V4.7.2026 von Oliver Weinlein - Von der zweiten Chance auf Bötzow bis zum bedrohten Cassiopeia: Fünf Biergärten erzählen, wie sich Berlin zwischen Ost und West verändert hat.
Wer in Berlin einen Biergarten sucht, sucht selten nur ein Bier. Es geht um Schatten, um alte Bäume, lange Bänke, Currywurst und Haxe und um die Frage, ob man nach dem zweiten Glas noch merkt, wie teuer die Stadt geworden ist.
Im Osten der Stadt ist der Biergarten mehr als eine Fläche mit Zapfhahn. Er erzählt Geschichte. In Prenzlauer Berg erinnert er an die Brauereien, Arbeiter und Festsäle des 19. Jahrhunderts. In Friedrichshain steht er zwischen Graffiti, Clubs und Zukunftsangst. In Treptow liegt er auf einer Insel und macht Berlin für ein paar Stunden leise.
Der Biergarten ist eine bayerische Erfindung. In München gruben die Brauer tiefe Keller für ihr untergäriges Bier, pflanzten Kastanien für den Schatten und durften ab 1812 gleich vor Ort ausschenken.
Nach Berlin kam diese Idee Mitte des 19. Jahrhunderts und setzte sich vor allem im Osten durch. Auf den lehmigen Anhöhen des Prenzlauer Bergs gruben Brauereien wie Bötzow, Pfefferberg und Königstadt ihre Lagerkeller und öffneten riesige Gärten. So mischt sich das modische bayerische Bier nach und nach unter die alte Berliner Weiße.
Die folgende Sammlung ist eher Erzählung als Rangliste: der Prater in der Kastanienallee, der Augustiner auf Bötzow, der Cassiopeia Sommergarten auf dem RAW-Gelände, der Inselgarten in Treptow und der Schleusenkrug als Grenzfall.
Streng genommen liegt der Schleusenkrug im Westen. Wer aber über Berliner Biergärten zwischen Ost und West schreibt, kommt an ihm nicht vorbei. An der Tiergartenschleuse verlief die Teilung der Stadt einmal quer durchs Haus.
Prater Garten: Der alte Riese unter Kastanien
Der Prater in der Kastanienallee ist der Klassiker. Er begann 1837 als Bierausschank in einer Bretterbude und gilt seither als ältester Biergarten Berlins. Damals lag der Ort weit vor den Toren der Stadt, an einem lehmigen Weg für Pferdefuhrwerke.
Später kamen Saal, Bühne, Varieté und Theater dazu. Heute ist der Prater Gastronomie und Prenzlauer-Berg-Geschichte zugleich und bis heute zweite Spielstätte der Volksbühne.
Man merkt das, sobald man durch den Eingang geht. Draußen die Kastanienallee mit Eisdielen, Touristen und Lastenrädern, drinnen lange Holztische, große Bäume und Selbstbedienung. Der Biergartenlärm ist laut genug, um zu spüren, dass hier viele Menschen gleichzeitig den richtigen Sommerabend erwischen wollen. Der Prater ist der „biergartigste“ Ort hier. Er funktioniert über das Einfachste: alte Kastanien, lange Bänke, genug Schatten für alle.
Dass der Prater während der WM 2026 ausdrücklich kein Public Viewing anbietet, passt dazu. Der Betrieb wirbt mit „weniger Trubel, mehr Sommer“. Das klingt altmodisch und funktioniert genau deshalb.
Preislich liegt der Prater im inzwischen normalen Berliner Bereich. Das Prater Hell vom Fass kostet 5,20 Euro für den halben Liter. Alkoholfreies Helles und Naturradler liegen bei 5,50 Euro, Dunkel und Hefeweizen bei je 5,80 Euro. Der Aperol Spritz steht mit 8,90 Euro auf der Karte, dazu zwei Euro Glaspfand.
Auf den Tellern bleibt es klassisch. Bockwurst mit Kartoffelsalat kostet 8,90 Euro, ein halbes Grillhähnchen 13,50 Euro, Krustenbraten und Schweinshaxe je 13,90 Euro. Vegetarisch kostet die Spätzle-Gemüse-Pfanne 8,50 Euro. Berühmt ist der Prater längst, und gerade das macht ihn entspannt. Hier sieht man, dass ein Biergarten vor allem alt und groß sein muss, um zu funktionieren.
Augustiner auf Bötzow: Der Biergarten, der besser geworden ist
Über den Augustiner auf dem Bötzow-Gelände muss man ehrlich sprechen. Als er im Sommer 2024 öffnete, war die Erwartung groß: historisches Brauereigelände, Prenzlauer Berg, Augustiner, Blick auf den Fernsehturm.
Die Kritik in dieser Zeitung fiel damals hart aus. Zu viel Neubau, zu wenig Garten, zu wenig Schatten, zu viel Baustellengefühl. Der Text erinnerte sogar an die bayerische Biergartenverordnung und ihr Idealbild vom Ort im Grünen, unter großen Bäumen.
Heute fällt das Urteil milder aus. Die Bauzaun-Atmosphäre ist weitgehend verschwunden, es gibt mehr Schatten, und die neue beschirmte Bar schützt vor Sonne und Regen. Wo vor zwei Jahren noch nackte Flächen lagen, sitzt man heute im Halbschatten.
Das liegt auch an der Geschichte des Areals. Julius Bötzow baute hier im 19. Jahrhundert eine der größten Privatbrauereien Berlins. Um 1900 fanden im Biergarten der Brauerei bis zu 6000 Gäste Platz. Heute wird das Gelände als Bötzow-Campus neu entwickelt, vor allem für den Prothesenhersteller Ottobock.
Der Betreiber beschreibt den neuen Augustiner als Hauptstadt-Biergarten auf historischem Grund. Rund 600 Plätze gibt es auf dem oberen Plateau, dazu Separées auf mehreren Ebenen. Neu gepflanzte Bäume sollen den Gartencharakter liefern, der am Anfang fehlte.
Dass die Anlage noch nicht so gewachsen wirkt wie der Prater, ist klar. Ein Biergarten lässt sich bauen, Patina nicht.
Aber die jungen Bäume werden größer und die Flächen weniger nackt. Bötzow ist ein Biergarten, der noch werden kann.
Das Augustiner Hell kostet 5,20 Euro für die halbe Maß und 10,40 Euro für die Maß. Edelstoff, Dunkel, Radler und die alkoholfreien Sorten liegen bei je 5,90 Euro. Cola, Fanta und Sprite kosten 5 Euro für 0,5 Liter, Apfelschorle 4,90 Euro.
Auf der Karte wird es bayerischer als anderswo in der Stadt. Obazda kostet 11,50 Euro, die Brezn 3,50 Euro. Currywurst mit Pommes und zwei grobe Bratwürste mit Sauerkraut stehen für je 14,50 Euro auf der Karte. Käsespätzle kosten 18,50 Euro, die große Schweinshaxe 24,50 Euro, das Wiener Schnitzel vom Kalb 32 Euro.
Bötzow bleibt teuer. Trotzdem hat er sich seit dem Start spürbar verbessert. Wer die frühere Kritik kennt, darf jetzt die Korrektur lesen: Aus dem Problemfall ist ein Ort geworden, den man gern besucht.
Cassiopeia Sommergarten: Bier zwischen Graffiti und Zukunftsangst
Der Cassiopeia Sommergarten auf dem RAW-Gelände erzählt ein anderes Berlin als Bötzow. Statt rekonstruiertem Brauereigefühl gibt es hier Friedrichshain nach der Wende: alte Hallen, Graffiti, Clubs, Flohmarkt und einen Dauerstreit um die Zukunft des Areals. Der Garten wirkt gewachsen, benutzt, ehrlich abgerockt.
Das RAW-Gelände war früher ein Reichsbahnausbesserungswerk. Nach dem Mauerfall standen Teile leer, dann zogen Clubs, Vereine, Ateliers und Märkte ein. Daraus entstand der Reiz des Ortes.
Diese Welt ist erneut bedroht. Mitte Juni 2026 forderte die Eigentümerin, die Göttinger Kurth-Gruppe, mehrere Kulturbetriebe zur Räumung auf, darunter das Cassiopeia. Geschäftsführer Florian Falkenhagen sprach gegenüber dem RBB von der drohenden Abwicklung eines zwanzig Jahre alten Betriebs. Die Kurth-Gruppe will auf dem Areal unter anderem ein rund 100 Meter hohes Bürogebäude errichten.
Ende Juni kam wieder Bewegung in den Streit. Die zuvor gescheiterten Verhandlungen wurden fortgesetzt, ein erstes Treffen fand statt, ein weiteres ist für den 6. Juli geplant. Falkenhagen nannte das einen guten Schritt. Wie es für das Cassiopeia ausgeht, ist offen.
Das macht den Sommergarten zu mehr als einem Feierabendort. Wer hier sitzt, sitzt in einer Zwischenzeit, in der niemand weiß, ob es den Garten in zwei Jahren noch gibt.
Die Atmosphäre ist jung, laut und offen. Der Betreiber wirbt mit Kiezstimmung, Lesungen, Bingo und Queerfesten. Das beschreibt ziemlich gut, was man bekommt: ein Stück RAW-Gelände mit Zapfhahn.
Die Bierpreise sind moderat. Krombacher Tankbier kostet 5,30 Euro, Starnberger Hell 5 Euro, Berliner Berg Pale Ale 6 Euro, dazu ein Euro Pfand pro Glas. Die Spritz-Varianten von Aperol bis Lillet Wild Berry liegen bei je 8,50 Euro.
Gegessen wird einfach. Fritten kosten 4 Euro, Currywurst 4,50 Euro, mit Fritten 8 Euro. Die veganen Varianten kosten gleich viel, dazu gibt es vegane BBQ-Pulled-Pork-Fritten für 6 Euro. Hübsch ist hier wenig, und darauf kommt es nicht an. Der Reiz liegt in einer Friedrichshainer Rauheit, die kein Investor zurückholen kann.
Inselgarten: Der leise Ausflug auf der Spree
Der Inselgarten auf der Insel der Jugend in Treptow ist der ruhigste Ort dieser fünf. Neu: Man geht über die Abteibrücke, lässt die Straße hinter sich, und der Stadtlärm bleibt am anderen Ufer.
Das Kulturhaus Insel Berlin beschreibt den Ort als Biergarten und Eventlocation am Wasser. Geöffnet wird bei gutem Wetter, am Wochenende und zu Veranstaltungen, mit regionalen Speisen und Spreeblick.
Die Geschichte der Insel ist lang. Früher hieß sie Rohr-Insel oder Treptower Bruch. Zur Berliner Gewerbeausstellung 1896 wurde sie aufgeschüttet und erweitert und trug damals den Namen Neu-Spreeland. Später wurde sie als Abteiinsel bekannt, benannt nach einer Ausflugsgaststätte im Stil einer schottischen Klosterruine. In der DDR wurde daraus 1949 die Insel der Jugend.
Heute betreibt der Verein kulturALARM das Kulturhaus Insel Berlin. 2010 wurde aus dem früheren Jugendklub ein Kulturhaus für Jung und Alt.
Hierher kommt, wer einen Biergarten will, aber keinen Betriebsausflug. An warmen Tagen ist es trotzdem voll. Die Spree, die Bäume und das Inselgefühl machen aus einem normalen Bier einen kleinen Ausflug.
Ausgeschenkt wird Pilsner Urquell Tankbier, unpasteurisiert und direkt aus der Brauerei in Edelstahltanks geliefert. Der halbe Liter kostet 5,60 Euro. Kozel Hell und Dunkel liegen bei 5,20 Euro, Berliner Weisse bei 4,60 Euro.
Die Karte ist übersichtlich. Pommes kosten 4,70 Euro, Bratwurst, Currywurst und Bockwurst mit Brötchen je 5,50 Euro. Flammkuchen gibt es ab 11,90 Euro, die Variante mit Thunfisch und Hirtenkäse für 14,90 Euro. Wer hier sitzt, will über Berlin gerade nichts mehr hören. Spree, ein Tisch, ein Teller, Ruhe. Genau das ist der Reiz.
Schleusenkrug: Der West-Ort, der in diese Ost-Geschichte gehört
Der Schleusenkrug liegt im Westen, im Tiergarten zwischen Zoo, Landwehrkanal und Schleuse. Er gehört trotzdem in diese Reihe, weil kaum ein anderer Biergarten so konkret zeigt, wie schräg die Teilung Berlins einmal war.
Die Familie Fistler eröffnete den Schleusenkrug 1954 an der Tiergartenschleuse. Schon vor dem Krieg hatte sie hier einen Kiosk mit Getränkeausschank betrieben. Beim Neubau der Schleuse entstand ein festes Gebäude, aufgesetzt auf das eigentliche Schleusenhaus.
Weil die Berliner Wasserstraßen nach dem Krieg unter DDR-Verwaltung standen, verlief die Teilung hier praktisch waagerecht. Unten sorgten DDR-Beamte für den Schiffsverkehr, ein Stockwerk höher saßen West-Berliner in der Sonne. Nach der Wiedervereinigung wurde der Schleusenkrug zu einem Ort der Begegnung. Die Geschichte klingt fast zu gut, stimmt aber.
Atmosphärisch ist der Schleusenkrug entspannter als die Ostorte: mehr Ausflug, mehr Zoo-Nähe. Man hört die Stadtbahn, sieht Boote und sitzt unter Bäumen am Wasser.
Wie der Prater verzichtet auch der Schleusenkrug bewusst auf Sportübertragungen: keine WM, kein DFB-Pokal, keine Tour de France. Garten statt Bildschirm. Geöffnet ist täglich von 11 Uhr bis Mitternacht.
Das Berliner Kindl Jubiläums-Pilsner kostet 5,50 Euro für den halben Liter, Erdinger Urweisse ebenso. Allgäuer Büble Hell liegt bei 5,80 Euro, die Berliner Kindl Weisse bei 4,70 Euro.
Die Küche ist ambitionierter als reine Imbissware. Die Berliner Currywurst vom Brandenburger Landschwein mit Kartoffelspalten und Aioli kostet 15,50 Euro, die vegane Variante ebenso. Das Schnitzel Wiener Art liegt bei 21,80 Euro. Flammkuchen gibt es ab 13,50 Euro, die Variante mit Räucherlachs für 16,50 Euro.
Der Schleusenkrug ist der Ausreißer und beweist, dass sich Berliner Biergärten nicht nur nach Himmelsrichtung sortieren lassen. Manche Orte gehören dazu, weil die Stadtgeschichte sie selbst hineingeschrieben hat.
Was diese Biergärten über Berlin erzählen
Fünf Orte zeigen, wie unterschiedlich Berliner Biergartenkultur sein kann. Der Prater ist der alte Klassiker, Bötzow der korrigierte Neustart auf historischem Boden. Der Cassiopeia ist der laute, gefährdete Nachwendegarten, der Inselgarten der leise Spree-Ausflug. Der Schleusenkrug ist der Grenzfall, an dem Ost und West einmal buchstäblich übereinanderlagen.
Preislich hat sich Berlin auch im Biergarten vom alten Ausflugsideal entfernt. Der halbe Liter Bier liegt meist zwischen 5 und 6 Euro. Eine Currywurst kann 4,50 Euro kosten oder 15,50 Euro. Eine Haxe gibt es im Prater für 13,90 Euro und auf Bötzow für 24,50 Euro.
Welcher ist der beste Biergarten? Das hängt vom Anlass ab: Geschichte und Kastanien findet man im Prater, die zweite Chance auf Bötzow, Friedrichshainer Energie im Cassiopeia, Ruhe im Inselgarten und Teilungsgeschichte im Schleusenkrug.
Teurer ist der Biergarten geworden. An einem dieser heißen Sommertage ist die Rechnung aber schnell gemacht: Hauptsache, über den Tisch ragt ein großer Baum.