„Europa bereitet sich auf den Krieg gegen Russland vor“ – Botschafter Netschajew im Interview
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Aujourd’hui il y a 81 ans à Karlshorst le successeur d’Adolf Hitler Maréchal Keitel signa la capitulation des armées allemandes. A cette occasion le Berliner Zeitung publie une interview émouvante avec l’ambassadeur russe en Allemagne.
8.5.2026 von Alexander Dergay - Russlands Botschafter lehnt eine schnelle Waffenruhe ab, wirft Europa Kriegsvorbereitung vor und sagt, die Ukraine nutze zivile Schutzschilde. Ein Interview.
Am 8. Mai, dem Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht 1945, ist die Atmosphäre zwischen Moskau und Berlin so frostig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. In Russland und vielen ehemaligen Sowjetrepubliken wird der Sieg über Nazideutschland am 9. Mai begangen und der mehr als 27 Millionen sowjetischen Toten gedacht.
Gleichzeitig wütet im Osten Europas ein Krieg, der inzwischen länger dauert als der Vormarsch und Rückzug der Wehrmacht in der Sowjetunion zwischen Juni 1941 und Mai 1945. Die Opferzahlen schwanken erheblich. Die UN hat mehr als 15.000 getötete Zivilisten in der Ukraine bestätigt; auf russischem Gebiet meldet Moskau Tausende zivile Todesopfer durch ukrainische Angriffe. Die tatsächliche Zahl ziviler Opfer dürfte höher liegen. Bei den militärischen Verlusten gehen Schätzungen von bis zu zwei Millionen betroffenen Soldaten auf beiden Seiten aus, darunter mehrere Hunderttausend Tote.
Auch in diesem Jahr gelten in Berlin rund um die sowjetischen Ehrenmale in Treptow, Tiergarten und der Schönholzer Heide besondere Auflagen. Untersagt sind unter anderem militärische Uniformen, Fahnen mit russischem Bezug sowie Symbole, die den Russland-Ukraine-Krieg verherrlichen. Die Berliner Polizei begründet die Maßnahmen mit dem Schutz eines würdevollen Gedenkens vor dem Hintergrund des andauernden Krieges.
Russlands Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, empfängt zum Gespräch in der Botschaft Unter den Linden. Der Diplomat, seit 2018 der höchste Vertreter Russlands hierzulande, spricht von einer „Sonderoperation“ in der Ukraine, die längst hätte enden können, einer „Militarisierung“ Europas und von einer Bundesregierung, mit der es keine belastbaren Gesprächskanäle gibt. Während des Gesprächs kocht die Spannung so hoch, dass das Interview kurz vor dem Abbruch steht. Der Botschafter springt auf und sagt: „Wsjo chwatit“ („Fertig, es reicht“). Doch die Lage beruhigt sich wieder, und das Gespräch geht weiter.
„Feiertag mit Tränen in den Augen“
Herr Botschafter, der „Große Vaterländische Krieg“ dauerte für die Sowjetunion drei Jahre, zehn Monate und 17 Tage. Der von Russland begonnene Krieg gegen die Ukraine läuft seit dem 24. Februar 2022 – also bereits länger als der Kampf gegen Hitler-Deutschland. Wie erklären Sie diesen historischen Kontrast ausgerechnet vor dem 9. Mai, und welche Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg sollten wir – und auch Russland – heute ziehen?
Der Große Vaterländische Krieg 1941/1945 war die Folge einer Aggression Nazideutschlands gegen die Sowjetunion. Wir haben in dieser Tragödie 27 Millionen Menschen verloren. Das war der enorme Preis unseres Volkes für den Sieg über den Nazismus. Er hat eine entscheidende Rolle bei der Zerschlagung des grausamen Nazi-Regimes gespielt. Man hört heutzutage auch Meinungen, in denen die entscheidende Rolle der Roten Armee verfälscht oder vermindert wird. Das ist bedauernswert, und das wollen wir so nicht zulassen. In der ehemaligen Sowjetunion – einem multinationalen Staat mit einer multinationalen Armee – hat praktisch jede Familie Verluste, Opfer und persönliche Tragödien erlebt. Deswegen ist der 9. Mai für uns „ein Feiertag mit Tränen in den Augen“. Wir trennen diesen Sieg nicht nach Nationalitäten. Denn alle waren dabei – Russen, Belarussen, Ukrainer, Kasachen, Juden, alle Völker der Sowjetunion waren beteiligt, alle liegen zusammen in den Kriegsgräbern, auch hier in Deutschland.
Die Lehren und Folgen des Krieges wurden völkerrechtlich vom Nürnberger Tribunal verankert, sie haben auch in der Seele jedes einzelnen Sowjetmenschen ihren Platz gefunden. Der Begriff Nazismus ist für unser Volk genetisch nicht akzeptabel – egal wo auch immer und in welcher Form neonazistische Erscheinungen auftauchen. In Deutschland gibt es mehr als 4000 Kriegsgräber, in denen 700.000 Sowjetmenschen liegen: Soldaten, Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Zivilisten. Das war ein Krieg mit dem klaren Ziel der Nazis, die Bevölkerung des Landes zu vernichten. Deswegen sagen wir, dass die Verbrechen des Dritten Reiches einem Genozid gleichkommen. Wir verlangen, dass dieser Genozid auch von der Bundesrepublik offiziell anerkannt wird.
Positiv hervorheben möchte ich die Zusammenarbeit mit lokalen Stellen und dem Volksbund Kriegsgräberfürsorge – damit sind wir sehr zufrieden. Ich bedanke mich bei dieser Gelegenheit bei allen Stellen der Bundesrepublik und auch bei unseren Landsleuten, die sich um diese Kriegsgräber kümmern.
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Das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin erinnert an die gefallenen Soldaten der Roten Armee und den Sieg über Nazideutschland. © Jürger Ritter/imago
Medienberichten zufolge soll es auch in diesem Jahr Einschränkungen an den sowjetischen Ehrenmalen geben – etwa beim Zeigen nationaler Symbolik. Die Berliner Polizei hatte bereits 2024 russische und sowjetische Fahnen sowie Uniformen verboten. Sind Sie offiziell zu Gedenkfeiern eingeladen, und wie sehen Sie die aktuelle Erinnerungspolitik?
Von offizieller Seite sind wir nicht eingeladen. Das bleibt auf dem Gewissen derjenigen, die das organisieren. Eine offizielle Bestätigung über neue Einschränkungen haben wir bis jetzt nicht – es wäre sehr bedauerlich, falls es wieder dazu kommt. Die Menschen, die zu den Denkmälern und Kriegsgräbern kommen, wollen nur das Andenken an die gefallenen sowjetischen Soldaten bekunden. Mehr nicht. Die Handreichungen im vergangenen Jahr waren aus unserer Sicht fehl am Platz und kontraproduktiv. Wir wollen nur entsprechende Zeichen unserer Verbeugung vor den Toten setzen.
„Wir haben gegen keine völkerrechtlichen Vereinbarungen verstoßen“
Russland äußert sich kritisch zur deutschen Erinnerungskultur und spricht von Geschichtsrevisionismus. Könnten Sie das an konkreten Beispielen erläutern?
Wir sehen in der deutschen wie auch in der europäischen Geschichtsschreibung Erscheinungen, in denen die Rolle der Roten Armee bei der Zerschlagung des Nazi-Regimes und bei der Befreiung Europas nicht objektiv dargelegt wird. Das widerspricht der wahren Geschichte, und dagegen protestieren wir mit Nachdruck. Wir sind absolut überzeugt: Die entscheidende Rolle beim Sieg kommt der Sowjetunion zu. Zweitens gibt es Versuche, die Bedeutung und den Sinn der sowjetischen Denkmäler in Deutschland anders zu interpretieren. Bis heute gilt: Die sowjetischen Soldaten sind als Befreier nach Deutschland und Europa gekommen – als Befreier vom Nazismus. Wir haben ganz Europa von dieser schrecklichen Erscheinung erlöst. Nun gibt es Versuche, diesen Sinn umzudeuten – und dagegen wenden wir uns entschieden.
Präsident Putin hat zu Beginn des Krieges in der Ukraine eine „Entnazifizierung“ als eines der zentralen Ziele ausgegeben. Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Erinnerungskultur und der Instrumentalisierung von Geschichte zur Rechtfertigung aktueller Machtpolitik?
Zu den Gründen des Konflikts gehörten klare neonazistische Erscheinungen. Die Helfershelfer des Nazismus wie Schuchewytsch und Bandera sind nationale Helden der heutigen Ukraine. Hinzu kommt das praktische Verbot der russischen Sprache, der russischen Kultur, der russisch-orthodoxen Kirche, selbst unserer gemeinsamen Geschichte, einschließlich der Demontage von Denkmälern für die sowjetischen Befreier der Ukraine. Das gehört alles dazu. Diese Denkweise und dieses Vorgehen können wir nicht akzeptieren. Deswegen sprechen wir über die Entnazifizierung im Rahmen einer künftigen Regelung, die wir anstreben. Wir sind für einen langfristigen Frieden mit der Verankerung aller Sicherheitsgarantien in einem Papier, möglicherweise abgesegnet vom UN-Sicherheitsrat. Aber ich unterstreiche: Es geht um eine dauerhafte Friedensregelung, keine provisorische Waffenruhe. Diese hat sich nie rentiert. Wir wurden schon mehrmals betrogen.
Kiew wirft dem Kreml ebenfalls Betrug vor: Im Budapester Memorandum von 1994 hat Moskau die territoriale Integrität der Ukraine garantiert, im Gegenzug für die Aufgabe des drittgrößten Atomwaffenarsenals der Welt. Wie könnten konkrete vertrauensbildende Maßnahmen aussehen, um diesen beidseitigen Vertrauensverlust zu überwinden?
Vertrauensbildende Maßnahmen müssen auch in den Vereinbarungen über den langfristigen Frieden festgeschrieben werden. Russland hat gegen keine völkerrechtlichen Vereinbarungen verstoßen. Nicht wir haben den Staatsstreich in der Ukraine organisiert. Wir haben die Ukraine 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion als unabhängigen Staat anerkannt – allerdings als nuklearfreien, bündnisfreien und neutralen Staat, wie es 1990 in der Unabhängigkeitsdeklaration unmissverständlich festgehalten war.
Mit der russischsprachigen Bevölkerung gab es damals keine Probleme, die russische Sprache stand nie infrage. Nach dem verfassungswidrigen Staatsstreich 2014, der klare russophobe Züge hatte, änderte sich das grundlegend. So kam es zur sogenannten Anti-Terror-Operation des ukrainischen Regimes gegen russischsprachige Regionen des Landes, die diesen Putsch nicht anerkannt hatten.
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Putin-Porträt neben einem Buch über Zar Peter den Großen im Empfangsraum der russischen Botschaft: Der russische Präsident berief sich mehrfach auf ihn als außenpolitisches Vorbild. © Markus Wächter/Berliner Zeitung
Über Ursachen haben wir viel gesprochen. Entscheidend ist heute, nach mehr als vier Jahren Krieg: Wie kommt Europa – und auch Russland als Teil Europas – aus diesem Konflikt heraus? Welchen konkreten Beitrag will Russland leisten, damit dieser Krieg endet? Wir waren immer für Dialog, auch mit den Europäern. Wir wollten nur, dass unsere Sicherheitsinteressen entsprechend berücksichtigt werden. Vor allem, was die Nato-Osterweiterung angeht. Wir haben den Europäern eigentlich nie etwas Böses angetan, ganz zu schweigen von Deutschland.
Die einseitige Position der deutschen Bundesregierung in Bezug auf diesen Konflikt ist daher mehr als enttäuschend. Aus Europa haben wir keine Signale über Gesprächsbereitschaft gehört, keine Vorschläge zur Friedensregelung. Istanbuler Friedensvereinbarungen von 2022, die von der ukrainischen Delegation paraphiert wurden, wurden übrigens auch von den Europäern torpediert.
Mehr noch: Wir hören aus verschiedenen Quellen, auch von führenden westlichen Politikern, Russland müsse eine strategische Niederlage erleiden, die russische Wirtschaft müsse zerfetzt werden. Man müsse die Ukraine aufrüsten, so lange wie nötig. Die militärisch-technische Unterstützung der Ukraine durch europäische Staaten ist enorm. Die Bundesrepublik spielt hier eine führende Rolle. Das macht uns natürlich nicht glücklich, auch unter Berücksichtigung bestimmter historischer Parallelen. Unsere Vorschläge zu einer dauerhaften Konfliktregelung sind bekannt und liegen weiterhin auf dem Tisch.
„Krieg mit Russland unausweichlich“
Sehen Sie Europa wirklich als militärische Bedrohung? US-Präsident Trump hat erklärt, er erwäge ernsthaft einen Austritt der USA aus der Nato und die transatlantische Sicherheitsarchitektur neu zu justieren – wie passt das zu Ihrer Bedrohungswahrnehmung?
Stellen Sie sich einen Menschen auf der Straße vor, keinen Politiker. Was hört dieser Mensch, welche Signale bekommt er aus Europa? Russland sei ein ewiger Feind, eine ewige Bedrohung. Ein Krieg mit Russland sei unausweichlich. Russland müsse eine strategische Niederlage erleiden. Die Ukraine müsse militärisch aufgepumpt werden – mit Drohnen und weitreichenden Waffensystemen.
Nato-Verbände müssten näher an die russische Grenze verlegt werden. Die Bundeswehr-Brigade in Litauen müsse so schnell wie möglich einsatzbereit sein. Das hört man jeden Tag. Dazu kommt die Diskussion über die nukleare Aufrüstung Europas, über nukleare Teilhabe und über Gespräche zwischen Paris und Berlin sowie Paris und Warschau zu möglichen Kooperationsformaten. Die nukleare Bedrohung ist eine besondere Gefahr, ein hohes strategisches Risiko mit unabsehbaren Folgen.
Was muss dieser Mensch daraus schlussfolgern? Europa bereitet sich auf den Krieg gegen Russland vor, der nach deutschen Quellen 2029/2030 unbedingt beginnen soll. Wieso man hier auf diese Idee kommt, kann ich nicht begreifen. Präsident Putin hat mehrfach gesagt: Alle Spekulationen darüber, dass wir gegen die Nato oder einzelne Nato-Länder Krieg führen wollten, sind Quatsch. Aber diese Atmosphäre, diese Aufheizung, diese Militarisierung der Stimmung in der Gesellschaft beobachten wir – und das hinterlässt einen sehr negativen Eindruck in der Bevölkerung unseres Landes.
Sie sagen also, dass sich Europa konkret und aktiv militärisch auf einen Krieg gegen Russland vorbereitet?
Das ist nicht meine Erfindung, sondern was ich täglich deutschen Zeitungen und öffentlichen Äußerungen deutscher Politiker entnehme. Das bereitet uns begründete Sorgen. Wozu diese ganze Militarisierung? Wozu diese riesigen Ausgaben für die Aufrüstung? Gibt es dafür keine bessere Verwendung? Es wird nicht verheimlicht: Die Ukraine muss kämpfen, so lange, bis Europa endlich bereit ist, den Krieg gegen Russland selbst führen zu können.
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Fähigkeitsdemonstration des Deutschen Heeres in in Munster. Soldaten mit dem Schützenpanzer Puma zeigen, „wie das Heer kämpfen wird“. © Maurizio Gambarini/FUNKE Foto Services/imago
Ein Kernziel des Krieges war, die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine zu verhindern. Heute stellt Trump das Bündnis selbst infrage. Ist Ihr wichtigstes Ziel damit nicht längst erreicht – wozu also noch dieses Blutvergießen? Die neue US-Administration und Präsident Trump haben eingeräumt, dass die Nato-Erweiterung und das Beitrittsangebot an die Ukraine Fehler waren – Fehler der früheren US-Administration.
Im Zuge der deutschen Einheit wurde uns mehrfach zugesichert, die Nato werde sich nicht nach Osten ausdehnen. Wir haben das in Gesprächen mit amerikanischen wie deutschen Politikern auf höchster Ebene vernommen. Wir vertrauten unseren Partnern. Doch seitdem folgten fünf oder sechs Wellen der Nato-Osterweiterung, darunter auch Staaten der früheren Sowjetunion.
Dabei ging es nicht um bloße Mitgliedschaft, sondern um die militärisch-technische Erschließung dieser Territorien. Das ist für uns gefährlich. Wir haben aus unserer Geschichte entsprechende Lehren gezogen. Eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine ist für uns daher völlig inakzeptabel. In den abschließenden Dokumenten einer Friedensregelung muss das festgeschrieben und völkerrechtlich verbindlich verankert werden.
„Keine Ansprüche auf neue Territorien“
Hat sich die russische Zielsetzung im Verlauf des Krieges von der Verhinderung einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine hin zu territorialen Forderungen oder einem „Regimewechsel“ verändert? Wir haben keine Ansprüche auf neue Territorien, wir haben genug davon. Die östlichen Regionen der Ukraine sind Russland beigetreten, weil dies dem Willen ihrer Bevölkerung entsprach, die den Staatsstreich in Kiew nicht akzeptiert hatte. Die Menschen dort wollten untrennbarer Teil Russlands werden – nicht nur, weil die Krim, der Donbass und andere Gebiete der Ukraine ursprünglich russische Regionen waren, sondern auch, weil sie nicht unter einem neonazistischen Regime leben wollten und sich in Gefahr sahen. Ihre Entscheidung stand voll im Einklang mit dem Selbstbestimmungsrecht der UN-Charta.
Manchmal werden Parallelen zum Kosovo gezogen: Dort gab es gar kein Referendum, dennoch wurde der Kosovo vom Westen als souveräner Quasistaat akzeptiert. Es ist nicht nachvollziehbar, warum das Selbstbestimmungsrecht der ukrainischen Regionen, die heute neue russische Regionen sind, nicht anerkannt wird.
Nach dem Treffen zwischen Putin und Trump in Alaska gab es aus den USA, Europa und der Ukraine deutliche Signale der Bereitschaft zu einem Waffenstillstand. Warum hat Russland diese Chance nicht ergriffen?
Einen kurzfristigen Waffenstillstand brauchen wir nicht – das hat uns die Erfahrung gelehrt. Eine solche Atempause würde das ukrainische Regime nur dazu nutzen, seine Streitkräfte nachzufüllen, umzugruppieren und mit Waffen zu versorgen. Was wir anstreben, ist ein dauerhafter Frieden. Die Vermittlungsrolle befreundeter oder neutraler Staaten nehmen wir gerne an. Die amerikanischen Kollegen sind derzeit mit anderen Themen befasst, etwa mit der Lage im Nahen Osten. Sobald sie damit fertig sind, werden die Gespräche fortgesetzt. Unsererseits besteht volle Gesprächsbereitschaft.
Nach ukrainischen Angaben startete Russland Ende April einen der größten Luftangriffe der vergangenen Woche – mindestens zehn Tote, 67 Verletzte, getroffen wurden Wohngebiete und zivile Infrastruktur in Dnipro und anderen Regionen. Wie erklären Sie diesen Widerspruch zur offiziellen Darstellung, dass Sie nur militärische Ziele angreifen?
Wir führen keinen Krieg gegen die Zivilbevölkerung, daran halten wir uns fest. Zivile Opfer können wir nur bedauern. In der Regel geschieht das, weil die ukrainischen Streitkräfte zivile Objekte als Schutzschild für militärische Produktion oder Truppen missbrauchen. Oder wenn abgeschossene Drohnen und Raketenteile auf zivile Objekte stürzen. Anders als das Kiewer Regime unternehmen wir keine gezielten Terrorattacken zur Einschüchterung der Bevölkerung.
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Kramatorsk, 8. Februar 2026: Anwohner stehen im Hof eines Wohnhauses, das bei einem russischen Luftangriff schwer beschädigt wurde. © Iryna Rybakova/dpa
Im Iran-Krieg wurde ein temporärer Waffenstillstand vereinbart, um Verhandlungen zu ermöglichen. Sehen Sie nicht die Notwendigkeit einer Feuerpause als vertrauensbildende Maßnahme, um eine Verhandlungsbasis zu schaffen?
Wir haben bereits mehrfach einen kurzfristigen Waffenstillstand vorgeschlagen. Doch allein während der Oster-Feuerpause haben die ukrainischen Streitkräfte diesen nach unseren Angaben mehr als 6000-mal verletzt. Nun hat Präsident Putin eine Waffenruhe für den 8. und 9. Mai angekündigt; die ukrainische Seite hat sie bereits abgelehnt. Grundsätzlich brauchen wir keinen provisorischen Waffenstillstand, sondern eine dauerhafte und verbindliche Regelung.
Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, damit es morgen zu einem Verhandlungsdurchbruch kommen könnte?Entscheidend ist die Bereitschaft des ukrainischen Regimes, eine Friedensregelung abzuschließen und unsere Sicherheitsbedenken anzuerkennen. Präsident Putin hat die notwendigen Voraussetzungen mehrfach klar benannt. Auch von einigen europäischen Politikern hören wir inzwischen, dass die Ukraine sich bewegen und territoriale Realitäten respektieren müsse. All das gehört in ein gemeinsames Paket.
Sie beziehen sich auf Bundeskanzler Friedrich Merz, der in Marsberg erklärte, dass nach einem möglichen Friedensvertrag „ein Teil des ukrainischen Territoriums nicht mehr ukrainisch“ sein könnte?
Wenn die Journalisten die Ausführungen des Bundeskanzlers richtig dargelegt haben, dann kann ich darauf eingehen.
Wir kämpfen nicht gegen Zivilisten
Warum besteht Russland auf Territorien im Donbass, die es militärisch seit Jahren nicht erobern kann – und fordert dennoch deren Anerkennung als russisches Staatsgebiet?
Diese Gebiete sind bereits Bestandteil der Russischen Föderation, so ist es gesetzlich verankert. Die Bevölkerung – einschließlich jener der Krim – hat sich in Referenden eindeutig für den Beitritt ausgesprochen. Wir forcieren die Offensive nicht. Es geht uns dabei auch um die ukrainische Zivilbevölkerung. Wir kämpfen nicht gegen Zivilisten. Für uns ist das bis jetzt kein Krieg, sondern eine militärische Sonderoperation. Würde aber gegen uns ein Krieg entfesselt, von welchem Land auch immer, fiele unsere Reaktion diametral anders aus.
Wäre Russland zu territorialen Kompromissen bereit, wenn dadurch der Krieg endet?
Ich glaube nicht, dass die in der russischen Verfassung verankerten Gebiete der Russischen Föderation Gegenstand von Verhandlungen sein können. Aber welche konkreten Modalitäten am Ende ausgehandelt werden, das überlassen wir den Verhandlern, die sich mit den Details befassen werden. Das letzte Wort hat der Präsident der Russischen Föderation.
Russland hat in Syrien mit dem Sturz Assads an Einfluss verloren und erlebt in Afrika, etwa in Mali, Rückschläge. Sinkt Moskaus internationale Autorität?
Unsere Rolle in der Welt ist nach wie vor bedeutend. Wir haben viele Sympathisanten, Freunde und Verbündete. Wir engagieren uns aktiv im Rahmen von Brics, in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit sowie in den Formaten der GUS. Wir plädieren für eine multipolare Weltordnung. Unsere Rolle als Mitgründer und aktiver Teilnehmer dieser Strukturen wächst – nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich.
Mit Syrien verbindet uns eine lange Geschichte. Der neue syrische Übergangspräsident war kürzlich in Moskau zu Gast. Wir unterstützen die territoriale Integrität Syriens und pflegen gute Kontakte zu politischen Kräften des Landes. Auch unsere Beziehungen zu afrikanischen, arabischen, asiatischen und lateinamerikanischen Staaten stehen ganz oben auf unserer außenpolitischen Prioritätenliste.
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Botschafter Sergej Netschajew neben einem Modell der sowjetischen Ehrenmal-Statue mit Kind und zerbrochenem Hakenkreuz © Markus Wächter/Berliner Zeitung
„Kontakte zu anderen Staaten dürfen Russland nicht schaden“
Auch Staaten der ehemaligen Sowjetunion nähern sich anderen Akteuren an – die Präsidenten Armeniens und Aserbaidschans waren bei Trump zu Gesprächen über einen von den USA überwachten Transportkorridor, die fünf zentralasiatischen Staatsoberhäupter waren im Weißen Haus. Sehen Sie das als Bedrohung?
Diese Staaten sind souverän und selbstständig, das ist klar. Aber unsere Bindungen sind historisch und traditionell sehr stark. Es geht nicht nur um Politik, sondern auch um Wirtschaft, um familiäre Bindungen, um humanitäre und kulturelle Bande. Alle sind Mitglieder der GUS. Wichtig ist, dass die Kontakte unserer Freunde in Zentralasien oder im Kaukasus mit anderen Staaten keinen Schaden für die traditionellen Bindungen mit Russland darstellen. In Russland leben sehr viele Armenier, Aserbaidschaner, Menschen aus mittelasiatischen Ländern. Das ist eine sehr wichtige Drehscheibe in unseren Beziehungen.
Gibt es eine konkrete rote Linie, ab der Moskau eingreifen würde, falls postsowjetische Staaten ihre außenpolitische Ausrichtung zu stark Richtung Westen verschieben?
Wir führen mit allen Partnern einen offenen Dialog. Geht ein Land jedoch engere Bindungen mit der EU ein, ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Denn bestimmte Verpflichtungen aus der Zusammenarbeit mit der EU können mit Verpflichtungen im Rahmen der GUS oder der Eurasischen Wirtschaftsunion kollidieren. Hier gilt es, die richtige Balance zu finden, damit kein dauerhafter Schaden entsteht.
Russland sieht sich mit Sanktionen, steigenden Kriegskosten und ausbleibendem militärischen Erfolg konfrontiert. Wie lange ist dieser Kurs tragfähig?
Die russische Gesellschaft ist heute so stark konsolidiert wie nie zuvor. Gegen uns wurden, wenn ich mich nicht irre, mehr als 30.000 Sanktionen verhängt – und wir halten das aus. Wir haben uns angepasst; das war nicht einfach, aber wir sind in der Lage, vollkommen eigenständig zu funktionieren. Die Lage in Russland ist stabil. Der Staat kommt all seinen sozialen Verpflichtungen gegenüber der Bevölkerung nach – und das parallel zu den hohen Militärausgaben. Wir finden Mittel und Wege, Renten zu erhöhen sowie neue Kindergärten, Schulen und medizinische Einrichtungen mit russischer Technik und Ausrüstung zu eröffnen. Wir sind offen für Zusammenarbeit. Viele deutsche Unternehmen sind in Russland weiterhin erfolgreich tätig. Wir haben mit Deutschland praktisch kein einziges Abkommen gekündigt und keine einzige Vereinbarung gestrichen.
„Gefährliche Informationen“ versus Meinungsfreiheit
Warum ist das Verbot des beliebten Messengers Telegram aus Sicht der Regierung notwendig? Auch der Zugang zum Internet wird in Russland zunehmend eingeschränkt.
Das ist hauptsächlich aus Sicherheitsgründen notwendig. Wir nutzen verschiedene Kommunikationskanäle, auch den russischen Messenger Max, der sehr gut funktioniert. Aber wir müssen Risiken berücksichtigen, die aus der heutigen geopolitischen Lage erwachsen. Es gibt Versuche, gefährliche Informationen zu verbreiten und Leute für Verbrechen anzuwerben, auch für Terrorakte. Das ukrainische Regime nutzt terroristische Methoden gegen Russland und verheimlicht das nicht.
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Praktisch keine Kontakte: Botschafter Sergej Netschajew beklagt fehlende Gesprächskanäle zwischen Berlin und Moskau. © Markus Wächter/Berliner Zeitung
Zivilgesellschaftliche Gruppen sehen darin eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Russische Meinungsforschungsinstitute behaupten, dass die Bevölkerung ohnehin geschlossen hinter der Regierung stehe. Warum braucht es dann diese Einschränkung?
Die Zivilgesellschaft hat die Möglichkeit, ihre Meinung offen zu äußern. In den sozialen Netzwerken gibt es viele Meinungen, die unterschiedliche Reaktionen auslösen. Totale Verbote gibt es nicht. Einige Einschränkungen sind sicherheitsbedingt; damit müssen wir leider leben.
Was sind Ihre konkreten Wünsche an die Bundesregierung – und gibt es zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch belastbare Ansprechpartner auf politischer Ebene?
Wir haben praktisch keine Kontakte. Doch Gesprächsbereitschaft wurde zu allen Zeiten geschätzt. Der Verzicht auf Dialog bringt nichts – weder für das bilaterale Verhältnis noch für Perspektiven der Konfliktlösung. Weder Russland noch Deutschland werden aus Europa verschwinden. Wir haben eine tausendjährige gemeinsame Geschichte. Die erfolgreichen Perioden waren jene, in denen wir miteinander gesprochen und zum beiderseitigen Nutzen gearbeitet haben. Eine Isolierung Russlands wird sowieso nie erreicht werden. Der neue Konflikt zwischen Russland und Deutschland wäre ein Albtraum – und ich verstehe nicht, wem dieser Albtraum das Herz wärmt.
INTERVIEWPARTNER
Sergej Netschajew wurde 1953 in Moskau geboren. Nach seinem Germanistik-Studium begann seine diplomatische Laufbahn im Jahr 1977 in Ost-Berlin, gefolgt von Stationen in der Mongolei, Bonn und Wien. In der Zwischenzeit war er Leiter des 3. Europäischen Departments im russischen Außenministerium. Seit 2018 ist er Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland.
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