• Bedrohte Clubkultur in Berlin: Tausche Party gegen Profit
    https://taz.de/Bedrohte-Clubkultur-in-Berlin/!6188378


    Clubbetreiber Ludwig Eben hält im Humboldthain die Stellung Foto: Anna Simbürger

    1.7.2026 von Anna Simbürger - Ein Investor will ein Hotel neben dem Humboldthain errichten. Um das zu ermöglichen, hat der Bezirk extra ein Grundstück getauscht – für nur 30.000 Euro.

    Vier Euro kostet der Eintritt im Humboldthain-Club an einem Dienstagabend. In Berlin eine erfreuliche Überraschung – an anderen Clubtüren ist man schnell mal 25 Euro los. Eine lange Treppe führt in den Außenbereich hinab, neben einer Bar steht eine Tischtennisplatte, an der gerade Rundlauf gespielt wird. Im Innenbereich wummert der Bass. Abends um sechs sind nicht mehr als ein Dutzend Leute anzutreffen, aber es ist ja auch noch früh.

    Clubbetreiber Ludwig Eben, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Filmemacher David Lynch aufweist, sieht den Club bedroht. Nebenan will der Investor Periskop Partners – eine Firma, die laut Webseite „innovative Lösungen für ungenutzte Grundstücke ohne Baugenehmigung“ findet und sie bis zur „Baureife“ entwickelt – ein Hotel bauen. Eben fürchtet Lärmbeschwerden: „Ich kann nicht wegen irgendwelcher Beschwerden hier um zehn zumachen. Dann kann ich den Laden auch gleich schließen.“

    Das Thema ist kein Neues, seit fünf Jahren beschäftigt der Hotelbau und das dadurch bedrohte Humboldthain nun den Bezirk Mitte und den Clubbetreiber. Dabei hat der Bezirk den umstrittenen Hotelbau erst ermöglicht. Einen entscheidenden Teil des zukünftigen Baugrunds hat der Investor erst durch einen Grundstückstausch mit dem Bezirk erhalten – und zwar, wie eine Einwohneranfrage von Clubbetreiber Eben jetzt herausgefunden hat, für einen äußerst marginalen Geldbetrag.

    Ich kann nicht wegen irgendwelcher Beschwerden hier um zehn zu machen.

    Ludwig Eben, clubbetreiber

    Denn der Investor Periskop Partners stand vor einem Problem: Der zukünftige Hotelgrund war ursprünglich ein zackiges Grundstück mit vielen Ecken und Kanten – kaum geeignet für einen Hotelbau. Zwischen Club und Investorengrundstück lag ein ebenfalls gezackt geformter Spielplatz, der dem Bezirk gehört. Durch den Tausch von zwei Teilflächen – ein Teil Spielplatz gegen einen Teil Baugrundstück – sind nun nicht nur zwei gerade Grundstücke entstanden, beide haben auch erheblich an Wert gewonnen.
    BIM ermittelt 30.000 Euro Wertzuwachs

    Wie viel, das geht aus einem Gutachten hervor, das Clubbetreiber Eben bei der Fidelius & Römling Bewertungsgesellschaft beauftragt hat: Demnach soll das Investorengrundstück nun 1,2 Millionen Euro mehr wert sein als vorher. Doch für den Grundstückstausch erhalten hat der Bezirk nur 30.000 Euro, wie aus der Antwort auf die Anfrage von Eben hervorgeht.

    Lange stand sogar im Raum, dass es sich um einen unentgeltlichen Tausch gehandelt haben könnte. Erst auf die Anfrage von Eben stellte Ephraim Gothe von der SPD, der zum Zeitpunkt des Tausches als Stadtrat unter anderem für das Stadtentwicklungsamt von Mitte zuständig war, klar: Es hat ein Geschäft mit dem Investor stattgefunden. Das kommt Eben komisch vor. „Erst hieß es ja, es gab keine Kohle. Dann gab es doch Kohle. Und dann war die Kohle aber so mini wenig, dass man sich auch fragt, wie hat man das festgestellt?“, wundert er sich.

    Den Betrag von 30.000 Euro ermittelte laut Bezirksamt die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) in einem eigenen Gutachten. Einsicht in dieses Gutachten gewährt die BIM der taz nicht. Es handele sich um ein „vertrauliches Grundstücksgeschäft“.
    Neues Gutachten zu den Gutachten

    Der Grundstückstausch war auch auf der letzten BVV-Sitzung in Mitte vor zwei Wochen Thema. Dabei konnte sich Bezirksstadtrat Christopher Schriner von den Grünen, die im Bezirk Mitte eine Zählgemeinschaft mit der SPD bilden, nicht erklären, wie es zu der großen Differenz der beiden Summen kommt.

    „Ich bin hin- und hergerissen, weil …“ – Schriner stockt im Satz, kratzt sich am Kinn, spricht nach einer kurzen Pause weiter – „… es sind verschiedene Gutachter und wir müssen das Gutachten von der BIM ansehen und die Annahmen gegenüberstellen.“ Seine unbürokratische Lösung: „Man könnte ein Gutachten machen, das die beiden Gutachten miteinander vergleicht.“ Das Bezirksamt habe keinen Grund gesehen, am vorgelegten Gutachten der BIM zu zweifeln, sagte Schriner. Der Tausch sei auch im Interesse des Bezirks gewesen.

    Wir prüfen gerade, ob wir eine Anzeige am Landesrechnungshof stellen

    Martha Kleedörfer, Linken-Politikerin

    Martha Kleedörfer von den oppositionellen Linken sieht das anders: „Wir prüfen gerade, ob wir eine Anzeige am Landesrechnungshof stellen, weil offensichtlich hat das Bezirksamt dem Land Berlin dadurch einen Schaden zugefügt.“ Um die Causa aufzuklären, hat sich die Linken-Politikerin in den letzten Monaten durch zahlreiche Bezirksakten gewühlt.

    Gewünscht hätte sich Kleedörfer eine Verwendung im Sinne des Gemeinwohls: „Fakt ist, dass hier ein Grundstücksgeschäft zugunsten eines Investors stattgefunden hat. Nicht für eine Kita oder ein Krankenhaus, was einen Mehrwert für die Berliner Stadtgesellschaft gegeben hätte“, sagte sie der taz.
    50 Dezibel dürfen beim Hotel ankommen

    Tarek Massalme von den Grünen ist auf der BVV optimistischer gestimmt. Den Club sieht er aktuell nicht in Gefahr. Im Bauvorbescheid sind dem Hotelbau Auflagen gemacht. 50 Dezibel dürfen bei den Hotelgästen ankommen – etwa eine normale Unterhaltungslautstärke. Dafür Sorge zu tragen hat das Hotel selbst.

    Eben ist damit nicht zufrieden. Er fände eine Grenze von 65 Dezibel angemessen. In jedem Fall wird er aber für den Erhalt des Humboldthains kämpfen. Eine Demo sei in Planung, sagt er, zuletzt hatten auch über 12.000 Menschen eine Petition zum Cluberhalt unterschrieben. „Wir geben so schnell nicht auf“, sagt Eben.

    #Berlin #Friedrichshain #Revaler_Straße #RAW-Gelände #Gentrifizierung

  • Streit um das RAW-Gelände: Wer blockiert die geplanten Umbauten in Friedrichshain?
    https://www.berliner-zeitung.de/article/raw-gelaende-eine-unendliche-geschichte-zwischen-bass-und-bebaungsp

    Willkommen bei der nächsten Runde Berlin-Monopoly. Privatisierung der Bahn umd anschließender Verkauf ihrer ringförmig um die Innenstadt angeordneten Güterbahnhöfe und technischen Einrichtungen waren ein riesiger Verlust für Berlin und sind ein entscheidender Teil des Stadtumbaus zulasten der einfachen Berlinerinnen und Berliner. .

    Das Reichsbahnausbesserungswerk abgekürzt „RAW“ ist das bekannteste Objekt der zu Kapital und Spekulationsobjekt verkommenen städtischen infrastruktur. Der alte Schlachthof zwei Kilometer weiter oder der Zehlendorfer Busbetriebshof Winfriedstaße sind weitere Opfer des großen Raubzugs der Nachwendezeit.

    Jetzt kämpfen satt gewordene Kleinunternehmer und Vereinschefs mit einem Großspekulanten um die Kontrolle über das treuhandmäßig von der Bahn verramschte ehemalige Volkseigentum RAW. Ein grüner Stadtrat gibt im großen Spiel den Linienrichter.

    Guten Appetit die Herren, und seien sie nicht so gierig, daß sie sich am RAW verschlucken wie Küchenchef Rockendorf am Geburtstagsbraten. Wir Berlinerinnen und Berliner schauen der Posse ganz entspannt zu und werden noch ordentlich lachen dürfen.

    Ups, schon wieder einer auf der Banane ausgerutscht. Pardauz !

    B.Z. und BLZ (Berliner Zeitung) berichten dann.

    6.6.2026 von Paul Zinken - Das RAW-Gelände hat eine Geschichte. Und eine Gegenwart. Aber die Zukunft ist unklar. Es gibt zwar einen Masterplan, der nicht umgesetzt wird..

    Die Stimmung ist mies bei den Club- und Restaurantbetreibern auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain. Zu den Gründen will niemand offiziell was sagen. „Wer weiß, was die sich sonst noch einfallen lassen“, hört man unabhängig voneinander.

    Mit „die“ ist der Eigentümer des Geländes gemeint, die Kurth Immobilien GmbH mit Unternehmenssitz in Göttingen und Berlin. Seit April 2015 ist die Firma Eigentümerin einer 52.000 Quadratmeter großen Fläche auf dem Gelände. Das geht aus der Standortchronik des RAW-Geländes und der Homepage der Immobilienfirma hervor.
    Eine unendliche Geschichte

    Was damals nicht abzusehen war: Mit dem Erwerb des Grundstückes hat eine unendliche Geschichte ihren Anfang genommen. Eine Geschichte, die davon handelt, dass ein Besitzer auf seinem Grund und Boden eine „Weiterentwicklung“ des Geländes vorantreiben möchte, ohne dabei die historische Bedeutung des Areals zu vernichten. „Wir sind uns der Bedeutung des RAW-Geländes für die Stadt und den Menschen bewusst“, betont Geschäftsführer Lauritz Kurth.

    Er kennt den Vorwurf der Kritiker. Danach soll das Immobilienunternehmen das RAW „abräumen“, strebe sogar einen „kompletten Abriss“ an. Kurth schüttelt den Kopf: „Das Gegenteil ist der Fall.“ Er spricht erneut von einer „Weiterentwicklung“, bei der die bestehende Kultur erhalten bleibe, ebenso die denkmalgeschützten Gebäude. Für das soziokulturelle L - ein Ensemble von Häusern und Projekten auf dem Gelände - wird ein langfristiger mietfreier Vertrag über eine gemeinnützige Trägerin in Aussicht gestellt.

    Bereits 2018 investierte das Unternehmen in die Planung und den Bau des „House of Music“. Dort treffen sich Musiker und Kulturtreibende zum Austausch und zur Realisierung gemeinsamer Projekte. „Wir haben dafür 12 Millionen Euro investiert“, berichtet Kurth.

    Bezirksamt in der Pflicht

    Das klingt nach behutsamer Stadtentwicklung. Doch es tut sich nicht wirklich was auf dem Gelände. Obwohl seit 2019 ein Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan vorliegt - der nur vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg umgesetzt werden müsste. Federführend wäre Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne).

    Bislang wartet der Grundstücksbesitzer allerdings vergebens auf die Unterschrift des Baustadtrates. Zahlreiche Gespräche seien bis zum heutigen Tag geführt, viele Mails versendet worden, sagt Geschäftsführer Lauritz Kurth. Ohne nennenswerte Erfolge. Kurth weiter: „Durch das fortlaufende nicht Einhalten von Terminen und Vereinbarungen, haben wir das Vertrauen in den Bezirk verloren.“

    Aufgeben ist für Kurth dennoch keine Option. „Das RAW-Gelände bleibt in unserem Bestand“, betont er. Im Rahmen des geltenden Baurechts werde man die Fläche künftig nutzen. Und zu den ursprünglichen Plänen sagt der Geschäftsführer. „Wir rücken von den Plänen nicht ab. Der Bezirksstadtrat ist nun gefordert.“

    Die unendliche Geschichte geht somit also weiter.

    Siegfried Rockendorf
    https://seenthis.net/messages/1176154

    #Berlin #Friedrichshain #Revaler_Straße #RAW #Eldenaer_Straße #Zehlendorf #Winfriefstraße #BVG #Privatisierung #Party #Immobilien #Spekulation #immobiliengewerbe #Treuhand #DDR #Deutsche_Reichsbahn #Monopoly

  • „Für wen wird gebaut? Nur für Reiche?“: In einer Turnhalle eskaliert der Streit um Berlins höchstes Wohnhochhaus
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/fur-wen-wird-gebaut-nur-fur-reiche-in-einer-turnhalle-eskaliert-der-str

    So langsam.spricht sich rum, wo der Hase läuft. Die neuen Hochhäuser sind ja auch nucht mehr zu übersehen, und so langsm wirken sie sich auf das soziale und kulturelle Gefüge der Stadt aus. Man merkt es einfach und macht sich dann Sorgen.

    23.4.2026 von Emilio Nolte - 1000 neue Wohnungen in einem 167 Meter hohen Turm: Bausenator Gaebler und Stadtrat Schmidt zeigen Pläne für den Bau eines Wolkenkratzers in Friedrichshain. Nachbarn sind verärgert – sie stört vor allem ein Detail.

    Die Stimmung in der Turnhalle der Emanuel-Lasker-Schule in Friedrichshain war aufgeheizt. Am Mittwochabend stand nicht etwa der Sport im Mittelpunkt – sondern ein geplantes Hochhaus im Rudolfkiez an der Warschauer Straße. Etwa 1000 neue Wohnungen könnten in dem 167 Meter hohen Turm entstehen. Das spektakuläre Projekt gilt im Kiez als Streitthema – auch wegen seiner Dimension. Noch höher als der Friedrichshainer Wohnturm wäre in Berlin nur der Estrel-Tower in Neukölln.

    Derzeit steht die Planung in einer frühen Phase. Ziel der in der Turnhalle stattfindenden Einwohnerversammlung war es, dass sich Anwohner des Rudolfkiezes über das geplante Vorhaben informieren können. Fast jeder Stuhl war besetzt. Bereits im Vorfeld hatte es Beteiligungsmöglichkeiten gegeben. Doch davon wussten offenbar nicht alle. Die Informationen seien nicht bis zu ihnen durchgedrungen, beklagten sich Nachbarn.

    Auch Elias Deister, 23, saß im Publikum. Er ist für sein Masterstudium nach Berlin gezogen und wohnt erst seit Mitte März im Rudolfkiez. Auch er hatte von der jetzigen Versammlung erst durch einen Flyer in seinem Briefkasten erfahren, die vom Bezirk verteilt wurden.

    Ein Hinweis auf einen Aspekt des Streits. Die Senatsverwaltung hatte letztes Jahr dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg das Planungsverfahren für das Grundstück an der Rudolfstraße Ecke Ehrenbergstraße entzogen. Somit liegt die Planungshoheit jetzt bei Bausenator Christian Gaebler (SPD) – sehr zum Unmut von Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne). Beide waren an diesem Abend anwesend.
    Neues Hochhaus für Berlin-Friedrichshain: Senat und Bezirk im Clinch

    https://www.tagesspiegel.de/images/15516844/alternates/BASE_4_3_W1000/1776959570000/iWohnhochhaus

    Einwohnenden-Versammlung zur Hochhausplanung im Rudolfkiez in der Turnhalle der Emanuel-Lasker-Schule. © Emilio Nolte

    Den Grund für die Übernahme der Planungen durch die Senatsverwaltung bekräftigte Senator Gaebler in seinem Vortrag noch einmal. An diesem Ort gäbe es die Möglichkeit, viel Wohnraum zu schaffen, den Berlin so dringend brauche. Hingegen betonte Stadtrat Schmidt, dass die Planung des Bezirks Wohnungen vorhergesehen hatte. Aber gleichzeitig bereits ansässiges Gewerbe geschützt werden sollte. Schmidt bemängelte: „Das Konzept des Bezirks wurde einfach weggewischt.“

    Bausenator betont den Wert neuer Sozialwohnungen im Sockel des Turms

    Konkret geht es bei dem Streit zwischen Bezirk und Senat um das Rudolfband – ein altes Gewerbegebiet, welches entlang der Bahnschienen verläuft. Die Sorge vor Verteuerung und Verdrängung des hiesigen Gewerbes treibt auch die Nachbarn um. Ein langjähriger Anwohner berichtete, dass jetzt schon ein hoher Druck zu spüren sei. Von Gentrifizierung ist die Rede. Kürzlich hätten der letzte Arzt und die letzte Apotheke den Rudolfkiez verlassen müssen.

    Während die vom Hochhaus-Investor beauftragten Architekten in der Turnhalle das genaue Konzept vorstellten, häuften sich die Zwischenrufe. Einige aus dem Publikum machten deutlich, dass sie nichts gegen neuen Wohnraum haben würden. Aber dieser müsse sozialverträglich und bezahlbar sein. Wohnraum mit vergünstigten Mieten soll es bei dem Hochhaus-Projekt tatsächlich geben – allerdings nur im flachen Sockel des Turms.


    Entwurf des dänischen Architekturbüros Henning Larsen für das geplante Wohnhochhaus im Rudolfkiez.
    Ansicht des flachen Sockels mit Hof zur Straße. Hier sollen sich die Sozialwohnungen befinden. © Henning Larsen Architects

    Als eine Visualisierung an der Leinwand deutlich machte, dass sich die geplanten etwa 290 geförderten Wohnungen hier befinden sollen, war die Empörung in der Turnhalle groß. Es kam im Publikum zu Zwischenrufen: „Für wen wird gebaut? Nur für Reiche?“ Und: „Lassen Sie die guten Wohnungen weg!“ Senator Gaebler entgegnete: „Die neuen Sozialwohnungen sind so gut wie die jetzigen Wohnungen im Rudolfkiez.“

    „Im Flugzeug sind nicht 70 Prozent der Sitze Businessclass“

    Die Atrium Development Group GmbH ist Eigentümer des Baugrundstücks und zugleich der Projektentwickler. Ihr Geschäftsführer Amir Abadayev war bei der Versammlung vor Ort und versuchte, das Verhältnis von geförderten Wohnungen zu normalen Wohnungen mit einem Vergleich zu erklären. Auch im Flugzeug würden die teuren Businessclass-Sitze die Sitze der Economyclass mitfinanzieren. Aus dem Publikum gab es daraufhin Widerspruch: „Im Flugzeug sind nicht 70 Prozent der Sitze Businessclass“, hieß es.

    Solche Rufe zeigen: Die Anwohnenden fühlen sich übergangen und nicht gehört. Nur wenige sprachen sich für die Wohnungsbaupläne aus. Die Senatsverwaltung und die Vorhabenträger bemühten sich um Erklärungen. Dennoch blieben viele Fragen der Anwohnenden offen. Wie stark die Infrastruktur belastet und wie der Bedarf an Grünflächen gedeckt wird, blieb aus Sicht vieler Versammlungsbesucher offen.
    Senat prüft für das Projekt den Bauturbo

    Bislang liegt für das Vorhaben der Atrium Group aber kein Baurecht vor. Der weitere Zeitplan, den Bausenator Gaebler vorstellte, sieht vor, dass im Frühjahr 2027 das Abgeordnetenhaus über diesen Fall abstimmt. Gleichzeitig prüft die Senatsverwaltung, ob für die Planungen der sogenannte Bauturbo für Wohnungsbau angewendet werden kann.

    Sollte die Prüfung des Senats erfolgreich sein, kann er ohne die Zustimmung der Abgeordneten Baurecht erteilen. Dann wäre auch das laufende Bebauungsplanverfahren nicht mehr nötig. Eine solche Beschleunigung des Projekts wäre aber für viele im Publikum, die das Projekt ablehnen, ein Affront.

    Gegen Ende der Versammlung meldete sich noch ein Architekt – der gleichzeitig auch Anwohner ist – zu Wort. Vor allem die Höhe und die damit verbundene Baumasse sehe er als problematisch an. Sie sprenge den Maßstab und passe nicht in den Rudolfkiez.

    Dem Studenten Elias Deister ging es ähnlich. Er habe den Abend nutzen wollen, um sich eine tiefergehende Meinung zu bilden. Und empfinde das Projekt als überzogen. Deisters Meinung: „Es ist dreist, die ganze Zeit über Sozialwohnungsbau zu sprechen, während alle wissen, dass der Kern des Projekts der Turm in der Mitte ist.“

    Transparenzhinweis: In einer früheren Version der Geschichte war die Rede davon, dass der Bürgerdialog Teil des Bebauungsplanverfahrens ist. Das ist nicht der Fall. Der Textabschnitt wurde entsprechend angepasst.

    #Berlin #Friedrichshain #Rudolfstraße #Wohnen #Stadtentwicklung

  • Berlin: Stau- und Unfallfalle Frankfurter Tor für Tram optimiert
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1199093.strassenbahn-berlin-stau-und-unfallfalle-frankfurter-tor-fuer-tra

    18.4.2026 von Nicolas Šustr - Am Frankfurter Tor ruckelt es für Berlins meistgenutzte Straßenbahn M10 der BVG häufig. Nach Bauarbeiten Am Frankfurter Tor ruckelt es für Berlins meistgenutzte Straßenbahn M10 der BVG häufig. Nach Bauarbeiten greifen die Verbesserungen nur langsam. die Verbesserungen nur langsam.

    »Das ist der neue Unfallschwerpunkt für die Straßenbahn«, sagt Tom Gerlich vom Berliner Fahrgastverband IGEB. Er spricht vom Frankfurter Tor, wo sich Frankfurter und Karl-Marx-Allee sowie Warschauer und Petersburger Straße kreuzen.

    Nach vielen Ankündigungen und jahrelangem Stillstand hat die Senatsverkehrsverwaltung nun endlich am vergangenen Dienstag und Mittwoch die Verkehrsführung geändert und die neu gebaute Ampelanlage in Betrieb genommen. Ziel ist die Entschärfung einer der gefährlichsten Kreuzungen Berlins.

    Allein 2024 registrierte die Polizei sechs Unfälle mit Schwerverletzten und 29 mit Leichtverletzten. Inklusive der Unfälle nur mit Sachschäden krachte es verlässlich Jahr für Jahr mehr als 100 Mal. Zeitweise war es die Berliner Kreuzung mit den meisten Unfällen überhaupt.

    »Ziel der Umbaumaßnahme ist, den Trams der Linien M10 und 21 längere Grünzeiten zu ermöglichen und die Verkehrssicherheit an diesem stark frequentierten Knotenpunkt deutlich zu erhöhen«, teilte die Senatsverkehrsverwaltung bei Ankündigung der Bauarbeiten mit.

    Am Donnerstagnachmittag ist keine Polizei zu beobachten, die die Einhaltung der Verkehrsregeln durchsetzt. Die Senatsverwaltung hatte sich das anders vorgestellt: »Wir haben die Polizei um verstärkte Kontrollen gebeten«, sagt Petra Nelken, Sprecherin der Senatsverkehrsverwaltung zu »nd«. »Experten haben uns gesagt, dass es sich bei solchen Neuregelungen nach rund einer Woche einpendelt«, so Nelken weiter.

    Die am meisten einschneidende Änderung für den Autoverkehr ist das nun geltende Linksabbiegeverbot von der Warschauer Straße in die Karl-Marx-Allee. Doch das wird weitgehend ignoriert. Ampelphase für Ampelphase biegen jeweils mehrere Autos nach links ab und kreuzen dabei die Richtung Norden führenden Straßenbahngleise.

    Das ist riskant, denn im Gegensatz zu früher hat die Straßenbahn in dieser Fahrtrichtung parallel zum Autoverkehr nun ebenfalls Grün. Bisher galt für die Tram nur eine kurze Grünphase vor der Freigabe für den Autoverkehr. Verbotswidrig abbiegende Autos schneiden nun den Fahrtweg der Straßenbahn. Das ist der Grund, warum Tom Gerlich vom Fahrgastverband befürchtet, dass hier ein neuer Unfallschwerpunkt geschaffen worden ist.

    »Experten haben uns gesagt, dass es sich bei solchen Neuregelungen nach rund einer Woche einpendelt.«
    Petra Nelken Sprecherin Senatsverkehrsverwaltung

    In Fahrtrichtung Süden hat sich an den Grünphasen für die Straßenbahn bisher nichts geändert. Nur einmal pro Ampelumlauf haben die Züge von M10 und 21 für wenige Sekunden freie Fahrt. Verpassen sie den Zeitpunkt knapp, stehen sie mit oft weit über Hundert Fahrgästen rund anderthalb Minuten vor der Kreuzung. Das geschieht sehr oft.

    »Das ist ein Fehler in der Ampelsteuerung«, sagt Petra Nelken von der Verkehrsverwaltung. Im Laufe der nächsten Woche soll eine Änderung eingespielt werden. »Dann gibt es noch eine zweite Grünphase für die Tram«, so Nelken weiter. Damit wäre in Fahrtrichtung Süden der Zustand wiederhergestellt, den es bereits bis 2006 gab.

    Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 waren zahlreiche Vorrangschaltungen für Straßenbahnen und Busse deaktiviert worden. Damals ist das als temporäre Maßnahme bezeichnet worden, um den Autoverkehrsfluss zu verbessern.

    Entgegen der Ankündigung in der Pressemitteilung laufen die Ampeln am Frankfurter Tor auch wie gehabt im Festzeitprogramm, wie Petra Nelken zudem einräumt. Eigentlich sollen Videokameras und Induktionsschleifen in der Fahrbahn den Autoverkehr erfassen und dementsprechend dynamisch die Ampelphasen verkürzen oder verlängern. Auch dies hänge mit Programmierfehlern zusammen, die behoben werden sollen, so Nelken weiter.

    Mit einem Durchschnittstempo von 14,2 Kilometern pro Stunde im Jahr 2024 ist die M10 die mit Abstand langsamste Berliner Straßenbahnlinie. Über die Jahre ist das Tempo immer weiter gesunken. Allein am Frankfurter Tor standen die Züge von M10 und 21 Tag für Tag zusammengenommen 7,9 Stunden wegen roter Ampeln. Mit knapp 95 000 werktäglichen Fahrgästen ist sie knapp vor der M4 die meistgenutzte Tramlinie der Hauptstadt.

    Die BVG hat bisher auf eine Anfrage von »nd« zur Situation am Frankfurter Tor nicht reagiert. Die Berliner Polizei stellt eine Beantwortungsfrist von mehreren Tagen in Aussicht. Beide Anfragen wurden Freitagvormittag gestellt.

    #Berlin #Friedrichshain #Verkehr #Frankfurter_Allee #Petersburger_Strße #Warschauer_Straße

  • Aus kriegszerstörzen Gebäuden Berlins wird Trümmerschutt
    https://berlingeschichte.de/stadtentwicklung/index.html

    Infolge der gewaltigen K. in Berlin fielen 1945 (späteren Schätzungen zufolge) etwa 70 bis 90 Mill. m³ Schutt und Bruchsteine an, das entsprach etwa 15 Prozent der gesamten deutschen Trümmermenge. Mindestens 45 Mill. m³ t. lagerten in Berlin-West, mindestens 30 Mill. m³ in Berlin-Ost. Ihre Beseitigung Trümmerfrauen war die Vorbedingung für den Wiederaufbau der Stadt. Die Kosten der Enttrümmerung Enttrümmerung schätzte der Magistrat im Januar 1946 auf etwa 1,45 Mrd. RM. Es wurde eine „Trümmerbahn“ auf Schmalspurgleisen in einer Länge von 45 km angelegt. Zunächst deckte man mit dem Schutt Bombenkrater, Schützengräben, Luftschutzeinrichtungen und andere Kriegs- und Nazirelikte zu. Ein anderer Teil wurde zu Verladerampen an der Spree gefahren und per Kahn in die Provinz Brandenburg abtransportiert (Transportkosten für einen Kubikmeter auf 3 km: 2,20 DM). Vor allem aber wurden mit großen Mengen des t. künstliche Hügel aufgetürmt, begrünt und zu Erholungsparks umgestaltet.

    Der erste Berliner #Trümmerberg entstand hinter dem Ausstellungsgelände am Funkturm, zahlreiche weitere folgten. Der größte Berg aus dem t. der Stadt entstand zwischen 1950 und 1972 am Nordrand des Grunewalds nahe dem Teufelssee aus 26 Mill. m³ t. Dieser „#Teufelsberg“ ist mit 115 m über NN gemeinsam mit den Müggelbergen (Bezirk Köpenick) die höchste Erhebung Berlins. Ähnlich riesige Trümmeraufschüttungen entstanden im #Friedrichshain, wo etwa eine Million m³ t. zu zwei gewaltigen Hügeln über gesprengten ehemaligen Flakbunkern aufgehäuft wurden: dem 52 m hohen Kleinen Bunkerberg , der eine Rodelbahn erhielt und dem 78 m hohen „#Mont_Klamott“, dem Großen Bunkerberg mit Aussichtsplateau. Auch die sog. #Oderbruchkippe an der #Oderbruchstraße ziert ein 89 und 91 m hoher Doppelgipfel im heutigen #Volkspark_Prenzlauer_Berg. Weitere bekannte große Trümmerberge sind die 86 m hohe #Humboldthöhe im #Volkspark_Humboldthain, der 75 m hohe „#Insulaner“ im Bezirk #Schöneberg, die 73 m hohe #Marienhöhe im Bezirk #Tempelhof, die 70 m hohe #Rixdorfer_Höhe im #Volkspark_Hasenheide sowie die 60 m hohe #Rudower_Höhe an der Grenze zwischen #Neukölln und #Köpenick.
    Die gärtnerisch gestalteten und teilweise dicht bewaldeten Hügel ergänzen heute harmonisch die Naturlandschaft und lassen ihre Herkunft als Trümmerberge kaum noch erkennen. Sie dienen der Erholung und Freizeitbeschäftigung der Bevölkerung (u.a. als Rodelberge).

    #Berlin #Krieg #Nachkriegszeit #Geschichte #Stadtentwicklung

  • „Kulturpolitisches Verbrechen“: Warum Berlins beliebte DDR-Bauten weichen müssen
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/ddr-bauten-in-berlin-ein-nachruf-li.10019301

    Mir zerreißt es die Verbindung der materiellen Marketn mit denen der inneren Landkarte. Berlin wird abstrakter, weniger greifbar. Mal sehen, vielleicht hilft Alkohol. Der dämpft zumindest den Schmerz.

    21.2.2026 vin Valentin Wölflmaier - Anfang März verschwindet mit dem SEZ wohl Berlins nächste DDR-Ikone. Inmitten der Tilgung ostdeutscher Erinnerungsorte wird das FEZ zum gallischen Dorf der Wuhlheide.

    Berlin räumt auf – und reißt ab. Wo früher DDR-Geschichte stand, rollen seit Jahren die Bagger. Der Palast der Republik ist längst verschwunden, das Ahornblatt nahezu geräuschlos aus dem Stadtbild getilgt, und bald arbeiten sich die Maschinen durch das SEZ. Wer durch Berlin geht, erlebt, wie biografische Fixpunkte ganzer Generationen verschwinden: Markante DDR-Bauten, einst prägend für Identität und Alltag, werden nach und nach ausgelöscht.

    Das Gebäude des DDR-Außenministeriums am Berliner Schinkelplatz wurde abgerissen. Das Generals­hotel in Schönefeld ist weg – trotz Denkmalschutz. Im Jahn-Sportpark brechen die Tribünen ein. Abriss folgt auf Abriss, Erinnerung auf Leerstelle.

    Inmitten dieser Verluste wirkt das FEZ in der Wuhlheide wie ein letzter Zufluchtsort – ein Ort, an dem ein Stück gebaute Geschichte noch standhält.
    Viele DDR-Bauten sind Orte voller Erinnerungen

    Es ist ein kalter Tag. Der Schnee fällt leise auf die Kiefern, der Wald schluckt den Lärm der Großstadt. Hier steht das FEZ, 1979 als Pionierpalast „Ernst Thälmann“ fertiggestellt. Heute nennt es sich „Europas größtes gemeinnütziges Familienzentrum“. Vor dem Eingang stehen Gabriela und ihre beiden Kinder. Der Atem wölkt in der frostigen Luft, während sie Bananen essen. Sie kommen gerade aus einer Theateraufführung. Gabriela ist 62 Jahre alt, sie arbeitet als Betreuerin. „Wir waren früher ganz oft hier“, sagt sie und blickt auf den riesigen Flachbau mit den markanten braunen Fensterrahmen.

    Gabriela stammt aus Thüringen, zog 1987 nach Berlin. Für sie ist das Gebäude mehr als Architektur; es ist ihre Biografie. „Meine Tochter hat hier Geige gelernt“, erzählt sie. Dass das Haus mittlerweile unter Denkmalschutz steht, findet sie „total toll“. Es ist ein Satz, der Erleichterung verrät. Denn Gabriela weiß: Es ist im heutigen Berlin eine politische Entscheidung, ob ein Haus der DDR-Moderne stehenbleiben darf oder nicht.

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    Gabriela lebt seit 1987 in Berlin. Gebäude wie das FEZ sind Teil ihrer Biografie.Valentin Wölflmaier/BLZ

    „Hier wird abgerissen, was noch funktioniert“

    Ein paar Kilometer weiter westlich, an der Landsberger Allee, scheitert diese Anerkennung gerade. Das SEZ, einst der Stolz von Friedrichshain, wird abgerissen. Ein Investor, ein jahrelanger Rechtsstreit, nun das Ende. Das SEZ war das Spaßbad des Ostens, ein Ort mit Wellenbad und Kaskaden. Der Architekt Christoph Wagner sieht darin ein grundsätzliches Problem der Stadtentwicklung: „Das Problem ist, dass man hier etwas abreißt, was noch funktioniert – und das eine Bedeutung für viele Menschen hat“, sagt er. „Von der Umweltbelastung dieser Abrisse ganz zu schweigen.“

    Das Argument, dort dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, lässt er nicht gelten: „Wohnen findet ja nicht nur in Wohnungen statt, sondern benötigt kulturelle, sportliche und Versorgungseinrichtungen in direkter Nachbarschaft. Sonst leben wir mitten in Berlin bald in einer Schlafstadt.“
    Die Liste der abgerissenen DDR-Bauten ist lang

    Der Abriss des SEZ ist Teil einer Entwicklung, die kurz nach der Wende einsetzte. Die sogenannte Ostmoderne hatte einen schweren Stand. Sie galt vielen als politisch belastet oder ökonomisch ineffizient. Dabei war diese Architektur oft experimentierfreudiger, als es das Klischee vom Plattenbau vermuten lässt. Das Ahornblatt auf der Fischerinsel etwa, eine kühne Betonschalenkonstruktion von Ulrich Müther, wurde im Jahr 2000 trotz Proteste für einen Hotelneubau geopfert. Es war das Signal dafür, wie die neue Berliner Republik mit dem Erbe des Ostens umzugehen gedachte.

    Dann kam der Palast der Republik. „Erichs Lampenladen“, wie der Volksmund sagte. Er war Ort der Volkskammer, aber auch Ort der Bowlingbahn, der Restaurants, der Diskotheken. Offiziell besiegelte der Asbest sein Ende. In der Tat hatten sich Mitarbeiterinnen des Palasts über die Asbestbelastung beschwert. Doch während das ebenfalls asbestbelastete ICC im Berliner Westend unter Denkmalschutz steht, verweist der Historiker Hanno Hochmuth beim Palast auch auf die politische Dimension: „In den 90er-Jahren und auch noch beim Palast der Republik schwang das Politische sehr stark mit.“

    Es ging darum, die städtebauliche Dokumentation der DDR im Herzen der Stadt zu brechen und die preußische Tradition des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Heute steht dort das Humboldt Forum mit seiner barocken Schlossfassade.
    Abriss des Palast der Republik – ein „kulturpolitisches Verbrechen“

    Ein „kulturpolitisches Verbrechen“ nennt das Rudolf Denner, Sprecher des Freundeskreises Palast der Republik. 100.000 Unterschriften habe man damals gesammelt, 800 Petitionen vorgetragen, eine Mehrheit der Bevölkerung sei für den Palast gewesen. Beim SEZ sieht Denner Parallelen: „Auch hier werden Fakten geschaffen gegen den Willen der Bevölkerung.“

    Hanno Hochmuth zufolge hat sich das Bewusstsein für den Wert der DDR-Architektur aber gewandelt, der Palast würde heute wohl nicht mehr abgerissen. „Beim SEZ geht es auch nicht vorrangig um eine Tilgung der DDR, sondern vielmehr um die Schaffung von neuem Wohnraum, und Wohnen ist in Berlin heute ein viel heißeres Thema als der Umgang mit der Vergangenheit“, sagt Hochmuth. Dennoch plädiert er in dieser hochsymbolischen Frage für mehr Sensibilität: „Es wäre sensibler, das SEZ zu erhalten, denn neue Wohnungen könnten auch noch woanders geschaffen werden.“

    Missachtung der DDR: „Unsere Geschichte wird plattgemacht“

    Für viele Menschen im Osten fühlt sich das Verschwinden der Ost-Bauten wie eine Entwertung ihrer eigenen Biografie an. „Das ist eine Missachtung der DDR“, sagt Ute. Sie ist 70 Jahre alt und mit ihrer Freundin Bettina auf dem Weg zum Schwimmen im FEZ. Ute hat eine klare Meinung zu dem, was mit den Orten ihrer Vergangenheit passiert: „Dass da einiges vielleicht marode war, okay. Aber das jetzt verfallen zu lassen, wie das SEZ, und dann zu sagen: Jetzt können wir es wegreißen – das finde ich den Ostbürgern gegenüber schuftig. Das war unsere Geschichte. Die wird plattgemacht.“

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    Ein „Ort unserer Geschichte“: Ute und Bettina gehen zweimal in der Woche zum Schwimmen ins FEZ.Valentin Wölflmaier/BLZ

    Bettina nickt. Sie ist gebürtige Berlinerin. „Auch wenn in der DDR nicht alles in Ordnung war“, sagt sie, „es ist unsere Geschichte. Und die existiert dann einfach nicht mehr.“ Die Debatte um die DDR-Architektur ist damit immer auch eine Debatte um Anerkennung. Wenn Gebäude wie das Kino International oder das Haus der Statistik gerettet werden, sind das Ausnahmen. Die Orte des täglichen Lebens, die Schwimmbäder und Gaststätten, verschwinden zuerst.

    Das FEZ hat überlebt. Vielleicht, weil es weit draußen im Wald liegt, überlegt Bettina. Sie sorgt sich dennoch um solche Orte, die in Berlin weniger werden. Nicht nur wegen ihrer Geschichte: „Wir wollen immer, dass die Kinder nicht so viel daddeln am Handy“, sagt sie. „Aber eigentlich tun wir gar nichts dafür, um diese Orte zu erhalten.“

    #Berlin #Friedrichshain #SEZ #Leninallee #Landsberger_Allee #Dimitroffstraße #Danziger_Straße #Sport #Freizeit #DDR #Architektur #Stadtentwicklung

  • Schmiererei an East Side Gallery: Tatverdächtiger zuvor mit verfassungsfeindlichen Stickern aufgefallen
    https://www.berliner-zeitung.de/news/schmiererei-an-east-side-gallery-tatverdaechtiger-zuvor-mit-verfass

    Muss das sein? Immerhin geht es um eine Touristenattraktion, die reichlich Geld in die Stadt spült. Dumme Nazis. So sind sie.

    5.11.2025 - Ein Mann beschmiert ein Gemälde mit einem Davidstern an der East Side Gallery. Nach seiner Festnahme finden Polizisten in seinem Wohnhaus Sticker und Flyer mit Hakenkreuzen.

    An der East Side Gallery in Friedrichshain-Kreuzberg ist am Dienstagnachmittag ein Gemälde beschädigt worden. Die Polizei Berlin hat nun nach eigenen Angaben einen Tatverdächtigen festgenommen, der offenbar zuvor schon durch das Anbringen von Stickern und Plakaten mit verfassungsfeindlichen Inhalten aufgefallen war. Der 33-Jährige wurde noch am Dienstagnachmittag festgenommen.

    Das Kunstwerk „Vaterland“ an der East Side Gallery, das eine Deutschlandflagge mit einem Davidstern zeigt, war nach Polizeiangaben mit roter Farbe besprüht worden. Dabei wurde der Davidstern vollständig überdeckt. Der 33-Jährige wurde wenig später mit Sprayutensilien und roter Farbe an den Händen gefunden.

    Weil der Mann in der Nähe seiner Wohnung festgenommen wurde, sprach ein Anwohner die Polizisten an und berichtete von den Stickern und Plakaten mit verfassungsfeindlichen Inhalten. Die Polizei fand später an mehreren Stellen in dem Haus Flyer und Sticker mit Hakenkreuzen, die dann entfernt wurden. Der Polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamts Berlin ermittelt nun wegen Sachbeschädigung und dem Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen.

    #Berlin #Friedrichshain #Mühlenstraße #Tourismus

  • Pascal Meiser über Traditionen: „Ströbele wäre bei uns mehr als willkommen“
    https://taz.de/Pascal-Meiser-ueber-Traditionen/!6119269

    Noch so einer, der pwrsönlich virankommt aber politisch trotz aller guten Ansätze nichts erreicht. Kein Wunder, so ist das mit den politischen Parteien, die taugen nur als Stützen des Systems Als llnke Opposition richtest du dabei wenigstens nixht so viel Schaden an wie durch Regierumgs-"Beteiligungen".

    25.10.2025 von Daniel Bax - Pascal Meiser sitzt für die Linken im Bundestag. Der Kreuzberger hat den Wahlkreis gewonnen, den der Grüne Hans-Christian Ströbele bekannt gemacht hat.

    taz: Herr Meiser, Sind Sie der Erbe von Hans-Christian Ströbele?

    Pascal Meiser: Objektiv gesehen bin ich das wohl ein wenig jetzt, da ich in seinem ehemaligen Wahlkreis das Direktmandat geholt habe. Das ehrt mich natürlich. Aber es wäre unangemessen, mich selbst zum Erben auszurufen. Ich bin in einer anderen Partei, zu einer anderen Zeit gewählt worden, und so richtig vererbt oder gar geschenkt wurde uns das alles ja auch nicht gerade …

    taz: Hans-Christian Ströbele war gegen Aufrüstung und Krieg, für die Freigabe von Hanf, für eine Vermögensteuer und dafür, den Verfassungsschutz abzuschaffen. Wäre er damit heute nicht eher bei der Linken als bei den Grünen zu Hause?

    Meiser: Es wäre anmaßend, darüber zu spekulieren. Hans-Christian Ströbele war, mit seiner Klarheit und Konsequenz, eine ganz eigene Figur, ein Solitär. Es gibt viele Linke, mich eingeschlossen, die ihn sehr geschätzt haben, auch wenn selbst er unter der rot-grünen Regierung ein paar schwierige Entscheidungen mitgetragen hat. Seine guten Ergebnisse verdankten sich ja am Ende der Tatsache, dass ihn auch viele Linke gewählt haben, und vieles von dem, wofür er stand, ist in der Tat heute sicher bei uns gut, wenn nicht sogar am besten aufgehoben. Und natürlich wäre Hans-Christian Ströbele bei uns heute mehr als willkommen und würde mit offenen Armen begrüßt.

    taz: Für die Grünen war der Verlust ihres Direktmandats in diesem Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost, über Jahrzehnte eine Hochburg für sie, ein Schock: Berlins Grünen-Chef Philmon Ghirmai sprach von einem „herben Schlag“, Jürgen Trittin sah schon das „Ende von Kreuzberg“ heraufdämmern. Zu Recht?

    Meiser: Symbolisch ist das für die Grünen sicher eine herbe Niederlage. Aber nüchtern betrachtet, ist das Ergebnis für sie eigentlich gar nicht so dramatisch. Meine Gegenkandidatin hat mit über 30 Prozent ein Ergebnis erzielt, mit dem sie in vielen anderen innerstädtischen Wahlkreisen in Berlin oder in anderen Großstädten gewonnen hätte. Nur haben wir als Linke in diesem Wahlkreis dieses Mal selbst so ein krass gutes Ergebnis erzielt. Deswegen ist auch die mediale Wahrnehmung von der Niederlage der Grünen etwas verkürzt. Denn dass es uns gelungen ist, 35 Prozent der Erststimmen einzufahren, ging nur zum Teil zulasten der Grünen, und dass es uns selbst gelungen ist, so viele unterschiedliche Leute von uns und mir zu überzeugen, ist ja die eigentlich spannende Geschichte.

    taz: Trotzdem ist die Symbolik groß: Die Grünen gewinnen Direktmandate in bürgerlichen Stadtteilen, aber verlieren ihre einstige Hochburg in Kreuzberg. Sie rücken in die besserverdienende Mitte, aber verlieren Teile ihres ehemaligen Stammmilieus.

    Meiser: Natürlich gibt es diese Verschiebung. Nicht wenige ehemaligen Grünen-Wählerinnen und -Wähler haben angesichts des Kurses der Ampelregierung und der Annäherung der Grünen an eine CDU, die zunehmend nach rechts rückt, nicht mehr mitgemacht. Die wollen dann lieber eine klare, kompromisslose linke Opposition.

    Ich gehöre ganz sicher nicht zu denen, die die Grünen zum größten Problem der Republik stilisieren

    taz: Ströbeles Nachfolgerin Canan Bayram, die 2017 und 2021 zwei Mal das Direktmandat gewonnen hat, trat jetzt nicht mehr an. Sie könne den Leuten nicht mehr sagen, wofür die Grünen eigentlich stehen – so begründete sie ihren Rückzug. Ein Symptom?

    Meiser: Ich habe diese internen Auseinandersetzungen bei den Grünen natürlich zur Kenntnis genommen, aber bewusst öffentlich nie groß kommentiert. Und ich gehöre ganz sicher nicht zu denen, die die Grünen zum größten Problem der Republik stilisieren. Aber die Grünen haben in der Ampel in unterschiedlichen Bereichen einfach sehr große Fehler gemacht. Das spiegelt sich dann logischerweise in solchen Aussagen und in solchen Absetzbewegungen wider.

    taz: Sie haben sich im Wahlkampf dagegen entschieden, Unterstützung von außerhalb des Bezirks zu mobilisieren. Warum?

    Meiser: Wir haben darüber natürlich bei uns im Wahlkreis diskutiert. Aber das hätte ich doch ein wenig übertrieben gefunden. Ich muss mich nicht bedeutender machen, als ich bin. Umso stolzer bin ich, dass wir das alles aus eigener Kraft heraus geschafft, mit unseren eigenen Leuten in Friedrichshain-Kreuzberg und in Prenzlauer Berg.

    taz: Für die Linke waren die Mieten ein zentrales Thema. Kam Ihnen das zugute?

    Meiser: Dass die Partei insgesamt im Wahlkampf so stark auf dieses Thema gesetzt hat, hat uns natürlich sehr geholfen. Das ist eine kluge Entscheidung gewesen, weil sie einen Nerv getroffen hat. Und es deckt sich mit meiner Überzeugung, dass es unsere DNA als Linke ist, immer die soziale Frage in den Mittelpunkt zu stellen und an der Seite der Leute mit einem kleinen Geldbeutel zu stehen. Was uns natürlich nicht davon abhält, auch Kämpfe um Anerkennung und Gleichberechtigung oder für den Klimaschutz zu unterstützen.

    taz: In Berlin ist der Mietendeckel, den der rot-rot-grüne Senat 2020 eingeführt hat, allerdings vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert.

    Meiser: Auch wenn das Projekt am Schluss vom Gericht gekippt wurde, hat das unserer Glaubwürdigkeit nach meiner Wahrnehmung nicht geschadet. Im Gegenteil. Die meisten Leute finden es gut, dass wir es zumindest versucht haben. Und: Wir haben es geschafft, uns auch im Bundestag als die stärkste Stimme der Mieterinnen und Mieter aufzustellen. Das reicht von Ansätzen wie einem verbesserten Kündigungsschutz bei Eigenbedarf bis hin zu Forderungen nach einem bundesweiten Mietendeckel und zur Frage, wie der soziale Wohnungsbau der Zukunft aussehen soll. Zugleich standen wir vor Ort immer an der Seite der Mieterinnen und Mieter, die sich wehren. Und das vergessen die Leute nicht.

    taz: Wie ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Kreuzberg?

    Meiser: Die Mieten steigen und steigen. Das ist für sich genommen schon ein großes Problem. Doch was mir gerade am meisten Sorgen macht, ist die Umwandlung in Eigentumswohnungen. Wir haben da eine tickende Zeitbombe, weil schon richtig viel umgewandelt worden ist. Bei mir melden sich zunehmend Mieterinnen und Mieter, bei denen die besonderen Kündigungsschutzfristen nach der Umwandlung einer Mietwohnung in eine Eigentumswohnung auslaufen und die mitkriegen, dass ihre Wohnungen zum Verkauf inseriert werden. Das ist ganz sicher kein Arme-Leute-Problem. Das sorgt für blanke Panik bis weit in ein Milieu hinein, das überdurchschnittlich verdient. Ein weiteres Problem ist die Zweckentfremdung von Wohnraum für Ferienwohnungen und dass es trotz Wohnungsnot immer wieder sogar Leerstand gibt. Es existieren hier leider noch immer zu viele rechtliche Schlupflöcher, auch wenn die Behörden in Friedrichshain-Kreuzberg schon vergleichsweise konsequent dagegen vorgehen. Aber da muss in ganz Berlin noch viel konsequenter durchgegriffen werden.

    taz: Sie stammen ursprünglich aus dem Saarland. Wie sind Sie aufgewachsen?

    Meiser: Meine Großväter waren beide noch Bergleute. Mein Großvater väterlicherseits, den ich selbst persönlich gar nicht mehr kennengelernt habe, kam während der Nazizeit ins Zuchthaus, nachdem er gegen den Anschluss des Saarlands an Nazi-Deutschland gekämpft hatte, danach nach Frankreich ins Exil gegangen war und später wie viele andere auch vom Vichy-Regime ins Deutsche Reich zurückgeschickt wurde. Er hatte großes Glück, dass es ihn am Ende nicht noch schlimmer traf. Aber das hat natürlich trotzdem die ganze Familie meines Vaters geprägt. Meine Eltern konnten dann als jeweils Erste in ihren Familien studieren, mein Vater auf dem zweiten Bildungsweg, und ich hatte das große Glück, insgesamt in einem Elternhaus groß zu werden, wo immer klar war, dass das Herz links schlägt.

    taz: In Ihrer alten Heimat verfolgt man Ihren Werdegang immer noch aufmerksam. Die Lokalpresse berichtet regelmäßig über Sie.

    Meiser: Ja, das ist wirklich total faszinierend. Schon als ich 2017 das erste Mal in den Bundestag eingezogen bin, widmete mir die Saarbrücker Zeitung ein eigenes Porträt. Auch jetzt hat sie sich wieder gemeldet und gleich nach der Wahl einen umfangreichen Beitrag über meinen Erfolg gemacht. Dabei lebe ich schon mehr als die Hälfte meines Lebens in Kreuzberg. Aber da kann man nichts machen, der Regionalstolz der Saarländer ist eben sehr ausgeprägt.

    taz: Wie blicken Sie heute auf Ihre alte Heimat?

    Meiser: Auch wenn ich nicht mehr so oft da bin, habe ich zum Saarland immer noch einen sehr positiven Bezug. Ich komme vom Dorf, und ja, ich weiß, viele fliehen aus ihren Dörfern, weil sie da als Linke oder auch anderweitig sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich selbst hatte schon recht früh lange Haare, etwas, für das man damals noch oft komisch beäugt wurde als Mann, und es war auch kein Geheimnis, dass ich irgendwie links bin. Aber ich hatte zum Glück deshalb nie wirklich Probleme. Und vielleicht hat das ja mit dazu beigetragen, dass ich das Dorf, in dem ich groß geworden bin, bis heute noch so mag.

    taz: Seit wann leben Sie in Kreuzberg?

    Meiser: Seit 1998. Ich landete damals durch Zufall über einen Freund in einer WG, und nach einem kurzen Abstecher nach Prenzlauer Berg wohne ich seit 1999 durchgängig in Kreuzberg. Man könnte auch sagen: Ich komme vom Dorf und lebe jetzt wieder in einem Dorf. Denn auch wenn das für Außenstehende komisch klingen mag: für mich hat der Teil in Kreuzberg, in dem ich lebe, irgendwie auch immer etwas von einem großen Dorf.

    taz: Ihr Wahlkreis ist sehr heterogen: Kreuzberg ist migrantisch geprägt, Friedrichshain proletarisch und Prenzlauer Berg eher bürgerlich. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

    Meiser: Als ich 2007 in die Linke eingestiegen bin, war das auch bei uns in der Partei so: da lagen zwischen Kreuzberg und Friedrichshain Welten, aber auch zwischen Jungen und Alten, zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und jenen mit Ostbiografien, aber auch zwischen Hartz-IV-Beziehern und gutverdienenden Gewerkschaftssekretären. Als Vorsitzender der Linken in unserem Bezirk habe ich dann über viele Jahre daran gearbeitet, dass die Leute miteinander reden statt übereinander. Das alles habe ich dann auch in meiner Rolle als Abgeordneter fortzuführen versucht, und ich versuche bis heute alle, die hier leben, mit ihren Unterschiedlichkeiten ernst zu nehmen und die gemeinsamen Interessen und Anliegen nach vorne zu stellen.

    taz: Nochmal Stichwort Kreuzberg: Wie sprechen Sie Wähler mit Migrationshintergrund an?

    Meiser: Auch hier gilt für mich vor allem: gut zuhören, um zu verstehen, was wen tatsächlich umtreibt. Auch dafür sind Haustürgespräche manchmal sehr hilfreich. Da kommen schon sehr unterschiedliche Sachen zum Vorschein. Nicht immer ist es dabei ja so, dass die Diskriminierung aufgrund der eigenen Migrationsgeschichte oder Religion das Thema Nummer eins ist. Oft wird erst mal einfach nur über die grüne Verkehrspolitik geflucht. Und vielen, die hier schon seit Jahren leben, brennen die Vermüllung, die Sicherheitslage und der zunehmende Drogenkonsum unter den Nägeln, weil die Kieze, in denen sie wohnen, davon besonders betroffen sind. Das heißt aber auch: Wenn wir als Linke für diese Leute da sein wollen, dann müssen wir das auch ernst nehmen und darauf Antworten haben.

    taz: Sie sind im Bundestag Sprecher für Arbeitspolitik und Arbeitsrecht sowie für Gewerkschaftspolitik für die Linke. Warum ist das Ihr Thema geworden?

    Meiser: Das hat mit meiner Biografie und meinen politischen Überzeugungen zu tun. Ich habe bereits während meines Studiums, begonnen, mich auch gewerkschaftlich zu engagieren, kurz nach der Gründung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bin ich dort eingetreten und habe dann in Berlin und Brandenburg, etwas später dann auch bundesweit Verdi-Studierendenstrukturen mit aufgebaut. Diese gewerkschaftliche Orientierung hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Auch weil ich davon überzeugt bin, dass der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit weiter zentral für unsere Gesellschaft ist.

    taz: In Ihrer Freizeit spielen Sie im Verein Fußball. Wo?

    Meiser: Beim Kreuzberger Verein FSV Hansa 07. Ich spiele da in unserer Ü40-Mannschaft in der Landesliga. Da geht’s auch noch um ein bisschen mehr als einfach nur ein bisschen Kicken. Nur schaffe ich es leider nicht mehr jede Woche zum Training oder zum Spiel. Aber ich versuche, es mir so weit wie möglich immer einzurichten. Solange die Knochen und Gelenke mitmachen, will ich da nicht darauf verzichten. Dafür ist meine Leidenschaft einfach noch zu groß.

    taz: Was ist die „Freie Sportvereinigung“ Hansa 07 für ein Verein?

    Meiser: Als ich Anfang der 2000er Jahre dort anfinge, war das so ein kleiner Kiezverein. Seitdem ist er stark gewachsen. Heute hat er eine der größten Jugendabteilungen in Berlin, und die erste Männermannschaft spielt inzwischen in der zweithöchsten Berliner Liga. Der Verein engagiert sich zugleich gegen Rassismus oder auch gegen Homophobie im Fußball. Seit den neunziger Jahren tragen alle Spielerinnen und Spieler den Slogan „Catenaccio gegen Rassismus“ auf der Brust ihrer Trikots. Also genau der richtige Verein für mich.

    taz: Ein Traditionsverein mit einer Jugendabteilung, die stark angewachsen ist: das trifft auch auf Ihre Partei zu.

    Meiser: Schöner Vergleich. Es ist wirklich toll, dass so viele neue Menschen in unsere Partei strömen. Die Geschwindigkeit ist aber natürlich extrem, und alle bringen unterschiedliche Perspektiven und Interessen mit. Wir sind daher gut beraten, gut aufzupassen, dass daraus nicht neue Konflikte entstehen. Ich bin auch nicht dafür, dass jetzt in einer Art Kulturrevolution alles hinweggefegt wird, was über die Jahre gut in unserer Partei gelaufen ist. Es war ja nicht alles schlecht bei uns. Entsprechend lautet die Aufgabe jetzt Konsolidierung, nicht Disruption.

    taz: Sie haben ab 2010 für die Linke im Berliner Karl-Liebknecht-Haus gearbeitet und sitzen seit 2017 mit kurzer Unterbrechung im Bundestag. Dort gelten Sie als Teamplayer. Ist das ein Kompliment?

    Meiser: Ich kann mit dieser Zuschreibung gut leben. Gerade bei uns in der Partei, wo es viele Konflikte gab und sicher auch in Zukunft geben wird, stellt sich immer wieder die Frage: Stellt man das Gemeinsame nach vorne oder das Trennende? Ich war immer dafür, das Gemeinsame nach vorne zu stellen und nicht jeden Dissens, den es gibt, nach außen tragen. Das bringt dann natürlich auch den großen Nachteil mit sich, dass das für die meisten Journalistinnen und Journalisten eher langweilig ist. Auch innerparteilich sammelst du natürlich nicht so schnell große Fangruppen, wenn du moderierend und differenzierend unterwegs bist, statt zu polarisieren. Und über die sozialen Medien müssen wir gar nicht reden – die funktionieren ja nach dem gleichen Prinzip.

    taz: „Ein trockener Typ mit sperrigen Themen“, schrieb Die Zeit über Sie. Sind Sie zu leise?

    Meiser: Wer mich von Streikkundgebungen oder von Häuserkampfdemos kennt, der wird sich vermutlich wundern, wenn er so was über mich liest. Denn wenn es um die Interessen der Leute geht, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren sind und die unter die Räder zu drohen kommen, dann verspüre ich meist so viel Wut, dass ich auch ganz schön laut werde. Vielleicht also: nach innen ruhig und ausgleichend, nach außen laut und wütend? – Wenn ich das weiterhin hinbekomme, ohne schizophren zu werden, bin ich in jedem Fall zufrieden.

    Pascal Meiser

    Der Mensch

    Pascal Meiser, Jahrgang 1975, wuchs im Saarland auf und lebt seit 1999 in Berlin-Kreuzberg. Der Linken-Politiker ist Diplom-Politologe und ausgebildeter Gewerkschaftssekretär und errang bei der Bundestagswahl im Februar 2025 das Direktmandat im Berliner Wahlkreis 82. In seiner Fraktion ist er Sprecher für Arbeitspolitik, Arbeitsrecht und Gewerkschaftspolitik.

    Der Wahlkreis

    Der Berliner Wahlkreis 82 mit dem sperrigen Namen „Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg-Ost“ ist der flächenmäßig kleinste Bundestagswahlkreis der Republik und existiert in dieser Form seit 2002. Neben dem legendären Stadtteil Kreuzberg schließt er den ehemals Ostberliner Bezirk Friedrichshain sowie den Ostteil des Bezirks Prenzlauer Berg ein. Der Wahlkreis war lange Zeit fest mit dem Namen Hans-Christian Ströbele verbunden. Der Rechtsanwalt und Mitbegründer der taz holte dort 2002 das erste Direktmandat für die Grünen und verteidigte es drei Male – zum Teil mit Rekordergebnissen von über 40 Prozent. Seine Nachfolgerin, die Rechtsanwältin Canan Bayram, trat 2017 in seine großen Fußstapfen und holte ebenfalls zweimal das Direktmandat. Der Verlust des Direktmandats in ihrer einstigen Hochburg war für die Grünen ein Schock – und ein Symptom. Mehr dazu steht im Buch „Die neue Lust auf Links“ (Goldmann) von Daniel Bax, das im November erscheinen wird.

    #Berlin #Politik #Die_Linke #Kreuzberg #Friedrichshain

  • Droht Berlin ein neues Wahldesaster, weil die Linken den Grünen die Hochburg abjagen wollen?
    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/kreuzbergs-gruene-wie-donald-trump-li.2357159

    Dramatisches Gerrymandering in Friedrichshain-Kreuzberg ? Wohl eher nur lauwarmes Provinztheater : Die Ex-Ökopax- und heutige Kriegstreiberpartei kabbelt sich mit den Ex-Sozialisten um eimen Wahlkreiszuschnitt. Es geht um Erbhöfe, Besitzstände und Seilschaften. Da hängen Karrrieren dran, was die Aufregung verstândlich macht. Im größeren.Zusammemhang betrachtet ist der Konflikt weniger als nebensâchlich. Der berühmte chinesidche Reissack bleibt stehen, so oder so.

    16.9.2025 von Elmar Schütze - In Berlin sind sich Grüne und Linke traditionell sehr nah. Doch jetzt kracht es – ausgerechnet im Grünen-Vorzeigebezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

    Berlins Kummer mit Wahlen ist hinlänglich bekannt: Die Wahlen 2021 mussten wegen massiver Wahlfehler 2023 komplett wiederholt werden, die gleichzeitig abgehaltene Bundestagswahl in Teilen erst 2024. Jetzt droht ein neues Desaster. Bis zum 4. Oktober müssen die Wahlkreise für die Abgeordnetenhauswahl 2026 feststehen, andernfalls könnte die Wahl anfechtbar sein. Und ausgerechnet die Festlegung der Wahlkreise, was wie eine Formalie klingt, hat sich in einem Fall zu einem massiven Streit ausgewachsen. Und dieser zeigt, wie viel Angst die Grünen vor den erstarkten Linken in Berlin haben.

    Hintergrund ist ein Streit zwischen Bezirksamt und Bezirksparlament in Friedrichshain-Kreuzberg. Der Ost-West-Bezirk in der östlichen Innenstadt ist zuletzt kaum gewachsen, ganz anders als etwa das benachbarte Treptow-Köpenick. Deshalb wird Friedrichshain-Kreuzberg für die Abgeordnetenhauswahl 2026 nur noch in fünf statt in sechs Wahlkreise aufgeteilt. Es muss also neu zugeschnitten werden.
    Streit um Wahlkreis in Friedrichshain-Kreuzberg: Ost soll mit West vermischt werden

    Der Zuschnitt des grün geführten Bezirksamts, hat bei Linken, SPD und CDU für Verärgerung gesorgt, die andere Varianten bevorzugten. Der knappe Entscheid kam nur zustande, weil die Stimme der Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grünen) doppelt zählt.

    Es geht es um Wahlkreis 4 – ursprünglich liegt dieser vollständig auf Friedrichshainer Gebiet und wurde zuletzt stets von den Linken gewonnen. Nach Beschluss des Bezirksamts sollte der Wahlkreis über die Spree nach Westen vergrößert und auch Teile von Kreuzberg umfassen, in denen die Grünen traditionell stärker sind. Durch diesen Zuschnitt, so die Kritik, würden die Grünen ihre Chancen für ein Direktmandat erhöhen. Also setzte sich die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) über den Bezirksamtsbeschluss hinweg und beschloss eine andere Variante. Damit betrat die BVV juristisches Neuland. Dagegen ist wiederum das Bezirksamt eingeschritten.

    Dazu muss man wissen: Hier kämpft ein grünes Urgestein um seine politische Zukunft. Monika Herrmann, nicht verwandt mit Clara Herrmann, war acht Jahre lang selbst Bezirksbürgermeisterin. Bis sie 2021 die Kommunalpolitik verlassen und im Abgeordnetenhaus Landespolitik betreiben wollte. Sie scheiterte ebenso wie bei der Wiederholungswahl 2023 beim Versuch, das Direktmandat zu erlangen – jeweils im umkämpften und ominösen Wahlkreis 4. Im nächsten Jahr bei der Wahl wäre Herrmann 62 Jahre alt. Es wäre womöglich ihre letzte Chance. Das setzt offenbar allerlei Kräfte frei.

    Nun beschloss die BVV am Montagabend, es nicht bei seiner eigenen juristisch umstrittenen Anti-Herrmann-Entscheidung zu belassen, sondern die Sache der Bezirksaufsicht in der Senatsinnenverwaltung zu übergeben. Mit den Stimmen aller streitenden Parteien übrigens. Ein bisschen nach dem Motto: We agree to disagree.

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    Philmon Ghirmai, Landesvorsitzender der Berliner GrünenAnnette Riedl/dpa

    Denn dass die Fronten in Friedrichshain und Kreuzberg verhärtet bleiben, daran gibt es keinen Zweifel. Auf eine Anfrage der Berliner Zeitung, ob sie an ihrer Variante für den Wahlkreis bleiben, schreiben die Grünen: „Ja, letztlich muss die Bezirksaufsicht entscheiden.“ Den Vorwurf der Manipulation zu ihren Gunsten weisen sie zurück. Ihre Variante stelle einen Kompromiss dar, und er berücksichtige sowohl Kiezstrukturen als auch demokratische Grundprinzipien.

    Viel mehr kam nicht von der Partei, die seit Jahrzehnten die Geschicke im Bezirk bestimmt. Die Berliner Zeitung wollte von Grünen-Landeschef Philmon Ghirmai wissen, ob Clara und Monika Herrmann den Streit zu Recht haben eskalieren lassen? Keine Antwort! Auch die Frage nach der weiteren Strategie in dieser Sache ließ Ghirmai unbeantwortet.
    Streit in Friedrichshain-Kreuzberg: Das Schweigen der Grünen

    Monika Herrmann selbst hatte sich noch vor wenigen Wochen in der Berliner Zeitung vehement gegen die Vorwürfe gewehrt. Sie sprach von einer „krassen Kampagne“ und nannte sie „völlig absurd“. Diesmal ließ sie alle Anfragen unbeantwortet.

    Linke und SPD dagegen sprechen. Kerstin Wolter (Berliner Linke-Chefin mit politischer Heimat Friedrichshain-Kreuzberg) erkennt an der Unmöglichkeit einer Einigung eine „beunruhigende Entwicklung“, wie sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagt. Und: „Ich würde mir wünschen, sich solche Spielchen nicht zu erlauben.“ Das sei „fahrlässig“.

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    Berlins Linke-Chefin Kerstin Wolter kritisiert die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg.Maurizio Gambarini/imago

    Wie Linke-Chefin Wolter vermutet auch Cornelius Brandmiller von der Bezirks-SPD eine gewisse Grünen-Panik hinter dem Versuch, sich einen vermeintlich aussichtsreicheren Wahlkreis zuzuschneidern. Die Machtverhältnisse im Bezirk seien offener denn je, offenbar sind sich die Grünen nicht mehr sicher. Er sei „immer noch überrascht über diesen Widerstand“ des grün dominierten Bezirksamts gegen „eine ganz eindeutige Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung“, sagt der Kommunalpolitiker.

    Für die CDU postete Bezirkschef Timur Husein auf X über die „willkürliche Wahlkreis-Aufteilung der Grünen“. Er sprach von einer „Demokratie-Lehrstunde für die Grünen und ihre Arroganz“.

    Die willkürliche Wahlkreis-Aufteilung der GRÜNEN wird durch die Bezirksaufsicht geprüft hat die BVV Friedrichshain-Kreuzberg heute entschieden. Eine Demokratie-Lehrstunde für die GRÜNEN und ihre Arroganz! pic.twitter.com/5WZaiICwMS
    — Timur Husein, MdA (@TimurHusein) September 15, 2025

    Doch was passiert nach einem Spruch der Bezirksaufsicht? Was ist, wenn das Ergebnis einer der Parteien in Friedrichshain-Kreuzberg nicht gefällt, was zur Natur der Sache gehört? Droht dann ein Gang vors Verwaltungsgericht, um Einspruch einzulegen? Das hätte eine gewisse Tradition im Bezirk. So wollte das Bezirksamt vor einem Jahr auf diese Weise gegen den Senatsbeschluss vorgehen, einen Zaun um den Görlitzer Park hochzuziehen. Die Klage wurde nicht zugelassen. Offenbar setzte sich die Erkenntnis durch, wie absurd eine Klage einer nachgeordneten Behörde – und nichts anderes ist ein Bezirksamt formell – gegen eine übergeordnete Behörde wäre.
    Streit um Wahlkreis in Friedrichshain-Kreuzberg: Akzeptieren alle die Senatsentscheidung?

    Aber wie wird es diesmal, beim Wahlkreiszuschnitt, einer Aufgabe, die von jeher dem Bezirksamt obliegt? Linke-Chefin Wolter sagt, ihre Partei werde jeden Spruch akzeptieren. Sozialdemokrat Braunmiller sagt, seine Partei werde „jeden nachvollziehbaren Spruch akzeptieren“. Und auch die Grünen antworten auf Anfrage der Berliner Zeitung: „Unsere oberste Priorität ist die Erstellung rechtmäßiger Wahlkreise. Dementsprechend akzeptieren wir selbstverständlich die Entscheidung der Bezirksaufsicht.“

    Sieht also ganz danach aus, dass es doch noch Hoffnung gibt für eine ordnungsgemäße Abgeordnetenhauswahl im nächsten Jahr.

    #Berlin #Politik #Gerrymandering #Friedrichshain-Kreuzberg #Grüne #Linke

  • Gefahr für Leib und Leben: Das sind Berlins gefährlichste Kreuzungen
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/wie-ein-spiel-aus-squid-game-berlin-und-seine-gefaehrlichsten-kreuz

    Genau, bleibt bloß weg und überlasst den Könnern das Feld. Damit sind natürlich nicht die Post-Ortskundeprüfung-mäßigen Typen gemeint wie der „Kollege“ der gerade einen jungen Mann auf der Clayallee totgefahren und sich dann verdrückt hat.

    28.6.2025 von Anne Vorbringer, Marcus Weingärtner, Enno Kramer, Manuel Almeida Vergara - Unfälle, Geschrei und Gefahr: Einige Kreuzungen in Berlin sind eine Bedrohung für Leib und Leben. Wir sagen, um welche Straßenecken man lieber einen Bogen macht.

    Wirre Verkehrsführung, knappe Grünphasen, heilloses Durcheinander: Berlins Kreuzungen sind – wollte man es positiv ausdrücken – zuweilen recht komplex. Manche von ihnen rauben den Verkehrsteilnehmern den letzten Nerv, stellen eine Gefahr für Leib und Leben dar.

    Zunächst ein Blick auf die offizielle Statistik. Der ADAC hat vor ein paar Monaten die unfallträchtigsten Kreuzungen der Stadt untersucht und dafür Zahlen aus der Polizeistatistik ausgewertet. Dabei kam heraus: Besonders besorgniserregend sind die Vorfälle am Schlesischen Tor, Innsbrucker Platz, Hauptbahnhof und Alexanderplatz, wo es in den vergangenen Jahren zu vielen schweren Unfällen gekommen ist.

    Mit Abstand vorn liegt der Bereich rund ums Schlesische Tor in Kreuzberg: Im Bereich Bevern-, Oberbaum-, Oppelner, Schlesische, Skalitzer und Köpenicker Straße gab es im Jahr 2024 ganze 230 Unfälle mit Beteiligung von Autos. Aber auch anderswo müssen besonders Fußgänger und Radfahrer mit allem rechnen, wie unsere Beispiele zeigen.

    1. Berliner Allee/Ecke alle: Wahnsinn in Weißensee

    Der gesamte Berliner Nordosten ist ein verkehrspolitisches Desaster. Zu viele Autos, zu viele Menschen, zu wenig Platz. Wer einmal im Berufsverkehr in Pankow über die Romain-Rolland-Straße gefahren ist, möchte seinen Wagen auf der Stelle verschrotten. Leider steht der Bus im gleichen Stau, und auch zu Fuß oder mit dem Rad ist es nicht besser. Siehe Berliner Allee, wo sich seit Jahr und Tag nichts an der Situation bessert.

    Welche Kreuzung hier die schlimmste ist? Suchen Sie sich eine aus; Sie werden immer richtig liegen. Der Abschnitt im Weißenseer Ortskern hat zwei Autofahrstreifen je Richtung, zwei Tramgleise, zwei Gehwege – aber keinen Radweg. Also müssen die Radler zwischen donnernden Schwerlastern, Bussen, Straßenbahnen und Pkw zusehen, dass sie nicht unter die Räder kommen.

    Fußgängern ergeht es nicht besser: Wer jemals mit einem Kleinkind an der Hand versucht hat, an der Ecke Indira-Gandhi-Straße über die Fahrbahn zu kommen, der weiß, wie gefährlich man hier lebt. Anne Vorbringer

    2. Vor der Volksbühne in Mitte: Kraken-Kreuzung aus der Hölle

    Vor der Volksbühne gibt es eine Kreuzung, die sich wie ein Spiel aus der koreanischen Killer-Serie Squid Game ausnimmt: Wer’s nicht schnell genug schafft, der bezahlt mit dem Leben: Rosa-Luxemburg-, Weydinger- und Hirtenstraße bilden hier ein quasi unüberschaubares Dreieck des Todes.

    Man muss sich viermal um die eigene Achse drehen, um sich auch nur einen kleinen Überblick über den von allen Seiten heranpreschenden Verkehr zu machen. Hinzu kommen zackig abbiegende Radfahrer, brüllende LKW-Lenker und dazu natürlich noch alles, was so dazugehört, sprich: Flüche, Beleidigungen und Schmähgesänge.

    Das schwächste Glied ist wie immer der Fußgänger, der nur im wahrsten Sinne des Worte die Beine in die Hand nehmen kann, um so schnell wie möglich die Straße zu überqueren - keine Ampel, kein Zebrastreifen, rein gar nichts wurde hier unternommen, um ihn zu schützen, hier zählt allein die Darwinsche Überlebenstheorie Survival of the fittest, beziehungsweise Survival of the fastet. Marcus Weingärtner

    3. Alexanderstraße/Otto-Braun-Straße: In diesem Spiel gibt’s nur Verlierer

    Als Autofahrer hat man’s in Berlin ohnehin schwer. Überall gibt’s Stau, nirgendwo genügend Parkplätze, ständig wird man von allen Seiten angeblafft – von Radfahrerinnen, von Fußgängern, von anderen Autofahrerinnen und Autofahrern. „Road Rage“ nennt sich das Phänomen der angestauten Aggressionen, die sich im Straßenverkehr so richtig Bahn brechen.

    Nirgends passiert das in Berlin öfter als an der Kreuzung Alexanderstraße/Otto-Braun-Straße, diesem Sinnbild der sinnfreien Straßenplanung: Wer aus Richtung Münzstraße kommt und rechts Richtung Alexa abbiegen will, muss sich auf einen gefährlichen Eiertanz einstellen: Vier Spuren hat die Straße hier, die Rechtsabbiegerspur wird von den anderen Fahrbahnen allerdings durch einen Radweg abgeschnitten.

    Bedeutet in der harten Realität des Berliner Straßenverkehrs: Wer die Spur wechseln will, muss erstmal Dutzende Radfahrerinnen und Radfahrer vorbeiziehen lassen, während hinten die Autofahrenden, die geradeaus weiter düsen wollen, schon nervös hupen. Will man wiederum die Leute im Auto beruhigen und zieht zügig rüber nach rechts, klingeln und brüllen die Radlerinnen und Radler, die gerade aus weiterwollen. Ein gefährliches Spiel, in dem man es niemandem recht machen kann. Am besten, man meidet diese Katastrophen-Kreuzung ganz. Manuel Almeida Vergara

    4. Bersarinplatz in Friedrichshain: Klingelingeling hier kommt die Eisenbahn

    Als routinierter Autofahrer ist man im Berliner Verkehrsgewusel auf viele Situationen vorbereitet: Beim Rechtsabbiegen hält man Ausschau nach Fahrradfahrern von hinten, beim Linksabbiegen achtet man auf den gesamten Gegenverkehr. Am Bersarinplatz in Friedrichshain ist das nicht so einfach. Gerade für Ortsunkundige lauert hier eine Gefahr, mit der nur die wenigsten rechnen.

    Wer vom Frankfurter Tor in Richtung Prenzlauer Berg fährt, hat es vielleicht schon einmal erlebt. Man fährt neben der Tramlinie 21 in den Kreisel, huscht gerade noch so über die gelbe Ampel und muss dann plötzlich stark bremsen. Die Tram bimmelt, als gäbe es kein Morgen mehr, und biegt dann selbstverständlich über beide Fahrspuren in den Weidenweg ein. Den Autofahrer warnt lediglich ein Vorfahrtsschild. Keine Ampel, keine Schranke. Um Haaresbreite lässt sich meist noch die Karambolage vermeiden.

    Hinzu kommt, dass die Petersburger Straße seit einigen Monaten bis zur Landsberger Allee nur noch einseitig befahrbar ist und sich langsam aber sicher zur nervtötenden Dauerbaustelle entwickelt. Statt der neuen Streckenführung zu folgen, stellen unsichere Autofahrer hier also noch die Umleitung in den Gegenverkehr infrage: Plötzlich bremsen sie stark – und ehe man sich versieht, hängt man im Kofferraum des Vordermanns. Dass sich am Bersarinplatz nicht öfter das Blech biegt, grenzt an ein Wunder. Enno Kramer

    #Berlin
    #Kreuzberg #Schlesisches_Tor
    #Schöneberg #Innsbrucker_Platz #Hauptbahnhof #Alexanderplatz
    #Pankow #Heinersdorf #Romain-Rolland-Straße
    #Weißensee #Berliner_Allee
    #Mitte #Alexanderstraße #Otto-Braun-Straße #Münzstraße #Rosa-Luxemburg-Straße #Weydingerstraße #Hirtenstraße
    #Friedrichshain #Frankfurter_Tor #Petersburger_Straße #Bersarinplatz #Weidenweg #Landsberger_Allee

    #Verkehr #Kreuzung #Unfall

  • Brand bei der Wilden Renate in Friedrichshain: Feuerwehr rettet Techno-Club
    https://www.berliner-zeitung.de/news/feuer-bei-club-wilde-renate-in-friedrichshain-garten-steht-in-flamm

    Ob da ein gewisser G. seine Finge im Spiel hatte ... ?

    19.6.2025 von Eva Maria Braungart. Morris Pudwell - In dem Friedrichshainer Club bricht in der Nacht ein Feuer aus, der Renate-Garten brennt vollständig aus. Die Feuerwehr ist stundenlang im Einsatz.

    Beim Club Zur wilden Renate in Friedrichshain ist in der Nacht zu Donnerstag ein Feuer ausgebrochen. Ersten Informationen vor Ort zufolge wurde die Berliner Feuerwehr gegen 2.10 Uhr in die Straße Alt-Stralau 70 alarmiert.

    Dort stand beim Eintreffen der Polizei und Feuerwehr bereits der gesamte Außenbereich des Renate-Garten in Flammen, darunter auch meterhohe Bäume. Die Feuerwehr konnte einen Übergriff der Flammen auf das Gebäude größtenteils verhindern, trotzdem entstanden Schäden an der Fassade des Clubs.

    Das eigentliche Gebäude des Clubs, ein altes mehrstöckiges Wohnhaus, war von dem Feuer nicht betroffen. Die Feuerwehr löschte den Brand, wie ein Sprecher sagte, 37 Feuerwehrleute waren dabei bis 8.30 Uhr im Einsatz. Menschen wurden nicht verletzt. Unklar war zunächst, ob das Feuer durch einen technischen Defekt, Fahrlässigkeit oder Brandstiftung ausgebrochen war. Nach bisherigen Erkenntnissen könne eine Vorsatztat nicht ausgeschlossen werden.

    Trümmer liegen auf Gelände der Renate

    Am Morgen waren die Reste des abgebrannten Zauns und des Biergartens Renate-Garten vor dem großen Altbau zu sehen. Eine Ampel auf der Kreuzung war durch die Hitze beschädigt worden. Auf dem Gelände des Clubs lagen verkohlte Trümmer. Eine Holzhütte war ebenso abgebrannt wie ein Fotoautomat.

    Anwohner hörten offenbar erst Explosionen und sahen dann den Brand. Die Feuerwehr sicherte mehrere Gasbehälter und löschte diese ab. Die Feuerwehr hatte offenbar zunächst Probleme, auf das Gelände zu gelangen. Teile der Holzkonstruktion mussten mit Kettensägen geöffnet werden. Auf dem Gelände konnte erst nicht gelöscht werden, da Äste von Bäumen auf die Feuerwehrleute zu stürzen drohten.

    Die Wilde Renate gilt seit vielen Jahren als einer der beliebtesten Clubs im Berliner Nachtleben. Gefeiert wird vor allem an den Wochenenden in mehreren Etagen und vielen Zimmern des unsanierten Altbaus, der einmal ein Wohnhaus war. Der Club hatte angekündigt, Ende des Jahres schließen zu wollen. Für Anfang Juli wurde ein großer Ausverkauf von Einrichtungsgegenständen wie Möbeln, Dekoration und Kostümen im Internet angekündigt: „Bevor die Zeit für Veränderungen kommt, möchten wir die Liebe zu unserem Club teilen; einem Ort voller Geschichten, wilder Partys und unvergesslicher Momente. Lasst uns gemeinsam den Club leeren und alles feiern, was wir in diesem Raum geteilt haben.“

    #Berlin #Friedrichshain #Stralauer_Straße #Markgrafendamm #Nachtleben #Gastronomie #Spekulation #Immobilien

  • Finance Bros in Friedrichshain: Was ist nur aus dem einstigen Partykiez geworden?
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/finance-bros-in-friedrichshain-was-ist-aus-dem-einstigen-party-kiez

    22.5.2025 von Suri Manelis - Für unsere Kolumnistin ging es diese Woche nach Friedrichshain – in einen Kiez, der kaum wiederzuerkennen ist. Höchste Zeit, in eine andere Hauptstadt zu entfliehen.

    „Wir müssen überlegen, wie wir den Shareholder Value maximieren“, höre ich einen gestriegelten Mittdreißiger halb schnauzend, halb visionär zu seinem Freund sagen, der wie eine nur geringfügig abgeänderte Version des Ersteren aussieht.

    Ich laufe durch Friedrichshain – einen Bezirk, den ich eher mit spätpubertären Abenteuern und einem Duft von Freiheit verbinde als mit Finance Bros, mit langen Nächten einer noch nahezu unverdorbenen, unschuldigen Jugend. Bier, Gras und Jungsbekanntschaften in lauwarmen Nächten, das Glücksversprechen Friedrichshains.

    Damals, als wir „Berlin Calling“ schauten und nur erahnen konnten, was da mit Paul Kalkbrenner passierte, weil es weit genug von unserer Lebensrealität entfernt war. Ungefähr zu einer Zeit, in der wir uns tagsüber in die Bar25 verirrten und noch gar nicht so recht nachvollziehen konnten, was da eigentlich geschieht – wenigstens nicht aus eigener Erfahrung. Damals, als man noch mit Glitzer im Gesicht und in bunten Leggings ausging – egal wohin.
    Gekrönte Pudel mit Perlenketten und rosafarbenen Halsbändchen

    Heute also Finance Bros in den Straßen, in denen es inzwischen nur so wimmelt von Häusern, die ursprünglich als Spekulationsobjekte im Osten Berlins aufgekauft wurden. Häuser mit Gängen voller Türen, fast wie in Jugendherbergen, hinter denen sich die immer gleichen voll möblierten Unterkünfte verbergen, die wie Airbnbs aussehen und bei Bedarf auch als solche fungieren. In ihnen Schränke und Tische, deren Halbwertszeit die von obsessiv genutzten Handys unterbietet, die aber dennoch durch minimalistische Formgebung Eleganz und einen gewissen Wohnstand vermitteln sollen.

    Eleganz, die die schnell schimmelnden Fugengummis Lügen straft. Akzente in Senfgelb oder Türkis. Hier und da soll ein rautenförmiges Muster Abwechslung in die Ödnis bringen, verfehlt aber meist die Intention. An den Wänden hängen billige Reproduktionen von Gemälden, die Anspielungen auf Klassiker der Kunstgeschichte zeigen oder gekrönte Pudel mit Perlenketten und rosafarbenen Halsbändchen.

    Mit viel Glück oder etwas mehr Geld haben die für die Inneneinrichtung Verantwortlichen ein abstraktes Gemälde in den Apartments platziert, das den temporären Bewohnern dieser Katalogwohnungen aus Capetown oder Heilbronn den Anstrich einer kulturellen Versiertheit verleihen soll – auch wenn sie bloß gamingversessene Ingenieure auf Dienstreise sind.

    Eine Situation zum Davonfliegen

    In Friedrichshain, wo sich in den Bars manchmal noch das gleiche Publikum tummelt, das mir irgendwann zwischen 2007 und 2010 als das coolste im Berliner Nachtleben erschien, wo in den Bars zu „36 Grad“ von Zweiraumwohnung Whisky-Cola getrunken wurde, wimmelt es nun von Jugendgruppen, die gerade zum ersten Mal in Berlin sind, und Menschen mit bunten Einlassungen in Haar und Kleidung, die wochenends ins Sisyphos gehen, sowie jenen, deren Klamotten stark nach besetzten Häusern aussehen. Nicht – oder nicht mehr – meine Welt.

    Noch verkatert vom Viagra-Boys-Konzert am Vorabend treffe ich zwei Freundinnen – die eine Redakteurin bei einer großen deutschen Tageszeitung, die andere Dozentin und Mitarbeiterin bei einem Berliner Kulturmagazin – im Noble Rot, einer Bar, die liefert, was viele der neueren Orange-Wine-Etablissements versprechen: einen süffigen Abend mit großartigem Wein und bodenständig-charmantem Service.

    Etwas später sitze ich – mit meinem Lover – bei einem Freund, der schon länger versprochen hatte, mir Pokerspielen beizubringen. Ich lerne – Flop, Fold, Flush. Der Freund erzählt von einem anstehenden Urlaub in Mexico City: „Ich fliege am Montag. Das AirBnB ist gebucht. Ich habe da noch ziemlich viel Platz, ein ganzes Zimmer, wollt ihr nicht einfach mitkommen? Ich meine, habt ihr irgendwelche wichtigen Termine hier?“ Ich überlege. Theoretisch nichts, was ich nicht auch eine Woche später oder eben remote machen könnte. Aber so kurzfristig Tickets buchen?

    Mein Lover – ein Expat mit Abenteuerhang und dem entsprechenden Kleingeld – fängt gleich an zu planen: „Wir sollten das machen. Ich wollte schon immer mal nach Mexico City. Warte, ich schaue nach Flügen. 930 Euro.“ – „Sorry Jungs, ich bin raus, das ist mir zu teuer.“ Die beiden schauen sich gegenseitig an, als hätten sie sich gerade verschworen. „Na ja, wir gehen ja später noch ins Casino“, sagt der Freund, „wie wäre es, wenn wir all unseren Gewinn zu deinem Ticket beisteuern? Würdest du mitkommen?“ Perplex und zugleich begeistert sage ich zu, ohne länger zu überlegen.

    Während KaDeWe Kitchen Night geladen hat, kann ich nur noch an eines denken: den Flieger, in den wir am übernächsten Tag steigen könnten, um nach Mexico City zu fliegen. Die Jungs schicken mir Updates vom Pokern, 300 hoch, 200 runter. Irgendwann bin ich zu müde, um das Spiel aus der Ferne zu verfolgen – und eigentlich glaube ich nicht mehr wirklich daran, dass wir fliegen. Um 2.30 Uhr nachts werde ich von meinem Lover geweckt. „Ich habe alles verspielt.“

    Genervt, für diese Nachricht mitten in der Nacht geweckt worden zu sein, drehe ich mich weg. „Baby?“, höre ich hinter mir. „Ja?“ – „Das war Spaß! Ich habe 1700 Euro gewonnen – wir fliegen nach Mexiko!“ – „Ist das dein Ernst?!“ Plötzlich bin ich hellwach. Ich kann es kaum glauben, aber manchmal sind Berliner Abenteuer auch solche, die einen für ein paar Tage aus Berlin rausführen – und die man sich in den kühnsten Jugendträumen nicht hätte vorstellen können.

    #Berlin #Friedrichshain #Nachtleben

  • Die Berliner Operation vom 16. April bis zum 08. Mai 1945 - Verband zur Pflege der Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR
    https://www.vtnvagt.de/index.php/grosser-vaterlaendischer-krieg/208-die-berliner-operation-vom-16-april-bis-zum-08-mai-1945

    Zur Erinnerung an den 70. Jahrestag der Befreiung
    des Deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus

    von Generalmajor a.D. Sebald Daum

    Das Jahr 1945 wurde mit groß angelegten Angriffsoperationen begonnen. Auf Bitten Churchills hatte das Oberkommando der Sowjetischen Truppen den Beginn ihrer geplanten Offensiven auf den 12. Januar 1945 vorverlegt.
    Vom 12. Januar bis Mitte April wurden 16 große Angriffsoperationen durchgeführt und die faschistischen Truppen in Ostpreußen und in Polen geschlagen, große Teile der Tschechoslowakei, Ungarn und auch Wien befreit und in schweren aber schnellen Kämpfen den faschistischen Heeresgruppen (HGr) „Mitte“, (ab 25.01. HGr Nord, später HGr Weichsel)), der neu gebildeten Heeresgruppe „A“, und „Süd“, schwere Verluste zugefügt. Bis Mitte April wurden sie so bis an die Oder, Neiße und Wien zurückgedrängt.

    Auch im Westen hatten die Alliierten Truppen, die 21.AGr unter Feldmarschall Montgomery, die 12. AGr unter General Bradlay und die 6.AGr unter General Devers, mit insgesamt 7 Armeen am 24. März ihre letzte Offensive begonnen und bis zum 19. April Kassel, Magdeburg, Leipzig Chemnitz eingenommen und bis zum Böhmerwald vorgedrungen. Die stark dezimierten 60 Divisionen der Wehrmacht gaben im Westen ihren Widerstand auf. Die Wehrmacht versuchte alle noch verfügbaren Truppen an die Ostfront, insbesondere nach Berlin zu werfen.
    Die faschistische Führung und ihr Oberkommando der Wehrmacht versuchten mit allen Mitteln an der Ostfront, ohne Rücksicht auf Verluste, Widerstand zu leisten und mobilisierten die letzten Reserven.


    Ausgangslage an den Fronten zu Beginn des Jahres 1945 und
    der Verlauf der Kämpfe zur Zerschlagung der Faschistischen Truppen bis Mai 1945

    Damit waren auch günstige Voraussetzungen geschaffen, den entscheidenden Schlag durch die Rote Armee gegen das faschistische Deutschland, gegen Berlin zu führen.
    So standen zu Beginn der Berliner Operation an der gesamten Ostfront den Sowjetischen Truppen die „HGr Weichsel“, die „HGr Mitte“, sowie die „Armeegruppe Steiner“ und die Armee „Wenk“ (12.A) mit über 90 deutsche Divisionen, darunter 14 Panzerdivisionen, 14 Mech.-Divisionen und 14 selbständige Brigaden gegenüber.
    Insgesamt waren das über eine Million Mann, davon in und um Berlin über 200.000, 10.400 Geschütze und Granatwerfer, 1.530 Panzer und Sturmgeschütze und 3.300 Flugzeuge. Dazu kamen der Volkssturm und Einheiten der Hitlerjugend.

    Der Plan der Berliner Operation war im Generalstab frühzeitig ausgearbeitet und während der Weichsel-Oder- und Pommerschen Operationen mit den Oberbefehlshabern der vorgesehenen Fronten, koordiniert und präzisiert worden.
    Das sowjetische Oberkommando schätzte die Lage real ein und rechnete mit hartnäckigem Widerstand in der in drei Streifen ausgebauten Verteidigung an der Oder und Neiße und insbesondere im Vorraum von Berlin.
    Deshalb wurde zur Durchführung dieser letzten entscheidenden Schlacht eine starke Gruppierung geschaffen, um das entsprechend Übergewicht an Kräften und Mittel zur schnellen Zerschlagung des Faschismus zu erreichen.
    Für die Berliner Operation wurden drei Fronten zum Einsatz vorgesehen:
    – die 2. Belorussische Front unter dem Oberbefehl von Marschall der Sowjetunion (SU) Rokossowky,
    – die 1. Belorussische Front unter dem Oberbefehl von Marschall der SU Schukow und
    – die 1. Ukrainische Front unter den Oberbefehl von Marschall der SU Konew.
    Dazu kamen die 1. und neu aufgestellte 2. Polnische Armee, Teile der Baltischen Flotte, die Dnjepr-Flottille, die 18. Luftarmee, 4 Panzerarmeen sowie 2 Artilleriedivisionen des Oberkommandos.

    Durch große Umgruppierungen wurden insbesondere die 1. Belorussische - und 1. Ukrainische Front wesentlich verstärkt,
    So hatte
    – die 2. Belorussische Front in ihrem Bestand 5 Armeen und die 4. Luftarmee (LA)
    – die 1. Belorussische Front - 10 Armeen, davon 2 Panzerarmeen (1. & 2.PA)
    – die 1. Polnische Armee und die 16.und 19. LA
    – die 1. Ukrainische Front - 7 Armeen, davon 2 PA,(3. & 4.PA)
    – die neu aufgestellte 2.Polnische Armee und die 2. LA
    in ihrem Bestand
    Insgesamt waren das 171 Divisionen, 21 Korps, davon 14 Panzerkorps, 16 Brigaden mit 2.5.Millionen Mann (Kräfteverhältnis: 2,5 : 1), 41.600 Geschütze und Granatwerfer (4 : 1), 6.250 Panzer (4 : 1) und 7.500 Flugzeuge (2,3 : 1).

    Der Operationsplan sah vor, dass die 2. Belorussische Front nördlich Schwedt in Richtung Neubrandenburg, Güstrow vorstoßen sollte, um die 3. PA der Wehrmacht von Berlin abzuschneiden und die Nordflanke der 1. Belorussischen Front zu sichern.
    Die 1. Belorussische- und die 1. Ukrainische Front mit Teilen, hatten die Aufgabe Berlin frontal anzugreifen und gleichzeitig mit Teilen nördlich und südlich Berlin zu umgehen und einzukreisen.
    Die Hauptkräfte der 1. Ukrainischen Front sollten in Richtung Torgau und Dresden zur Elbe vorstoßen.

    Zwei Tage vor Beginn der geplanten Operation wurde an der gesamten Front eine gewaltsame Aufklärung durchgeführt, mit dem Ziel das Feuersystem des Gegners aufzuklären, seine Schwachstellen in der Verteidigung zu erkennen und auch den Gegner über den Beginn der Operation zu täuschen.


    Berliner Operation

    Am Morgen des 16.April um 05:00 Uhr begann dann mit einer gewaltigen, 30 minütigen Artillerie- und Luftvorbereitung der Angriff der beiden Fronten in Richtung Berlin. Über 500.000 Artilleriegranaten und Bomben wurden in diesen 30 Minuten auf die faschistischen Truppen abgefeuert
    Während die Verbände der 1. Ukrainischen Front nach dem Durchbruch der taktischen Verteidigungsstellungen des Gegners schnell in die operative Tiefe vorstoßen konnten, kam der Angriff der 1. Belorussischen Front nur schwer voran. Insbesondere an den Seelower Höhen kam es zu verlustreichen, blutigen Kämpfen auf beiden Seiten.
    Erst als das sowjetische Oberkommando dann am 17.April Marschall Konew den Befehl gab mit der 3. Garde Panzer Armee unter dem Befehl von Generaloberst Rybalko, über Zossen vom Süden her nach Berlin und mit der 4. Garde Panzer Armee, Befehlshaber Generaloberst Leljuschenko, in Richtung Potsdam vorzustoßen, gelang es der 1. Belorussischen Front den Widerstand auf den Seelower Höhen zu brechen und am 21. April die Vororte von Berlin erreichen.

    Die Truppen der 2. Belorussischen Front begannen am 20.April ihre Angriffsoperation und konnten schnell in Richtung Neubrandenburg und Rostock vorstoßen. Teile der 61.Armee der 1. Belorussischen Front und der 1. Polnischen Armee erreichten bereits am 24. April mit den Spitzeneinheiten die Elbe bei Torgau, wo sie mit Einheiten der 9. Amerikanischen Armee zusammen trafen.

    Kampf um die Stadt Berlin wurde hartnäckig und verbissen geführt. Am 23.April waren die Truppen der 1. Belorussischen Front mit mehren Armeen bis zur südlichen Stadtgrenze vorgedrungen und nahmen Lichtenberg und Niederschönhaussen in Besitz. Mit der Einnahme von Buckow,Rudow und Lichtenrade am 24.April, wurde der Vorstoß zum Stadtzentrum eingeleitet.
    Am 25.April kämpften die Soldaten der Roten Armee schon im Raum Reinickendorf, Wedding, Prenzlauer Berg, Tempelhof und Friedrichshain. Es entwickelten sich hartnäckige Straßen- und Häuserkämpfe, die einen hohen Blutzoll auf beiden Seiten erforderten.

    Einheiten der 5. Stoßarmee unter Generaloberst Nikolei Bersarin im engen Zusammenwirken mit der 3. Stoßarmee unter dem Befehl von General Kusnetzow, der 2. Garde Panzerarmee, unter dem Kommando von General Katukow, und der 8. Garde Armee unter General Tschuikow, konnten bereits am 24. April trotz erbittertem Widerstand, bis zum Alexanderplatz, zum Schloss, zum Rathaus und zur Reichskanzlei vordringen. Mit starker Artillerie -Unterstützung und mit Panzern musste um jeden Straßenzug und jedes Haus gerungen werden. Die Kämpfe im Stadtzentrum dauerten bis zum 30. April.

    An diesem Tag gelang den Kämpfern der 150. und 171. Schützendivisionen, der 3. Stoß Armee die unter dem Befehl des Helden der SU, Generalmajor Schatilow stand, der Sturm des Reichstages.
    Um 21.50 Uhr am 30.April wurde durch die Sergeanten Jegorow und Kantarija auf dem Reichstag die Truppen- und Siegesfahne von der 150. Schützendivision gehisst., obwohl noch in den oberen Stockwerken und den Kellern gekämpft wurde.
    Am 1. Mai streckten dann im Reichstag die letzten Soldaten der Wehrmacht die Waffen.
    Für den Sturm des Reichstages wurden die Sergeanten Jegerow und Kantarija mit dem Titel „Held der Sowjetunion“ geehrt, sowie viele andere ebenfalls, die sich beim Sturm des Reichstages ausgezeichnet hatten. Am Sturm auf den Reichstag waren auch Truppenteile der 1.Stoß- und der 8. Garde Armee beteiligt.

    Am 2. Mai kapitulierte die „Festung Berlin“ bedingungslos durch deren Befehlshaber General Weidling.
    Gleichzeitung wurden auch die eingekesselte Gruppierung im Raum Lübben-Guben zerschlagen und die 12.Armee „Wenk“, die versucht hatte nach Berlin vorzustoßen, vernichtet.
    Am 7. Mai stießen Truppen der 1. Belorussischen Front auf breiter Front bis zur Elbe vor.
    Die Truppen der 2. Belorussischen Front erreichten in dieser Zeit die Ostseeküste.

    Die Kräfte der 1. Ukrainischen Front begannen nach einer Umgruppierung am 6. Mai die Prager Operation zur Befreiung der Tschechoslowakei und Prags.

    Damit war die Berliner Operation beendet. Sie dauerte 23 Tage und erstreckte sich auf einer Frontbreite von 300 km und einer Fronttiefe von100 – 220 km.
    Durch die sowjetischen Truppen wurden 70 Schützen-, 23 Panzer - und Motorisierte Divisionen der faschistischen Wehrmacht zerschlagen.
    Diese, für das faschistische Deutschland sinnlose Schlacht, erforderte auf deutscher Seite mehr als
    200.000 Tote und über 480.000 Gefangene.
    Die sowjetischen Truppen verloren ebenfalls in dieser Schlacht über 450.000 Mann mit über 78.000 Toten.
    Deutschland hatte den von ihr angezettelten Krieg verloren und lag in Trümmern.

    Es gab noch Versuche unter Einfluss von Großadmiral Dönitz, dem Nachfolger Hitlers, mit den Westmächten eigene Kapitulationen zu unterzeichnen. So wurde bereits am 4. Mai in Lüneburg, im Hauptquartier Montgomerys eine separate Kapitulation der deutschen Truppen in Norddeutschland in der Niederlande und Dänemarks unterzeichnet. Eine weitere Kapitulation wurde in Reims durch General Jodl unterzeichnet.
    Durch den Protest der Sowjetischen Regierung wurde dann die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte in Berlin festgelegt und durchgeführt.

    Am 8. Mai erfolgte in Berlin, in Karlshorst die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation im Beisein aller Vertreter der Mächte der Antihitlerkoalition.

    Die Kapitulationsurkunde wurde durch Generalfeldmarschalleitel für die Wehrmacht, durch Generaloberst Stumpf für die Luftwaffe und General Admiral von Friedeburg für die Kriegsmarine in Karlshorst in Berlin gegen 0.50 Uhr am 9. Mai 1945 unterzeichnet.
    Diese bedingungslose Kapitulation erfolgte unter der Beobachtung der Vertreter der Siegermächte: des Marschalls der Sowjetunion Schukow, des britische Luftmarschalls Tedder, des amerikanischen General Spaatz (Befehlshaber der Amerikanischen Fernfliegerkräfte) und des Oberbefehlshabers der Französischen Streitkräfte Armee General de Lattre de Tassigny sowie vielen weiteren Generälen und Offizieren der Siegermächte.
    Der Krieg in Deutschland war damit beendet, in Deutschland ruhten die Waffen. Das Deutsche Volk war vom Hitlerfaschismus befreit.

    Für ihren Heldenmut und gezeigte Tapferkeit bei der Befreiung Berlins und der Erringung des Sieges wurden allein in der 1. Belorussischen – und 1. Ukrainischen Front 1 Million und 141.000 Armeeangehörige mit Orden und Medaillen ausgezeichnet, unter ihnen 600 mit dem Titel „Held der Sowjetunion“.
    187 Truppenteile erhielten dafür den Ehrennamen „Berliner …. Regiment“. Viel dieser Truppenteile waren danach in der DDR stationiert und tragen auch heute wieder in der Russischen Armee diese Ehrentitel.

    Das Sowjetvolk hatte für die Befreiung und den Sieg über den Faschismus in Deutschland die größten Opfer zu tragen. Dafür gebührt dem Sowjetvolk für immer unser Dank. Deshalb war auch in der DDR der 8.Mai ein Feiertag und ein Tag des Gedenkens derer, die dafür die größten Opfer gebracht hatten.

    Beschämend für die deutsche Regierung ist es, heute diesen 70.Jahrestag zu vergessen und denen damit Recht zu geben, die sich mit der Niederlage des faschistischen Deutschland auch heute noch nicht abfinden können.
    Wir, die Angehörigen unseres Verbandes und mit uns viele andere, werden diesen Tag immer als den Tag der Befreiung vom Faschismus begehen und der Toten Helden der Sowjetunion und des Russischen Volkes gedenken.
    Deshalb sollten gerade wir in diesem Jahr, dem 70. Tag der Wiederkehr des Sieges über den Hitlerfaschismus und der Befreiung des Deutschen Volkes vom Faschismus gemeinsam mit allen friedliebenden Menschen, an den Gedenkstätten uns verneigen vor den Toten und Dank zollen den noch Lebenden Befreiern, die die Bedingungen schufen für den Aufbau eines anderen Deutschlands.

    #Berlin #Reinickendorf #Wedding #Prenzlauer_Berg #Tempelhof #Friedrichshain #Geschichte #Befreiung #1945

  • Kevin Kühnert : Berliner Ex-CDU-Politiker Bernd Pfeiffer hat kein Mitleid
    https://www.berliner-zeitung.de/news/kevin-kuehnert-berliner-ex-cdu-politiker-bernd-pfeiffer-hat-kein-mi

    Les partis du système parlamentaire et leur personnel se trouvent au centre de l’antagonisme entre illusion démocratique et exercice du pouvoir par les forces invisibles du capital. Les politiciens représent le pouvoir qu’ils ne détiennent essentiellement pas et attirent l’agression et le mépris des citoyens qui se rendent compte qu’ils ne font pas le travail qu’on attend d’eux.

    Quand tu représentes un système violent tu seras la cible d’actes violents de la part des victimes du système. C’est aussi simple que ça.

    De temps en temps un politicien aux grandes ambitions s’en rend compte et quitte les milieux politiques. C’est alors que les férus du système l’accusent de lâcheté et d’abandon de poste.

    Après sa démission la situation est difficile pour l’ancien chef de l’association Jeunes Socialistes et sécretaire général SPD Kevin Kühnert, parce qu’il ne comprend pas encore entièrement la signification de son acte. Il tient trop aux relations qu’il soigne depuis lomgtemps.

    26.4.2024 von Eva Maria Braungart - Kühnert sprach kürzlich erstmals über seine Gründe für seinen Rückzug aus der Politik – unter anderem die Angst vor Angriffen. Der Berliner Vorsitzende der WerteUnion kritisiert dies.

    Der ehemalige CDU-Vorsitzende in Berlin-Friedrichshain, Bernd Pfeiffer, hat Kevin Kühnert (SPD) für seine Begründung für seinen Rückzug aus der Politik kritisiert. In einem Interview begründete Kühnert seinen plötzlichen Rücktritt als Generalsekretär auch mit wachsender Sorge um seine persönliche Sicherheit. „Meine rote Linie ist da, wo Gewalt in der Luft liegt. Ich bin nur 1,70 Meter groß“, sagte er.

    Pfeiffer schrieb nun auf der Plattform X: „Als CDU Vorsitzender in Friedrichshain war ich oft genug Gewaltandrohungen von GRÜNEN u. LINKEN, auch direkt von einem Bundestagsabgeordneten, ausgesetzt. Die Sozen standen daneben oder paktierten mit diesen Konsorten. Mein Mitleid hält sich in Grenzen“.

    Als CDU Vorsitzender in #Friedrichshain war ich oft genug Gewaltandrohungen von GRÜNEN u. LINKEN, auch direkt von einem Bundestagsabgeordneten, ausgesetzt. Die Sozen standen daneben oder paktierten mit diesen Konsorten. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.https://t.co/r3Jp6uXtqE
    — Bernd Pfeiffer (@BerndPfeiffer3) April 24, 2025

    Kühnert sprach über diverse Bedrohungen und Übergriffe, die er bei Auftritten als Politiker und auch in seinem Privatleben erlebt habe. Und anderem in einer Straßenbahn mit drei Männern: „Sie haben darüber geredet, wie sie mir die Fresse polieren.“ Eine Rückkehr in die Politik schloss Kühnert aber nicht aus. Der Berliner war im Oktober 2024 überraschend als Generalsekretär zurückgetreten und hatte bei der Bundestagswahl nicht erneut kandidiert. Als Grund nannte er damals gesundheitliche Probleme.

    Für Kühnerts Rückzug und die Begründung dafür gibt es nicht nur Verständnis. In den sozialen Medien fordern zwar viele Politiker Solidarität mit dem Sozialdemokraten, andere kritisieren ihn jedoch. Der Bachmann-Preisträger Tijan Sila schoss zuletzt gegen Kühnert, er habe den „Schwanz eingezogen“.

    Pfeiffer ist mittlerweile Landesvorsitzender der WerteUnion Berlin. Die Werteunion, die als Verein für die Vertretung des „konservativen Markenkerns“ der CDU und CSU zu vertreten, wurde 2024 als Partei gegründet. Innerhalb der Union galt sie als umstritten. Der heutige Vorsitzende der WerteUnion ist der ehemalige Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen.

    #Allemagne #politique #pouvoir #violence

  • Kampfgruppe Osthafen : Unbekannte Widerständler
    https://taz.de/Kampfgruppe-Osthafen/!6083152


    En Allemagne il n’y a eu peu de résistance armée contre le régime nazi. Le « groupe de combat / port du nord » à Berlin est un rare ecemple pour la lutte antifasciste militaire.

    22.4.2025 von Peter Nowak - Arbeiter aus Friedrichshain verübten in den letzten Kriegstagen Anschläge auf die SS. Nun wird an sie erinnert.

    In der Stralauer Straße 26 in Friedrichshain erinnert ein Stolperstein an den 1895 geborenen Paul Schiller, der hier einst wohnte: „Im Widerstand/KPD, Kampfgruppe Osthafen, tot 23.4.1945“ steht darauf geschrieben. Nun ist für seinen 80. Todestag am Mittwoch auch eine Gedenkveranstaltung geplant. Damit wollen Stadtteilgruppen gemeinsam mit der VVN/BdA auch an eine weitgehend unbekannte Berliner Widerstandsgruppe erinnern.

    Über die Kampfgruppe Osthafen findet man in Büchern und Ausstellungen über den antifaschistischen Widerstand wenig. Bekannt ist: Sie setzte sich überwiegend aus Pro­le­ta­rie­r*in­nen zusammen, die sich seit Jahrzehnten kannten. Viele arbeiteten im Osthafen an der Stralauer Allee und lebten im Südkiez von Friedrichshain rund um den Rudolfplatz. Hier konzentrierte sich auch im April 1945 ein Großteil ihrer Aktivitäten. Sie entwaffneten SS-Leute, verübten Anschläge gegen SS-Einrichtungen, überredeten Wehrmachtsangehörige zum Desertieren und versteckten sie in einem Keller.

    Wieder entdeckt wurde die Gruppe durch zwei Friedrichshainer Stadtteilinitiativen. „Ein Anwohner überreichte uns das Buch ‚Kampftage in Berlin‘ von Heinz Müller“, sagt Timo Steinke von „Wem gehört der Laskerkiez“. Es ist Mitte der 1970er Jahre in der DDR erschienen und eine der wenigen Quellen, die über die Kampfgruppe Osthafen berichten. Dafür konnte Müller noch Zeit­zeu­g*­in­nen befragen, etwa Gertrud Lewke, die erst Anfang der 1990er Jahre verstorben ist.

    „Mit der Gedenkveranstaltung für Paul Schiller wollen wir an einen Antifaschisten erinnern, der im April 1945 den NS-Terror schneller beenden wollte“, sagt Carsten Fuchs von „Wir bleiben alle Friedrichshain“. „Zudem wollen wir dafür sorgen, dass der Widerstand der Kampfgruppe Osthafen endlich auch von His­to­ri­ke­r*in­nen anerkannt wird.“

    Mehr Forschung notwendig

    Im Buch wird ausführlich über ein Attentat auf drei hochrangige SS-Angehörige Anfang März 1945 auf der Avus berichtet, für das die Kampfgruppe Osthafen verantwortlich gewesen sein soll. Die Aktion hatte damals sogar in der britischen Presse Schlagzeilen gemacht. Dagegen wird in der ZDF-Serie „Mord und Totschlag unterm Hakenkreuz“ der Anschlag als ungeklärter Mordfall geführt.

    Auf eine Anfrage erklärt Peter Hartl vom für die Sendung zuständigen Terra-X-Team, dass ihnen das Buch und die dortige Version des Anschlags nicht bekannt seien. „Gerne hätten wir mehr Belege und Quellen zu den Aktionen der Gruppe, die sich aber eigentlich nur durch Archive und tiefergehende Recherchen organisieren lassen“, betont Steinke die Notwendigkeit, über die Kampfgruppe Osthafen weiter zu forschen.

    Mehr zum Thema
    Schwarz-Weiß-Aufnahme , junge Frauen in Mänteln und Kappen schauen zum Boden
    Das Foto zeigt einen Blick in die Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Wderstand.
    Ein altes Filmposter mit der Aufschrift „Die Rote Kapelle“

    #Berlin #Friedrichshain #Stralauer_Allee #Nodfhafen #Antifaschismus #Nazis #Krieg #Attentat #Geschichte

  • Jördis Triebel über Berlin: „Ich war traurig, als wir aus Marzahn weggezogen sind“
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/joerdis-triebel-ueber-berlin-ich-war-traurig-als-wir-aus-marzahn-we

    In Lichtenberg geboren, in Friedrichshain zu Hause: Jördis Triebel Linda Rosa Saal

    10.3.2025 von Anne Vorbringer - Die Schauspielerin Jördis Triebel spielt die Hauptrolle in der neuen Serie „Marzahn, mon amour“. Sie kennt den Ost-Berliner Stadtteil gut und knüpft besondere Erinnerungen an ihn.

    Vor sechs Jahren ist „Marzahn, mon amour“ erschienen, Katja Oskamps Roman über eine Schriftstellerin, die inmitten einer Lebenskrise in Marzahn als Fußpflegerin anheuert und dort Geschichten erfährt, die das Leben schrieb.

    Als das Buch 2023 den Dublin Literary Award gewann, sprach die Oberbürgermeisterin der irischen Hauptstadt von einem „wunderschön geschriebenen Roman, einem warmen, witzigen und bewegenden Porträt älterer Bewohner Berlins, das dem Leser einen Einblick in eine Gemeinschaft bietet, die oft übersehen wird.“

    Jetzt ist das Buch verfilmt worden – mit Jördis Triebel in der Rolle der fußpflegenden Autorin Kathi Grabowski. Die Hauptdarstellerin, 1977 in Lichtenberg zur Welt gekommen und inzwischen in Friedrichshain zu Hause, hat selbst einige Jahre in Marzahn gelebt. Oskamps Buch sei für sie schon lange vor den Planungen zur Serienverfilmung ein kostbarer Schatz und eine seltene Perle gewesen, sagt die 47-Jährige. Ab Mitte März ist die sechs Episoden umfassende Serie in der ARD-Mediathek zu begutachten – aber vorher haben wir Jördis Triebel noch zu ihrer Heimatstadt Berlin befragt.

    1. Frau Triebel, in „Marzahn, mon amour“ spielen Sie die Hauptrolle, gedreht wurde natürlich in Marzahn. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesem Stadtteil?

    Als Kind habe ich einige Jahre in Marzahn gelebt – und ich habe es geliebt. Damals gab es noch viele Brachflächen, auf denen wir Kinder unbeschwert spielen konnten. Ich mochte den weiten Blick aus dem Fenster im zehnten Stock, und mein Lieblingsort war der Spielplatz direkt vor unserem Haus. Zur Schule konnte ich zu Fuß gehen, und in unserem Wohnhaus lebten viele Familien mit Kindern – wir besuchten uns oft gegenseitig. Meine Erinnerungen an Marzahn sind schöne Kindheitserinnerungen. Alles war überschaubar, gut erreichbar und vertraut. Ich war traurig, als wir weggezogen sind.

    2. Kaum ein Berliner Bezirk ist so mit Vorurteilen und Klischees belegt wie Marzahn-Hellersdorf. Welche Vorbehalte ärgern Sie persönlich am meisten?

    Vorurteile bestehen oft so lange, bis man sich selbst ein Bild macht. Marzahn war einst ein Prestigeprojekt der DDR – wer dort eine Wohnung bekam, konnte stolz sein. Heute blicken viele aus der Berliner Innenstadt mit Klischees auf den Bezirk, ohne ihn wirklich zu kennen. Dabei ist Marzahn ein lebendiger Stadtteil, in dem alle Generationen zusammenkommen. Kultureinrichtungen bieten Lesungen, Tanz- und Sportveranstaltungen, noch immer gibt es bezahlbare Cafés und Kneipen. Zudem ist es hier grüner als in der Innenstadt, mit zahlreichen Spielplätzen und einer guten medizinischen Versorgung. Warum also nicht mal einen Sonntagsspaziergang durch diesen Kiez machen? Sie werden überrascht sein!

    3. Als gebürtige Berlinerin – wie nehmen Sie die Veränderungen in der Stadt wahr? Denken Sie manchmal daran, hier wegzuziehen?

    Berlin war schon immer eine Stadt der großen Veränderungen. Nach der Wende habe ich das besonders stark gespürt. Beständigkeit gehört nicht zu Berlins Wesen – und genau das muss man lieben. Doch manchmal wird mir der ständige Wandel zu viel, und dann brauche ich eine Auszeit. Zum Glück ist es mit Bus und Bahn nur ein kurzer Weg in den Wald oder an den See.

    4. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

    Meine Lieblingsorte sind die großartigen Kulturangebote unserer Stadt – insbesondere die Museen und Theater. Leider werden sie durch die Sparmaßnahmen unseres Bürgermeisters und Kultursenators zunehmend gefährdet. Doch gerade die kulturelle Vielfalt macht diese Stadt so lebendig und zieht einen Großteil der Touristen an.

    5. Wo in Berlin wollten Sie immer schon mal hin, haben es aber noch nie geschafft?

    Ich war noch nie in den Gärten der Welt oder im Botanischen Garten – das muss ich unbedingt nachholen!

    6. Ein Abend mit Freunden: In welchem Restaurant wird reserviert?

    Im Saporito in der Straßmannstraße in Friedrichshain. Ein gemütliches kleines Restaurant mit fantastischer italienischer Küche und herzlichster Gastfreundschaft.

    7. Einkaufen in der Stadt: In welchem Store kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?

    Ganz klar: Soeur in der Marienburger Straße. Der beste Vintageladen der Stadt – wenn nicht überhaupt.

    8. Der beste Stadtteil Berlins – von welchem Kiez kriegen Sie nicht genug?

    Treptow. Im Treptower Park kann man stundenlang an der Spree spazieren gehen oder Fahrrad fahren, bis in den Plänterwald. Dort steht immer noch der alte Vergnügungspark, den ich als Kind so geliebt habe. Jetzt ist er eine Geisterstadt, umzäunt und bewacht. Man sieht noch die alten Fahrgeschäfte. Sehr, sehr schade, dass es das nicht mehr gibt. Zwar gibt es Pläne, dem Gelände wieder Leben einzuhauchen. Soweit ich weiß aber keine Nutzung, die für Kinder, Jugendliche und Familien gedacht ist. Dabei fehlt es in Berlin genau daran.

    9. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?

    Am meisten ärgert mich, dass seit Jahren an Freizeiteinrichtungen gespart wird – ein besonders trauriges Beispiel ist das SEZ. Früher gab es hier ein großes Schwimmbad, eine Schlittschuhbahn im Winter und Rollschuhfahren im Sommer. Wie großartig wäre es, diesen Ort wieder mit Leben zu füllen und den Menschen im Herzen der Stadt ein vielfältiges Freizeitangebot zu bieten? Es wäre ein echtes Geschenk für die Berliner. Ich kann nicht verstehen, warum nicht erkannt wird, wie wichtig ein solcher Ort für die Menschen ist.

    10. Was raten Sie anderen: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

    Berlin ist eine Stadt, in der jeder so leben kann, wie er möchte. Menschen, die sich anderswo vielleicht als Außenseiter fühlen, finden hier die Möglichkeit, ein buntes, freies Leben zu führen. Genau das macht diese Stadt so besonders. Hoffen wir, dass das trotz der aktuellen politischen Lage und der rigorosen Einsparungen so bleibt.

    Zur Person

    Jördis Triebel studierte Schauspiel an der „Ernst Busch“ und wurde nach ihrem Abschluss 2001 Ensemblemitglied am Bremer Theater. Für ihre erste Filmhauptrolle als Jungbäuerin in „Emmas Glück“ (2006) wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Danach spielte sie in Sönke Wortmanns „Die Päpstin“, Christian Schwochows „Westen“, der Mysteryserie „Dark“ und „Babylon Berlin“. 2023 wurde sie für ihre Nebenrolle der Gisela in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ erneut mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

    „Marzahn, mon amour“ mit Jördis Triebel als Kathi Grabowski (Foto) läuft in sechs Folgen ab dem 14. März in der ARD-Mediathek und am 21. März ab 23.50 Uhr im Ersten.

    #Berlin Marzahn #Friedrichshain #Straßmannstraße

    #Kultur #Prominente

  • Gegen die Ubernahme der Stadt
    https://jungle.world/artikel/2025/08/taxi-filmfest-gegen-die-ubernahme-der-stadt

    29.2.2025 von Holger Heiland - Das Taxifilmfest ist nicht einfach nur ein weiteres Filmfest, sondern ein Protest für gute Arbeitsbedingungen und Arbeitsrechte von Personenbeförderern.

    Zwei Tage vor der Eröffnung der 75. Internationalen Filmfestspiele von Berlin steht Klaus Meier in der Kälte vor dem Berlinale-Palast und wartet auf seine Mitstreiter. Er ist einer der Veranstalter des 2. Taxifilmfests; bei dessen Erst­auf­lage waren während der vorigen Berlinale in Taxis Filme mit Taxibezug gezeigt worden. Nicht nur seine Mitstreiter, sondern auch die für die Filmvorführungen aufgerüsteten Großraumtaxen lassen auf sich warten.

    »Improvisation gehört dazu«, erklärt Meier der Jungle World. »Noch ist nicht alles ausdiskutiert. Etwa, ob wir Filme wieder nur in den Taxen zeigen. Das hieße, dass immer je acht Menschen eine Vorstellung besuchen können. Wir könnten die Wagen aber auch als Shuttles nutzen, um unser Publikum in einen komfortabel geheizten Kinosaal zu befördern.«

    Das Taxikultur-Team, dem neben Meier die Taxiunternehmer:innen Stephan Berndt und Irene Jaxtheimer angehören, stellt sich an den Festival­tagen bis zur Dämmerung den Fragen von Interessierten, informiert über das Programm und ihren Protest »gegen die Übernahme der Stadt durch Plattformkapitalisten und Ausbeuter«.

    »Eine angekündigte Fachkunde­prüfung als Voraussetzung für die Erteilung einer Beförderungslizenz lässt bis heute auf sich warten.« Klaus Meier, Veranstalter des Taxifilmfests

    Veranstaltungen wie die Berlinale – mit 2024 nach eigenen Angaben 329.502 verkauften Tickets eines der größten Publikumsfilmfestivals auf der Welt – sind seit langem wichtiger Teil des Stadtmarketings. Sie sollen helfen, Investoren und damit Steuereinnahmen anzulocken. Gerade deshalb stellte es für den Filmenthusiasten Meier, der neben seinem Beruf schon für das Videofilmfest (seit 1988) und die daraus entstandene Transmediale gearbeitet hat, einen Skandal dar, dass der Haupt­sponsor der Berlinale in den beiden vergangenen Jahren ausgerechnet der Vermittlungsdienstleister Uber war.

    »Das war kein gutes Zeichen, weder für das Festival noch für die Stadt. Zumal sich die Berlinale ja als dezidiert politisches Festival versteht.« Uber selbst beschäftigt keine Fahrer, sondern betreibt nur die Plattform, auf der diese ihre Dienste anbieten können. Das Geschäftsmodell führt Meier zufolge zu »Schwarzarbeit, Lohndumping und Steuerhinterziehung«. Das Unternehmen ziehe sich aus der Verantwortung und argumentiere damit, dass es nur als Vermittler auftrete, das lediglich seine App zur Verfügung stelle.

    Der RBB titelte bereits 2023 nach einer Recherche zum Uber-System: »Fahrer sind Opfer organisierter Schwarzarbeit«. Der Fachgebietsleiter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Hauptzollamt Berlin berichtete der Zeitung von Firmen, die gegründet würden, um »in großem Umfang Arbeitnehmer« als Fahrer zu beschäftigen, die dann nicht sozialversichert seien.
    Illegale Taxifahrten über Uber und Bolt

    Mitte Januar gab es in einem solchen Fall Hausdurchsuchungen in mehreren Bundesländern wegen des Verdachts der besonders schweren illegalen Beschäftigung, der besonders schweren Steuerhinterziehung und der bandenmäßigen Urkundenfälschung. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main wirft insgesamt 30 Personen vor, seit 2022 illegale Taxifahrten über Uber und Bolt angeboten zu haben.

    »Den Fahrer:innen bringt das in der Summe Unsicherheit und den Zwang, ständig zu arbeiten, um überhaupt etwas zu verdienen. Das führt oft in biographisch ausweglose Lagen«, weiß Meier aus seiner langjährigen Erfahrung als hauptberuflicher Taxifahrer. Seit er nicht mehr selbst hinterm Steuer sitzt, berät er ehemalige Kolleg:in­nen in prekären Arbeitsverhältnissen als Taxi-Soziallotse für das vom Senat geförderte Berliner Arbeitslosenzen­trum (Balz). Seit Jahren engagiert er sich zudem in der AG Taxi, einer gewerkschaftlichen Gruppe im Rahmen von Verdi Berlin, und setzt sich dafür ein, die Anliegen der gewerkschaftlich kaum organisierbaren Angestellten im Taxigewerbe zu Gehör zu bringen.

    Von den politisch Verantwortlichen fordert er beispielsweise, sich den Hamburger Senat zum Vorbild zu nehmen und durch angemessene Ordnungs- und Kontrolltätigkeit die wirtschaftliche Situation der Beschäftigten zu verbessern. In Hamburg werden kaum Uber-Fahrzeuge zugelassen. Der Senat bezweifelt die zumindest kostendeckende Betriebsführung des durch Apps vermittelten Mietwagenverkehrs. Um zugelassen zu werden, sind die Unternehmen dazu verpflichtet, einen Geschäftsplan vorzulegen.

    Mit seinen Protestaktionen war Meier bereits erfolgreich. Aus einer Plakataktion gegen Uber 2023 entstand 2024 das Taxifilmfest mit Filmen aus privaten DVD-Sammlungen. Das Festival erhielt weltweit Aufmerksamkeit. Das trug sicher mit dazu bei, dass Uber sich in diesem Jahr als Sponsor der Berlinale zurückgezogen hat.
    »Gegen-Kartographie«

    Das Taxifilmfest hat sich mittlerweile etabliert. 1.640 Filme von Filme­macher:innen aus aller Welt wurden in diesem Jahr eingereicht. Gezeigt werden davon fünf Spiel- und 59 Kurzfilme. Von grell bis experimentell dreht sich alles ums Taxifahren und seinen Beitrag zur urbanen Kultur. Einst auf Super 8 gedrehte Einblicke in die Berliner Gegenkultur der siebziger und achtziger Jahre gibt es auch – in Erstaufführung.

    Besonders stolz ist Meier auf den Workshop »Besser als die App«. Da gehe es um die Besinnung auf eigenes Wissen und Stärken, um auf Navigationssysteme bauende Beförderungsmodelle alt aussehen zu lassen. »Unter Verkehrsminister Scheuer wurde die Ortskundeprüfung abgeschafft. Dadurch sind die Fahrer:in­nen enteignet worden und die Qualität der individuellen Personenbeförderung wurde schlagartig schlechter. Eine angekündigte Fachkundeprüfung als Voraussetzung für die Erteilung einer Beförderungslizenz lässt bis heute auf sich warten.«

    Das Werkzeug, das der Workshop an die Hand gibt, heißt »Gegen-Kartographie«. Kartieren wird dabei als Praxis verstanden. In Karten, so die Überlegung, sind immer schon Interessen und damit Herrschaftsstrukturen eingeflossen und werden dadurch verfestigt. Die Gegen-Kartographie ist hingegen auf die Perspektive der Akteure ausgerichtet. Am Beispiel von Taxifahrer wären also Fragen wie die entscheidend, wie ein konkreter Platz aussieht, wo man abbiegen, sich einordnen oder parken kann. Taxifahrer:innen bietet das die Möglichkeit, ihre Interessen klar zu formulieren und ihre Rechte durchzusetzen. Eine Preisverleihung für die beim Taxifilmfest ausgezeichneten Filme gibt es natürlich auch.

    #Berlin #Mitte #Friedrichshain #Moabit #Potsdamer_Straße #Potsdamer_Platz #Alt_Stralau #Markgrafendamm #Beusselstraße #Wiclefstraße #Kultur #Kino #Film #Taxifilmfest

  • Der hässlichste Fleck Berlins: Nichts ist so trist wie der Uber-Platz in Friedrichshain
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/der-haesslichste-fleck-berlins-nichts-ist-so-trist-wie-der-uber-pla

    Da hat der Kollege Schreiberling aber schlecht aufgepasst. Gerade am 19. Februar hat das Taxifilmfest dem Platz ein freundlicheres Gedicht gegeben.
    https://www.taxifilmfest.de/article182.html
    Zumindrest auf der Mühlenstraße waren die Taxifilmfesttaxis unübersehbar. Tja.

    19.2.2025 von Johann Voigt - Egal ob O₂-, Mercedes- oder Uber-Platz: Die Tristesse dieses Ortes ist erdrückend. Außer, es finden dort gleichzeitig die Berlinale und ein K-Pop-Konzert statt.

    Berlin verkommt zum mittelmäßigen Provinzkaff. Zumindest am Uber-Platz in Friedrichshain. Zwischen der Uber Arena und der Uber Eats Music Hall wirkt alles so generisch, als würde man sich auf dem Gelände von irgendeiner Mall im Niemandsland der USA befinden. Aber nicht auf die romantische Roadmovie-Art.

    An diesem seelenlosen Ort zwischen L’Osteria, Five Guys und, natürlich, einer Rooftop-Bar schreit alles so sehr nach Konsum, dass sich selbst der letzte Hyperkapitalist fragen sollte: Was will ich hier? Denn geboten wird nichts außer mittelmäßiger Architektur, mittelmäßigem Essen und mittelmäßigen Geschäften.

    Bei UCI ballern währenddessen Actionhelden in Blockbustern stoisch gegen die Tristesse an. Das Areal um den Uber-Platz, ein Ort so grau wie der Berliner Winter. Trotz der blinkenden Neonlichter auf den Werbetafeln. Jeder Mensch, der sich allein an diesen Ort begibt, wird früher oder später seiner Lebensfreude beraubt.

    Außer am Abend. Das Absurde an diesem Fleck Erde ist, dass er alle paar Monate glänzt, dass hier Kultur von Weltrang passiert. Beyoncé spielte in der Uber Arena, auch Drake, Kiss und Madonna waren da. Von einem auf den anderen Moment wird der Uber-Platz zum Hotspot der globalen Popkultur.

    Cineasten und K-Pop-Fans

    Derzeit ist dort eine besonders interessante Wechselwirkung zu beobachten. Einerseits ist die Uber Eats Music Hall erneut einer der Austragungsorte der Berlinale: Plötzlich läuft hier internationales Nischenkino für Cineasten. Andererseits spielte die K-Pop-Band Ateez zwei Konzerte hintereinander in der Uber Arena.

    Das führt dazu, dass sich auf dem Uber-Platz Anhänger beider (Sub-)Kulturen umeinander herumschlängeln. Die sleeken, dunklen Outfits und strengen Brillen der Kinogänger treffen auf die knallige, ein bisschen grungy, ein bisschen an Anime erinnernde Ästhetik von K-Pop. Die Haare der einen sind nach hinten gegelt, die der anderen grün oder pink gefärbt.

    Die beiden Gruppen sprechen nicht miteinander, sie beäugen sich nur interessiert. Das Wichtigste aber ist: Sie geben dem Uber-Platz eine Seele, jede auf ihre Art. Sie stülpen dem Grau ihre Ästhetiken über, nehmen den Raum ein mit ihren Gesprächen, während sie draußen darauf warten, dass drinnen große Kultur passiert.

    Und so hören 17.000 Fans Ateez zu und kreischen, während nebenan der Film „Girls on Wire“ der chinesischen Regisseurin Vivian Qu läuft und mit vornehmem Applaus bedacht wird. Der Uber-Platz ist da längst wieder verwaist. Nur die Absperrgitter für die K-Pop-Fans vor der Konzerthalle und ein paar Berlinale-Bären erinnern noch an einen kurzen Moment der Lebensfreude an diesem toten Ort.

    #Berlin #Friedrichshain #Mühlenstraße #Uber #Taxifilmfest

  • Rigaer Straße in Friedrichshain : Vermummte greifen Polizisten mit Feuerwerk an
    https://www.berliner-zeitung.de/news/rigaer-strasse-in-friedrichshain-vermummte-greifen-polizisten-mit-f

    Die Polizei überprüft am Freitagabend in der Rigaer Straße mehrere Aktivisten. Morris Pudwell

    Pourquoi le journal n’écrit-il « Vermummte Polizisten greifen mit Feuerwerk an » ? On est tellement habitué aux images du monde entier de policiers camouflés en train d’agresser des manifestants avec des grenades explosives qu’un titre de journal qui affirme le contraire nous semble d’abord peu vraisemblable. Soit, c’est un reporteur petit bourgeous quoique sérieux, alors ne le mettons pas en question avec nos partis pris. : A Berlin, Rigaer Straße la police est intervenue pour faire céder le feux d’artifice de quelques personnes qui se sont protégés contre le froid du mois de février.

    Il n’y a eu ni arrestations ni blessés malgré l’hélicoptère et les armes de la police. Un weekend paisible s’annonce.

    Merci chers gardiens de la paix. Qu’est-ce qu’on ferait sans vous.

    8.2.2024 - Etwa 20 Vermummte zünden am Freitagabend in der Rigaer Straße Feuerwerk und besprühen Wände. Als die Polizei kommt, werden die Beamten attackiert.

    In der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain sind erneut Polizisten mit Feuerwerkskörpern angegriffen worden. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand der Polizei hat es keine Festnahmen gegeben.

    Am späten Freitagabend haben 20 vermummte Menschen Pyrotechnik gezündet und Wände angesprüht, wie die Polizei mitteilte. Im weiteren Verlauf wurde Pyrotechnik auf ein Polizeifahrzeug geworfen. Ob das Auto dadurch beschädigt wurde, ist der Polizei nicht bekannt.
    Angriffe auf Polizisten in der Rigaer Straße: Polizeihubschrauber im Einsatz

    Es war auch ein Polizeihubschrauber im Einsatz, der überprüfen sollte, ob sich eine Person auf einem Hausdach befindet. Es konnte aber niemand ausfindig gemacht werden. Die Polizei ermittelt wegen schweren Landfriedensbruchs.

    Bereits vor wenigen Wochen wurde die Polizei in der Rigaer Straße mit Feuerwerkskörpern angegriffen. Zudem zündeten vermummte Menschen auf der Straße mehrere Tannenbäume an.

    #Berlin #Friedrichshain #Rigaer_Straße #Police #wtf

  • Friedrichshain: Wer wirklich in einer Berliner Notunterkunft für Obdachlose schläft
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/friedrichshain-wer-wirklich-in-einer-berliner-notunterkunft-fuer-ob

    In der Notübernachtung in Friedrichshain kommen unterschiedliche Menschen zusammen. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    A Berlin la perte du domicile fixe n’est plus seulement le sort des plus pauvres. Un moment de faiblesse suffit pour être transformé en victime de propriétaires d’appartements sans scrupules. La couche moyenne vit désormais sous la menace constante de pedre tout ce qui constitue une vie „normale“.

    4.2.2025 von Stella Tringali - In einer Notunterkunft schlafen die Ärmsten der Armen in Berlin. Jeder kann dort landen. Ein Besuch am alten Containerbahnhof in Friedrichshain.

    Berliner stellen sich Obdachlose oft so vor: in einem Schlafsack unter der Brücke, mit zerzaustem Haar, Nadel im Arm oder Erbrochenem um den Mund. Doch ist es nicht das Bild, das sich in der Notunterkunft am Containerbahnhof der Berliner Stadtmission zeigt. Dort, in der warmen, aufgeräumten Traglufthalle, sitzen Menschen, die aussehen wie ein Student in einem hippen Friedrichshainer Café oder der freundliche Opa im Rollstuhl in der U-Bahn. Vereint sitzen sie auf Bierbänken, schlürfen ihr Chili con Carne. Manche spielen Tischtennis, klatschen sich ab oder sitzen am Laptop, haben Kopfhörer in den Ohren. Von der Kuppel hängt noch ein Herrnhuter Stern von Weihnachten, an den Wänden hängen Zeichnungen, die obdachlose Menschen zeigen. Auf einem dunklen Sofa liegt ein Mann und spielt auf seinem Handy.

    Es wirkt beinahe wie in einem Hostel hier am Containerbahnhof hinter dem Ring-Center. Doch sind diese Menschen dort eben keine Touristen. Sie sind obdachlos. Am Tag sind sie auf den Straßen, in den U-Bahnhöfen oder in den Shoppingcentern der Hauptstadt unterwegs. Um 5.30 Uhr werden sie geweckt und zwei Stunden später müssen sie wieder auf die Straße. Viele stehen um 19.30 Uhr wieder in der Warteschlange, um kostenfrei in einem Vierbettzimmer unterzukommen. Während der ersten Stunde können sich nur diejenigen registrieren, die am Vorabend eine Reservierungsmarke haben.

    Danach können sich neue Gäste anmelden und ihr Gepäck abgeben. Der Schichtleiter schaut nach, ob die Menschen Läuse oder Krätze haben. Außerdem werden Taschen nach Alkohol, Drogen und Waffen durchsucht. Anders als in anderen Notunterkünften müssen die Gäste der Berliner Stadtmission nicht nüchtern sein und können auch ihre Haustiere mitbringen. Für schwere Alkoholiker ist es mitunter lebensgefährlich, über Nacht nüchtern zu sein. „Es darf aber niemand in unseren Einrichtungen konsumieren“, sagt Barbara Breuer von der Stadtmission. „Denn wir wollen hier keine wilden Partys.“

    Neuköllnerin: So schlitterte sie in die Obdachlosigkeit

    Dort in Friedrichshain können obdachlose Menschen sich jede Nacht in 70 Betten vor der Kälte schützen. Das ist ein neues Konzept, denn vor Mai letzten Jahres waren jeden Winter noch 120 Betten verfügbar. Warum also weniger Plätze, obwohl sie dringend benötigt werden? Der Grund: Diese Unterkunft beherbergt nun zwar weniger Menschen, soll diesen aber den Start in ein neues Leben ermöglichen. Finanziert wird das Projekt durch die Senatsverwaltung für Soziales im Rahmen des Integrierten Sozialprogramms (ISP). So bietet die Unterkunft ihren Gästen schwerpunktmäßig das gesamte Jahr über sozialpädagogische Beratung an. „Die führt hoffentlich bei vielen dazu, sie nachhaltig zurück ins Hilfesystem und in ein unabhängiges Leben zu vermitteln“, erklärt Barbara Breuer.

    Wenn früher während der Wintersaison täglich neue Menschen zur sicheren und warmen Übernachtung in der Traglufthalle kamen, konnte nur selten erfolgreiche Sozialarbeit stattfinden. „Bei 70 obdachlosen Gästen, die auch länger in der Halle verweilen dürfen, können wir etwas an der Lebenslage verändern, sofern sie das wollen“, sagt Barbara Breuer. Dafür haben sie erst einmal zehn Tage Zeit. Wer im Beratungsprozess ist, darf länger bleiben. Gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin können sie dann die ersten Schritte planen. Viele benötigen Hilfe bei Anträgen zur Rentenversicherung, Suchtmittelabhängige werden zum Entzug ermutigt. Aber auch Kostenübernahmen für Wohnheimgruppen zu bekommen, ist nicht einfach, aber nötig, um in Projekte wie Housing First vermittelt werden zu können. Wer hier mitmacht, kann auch den Aufenthalt verlängern.

    „Ich bin durch Behördenwillkür aus meiner Wohnung vertrieben worden“, sagt Suzana Lamprecht. Die Frau mit dem langem, dunklen Haar setzt den Löffel an und schlürft den roten Eintopf. Dann holt sie ihr Smartphone aus der Jackentasche und sucht nach einem Bild. Ein Foto ihres Klingelschilds an der Wohnung in Berlin-Buckow, aus der sie im April mit „Polizei und Gerichtsvollzieher“ geworfen wurde. Vorher habe sie die Miete gemindert, weil kein Warmwasser mehr geflossen sei. Die gebürtige Serbin, die mehrfach betont, seit 50 Jahren Deutsche zu sein, erzählt, dass sie lange als Sozialassistentin in Neukölln gearbeitet habe. Sie sagt, sie habe durch die Ex-Klienten gelernt, dass sie kein Einzelfall sei. Drei Kinder habe sie in der Wohnung großgezogen. In der Notunterkunft teilt sie sich ein Zimmer mit einer Ukrainerin.

    Den Schlüssel für den Briefkasten habe sie noch immer, aber eben nicht für die Wohnung, erklärt sie. Das Schloss wurde ausgetauscht. Seit Dezember schläft sie nun hier. Tagsüber verbringt sie die Zeit in Shoppingcentern. Sie trinke nicht, konsumiere nicht, randaliere nicht. Deshalb falle sie in den Einkaufszentren nicht auf. Aber: „Das Leben ist teurer, ein Kaffee oder eine Brezel auswärts zu essen, kostet jeden Tag sehr viel Geld“, sagt Suzana Lamprecht. Sie hat jetzt gegen die Räumung geklagt. „Ich wünsche mir, dass jemand mal für mich aufsteht.“

    Insgesamt betreibt die Berliner Stadtmission drei Notunterkünfte für obdachlose Menschen in Berlin. Knapp ein Drittel der Gäste sind deutsche Staatsbürger. In der Saison 2023/2024 wurden in diesen Unterkünften 50.306 Übernachtungen gezählt. In kalten Nächten sind die Notunterkünfte stark überbelegt. Diese Notunterkunft am Containerbahnhof ist die einzige in Berlin, die zumindest barrierearm ist. Barrierefreie Unterkünfte gebe es nicht, sagt Barbara Breuer. Dabei wurden in der vergangenen Saison 74 Rollstuhl fahrende oder anders mobilitätseingeschränkte Gäste allein in den Unterkünften der Stadtmission gezählt. Auf der Straße leben weitaus mehr. Sie fallen durch das Raster. Und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln kann ihnen nicht ausreichend geholfen und auf ihre Bedürfnisse eingegangen werden.

    Darum opfern Berliner ihre Zeit für die Menschen in Not

    Noch bevor die Gäste eintreffen, werden die Aufgaben verteilt. Wer sitzt bei der Registrierung, wer steht in der Küche? Es gibt Festangestellte und ehrenamtlich Engagierte, ohne die die Notübernachtung nicht betrieben werden könnte. Paula Kurz gehört zum sogenannten Medi-Team. Schon während ihres Medizinstudiums an der Charité hat sie sich neben Studium und Nebenjob zusätzlich ehrenamtlich am Containerbahnhof engagiert und die Gäste medizinisch versorgt.

    „Oft sind das Schnitt- oder Platzwunden, die sich viele auf der Straße zuziehen“, sagt die auf Innere Medizin spezialisierte Ärztin. In dem Behandlungsraum steht auch ein Ultraschallgerät, weil die Menschen häufig mit Schmerzen im Bauchbereich zu kämpfen haben, sagt sie. Doch es ist kein Ehrenamt mit großen Erfolgserlebnissen: „Es gibt viele regelmäßige Besucher, bei denen es keine gesundheitlichen Fortschritte gibt“, sagt sie.

    Während Paula Kurz einen Patienten verarztet, schnippelt Jana am Essensausgabetresen die Tomaten für den Salat. Hinter einer Scheibe liegen belegte Brote, einfache Schrippen, Salate und Salami, außerdem gibt es jeden Abend ein frisch gekochtes, warmes Eintopfgericht. Das wird vom Kältebus aus der Lehrter Straße angeliefert. Jana arbeitet im Marketing, und ist ehrenamtlich hier, für einen Abend alle zwei Wochen. Wieso investieren Berliner ihre Freizeit in dieses Projekt? „Ich habe zu Schulzeiten bei der Tafel gearbeitet, und ich wollte hier auch mithelfen und anpacken“, sagt Jana. Sie wohne in Friedrichshain und für sie ist die Unterkunft nicht weit entfernt. „Ich werde durch die Arbeit dankbar für mein Leben. Davon will ich etwas zurückgeben.“

    Ein 30-jähriger Mann holt sich eine Schüssel Eintopf bei Jana ab. Dann setzt er sich mit einem älteren Mann an die Bierbänke. Sie sprechen und lachen. Der jüngere ist ausgebildeter Verwaltungsfachmann, hat dann sein Abitur für beruflich Qualifizierte gemacht und war bis zuletzt Student für Sportwissenschaften und Deutsch auf Lehramt in Berlin. Der gebürtige Bielefelder jobbte nebenbei und lebte in einer WG des Studentenwerks, für die er eine Immatrikulationsbescheinigung einreichen musste. Durch hohe Schulden im dreistelligen Bereich bei der Krankenkasse habe er den Studienplatz samt Zimmer verloren. Tagsüber verbringt er die meiste Zeit in Friedrichshain, ist „hier und da“, sagt er. Er möchte nicht seinen vollständigen Namen sagen, wie viele.

    Obwohl die meisten gern zusammensitzen, gehen sie dann auch getrennte Wege. Eine schick gekleidete Frau sprüht sich im Badezimmer noch ein wenig Parfüm auf die Handgelenke. Dann geht sie in ihr Zimmer im Frauenbereich und schließt die Tür. Sie ist Russin, hat mit ihrem Mann in Zehlendorf gelebt. Als er starb, konnte sie alleine die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen. Einem anderen Gast wurde der Ausweis geklaut. Er arbeitet auf dem Bau und findet in Berlin keine günstige Wohnung. In der Notunterkunft der Berliner Stadtmission sind sie gleich: Sie alle sind Menschen, die dasselbe Essen bekommen, sich in gespendeten Handtüchern abtrocknen und in baugleichen Betten schlafen. Bis sie morgens wieder geweckt werden und wieder ohne Obdach auf der Straße stehen.

    #Berlin #Friedrichshain #logement #sdf

  • Clubsterben in Berlin: Eine Schneise der Verwüstung
    https://taz.de/Clubsterben-in-Berlin/!6027065


    L Der leere Eingang vom Salon zur Wilden Renate Club. Eigentümer Padovicz hat den nett gemeinten Hinweis am Club der Wilden Renate wohl nicht gelesen   Foto: IMAGO / Emmanuele Contini

    15.8.2024 von Jonas Wahmkow - Der traditionsreiche Technoclub Wilde Renate soll Ende nächsten Jahres schließen. Schuld ist noch nicht die A100, sondern ein dubioser Spekulant.

    D ie Nachricht, dass der Technoclub Wilde Renate wahrscheinlich schon bis zum Ende nächsten Jahres schließen muss, schockiert. Die Renate ist seit ihrer Gründung 2007 aus dem Berliner Nachtleben nicht mehr wegzudenken. Der Club erstreckt sich über mehrere Etagen in einem unsanierten Altbau. Statt riesiger Floors laden liebevoll dekorierte Zimmer sowie ein ausladender und verwinkelter Garten dazu ein, sich in einer verwirrenden wie charmanten Parallelwelt zu verlieren. Dass etwas Vergleichbares an anderer Stelle wieder neu entstehen könnte, ist im durchgentrifizierten Berlin höchst unwahrscheinlich. Wo findet man schon einen unsanierten Altbau?

    Der Grund, den die Be­trei­be­r:in­nen in einer Pressemitteilung am Mittwoch nennen, ist so banal wie frustrierend: Der Eigentümer, der berüchtigte Immobilienhai Gijora Padovicz, will den Mietvertrag mit den Be­trei­be­r:in­nen nicht mehr verlängern.

    „Trotz intensiver Bemühungen, eine Verlängerung des Vertrags oder alternative Lösungen zu finden, müssen sich die Clubbetreibenden der Tatsache stellen, dass die Renate nach diesem Zeitpunkt nicht mehr in ihrer derzeitigen Form bestehen kann“, heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten Statement des Clubs.

    Padovicz’ Geschäftsmodell besteht darin, heruntergerockte Immobilien billig zu kaufen und etwaige Zwischennutzer:innen, die der maximalen Verwertung im Weg stehen, rabiat zu entmieten. Allein in Friedrichshain sind über 200 Immobilien im Eigentum von Padovicz’ Firmengeflecht. Die Liste an Clubs und Hausprojekten, die dem Profitstreben des Unternehmers in den vergangenen Jahren zum Opfer gefallen sind, kann es durchaus mit der A100 aufnehmen.

    Das Autobahnprojekt droht bekanntlich eine kulturpolitische Schneise der Verwüstung druch Friedrichshain zu ziehen. Das zeigt allein schon die schier endlos lange Liste an bedrohten Projekten: das About Blank, die Neue Zukunft, das Oxi, das Void, die Villa Kuriosum, der Club Ost, die Else und last but not least – die Wilde Renate.
    Meister der Verdrängung

    Doch während der 17. Bauabschnitt der A100 nur auf dem Papier existiert, hat Padovicz bereits wie ein Bulldozer in der Berliner Kulturlandschaft gewütet. Da wäre der Technoclub Rummelsbucht, zwei Mietshäuser und der queere Wagenplatz „Mollies“, die an der Rummelsburger See Luxusneubauten weichen mussten. Oder das queerfeministische Hausprojekt Liebig 34, das 2020 mit einem massiven Polizeiaufgebot geräumt worden ist.

    Latent bedroht ist aktuell auch das Watergate an der Oberbaumbrücke. Wie schon bei der Renate verdoppelte Padovicz 2017 kurzerhand die Miete und brachte den Club in existenzielle Schwierigkeiten. Auch im Wiesenweg 1–4 am Lichtenberger Gleisdreieck will der Immobilienunternehmer hoch hinaus. Dort, wo jetzt der Oxi-Club sein Zuhause hat, soll bald ein Büroturm entstehen. Ob der Klub an dem Standort gehalten werden kann, ist unklar.

    Die Frage ist, was Padovicz mit dem brüchigen Altbau, der der Wilden Renate ihren Charme verleiht, aber zum Wohnen denkbar ungeeignet ist, überhaupt anstellen will. Zumal die Frage, ob das ganze Gebäude für die A 100 abgerissen werden muss, nach wie vor im Raum steht.

    Einen Ausblick bietet das Schicksal der Liebig 34. Nach oberflächlicher Sanierung verpachtete Padovicz das Haus an einen dubiosen Subunternehmer, der wiederum die Schrottwohnungen zu überhöhten Preisen an Geflüchtete vermietete.

    #Berlin #Friedrichshain #Alt-Stralau 70 #Gastrnomie #Nachtclub

  • Ehemaliges Mauer-Pförtnerhaus an Mühlenstraße: Darum ist Berlins überflüssigste Tür Teil eines Denkmals
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/ehemaliges-mauer-pfoertnerhaus-an-muehlenstrasse-darum-ist-berlins-

    Zwei geheime Türen wie bei Alice im Wunderland. Früher riegelte die Mauer das Pförtnerhaus auf beiden Seiten ab.Markus Wächter_

    Mir war der Kiosk lieber als das Gedenkgedöns.

    26.1.2024 vin Ida Luise Krenzlin - Wohin führten die Türen in der Mauer an der Mühlenstraße? Das ehemalige Pförtnerhaus hat eine besondere Geschichte, die nun wieder auflebt.

    Der Architekt Steffen Obermann stöhnt. Er steht vor dem eröffneten Pförtnerhaus in der Mühlenstraße. „Banale Räume. Keine räumlichen Qualitäten. Ein reiner Funktionsbau.“ Sein Berliner Büro betreut Großprojekte wie die denkmalgerechte Sanierung der Deutschen Oper. Eine komplett andere Liga. Warum also steht Steffen Obermann nun an einem sehr kalten und regnerischen Donnerstag vor diesem unspektakulären Pförtnerhaus?

    Es geht allein um den historischen Wert des Gebäudes. Das Pförtnerhaus stand nämlich auf dem Kolonnenweg, mitten auf dem Todestreifen der Grenzanlage. Die Stiftung Berliner Mauer hat gemeinsam mit der Wüstenrot Stiftung das Pförtnerhaus denkmalgerecht saniert. Es beherbergt einen Besucherpavillon der Stiftung Berliner Mauer.

    Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung, freut sich über das neue Denkmal. Auch er gibt zu, dass es sich hier nicht um die Villa Schminke von Scharoun handelt. Die Stiftung Wüstenrot hat „die kleine Kiste“ trotzdem in ihr Förderprogramm aufgenommen und die denkmalgerechte Sanierung finanziert.

    Blick auf die Grenzanlage an der Mühlenstraße. Das kleine Haus links, das aussieht wie ein Schuppen, ist das Pförtnerhaus. Im Hintergrund der Getreidespeicher. Die Arbeiter mussten durch das Pförtnerhaus, um zur Arbeit zu kommen. Berliner Mauer-Archiv, Hagen Koch

    Zur Eröffnung sprechen Philip Kurz, der Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, der ausführende Architekt Steffen Obermann und die Leiterin der East Side Gallery, Anna von Arnim. Als Zeitzeugen sind Marianne Birthler und Thomas Klingenstein geladen. Die Politikerin ist in der Warschauer Straße ganz in der Nähe der Grenzanlage aufgewachsen, „500 Meter von hier“. Sie erinnert sich, wie sie an der Hand ihres Vaters über die Oberbaumbrücke ging. „Der hat Kaffee geschmuggelt“, schiebt sie erklärend hinterher. Das war aber vor dem Mauerbau. Der Schriftsteller und Maler Thomas Klingenstein erinnert sich an bedrückende Autofahrten, die Mühlenstraße lang. Trostlos und furchteinflößend hat er die graue Mauerstraße in Erinnerung. Und die Türen? Erinnert sich Thomas Klingenstein an die geheimnisvollen Türen, die in die Mauer eingelassen waren? „Das waren typische verrammelte Türen, wo in der Nähe die Stasi ist.“ Da habe man nicht länger hingeguckt.

    Vor dem denkmalgerecht sanierten Pförtnerhaus stehen Informationsstelen. Die Geschichte geht so: Die Grenzmauer an der Mühlenstraße war sowieso schon besonders, da hier ein Mauertyp die Stadt teilte, der normalerweise nur auf der Westseite der Grenzanlage eingesetzt wurde. Die „Grenzmauer 75“ bestand aus 3,60 Meter hohen Stahlbetonelementen. Zum Abschluss wurde eine runde Betonröhre aufgesetzt. Das waren die typischen Graffiti-Mauern Westberlins.

    Neu eröffnet, denkmalgerecht saniert. Das Pförtnerhaus erzählt die Geschichte des Ortes. Markus Wächter

    Die Ostseite der Grenzanlagen bestand aus den Hinterlandmauern, unauffälliger, oft Häuserwände oder Brandmauern. Da die Protokollstrecke vom Flughafen Schönefeld zum Alexanderplatz über die Mühlenstraße verlief, wurde hier der schickere Mauertyp eingesetzt. Und in diese Mauer waren zwei unauffällige Türen eingelassen, die täglich von vielen Menschen benutzt wurden. Hinter ihnen verbarg sich ein Pförtnerhaus, welches man von der Straße aber noch nicht einmal erahnen konnte.
    Im Pförtnerhaus wärmten sich Volkspolizisten auf

    Dieses Pförtnerhaus hatte zwei Funktionen. Zum einen befand sich mitten auf der Grenzanlage ein Getreidespeicher, der noch benutzt wurde. Die Mitarbeiter mussten durch die Mauertür, am Pförtner vorbei und dann zum Speicher. Dieser wurde extra gut bewacht, mehrere Grenzsoldaten hatten ihre Posten im Getreidespeicher.

    Die zweite Tür war für die Volkspolizisten gedacht, die wegen der Protokollstrecke ihre Posten an der Mühlenstraße hatten. Hinter dieser Polizisten-Tür verbarg sich ein Aufenthaltsraum zum Aufwärmen. Obwohl der Raum sowieso schon klein war, 35 Quadratmeter, war er auch noch geteilt. Eine Mauer, der Architekt zeigt auf Reste an der Decke, teilte den kleinen Raum in die Pförtnerloge, wo die Zivilisten passierten, und den Raum, wo sich die Volkspolizisten aufwärmten. Zwischen den Räumen gab es keinen Durchgang. Beide Räume hatten jeweils eine kleine Toilette. Die Volkspolizisten mussten zudem durch vergitterte Fenster auf die Grenzanlage schauen, denn das war ja nicht ihr Einsatzgebiet. Es gab aus ihrem Kabuff auch keine Tür zur Grenzanlage.

    Eine graue und trostlose Flucht längs der „Grenzmauer 75“. Gut zu sehen ist das Pförtnerhaus mit dem vergitterten Fenster. Dahinter wärmten sich die Volkspolizisten auf. Dahinter im Anschnitt der Speicher und dahinter das Universal-Gebäude, gebaut als Kühlhaus für Eier. Markus Wächter

    Eine graue und trostlose Flucht längs der „Grenzmauer 75“. Gut zu sehen ist das Pförtnerhaus mit dem vergitterten Fenster. Dahinter wärmten sich die Volkspolizisten auf. Dahinter im Anschnitt der Speicher und dahinter das Universal-Gebäude, gebaut als Kühlhaus für Eier.

    Eine graue und trostlose Flucht längs der „Grenzmauer 75“. Gut zu sehen ist das Pförtnerhaus mit dem vergitterten Fenster. Dahinter wärmten sich die Volkspolizisten auf. Dahinter im Anschnitt der Speicher und dahinter das Universal-Gebäude, gebaut als Kühlhaus für Eier.Markus Wächter

    So weit, so absurd. Nach dem Mauerfall zog eine „Souvenirbude“ ein, die bald von der gut besuchten East Side Gallery profitierte. Die Touristen kauften Fellmützen, Mauerstücke und Grenztürme in Schneekugeln. Die Stiftung Mauer setzte sich dafür ein, dass aus dem „zugerümpelten Kiosk“ mit Mauerfolklore und „Geschichtsverzerrung“ ein Denkmal wird, der über die Geschichte des Ortes informiert.

    Dieses Denkmal dient nun der Stiftung Berliner Mauer als Besucherpavillon. Steffen Obermann verlässt ihn gerne. Er zeigt auf die Mauertür, die ja keine Funktion mehr hat, ein unerträglicher Zustand für einen Architekten. „Das ist wohl die sinnloseste Tür Berlins“, aber sie würde eine wichtige Geschichte erzählen. Und deshalb musste er sie wieder einsetzen.

    #Berlin #Friedrichshain #Mühlenstraße #Mauer

  • 20 Jahre Berghain : Happy Birthday, Hain
    https://taz.de/20-Jahre-Berghain/!6051312

    „Sorry, heute nicht“ : Das Berghain pflegt gern seinen Ruf, „Berlins härteste Tür“ zu haben   Foto : Andreas Pein/laif

    Après 20 annés de party le club Berghain ne cesse d’attirer les foules. C’est le résultat d.une excellente propagande et du fait que cette boîte de nuit n’a jamais fait partie de l’underground véritable des années après 1989. Les habitués y trouvent leur bonheur et les mystères sont intacts. C’est ce qui compte pour durer.

    Am Wochenende feiert das Berghain sein 20-jähriges Bestehen. Der Club ist nicht nur zum Symbol der Technokultur geworden. Er gilt auch als Blackbox.

    Berlin taz | Der Kies knirscht unter den Schuhen mit jedem Schritt in Richtung der kolossalen Industrieruine, aus der die Bässe dröhnen. Metallabsperrungen und ein Türsteher blockieren den Zugang. „Wie alt bist du?“, fragt er musternd. „Warum sollte ich dich reinlassen? Bist du betrunken?“ Ein rotes Licht leuchtet auf, die Entscheidung ist bereits gefallen: „Sorry, heute nicht“, sagt er kopfschüttelnd und deutet auf den Ausgang.

    Es ist eine Abfuhr an „Berlins härtester Tür“, wie sie schon Sido, Elon Musk und halb Berlin erfahren mussten. Die Szene stammt aus dem „Berghaintrainer“, einer Onlinesimulation, die Nut­ze­r*in­nen auf die rigorose Türpolitik des Clubs vorbereitet – weniger ernst gemeint als eine spielerische Auseinandersetzung mit dem Mythos rund um den Club.

    Denn das Berghain in Friedrichshain gilt als Blackbox – ein Status, den das Haus um jeden Preis beibehalten will. Mit der Presse spricht das Berghain grundsätzlich nicht. Das hauseigene Label Ostgut, Booker, DJs lehnen ein Gespräch mit der taz ab. Ein strenges Fotoverbot soll verhindern, dass Bilder aus den Innenräumen nach außen gelangen. So bleibt das Berghain, das an diesem Wochenende Geburtstagsjubiläum feiert, auch 20 Jahre nach seiner Eröffnung ein Mysterium.

    Entstanden ist der Club Anfang der 2000er Jahre als Nachfolger des Ostguts, eines Clubs, nicht sonderlich weit weg von der jetzigen Location, der allen Geschlechtern offenstand, sowie des Laboratorys, das sich an schwule Männer richtete. 2003 wurde das Ostgut abgerissen, an seiner Stelle steht heute die Uber Eats Arena. Am 18. Dezember 2004 eröffnete es als Berghain, dessen Name sich aus dem Bezirksnamen Friedrichshain-Kreuzberg ableitet. Ein neues Zuhause fand es in den ehemaligen Hallen des Heizkraftwerks Friedrichshain, die dazu entkernt und umgebaut wurden.

    Berghain entwickelt eigenen Sound durch Resident DJs

    Das Berghain besteht aus verschiedenen Floors: der großen Berghain-Halle, der Panoramabar, der Kantine, dem Laboratory, dem Garten und der Säule. Die Musik variiert je nach Floor: „Oben in der Panoramabar ist es verspielter. Unten ist es auf die Fresse“, sagt Ronald Krüger*, der seit 14 Jahren Stammgast im Berghain ist. Der Club setzte von Anfang an darauf, einen eigenen Sound zu entwickeln und baute dazu eine Gruppe von Resident-DJs und Labels auf. Eine „Residency“ pflegt auch das Berliner Independent-Label Live From Earth, das seit einigen Jahren eigene Partys dorthin bringt.

    Teil davon ist auch Leo Altaras. 2022 legte er unter dem Namen „Alcatraz“ erstmals in der Panoramabar auf und gehört seitdem häufiger zum Line-up. Seine Musik beschreibt er als Electropop, zunehmend spiele er energetischen Trance und Progressive House. „Die Akustik im Berghain ist der Hammer“, sagt der 24-Jährige. „Besonders im Low-Frequency-Bereich hört man Dinge, die man woanders nicht hört.“

    Das Berghain ist bekannt für das sogenannte Funktion-One-System, das die akustisch herausfordernde Ruine mit ihren 18 Meter hohen Decken mit kraftvollem Sound und hochwertigen Bässen füllt. 2017 wurde das Soundsystem in der Panoramabar rundüberholt, 2024 auch das in der Halle im Berghain.

    Für Isa*, eine Berlinerin, die seit 6 Jahren ins Berghain geht, ist es vor allem der Sound, der die Erfahrung besonders macht. „Natürlich ist es architektonisch toll, aber vor allem ist die Anlage richtig krass“, sagt die 26-Jährige. „Auf dem Dancefloor ist es nicht zu laut und nicht zu leise. Man kann sich bei voller Lautstärke gut unterhalten – wobei das nicht gern gesehen wird.“
    Das Berghain ist für DJs ein Ort künstlerischer Freiheit

    Neben dem Soundsystem schätzt Leo Altaras die künstlerische Freiheit, die ihm beim Auflegen in der Panoramabar geboten wird. „Man kann sich musikalisch ausprobieren. Die Gäste haben Ahnung von Musik, aber lassen sich auf andere Nischen ein und sind bereit für Neues. Wenn man sich als DJ etwas überlegt, wird das mit offenen Armen begrüßt“, sagt er. „Das Berghain ist ein Ort der künstlerischen, aber auch allgemeinen Freiheit.“ Und natürlich ein sehr sexueller Ort.

    Der Club ging aus der schwulen Sex- und Fetischpartyreihe „Snax“ im Vorgängerclub hervor. Der Dark­room Laboratory im Erdgeschoss des Hauses ist dabei noch immer Herzstück des Berghains. Für den 56-jährigen Berliner Ronald Krüger sind es vor allem die Begegnungen, auch jenseits des Laboratory, die das Berghain besonders machen. „Man verbringt eine schöne, verbindende Zeit und ist kuschelig miteinander. Das bedeutet nicht unbedingt Sex. Aber Leute, die ein Teil genommen haben, ziehen sich eben an wie Magneten.“

    In anderen Clubs habe er diese Begegnungen nicht. „Im Sisyphos fühle ich mich zu alt, im Tresor ist es zu dunkel und das Kitkat finde ich total scheiße“, sagt Krüger. Dort gehe es eindeutig um Sex. „Die Leute checken sich ab.“ Im Berghain sei das anders: „Alle gucken sich in die Augen. Ich kann zu jedem gehen, ob Mann oder Frau, etwas Nettes sagen und die Person wird sich freuen.“

    Auch für Isa sind die Begegnungen im Berghain ein großer Anziehungsfaktor: „Es ist unglaublich, wie viel Liebe im Raum ist. Man ist nie allein, wenn man nicht will.“ Das liege auch am großen, vertrauten Stammpublikum. „Diese Menschen halten über Tage die Stimmung aufrecht und geben viel Energie rein.“ In anderen Clubs gebe es das nicht. „Vielleicht, weil sie nicht die gleiche Anziehungskraft haben.“ Für Isa besteht sie darin, dass das Berghain „roher und subkultureller“ ist als andere Technoclubs. „Die Welt drinnen ist eine andere – komplett abgekapselt von außen.“
    Die Realität nach dem Rausch ist hart

    Auch Krüger bezeichnet den Club als „Paralleluniversum mit einzigartiger Warmherzigkeit“. Das gelte jedoch nur für die Stunden, in denen man drin ist. „Danach zerplatzt es wieder. Dann verlässt du den Schuppen, bist ziemlich druff und brauchst erst mal zwei Tage, um wieder klarzukommen.“

    Bekannt ist das Berghain eben auch für exzessiven Drogenkonsum. Immer wieder kursieren Gerüchte von Gästen mit Überdosis, die kollabieren oder sterben. Im Berghain-Kanal des Internetforums Reddit warnen Gäste vor gefährlichen Drogen, die umhergehen, oder Needle-Spiking, dem heimlichen Injizieren von Drogen bei Clubgästen.

    Gleichzeitig eröffnet der Drogenkonsum erst die magische Dimension des Clubs, findet Krüger. Mit 43 Jahren nahm er im Berghain das erste Mal Drogen: „Was da passiert, ist sonst nicht zu begreifen. Ich hatte die euphorischsten Erlebnisse im Rausch von Ecstasy, elektronischer Musik und Tanzen.“ Das sei auch gefährlich. „Das Berghain kann eine Droge werden“, sagt Krüger. Das gelte vor allem, wenn man mit Alltag, Job oder Beziehung nicht so zufrieden ist. „In solchen Phasen renne ich 5 Sonntage nacheinander hin, wie so ein Bekloppter.“ Momentan geht er alle 2 Wochen hin.

    Ob sich in den vergangenen 14 Jahren viel verändert hat? Krüger glaubt nicht. „Viele alte Stammgäste mosern rum, dass früher alles viel geiler gewesen sei.“ Auf den Zug könne er nicht aufspringen. „Touristen hat es schon immer gegeben und auch musikalisch hat sich nicht viel verändert.“ Zwar seien Getränke und Eintritt teurer geworden, aber „alles im Rahmen“.
    Clubsterben in Folge von Kostensteigerungen

    Die Berliner Clubszene hat mit enormen Kostensteigerungen zu kämpfen, etwa im Produktionsbereich, für Energie und Mieten, aber auch bei den Lohnkosten. Laut einer Befragung der Clubcommission aus dem November beträgt der Umsatzeinbruch der Clubs im ersten Halbjahr 2024 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 55 Prozent, der Gewinn reduzierte sich sogar um 61 Prozent. Viele Clubs mussten daher schließen. Andere versuchen sich zu halten, müssen die gestiegenen Kosten jedoch teilweise auf die Gäste abwälzen – so auch das Berghain.

    „Früher hat ein Ticket von Samstag bis Montag 10 Euro gekostet“, erinnert sich Krüger. Heute liegt der Eintritt bei 25 Euro, mit Ausnahmen an besonderen Tagen wie Silvester oder dem Jubiläumswochenende. „Durch die Berghain-Gerüchteküche geistert, dass der Eintritt zum Jubiläum 70 Euro kostet“, erzählt Krüger. „Aber dafür wird einem auch viel geboten.“

    Es legen Stars des Berliner Technos wie Ben Klock, Norman Nodge, Marcel Dettmann und rund 70 weitere DJs auf. „Es ist ein absolutes Hammer-Line-up. Es wird legendär“, schwärmt Isa. Die Feier beginnt am Freitag und endet Montagfrüh. Krüger plant, ausgeschlafen am Samstagabend hinzugehen. „Und dann reicht’s auch. Dann gehe ich nach Hause und komme erst mal nicht wieder.“

    *Namen von der Redaktion geändert

    #Berlin #Friedrichshain #Am_Wriezener_Bahnhof #culture #histoire
    #anniversaire

  • Verkehrswende in Berlin: Ein Hauch von Neapel
    https://taz.de/Verkehrswende-in-Berlin/!6040036


    „Es ist eine Frage der Zeit, bis hier Ratten auftauchen“, sagt ein Hausmeister aus der Nachbarschaft   Foto: Stefanie Loos

    17.10.2024 von Torsten Landsberg - Die Petersburger Straße soll schöner und sicherer werden. Den Umbau zahlt das Land Berlin, der Bezirk freut sich über einen Beitrag zur Verkehrswende.

    Die Petersburger Straße soll schöner und sicherer werden. Den Umbau zahlt das Land Berlin, der Bezirk freut sich über einen Beitrag zur Verkehrswende.
    „Es ist eine Frage der Zeit, bis hier Ratten auftauchen“, sagt ein Hausmeister aus der Nachbarschaft   Foto: Stefanie Loos

    Berlin taz | Mühsam schiebt ein Mann in Arbeitshose und Schutzschuhen eine große Wertstofftonne über ruckeliges Pflaster. Der Deckel lässt sich nicht mehr schließen, er liegt auf Müllsäcken auf. Die letzte Abholung ist ausgefallen. Immer wieder bleibt die Tonne am Bauzaun hängen, der sich an der Petersburger Straße entlangzieht und einen schmalen Gehweg vom bereits aufgerissenen Bürgersteig trennt.

    Die verbleibenden Meter bis zur nächsten Nebenstraße zieht er die Tonne hinter sich her, dann stellt er sie neben anderen Behältern ab, aus denen der Müll quillt. „Am Telefon hieß es, morgen wird abgeholt“, sagt er. Als Hausmeister betreut er eine Liegenschaft in der Petersburger und eine weitere in einer der angrenzenden Straßen, beide rund 200 Meter entfernt. „Wir werden sehen.“

    Seit rund einem Monat ist die Petersburger Straße in Friedrichshain zwischen Bersarinplatz und Landsberger Allee eine Großbaustelle. Eine Fahrtrichtung ist komplett gesperrt, der Verkehr wird auf die Gegenrichtung umgeleitet. In drei Bauabschnitten soll die Verkehrstangente auf beiden Seiten sichere Fahrradspuren erhalten, neue Bäume sollen gepflanzt und die Parkplätze reduziert werden. Das Senatsprojekt kostet rund 15 Millionen Euro, für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist es ein wichtiger Bestandteil der Mobilitätswende. Die Fertigstellung ist für 2027 geplant.

    Bei Baumaßnahmen dieser Größenordnung macht etwas voreilig der Begriff von Chaos die Runde. Die einen beklagen, ihr Auto nun weiter von der eigenen Haustür entfernt parken zu müssen, andere sind aufrichtig besorgt um ihre Geschäfte. Tatsächlich müssen sich momentan alle Ver­kehrs­teil­neh­me­r:in­nen etwas labyrinthartig fortbewegen, ob zu Fuß, auf dem Rad oder im Auto. Für Menschen, die körperlich eingeschränkt sind, ist die Überquerung der aufgerissenen Petersburger Straße kaum möglich.

    Wollen wir alle eine lebenswertere Stadt und mehr Verkehrssicherheit haben, entstehen auf dem Weg dorthin Hürden, die sich kaum vermeiden lassen. Allerdings gibt es auch solche, denen sich mit etwas Weitsicht vorbeugen ließe. Aber Berlin und Großprojekte, das ist bekanntlich so eine Sache.
    Unerreichbare Sammelstellen

    Der Flächendruck im Viertel ist hoch. Zugeparkte Ecken und Halteverbotszonen in den Nebenstraßen sind seit Jahren die Regel und sowohl Polizei als auch Ordnungsamt bekannt. Parkraumbewirtschaftung gibt es hier nicht, weshalb hier auch Ortsfremde gerne ihre Anhänger oder Wohnwagen abstellen, oft monatelang. Selbst ohne benachbarte Großbaustelle sind Müllabfuhren wegen Platzmangels schon unverrichteter Dinge abgefahren.

    Die Bauarbeiten haben die Lage nicht eben entspannt, mehr als 500 Parkplätze fallen während der Bauzeit weg. Die Fahrzeuge drängen nun in die schon vorher vollen Nebenstraßen. Die Rechnung ist einfach: Wenn wenig Raum ein Problem ist, spitzen mehr Autos auf dem gleichen Raum die Lage zu. Maßnahmen, um den Druck abzumildern und die Zuwegung der Straßen sicherzustellen, wurden nicht getroffen.

    Nun kann eine Debatte über Müll in Berlin schnell spießig wirken, gerade in Friedrichshain, wo es zum guten Ton gehört, vergilbte Matratzen auf der Straße abzulegen. Andererseits zählt die Müllentsorgung zur Daseinsvorsorge und sollte eine gewisse Priorität genießen. Auf die Frage, ob während der Bauzeit Abstimmungen zwischen Senat, Bezirk, Polizei und Müllabfuhren erfolgen, antwortet Michael Herden, Sprecher der Senatsverwaltung für Verkehr, mit Nachdruck: „Ja, natürlich, sehr eng und intensiv.“ Auch Informationen an die Müllabfuhrunternehmen seien vorab erfolgt.

    Die BSR bestätigt das auf Anfrage. Für die Liegenschaften auf der Petersburger Straße seien Sammelstellen am Ende der Nebenstraßen eingerichtet worden. Beim Entsorger Alba, der im Viertel Wertstoff- und Papiertonnen abholt, klingt das anders: „Zu den Baumaßnahmen liegen uns keine Informationen seitens der Senatsverwaltung oder des Bezirksamts vor“, sagt Unternehmenssprecher Matthias Hochstätter. Auch von der Baufirma sei keine Koordination zur Abfallentsorgung erfolgt.

    Um an die Sammelstellen zu kommen, müssen die Fahrzeuge die Nebenstraßen sowieso erst mal erreichen. Weil das momentan Glückssache ist, warten in den angrenzenden Straßen verwaiste Mülltonnen auf ihre Leerung: auf den Gehwegen, zwischen Autos, auf der Fahrbahn, mitten im Fußgängerüberweg einer Ampel. „Es ist eine Frage der Zeit, bis hier Ratten auftauchen“, sagt der Hausmeister aus der Nachbarschaft. Wer will, kann sich beim Anblick an Neapel erinnert fühlen, wo sich der Müll in den 2010er Jahren mehrfach wochenlang auf den Straßen türmte.
    Sackgasse ohne Schild

    Den Verkehrsfluss erschweren weitere Baustellen. Hier wird eine Fassade energetisch saniert, dort ein Dach. In der parallel zur Petersburger verlaufenden Ebertystraße entsteht auf einem Eckgrundstück ein Neubau. Die Fahrbahn ist in eine Richtung gesperrt, die Durchfahrt verboten. Bis vor Kurzem ließ sich die Stelle noch durch eine Nebenstraße umfahren. Die ist jetzt gesperrt, aber niemand hat ein Sackgassenschild aufgestellt.

    Also fahren Autos ein, bis sie nicht weiterkommen und an unübersichtlichen Stellen und auf engem Raum drehen müssen – Fahrrad- und entgegenkommendem Fließverkehr zum Trotz. Manche biegen in die Nebenstraße ab, die keine Wendemöglichkeit bietet, weshalb sie rückwärts wieder rausfahren. Andere ignorieren das Einbahnstraßenschild und fahren einfach durch. Einen Unfall gab es bereits, ein Transporter stieß frontal gegen ein SUV. Keine Baustelle zwingt Verkehrsteilnehmer:innen, Regeln zu missachten. Es schadet aber auch nicht, die Gefahren durch angemessene Beschilderung zu reduzieren.

    Die Zuständigkeiten über das Berliner Straßennetz verteilen sich auf das Land und die Bezirke. Für die Petersburger Straße als Teil der Bundesstraße 96a ist das Land Berlin zuständig. Somit fällt die Sanierung in den Verantwortungsbereich der Senatsverwaltung für Verkehr. Was in den Nebenstraßen passiert, ist eigentlich Bezirkssache – abgesehen von Maßnahmen, die unmittelbar mit der Baustelle zusammenhängen.

    Das Land Berlin als Bauherr hat die bauausführende Firma mit der „Einrichtung der Verkehrsführung während der Bauzeit“ betraut, sagt Sprecher Michael Herden. „Die Organisation vor Ort ist vertragliche Leistung des Auftragnehmers für die Bauhauptleistungen zur Errichtung der neuen Verkehrsanlage.“ Zum Umfang der Leistungen gehöre auch die tägliche Prüfung des reibungslosen Verkehrsmanagements. Mit anderen Worten: Wenn die Baufirma keine Probleme meldet, gibt es auch keine.
    Keine Meldung, keine Probleme

    In Gesprächen, aus denen nicht zitiert werden kann, wird deutlich, dass alle beteiligten Akteure um die Probleme wissen. Nur so wirklich zuständig will niemand sein. Der Bezirk lässt die Frage nach der Kommunikation zum Senat unbeantwortet und verweist an die Senatsverwaltung, die wiederum die Kontrolle der Baustelleneinrichtung an das Unternehmen vergeben hat, das auch für deren Umsetzung verantwortlich war. Ein Behörden-Pingpong, das erahnen lässt, warum der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) die Verwaltungsreform zur Mutter aller Vorhaben erkoren hat.

    Ob diese Reform die aktuellen Probleme verhindert hätte, steht auf einem anderen Blatt. Denn offenbar hakt es nicht nur in der Kommunikation zwischen Senat und Bezirk, sondern auch innerhalb des Bezirksamts. Dort heißt es auf Anfrage, das Ordnungsamt sei über den Beginn der Baumaßnahmen und den daraus resultierenden Kontrollbedarf informiert worden. Mitarbeitende des Ordnungsamts berichten dagegen, sie hätten vom Beginn der Bauarbeiten erst aus der Presse erfahren.

    Anweisungen, die Gegend verstärkt zu kontrollieren, um Zuwegung und Verkehrssicherheit sicherzustellen, gab es laut Bezirks­amt trotz des identifizierten Kontrollbedarfs nicht. Womöglich eine Kapitulation vor der Realität, denn es fehlt an Personal. Im Ordnungsamt ist von einer extrem dünnen Personaldecke die Rede. Zuletzt hätten im Allgemeinen Ordnungsdienst häufig nur zwei oder drei Teams zur Verfügung gestanden, also maximal sechs Leute – wohlgemerkt für ganz Friedrichshain-Kreuzberg, den dichtestbesiedelten Bezirk der Stadt.

    Dabei wäre es ganz einfach, sich abseits der formalen Zuständigkeiten ein Bild von der Lage zu machen. Ein Teil des Bezirksamts – darunter das Büro der Verkehrsstadträtin – liegt direkt am Bersarinplatz, wo die Baustelle beginnt. Und wenn gar nichts mehr hilft, bleibt immer noch das Vorbild Neapel. Dort hatten An­woh­ne­r:in­nen einst die Müllberge aus Protest in Brand gesteckt. Zumindest das Problem mit der Abholung hatte sich damit erledigt.

    #Berlin #Friedrichshain #Verkehr #Peterburger_Straße #Bersarinplatz #Verkehr #Müll #Stadtentwicklung #Verkerhswende

  • SEZ in Berlin-Friedrichshain: Zwangsräumung läuft aktuell
    https://www.berliner-zeitung.de/news/sez-in-berlin-zwangsraeumung-laeuft-polizei-berlin-leistet-amtshilf

    Das SEZ in Berlin-Friedrichshain: Das Gelände wurde am Dienstag zwangsgeräumt. Markus Wächter

    Byebye #SEZ

    Sport- und Erholungszentrum
    https://www.openstreetmap.org/way/24266185

    (24266185)
    Version #20

    vom Gertichtsvollzieher geöffnet und im Grundbuch auf BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH eingetragen

    Edited about 11 hours ago by Gnurpsnewoel
    Changeset #157336449

    Tags
    addr:city: Berlin
    addr:housenumber: 77
    addr:postcode: 10249
    addr:street: Landsberger Allee
    amenity:events_venue
    building: sports_hall
    contact:phone: +49 30 400 4890
    contact:website: http://www.sez-berlin.com
    disused:leisure: sports_centre
    name: Sport- und Erholungszentrum
    operator: BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH
    operator:type: building
    short_name: SEZ Berlin
    wheelchair: no
    ikidata: Q1509008
    wikimedia_commons: Category:SEZ (Berlin)
    wikipedia: de:Sport- und Erholungszentrum
    Nodes: 76 nodes

    1.10.2024 von Christian Gehrke - Nach dem Streit mit dem früheren Eigentümer hat das Land Berlin am Dienstag das SEZ in Friedrichshain zwangsräumen lassen. Unsere Reporter waren vor Ort.

    Das ehemalige SEZ in der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain wurde am Dienstag zwangsgeräumt. Die Polizei leistete dazu Amtshilfe und war mit 60 Kräften vor Ort. Der Gerichtsvollzieher und die Polizisten trafen gegen neun Uhr ein. Die Räumung dauerte bis etwa 16.30. Die Tür des Gebäudes wurde für die Zwangsräumung aufgeflext. Das Land Berlin darf nach einem langen Rechtsstreit wieder über das Gebäude verfügen. Doch der ehemalige Eigentümer Rainer Löhnitz soll den Zugang zum Gelände verweigert haben, hieß es. Ob Löhnitz auch am Dienstag vor Ort war, ist unbekannt. Gesehen wurde er jedoch weder von der Polizei noch von den anwesenden Pressevertretern.

    Polizeisprecher Martin Halweg sagte auf Anfrage der Berliner Zeitung am Dienstagvormittag: „Es kam zu keiner Gegenwehr oder Störungen, weder im Gebäude noch davor. Der Gerichtsvollzieher konnte das Gelände betreten und seines Amtes walten.“ Weil das gesamte Gebäude mit zahlreichen Räumen 47.000 Quadratmeter sehr groß sei, habe sich die Übernahme durch den Gerichtsvollzieher über mehrere Stunden hingezogen. Auch mehrere Nebengebäude sowie das gesamte Außengelände musste begangen werden, so Halweg.

    „Das Objekt wurde nun vollständig an das Berliner Immobilienmanagement (BIM) übergeben. Ein Sicherheitsdienst übernimmt die weitere Sicherung“, teilte der Sprecher weiter mit.

    Die Polizei Berlin ist am Dienstag mit 60 Leute vor Ort, um die Räumung zu begleiten. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Viele Erinnerungen hängen an dem früheren Sport- und Erholungszentrum (SEZ) Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Die Schlösser werden teils mit Gewalt geöffnet.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Ein Facharbeiter flext für den Gerichtsvollzieher und die Polizei die Tür auf. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Die Polizei begleitet die Zwangsräumung am Dienstag: Trauriges Ende für das frühere DDR-Vorzeigebad Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Neben dem Gerichtsvollzieher war die Chefin des BIM, Birgit Möhring, vor Ort sowie frühere Mieter des Gebäudes. Auch Vertreter des Landes Berlin begleiteten die Räumung.

    Viele Menschen im Osten identifizieren sich mit dem früheren Sport- und Erholungszentrum (SEZ). 1981 von Erich Honecker eröffnet, musste es 2002 schließen. Dementsprechend groß war die Trauer bei Menschen, die die Räumung begleiteten. „Schade, dass es abgerissen wird. In den 80ern war ich mal da. Leider ja wie so viele alte DDR-Gebäude. Mir wäre es lieber, sie würden es wieder aufbauen. Gibt ja nur noch wenige solche Orte. Unsereiner wird da ja leider nicht gefragt“, sagte Manfred Kossakowski. Der 65-Jährige arbeitet bei einem Schlüsseldienst und unterstützte die Polizei und den Gerichtsvollzieher bei der Zwangsmaßnahme am Dienstag.
    Wann wird das SEZ in Berlin-Friedrichshain abgerissen?

    Leer stehende Räume des ehemaligen Spaßbades wurden bis zuletzt vermietet. Diese Mieter und SEZ-Fans wehren sich gegen Zwangsräumung mit Petitionen und Demos. Natürlich wollen sie auch einen Abriss, für den es noch keinen Zeitplan gibt, stoppen. Bei der Zwangsräumung am Dienstagmorgen waren jedoch keine Demonstranten zu sehen. Lediglich gegen 14 Uhr kamen knapp 20 Personen eines Unterstützervereines des SEZ, so Polizeisprecher Halweg. „Das war aber keine Demonstration, sie haben sich nur das Geschehen angeschaut und sind dann wieder verschwunden.“ Es sei habe auch keine Ausrufe, Sprechchöre oder Transparente gegeben, so Halweg weiter.

    Das Grundstück in Friedrichshain war 2003 vom Land Berlin unter Mithilfe des damaligen Finanzsenators Thilo Sarrazin an Löhnitz verkauft worden – für einen symbolischen Euro. Das renommierte DDR-Freizeitbad, das nach der Wende jahrelang Verluste machte, war im Dezember 2002 geschlossen worden. Der Käufer wurde damals verpflichtet, bis 2007 wieder einen Badebetrieb im SEZ zu schaffen. Doch irgendwie stockten die Pläne. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit um die Nutzung und einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) verfügt das Land seit vergangenem Jahr nun wieder über das Grundstück. Anfang 2024 wurde bekannt, dass Berlin das Haus abreißen möchte, um Hunderte Wohnungen und eine Schule zu bauen.

    Eine Umsetzung des Bebauungsplans, für den der Abriss des SEZ notwendig ist, bedeute nicht, dass die Geschichte des Ortes negiert werde, heißt es vonseiten des Senats. Es sei eine Studie zur historischen Entwicklung des Standorts erarbeitet worden, die für die Dokumentation der Entwicklung des Bereiches eine Grundlage darstellen könne. Vor dem Abriss des Gebäudes werde deshalb geprüft, ob wesentliche identitätsstiftende Merkmale erhalten werden könnten.

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