• Geheimrat oder Varieté-Tänzerin? Wer früher in Ihrer Berliner Wohnung lebte
    https://www.berliner-zeitung.de/article/geheimrat-oder-variete-taenzerin-wer-frueher-in-ihrer-berliner-wohn

    Netter Versuch, aber wer es ernst meint mit seinen Recherchen, muss noch ein bischen mehr machen. Immerhin ein Einstieg.

    17.7.2026 von Oliver Weinlein - Adressbuch-Archiv der ZLB: Namen, Berufe und Adressen der Berliner von 1707 bis 1992 online durchsuchen – Anleitung und Tipps zur Suche.

    Wer schlürfte vor 100 Jahren in Ihrer Küche seinen Kaffee? Die Antwort liegt nur ein paar Klicks entfernt – und sie kostet keinen Cent.

    Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) hat die Berliner Adress-, Telefon- und Branchenbücher der Jahre 1707 bis 1991/1992 in ihrer Digitalen Landesbibliothek vollständig online gestellt. Rund 250 Millionen Einträge zu Einwohnern, Gewerben und Behörden aus 300 Jahren lassen sich am Bildschirm durchblättern.

    Was in den alten Wälzern steht

    Die Adressbücher erschienen ab 1799 zunächst unregelmäßig, ab 1822 dann jährlich. Sie verzeichnen die Haushaltsvorstände Berlins und seiner Vororte – mit Adresse und Beruf.

    Viele Jahrgänge enthalten zudem ein Straßenverzeichnis mit Mietparteien, Eigentümern und Verwaltern sowie ein Branchenverzeichnis der Gewerbetreibenden. Wer also wissen will, ob im heutigen Späti früher eine Kohlenhandlung oder ein Hutmacher saß, wird hier fündig.

    Noch weiter zurück reichen die Berliner Adresskalender ab 1707, die zum Teil von der Staatsbibliothek zu Berlin bereitgestellt werden. Auch die Ost-Berliner Telefonbücher bis zur Wendezeit gehören zum Bestand.

    Foto
    Titelblatt des „Allgemeinen Wohnungs-Anzeigers für Berlin und Umgebungen“ von 1854: Der Band verzeichnete die Wohnungen sämtlicher Einwohner, geordnet nach Namen, Straßen und Gewerben. © ZLB

    So funktioniert die Zeitreise

    Der Einstieg läuft über das Portal digital.zlb.de. Dort wählen Sie einen Jahrgang aus und klicken sich durch die Abschnitte: Die Bücher sind in der Regel nach Namen, Branchen, Behörden sowie Straßen gegliedert.

    Für die eigene Wohnung ist das Straßenverzeichnis der schnellste Weg: Straße und Hausnummer suchen, fertig. Wer Vorfahren aufspüren will, startet im alphabetischen Einwohnerverzeichnis.

    Die alte Frakturschrift schreckt manche ab. Die ZLB bietet dafür eine kostenlose Lesehilfe als PDF an – alternativ hilft die Texterkennung des Smartphones.
    Zwei Fallstricke sollten Sie kennen

    Erstens: Verzeichnet wurden nur die Haushaltsvorstände – nicht Ehefrauen, Kinder oder Untermieter. Erich Kästner etwa fehlt in vielen Jahrgängen, weil er in Berlin lange zur Untermiete wohnte.

    Zweitens: Berlin wurde erst 1920 durch das Groß-Berlin-Gesetz zu der Stadt, wie wir sie heute kennen. Wer vor diesem Jahr in Schöneberg, Lichtenberg oder Tegel sucht, muss in die separaten Adressbücher der damals eigenständigen Orte schauen.

    Übrigens: Straßennamen haben sich vielfach geändert. Die heutige Torstraße in Mitte hieß früher Elsasser Straße – bei der Suche lohnt der Blick auf historische Stadtpläne. Das Kartenportal HistoMap erlaubt grundstücksgenaue Recherchen auf historischen Karten.

    Das Archiv ist kein nostalgisches Kuriositätenkabinett, sondern eine der wichtigsten frei zugänglichen Quellen zur Berliner Stadtgeschichte. Auch das Jüdische Adressbuch für Groß-Berlin von um 1930 gehört zum digitalisierten Bestand – ein Dokument von besonderem zeitgeschichtlichem Gewicht.

    #Beelin #Geschichte #Adressbuch

  • Berlins berühmteste DDR-Ruine verschwindet – hier sollen mehr als 1000 Wohnungen entstehen
    https://www.berliner-zeitung.de/article/berlins-beruehmteste-ddr-ruine-verschwindet-hier-sollen-mehr-als-10

    Wie alles anfing - die Völkerfreundschaft mit Vietnam wurde in der DDR gelebt auch von der Familie. Immer wieder wurde gesammelt, Päckchen und wertvolle Pakete gesnd. Nach einiger Zeit waren Freundschaften entstanden und es bedurfte keiner stastlichen oder politischen Intervention., um sie zu pflegen Nach 1989 folgten schwierige Zeiten, weil die BRD die nun unerwünschten Ausländer loswerden wollte.

    Dass sie blieben ist heute eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft. Aus diesem Grund ist das Verschwinden der Vertragsarbeitersiefdung ein Verlust eigener Geschichte.

    13.7.2026 von Oliver Weinlein - An der Gehrenseestraße in Alt-Hohenschönhausen wird der bekannte Lost Place abgerissen – die DDR-Vertragsarbeitersiedlung. HOWOGE plant über 1.000 Wohnungen.

    An der Gehrenseestraße in Alt-Hohenschönhausen stehen die ersten Bagger. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Leerstand hat der Abriss der bekannten DDR-Vertragsarbeitersiedlung begonnen.

    Auf dem Gelände in Lichtenberg soll ein neues Quartier mit mehr als 1.000 Wohnungen entstehen – dazu eine Schule, Kitas und Gewerbe. Das Projekt trägt den Namen „Gehrenseehöfe“.
    Der Verfall täuscht: Hinter dem Bauzaun geht es los

    Wer heute an der Gehrenseestraße vorbeikommt, sieht Ruinen. Fenster und Türen fehlen, Graffiti bedecken die Fassaden, Büsche und junge Bäume haben das Areal zurückerobert.

    Der sichtbare Verfall täuscht jedoch über die laufenden Arbeiten hinweg. Am östlichen Rand des Geländes werden bereits erste Gebäudeteile entfernt.

    Dort soll zuerst eine Schule entstehen. Geplant ist eine sogenannte 2-in-1-Schule mit Sporthalle auf dem Dach. Nach den bisherigen Planungen soll sie 2028 fertig werden und zum Schuljahr 2028/29 öffnen.

    Foto
    Blick über das Areal an der Gehrenseestraße: Neun leerstehende Plattenbauten prägen den Lost Place in Alt-Hohenschönhausen. Hier plant die HOWOGE ein neues Quartier. © Jörg Carstensen/Imago
    Mehr als 1.000 Wohnungen zwischen Gehrensee- und Wollenberger Straße

    Auf dem über 6,3 Hektar großen Areal planen die landeseigene HOWOGE und der private Partner Belle Époque ein Hof- und Hochhausquartier. 274 Wohnungen übernimmt die HOWOGE selbst, die Hälfte davon öffentlich gefördert.

    Vorgesehen sind Ein- bis Fünfzimmerwohnungen mit barrierefreien Zugängen. Hinzu kommen rund 4.900 Quadratmeter Gewerbefläche.

    Das städtebauliche Konzept stammt von MLA+ Architecture und Atelier Loidl. Es orientiert sich an klassischen Berliner Wohnhöfen mit geschützten Innenbereichen und einzelnen höheren Gebäuden.

    Neben den Wohnungen sollen zwei Kitas, Spielplätze, Läden und Angebote für Studierende, ältere und pflegebedürftige Menschen entstehen. Auch Flächen für soziale, kulturelle und medizinische Nutzungen sind eingeplant.
    Vom Vertragsarbeiterheim zum Lost Place

    Das Gelände ist mehr als eine Brache. Es ist ein Stück DDR-Geschichte, das lange dem Vergessen preisgegeben war.

    Der Komplex entstand zwischen 1977 und 1980, zunächst als Unterkunft für Bauarbeiter der großen Neubaugebiete im Berliner Osten. Ab 1982 zogen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik, Angola und Kuba ein.

    In neun sechsgeschossigen Blöcken lagen rund 1.000 kleine Wohneinheiten. Die Gehrenseestraße wurde zum größten Wohnstandort der vietnamesischen Gemeinschaft in der DDR. Grundlage war das Regierungsabkommen zwischen der DDR und Vietnam vom 11. April 1980.

    Foto
    Blick aus dem Wohnheim Gehrenseestraße, 1998: Ein vietnamesischer Vertragsarbeiter schaut über die damals noch bewohnten Plattenbauten in Alt-Hohenschönhausen. Er kam 1987 in die DDR – nach der Wende wurde die Existenz vieler Vertragsarbeiter prekär. © Imago / Christian Ditsch

    Die Bedingungen waren beengt. Häufig teilten sich drei bis vier Menschen ein Zimmer von rund 16 Quadratmetern, Küche und Sanitärräume wurden gemeinsam genutzt.

    Integration in die Stadtgesellschaft war nicht vorgesehen. Von rund 60.000 vietnamesischen Vertragsarbeitern in der DDR blieben etwa 16.000 nach der Wende – Lichtenberg gilt bis heute als Zentrum der vietnamesischen Community in Deutschland.

    Nach 1990 dienten die Häuser als Unterkunft für Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien, für Spätaussiedler und Asylsuchende.

    2003 endeten die letzten Mietverhältnisse. Danach standen die Blöcke leer, wurden entkernt und verfielen. Mehrere Eigentümerwechsel und gescheiterte Planungen zogen die Entwicklung über Jahre hin.

    Warum der Wohnungsbau erst 2028 beginnt

    Der Teilabriss bedeutet noch nicht, dass die Wohnungen unmittelbar gebaut werden. Für den südlichen Bereich läuft weiterhin das Bebauungsplanverfahren 11-165.

    Nach Angaben des Berliner Senats stehen unter anderem eine erneute Behördenbeteiligung, städtebauliche Verträge, die öffentliche Auslegung und der politische Beschluss noch aus. Erst danach folgen die konkrete Gebäudeplanung und das Genehmigungsverfahren.

    Die HOWOGE nennt Oktober 2028 als Baubeginn und September 2032 als Fertigstellung ihres Bauabschnitts. Bis dahin sollen auch Teile der Wollenberger und der Gehrenseestraße umgebaut werden.

    Mit dem Abriss beginnt nun die schrittweise Neuordnung eines Areals, das über 20 Jahre ungenutzt blieb.

    #Berlin #Alt-Hohenschönhausen #Gehrenseestraße #Stadtentwicklung #DDR #Geschichte #Vietnam #Migration #Vertragsarbeiter

  • Carmen-Maja Antoni: „Ich bin gar kein Fan davon, wie sich der Prenzlauer Berg entwickelt hat“
    https://www.berliner-zeitung.de/article/carmen-maja-antoni-ich-bin-gar-kein-fan-davon-wie-sich-der-prenzlau

    10.7.2026 von Anne Vorbringer - Sie hat nie woanders als in Berlin gelebt, Prenzlauer Berg ist ihr Zuhause. Wieso Carmen-Maja Antoni mit ihrem Kiez fremdelt – und nicht als Ost-Schauspielerin bezeichnet werden will.

    Sie war eine der profiliertesten Charakterdarstellerinnen der DDR, sie hat alle großen Brecht-Rollen gespielt und ist besonders dem Berliner Ensemble eng verbunden: Carmen-Maja Antoni.

    Verbunden ist die 80-jährige Berlinerin auch ihrer Heimatstadt, wenngleich diese ihr mittlerweile so einiges abfordert. Antoni hat Berlin nach dem Krieg erlebt, in der Zeit der Teilung und auch die vielen Jahre danach. Die Stadt hat sie geprägt – und umgekehrt.

    Wie sie nach der Wende um ihr Herzenstheater kämpfte, warum sie immer nur ein paar Straßen weiter umzog und inzwischen ganz schön genervt ist von ihrem Kiez – das alles hat uns Carmen-Maja Antoni im Fragebogen erzählt. Als Schauspielerin ist sie immer noch viel beschäftigt, derzeit kann man sie in der ZDF-Comedy-Serie „Merz gegen Merz“ sehen – als Mutter der Hauptfigur Erik Merz, gespielt von Christoph Maria Herbst.

    1. Frau Antoni, Sie sind im August 1945 in Berlin zur Welt gekommen. Was sind Ihre frühesten Kindheitserinnerungen an die vom Krieg zerstörte Stadt?

    Die prägendste Erinnerung aus dieser Zeit ist der Hunger. In meinen ersten Lebensjahren war es das beherrschende Thema: Woher bekommen wir etwas zu essen, wie bekommen wir diesen Hunger weg? Ab 1950 wurde es dann besser.

    2. Sie sind in einer Reihenhaussiedlung in Adlershof aufgewachsen und haben schon sehr früh fürs Fernsehen gearbeitet, um die Familie zu ernähren. Kann man da überhaupt von Kindheit sprechen?

    Ja, klar. Ich habe ja etwas getan, was mir Spaß machte. Und dafür habe ich Geld bekommen. Besser geht es doch gar nicht. Das Fernsehen war die beste Schule für meinen späteren Beruf am Theater. Es disziplinierte, man musste vorbereitet sein und sollte sich möglichst nicht versprechen, schließlich waren wir meistens live auf Sendung.

    3. Sie sind im Laufe Ihrer Karriere im Hans-Otto-Theater, der Volksbühne und dem berühmten Berliner Ensemble aufgetreten. Welcher Bühnenmoment hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

    Eigentlich alle – das Theater an sich. Ich hatte alle großen Brecht-Rollen, von Mutter Courage bis zur Grusche. Ich habe Helene Weigel getroffen, mit Benno Besson und Claus Peymann gearbeitet, das ist fantastisch. Sehr besonders war natürlich meine Abschiedsaufführung am BE. Das Publikum schenkte mir eine halbe Stunde Standing Ovations. Diese Anerkennung von den Zuschauern zu bekommen, das hat mich sehr glücklich gemacht.

    4. In einem ARD-Porträt aus Anlass Ihres 80. Geburtstags heißt es über Sie, Sie hätten das – wenngleich unausweichliche – Ende der DDR nicht herbeigesehnt. Wie fühlten Sie sich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall in der wiedervereinten Stadt?

    Also so würde ich das überhaupt nicht formulieren. Es war doch klar, dass es mit der DDR so nicht weitergehen konnte. Ich war am 4. November 1989 auch auf der Straße, ich wollte die Veränderung, war für Presse- und Reisefreiheit. Als Ensemblemitglied des BE hatte ich ja die Möglichkeit, Gastspielreisen in westliche Länder zu unternehmen. Diese Möglichkeit wünschte ich allen Menschen.

    Die ersten Jahre nach der Wende waren in Berlin insofern ziemlich ernüchternd, als dass die Theater plötzlich leer blieben. Die Leute hatten andere Interessen, sie konsumierten, kauften Dinge, viele übernahmen sich. Gleichzeitig waren die Sorgen groß, denn alles hatte sich verändert: Kann ich mir die Miete noch leisten, wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Diese Sorgen plagten auch mich. Es war nicht klar, wie es am Theater weitergehen würde, das Berliner Ensemble kämpfte ums Überleben – und wir kämpften mit.

    5. Wie blicken Sie heute, fast 37 Jahre nach der Wende, auf die Ost-West-Debatte, wie sie aktuell geführt wird?

    Ich unterhalte mich sehr oft mit jungen Menschen, mit Studenten an der Ernst Busch zum Beispiel. Ich will wissen, was sie denken, will nach vorne schauen und nicht zurück. Die DDR ist Geschichte und man will sie doch nicht zurückhaben. Ostalgie ist so gar nicht mein Ding. Man kann das gern als Hobby betreiben, aber das sollte es dann auch gewesen sein. Mich ärgert es auch, wenn ich als Ost-Schauspielerin bezeichnet werde. Ich meine, gibt es auch Süd-Schauspielerinnen? Ich habe länger in der Bundesrepublik als in der DDR Theater gespielt, also wenn schon, dann bin ich ja wohl eine West-Schauspielerin!

    6. Gewohnt haben Sie aber immer im Ostteil der Stadt, in Prenzlauer Berg. Wie kam es dazu?

    Ich habe nie woanders gelebt als in Berlin. Hier habe ich gearbeitet, hier waren meine Bühnen. Wo sonst sollte ich also hin? In Prenzlauer Berg ist mein gesamtes Umfeld: Freunde, die Orte meiner Familie, die Läden und die Bäcker, die ich kannte. Also bin ich zwar fünfmal umgezogen, aber immer nur ein paar Straßen weiter.

    7. Prenzlauer Berg hat sich sehr verändert in den letzten Jahrzehnten. Wie gefällt Ihnen das?

    Ich bin gar kein Fan davon, wie sich der Prenzlauer Berg entwickelt hat. Durch die steigenden Mieten gehen die Alteingesessenen, die Zugezogenen klagen die Bars und Restaurants weg, weil es ihnen zu laut ist. Es gibt kaum noch alte Menschen auf der Straße, und immer mehr Läden müssen schließen. An der Schönhauser Allee, wo ich wohne, ist es besonders schlimm. Alles ist eine riesige Baustelle und ein einziges Verkehrschaos. Ich prophezeie mal, in zwei Jahren sind wir hier tot, dann gibt es nur noch Häuser, in denen irgendjemand wohnt.

    Die Gaststätten sind am schlimmsten dran. Was neben den hohen Gewerbemieten auch daran liegt, dass man nirgendwo mehr parken kann. Ich habe auch schon Strafzettel bekommen, weil ich länger als drei Minuten irgendwo gestanden habe. Es können nun mal nicht alle Menschen E-Roller fahren oder Fahrrad. An der Schönhauser gibt es neue Radwege, aber die Radfahrer fahren trotzdem auf dem Gehweg und überall, wo sie wollen. Das ist doch kein Zustand. Naja, man hat sehr viel auszusetzen im Moment an der Stadt. Merkwürdigerweise. Obwohl ich sie doch eigentlich liebe.

    Foto
    Die Stadt wird aggressiver, findet Carmen-Maja Antoni. © Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    8. Was nervt Sie am meisten?

    Die vielen Baustellen. Überall sieht man rot-weiße Absperrungen, aber nichts verändert sich. Ob Montag, Dienstag oder Freitag, nie arbeitet jemand, alles bleibt einfach so stehen. So etwas kennt man wirklich in keinem anderen Land. Dass man es nicht schafft, innerhalb von Stunden oder Tagen mal ein Loch auf der Straße auszubessern. Das verursacht Unmut und macht alle Teilnehmer im Straßenverkehr aggressiv. Die Stadt wird aggressiver, würde ich sagen. Und das ist schade. Schlecht für jedes Viertel.

    9. Und was lieben Sie an der Stadt?

    Die ganzen Events, die es gibt, die Ausstellungen und Museen, das Kulturangebot, die Berlinale – all das ist natürlich toll. Und dass wir Sommer haben, man draußen sitzen kann, die Menschen sich treffen und miteinander reden. Ich finde, nach jedem überstandenen Winter wird man in dieser Stadt wieder mutig, optimistisch und sagt sich: Das wird schon.

    10. Gibt es ein Restaurant, in dem Sie besonders gerne reservieren?Ich mag italienische Restaurants. In Pankow gibt es einen Italiener, da kann man sehr schön draußen sitzen. Man guckt auf eine große Wiese und denkt, man ist gar nicht mehr in der Stadt. Ortskundige werden wissen, welchen Ort ich meine.

    11. Ihre persönliche No-Go-Area?

    Den Kudamm finde ich enttäuschend. Man läuft elendig lang, aber die ganzen Highlights sind eigentlich verschwunden. Alles wird zugebaut und die Geschäfte sind unglaublich elitär und teuer. Es gibt Gegenden, die erzählen mir einfach nichts. Und da muss ich ja dann nicht hin.

    12. Der beste Stadtteil Berlins – und der schlimmste?

    Naja, der schlimmste wird wohl bald Prenzlauer Berg sein. Dabei war es mal so ein toller, interessanter Stadtteil. Jetzt wird alles mit gläsernen Gebäuden zugebaut und jede Lücke, in der eine Parkbank stand, ist weg. Andererseits gibt es wunderschöne Gegenden wie den Treptower Park, wo man Wasser hat und viel Grün. Das ist eben auch Berlin. Und Brücken – ich liebe Brücken und mache gerne diese Brückenfahrten, bei denen man die Stadt vom Wasser aus sieht. Man entdeckt immer noch was Neues.

    13. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

    Erstmal Brötchen holen oder Croissants, und dann zu Hause bei geöffneten Fenstern richtig schön lange frühstücken. Dann auf dem Balkon die Blümchen gießen und einen Plan für den Tag machen. Ich habe ja eine Enkeltochter, die gerne viel unternehmen möchte. Wir suchen den besten Spielplatz – das ist auch so ein Thema in Berlin: Man fährt eine halbe Stunde mit dem Auto, um einen Spielplatz zu finden, auf dem nichts passieren kann.

    Ein Kinobesuch muss auch sein, mit einer großen Tüte Popcorn für das Kind. Am Samstag und am Sonntag gleich nochmal. Oder wir gehen ins Puppentheater, meine Tochter sucht da immer großartige Sachen raus. Berlin hat ja so tolle Angebote, da kann man echt nichts sagen. Ob man ins Spionagemuseum geht, ins Deutschlandmuseum oder ins Legoland. Jedes Wochenende kannst du dir was anderes rauspicken.

    Und wenn ich Berlin gar nicht mehr aushalte, fahre ich an die Ostsee. Seit ein paar Jahren habe ich ein Häuschen auf Usedom. Das ist mein Fluchtpunkt – und den braucht man auch.

    ZUR PERSON
    Jordis Antonia Schlösser/

    Carmen-Maja Antoni wurde noch während ihrer Schauspielausbildung in Potsdam engagiert. 1970 ging sie zu Benno Besson an die Volksbühne und 1976 zu Ruth Berghaus ans Berliner Ensemble. Unter der Intendanz von Claus Peymann stieg sie ein zweites Mal zur Protagonistin des Hauses auf.

    In Film und Fernsehen trat sie in unzähligen kleinen, immer prägnanten, aber auch in tragenden Rollen auf. Sie spielte fast 20 Jahre an der Seite von Iris Berben in der TV-Serie „Rosa Roth“, die Schwester des Dorfpolizisten Horst Krause und im Mehrteiler „Der Laden“ die patente Großmutter. „Merz gegen Merz: Entscheidungen“ ist schon online streambar, am 20. August um 20.15 Uhr läuft der Film dann im ZDF.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Stdtentwicklumg #Thester #Geschichte

  • Kauperts Straßenverzeichnis von Berlin online bei archive.org, letzte Ausgabe 12/2025
    https://web.archive.org/web/20251204013557/https://m.kauperts.de/Strassenverzeichnis

    Leider unvollständig archiviert, nur zu Vergleichszwecken tauglich um andere Quellen zu überprüfen, Archivzugang zu umständlich für die tägliche Arbeit.

    Die Links aus Openstreetmap / OsmAnd zu Wikipedia sind u.U. hilfreicher.

    https://osmand.net

    #Berlin #Straßenumnenennung #Stadtführer #Kaupert #Geographie #Stadtentwicklung #Geschichte

  • Die Reichsbahn – eine realsozialistische Insel in West-Berlin
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1200825.kalter-krieg-die-reichsbahn-n-eine-realsozialistische-insel-in-we

    Die Reichsbahn kämpfte in West-Berlin mit niedrigen Fahrgastzahlen. Foto: Wikimedia/Lothar Weber

    2.7.2026 von Nicolas Šustr - Von der Poliklinik über Parteisekretäre bis zu Materialmangel: Tausende Menschen arbeiteten zu Mauerzeiten für Westmark in einem DDR-Betrieb.

    Marianne ist der heimliche Star. Sie, die nach ihrer Ausbildung 1972 einen Arbeitsvertrag als Elektrikerin unterschrieb. Sich in der Männerdomäne durchbiss, bis sie nicht nur auf Bahnhöfen und in Stellwerken Lampen reinigen, Leuchtmittel tauschen und Steckdosen kontrollieren durfte, sondern auch Starkstromanlagen oder medizinische Geräte in der Poliklinik reparieren. Die bis in die Betriebsgewerkschaftsleitung aufstieg, wo sie laut eigenen Worten als »Kontrahäschen« bekannt war und schließlich ihren Posten 1983 niederlegte.

    Marianne war Reichsbahnerin. Reichsbahnerin in West-Berlin. Eine dieser vielen Kuriosa der Zeit der Teilung Deutschlands und Berlins. Denn die Deutsche Reichsbahn war ein DDR-Betrieb, dem nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten auch die Zuständigkeit für den Eisenbahnbetrieb in den Westsektoren der Stadt übertragen worden war. Ein Status, an dem im Kalten Krieg nicht zu rütteln war, ohne dass man schwerste Turbulenzen im fragilen Verhältnis zwischen Ost und West ausgelöst hätte.

    Die Fotografin Ines de Nil hat zusammen mit dem Kameramann und Filmemacher Detlef Fluch den Reichsbahnern in West-Berlin ein filmisches Denkmal gesetzt. »Wer bei der Reichsbahn war, war ein roter Hund« lautet der Titel des einstündigen Dokumentarfilms, in dem sechs Beschäftigte über den Alltag und die Besonderheiten ihrer Tätigkeit und der äußeren Umstände berichten. 2004 entstanden die Interviews – zehn Jahre nach Verschwinden der Reichsbahn durch Fusion mit der westdeutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG und 20 Jahre nach Übernahme des S-Bahn-Betriebs in West-Berlin durch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Der Film wurde erst 2013 fertig.

    1991 hatte Ines de Nil die Beschäftigten des damals kurz vor der Abwicklung stehenden Reichsbahn-Ausbesserungswerks Tempelhof erstmals fotografisch porträtiert. Das war rund ein Jahrzehnt später für sie und Detlef Fluch der Anlass, strukturierte Interviews mit einigen der Protagonisten zu führen, um diese besondere Situation zu dokumentieren. Der Film kam nie in die Kinos, nie ins Fernsehen, deswegen ist er nahezu unbekannt.

    Ende Juni zeigte der Bildungsverein Helle Panke, der Berliner Ableger der linksparteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung, den Film in seinen Räumlichkeiten in Prenzlauer Berg. Noch bis 4. September sind dort Fotos von Ines de Nil zu sehen. Hauptsächlich Porträts aus der Berliner Queer-Szene, mit denen die Fotografin bekannt wurde – aber auch Bilder der Reichsbahner.

    »Das war eben wirklich ein DDR-Betrieb, der auch so geführt wurde wie in der DDR«, sagt einer der Protagonisten des Dokumentarfilms. Mit Parteisekretären, Betriebsgewerkschaftsleitung, Materialmangel, Mittagessen für 60 Pfennige, eigener Poliklinik am Schöneberger Ufer und für westliche Verhältnisse vergleichsweise niedrigem Arbeitsdruck. Zuletzt rund 2000 Menschen arbeiteten in dieser realsozialistischen Insel in der selbsternannten Frontstadt.

    »Das war eben wirklich ein DDR-Betrieb, der auch so geführt wurde wie in der DDR.« West-Berliner Reichsbahner

    Die Motive der West-Berliner, bei diesem Ostbetrieb zu arbeiten, waren sehr unterschiedlich. Für manche war es die einzige Möglichkeit, bei ihrer Liebe, der Eisenbahn zu arbeiten, andere taten es aus politischer Überzeugung, wollten in einem sozialistischen Betrieb arbeiten und waren auch Mitglieder des SED-Ablegers Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW). Dies betraf jedoch laut Aussagen der Protagonisten vor allem die Führungsebene.

    »Es war auf den Dienststellen grundsätzlich immer nur so ein kleiner, harter Kern von SEW-Mitgliedern«, schildert ein Protagonist. »Wenn die ein Bier zu viel hatten, waren das auch nicht mehr so linientreue SEW-Mitglieder. Also da waren ein Haufen Leute dabei, die nur wegen gewisser Vorteile in diesem Verein drin gewesen sind.«

    Viel Sympathie ist den Reichsbahnern in West-Berlin nicht entgegengebracht worden. Seit dem Mauerbau 1961 gab es zahlreiche Boykottkampagnen gegen die S-Bahn, weil man damit den Stacheldraht finanziere, wie es unter anderem hieß. Waren besoffene Fußballfans unterwegs, flogen auch öfter mal Flaschen gegen die Beschäftigten.

    Und dann war da immer die politisch heikle Lage. Ein Stellwerker berichtet, dass ein Betriebsunfall an einem 17. Juni als gezielte Sabotage zum Jahrestag des Volksaufstands von 1953 angesehen worden ist. »Innerhalb von zehn Minuten war damals erst die Bahnpolizei und dann die Transportkriminalpolizei, da, und die haben das Stellwerk abgeschlossen und mir verboten, mit der West-Berliner Polizei die Umstände zu besprechen«, schildert er.

    Als dann die West-Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte und ihm bei Aussageverweigerung, wie es seine Dienststelle von ihm verlangte, eine Strafe von 1500 DM androhte, brach er sein Schweigen. »Das hat die Reichsbahn mir ein bisschen übel genommen.« Wegen des Personalmangels war die Strafversetzung jedoch nach wenigen Monaten Geschichte und er war wieder auf seinem alten Posten.

    Bezahlt wurden die Beschäftigten in Westmark, aber sozialversichert waren sie in der DDR, was dank des Pauschalsatzes nur Abzüge von 60 DM zur Folge hatte. »Wir hatten fast brutto gleich netto.«

    Ein großer Einschnitt war der Reichsbahnerstreik von 1980. Bereits Anfang des Jahres wurden Dutzende Menschen entlassen, was für Aufruhr sorgte, denn Entlassungen passten nicht zu einem sozialistischen Betrieb. Später im Jahr kam es zu dem Streik. Warum genau es dazu kam, sorgte bei vielen für Rätselraten.

    »Da waren damals schon ganz viele Kollegen der Meinung, dass der Streik irgendwie von der DDR lanciert wurde. Auf jeden Fall haben die kräftig nachgeholfen«, weil seit Jahren versucht worden sei, den mangels Fahrgästen hochdefizitären S-Bahn-Betrieb in West-Berlin loszuwerden. »Dann konnten man Alliierten beweisen, dass man keine Leute mehr dafür hat.« Nach langen Verhandlungen zwischen Ost und West übernahm 1984 die BVG den Betrieb.

    Nach der Wende wurde das RAW Tempelhof bis 1994 abgewickelt. Marianne, gerade mal 40 Jahre alt, fand woanders keine Anstellung als Elektrikerin und machte eine Ausbildung zur Aerobic-Trainerin. Doch eine dauerhafte Anstellung bekam sie nicht. Den späteren Job als Altenpflegerin musste sie wegen einer »gebrochenen Hüfte« aufgeben. Was aus Marianne geworden ist, kann Ines de Nil nicht sagen, Kontaktversuche seien gescheitert.

    Andere blieben bei der Bahn und warteten ICEs in Rummelsburg. »Vergleichsweise langweilig« sei der Beruf geworden, wegen der vielen Elektronik drücke man fast nur noch Knöpfchen.

    Ines de Nil. Leben in Freiräumen – Fotoausstellung in den Räumen der Hellen Panke in Berlin-Prenzlauer Berg, Kopenhagener Straße 9. Die Galerie ist immer in der Stunde vor Beginn der Veranstaltungen oder nach persönlicher Terminvereinbarung geöffnet. www.helle-panke.de

    Der Dokumentarfilm »Wer bei der Reichsbahn war, war ein roter Hund« kann auf folgender Webseite auf DVD für 12 Euro bestellt werden: http://www.df-dok.de/html/raw.html

    #Berlin #Westberlin #Verkehr #Geschichte #S-Bahn #Reichsbahn

  • Scholz’ Schatz
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1200311.gebundene-nd-ausgaben-scholzr-schatz.html

    Hat 80 Jahre nd-Geschichte komplett im Keller: Wolfgang Scholz Foto: Wolfgang Hübner

    27.5.2026 von Wolfgang Hübner - Man hat schon viel von der Leser-Blatt-Bindung gehört. Aber dass jemand alle nd-Ausgaben seit 1946 besitzt? Ein Besuch in Kerpen bei Köln.

    Am Bahnhof wartet Wolfgang Scholz auf den ihm unbekannten Besucher aus Berlin mit einer Zeitung unterm Arm, als Erkennungszeichen. Es hat einen Hauch von Agentenfilm. Aus seiner Armbeuge lugt das »nd« hervor. Was sonst, denn darum soll es gehen. Gut, dass die Wochenausgabe noch gedruckt wird; mit der täglichen App hätte er keine Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Wobei die Digitalisierung des »nd« Scholz gleich zweifach trifft: als Leser und als Sammler.

    https://www.nd-aktuell.de/img/jpeg/2040/322404 Die nd-Ausgaben ab 1990 hat Wolfgang Scholz selbst quartalsweise gebunden. Foto: Wolfgang Hübner

    Nachdem wir Ende April mit einem Themenschwerpunkt in der Zeitung an die Gründung des »Neuen Deutschland« vor 80 Jahren erinnert hatten, erreichte uns eine Mail: »Bin seit Jahrzehnten Abonnent der Zeitung«, hieß es darin. »In Kerpen bei Köln lebend, ist es schon was Besonderes, nd-Bezieher zu sein.« Er habe, schrieb uns der Leser, »in den 90ern die kompletten Ausgaben des ND von 1949 bis 1989 gebunden erworben« und die Zeitung weiter gesammelt. »Somit habe ich sämtliche Printausgaben zu Hause.« Unterschrift: Wolfgang Scholz.

    Man hat ja schon viel von der Leser-Blatt-Bindung gehört, aber das ist ja nun der Gipfel. Was sagt man dazu? Nur eins: Das muss man sich ansehen. Was ist das für ein Mensch, der 80 Jahre Zeitungsgeschichte lückenlos in seinem Keller liegen hat? Und wie kam er überhaupt dazu?

    Wolfgang Scholz – soviel erkennt man schnell, wenn man ihn besucht – ist ein Papiermensch. Überall Bücher in der Wohnung, darunter viel politische Literatur. Linke politische Literatur. Bis zum Spätherbst des letzten Jahres hat der 69-Jährige in einer Firma gearbeitet, die Gabelstapler herstellt und wo er eine zeitlang Betriebsrat war. So eine Maschine könnte er gut gebrauchen, wenn er seinen Keller mal umräumen wollte, wo Unmengen von Zeitungen wohlsortiert lagern. Scholz ist ein durch und durch politischer Mensch, seit Jahrzehnten kommunalpolitisch aktiv, bei unzähligen Straßenaktionen und Konferenzen dabei und mit einem bis heute ungebrochenen Interesse, das vom Wohnort bis zur Weltpolitik reicht.

    Der Herkunftsnachweis: Die ND-Ausgaben von 1946 bis 1989 stammen aus den Beständen des Berliner Dietz-Verlags, die 1990 verkauft wurden. Foto: Wolfgang Hübner

    Er kennt es nicht anders seit seiner Kindheit. Seine Eltern hielten die Lokalzeitung, um auf dem Laufenden zu sein. Wenn er bei der Oma war, die eher sozialdemokratische Ansichten hatte, musste bei den Radionachrichten zur vollen Stunde Ruhe herrschen. Scholz’ Jugendjahre waren bewegte Zeiten: Studentenbewegung, politischer Aufbruch, Gründung der DKP als faktische Wiederzulassung der KPD, Willy Brandts Kanzlerschaft.

    Die erste Zeitung, die Scholz bewusst und regelmäßig las, war das antifaschistische Blatt »Die Tat«, ein Geschenkabo eines VVN-Mitglieds. Dann kam »Unsere Zeit« (UZ) hinzu, das Blatt der DKP. In der Gewerbeschule diskutierte er im Religionsunterricht gern mit dem Lehrer. »Das hat die anderen Schüler gefreut, denn die hatten so lange ihre Ruhe.« Scholz studierte Grafikdesign, war in linken Studentengruppen aktiv, im Marxistischen Studentenbund Spartakus. Bald wurde er Mitglied der DKP. Wenn die Familie einen Onkel in Naumburg in der DDR besuchte, sah Scholz dort ND-Stapel liegen. Das war sein erster Kontakt mit dieser Zeitung.

    Dass daraus später mehr wurde, lag an seinem Wissensdurst zum Thema DDR. Er wollte mehr über das sozialistische Nachbarland wissen, als in den Medien der Bundesrepublik zu erfahren war. Also bestellte er in der zweiten Hälfte der 80er Jahre das »Neue Deutschland«. Über einen Zeitungsvertrieb kam einmal in der Woche ein dicker Brief an, mit den Exemplaren der letzten sieben Tage. Ihn interessierten Berichte über innenpolitische und soziale Fragen der DDR, zunehmend auch die Auseinandersetzung um Gorbatschows Kurs von Glasnost und Perestroika. Der war nicht nur in der DKP, sondern auch in der SED umstritten und offiziell verpönt. Deshalb las Scholz auch noch eine deutsche Auslandsausgabe der sowjetischen »Prawda«, die von einem Verein in Österreich herausgegeben wurde. Und – weil ihn linke Außenpolitik interessierte – die außenpolitische Zeitschrift »Horizont« aus der DDR.

    Vieles davon hat er archiviert und aufbewahrt. In einem früheren Job arbeitete er in einer Druckerei und lernte dort, wie man Bücher und auch Zeitungsbände bindet. Nach der Wende in der DDR und der deutschen Vereinigung 1990 blieb das »ND« für ihn interessant, wegen der Veränderungen in Ostdeutschland, wegen der Opposition zur herrschenden Vereinigungspolitik und wegen der damaligen Debatte über eine neue gesamtdeutsche Verfassung. Und natürlich auch, weil ihn die Aufarbeitung des gescheiterten Staatssozialismus in Osteuropa interessierte. Bis heute liest er Neuerscheinungen zu dem weitgespannten Thema.

    Wenn die Familie einen Onkel in Naumburg in der DDR besuchte, sah Scholz dort ND-Stapel liegen. Das war sein erster Kontakt mit dieser Zeitung.

    Einmal, 1992, entdeckte er, wahrscheinlich in der »UZ«, die Anzeige eines linken Antiquars aus Heidelberg, der unter anderem Bücher aus DDR-Verlagen anbot. Scholz setzte sich ins Auto und fuhr zum Antiquariat Stefan Schöbel. Er kam mit dem Inhaber ins Gespräch, und irgendwann sagte Schöbel zu Scholz: »Kommen Sie mal mit, ich habe da vielleicht noch etwas Interessantes für Sie.« Er führte ihn in einen Raum, in dem ein Berg von Zeitungsbänden lagerte: sämtliche Ausgaben des »Neuen Deutschland«, monatlich gebunden, von der Gründung der Zeitung im April 1946 bis Ende 1989. Ob ihn das interessiere?

    Jeder andere hätte vermutlich dankend abgelehnt. Um Wolfgang Scholz aber war es geschehen. Er griff zu. Ob er lange überlegt hat? »Manchmal muss man sich sofort entscheiden«, sagt er. Was zur Folge hatte, dass er den Kaufpreis von 3800 DM in Raten abzahlte und noch zweimal nach Heidelberg fahren musste, um die raumgreifende Neuerwerbung nach Hause zu bringen.

    Wie aber kamen die ND-Bände nach Heidelberg? In etlichen dieser Bände findet sich ein Stempel: »Dietz-Verlag Berlin, Wallstraße 76-79, Bibliothek«. In dem Haus in der Wallstraße in Berlin-Mitte, an einem Nebenarm der Spree, saß vor dem Verlag bis 1949 der SED-Parteivorstand; heute befindet sich dort die australische Botschaft. Der Dietz-Verlag, wie das »ND« 1946 gegründet, war der wichtigste Verlag der SED, bekannt geworden unter anderem durch diverse Ausgaben der Werke von Marx, Engels und Lenin. Sein heutiger Nachfolger heißt aus rechtlichen Gründen Karl-Dietz-Verlag und residiert im gleichen Gebäude wie das »nd«, nahe dem Berliner Ostbahnhof.

    Verlagschef Martin Beck ist seit zehn Jahren dabei, kann zu den Vorgängen während der Wendezeit nichts sagen, verweist aber an den Historiker Jörn Schütrumpf, der vor ihm lange den Verlag leitete. Der hatte schon Anfang der 90er mit Dietz zu tun und erinnert sich, dass der Verlag zu DDR-Zeiten über eine große Bibliothek verfügte, zu der offenbar auch die gesammelten ND-Bände gehörten. 1990 verkaufte ein neu eingesetzter Geschäftsführer den gesamten Bestand »an einen Antiquar aus dem Westen«, so Schütrumpf, der sich gerade noch so ein paar für ihn interessante Exemplare sichern konnte. 50 000 DM seien damals über den Tisch gegangen.

    Dieser Antiquar war Stefan Schöbel aus Heidelberg. Wir können ihn nicht mehr fragen, er ist vor ein paar Jahren gestorben. Laut einem Zeitungsporträt über ihn verstand er sich zeitlebens als Kommunist, auch nach seinem Austritt aus der DKP Ende der 80er Jahre, offenbar in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Gorbatschows Perestroika-Politik und eine Erneuerung der Partei. Schöbel war als Buchhändler und -herausgeber in der Studentenstadt Heidelberg eine Institution. Sein Antiquariat firmiert heute unter dem Namen Buchhandlung & Antiquariat Blaumilch, wird von Schöbels einstigem Mitarbeiter Markus Bitterolf geführt und weist bei aller Breite des Angebots nach wie vor ein erkennbar linkes Profil auf.

    Anruf bei Markus Bitterolf in Heidelberg. Ja, er erinnert sich an die Geschichte, Stefan Schöbel habe öfter davon erzählt. Der habe 1990 beim Dietz-Verlag zugegriffen, weil er darauf setzte, dass die Werke von Marx, Engels und anderen irgendwann wieder für eine größere Leserschaft interessant würden, dass also das angebliche Ende der Geschichte 1990 doch kein Ende wäre. Er sollte Recht behalten, wie die Kette von Krisen in den letzten 35 Jahren zeigt. Wahrscheinlich, so Bitterolf, hat er noch heute einige Bände aus dem damaligen Dietz-Bestand in seinen Regalen.

    War Stefan Schöbel also nicht nur Geschäftsmann, sondern auch einer jener Menschen, die sich der Vernichtung von DDR-Literatur entgegenstellten? Es sieht so aus. Ab 1990 wurden Bücher aus Bibliotheken, Buchhandlungen, Verlagen und anderen Einrichtungen in Ostdeutschland tonnenweise im Müll entsorgt. Darunter viele druckfrische Exemplare, die als nicht mehr verkäuflich galten. Aber es gab Widerstand dagegen. Der Pfarrer Martin Weskott aus Niedersachsen etwa, bekannt geworden als Bücherpastor, und der Schauspieler Peter Sodann aus Halle retteten Zehntausende solcher Bücher für eine interessierte Leserschaft. Und auch Stefan Schöbel hat damals unter anderem an ostdeutschen Universitäten und Hochschulen aussortierte Bücher aufgekauft und damit bewahrt, weiß Markus Bitterolf.

    Wolfgang Scholz ist nd-Leser geblieben. Und nd-Sammler. Weil er das Handwerk beherrscht, hat er die ND-Ausgaben ab 1990 selbst gebunden, quartalsweise. Bis 2019. Seitdem verwahrt er die Zeitungen in großen Kartons. Die Sammlung wächst langsamer, seit nur noch »nd.DieWoche« als Printausgabe erscheint. Von der Digitalisierung der nd-Tagesausgaben ist Scholz nicht begeistert, er kommt aber nach und nach besser damit zurecht.

    Unten im Zeitungskeller reflektiert Scholz die Geschichte, oben in der Wohnung denkt er über aktuelle Fragen nach. Eine spezielle Variante von Basis und Überbau.

    Immerhin kann er in seinem einstigen Kohlenkeller ein publizistisches und politisches Zeitalter besichtigen. Er hat sich dort eine Leseecke eingerichtet, mit Tisch und Ledersessel. Keine Spur von Feuchtigkeit ist zu bemerken. Der Raum ist gut belüftet, und Scholz hat einen neuen Fußbodenbelag verlegt, bevor hier seine extravagante Sammlung ihren Platz fand. Sie ist bestens erhalten und, soweit es Stichproben ergeben, insgesamt in besserem Zustand als manche Zeitungsbände in der nd-Redaktion. Was nicht nur mit der sachgemäßen Lagerung zu tun haben dürfte, sondern auch damit, dass die Bände aus dem Dietz-Verlag im Laufe der Jahrzehnte wohl weitaus seltener strapaziert wurden.

    Hier unten schlägt Scholz gern mal nach, wenn ihn historische Zusammenhänge und Hintergründe interessieren. Was freilich nicht bedeutet, dass er sich in der Vergangenheit vergräbt. Er war zwei Wahlperioden lang sachkundiger Bürger im Bauausschuss seiner Stadt; bis heute arbeitet er als einer der Sprecher des DKP-Kreisverbands Rur-Erft gern und gut mit Leuten von der Linkspartei zusammen. Unten im Keller reflektiert Scholz die Geschichte, oben in der Wohnung denkt er über aktuelle Fragen nach. Eine spezielle Variante von Basis und Überbau.

    Kurz vor unserem Treffen in Kerpen erreichte uns ein kleiner Notruf. Ihm sei eine nd-Ausgabe abhandengekommen, schrieb Wolfgang Scholz, ausgerechnet jene zum 80. Geburtstag der Zeitung. Die nd-Redaktion konnte helfen, die Sammlung in Scholz’ Keller ist wieder vollständig. Wohin damit irgendwann? Die Frage bewegt ihn, sagt er, aber er hat noch keine Antwort gefunden. Vielleicht kann ihm auf diesem Weg geholfen werden.

    #Presse #DDR #Geschichte #Neues_Deutschland

  • Wie ein Philosoph England in die Neuzeit dachte – und dabei kein an...
    https://diaspora.psyco.fr/p/12457651

    Wie ein Philosoph England in die Neuzeit dachte – und dabei kein angenehmer Zeitgenosse war. Ein Blick auf das elisabethanische Zeitalter

    #England #Renaissance #TudorRenaissance #Geschichte #Philosophie #Persönlichkeit

    ♲ Online-Magazin Telepolis - 2026-05-09 14:03:00 GMT

    Francis Bacon: Ein Denker verändert die Welt, scheitert aber an sich selbstWie ein Philosoph England in die Neuzeit dachte – und dabei kein angenehmer Zeitgenosse war. Ein Blick auf das elisabethanische Zeitalter (Teil 2 von 5).

    telepolis.de/article/Francis-B…

    #Geschichte #news

  • Pädagogik: Die Freiheit, sich zu fügen
    https://www.jungewelt.de/artikel/521653.p%C3%A4dagogik-die-freiheit-sich-zu-f%C3%BCgen.html

    4.5.2026 von Christoph Horst - Vor 250 Jahren wurde Johann Friedrich Herbart geboren, einer der Begründer der modernen Pädagogik

    »Man kann die eine und ganze Aufgabe der Erziehung in den Begriff: Moralität fassen.« (J. F. Herbart)

    Als Johann Friedrich Herbart 1809 im Alter von 33 Jahren als zweiter Nachfolger Immanuel Kants auf den Königsberger Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik berufen wurde, war dies stringente Folge eines klassischen Gelehrtenlebens ohne bedeutendere außerakademische Vorkommnisse. Er baute dort im Auftrag unter anderem Wilhelm von Humboldts das Pädagogische Seminar für Lehrerbildung nach den Grundsätzen der preußischen Bildungsreform auf.

    Während seiner 24 Jahre an der Universität Königsberg arbeitete Herbart sein System der philosophisch fundierten Pädagogik und der Zusammenführung von Theorie der Bildung und Praxis der Erziehung aus, zu dem er zuvor unter anderem in Göttingen und Bremen publiziert und gelehrt hatte. In Göttingen, nicht so ganz weit entfernt von seiner Heimatstadt Oldenburg, war er bereits philosophisch promoviert und habilitiert worden. Gerne wäre Herbart 1831 Nachfolger Hegels in Berlin geworden, dies blieb ihm jedoch zu seiner großen Enttäuschung verwehrt. Er war von dem ausgebliebenen Karriereschritt sogar so erschüttert, dass er den preußischen Staatsdienst auf eigenen Wunsch verließ und zurück nach Göttingen ging.
    Von der Theorie her

    Praktische pädagogische Erfahrungen hatte Herbart zeitlebens nur geringe. Wohl arbeitete er nach seinem Studium in Jena als Hauslehrer in der Nähe von Bern und dachte, dies reflektierend, über Fragen der Erziehung nach. Ganz seinem rationalistischen Weltbild entsprechend entwarf er für seinen Schüler einen detaillierten Plan der Bildungsentwicklung. Sein Hauptinteresse galt jedoch damals schon der Philosophie.

    Privat blieb ihm der Umgang mit Kindern weitgehend verwehrt. Zwar hatte er ab Ende seiner 30er Jahre zwei Adoptivkinder, aber zeitgenössische Quellen berichten, dass sich eher seine 17 Jahre jüngere Frau um diese kümmerte. Allerdings war Herbart als junger Akademiker Augenzeuge des größten zeitgenössischen Erziehungsexperiments: Er traf den Sozialreformer und (Sozial-) Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi in Burgdorf in der Schweiz, wo dieser an einer kommunalen Schule pädagogisch laborieren durfte. Herbart blieb fortan mit ihm im Briefkontakt, rezensierte dessen Bücher und publizierte über dessen Ideen.

    Trotz dieser Einblicke in erzieherisches Handeln ist es Herbarts akademische Verwissenschaftlichung der deutschsprachigen Pädagogik, die ihm bis heute einen Platz unter den bedeutenden Pädagogen sichert. Zwar hatte schon 1778 Ernst Christian Trapp den ersten Lehrstuhl für Pädagogik in Deutschland, die Disziplin konnte sich jedoch noch nicht klar von ihren Bezugswissenschaften absetzen. Auch Herbarts Pädagogik ist hauptsächlich aus seiner Philosophie und dem Versuch der wissenschaftlichen Fundierung einer Psychologie entstanden. Er bemühte sich aber um ein eigenständiges Fundament einer klar von den anderen Wissenschaften abgegrenzten Terminologie.

    Das pädagogische Denken seiner Zeit war stark geprägt von den Nachwirkungen Jean-Jacques Rousseaus und Immanuel Kants. Rousseau lehnte Herbart ab, da sich in dessen populärem und einflussreichem Erziehungsroman »Emile« zuviel Betonung der Anlage menschlicher Fähigkeiten und zuwenig Einfluss durch die Umwelt, also letztlich den Erzieher, finden. Näher stand ihm der pädagogische Optimismus des Philantropismus, der führend die pädagogischen Debatten der Zeit bestimmte. Johann Bernhard Basedow hatte 1774 in Dessau ein Erziehungsinstitut nach aufklärerischen Prinzipien aufgebaut. Die strenge philantropische Ausrichtung auf moralisches Verhalten als Erziehungsziel – auch Kant fundierte damit seine pädagogischen Vorlesungen – hat Herbart weiterentwickelt, indem er noch stärker eine theoretisch begründete Ethik zum Fundament des Erziehens machte.

    Die Pädagogik ist ihm zwar eigenständige Disziplin, die sich »einheimischer Begriffe« bedient, nachdem sie aus der Philosophie hergeleitet worden sind. In der Pädagogik sah er jedoch zugleich den Anwendungsfall einer ­wissenschaftlichen Ethik auf das Individuum. Die Ethik soll die Erziehungsziele definieren und eine empirisch-naturwissenschaftlich verstandene Assoziationspsychologie die Methodik fundieren. An seinen Vorgängern kritisierte Herbart einen zuwenig theoretischen Zugang zu Fragen der Bildung. Ihm war Erziehungspraxis nur eine konkrete Ausgestaltung der Theorie.
    Pietismus ohne Prügel

    Herbart selbst gab als bedeutendste Inspirationsquelle seiner Pädagogik August Hermann Niemeyer an, der aus dem streng religiösen Pietismus kam, wie er von August Hermann Francke entwickelt wurde. Herbart fasste seinen zentralen Unterschied zu Niemeyer damit zusammen, dass dieser der Zucht den Vorrang gebe und widerspricht: »Die Zucht allein kann keinen Charakter bilden. Derselbe dringt von innen hervor; das Innere also muß man zu bestimmen wissen, um einen Charakter zu bilden.« Die Pietisten hingegen setzen zur Unterstützung der Erziehung gezielt auf die körperliche Züchtigung von Kindern, wie es auch Francke beworben hat, der die Prügelstrafe theologisch herleitete. Eine Absage an pädagogisch legitimierte Fremdbestimmung ist Herbarts Hintanstellung der Zucht nicht, eher der Wunsch einer Internalisierung gesellschaftlich erwünschter Eigenschaften durch das Instrument des Unterrichts.

    Herbart setzt Ziele der Erziehung, die bereits vor der Befassung mit dem konkreten Kind in seiner jeweiligen Lebenswelt feststehen. Anstatt jedoch wie heutige Pädagogen diese Ziele bis in kleinste Schlagworte auszudifferenzieren, fasst er sie in ihrer Vielheit unter den einen Begriff der Moralität. In »Über die ästhetische Darstellung der Welt als Hauptgeschäft der Erziehung« von 1804 – Herbart war gerade 28 Jahre alt, als er dieses bedeutende kleine Werk als Anhang zu einer Auseinandersetzung mit Pestalozzi schuf – heißt es: »Moralität als höchster Zweck des Menschen und folglich der Erziehung, ist allgemein anerkannt.«

    In seinen Erläuterungen darüber, dass die Moral als Bezugswert ja allgemein anerkannt sei und er daher auf ihre Begründung verzichten könne, zeigt er, ohne es zu wollen, auch, was deren Bestimmung ist, wenn er den guten Willen auffasst als den »stete(n) Entschluß, sich, als Individuum, unter dem Gesetz zu denken«. Freiheit äußert sich dabei in der Übernahme des Notwendigen in den eigenen Willen. Somit steht letztlich als oberster Zweck der Pädagogik, die Jugend auf die je existierenden Ausführungsbestimmungen staatlicher Gewalt zu verpflichten.

    Viel kreisten die Pädagogen schon damals um die Frage, ob intellektuelle, moralische oder ästhetische Bildung den Vorrang haben müsse und stritten, ob die römische oder griechische Antike mitsamt ihrer Sprache früher gelehrt werden müsse – Herbart war klar für das frühstmögliche Lesen Homers auf Altgriechisch. In seiner Kulturstufentheorie, die eine Abfolge der Bildungsinhalte vorgab, ging das Griechische dem Lateinischen und der Befassung mit der römischen Geschichte voraus, wie dies auch von den Neuhumanisten favorisiert wurde. Erst im Jugendalter dann sollen die neueren Sprachen gelehrt werden. Zwar war schon John Locke am Anfang des 18. Jahrhunderts gegen die Überbetonung der Bedeutung von Fremdsprachen im Vergleich zu anderen Bildungsinhalten, aber die Frage, ob Latein oder Griechisch wesentlicher sei für die Entwicklung des Kindes spaltete die Pädagogenschaft.
    Produktion loyaler Bürger

    Einigkeit bestand bei allen Pädagogen hingegen in dem Standpunkt der Betrachtung des Edukandus, des zu Erziehenden: Zwar mit mal mehr, mal weniger Schranken seiner Individualität ausgestattet, gilt als unstrittig, dass dieser als möglichst reibungslos funktionierendes Rädchen des Bestehenden herzustellen sei. Zwar betont Herbart den Primat familiärer Erziehung gegenüber einem zu weit gehenden Zugriff des Staates, letztlich ist aber die Familie wieder auf ihre Reproduktionsfunktion für die Gesellschaft verwiesen. Der italienische Herbart-Forscher Bruno Bellerate schreibt über Herbarts Staatsverständnis: »Einen Unterschied zwischen der Erziehung des Bürgers und der des Menschen gibt es für ihn nicht.« Die von Herbart und anderen Pädagogen in den Mittelpunkt ihrer Theorien gestellte Moral ist dann dabei das geistige Rüstzeug, den Kindern das, was sie sollen, als ihren ureigensten Wunsch, gar Bestimmungszweck ihres Wesens darzustellen.

    Die Heranwachsenden – im 18. Jahrhundert noch Zöglinge genannt – werden von Herbart als bildsam dargestellt. Sie sollen vom Erzieher in ihrer Fähigkeit, richtig zu wählen, unterstützt werden: »Machen, daß der Zögling sich selbst finde, als wählend das Gute, als verwerfend das Böse: dies, oder Nichts ist Charakterbildung!« Dazu brauchte Herbart ganz ausdrücklich keine transzendente Freiheit des Schülers, wie sie Kant postuliert hat. Sie steht für Herbart der Bildsamkeit des Heranwachsenden ebenso entgegen wie der Determinismus seines akademischen Lehrers Johann Gottlieb Fichte, dessen Schüler er in Jena war und der ebenfalls als erziehender Hauslehrer seine ersten beruflichen Erfahrungen machte. Statt der Transzendenz, »den gesetzlosen Wundern eines übernatürlichen Wesens«, bemüht Herbart die Freiheit der Wahl. In der Formulierung des Sich-selbst-Findens erkennt man deutlich Herbarts Beschäftigung mit der Psychologie, die den Menschen aufteilt in das, was er tut, macht und denkt, und den angeblichen eigentlichen Faktoren für ihr Verhalten. Sich selbst finden kann man nur, wenn man sich aufgeteilt in mehrere Ichs denkt. Wenn aber das reale Ich das eigentliche Ich finden, gar mit ihm interagieren kann, hängen diese ohnehin zusammen, sind einander zugänglich, letztlich im Subjekt identisch und jedes Ich ist immer – auch in einer vorgestellten Abweichung – vollständig es selbst.

    Foto: Konrad Geyer/gemeinfrei 13.jpg

    Johann Friedrich Herbart (1776–1841)

    Die bedeutsamste Erziehung findet nach Herbart im Unterricht statt. Idealerweise soll dies der Hausunterricht sein – mit der Institution Schule tat sich Herbart wie viele seiner pädagogischen Zeitgenossen schwer. Am damals noch nicht durchgesetzten Unterricht im Klassenverband einer Schule kritisierte er die durch den Betreuungsschlüssel begrenzten Möglichkeiten individueller Förderung. Doch dadurch bekommen seine Vorstellungen auch etwas Elitäres. Er denkt bei den Schülern offenbar nicht an die breite Masse, sondern an die wenigen Kinder aus den gehobenen Ständen, denen Bildung aufgrund der finanziellen Ausstattung von Geburt an zugänglich ist. Schon John Locke hat in seinen berühmten »Thoughts on education« ausschließlich die Kinder aus besserem Hause im Blick. Erst Pestalozzi will die breite Masse, also auch verarmte Bevölkerungsschichten bilden, wodurch er zu einem Wegbereiter der Sozialpädagogik wurde.

    Herbart folgt ihm hier nur bedingt. Herbarts Modell grenzt Unterricht ab von Zucht und Regierung – die den Kindern das angeblich richtige Verhalten vorgebenden Funktionen der Erziehung. Sein Ideal ist ein durch frühe Zucht, »die das Verlangen bändigt«, vorbereiteter erziehender Unterricht: »Und ich gestehe gleich hier, keinen Begriff zu haben von einer Erziehung ohne Unterricht, so wie ich rückwärts (…) keinen Unterricht anerkenne, der nicht erzieht«, heißt es in »Allgemeine Pädagogik aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet« von 1806.

    Der Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth erkennt in Herbarts Unterrichtsideen den Versuch der Herstellung einer »legitimen Verbindung von Zwang und Freiheit«. Gesellschaftlich Gefordertes wird hier dem Kind vermittelt und dem Kind bleibt die Freiheit, sich dem zu fügen. In seinem zum Schlagwort gewordenen »erziehenden Unterricht« entwickelt der Pädagoge beim Schüler einen »Gedankenkreis« sittlicher Bildung, indem er auf seinen Willen einwirkt. Dabei bildet sich der Charakter des Edukandus, was für Herbart wesentlich bedeutsamer ist, als das reine Erlernen der jeweiligen Unterrichtsinhalte.
    Begründer der Didaktik

    Hier steht Herbart in direktem Gegensatz zu Pestalozzi, dem es viel um die Didaktik der konkreten Sachverhalte ging. Durch Schulung entsteht bei Herbart ein ästhetisches Urteil, das auf Sittlichkeit fußt und über das Empirische hinausweist. Dadurch, dass er mit naturwissenschaftlicher Präzision vorgegeben hat, wie sich dies vollziehen soll, ist er zum Begründer der Didaktik neuzeitlichen Schulwesens geworden. Die in den Grundzügen noch heute gültigen aufeinander folgenden Schritte sind Klarheit, Assoziation, System und Methode. Am Beginn einer Unterrichtsstunde steht die Klärung, worum es geht, wenn möglich durch Wiederholung des bestehenden Wissens (Klarheit). Dem folgt die Verknüpfung mit anderen Wissensbeständen (Assoziation), die dann nach einer Phase der Besinnung systematisiert werden (System). Zuletzt wird das Gelernte angewendet (Methode). Diese Folge steht als Gerüst noch vor der inhaltlichen Befassung mit dem Stoff fest. Daher werden diese Schritte auch Formalstufen genannt. Herbart wollte sie einigermaßen flexibel halten, doch es bleibt der grundsätzliche Fehler, den zu erklärenden Gegenstand ungeachtet seiner Besonderheiten in ein festes Korsett zwängen zu wollen.

    Eine Herbart-Schule, die sich 1868 im Verein für wissenschaftliche Pädagogik organisierte, entstand erst posthum 27 Jahre nach dem Tod des Pädagogen. Die Herbartianer Karl Volkmar Stoy, Tuiskon Ziller und Wilhelm Rein haben Herbarts System noch weiter formalisiert und bis in die Weimarer Republik hinein zur Grundlage staatlicher Lehrpläne im öffentlichen Schulwesen gemacht. Dies geschah in einer methodischen Starrheit, die später der Reformpädagogik zur Zielscheibe wurde. Häufig wurde von reformpädagogischen Vertretern jedoch eher die Herbart-Schule kritisiert als dieser selbst. Für Ziller musste der Unterricht den fünf Stufen: Vorbereitung, Darbietung, Verknüpfung, Zusammenfassung, Anwendung folgen, andere verkürzten sie auf die drei Stufen Anschauen, Denken, Anwenden. Die Grundidee einer Strukturierung des Lehrens blieb dabei immer bestehen.

    Besonders der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkende Herbartianer Otto Willmann hat zudem der (katholischen) Religiosität wieder Zugang in die Didaktik verschafft. Herbart selber brauchte für seinen Begriff der Sittlichkeit keinen Gott, hat ihn aber im Gegensatz zu progressiveren Zeitgenossen nicht grundsätzlich verworfen. Gott war für Herbart immerhin »das reelle Centrum aller practischen Ideen, und ihrer schrankenlosen Wirksamkeit; der Vater des Menschen und das Haupt der Welt«.

    Die größte politische Wirkung in seinem eher ruhigen Gelehrtenleben erzielte Herbart durch eine Positionierung auf Seiten der Reaktion. 1837 wurden sieben Gelehrte der Universität Göttingen ihres Amts enthoben, weil sie sich gegen rückschrittliche Tendenzen Ernst August von Hannovers wehrten. Dieser verbot als neuer König das gerade erst erkämpfte Parlament und die zugehörige, erst 1833 verabschiedete Verfassung und wollte die Professoren zu einem Huldigungseid auf sich selbst verpflichten. Die liberalen »Göttinger Sieben«, darunter die Philologen Jacob und Wilhelm Grimm, verweigerten dies und protestierten dagegen mit Flugschriften, woraufhin sie ihre Anstellungen verloren. Herbart war zur Zeit dieses Konflikts nicht nur einfacher Mitarbeiter der Universität Göttingen, sondern sogar Dekan ihrer Philosophischen Fakultät. Als solcher bezog er klar Stellung – indem er sich in einer Ergebenheitsadresse an Ernst August von seinen Kollegen distanzierte. Zu seinen Beweggründen zählte, dass praktische Einflussnahme seinem Ideal eines Intellektuellen zuwiderlief.

    Die mehr als nur zeitgenössische Wirkung Herbarts in der akademischen Philosophie ist überschaubar. In den üblicherweise gelesenen Philosophiegeschichten kommt er kaum vor – und wenn, dann kurz genannt als Nachkantianer oder Schüler Fichtes. Tatsächlich arbeitete sich Herbart wie viele Zeitgenossen an Kant ab. Er folgte ihm in vielem, setzte sich in einigem aber auch von ihm ab – so in der Frage der Erkennbarkeit des Wesens der Dinge, die er prinzipiell für möglich hielt.
    Der Lehrer als Führer

    Herbarts Beitrag zur Pädagogik jedoch wirkt bis heute. Die Pädagogik als akademische Disziplin, zu deren Konstituierung Herbart einen bedeutenden Beitrag lieferte, hat ihn schon kurz nach seinem Tod zu einem ihrer Klassiker geadelt. Die Intensität der Beschäftigung mit ihm verlief jedoch im Gegensatz zu anderen Größen seines Faches, die generationenübergreifend geehrt werden, eher wellenförmig. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es Hermann Nohl aus der Schule der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik, der Herbart mit reichlich romantischem Pathos wieder in Erinnerung rief: »Das Genie bleibt aber stets lebendig und eines Tages springt seine Quelle wieder auf.« Eine Unterrichtsmethode, die Herbart sehr sachlich »Vertiefung und Besinnung« (der Bildungsinhalte) nannte, wird bei Nohl zu etwas Mystischem: »Das geistige Leben geht in einem polaren Prozess vor sich, ›ein Atmen des Geistes‹: wir müssen uns hingeben an eine Erfahrung und müssen sie dann einordnen in unseren seelischen Zusammenhang.«

    Nohl kann man jedoch nicht erwähnen, ohne auf seine problematischen Seiten hinzuweisen: Er schrieb seinen Aufsatz »Der lebendige Herbart« 1958, als sich nicht nur die universitären Kreise Westdeutschlands nicht mehr erinnern wollten, dass Nohl 1934 noch eine »Front gegen den Osten« gefordert hatte, »die das weitere Einströmen nicht bloß der jüdischen, sondern auch der slawischen Volkselemente, die den Prozess der deutschen Rassenbildung stören und die Festigkeit unserer Nationalität lockern, verhindert«.

    Nicht zufällig wollte Nohl Herbart als Kronzeugen gegen ein Zuwenig an Autorität einsetzen, wenn er ihn interpretiert: »Solche Ordnung und solche bewußte verantwortliche Gestalt erwächst aber nicht von selbst im Kind, sondern nur in der guten Willensgemeinschaft mit einem führenden Menschen, der bloß selbst diese finale Energie besitzen muß, die den Charakter erst wahrhaft ganz und lebendig macht.« Dass das reaktionäre Bild des Lehrers als Führer sich auf Herbart berufen kann, ist nicht zuletzt dessen Schuld, da er sich oft an romantischen Ideen orientierte. Insgesamt wird ihm eine Einreihung in den Konservatismus der akademischen Pädagogik aber im Ganzen nicht gerecht. Denn das sachbezogene Führen des Herbartschen Lehrers ist nicht das einer dionysischen Schicksalsgemeinschaft, wie es Nohl vorschwebt.

    Würde man in der pädagogischen Historiographie aufhören, Herbart zu einer pädagogischen Lichtgestalt aufzubauschen, bliebe eine historische Figur, die sich um das Nachdenken über Erziehung verdient gemacht hat und neben manchen guten Ideen auch einige reaktionäre Ansätze im Kopf hatte. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

    Am 14. August 1841 starb Herbart im Alter von 65 Jahren in Göttingen. Erst am 11. August hatte er dort seine letzte Vorlesung gehalten, aber ansonsten weitgehend zurückgezogen gelebt.

    Herbartstraße
    https://berlin.kauperts.de/Strassen/Herbartstrasse-14057-Berlin

    Postleitzahl 14057
    Ortsteil Charlottenburg
    ÖPNV Zone A Zone B Bus X34, X49, M49, 104, 139 — Zone A S‑Bahn 41, 42, 46 Messe Nord/ICC ♿
    Straßenverlauf von Dernburgstraße bis Neue Kantstraße und Wundtstraße
    Falk‑Stadtplan Planquadrat M 10
    Geschichte von Herbartstraße
    Ehemaliger Bezirk Charlottenburg
    Name seit 27.8.1905

    Herbart, Johann Friedrich, * 4.5.1776 Oldenburg, + 14.8.1841 Göttingen, Philosoph, Pädagoge.

    Der Sohn eines Justizrates besuchte das Gymnasium in Oldenburg und begann 1794 ein Studium der Philosophie an der Universität Jena. Dort setzte er sich vor allem mit Fichtes Auffassungen auseinander. Er war 1797-1800 Hauslehrer in der Schweiz, wo er seine pädagogischen Prinzipien entwarf und publizierte. 1802 habilitierte er sich an der Universität Göttingen; 1805 erhielt er dort eine Professur. 1808 wurde er auf den Lehrstuhl Kants in Königsberg berufen und wirkte dort innerhalb der Reformbewegung Preußens für die Ideen einer Nationalerziehung. In seiner Königsberger Zeit publizierte er mehrere Schriften, u. a. seine „Metaphysik“ (1829). Ab 1833 lehrte Herbart erneut in Göttingen. Durch seine systematische Erziehungs- und Unterrichtstheorie, die den Weg der Erziehung an der Psychologie und ihr Ziel an der Ethik orientierte, wurde er zu einem der Begründer einer wissenschaftlichen Pädagogik.

    Vorher Straße der Abt. V des Bebauungsplanes. Auf der Karte von 1904 war ihre Trasse ohne Bezeichnung eingetragen.

    Örtliche Zuständigkeiten für Herbartstraße
    Arbeitsagentur Berlin Nord
    Jobcenter Charlottenburg-Wilmersdorf
    Amtsgericht Charlottenburg
    Grundbuchamt Charlottenburg
    Familiengericht Kreuzberg
    Finanzamt Charlottenburg
    Polizeiabschnitt A 24
    Verwaltungsbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf

    #Berlin #Charlottenburg #Witzleben #Herbartstraße #Pädagogik #Geschichte

  • Unsere Berliner Polizei
    https://www.berlin.de/polizei

    Allgemeinverfügung erlassen

    Beschränkung des Gemeingebrauchs von öffentlichen Flächen und der Versammlungsfreiheit am 8. Mai 2026, 06:00 Uhr, bis zum 9. Mai 2026, 22:00 Uhr, in drei begrenzten Bereichen der Bezirke, Treptow-Köpenick, Mitte, Pankow

    https://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetisches_Ehrenmal

    Das waren noch Zeiten als die Berliner Polizei brav den Anordnungen der Besatzungsmächte folgte. Da kam sie weniger auf eigene Gedanken, was sich bewährt hat.

    Vor ein paar Jehren schützte sie noch das sowjetische Ehrenmal vor ansteckenden Coronaberlinern.

    Dabei verteidigt sie eigentlich die Herrschaft der Kapitalisten gegen das Volk.

    11 August 1923 Kommunisten demonstrierten am Tage der Reichsverfassungsfeier gegen die Regierung Ebert-Cuno, welche mit Waffengewalt zerstreut wurde. Aufrollen der Strasse mit gefälltem Bajonett

    Während der Wahlschlachten wurde um das Regierungsviertel eine Bannmeile gezogen. Hier kamen keine Demonstranten durch (vor dem Brandenburger Tor 1929)

    1931: Ein riesiges Polizeiaufgebot führt eine Großrazzia und Waffensuche in der Kösliner Straße in Berlin-Wedding durch. UBz: ein Passant wird nach Waffen durchsucht

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7b/Gro%C3%9Fe_Polizei-Ausstellung_Berlin_-_LABW_-_Staatsarchiv_Freibu
    25 September 1926 Große Polizei-Ausstellung Berlin

    ADN-Zentralbild/Archiv Streikunruhen in Berlin 1932 Polizeieinsatz am Strassen- und Autobus-Bahnhof in der Elsenstrasse in Treptow.
    [Berlin-Treptow, Elsenstraße.- Demonstranten und Polizei auf Straße und vor Eckkneipe „Zum guten Happen“]

    Berlin, Polizeidenkmal am Horst-Wessel-Platz / Denkmal für Paul Anlauf und Franz Lenck von Hans Dammann, c. 1938

    ADN- Klaus Franke-19.10.90 Berlin: Polizei- und Kriminalbeamte haben in der Nacht zum Freitag das Haus des PDS-Parteivorstandes in Berlin umstellt und ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl durchsucht. Die rund 100 bewaffneten und mit kugelsicheren Westen ausgestatteten Beamten besetzten alle Ein- und Ausgänge sowie im Inneren des Gebäudes Fahrstuhl- und Zimmertüren

    Und noch ein bischen ollet Berlin ...

    Das stank zum Himmel ...

    Berlin - Zentralvieh- und Schlachthof, Lageplan 1896. Legende:
    a) Bahnhofsgebäude b) Verkaufshalle für ausländische Schweine c) Schweineschlachthaus für Großbetriebe d) Schweineschlachthaus für Kleinbetriebe e) Schweinestall f) Wagenschuppen g) Gebäude für die Trichinenschau h) Verwaltungsgebäude k) Darmschleimerei l) Albuminfabrik m) Kesselhaus n) Talgschmelze o) Stall p) Polizei-Schlachthaus q) Beamtenwohngebäude r) Directionsgebäude s) Verkaufshallen t) Wage u) Offene Rinderunterstände v) Häutesalzerei w) Fleischkammer x) Rinderstall y) Rinderschlachthaus z) Seuchenhof

    Irgendwann stank es nicht mehr so sehr ...

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/20/Berlin%2C_Palast_der_Republik_--_um_1990_--_2.jpg/3840px-Berlin%2C_Palast_der_Republik_--_um_1990_--_2.jpg

    Palast der Republik (wahrscheinlich im Sommer 1990)

    ... aber das hatte den Bürgern das falsche Aroma. Also weg damit und lieber ein bischen Geschichte aufarbeiten. Pecunia non olet, sagte schon ein gewisser Kaiser, als er die Klosteuer einführte.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Pecunia_non_olet

    Horst-Wessel-Platz
    https://berlingeschichte.de/strassen/bez01h/h873.htm

    Mitte, Ortsteil Mitte
    Name ab 26.5.1933
    Name bis 1945
    Namen
    (früher/später) Babelsberger Platz (1907-1910)
    Bülowplatz (1910-1933)
    Liebknechtplatz (1945-1947)
    Luxemburgplatz (1947-1969)
    Rosa-Luxemburg-Platz (1969)
    Namenserläuterung Wessel, Horst Ludwig * 9.10.1907 Bielefeld, † 23.2.1930 Berlin, Anhänger der NS-Bewegung...
    Die offizielle Umbenennung wurde mit Beschluß vom 31. Juli 1947 vorgenommen. Von Kriegsende bis dahin wurde er Liebknechtplatz genannt.

    aktueller Name Rosa-Luxemburg-Platz

    #Berlin #Polizei #Geschichte #Fotografie #nazis

  • Puttkamerstraße
    https://berlin.kauperts.de/Strassen/Puttkamerstrasse-10969-Berlin

    Das LABO in der Puttkamerstraße

    Nein, die Puttkamerstraße heißt so seit 1845 und wurde nie umbenannt. Sie verdient dennoch den Hashtag #Straßenumbenennung, weil schon ihre Widmung zu Protesten führte wie sie seitdem nur noch bei Straßenumbenennungen vorkommen.

    Postleitzahl 10969
    Ortsteil Kreuzberg
    ÖPNV Zone A Bus M29, M41 — U‑Bahn 6 Kochstr ♿ — S‑Bahn 1, 2, 25 Anhalter Bahnhof ♿
    Straßenverlauf von Wilhelmstraße bis Friedrichstraße
    Falk‑Stadtplan Planquadrat M 16

    Ehemaliger Bezirk Kreuzberg
    Name seit 15.8.1845

    Puttkamer, Eugen von, geb. 12.10.1800 Zemlin b. Cammin (Pommern), + 17.4.1874 Lübben, Jurist.

    Puttkamer, pommersches Adelsgeschlecht slawischen Ursprungs, dessen Stammreihe 1240 beginnt. Einige Zweige wurden in den preußischen Freiherrenstand erhoben. Ein Vertreter des Geschlechts, nach dem die Straße benannt wurde, war Puttkamer, Eugen von, geb. 12.10.1800 Zemlin b. Cammin (Pommern), + 17.4.1874 Lübben, Jurist.Puttkamer besuchte von 1814 bis 1817 das Friedrich-Wilhelm- Gymnasium in Berlin und studierte an den Universitäten Berlin und Heidelberg Jura. 1821 nahm er seine Tätigkeit am Berliner Stadtgericht auf, wechselte zum Berliner Kammergericht, arbeitete einige Zeit am Oberlandesgericht in Frankfurt (Oder) und kam schließlich 1830 ins preußische Finanzministerium. Danach war er in Stettin als Oberlandesgerichtsrat tätig, wirkte ab 1835 als Landrat des Kreises Randow sowie als Landschaftsrat in Vorpommern. 1839 wurde Puttkamer zum Polizeipräsidenten von Berlin ernannt. Dieses Amt übte er bis zu seiner Berufung 1847 zum Präsidenten der Regierung von Frankfurt (Oder) aus. Seit Mai 1848 leitete Puttkamer - wieder in Berlin - eine Abteilung im preußischen Innenministerium, ehe er 1851 als Oberpräsident der Provinz nach Posen wechselte. Magistrat und Stadtverordnete von Berlin hatten Putkammers Abschied vom Amt des Polizeipräsidenten zum Anlaß genommen, ihm am 27.7.1847 die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Teile der Bürgerschaft empfanden dies als „Akt des Servilismus, der Kriecherei und Untertänigkeit gegen Höhere und Hochgestellte“ und verwahrten sich gegen einen Mann, der sich den Berliner Bürgern gegenüber stets als „rechter Aristokrat“ gezeigt hatte. Wenn auch das Begehren die Entscheidung nicht verhindern konnte, so war es in der Geschichte der Berliner Ehrenbürgerschaft der erste öffentliche Protest gegen eine Verleihung dieser Würde .

    Puttkamer
    https://de.wikipedia.org/wiki/Puttkamer

    ?

    Puttkamer ist der Name eines Uradelsgeschlechts aus Hinterpommern, das sich in viele Linien verzweigte. Es stellte zahlreiche hohe preußische Offiziere und Staatsbeamte. Mitglieder der Familie waren und sind in Wissenschaft und Kunst tätig und dienten als Diplomaten und Offiziere der Bundesrepublik Deutschland.

    Gutshaus Wollin, von 1457 bis 1878 im Familienbesitz, Stammhaus aller heute noch lebenden Freiherren v. Puttkamer
    ...
    Als Ahnherr dieses Geschlechts wird der 1257 bis 1260 nachweisbare „subdapifer Svecza de Slauna“ (Svenzo von Schlawe) angesehen, ein in Schlawe als Untertruchsess des Herzogs Swantopolk II. von Pommerellen wirkender Palatin von Danzig namens „Swenzo“. Damit wären die Puttkamer Agnaten der Swenzonen. Diese waren ein einheimisches Ministerialengeschlecht (polnisch Święcowi), das nach dem Aussterben der pommerellischen Herzöge aus dem Haus der Samboriden 1294 in den Wirren des pommerellischen Erbfolgestreits von 1296 bis 1309 die Regierungsgeschäfte führte und in den Landen Schlawe und Stolp faktisch wie Landesherren regierte, bis 1308 der Deutsche Orden den größten Teil des Herzogtums in Besitz nahm.
    ...
    Ein Geschlechtsverband, gegründet 1859 in Köslin, bestätigt 1865 in Berlin, hält heute an verschiedenen Orten Familientage ab.
    ...
    Kaiser Wilhelm II. verlieh dem Geschlecht 1895 das Präsentationsrecht zum Preußischen Herrenhaus.

    Auf Präsentation des Verbandes des Pommerschen Geschlechts von Puttkamer saßen im Herrenhaus:

    1896–1904: Bernhard von Puttkamer (1825–1904), Generalmajor a. D. und Rittergutsbesitzer
    1905–1918: Jesco von Puttkamer (1841–1918), Regierungspräsident a. D. und Rittergutsbesitzer
    1918: Erich von Puttkamer (1845–1935)
    ...
    Güter und Herrenhäuser der Familie

    Treblin war seit dem 14. Jahrhundert bis 1945 ein Familiensitz, seit 1315/1390 Groß Nossin (bis 1840), seit 1374 auch Alt Kolziglow, in dessen Kirche 1847 Johanna von Puttkamer mit Otto von Bismarck getraut wurde. 1419 kam Lossin, 1457 Wollin an die Puttkamer. Alte Besitze waren auch Kublitz (bereits 1315 im Lehnsbesitz von Kasimir Svenzo), Krampe, Plassow, Glowitz (ab 1475 bis 1945), Jeseritz (ab 1491) und Jerskewitz. Nach den Musterrollen und Vasallen-Tabellen des 14. und 15. Jahrhunderts waren die zusammengehörigen Güter Fritzow und Raddack alte Lehen des Domstifts Cammin, die ein Zweig der Familie Puttkamer als Afterlehen trug.

    Spätestens seit Mitte des 17. Jahrhunderts war Schlackow in der Familie, ab 1854 Krolow, zu dem auch die Vorwerke Vietzke und Marsow gehörten, die bereits seit 1340 Puttkamer’sche Lehen waren und die vermutlich auf den Besitz der Swenzonen zurückgehen, ebenso wie Görshagen. Die ganze Herrschaft Schlackow wurde im Jahre 1910 an den Grafen Wilhelm von Zitzewitz verkauft.

    Im 17. Jahrhundert kamen Grünwalde, das alte Ordensschloss Pansin sowie die Güter Niemietzke, Deutsch Karstnitz und Benzin an die Puttkamer, 1699 Barnow und Reinfeld, Reinfeld B genannt. Im 18. Jahrhundert erwarb die Familie Jassen, im 19. Jahrhundert Bartin, Karzin und Nippoglense, zeitweise auch Groß-Küssow.

    Weitere Besitze waren Buckow, Görshagen, Kremerbruch, Lichtenberg (bei Königsberg), Reddies, Versin, Viartlum, Waldau, Zettin.

    Das Rittergut und Schloss Himmighausen bei Nieheim (Ostwestfalen) kam durch Regelind Antonie von Puttkamer, geb. Gräfin von Oeynhausen, in die Familie und wird von ihr bis heute bewirtschaftet.

    Die von Puttkamerschen waren aber auch eine besonders widerliche Junkerfamilie.

    Johanna von Puttkamer (1824–1894), Ehefrau von Otto von Bismarck

    Karl-Jesko von Puttkamer (1900–1981), Konteradmiral und Marineadjutant Hitlers

    Flickr kennt das Grab eines gewissen Sir George Dashwood Taubman Goldie , eines Gegenspielers von Bismarck und seinen Puttkamers.

    https://www.flickr.com/photos/12608538@N03/51577430919/in/photolist-2epFWAd-2mzHPhk-2s9oEKt-zdqesg-aBMJwo-YnaRZS-ZkBiTC-YfAscU-YTxcSS-

    Flickr

    He conceived the idea of adding to the British Empire the then little known regions of the lower and middle Niger, and for over twenty years his efforts were devoted to the realization of this conception. The method by which he determined to work was the revival of government by chartered companies within the empire, a method supposed to be buried with the British East India Company. The first step was to combine all British commercial interests in the Niger, and this he accomplished in 1879 when the United African Company was formed.

    In 1881, Goldie sought a charter from Gladstone’s government. Objections of various kinds were raised. To meet them the capital of the company (renamed the National African Company) was increased from £250,000 to £1,000,000, and great energy was displayed in founding stations on the Niger.

    At this time French traders, encouraged by Léon Gambetta, established themselves on the lower river, thus rendering it difficult for the company to obtain territorial rights; but the Frenchmen were bought out in 1884, so that at the Berlin Conference on West Africa in 1885, Goldie, present as an expert on matters relating to the river, was able to announce that on the lower Niger the British flag alone flew. Meantime the Niger coast line had been placed under British protection. Through Joseph Thomson, David McIntosh, D. W. Sargent, J. Flint, William Wallace, E. Dangerfield and numerous other agents, over 400 political treaties drawn up by Goldie were made with the chiefs of the lower Niger and the Hausa states. The scruples of the British government being overcome, a charter was at length granted (July 1886), the National African Company becoming the Royal Niger Company, with Henry Austin Bruce, 1st Baron Aberdare as governor and Goldie as vice-governor. In 1895, on Lord Aberdare’s death, Goldie became governor of the company, whose destinies he had guided throughout.

    The building up of Nigeria as a British state had to be carried on in face of further difficulties raised by French travellers with political missions, and also in face of German opposition. From 1884 to 1890, Otto von Bismarck was a persistent antagonist, and the strenuous efforts he made to secure for Germany the basin of the lower Niger and Lake Chad were even more dangerous to Goldie’s schemes of empire than the ambitions of France. Eduard Robert Flegel, who had travelled in Nigeria during 1882–1884 under the auspices of the British company, was sent out in 1885 by the newly formed German Colonial Society to secure treaties for Germany, which had established itself at Cameroon.

    After Flegel’s death in 1886, his work was continued by his companion Dr Staudinger, while Herr Hoenigsberg was despatched to stir up trouble in the occupied portions of the company’s territory, or, as he expressed it, “to burst up the charter”. He was finally arrested at Onitsha, and, after trial by the company’s supreme court at Asaba, was expelled from the country. Bismarck then sent out his nephew, Herr von Puttkamer, as German consul general to Nigeria, with orders to report on this affair, and when, this report was published in a White Book, Bismarck demanded heavy damages from the company.

    Meanwhile, Bismarck maintained constant pressure on the British government to compel the Royal Niger Company to a division of spheres of influence, whereby Great Britain would have lost a third, and the most valuable part, of the company’s territory. But he fell from power in March 1890 and, in July, following Robert Gascoyne-Cecil, 3rd Marquess of Salisbury, concluded the Heligoland–Zanzibar Treaty with Germany. The aggressive action of Germany in Nigeria entirely ceased, and the door was opened for a final settlement of the Nigeria–Cameroon frontiers.

    #Berlin #Kreuzberg #Puttlamerstraße #Geschichte #Straßenumbenennung

  • Als Rollstühle den Ku’damm blockierten
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1199237.inklusion-als-rollstuehle-den-kurdamm-blockierten.html

    Rollstuhlfahrer blockieren 1987 den Kurfürstendamm, um für Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr zu demonstrieren. Foto: TIPP/Norbert Nischalke

    23.4.2026 Marten Brehmer - Protest von Menschen mit Behinderung hat viel erreicht. Doch jetzt stehen viele Errungenschaften wieder auf dem Spiel

    Minus 14 Grad Celsius zeigte das Thermometer am 23. Januar 1987. Einige ältere Demonstranten hätten sich Handtücher um die Beine gebunden und Wärmflaschen zwischen Rücken und Rollstuhl verkeilt, um die Kälte auszuhalten, erinnert sich Bärbel Reichelt. Dann rollten alle auf die Fahrbahn. Ein Dutzend Rollstühle blockierten auf einmal den Adenauerplatz in Charlottenburg, der Verkehr stand still.

    Für Rollstuhlfahrer und andere in ihrer Beweglichkeit eingeschränkte Menschen waren BVG-Busse und -Bahnen damals nicht nutzbar. Die Busse konnten sich nicht neigen und beim Einstieg musste eine Stufe überwunden werden. Behinderte erhielten daher Gutscheine für einen Mobilitätsdienst, den sogenannten Telebus. Doch dessen Umfang hatte der Senat zu Beginn des Jahres 1987 drastisch gekürzt: von 50 auf 24 Fahrten im Monat. »Jeder Hund wird häufiger ausgeführt«, sagt Reichelt rückblickend. »Da sind wir auf die Barrikaden gegangen.« Angst vor einer Festnahme hatten die Blockierer demnach nicht. »Wir wussten ja, dass die Polizeiautos keine Rollstuhlfahrer mitnehmen konnten«, erinnert sich Reichelt.

    Am Mittwochabend sitzt Reichelt mit anderen Aktivisten in der Amerika-Gedenk-Bibliothek in Kreuzberg auf der Bühne. Eingeladen haben die Fürst-Donnersmarck-Stiftung und die Landeszentrale für politische Bildung, um über Geschichte und Gegenwart der Behindertenbewegung zu diskutieren. Heutzutage gebe es Arbeitsgruppen in den Behörden, in denen Behindertenvertreter ihre Meinung äußern könnten, sagt Reichelt. In mancher Hinsicht, findet sie, sei das ein Rückschritt. »Das ist entstanden, um uns von der Straße zu bekommen.« Ihre Erfahrung sei, dass die Sitzungen selten produktiv seien. »Man quatscht und quatscht und am Ende wird es abgeheftet und nichts passiert.«

    Jenny Bießmann hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie ist Mitgründerin der unabhängigen Beratungsstelle »aktiv und selbstbestimmt«. »Wir kriegen oft den Vorwurf, dass wir brav geworden sind«, sagt die Behindertenaktivistin. Der Protest habe sich inzwischen verändert. »Wir machen einen Spagat – wir sind auf der Straße und sitzen am Verhandlungstisch«, sagt sie. Man setze auch vermehrt auf digitale Angebote, etwa in den sozialen Medien. Für Menschen, die aufgrund ihrer Einschränkungen die Wohnung nicht verlassen könnten oder Schwierigkeiten hätten, verbale Sprache zu nutzen, sei das oft die einzige Möglichkeit, sich politisch zu beteiligen, so Bießmann.

    An Baustellen – im übertragenen Sinne wie wortwörtlich – mangele es dabei nicht. Auch 39 Jahre nach dem Protest am Adenauerplatz sei Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr immer noch ein großes Thema, an vielen Bahnhöfen gebe es etwa keine Aufzüge. Dass es auch anders gehe, sehe sie bei Reisen ins Ausland. Neulich sei sie für eine Dienstreise in Japan gewesen. »Da musste ich mir keinerlei Gedanken machen«, sagt sie. Nicht nur Bus und Bahn, sondern auch so gut wie alle öffentlichen Gebäude seien ebenerdig gestaltet. Nur in kleineren Restaurants habe sie mit ihrem Rollstuhl Probleme gehabt. »Aber da hat man sich ganz selbstverständlich gekümmert«, berichtet Bießmann.

    Frieder Kurbjeweit beobachtet sogar, dass die Inklusion behinderter Menschen zurzeit Rückschritte macht. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte. »Lange war die Richtung: mehr Selbstbestimmung, mehr Barrierefreiheit«, sagt er. Aber das habe sich geändert. Teilhabe und Leistungen würden in Berlin und im Bund zurückgefahren. Zuletzt hatte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine Kürzungsliste vorgelegt, die auch im Bereich der Inklusion eine drastische Reduzierung vorsieht. »Das wäre eine Katastrophe«, sagt Kurbjeweit.

    Er glaubt, dass Gremienarbeit nicht ausreicht. »Man braucht Chuzpe, um sich durchzusetzen«, sagt er. »Wir brauchen eine aktive Zivilgesellschaft.«

    Ganz ausgestorben ist der Behindertenprotest nicht. Im November vergangenen Jahres besetzten etwa 30 Menschen mit und ohne Behinderung das Foyer der Senatssozialverwaltung. Sie forderten eine Anpassung der Gehälter von Assistenzkräften, die im sogenannten Arbeitgebermodell arbeiten, an das Niveau bei freien Trägern. Im Arbeitgebermodell erhalten Menschen mit Behinderung ein persönliches Budget, aus dem sie selbstständig Assistenzen anstellen können. Die Besetzer blieben eine Nacht und erreichten, dass sich Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) und Finanzsenator Stefan Evers (CDU) mit ihnen zu einem Gespräch trafen. Am Ende stimmte das Abgeordnetenhaus der Refinanzierung der Tarifsteigerungen zu.

    Aziz Bozkurt war damals dabei – allerdings auf der anderen Seite. Der SPD-Politiker ist Staatssekretär in der Sozialverwaltung. »Das war eine lange Nacht«, sagt er. »Ohne den Protest hätte sich da nichts bewegt.« Die Besetzung habe öffentlichen Druck erzeugt und die Verhandlungen mit der Senatsfinanzverwaltung entscheidend beeinflusst.

    Er habe viel während der Besetzung gelernt. »Ich bin empathisch, aber ich kann nicht alles nachvollziehen«, sagt er. Darum sei es wichtig, dass Menschen mit Behinderung sich einbrächten. So könnten sie auf Probleme hinweisen, die Menschen ohne Behinderung nicht bewusst seien. »Es ist etwas anderes, wenn man es selbst lebt«, sagt Bozkurt. Für ihn selbst seien die Erfahrungen, die Rollstuhlfahrer machten, schlagartig nachvollziehbarer geworden, als er Vater geworden sei. »Man lernt die Stadt vollkommen neu kennen, wenn man mit dem Kinderwagen durch die Straßen geht«, sagt er.

    Mit der Blockade in Charlottenburg war der Protest 1987 nicht vorbei. Auf die Aktion seien im Wochentakt weitere gefolgt, erinnert sich Bärbel Reichelt. Man begleitete die 750-Jahr-Feier Berlins mit kleinen Versammlungen. »Wir haben Spalier gestanden, als Helmut Kohl eine Veranstaltung besuchen wollte«, sagt sie. Auch bei der Berlinale habe es Aktionen gegeben. »Nur wenn man persönlich da ist und Bambule macht, bewegt sich wirklich was«, ist sie überzeugt.

    Zumindest im öffentlichen Nahverkehr hat sich seit 1987 einiges getan. Der Zugang zu Bus und Bahn erfolgt heutzutage ebenerdig. U-Bahnhöfe sind größtenteils mit Fahrstühlen versehen – wenn auch mit prominenten Ausnahmen wie dem Übergang zwischen dem S- und dem U-Bahnhof Yorckstraße. In allen Fahrzeugen gibt es Rampen.

    Für Aktivistin Reichelt, die bei der Busblockade am Adenauerplatz dabei war, ist das eine tägliche Erinnerung daran, dass sich das Kämpfen lohnt. Immer, so sagt sie, wenn sich der Bus zur Seite neige und sie über die Rampe in das Fahrzeug rolle, denke sie sich: »Das war ich!«

    #Berlin #Westberlin #Verkehr #Behinderte #Inklusion #Geschichte

  • Berliner Zentrum Industriekultur - Fahrradrouten
    https://industriekultur.berlin/erleben/fahrradrouten

    Sehr schön, kennwaallet, muss nicht mit dem Fahrrad abgefahren werden. Mit dem Taxi schaffen wir das und noch mehr in ein oder zwei Tagestouren.

    Berlin ist ein riesiges Open-Air-Museum der Industriekultur, das Sie mit unseren acht Radrouten erkunden können. Wir haben für Sie die schönsten Wege, die interessantesten Orte und die spannendsten Geschichten zusammengestellt.

    Unsere 8,5 bis 25 km langen Routen führen auf Radwegen, Uferstraßen und ruhigen Nebenstraßen durch ganz Berlin. Nehmen Sie sich für jede Radroute am besten einen Tag Zeit, denn es gibt viel zu entdecken. Für die Pausen empfehlen wir Gaststätten und Cafés mit besonderem Industriekultur-Flair.

    #Berlin #Tourismus #Sightseeing #Geschichte #industrie

  • Platz wird umbenannt: Blücherplatz in Berlin-Kreuzberg wird zu Eva-Mamlok-Platz
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/platz-wird-umbenannt-blucherplatz-in-berlin-kreuzberg-wird-zu-eva-mamlo

    Bezirksverordnetenversammlungen sind wie kleinbürgerliche Häuslebauer, irgendwas muss immer an- oder umgebaut werden, und am Ende kommt immer eine Verschlimmbesserung heraus. Noch eine Straßenumbenennung gibt dem Leben der Verordneten den Anschen von Sinn.

    Für irgendwas muss man ja Aufwandsentschädigung und Sitzungsheld kassieren. Auch so ein Ausschuss mitsamt dem Bezirksamtsapparat, den er kontrollieren soll, will nicht in untätiger Sinnlosigkeit scheitern. Alle wollen liefern. Also weg mit dem Preußengeneral, her mit der Widerstandsdame.

    Das ist gut gemacht und schlecht gedacht, aber Denken ist ja bekanntlich Glückssache. Diesmal haben die Bezirksverorneten in der Denklotterie eine Niete gezogen. Einfach das nächste Los kauf, möchte man ihnen zurufen. Ihr kriegt es gratis und von mir noch Taschengeld dazu. Vielleicht ist ja ein pädophiler Jugendamtsleiter euer Hauptgewinn, der ganz dicke Plüschbär, den ihr als Kinder immer gewinnen wolltet und nie erwischt habt.

    Taxi wünscht Euch Glück, dann kann es vielleicht glückliche Fahrgäst vom Rathaus nach Hause fahren. Wobei, wir sind ja in Friedrichshsin Kreuzberg, da fahren alle Fahrrad und Uber. Auch egal. Wir machen das alles ja nur zum Spaß.

    23.4.2026 - Ein Platz in Kreuzberg soll einen neuen Namen bekommen – den der jüdischen Widerstandskämpferin Eva Mamlok. Die Umbenennung gilt allerdings nicht ab sofort.

    Der Blücherplatz am Halleschen Tor in Berlin-Kreuzberg soll künftig nach einer jüdischen Widerstandskämpferin Eva-Mamlok-Platz heißen. Bis Ende des Jahres soll der Platz umbenannt werden, wie das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mitteilte. Die Umbenennung findet demnach erst nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus Ende September statt. Zuvor hatten mehrere Medien berichtet.

    Eva Mamlok war eine jüdische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, die in Kreuzberg aufwuchs. 1944 starb sie im Konzentrationslager Stutthof. Stolpersteine in der Neuenburger Straße erinnern an sie und ihre Familie.

    Der bisherige Namensgeber des Platzes, Gebhard Leberecht von Blücher, war ein preußischer Generalfeldmarschall, der eine bedeutende Rolle in den Befreiungskriegen gegen Napoleon spielte.

    Die Umbenennung geht auf einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung aus dem vergangenen Juni zurück. In dem Antrag zur Umbenennung heißt es, dass der Platz nicht mehr den Namen eines Feldherrn der Befreiungskriege gegen Napoleon tragen, sondern dort eine Persönlichkeit des weiblichen und jüdischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus geehrt werden solle. Zudem sei Blücher mit der mehrspurigen, eineinhalb Kilometer langen Blücherstraße bereits im Bezirk prominent vertreten. (dpa)

    #Berlin #Kreuzberg #Blücherplatz #Eva-Mamlok-Platz #Straßenumbenennung #Politik #Zeitgeist #Geschichte

  • MONTAGSINTERVIEW: „Ich dachte: Jetzt bin ich zu Hause“
    https://taz.de/MONTAGSINTERVIEW/!5086618


    „In China brach plötzlich etwas durch, was jahrzehntelang in mir war“: Dagmar Yu-Dembski, Leiterin des Konfuzius-Instituts an der FU Berlin.   Bild: David Oliveira

    12.8.2012 - Dagmar Yu-Dembski erforscht chinesische Spuren in der Geschichte Berlins. Ihr eigener Vater kam 1936 in die Stadt.

    taz: Frau Yu-Dembski, Sie haben sich systematisch mit den Chinesen in Deutschland beschäftig und das Buch „Chinesen in Berlin“ veröffentlicht. Wann kamen denn die ersten Chinesen nach Berlin?

    Dagmar Yu-Dembski: Das war 1823. Es waren zwei, sie hießen Yasheng Feng und Yaxue Feng. Es gibt Aufzeichnungen darüber von Heinrich Heine, der einem Freund schrieb, dass zwei Chinesen in einer Art Theater in der Stadt ausgestellt würden. So wie heute im Zoo, wo Tiere ausgestellt werden, die man sonst nicht sehen kann, gab es ja früher Menschen- oder Völkerschauen. Einer der beiden ist dann hier geblieben und hat in Potsdam ein Haus gebaut. Yasheng war sein Vorname – daraus wurde aber später der Familienname „Assing“. So würde man nie auf die Idee kommen, dass es da mal chinesische Vorfahren gab.

    Auch Ihr Vater war Chinese, er kam 1936 als Student nach Deutschland. Später studierte er in Berlin Ingenieurswissenschaften. Warum eigentlich?

    Dagmar Yu-Dembski

    Die Frau: Dagmar Yu-Dembski wird 1943 als Tochter eines Chinesen und einer Deutschen geboren. Sie studiert Publizistik, Kunstgeschichte und Sinologie an der Freien Universität Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Rolle der Frauen in den Medien, bis sie anfängt, sich verstärkt mit China und interkultureller Kommunikation zu beschäftigen. Yu-Dembski lebt mit ihrem Mann in Berlin.

    In China war das Bildungssystem lange Zeit von konfuzianischen Vorstellungen geprägt. Moderne Wissenschaften wie Natur- und Ingenieurswissenschaften oder Medizin waren keine Ausbildungsgänge, die in China entwickelt waren. Mein Vater kam aus einer reichen kantonesischen Kaufmannsfamilie, wo mindestens eines der Kinder ins Ausland geschickt wurde. Davor war er auf einer zweisprachigen deutsch-chinesischen Mittelschule in Guangdong, wo er Abitur gemacht hat. Aber Deutschland war für die Studenten auch das Land von Marx und Engels. Viele sind daher aus politischen Gründen zum Studium gekommen, wobei sie dann nicht nur studiert, sondern auch ihre Landsleute agitiert haben.

    Sie haben sich viel mit dem damaligen Alltag der Chinesen in Berlin beschäftigt. Wie kann man sich das Leben Ihres Vaters und der chinesischen Studenten im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre vorstellen?

    200 Studenten haben damals in den hochherrschaftlichen Häusern Charlottenburgs gewohnt. Nach dem Ersten Weltkrieg lebten in den großen Wohnungen viele Witwen, die Zimmer vermieten mussten. Sie haben gerne an die jungen Chinesen mit den guten Manieren vermietet, weil diese aus gutsituierten Familien kamen oder staatliche Stipendien hatten. Das war gar nicht schlecht – gerade als 1923 Inflation war, haben sie mit ihren chinesischen Devisen gut dagestanden. Es gibt auch Berichte in den Zeitungen über diese modischen jungen Herren – neunzig Prozent der Studenten waren Männer – die häufig in eleganter Begleitung gesehen wurden. Wenn ich mir die Fotos von meinem Vater in den Dreißigern oder Vierzigern ansehe, frage ich mich manchmal: Hat er eigentlich studiert?

    Gab es damals so etwas wie eine Mini-Chinatown?

    Die Kantstraße in Charlottenburg war das frühere chinesische Viertel. Da wohnte ein Chinese neben dem anderen in den Nebenstraßen zur Untermiete, so wie mein Vater. In Charlottenburg ist die Technische Universität, die Chinesische Botschaft war am Kurfürstendamm 218, auch die Hochschule für Politik war ganz in der Nähe. Dort gibt es heute noch viele chinesische Geschäfte und Restaurants. Die Kantstraße ist inzwischen fast wieder eine chinesische Straße.

    Was haben die Chinesen damals gegessen? Gab es damals schon China-Restaurants?

    Gerade in der Kantstraße gab es mehrere. In diesen Restaurants gab es weiße Tischdecken und deutsche befrackte Kellner. Auf einem Foto in einem der China-Restaurants 1923 tragen die Chinesen alle Anzug und Krawatte. Das war das Interessante: Die Chinesen haben dort nicht etwa als Kellner gearbeitet, das waren Deutsche. Es soll sogar in den zwanziger Jahren in Berlin eine Gärtnerei gegeben haben, in der chinesisches Gemüse gezogen wurde.

    Und in den anderen Vierteln?

    Es gab damals zwei soziale Gruppen von Chinesen in Berlin. Außer den Studenten und Wissenschaftlern kamen auch Geschäftsleute, meist aus Qingtian und Wenzhou. Diese wiederum etwa 200 Chinesen haben im heutigen Friedrichshain gewohnt. Das ist der Bezirk um den früheren Schlesischen Bahnhof, ein Kopfbahnhof, wo man mit dem Zug wie der Transsibirischen Eisenbahn aus dem Osten ankam. Das war ein absoluter Arbeiterbezirk. Nur in ganz wenigen Häusern gab es überhaupt ein Badezimmer. Die Toilette war eine Treppe tiefer, viele Häuser hatten mehrere Höfe hintereinander, wo viele kleine Betriebe irgendetwas angefertigt haben. Es gab einen kleinen Laden, wo Chinesen alles Mögliche verkauft haben, es gab andere, die mit einer Ledertasche durch die Gegend zogen, um Porzellan und Kleinigkeiten zu verkaufen, und auch kleine Restaurants und Garküchen.

    Zurück zu Ihrer Familie. Ihr Vater kam 1936 nach Deutschland. Wie war diese Zeit für die Chinesen in Berlin?

    Richtig, mein Vater ist in der NS-Zeit gekommen, im Jahr der Olympischen Spiele. Aber die Chinesen haben sich von dieser ganzen Rassenpolitik gar nicht beeindrucken lassen. Als Hitler 1933 von den „gelben Rassen“ sprach, hatten Japaner und Chinesen protestiert, auch beim Auswärtigen Amt. Und man hatte da eine Formulierung gefunden, dass diese „hochwertigen“ Kulturen, also diese 5.000 Jahre alten Kulturen, damit nicht gemeint seien. Für die Studenten war alles gut, solange sie nicht aufgefallen sind, dem Staat nicht zur Last fielen, kein Geld brauchten und sich nicht politisch betätigten. Schwieriger wurde es allerdings für die Kleinhändler. Den Wäschereibesitzern haben die Leute zum Beispiel nicht mehr ihre Wäsche gebracht – nicht zum „Chinesen“! Auch Porzellan und Perlen hat irgendwann keiner mehr gekauft. Viele haben wirklich gehungert.

    Die Chinesen sind die ganze Zeit eher unter sich geblieben. Wann und wie kamen die ersten deutsch-chinesischen Ehen zustande wie bei Ihren Eltern?

    Erst als die Situation im Zweiten Weltkrieg sehr schwierig wurde. Da litten plötzlich alle unter den gleichen Bedingungen: Bombenangriffe, Hunger, Einschränkungen der Reisefreiheit und Ähnliches. Aber als Ehen kann man die Gemeinschaften eigentlich nicht bezeichnen. Es gab keine Eheerlaubnis für Chinesen und deutsche Frauen. Natürlich kam hinzu, dass die meisten deutschen Männer im Krieg waren. Und deswegen hatte so ein gut aussehender Chinese bei meiner Mutter dann auch eine Chance. Ich bin 1943 geboren, aber heiraten konnten meine Eltern erst nach dem Krieg, im Juni 1945.

    1945 gab es eine große Rückholaktion. Die chinesische Regierung organisierte den Rücktransport und jeder bekam um die 100 US-Dollar. Sind viele Familien damals nach China zurückgegangen?

    Von den 80 deutsch-chinesischen Ehen, die es damals in Berlin gab, ging mindestens die Hälfte der Frauen mit ihren Männern nach China zurück. Für die deutschen Frauen und deren Kinder, die in der Zwischenzeit geboren worden waren, gab es als Vorbereitung an der Lietzensee-Schule Chinesisch-Unterricht. Ich habe einen Bericht in der damaligen Presse über die Kinder gelesen, die in diese Schule gegangen sind, und von den blonden deutschen Frauen, die gesagt haben, es sei zwar eine schwere Sprache, aber sie wollten nach China gehen, nachdem sie endlich hatten heiraten dürfen.

    Ihr Vater ist damals wegen Ihrer Mutter nicht zurückgegangen, hat sich aber später doch von ihr getrennt.

    Ja, meine Eltern haben zwar geheiratet, und für meine Mutter war es die Liebe ihres Lebens. Für sie gab es auch nie wieder einen anderen Mann. Aber mein Vater hat sie irgendwann wegen einer Chinesin verlassen. Das hat dazu geführt, dass meine Mutter alles ablehnte, was mit China zusammenhing.

    Wie hat sich das auf Ihre Kindheit ausgewirkt?

    Ich war damals 13, 14. Mein Vater hat nicht nur meine Mutter verlassen, sondern auch mich als Tochter. Auf der anderen Seite hat meine Mutter nicht nur alles Chinesische abgelehnt, sondern auch mich, weil ich für sie der Inbegriff allen Chinesischen war. Im Gegensatz zu meinem Bruder, der den deutschen Anteil repräsentiert hat. Mein Bruder sieht ganz europäisch aus, er hat die Nase meiner Mutter und die grünen Augen. Jetzt sieht man es nicht mehr so stark, aber früher sah ich schon chinesischer aus.

    Ihr Vater gründete das „Canton“, ehemals auf dem Stuttgarter Platz, eines der ersten China-Restaurants der Nachkriegszeit, später das „Hongkong“.

    Das Restaurant war ganz anders eingerichtet als die heutigen China-Restaurants. Es gab einen Springbrunnen, geschmackvolle Seidentapeten mit chinesischen Mustern und schwarze Tische. Dazu gründete mein Vater die mondäne Honkong-Bar am Kurfürstendamm, die in den 50ern und 60ern sehr beliebt war. Aber mein Vater war kein besonders guter Geschäftsmann. Er wollte den Berlinern vielmehr die chinesische Kultur vermitteln. Deshalb war mein Vater bei seinem Tod nicht irgendein Chinese, sondern eine chinesische Institution in Berlin.

    Ihr Vater ist 1976 gestorben. Warum hat Sie gerade sein Tod China näher gebracht?

    Er starb durch einen Schlaganfall, und die Bild-Zeitung titelte damals „Chinesenkönig tot auf dem Kurfürstendamm“. Ich bin von seinem plötzlichen Tod überrascht worden und hatte das Gefühl, dass ich nichts über die Herkunft meiner Familie wusste. Hunderte Chinesen sind zur Beerdigung gekommen. Sie haben alle auf Chinesisch auf mich eingeredet; ich stand da und konnte kein Wort, nichts, ist wusste nicht, was los war. Ich bin eben ganz wie eine Deutsche aufgewachsen. Dann kamen plötzlich Verwandte, die mich umarmt haben. Einer sagte: „I am your cousin“. Der wollte sich nun um mich kümmern – sozusagen als neues Familienoberhaupt. Da habe ich gedacht: Na hoppla, so nicht!

    Trotzdem haben Sie nach dem Tod Ihres Vaters Ihre chinesischen Wurzeln gesucht, haben bei den Sinologen Kurse belegt und sind 1980 das erste Mal nach China gefahren. Eine gewöhnliche Reise war das für Sie sicher nicht.

    Es gab da ein Schlüsselerlebnis: Wir kamen in eine Volkskommune und unterhielten uns darüber, wie viele Leute da arbeiten, wie hoch die Produktion ist. Plötzlich fragte der Produktionsleiter: Diese junge Frau da, ist sie auch vom Reisebüro? Da konnte ich meine drei Sätze Chinesisch anbringen: Mein Vater ist Chinese, meine Mutter ist Deutsche, deshalb bin ich eine halbe Chinesin. Mein Name ist Yu Demei. Dann hat er plötzlich auf Chinesisch gesagt: Dein Vater ist Chinese? Na, dann bist du auch Chinesin! Wie wird dein Nachname geschrieben? Ich habe das Yu auf meine Handfläche gemalt und bin in Tränen ausgebrochen.

    Was hat dieser Moment in Ihnen ausgelöst?

    Ich hab gedacht, jetzt bin ich zu Hause. Da brach plötzlich etwas durch, was jahrzehntelang in mir war. Mein Mutter hat auf meinen Vater geschimpft und mich eben auch abgelehnt wegen meines chinesischen Anteils. Und hier sagt einer: Mensch, dann bist du ja Chinesin. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich gehöre dazu. Selbst wenn ich das jetzt erzähle, ist es für mich ganz emotional. Ich fange heute noch an zu heulen.

    Bei dieser Reise ist Ihnen noch etwas ganz anderes aufgegangen.

    Mir ist dabei klar geworden, wie der Verlust der Heimat für meinen Vater war. Er konnte nicht mehr nach China, weil die Volksrepublik China ihm keinen Pass mehr gegeben hat. Er war staatenlos. Es gibt eine chinesische Redewendung: Die Blätter fallen zu den Wurzeln zurück. Er ist mit Anfang zwanzig nach Deutschland gekommen und hat 40 Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht. Trotzdem fehlte ihm etwas. Für mich ging es nicht nur um meine Identität, sondern stellvertretend auch um die meines Vaters. Ich dachte, ich mache das für ihn, weil er nicht mehr zurückkonnte.

    Seitdem scheint Sie China nicht mehr losgelassen zu haben. Heute vermitteln Sie den Berlinern China als Geschäftsführerin eines Konfuzius-Instituts, eines chinesischen Kulturinstituts, das es weltweit gibt.

    Damit setze ich die Kulturarbeit meines Vaters fort. Ich kann aus ganz, ganz vielen Erfahrungen schöpfen. In der Zusammenarbeit mit den chinesischen Mitarbeitern habe ich ein sehr gutes Gespür. Außerdem weiß ich, wie Deutsche ticken, was Deutsche interessiert, wie ich ihnen etwas verständlich machen kann. Ich kann aus meiner Kenntnis deutscher Kultur die chinesische erklären – die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede.

    Heute leben rund 1.400 chinesische Studenten in Berlin. Wenn Sie die Chinesen und Deutschen heutzutage sehen, was würden Sie sich im Miteinander wünschen?

    Eines der größten Probleme ist, dass die Kommunikation nach wie vor nicht so gut funktioniert. Das hängt damit zusammen, dass die Chinesen sofort mit der chinesischen Politik identifiziert werden und sie immer stellvertretend für „das“ China stehen. Ich glaube, das nervt sie wirklich. Man wird immer als Chinese wahrgenommen, auch, wenn man hier aufgewachsen ist und überhaupt kein Akzent zu hören ist. Manche Frauen erzählen mir, dass immer noch in manchen Köpfen die exotische Chinesin rumschwirrt, die man auch entsprechend behandeln kann. So eine kleine, niedliche Chinesin. Da bin ich als Feministin sehr hellhörig. Diese Chinabilder im Kopf zu verändern ist mir ganz, ganz wichtig.

    Dagmar Yu-Dembski
    https://de.wikipedia.org/wiki/Dagmar_Yu-Dembski

    Dagmar Yu-Dembski (* 1. Februar 1943 in Berlin; gest. 21. Mai 2023)[1] war eine deutsche Journalistin und Autorin chinesischer Abstammung.

    Yu-Dembski wurde 1943 als Tochter einer Deutschen und eines Chinesen aus Südchina geboren. Ihre Eltern trennten sich, als sie 13 Jahre alt war. Sie absolvierte Studien der Publizistik, Kunstgeschichte und Sinologie an der Freien Universität Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Rolle der Frauen in den Medien sowie der Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen unter besonderer Berücksichtigung der Chinesen in Deutschland.[2] Yu-Dembski war zwischenzeitlich geschäftsführende Leiterin des Konfuzius-Instituts in Berlin und Herausgeberin der 2014 eingestellten Zeitschrift Das neue China.[3][4][5][6] Yu-Dembski übersetzte das Buch Shanghai-Magie : Reportagen aus dem New Yorker von Emily Hahn aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche. Sie lebte mit ihrem Mann in Berlin.[2]

    2010: Lili und das chinesische Frühlingsfest, Carlsen-Verlag, Hamburg, ISBN 978-3-551-08693-8.
    2014: 热闹的春节 (Pinyin: Rènào de chūnjié), 長江少年兒童 出版社 (Pinyin: Chángjiāng shàonián értóng chūbǎn shè), Wuhan, ISBN 978-7-5560-0158-3 (chinesische Übersetzung).

    2007: Chinesen in Berlin, Berlin edition, ISBN 978-3-8148-0159-9.
    2013: Chinaprinzessin : meine deutsch-chinesische Familie, edition Ebersbach, Berlin, ISBN 978-3-86915-064-2.

    2013: Mechthild Leutner: Dreihundert Jahre Chinesisch in Deutschland : Annäherungen an ein fernes Land, LIT Verlag, Münster, 2013, ISBN 978-3-643-12385-5.

    ↑ Traueranzeigen von Dagmar Yu-Dembski | Tagesspiegel Trauer. Abgerufen am 28. Mai 2023 (deutsch).
    Hochspringen nach: 1 2 „Ich dachte: Jetzt bin ich zu Hause“, taz.de, 12. August 2012
    ↑ Das neue China
    ↑ ISSN 0172-4878
    ↑ ZDB-ID 193576-8
    ↑ Dagmar Yu-Dembski, Edition Ebersbach

    Personendaten
    NAME Yu-Dembski, Dagmar
    ALTERNATIVNAMEN Yü-Dembski, Dagmar
    KURZBESCHREIBUNG deutsche Journalistin und Autorin
    GEBURTSDATUM 1. Februar 1943
    GEBURTSORT Berlin
    STERBEDATUM 21. Mai 2023

    #Berlin #Charlottenburg #Kurfürstendamm #Lietzensee #Kantstraße #Deutschland #China #Feminismus #Geschichte

  • Der „Freund und Helfer“: Die Berliner Polizeiausstellung von 1926
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/der-freund-und-helfer-die-berliner-polizeiausstellung-von-1926-li.1

    Man kennt das. „Freundchen, ick werd dir helfen !“ lautet die Ansprache. Soweit so demokratisch ist die Polizei, vor allem wenn sie Macht und Wohlstand der Reichen verteidigt. Tatort-Fernsehkrimis zeigen das so gut wie nie. Die Propaganda wirkt bis heute.

    5.4.2026 von Stefan Piasecki - In den 1920er-Jahren hat die Polizei ein ernsthaftes Imageproblem. Um das Vertrauen der Bürger zu gewinnen, inszeniert sie sich neu – und heuert erstmals auch Frauen an.

    Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

    Berlin, Ende September 1926. Zwischen dem soeben für die dritte Berliner Funkausstellung fertiggestellten Funkturm und den Ausstellungshallen am Kaiserdamm drängen sich Tausende vorbei an ausgestellten Uniformen, Fingerabdrücken, Tatortskizzen und modernster Technik. Kinder staunen über Verkehrspolizisten, Bürger betrachten sichergestellte Beute, Beamte erklären geduldig ihre Arbeit. Über allem steht ein Satz, der bis heute nachwirkt: „Die Polizei – dein Freund und Helfer.“ Nicht weniger als eine Polizei des Volkes sollte entstehen.

    Der Spruch ist mehr als ein Slogan. Es ist ein dringend notwendiges politisches Programm. Die Weimarer Republik des Jahres 1926 ist alles andere als stabil. Zwar hat sich die Lage nach Hyperinflation, Attentaten und Putschversuchen etwas beruhigt, doch die Gesellschaft bleibt tief gespalten. Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und rechten Verbänden gehören ebenso zum Alltag wie politische Morde und ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen.

    Foto
    Die Ausstellung sollte unter anderem das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei wecken.Deutsche Digitale Bibliothek/CC-BY-SA 3.0

    Im Zentrum vieler Spannungen steht ausgerechnet die Polizei. Für viele Linke ist sie noch immer die bewaffnete Verlängerung des Kaiserreichs – autoritär, militärisch geprägt, sozial distanziert. Das bekommen neben der Halbwelt vor allem Minderheiten wie Obdachlose, Prostituierte oder „Zigeuner“ zu spüren, die vielen nicht ins Stadtbild passen. Für konservative Kräfte wiederum ist die Polizei oft zu schwach, zu „republikanisch“, zu wenig durchgreifend. Die Presse des Medienzaren Alfred Hugenberg lässt kaum ein gutes Haar an ihr. Der Druck auf die Polizei kommt von allen Seiten. Preußens Innenminister Carl Severing (SPD) erkennt das Problem früh: Eine Demokratie kann nicht mit einer Polizei bestehen, die selbst nicht demokratisch denkt.

    Warum die Polizei demokratisiert werden musste

    Demokratie muss erlernt werden. Doch die Beamten der Weimarer Republik, geboren und zur Schule gegangen im Kaiserreich, hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft. Ältere waren vielleicht bereits kaiserliche Polizisten gewesen und hatten in hierarchischen Organisationsformen zu arbeiten und zu entscheiden gelernt, waren eng mit militärischen Strukturen verwoben und vor allem geübt, auf Befehle zu warten und zu gehorchen. Auch jüngere Beamte waren an Disziplin, Befehl und Gehorsam gewöhnt – nicht an Bürgernähe oder Konfliktvermittlung.

    Nach 1918 änderte sich das politische System zwar radikal, die Polizei aber nur langsam. Sie blieb vielerorts ein Fremdkörper in der neuen Republik. Das ist verständlich, denn so wie die verfassungsgebende Nationalversammlung 1919 nach Weimar ausweichen musste, hatte auch die Polizei unter dem Druck der Straße genug damit zu tun, einen Bürgerkrieg zu verhindern und Angriffe auf sich selbst abzuwehren. Severings Plan beabsichtigte daher nicht weniger als einen Mentalitätswechsel: Die Polizei sollte nicht länger Machtinstrument, sondern Garant der demokratischen Ordnung sein.

    Foto
    Die Berliner Polizeiausstellung von 1926: das „Mordauto“ zur Untersuchung von KriminalfällenBundesarchiv, Bild 102-03201/CC-BY-SA 3.0

    Die Polizeiausstellung (auch) als politische Inszenierung

    Zeitgleich mit der Polizeiausstellung tagte ein internationaler Polizeikongress, denn auch Interpol war schon 1923 gegründet worden. Man zielte unter Federführung des preußischen Innenministeriums auf eine Wirkung nach innen und nach außen, denn noch war Deutschland aufgrund des Versailler Vertrags von vielen internationalen Vorgängen ausgeschlossen oder nur als Beobachter zugelassen.

    Die Alliierten wirkten sogar in Berufslaufbahnen hinein und setzten letztlich das Berufsbeamtentum durch. Sie befürchteten nämlich, dass die zunächst begrenzten Dienstlaufbahnen immer neue Kohorten von an Waffen ausgebildeten Männern hervorbrächten und damit der auf 100.000 Soldaten begrenzten Mannstärke der Reichswehr ein schattenhaftes Parallelheer zur Seite träte. Politisch ausgegeben war somit die Absicht, nach außen Anschluss an internationale Polizeiarbeit und nach innen das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und das Image der deutschen Polizei grundlegend zu verändern.

    Foto
    Die Berliner Polizeiausstellung wurde durch den preußischen Innenminister Carl Severing eröffnet.Bundesarchiv, Bild 102-03201/CC-BY-SA 3.0

    Die Ermittler – zwischen Wissenschaft und Inszenierung

    Die Ausstellung sollte nicht nur ein neues Polizeibild vermitteln. Sie zeigte auch, wie sehr sich die Polizeiarbeit wandelte, und war damit ein Schaufenster der Innovation. Bereits in den 1920er-Jahren arbeitete die Kriminalpolizei mit Methoden, die heute selbstverständlich sind. Spurenkunde und Tatortarbeit zur Rekonstruktion eines Tathergangs waren bereits bekannt, daktyloskopische Verfahren zur Sicherung von Fingerabdrücken oder Blutuntersuchungen zur Unterscheidung wenigstens von tierischem und menschlichem Blut waren möglich. Systematische Fallanalysen bedienten sich statistischer Verfahren. Besucherinnen und Besucher konnten aktiv dabei zuschauen.

    Besonders eindrucksvoll wirkte die Verbindung verschiedener Methoden: Fotografie, Vermessung, Spurensicherung und Dokumentation wurden erstmals systematisch kombiniert. Die Polizei begann, Fälle nicht mehr nur aufgrund von Zeugenaussagen, sondern durch objektivierbare Beweise zu lösen.

    Berühmte Kriminalisten wie Ernst Gennat, Leiter der Berliner Mordinspektion, trieben diese neue, wissenschaftliche Polizei mit voller Kraft voran. Er hatte sich ein spezielles Fahrzeug bereitstellen lassen, mit dem am Tatort gleich die Arbeit beginnen konnte. Ernst Gennats Leute hatten eine nahezu hundertprozentige Aufklärungsquote. Dass während der Ausstellung ein spektakulärer Raubüberfall geschah – und natürlich schnell aufgeklärt wurde –, nutzte man prompt zur Demonstration kriminalistischer Leistungsfähigkeit.

    Auch verdeckte Ermittlungen gab es bereits. Sie waren weniger formalisiert als heute, aber längst Teil kriminalpolizeilicher Praxis, insbesondere im Bereich Organisierter Kriminalität und politischer Überwachung.

    Frauen in der Polizei – ein vorsichtiger Anfang

    Besucherinnen erfuhren staunend, dass auch Frauen zum neuen Leitbild gehörten, wenn auch zunächst in begrenzter Zahl und meist in speziellen Bereichen, etwa Jugendfürsorge, Sittlichkeitspolizei oder soziale Betreuung. Die Polizeiführung versprach sich durch weibliche Beamte weniger Gewalt, mehr Vermittlung, mehr soziale Kompetenz. Man wollte nicht länger nur Recht durchsetzen, sondern auch soziologische und soziale Hintergründe von Verbrechen verstehen. Severing und andere Reformpolitiker sahen in weiblichen Polizeikräften zudem eine Möglichkeit, das Bild der Polizei zu verändern. Sie sollten vermitteln statt einschüchtern, Vertrauen schaffen statt Distanz verstärken.

    In der Berliner Polizeiausstellung wurden Frauen als Teil einer modernen, zivilen Polizei präsentiert – ein sichtbarer Bruch mit der rein männlich-militärischen Tradition des Kaiserreichs. Gleichzeitig blieb ihre Rolle allerdings vorerst begrenzt. Frauen hatten kaum Aufstiegschancen und ihre Aufgaben waren klar abgegrenzt. Die Öffnung war symbolisch wichtig, strukturell aber noch vorsichtig.

    Foto
    Auch Frauen leisten in den 1920er-Jahren Detektivarbeit: Im Hollywoodstreifen „Wild, Wild Susan“ von 1925 ermittelt die Protagonistin in New York.Courtesy/Everett Collection/imago

    Technik, Verkehr, Moderne

    Die Ausstellung war nicht zuletzt ein Schaufenster der Moderne. Funktechnik, Telefonnetze und Motorradstreifen ermöglichten schnellere Reaktionen. Die Polizei wurde damit Teil einer neuen, beschleunigten Gesellschaft – und musste lernen, mit dieser Geschwindigkeit Schritt zu halten.

    Kaum ein Bereich machte die Modernisierung so sichtbar wie der Verkehr, der in der Ausstellung ebenfalls abgebildet wurde. Berlin war Mitte der 1920er-Jahre eine der dynamischsten Städte der Welt. Autos, Straßenbahnen, Fahrräder und Fußgänger konkurrierten um denselben Raum. Chaos war die Regel.

    Die Polizei reagierte darauf mit neuen Formen der Steuerung. Ein Beispiel: die Verkehrslenkung. Während der Ausstellung wurde erstmals eine koordinierte Ampelsteuerung erprobt. Die Polizei inszenierte sich als Ordnungsmacht einer neuen, technischen Urbanität. Besonders symbolträchtig war der Verkehrsturm am Potsdamer Platz, von dem aus ein Polizist den Verkehr koordinierte – ein Vorläufer moderner Ampelsysteme. Zugleich erwies sich die Verkehrsregelung als Feld, in dem Bürger die Polizei im Alltag unmittelbar erlebten. Freundlichkeit, Klarheit und Präsenz wurden hier ebenso wichtig wie Durchsetzungsfähigkeit.

    In der Hektik der Stadt
    Erfolg – und Grenzen

    Zumindest kurzfristig war die Ausstellung erfolgreich. Sie brachte der Polizei Aufmerksamkeit, Sympathie und ein neues Leitbild. Der Satz „Freund und Helfer“ wurde zum Motiv einer ganzen Generation und wirkt bis heute. Die Politik entnahm ihm bedeutende Impulse zur Weiterentwicklung der Polizei als Ordnungsmacht sozialer Prozesse. Doch angesichts der innenpolitischen Zuspitzungen und von Straßenkämpfen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten geriet die Polizei zunehmend zwischen die Fronten.

    In den späten 1920er-Jahren eskalierten Konflikte erneut – bis hin zum „Blutmai“ 1929. 1926 wollte die Polizei Freund sein. Wenige Jahre später wurde sie zum Werkzeug der Angst und ab 1933 in den Dienst einer Ideologie gestellt, die wissenschaftliche Methoden und technische Entwicklungen gegen das Volk richtete.

    Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde habilitiert in Religionspädagogik. Er beschäftigt sich bevorzugt mit den Wechselwirkungen von Medien, Religion, Kultur und Gesellschaft.

    #Berlin #Geschichte #Polizei #Verbrechen

  • Aus kriegszerstörzen Gebäuden Berlins wird Trümmerschutt
    https://berlingeschichte.de/stadtentwicklung/index.html

    Infolge der gewaltigen K. in Berlin fielen 1945 (späteren Schätzungen zufolge) etwa 70 bis 90 Mill. m³ Schutt und Bruchsteine an, das entsprach etwa 15 Prozent der gesamten deutschen Trümmermenge. Mindestens 45 Mill. m³ t. lagerten in Berlin-West, mindestens 30 Mill. m³ in Berlin-Ost. Ihre Beseitigung Trümmerfrauen war die Vorbedingung für den Wiederaufbau der Stadt. Die Kosten der Enttrümmerung Enttrümmerung schätzte der Magistrat im Januar 1946 auf etwa 1,45 Mrd. RM. Es wurde eine „Trümmerbahn“ auf Schmalspurgleisen in einer Länge von 45 km angelegt. Zunächst deckte man mit dem Schutt Bombenkrater, Schützengräben, Luftschutzeinrichtungen und andere Kriegs- und Nazirelikte zu. Ein anderer Teil wurde zu Verladerampen an der Spree gefahren und per Kahn in die Provinz Brandenburg abtransportiert (Transportkosten für einen Kubikmeter auf 3 km: 2,20 DM). Vor allem aber wurden mit großen Mengen des t. künstliche Hügel aufgetürmt, begrünt und zu Erholungsparks umgestaltet.

    Der erste Berliner #Trümmerberg entstand hinter dem Ausstellungsgelände am Funkturm, zahlreiche weitere folgten. Der größte Berg aus dem t. der Stadt entstand zwischen 1950 und 1972 am Nordrand des Grunewalds nahe dem Teufelssee aus 26 Mill. m³ t. Dieser „#Teufelsberg“ ist mit 115 m über NN gemeinsam mit den Müggelbergen (Bezirk Köpenick) die höchste Erhebung Berlins. Ähnlich riesige Trümmeraufschüttungen entstanden im #Friedrichshain, wo etwa eine Million m³ t. zu zwei gewaltigen Hügeln über gesprengten ehemaligen Flakbunkern aufgehäuft wurden: dem 52 m hohen Kleinen Bunkerberg , der eine Rodelbahn erhielt und dem 78 m hohen „#Mont_Klamott“, dem Großen Bunkerberg mit Aussichtsplateau. Auch die sog. #Oderbruchkippe an der #Oderbruchstraße ziert ein 89 und 91 m hoher Doppelgipfel im heutigen #Volkspark_Prenzlauer_Berg. Weitere bekannte große Trümmerberge sind die 86 m hohe #Humboldthöhe im #Volkspark_Humboldthain, der 75 m hohe „#Insulaner“ im Bezirk #Schöneberg, die 73 m hohe #Marienhöhe im Bezirk #Tempelhof, die 70 m hohe #Rixdorfer_Höhe im #Volkspark_Hasenheide sowie die 60 m hohe #Rudower_Höhe an der Grenze zwischen #Neukölln und #Köpenick.
    Die gärtnerisch gestalteten und teilweise dicht bewaldeten Hügel ergänzen heute harmonisch die Naturlandschaft und lassen ihre Herkunft als Trümmerberge kaum noch erkennen. Sie dienen der Erholung und Freizeitbeschäftigung der Bevölkerung (u.a. als Rodelberge).

    #Berlin #Krieg #Nachkriegszeit #Geschichte #Stadtentwicklung

  • Keine Spur von Höhenangst: Die ersten Fassadenkletterer Berlins
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/keine-spur-von-hoehenangst-die-ersten-fassadenkletterer-berlins-li.

    5.3.2026 von Bettina Müller - Bei ihren Raubzügen über den Dächern Berlins spielten die Gebrüder Kaßner in den 1920er-Jahren ein gefährliches Spiel. Und es endete tragisch.

    Es war eine hochgradig gefährliche Klettertour, die eine große Körperbeherrschung und noch größeren Mut erforderte: Hausvorsprünge, Spaliere, Pfeiler, Bäume, Regenrinnen und Blitzableiter dienten dem Vorwärtskommen an der Hauswand. Es waren jedoch keine Akrobaten, die der Unterhaltung des Publikums dienten, sondern Verbrecher. Die Fassadenkletterer waren geboren und wollten vor allem eins: Beute machen.

    Im Laufe der 1920er-Jahre wurde daraus der gefährlich verniedlichte „Klettermax“ oder auch „Das Gespenst von Berlin“. Die Lage wurde zunehmend unübersichtlicher, weil immer mehr Verbrecher die Häuserwände fluteten. Aber wer war das Original-Klettermäxchen, das von funkelnden Juwelen träumte, die es aber nicht selbst erarbeiten wollte? Ein historischer Pressebericht gibt heute die Antwort: „Die Gebrüder Kaßner waren die ersten, die die Fassadenkletterei in größtem Stil betrieben.“

    Oktober 1918. Während in Berlin Wilhelm II. nur kurz vor seiner Abdankung steht, die am 9. November 1918 bekannt gegeben werden wird, klettert Paul Kaßner eines Abends an der Fassade des Eden-Hotels hoch und verschafft sich durch ein offenes Fenster Zugang zu einem der Zimmer. Pech für ihn, dass er dabei von einem Rechtsanwalt überrascht wird, der den Eindringling kurzerhand überwältigt, mit Bettlaken fesselt und ihn verschnürt wie ein Paket der Polizei übergibt. Drei Monate Gefängnis sind das Ergebnis dieses gescheiterten Einbruchs, der keinerlei abschreckende Wirkung auf den Verbrecher hat.

    Paul Kaßner ist 18 Jahre alt und gebürtig aus Berlin, während sein älterer Bruder Wilhelm 1895 in Neu-Levin im Oberbarnim das Licht der Welt erblickte. Beide haben sich auf das Fassadenklettern spezialisiert und leben von den „Einkünften“ aus diesen lebensgefährlichen Raubzügen. Nach Abzug einer beträchtlichen Geldsumme für den Hehler, versteht sich. Das ärgert sie sehr, aber ändern können sie es nicht.

    Foto
    Ihren zweiten Raubzug begehen die Brüder Kaßner im Hotel Adlon.GRANGER Historical Picture/imago

    Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei

    Nur vier Monate nach dem Eden-Coup wiederholt Paul Kaßner das kriminelle Muster, diesmal in der Nacht zum 17. Februar 1919 an der Fassade des Adlon-Hotels, das dem Kletterer für seine „Arbeit“ sehr praktische Rillen im Sandsteinbau bietet. Er erleichtert dabei den Großindustriellen Stinnes um viel Bargeld und flieht.

    Doch die Berliner Kriminalpolizei kennt ihren „Pappenheimer“ mittlerweile nur zu gut und so lehnen sie sich beruhigt in ihren Bürostühlen zurück, weil sie wissen, dass er ihnen irgendwann in die Falle gehen wird. So auch diesmal: Am 26. April 1919 wird Paul Kaßner zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt.

    Seine „Karriere“ als gewerbsmäßiger Einbrecher beendet er natürlich nicht. Zu verlockend sind die Reichtümer, die in den Hotelzimmern auf ihn warten, zu ehrgeizig ist der Kletterer, der immer höher hinauswill, am liebsten bis in die Wolken. Sein Bruder Willi ist ihm offenbar ebenbürtig, auch er kann es nicht lassen und trägt dabei stets einen Revolver mit sich. Wenn sie gerade nicht klettern, verstecken sie sich in den düsteren Schlupfwinkeln der Großstadt, wo sie von ihren „Bräuten“ mit Essen versorgt werden. Und aus denen sie sofort fliehen und weiterziehen, wenn die Polizei ihnen mal wieder auf den Fersen ist.

    November 1925: Die Kaßner-Brüder bewegen sich nach wie vor in diesen dubiosen Kreisen der Kletterspezialisten. Paul Kaßner ist kurz zuvor aus der Strafanstalt Luckau entwichen, als Willi Kaßner sein Waterloo an einer Berliner Hotelfassade erlebt – in Form eines widerspenstigen Schweizer Hotelgastes namens Hollinger, der mit seiner Frau im Hotel Kaiserhof abgestiegen ist. Noch am selben Abend ihrer Ankunft kommt es zum Tumult.

    Hollinger ist im Bad, da hört er seine Frau im Schlafzimmer panisch schreien. Ohne zu zögern stürzt er in das Zimmer und sieht sich einem schwarz maskierten Mann gegenüber, der keine Schuhe trägt und mit seinem Revolver auf ihn zielt.

    Der furchtlose Hollinger wirft sich auf den Eindringling. Beide ringen miteinander, bis Kaßner Hollinger schließlich mit dem Revolverkolben ins Gesicht schlägt, was aber nicht die erwünschte besänftigende Wirkung hat. Der vor Wut rasende Hollinger revanchiert sich, indem er den Verbrecher in den Schwitzkasten nimmt und ihn dann in Richtung Fenster zerrt.

    Pech für Kaßner, dass es offensteht. Hollinger hebt zuerst die Beine und dann den Oberkörper des Mannes hoch und legt so den ganzen Verbrecher auf der Fensterbank ab – ein lauter Schrei ertönt und dann befindet sich nur noch ein Mann im Zimmer.

    Von der Charité bis zum Altar

    Kaßner überlebt mit mehreren Knochenbrüchen auf dem Asphalt, sodass Kommissar Werneburg, der Spezialist für Raubüberfälle im Polizeipräsidium, ihn zunächst in die Charité einweisen lassen muss. Aber auch dieses einschneidende Erlebnis und die Demütigung läutern Kaßner nicht, und sie halten ihn schon gar nicht davon ab, sich nach seiner Genesung im Dunkel der Nacht wieder neue Fassaden zu suchen. Er will klettern, muss klettern, um zu überleben, auch wenn die Gefahr sein ständiger Begleiter ist. Das Klettern ist auch zur unwiderstehlichen Sucht geworden.

    Anderthalb Jahre später sorgt er erneut für Polizeieinsätze. Im Mai 1927 findet im Norden der Stadt im Hause eines Gastwirts eine Verlobungsfeier statt. Der Sekt fließt in Strömen, dann wird die Harmonie jäh gestört, als aus unbekannten Gründen eine Prügelei eskaliert, sodass die Polizei anrücken muss. Doch auf dem Polizeirevier kommt der zukünftige Bräutigam der Gastwirtstochter gar nicht an. Und dann müssen die Beamten der ahnungslosen jungen Frau auch noch mitteilen, dass sie sich ausgerechnet mit dem „König der Fassadenkletterer“, Paul Kaßner, verlobt hatte, der sich ihr gegenüber unter falschem Namen als Kaufmann präsentiert hatte.

    Auch das Verlobungsgeschenk, eine Diamantenbrosche, musste sie wieder abgeben – sie stammte aus einem der Raubzüge Kaßners. Kurze Zeit später wird Kaßner in der Nähe des Stettiner Bahnhofs bei einer Prügelei festgenommen.

    Auch die letzte Phase der Weimarer Zeit wird für die Kaßners zu einem munteren Potpourri an Festnahmen, Gefängnisstrafen – und erneuten Ausbrüchen beider Brüder. Die Fassadenkletterer waren da schon längst in die Unterhaltungskultur der Stadt eingegangen: Ihre Abenteuer wurden in Gedichten, Romanen, Theaterstücken und sogar in Filmen aufgegriffen.

    Im April 1928 gelingt Paul Kaßner die Flucht aus einem streng bewachten Gefangenentransport gen Plötzensee. Seine neu gewonnene Freiheit nutzt er dann, um sich ausgiebig zu betrinken, wonach er schließlich besinnungslos an der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße von einem Polizeibeamten aufgegriffen wird. Die Gerichtsverhandlung im September des Jahres offenbart schließlich einen nahezu typischen Lebenslauf so mancher Berliner Verbrecher dieser Zeit: Der Vater war Trinker, die Jugend trostlos, von mehreren Geschwistern überlebten nur Paul und Willi. Die ersten Taschendiebstähle begingen sie im Alter von 13 Jahren, dann folgte die Fürsorgeanstalt und schließlich irgendwann das Zuchthaus.

    Der Bann war gebrochen und der Verbrecher geboren, der diesem ewigen Kreislauf nichts entgegensetzen konnte oder wollte. Als „guten Jungen“, der jedoch „leicht erregbar und krankhaft veranlagt“ sei, beschrieb ihn seine Mutter; als „jähzornigen Psychopathen, der unbeherrscht seinen Trieben folgt und auch von hohen Strafen nicht abgeschreckt wird“, der Gerichtsmediziner Medizinalrat Dr. Münich. Münich kam auch zu dem Ergebnis, dass der § 51 Reichsstrafgesetzbuch (RStrGB), der über die Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten entschied, nicht zur Anwendung kommen könne. Paul Kaßner wurde somit zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, was – der Leser ahnt es schon – auch wieder keinerlei abschreckende Wirkung hatte.

    Ein schnelles Ende

    Doch wie lange kann ein Mensch auf diese Art und Weise leben? Was macht er, wenn er älter und vor allem unbeweglicher wird? Für die Gebrüder Kaßner sollte sich diese Frage nicht mehr stellen. In der Nacht zum 2. Juni 1933 erschoss die Dresdener Polizei einen Diamantenhändler in der Walpurgisstraße, der dort Edelsteine zum Verkauf angeboten hatte. Es war Willi Kaßner, den ein Polizeibeamter zur Rede gestellt hatte.

    Willi Kaßner hatte keine Sekunde gezögert und seine Waffe gezogen, mit tödlichem Ausgang: einem Schuss in seinen Kopf. Und so hieß es diesmal in der standesamtlichen Sterbeurkunde: Das Landeskriminalamt Dresden zeigte an, dass „Wilhelm Hermann Friedrich Kaßner, ohne Beruf, 38 Jahre alt, Wohnort unbekannt, geboren zu Beauregard, Kreis Oberbarnim, Familienstand unbekannt, zu Dresden auf dem Fußweg vor dem Grundstück Walpurgisstraße 4 am ersten Juni des Jahres tausendneunhundertdreiunddreißig nachmittags um elfeinhalb Uhr verstorben sei“.

    Paul Kaßner sollte seinen Bruder nur vier Jahre überleben. Zunächst geriet er als „Gewohnheitsverbrecher“ in den Fokus der Nationalsozialisten. Im Juni 1934 wurde er im schlesischen Brieg von einem Schöffengericht zu Sicherheitsverwahrung verurteilt und nach Berlin abtransportiert. Dort wurde Paul Kaßner „am 19. Februar 1937 in der Alexanderstraße 10 tot aufgefunden“. Es war die Adresse des Untersuchungsgefängnisses im Berliner Polizeipräsidium.

    Beauregard, Wriezen
    https://www.openstreetmap.org/node/766701333#map=9/52.550/13.889

    #Berlin #Geschichte #Kriminalität #Nazis #Berufsverbrecher #Eimbrecher

  • Kurfürstendamm in Berlin: Ein ernüchternder Besuch auf dem ehemaligen Prachtboulevard
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/kudamm-in-berlin-ein-ernuechternder-besuch-auf-dem-ehemaligen-prach

    Kudamm hat nachgelassen? Kein Wunder wenn die Russen den Weg nicht mehr in fünfzehn Minuten schaffen.

    8.2.2026 von Dirk Engelhardt - Was ist eigentlich geworden aus dem Prachtboulevard? Ein Besuch zwischen Tauentzien und Bleibtreustraße jedenfalls war ernüchternd.

    „Ich hab’ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm. Berliner Tempo, Betrieb und Tamtam“, sang die wahrlich unverbrüchliche Hildegard Knef 1963. Tatsächlich pulsierte der legendäre Boulevard in jener Zeit quasi rund um die Uhr, er war die Hauptschlagader der Insel West-Berlin.

    Meine älteste Erinnerung an den Kurfürstendamm ist der erste Kinobesuch meines Lebens, gemeinsam mit meiner Oma, die am Wittenbergplatz wohnte. Wir gingen in den Royal Palast, einen der vielen opulenten Lichtspielpaläste, die es im Jahr 1978 noch gab. Dann waren da noch der Gloria-Palast, das Marmorhaus, die Filmbühne Wien, das Astor und die Lupe, um nur die wichtigsten zu nennen.
    Zwei Karten für die Raucher-Lobby

    Genaugenommen war der Royal Palast nicht am Kudamm, sondern am Tauentzien. Den Kudamm legte 1542 Kurfürst Joachim II. an. Er führte vom Berliner Stadtschloss bis zum Jagdschloss Grunewald. Heute ist der berühmte Boulevard immerhin noch 3,5 Kilometer lang. Die Straßenbreite von 53 Metern legte Kanzler Bismarck im Jahr 1875 fest: Startpunkt zum Ausbau der Prachtmeile, die zur Villenkolonie Grunewald führte.

    Da meine Großmutter Kettenraucherin war, kaufte sie zwei Karten für die Raucher-Lobby, die abgeteilt im hinteren Bereich des Kinos lag, hinter einer riesigen Glasscheibe. Wir sahen entgeistert den „Krieg der Sterne“, Teil 1 natürlich, ich aufgeregt, meine Oma rauchend. Damals war das kein Thema. Danach spazierten wir an der Eislaufbahn vorbei, die sich damals im Erdgeschoss des Europa Centers befand. Weltstadtatmosphäre!

    Zwar glitzert der Kurfürstendamm heute nachts auch noch, doch glamouröses Nachtleben sucht man dort vergeblich. In die Kinos sind Modeketten oder Computerläden gezogen, die abends die Rollläden herunterlassen, ab 20 Uhr geht der Boulevard zu Bett, von den wenigen Restaurants einmal abgesehen.

    Und die edlen Geschäfte? Ich betrete eine der Luxusboutiquen mit ihren goldgerahmten Schaufenstern. Es ist ein Laden, in dem ich gewöhnlich nicht shoppe. Mit einer pantomimischen Geste bedeutet mir der anzugtragende Mann am Eingang, dass ich erst meine Mütze abnehmen müsse, bevor er mich einlässt. Dann öffnet er höflich die Tür und erklärt, dass das eine „Sicherheitsmaßnahme“ sei.

    Ob es Kunden gibt, die Sprengstoff unter ihrem Hut verstecken? Der Geschäftsführer erklärt unverblümt, dass er seine Meinung nicht in einer Zeitung lesen möchte, da er über die Lage am Kurfürstendamm wenig Positives zu berichten hätte. Unten, am Tauentzien, da ginge es ja noch, aber hier oben an der Bleibtreustraße, da sähe es mau aus. Tatsächlich ist der Laden menschenleer, die vier Verkäufer spielen gelangweilt auf ihren Handys herum.

    Ein Stück höher, neben der Schaubühne am Lehniner Platz, dem einzigen verbliebenen Theater am Kurfürstendamm, ging ich früher in die Bhagwan-Disco, das „Far Out“. Ich erinnere mich an einen hell beleuchteten Tanzsaal, das riesige Foto des „Meisters“ Bhagwan Shree Rajneesh, der sich später Osho nannte und dessen New-Age-Sekte bis heute Legende ist; fast jeder war damals gut gelaunt auf der Tanzfläche. Heute wird hier immer noch getanzt: nämlich in der Tanz- und Trainingsschule namens „agens pro am“, was immer das auch bedeuten mag.

    Lebt noch von der Legende: Das Café Kranzler

    Lebt noch von der Legende: Das Café KranzlerBritta Pedersen

    Die Nachkriegsarchitektur, die besonders den oberen Teil des Boulevards schmückt, wirkt belanglos, wenn man sie mit den mondänen Gründerzeitpalästen in der Höhe Bleibtreustraße vergleicht. Nur am Adenauerplatz wagten die Architekten von heute etwas Besonderes.

    Dort steht das schmalste Bürogebäude Berlins, das auf einer Grundstücksbreite von sage und schreibe nur 2,5 Metern 1992 vom Architekten Helmut Jahn geplant und errichtet wurde. Durch seine ausgeklügelte Architektur hat es dennoch Nutzflächen von rund 700 Quadratmetern. In Berlin wusste man schon immer, aus wenig Substanz viel zu erwirtschaften. Wieder ein Stückchen weiter ist das Hotel Kudamm 101, wenig fantasievoll benannt nach der Hausnummer. Längst geschlossen, erinnere ich mich noch an die Eröffnung, bei der in den Hotelzimmern in den Badewannen nackte Models im Schaumbad lagen – um das Ganze nicht langweilig wirken zu lassen und den Fotografen Futter zu bieten. Heutzutage undenkbar.

    Lebensgefahr: Eisplatten fallen von Berlins Dächern, Feuerwehr im Einsatz

    Jeffrey Epstein: Neue Akten und ein Schatten schüren Zweifel an der Todesnacht

    Auf der anderen Straßenseite residierte das „Big Eden“, eine der Discotheken des stadtbekannten Playboys Rolf Eden. Jedes Wochenende rammelvoll. Der Gang hinter der Eingangstür war zugeklebt mit Fotos der Promis, die dort waren. Und Rolf Eden sah ich manchmal, wie immer gekleidet in einem schneeweißen Anzug, in seinem offenen, weißen Rolls Royce langsam den Kudamm heraufcruisen, die Damenwelt fest im Blick. Tempi passati.

    Genau wie die Frauen, die sommers wie winters in der Nähe der Uhlandstraße abends an den beleuchteten Vitrinen warteten, und jedem halbwegs passablen Mann, der an ihnen vorbeiging, etwas mit „hundert Mark“ zuraunten. Biss ein Mann an, hakten sie sich bei ihm ein und führten ihn in den Eingang eines der Gründerzeithäuser.

    Preisgünstiger vergnügen konnte man sich in der „Sperlingsgasse“, einer Ladenpassage, die ein findiger Gastronom in den 70er-Jahren in eine Indoor-Kneipenmeile umwandelte. Ähnlich wie das Kudorf, ganz am Anfang des Kudamms an der Ecke Joachimsthaler Straße. 1975 gegründet, war das Kudorf mit einer Fläche von 2000 Quadratmetern und 18 integrierten Kneipen die größte Discothek Europas.
    Am Ende ist doch was los

    Die Umbenennung in Q-Dorf half nichts, 2015 schloss das Etablissement. Nicht mal das Café Kranzler, emblematisch mit seinen weiß-roten Markisen am Entree des Kurfürstendamms gelegen, hat überlebt. Bis vor kurzem saß man dort in einem Coffeeshop auf hölzernen Hockern, jetzt gibt es nicht mal mehr Kaffee.

    Doch auch für den gehobenen Geschmack bot der Kudamm etwas: Bei „Chez Alex“, der Pianobar in der Hausnummer 170, gingen Stars wie Hildegard Knef, Prinz Albert von Monaco und Sylvester Stallone ein und aus. Heute residiert hier das Hotel Louisa’s Place. Zwischen Olivaer Platz und Joachimsthaler Straße ist der Kudamm merklich belebter.

    Hier sind auch die Seitenstraßen für die Shopping-Addicts sehr ergiebig. Und einige der berühmt-berüchtigten Pensionen, die Wirtinnen meist in den riesigen Beletagen der Gründerzeithäuser einrichteten, gibt es immer noch. Eine der schönsten ist die Pension Funk in der Fasanenstraße 69, wo man durch ein überirdisch schönes Treppenhaus in die Pension wandelt, deren Zimmer allesamt im originalen Jugendstil eingerichtet sind. Das zu Preisen unter 100 Euro pro Nacht!

    Am Ende ist doch noch etwas los am totgesagten Kudamm: An der Ecke Joachimsthaler Straße staut sich eine Menschenschlange bis um den Block. Netflix macht es möglich: Zu sehen ist eine Ausstellung der Requisiten von „Stranger Things“. Der Eintritt ist kostenlos, und man kann über die nachgebaute Starcourt Mall flanieren oder sich auf Will Byers’ Couch setzen. Und dazu Demogorgon-Waffeln mampfen.

    #Berlin #Charlottenburg #Wilmersdorf #Kurfürstendamm #Geschichte #Wirtschaft #Stadtentwicklung

  • Berliner Theater-Chef Holger Klotzbach gestorben
    https://www.berliner-kurier.de/berlin/berliner-theater-chef-holger-klotzbach-gestorben-li.10015739

    Nicht erwähnt in der Berichterstattung wird seine Rolle als Mitglied Nummer 4 der Drei Tornados in der Zeit ihres größten Erfolgs. Nach Jahren der Existenz als Studenten-, Protest- und Bewegungskabarett füllten sie große Säle. Das ermöglichte es Holger Klotzbach 1990 den Kino-Konzertsaal „Quartier Latin“ in der Potsdamer Straße als „Quartier“ zu übernehmen . Das war kein Erfolg aber mit der „Bar jeder Vernunft“ und dem „Tipi am“ wurde aus dem Kabarettisten endgültig der Theaterunternhemer Klotzbach.

    https://www.youtube.com/watch?v=TCXQxkihsa8

    Die drei Tornados live 1985, ab 15:50 Das Adolf-Eichmann-Lied des Polizeichor Berlin

    Auch beim „Konzert für Berlin“ am 12. November 1989 waren Die 3 Tornados dabei. Es war ihr letzter gemeinsamer Auftritt.
    https://seenthis.net/messages/1155300

    Holger war der vierte Tornado. Nummer drei Hans-Jochen Krank verließ die Truppe 1981, weil er keine Lust mehr auf Stress mit der Justiz hatte, und das unsichere Leben als Radikalkabrettist gegen ein Stelle als Lateinprofessor an einem Gymnasium ib der ostdeutschen Provinz eintauschte.

    Florian Thalmann - Holger Klotzbach gründete unter anderem das Varieté Wintergarten, Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt. Am Freitag starb er.

    Traurige Nachrichten für die Berliner Kleinkunst- und Theaterszene: Wie Tipi am Kanzleramt und Bar jeder Vernunft melden, ist Holger Klotzbach gestorben, der Gründer und Direktor der renommierten Häuser. Er hätte in wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag gefeiert.

    Holger Klotzbach gründete mehrere Theater in Berlin

    Holger Klotzbach wurde in Duisburg geboren, machte zunächst eine Ausbildung zum Lehramt. Er war aber auch politischer Aktivist, durfte aufgrund seiner Aktivitäten nicht im öffentlichen Dienst arbeiten. Deshalb wandte er sich dem Zirkus zu, wurde zunächst Privatlehrer und Pressesprecher beim Circus Busch-Roland und war in Wien später an der Gründung des berühmten Circus Roncalli beteiligt.

    Das Zirkusleben faszinierte ihn, erzählte er anlässlich seines 70. Geburtstages in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“. „Ich hatte neun, zehn Kinder im Zirkuswagen. Ich fand das unstete Reiseleben toll und den Menschenschlag. Wie die zusammen gefeiert haben, aber auch mit welcher unglaublichen Disziplin die jeden zweiten Tag das Zelt auf- und abgebaut haben.“

    Foto
    Holger Klotzbach und Hans-Peter Wodarz beim Jubiläumsfest zum 30. Geburtstag der Bar jeder Vernunft und zum 20. Geburtstag des Tipi am Kanzleramt.Anita Bugge/imago

    Klotzbach mischte 1980 auch bei der Gründung des Tempodrom mit – und übernahm mit anderen Künstlern, darunter Musiker der Kölner Band BAP, später den Veranstaltungsort „Quartier Latin“. Sie bauten ihn zu einem Varietétheater um, dem heutigen Wintergarten in der Potsdamer Straße. Später kamen die Bar jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt hinzu, wo Klotzbach bis zu seinem Tod als Direktor tätig war.

    Theater-Team trauert um Direktor Holger Klotzbach

    Nun wird um den Theaterchef und kreativen Kopf getrauert. „Er war ein kreativer und mutiger Mensch, großzügig, weltoffen und tolerant“, teilt Sprecherin Sabine Wenger mit. „Seiner Initiative verdanken wir heute zwei wundervolle Theater in dieser Stadt, denen es seit über 30 Jahren gelingt, ohne Subventionen anspruchsvolles und originelles Entertainment zu bieten.“ Man werde ihn schmerzlich vermissen.

    Sein Werk solle im Sinne von Klotzbach fortgeführt werden – von Ehemann und Partner Eric Schmidt-Mohan und dem Team der beiden Häuser. Klotzbach starb laut erster Informationen am Freitag. Er hätte am 30. Januar seinen 80. Geburtstag gefeiert. „Wir werden gemeinsam bei einer Trauerfeier in der Bar jeder Vernunft von ihm Abschied nehmen“, heißt es aus dem Theater. Den Termin dafür werde man noch bekannt geben.

    #Westberlin #Kabarett #Quartier_Latin #Wintergarten #Nekrolog

    • Holger Klotzbach: Gründer der Bar jeder Vernunft ist tot
      https://www.berliner-zeitung.de/news/holger-klotzbach-gestorben-gruender-der-bar-jeder-vernunft-ist-tot-

      Die Meldung in der Berliner Zeitung erwähnt die 3Tornados immerhin.

      24.1.2026 - Die Berliner Kulturszene trauert um den Mitbegründer legendärer Spielstätten, wie dem Tempodrom und Tipi am Kanzleramt. Holger Klotzbach wurde 79 Jahre alt.

      Der Gründer und Direktor der Bar jeder Vernunft und des Tipi am Kanzleramt, Holger Klotzbach, ist am Freitag, eine Woche vor seinem 80. Geburtstag, in Berlin gestorben. Das teilte die Bar jeder Vernunft am Freitagabend in einer Pressemitteilung mit.

      Klotzbach, 1946 in Duisburg geboren, prägte die Berliner Kulturlandschaft über Jahrzehnte hinweg. Nach einer Ausbildung zum Lehramt wurde er vom Radikalenerlass als „verfassungsfeindlich“ eingestuft und erhielt Berufsverbot. Diese Erfahrung bezeichnete er später als sein „großes Glück“, da sie ihn auf einen anderen Weg führte.

      Zunächst wandte sich Klotzbach dem Zirkusleben zu und war an der Gründung mehrerer legendärer Berliner Institutionen beteiligt, darunter der Zirkus Roncalli, das Schwarze Café und das Tempodrom. In den 1980er Jahren stand er als Mitglied des Kabaretts „Die 3 Tornados“ selbst auf der Bühne.

      Zwei Theater ohne staatliche Förderung aufgebaut

      Im Jahr 1992 gründete Klotzbach gemeinsam mit seinem damaligen Partner Lutz Deisinger die Bar jeder Vernunft, ein Spiegelzelt in Berlin-Wilmersdorf. Zehn Jahre später folgte das Tipi am Kanzleramt. Beide Spielstätten bieten seit über 30 Jahren Entertainment ohne staatliche Subventionen.

      Die Bar jeder Vernunft würdigte Klotzbach als „kreativen und mutigen Menschen“, der sich durch Großzügigkeit, Weltoffenheit und Toleranz ausgezeichnet habe. Sein Ehemann und Partner Eric Schmidt-Mohan sowie das Team kündigten an, sein Werk in seinem Sinne fortzuführen.

    • Die TAZ hat bis heute, Sonntag, den 25.1.2025 weder Meldung noch Nachruf zum Tod von Holger Klotzbach veröffentlicht. Dafür findet sich dort im Archiv ein Artikel, der an Hintergründiges über Klotzbachnund die Alternativmedien in der Wendezeit erinnert.

      : ’Zweite Hand‘ mit Tornado-Mann und NRJ für Radio 100
      https://taz.de/Zweite-Hand-mit-Tornado-Mann-und-NRJ-fuer-Radio-100/!1727875&s=Klotzbach

      Schöneberg. Vor der morgigen Sitzung des Kabelrates ist noch einmal Bewegung in das Gezerre um das pleite gegangene Radio 100 gekommen. Eine Anbietergruppe beantragte beim Lizenzvergabegremium die Ausfertigung der bereits genehmigten Übernahme weiterer Anteile durch den französischen Rundfunkkonzern NRJ (Nouvelle Radio Jeunesse). Zu dem Konsortium gehören die Altgesellschaften NRB (24,6 Prozent der Anteile) und 103,4 (eine Prominenteninitiative mit drei Prozent), NRJ mit 38 Prozent und »Aktiv Radio Berlin« (ARB), das sich aus alten Gesellschaftern des Anderen Radio Berlins sowie dem Kleinanzeigenblatt ’Zweite Hand‘ und dem Kabarettisten Holger Klotzbach (»3 Tornados«). Diese Gruppe steht für 34,6 Prozent der Anteile. Die Anbietergemeinschaft hofft nun, daß der Kabelrat nach dem Konkurs des alten Radio 100 keine Neuausschreibung der Lizenz beschließt, die alte Sendeerlaubnis also weiterhin Bestand hätte. Am gemeinsam mit NRJ geplanten Konzept soll sich nichts ändern. So werden homosexuelle Hörer und Hörerinnen jeden Sonntag mit einer zwei Stunden dauernden, schwul-lesbischen Sendung versorgt. Vier Stunden in der Woche sollen fremdsprachige Ausländerprogramme zu hören sein. Die neue Firma, die unter dem Namen Radio 2000 GmbH laufen will, plant 30 feste Stellen für die Unterhaltung des Senders ein. Die Gehälter sollen sich auf dem Niveau des SFB bewegen.

      Das Konkurrenz-Konsortium um die Mediengruppe Schmidt&Partner (Elefantenpress etc.) und die ehemaligen Mitarbeiter hofft hingegen auf eine Neuausschreibung der Lizenz. Wie vom Kabelrat zu erfahren war, soll von diesem Interessenten noch kein ausführliches Sende- und Firmenkonzept eingegangen sein. Bei diesem Anbieter sind mittlerweile auch der Ostberliner Verlag Basis-Druck und ein »Förderverein für interkulturelle Medienarbeit« eingestiegen. Und auch Schmidt&Partner wollen mit einem Prominenten-Verein aufwarten: Dabei sollen Schauspieler Rolf Zacher, Publizist Robert Jungk und einige Bündnis 90/Grüne-Abgeordnete sein.

      Die Gewinner der Geschichte haben alle gut am de facto Verkauf des AlternativrdionsbRadio 100 an den französischen NRJ Kimzern verdient.

      #Berlin #Geschichte #Medien #Radio #Privatisierung

    • War alles nicht einfach. Nichmal die TAZ von 1991 zur Radio 100 Nachfolge.

      Tornados gespalten
      https://taz.de/Tornados-gespalten/!1727711&s=Klotzbach

      16.3.1991 - Der Streit um Radio 100 sorgt für Trennungen und Umgruppierungen, wobei einige noch nicht mal wissen, in wessen Töpfchen sie gelandet sind. So hat sich der alte Radio-Prominentenverein »103,4« bzw. sein Vorsitzender, FU-Professor Uwe Wesel, auf die Seite von NRJ geschlagen. Der Rest des Vereins weiß davon allerdings noch nichts. Grips-Theatergründer und Grips-Hausautor Volker Ludwig (103,4-Mitglied): »Darüber bin ich nicht informiert.« Das Kabarettensemble »Die drei Tornados« hingegen scheinen sich in der Radio-100- Frage zu spalten. Tornado Holger Klotzbach setzt auf NRJ und hält 4 Prozent der Anteile von ARB (Aktiv-Radio Berlin), die mit NRB zusammen zu den Franzosen wollen. Die beiden Resttornados Günter Tews und Arnulf Rating hingegen gehörten zu den zwölf Gründungsmitgliedern, die gestern den Verein für einen unabhängigen Rundfunk in Berlin ins Leben riefen, der auf der Seite von Schmidt und Partner, Mitarbeiterverein, Tolleranz e.V. und dem »Verein zur Förderung interkultureller Medienarbeit« steht. Der interkulturellen Medienarbeit haben sich bislang 52 Gruppen, Projekte und Initiativen verschrieben. Für einen unabhängigen Rundfunk kämpfen neben den Resttornados u.a. der Schauspieler Rolf Zacher, DDR- Rocker Toni Krahl, Stasi-Jäger Reinhard Schult, Renate Künast, Senats-Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Grüne(AL)/UFV, MdB Vera Wollenberger, Zukunftsforscher Robert Jungk, Musiker Phillip Boa, Ex-Senatorin Michaele Schreyer und Ost-Akademiepräsident Heiner Müller. Tornado Tews ließ mitteilen. »Genau das brauchen wir. Ein Gegenradio«.

  • Hommage an Westberliner Kneipen: Untermalt von geisterhaftem Gelächter
    https://taz.de/Hommage-an-Westberliner-Kneipen/!6143551

    Das Risiko in der Kreuzberger Yorckstraße existierte bis 1988   Foto: Marcel Nobis

    13.1.2025 vin Tilman Baumgärtel - Hommage an Westberliner Kneipen: Untermalt von geisterhaftem Gelächter

    Nach umfangreichen Recherchen am Tresen hat Marcel Nobis ein Buch über die Westberliner Kneipenkultur zwischen APO und Mauerfall verfasst.
    Blick in den Kneipenraum des Risiko
    Das Risiko in der Kreuzberger Yorckstraße existierte bis 1988   Foto: Marcel Nobis

    Das Berliner Nachtleben ist in den letzten Jahren in einer Reihe von Büchern kanonisiert worden. Stilbildende Clubs vom Zodiac über Dschungel und Metropol bis Tresor, Bar 25 und Berghain sind in zahlreichen Coffeetable-Books ausführlich gewürdigt worden, seit Nico Mesterharm mit dem Buch „Berlin Technology“ 1997 die Disziplin der Berliner Tanzflächenforschung begründet hat.

    Der Berliner Kneipenszene ist bisher weniger Aufmerksamkeit geschenkt worden. Das mag damit zu tun haben, dass die Westberliner Kneipen weniger mit Underground-Musikkulturen verbunden sind als mit Blödelbarden wie Insterburg & Co. und den Gebrüdern Blattschuss, die mit „Kreuzberger Nächte“ den passenden Evergreen geschrieben haben.

    Aber wie das Buch „Echt progressiv bis voll krass. Die unkonventionelle Kneipenkultur West-Berlins 1968–1989“ von Marcel Nobis zeigt, haben die Kneipen eine wichtige Rolle für die Kunst- und Kulturszene Berlins gespielt. Das beginnt mit Läden wie der Kleinen Weltlaterne oder dem Leierkasten, Treffpunkt der Kreuzberger 60er-Jahre-Boheme, zu der Künstler wie Kurt Mühlenhaupt, Robert Wolfgang Schnell oder Günter Bruno Fuchs gehörten.
    Ideale der Studentenbewegung

    Stampen, Pinten und andere Bierschwemmen hatten freilich in der proletarischen deutschen Hauptstadt schon seit dem Kaiserreich eine bedeutsame soziale Rolle inne. Doch Nobis geht es um die Kneipen, die nach 1968 entstanden: „Es ist wohl nicht zu viel gesagt, dass in der beschriebenen Kneipenszene die Ideale der Studentenbewegung ihre Entfaltung in Richtung Mitte der Gesellschaft fanden.“

    In der Mauerstadt, in der es keine Sperrstunde gab, dafür aber viele Bundeswehrflüchtlinge und andere Bohemiens und Lebenskünstler, fehlte es nicht an Publikum für mit Trödel und Plüsch eingerichtete Kneipen mit Namen wie Tarantel, Walhalla, Black Corner, Tremens oder Beautiful Balloon.

    Aber keine Sorge, Nobis’ Buch ist keine akademische Abhandlung, sondern ein materialreiches, lebenspralles Alphabet der wichtigsten Berliner Kneipen, das aus teilnehmender Beobachtung an deren Theken entstanden ist. Nobis will alle der knapp 100 beschriebenen Kneipen besucht haben, manche offenbar so gut wie jeden Abend.


    Kneipenszene im LeierkAbend

    Im Leierkasten traf sich die Kreuzberger 60er-Jahre-Boheme   Foto: Marcel Nobis

    Bei der Recherche assistiert hat ihm dabei eine umfangreiche Tresenmannschaft, die Anekdoten, verschwommene Erinnerungen und auch historisch wertvolle Fotografien zu seinem Buch beisteuerte.

    Socken-Paul und Taxi-Elke

    Und so erhebt sich aus dem Buch eine lange untergegangene Welt von Zigarettenqualm-umwehten Typen mit Matten und Vollbärten, Fellmänteln und Bundeswehrparkas, mit Spitznamen wie Socken-Paul oder Taxi-Elke, Die Gräfin oder Der Hosenträger. Die machten in Westberliner Mythen wie der „Ruine“ am Winterfeldtplatz die Nacht zum Tage: „Nicht nur das Haus war eine vom Krieg schwer beschädigte Ruine, das Leben und die Gesundheit mancher Gäste war längst zerrüttet, wurde hier, untermalt von geisterhaftem Gelächter, endgültig zugrunde gerichtet“, schreibt Nobis.

    Auch die Punk- und New-Wave-Periode ist mit zum Teil extrem kurzlebigen Etablissements vertreten

    Neben Klassikern wie Ex & Pop oder Exil, Yorkschlösschen oder Quartier Latin, SO 36 oder Zwiebelfisch, die zum Teil bis heute existieren, punktet Nobis mit vollkommen vergessenen Kifferkneipen aus den frühen 1970er Jahren wie dem Unergründlichen Obdach für Reisende, Mr. Go oder dem Delirium.

    Auch die Punk- und New-Wave-Periode ist mit zum Teil extrem kurzlebigen Etablissements wie dem Shizzo oder dem Chaos vertreten; etwas kurz kommen die Kaschemmen der Hausbesetzer. Aber was er über frühe Lokalitäten der Berliner Queerszene wie Blocksberg oder Pelze schreibt oder seine Recherchen zu Serien-Kneipier Jürgen Grage – das ist dann schon richtige, bislang unerzählte Stadtgeschichte.

    Das Buch

    Marcel Nobis: „Echt progressiv bis voll krass. Die unkonventionelle Kneipenkultur West-Berlins 1968–1989“. Verlag Akademie der Abenteuer, Berlin 2025. 388 Seiten, 29 Euro

    #Berlin #Westberlin #Kneipe #Geschichte

  • Weitere Umbenennung: Diesen Namen könnte die Dorotheenstraße bald tragen
    https://www.berliner-zeitung.de/news/dorotheenstrasse-soll-nach-holocaust-gedenkstaette-yad-vashem-benan

    Alles neu macht der Mai. Aus Kohlfurt wurde Regina Jonas, also warum nicht mal andersrum und aus der Frau ’nen Ort machen. Logik, Sinn und Verstand hat das Ganze aus Berlner Perspektive nicht, aber das ist den rechten Philosemiten im Bundestag egal. Die basteln weiter an der Verwandlung Berlins in ein kontextbefreites Symbol provinzieller Kleingeistigkeit.

    Macht nix, genau so wurde Berlin immer wieder bis auf die Grundmauern zerstört und eine Generation später unverdrossen wieder aufgebaut.

    Der Preis dafür, Hauptstadt ganz Deutschlands zu sein fällt höher aus, als es sich die meisten vorstellen konnten.

    18.12.2025 von Kai Kleinwächter - Eine Kommission des Bundestags spricht sich dafür aus, einen Teil der Dorotheenstraße umzubenennen. Die neue Yad-Vashem-Straße käme frühestens im Mai 2026.

    Die Baukommission des Bundestags hat sich für die Umbenennung eines Teilstücks der Dorotheenstraße in Berlin-Mitte ausgesprochen. Der Abschnitt soll einem Bericht von Table Media zufolge in Yad-Vashem-Straße umbenannt werden. Es handelt sich dabei um einen Abschnitt in unmittelbarer Nähe des Reichstagsgebäudes. Die Umbenennung kann demnach frühestens im Mai 2026 erfolgen.

    Die israelische Yad-Vashem-Gedenkstätte ist einer der wichtigsten Erinnerungsorte an den Holocaust. Aus Sicht der Baukommission wäre der neue Name ein Ausdruck des Bekenntnisses zu historischer Verantwortung und Erinnerungskultur in Deutschland.
    Von Dorothea zu Clara Zetkin zu Yad Vashem

    Die jetzige Umbenennung steht in einer langen Tradition politischer Namensgebungen dieser Straße. Im Jahr 1822, nach dem Ende der napoleonischen Kriege und dem Beginn des Aufstiegs Preußens, wurde diese nach Dorothea von Brandenburg benannt. Sie war die Ehefrau des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

    Für die DDR war die prominente Erinnerung an die brandenburgisch-preußische Geschichte nicht akzeptabel. Sie benannte die Straße nach der Frauenrechtlerin und dem Gründungsmitglied der KPD Clara Zetkin um. Nach der deutschen Einheit lehnten konservative Kreise bis hinauf zum damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) eine Kommunistin als Namensgeberin ab. 1995 erhielt die Straße ihren ursprünglichen Namen zurück. Die Grünen, PDS, linke SPD-Mitglieder und Frauenverbände sprachen sich damals vehement dagegen aus.

    Einflussreiche Kreise mit CDU-Verbindung setzten sich ein

    Für die jetzige Initiative setzten sich wohl politisch bestens vernetzte Prominente ein. So sprachen sich Medienberichten zufolge vor allem der Direktor von Yad Vashem, Dani Dayan, und der Vorsitzende des deutschen Vereins „Freundeskreis Yad Vashem“, Kai Diekmann, für den neuen Namen aus.

    Laut Politico trugen die prominenten und konservativen Befürworter ihren Wunsch nicht nur an Kai Wegner (CDU), Regierender Bürgermeister von Berlin, sondern auch an Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) heran. Letztere ist Mitglied des Ältestenrates, der die Umbenennung jetzt empfohlen hat.

    #Berlin #Mitte #Dorothernstraße #Straßenumbenennung #Philosemitismus #Politik #Stadtentwicklung #Geschichte

  • 125 Jahre Berliner Taxi-Innung: Feiern mit angezogener Handbremse
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-taxi-branche-taxi-innung-feiert-geburtstag-mit-angezogener-han

    13.6.2025 - Die Berliner Taxi-Innung feiert ihr 125-jähriges Bestehen. Die Lage der Branche ist schwierig, die Konkurrenz mit Uber und Co. ein Dauerthema. Wie positioniert sich der Senat?

    Die Lage der Berliner Taxi-Branche bleibt angespannt. „Die Auftragslage ist sehr schwach“, sagte Leszek Nadolski, Erster Vorsitzender der Innung des Berliner Taxigewerbes, die an diesem Freitag ihr 125-jähriges Bestehen feiert.

    Viele Fahrerinnen und Fahrer seien darauf angewiesen, nebenher auf den Vermittlungsplattformen von Uber und Co. unterwegs zu sein. Auch die Einführung der Festpreis-Option für Taxifahrten vor rund einem Jahr habe die Auslastung nicht erhöht.

    Dennoch sieht Nadolski die Maßnahme positiv. Mit der Festpreis-Option bekommen Fahrgäste bei der Buchung eines Taxis einen festen Preis angezeigt.

    Dieser bewegt sich innerhalb eines Tarifkorridors, der von der Länge der Strecke abhängig ist. Der bange Blick auf die stetig steigende Taxameter-Anzeige fällt damit weg.

    „Das begrüßen die Kunden enorm, diese Preissicherheit, die man jetzt hat“, betonte der Vorsitzende der Innung. Auch der Taxi-Vermittler Freenow zog nach einem Jahr Festpreis in Berlin jüngst ein positives Fazit.
    Konfliktthema Mindestpreise

    Doch entspannt hat sich die Situation auf dem Taxi-Markt nicht. Insbesondere die Konkurrenz mit den Mietwagenplattformen wie Uber oder Bolt belastet die Branche aus Sicht der Innung nach wie vor.

    Das größte Konfliktthema bilden die sogenannten Mindestpreise: Während Taxi-Unternehmen ihre Fahrten nicht unter einem bestimmten Preis-Niveau anbieten dürfen, gilt diese Regelung für die Mietwagen nicht. Je nach Nachfrage können sie beim Fahrpreis beliebig variieren.

    Dafür müssen Mietwagenfahrer eigentlich nach jeder Fahrt zum Firmensitz zurückkehren - es sei denn, sie erhalten eine Buchung für eine neue Fahrt. Fahrgäste spontan auf dem Weg aufnehmen dürfen sie hingegen nicht.

    Doch infolge der niedrigeren Preise haben sie aus Sicht der Taxi-Branche einen unfairen Vorteil. Sie fordert deshalb die Einführung von Mindestpreisen für die Mietwagenplattformen.

    „Dann liegt der Vorteil beim besseren Dienstleister und bei demjenigen, der das bessere Fahr-Angebot macht“, hofft der Innungsvorsitzende Nadolski.
    Senat prüft weiter Mindestpreise für Mietwagen

    Der Senat hatte im Januar angekündigt, die Einführung von Mindestpreisen zu prüfen. Diese Prüfung sei noch nicht abgeschlossen, teilte die Senatsverwaltung auf Anfrage mit. Details zum Stand der Dinge nannte sie nicht. Die Entscheidung solle aber noch in diesem Jahr fallen, hieß es.

    Bereits 2021 hatte die Stadt Leipzig Mindesttarife für Mietwagen festgelegt. Ein Unternehmen klagte dagegen. Das Verwaltungsgericht Leipzig entschied im November vergangenen Jahres, dass die Mindestpreise zwar grundsätzlich zulässig sind, von der Stadt aber zu hoch angesetzt wurden. Mit ähnlichen Klagen wird bei einer entsprechenden Regelung auch in Berlin zu rechnen sein.

    Bei der Politik scheint die Taxi-Branche mit ihren Sorgen indes durchzudringen. Neben der Prüfung von Mindestpreisen verschärfte die Senatsverwaltung zuletzt ihren Kurs gegen illegale Unternehmen auf den Plattformen, die ohne Genehmigung unterwegs waren.

    Das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Labo) hatte im vergangenen Jahr den gesamten Fahrzeugbestand auf den Mietwagenplattformen Uber, Freenow und Bolt überprüft und Hunderte Autos entfernt.
    Plattformen kritisieren Genehmigungspraxis

    Die Plattformen bezeichneten diesen Schritt als wichtig und notwendig. Allerdings kritisieren einige von ihnen inzwischen die Genehmigungspraxis des Labo.

    Die Bearbeitung neuer Anträge dauere zu lange, es fehle an Beratung für die Mietwagen-Anbieter. Außerdem würden immer wieder neue Gründe für die Ablehnung von Genehmigungen aufgeführt, die oft nicht nachvollziehbar seien.

    Es verdichten sich die Anzeichen, dass viele Mietwagen-Unternehmen ihre Flotten in kleinen Gemeinden im Berliner Umland neu registrieren. Die dortigen Behörden seien mit der Überprüfung der vielen neuen Fahrzeuge überfordert, das Labo hingegen nicht mehr zuständig, sagte Nadolski von der Taxi-Innung.

    Der brandenburgische Landkreistag befürchtet eine Ausbreitung der „Schattenwirtschaft im Mietwagengewerbe“. Ende Juni will das Brandenburger Verkehrsministerium gemeinsam mit Berlin und Vertretern der Landkreise darüber beraten. (dpa)

    #Berlin #Taxi #Poilitik #Taxiinnung #Verbände #Geschichte

  • So lief in Berlin-Neukölln die erste Einschulung nach dem Zweiten Weltkrieg
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/so-lief-in-berlin-neukoelln-die-erste-einschulung-nach-dem-zweiten-

    2.11.2025 -Im Herbst 1945 begann für unseren Autor in den Trümmern Berlins der Unterricht – ohne Schultüten und Hefte, aber mit einem jungen Lehrer, der ihm noch lange in Erinnerung blieb.

    „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“ – das Dichterwort von Hermann Hesse stand auch über dem Tag meiner Einschulung vor 80 Jahren im Oktober 1945 in Berlin-Neukölln. Nach Trümmertagen und Entbehrungen waren wir in die 21./23. Volksschule in der Weisestraße beordert worden. In beiden Teilen der Stadt – in den drei Westbezirken und im Ostteil unter sowjetischer Besatzung – begann wieder der Schulbetrieb, der eigentlich im April 1945 Einschulungen vorgesehen hatte.

    Noch war Groß-Berlin eine Verwaltungseinheit.

    Für die erste Klasse in der Weisestraße waren wir etwa 50 Jungen – Koedukation war noch fern. Es gab drei erste Klassen. Schreibgeräte, Papier und vor allem Schultüten fehlten. Einige Mütter – die Väter waren im Krieg gefallen oder befanden sich in Gefangenschaft – hatten mit viel Erfindergeist Schultütenersatz gebastelt. Bevorzugt waren weiße Kopfkissenbezüge, in die alle möglichen Dinge gefüllt wurden, auch Süßigkeiten, soweit vorhanden. Es war wohl dieselbe weiße Bettwäsche, die sie ein paar Monate zuvor an Besenstielen aus den Fenstern gehängt hatten, zum Beweis der Friedfertigkeit gegenüber den einmarschierten Rotarmisten. Jetzt war Neukölln seit Juli 1945 unter amerikanischer Besetzung, was nach Auskunft unserer Klassenlehrerin dazu führte, dass wir beim Schreiben zunächst einmal nur die Blockschrift erlernten.

    Foto
    Kinder spielen in den Trümmern von Berlin, 1947.United Archives/imago

    Sechs- und Zwölfjährige in der gleichen Klasse

    Die Altersunterschiede in unserer Klasse waren gewaltig. Was daran lag, dass viele verspätet von der „Kinderlandverschickung“ heimgekehrt oder aus den Ostgebieten oder dem Sudetenland geflüchtet waren. Die Jüngsten waren sechs, der Älteste zwölf Jahre alt. Und da die Älteren häufig dazu neigten, die Jüngeren grundlos zu verprügeln, empfahl es sich für die Kleinen, einen starken, meist älteren Begleiter an der Seite zu haben, der auf dem Schulweg eine Art Personenschutz übernahm. Das ließ sich mit kleinen Geschenken oder auch mit freundschaftlichen Gesprächen erreichen. Ich machte es mit Abgaben von meinem Pausenbrot – Nahrungsmittel waren knapp. Der zwölfjährige Alterspräsident war übrigens ein recht gemütlicher, ruhiger Schüler, der häufig im Unterricht einschlief. Er wohnte bei seiner Großmutter, die er eines Tages umbrachte, weil sie ihm das Taschengeld verweigerte.

    Soziale Nöte und Kriminalität waren nicht selten unter den Schulkameraden der ersten Nachkriegsjahre. In der Neuköllner Okerstraße wohnte eine Mutter mit 13 Kindern in zwei Zimmern. Ein Besuch dort blieb unvergesslich. Der „kleine Werner“ aus der Weisestraße brachte es mit seiner Räuberbande zu einer lokalen Berühmtheit. Mit Interesse las ich später die Berichte über seine Raubzüge in der Mittagszeitung „Der Abend“.

    Es galten die im Juni 1945 erlassenen „Richtlinien für die Wiederaufnahme des Schulbetriebs“. Am 15. Oktober 1945 waren erste Übergangslehrpläne für die Berliner Volksschulen ausgegeben worden. Von den ehemals 14.000 Lehrkräften wurden die 2474 NSDAP-Mitglieder aus dem Schuldienst entfernt. Wie der Magistrat 1946 feststellte, kehrten jedoch nur 2663 Lehrkräfte ins Lehramt zurück. Der Arbeitskräftemangel zwang hier zu wirksamen Maßnahmen der Anwerbung.

    Foto
    Kindergärtnerin spielt mit ihrer Kindergruppe vor den Ruinen des Potsdamer Stadtschlosses nahe Berlin, Deutschland 1946.Erich Andres/imago

    Gute Zensuren für eine Bernsteinkette

    Wir dümpelten in unserer ersten Klasse im Arbeiterbezirk Neukölln so dahin. Die Schulleitung kam zunächst in weibliche Hände – bis auch hier wieder ein Mann eingesetzt wurde. Unsere Klassenlehrerin Fräulein Aranowski – auf diese Anrede legte sie besonderen Wert – wurde in gute Stimmung gebracht und zu guten Zensuren bewogen, wenn die Schüler Geschenke spendierten. Aus der Weihnachtszeit 1945 ist mir eine Bernsteinkette in Erinnerung, die ein Schüler von zu Hause mitbrachte. Ansonsten waren natürlich Nahrungsmittel zentrale Gaben, darunter dicke Bündel von Brennnesseln, die in jenen Tage als Spinatersatz verwendet wurden..

    Im Laufe des Jahres 1946 schickte uns die Neuköllner Schulverwaltung einen 19-jährigen jungen Mann als Klassenlehrer, dem – offenbar zur Vorsicht – ein älterer, kriegsversehrter Kollege beigeordnet war. Für mich ist dieser Klassenlehrer namens Galla das größte pädagogische Talent, das mir je begegnet ist. Wenn ich mich um Ehrlichkeit bemühe, dann wahrscheinlich auch deshalb, weil ich von ihm das beste Zeugnis erhielt, das mir in 13 Jahren an Neuköllner Schulen zuteilwurde: Sechs Fächer, davon in drei Fächern eine Eins! Leider habe ich Herrn Galla danach nie wiedergesehen.

    Eine kleine Recherche ergab in den 60er-Jahren jedoch, dass er offenbar in der Hierarchie der Neuköllner Schulverwaltung zum Schulrat oder Ähnlichem aufgestiegen war. Ich fühlte mich in meiner überschwänglichen Einschätzung bestätigt. Da war einer, der aus der Zeit der Ruinen in die strahlenden Sphären der Bildungspolitik gelangt war.

    Alexander Kulpok ist Journalist und Autor. Er arbeitete im Sender Freies Berlin, zunächst im Jugendfunk, dann als Reporter, Redakteur, Moderator und schließlich lange als Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion .

    #Berlin #Neukölln #Schule #Geschichte

  • Arbeiter:innen-Arzt Alexander Fürst: „Ein Volksarzt im besten Sinne“
    https://taz.de/Arbeiterinnen-Arzt-Alexander-Fuerst/!6124741

    28.10.2025 von Bettina Müller - Arbeiter:innen-Arzt Alexander Fürst: „Ein Volksarzt im besten Sinne“

    Der „Gewerksarzt“ behandelte Ende des 19. Jahrhunderts Arbeiter, Arme und Bedürftige, oft ohne Gegenleistung. In Berlin ist er fast vergessen.
    Eine mit Kutschen befahrene Straße im 19ten Jarhundert, Gemälde
    Anonym, ohne Titel   Foto: Museen Tempelhof Schöneberg, Archiv

    taz | Es ist ein Mittwoch, der 8. Juni 1898, an dem Professor Rudolf Virchow die regelmäßige Sitzung der renommierten Berliner Medizinischen Gesellschaft eröffnet. Unter seinem Vorsitz diskutieren Ärzte unter anderem über die damals aktuellen Entwicklungen in Klinik und Forschung. Doch bevor zu den Tagesordnungspunkten übergegangen wird, gedenken die Mediziner den in der Zwischenzeit verstorbenen Mitgliedern der Gesellschaft. So erheben sich auch alle für ihren Kollegen Doktor Alexander Fürst, der am ersten Pfingstfeiertag im Alter von nur 54 Jahren gestorben ist. Zwei Tage zuvor hatte bereits der Verein für Innere Medizin den Tod des Mannes betrauert, der „einfach und bescheiden“ gewesen sei.

    Er will anderen Menschen helfen, und das wird zu seinem Lebensziel

    Auch in medizinischen Zeitschriften erinnern Kollegen an den praktischen Arzt und Spezialist für Augenerkrankungen, von dem bekannt war, dass er sein eigenes Wohl gegenüber dem seiner Patienten stets zurückstellte. An Ruhm und Macht war er nie interessiert. Heute – in dieser profitorientierten Welt – ist der Mediziner und Menschenfreund, der auch als „Gewerksarzt“ beliebt war, völlig in Vergessenheit geraten. Wer war dieser stille Menschenfreund?
    Frühes Leben

    Alexander Fürst wird am 15. April 1844 im ostpreußischen Braunsberg als Sohn des Kaufmanns Jakob Bär Fürst und dessen Ehefrau Rosa geboren. Er ist das dritte Kind des Paares, sie haben bereits die Söhne Julius und Selmar. 1846 wird noch Bernhard geboren, 1851 Lina und 1853 Adolf. Die Kleinstadt Braunsberg hat eine jüdische Gemeinde, die ab 1845 eine eigene Synagoge betreibt und deren Repräsentantenvorsteher J. B. Fürst ist. Als Nachfolger seines Materialwarengeschäfts ist Bernhard auserkoren worden.

    Alexander ist darüber nicht unglücklich, gilt seine Leidenschaft doch der Medizin. Er will anderen Menschen helfen und das wird zu seinem Lebensziel, das er konsequent und unbeirrt bis zum Ende verfolgen wird. Nach dem Besuch des Braunsberger Gymnasiums, das er 1862 mit dem Abitur in der Tasche verlässt, studiert er in Königsberg Medizin und legt in Berlin sein Staatsexamen und die Doktorprüfung mit der Dissertation „De versione foetus spontanea et artificiali“ ab, die auf den 6. Juni 1866 datiert ist.

    Im Rahmen seiner weiteren Ausbildung arbeitet er als Assistent am Schöneberger „Maison de Santé“, eine ursprünglich 1861 von Eduard L. Levinstein gegründete Brunnen- und Badeanstalt. Als Fürst dort Assistenzarzt wird, eröffnet Levinstein auch noch eine Abteilung für psychisch Kranke und verzichtet dabei als einer der ersten Ärzte in Deutschland auf Zwangsbehandlung und Fixierung der Patienten.
    Fachgebiet Augenheilkunde

    In Danzig nimmt Fürst die nächste Assistentenstelle an, diesmal an einer Augenheilanstalt. Dort fällt er eine Entscheidung. Er will sich vor allem der Ophthalmologie, der Augenheilkunde, widmen und im Besonderen der Behandlung der granulösen Augenerkrankung in Ostpreußen, bei der sich entzündliches Gewebe unter anderem im Auge ansammeln kann. 1869 lässt er sich als praktischer Arzt in Memel nieder. Doch der in den Startlöchern stehende Deutsch-Französische Krieg verhindert seine ärztliche Tätigkeit, sodass auch er zu den Waffen eilen muss.

    Was er nicht ahnt, ein anderer Gegner ist kurz davor, sich in der Stadt einzunisten. Unbemerkt haben sich bereits erste Infektionsherde der gefürchteten Lepra gebildet und diese bakteriell bedingte Krankheit kann schmerzhafte Hautwucherungen und Nervenschäden hervorrufen, oder tödlich enden. Vor allem aber, so wird Robert Koch 1896 in seinem Aufsatz über „Die Lepra-Erkrankungen im Kreis Memel“ schreiben, kann sie über einen langen Zeitraum unbemerkt bleiben.

    Während also die Lepra im Memeler Kreis klammheimlich Krankheitsherde bildet, kehrt Doktor Fürst unversehrt aus dem Krieg zurück. Seine Berufung findet er zunächst in der „Heilanstalt für mittellose Kranke“, das dem Jüdischen Krankenhaus von Memel angeschlossen ist. Dort behandelt er „mit einer geradezu unvergleichlichen Sorgfalt und Aufopferung“ – so eine Zeitschrift – unentgeltlich mittellose Kranke, finanziert wird das aus Spenden der in der Region Handel treibenden russisch-jüdischen Kaufleute.

    Eines Tages stellt sich in der Praxis von Doktor. Fürst, der auch eine eigene Praxis in der Friedrich-Wilhelm-Straße hat, Heinrich Schleppkau vor, der an einer schweren Augenentzündung leidet. Und der geschulte Blick des Arztes vermutet einen möglichen Zusammenhang zu einer Lepraerkrankung. Um das zu verifizieren, stellt sich der junge Mann an der Augenklinik in Königsberg und dann auch im Verein für wissenschaftliche Heilkunde vor. Doch das Ganze verläuft offenbar im Sand. Der erkrankte junge Mann wird, wie auch sein Bruder Karl, an der Lepra sterben.

    In Kochs Aufsatz werden die beiden Brüder die Namensliste der an Lepra Erkrankten einleiten, wobei Koch ihre Nachnamen auf den Anfangsbuchstaben anonymisieren wird, sie jedoch aus dem entsprechenden Kirchenbuch hervorgehen. Wann genau sich die Lepra im Memeler Kreis eingenistet hatte, konnte aber auch er nicht mit Sicherheit sagen, er schätzte die „ersten Andeutungen“ auf das Jahr 1870.

    Hätte Fürst das Drama verhindern können? Als Einzelner im Angesicht eines schwerfälligen Medizinalsystems wohl kaum. So verhallten auch zahlreiche Appelle anderer Ärzte an die Organe der öffentlichen Gesundheitspflege, unerkannte Leprafälle im Kreis Memel zu erkennen und für die Isolierung der Erkrankten zu sorgen, ungehört.
    Der Weg nach Berlin

    Der unverheiratete Doktor hat Memel in der Zwischenzeit verlassen und ist 1885 nach Berlin gezogen, wo bereits seine beiden Brüder Selmar und Adolf leben. Lina ist inzwischen mit dem Kaufmann Ladendorff in Königsberg verheiratet, wo auch Julius wohnt. Fürst will in Berlin seine ärztliche Tätigkeit im Rahmen der sozialen Fürsorge an dem großen Heer der Berliner Arbeiterschaft fortführen. Zu diesem Zweck will er auch „Gewerksarzt“ werden, wozu er aber erst nach zwei Jahren Arbeit in der Stadt berechtigt ist. So ist er zunächst als „Dr. med. prakt. Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer“ im Adressbuch zu finden, sein Wissen wird er fortan auch in medizinischen Fachzeitschriften preisgeben.

    Im November 1886 verstirbt in Braunsberg der Vater der Geschwister. Ein Jahr später findet man Alexander Fürst unter der Adresse „Ackerstraße“ im Berliner Norden wieder, eine Straße, die als Sitz des Verbrechens und des Elends bekannt ist. 1888 kann er endlich als „Gewerksarzt“ wirken. Diese Ärzte waren beim Gewerks-Kranken-Verein angestellt, einer Kassen- und Ärztegemeinschaft, die der Berliner Magistrat 1846 ins Leben gerufen hatte. Der ursprüngliche Gedanke war dabei die Ressourcenzusammenlegung zur Finanzierung einer flächendeckenden kassenärztlichen Versorgung. Die Krankenkasse gewährte weiterhin ein Krankengeld, die Gewerksärzte wurden aus Zahlungen der angeschlossenen Unterstützungskassen in die Vereinskasse bezahlt.

    Eine freie Arztwahl hatten die Arbeiter dabei nicht, was zu großen Spannungen innerhalb des sowieso oft kritisierten Systems führte. Da wurde zum Beispiel das „Simulantenthum unter den Arbeitern“ von der Tagespresse bemängelt, aber auch das Phänomen, dass der Gewerksarzt nur dazu diente, sich den Krankenschein ausstellen zu lassen, der Patient dann aber mit dem Krankengeld seinen favorisierten Arzt aufsuchte. Diese Konflikte werden auch das Leben von Doktor Fürst erschwert haben. Medizin als soziale Wissenschaft, dieses Credo, das er zum Beispiel mit dem Medizinstatistiker Salomon Neumann gemeinsam hatte, wurde so unterwandert.

    Jeder praktische Arzt thäte nur gut daran, sich die wenigen Seiten der Fürst’schen Arbeit gründlich einzuprägen

    Dass Fürst als Arzt äußerst angesehen war, ergibt sich aus vielen Hinweisen. Fürst vertrat zudem vehement die Ansicht, dass ein Hausarzt, der während des Studiums auch in allen „Specialfächern“ ausgebildet wurde, nicht zwingend „nur“ als ebensolcher arbeiten sollten. Das erläuterte er vor allem in seinem hochgelobten Aufsatz „Hausarzt und Ophthalmologie“, der ein Jahr vor seinem Tod in der Deutschen Medizinal-Zeitung erschien, während er auch noch ständiger Mitarbeiter des von Prof. Hirschberg herausgegebenen Centralblatt für praktische Augenheilkunde war. Darin plädierte er für eine „Grenzregulierung“ dieser beiden ärztlichen Richtungen, weil das Auge oft „ein warnender Multiplikator für sonst noch unerkennbare Anomalien“ sei. Die Hausärzte sollten daher auch die während des Studiums erworbenen Spezial-Fähigkeiten einsetzen und so Patienten nicht unnötig abweisen.
    Früher Tod

    „Und wenn ihr euch nur selbst vertraut“, schrieb er am Ende auch und zitierte dabei aus Goethes „Faust“, „Vertrau’n Euch auch die andern Seelen!“ „Jeder praktische Arzt thäte nur gut daran, sich die wenigen Seiten der Fürst’schen Arbeit gründlich einzuprägen“, schrieb ein Mediziner über den Fürst’schen Aufsatz, in dem er nicht nur über den Missstand aufklärte, sondern auch ganz präzise Hinweise für die Grenzregulierung gab.

    Ein Jahr später ignoriert der Mediziner Fürst jedoch sein eigenes Leiden, ein schmerzhaftes Karzinom im Unterleib, von dem nur er etwas weiß. Am 25. Mai 1898 stirbt er in seiner Wohnung am Lützowufer 4 im Beisein seines Bruders Adolf. Vier Tage später wird er auf dem jüdischen Friedhof Weißensee bestattet.

    Noch im Tod wirkt Alexander Fürst weiter als Wohltäter, belegt sind mehrere Legate, darunter 5.000 Mark für das Asyl für Obdachlose in der Fröbelstraße. Der beliebte Kassenarzt, der sich dem Konkurrenzwesen unter der Berliner Ärzteschaft verweigerte, an Titeln überhaupt nicht interessiert war, war tot. „Ein Volksarzt im besten Sinne“, nannte ihn eine medizinische Zeitschrift. Das wäre für ihn wohl das schönste Lob gewesen.

    Eine Ausstellung über Dr. Levinsteins „Maison de Santé“ (Zwischen Wellness und Wahnsinn) zeigt das Museum Schöneberg noch bis zum 12. April 2026.

    Mehr von Nettina Müller
    https://taz.de/Bettina-Mueller/!a48915

    #Berlin Prenzlauer_Berg #Fröbelstraße #Tiergarten #Lützowufer #Geschichte #Arbeiterbewegumg #Iatrokratie #Epidemien

  • Von Alfred Döblin bis Zille : Hier lebten die ganz großen Berlin-Promis
    https://www.berliner-zeitung.de/ratgeber/von-alfred-doeblin-bis-zille-hier-lebten-die-ganz-grossen-berlin-pr

    26.10.2025 von Nicole Schulze - Im Prinzip ist jeder Pflasterstein, jede Ecke Berlins ein Zeugnis deutscher Geschichte. Viele Persönlichkeiten lebten in Häusern, die man noch besichtigen kann.

    Wo David Bowie während seiner Berlin-Jahre lebte, steht heute in jedem Reiseführer. Auch das Zuhause von Marlene Dietrich ist leicht zu finden. Aber wissen Sie, wo der Litfaßsäulen-Erfinder wohnte?

    Ein neues Buch listet 50 Wohnstätten von berühmten Berlinerinnen und Berlinern auf, darunter die Humboldt-Brüder, Rio Reiser, Hans Rosenthal und die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, die im Mai dieses Jahres 103-jährig hier in ihrer Geburtsstadt verstarb.

    Falls Sie also wissen möchten, wer wo in Berlin lebte, sei Ihnen die Lektüre dieses handlichen Büchleins aus einem kleinen Berliner Verlag wärmstens empfohlen (siehe unten). Ausgehend von dem Buch stellen wir Ihnen die Wohnhäuser von acht Berliner Persönlichkeiten vor.

    Alfred Döblin

    „Sein Roman ‚Berlin Alexanderplatz‘ ist als erster und bedeutendster Großstadtroman in die Literaturgeschichte eingegangen“, schreibt das Autoren-Duo über den Schriftsteller Alfred Döblin (1878–1957). Der in Stettin geborene und im Breisgau gestorbene Gelehrte lebte von 1907 bis 1933 in Berlin, bewohnte sieben verschiedene Wohnungen.

    Einige davon sind nicht erhalten, an anderen erinnert eine Gedenktafel. Döblin kam als Kind nach Friedrichshain, ging hier zur Schule, studierte Medizin und arbeitete in der sogenannten Irrenanstalt oben in Buch.

    Foto
    In diesem Haus in der Kreuzberger Blücherstraße lebte Alfred Döblin.Kerstin Samotzki

    „1911 macht er sich als praktischer Arzt und Geburtshelfer selbstständig und eröffnet eine Praxis in der Kreuzberger Blücherstraße“, steht in dem Stadtführer. Die Hausnummer 18 hat den Krieg überstanden, anders als in der Frankfurter Allee 340 (heute: Karl-Marx-Allee 121–131), wo er ab 1919 eine Praxis hatte und mit seiner Familie lebte.

    1929 erschien das 528-Seiten-Werk „Berlin Alexanderplatz“ und brachte einiges an Geld. Im Buch heißt es dazu: „1931 bezieht die Familie eine Achtzimmerwohnung am Kaiserdamm 28. Döblin aber gefällt das Ambiente nicht.“ Wenige Jahre später flieht Döblin mit seiner Familie vor den Nazis und emigriert in die USA. Er kehrte zwar nach Deutschland, nicht aber nach Berlin zurück.

    Hildegard Knef

    Die große Knef (1925–2002) war ’ne Zujezogene, und das auch noch aus dem Schwabenland. Wer hätte das gedacht? In Ulm geboren, aber als Baby hierhergekommen, trug sie Berlin immer im Herzen. Sie wuchs in der damaligen Sedanstraße in Schöneberg auf; das Haus gibt es nicht mehr. Heute ist dort die Leberstraße 68. „In derselben Straße (…) ist zwei Jahrzehnte zuvor Marlene Dietrich aufgewachsen“, notieren die Autoren.

    Später reüssierte Knef am Broadway, spielte nach dem Kriegsende aber auch am Schlossparktheater in West-Berlin. Und sie besang ihr Berlin so oft und wehmütig wie kaum eine andere. Ihre Chansons „Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ oder „Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen“ klingen auch heute noch ganz wohlig-warm.

    Ihr letztes Zuhause von insgesamt zwölf Wohnorten ist die Lindenthaler Allee 21 in Zehlendorf, wo sie von 1998 bis 2001 lebte. Zuvor hatte sie unter anderem in einer 14-Zimmer-Villa in der Bettinastraße 12 in Grunewald gelebt. Nach ihrem Tod wurde Knef auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beerdigt.

    Erich Honecker

    Für Ost-Berliner ist es keine Überraschung, dass Erich Honecker (1912–1994) im Städtchen lebte. So nannte man die kleine, weitgehend abgeschottete Wohnsiedlung im Majakowskiring (Niederschönhausen), wo Egon Krenz bis in die 2000er-Jahre hinein einen Bungalow besaß.

    Auch Walter Ulbricht, der ja nach eigenem Bekunden nie die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten, und es dennoch tat, lebte von 1945 bis 1973 dort. Sein Haus mit der damaligen Nummer 28 ist nicht erhalten.

    Das ehemalige Wohnhaus Honeckers, eine hübsche kleine Villa, steht aber noch und ist heute eine Kinderfreizeiteinrichtung. Zwei Jahre, von 1953 bis 1955, residierte der spätere DDR-Chef hier. Danach zog er in den Majakowskiweg um (heute: Rudolf-Ditzen-Weg 14). In diesem Haus, das nicht mehr steht, lebte er bis 1960. Später zog er in die Waldsiedlung nach Wandlitz um, wo die SED-Politprominenz lebte. Honecker starb in Chile.

    Käthe Kollwitz

    Die Vermutung liegt nahe, dass die Künstlerin Käthe Kollwitz (1867–1945) in der später nach ihr benannten Kollwitzstraße wohnte. Die hieß damals Weißenburger Straße, und in der Hausnummer 25 lebte sie von 1891 bis 1943. Das Haus wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört, aber am Nachfolgebau in der Kollwitzstraße 56a erinnert eine Gedenktafel an die Grafikerin, Bildhauerin und Malerin.

    „Kollwitz’ Ehemann führte hier, in der Weißenburger Straße, eine Arztpraxis, im Hinterzimmer hatte Käthe ihr Atelier, in der angeschlossenen kleinen Wohnung lebte das Paar“, schreibt das Autoren-Duo im Stadtführer. Damals war Prenzlauer Berg nicht schick, sondern arm. Kollwitz soll oft am Wörtherplatz gesessen haben, der Anfang Oktober 1947 nach ihr benannt wurde.

    Kollwitz floh während des Krieges nach Sachsen und starb schließlich auf Schloss Moritzburg, dem Schloss aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

    Foto
    Das Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg, unweit ihres einstigen Wohnhauses.Jürgen Ritter/imago images

    Heinrich Zille

    Wer kennt ihn und sein Milljöh nicht? Heinrich Zilles (1858–1929) Zeichnungen und Fotos über das einfache Berlin, die Hinterhöfe, Arbeiter und Dirnen sind nicht nur einzigartige Zeitzeugnisse, sondern ganz oft auch unterhaltsam, manchmal gar sehr rührend.

    In sieben verschiedenen Häusern lebte er, von Friedrichshain über Rummelsburg bis Charlottenburg. Hier wohnte er am längsten, verbrachte die letzten 37 Jahre seines Lebens in einer Dreizimmerwohnung in der Sophie-Charlotten-Straße 88, „vier Treppen hoch“, wie er schrieb. Es steht noch heute.

    Foto
    Hier lebte und starb Heinrich Zille: das Wohnhaus Sophie-Charlotten-Str. 88 Kerstin Samotzki

    „Zu seinem 70. Geburtstag wird eine große Zille-Ausstellung mit dem Titel ‚Zilles Werdegang‘ im Märkischen Museum eröffnet – mit feierlicher Würdigung durch den Bezirksoberbürgermeister“, steht in dem Buch. Zille soll gesagt haben: „Hören Se uff, Oberbürgermeisterken. Mir kloppen Se uff die Schulter, um damit dem Volk zu imponieren.“

    Er starb nach zwei Schlaganfällen zu Hause, wurde auf dem („Prominenten“-)Friedhof in Stahnsdorf beigesetzt.

    Kurt Tucholsky

    Keiner konnte so schön scharfzüngig lästern wie Kurt Tucholsky (1890–1935): „Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorzüge stehen im Baedeker“, schrieb er Mitte der 1920er-Jahre, wie die Reiseführer-Autoren festhalten.

    Geboren wurde der Schriftsteller, Journalist und Publizist in der Lübecker Straße 13 in Moabit – ein aus heutiger Sicht eher schlichter Altbau. Heute ist dort ein Kunstprojekt untergebracht, das sich mit dem Kiez beschäftigt. Es heißt Kurt-Kurt.

    Später wohnte er in Friedenau, in der damaligen Kaiserallee, die heute Bundesallee heißt. Am Haus Nummer 79 ist eine Gedenktafel für Tucholsky angebracht.

    Tucholsky ging in Tiergarten zunächst aufs Französische Gymnasium am Reichstagsufer, wechselte dann aber auf das Königliche Wilhelms-Gymnasium – dort, wo heute das Sonycenter steht. Am Kudamm 11 eröffnete er später eine Bücherbar: „Wer dort ein Buch kaufte, bekam ein Glas Likör kostenlos ausgeschenkt“, wissen die Autoren.

    Foto
    In dem Moabiter Haus, in dem Kurt Tucholsky geboren wurde, ist heute ein Kiez-Kunstprojekt namens Kurt-Kurt untergebracht.Kerstin Samotzki

    Unter den Pseudonymen Theobald Tiger und Peter Panther schrieb Tucholsky auch für die Wochenzeitschrift „Weltbühne“, deren Redaktion seinerzeit in der Kantstraße 152 war. Er leitete das Blatt für einige Zeit. Das Magazin existierte später in der DDR weiter, wurde aber 1993 eingestellt. Seit Mai 2025 erscheint die Weltbühne wieder – und zwar als Monatszeitschrift im Berliner Verlag.

    Tucholsky verließ Deutschland 1929/30 und nahm sich später das Leben. Er litt an Depressionen.

    Rosa Luxemburg

    Gefeiert, geschmäht, verehrt, verflucht: Die Mitbegründerin der KPD Rosa Luxemburg (1871–1919) polarisierte schon zu Lebzeiten, und auch heute noch reiben sich viele an ihr. Von 1902 bis 1911 lebte die Aktivistin in der Cranachstraße 58 in Schöneberg.

    „An der Fassade des Hauses (…) hängt keine Gedenktafel für die Ikone der Arbeiterbewegung und Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands“, steht in dem Buch. „Die Hausbesitzer haben sich dagegen verwehrt. Dass auf dem kleinen, eingefriedeten Baumgrundstück am Straßenrand, direkt vor dem Haus, eine Gedenktafel aufgestellt wurde, konnten sie nicht verhindern.“

    Foto
    Die Eigentümer wollten keine Gedenktafel an ihrem Schöneberger Haus haben. An Rosa Luxemburg und ihren einstmaligen Wohnsitz wird dennoch erinnert. Rasso Knoller

    Regelmäßig werden dort Blumen abgelegt, genau wie traditionell am zweiten Januarwochenende an ihrem Grab auf dem Zentralfriedhof in Lichtenberg. Luxemburg wurde ermordet, ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen (Höhe Lichtensteinbrücke; gehört zum Zoo). Zuletzt hatte sie in der Mannheimer Straße 27 gelebt, von wo aus sie verschleppt wurde. Dort erinnert eine Gedenktafel an sie und Karl Liebknecht, der dort ebenso Zuflucht gesucht hatte.
    Konrad Zuse

    Er gilt als Erfinder des Computers, und einen Nachbau der berühmten Maschine Z3 kann man im Technikmuseum in Kreuzberg besichtigen: Konrad Zuse (1910–1995) war ein begnadeter Tüftler. Sein Elternhaus ist in der Tübinger Straße 2 in Wilmersdorf, das als einziges seiner Wohnadressen erhalten blieb.

    Foto
    Das Elternhaus des Computer-Erfinders: Konrad Zuse lebte als Baby und Kleinkind in der Tübinger Str. 2. Kerstin Samotzki

    Die anderen Häuser in der Methfesselstraße sowie in der Wrangelstraße (Kreuzberg) wurden bei Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs zerstört, ebenso wie seine Erfindungen. Kurz vor Kriegsende floh Zuse mit seiner Familie ins Allgäu und lebte bis zu seinem Tod in Westdeutschland.

    Knoller, Rasso und Kilimann, Susanne: Berlin. Wer wohnte wo? 50 berühmte Berlinerinnen und Berliner. Via-Reise-Verlag, 144 Seiten, ca. 10 Euro.

    #Berlin #Geschichte #Prominenz