25.4.2026 von Sebastian Leber, Silvia Stieneker - In der Neuköllner „Spore“ breiten Terrorverharmloser und Szeneaktivisten ihr Weltbild aus. Nicht nur die Integrationsbeauftragte ist entsetzt.
An einem Donnerstagabend im September in Neukölln. Auf dem Podium der „Spore Initiative“ diskutieren die Teilnehmer, ob die Gewalttaten der islamistischen Terrormiliz Hamas nicht im Grunde legal seien. Die Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten sagt, sie weigere sich, den Begriff Terrorismus zu verwenden. Dieser werde heute „inflationär benutzt“. Die Palästinenser hätten bei der ersten Intifada bloß einen „unbewaffneten Aufstand“ durchgeführt. Auch von Notwehr spricht sie.
Helga Baumgarten war als Professorin an der Universität Bir Zait im Westjordanland tätig. Vom Publikum der Spore erhält die umstrittene Politikwissenschaftlerin immer wieder Beifall. Der Titel des Abends lautet: „Das Recht auf Widerstand unter Terrorverdacht“.
Laut Selbstdarstellung geht es um Respekt und Inklusion
Offiziell versteht sich die „Spore Initiative“ in der Neuköllner Hermannstraße als Ort für „ökologische Regeneration, gemeinschaftliche Teilhabe und Wissensaustausch“. So steht es auf der Homepage. Es gehe um Inklusion, Respekt und Solidarität. Doch statt als Hort des Respekts erscheint die Spore zunehmend als Hort von Israelhass und Antisemitismus.
Denn Besucher berichten, diese Selbstdarstellung stehe in Widerspruch zu vielem, was sie in dem Gebäude tatsächlich erleben. Während die Proteste der radikalen israelfeindlichen Szene auf Berlins Straßen seit Anfang 2025 deutlich zurückgegangen sind, finden ihre zentralen Akteure und Vordenker in der Spore eine Bühne. Dort können sie damit rechnen, dass falsche Behauptungen nicht korrigiert werden und Sympathiebekundungen für die Hamas unwidersprochen bleiben.
Bei der Diskussionsrunde im September sagt Helga Baumgarten, die Hamas wolle „ein freies Palästina, in dem alle Religionen und Gruppen friedlich zusammenleben können“. Auch den offenen Antisemitismus in der Gründungscharta der Hamas redet sie klein. Die Gewalt der Hamas sei Selbstverteidigung und durch das Völkerrecht gedeckt.
Seit Frühjahr 2023 residiert die „Spore Initiative“ in einem Neubau auf einem ehemaligen Friedhofsgelände direkt neben dem Anita-Berber-Park. Das Haus an der Hermannstraße mit den modernen Glasfassaden, die die alten Friedhofsmauern und Masten des ehemaligen Flughafens Tempelhof teilweise integrieren, wurde 2025 vom Deutschen Architekturmuseum für herausragende zeitgenössische Architektur ausgezeichnet.
United 4 Gaza Demo in Berlin Am 11.10.2025 haben sich ca. 14000 Menschen zu einer israelfeindlichen Demonstration unter dem Titel United 4 Gaza zusammengefunden. Gegen Ende der Demo gab es mehrere Festnahmen, nachdem verbotene Parolen gerufen wurden.
_Berlin Berlin Deutschland Mitte * United 4 Gaza demonstration in Berlin On 11 10 2025 about 14000 people gathered for an anti-Israel demonstration under the title United 4 Gaza Towards the end of the demonstration there were several arrests after banned slogans were shouted , Berlin Berlin Germany center_
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Antisraelische Proteste in Berlin. © IMAGO/Carsten Thesing
Die Spore bietet Raum für Workshops, Diskussionen, Lesungen und Konzerte, außerdem ein Café im Erdgeschoss und einen Hörsaal. Im Eingangsbereich stehen Kinderwagen, es gibt einen Bereich zum Basteln und Spielen. Über einer Tür steht in großen Lettern: „Until Liberation“ – „Bis zur Befreiung“.
Die Veranstaltungsreihe, in der Helga Baumgarten über die Legitimität bewaffneten Widerstands sprechen darf, nennt sich „Zeit zu reden“. Als Moderatorin fungiert meist die Journalistin Kristin Helberg. Die Runde findet regelmäßig im Auditorium der Spore statt, die Abende sind sehr gut besucht. Der jüdische Staat erscheint dann meist als Täter, antiisraelische Gewalttäter dagegen als Opfer, die von den Medien falsch dargestellt würden.
Präsentiert werden die Abende von „Public Solidarity“, einem Medienprojekt, das die Videos der Veranstaltungen anschließend auf seine Webseite stellt. Verantwortet wird diese von Doris Ghannam, einer der wichtigsten Akteurinnen der Berliner Sektion der Boykottbewegung BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“).
Sobald es in der Spore um Israel und Palästina geht, prägen auffallend häufig Akteure und Narrative aus dem radikal israelfeindlichen Spektrum den Ton. Bei der „Zeit zu reden“-Veranstaltung mit Helga Baumgarten meldet sich eine Frau und stellt die rhetorische Frage, wie jemand denn bitteschön ernsthaft „die Legitimität der Hisbollah als Widerstand“ hinterfragen könne. Ein Mann erklärt, der Westen stufe die Hamas nur deshalb als Terrororganisation ein, um Palästinenser diskriminieren und in Gaza einen Völkermord legitimieren zu können. Er ruft auf, dafür zu kämpfen, dass die Hamas in Deutschland als „Befreiungsorganisation“ eingestuft wird.
Ähnlich radikal verläuft im Oktober 2025 der Themenabend „Missverstanden, diffamiert, kriminalisiert – Palästinasolidarität in Deutschland“. Zweieinhalb Stunden lang beklagen die Podiumsteilnehmer, wie ungerecht die propalästinensischen Proteste in der Öffentlichkeit dargestellt würden. Die Bewegung sei drangsaliert, dämonisiert und entmenschlicht worden, habe „massive Repression“ und „unglaublich harte Urteile“ erlebt. In dieser Erzählung erscheint die Bundesrepublik wie ein diktatorischer Polizeistaat.
Dass die Proteste dieser Szene maßgeblich von Extremisten organisiert wurden, wird nicht erwähnt. Die offene Verherrlichung von Terrorgruppen, die zahlreichen Gewalttaten, die Angriffe auf Pressevertreter werden großteils verschwiegen. Gewalt wird ausschließlich der Polizei zugeschrieben.
Dafür erhalten Extremisten ein Podium. An diesem Tag ist es Qassem Massri, Mitgründer der Gruppe „Palästina Spricht“. Die Gruppe wird vom Verfassungsschutz beobachtet und als „gesichert extremistische Bestrebung“ eingestuft. Massri sagt Sätze wie: „Israel sollte auf den Leichen der Palästinenserinnen gegründet werden …“. Den Zionismus bezeichnet er als „rassistische, suprematistische, nationalistische Bewegung“, die er bis zum letzten Tag seines Lebens bekämpfen werde.
Es ist ein Abend wie aus einem Paralleluniversum. Palästina müsse von der „deutschen Schuld“ befreit werden, heißt es. Ein Lehrer aus den Niederlanden erzählt, er sei gerade am Holocaust-Mahnmal gewesen und habe eine „israelische Delegation“ beobachtet. Daher wolle er wissen, wie stark die „Israel-Lobby“ in Deutschland sei – und wie diese „gebrochen“ werden könne.
Es gebe „Bedarf an einer offenen, ehrlichen, differenzierten, vielleicht auch schmerzhaften Debatte zum Thema Israel und Palästina“, hatte Kristin Helberg zum Auftakt der Reihe erklärt. Man müsse „möglichst viele verschiedene Menschen zusammenbringen, um überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen“. Doch in dem angeblich offenen Kultur- und Lernort geht es häufig nur um eine israelfeindliche Perspektive.
Es ist eine Bühne für Terror-Apologeten, für Leute, die Gewalt als legitimes Mittel gegen jede Form von Israelsolidarität feiern. Güner Balci, Integrationsbeauftragte von Neukölln
Gegründet wurde die Spore Initiative 2020 als Stiftung. Ihr Geldgeber ist der Unternehmer Hans Schöpflin, Erbe der Versandhausfamilie Schöpflin, die ihr Unternehmen an den Konkurrenten Quelle verkaufte. Schöpflin vermehrte sein Vermögen ab den 1980er Jahren als Risikokapitalgeber in den USA und ist heute Mäzen mehrerer Stiftungen. Seine Tochter Lisl Schöpflin und er sitzen im Stiftungsbeirat der Spore Initiative.
Inwiefern sind die Sympathiebekundungen für Terrorgruppen, die wiederholte Dämonisierung Israels sowie die Verleugnung des Existenzrechts des jüdischen Staates mit den offiziellen Zielen der Initiative vereinbar? Der Tagesspiegel hat Hans Schöpflin angeschrieben und gefragt, ob er zu einem Interview bereit sei. Er ging nicht darauf ein.
Auch die Nachfrage, wann ihm zum ersten Mal von Missständen berichtet wurde und was er als Gründer unternommen habe, um diese Missstände abzustellen, beantwortet Schöpflin nicht.
Ein „Sammelbecken für Judenhass“
Wer allerdings spricht, ist Neuköllns Integrationsbeauftragte Güner Balci. Sie beobachtet das Treiben in der Spore seit langem. Dem Tagesspiegel sagt sie, die Initiative sei ihrer Ansicht nach zu einem „Sammelbecken für Judenhass“ geworden. Was im Gewand vermeintlicher „Israelkritik“ daherkomme, entlarve sich als „Bühne für Terror-Apologeten, für Leute, die Gewalt als legitimes Mittel gegen jede Form von Israelsolidarität feiern.“
Güner Balci spricht von einem „Schlag ins Gesicht all jener Muslime und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die sich mutig und vorbildlich jeder Form von Antisemitismus entgegenstellen“. Zudem handle es sich um eine „Kriegserklärung an alle Palästinenser, die sich nicht mit der mörderischen Hamas-Ideologie gemein machen wollen.“
In der Spore, warnt Neuköllns Integrationsbeauftragte, dockten Inhalte „unverhohlen an wachsenden Judenhass in migrantischen Milieus und extremistischen Szenen an“. Es sei bestürzend zu sehen, dass ein derartiges Projekt im Herzen Neuköllns ausgerechnet von einem Mitglied einer Familie gegründet wurde, deren „Eltern- und Großelterngeneration in der Hitler-Zeit zum gehobenen NS‑Schergenkreis gehörte, der von Vertreibung, Entrechtung und Vernichtung jüdischer Nachbarn massiv profitiert hat“.
Wie stark die Verbindungen aus der radikal israelfeindlichen Szene in die Spore reichen, zeigt auch das Personaltableau. Ein Beispiel ist Esra Gültekin, die Veranstaltungskoordinatorin. Auf der Website der Spore wird sie als „engagierte Fotojournalistin“ gepriesen.
Das kommt nicht von ungefähr: Seit dem 7. Oktober 2023 dokumentiert Gültekin antiisraelische Proteste in Berlin, die sie allerdings ikonografisierend inszeniert. Zu ihren Motiven gehören prominente Akteure der radikal israelfeindlichen Szene und Vermummte, die mit Kufiyas oder rotem Hammer-und-Sichel-Tuch posieren, während ihnen das Licht im Hintergrund eine Art Heiligenschein zu verleihen scheint.
Wiederholt tritt Gültekin auf Instagram als „Collab-Partner“ extremistischer Gruppierungen auf, zum Beispiel von „Young Struggle“. Bei dieser Gruppe handelt es sich laut Verfassungsschutz um eine der „aktivsten extremistischen Akteure in Bezug auf Mobilisierung, Organisation und Teilnahme an propalästinensischen Versammlungen“. Gültekin agierte auch als „Collab-Partner“ der trotzkistischen Gruppierungen „Arbeiterinnenmacht“ sowie „Sozialismus von unten“. Beide konnten bereits Vertreter aufs Spore-Podium schicken.
Bei all dem fällt auf, wie stark in der Spore sprachlich und argumentativ daran gearbeitet wird, antisemitische Vorfälle umzudeuten oder zu relativieren. Bei der Veranstaltung zur „Palästinasolidarität in Deutschland“ erklärt eine Podiumsteilnehmerin, es würde helfen, wenn der Begriff „israelbezogener Antisemitismus“ wieder verschwände. Ein Teilnehmer lehnt den Begriff Antisemitismus an sich ab: Er spreche lieber von antijüdischem Rassismus, denn Antisemitismus sei ein europäisches rassistisches Phänomen und die Palästinenser seien ja selbst Semiten.
Die Moderatorin Kristin Helberg berichtet an diesem Abend, wie sie selbst als Korrespondentin durch die besetzten Gebiete gereist sei und Palästinenser häufig bei Interviews gebeten habe, bestimmte Sätze zu wiederholen, aber dabei auf das Wort Jude zu verzichten. Sie habe nämlich jeweils nachgefragt und erfahren, dass die Interviewten eigentlich gar nicht die Juden an sich, sondern die israelische Armee gemeint hätten. In diesen Fällen habe sie jeweils gefragt: „Können Sie das noch mal sagen?“ So verhinderte Helberg, dass die Übersetzung antisemitisch klang.
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Spore Initiative in der Hermannstraße
Das Kulturhaus der „Spore Initiative“ grenzt direkt an den Anita-Berber-Park.© Tagesspiegel/Lydia Hesse
Vom Anspruch von „Zeit zu reden“, viele Perspektiven wieder miteinander ins Gespräch zu bringen, bleibt wenig übrig, wenn Vertreter extremistischer Positionen die Diskurshoheit haben. In Medien- und Politikwissenschaft wird das Konzept der False Balance diskutiert, also die verzerrende Gleichsetzung extremer und gemäßigter Positionen in öffentlichen Debatten. Für die Spore greift selbst dieser Begriff zu kurz. Denn hier werden extreme Positionen nicht bloß neben andere gestellt, sondern treten oftmals als selbstverständlicher Ausgangspunkt auf. Sie dominieren.
In der Spore darf der BDS-Campaigner Lucas Febraro eine Podiumsdiskussion moderieren und den BDS-Aktivisten Shir Hever zum Erfolg der Kampagne BDS befragen. In der Spore kann Merchandising mit Slogans wie „There is only one solution: Intifada Revolution“ oder „Viva viva Intifada: long live the resistance“ angeboten werden. Auch die israelfeindliche Aktivistin Greta Thunberg war bereits mehrfach zu Gast.
Im Februar 2025 stört sich eine Podiumsteilnehmerin daran, dass Deutsche zwar die aktuelle israelische Regierung kritisieren, aber nicht den Staat. Man unterscheide ja auch nicht zwischen amerikanischem Staat und amerikanischer Regierung. „Damit müssen wir aufhören“, fordert die Teilnehmerin.
Moderatorin Helberg übernimmt: „Und das ist genau das große Problem in Deutschland, wirklich, das ist die knifflige Frage für Deutschland. Weil wir uns mit der Staatsräson wirklich klar aussprechen für das Existenzrecht des Staates Israel als jüdischer und demokratischer Staat. Das ist das große Problem in Deutschland ...“
Landkarten zum Ausmalen – ohne Israel
Auch der Aktivist Salah Said ist in der Spore willkommen. Als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion erklärt er, Israel sei eine „absolute Propagandamaschine“, die die Geschichte verfälscht habe, und betreibe eine seit 76 Jahren andauernde „ethnische Säuberung“. Es gehe ihm nicht nur um die israelische Regierung, sagt Said, sondern um die israelische Gesellschaft – um Menschen, die bis heute sagen: „Ich lebe in Israel, und das ist mein Recht.“ Said sagt dazu: „I’m sorry, it’s not!“ Auch hier brandet Applaus auf.
Neben der polizeibekannten Aktivistin Yasemin Acar zählt Salah Said zu den wichtigsten Köpfen des Netzwerks „PA Allies“, das die radikal israelfeindlichen Proteste der vergangenen Jahre in Berlin wesentlich mitgeprägt hat.
„PA Allies“ durfte in der Spore bereits mehrfach zum „Familienfest für Gaza und seine Kinder“ laden. Das Programm versprach „Spiele und Bastelspaß“ sowie Kinderschminken, doch Aufnahmen auf Social Media zeigen verstörende Details: Auf einem Tisch liegt Werbematerial für eine extremistische Demonstration. Kinder malen Landkarten aus, auf denen es keinen Staat Israel mehr gibt.
Die israelfeindliche Initiative „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ nutzt die Räume der Spore ebenfalls für Veranstaltungen. Die personell recht überschaubare Initiative, die vom deutschen Inlandsnachrichtendienst als gesichert extremistisch eingestuft wird, gibt immer wieder vor, für die gesamte jüdische Community zu sprechen. Und sie verbreitet Positionen, die Gewaltakte relativieren oder politisch legitimieren.
Die linke und Antisemitismus-kritische Monitoringgruppe „Amit“, die das Programm der Spore über längere Zeit beobachtet hat, beschreibt einen massiven Widerspruch zwischen der offiziell propagierten ökologischen Ausrichtung und der antiisraelischen Agenda vieler Veranstaltungen: „Quantitativ steht die notorische Beschäftigung mit Israel dort in deutlichem Missverhältnis zu anderen Themen.“ In diversen Veranstaltungen werde antiisraelischer Terrorismus verherrlicht.
In dem Gebäude fänden „dubiose NGOs mit Verbindungen zur Terrorgruppe PFLP genauso ihren Platz wie Gäste, die den Hamas-Sprecher Abu Obeida auf ihrem T-Shirt präsentieren“, sagt ein Sprecher von Amit. In Lesekreisen könne man sich die theoretischen Grundlagen des Terroristen Bassel al-Araj erarbeiten. Zahlreiche Aufnahmen, die dem Tagesspiegel vorliegen, bestätigen die Angaben. Der Amit-Sprecher sagt: „Indem Radau-Antizionisten regelmäßig in der Spore zu Gast sind, werden ihre radikalen Positionen salonfähig. Man gewöhnt sich daran.“