• Bedrohte Clubkultur in Berlin: Tausche Party gegen Profit
    ▻https://taz.de/Bedrohte-Clubkultur-in-Berlin/!6188378


    Clubbetreiber Ludwig Eben hält im Humboldthain die Stellung Foto: Anna Simbürger

    1.7.2026 von Anna Simbürger - Ein Investor will ein Hotel neben dem Humboldthain errichten. Um das zu ermöglichen, hat der Bezirk extra ein Grundstück getauscht – für nur 30.000 Euro.

    Vier Euro kostet der Eintritt im Humboldthain-Club an einem Dienstagabend. In Berlin eine erfreuliche Überraschung – an anderen Clubtüren ist man schnell mal 25 Euro los. Eine lange Treppe führt in den Außenbereich hinab, neben einer Bar steht eine Tischtennisplatte, an der gerade Rundlauf gespielt wird. Im Innenbereich wummert der Bass. Abends um sechs sind nicht mehr als ein Dutzend Leute anzutreffen, aber es ist ja auch noch früh.

    Clubbetreiber Ludwig Eben, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Filmemacher David Lynch aufweist, sieht den Club bedroht. Nebenan will der Investor Periskop Partners – eine Firma, die laut Webseite „innovative Lösungen für ungenutzte Grundstücke ohne Baugenehmigung“ findet und sie bis zur „Baureife“ entwickelt – ein Hotel bauen. Eben fürchtet Lärmbeschwerden: „Ich kann nicht wegen irgendwelcher Beschwerden hier um zehn zumachen. Dann kann ich den Laden auch gleich schließen.“

    Das Thema ist kein Neues, seit fünf Jahren beschäftigt der Hotelbau und das dadurch bedrohte Humboldthain nun den Bezirk Mitte und den Clubbetreiber. Dabei hat der Bezirk den umstrittenen Hotelbau erst ermöglicht. Einen entscheidenden Teil des zukünftigen Baugrunds hat der Investor erst durch einen Grundstückstausch mit dem Bezirk erhalten – und zwar, wie eine Einwohneranfrage von Clubbetreiber Eben jetzt herausgefunden hat, für einen äußerst marginalen Geldbetrag.

    Ich kann nicht wegen irgendwelcher Beschwerden hier um zehn zu machen.

    Ludwig Eben, clubbetreiber

    Denn der Investor Periskop Partners stand vor einem Problem: Der zukünftige Hotelgrund war ursprünglich ein zackiges Grundstück mit vielen Ecken und Kanten – kaum geeignet für einen Hotelbau. Zwischen Club und Investorengrundstück lag ein ebenfalls gezackt geformter Spielplatz, der dem Bezirk gehört. Durch den Tausch von zwei Teilflächen – ein Teil Spielplatz gegen einen Teil Baugrundstück – sind nun nicht nur zwei gerade Grundstücke entstanden, beide haben auch erheblich an Wert gewonnen.
    BIM ermittelt 30.000 Euro Wertzuwachs

    Wie viel, das geht aus einem Gutachten hervor, das Clubbetreiber Eben bei der Fidelius & Römling Bewertungsgesellschaft beauftragt hat: Demnach soll das Investorengrundstück nun 1,2 Millionen Euro mehr wert sein als vorher. Doch für den Grundstückstausch erhalten hat der Bezirk nur 30.000 Euro, wie aus der Antwort auf die Anfrage von Eben hervorgeht.

    Lange stand sogar im Raum, dass es sich um einen unentgeltlichen Tausch gehandelt haben könnte. Erst auf die Anfrage von Eben stellte Ephraim Gothe von der SPD, der zum Zeitpunkt des Tausches als Stadtrat unter anderem für das Stadtentwicklungsamt von Mitte zuständig war, klar: Es hat ein Geschäft mit dem Investor stattgefunden. Das kommt Eben komisch vor. „Erst hieß es ja, es gab keine Kohle. Dann gab es doch Kohle. Und dann war die Kohle aber so mini wenig, dass man sich auch fragt, wie hat man das festgestellt?“, wundert er sich.

    Den Betrag von 30.000 Euro ermittelte laut Bezirksamt die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) in einem eigenen Gutachten. Einsicht in dieses Gutachten gewährt die BIM der taz nicht. Es handele sich um ein „vertrauliches Grundstücksgeschäft“.
    Neues Gutachten zu den Gutachten

    Der Grundstückstausch war auch auf der letzten BVV-Sitzung in Mitte vor zwei Wochen Thema. Dabei konnte sich Bezirksstadtrat Christopher Schriner von den Grünen, die im Bezirk Mitte eine Zählgemeinschaft mit der SPD bilden, nicht erklären, wie es zu der großen Differenz der beiden Summen kommt.

    „Ich bin hin- und hergerissen, weil …“ – Schriner stockt im Satz, kratzt sich am Kinn, spricht nach einer kurzen Pause weiter – „… es sind verschiedene Gutachter und wir müssen das Gutachten von der BIM ansehen und die Annahmen gegenüberstellen.“ Seine unbürokratische Lösung: „Man könnte ein Gutachten machen, das die beiden Gutachten miteinander vergleicht.“ Das Bezirksamt habe keinen Grund gesehen, am vorgelegten Gutachten der BIM zu zweifeln, sagte Schriner. Der Tausch sei auch im Interesse des Bezirks gewesen.

    Wir prüfen gerade, ob wir eine Anzeige am Landesrechnungshof stellen

    Martha Kleedörfer, Linken-Politikerin

    Martha Kleedörfer von den oppositionellen Linken sieht das anders: „Wir prüfen gerade, ob wir eine Anzeige am Landesrechnungshof stellen, weil offensichtlich hat das Bezirksamt dem Land Berlin dadurch einen Schaden zugefügt.“ Um die Causa aufzuklären, hat sich die Linken-Politikerin in den letzten Monaten durch zahlreiche Bezirksakten gewühlt.

    Gewünscht hätte sich Kleedörfer eine Verwendung im Sinne des Gemeinwohls: „Fakt ist, dass hier ein Grundstücksgeschäft zugunsten eines Investors stattgefunden hat. Nicht für eine Kita oder ein Krankenhaus, was einen Mehrwert für die Berliner Stadtgesellschaft gegeben hätte“, sagte sie der taz.
    50 Dezibel dürfen beim Hotel ankommen

    Tarek Massalme von den Grünen ist auf der BVV optimistischer gestimmt. Den Club sieht er aktuell nicht in Gefahr. Im Bauvorbescheid sind dem Hotelbau Auflagen gemacht. 50 Dezibel dürfen bei den Hotelgästen ankommen – etwa eine normale Unterhaltungslautstärke. Dafür Sorge zu tragen hat das Hotel selbst.

    Eben ist damit nicht zufrieden. Er fände eine Grenze von 65 Dezibel angemessen. In jedem Fall wird er aber für den Erhalt des Humboldthains kämpfen. Eine Demo sei in Planung, sagt er, zuletzt hatten auch über 12.000 Menschen eine Petition zum Cluberhalt unterschrieben. „Wir geben so schnell nicht auf“, sagt Eben.

    #Berlin #Friedrichshain #Revaler_Straße #RAW-Gelände #Gentrifizierung

  • Drogen, Strich, Einbrüche: An der Kurfürstenstraße eskaliert der Streit um den Kiez
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/article/drogen-strich-einbrueche-an-der-kurfuerstenstrasse-eskaliert-der-st

    ÜberJahrzehnte war das Prostitutions- und Drogengewerbe um den Block Kurfürsten-, Potsdamer, Bülow und Frobenstraße genau so problematisch wie der Umgang der Beteiligten miteinander.

    Seit den Zeiten von Christiane F. haben Sozialarbeit, fortschrittlichere Gesetze und Gewöhnung die Lage entspannt. Am schlimmsten waren die neunziger und der Beginn der zweitausender Jahre, als das Elend Osteuropas auf die Sparpolitik des SPD-Senators Sarrazin traf. Alle im Kiez kamen trotzdem irgendwie miteinander klar, und sogar die elfjährigen Schülerinnen des Französischen Gymnasiums durchquerten problemlos die Kurfürstenstraße auf dem Weg zu ihrer Eliteschule.

    Als ein protziger Neubau auf das bislang grün verwilderte Ruinengrundstück Else-Lasker-Schüler-Straße, bis 1998 Mackensenstraße, Ecke Kurfürstenstraße gesetzt wurde, war der Ärger vorprogrammiert. Auch auf dem zugebauten Möbel-Hübner-Parkplatz schräg gegenüber entwickelte sich ein wenn auch bescheideneres Spießerbiotop, dessen Bewohner sich mehr kleinstädtische Beschaulichkeit und ein Ende des sichtbaren Aufeinandertreffens von Wohlstand und Elend vor ihrer Haustür wünschen.

    Am Ende leiden die Ärmsten unter den Begehrlichkeiten der kleinbürgerlichen Gentrifizierungsgewinner. Die verlangen nach Aufwertung ihres Investments und führen Krieg gegen die störenden Unterklassen. Das ist alles so durchschaubar wie es abscheulich ist.

    Die Nutten und Zuhälter fuhren Taxi und sparten nicht am Trinkgeld. Die Spießer beuten gewissenlos Uber-Fahrer aus und haben kein Problem damit, dass ihr Wohlstand auf den Gebeinen der Gefallenen im Klassenkampf von oben errichtet wird.

    So it goes. Das Schlachthaus bietet keinen Schutz mehr. Die Wohlstandskrieger haben es 1989 übernommen.

    27.6.2026 von Oliver Weinlein - An der Kurfürstenstraße in Schöneberg gingen die Anwohner auf die Straße. Es geht um Drogen, offenen Strich und ein mögliches Sperrgebiet. Und um die Frage, wem der Kiez gehört.

    Erst protestieren die Anwohner, eine Straßenecke weiter formiert sich der Gegenprotest. Am Donnerstag haben Nachbarn vor der Zwölf-Apostel-Kirche für mehr Sicherheit im Kurfürstenkiez demonstriert – unter dem Motto „Unser Kiez, unser Zuhause“.

    Sie fordern ein Sperrgebiet gegen Straßenprostitution nahe Kitas, Schulen und Seniorenheimen, dazu ein hartes Vorgehen gegen den offenen Drogenhandel. „Keine Zuhälterei, keine Ausbeutung von Frauen“, heißt es im Aufruf.

    Wie aufgeladen das Thema ist, zeigt schon dieser eine Tag.

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    Anwohner vernetzen sich um gemeinsam für einen sicheren Kiez zu Kämpfen. © Markus Wächter/Berliner Zeitung
    Schlaflose Nächte und ein Mord im Treppenhaus

    Igor lebt seit über einem Vierteljahrhundert im Viertel. Was sich hinter der benachbarten Kirche abspielt, setzt dem Familienvater zu.

    „Jede zweite, dritte Nacht Schlägereien“, berichtet er. Abends sammeln sich die Gruppen an den Zäunen. Nachts um drei steht Igor oft im Hof und vertreibt bis zu ein Dutzend Personen.

    Ruft er die Polizei, bekommt er mitunter nur den Rat, Anzeige zu erstatten. „Welche Anzeige, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“, fragt er. Der Ausnahmezustand laufe nun „das siebte Jahr ganz genau“.

    Die Folgen treffen die ganze Hausgemeinschaft. „Alte Leute, die haben Angst rauszukommen“, erzählt Igor. Seine Tochter mache eine Ausbildung und müsse morgens um fünf Uhr los.

    „Die traut sich gar nicht, sie als 17-jähriges Mädchen, bis zum Auto zu kommen. Papa muss sie jeden Morgen bis zum Auto bringen.“ Er selbst sei Dachdeckermeister, habe sein Leben lang schwer gearbeitet – und warte seit Jahren auf eine durchgeschlafene Nacht.

    Auch die Kriminalität trifft ihn hart. Igor dokumentiert gestohlenes Werkzeug und Bettzeug aus den Kellern. Den Schaden für sich allein beziffert er auf „über 30.000 Euro in den letzten vier Jahren“. Wie die Täter ins Haus kommen, macht ihn fassungslos: „Wie kann es sein, dass Dealer und Idioten sich einen Generalschlüssel geholt haben?“

    Wie greifbar die Gewalt sei, habe sich vor fünf Jahren gezeigt. „Da ist jemand umgebracht worden, direkt auf der Treppe, Messerattacken“, erinnert sich Igor. Wer sich bei der Hausverwaltung beschwere, ernte oft nur ein Schulterzucken. „Und dann sagen sie: Probieren Sie, andere Wohnung zu finden. Welche andere Wohnung?“, fragt er. Seine Forderung ist simpel: „Wenn das die Politiker juckt, in fünf Minuten ist das alles erledigt.“

    Der Protest im Slum

    Die Gegend rund um die Kurfürstenstraße, viele Nachbarn fühlen sich seit Jahren im Stich gelassen. „Mittlerweile sieht die Frobenstraße aus wie in einem Slum“, schreibt ein Anwohner in einer Nachricht an die Redaktion. Der Alltag bestehe aus Beschaffungskriminalität und Verwahrlosung. Auf der Anwohnerversammlung entlädt sich an diesem Abend dann die aufgestaute Wut offen. Eltern beklagen, dass Kinder nicht mehr auf der Straße spielen könnten. Fremde campierten in Treppenhäusern, Garagen würden zweckentfremdet.

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    Schluss mit dem Wegschauen: An der Zwölf-Apostel-Kirche versammeln sich Anwohner und fordern mehr Sicherheit im Kiez. © Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Der politische Streit um ein Sperrgebiet

    Das Thema ist längst Wahlkampf. Die Berliner CDU will die Straßenprostitution verbieten und zunächst im Kurfürstenkiez ein Sperrgebiet durchsetzen.

    SPD, Grüne und Linke halten dagegen. Ihr Argument: Ein Verbot vertreibe die Frauen nur in Nebenstraßen und ins Verborgene – weg von jeder Hilfe. Erlassen könnte ein Sperrgebiet die Innenverwaltung per Rechtsverordnung. Bisher aber zögert der Senat.

    Auch deshalb gingen am Donnerstag Sexarbeiter und Unterstützer auf die Straße. Ihre Sorge gilt vor allem dem Frauentreff Café Olga, einer niedrigschwelligen Anlaufstelle für drogenkranke Sexarbeiterinnen. Deren Mietvertrag ist gekündigt.
    Forderung nach dem nordischen Modell

    Einen anderen Ausweg sieht Gisela Widerschein. Sie hat lange im Kiez gearbeitet und beobachtet eine dramatische Verschlechterung. Ihre Organisation wirbt für das „nordische Modell“.

    „Wir fordern Ausstiegshilfen für die Frauen“, sagt Widerschein. Nicht die Prostituierten gehörten bestraft, sondern Freier und Zuhälter. Dazu brauche es Aufklärung, die die Nachfrage senkt. Drogensucht und Sexkauf seien im Schöneberger Norden eng verknüpft.

    Gelöst ist an der Kurfürstenstraße damit nichts. Nur die Fronten sind klarer denn je.

    #Berlin #Tiergarten #Schöneberg #Kurfürstensträße #Potsdamer_Straße #Bülowstraße #Frobenstraße #Else-Lasker-Schüler-Straße, #Mackensenstraße #An_der_Apostelkirche #Stadtentwicklung #Prostitution #Kleinbürgertum #Gentrifizierung #CDU

  • Er hatte nachts Hunger - B.Z. – Die Stimme Berlins
    ▻https://www.bz-berlin.de/archiv-artikel/er-hatte-nachts-hunger

    Siggi R. hatte keinen guten Ruf als Chef und sein Ableben war so sinnlos wie symbolträchtig. Er konnte sozusagen den Hals nicht vollkriegen. Schade? Naja, traurig für die Familie.

    Ein Vierteljahrhundert später hat sich der große Verlust für Berlin relativiert. Nicht die Stadt ist ärmer geworden am Verlust des großen Küchenzampanos sondern die einfachen Berliner an den Machenschsften der Gäste seinesgleichen.

    15.12.2000 von B.Z. Redaktion - Berliner Meisterkoch an kaltem Braten erstickt

    Der tragische Tod des Meisterkochs Siegfried Rockendorf, 50. Er erstickte qualvoll an einem Stück Geburtstagsbraten, vor den Augen seiner Frau Sylvia, seinen Eltern, der Familie. Das Unglück geschah am frühen Mittwochmorgen. Der berühmte Berliner Sterne-Koch war mit seiner Frau in Bad Sachsa (Harz), feierte dort den 70. Geburtstag seines Vaters. Der führt in dem Kurort das 43-Betten-Hotel „Sonnenhof“. Es war eine große Feier, der ganze Rockendorf-Clan kam, dazu Hotel-Stammgäste. Siegfried Rockendorf half beim großen Buffet, bis Mitternacht wurde getanzt und getrunken. Kurz vor ein Uhr bekommt Rockendorf noch einmal Hunger. Er geht zurück ins Erdgeschoss, an das kalte Buffet. Hastig nimmt er ein paar Bissen in den Mund, auch ein Stück vom kalten Braten. Seine Schwägerin Gaby Rockendorf zur BZ: „Ich hörte plötzlich merkwürdige Geräusche. Auf der Treppe fand ich dann Siegfried. Er röchelte schrecklich.“ Sofort rief sie den Notarzt. Laut Polizeibericht hat er 45 Minuten lang versucht, Rockendorf zu reanimieren. Witwe Sylvia erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen den Arzt. Sie sagt: „Er hat ihn wie bei einem Herzinfakt behandelt. Ich habe noch gesagt, er erstickt, er hat nichts am Herz. Aber da war es zu spät.“ Rockendorf war der erste Sterne-Koch der Stadt, hat seit Jahren den Ruf, einer der besten Köche Deutschlands zu sein. Er erkochte sich zwei Sterne in der Gourmet-Bibel „Michelin“, vier Mützen im „Gault Millau“. Legendär ist sein Rehrücken mit Essigkirschen in Balsamico-Sauce. Bereits mit 24 Jahren war Rockendorf Küchenchef im „Schweizerhof“. 1977 machte er sich selbstständig. Sein Restaurant in Waidmannslust war der „Gourmet-Tempel“ im alten Berlin. Mit dem „Rockendorf“ in der Hagenstraße gehörte ihm bald „der“ Promitreff im Grunewald. Nach finanziellen Schwierigkeiten durch neue Objekte in Brandenburg fing er mit dem „Rockendorf“ am KaDeWe erst im Mai noch einmal von vorne an. Große Trauer um den Bocuse von Berlin. Rockendorfs bester Freund Franz Raneburger („Schloss Glienicke“) hat die großen Küchenchefs der Stadt zusammengebracht, um Rockendorfs Witwe Sylvia zu helfen. Seit gestern kochen sie jeden Abend im Restaurant, bis ein Nachfolger gefunden ist. Darunter Kolja Kleeberg („Vau“), Helmut Beltle („Aigner“). Siegfried Rockendorf wird in der nächsten Woche in Bad Sachsa beerdigt. „Undenkbar: Berlin ohne Rockendorf“, so lobte neulich noch der renommierte „Feinschmecker“ einen der besten Köche an der Spree. Die Stadt ist ein Stück ärmer geworden.

    Immerhin hat es zum Wikipedia-Eintrag gereicht.
    ▻https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Rockendorf
    Der Mann ist damit auf Dauer zum Symbol für das geworfen, was einem passieren kann, wenn man sich aus Gier an die Reichen und Mächtigen ranwanzt. Hat er das wirklich verdient? Alles eine Frage der Haltung. De mortuis ...

    #Berlin #Restaurant #memento_mori #Gentrifizierung

  • Kündigungen in Novalisstraße: Antisemitismus-Debatte überschattet Kiezprotest
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/kuendigungen-in-novalisstrasse-antisemitismus-debatte-ueberschattet

    Skrupellise Geschäftsleute überbehmen ein Haus. Das hat die üblichen Folgen. Es geht dem Vernehmen nach um israelisches Kapital. Dumme Sache, denn damit wird jede öffentluche Gegenwehr zu Antisemitismus. Wie praktisch für die geldgeilen „Investoren“.

    Die Geschichte lenkt vom eigentlichen Problem ab: Wie sorgt man für bezahlbare Mieten und gute Infrastruktur im Kiez ? Beides ist mit liberaler Politik nicht zu machen. Das deutsche Grundgesetz postuliert eine soziale Verpflichtung für Eigentümer. Die muss endlich als wirksames Bundesgesetz für Immobilien beschlossen werden, solange das Privateigentum an Immobilien noch erlaubt ist.

    13.2.2025 von Valentin Wölflmaier, Jana Hermann - In Mitte stehen ein Kiosk und eine Ergotherapie-Praxis nach Kauf von einem Investor vor dem Aus. Im Raum stehen auch Antisemitismus-Vorwürfe.

    Im langen, schmalen Paketlager hinter dem Tresen stapeln sich die Kartons bis unter die Decke, selbst im Hausflur warten Pakete auf die Nachbarschaft. „Wir haben mehr als genug zu tun“, sagt Jana Bieselt, Betreiberin des Lotto-Shops in der Novalisstraße in Mitte.

    Heute steht ihr erwachsender Sohn Alexander mit hinter dem Tresen, sonst hilft auch Tochter Stephanie. Seit fast 25 Jahren ist der Kiosk ein Familienbetrieb. Er erstreckt sich über vier Räume: Im Eingangsbereich warten Gummibärchen und Lakritz, links gibt es Spielzeug, rechts Schreibwaren und einen kleinen Tresen für den schnellen Kaffee.

    Für die Anwohner ist der Laden in der Novalisstraße ein Herzstück ihres Kiezes, ein fester Anker und weit mehr als nur eine Verkaufsstelle. „Wir haben eine ganze Schublade mit Wohnungsschlüsseln“, erzählt Jana Bieselt. „Wenn Leute im Urlaub sind, gießen wir Blumen oder nehmen die Post raus.“ Wenn bei der älteren Dame von nebenan der Fernseher streikt, geht Sohn Alexander rüber und stellt die Sender neu ein.

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    Jana Bieselt: „Ich war völlig sprachlos. Ich habe geheult“

    Doch nach der Übernahme des Hauses im Dezember durch einen Investor, droht dieses nachbarschaftliche Biotop jetzt auf der Kippe zu stehen: Nach 25 Jahren harter Arbeit erhielt Jana Bieselt von einem auf dem anderen Tag ein Kündigungsschreiben. Ähnlich erging es Nadja Schünemann, die seit 1997 im Hinterhaus ihre Praxis für Ergotherapie betreibt.

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    Nicht nur mit Paketen hat Jana Bieselt mehr als genug zu tun.Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    Dabei gab es nach dem Kauf zunächst Entwarnung. Die Gewerberäume seien sicher, habe der neue Verwalter bei einer Begehung versichert. Doch nur eine Woche später klingelte bei Jana Bieselt das Telefon. „Der Fairness halber“, so erinnert sie sich an die Worte der Hausverwaltung, wolle man ihr mitteilen, dass sämtliche Gewerberäume gekündigt werden. „Ich war völlig sprachlos. Ich habe geheult“, sagt sie. „Dass sie mehr Miete wollen, stand für uns fest. Aber dass das nun so kommt, von jetzt auf gleich – ich war erledigt.“

    Auch Nadja Schünemann erhielt ein Kündigungsschreiben für Jahresende 2026. Auf die Bitte um Verhandlungen, meldete sich die Verwaltung zwei Wochen später erneut. Es gebe eine Möglichkeit, hieß es. Man könne über einen neuen Mietvertrag sprechen. Der Preis: 32 Euro pro Quadratmeter für den Kiosk, 23 Euro pro Quatratmeter für die Praxis.
    „Machen Sie doch eine Privatpraxis“

    Für Jana Bieselt wäre das eine Verdreifachung ihrer Miete. Für Nadja Schünemann, deren Praxisräume 120 Quadratmeter umfassen, sogar eine Vervierfachung. „32 Euro ist überhaupt kein Mitte-Preis für diese alte Substanz“, sagt Bieselt. „Überall sind Risse, wir haben Stoffkabel in der Decke, die Fliesen fallen von der Wand.“

    Beide Frauen sind sichtlich angefasst, den Tränen nahe, aber auch wütend über die Kälte und Rücksichtslosigkeit der Verwaltung. „Als ich gesagt habe, ich kann mir das nicht leisten“, erzählt Schünemann, habe ihr der Hausverwalter nahegelegt, eine Privatpraxis zu gründen.

    Sie betreut Schlaganfall- und Schmerzpatienten, viele seit über 15 Jahren. Würde sie gehen, fiele eine wichtige Anlaufstelle im Kiez weg. „Meine Patienten müssen im Grunde jetzt anfangen zu suchen. Die Wartezeiten liegen bei einem Jahr.“

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    Viermal so hoch soll die Miete für Nadja Schünemann werden. Das wäre das Ende ihrer Ergotherapie-Praxis in der Novalisstraße.Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    Auch andere Mieter stehen unter Druck

    Doch für menschliche Schicksale scheint in der Kalkulation der neuen Eigentümer kein Platz zu sein. „Mir wurde klipp und klar gesagt: Es geht hier eigentlich nur ums Geld“, sagt Schünemann. Aus ihrer Praxis sollen zwei Wohnungen werden. Der Wert des Hauses steigt mit den Mieteinnahmen.

    Die Nachricht von der drohenden Schließung hat sich im Viertel schnell verbreitet. Ein Mieter aus dem Haus, selbst Vater von drei Kindern, beschreibt die Sache so: „Der Laden unten ist ein sozialer Treffpunkt“, sagt er. „Meine Kinder kennen den Laden, seit sie auf der Welt sind. Früher haben sie da Kinderzeitungen gekauft, heute holen sie sich heimlich Cola.“

    Dabei stehen auch er und die anderen Mieter unter Druck. Seine Wohnung soll besichtigt werden, „zum Zwecke der Mieterhöhung“, wie er vermutet. Sein kleiner Lagerraum im Hinterhaus wurde bereits gekündigt. „Das ganze ist ein Ausdruck dessen, wie Dinge, die in den Stadtvierteln gewachsen sind, immer mehr weichen müssen“, sagt er.
    Die Politik schreibt „Briefchen“

    Die Unterstützung aus der Nachbarschaft beschreiben Bieselt und Schünemann als groß. „Man traut sich kaum noch auf die Straße, so viel Zuspruch erhalten wir“, sagt Bieselt lächelnd. „Das zeigt uns auch, was wir bedeuten für den Kiez.“

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    Jana Bieselts Kiosk ist ein Herzstück des Kiezes, die Anteilnahme der Anwohner groß.Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    Doch der Zuspruch allein rettet den Laden nicht. Um ihre Existenz zu sichern, sind Jana Bieselt und Nadja Schünemann in die Offensive gegangen. Sie haben Briefe geschrieben, an die Bezirksverwaltung, an Politiker, bis hin zum Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Der Rücklauf war ernüchternd schleppend.

    „Erst wenn genug Druck entsteht, passiert etwas“, sagt Schünemann. Und wenn eine Antwort kommt, dann oft mit dem Tenor: Wir können nichts machen. Einzelne Politiker hätten angeboten, einen Brief an den Investor zu schreiben. „Ich frage mich, wie sie einen Brief schreiben wollen, wenn sie gar nicht wissen, wie es hier aussieht“, sagt Nadja Schünemann skeptisch.
    Die beiden wollen für ihr „zweites Zuhause“ kämpfen

    „Was ich schlimm finde“, räumt Jana Bieselt ein, „in der Coronazeit hieß es, wir sind systemrelevant. Ich habe 10 bis 12 Stunden mit Maske gearbeitet. Das interessiert jetzt keinen mehr. Wenn man Hilfe braucht, steht man alleine da.“

    Rechtlich stehen Bieselts und Schünemanns Chancen tatsächlich nicht gut. Es gibt keinen Gewerbemietspiegel, keinen Kündigungsschutz wie bei Wohnungen. Eine Grenze zieht nur der „Wucher“ oder die „Sittenwidrigkeit“ – doch bei 32 Euro, in einem Bezirk, wo Spitzenmieten bis zu 47 Euro erreichen, greift dieses Instrument wohl nicht.

    Trotz der aussichtslosen juristischen Lage haben die Frauen der Novalisstraße beschlossen, nicht leise zu gehen. „Wir haben Familienrat abgehalten und es steht fest: Wir werden nicht freiwillig ausziehen“, sagt Jana Bieselt. Ihre Kinder arbeiten im Laden für den Mindestlohn, für sie ist das hier mehr als ein Job. Es ist ihr Zuhause. „Wir würden es definitiv auf eine Räumungsklage ankommen lassen.“

    Für den kommenden Mittwoch ist ein Treffen im Grünen Salon der Volkssolidarität geplant. Der Kiez mobilisiert sich. Sie wollen erörtern, was noch getan werden kann, wie man sich wehren kann. Viele Nachbarn, auch aus anderen Häusern im Kiez, haben bereits ihr Kommen angekündigt.

    Bärendienst für die Sache: Antisemitischer Blogpost

    Doch der politische Zusammenschluss im Kiez droht derweil einen fragwürdigen Umweg zu nehmen. Vor Kurzem tauchte in Chat-Gruppen des Kiezes ein Link eines anonymen Autors auf, der auf die umstrittene Plattform Indymedia führt.

    Dort wird die Herkunft einzelner Investoren betont, Geburtsorte und Namen werden gelistet, geschäftliche Praktiken pauschal mit „israelischen“ Kapitalgebern verknüpft. Jene, die auch das Haus gekauft haben sollen. Der Artikel auf Indymedia endet mit dem Satz: „Wir wollen nicht vertrieben werden von Leuten, mit denen wir nichts am Hut haben.“

    Für Pavel Lyubarsky, dem Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde im Kiez Kahal Adass Jisroel e.V., der vorher bereits angeboten hatte, zwischen Mietern und dem Investor zu vermitteln, um eine Einigung zu erzielen, ist damit eine Grenze überschritten.

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    Wenn es nach den Investoren geht, soll in diesem Haus künftig kein Platz mehr für den Familienbetrieb sein..Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    Lyubarsky, der als Privatperson, nicht im Namen der Gemeinde vermitteln wollte, sagt zur Berliner Zeitung: Er verstehe nicht, warum die Rolle der „ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit eines Investors“ überhaupt thematisiert werde. „Ich halte es für wahrscheinlich, dass hier bewusst oder unbewusst anti-jüdische Ressentiments und Vorurteile mitschwingen“, so Lyubarsky.

    Bieselt, Schünemann und Bewohner distanzieren sich

    Eingeschüchtert fühlt sich Lyubarsky davon aber nicht. Sein Angebot, zu vermitteln bestehe nach wie vor. Und es dürfte auf offene Ohren treffen. Jana Bieselt, Nadja Schünemann und die Anwohner, mit denen die Berliner Zeitung vor Ort sprach, kennen den Artikel - und distanzieren sich ausdrücklich davon, wie sie sagen. Ihnen gehe es um den Erhalt ihres Kiezes, unabhängig von der Herkunft der Eigentümer.

    #Berlin #Mitte #Novalisstraße #Gentrifizierung #Stadtentwicklung

  • JustMusic
    ►https://www.justmusic.de

    Mit großem Bedauern mussten wir JustMusic am 18.03.2024 schließen.

    Unser Kerngeschäft verlagerte sich zunehmend zu wenigen Online-Giganten, mit weitaus vorteilhafteren Kostenstrukturen. Diese entfachten einen Preisdruck, dem wir als Großstadt-Einzelhändler mit Vollsortiment und den damit verbundenen Personal- und Betriebskosten nicht mehr standhalten konnten. Anders als die Online-Giganten konnten wir die stetig sinkenden Margen nicht durch massenhaften Umsatz kompensieren.

    Auch im lokalen Musikfachhandel war der akute Fachkräftemangel längst offensichtlich und erschwerte ein effektives Ausschöpfen der prinzipiellen Vorteile gegenüber der Online-Konkurrenz. Diesen und andere Faktoren konnten wir nicht beeinflussen, u.a. die angeordneten Ladenschließungen und Auflagen zur Pandemie, die Inflation, die stark gestiegenen Betriebskosten oder die rückläufige Nachfrage am Luxusgut „Musikinstrument“ in wirtschaftlich unsicheren Zeiten.

    Nach langjährigem Aufbäumen, den internen Umstrukturierungen während und nach der Pandemie mit den damit verbundenen Schließungen der Filialen in Hamburg, München und Dortmund, sowie der Piano Galerie in Wilmersdorf, sahen wir keine weitere Möglichkeit mehr, den Negativtrend umzukehren.

    Mit JustMusic verabschiedete sich nicht nur ein weiteres Kaufhaus aus der Hauptstadt, sondern ein Treffpunkt für Musiker und Musikbegeisterte, ein Stück Tradition & Kultur.

    An alle unsere Kunden und Freunde des Hauses geht ein herzliches Dankeschön für ihre Treue und für ihr Interesse. Ebenfalls bedanken wir uns bei allen aktuellen und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen für ihren Einsatz und ihre Loyalität über die Jahrzehnte.

    Wichtige Informationen zu Service und Reparaturen:

    Ab dem 18.03.2024 können wir Reparaturen nicht mehr entgegennehmen. Bereits eingegangene oder bearbeitete Serviceanfragen werden selbstverständlich zu Ende gebracht und bereits eingegangene Gewährleistungsfälle bearbeitet. Die gesetzlichen Vorgaben zur Garantie stehen dabei unverändert im Fokus.

    Wichtige Angaben für Serviceanfragen:

    Auch nach dem 18.03.2024 kommen wir natürlich unseren gesetzlichen Verpflichtungen aus Gewährleistungsansprüchen sowie berechtigten Ansprüchen aus unserer freiwilligen Justmusic-Garantie nach! Wir nehmen jedoch keine Reparaturen mehr an, die außerhalb unserer Gewährleistungs/-Garantieverpflichtung liegen.

    Bereits aufgegebene und eingesendete oder abgegebene Gewährleistungs-/Garantiefälle werden durch unseren Service und Partner natürlich auch weiterhin bearbeitet. Ihr werdet nach Fertigstellung kontaktiert und erhaltet Euer Instrument/Produkt nach Terminvereinbarung ausgehändigt oder zugesandt.

    Für alle Fragen zu Servicefällen und Reparaturen, schreibt uns bitte eine E-Mail an service@justmusic.de unter Angabe der Servicefallnummer oder Reparaturauftragsnummer.

    ✔️ Eine Rechnungskopie des gekauften Produkts bzw. Instruments
    ✔️ Eine konkrete Mangel-/ Fehlerbeschreibung
    ✔️ Die Angabe der Seriennummer des Produkts
    ✔️ Eure Kontaktdaten sowie eine Telefonnummer, sodass wir mit Euch ggf. Rücksprache halten können

    Wir bitten um Verständnis, dass eine persönliche Beanstandung oder Abgabe von Reparaturgegenständen an unserem Standort ab 18.03.2024 aus logistischen Gründen nicht möglich ist.

    Für alle anderen Anliegen wendet Euch bitte an info@justmusic.de.

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    #Berlin #Kreuzberg #Oranienstraße #Wirtschaft #Handel #Konzentrationsprozeß #Gentrifizierung

  • Sozialhotel in der Fuggerstraße: Keine Unterbringung von Obdachlosen mehr
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/news/sozialhotel-in-der-fuggerstrasse-keine-unterbringung-von-obdachlose

    9.12.2015 von Eva Maria Braungart - Seit Jahren beschweren sich die Anwohner über die Zustände in der Fuggerstraße. Nun ergreifen die Bezirke Maßnahmen.

    Im schon lange währenden Streit zwischen Anwohnern und Bewohnern des BB Hotels in der Fuggerstraße in Berlin-Schöneberg hat der Bezirk offenbar eine neue Maßnahme ergriffen. Wie die Zeitung B.Z. berichtete, bringen die Bezirke dort keine Menschen mehr unter.

    Seit zehn Jahren wird das Hotel als Unterkunft für Obdachlose genutzt. In der Straße sind vornehmlich Sinti und Roma aus Osteuropa untergebracht. Seit einiger Zeit kommt es zu Konflikten mit den Anwohnern.

    Fuggerstraße: Streit mit Anwohnern dauert schon lange

    Anwohner klagen über Müll, Kriminalität, Ungeziefer und Angriffe, die sie offenbar erleiden mussten. Allein in diesem Jahr gab es bereits über 100 Polizeieinsätze in der Straße. Vom 1. Juli 2024 bis 30. Juni 2025 waren es 102. Im August 2025 wurde aufgrund festgestellter erheblicher Hygienemängel ein Belegungsstopp für die Unterkunft verfügt.

    Matthias Steuckardt (CDU), Vizebürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, bestätigt gegenüber der Zeitung: „Es gibt in der Einrichtung derzeit keine Unterbringung nach ASOG.“ Das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) regelt die Unterkunft Obdachloser in der Hauptstadt. „Die Unterkunft ist komplett leergezogen. Dort wohnen nur noch 28 Selbstzahler“, so der Politiker. Die FDP will eine Schließung des Hotels erreichen. Dafür sammeln die Parteimitglieder jetzt 1000 Unterschriften, so kann ein entsprechender Antrag in das Bezirks-Parlament eingebracht werden. Der Bezirks-Chef der FDP, Holger Krestel, beklagt nicht nur hygienische Mängel, sondern auch Sozialleistungsbetrug durch einige der Bewohner. Im Oktober kontrollierte das Jobcenter das Hotel.

    Zum Eklat kam es im Oktober, als zwei Anwohner Anzeige gegen die Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, Cansel Kiziltepe (SPD) erstatteten. Die Senatorin habe in einer Fragestunde im Berliner Abgeordnetenhaus am 25. September folgendes gesagt: „Mit Versachlichung meine ich auch, dass dieser Personengruppe auch rassistische Elemente in der Berichterstattung und in Aussagen, die getroffen werden, gemacht wurden, was ich so nicht stehen lassen möchte.“ Diese Vorwürfe wiesen die Anwohner als Verleumdung von sich.

    #Berlin #Schöneberg #Fuggerstraße #Obdachlisigkeit #ASOG #Tourismus #Holtel #Gentrifizierung

  • Neukölln, Mitte, Prenzlauer Berg: „Hippe“ Berliner Orte, die total überbewertet sind
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/panorama/neukoelln-mitte-prenzlauer-berg-hippe-berliner-orte-die-total-ueber

    Reiseführerkritik. Muss wohl mal sein. Alternativen? Frag die Kutscher, also die deutsch können, die anderen kannste ja sowieso nicht fragen.

    Und ein neuer Begriff, sozusagen eine alternative Wahrheit drängt sich auf: Anstelle von Gentrifizierung sollte es Arschlochfikation heißen, das ist bodenständiger. Alles klar ?

    21.10.2025 von Sabine Röthig, Irene Hallof, Marcus Weingärtner - Was am Rosenthaler Platz oder im Reuterkiez so angesagt sein soll, versteht kein Mensch. Und es gibt noch mehr nervige Szene-Hotspots in Berlin.

    Vermeintlich hippe Gegenden großer Städte sind für Außenstehende oft eine Enttäuschung. Sei es unattraktive Architektur, wilde Vermüllung oder komische Leute – nur selten lässt sich der Hype um eine Straße oder einen Platz so richtig nachvollziehen. Gerade, wenn man um die falsche Uhrzeit vor Ort ist.

    Auch Berlin hat diese hochgejubelten Locations im Programm. Oft befinden sie sich in den Trendbezirken des inneren S-Bahnrings und werden auf lausigen Reiseportalen völlig wahllos als Geheimtipps beworben. Wir haben für Sie eine Liste mit „Insider“-Hotspots erstellt, die besonders nerven.

    Rosenthaler Platz: Das Shibuya des kleinen Mannes

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    Shabby Chic am Rosenthaler Platz: Kippen, Essensreste und der Eingang zur U8.Sabine Röthig

    Warum es das hippe Volk an den Rosenthaler Platz in Mitte zieht, hat das genau zwei Gründe. Erstens liegt er an der angesagten Torstraße. Und zweitens wegen Harry Styles. Immer, wenn der britische Popstar in Berlin weilt, geht er nämlich hier spazieren – was dem rottigen Platzes neuerdings einen gewissen Glamour-Faktor verleiht.

    Dabei ist der Rosenthaler Platz noch nicht mal ein echter Platz, sondern eine Ampelkreuzung, auf der fünf Straßen aufeinandertreffen: ein Shibuya des kleinen Mannes, wenn man so will, nur ohne Zebrastreifen und japanische Multibrandstores wie beim Original in Tokio. Stattdessen gibt es am Rosenthaler Platz teure Döner und ölige Pommes, die durch Leuchtschrift in unmoderner Typo angepriesen werden.

    Zugegeben, architektonisch schön war der Rosenthaler Platz noch nie. Kurz nach der Wende sah es hier durch die vergammelten Häuser sogar noch viel schlimmer aus. Doch was nützen die sanierten Fassaden, wenn die Mieter im Untergeschoss mit ihrem Logodesign die Optik versauen. Außerdem verkaufen sie ihr (teilweise zugegeben leckeres) Essen in Einwegverpackungen an die Billigtouristen der Hostels ringsum, und die haben bekanntlich leider selten Zeit, sich in der Fremde auf die Suche nach einem Mülleimer zu begeben. Da wird fix fallengelassen, was leergefuttert ist, um schnell den nächsten Späti zum Bierholen anzusteuern. Tja, wer will es dem Feierpersonal vom Rosenthaler Platz verübeln: Bleiben will an dieser Kreuzung eben niemand lange. Außer vielleicht, wenn Harry Styles in der Nähe ist. Sabine Röthig

    Mauerpark: Wer nicht gebucht wird, tritt hier auf

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    Alle paar Meter eine neue Band: Der Gang durch den Mauerpark ist vor allem am Sonntagen ein singender, klingender Fiebertraum. Imago

    Wer als Tourist nach Berlin kommt, der wird nach Brandenburger Tor und Reichstag auch irgendwann im Mauerpark landen. Denn wenn sämtliche gutbürgerlichen Sehenswürdigkeiten abgearbeitet sind, gönnen sich Besucher zum Runterkommen gerne mal das „authentische“ Berlin. Und dieses ist laut diverser Reiseportale im Mauerpark angeblich ganz besonders stark an Sonntagen zu spüren, denn da ist Flohmarkt.

    Dann gibt es Einblicke in ortsansässigen Haushalte, deren unbrauchbar gewordener Inhalt auf Holztischen zum Verkauf feilgeboten wird. Doch nicht nur der Handel mit ausgemistetem Plunder, sondern auch die Musik ist ein großes Thema auf dem Areal. Die sonntäglichen Verkaufsevents ziehen nämlich Musikanten aus aller Herren Kieze an, denen offizielle Auftritte bisher aus nachvollziehbaren Gründen verwehrt geblieben sind.

    Während es früher lediglich die Trommlergruppen waren, deren stundenlanges Gewummer den Sonntag untermalte, singt und fiedelt es heute aus allen Büschen. Vom DJ-Nachwuchs über Nachbars Rockband bis zur evangelischen Gitarrengruppe – man fühlt sich bisweilen wie in einem lärmenden Fiebertraum, wenn man den gepflasterten Weg zwischen Wiese und Hang entlang läuft. Dort postieren sich die Sänger und Instrumentalisten besonders gern, weil die Menschen, die mit ihren Bierpullen am Hang sitzen, dann automatisch als ihr Publikum fungieren. Ob sie wollen oder nicht.

    Als Spaziergänger schreitet man unten durch die klingenden Segmente hindurch, und alles vermischt sich zu Gedudel und Lärm. Dass Touristen das Spektakel lieben, ist kein Wunder, denn sie können ja wieder abreisen. Anwohner hingegen haben die Bambule jedes Wochenende vor der Tür. Wohl dem, der eine Datsche im Speckgürtel hat und sich am frühen Sonntagmorgen in Richtung Brandenburg aus dem Staub machen kann. Sabine Röthig

    Schönhauser, Ecke Eberswalder: Gaumenfreuden und Augengraus

    Berlintouristen auf der Suche nach kulinarischen Abenteuern werden früher oder später auf die Kreuzung Schönhauser Allee/Eberswalder Straße stoßen. Hier findet sich der „legendäre Kult-Imbiss“, die „berühmteste Würstchenbude Berlins“: Konnopke’s-Imbiß. Nebenan der „absolute Spitzenreiter der Berliner Döner-Szene“ mit dem „stadtbekannten Gemüsedöner“: Rüyam Gemüse Kebab. Lange Schlangen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit scheinen Lonely Planet und Co. recht zu geben.

    Nun ist an Rüyams Gemüsekebab in der Tat nichts auszusetzen, und Konnopke kredenzt kredible Currywurst. Sofern man wochentags, am frühen Nachmittag und bei Nieselregen einkehrt, sind die Wartezeiten zudem überschaubar.

    Doch während der Gaumen sich freut, haben Augen, Ohren und Nasen hier zu leiden: Paletten, Bauzäune, Kabel, Einkaufswagen, Werbeaufsteller und Limebikes vermüllen den Bürgersteig, Autos, Straßen- und U-Bahnen lärmen ununterbrochen. Unter der Hochbahn kampieren Obdachlose, überall Essensreste, Abfall und Exkremente. Wer besonderes Pech hat, wird Zeuge einer Taubenfütterung: Direkt neben Konnopkes Stehtischen schüttet eine Frau säckeweise Futter unter die Hochbahn. Selbst für Vogelfreunde ist der Anblick der bodendeckenden, gräulich-wabernden Taubenmasse schwer erträglich.

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    Currywurst und Taubenfutter: Unter der U-Bahntrasse schmausen Mensch und Tier gemeinsam. Irene Hallof

    An dieser Kreuzung hat Berlin sich längst aufgegeben. Vorbei die Zeiten, in denen man die Hochbahn, den eleganten Ingenieurbau Alfred Grenanders, liebevoll „Magistratsschirm“ nannte und darunter im Sonntagsstaat spazierte. Heutzutage flaniert hier niemand, und wer bei einem Wolkenbruch notgedrungen den Weg unter dem Viadukt wählt, beeilt sich und hält dabei die Luft an.

    Und während Touristen nach dem Essen schnell wieder verschwinden können, brauchen Anwohner ein dickes Fell und ordentlich Eskapismus. Die Konnopkes haben die Hochbahnpfeiler rund um ihren Imbiss mit Figuren aus Zille’schen Zeiten verziert, die Häuser bei Rüyam versetzen einen mit Trompe-l’œil-Bemalung gleich in eine andere Stadt. Hauptsache weg! Irene Hallof

    Abgesang auf eine schöne Idee: der Reuterkiez

    Längst sind die Zeiten vorbei, in denen man sich noch damit brüsten konnte, dabei gewesen zu sein als Kreuzkölln zu einem hippen Ort gemacht wurde. Denn längst ist die Verwertungspyramide an ihrer Spitze angelangt, die Basis waren Studenten und Menschen ohne großes Einkommen, es folgten Künstler, dann kamen die Galerien und mit ihnen das Geld und die Immobilien-Agenturen. Alle zusammen haben den Kiez, genau genommen nur die Straßenzüge rund um die Weserstraße, einmal durchgentrifiziert und somit natürlich zu einer Art öden Expat-Disneyland gemacht, Americano für sieben Euro und „Cash only“ inklusive.

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    Poller-Quatsch im Reuterkiez: ein sicheres Anzeichen für ein Anfang vom Ende. www.imago-images.de

    Ein Ausweichquartier ist seit geraumer Zeit der Reuterkiez, wo es noch ein wenig rauer ist, ein weniger authentischer, sprich: dreckiger. Auch hier haben sich schon hochpreisige Bäckereien und Sterne-Lokale niedergelassen, noch aber stimmt die Mischung aus Menschen und Lebensentwürfen, bevor die Gentrifizierung auch hier voll durchschlagen wird wie in anderen Vierteln europäischer Metropolen von Hackney bis Bairro Alto.

    Und bei genauer Betrachtung ist es dann auch gar nicht so charmant zwischen Hobrecht- und Flughafenstraße, denn mittlerweile hat sich das Klima zum raueren gewandelt und wo man vor 20 Jahren noch getrost die eigene Hipness feiern konnte, so sind die Mieten auch hier rsant gestiegen. Immer öfter hört man von Übergriffen in Neukölln auf Menschen, die offenbar nicht ins heteronormative und andere Raster passen, auch im Reuterkiez. Marcus Weingärtner

    #Berlin #Mitte #Rosenthaler_Platz #Torstraße #Prenzlauer_Berg #Gesundbrunnen #Mauerpark #Bernauer_Straße #Schönhauser_Allee #Eberswalder_Straße #Neukölln #Weserstraße #Kreuzkölln #Reuterkiez #Reuterstraße #Hobrechtstraße #Flughafenstraße

    #Tourismus #Sehenswürdigkeiten #Gentrifizierung

  • Berliner Kultrestaurant vor dem Aus: Muss Ergün’s Fischbude nun endgültig schließen?
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/panorama/berliner-kultrestaurant-vor-dem-aus-muss-erguens-fischbude-nun-endg

    Bei schönem Wetter wars nett und preiswert. Eine urige Goldgrube verschwindet. Da ist einer mit Glück, Härte umd durch die Arbeit seiner Angestellten zum.Millionär geworden. Die Bahn macht nun nach und macht alle kleinen Läden und Werkstätten in den Stadtbahnbögen dicht. Das ist Politik und der Volksmund hat mal wieder Recht: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

    29.9.2025 von Enno Kramer - Seit über 30 Jahren lockt Ergün’s Fischbude Gäste an den S-Bahnhof Bellevue. Nun muss die türkische Familie ihr Restaurant jedoch offenbar für immer schließen.

    Für viele Berlinerinnen und Berliner fühlt es sich an wie ein Kurzurlaub am Bosporus – ganz ohne Flugticket und Anreisechaos. Von den Gleisen am Bahnhof Bellevue aus sind es nur ein paar Treppenstufen nach unten entlang der Klinkerfassade, und schon ist man bei Ergün’s Fischbude.

    1992 eröffnete das türkische Restaurant in den historischen Viaduktbögen des S-Bahnhofs und wurde schnell zu einer festen Adresse für maritime Küche im Westen Berlins. Doch seit einigen Monaten ringen die Betreiber um die Zukunft der Institution. Nun steht fest: Das Kapitel geht zu Ende.

    Wozu spenden, wenn der Mietvertrag nicht verlängert wird?

    „Die Deutsche Bahn hat unseren Mietvertrag offiziell gekündigt“, erklärt ein junger Mitarbeiter, der schon viele Jahre in Ergün’s Fischbude gearbeitet hat, in einem Video auf TikTok. Er würdigt die Arbeit des namensgebenden Gründers Ergün Amca: „Ein Mann, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam und sein Leben lang geschuftet hat, um dieses Lokal aufzubauen.“ Das Restaurant – ein Berliner Original – dürfe deshalb nicht ohne Weiteres verschwinden.

    Wenig später heißt es in dem Video, der Mietvertrag sei nicht gekündigt, sondern nicht verlängert worden. Es folgt die Bitte um Spenden über einen Link. Vor dem Hintergrund, dass das Aus des Lokals ohnehin besiegelt zu sein scheint, stellen sich viele User in den Kommentaren jedoch die Frage, wofür diese Beiträge eigentlich gut sein sollen. „Wieso aber spenden, wenn euer Mietvertrag nicht verlängert wird?“, schreibt da einer.

    Bereits im Juli 2024 berichtete die Berliner Zeitung über das mögliche Aus der beliebten Fischbude in Moabit. Schon damals stand die Kündigung des Mietvertrags durch die Bahn im Raum. Warum sich das Unternehmen zu diesem Schritt entschieden hatte, wollte es damals nicht sagen. „Sie müssen dafür keinen Grund angeben und haben das auch nicht getan“, erklärte Mine Centinbas, die Tochter von Ergün Amca.

    Sie vermutete allerdings, dass die Kündigung mit dem Brandschutz zusammenhänge. Bei einer entsprechenden Prüfung seien damals Mängel festgestellt worden, die jedoch nicht leicht zu beheben gewesen wären. „Eigentlich waren wir schon dabei, bestimmte elektrische Anlagen zu erneuern, und haben die Deutsche Bahn auch darüber informiert. Aber die Kündigung kam trotzdem“, sagte die Restaurantleiterin.

    Ein genaues Datum für das endgültige Aus von Ergün’s Fischbude wurde nicht genannt. Bereits im vergangenen Jahr spielte Centinbas mit dem Gedanken, das Lokal in anderen Räumlichkeiten neu zu eröffnen, sollte es keine andere Möglichkeit geben. „Aber wir wollen hierbleiben. Dieses Feeling, das es an diesem Ort gibt, würden wir nirgendwo sonst hinbekommen.“ Ob der Spendenaufruf für die Zukunft an anderer Stelle in Berlin gedacht ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls nicht bekannt.

    Ergün’s Fischbude. Lüneburger Straße 382, 10557 Berlin. So-Do 16-23 Uhr, Fr-Sa 16-24 Uhr. Weitere Informationen unter www.erguns-fischbude.de

    #Berlin #Tiergarten #Lüneburger_Straße #Gastronomie #Stadtentwicklung #Gentrifizierung

  • Kulturkampf in der Fuggerstraße: Bezirk weiß nicht, wieviel Unterbringung von Wohnungslosen kostet
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/kulturkampf-in-der-fuggerstrasse-bezirk-weiss-nicht-was-die-unterbr

    Profitmachen mit Wohnungslosen, Gentrifizierumg und bourgeoise Regenbogencommunity ergeben eine explosive Mischung. Wieso hört man eigentlich nichts mehr vom Anbahnungsspielplatz Fugger/Eisenacher?

    21.8.2025 von Carola Tunk -Die Straße in Schöneberg ist seit Jahren Kriminalitätshotspot. Das beklagen zumindest die Nachbarn eines berüchtigten Hotels. Doch es gibt auch andere Stimmen.

    Der Junge hebt einen Stein auf und wirft ihn nach seinem Nachbarn. „Warum willst du meine Schwester schlagen?“, fragt der Junge den Mann. Der entgegnet, er wolle ihr nichts dergleichen zufügen. Dabei filmt er den Jungen und Jugendliche, die etwas abseits der Szenerie stehen. Wer den Streit tatsächlich entfacht hat, bleibt im Video verborgen. Unübersehbar jedoch ist: Es ist ein Zusammenprall von Nachbarn, von Generationen, von Arm und Wohlhabend – und von Kulturen.

    Der kleine Steinewerfer wohnt in einem heruntergekommenen Hotel in der Fuggerstraße. So soll es drinnen jedenfalls aussehen, sagen manche. Von außen ist es allerdings ein Altbau mit einer Zuckerbäckerfassade. Schräg gegenüber wohnt der Mann, der den Jungen gefilmt hat.

    Der Jugendliche ist einer von den Wohnungslosen, von denen niemand weiß, wie viele es wirklich sind und die hier in dem Hotel seit 2020 vom Bezirk auf Steuerzahlerkosten untergebracht werden. Das versetzt die Nachbarn des B&B Hotels dauerhaft in Alarmbereitschaft. Mehrmals pro Woche rufen Anwohner die Polizei. Sie beklagen sich über Müll auf Straßen und anliegenden Grundstücken. Der Bezirk gibt sich ahnungslos. Doch jetzt, nach jahrelangem Stillstand, haben die Anwohner einen Stein ins Rollen gebracht – und die Politik öffentlich konfrontiert.

    Flüchtlings-Ghetto Tegel: Milliardenkosten, chaotische Zustände und jetzt der Rückzug der Messe Berlin

    Anwohner spricht von „Horror“ in der Fuggerstraße

    Matthias Kaiser* (*Name geändert) wohnt im Regenbogenkiez in der Fuggerstraße. Kaiser besitzt gleich mehrere Wohnungen.

    Kaiser ist schon älter, er trägt einen Dreitagebart, seine Augen blicken sorgenvoll. Er sagt, dass „diese massiven Störungen der öffentlichen Ordnung“ in seinem Kiez derzeit vorrangig von Gruppen von Männern ausgehen. Er zuckt mit den Schultern, schildert, dass Jugendliche nicht davor zurückschreckten, Passanten zu beleidigen und anzuspucken. Dass Feuerwehreinfahrten durch die zahlreichen PKW, über die die Gäste des B&B Hotels verfügen, zugeparkt werden. Er redet von Fäkalien in Hauseingängen. Auch andere Anwohner bestätigen das Verhalten der Nachbarn, die wohl aus Bulgarien und Rumänien kommen. Viele sind verzweifelt. Ein Anwohner beschreibt die Zustände schlichtweg als „Horror“.

    Trotz wiederholter Beschwerden und Anzeigen bei Behörden, dem Bezirksstadtrat und der Polizei fühlen sich Kaiser, sein Partner sowie weitere Anwohner von der Politik im Stich gelassen.

    Lärm und Gewalt

    Tatsächlich rücken Polizei und Ordnungsamt regelmäßig an. Allein zwischen dem 1. Juli 2023 und 30. Juni 2024 gab es 41 Einsätze. Und vom 1. Juli 2024 bis 30. Juni 2025 nochmal 102. Meistens ging es um unzulässigen Lärm, die Brandmeldeanlage und häusliche Gewalt. Doch auch den Beamten sind die Hände gebunden. Sie können nur schlichten, verwarnen oder jemanden kurzzeitig abführen.

    Kaiser, der Hausbewohner, schüttelt den Kopf. „Es stinkt, Lebensmittel liegen rum, fliegen rum. Das geht wie gesagt seit fast 6 Jahren so.“ Ein Anwohner fasst die Lage drastischer zusammen: „Es ist einfach der Lärm, es ist die Vermüllung, es ist der Dreck und neuerdings eben auch die Bedrohung“. Die Nachbarn schrieben an das Bezirksamt. Doch von der Behörde kam nur eine knappe Antwort: Es bestehe „kein Anlass für Beanstandungen“.

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    Dieser Mann ist ebenfalls in der Fuggerstraße wohnhaft. Carola Tunk/Berliner Zeitung

    Gefühl der Unsicherheit

    Kaiser sagt, das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg sei bestrebt, die bekannten unhaltbaren Zustände zu leugnen. Ein weiterer Anwohner stellt fest: „Die Politik tut nichts.“

    Kaiser schildert ein Gefühl der Unsicherheit: „Man möchte schon gar nicht mehr das Haus verlassen, fürchtet, sich durch die bedrohlich wirkenden Ansammlungen von Männern zu bewegen oder wird bereits beim Einbiegen in die Fuggerstraße angesichts von Dreck, Lärm und sich auf den Gehwegen breitmachenden Personen schlicht zornig.“

    Sein Partner berichtet sogar von einem Übergriff, als er sich mal über zu laute Musik beschwerte: „Der Junge und andere standen vor mir und haben mir eine geklatscht.“

    Man kontrolliere daher schon fast „zwanghaft“ die Haustüren und -tore und fürchte jeden Tag, dass die auf der Straße geparkten Autos Schaden nehmen könnten. Viele, so Kaiser und sein Freund, würden gerne wegziehen, aber ein derartiges Vorhaben wäre nur „unter erheblichen wirtschaftlichen Opfern realisierbar“.

    Anwohner mit Eigentumswohnungen „können angesichts der für jeden Passanten erkennbaren Zustände längst nicht jenen Kaufpreis erzielen, der ohne den Betrieb des B&B Hotels in seiner aktuellen Weise realisierbar wäre“, sagen die Immobilienbesitzer in der Fuggerstraße.
    FDP will Antrag in BVV stellen

    Die Anwohner verlangen inzwischen die Schließung des Hotels. Nach einer Petition bringen die Liberalen den entsprechenden Einwohnerantrag nun in die BVV ein.

    Die konkrete Forderung lautet: Das Bezirksamt soll den Bestandsvertrag mit der Betreiberin auflösen und dafür sorgen, dass fortan keine Personen mehr aus Osteuropa dort untergebracht werden. Zur Begründung stellen die Liberalen fest: „Der Zustand der Überfüllung kleiner Räume aus Gründen der Profitgier ist nicht hinzunehmen.“ Die Situation sei den Anwohnern, aber auch den untergebrachen Menschen aufgrund der „Gewaltvorfälle“ und der Diebstähle nicht länger zuzumuten.

    Die Betreiberin des Hotels ist Ilona B. Die alte Dame verdient ziemlich viel Geld mit der Aufnahme der wohnungslosen Flüchtlinge. Laut Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann kostet ein Schlafplatz etwa 30 Euro täglich. Bei 48 Zimmern mit vier Schlafplätzen wären das 5760 Euro pro Tag. Die Anwohner bezeichnen B.s Betrieb als „Geschäftsmasche“. Die private Eigentümerin nutze das Wohlwollen des Staates aus.

    Kaiser und andere Anwohner kritisieren Ilona B. daher aufs Schärfste. „Da Frau B. seit fünfeinhalb Jahren weder willens noch bereit ist, Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet wären, die von ihrem Gewerbebetrieb ausgehenden Missstände dauerhaft und nachhaltig abzustellen, erweist sie sich als unzuverlässig im Sinne des Gewerberechts.“

    Ein Mann, der ebenfalls in der Fuggerstraße wohnt, berichtet von einem Vorfall vor ein paar Jahren. Damals habe Ilona B. deutlich hörbar von „Diebesgut und Autoreifen“ gesprochen, die nicht im Keller gelagert werden sollten. Die Hotelbesitzerin soll also durchaus über die angeblich kriminellen Machenschaften ihrer Gäste Bescheid wissen. Ob dem tatsächlich so ist, lässt sich nicht überprüfen. Ilona B. beklagt sich gegenüber der Berliner Zeitung über die „Lügen“ von Nachbarn.

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    Keine Seltenheit: Ein Polizeieinsatz in der Fuggerstraße Berliner Zeitung

    Neben Ilona B., den Anwohnern und dem Bezirksbürgermeister spielt auch ein Verein eine tragende Rolle in dem Konflikt. Amaro Foro e.V. verfolgt im Auftrag des Bezirks „einen vorurteilsfreien Ansatz, um das Beschwerdeaufkommen zu verringern“. Gemeint sind die Nachbarn. Der Verein, der sich für Sinti und Roma einsetzt, sieht in der Debatte einen eklatanten Beleg dafür, „wie tief Antiziganismus in unserer Gesellschaft, in der Politik und in den Medien verankert ist und wie schnell dieser in reale Gewalt gegen eine Minderheit münden kann“.

    Die Partei Die Linke schlägt in eine ähnliche Kerbe und sorgt sich um die menschenwürdige Unterbringung wohnungsloser Personen in „sogenannten ASOG-Unterkünften“ wie dem Hotel in der Fuggerstraße. Hier lebten Menschen, „die zu den schwächsten Gruppen unserer Gesellschaft gehören: Familien mit Kindern, queere Menschen, Personen mit Rassismus-/Antiziganismuserfahrung, Menschen mit Suchterkrankungen oder schweren psychischen Belastungen.“

    Die Bezirksverordnete Katharina Marg hält fest: „Ein Drittel der wohnungslosen Menschen in Berlin sind minderjährig.“ Dennoch müssten sie auf engstem Raum, zu überhöhten Preisen, ohne soziale Arbeit und ohne Schutzkonzepte leben. Sanitäre Anlagen seien für Frauen, Kinder und queere Personen oft in sehr schlechtem Zustand. „Statt nach unten zu treten, müssen soziale Prioritäten gesetzt werden.“

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    Die Anwohner beschweren sich vor allem über das andauernde Gebrüll, laute Musik oder quietschende Reifen.Berliner Zeitung

    In der BVV sind unterdessen alle Augen auf Bezirksstadtrat Matthias Steuckardt gerichtet. Er soll Antworten auf die Fragen der Bürger liefern. Steuckardt kann nicht abschließend beantworten, was der genaue Auslöser für die dauerhafte Nutzung des BB-Hotels als Unterkunft für Wohnungslose seit 2020 war. Er vermutet, dass sich der Betrieb aus wirtschaftlicher Sicht „als wirtschaftlich attraktiv dargestellt“ hat.

    Zur Frage der bislang gezahlten Gelder erklärt Steuckardt, dass die genaue Höhe der seit Frühjahr 2020 an die Betreiberin gezahlten Gelder „statistisch nicht erfasst“ und die Frage somit nicht beantwortet werden könne. Der Bezirksstadtrat erklärt, dass die obdachlosen Personen Sozialleistungen beziehen und die Kosten der Unterkunft (KDU) nicht gesondert erfasst werden.

    Zudem betont er, dass es keine technischen Möglichkeiten gibt, die tagesaktuelle Belegung einer vertragsungebundenen Unterkunft zu überprüfen, aber das Land Berlin an einem IT-Verfahren zur Verbesserung dieser Kontrolle arbeite. So viel zur Digitalisierungsoffensive in der Berliner Verwaltung.

    Die Anwohner der Fuggerstraße scheinen da schon weiter zu sein und haben einen Instagram-Account eingerichtet, auf dem sie die Videos aus der Nachbarschaft posten. In einem ist zu sehen, wie sich Männer, Frauen und Kinder auf der Straße versammeln und laut diskutieren. Sie streiten. Worüber ist unklar. Doch eines ist gewiss: Streit gibt es in jeder Kultur. Mindestens eine Gemeinsamkeit, die die Menschen in der Fuggerstraße haben.

    #Berlin #Schöneberg #Fuggerstraße #wohnen #Immobilien #Gentrifizierung #Roma

  • Berlin versinkt im Müll: Sind wir einfach nur Schweine?
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/brutal-berlin-sind-wir-berliner-einfach-nur-schweine-li.2357229

    Na klar möchte man der kaum provokanten Überschrift antworten. Wir sind echte Männer und Lara Croft darf uns gerne zur Musi vonne Ärzte eine reindonnern, das Zewa-wichs-und-weg fällt nach Gebrauch runter, wo wir gerade unserm.Bedürfnis nachgekommen sind. Hasten Problem damit?

    Das ist immer und überall so, kein.Grumd zum Berlin-Bashing, auch wenns noch so launig ins Gerät getippt ist, oder wars doch die KI?

    Auch in der polemischen Glosse könnte man aufs rein Menschlicje der wirklichen Verursacher der Drecksmisere eingehen, und das ist nicht Otto-Normalberliner sondern die Bande, der der Laden gehört. Hätte man ruhig mal nachschlagen können, die Sozioligie der Reichen ist nämlich auch ein lustiges Forschungsfeld.

    21.9.2025 von Clint Lukas - Die Stadt vermüllt, die Stadt verdreckt. Aber sind wir es letztlich nicht selbst, die schuld daran sind, dass Berlin immer unangenehmer wird?

    Es ist jeden Morgen das gleiche Bild. Wenn ich wie ein unbescholtener Steuerzahler um sieben das Haus verlasse, bietet sich mir folgender Anblick: Am Straßenrand stehen Müllsäcke, teilweise aufgeplatzt. Daneben der entführte Einkaufswagen eines beliebten Discounters, der ebenfalls bis zum Rand mit Müll gefüllt ist. Kaffeebecher, Dönerreste, Windeln, Lachgaskartuschen. Das Ensemble wird ergänzt durch eine Vielzahl von Pfandflaschen, die aufrechte Altruisten hier aufgereiht haben, um dem Lumpenproletariat die tägliche Opfergabe darzubringen. Die meisten davon sind zerbrochen.

    Die andere Seite ist noch schlimmer

    Ich gehe weiter, vorbei am Altkleider-Container. Im Umkreis von fünfzehn Metern sind Schuhe und bunte Lumpen über den Gehsteig verstreut. Da hat sich offenbar mal wieder jemand so richtig ausgelebt. Immerhin ist das hier eine Frontstadt. Der Kalte Krieg hat uns Grauzonen eröffnet, die bis heute nachwirken und die es bis zum Letzten auszureizen gilt. Einen Spendencontainer zu plündern ist schließlich auch nur eine Form der Selbstverwirklichung.

    Weiter im Text! Wir befinden uns übrigens im Wedding, Nähe Gesundbrunnen. Das nur zur anthropologischen Einordnung. Wenn ich den Zebrastreifen überquert habe und die eingezäunten Büsche erreiche, die sich entlang der Ringbahntrasse entfalten, findet mein erster sozialer Kontakt des Tages statt. Dann begegne ich nämlich den Ratten.

    Bisher waren es immer drei Stück, doch neuerdings werden sie gemeinsam mit ihrem Nachwuchs vorstellig. Niedliche kleine Dinger! Anfangs sind sie anstandshalber zurück ins Dickicht gesprungen, wenn ich mich näherte. Seit ein paar Wochen tun sie aber nicht mal mehr das. Wir gewöhnen uns aneinander. Ein Blick in die Gegend bringt Klarheit, warum die lieben Tierchen so prächtig gedeihen. Essensreste von McDonald’s und KFC. Hundekot, dessen Halbwertszeit aus unerfindlichen Gründen mittels schwarzer Plastikbeutel auf Jahrhunderte ausgedehnt wurde. Und ich sage es ungern, aber die Rattenseite ist trotz allem die, auf der ich unbedarfte Berlinbesucher zum Nordkreuz geleite. Denn die andere Seite ist noch viel schlimmer.

    Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Zuwendung der winzige Park auf dem Blochplatz vom Grünflächenamt erfährt. Sie mähen den Rasen, beschneiden die Hecken, pflanzen bisweilen sogar Blumen ein. Leider wird der Park auf der einen Seite von einer Reihe Hotels und auf der anderen von einem breiten Standstreifen flankiert. Täglich parken dort etliche Reisebusse, deren Fahrer sich ganz zwanglos in den Büschen erleichtern.

    „Der Morgenschiss kommt ganz gewiss, auch wenn es schon nach neune ist.“ So oder so ähnlich hat es Adorno einmal gesagt. Wenn die besagten Büsche zweimal pro Jahr gereinigt werden, geschieht dies durch Spezialisten in Ganzkörperanzügen, die laut Werbebanner auf ihrem Firmenwagen auch Tatort-Reinigungen anbieten. Im Sommer sollte man als geruchsempfindlicher Mensch jedenfalls nicht an diesem Biotop vorbeigehen. Es sei denn, man ist auf der Suche nach olfaktorischen Extremsituationen.

    Es sieht aus wie im Hirn eines soziopathischen Expressionisten

    Dies sind die gesammelten Eindrücke von etwa zweihundert Metern Wegstrecke. Menschen, die nicht in Berlin leben und dadurch wenigstens noch über einen rudimentären moralischen Kompass verfügen, halten eine Steigerung der Verwahrlosung vielleicht nicht für möglich. Die armen, naiven Teufel! Denn nach diesen zweihundert Metern fängt der Tag überhaupt erst an. Dann steige ich nämlich in die U8.

    Ich kenne diese Linie seit zwanzig Jahren. Schon 2005, als die Unterwelt noch in Ordnung war und man nicht alle paar Meter auf Fentanyl-Junkies und Hamas-Befürworter stieß, glich die Nutzung der U8 einer Mutprobe. Es gab ja Vorstöße der BVG, die Bahnhöfe durch Sondereinsätze sauberzuhalten, allerdings nur am Neuköllner Ende der Strecke. Bei uns im Norden dagegen wird alles im Naturzustand belassen. Es sieht aus wie im Hirn eines soziopathischen Expressionisten.

    Ich muss zum Glück nur zwei Stationen weit fahren, zum U-Bahnhof Osloer Straße. Ich achte penibel darauf, nichts im Zug zu berühren, mich nicht hinzusetzen. Meine Schuhe erzeugen ein saftiges Schmatzen, während ich mich über getrocknete Pfützen aus Bier, Kaffee und undefinierbaren Körpersäften bewege. Berlin gleicht einer existenziellen Erfahrung, gegen die das Dschungelcamp ein Sonntagsspaziergang ist.

    „U8: Sogar Greta Thunberg würde ein Auto nehmen“: Comedian provoziert mit Aussagen über stinkende U-Bahn

    Nach dieser Tortur habe ich es fast zu meinem Arbeitsplatz geschafft. Es gilt lediglich noch, die seltsame Gegend hinter dem Finanzamt zu durchqueren. Zwischen Poco Domäne und Salafisten-Moschee kommt man sich dann vollends wie in einem Slum vor, so hoch türmt sich der Müll. Krähen und Tauben durchstöbern die Haufen, die wie Schneewehen an den Hauswänden lehnen.

    Was ich bei alldem so bemerkenswert finde, ist die Tatsache, dass ja ständig geputzt wird. Die BSR schickt täglich ihre Bataillone von Einsatzkräften und Kehrmaschinen aus. Auch die U-Bahnen werden gereinigt. Trotzdem wirkt das Stadtbild wie nach einer Straßenschlacht. Was mich zu der unbequemen, aber nicht mehr zu bestreitenden Einsicht führt, dass wir Berliner schlicht und ergreifend Dreckschweine sind. Es kann keinen anderen Grund für die Verwahrlosung geben. Denn selbst wenn zehnmal so viele Touristen kämen wie jetzt, müssten sie an der Mammutaufgabe scheitern, die Stadt so konsequent und flächendeckend vollzumüllen.

    Vor fast jedem Haus stehen Kisten mit aussortiertem Unrat, liegen vollgepisste Matratzen, die von vorwitzigen Spaßvögeln mit „Zu verschenken“-Schildern beklebt wurden. Jede Fläche, die groß genug ist, um darauf zu stehen, ist mit ausgespuckten Schalen von Sonnenblumenkernen bestreut. Was nicht mehr gebraucht wird, wird einfach an Ort und Stelle fallen gelassen. Wenn Berlinbesucher den Eindruck gewinnen, dass wir hier ein soziologisches Experiment durchführen, darf man sich darüber nicht wundern. Wir sind arm, aber unsexy. Und nach unten ist noch sehr viel Luft.

    #Berlin #Müll #Gentrifizierung

  • Neue Luxus-Lofts im Bergmannkiez – Anwohner schlagen Alarm: „Jetzt wird das so ein Reichen-Viertel“
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    Skandal, ieh wie gemein, jetzt haben die Bewohner der Südseiten-Dachgeschosse in der Fidicinstraße keinen Blick mehr aufs Tempelhofer Feld . Das heißt wohl Gentri-Gentrifiizerung wenn die gutsituierten Einundsechziger über die Ankunft der neuen Reichen meckern.

    Das Viertel zwischen Bergmannstraße und Columbiadamm war schon im den 1980ern für. Kleinverdiener unerreichbar. In den Siebzigern gab es hier noch Volksgefângnisse, die Sache war noch nicht entschieden. Über die Jahre wurde dann der letzte Rest Berliner Volk weggestorben oder rauskomplimentiert. Was sich da jetzt beschwert ist Klein- und Wutbürgertum.

    Das ist nicht mehr unser Berlin, von wegen. Unser Berlin habt ihr schon mit der Zerschlagung der zweiten Hausbesetzerbewegung aus dem Bergmannkiez weggelummert.

    6.6.2025 von Yoko Rödel - Mitten im Bergmannkiez sollen auf dem Areal Neue Bockbrauerei mehr als 200 neue Wohnungen entstehen – doch leisten können sich die wohl nur wenige.

    Auf dem Gelände der ehemaligen Bockbrauerei in Kreuzberg nimmt ein neues Stadtquartier immer konkretere Züge an. Entwickelt von der Bauwert AG, sollen dort neben Wohnungen, Büros und Gastronomie künftig auch Künstler mehrere Ateliers beziehen und so den Kreuzberg-typischen kreativen Flair ins Viertel bringen. Das klingt nach einem vielversprechenden Nutzungsmix, der den Charakter des Kiezes bereichern könnte. Dementsprechend groß war der Andrang beim Richtfest am Donnerstag.

    „Mitten in Kreuzberg entsteht ein vielfältiges Quartier, das dringend benötigten Wohnraum schafft“, sagte Finanzsenator Stefan Evers (CDU). „Hier entsteht ein einzigartiger Mix aus Kultur- und Gewerbeflächen sowie modernen Arbeitswelten.“

    Auch Innensenatorin Iris Spranger (SPD) lobte das Vorhaben und befürwortet außerdem, dass mehrere Wohnungen landeseigenen Bediensteten vorbehalten bleiben: „Gerade für Polizei, Feuerwehr und andere Landesbedienstete ist bezahlbarer Wohnraum in zentraler Lage essenziell. Dieses Projekt trägt dazu bei.“

    Ehrengäste des Richtfestes im neuen Kreuzberger Quarziert Neue Bockbrauerei (v.l.n.r.): Polier Dennis Duda, Polizeipräsidentin Dr. Barbara Slowik Meisel, Tatjana Adams, Birgit Möhring, Staatssekretär Wolfgang Schyrocki, Karin Klingen, Alf Aleithe, Senatorin Iris Spranger, Frank Kulawig, Michael Staudinger, Daniel J. Herrmann, Prof. Petra Kahlfeldt, Sergej Tchoban, Dr. Jürgen Leibfried, Senator Stefan Evers. Foto Maren Schulz / Bauwert AG

    Jürgen Leibfried, Vorstand der Bauwert AG, zeigte sich stolz über den Baufortschritt: „Wir realisieren hier eines der wenigen großen Neubauprojekte in Kreuzberg – mit Wohnungen, Büros und Kulturflächen. So sichern wir Vielfalt und Qualität für den Standort.“ Architekt Frank Kulawig ergänzte: „Unser Ziel ist eine echte Kreuzberger Mischung – ein Quartier, das Alt und Neu verbindet und Raum für unterschiedliche Nutzungen bietet.“

    Günstiger Wohnraum für Landesbedienstete

    Insgesamt sollen auf dem Gelände mehr als 200 neue Wohnungen entstehen – davon 75 im geförderten Segment. 25 dieser Wohnungen sind Bediensteten des Landes Berlin vorbehalten. Der Anteil tatsächlich frei verfügbarer Sozialwohnungen liegt damit bei lediglich rund 22 Prozent.

    Aus Sicht von Stadtentwicklungsexperten und Initiativen reicht dieser Anteil jedoch nicht aus, um die fortschreitende soziale Entmischung des einstigen Kreativbezirks Kreuzberg aufzuhalten.

    Auch die Bürgerinitiative „Kiez aktiv: Bockbrauerei“ äußerte sich kritisch zu den Entwicklungen. Bereits 2016 hatte sich die Initiative gegründet, um den Erhalt des Kleingewerbes und eine gemeinwohlorientierte Entwicklung des Areals zu fordern. Das Neubauprojekt sehen die Aktivisten als problematisch an. Sie befürchten eine Verdrängung der Kreativen.

    Neue Büros für Berliner Beamte

    Hinzu kommt, dass auch die Berliner Verwaltung einen nicht unerheblichen Teil des Gebiets für sich beansprucht: Insgesamt 10.500 Quadratmeter Bürofläche hat das Land Berlin erworben: Dort sollen künftig die Senatskanzlei und der Berliner Rechnungshof untergebracht werden.

    Man freue sich auf den neuen Standort, betonte Rechnungshofpräsidentin Karin Klingen beim Richtfest. Durch den Umzug werde die genutzte Verwaltungsfläche um 25 Prozent reduziert und die internen Abläufe dank moderner Arbeitsumgebungen deutlich verbessert.

    Dass sich ausgerechnet die öffentliche Hand einen so großen Flächenanteil im Quartier sichert, sorgt indes für Irritationen. Die Initiative „Wem gehört Kreuzberg“ bemängelt, dass bereits zahlreiche Kultur- und Gewerbestandorte verdrängt wurden und der Staat sich im hochpreisigen Segment „breitmachen“ würde.

    So soll das neue Quartier einmal aussehen. Kritiker sehen darin vor allem ein Signal an zahlungskräftige Käufer – und befürchten, dass die soziale Durchmischung des Quartiers in eine gefährliche Schieflage gerät.

    So soll das neue Quartier einmal aussehen. Kritiker sehen darin vor allem ein Signal an zahlungskräftige Käufer – und befürchten, dass die soziale Durchmischung des Quartiers in eine gefährliche Schieflage gerät.Schulz/BAUWERT AG

    Luxus-Loft zum Spitzenpreis – Verbände schlagen Alarm

    Abzüglich der Wohnungen im gemeinwohlorientierten Segment und der Verwaltungsflächen sind rund 130 Eigentumswohnungen auf dem freien Markt verfügbar. Laut aktueller Marktdaten bewegen sich die Preise pro Wohnung zwischen 648.000 und 1,179 Millionen Euro. Das entspricht einem Quadratmeterpreis von bis zu 10.000 Euro.

    Auf den Immobilienportalen werden die Objekte als Luxus-Lofts im High-End-Segment beworben – ein „erstklassiges Zuhause“ für den stilvollen Berliner, wie es heißt. Das Interieur ist entsprechend exklusiv: Projektbilder zeigen gediegene Foyers in Naturstein, die Wohnungen verfügen über Echtholzparkett, Fußbodenheizung und atemberaubende Ausblicke auf das Tempelhofer Feld.

    Die Mieterinitiative Bergmannkiez zeigt sich alarmiert: „Solche Prestigeprojekte verschärfen den Druck auf die Mieten im gesamten Kiez weiter“, sagt Ulrike Fuchs von der Initiative. „Wenn so viele Eigentumswohnungen zu Höchstpreisen vermarktet werden und nur ein kleines Kontingent an gefördertem Wohnraum entsteht, bleibt von sozialer Mischung nicht viel übrig.“

    „Das ist nicht mehr unser Kiez“

    Dass so viele Wohnungen im High-End-Segment entstehen, der Staat inzwischen gezielt Wohnungen für eigene Beschäftigte ankauft und sich Büroflächen in Premiumlagen sichert, sorgt auch bei Anwohnern für Unmut.

    Zwei Kreuzberger, die nur einen Steinwurf vom ehemaligen Brauereigelände entfernt wohnen, äußern sich im Gespräch mit der Berliner Zeitung irritiert. „Wir haben so etwas schon geahnt“, sagt die Kreativschaffende Maria H., die seit über dreißig Jahren im Kiez lebt. „Es ist einfach traurig, was hier passiert. Das ist nicht mehr unser Kiez.“

    Rentner Klaus B., geboren und aufgewachsen in Kreuzberg, findet deutliche Worte: „Das hier war einmal ein Ort für Kreative – und jetzt wird das so ein Reichen-Viertel.“ Für beide steht das neue Quartier exemplarisch für eine Stadtentwicklung, bei der die Mitte der Gesellschaft zunehmend verdrängt werde. „Es wird ja immer davon gesprochen, dass man sozialen Wohnraum schaffen will“, so der Berliner. „Ob das am Ende gelingt? Ich weiß es nicht. Ich hoffe es.“

    #Berlin #Kreuzberg #Fidicinstraße #Gentrifizierung

  • Kulturkneipe vor dem Aus: Es ist zum Kotzen
    ▻https://taz.de/Kulturkneipe-vor-dem-Aus/!6082812

    Hat es sich bald ausgespielt? Dem Watt droht das Ende   Foto: Rolf Zöllner via Imago

    26.5.2025 von Helmut Höge - Weil die Immobilienbesitzer nicht mehr wollen, droht dem „Watt“ die Schließung. Mit ihr verschwände einer der letzten Orte Ostberliner Renitenz.
    Stummfilmabend vorm Watt
    Hat es sich bald ausgespielt? Dem Watt droht das Ende   Foto: Rolf Zöllner via Imago

    Berlin taz | Von außen sieht das Watt in der Metzer Straße aus wie ein normales Ecklokal. Doch diese „Kulturspelunke“ in Prenzlauer Berg hat eine interessante Geschichte, die am 30. September enden soll. Zumindest wenn es nach dem Willen der neuen Hauseigentümer aus dem Westen – Many Ameri und Anne Ameri-Siemens – geht. Sie wollen den Vertrag mit der Betreiberin Sindy Kliche, der zu diesem Datum ausläuft, nicht verlängern.

    Aber noch haben die Stammgäste, die dort regelmäßig Lesungen, Diskussionen und Konzerte veranstalten sowie ihre Underground-Periodika vorstellen, nicht aufgegeben. Schon mehrfach positionierten sie sich in den vergangenen Wochen mit „Watt muss bleiben!“-Schildern vor dem Lokal, als die neuen Hausbesitzer das Lokal inspizieren wollten.

    Zuvor war unter den Stammgästen diskutiert worden, ob man die Eigentümer nicht lauthals beschimpfen oder gar tätlich werden sollte. Schließlich sei die „Kulturspelunke eine der letzten übriggebliebenen Kneipen in Prenzlauer Berg, die diesen Namen verdient“, wie der korsische Schriftsteller Guillaume Paoli in einem Rundbrief schreibt.

    Der Presse wollten die Eigentümer keine Auskunft geben. Auf der Webseite ihrer Agentur Yadastar ist von der Förderung von „Graswurzel-Netzwerken und realen Begegnungen“ die Rede und ferner, dass sie die „Red Bull Music Academy“ mitbegründet hätten. Anne Ameri-Siemens veröffentlichte daneben 2017 eine Recherche über die RAF.

    Alternative Geschichte in Gefahr

    „Ihre de-facto-Kündigung beendet nach zehn Jahren nicht nur die Arbeit einer zentral gelegenen Institution und Nachbarschaftskneipe“, sagte ein Sprecher der Watt-Rettungs-Initiative der taz, der nicht namentlich genannt werden will. Die Initiative setzt sich aus dem harten Kern der Stammgäste und ihren Sympathisanten zusammen. Der Sprecher kritisiert, die neuen Hauseigentümer aus dem Westen schrieben sich die Förderung von Kunst und Kultur auf die Fahnen, um dann aber einen Schlussstrich „unter die renitente Kunst- und Kulturgeschichte im ehemaligen Arbeiterbezirk“ zu ziehen, „der für Jahrzehnte Knotenpunkt und Umschlagplatz der Unangepasstheit war“.

    Das Watt wurde 2010 vom Dichter Bert Papenfuß und der Künstlerin Mareile Fellien unter dem Namen „Rumbalotte“ gegründet. Es gab eine Förderung vom Arbeitsamt und einen „Coach“, der ihnen ständig riet, die Kneipe durch das Anlocken von Touristen lukrativer zu machen – etwa mit Mixgetränken, die der Schriftsteller Stefan Schwarz abfällig „Hawaii-Gelumpe“ nennt. Touristen wollten die beiden Betreiber gerade nicht haben.

    2015 übergaben sie die Kneipe der quasi professionellen Gaststättenbetreiberin und Künstlerin Sindy Kliche, die sie in „Watt“ umbenannte, auch etwas andere Musik auflegte und die Wandmalereien des radikalen russisch-österreichischen Aktionskünstler-Duos Alexander Brener und Barbara Schurz übermalte. Nach Bert also Sindy – dieses Duo kannte man bisher nur als „Cindy und Bert“ aus dem Westfernsehen, es hatte nicht gerade einen guten Ruf. Mit den beiden im Osten war das anders.

    Nachdem sie ihre Kneipe an Sindy abgegeben hatten, mieteten Mareile und Bert einen Raum in einer stillgelegten Pankower Brauerei an – als Rumbalotte II, für die sie einen Unterstützerverein gründeten. Die Rumbalotte I blieb jedoch auch als Watt Stammkneipe und Veranstaltungsraum.

    Prenzlberg nach der Wende

    Bert Papenfuß starb überraschend am 26. August 2023 mit 67 Jahren. Sein Vater war NVA-Offizier, Bert verweigerte jedoch den Armeedienst und verpflichtete sich als „Bausoldat“. Zuvor war er in Leningrad zur Schule gegangen, was zur Folge hatte, dass er Russisch sprach und einen Hang zum Maritimen hatte. Nach seinem Dienst arbeitete er als Ton- und Beleuchtungstechniker in verschiedenen Theatern. Ab 1980 schlug er sich als freier Schriftsteller durch. Seine Lesungen wurden meist von Rock- und Punkbands flankiert, an eine Buchveröffentlichung war in der DDR nicht zu denken.

    Es gab einige wenige Westberliner Stammgäste, die ihn bereits aus Kreuzberg kannten, wo er eine Zeitlang wohnte und eine Chicagoer Punksängerin heiratete. Mit ihr hatte er eine Tochter: Leila. Damals bekamen etliche DDR-Punker Ausreisegenehmigungen nach Westberlin. Sie vermuteten, dass die Regierung hoffte, sie würden dableiben. Dem war aber nicht so: Es waren keine Republikflüchtlinge, sondern Anarchisten, die weiter an den Fesseln des sozialistischen Kulturbetriebs zerren wollten.

    Als einige von ihnen nach der Wende in Prenzlauer Berg die Kneipe Torpedokäfer eröffneten, gehörte Papenfuß quasi zum Inventar. Hinter der Theke arbeitete Lothar, ein Philosoph, der lange Gutachten und Einsprüche brauchte, um nicht vom Arbeitsamt zum Gärtner umgeschult zu werden. Ironischerweise verirrte sich dorthin auch einmal ein Gitarrist aus Heidelberg, der ebenso lange (zwei Jahre) gebraucht hatte, um vom Arbeitsamt eine Umschulung zum Gärtner bewilligt zu bekommen.

    Eine der Kellnerinnen im Torpedokäfer war Djamila, die so bezaubernd war, dass alle möglichen männlichen Gäste ihr Komplimente und Freundschaftsanträge machten – auf Bierdeckeln, Büttenpapier oder ausgerissenen Kalenderseiten. Sie sammelte diese zum Teil gereimten Geständnisse und stellte sie dann im Torpedokäfer aus – eine ganze Wand voll. Der Name der Kneipe ging auf den ursprünglichen Titel der Autobiografie des expressionistischen Dichters und Schiffsentführers Franz Jung zurück, dessen Buch später „Der Weg nach unten“ hieß – was in gewisser Weise auch auf die Nachwende-Perspektiven der Torpedokäfer-Stammgäste zutraf. Viele von ihnen sahen sich nach der Westerweiterung auf das Territorium der DDR ihrer regelmäßigen Einkünfte beraubt und verloren ihre Wohnungen im Prenzlauer Berg wegen exorbitanter Mieterhöhung oder Eigenbedarf.

    Von der Russendisko bis zur Kulturspelunke

    Bert Papenfuß war derweil mit dem dissidentischen Verlag Basisdruck liiert und forschte über Piraten. Die Texte wurden im Verlag meist nach dem alten linksradikalen Prinzip „Wer schreibt, der zahlt“ herausgegeben. Im Basisdruck erschienen nacheinander auch die Zeitschriften Sklaven, Sklaven Aufstand, Gegner und nun Abwärts. Papenfuß war bei allen Redakteur.

    Als der Torpedokäfer schließen musste (ebenfalls wegen Nichtverlängerung des Pachtvertrags) eröffnete Papenfuß mit zwei Freunden das „Kaffee Burger“ in der Torstraße in Mitte, wo dann regelmäßig eine „Russendisko“ von Wladimir Kaminer stattfand, die massenhaft Gäste anzog. Alle vier wurden damit reich – zumindest vorübergehend. Papenfuß stieg nach einer Weile aus diesem Touristenmagnet aus und bekam dafür ein paar Jahre lang eine Rente von seinen Mitbetreibern. Danach eröffnete er zusammen mit Mareile Fellien, die ihn inzwischen geheiratet hatte, die Kulturspelunke Rumbalotte in der Metzer Straße.

    Das Wort Rumbalotte (zuvor eine Papenfußsche Buchreihe) geht auf eine Zote des Westberliner Künstlers Thomas Kapielski zurück: Drei Matrosen vergleichen ihre reichlich tätowierten Schwänze, wobei sie über einen lachen, der nur das Wort Rumbalotte darauf stehen hat. Er bringt sie jedoch zum Staunen, als daraus im erigierten Zustand der Satz „Ruhm und Ehre der baltischen Rotbannerflotte“ wird.

    Als Papenfuß starb, war die „Scene“ entsetzt, denn er war ihr bester Integrator und herrlich freimütig: So stellte er zum Beispiel den arbeitslosen und deprimierten Stasi-Offizier, der die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) für die Prenzlauer-Berg-Anarchos betreut hatte, als Türsteher im Kaffee Burger ein und veröffentlichte auch dessen Agitprop-Gedichte im Gegner. Und mit seinem quasi persönlichen IM Sascha Anderson bestritt er Dichterlesungen. Sein Tod beendete auch die Herausgabe der Autobiografie von Norbert „Knofo“ Kröcher, Mitglied der militanten Bewegung 2. Juni, dessen zweiten Band Papenfuß fast fertig lektoriert hatte. „Knofo“ war zuletzt ehrenamtlicher Feuerwehrhauptmann in Brandenburg und hatte sich 2016 erschossen.

    Die letzte Bastion

    Aber die anderen Watt-Gäste leben. Man sollte sie eigentlich alle hier vorstellen, aber einige müssen genügen: der Philosoph und Katzenfreund Hugo Velarde, der gelegentlich die Ballade von Don Quijote vorträgt und gerade einen Roman veröffentlicht hat. Der Dichter Kai Pohl, der oft und gerne Veranstaltungen organisiert. Der Musikkritiker Robert Mießner, der manchmal für die taz schreibt. Der Basisdruck-Verleger Stefan Ret, ein solider Kenner der Arbeiterbewegung.

    Die Autorin Su Tiqqun, die als Mitbetreiberin des Tacheles ein Buch über dieses „Kunsthaus“ in der Oranienburger Straße veröffentlicht hat, in dem sie an all die Dramen und skurrilen Tragödien erinnert, die dort geschahen. Ein Rezensent schrieb: „Furchtbar wurde es aber, als das Berlin-Marketing das Tacheles für sich entdeckte und die Stadt schließlich das Areal an Investoren verkaufte, die nun Luxuswohnungen darauf errichtet haben, von denen eine so viel kostet, wie die Stadt für das gesamte Gelände bekommen hat.“

    Es ist immer wieder dieselbe Geschichte, die sich hier im Osten seit der Westerweiterung abspielt. Und man kann kaum etwas dagegen tun. Es ist zum Kotzen. Zumal diese Austreibung der „Watt“-Kneipe nach dem seit 1990 immergleichen Schema geschieht: Betuchte Westler wurmen sich im Osten ein und verdrängen die dort lebenden und arbeitenden Ostler. Bald ist nichts mehr da, was sich derart gentrifizieren ließe. Denn in der Kulturspelunke verkehrte „der renitente Rest der Prenzlauer Berg Connection“, wie Bert Papenfuß bereits 2015 bemerkte.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Metzer_Straße #Kneipe #Kunst #Gentrifizierung

  • Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain: Auf welche wundersame Art hier alles seine Ordnung hat
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    Gut gelaunte Plaudereien: Unter der Woche sind Hunde auf dem Boxhagener Platz allgegenwärtig. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Friedrichshain. Die schöne Seite der Gentrifizierung. Zum Kotzen.

    5.1.2024 von Alexander Reich - Der Boxhagener Platz in Friedrichshain ist für seinen Flohmarkt berühmt. Auch sonst haben sie es hier mit dem Historischen: Nichts soll wegkommen – trotz aller Erneuerung.

    Neulich wurde Berlin-Friedrichshain im britischen „Time Out“-Magazin zu einem der coolsten Stadtviertel der Welt erklärt. Viele Gründe wurden dafür nicht genannt. Einer war der Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz. Dort „ein paar Stunden“ unter Kosmopoliten „mit Geschmack und einem Auge für Details“ zu verbringen, sei allen zu empfehlen, die in Berlin einen „perfekten Tag“ verbringen wollen.

    Möglich ist das an jedem Sonntag im Jahr. Auch im feuchtkalten Dezember ist der Flohmarkt erstaunlich gut besucht. Hunderte junge Leute schlendern in kleinen Gruppen an den Ständen entlang. Diese stehen in zwei Reihen an den Rändern des großen, rechteckigen Platzes, einmal rundherum.

    Man kann den Überblick verlieren bei all dem Plunder

    Manche der gut gelaunten Plaudereien wirken mitunter ein wenig angestrengt und zusammenhanglos. „Der war voll nett, wir haben uns voll gut verstanden.“ Erfreutes Nicken, nächstes Thema: „In Berlin gibt es sooo viele coole Mützen – da habe ich Angst, was zu verpassen.“ Kurz lacht die junge Frau über sich selbst, dann kommt in ihrer Gruppe die Frage auf, ob man nun einmal rum sei um den Platz: „Sind wir wieder am Anfang?“ Alle gucken sich um, wiegen die Köpfe – schwer zu sagen.

    Es gibt Orientierungspunkte. An der einen Ecke des Platzes zum Beispiel eine Litfaßsäule, an der gerade ein Obdachloser sitzt und Luftschlagzeug spielt, um die Kälte zu vertreiben. Aber man kann den Überblick verlieren in all dem Plunder. An den 130 überdachten Ständen, die für je 45 Euro pro Tag gemietet sind, werden nicht nur Klamotten feilgeboten, sondern auch Bierdeckel, blinde Schnapsgläser und der wurmstichige Prachtband „Unser Kaiser“. Warum zum Teufel wurde dieses Zeug nicht längst entsorgt?

    Ganzkörperanoraks und Pappkärtchen von Pokémon

    Besonders nachgefragt sind an diesem Tag Ganzkörperanoraks in den schrillen Farben der 80er-Jahre – und Karten von Pokémon oder One Piece. Franchise für Kinder. Trotzig stehen Jungs vor Verkäufern, die nicht runtergehen wollen mit dem Preis. Im Rücken der verstummten Kleinen hocken Eltern, die sanft auf sie einreden. Sie scheinen die Verzweiflung ihrer Söhne über die Unerreichbarkeit der Pappkärtchen körperlich nachzuempfinden, ohne sich davon erweichen zu lassen.


    Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz: Warum zum Teufel wurde dieser Kram nicht längst entsorgt? Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    Auch von den Klettergerüsten auf dem Platz sind Eltern kaum wegzudenken. Sie winden sich durch Leitern, um die Kleinen abzusichern. Und wo die Kinder vor dem kleinen Zaun am Spielplatz selber Flohmarkt machen, kniet gerade nur eine Mutter auf einer Decke zwischen Puzzles und Lego-Sets. Kunden sind keine in Sicht. Ein paar Meter weiter herrscht ein Zehnjähriger einen Gleichaltrigen an, der an der Rinde eines Baumes pult: „Willst du dem Baum schaden?“

    Auch diese rhetorische Frage scheint zur DNA des Viertels zu gehören. Eine Aufforderung, der man beim Gang über den Flohmarkt kaum entkommen kann, lautet: „Unterschreibt, damit Berlins Bäume bleiben!“ Und auf der großen Wiese des Platzes ist der zwei Meter hohe Rest eines abgesägten Baums aufwendig eingezäunt. „Sehr seltsam“, sagt Schriftsteller Torsten Schulz (65) zwei Tage später angesichts dieses Stumpfes. „Das scheint ein Kunstwerk zu sein. Anders kann ich mir das nicht erklären.“

    Eines der besten Bücher über die DDR

    Mit einer Nachfrage beim Grünflächenamt sollte sich Licht in die Sache bringen lassen. So ließe sich gleich auch klären, welche Rosen in den Büschen an der sattgrünen Rasenfläche blühen. Das zarte Rosa wirkt im Winter etwas skurril.

    Der Platz wirkt inmitten der Woche wie leergefegt. Schulz hat hier seine Kindheit verbracht – und einen Bestseller daraus gemacht. „Boxhagener Platz“ heißt der, eines der besten Bücher über die DDR. Entworfen hat es Schulz vor einem Vierteljahrhundert während eines Studienaufenthalts in Los Angeles. Erschienen ist es vor 20 Jahren bei Ullstein.

    Der Roman spielt im Herbst 1968. Es geht um die derbe Herzlichkeit von DDR-Bürgern, die für Lektionen der Staatsführung unerreichbar sind. Wichtig sind die Liebschaften von Oma Otti, die alle hart am Saufen sind in der Eckkneipe namens Feuermelder. Die gibt es bis heute am Platz, mit Craftbeer auf der Karte, aber noch stehen Aschenbecher auf den ranzigen Tischen.

    „Boxi“ hieß es vor 60 Jahren schon

    Der Ich-Erzähler in dem Roman ist zwölf Jahre alt. Damals waren Kinder nicht die besten Freunde ihrer Eltern, sondern zumeist sich selbst überlassen, auch am „Boxi“. Die Abkürzung gab es schon, sagt Schulz, sie habe allerdings noch nichts Verniedlichendes gehabt.

    Unter der Woche lief jeder Nachmittag gleich ab, so Schulz: „Man schmiss die Schulmappe zu Hause in die Ecke, nahm sich den Ball und ging auf den Boxhagener Platz. Irgendwelche Jungs waren immer da, und man legte los mit stundenlangem Fußballspielen. Die Akzeptanz oder das Renommee, das kam nicht von Zensuren oder so. Nur, wie man spielte, zählte.“


    Eckkneipe Feuermelder: Neuerdings gibt es hier Craftbeer, aber noch stehen Aschenbecher auf den ranzigen Tischen.
    Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Gekickt wurde in der Regel im Planschbecken am Spielplatz: 25 mal 14 Meter, wadenhohe Begrenzung, in der Mitte stehen Pinguine aus Bronze. Alles sieht aus wie vor 60 Jahren. Nur war damals auch im Sommer nicht oft Wasser drin. Schulz sagt, er habe Spielzüge der 60er „sehr lebendig vor Augen“. Um die Pinguine rum, das Steinmäuerchen als Bande, „Stichwort Ball flachhalten“. Die Tore waren in zwei Ecken mit Kreidestrichen markiert – diagonal zu spielen, habe einen zusätzlichen Reiz gehabt.

    Zu den Pinguinen fällt ihm noch etwas ein, das zur Witterung passt: „Da gab es immer die Legende: Wenn man im Winter mit der Zunge rangeht, friert die fest. Ich habe das nie gesehen, aber es galt als verbürgt, dass das schon mal vorgekommen war: Jemand hielt seine Zunge ran, und ...“

    Auf einer Bank am Planschbecken ist ein Schlafsack ausgebreitet. Ein reserviertes Nachtlager. Es gibt Obdachlose, die sich auf dem Platz eingerichtet haben. Tagsüber haben sie ihre eigene Ecke. Sie ist auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Beim historischen Urinal, das an Sonntagen, stark frequentiert, eindrucksvoll dampft. Dort stehen heute Einkaufswagen mit akkurat gestapeltem Leergut in der Reihe. Daran lehnen Schilder mit den Namen der Besitzer. Alles hat seine Ordnung.

    Der Bierkonsum ist leicht gehoben. Es gibt Jubi statt Sterni. Ab und an spuckt einer in die Rosenbüsche. Gesprochen werden unter anderem Französisch und Rumänisch. Es wird aber auch berlinert: „Krisse is ja ne andere Nummer“, sagt der lauteste Trinker gerade. „Kennste Zombie noch? Der war denn bei Mutter, da war der unterjekomm.“

    Die raue Zärtlichkeit der harten Trinker

    In diesem Moment dreht einer aus dem Grüppchen in seinem Radio einen Schlager auf. „Mach die Musik aus!“, brüllt der eben noch so friedliche Trinker. „Ich hau dir uffs Maul, Mann!“ Niemanden scheint das zu beeindrucken. Der Radiosender wird gewechselt. Nun läuft „Words don’t come easy“, eine Dubversion, aber nicht leiser als der Schlager. „Ick hau dir uffs Maul, Mann!“, brüllt der Typ noch mal. Wenn überhaupt, reagiert der Bedrohte diesmal mit einem matten Lächeln. „Wie siehste denn aus?!“ schickt der Schreihals noch hinterher, aber das ist schon ein Einlenken. Entfernt erinnert die Szene an die raue Zärtlichkeit der harten Trinker im Roman von Torsten Schulz.


    Pinguingruppe im Planschbecken: Im Winter soll mal jemand seine Zunge rangehalten haben. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Die Ecke der Obdachlosen, die Schulz „Obbis“ nennt, befindet sich beim Urinal – in weitestmöglicher Entfernung zum Spielplatz. Dieses Arrangement dürfte kein Zufall sein, vermutet Schulz. Beim Urinal steht auch ein Holzpavillon mit einem Cash Euronet-Geldautomaten und einer Art Hochbeet mit ein wenig Gestrüpp darin. „Hier wachsen Waldpflanzen“, wird außen dran behauptet. Die seien „cool“, außerdem wichtig für Wildbienen und in der „keltischen Mythologie“. Daneben ist zu lesen: „Rund zehn Menschen leben am Boxhagener Platz auf der Straße. Deine Spende ermöglicht ihnen, mit dem Karuni, einer digitalen Währung, selbständig in lokalen Geschäften einzukaufen.“

    Schulz lässt den Blick über die Läden am Platz schweifen und versucht sich zu erinnern, welche Geschäfte es hier in der DDR gab. „Jetzt ist ja unten alles besetzt. So war es natürlich bei weitem nicht“, sagt er, und überlegt. „Diese Fülle überdeckt jetzt meine Erinnerung.“ Irgendwo muss es hier damals Lebensmittel zu kaufen gegeben haben, aber er kann sich nur an die Kneipen am Platz erinnern: Heufelder, Marktklause, Feuermelder. Alles andere ist verblasst.

    Etwas Verruchtes tun: Dit is Berlin!

    Viele der neueren Läden genügen höheren Ansprüchen. Die „Top-Stylists aus Japan“ im Hair-Studio Iramasure zum Beispiel. Oder das Batho-Restaurant mit seinen Sushi-Menüs. „Since 1938“ steht im Logo. Und die Hereinkommenden werden, „inspiriert von herzlichen Erinnerungen“, „nicht nur als Gäste, sondern als Freunde“ begrüßt, natürlich auch in Englisch. Das scheint den Geschmack des Publikums zu treffen. Zu Fahrstuhlmusik mit Panflöten plaudern Mittdreißigerinnen über ihre Beziehungsunfähigkeit, ihren Ärger beim Arbeitsamt und ihre Perspektiven mit dem Laptop auf Bali.

    So kosmopolitisch vieles angelegt ist am Boxi – sie haben hier einen Flitz mit dem Historischen. Nichts soll wegkommen, der Platz soll im Zuge der Aufwertung seine Eigenheiten bewahren. Die Pinguine stehen seit 60 Jahren im Planschbecken. Keiner denkt daran, die „Obbis“ zu vertreiben. Den Feuermelder gibt es noch. Auch das besetzte Haus am Platz steht nicht vor der Räumung. Wenn Flohmarkt ist, schallt von dort etwa eine Clubversion von „Vamos a la playa“ über den Platz. Touristen nippen schüchtern grinsend an ihrem „Punsch für Palästina“. Sie tun etwas Verruchtes: Dit is Berlin!


    Der Schriftsteller Torsten Schulz am Boxhagener Platz: „Diese Fülle überdeckt jetzt meine Erinnerungen.“ Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Die Traditionsversessenheit wurde im eingangs erwähnten „Time Out“-Magazin ausdrücklich anerkannt. Friedrichshain sei kurz davor gewesen, zu einem Transitort gesichtsloser Hostels und stumpfer Massentouristen zu werden, hieß es da. Der verlorene Glanz kehre nun aber zurück, „mit einem erwachseneren Publikum und einer reiferen Farbpalette“. Man versteht das erst, wenn man vor Ort am Boxi war.

    So also landete das Ostberliner Viertel als einziges deutsches in jenem Ranking, auf Platz 18 zwischen Flatbush in New York und der East City von Kapstadt. Auch das Ausgehviertel am Tafelberg lebt von Historie. Es ist um das große „District Six Museum“ zur Lokalgeschichte herum entstanden. Beim Gang über den feuchtkalten Boxi taugt es zum Sehnsuchtsort, aber vor allem, weil in Südafrika gerade Sommer ist.

    Strauchrosen der Sorten „Aspirin“ und „Pink Emely“

    Am nächsten Tag kommt die Nachricht vom Grünflächenamt. Für die Pflege der üppigen Botanik am Boxi sind 80 Arbeitsstunden im Monat veranschlagt, heißt es. Es handle sich bei dem Platz um „ein Gartendenkmal auf Grundlage der Gestaltung von Erwin Barth aus dem Jahr 1929“. Der Klimawandel habe Anpassungen nötig gemacht. Und was die zartrosa Blüten betrifft – sie gehören zu Strauchrosen der Sorten „Aspirin“ und „Pink Emely“.

    Der Baumrest schließlich ist von jener „platzprägenden Linde“ übrig, die „noch aus der Zeit der Boxhagener Feldmark im 19. Jahrhundert stammte“. Anfang 2021 ist sie „aufgrund von Pilzbefall und Fäule leider umgestürzt, obwohl vorher intensive Maßnahmen zum Erhalt“ ergriffen worden seien. Die Wunde scheint nach vier Jahren noch frisch. Die Ämter für Naturschutz, Straßen und Grünflächen hätten entschieden, „zum Andenken an diesen Baum den Stamm als Lebensraum für die Fauna zu erhalten“. Und drumherum einen runden Zaun zu errichten – zur Verkehrssicherheit. Als rückwärtsgewandt soll das nicht gelten: „Der eingezäunte Baumrest fungiert nun als Habitatstruktur und gewinnt an artenschutzrechtlicher Bedeutung.“


    Der Baumrest auf der Grünfläche gewinnt an artenschutzrechtlicher Bedeutung. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Kann sein, dass die Leute, die am Boxi wohnen, alles auf einmal haben wollen. Sie freuen sich über stetige Wertsteigerungen ihres Wohneigentums, aber auch über die Hausbesetzer nebenan. Sie schätzen die Spitzenküche vor der Tür, das Krakeelen der Trinker gehört für sie dazu. In ihrer Großstadt soll überdies die Natur zu ihrem Recht kommen, bis hin zu Käfern und Maden in Baumstümpfen. Ein Leben in unauflösbaren Widersprüchen ist sehr zeitgemäß. Auch wenn einfache Leute daran irre werden.
    Unrettbare Klamottenberge und ein Himmel aus Beton

    Sollten mit diesem Nebeneinander Weltrettungsfantasien verbunden sein, sind sie recht fadenscheinig. Auf dem Flohmarkt kann man den Zyklen der Fast Fashion wohl mal ein persönliches Lieblingsteil entreißen. Nach Marktschluss türmen sich jeden Sonntag unrettbare Klamottenberge an den Straßenrändern. Die Vergeblichkeit alles Tuns wird vom Baumstumpf hübsch ins Bild gesetzt. Hinter dem Zaun wird er unweigerlich zersetzt von den Kleinstlebewesen, die er beherbergt.

    Das Gefühl, es dennoch versucht zu haben, die Welt ein wenig besser zu machen, wird für manchen am Boxi sicherlich ganz erbaulich sein. Und die Hoffnung stirbt ja auch unter diesem Himmel aus Waschbeton zuletzt.

    #Berlin #Friedrichsgain #Boxhagener_Platz
    #Tourusmus #Flohmarkt #Obdachlosigkeit #Gentrifizierung #Grünflächen

  • Wolfgang Zimmer: Nobel-Friseur in Berlin-Mitte gibt auf und erklärt schonungslos warum
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/wolfgang-zimmer-nobel-friseur-in-berlin-mitte-gibt-auf-und-erklaert

    Bei diesem Mann konntest du wochenlang zwölf Stunden am Tag malochen. Arbeitszeitgesetz? Für Looser. Jetzt macht er dicht. Ausbeutung von Menschen lohnt sich nicht mehr. Immobilien- und Finanzkapital sind die Bringer.

    Mittelständlers Beschreibung von ungeliebten Bewerbern gibt Auskunft zur Frage, wie man heute als Handwerker, als Arbeiter über die Runden kommt. Ein Mix aus mies bezahltem Job für die Krankenversicherung kombiniert mit Stütze und Schwarzarbeit sind nötig, um von einfachen Tätigkeiten leben zu können.

    Das Ergebnis von fünfzig Jahren Liberalismus, zunächst noch rheinisch dann mit Neo-Präfix ist niederschmetternd. Eine zerstörte Gesellschaft. Top oder Flop, kämpf dich nach oben oder geh unter bei dem Versuch. So sieht es aus für alle, die nicht mit dem berühmten goldenen Löffel im Mund geboren wurden.

    Das muss sich ändern, das müssen wir ändern, noch bevor das Menetekel VW die restlichen guten Jobs bei Industrie und Verwaltung trifft. Gelingt das nicht, wird das Kapital in Krieg und Faschismus flüchten. Es hat schon angefangen.

    14.12.2024 von Michael Maier - Die Kunden rennen ihm die Tür ein. Trotzdem schließt Wolfgang Zimmer seinen Friseur-Salon. Immer neue Hürden und Fehler der Politik machen das Arbeiten sinnlos.

    Wir treffen Wolfgang Zimmer in seinem hellen Friseursalon in einem Dachgeschoss in den Rosenhöfen. Die Räume haben noch das Flair der großen Aufbruchszeit in Berlin-Mitte. Alle wollten hier sein, es war eine Mischung aus Unfertigem und individuellen Visionen. Das ist heute alles vorbei, die Ernüchterung ist groß. Denn die verheerende politische und wirtschaftliche Entwicklung hat gerade die engagierten und erfolgreichen mittelständischen Unternehmen schwer getroffen. In einem Land, in dem der Bundeswirtschaftsminister nicht weiß, was eine Insolvenz ist, geben immer mehr Unternehmen auf.

    Wolfgang Zimmer ist einer der international anerkanntesten Friseure. Er hat prominente Namen in seiner Kundenkartei: Politiker, Schauspieler, Filmstars und Topmodels wie Sharon Stone, Eva Padberg, Claudia Schiffer und Linda Evangelista. Vor einigen Jahren gewann er den von L’Oreal gestifteten „Friseur-Oscar“. Neben seiner Arbeit für die Promis ist Zimmer immer mit beiden Füßen auf dem Boden geblieben: Über tausend ganz normale Kunden und Kundinnen bedient er, jede und jeden mit demselben Respekt, als kämen sie alle aus Hollywood. Doch nun ist Schluss. In ungewöhnlich klaren Worten analysiert Zimmer, warum er seinen Laden dichtmacht. „Eine Ära geht zu Ende“, sagt eine Kundin am Tresen. Im Hintergrund läuft Wellness-Musik. Es gibt Espresso und einen Kuchen, der nach Wehmut schmeckt.

    Herr Zimmer, wie lange sind Sie in Ihrem Gewerbe tätig?

    Ich bin seit 48 Jahren immer im Beruf, davon über 36 Jahre selbstständig. Viele Kunden sagen, jetzt geht eine Ära zu Ende. Aber das ist nicht ganz richtig. Ich gebe einen Teil meines Berufes ab. Ich werde kein Geschäft mehr haben, wo ich Kunden bediene. Es geht für mich im artistischen Bereich weiter, wo ich schon vorher gearbeitet habe. Ich arbeite für Fotoproduktionen, mache Haarkonzepte für die Fashion Week oder Filmproduktionen. Ich darf seit über 22 Jahren die Berlinale begleiten und bin für das Styling vieler ausländischer Gäste verantwortlich. Ich betreue einige Designer in Mailand und gebe Seminare für Friseure und habe an der Universität der Künste Kurse für Mode- und Trendentwicklung gegeben. Es wird mir also nicht langweilig.

    Sie haben hier in den Berliner Rosenhöfen bei den Hackeschen Höfen sehr erfolgreich gearbeitet. Mit welchen Erwartungen waren Sie nach Mitte gekommen, und wie stellt es sich heute dar?

    Ich bin vor 22 Jahren von der West-City nach Mitte gegangen, weil ich am Puls der Zeit sein wollte. Für mich war Mitte wie SoHo in New York. Ich habe es nie bereut, es war eine tolle Zeit! Viele Einzelkämpfer haben die Ärmel hochgekrempelt, es war nicht alles perfekt, aber jeder hat angepackt. Heute werden die Einzelkämpfer rausgedrängt. Wir sehen nur noch Ketten, wie überall.

    Warum geben Sie das Geschäft auf?

    Zuerst: Die Miete wird sich drastisch erhöhen. Mein Mietvertrag läuft Ende des Jahres aus. Man kann die geforderte Miete nicht mehr mit Haareschneiden erwirtschaften. Der Staat macht es uns Mittelständlern und Kleinhandwerkern nicht sehr einfach. Es werden uns immer weitere Kosten aufgedrückt, die wir nicht ohne weiteres an unsere Kunden weitergeben können. Wenn ich „nur“ Haare schneiden dürfte und mich darauf konzentrieren könnte, wäre die Welt in Ordnung. Aber wir werden heute über bürokratische Hürden gejagt und müssen uns an Datenschutzverordnungen, geänderten Gesetzgebungen, Feuerschutz, Gesundheitsschutzmaßnahmen, Berufsgenossenschaft, Innung, Handwerkskammer abarbeiten. Die ganzen Betriebskosten wie zum Beispiel Energiekosten oder Beiträge zu Krankenkassen sind gewaltig gestiegen.

    Durch den demografischen Wandel und die Lustlosigkeit vieler Menschen, sich nicht durch Arbeit und persönliches Engagement in die Gesellschaft einzubringen, steigt der Druck auf die noch arbeitende Bevölkerung immer weiter. Ich habe mich nie gefragt, was kann der Staat für mich tun, sondern hatte immer die Einstellung: Was kann ich für dieses Land tun? Diese Grundeinstellung scheint immer mehr verloren zu gehen. Der Mittelstand ist in der Defensive und kann das irgendwann nicht mehr tragen.

    Einzelkämpfer wie ich in Berlin-Mitte werden es immer schwerer haben. Ich bin jetzt in Berlin-Mitte, vorher war ich 15 Jahre im Westen, in einer Altbauetage. Ich bin sehr dankbar für die Zeit, ich habe immer meinen persönlichen und beruflichen Traum leben dürfen. Ich habe immer gemacht, was ich wollte. Ich jammere nie, packe Sachen an, sage mir oft: Jetzt erst recht! Heute habe ich mit meiner Lebenserfahrung den Entschluss gefasst, so nicht mehr weiterarbeiten zu wollen. Das hat keinen Sinn. Ich möchte allen meinen Kunden danke sagen, für die jahrelange Treue und für das mir und meinem Team entgegengebrachte Vertrauen.

    Ein großer Dank gilt meinen Mitarbeitern, die mir immer zur Seite gestanden haben. Der Weg hin zu der Entscheidung aufzuhören ist mir sehr schwergefallen. Aber jetzt fühle ich mich frei und wohl damit.

    Sie geben das Geschäft auf, weil die Kosten so gestiegen sind, dass Sie es trotz der massiven Nachfrage bei den Kunden nicht mehr wirtschaftlich führen können?

    Ja. Bisher waren die Rahmenbedingungen für mich in Ordnung. Jetzt steigt die Miete aber unverhältnismäßig hoch an. Im Gewerbebereich kann jeder Vermieter das nehmen, was er haben möchte. Kleine, mittelständische Geschäfte werden so aus den Zentren der Stadt verdrängt. Ich habe das Gefühl, dass es vielen Vermietern egal ist, ob Ladenflächen leer stehen oder nicht. Wenn die Läden dann leer stehen, wird es als Verlust abgeschrieben, es zahlt also der Steuerzahler. Dazu kommen alle anderen Kosten, die drastisch gestiegen sind: Lebensmittel, Energie, Handwerker.

    Wenn die Politik die Leute nicht mitnimmt und ihnen erklärt, wie es weitergeht, dann verlieren die Menschen das Vertrauen in den Staat. Es wird nicht erklärt, wofür Geld ausgegeben wird oder wofür auch nicht. Wir haben einen riesengroßen Vertrauensbruch. Arbeit muss sich wieder lohnen.

    Welche Erfahrungen haben Sie im Personalbereich?

    Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viele Bewerbungsgespräche geführt mit Leuten, die bei mir anfangen wollten. Es gibt Bewerber, die Power haben und arbeiten wollen. Aber es gibt auch Menschen, die sagen mir im Bewerbungsgespräch: „Herr Zimmer, eines muss ich Ihnen sagen: Im Monat bin ich zwei Tage im Durchschnitt krank.“ Ich frage dann, haben Sie eine chronische Krankheit, dann sagte mir der Bewerber: „Nein, das steht mir doch zu, ich zahle ja Krankenkassenbeiträge.“ Oder ein anderer sagte: „Ich möchte nur ein Jahr arbeiten, weil danach möchte ich mich gerne wieder ein halbes Jahr arbeitslos melden.“ Das wird einfach so gesagt!

    Wie oft haben Sie das erlebt?

    Das habe ich öfter erlebt. Bewerber sagen auch, dass ihnen die Öffnungszeiten nicht gefallen. Ein Friseur sagte zu mir: „Ich habe nur Lust, zwischen 11 und 17 Uhr zu arbeiten.“ Oder: „Ich will nur zwei, drei Tage arbeiten, den Rest mache ich schwarz und habe dann mehr Geld, als würde ich normal arbeiten.“ Die Hürde, das auch ganz offen zu sagen, ist heute sehr niedrig. Und es gibt auch viele, die den Staat ausnutzen. Es wird ihnen so leicht gemacht, dass sie sagen: „Es steht mir doch zu.“ Immer weniger Leute wollen Verantwortung für sich selbst tragen. Immer mehr Menschen wollen für weniger Arbeit mehr Geld bekommen. Das funktioniert nicht. Es gibt aber zum Glück noch viele, die nehmen die Herausforderungen an.

    Haben Sie diese Veränderung über Jahre beobachtet?

    Ja. Ich habe in den ersten 20 Jahren meiner Friseurlaufbahn mit vielen Mitarbeitern zusammenarbeiten dürfen, von denen keiner das Unternehmen verlassen hat. Die Gesellschaft hat sich sehr stark verändert. Es ist gut, dass die Menschen mehr Freizeit haben wollen – wenn es finanzierbar ist. Auch Freizeit kostet Geld. Es ist toll, wenn ein Staat solidarisch ist. Wir alle arbeiten gerne für Menschen mit, die geistig und körperlich beeinträchtigt sind oder in Not geraten. Aber ich habe keinen Bock, für Leute mitzuarbeiten, die unser Sozialsystem ausnutzen. Der Staat macht das schon. Wer ist der Staat? Wir alle sind der Staat.

    Sie haben viele Leute im Lauf der Jahre ausgebildet. Hat sich die Einstellung zum Arbeiten an sich, zum Beruf geändert?

    Ich würde es nicht verallgemeinern. Ich habe sehr viele Friseure ausbilden dürfen. Einige von ihnen zählen heute zu den besten der Stadt. Aber man kann sehen, wie es sich verändert hat: In früheren Jahren hatten wir sechs bis acht Berufsschulklassen jedes Semester. Heute sind es nur noch halb so viele. Die jungen Menschen haben zum Teil keine Lust mehr, eine Ausbildung anzufangen, wo sie acht Stunden oder mehr arbeiten müssen, vielleicht sogar samstags, wenn andere freihaben. Ich hatte das Glück, mit Menschen zu arbeiten, die zuverlässig sind und Spaß an ihrem Job haben und deshalb von anderen Kollegen gerne genommen wurden. Einige machen sich jetzt selbstständig. Keiner wird auf der Straße stehen.

    Auch über meinen großen Kundenstamm habe ich mir viele Gedanken gemacht. Ich habe meine ehemaligen Mitarbeiter, die heute selbstständig sind, angerufen. Alle haben gesagt, das finden wir toll. Aber einige haben gesagt, wir würden deine Kunden gerne übernehmen, aber wir haben nicht das Personal dazu. So ist es mir auch gegangen: Ich hätte auf einen Schlag fünf, sechs Friseure einstellen können. Aber man bekommt kein Personal. Viele meiner Kollegen sagen: Wir könnten viel mehr Kunden annehmen, aber es fehlen die Mitarbeiter. Und das sind Chefs, die rund um die Uhr arbeiten.

    War Corona ein Einschnitt?

    Der Staat hat geholfen. Dafür möchte ich danken. Das Problem: Mein Geschäft war einmal sechs Wochen, einmal sieben Wochen geschlossen. Wir wussten nicht, wann wir wieder öffnen können. Da war ein furchtbares Gefühl. Wir konnten dem Personal nicht sagen, wie es weitergeht. Ich habe den Mitarbeitern das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent aufgestockt. Die Ungewissheit, wie lange können wir finanziell durchhalten – das war das Schlimmste.

    Sie mussten auf Ihre Reserven zurückgreifen?

    Ja klar. Ich habe den Vermieter gefragt, ob er mir entgegenkommen kann. Er hat gesagt, er kann mir die Miete zwei oder drei Wochen stunden. Das hilft natürlich gar nicht. Ich glaube, in dieser Zeit hat ein Umdenken begonnen. Ich weiß es nicht, aber plötzlich haben die Leute gesagt, ich möchte mehr Zeit für mich haben. Das war auch in der Gastronomie so: Wo sind die Menschen, die vor Corona dort gearbeitet haben?

    Sie mussten Kredite aufnehmen?

    Die IBB hat uns geholfen, das war positiv. Wir haben einen zinslosen Kredit bekommen. Aber den mussten wir natürlich zurückzahlen. Das ist kein geschenktes Geld. Wir mussten hart arbeiten. Meine Mitarbeiter, die immer hinter mir gestanden haben, haben sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag gearbeitet – da sage ich: Hut ab! Viele Unternehmer konnten die Kredite nicht zurückzahlen.

    Sie sind ja eher ein 1968er, ein Linksliberaler. Als Selbstständiger haben Sie gelernt, dass das Geld irgendwo herkommen muss. Glauben zu viele Leute, dass das Geld auf den Bäumen wächst?

    Ich finde, es soll allen gutgehen – aber jemand, der viel tut, soll auch viel profitieren. Wir brauchen weniger Steuern und gute Rahmenbedingungen, um erfolgreich wirtschaften zu können. Der Staat ist außerdem ein schlechtes Vorbild. Er lebt zum großen Teil von Schulden. Wir leisten uns ein System, das nicht mehr tragbar ist.

    Sie haben einen super Laden, es gibt genug Kunden, die gerne für Ihre Arbeit zahlen – also eigentlich der wirtschaftliche Idealfall. Trotzdem machen Sie Schluss.

    Mir fehlt die Kraft, um mich auf die veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einzustellen. Ich habe das Glück, diese Entscheidung aus freien Stücken treffen zu können, und freue mich auf die neuen Herausforderungen.

    So spricht der von Ereignissen Getriebene. Ein Kleinbürgee versteht nicht, was die Stunde geschlagen hat. Er ist wie ein Frosch im Brunnen, der sich mit Wasser füllt. Er sieht nicht die Quelle und versteht nur, dass er bald keinen Dreckklumpen zum Ausruhen mehr haben wird. Seine Perspektive beschrânkt sich auf einen winzigen Ausschnitt des Himmels. Dafür kennt er alle Mitbewiohner des Schlamms, in dem er sitzt, nur zu genau.

    Wählt der Mann AfD? Vermutlich noch nicht, denn die ganz Rechten sind im hippen Fashion-Business noch nicht en vogue , zu konservativ, zu viel Provinz, zu unkultiviert. Aber was nicht ist, kann ja noch werden bei den Gottbegnadeten.

    #Berlin #Mitte #Rosenthaler_Straße #Gentrifizierung #Ausbeutung #Arbeit #Handwerk #Kapitalismus #Kleinbürgertum #Berlinale

  • Wer braucht schon die Bergmannstraße? So lebt sich’s im weniger coolen Kreuzberg
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/stil-individualitaet/muss-es-immer-kiezig-sein-so-wohnt-es-sich-in-kreuzbergs-weniger-be

    Weiter gehts mit der Gentrifiziererei. Jetzt wird das Areal des alten Blumengroßmarkt aufgewertet. IBA 1987 war noch menschlich und priduzierte viele Sozialwohnungen. Wer nicht durch brutale Mietsteigerungen aus denen verdrângt wurde, trägt heute noch zur berühmten Berliner Mischung bei, die das Leben hier so angenehm machte und mancherorts noch macht. Wo, das wird hier nicht verraten. Wäre ja schön blöd, den Gentrifizierern noch Tipps zu geben.

    Im Kreuzberger Lindenstraßen-Neubau ist jedenfalls nix mit sechsneunzig kalt.

    Und so freut sich das schwule Dinks-Pärchen im Artikel, dass es eine schöne Zentrallage verhältnismäßig preiswert heimsuchen darf. Das hochgelobte Kargheitsdesign ändert nicht an der Klassenlage. Vorgestellt wird hier die Bude von zwei typischen Parasiten aus der kapitalistischen Funktionselite.

    19.11.2022 von Manuel Almeida Vergara - Max Renner und Jonas Vach haben sich für eine tolle Traumwohnung – und damit gegen einen coolen Kiez entschieden. Ein Besuch im lebloseren Teil Kreuzbergs.

    Max Renner und Jonas Vach haben es geschafft. Sie haben eine schöne Wohnung gefunden. Mitten in Kreuzberg, über eine einschlägige Immobilien-Plattform, einfach so. Und trotzdem wird nicht sofort vor Neid erblassen, wer hört, wo die beiden heute leben.

    Denn Renner und Vach wohnen eben nicht beim Kotti, Schlesi oder Görli; nicht auf Bergmann, Gneisenau oder Mehringdamm. Ihre Wohnung liegt im Kreuzberger Niemandsland – im etwas seltsamen Viertel zwischen Mehringplatz, Jüdischem Museum und Checkpoint Charlie nämlich.

    „Lage ist alles“, wie eine klassische Makler-Weisheit behauptet? Maybe not: Renner und Vach haben sich zwar nicht gegen einen schönen Kiez, aber eben für eine schöne Wohnung entschieden. Und die liegt nun mal, wo sie eben liegt. „Das ist hier für Kreuzberger Verhältnisse schon ein bisschen eine None-Lage“, sagt Max Renner, während er mit seinem Freund am großen, gläsernen Esstisch sitzt. „Ich habe vorher am Zionskirchplatz gewohnt, Jonas in der Lenaustraße in Neukölln, wir haben diese Kiezkultur sehr genossen.“

    Cafés, Bars, Spätis, alles direkt vor der Tür, immer Action, immer was los – dass es so in ihrer neuen Nachbarschaft nicht werden würde, war ihnen schon vor dem Umzug klar. Aber die Wohnung? Sie hat die beiden gleich überzeugt. Im oberen Bereich der rund 130 Quadratmeter großen Maisonette reihen sich ein kleines Fernsehzimmer, das Gästebad, ein großer offener Wohn-Ess-Bereich und Vachs Arbeitszimmer, das zugleich als Gästezimmer dient, zu einem luftigen Schlauch aneinander, zu beiden Seiten hin mit einer großen Fensterfront versehen. Im unteren Bereich der Wohnung – über ein schmales privates Treppenhaus zu erreichen – liegen Bade- und Schlafzimmer.

    Um den Corbusier-Tisch sammeln sich Aulenti-Stühle; in Vitra-Wandfächern liegt alles Wichtige beieinander .

    Der gegossene Boden und die raue Betondecke sind grau, alle Wände weiß gehalten. Das passt gut zum Stil des Paares, der sich reduziert, klar und sachlich zeigt, von witz- und geistreichen Akzenten durchbrochen. An den langgezogenen Wänden im Wohnbereich zum Beispiel hängt typografische Kunst von Esra Gülmen und Pepo Moreno; auf Satztischen von Gianfranco Frattini steht Ettore Sottsass‘ „Shiva“-Vase in Form eines rosafarbenen Phallus, ein wenig weiter vorn im Raum die mit Buchstaben verzierte, ulkig geformte Glasvase, die der Künstler Stefan Marx für Ikea entworfen hat.

    Neben der Kunst sind Schnittblumen die einzigen dekorativen Elemente, die wir wirklich immer in unseren Räumen haben .
    Jonas Vach

    „Neben der Kunst sind Schnittblumen die einzigen dekorativen Elemente, die wir wirklich immer in unseren Räumen haben. Also besitzen wir auch einige Vasen – eben weil sie einen Zweck erfüllen“, sagt Jonas Vach, der beruflich Lobby- und Politikkontaktarbeit für ein großes deutsches Unternehmen betreibt. „Ansonsten haben wir keine Dinge herumstehen, die einfach nur da sind, um da zu sein.“

    Da passt es gut, dass die beiden, nach ihren Lieblingsstücken befragt, recht praxisorientiert antworten. „Die Essstühle“, sagt Vach, ohne lang zu überlegen. Die „Orsay“ genannten Entwürfe der italienischen Architektin und Designerin Gae Aulenti haben die beiden auf Ebay-Kleinanzeigen gefunden, in einer Autolackiererei in Wusterhausen ließen sie die braun-orangefarbenen Stühle in schwarz und pastellgelb umlackieren. „Wir wollten hier in der Wohnung etwas wirklich Eigenes verwirklichen, mit Möbeln arbeiten, die man nicht so oft sieht“, sagt Vach. „Insofern waren wir gleich begeistert von den Aulenti-Stühlen, die nicht so bekannt sind.“

    Max Renner, einer der Chefs der Berliner PR- und Marketing-Agentur Bold, gefällt der große Esstisch von Le Corbusier für Cassina besonders gut. Auch diesen Design-Klassiker entdeckte das Paar auf der Kleinanzeigen-Plattform. „Den Tisch haben meine Großeltern auch, und ich habe ihn schon immer geliebt“, sagt er. Das Exemplar, das nun in seiner Kreuzberger Wohnung steht, ist noch mit der originalen Glasplatte ausgestattet. „Die hat zwar einen Sprung, aber der gehört irgendwie dazu, das finden wir eigentlich ganz spannend.“

    Bei den beiden Design-Enthusiasten außerdem beliebt: der lederne Launch-Chair, der ebenso von Gae Aulenti entworfen wurde; das erste gemeinsame Stück, das sich das Paar zusammen angeschafft hat. Nur wenig Anklang findet indes die Küchenzeile, mit hellem Holz verkleidet, die eben schon vor ihrem Einzug in der Wohnung stand. „Die ist uns eigentlich ein bisschen zu warm und heimelig“, sagt Vach. Wer an Herd oder Spüle steht, hat allerdings einen äußerst interessanten Blick: in einen schmalen, begrünten Lichtschacht – und in die nächste Wohnung.

    Wir haben in den eineinhalb Jahren, in denen wir jetzt hier leben, gemerkt, dass es auch hier in der Gegend einiges gibt .
    Max Renner

    Denn jede Einheit in dem großen Haus gegenüber des Jüdischen Museums ist mit zahlreichen Fenstern versehen. Nach außen, natürlich, aber eben auch nach innen, hin zu den innenhofartigen Schächten. Die Nähe, die dadurch zu den Nachbarinnen und Nachbarn entsteht – manchmal nickt man sich über den Schacht hinweg freundlich zu, wie Renner und Vach erzählen –, passt durchaus zum Konzept des Gebäudekomplexes.

    Das mit Architekturpreisen geadelte „Integrative Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt“ des Berliner Büros Heide und von Beckerath basiert auf dem Gedanken, dass sich auch in einer durch Anonymität geprägten Großstadt eine gute, heimelige Hausgemeinschaft bilden lässt.

    Einige der Wohnungen im Haus sind auf Menschen ausgerichtet, die mit Behinderungen leben; viele von ihnen organisieren sich in speziellen Hausgruppen. Es gibt Gemeinschaftsräume und einen Dachgarten, der von den Bewohnerinnen und Bewohnern bepflanzt wird; auch die als „Rues intérieures“, als „innenliegende Straßen“ konzipierten Hausflure laden mit ihren begrünten Lichtschächten und Sitzflächen zum Verweilen und zum Austausch ein. Insofern kommt dann selbst in diesem Viertel doch ein bisschen Kiezfeeling auf – in Renners und Vachs Wohnhaus nämlich.

    „Außerdem haben wir in den eineinhalb Jahren, in denen wir jetzt hier leben, gemerkt, dass es auch hier in der Gegend einiges gibt“, sagt Renner; mit dem minimalistisch gehaltenen Akkurat-Café um die eine und der Berlinischen Galerie um die andere Ecke, mit weiteren Kulturstätten und netten Restaurants in der Nähe habe auch der unbeliebtere Teil von Kreuzberg ein paar Höhepunkte zu bieten. „Und weil wir ziemlich mittig in der Stadt liegen, sind wir mit dem Rad genauso schnell in Neukölln wie in der Torstraße, können zum Kanal oder zur Kantstraße radeln.“

    Das nämlich ist der bestechende Vorteil einer Wohngegend, die sich nicht allzu kiezig gibt: Man muss, man will sie immer mal verlassen. Und während die anderen unentwegt ihren Bergmannkiez rauf- und runterspazieren oder das Dreieck zwischen Adalbert-, Mariannen- und Oranienstraße bloß alle Jubeljahre mal verlassen, lernen Max Renner und Jonas Vach die Stadt in ihrer ganzen Größe kennen. Beneidenswert.

    #Berlin #Gentrifizierung #Kreuznerg #Lindenstraße

  • Abschied von Kreuzbergs idyllischem Bergmannkiez: „Die Straße ist nur noch Spekulationsmasse“
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/abschied-von-kreuzberg-idyllischem-bergmannkiez-die-strasse-ist-nur


    Gekündigt: Stefan Neitzel vor dem Pralinenladen, in dem einst sein Fahrradladen warJordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    Die Gentrifizierung frisst ihre Kinder. Der „Bergmannkiez“, wie der Neuberlimer Newspeak so sagt, war schon immer für Normalsterbliche unzugänglich, zumindest seit der Weiße Kreis die Mietpreisbimdumg abgelöst hat. Den Begriff kennse nicht? Wikipedia auch nicht? Sehnse, so lamge ist das her.

    Wer sich die schicken Dachgeschoßwohnumgen leisten konnte, war hier gefühlt „seit immer“ willkommen, Geldsack auf Beinen. Für alle anderen gabs nur Seitenflügel, Hinterhaus, niderige Decken, muffige Bausubstanz, Ofenheizung, und auch das nur mit viel Glück und Beziehungen.

    Jetzt fällts auch euch das auf. Gewinnerseite war mal. „That’s capitalism“, fandet ihr doch gut. Jetzt kommen die mit richtig Kapital. „Get used to it.“ Ihr habt garantiert jahrelang genau die falsche Partei gewählt. Passt zu euch. Schaut mal auf die aktuellen Ergebnisse.Capisce, die fetten Jahre sind vorbei, jetzt auch für euch.

    Wenn jetzt also Yuppies und Dinks über den „Kiez“ rummosern, dann klagen die immer noch auf alpinem Niveau. Dumm jelaufen, war aber absehbar. Notting Hill, schon mal gehört?

    Enttäuscht von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft? Normal, in Spandau benehmen die sich auch nicht besser, aber in den Hochhaussiedlungen trifft das Massen von normalen Leuten. Mit denen wird noch übler umgesprungen.

    9.10.2024 von Hans Korfmann - Wo einst Platz für alternative Geschäftsideen war, ist heute vor allem Platz für finanzstarke Unternehmen. Wie ist das passiert? Eine Spurensuche in Kreuzberg.

    Die Bergmannstraße ist keine groß angelegte Prachtallee, sondern ein Sträßchen, das nur zufällig bekannt wurde. Es gab sie schon, als die Stadtplaner Lenné und Hobrecht Anfang des 19. Jahrhunderts ihre papiernen Pläne über das Ackerland im Süden der Stadt stülpten und es mit Rechtecken aus kleinen Straßen und langen Geraden breiter Alleen versahen. Wenig später flankierten Geschäfte, Werkstätten, Gartenlokale und ein Kino die Pflasterstraße. Aber schon ein Jahrhundert später verfiel Berlins Gründerzeitarchitektur zu Ruinen. Die Stadt wurde zum Mahnmal, das auch 30 Jahre nach Kriegsende noch voller Brachen und durch eine Mauer geteilt war.

    Dennoch tauchten in den Siebzigern erste Touristen in der Bergmannstraße auf. Sie kamen der Trödler wegen, die sich, angezogen durch günstige Mieten im Schatten des antiimperialistischen Schutzwalls, angesiedelt hatten, gemeinsam mit einem bunten Volk aus Wehrdienstverweigern, Hippies und Künstlern aller Art. Die richteten in den noch leer stehenden Erdgeschossen Geschäfte, Werkstätten und Kneipen ein. Die Bergmannstraße wurde zur Schaubühne alternativer Lebensentwürfe.

    1989 zerbröselte auch der Schutzwall, Immobilienhändler kamen, sahen und siegten. Bis heute wirbt die Branche mit dem „idyllischen Bergmannkiez“, obwohl von der Idylle nicht viel übrig ist. Wo einst Platz für alternative Geschäftsideen war, ist heute nur noch Platz für finanzstarke Unternehmen. „Ein derart hochgezüchteter Immobilienmarkt lässt keinen Raum mehr für Werkstätten“, sagt Sascha Fricke, einer der letzten, der vorne ein Schaufenster und hinten noch eine Werkstatt in der Straße besitzt.

    Die abenteuerlichen Gründerjahre Kreuzbergs, als zwischen den Trödlern der erste Indienladen eröffnete, sind vorbei. Den Laden aber gibt es heute noch, ebenso wie Bagage, das Rucksackgeschäft, das Dietmar Kirchhoff, Islamistikstudent, Taxifahrer und Flohmarkthändler, in den Achtzigern eröffnete. „Da ahnte noch niemand, dass eines Tages sogar Manager und Politiker mit Buckeln auf dem Rücken herumlaufen würden.“ Oder Ararat, der Kunstverlag, der einzog, als die Fenster noch mit Sperrholz verbarrikadiert waren. „Nicht mal eine Toilette gab es“, erinnert sich Margot Jankowski, die 1984 den ersten Postkartenständer auf die Bergmannstraße stellte. „Heute hat jeder Klamottenladen einen Kartenständer vor der Tür.“ Und Sascha Fricke vom Rahmengeschäft Weilensee sagt: „Früher eröffneten Leute einen Laden, weil sie eine Idee hatten. Heute, weil sie Geld haben.“

    Eine Idee hatte 2014 auch der Senat. Er beschloss, ausgerechnet eine der beliebtesten Straßen der Stadt in eine „Begegnungszone“ umzuwandeln. Neben einer Fahrradtrasse sollten Sitzbänke und Blumenkästen den Autoverkehr blockieren. Die Anwohner protestierten. Jochen Ziegenhals vom Café Atlantic brachte es auf den Punkt: „Wir Gewerbetreibende haben die Straße doch erst zu dem gemacht, was sie heute ist. Und jetzt wollt ihr Politiker euch die auf eure Fahnen heften. Lasst die Straße, wie sie ist! Und wenn ihr den Verkehr beruhigen wollt, dann stellt zwei Polizisten auf. Wenn Ali dann mit seinem Ferrari ein paarmal 150 Euro bezahlt hat, wird er sich eine andere Strecke suchen!“

    Die Proteste halfen nichts. Heute rast nicht mehr Ali mit dem Ferrari, heute rasen Radfahrer über die Gerade. So viele Unfälle wie jetzt gab es noch nie. Friedvolle Begegnungen dagegen sind jetzt seltener in der Begegnungszone. Zuletzt lockte die Browse Gallery mit einer Ausstellung berühmter Plattencover in einem leer stehenden Erdgeschoss 2020 noch einmal 20.000 Besucher in die Straße. Auch für das dreitägige Bergmannstraßenfest, das Olaf Dähmlow vom Yorckschlösschen seit den Neunzigern veranstaltete, ist nun kein Platz mehr. Ebenso wenig für das Spaghettiessen, das Jung und Alt alljährlich an einer langen Tafel versammelte. So verliert die Straße ihren Ruf. „Die Bergmannstraße“, sagt Sascha Fricke, „ist nur noch Spekulationsmasse. Da haben auch gut funktionierende Geschäftsmodelle keine Chance mehr.“


    Ein wenig Idylle gibt es schon noch in der Bergmannstraße.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Einer der größten Immobilienbesitzer vor Ort ist die Gewobag, eines der landeseigenen Wohnungsunternehmen. Sie hat gleich mehrere Häuser nebeneinander gekauft und entscheidet, wer bleibt und wer geht. Zweck der 1919 gegründeten Gemeinnützigen Wohnungsbau-AG Groß-Berlin war „die Beschaffung gesunder Wohnungen zu angemessenen Preisen für minderbemittelte Familien und Einzelpersonen“. Auch noch im Jahr 2024 beteuert die Immobilienfirma: „Wir nehmen unseren sozialen Auftrag ernst.“ Und etwas weiter unten im Jahresbericht: „Lebenswerte Wohnungen und Wohngebiete, sozialverträgliche Quartiersentwicklung – dafür steht die Gewobag mit ihrer DNA.“

    Tatsächlich hatte das Senatsunternehmen nach der Wende nicht nur die Immobilien, sondern auch die Bevölkerung im Auge. Mitarbeiter der Gewobag wohnten in der Nachbarschaft, Kulturschaffende wurden bevorzugt, ein Buchantiquariat konnte sich niederlassen, heute eines der Highlights der Straße. Der Siegeszug der Gastronomie aber war nicht aufzuhalten, die halbe Bergmannstraße besteht aus Restaurants. „Ich esse auch gern indisch“, sagt Sascha Fricke. „Aber das ist kein Zufall, dass hier nur noch Asia-Restaurants und Caféhausketten eröffnen. Nur da ist die Gewinnmarge noch groß genug, um mit den Mieten mitzuhalten. Da müsste die Politik die Kleinunternehmer in Schutz nehmen.“

    Der Berliner Senat sitzt bereits im Aufsichtsrat der Gewobag. Und er tut, so sehen es etliche Anwohner zumindest, zu wenig gegen die Verwahrlosung der Straße. Als die Gewobag 2014 ihr gläsernes Headquarter am Spreebogen bezog, verschwanden die Ansprechpartner aus dem Viertel, der freundliche Umgangston wich moderner Investorensprache. Immer häufiger stand unter den Briefen der Firma: „Dieses Schreiben enthält vertrauliche und rechtlich geschützte Informationen. Das unerlaubte Kopieren sowie die unbefugte Weitergabe dieser E-Mail sind nicht gestattet.“

    Einer, der den neuen Ton des Immobilienhändlers zuerst zu hören bekam, war Stefan Neitzel. Der Politologe war passionierter Radfahrer, fuhr mit dem Rad bis nach Spanien, träumte von Fahrradstationen auf Bahnhöfen, veranstaltete die ersten Berliner Sightseeingtouren per Rad und eröffnete in der Bergmannstraße einen Fahrradladen. Nach 20 Jahren kündigte die Gewobag der Fahrradstation wegen eines Zahlungsdefizits von 160 Euro. „Die 20 Jahre waren rum. Das ist System bei denen. Es gibt kaum Gewerbemieter bei der Gewobag, die länger als 20 Jahre bleiben“, behauptet Neitzel. Die zwei oder drei Läden, die länger in der Straße seien, würden fast schon so viel zahlen wie die Restaurantbesitzer auf der Sonnenseite.


    Keine groß angelegte Prachtallee, sondern ein Sträßchen, das nur zufällig bekannt wurde – die Bergmannstraße Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Neitzel schrieb, telefonierte, suchte vergeblich das persönliche Gespräch, zog vor Gericht – und verlor. Heute steht da, wo einst ein Mechaniker mit schwarzen Fingern Räder reparierte, eine Schokoladenverkäuferin mit lackierten Fingernägeln. Viel Kundschaft hat der feine Laden nicht. Früher standen die Leute hier Schlange. „Da darf man schon einmal die Frage stellen: Wie soll das weitergehen mit der Bergmannstraße?“, sagt Neitzel und grinst.

    Stefan Neitzel war nicht der Letzte, der aufgab. Auch Gunhild Propawka, die aus einem Italienurlaub mit einem Kofferraum voller Schuhe zurückkam und mit ihrem Schuhgeschäft zu einem der Lieblinge in der Straße wurde, ist gegangen. „Ich hatte gerade einen neuen Vertrag unterschrieben, da kam Corona.“ Da Immobilienbesitzer aufgefordert waren, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und Gewerbemietern entgegenzukommen, bat sie um neue Konditionen, doch eine Antwort blieb aus. Also schrieb sie: „Auch nach mehreren Versuchen ist keiner Ihrer Mitarbeitenden bereit, mit mir ein Gespräch über eine gütliche, für alle Seiten sinnvolle Lösung zu führen. Es sollte doch möglich sein, auch unter Berücksichtigung Ihrer wirtschaftlichen Interessen, eine Einigung zu finden.“ Die Gewobag schrieb, man läge mit einem Angebot von 30 Euro noch unter der Marktmiete und unterbreitete der Ladenbesitzerin die Möglichkeit, sie für „sechs Netto-Kalt-Mieten vorzeitig aus dem Vertrag zu entlassen“.

    Der jüngste Leidtragende ist Sascha Fricke vom Bilderrahmengeschäft Weilensee, einem der letzten Relikte des einstigen Künstlerviertels. Er ist so etwas wie der Nachfolger von Schlumms Leistenladen, in dem sich die Künstlerboheme um Kurt Mühlenhaupt in den Sechzigern die Bilder rahmen ließ und in Ermangelung des Kleingeldes noch mit Originalen bezahlte.

    Achtzig Prozent des Umsatzes erwirtschaftete Weilensee mit maßgeschneiderten Bilderrahmen. Das Geschäft lief gut, nur die Gewobag machte ihm Sorgen. Eine Mietminderung in Coronazeiten wurde abgelehnt, und als ein Jahr später Wasser durch die Decke tropfte und er Kontakt zur Verwaltung aufzunehmen versuchte, erhielt er keine Antwort. Er fuhr ins Hauptquartier am Spreebogen, wurde aber schon im Foyer abgewiesen: Man dürfe keinen Ansprechpartner vermitteln.

    Als Tage später ein Klempner in der Bergmannstraße erschien, „stand die Scheiße im Schacht schon einen halben Meter hoch, es wimmelte von Maden“. Vier Monate lang war ein Teil der Räume nicht mehr nutzbar, doch eine Reduzierung der Miete gewährte die Gewobag nicht.

    Ohne viel Hoffnung auf eine Antwort schrieb Fricke letztmals im Juli 2024 wegen des nun auslaufenden Mietvertrages, dass er sich eine weitere Mieterhöhung nicht leisten könne. Wieder blieb eine Antwort aus. Auf ihrer Website schreibt die Gewobag in ihrem Jahresbericht: „Das Feedback zu unserer Erreichbarkeit nehmen wir uns zu Herzen und haben Anfang 2024 die Telefonzeiten unseres Service-Centers angepasst.“

    Einen Umsatz von 600 Millionen Euro konnte die Gewobag im vergangenen Jahr verbuchen. Die Firma nennt 74.000 Wohnungen ihr Eigen und möchte bis 2026 noch einmal 12.000 neue Wohnungen bauen oder kaufen. Bleibt da für Kundengespräche, Reparaturen oder sozialverträgliche Mieten kein Geld mehr und keine Zeit?


    Anziehungspunkt: die Trödelmarkthändler am Marheinekeplatz Ina Schoenenburg/Ostkreuz

    Ende Juli klebte Sascha Fricke ein DIN-A4-Blatt in die Tür des Rahmengeschäftes: „Wir schließen. Leider läuft unser Mietvertrag in naher Zukunft aus. Einen teureren Anschlussvertrag können wir uns nicht mehr leisten. Die Staffelmiete ist uns schon jetzt zu viel. Wir machen Platz für bessere Renditen.“

    So klein der Zettel in der Tür war: Die Linkspartei wurde aufmerksam und fragte bei der Gewobag nach. Mitte August kramte die Immobilienfirma im Textbausteinkasten und schrieb, sie bemühe sich „im Rahmen der Vertragspflege um eine langfristige Etablierung und Bindung der Gewerbetreibenden“. Der Erhalt der Infrastruktur sei ein „wichtiger Bestandteil der Quartiersentwicklung“.

    Als Mitte September auch die Berliner Zeitung anfragte, räumte die Gewobag ein, dass Sascha Fricke tatsächlich „keine Rückmeldung zu dem benannten Wasserschaden erhalten hat. Das bedauern wir sehr. Über den entsprechenden Zeitraum des Mangels haben wir Herrn Fricke rückwirkend eine entsprechende Mietminderung gewährt.“

    Die Gewobag schrieb dies am Vormittag des 13. September. Sascha Fricke wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von einer Mietminderung. Auch nichts davon, dass man mit dem „Gewerbemieter im Austausch“ sei. Die Gewobag, hieß es in besagtem Schreiben weiter, lege Wert auf„ein ausgewogenes und bedarfsorientiertes Gewerbeflächen-Angebot. Wir wägen bei den zu vermietenden Gewerbeflächen grundsätzlich sorgfältig ab. Das gilt auch für den Bergmannkiez und für das Geschäft von Herrn Fricke, das wir gern vor Ort gehalten hätten.“

    All das erfuhr Herr Fricke erst am Nachmittag des 13. September. Am 14. hielt er die fristlose Kündigung in der Hand.

    #Berlin #Kreuzberg #SW61 #Bergmannstraße #Immobilien #Gentrifizierung #GEWOBAG

  • Schimmel, Ratten, gefangen im Kredit: Bauträger in Berlin treibt Wohnungskäufer in Verzweiflung
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/schimmel-ratten-gefangen-im-kredit-bautraeger-in-berlin-treibt-wohn


    Lisa Hohneck schaute fünf Jahre lang durch ihr Fenster auf ein Baugerüst. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    20.5.2024 von Niklas Liebetrau - Immobilienkäufer in Berlin stehen vor dem Ruin, weil sie einer Firma vertrauten, die Häuser nicht fertigstellt: Hedera Bauwert. Deren Chef ist in der Stadt kein Unbekannter.

    Manchmal, wenn ihr alles zu viel wird, stellt sich Lisa Hohneck vor, wie sich plötzlich ein Riss im Boden auftut und ihr Haus darin untergeht. Ihre Wohnung in Berlin-Friedrichshain, die sie sich vor sechs Jahren kaufte, würde dann verschwinden. Und mit ihr all der Ärger: die Feuchtigkeit, die durch die Schlafzimmerwände kriecht, die Obdachlosen, die in den Hausfluren und Kellerräumen hausen. All das wäre weg, und für einen Moment denkt sie, dann hätte sie endlich Ruhe.

    Dann fällt ihr ein, dass zwar die Wohnung weg wäre – nicht aber der Kredit. „Finanziell wäre das mein Ruin“, sagt sie.

    Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Lisa Hohneck, eine 33-jährige IT-Projektmanagerin aus der Nähe von Trier, hatte sich gleich nach dem Master und frisch im ersten Job entschieden, eine Eigentumswohnung in Berlin zu kaufen. Ihr bester Freund hatte ihr dazu geraten, auch er wollte in der Stadt, in der sie jetzt lebten, etwas erwerben. Besser einen Kredit abbezahlen, sagte er, als sein Leben lang zur Miete wohnen.

    Kurz darauf, im November 2017, entdeckten sie das Haus in der Weserstraße. Die Wohnung, für die sich Hohneck interessierte, lag im Hinterhof: 65 Quadratmeter im Erdgeschoss, drei Zimmer, Küche, Bad, 200.000 Euro. Ein Schnäppchen, auch damals schon. Die Maklerin sagte: „Mein Tipp, warten Sie nicht zu lange.“ Es gebe andere Interessenten, täglich Anfragen. Sie illustrierte, wie es in dem gelben Altbauhaus bald aussehen werde: gläserne Aufzüge, stählerne Balkone, ein begrünter Innenhof, eine neue Fassade.

    Mitte Dezember 2017 sagte Hohneck zu. Ihr bester Freund entschied sich für eine Wohnung im Vorderhaus. „Bis zum Kauf“, sagt Hohneck, „lief alles hervorragend.“


    Dort, wo in der Cranachstraße Anfang des Jahres ein Haus fertig sein sollte, sammelt sich Schrott.Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Lisa Hohneck (r.) mit ihrer Schwester vor ihrer Eigentumswohnung. Seit fast sechs Jahren warten sie auf Fertigstellung. Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Auf der Baustelle vor dem Haus in der Weserstraße sammelt sich Sperrmüll. Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Beschmiertes Fenster in der Weserstraße.Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Artem Rudenko vor einem offenen Spalt in seinem Treppenhaus in der Havelberger Straße. Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Im Hausflur in der Havelberger Straße machen sich immer wieder Obdachlose breit, sagt Artem Rudenko. Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Bauträger des Hauses in der Havelberger Straße: Hedera Bauwert. Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Seit August 2021 steht ein Halteverbotsschild auf der Baustelle vor der Havelberger Straße. Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Eine von mehreren Hausleichen in Berlin, das leerstehende Wohnobjekt in der Sickingenstraße sollte im vergangenen Sommer fertig sein. Markus Wächter/Berliner Zeitung


    Anspruch und Wirklichkeit gehen weit auseinander in der Sickingenstraße in Moabit.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Ein Unternehmer, der in Berlin kein Unbekannter ist

    Der Geschäftsführer des Bauträgers lud sie sogar zum Kennenlernen ein: Ioannis Moraitis, ein Unternehmer aus Hessen, der in Berlin seit einigen Jahren Altbauten kaufte, sanierte und in Eigentumswohnungen aufteilte. Hohneck erinnert sich an einen „typischen Geschäftsmann“. Selbstbewusst habe er gewirkt, davon überzeugt, erstklassige Bauprojekte zu realisieren. Sein modernes Büro in einem „wunderschön sanierten Altbau“ in der Nähe des Savignyplatzes machte Eindruck auf sie.

    Ioannis Moraitis ist in Berliner Immobilienkreisen kein Unbekannter. 2015 geriet er in die Schlagzeilen, weil er der Familie Caliskan in der Kreuzberger Wrangelstraße kündigen wollte, die im Erdgeschoss seit 28 Jahren den Gemüseladen „Bizim Bakkal“ führte. Auf die Kündigung folgten wochenlange Anwohnerproteste. Zeitungen, Radio- und Fernsehsender aus der ganzen Welt berichteten. Das Stadtmagazin Zitty zählte Moraitis zu den „bissigsten Haien im Becken“ der Berliner Immobilienbranche.

    Moraitis’ Unternehmen heißt Hedera Bauwert. Am goldenen Briefkasten der Hedera lässt sich ablesen, welch großes Firmengeflecht sie umgibt: Mehr als 80 GmbHs. Für Lisa Hohnecks Haus in der Weserstraße ist die hb 16. Wohnimmobilien GmbH verantwortlich. Doch auch Gewerbeflächen gehören zur Hedera. Ihr „Herkules Portfolio“ umfasst Büros und Einzelhandelsflächen in Dresden, Berlin, Rostock, Halle, Radebeul und Bernau, insgesamt über 100.000 Quadratmeter. Auf einer seiner Websites bezeichnet Moraitis sich als „Visionär und Geschäftsführer“. Auf der Seite der Hedera heißt es: „Zusammen zu bauen, heißt einander zu vertrauen.“

    Doch kann man auf Moraitis’ Unternehmen vertrauen? Die Berliner Zeitung hat Wohnungskäufer, Handwerker und Ingenieure gesprochen, die ihm vorwerfen, nicht nach den gängigen Regeln zu spielen, Rechnungen schuldig zu bleiben, vereinbarte Termine zu überziehen. Und sich möglicherweise sogar außerhalb des Rechts zu bewegen. Nach Informationen der Berliner Zeitung ermittelt das LKA Berlin gegen Moraitis: wegen des Verdachts auf Betrug.


    Lisa Hohneck macht sich Sorgen, dass das Haus, in dem sie ihre Wohnung kaufte, weiter Schaden nimmt.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Ausgefallene Heizung, aufgebrochene Türen, Feuchtigkeit in den Wänden

    Lisa Hohneck wusste all das nicht, als sie Moraitis traf. Sie wunderte sich zwar über den günstigen Preis der Wohnung, aber das Treffen mit ihm, sein schickes Büro, vertrieben ihre Zweifel. Außerdem arbeitete die Maklerin, die ihr die Wohnung gezeigt hatte, für Ziegert, eine renommierte Firma in Berlin. Ziegert betone stets, man arbeite nur mit geprüften Bauträgern zusammen, sagte die Maklerin. Und im Ziegert-Portfolio befanden sich mehrere Wohnhäuser von Hedera.

    Als Einzugstermin vereinbarten Hohneck und der Bauträger den 31. August 2018. Im Frühjahr wolle man noch die „staubintensivsten Sanierungsarbeiten“ am Haus in der Weserstraße erledigen, neue Fenster einsetzen, die Arbeiten in den Wohnungen abschließen, sagte man ihr. Dann werde auch die erste Rate abgerufen, etwa 30 Prozent des Kaufpreises.

    Doch es tat sich nichts. Es wurde nicht gebaut, nichts wurde abgerufen. Nicht im März, als Hohneck begann, immer wieder beim Haus vorbeizugehen. Nicht im Juli, einen Monat vor dem Übergabetermin. Ihr WG-Zimmer in Lichtenberg hatte sie da bereits gekündigt. Sie kontaktierte Hedera. Und merkte: „Die Kommunikation lief nicht.“ Sie erreichte selten jemanden, und wenn doch, wurde sie vertröstet. Der vereinbarte Einzugstermin verstrich.

    Bis heute ziehe sich diese Nichtkommunikation durch. Egal, ob die Heizung ausgefallen sei, ob Wasser entlang der Fassade laufe, weil keine richtigen Fallrohre installiert wurden, egal ob Feuchtigkeit in ihre Wohnung dringe, jemand die Haustür aufbreche oder die Müllabfuhr nicht komme, selten melde sich jemand zurück. Inzwischen, glaubt Hohneck, ist ihr Haus zum Geheimtipp für Obdachlose geworden. Weil man leicht einsteigen könne und die meisten Wohnungen auch heute noch leer stünden. Vor kurzem habe die Feuerwehr kommen müssen, sagt sie. Jemand hatte sich in einem Raum im Keller mit Matratzen eingerichtet und einen Standgrill angefeuert, um zu heizen.

    Ende Oktober 2018, die Arbeiten hatten immer noch nicht begonnen, bekam sie einen Schlüssel für ihre Wohnung. Über Monate hatte sie gedrängt, jeden zweiten Tag angerufen. Anders als ihr bester Freund hatte sie ihre Wohnung im Istzustand gekauft, ihm sollte sie renoviert übergeben werden. Der Freund wartet bis heute darauf.

    Hohe Zinsen dafür, das Geld nicht ausgeben zu können

    2019 wurde das Gebäude eingerüstet. „Das war der Hoffnungsschimmer“, sagt Honeck. Hedera rief die erste Rate ab. Doch abgesehen vom Gerüst passierte wieder lange wenig. In all der Zeit musste Hohneck Sonderzinsen an ihre Bank zahlen, weil der Kredit, den sie aufgenommen hatte, zwar bereitlag, aber nicht genutzt wurde – sogenannte Bereitstellungszinsen. Jeden Monat 500 Euro. Dafür, ihr Geld nicht ausgeben zu können. Erst im Sommer 2021 tauschte Hedera die Fenster aus. Als die Arbeiten wieder zum Erliegen kamen, reichte Hohneck Klage ein, zusammen mit elf weiteren Käufern, auf Fertigstellung. 2023 gewannen sie vor dem Landgericht. Hedera ging in Berufung. Das Verfahren läuft vor dem Kammergericht.

    Fünf Jahre lang war das ganze Gebäude eingerüstet, die Fenster in Hohnecks Wohnung mit Folie verklebt. Vor ein paar Wochen dann bauten Arbeiter das Gerüst ab. Weil Rechnungen nicht bezahlt worden seien, erfuhr Hohneck von ihnen. Die Arbeiten am Haus aber sind noch immer nicht abgeschlossen. Keine gläsernen Aufzüge, keine stählernen Balkone. Im betonierten Innenhof, der einmal begrünt werden sollte, stapelt sich der Müll. Bei starkem Regen fließt das Wasser zu langsam ab, im Hof bildet sich dann ein kleiner See.

    Vor ein paar Wochen hat sich Hohneck einen Feuchtigkeitsmesser gekauft. Sie hält das Gerät in ihrem Wohnzimmer an eine Außenwand. Von einer hundertprozentigen Feuchtigkeit würde man bei einem Wert von 140 sprechen. Der Wert auf dem Display landet bei 163. Feuchter als feucht.

    Es raubt ihr jeden Nerv. Nicht zu wissen, wie es mit dem Haus weitergeht, für das sie die größte Investition ihres Lebens getätigt hat. Der Kredit, den sie aufnahm, wird 33 Jahre laufen. Wenn sie ihn abbezahlt hat, steht sie kurz vor der Rente. Wenn sie je dazu kommt, ihn abzurufen. Hohnecks größte Angst: Dass die Schäden irgendwann so groß sein könnten, dass das ganze Haus nicht mehr zu retten ist.

    Wird eine Immobilie gebaut, wird der Kaufpreis aufgeteilt in Raten, je nach Baufortschritt. So steht es im Gesetz. Solange nicht hundert Prozent bezahlt wurden, geht das Eigentum nicht über. Hohneck hat bisher etwa 68.000 Euro gezahlt, 34 Prozent des Kaufpreises. Sie hat weitere Rechnungen erhalten, etwa für die Fertigstellung des Daches und des Estrichs, aber nicht bezahlt. Weil beides nicht fertiggestellt worden sei.


    Das Wohnobjekt in der Havelberger Straße in Moabit ist seit etlichen Jahren eingerüstet, seit zwei Jahren wurde nicht mehr gebaut.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Große Pleitewelle in der Baubranche

    Die Wohnung gehört ihr noch nicht. Den Vertrag rückabzuwickeln wäre juristisch schwer, das Risiko, das gezahlte Geld nicht zurückzubekommen, äußerst hoch. Sie steckt fest, kann weder vor noch zurück. Den jahrelangen Stillstand kann sie sich nicht erklären. Eine Möglichkeit könne sein, dass ihr Bauträger zahlungsunfähig sei. Vielen Projektentwicklern gehe es gerade so.

    Die Baubranche befindet sich in einer schwierigen Phase. Allein im ersten Quartal dieses Jahres ist die Zahl der Insolvenzen laut dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle um 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Grund dafür sind die gestiegenen Bauzinsen und die hohen Preise für Material und Energie. Bauträger gehen bei ihren Projekten in Vorleistung, sie müssen kalkulieren, wie hoch ihre Kosten sein werden. Aber Ereignisse wie Kriege und Pandemien lassen sich nicht vorhersehen. Viele Baufirmen sind inzwischen hoch verschuldet und zahlungsunfähig. Bauvorhaben werden gestoppt.

    Berlin ist von der Pleitewelle besonders betroffen. Bauträgerfirmen betreuen meist mehrere Wohnobjekte. Geht eine dieser Firmen in die Insolvenz, drohen hunderte Wohnungen nicht fertiggestellt zu werden. Ausgerechnet in der Stadt der Wohnungsnot.

    Sind die Hedera Bauwert und die damit verbundenen Unternehmen Teil der Pleitewelle? Bisher wurde keine Insolvenz angemeldet. Und Ioannis Moraitis geht mit Medienanwälten gegen Behauptungen dieser Art vor.

    Ende Januar erhielt Hohneck zudem einen Brief eines Anwalts des Bauträgers. Er sei gebeten worden, eine Regelung zu treffen, bei der Hohneck und die anderen Erwerber künftig selbst „das Heft in die Hand nehmen“ sollten. Es gebe Gründe für die Verzögerung. Die Planungen der Architekten für das Dach seien mangelhaft gewesen, zudem würden sich einige Altmieter im Haus gegen Sanierungsmaßnahmen stellen. Insgesamt beliefen sich die Arbeiten, die noch zu erledigen seien, auf etwa 2,5 Millionen Euro. „Unsere Mandantin bietet an, dass die Erwerber die bisher nicht erbrachten Leistungen gegen entsprechende Kaufpreisreduzierung selbst beauftragen.“

    Hohneck antwortete, sie sei grundsätzlich zu einer Vereinbarung bereit. Der Anwalt meldete sich nicht wieder zurück.


    Marlena Wenisch will sich für Geschädigte von Bauträgern einsetzen und einen Verein gründen. Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Etliche Menschen in Berlin und Deutschland mit Moraitis in Konflikt

    Im vergangenen Jahr erfuhr Lisa Hohneck, wieviele Menschen in Berlin mit Moraitis und seinen Unternehmen in Konflikt stehen. Wieviele sich in einer ähnlichen Lage befinden wie sie. Hohneck hörte es ausgerechnet von der Maklerin, die ihr die Wohnung vermittelt hatte.

    Marlena Wenisch arbeitet heute nicht als Immobilienmaklerin. Sie macht eine Weiterbildung zur Immobilienökonomin. Die 35-Jährige ist selbst auf Moraitis reingefallen. Kurz nachdem sie vor sieben Jahren angefangen habe, für Ziegert zu arbeiten, erzählt sie, seien ihr viele seiner Objekte zugeteilt worden. In der Weserstraße verkaufte sie für Ziegert nicht nur an Lisa Hohneck, sondern auch noch drei weitere Wohnungen. Und in der Tellstraße, an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, fand sie im Mai 2019 eine „kleine, süße Ein-Zimmer-Wohnung“ für sich selbst. Von der Hedera Bauwert.

    Bereits zwei Monate nach ihrem Kauf, sagt Wenisch, seien in der Tellstraße die Arbeiten ins Stocken geraten. Zwar seien neue Handwerker gekommen und hätten angefangen zu arbeiten, aber die seien offenbar nicht vollständig bezahlt worden und hörten wieder auf. Bis heute sei in ihrem Haus das Dach nicht fertig und sieben Wohnungen stünden leer, obwohl die meisten verkauft seien. Ein Käufer warte seit fast acht Jahren darauf, in seine Wohnung zu können.

    Durch Zufall kam Wenisch an die Nummer einer Frau, die in einem anderen Haus lebte, das von der Hedera betreut wurde, dort gab es ähnliche Probleme. Die beiden gründeten eine WhatsApp-Gruppe. In ganz Berlin hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits Käufer zu einzelnen Gruppen zusammengetan. Nur wussten sie nichts voneinander. Kurze Zeit später bemerkten Wenisch und ihre Mitstreiterin eine weitere WhatsApp-Gruppe: „Moraitis Albtraum“, gegründet bereits 2018 von einem Dachdeckermeister im Sauerland. In dieser Gruppe hatten sich Baufirmen, Handwerker und Ingenieure zusammengeschlossen, die berichteten, von Moraitis nicht bezahlt worden zu seien. Über diese Gruppe lernte sie Andreas Tesch kennen.

    Ende März sitzt Wenisch zusammen mit Tesch in dessen Wohnung am Tiergarten, nahe den S-Bahngleisen. Alle paar Minuten verdunkelt sich das Wohnzimmer, ein Zug rauscht vorbei. Tesch ist Bauingenieur, auch er hatte Probleme mit Moraitis, musste sein Honorar erst einklagen. Er und Wenisch haben aus der WhatsApp-Gruppe das „Starke Netzwerk 030“ gegründet, in dem etwa 70 Betroffene aus sechs Häusern in Berlin vertreten sind, sich treffen und Wege suchen, gegen Moraitis vorzugehen. Gerade sind sie dabei, einen Verein zu gründen, der sich für Geschädigte von Bauträgern einsetzt: Eigentun Jetzt.


    In
    In der Cranachstraße in Schöneberg sollten die Bauarbeiten im August 2022 beginnen.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Die Spur der unfertigen Häuser zieht sich durch ganz Berlin

    An diesem Nachmittag reden beide schnell und durcheinander, fallen sich ins Wort. Aufregung. Nach Jahren, in denen sie auf der Suche nach Öffentlichkeit kritische Google-Bewertungen über Moraitis schrieben und dafür von Medienanwälten abgemahnt wurden, hört ihnen endlich jemand zu. „Es ist davon auszugehen, dass hunderte Wohnungskäufer allein in Berlin betroffen sind“, sagt Marlena Wenisch. „Erwerber, die wie im Fegefeuer gefangen sind“, sagt Tesch. Anwaltskosten, Bereitstellungszinsen, endlose Stunden vergeudete Lebenszeit. „Nur weil einer sich nicht an die Regeln hält.“

    Tesch und Wenisch laden zu einer Tour durch Berlin ein. Sie wollen zeigen, wie groß das Ausmaß ist.

    In der Cranachstraße in Schöneberg sollten laut einer Vorankündigung im August 2022 die Arbeiten beginnen. An diesem Tag im März, mehr als anderthalb Jahre später, ist nicht mal eine Baugrube ausgehoben, Schrott sammelt sich auf dem Gelände, ein Hydraulikbagger steht herum. Laut der Website des Projekts sind bereits 66 Prozent der Wohnungen verkauft. In der Sickingenstraße in Moabit sind es sogar schon 100 Prozent. Das Haus, das im Juni 2023 fertig sein sollte, steht bis heute leer. So wie das Haus in der Saßnitzer Straße in Schmargendorf, das ebenfalls im vergangenen Jahr fertig sein sollte. 50 Prozent der Wohnungen sind hier bereits verkauft.

    Die Spur der leerstehenden und unfertigen Häuser, die der „verlässliche“ Unternehmer Moraitis hinter sich herzieht, führt durch die ganze Stadt: von Steglitz über Mitte und Neukölln bis nach Lichtenberg. Unvollendete Bauprojekte. Hausleichen, in denen kaum jemand wohnt.

    Warum lässt ein Bauträger reihenweise Wohnprojekte mitten in der Stadt stillstehen? Warum verkauft er Wohnungen, aber räumt den Käufern nicht das Eigentum ein? Ist er der unseriöse Unternehmer, für den ihn so viele halten – oder selbst ein Opfer der Baukrise?

    Die Berliner Zeitung hat Ioannis Moraitis einen Fragenkatalog geschickt und ihm angeboten, in einem persönlichen Gespräch seine Sicht auf die Dinge zu erklären. Auf die Anfrage meldete sich Anfang April eine bekannte Medienrechtskanzlei. Man wolle die Anfrage beantworten, weil „sich schon aus den Fragen herauslesen“ lasse, dass die Recherche „maßgeblich auf falschen Informationen“ beruhe. Eine Antwort auf die Fragen ist bis heute ausgeblieben.


    Artem Rudenko lebt mit seiner Familie als einer der wenigen in dem unfertigen Haus in der Havelberger Straße.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Schimmel, Ratten und seit Jahren keine freie Sicht

    Wie kann man Druck ausüben auf einen solchen Unternehmer? Diese Frage stellt sich Artem Rudenko, ein 36 Jahre alter Arzt, der eigentlich anders heißt. Ende 2020 kauften seine Lebensgefährtin und er eine Wohnung in der Havelberger Straße in Moabit für rund eine halbe Million Euro. Von der Hedera Bauwert. Als Fertigstellungstermin vereinbarten sie in ihrem Kaufvertrag den 31. August 2021. Bis heute ist das Haus komplett eingerüstet, es sieht aus wie eine verwaiste Baustelle.

    In den oberen Geschossen schimmelt es. Dort, wo eigentlich Türen für einen Fahrstuhl sein sollten, klaffen Spalten in der Hauswand, vor denen Plastikfolien flattern. „Im Winter ist das der Horror“, sagt Rudenko. Er macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Tochter. Auf seine E-Mails und Anrufe werde selten reagiert.

    Im vergangenen Sommer habe ein Aushang an der Tür gehangen, die Gasag kündigte an, das Haus nicht mehr mit Gas zu beliefern. Warum, erfuhr Rudenko nicht. Diesmal konnte er jemanden bei Hedera erreichen. Das Haus wird weiterhin beheizt. Kürzlich, so erzählt er, habe ihn seine Frau bei der Arbeit angerufen. Unter der Küchenzeile kratze es, sie hätten Ratten. „Ich will hier raus“, habe sie zu ihm gesagt, „ich kann nicht mehr.“ Aber aus dem Vertrag können sie nicht raus. Sie haben bereits mehrere hunderttausend Euro für die Kaufpreisraten und die eigene Sanierung der Wohnung bezahlt.

    Rudenko und weitere Käufer haben einen Insolvenzantrag gegen Hedera beim Amtsgericht Charlottenburg gestellt. Ihre Hoffnung ist, dass sie im Falle einer Insolvenz das Haus selbst fertigstellen können. Doch bislang hat sich nichts getan.

    Wie Lisa Hohneck haben auch Rudenko und Marlena Wenisch Briefe des Anwalts bekommen, der ihnen anbot, selbst „das Heft in die Hand“ zu nehmen. Der Wortlaut der Briefe unterscheidet sich nur in der Aufzählung der Gründe für die Bauverzögerungen. Ob der Bauträger versucht, die Objekte loszuwerden, oder nur Zeit gewinnen möchte, ist eine weitere Frage, die bisher unbeantwortet bleibt.

    Unter den Betroffenen kursieren derweil Medienberichte aus anderen Teilen Deutschlands. In der Goslarschen Zeitung wird über zwei Hotels geschrieben. Die denkmalgeschützten Häuser„Kaiserworth“ und „Brusttuch“ in der Altstadt stünden seit mehr als einem Jahr leer, Tagungen könnten nicht stattfinden, die Stadtgesellschaft sei besorgt. In Rostock, so schreibt die Ostseezeitung, würden zwei Einkaufszentren demnächst keine Fernwärme mehr geliefert bekommen, weil erneut Rechnungen nicht bezahlt worden seien. Eigentümer dieser Immobilien, so schreiben die Zeitungen: Ioannis Moraitis.

    #Berlin #Neukölln #Weserstraße #Moabit #Havelberger_Straße #Sickingenstraße #Schöneberg #Cranachstraße #Immobilien #Wohnen #Eigentumswohnung #Betrug #Insolvenz #Gentrifizierung

  • 20 Jahre „Arm, aber sexy“: Was hat Berlin noch zu bieten?
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/open-source/berlin-20-jahre-nach-klaus-wowereits-arm-aber-sexy-was-hat-die-haup

    13.12.2023 vin Ralf Hutter - Ende 2003 pries der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit Berlin in aller Welt mit dem Slogan an, der berühmt wurde. Er hat der Stadt damit geschadet, findet unser Autor.

    Berlin sei arm, aber sexy – die berühmte Aussage von Berlins damaligem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ist nun 20 Jahre alt. Sie ist nicht nur in Deutschland sehr bekannt. Eine Internetsuche nach „Berlin poor but sexy“ erbringt gleich auf der ersten Ergebnisseite sowohl Artikel in großen Medien wie Financial Times, Bloomberg und The Economist als auch wissenschaftliche Texte.

    Kürzlich sendete Arte eine sehenswerte fünfteilige Dokureihe über die Geschichte Berlins seit dem Mauerfall namens „Capital B“. Der vierte Teil trägt ebenfalls den Titel: „Arm, aber sexy“. Darin gestehen sogar zwei Wowereit-Kritiker zu, diese Diagnose habe Lage und Lebensgefühl der Stadt gut getroffen.

    Das ist aber zu unkritisch. Wowereits wirkmächtige Aussage drückt auf kürzestmögliche Weise den politischen Ansatz aus, mit dem Ausverkauf der Stadt selbige „groß“ zu machen. Das Zitat ist oft spöttisch wiedergegeben, aber vielleicht nie fundamental kritisiert worden. Wer seine Bedeutung analysiert, wird es nicht witzig finden.

    Arm, aber sexy: Zum ersten Fall fiel der Spruch im Focus-Money-Interview

    Wenn ein Bürgermeister seine Stadt als sexy bezeichnet, klingt das vielleicht positiv. Das wäre aber ein Irrtum. Die so bezeichnete Attraktivität der Stadt soll vor allem eine für Externe sein. Der historische Hintergrund bei Wowereit wird in der Arte-Doku benannt, auch von den politischen Protagonisten selbst: In West-Berlin sprudelten die Sondersubventionen für das einst permanent von jenseits der Mauer begaffte Schaufenster des Kapitalismus nicht mehr, im Osten waren viele Großbetriebe abgewickelt worden. Nun galt es, sich neu auf dem Weltparkett zu Wort zu melden und Investitionen anzuziehen. Aber womit? Was hatte Berlin, was die Welt brauchte?

    Jedenfalls keine Hard Facts. Zur Veranschaulichung: Unter den Nachgeborenen dürfte kaum bekannt sein, dass der noch viel mehr als Wowereits Aussage bespöttelte neue Hauptstadtflughafen schon in den frühen 1990ern geplant wurde – er sollte ursprünglich 2007 eröffnen –, und dass das Projekt erst 2003 von der öffentlichen Hand übernommen wurde, weil das jahrelang interessierte privatwirtschaftliche Konsortium nicht das ganze Kostenrisiko tragen wollte.

    Sprich: Ein neuer Flughafen versprach trotz Schließung der alten nicht unbedingt Profitabilität. Deutschland hatte gerade eine jahrelange Privatisierungswelle hinter sich, aber niemand wollte ohne staatliche Hilfe den Flughafen der Hauptstadt betreiben.

    In dieser Situation, im November 2003, fiel Wowereits Aussage in der Zeitschrift Focus Money. Er wollte eine Kultur, ein Lebensgefühl vermarkten. Dabei besteht prinzipiell eine Gefahr, die die Tourismusforschung so auf den Punkt gebracht hat: Indem die Touris das finden, was sie suchen, tragen sie zu seiner Zerstörung bei. Kultur ist kein beliebig vermehrbares Produkt.

    Wir können nun so gnädig sein, Wowereit zu konzedieren, dass er vielleicht nicht ganz so viel von dem zerstörerischen Tourismus und Immobilienkapital hier haben wollte, wie es nun schon seit etlichen Jahren Realität ist. Es bleibt aber ein grundsätzliches Problem bei seinem Zitat: Es richtete sich nach außen. Die Aussage ergibt gegenüber der eigenen Bevölkerung keinen Sinn.

    Stellen wir uns zum Beispiel eine protestierende Menschenmenge vor, die einem Bürgermeister entgegenruft: Wir verarmen! Wir können uns die Mieten in unserem Stadtteil nicht mehr leisten! Unsere Kinder hängen auf den Straßen rum, weil weder wir noch die öffentliche Hand nennenswert Räume für sie hat! Kein Stadtoberhaupt würde antworten: Hey Leute, aber immerhin ist unsere Stadt doch sexy!

    Wowereits Lob war vergiftet, geradezu heimtückisch. Was auch immer er mit „sexy“ meinte – die Armen hatten immer weniger davon, je mehr Leute von außerhalb an den sexy Dingen teilhaben wollten. Es ist eine allgemeine, auf sozialer Ungleichheit beruhende Dynamik: Wenn die Armen gewisse nette kulturelle Elemente ausbilden, die auf der Verfügbarkeit von freien beziehungsweise billigen Räumen beruhen, dann wird das alles umso mehr verschwinden, je mehr Menschen mit ordentlich Geld dazukommen, die diese Räume vereinnahmen und die Preise für Alltagsdinge wie Miete und Gastronomie steigen lassen.

    Genau so hat Berlin sich entwickelt: Freiräume werden kleiner, Kulturorte werden vertrieben oder teurer, das Leben ist aufgrund der hohen Mieten und des Verdrängungsdrucks stressiger.

    Wowereit konnte die Karriere des Slogans nicht voraussehen

    Wie wenig Wowereit bei seiner Aussage an seine eigene Bevölkerung dachte, wird noch klarer, wenn wir das Zitat auf die individuelle Ebene ziehen. Kaum jemand würde so über sich selbst sprechen: Ich bin arm, aber sexy. Es bringt einem kaum was in seiner Armut, wenn man sexy ist.

    Wo soll da der Sinn sein? Bevor ich hungern muss, kann ich immer noch auf den Strich gehen? Es ist kein Zusammenhang vorhanden. Die Aussage ist austauschbar mit so etwas wie: Ich bin arm, aber ich habe keinen Krebs. Oder: ... aber ich lebe in einer Stadt, in der es keine Erdbeben gibt. Das sind bestenfalls Durchhalteparolen.

    Wowereit konnte die Karriere dieser Aussage nicht vorhersehen, und er hat sie wohl auch nie als Kampagnenmotto genutzt. Aber seine Politik zielte auf genau diese Kulturvermarktung ab, wie auch in der Arte-Doku deutlich wird. Im immer globaleren Wettbewerb um den bestmöglichen Ausverkauf der Städte wurde Deutschlands Hauptstadt als sexy herausgeputzt ins weltweite Schaufenster gestellt, um kapitalkräftigere Leute anzulocken. Wenn wir die sexuelle Metapher aufgreifen, können wir heute feststellen: Weil Berlin so sexy war, wird es seitdem immer mehr vom Kapital penetriert.

    Das lässt sich mittlerweile ohne Metaphern beschreiben. Im Stadtteil Kreuzberg gründete sich im sogenannten Reichenbergerkiez im Herbst 2022 die Nachbarschaftsinitiative No Hype No Hide (der komische Name kommt vom komischen, niemandem verständlichen Namen des Bauprojekts Hype & Hide), weil die Leute festgestellt hatten, dass innerhalb weniger Straßenzüge ein halbes Dutzend Baustellen laufen, bei denen sehr teure Eigentumswohnungen in Innenhöfen errichtet werden sollen.

    Noch mehr Beton und Autos in einem dicht bebauten Innenstadtviertel, noch weniger Bäume und andere Pflanzen in den im Sommer immer stärker aufgeheizten Höfen, noch mehr Wohnraum, den sich kein normaler Mensch leisten kann. Das Kapital aus aller Welt dringt immer tiefer in die Stadt ein.

    Schon 2021, als sich ein berlinweites Bündnis für den Erhalt von Grünflächen gegründet hatte, sagte Florian Schmidt, Grünen-Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Friedrichshain-Kreuzberg, dem Mitgliedermagazin des Berliner Mietervereins: „Seitdem der vorgeschriebene Mindestabstand in der vorletzten, rot-roten Koalition auf das 0,4-fache der Gebäudehöhe gesenkt wurde, sehen wir eine zunehmende Nachverdichtung in den Hinterhöfen, die wieder in Richtung der Gründerzeitdichten geht.“

    Mit besagter Koalition regierte Wowereit. Dass lange vorher durch Abrisse (größere) Innenhöfe geschaffen wurden und Berlins Bevölkerung nun nicht mehr so dicht gedrängt wie vor 100 Jahren leben muss, gilt als Fortschritt. Jetzt erleben wir den politisch hervorgerufenen Rückschritt. Leute wie Wowereit riefen das Kapital aus aller Welt, und das baut nun die als Anreiz dienenden Freiräume wortwörtlich zu.

    Deshalb geht nun, auch im Sinne einer selbstbestimmten Sexualität, eine Ansage aus der Berliner Innenstadt raus: Hallo Welt! Du findest uns sexy, wir dich aber nur so lala. Wir waren und sind weltoffen, aber wir haben damit auch schlechte Erfahrungen gemacht. Du penetrierst uns immer stärker, Welt, wogegen wir nicht prinzipiell etwas haben, aber du tust es auf respektlose Weise. Wir glauben nicht, dass du wirklich auf unsere inneren Werte stehst, die uns wichtig sind. Unsere Freiheitsliebe ist tiefgehend und schließt schädliche Freiheiten aus, zum Beispiel die Freiheit zur Ausbeutung. Deine Freiheitsliebe ist oft nur oberflächlich und, wie wir seit Langem erleben, nicht nachhaltig. Du zerstörst hier Freiräume.

    Viele Menschen aus vielen Ländern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten von unserem Widerstandsgeist angezogen gefühlt, der uns vor sehr vielen Metropolen auf dem Planeten auszeichnet. Wir finden nun: Wir brauchen mehr solcher Menschen, die uns nützen, und weniger, die uns ausnutzen.

    Berlin hat in der jüngeren Geschichte ein historisch bedeutsames Zeichen in die Welt gesetzt. Nein, nicht 1989, als wir daran beteiligt waren, den sozialistischen Imperialismus zu stürzen. Schon 1988 zelebrierte Berlin den ersten großen Gipfelprotest gegen den kapitalistischen Imperialismus, als sich Weltbank und Internationaler Währungsfonds hier trafen. Da war übrigens auch Ost-Berlin ein bisschen beteiligt.

    Im Westen, im Umfeld des Gipfels, wendete die Zivilgesellschaft ihre üblichen Mittel des politischen Kampfes an: Gegenkongress, Großdemo, Brandanschläge auf Firmensitze und Autos. Wenn du an massive Gipfelproteste denkst, dann bestimmt an die Periode ab den legendären Blockaden von Seattle 1999, Welt. Wir waren elf Jahre vorher am Start. Leider ist das wegen 1989 in Vergessenheit geraten.

    Aber zum Glück nicht bei allen. Als die schwedische Band Refused, eine der erfolgreichsten und wichtigsten Hardcore-Bands überhaupt, 2016 hier spielte, sagte Sänger Dennis Lyxzen auf der Bühne: „Für uns als eine Band der 90er war Berlin immer eine harte Stadt.“ Nachdem er über 20 Jahre lang seinen Antikapitalismus ins Mikrofon geschrien hatte – zwischendurch bei den heute wohl bekannteren The (International) Noise Conspiracy –, bekannte er, sich in den 90ern nicht hart genug für diese Stadt gefühlt zu haben. „Berlin ist eine politische Stadt“, führte Lyxzen aus, und das bewunderten diese „paar Feiglinge aus Nordschweden“ nach wie vor.

    Es ist kein Zufall, Welt, dass Lyxzen Berlin nicht sexy nannte. Wahre Zuneigung macht sich nicht an Oberflächlichkeiten fest.

    Wir holen aktuell wieder zu einem welthistorischen Schlag aus. Wir werden in ein paar Jahren den zweiten Volksentscheid zur Enteignung großer Immobilienfirmen gewinnen. Und dann, Welt, werden nicht nur viele Leute in Deutschland blöd schauen, die das Thema bisher weitgehend ignorieren; dann werden nicht nur SPD und Grüne bundesweit auf eine Zerreißprobe gestellt, weil sie sich entscheiden müssen zwischen der Akzeptanz eines Volksentscheids und der sozialistischen Elemente des Grundgesetzes auf der einen Seite und dem üblichen politischen Murks auf der anderen.

    Dann werden wir nicht nur darauf hinweisen, dass Artikel 15 Grundgesetz neben der Vergesellschaftung von Grund und Boden auch die von Naturschätzen und Produktionsmitteln erlaubt; dann werden nicht nur in anderen deutschen Städten Initiativen es uns nachtun wollen – sondern dann werden wir auch sehen, wer auf diesem Planeten uns wirklich toll findet, wie wir sind, und sich auch bei diesem Thema von uns inspirieren lässt.

    Und vor allem, Welt: Wenn wir das geschafft haben, werden wir uns nicht nur sexy fühlen, sondern in allen Bedeutungen des Wortes so richtig geil.

    Ralf Hutter ist studierter Soziologe und lebt seit 20 Jahren in Berlin-Kreuzberg, die letzten 14 Jahre war er als Journalist tätig.

    #Berlin #Politik #Gentrifizierung #Immobilien #Ausverkaiuf

  • Museum der Dinge in Berlin: Gentrifizierung schlägt zu – Immobilienfonds kündigt Kreuzberger Institution
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/museum-der-dinge-in-berlin-gentrifizierung-schlaegt-zu-immobilienfo

    2.11.2023 von Timo Feldhaus - Dem Museum der Dinge wurde von einem Immobilienfonds gekündigt. Tipp: Bis Sonntag kann man es noch in Kreuzberg besuchen. Und was geschieht danach?

    In diesem Jahr feierte die kleine, aber sehr feine Ikone des guten Geschmacks noch ihr 50-jähriges Jubiläum. Nun muss die Kreuzberger Institution mit dem immer leicht umständlichen Namen „Werkbundarchiv – Museum der Dinge“ raus. Ein Imobilienfonds aus Luxemburg hat das Haus auf der Oranienstraße, in dem auch die legendäre Buchhandlung Kisch & Co. einst Mieter war, gekauft. Jetzt müssen sie im Eiltempo ihre Sachen packen.

    Eine Interimslösung wurde im letzten Moment gefunden: Im Mai kann das Museum der Dinge auf der Leipziger Straße in Mitte wieder öffnen. So viel Platz wie in Kreuzberg wird dort allerdings nicht sein, sagt die Museumsleiterin Florentine Nadolni bei einem Besuch, um die etwa 20.000 Objekte und mehr als 45.000 Dokumente vom Archiv des Werkbunds zu zeigen – jene 1907 von Künstlern, Industriellen und Kulturpolitikern gegründete Vereinigung, deren revolutionär schlichte und mehrheitlich wunderschöne Produkte den Kern der Sammlung ausmachen. In Berlin, so die Leiterin, sei es das einzige Museum mit Gestaltungsschwerpunkt, das Design- und Alltagsgegenstände aus West- und Ostdeutschland gleichwertig zeigt und in Zusammenhang bringt.

    Die Welt in Ordnung im Museum der Dinge

    Bis zum Sonntag kann man sich die gesammelte Herrlichkeit der Produktkultur des 20. und 21. Jahrhunderts noch ansehen, von denen einige schon aus den Vitrinen in Kartons geräumt sind. Sie stehen abfahrbereit an der Wand. Zudem gibt es noch eine Sonderausstellung zu sehen: „Die Röhre“ des Architekten Günther L. Eckert. Seine Pläne für eine oberirdische, die Erdkugel umspannende Röhre, in der die gesamte Menschheit leben sollte. Ein furioser, utopischer Entwurf, der gut ins Heute passt. Als Eckert ihn Anfang der 1980er entwarf, war die Weltbevölkerung erst halb so groß wie heute. Am Sonntag um 19 Uhr, bevor hier die Lichter ausgehen, wird noch etwas Musik gespielt und Wein gereicht. Bis dahin sollte man unbedingt noch einmal vorbeischauen.

    #Berlin #Kreuzberg #Oranienstraße #Gentrifizierung #Museum

  • Jazzsängerin Lisa Bassenge: „Das wilde, schöne Kreuzberg ist vorbei“
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/berlin-stadtbild-jazzsaengerin-lisa-bassenge-das-wilde-schoene-kreu

    So siehts aus. Trotzdem liegt der Zig Zag Jazz Club in der Hauptstraße 98 in 12159 Berlin-Friedenau und nicht in Schöneberg. Aber wie kann eine Lokalredaktöse sowas auch wissen.

    ▻https://m.kauperts.de/Strassen/Hauptstrasse-10827-12159-Berlin

    15.10.2023 von Susanne Dübber - Fast 30 Jahre lang wohnte Jazzsängerin Lisa Bassenge gern in Kreuzberg. Doch die wilden, schönen Zeiten sind vorbei, klagt sie.

    Raus aus Kreuzberg, ran an den Wannsee in Zehlendorf – beschaulicher Vorort oder quirlige Innenstadt, in welchem Berliner Stadtteil lebt es sich besser? Darüber und über ihr Konzert am Freitag, 20. Oktober, im Schöneberger Zig Zag Jazz Club sprach ich mit der Sängerin Lisa Bassenge, während wir aus dem Wohnzimmerfenster den Segelbooten auf dem Wannsee zuschauten.

    „Das wilde, schöne Kreuzberg ist vorbei“, meint sie, „der Stadtteil hat seine besten Zeiten hinter sich.“ Mitte der 1990er-Jahre war die geborene Berlinerin dorthin gezogen. „Bis in die 2000er-Jahre war es ein gemütlicher Bezirk. Alles war im Guten, türkische und deutsche Familien kamen miteinander aus. Ein bisschen Drogenprobleme, ein paar Leute mit Geld, aber das machte sich nicht bemerkbar.“

    Der Kipppunkt des Bezirks kam ab den 2010er-Jahren

    Wobei – Mitte bis Ende der 90er war der Görlitzer Park bereits ein unwirtlicher Ort. „Nachts bin ich da nicht durch. Das war eine ziemlich dunkle Ecke, ältere Männer hingen da rum und machten einen dumm an.“

    Der Kipppunkt von Kreuzberg kam ab den 2010er-Jahren, „da hat sich total was geändert. Es begann der große Ausverkauf. Spekulanten gehörten plötzlich ganze Straßenzüge, seitdem steigen die Mieten ständig, es gibt keine Kitaplätze mehr, niemand findet eine Wohnung.“

    Es wurde ihr „von allem zu viel, vor allem viel zu laut, der Trubel auf den Straßen nahm zu“. Die Oranienstraße hat Lisa Bassenge mit vielen kleinen netten Geschäften in Erinnerung. „Heute ist es eine einzige Touristenmeile, die Cafés verschwinden, Spätis eröffnen. Das Flair ist verloren.“

    Während der Pandemie, mit drei Kindern reduziert auf die Wohnung, sehnte sie sich immer mehr weg aus der Enge, nach einer ruhigeren Ecke in Berlin, mit viel Natur, Wald, Weite für den Blick. So traf sie vor bald zwei Jahren die Entscheidung „raus hier!“, als sich die Gelegenheit ergab, weil zur Tätigkeit ihres Mannes als Hausmeister eine Dienstwohnung am Wannsee gehört.

    Seitdem hat sie vom Klavier aus direkten Blick auf den Wannsee, das neue Album „Wildflowers“ konzipierte sie hier. Sie wohnt nun in beiden Stadtteilen zugleich. „Ich genieße das Beste beider Welten.“ Ist sie in der Wohnung in der Innenstadt, wo immer was los ist, trifft sie auf der Straße sofort Bekannte. Am stillen Wannsee besucht sie oft die abgelegene Pfaueninsel, „der schönste Ort in Berlin“.

    Von fast fünf Jahrzehnten Großstadt Berlin ist Lisa Bassenge Zeugin. Auf ihre musikalische Vergangenheit mit den deutschen Liedern aus den Alben „Nur fort“ und „Wolke 8“ schaut sie beim Konzert im Zig Zag Club zurück.

    #Berlin #Kreuzberg #Friedenau #Wannsee #Hauptstraße #Oranienstraße #Gentrifizierung #Jazz #Gaststätte #Club

  • Plaudern im Salon: Waschen, Schneiden, Schnauze halten
    ▻https://taz.de/Plaudern-im-Salon/!5912044

    Gentrifizierung tötet die Kommunikation zwischen den Klassen. Wo die Berliner Mischung bewirkte, dass alle mit allen redeten und stritten, haben die Insassen der Gated Communities die Kommunikation mit denen da unten eingestellt. Kommuniziert wird mit Apps und Anwälten. Die sorgen dafür, dass Dienstleister spuren und Noch-Wohnungsinhaber unschädlich gemacht werden.

    Man bleibt unter sich und verweigert nun auch den Dialog mit Friseur und Taxifahrer. Kein Problem, die Zeit der studentischen Taxibetriebe ist lange vorbei
    Heute muss niemand mehr befürchten, seinen künftigen Kollegen oder Chef am Steuer vor sich zu haben.

    Hinter dieser neuen Gestaltung der Klassenbeziehungen steckt ein Regelkreis aus sich sich wechseitig verstärkenden Elementen. Die durch unterschiedliche wirtschaftliche Lage der Beteiligten verursachte Distanz wird durch die Einführung neuer Technologien radikalisiert, und als Folge werden die Menschen selber in ihrer körperlichen und geistigen Verfassung modifiziert.

    Die Internettechnologie ermöglicht die virtuelle Fabrik und Koordinierung ihrer Produktionsabläufe weltweit, wozu die monolithische Fabrik im Hochlohnland zerschlagen wird. Die herrschende Klasse setzt dann die „Herrschaft des Sachzwangs“, der nichts anderes ist als die Erfordernisse der kapitalistischen Produktionsweise, mit ihren Tausend-Euro-Smartphones auch in den „privaten“ Lebensbereichen durch.

    Erfolg wird daraus mit Hilfe von Werbung, Zurschaustellung von Blingbling-Bachelor-Medienprodukten und der ganzen Palette der Wellness-Industrie.

    Der TAZ-Artikel beschreibt, wie die Mittelklassen im Kapitalismus eine ins einundzwanzigste Jahrhundert transponierte feudale Haltung zu ihren Untergebenen einnehmen. Dabei gehen sie genau genommen sogar noch brutaler vor als der Adel des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Befehle erteilen die heutigen Reichen nicht mehr Menschen sondern Maschinen. Gemacht wird die Arbeit aber nach wie vor von Menschen, die wie Roboterarme behandelt werden.

    Die Oberen Klassen haben sich selbst die Verkörperung der Ideale von „performance“ "lean production", „Optimierung“ und „gesunden Prozessen“ auferlegt, und führen deshalb in die Arbeitsumgebung ihrer perpheren, häuslichen und „körpernahen“ Dienstleister immer mehr Wesenszüge der Fabrikarbeit vor der Digitalisierung ein.

    Das ist es dann wohl, wenn von „Smart Cities“ die Rede ist. Alle sind „always connected“ jederzeit bereit mit Cents entlohnte „micro tasks“ zu erledigen, für die Maschinen entweder zu dumm oder zu teuer sind

    Ich bin gespannt welcher Kippunkt zuerst erreicht sein wird, der klimatische oder der gesellschaftliche. Die Entmenschlichten werden dann entweder still und leise verenden oder im Aufstand lautstarker Teil der kollabierenden Geschichte sein.

    Am 2.2. veeöffentlicht auch die Berliner Zeitung einen Artikel zum Thema: Anne Vorbringer, Sagen Sie jetzt nichts: Warum bei immer mehr Berliner Friseuren geschwiegen wird (#paywall)
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/trend-schweigen-silent-cut-haarschnitt-ohne-smalltalk-sagen-sie-jet

    1.2.2023 von Susanne Messmer - In Berlin kommen Haarschnitte ohne den üblichen Small Talk in Mode. Was ist das für eine Welt, in der niemand mehr aus seiner Blase will?

    Nicht, dass seit dem schnellen Siegeszug von „Cut an Go“ noch sehr viel übrig geblieben wäre vom guten, alten Friseur*innenbesuch. Aber dass es nun auch noch in Friedrichshain, Kreuzberg, Charlottenburg und Prenzlauer Berg erste Salons gibt, bei denen Besuchende einen „Silent Cut“ buchen können, um sich nicht einmal mehr während der raschen Wäsche, dem hektischen Schnitt und Selberföhnen am Schluss kurz übers Wetter, die weltpolitische Lage oder wenigstens die neue Pony-Frisur von Anne Hathaway auszutauschen: Das ist wirklich zu haarsträubend.

    Vor allem den Jüngeren muss es wohl kurz erklärt werden: Früher waren Termine im Friseursalon Wochen vorher zu buchen, für den einfachsten Haarschnitt ohne Strähnchen, Dauerwelle und ähnliche Scherereien war mindestens eine Stunde einzurechnen. Manchmal sieht man es noch in alten Hollywoodfilmen und Vorabendserien, wie Frauen unter der Haubenreihe über ihre Männer und den Rest der Welt zoteten, während sich Männer bei der Rasur über ihre Frauen und den Rest der Welt ausließen.

    Noch in den Achtzigern gab es vor allem auf dem vermeintlich ereignisarmen Land viele gutbürgerliche Frauen, die mindestens alle zwei Wochen zum Friseur gingen. Nie hätten sie daran gedacht, bei ihrem Jour fixe mit der Friseurin ihres Vertrauens aufs Plaudern zu verzichten.

    Natürlich werden es trotz des spontanen Haarschnitts zwischen zwei Terminen, der heute in der Großstadt gang und gäbe geworden ist, immer auch teure Friseursalons weiter existieren, wo es zugeht wie vor 100 Jahren: Vielleicht ist das vergleichbar mit der Lust auf Schallplatten trotz Musikhören auf dem Handy. Trotzdem sollte es bedenklich stimmen, dass nicht nur die Fri­seu­r*in­nen selbst „Silent Cuts“ wünschen, sondern auch die Kund*innen.
    Je­de*r auf seiner Insel

    Denn in den Bezirken, in denen neuerdings Waschen, Schneiden, Schnauze halten angeboten wird, ziehen tatsächlich zunehmend Menschen zu, die sich gern panzerartige Autos kaufen und diese am liebsten in ihren Tiefgaragen mit direktem Aufzug in die Wohnung abstellen. Es ist kein Klischee, dass sie sich von der Gesellschaft entkoppeln und meinen, auf einer Art eigenen Insel leben zu können, indem sie etwa das Gespräch mit den geringverdienenden Er­zie­he­r*in­nen ihrer Kinder, ihren Haushaltshilfen oder Ta­xi­fah­re­r*in­nen versuchen zu meiden.

    Dabei ist es durchaus möglich, mit Fri­seu­r*in­nen Gespräche zu führen, die weit über das Wetter, die Weltpolitik oder die neuesten Frisuren aus Hollywood hinausgehen. Gespräche zum Beispiel, in denen viel über die Brutalität unserer sozialen Schere zu erfahren ist.

    Silence ain’t golden: Was wäre das für eine Welt, in der niemand mehr aus seiner Blase will?

    #Berlin #Gentrifizierung #Klassenkampf #Revolution #catastrophe_climatique #capitalocène

  • Mitten in Kreuzberg: Neue Sozialwohnungen und klimaneutrale Büros
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/mitten-in-kreuzberg-neue-sozialwohnungen-und-klimaneutrale-bueros-l


    Blick auf das neue Quartier auf dem Areal des früheren Postscheckamtes am Halleschen Ufer in Kreuzberg.

    Es geht voran mit dem Geldmachen. Das alte Postscheckamt, eine öffentliche Einrichtung der staatlichen Bundespost und Ort zum Leben und Arbeiten für viele Westberlinerinnen und Berliner, wird endgültig zum Eigentumswohnungsghetto mit ein paar netten fast bezahlbaren Alibiwohnungen nebenan. Verdichtung ist angesagt, der Rubel rollt weil öffentliche Gärten und Freiflächen zugebaut werden. „Niemandsland“ heißt so ein nicht profitables Gelände auf Immobilisch. Ich bin auch so ein Niemandsland, unprofitabel und verwildert. Ein Mensch eben, keine parfümierte Immoschnepfe, die mit hohlem Gedöns ihre Gier schönredet. Die zerrt den verwesenden Leichnam van der Rohes aus dem Grab, um dem ollen Büroturm, wahrlich kein Meilenstein der Architekturgeschichte, ordentlich Mies-Nimbus zu verpassen. So geht das. Noch nicht gebaut wird schon verkauft.

    Grelle Fummels aus den Fifties, Sixties
    Alles hohl und hundsgemein
    Auf Skoda oder Fiorucci
    Flieg ich nicht mehr ein
    Da bleib ich kühl
    Kein Gefühl

    Ideal, Blaue Augen, 1980

    28.12.2022 von Ulrich Paul - Auf dem Areal des ehemaligen Postscheckamtes in Kreuzberg entsteht ein Stadtquartier mit hohem sozialen und ökologischen Anspruch.

    Auf dem Areal des ehemaligen Postscheckamtes in Kreuzberg gehen die Arbeiten für das geplante neue Stadtquartier mit Büros, Wohnungen und Geschäften voran. Nachdem im März 2021 mit dem symbolischen ersten Spatenstich die Bauarbeiten starteten, befinden sich mittlerweile fast alle Teilprojekte am Halleschen Ufer in Bau.

    Der Kölner Investor Art Invest modernisiert den alten 90 Meter hohen Büroturm und baut zwei neue Häuser mit Büros und Geschäften. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo errichtet 337 Mietwohnungen. Und das ebenfalls aus Köln stammende Immobilienunternehmen Pandion plant 86 Eigentumswohnungen.

    „Das Grundstück war vorher eine Art Niemandsland im Herzen Berlins“, sagt Lena Brühne, Berliner Niederlassungsleiterin von Art Invest. „Durch die Entwicklung des Quartiers betreiben wir also eine Stadtreparatur.“ Die Art Invest hat ihrem Projekt den Namen „Die Macherei Berlin-Kreuzberg“ gegeben. Weil die Gebäude am Halleschen Ufer 40 bis 60 liegen, tragen die drei Gebäudeteile als Namenskürzel ein M für Macherei, gefolgt von der jeweiligen Hausnummer. So heißen die Gebäude M40, M50 und M60. Der alte Postbank-Tower trägt das Kürzel M50, die beiden neuen Büro- und Geschäftsbauten firmieren unter M40 und M60.

    Das achtgeschossige Haus M40 entsteht nach Plänen des Büros Robert Neun Architekten als sogenanntes Holz-Hybrid-Haus, also in einer Mischung aus Holz und Beton. Neben bepflanzten Dächern ist ein offener Innenhof vorgesehen, der als das „grüne Herz“ des Gebäudes angekündigt wird. „Unser Holz-Hybrid-Haus M40 wird ab Frühjahr 2023 rasant wachsen“, sagt Lena Brühne. „Zu diesem Zeitpunkt werden die Holzverbundelemente angeliefert, die wie Legosteine aufgebaut werden.“ Bis zum Jahr 2024 soll das Gebäude fertig sein, die anderen beiden der Art Invest ebenfalls.

    Der 24-geschossige Büroturm, der jetzt das Kürzel M50 trägt, wird nach Plänen des Architekten Eike Becker umgestaltet. Er richtet sich dabei nach dem Vorgänger-Bau. „Die Architektur vom M50 greift den Stil des Oberpostdirektors Prosper Lemoine auf, nach dessen Plänen das Objekt entwickelt wurde“, sagt Lena Brühne. „Er orientierte sich dabei an der typischen Architektursprache von Mies van der Rohe, der unter anderem die Neue Nationalgalerie entworfen hat.“

    Büroturm wird im nächsten Jahr als Stahlbetonskelett dastehen

    Nach dem Auszug der Mieter aus dem Turm Ende 2021 hat die Art Invest zunächst mit der Entkernung und Schadstoffsanierung begonnen. Diese Arbeiten dauern bis heute an. „Im nächsten Jahr wird der Turm kurzzeitig im Rohbau als Stahlbetonskelett dastehen, was sicher ein imposantes Bild abgeben wird“, so Brühne. „Zudem werden wir die oberen drei Etagen, die bislang als Techniketagen genutzt werden, abbrechen und neu aufbauen, um sie in Teilen als nutzbare Mietflächen zu entwickeln.“ Die Fassade des Büroturms wird erneuert, außerdem entsteht am Fuß des Towers ein eingeschossiger Flachbau. Dort soll neben einem Restaurant ein Fitnessstudio einziehen – mit Außenlaufbahn auf dem Dach. Oben im Turm ist eine Skybar geplant. Mit bester Sicht über die Stadt.

    „Bei der Fassade des Turms arbeiten wir mit speziellen Elementen, die vorproduziert und anschließend eingesetzt werden“, sagt Lena Brühne. Für die Montage werde ein rund 120 Meter hoher Kran eingesetzt, der an dem Hochhaus verankert wird. An der Südfassade des Büroturms sollen auf einer Fläche von 760 Quadratmetern Fotovoltaik-Elemente montiert werden, um aus Sonnenlicht Strom zu gewinnen.

    Das M60 entsteht nach Plänen des Architekturbüros Sauerbruch Hutton als achtgeschossiges Bürohaus. Im rückwärtigen Teil sind die Eigentumswohnungen der Pandion geplant. Das Besondere: Das Bürohaus soll ein „Zero-CO₂-Haus“ werden, also ein klimaneutrales Haus. Erreicht wird dies freilich durch einen gewissen Kunstgriff: Die Fotovoltaik-Elemente, die Sonnenlicht in elektrischen Strom umwandeln, sollen nämlich nicht nur auf dem eigenen Dach stehen, sondern zugleich auf den Dächern der benachbarten Degewo-Häuser.
    Autofreies Quartier heißt, dass oberirdisch keine Autos fahren

    Beim Verkehr wird Nachhaltigkeit ebenfalls großgeschrieben. „Die Macherei Berlin-Kreuzberg wird ein autofreies Quartier“, sagt Lena Brühne. Der Begriff „autofrei“ wird von der Art Invest allerdings sehr großzügig ausgelegt. Autofrei bedeute, „dass die Außenanlagen für den normalen Autoverkehr gesperrt sind“, sagt Brühne. Autos sind als Verkehrsmittel weiter eingeplant, zumindest in begrenzter Zahl. „In zwei Tiefgaragen, die von der Hauptstraße erreicht werden, entstehen 120 Stellplätze für Autos“, sagt Brühne. Sie versichert: „Wir setzen auf urbane Mobilität, weswegen wir unseren künftigen Mietern zusätzlich 800 unterirdische Fahrradstellplätze sowie Duschen und Umkleiden anbieten.“

    Das Projekt zeigt: Nachhaltigkeit spielt bei Immobilienprojekten eine immer größere Rolle. Unter anderem, weil sich viele Unternehmen das Ziel gesteckt haben, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt CO₂-neutral zu werden. In alten Büros mit hohem Energieverbrauch lässt sich das Ziel nur schwer oder gar nicht erreichen. In neuen Quartieren wie in der Macherei schon eher. „Das Quartier richtet sich an Mieter, die neben einem hohen Anspruch an Lage, Qualität und Flexibilität der Flächen einen besonderen Wert auf ökologische Nachhaltigkeit legen“, sagt Lena Brühne. „Hier sehen wir einen wachsenden Bedarf.“ Einerseits müssten viele Unternehmen immer höhere Anforderungen im Bereich CO₂-Emissionen erfüllen, was sich natürlich auch in ihren Flächen widerspiegeln müsse. Andererseits sei Klimagerechtigkeit ein „ganz wesentlicher Aspekt für junge Berufseinsteiger“, so Brühne. „Sie legen viel Wert auf ihren eigenen Carbon Footprint, auch an ihrem Arbeitsplatz.“

    Die Wohnungen der Degewo entstehen im rückwärtigen Teil des Areals auf insgesamt drei Baufeldern mit jeweils zwei Häusern. „Die Rohbauarbeiten für die Baufelder eins und drei haben begonnen“, sagt eine Degewo-Sprecherin auf Anfrage. „Im Frühjahr 2023 wird Richtfest gefeiert und der Innenausbau kann beginnen.“ Die Arbeiten auf Baufeld zwei sollen im Februar 2023 starten. Geplant sei, dass die neuen Wohnhäuser ab Mitte 2024 übergeben werden. Dann beginne auch die Vermietung.
    Degewo baut 75 Prozent Sozialwohnungen

    75 Prozent der Wohnungen, die die Degewo errichtet, sollen als Sozialwohnungen entstehen und für eine Kaltmiete ab 6,50 Euro je Quadratmeter vermietet werden. Der Entwurf für die Wohnhäuser stammt vom Büro Dahm Architekten + Ingenieure. Nach ihren Plänen entstehen Wohnungen mit einer Größe von 35 bis 105 Quadratmetern.

    Die Pandion baut keine Mietwohnungen, sondern Eigentumswohnungen. „Wir planen insgesamt 86 Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen für Paare und Familien“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Die Wohnungen sollen zwischen 46 und 95 Quadratmeter groß sein. Die Baugrube für das Projekt sei fertig. Im Januar 2023 solle der Rohbau beginnen. Zum genauen Start der Vermarktung der Wohnungen und zum Fertigstellungtermin könne man aktuell aber noch keine Auskunft geben, so die Sprecherin.

    Postbank-Hochhaus (Berlin)
    ►https://de.m.wikipedia.org/wiki/Postbank-Hochhaus_(Berlin)

    Blaue Augen
    ▻https://de.m.wikipedia.org/wiki/Blaue_Augen?searchToken=2wqimfpy2l6ptlnzu8q7191bk

    ►https://www.youtube.com/watch?v=uaEiVAODN-A

    #Berlin #Kreuzberg #Hallesches_Ufer #Großbeerenstraße #Stadtentwicklung #Architektur #Privatisierung #Gentrifizierung #Wohnen #Immobilien

  • Berlin’s failed rental revolution - Exberliner
    ▻https://www.exberliner.com/berlin/berlins-failed-rental-revolution-crisis-expropriation-mietendeckel-entei

    8.8.2022 - How Berlin went from cheap rents to a housing crisis, saw its rent cap defeated and what will happen next with calls for expropriation.

    Nick saw it all coming. In the early 2000s, while some Berliners were spending less on rent than on beer, Nick and his partner took out a mortgage on an apartment in Kreuzberg. Friends were puzzled.

    “My German friends told me I was crazy for buying a flat when it was so cheap to rent,” says Nick, a Canadian importer. “They thought Berlin was immune to what was happening elsewhere. But I lived through one property boom in Vancouver. I knew what was coming.”

    Today Nick pays no rent, and his apartment is worth at least five times more than it cost. But his paper profit brings little comfort: selling would only require buying again at today’s fast-rising prices. And money can’t buy what doesn’t exist.

    Berlin’s housing drama is a story of knock-on effects: ignorant optimism – leaderless capitulation – ill-fated regulatory resistance – crushing legal defeat. But Berlin’s rental revolutionaries haven’t given up hope.

    Easy pickings

    Finding a rental apartment in Berlin in the early 2000s was as simple as walking down the street and ripping a tab off a “Zu vermieten” flyer. If you didn’t mind coal heating and shared hallway toilets, Berlin was your oyster.

    Most real estate investors were scared away by the lack of viable industry, and a militant anarcho-leftist scene which burnt cars to defend its territory. Cowed by a guilty conscience and an oversupply of flats, mainstream-voter landlords showed unusual pricing restraint.

    At the turn of the millennium, around five percent of Berlin flats were vacant (today it’s less than 1 percent). In 2002, the average rental price was €6.07 per m2 (it’s now €10.55 per m2). Demand was so low that the city’s public investment bank called for “necessary measures such as demolition and de-construction.”

    The sell-off

    Berlin’s leaders found another way of getting rid of property. The neoliberal SPD mayor Klaus Wowereit and his finance minister Thilo Sarrazin saw the city’s publicly-owned apartments as a piggy bank to pay off the city’s enormous debt.

    That strategy amounted to a fire sale of its assets. Between 2002 and 2007, Wowereit’s SPD, in coalition with Die Linke, sold off more than 110,000 flats – almost one third of the city’s housing stock. In one sale, 66,000 apartments were sold to investors including Goldman Sachs for €405 million – or €6000 for each flat.

    Only one regulation existed to control prices, capping increases at 20 percent over three years on existing contracts. But there were no limits on how much landlords could charge for new contracts. Sharp-eyed investors saw through the rhetoric of strong tenants’ rights, realising there was room for exploitation and no penalties for infringement.

    The buy-up

    With the Berlin Wall long gone, waves of international capital flooded the property market. The ‘tide that lifts all boats’ became a tsunami that smashed all cities, though the money took a little longer to wash up the Spree.

    In response to the 2008 global financial crash, governments printed trillions of dollars, euros and pounds and slashed interest rates, hoping investors would fund new job-creating activities. Instead they bought up undervalued assets with easy returns.

    Between 2009 and 2018, investors spent €139 billion purchasing old buildings in Berlin, and only €16 billion building new ones, according to research by Die Linke. During the same period, around 20 percent of the city’s properties changed hands.

    By 2017, Berlin was experiencing some of the biggest property price increases in the world. The following year, Berlin was declared the number one city in Europe for property investment.

    Rental prices were levelling up to match cities such as Madrid and Milan. But incomes had failed to keep pace. Even today, the majority of Berliners spend more than 30% of their income on housing – a rate economists consider to be both unaffordable and unsustainable.

    Too little, too late

    Politicians made moves to slow the spike. In 2013, Berlin limited maximum allowed increases on existing contracts to 15 percent over three years. In 2015, the Federal Government ruled new rental contracts could only be 10 percent above average official prices, though the law was largely ignored: one report found 95 percent of all new property listings were priced above the legally allowed amount.

    By 2018, Berliners were finally furious about property prices. A demonstration against Mietenwahnsinn (rental madness) drew thousands of participants – newspapers said 13,000; demo organisers counted 25,000. Among their demands? The expropriation of investors’ properties.

    The rent freeze

    Spooked Berlin politicians responded by offering a more moderate, yet still extraordinary reform: instead of seizing private property, they proposed freezing all rental prices for five years.

    The idea, first floated within the SPD, was endorsed by Berlin’s governing coalition parties, including the Greens and Die Linke, and despite internal disputes and heavy opposition, it made its way into law. On January 30, 2020, the Berlin parliament voted on the Act for the Restriction of Residential Rents in Berlin, better known as the Mietendeckel, or rent cap.

    “It’s the biggest and most important reform in the city since the fall of the Berlin Wall,” said Rainer Wild of the Berlin Tenants’ Association at the session.

    The Mietendeckel effectively suspended the free market for rental property in Berlin, a city where rentals dominate the property sector. It stopped most price increases for five years, except for flats built after 2014, to create an incentive for new developments. It mandated rent reductions for leases worth over 20 percent of average official prices. Cheating landlords were threatened with fines of up to €500,000.

    Opposition parties and the real estate lobby were astounded. They mounted a PR offensive using the slogan “Bauen Statt Deckeln” – build, don’t cap – which claimed, falsely, that the Mietendeckel discouraged investors from building new apartments. Opponents brought a case before Germany’s Federal Constitutional Court. For almost a year, Berliners endured a cliffhanger wait to see if judges would uphold or kill the great rent freeze experiment.

    The meltdown

    “The Mietendeckel is void” was the court’s April 15, 2021 verdict, declaring the city’s attempt to control rent prices unconstitutional because only the federal government was entitled to regulate rents. Gleeful landlords demanded rental back-payments, some worth thousands of euros.
    When the rent cap was overturned, acivists looked for other ways to combat rising rents. Photo: IMAGO / IPON

    Then, in November, came a second devastating legal decision. The Federal Administrative Court ruled that governments could no longer buy property using Vorkaufsrecht, or right of first purchase, which had allowed the city to forcibly acquire more than 12,000 private apartments and put them in public or cooperative hands. Within the space of months, Berlin had lost its two most powerful weapons to control property prices.

    Landlords strike back

    For more than a year, the Mietendeckel kept rents in check. During that time, some landlords kept their flats off the market, preferring no income to reduced profit while awaiting the court decision. One study found there were 60 percent fewer advertised flats during the Mietendeckel-era.

    Those have since bounced back – along with rental prices. Another analysis found Berlin had experienced the biggest rental price increases in all of Germany.

    Another impact of the Mietendeckel was to speed up the conversion of rental apartments into private residences. With prices at record highs, many owners decided to cash out and sell their properties rather than lease them, leading to a huge drop in potential rental properties.

    Potential buyers are paying high prices. In 2021, average buying prices hit €5416 per sqm, nine percent more than in 2020. But a bigger problem than cost is the highly competitive market.

    Every rental property listed is hotly contested, according to the portal ImmobilienScout24. Buying is also a battle: up to five interested owners register for each available property weekly, and most have to bid above the asking price to secure a purchase.

    The remains of the day

    What hope remains for Berlin’s tenants, now that the Mietendeckel is dead, and judges have barred the city from purchasing properties via Vorkaufsrecht?

    Germany’s top courts have made it clear: only federal government intervention is allowed in the property market. But the current governing coalition shows little appetite for major reform, mostly due to resistance from the neoliberal FDP party.

    The federal coalition agreement between the SPD, Greens and FDP promises only to maintain the existing Mietpreisbremse, or rent brake, the legislation that caps new rental contracts at 10 percent of average prices. For existing contracts, the maximum allowed rental increase could be set at 11 percent over three years (down from the current 15 percent).

    However, bringing legal action against deviant landlords will be up to tenants And even then, tenants are limited to reducing their rent to the legal maximum, but only from the date they lodge their complaint.

    A new dawn

    Housing activists weren’t satisfied with such incremental change. They’re now waging an even bigger battle to secure a truly ground-breaking revolution. The initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen is demanding that the Berlin city government use an obscure constitutional provision to forcibly acquire the property of any owner possessing more than 3000 apartments.

    Advocates say it could bring over 240,000 flats into public ownership to better control rental prices, and argue it should cost around €8 billion. Its opponents – including all political parties except Die Linke and the Greens – argue it would cost around €36 billion, which is a little over the city’s current annual operational budget.

    The idea captured the imagination of most Berliners. The enteignen campaigners collected tens of thousands of petition supporters and triggered a referendum. With the rent freeze melted, and little visible political appetite for reform, many Berliners saw mass expropriation as the only remaining solution to price spirals. In September 2021, the enteignen proposal received a greater percentage of votes than the winning coalition parties.

    Despite the overwhelming democratic mandate, the SPD under new mayor Franziska Giffey is staunchly against expropriation. Instead of implementing the idea as demanded by voters, a so-called expert commission was set up to examine the proposal and provide a recommendation. Few expect a positive outcome. Even if the city’s politicians obeyed voters and implemented Enteignung, the expropriations would almost certainly be challenged in the courts, which have a track record of supporting investors.

    Failure of the enteignen initiative could leave its million-plus supporters feeling defeated, disillusioned and disenchanted with democracy. Or it could spawn a new generation of outraged activists seeking even more radical means to fight investors. Win or lose, the enteignen campaign will reshape the city’s property politics for years to come.

    After two decades of property price hikes and political failures, activists have learned the lesson: if you want a minor reform, demand a revolution. And if you get your revolution, prepare for revenge.

    #Berlin #Wohnen #Immobilien #Mietendeckel #Gentrifizierung #Spekulation

  • Denkmalgeschütztes Liebhaberobjekt mit Leerstand in zentraler Steglitz-Lage
    https:// www.engelvoelkers .com/de-de/exposes/denkmalgeschuetztes-liebhaberobjekt-mit-leerstand-in-zentraler-steglitz-lage-1501666496.689917825_exp/

    Die Gentrifizierung schreitet voran. Wo jetzt noch das Café und Veranstaltungsräume der hellenischen Gemeinde Berlins der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, stehen Verkauf und anschließende Schließung der EInrichtung im Raum. In den 2000er Jahren verkaufte die Evangelische Kirche das Gebäude der ehemaligen konfessionellen Grundschule an einen Privatbesitzer, der es wenige Jahre später für ein Vielfaches weiterveräußerte. Der aktuelle Besitzer will nun richtig Kasse machen und bietet Haus und Grundstück für über drei Millionen zum Kauf an. Zusammen mit Grunderwerbssteuer, Notar- und Maklerkosten werden etwa vier Millionen fällig.

    DENKMALGESCHÜTZTES LIEBHABEROBJEKT MIT LEERSTAND IN ZENTRALER STEGLITZ-LAGE
    Investment / Wohn- und Geschäftshäuser, Kauf | Deutschland, Berlin, Berlin, Steglitz

    877,33 m²
    Gesamtfl. ca.

    1.569 m²
    Grundstück ca.

    2,800,000 EUR
    ca. 2,371,641 GBP
    Kaufpreis

    E&V ID BE-OU1XA8
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    E-Mail
    WAS SIE ÜBER DIESE IMMOBILIE WISSEN SOLLTEN
    Baujahr 1907 Wohnfläche ca. 254,52 m² Gesamtfl. ca. 877,33 m² Grundstück ca. 1.569 m² Stellplatz 8 Bürofläche 622,81 m²
    AUSSTATTUNG UND BESONDERHEITEN DIESER IMMOBILIE
    Das um 1907 erbaute Objekt überzeugt durch die ansprechende Architektur mit der verklinkerten Fassade, die großzügigen und ausladenden Räumlichkeiten oder Stilelemente wie schmiedeeiserne Treppengeländer oder Terrazzoböden. Der vordere Gebäudeteil gliedert sich in zwei Einheiten und wird gewerblich genutzt. Die Fläche im 1.OG des Gebäudes wird zum Jahresende leer übergeben. Gewisse Flächen und Räumlichkeiten im EG und im 1.OG dienen der gemeinsamen Nutzung und sind als solche in den jeweiligen Mietverträgen ausgewiesen. Der vordere Gebäudeteil wird über eine Öl-Zentralheizung mit dezentraler Warmwasseraufbereitung beheizt. Das sehr großzügige Dachgeschoss ist nicht ausgebaut und bietet unter Berücksichtigung der denkmalschutzrechtlichen Auflagen ggf. ein zusätzliches Flächenpotenzial. Im Hinterhaus befinden sich drei Wohneinheiten, von denen aktuell die Einheit im Dachgeschoss leer steht und sich einem sanierungsbedürftigen Zustand befindet. Die vermieteten Wohneinheiten werden über Gasetagenheizungen beheizt. Für einige Stellplätze auf dem Grundstück besteht ein Nutzungsrecht für das Nachbargrundstück. Das Objekt befindet sich insgesamt in einem technisch einfachen Zustand, bietet aber für einen Erwerber aufgrund der vakanten Flächen in der zentralen und ruhigen Lage in Steglitz interessante Nutzungsoptionen.

    Kein Milieuschutzgebiet
    Baudenkmal
    Ansprechende Architektur und Altbaustilelemente
    Gute und zentrale Wohnlage
    Öl-Zentralheizung und Gasetagenheizungen
    Ggf. Ausbaupotenzial im Dachgeschoss
    Pkw-Stellplätze
    Durchschnittsmiete Wohnen: 4,71 EUR/m²
    Durchschnittsmiete Gewerbe: 7,67 EUR/m²

    161708

    STEGLITZ: LAGE UND UMFELD DIESER IMMOBILIE
    Das Objekt liegt in einer zentralen und etablierten Lage des Berliner Stadtteils Steglitz. Das Herzstück des Quartiers und gleichzeitig einen Ort der Erholung bildet der nahe gelegene Steglitzer Stadtpark mit seiner schönen und weitläufigen Grünanlage. Das Objekt liegt in einer mit altem Baumbestand begrünten und verkehrsberuhigten Wohnstraße mit einer überwiegend offenen Bebauung aus sanierten Mehrfamilienhäusern. Einkaufsmöglichkeiten und Cafés sind vielfach fußläufig erreichbar. Zudem befindet sich die Schloßstraße, Berlins zweitgrößte Einkaufsmeile, mit zahlreichen Einkaufszentren nur wenige Gehminuten vom Objekt entfernt. Im näheren Umfeld befinden sich ein Gymnasium und mehrere Kitas. Die Anbindung an das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel ist über diverse in unmittelbarer Nähe verkehrende Buslinien sowie über den S- und U-Bahnhof „Rathaus Steglitz“ optimal gewährleistet. Mit dem Pkw erreicht man in etwa drei Minuten die nahe gelegene Stadtautobahnauffahrt „Abzweig Zehlendorf“.

    #Berlin #Steglitz #Mittelstraße #Immobilien #Gentrifizierung #Privatisierung<;

  • Neue Senatsbaudirektorin in Berlin : Der große Ausverkauf
    ▻https://taz.de/Neue-Senatsbaudirektorin-in-Berlin/!5826441

    16.1.2022 von Matthias Grünzig - Petra Kahlfeldt gehört zur einflussreichen „Planungsgruppe Stadtkern“. Das SPD-nahe Netzwerk setzt sich für Stadtentwicklung durch Investoren ein

    Die Ernennung von Petra Kahlfeldt zur Senatsbaudirektorin führt zu kontroversen Debatten. Für besondere Sprengkraft sorgte der Umstand, dass Kahlfeldt in der Vergangenheit immer wieder für die Privatisierung öffentlicher Immobilien eingetreten war. Manche befürchten gar einen Rückfall in die Zeit des privatisierungsfreundlichen Senatsbaudirektors Hans Stimmann. Doch sind solche Befürchtungen überhaupt begründet?

    Die Geschichte der Berliner Privatisierungsdebatten reicht bis in die neunziger Jahre zurück. 1996 wurde ein sogenanntes „Planwerk Innenstadt“ vorgestellt, das für erheblichen Wirbel sorgte. Auftraggeber war die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unter Leitung des Senators Peter Strieder und seines Senatsbaudirektors Hans Stimmann (beide SPD). Für den Westteil waren Manfred Ortner und Fritz Neumeyer zuständig, den Ostteil planten der Stadttheoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm und der Architekt Bernd Albers. Die Projektleitung im Büro von Bernd Albers oblag Tobias Nöfer.

    Dieses „Planwerk Innenstadt“ barg erheblichen Konfliktstoff in sich, hatte es doch nichts Geringeres als eine radikale Umstrukturierung der Berliner Innenstadt zum Ziel. Im Zentrum stand die Privatisierung großer Teile des Berliner Zentrums. Öffentliche Grünflächen und Verkehrsflächen sollten parzelliert und an private Bauherren verkauft werden. Vor allem die Ensembles der Nachkriegsmoderne wie die Fischerinsel, die Karl-Marx-Allee, der Friedrichswerder und der Freiraum am Fernsehturm sollten großflächig privatisiert werden. Erste Schätzungen gingen von vermarktbaren Flächen von 1,7 Millionen Quadratmetern aus.
    Planung für reiche Stadtbürger

    Diese Planung hatte zwei Ziele: Auf der einen Seite sollten die Verkäufe Geld in die Landeskasse spülen. Auf der anderen ging es dem Planwerk um eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur. Nicht mehr die Mieter der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, sondern einkommensstarke „neue Stadtbürger“, die auf den privatisierten Grundstücken ihre Häuser bauen sollten, sollten künftig das Leben in der Innenstadt bestimmen.

    Doch schnell formierte sich auch Widerstand. Die Grünen und die damalige PDS kritisierten den Verlust von öffentlichen Freiflächen und stadtklimatisch wichtigen Grünräumen. Nach langen Auseinandersetzungen beschloss der damalige CDU/SPD-Senat am 18. Mai 1999 einen Kompromiss: Hans Stimmann konnte seine Privatisierungspläne auf dem Friedrichswerder durchsetzen. Im Gegenzug wurde die Fläche am Fernsehturm als „grün geprägter städtischer Freiraum“ festgeschrieben. Dieser Kompromiss wurde im Mai 1999 durch das Abgeordnetenhaus bestätigt.

    Auch die Berliner Stadtgesellschaft erlebte durch das „Planwerk Innenstadt“ eine Polarisierung. Die Stadt wurde in Stimmann-Anhänger und Stimmann-Gegner gespalten, beide Seiten bekämpften sich mit unversöhnlicher Härte. Petra Kahlfeldt gehörte während dieser Zeit zu den Unterstützern von Hans Stimmann. Das Büro Kahlfeldt Architekten entwarf dann auch Gebäude für den Friedrichswerder.

    2006 erfolgte die Pensionierung Stimmanns, im März 2007 begann seine Nachfolgerin Regula Lüscher ihre Arbeit. Lüscher machte bald deutlich, dass sie den Privatisierungsplänen des „Planwerks Innenstadt“ kritisch gegenüberstand. Unter ihrer Leitung wurde das „Planwerk Innenstadt“ allmählich zum „Planwerk Innere Stadt“ weiterentwickelt und dabei entschärft.

    Allerdings blieb Hans Stimmann auch nach seiner Pensionierung aktiv, er radikalisierte sich sogar zunehmend. Im Mai 2009 stellt er – exakt zehn Jahre nach dem Senatsbeschluss zum „Planwerk Innenstadt“ – das von ihm herausgegebene Buch „Berliner Altstadt“ vor. Darin stellte er ein Privatisierungskonzept für die Berliner Innenstadt vor, das das „Planwerk Innenstadt“ in puncto Radikalität weit in den Schatten stellte. Es sah noch größere Baumassen und noch kleinere Grünflächen vor. Der Verfasser dieser Planung war Bernd Albers, der schon am „Planwerk Innenstadt“ mitgewirkt hatte. Auch Tobias Nöfer war an dem Buch beteiligt. Mit aufwendigen Computeranimationen versuchten die Autoren, für ihre Bebauungspläne zu werben. Regula Lüscher ließ sich von diesem Vorstoß allerdings nicht beeindrucken.
    Ein Netzwerk entsteht

    Auch die Unterstützer Hans Stimmanns blieben aktiv. Sie gründeten 2011 die „Planungsgruppe Stadtkern“. Beteiligt waren unter anderen die Architekten Bernd Albers, Tobias Nöfer und Petra Kahlfeldt, die Journalisten Klaus Hartung und Gerwin Zohlen, der Projektentwickler Willo Göpel und der Historiker Benedikt Goebel.

    Die Planungsgruppe Stadtkern betrieb in der Folgezeit eine intensive Lobbyarbeit für eine Privatisierung der Berliner Innenstadt. Sie erarbeitete eine „Charta für die Berliner Mitte“, gab Bücher heraus und organisierte Ausstellungen. Petra Kahlfeldt nutzte ihre Tätigkeit als Professorin an der Berliner Hochschule für Technik im Sinne der Planungsgruppe Stadtkern. Sie ließ ihre Studenten mehrfach Bebauungspläne für öffentliche Grünflächen zeichnen.

    2012 initiierte Kahlfeldt sogar einen Studentenwettbewerb mit dem Titel „Häuser am Neuen Markt Berlin“, der auf eine Bebauung des Freiraums am Fernsehturm abzielte. Dafür suchte sie auch nach politischen Unterstützern: Als Partner fungierten Stefan Evers, der damals als stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Berliner CDU-Fraktion tätig war, und Volker Härtig, der Vorsitzende des SPD-Fachausschusses „Soziale Stadt“.

    In der Folgezeit knüpfte die Planungsgruppe Stadtkern enge Verbindungen zur SPD. Wichtige Mitglieder der Gruppe wurden auch SPD-Mitglieder. Neben Volker Härtig unterstützte SPD-Kulturstaatssekretär André Schmitz die Gruppe. Allerdings stand nicht die gesamte SPD hinter den Plänen der Planungsgruppe.
    Kampf um das Zentrum

    Der 2011 ins Amt gelangte Stadtentwicklungssenator Michael Müller konnte sich für die Privatisierungspläne nicht begeistern. Er vertraute seiner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und stand den Plänen der Planungsgruppe eher ablehnend gegenüber. Während seiner Amtszeit wurde sogar eine Neuausrichtung der Berliner Liegenschaftspolitik eingeleitet. Die Privatisierungen landeseigener Immobilien wurden gestoppt, auch begann der Ankauf privater Immobilien durch die öffentliche Hand.

    In den Folgejahren gerieten die Planungsgruppe Stadtkern und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher in einen immer schärferen Gegensatz. Beide Seiten vertraten nicht nur unterschiedliche Vorstellungen von Stadt, sie setzten auch auf unterschiedliche stadtentwicklungspolitische Strategien. Während Lüscher zunehmend Bürgerbeteiligungsverfahren initiierte, propagierte die Planungsgruppe eine Steuerung der Stadtentwicklung durch Expertengremien.

    Diese Gegensätze entluden sich 2015 im Rahmen der Stadtdebatte „Alte Mitte – Neue Liebe“. In diesem ergebnisoffenen Partizipationsverfahren, das von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung durchgeführt wurde, sollte über die zukünftige Gestaltung des Freiraums am Fernsehturm diskutiert werden. In zahlreichen Fachkolloquien, Bürgerwerkstätten, Onlinedialogen und Stadterkundungen konnten Bürgerinnen und Bürger ihre Vorstellungen einbringen. Auf einem Halbzeitforum konnten sie sogar per TED-Abstimmung über Entwicklungsalternativen befinden. Bei dieser Abstimmung votierte eine große Mehrheit gegen eine Privatisierung des öffentlichen Freiraums.

    Für die Planungsgruppe Stadtkern stellte dieses Verfahren einen Affront dar. Sie kritisierte das Verfahren als „expertenfeindlich“. Besonders empörte die Planungsgruppe-Aktivisten, dass selbst „fachlich nicht ausgebildete Personen nach ihren Vorstellungen und Vorlieben“ befragt wurden. Benedikt Goebel erklärte, dass er an dem Verfahren nur teilnehmen würde, um „Frau Lüscher aus der Nähe beim Scheitern zuzuschauen“.

    Die Rechnung ging allerdings nicht auf. Das Verfahren wurde ein großer Erfolg. Am Ende konnten sich die Bürgerinnen und Bürger auf zehn Bürgerleitlinien einigen. Zugleich bescheinigte eine unabhängige Untersuchung durch das Deutsche Institut für Urbanistik dem Verfahren eine große Glaubwürdigkeit. 2016 wurden die Bürgerleitlinien von allen Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses beschlossen. Auf dieser Grundlage wurde 2021 ein freiraumplanerischer Wettbewerb durchgeführt, den das Kölner Büro RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten für sich entscheiden konnte.

    Dennoch blieb die Planungsgruppe Stadtkern aktiv. Sie war schon 2014 dem Verein Bürgerforum Berlin beigetreten und firmierte teilweise unter dem Label des Bürgerforums. Zudem konnte sie ihren Einfluss im „Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg“ (AIV) ausbauen. 2019 wurde Tobias Nöfer zum AIV-Vorstandsvorsitzenden gewählt. Weitere Führungsmitglieder waren Benedikt Goebel und Petra Kahlfeldt.

    Zudem konzentrierte die Planungsgruppe nun ihre Bemühungen auf den Molkenmarkt. Hier plante die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung den Neubau bezahlbarer Wohnungen durch landeseigene Wohnungsgesellschaften. Die Planungsgruppe dagegen forderte in einem Aufruf vom Februar 2019 die Vergabe der Grundstücke an private Bauherren.

    Der Machtverlust von Michael Müller und der Aufstieg von Franziska Giffey eröffnete dem Planungsgruppe-Netzwerk neue Spielräume, zumal sich bald auch inhaltliche Gemeinsamkeiten mit der neuen Landesvorsitzenden zeigten. Giffey machte schnell deutlich, dass sie private Immobilieneigentümer stärker fördern will. Folgerichtig unterstützten die Aktivisten der Planungsgruppe Franziska Giffey im Wahlkampf. Sie unterzeichneten zum Beispiel den Aufruf „Weiterdenken statt enteignen“ gegen das Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“.
    Hoffnung Koalitionsvertrag

    Schon bald nach der Abgeordnetenhauswahl 2021 wurde das gewachsene Gewicht der Planungsgruppe sichtbar. Tobias Nöfer war im Verhandlungsteam der SPD an den Koalitionsverhandlungen beteiligt. Mit der Ernennung von Petra Kahlfeldt zur Senatsbaudirektorin hat der Einfluss der Planungsgruppe Stadtkern ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

    Allerdings ist dieser Erfolg nur ein halber Sieg. Denn in der neuen Koalitionsvereinbarung konnte das Netzwerk nur wenige Forderungen unterbringen. Öffentliche Immobilien sollen auch in Zukunft nicht privatisiert werden, und der Freiraum am Fernsehturm soll als öffentlicher Grünraum nach dem Entwurf von RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten qualifiziert werden. Es besteht also eine erhebliche Kluft zwischen den Zielen des Koalitionsvertrages und den Vorstellungen der Planungsgruppe Stadtkern. Die Zukunft wird zeigen, ob Petra Kahlfeldt ihre Arbeit am Koalitionsvertrag oder an ihren bisherigen Überzeugungen ausrichtet.

    Matthias Grünzig ist Mitglied der Initiative Offene Mitte Berlin, Autor eines Buchs über die Potsdamer Garnisonkirche und Mitinitiator des Briefs „Offener Brief zur Neubesetzung der Position des neuen Senatsbaudirektors / der neuen Senatsbaudirektorin“, der von über 650 Personen unterzeichnet wurde

    #Berlin #Stadtentwicklung #Privatisierung #Gentrifizierung #Politik #SPD