lebenssituationen gelockert. Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren dürfen unter bestimmten Voraussetzungen ausreisen, etwa zu Studienzwecken oder bei nachgewiesenem Aufenthalt im Ausland.
Migration: Merz hat Selenskyj um Unterstützung gebeten
Zeitgleich bleibt die Mobilisierung eines der brennendsten Themen im Land. Die ukrainische Führung von Präsident Selenskyj steht unter wachsendem Druck, neue Soldaten zu rekrutieren, während die Gesellschaft kriegsmüde ist und viele junge Menschen ihre Zukunft außerhalb des Landes suchen. Für Männer zwischen 18 und 22 Jahren gilt bislang keine allgemeine Einberufungspflicht, doch immer wieder wird über eine Ausweitung der Mobilisierung debattiert.
Experten in ukrainischen Medien warnen davor, dass eine langfristige Abwanderung junger, arbeitsfähiger Ukrainer nicht nur die Verteidigungsfähigkeit, sondern auch den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes gefährden könnte. Auch in mehreren EU-Staaten, die besonders viele ukrainische Geflüchtete aufgenommen haben, mehren sich Stimmen, die eine stärkere Rückkehr in die Ukraine fordern. In Deutschland etwa äußerten sich führende Unionspolitiker wie Bundeskanzler Friedrich Merz oder CSU-Chef Markus Söder wiederholt dahingehend, dass arbeitsfähige ukrainische Männer perspektivisch stärker in die Verantwortung genommen werden müssten.
So habe Merz den ukrainischen Staatschef im November darum gebeten, die Ausreise junger Männer nach Deutschland zu verhindern. „Ich habe ihn gebeten, dafür zu sorgen, dass diese jungen Männer im Land bleiben, weil sie im Land gebraucht werden und nicht in Deutschland. Wir brauchen jeden, der anpacken kann, mithelfen kann, bis hin zum Militärdienst in der Ukraine“, sagte Merz.
Ähnliche Töne sind auch aus Polen zu hören. Dort wird angesichts der hohen Zahl ukrainischer Staatsbürger und wachsender Belastungen für Kommunen und Sozialsysteme zunehmend darüber diskutiert, ob der temporäre Schutzstatus stärker an die Entwicklung der Lage in der Ukraine gekoppelt werden sollte. Gleichzeitig verweisen Menschenrechtsorganisationen darauf, dass viele junge Männer schlicht versuchen, dem Krieg und einer ungewissen Zukunft zu entkommen.
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