• #Amo_Collective

    The Amo Collective is a group of students, artists, scholars and members of civil society based at the Institut für Europäische Ethnologie, part of Humboldt-Universität zu Berlin. The collective emerged through the anti-racist and decolonial struggles surrounding the renaming of our street after Afro-German Enlightenment philosopher and anti-racist pioneer of the early 18th century: #Anton_Wilhelm_Amo.

    https://amo-collective.org

    #Berlin #décolonial #anti-racisme #toponymie #toponymie_politique #balade_décoloniale #flânerie_décoloniale #cartographie #cartographie_participative #M-Straße #Allemagne_coloniale #noms_de_rue #Mohrenstraße

    ping @reka @cede @_kg_

    voir aussi :
    Un quartier de #Berlin rebaptise des lieux avec les noms de résistants africains à la #colonisation
    https://seenthis.net/messages/982499

    • #Decolonize_Berlin

      Der Verein Decolonize Berlin e.V. setzt sich für die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart von Kolonialismus und Rassismus, für die Anerkennung und Aufarbeitung von kolonialem Unrecht und für eine gesamtgesellschaftliche Dekolonisierung ein.

      https://decolonize-berlin.de
      #histoire_coloniale #passé_colonial #Allemagne #colonisation #colonialisme #racisme #décolonial

    • Nachbarschaftsinitiative Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Eine dekoloniale Zukunftswerkstatt

      Das Amo Collective Berlin ist aus der Nachbarschaftsinitiative Anton-Wilhelm-Amo Straße (#NAWAS) entstanden und ein Zusammenschluss, der sich Projekten wie dem Decolonial Flânerie und dem Amo Salon widmet. Die NAWAS ist 2020 mit dem offenen Brief „Kein Rassismus vor unserer Haustür!“ entstanden, in dem Personen und Institutionen mit Verbindung zur M-Straße für eine Umbenennung der Straße aufforderten. Auf der Website amo-collective.org gibt es zusätzliche Informationen.

      Die Nachbarschaftsinitiative Anton-Wilhelm-Amo-Straße (NAWAS) wurde im Juli 2020 von über 155 Wissenschaftler*innen und Institutionen gegründet, die in der ehemaligen Mohrenstraße ansässig sind und sich, gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Gruppen, für deren Umbenennung und für ein postkoloniales Umdenken in Berlin einsetzen. Der Anstoß ging vom Institut für Europäische Ethnologie (M_hrenstraße 40/41) und dessen Offenem Brief Kein Rassismus vor unserer Haustür aus. Der Brief traf auf breite Unterstützung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, des Centre for British Studies, des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung, des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sowie diverser Sonderforschungsbereiche und Forschungsgruppen der Humboldt-Universität zu Berlin, allesamt Nachbar*innen der M_hrenstraße, die seither die Nachbarschaftsinitiative bilden.

      Wir freuen uns über einen großen Erfolg: Unserer Forderung nach Umbenennung wurde am 20. August 2020 von der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte zugestimmt. Ab 1.10.2021 soll die Straße amtlich Anton-Wilhelm-Amo-Straße heißen.

      Die Umbenennung ermöglicht nun einen anderen Blick auf die Ge­schichte der brandenburgisch-preußischen Beteiligung am Versklavungshandel, mit dem auch der bisherige Straßenname verflochten ist. Statt mit ungebrochen kolonialer Blickrichtung auf diese Geschichte Bezug zu nehmen, wird mit Anton Wilhelm Amo (geb. um 1700, Todesdatum nicht ge­sichert) an den ersten in Deutschland tätigen Rechtsgelehrten und Philosoph afrikanischer Herkunft erinnert, der selbst im 18. Jahrhundert als versklavtes Kind an den Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel verschleppt wurde, dann eine universitäre Ausbildung absolvieren konnte, eine seiner Disputationen zu der nach wie vor virulenten Frage der „Rechtsstellung Schwarzer Menschen in Europa“ verfasste und sich als Professor von den Universitäten Halle, Wittenberg und Jena aus mit seinem Werk an den Debatten der Aufklärung beteiligte.

      Über die Umbenennung der Straße und des dazugehörigen U-Bahnhofs hinaus soll Anton Wilhelm Amo auch Namensgeber einer postkolonialen Erinnerungs- und Zukunftswerkstatt (Amo-Salon) werden, die von der Nachbarschaftsinitiative im Foyer des Hauses 40/41 geplant wird. Darüber hinaus hat die Initiative ein performatives Format des Dekolonialen Flanierens entwickelt, das im August 2020 Premiere hatte und in verschiedenen Fortsetzungen weitergeführt werden soll. Im Geiste Anton Wilhelm Amos werden dabei verschiedene Stationen seiner Straße aus einer postkolonialen Perspektive neu und mit Blick auf eine gemeinsam zu gestaltende Zukunft der Stadtgesellschaft betrachtet.

      https://nachbarschaftsinitiativeamostrasse.wordpress.com

  • Die Nihilisten – Wikisource
    https://de.wikisource.org/wiki/Die_Nihilisten

    Nihilisme mode d’emploi.

    Die russischen „Idealisten höchsten Rangs“ waren aber zugleich hochgradige Realisten, das muß man ihnen lassen. Das Exekutivkomité verdiente redlich seinen Namen. Das Mißlingen der Attentatsversuche vom Herbste 1879 wurde ihm nur ein Sporn zu neuen Unternehmungen.

    Die zunächst in’s Auge gefaßte und energisch an die Hand genommene war eine großartige. Eine so großartige, daß bei verhältnißmäßig so kleinen Mitteln nur die moderne Wissenschaft eine Möglichkeit der Ausführung gewährte. Der kaiserliche Winterpalast in Petersburg, eins der riesigsten Bauwerke, welche absolute Herrscherwillkür aufgethürmt hat, sollte in die Luft gesprengt werden. Diese Sprengung müßte ja wohl den Zaren mitsprengen. Die Insassenschaft des Schlosses zählte nach Tausenden – (6000?) – aber was hatte das zu sagen? Nichts, oder doch nur, daß diese Tausende immerhin in die Luft gehen mochten, wenn nur Alexander der Zweite mitging.

    Da war seit mehreren Jahren in der russischen Hauptstadt ein Bauerssohn aus dem Gouvernement Wjatka, Stepan Chalturin, Schreiner von Handwerk und als sehr geschickter Lackirer bekannt. Allem nach ein sehr begabter Mensch, frühzeitig in den Nihilismus eingetaucht, dann ein fanatischer Bekenner des terroristischen Zerstörungsdogma’s. In den petersburger Arbeiterkreisen hatte er sich schon seit 1873 als organisatorischer Kopf und ebenso gewandter als muthiger Agitator einen großen Stand gemacht. Die Stiftung und Ausgestaltung eines „nordrussischen Arbeiterbundes“ im Jahre 1878 war vorzugsweise sein Werk. Er hatte sich auch als Zeitungsschreiber versucht und eine Geheimdruckerei angelegt, die aber bald entdeckt und aufgehoben worden war. Dieser Fehlschlag scheint den Lackirer erst so recht fanatisirt zu haben. Er ging hin, im Herbst von 1879, bot dem Exekutivkomité seine Dienste an und legte zugleich einen Plan vor, für den Fall, daß Alexander der Zweite den Minenattentaten von Odessa, Alexandrowsk und Moskau entrinnen sollte, den Winterpalast mit sammt dem heimgekehrten Zaren auffliegen zu machen.

    Chalturin hat dafür gesorgt, daß wir über sein Wesen, Thun und Treiben genau und eingehend unterrichtet seien. Er hat ja schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen, eine Art von Denkwürdigkeiten, betitelt „Prebywanije Chalturina w Simnem Dworcje“ (Chalturins Aufenthalt im Winterpalast).

    Der von ihm vorgeschlagene vielversprechende Plan wurde angenommen, und als der vorausgesetzte Fall eingetroffen, ging Chalturin an’s Werk. Es fiel ihm nicht schwer, im Oktober unter die nicht geringe Anzahl von Arbeitern verschiedener Handwerke aufgenommen zu werden, welche jahraus jahrein im Winterpalast beschäftigt waren und in den Kellergeschossen ihre Werkstätten hatten, sowie ihre Schlafstätten. Der Schreinerwerkstatt zugetheilt und bald um seiner Geschicklichkeit willen bevorzugt, wußte er sich so angenehm zu machen, daß er zur Weihnacht eine Gratifikation von 100 Papierrubeln erhielt und der Palastgendarm, welcher die Aufsicht über die Schreinerwerkstatt hatte, dem liebenswürdigen Lackirer seine Tochter zur Ehe antrug.

    Der scharfsichtige und schlaue Nihilist hatte es bald heraus, daß die Palastpolizei eine sehr lässige und die Unordnung und Korruption der Palastverwaltung gränzenlos sei. Die Dienerschaft veranstaltete für ihre Verwandten und Bekannten Trinkgelage im Schlosse, und auf den Hintertreppen gingen Tag und Nacht Leute aus und ein, welche nicht zu den Insassen gehörten. Alles, was Finger hatte, stahl, und um nicht durch Ehrlichkeit aufzufallen und sich verdächtig zu machen, mußte auch Chalturin ab und zu [47] dies und das „konfisciren“, z. B. Eßwaaren. Den Umstand, daß ihn die ihm aufgetragenen Arbeiten in die verschiedenen Räume des riesigen Gebäudes führten, wußte er so vortrefflich auszunützen, daß er sich eine genaue Kenntniß der Oertlichkeiten, ihrer Lage und ihrer Verhältnisse zu einander verschaffte. So erlickerte er, daß der kaiserliche Speisesaal genau über dem Werkstattkeller der Schreiner lag und daß aufwärts nur eine Räumlichkeit dazwischen sich befand, das Gelaß, welches den Soldaten der jeweiligen Schloßwache zum Aufenthalt angewiesen war.

    Chalturin theilte das Gesammtergebniß seiner Beobachtungen einem Mitgliede des Exekutivkomité mit, Kwiatowski, welcher beauftragt war, die Verbindung mit dem lieben Lackirer zu unterhalten und demselben den nöthigen Vorrath von Sprengstoff zu liefern. Kwiatowski fiel jedoch am 6. December der auf ihn fahndenden Polizei in die Hände, und man fand bei ihm einen sauber gearbeiteten Plan vom Winterpalast, auf welchem der kaiserliche Speisesaal mit einem rothen Kreuz bezeichnet war. Das kam der Sicherheitsbehörde doch sehr bedenklich vor, um so bedenklicher, da der inzwischen nach Petersburg zurückgekehrte Zar sein gewohntes Winterquartier am Admiralitätsplatz bezogen hatte. Es wurde daraufhin wieder einmal ein Anlauf zu strenger Wachsamkeit und gewissenhafter Untersuchung aller fragwürdigen Merkmale und Erscheinungen genommen. Alle im Palast Aus- und Eingehenden unterwarf man beim Kommen und Gehen einer scharfen Visitation – für eine Weile. Plötzliche Besuche und Untersuche, auch nächtliche, fanden in allen Theilen des Schlosses statt, besonders aber in den Kellerräumen, in den Werkstätten und in den Behausungen der Dienerschaft.

    Der kühne Lackirer hat uns den Schrecken geschildert, der auf ihn gefallen, als ihn zum erstenmal die nächtliche Runde aus dem Schlafe aufstörte. Eine ganze Schar von Gendarmen, den Palastoberst an der Spitze, war in den Keller gestürmt, um den Raum und dessen Insassen, die Schreiner, zu visitiren. Schon glaubte Chalturin alles verloren, d. h. seinen großen Sprengplan verrathen und vereitelt. Denn er hatte ja unter dem Kopfkissen seiner Lagerstätte ein Pack Dynamit, welches ihm von Kwiatowski zugesteckt und von ihm nach und nach hereingeschmuggelt worden war. Wurde das entdeckt, so war alles aus.

    Aber es wurde nicht entdeckt. Die Herren Gendarmen machten mit ihren Stimmen, Säbeln und Sporen viel Lärm um nichts, d. h. sie verrichteten ihre Visitationsarbeit sehr obenhin. Unter Chalturins Kopfpolster zu greifen fiel gar keinem ein. Zwar wiederholten sich eine Zeit lang diese lärmenden nächtlichen Besuche, aber sie blieben resultatlos, weil eben gerade da, wo was zu finden war, nicht gesucht wurde. Chalturin athmete auf. Die nächtlichen Ruhestörungen machten ihm keine Sorge mehr, wohl aber machte ihm solche die bedeutend erhöhte Schwierigkeit, noch mehr Sprengstoff hereinzubringen und seinen Vorrath nicht allein vor den Augen der Gendarmen, sondern auch vor denen seiner Mitarbeiter zu verbergen. Als Dynamitlieferant war an die Stelle des verhafteten Kwiatowski’s Andrei Scheljabow vom Executivkomité „delegirt“ worden und mit tausend Listen brachten es die beiden Sprenger so weit, daß Chalturin im Laufe des ersten Monats von 1880 unter seinem Kopfpolster nach und nach 3 Pud (120 Pfund) des gefährlichen Materials ansammeln konnte, ohne auch nur den leisesten Verdacht zu erregen.

    Es belustigte ihn, mit den die Werkstatt visitirenden Gendarmen über den allgemeinen petersburger Gesprächsgegenstand von dazumal, über Nihilisten, Socialisten und Terroristen zu plaudern. „Ja, ja,“ sagte da wohl einer der Säbelträger, „das rothe Kreuz auf dem Palastplan das haben die Schurken nicht für nichts und wieder nichts hingemalt. Es muß wo im Schlosse Verrätherei stecken. Es müßte hübsch sein, so einen Vogel zu fangen.“ Darauf der Lackirer mit geschickt vorgesteckter Schafsmiene: „Aber wie soll man denn so einen Schubjak erkennen? Steht es ihm doch nicht auf der Stirne geschrieben, daß er ein Nihilist.“ Zur Antwort wieder einer der Gendarmen: „Du dummer Muschik, was, du glaubst, wir vermöchten so einen Kerl von Nihilisten nicht zu erkennen? Sofort erkennt man ihn; denn der schaut hoch herab, sieht verzweifelt aus und fürchtet sich vor nichts. Den erkennst du gleich, Bruder. Aber nimm dich vor ihm in acht; denn im Umsehen jagt er dir eine Kugel in den Leib.“

    3.

    Mit Scheljabow, welchen das Exekuktivkomité zum obersten Leiter der ganzen Unternehmung bestellt hatte, pflegte Chalturin am späten Abend auf dem Admiralitätsplatze zusammenzutreffen. Ihr flüchtiges und flüsterndes Gespräch verrieth mitunter, daß die beiden Verschwörer verschiedener Meinung waren. Nicht hinsichtlich des mörderischen Vorhabens, aber inbetreff der Ausführung.

    Scheljabow nämlich vertrat die Ansicht des Exekutivkomité, daß es räthlich, den kaiserlichen Speisesaal, während der Zar mit seiner Familie bei Tische wäre, in die Luft zu sprengen. Dabei würde eben „nur“ die kaiserliche Familie, sowie „etwa noch“ die Soldaten von der Palastwache im Mitteltrakt des Schlosses vernichtet werden, und das „genüge“. Chalturin dagegen bestand darauf, den ganzen Winterpalast zu sprengen. „Denn – meinte er – die Zahl der unschuldigen Opfer wird so wie so groß sein. Darum ist es besser, möglichst viel Dynamit anzuwenden, damit die Leute wenigstens nicht „umsonst“ getödtet werden und damit Er selbst ganz bestimmt mitgesprengt werde, so daß wir dann nicht genöthigt sind, noch weitere Attentate zu vollführen“. Scheljabow jedoch blieb dabei, daß es genüge, den Speisesaal in die Luft zu sprengen, und daß hierzu das bereits angesammelte Sprengmaterial ausreiche. Der Lackirer fügte sich widerwillig und setzte dann seinem Genossen auseinander, daß zur Ermöglichung des Anschlags ein Zusammentreffen günstiger Umstände nöthig sein würde. Die Mittagsmahlzeit der kaiserlichen Familie fand nicht immer genau zur selbigen Zeit statt, sondern unter Umständen eine halbe Stunde früher oder später. Schon dadurch konnte der ganze Mordplan zunichtegemacht werden. Sodann war es unbedingt erforderlich, daß genau zu derselben Zeit, wo der Zar im Speisesaale sich befände, Chalturin allein unbeaufsichtigt in seiner Kellerwerkstatt wäre, um das Letzte „am Werke“ thun zu können.

    Zu diesem Letzten fühlte sich der Lackirer, als der Februar herangekommen, immer mehr gedrängt. Ohnehin krank, wie er war – lungenkrank – vermochte er auf der Mine unter seinem Kopfkissen nicht mehr zu schlafen; denn der vom Nitroglyzerin ausströmende Giftdunst bereitete ihm furchtbare Kopfschmerzen. Den also körperlich Leidenden stachelte die beständige Angst, daß er jeden Augenblick errathen und verrathen werden könnte, in eine Ueberreizung der Nerven hinein, deren Beherrschung eine wunderbare Willenskraft und Verstellungskunst erforderte. Indessen war er sich klar, daß er das alles nicht lange mehr aushalten könnte, und er eilte daher zum Ende. Er that in den seltenen Augenblicken, wo er in der Werkstatt allein und gänzlich unbeobachtet war, die 120 Pfund Dynamit in seinen Koffer und verbarg das vulkanische Zeug so gut wie möglich unter Kleidern und Wäsche. Dann stellte er den Koffer in einen dunklen Winkel zwischen zwei Grundmauern, nachdem er sich vergewissert hatte, daß dieser Winkel gerade unter dem Wachtlokal und folglich auch unter dem kaiserlichen Speisesaal gelegen sei. Hierauf füllte er zwei Leitröhren mit einer eigens hierzu gefertigten Zündmasse und brachte die geschickt an und in dem Mauerwerk versteckten Röhren mit dem Innern seines Koffers in Verbindung. So war diese Koffer-Mine hergestellt, geladen, zündbereit.

    Wenn die Späher und Sbirren der „dritten Abtheilung von Sr. Majestät eigener Kanzlei“ schärfere Augen und feinere Ohren gehabt hätten, als sie hatten, müßte ihnen ein zwar unscheinbares, aber nicht unwichtiges Geschehniß aufgefallen sein, welches eine Reihe von Abenden hindurch auf dem Platze vor dem Winterpalast sich wiederholte. Da begegneten einander regelmäßig zwei Männer, beide im Arbeiteranzug, der eine groß und stattlich, der andere klein und schmächtig. Sie begrüßten einander nicht, blieben auch nicht stehen und ihr ganzer Verkehr beschränkte sich darauf, daß, während sie an einander vorübergingen ohne sich anzusehen, der Schmächtige vor sich hinflüsterte: „War nicht möglich!“ oder auch nur: „Nitschewo!“

    Am Abend vom 5. (17.) Februar 1880 fand diese Begegnung abermals statt. Dem so eben auf dem Platz angelangten Scheljabow kam von der Palastseite her Chalturin eilends entgegen. „Gotowo!“ keuchte er athemlos. Kaum war dieses „Fertig!“ gesprochen und vernommen, als die Bestätigung des Wortes erfolgte in Gestalt einer furchtbaren Donnerung, die vom Palast herkam, allwo im selbigen Augenblick alle Lichter erloschen.

    Die von Chalturin entzündete Lunte hatte die Mine erreicht. Sie war ausgeborsten. Aber hatte der Schlag getroffen?

    [48] Die beiden Attentäter starrten, eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, umsonst nach dem Schlosse hin, in welchem und um welches her ein gränzenloser Wirrwarr sich erhob. Sie sahen nur noch todte und verwundete Gardesoldaten aus dem Thore tragen. Dann wagten sie nicht, länger zu bleiben, sondern eilten davon, um ihren gewohnten Unterschlupf aufzusuchen.

    Getroffen hatte der Schlag wohl, nur nicht den, welchem er gegolten. Chalturin hatte mit diabolischer Kaltblütigkeit den Moment berechnet, wo der Zar mit seiner Familie in den Speisesaal getreten sein würde, um sich zur Tafel zu setzen. Er hatte die Zeit bis auf die Minute hin zu erspähen gewußt. Als die Minute gekommen und er in der Werkstatt allein war, that er den zündenden Funken an die Leitröhre zur Mine und entwich, so schnell er konnte, aus dem Palast. Aber die Rechnung hatte einen Fehler: es war in dieselbe eine Ziffer, welche Zufall hieß, nicht eingestellt worden. Ein fürstlicher Gast, den die kaiserliche Familie zur Tafel erwartete, hatte sich eine Verspätung zu schulden kommen lassen. Demzufolge begab sich Alexander der Zweite etwas später als gewöhnlich auf den Weg zum Speisesaal und das rettete ihn, seine Familie und sein Gefolge. Denn bevor der Zar in die Nähe des bedrohten Raumes gekommen, barst Chalturins Mine los, schlug mit furchtbarer Gewalt aufwärts, zertrümmerte Mauern, Böden und Decken, tödtete 10 und verwundete 53 Soldaten vom finnländischen Garderegiment in dem Wachtlokal und trieb ihre verheerende Wirkung bis hinauf in den kaiserlichen Speisesaal.

    Derweil die Insassen des Schlosses von Entsetzen betroffen waren, erwachte der mörderische Sprenger, welcher ohne die geringste Gewissensregung das Leben von Hunderten auf’s Spiel gesetzt hatte, aus einer Ohnmacht, in welche er, kaum in der Nihilistenherberge angelangt, gefallen war. Seine ersten Worte lauteten. „Ist Er hin?“ Man wußte ihm keine Auskunft zu geben. Denn erst im Verlaufe vom 6. Februar erfuhren die Verschwörer, daß Alexander der Zweite ganz unverletzt der fürchterlichen Gefahr entgangen sei. Der Lackirer brach darob in Wuth aus und überhäufte Scheljabow und alle vom Exekutivkomité mit wilden Vorwürfen, daß sie seinen Plan, den ganzen Winterpalast zu sprengen, nicht angenommen und durch Nichtlieferung einer ausreichenden Menge Dynamits vereitelt hätten. „Ich schwör’ euch“ – schloß er seine Zorn- und Scheltrede – „daß ich nicht ruhen werde, bis Er hin!“ Dieser Schwur ist ein Jahr später zwar nicht von dem Schwörer selbst, aber von anderen grässlich eingelöst worden.

    Chalturin vermochte ungefährdet Petersburg zu verlassen. Er trieb sich dann in Moskau, Kiew und Odessa herum, immer mordlustig und mordbereit. Im Jahre 1882 ereilte ihn das wohlverdiente Schicksal. Als er am 18. (30.) März seinem Genossen Schelwakow bei der Ermordung des Staatsanwalts Strelnikow in Odessa geholfen, wurde er noch an demselben Tage verhaftet. Am 22. März sind Schelwakow und Chalturin aufgegalgt worden, wie recht und ziemlich. Erst hernach wurde in Erfahrung gebracht und amtlich festgestellt, daß der in Odessa gehenkte Chalturin der Lackirer, Minenleger und Zünder vom Winterpalast gewesen sei.

    #histoire #nihilisme #attentat

  • List of United States presidential assassination attempts and plots
    https://en.m.wikipedia.org/wiki/List_of_United_States_presidential_assassination_attempts_and_plots

    Après tout il y en a moins que je pensais.

    Presidents assassinated
    Abraham Lincoln
    James A. Garfield
    William McKinley
    John F. Kennedy

    Presidents wounded
    Theodore Roosevelt
    Ronald Reagan
    Donald Trump

    A propos de l’attentat de John Warnock Hinckley, Jr. contre R.R.

    Hinckley was immediately arrested, and later said he had wanted to kill Reagan to impress actress Jodie Foster.

    Taxi Driver a fait des émules.

    Nos amis américains sont fascinés par les attentats.

    How many Roman Emperors were Assassinated
    https://rome.us/roman-emperors/how-many-roman-emperors-were-assassinated.html

    Il y a eu 36 empereurs assassinés en 439 ans à Rome contre seulement 4 présidents en 98 ans aux USA, 8 contre 4 en cent ans. Si on prend la fréquence des attentats réussis comme indice pour la stabilité de l’état on peut conclure que la fin de l’empire états-unien n’est pas aussi proche comme certains aimeraient bien ;-)

    Emperor, Year of Death, Duration on the Throne, Age at Death, Type of Assassination, Succeeded by
    Emperor

    Gaius (Caligula) 41 AD 4 years 28 Assassinated Claudius
    Claudius 54 AD 13 years 63 Likely poisoned Nero
    Galba 69 AD <1 year 70 Assassinated Otho
    Vitellius 69 AD <1 year 54 Executed Vespasian
    Domitian 96 AD 15 years 44 Assassinated Nerva
    Commodus 192 AD 15 years 31 Assassinated Pertinax
    Pertinax 193 AD 86 days 66 Assassinated Didius Julianus
    Didius Julianus 193 AD 66 days 61 Assassinated Septimius Severus
    Geta 211 AD 3 years 22 Assassinated by Caracalla -
    Caracalla 217 AD 19 years 29 Assassinated Macrinus
    Macrinus 218 AD 1 year 55 Executed Elagabalus
    Elagabalus 222 AD 4 years 18 Assassinated Alexander Severus
    Alexander Severus 235 AD 13 years 26 Assassinated Maximinus Thrax
    Maximinus Thrax 238 AD 3 years 65 Assassinated Gordian I & II
    Pupienus and Balbinus 238 AD <1 year 70 and 60 Joint rule Gordian III
    Gordian III 244 AD 6 years 19 Murdered Philip the Arab
    Gallienus 268 AD 15 years 50 Assassinated Claudius Gothicus
    Aurelian 275 AD 5 years 60 Assassinated Tacitus
    Tacitus 276 AD 1 year 75 Likely assassinated Florianus
    Florianus 276 AD <1 year uncertain Assassinated Probus
    Probus 282 AD 6 years 38 Assassinated Carus
    Carinus 285 AD 2 years 29 Assassinated Diocletian
    Numerianus 284 AD 1 year uncertain Likely assassinated -
    Licinius 324 AD 16 years 60 Executed -
    Severus II 307 AD <1 year uncertain Likely assassinated -
    Constans I 350 AD 13 years 27 Assassinated -
    Gratian 383 AD 16 years 24 Assassinated Magnus Maximus
    Valentinian II 392 AD 17 years 21 Likely assassinated -
    Eugenius 394 AD 2 years uncertain Executed Theodosius I
    John the Illicit 425 AD 2 years uncertain Executed Theodosius II
    Valentinian III 455 AD 30 years 35 Assassinated Petronius Maximus
    Petronius Maximus 455 AD <1 year 57 Stoned by mob Avitus
    Avitus 456 AD 1 year uncertain Likely forced suicide Maiorianus
    Maiorianus 461 AD 4 years 44 Beheaded Libius Severus
    Anthemius 472 AD 5 years 56 Beheaded Olybrius
    Nepos 480 AD 5 years uncertain Assassinated Romulus Augustulus

    Catégorie:Empereur romain assassiné
    https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Cat%C3%A9gorie:Empereur_romain_assassin%C3%A9

    Après il n’y a eu plus que Romulus Augustulus qui n’a pas été assassiné.
    https://en.m.wikipedia.org/wiki/Romulus_Augustulus

    Romulus Augustus (c. 465 – after 511[b]), nicknamed Augustulus, was Roman emperor of the West from 31 October 475 until 4 September 476. Romulus was placed on the imperial throne while still a minor by his father Orestes, the magister militum, for whom he served as little more than a figurehead. After a rule of ten months, the barbarian general Odoacer defeated and killed Orestes and deposed Romulus. As Odoacer did not proclaim any successor, Romulus is typically regarded as the last Western Roman emperor, his deposition marking the end of the Western Roman Empire as a political entity. The deposition of Romulus Augustulus is also sometimes used by historians to mark the transition from antiquity to the medieval period.

    #USA #président #politique #histoire #assassinat

  • Une brève histoire du solaire photovoltaïque
    https://www.piecesetmaindoeuvre.com/necrotechnologies/une-breve-histoire-du-solaire-photovoltaique

    Le festival Festalure nous avait invités à parler le 21 juillet 2024, dans le cadre de l’opposition aux centrales photovoltaïques qui saccagent la montagne de Lure, dans les Alpes-de-Haute-Provence. Notre causerie, intitulée « Le soleil en face », du nom du livre publié en 2012, suivait entre autres celles de Nicolas Casaux, animateur du site Le Partage, de Lamya Essemlali pour l’ONG Sea Shepherd, et précédait un concert de Jeanne Cherhal. Le 5 juillet, nous apprenons l’annulation du (…) #Nécrotechnologies

    https://www.piecesetmaindoeuvre.com/IMG/pdf/une_bre_ve_histoire_du_solaire_photovoltai_que.pdf

  • Épisode 1/2 : #17_août_1893, le massacre des Italiens

    Dans les rues d’#Aigues-Mortes, une #histoire restée muette ou presque, jusqu’à la fin des années 1970 reprend corps.

    À Aigues-Mortes, dans les marais salants qui entourent l’ancien port royal, des centaines d’ouvriers se côtoient en cette fin de XIXe siècle pour la récolte du #sel. La #Compagnie_des_Salins_du_Midi doit embaucher plus de mille #saisonniers pour ce #travail de forçat : le battage du sel, qui consiste à enlever à la pioche la croûte saline asséchée des marais et à la disposer en tas, et le levage, le transport du sel à l’aide de brouettes jusqu’aux lieux de stockage.

    Coup de feu du sel : le levage est rémunéré collectivement par équipe, au rendement, et une nombreuse main-d’œuvre piémontaise participe traditionnellement à cette opération. En cette période de crise, les saisonniers, trimards et Ardéchois, ont également afflué en masse des régions limitrophes, espérant se faire embaucher. Tous ne le seront pas. La #colère enfle et dégénère suite à une #rixe entre ouvriers, embrasant la ville entière. C’est une véritable battue à mort des Italiens qui se produit alors, faisant 8 victimes, plusieurs dizaines de blessés et des disparus. L’Armée ayant tardé à intervenir, l’#émeute durera deux longues journées...

    https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/une-histoire-particuliere-un-recit-documentaire-en-deux-parties/17-aout-1893-le-massacre-des-italiens-2683413

    #audio #podcast #migrants_italiens #migrations #massacre #salines #travailleurs_étrangers #italiens

  • „Stadt der Kolonien“

    „Stadt der Kolonien“ wirft ein Schlaglicht auf die deutsche Kolonialgeschichte. In 50 kurzen Episoden stellt das Buch die (post-) koloniale Geschichte Bremens dar – von den Anfängen bis heute.

    Von Kaufleuten, Tropenhelmen und kolonialen Spuren

    Warum steht in Bremen ein großer steinerner Elefant? Warum nannte sich Bremen »Stadt der Kolonien«? Was haben Kaffee, Baumwolle und Tabak mit der Hansestadt zu tun? Und warum liegen Objekte der Maasai im Übersee-Museum?

    Mit diesen und weiteren Fragen zu den Verflechtungen Bremens und Bremerhavens mit dem europäischen Kolonialismus beschäftigt sich das vorliegende Buch. Als Handelsstadt profitierte Bremen früh vom Kolonialengagement anderer europäischer Länder und wurde selbst zum Wegbereiter des deutschen Kolonialreichs. Seit den 1970er Jahren setzt sich die Stadt kritisch mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinander.

    In diesem Buch stellen Wissenschaftler, Aktivistinnen und Museumsexperten zentrale Orte, Personen, Ereignisse und Institutionen dieser Entwicklung vor. Es wirft damit ein Schlaglicht auf die deutsche koloniale und postkoloniale Geschichte und zeigt, wie allgegenwärtig die Spuren des Kolonialismus sind.

    #livre #Brême #Allemagne #colonialisme #colonisation #villes #histoire_coloniale #héritage #Bremerhavens #Maasai #Allemagne_coloniale #colonialisme_allemand
    ping @reka

  • Wilfrid Israel rettete Zehntausende jüdische Kinder: Warum gibt es in Berlin keinen Gedenkort?
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/wilfrid-israel-rettete-tausende-juedische-kinder-warum-gibt-es-in-b

    11.7.2024 von Michael Thomas Röblitz - Heute vor 125 Jahren wurde der jüdische Pazifist und Unternehmer geboren. In Berlin fehlt bislang ein würdiger Gedenkort. Doch unser Autor hat schon Ideen.

    Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

    Dem Berliner Unternehmer Wilfrid Israel gelang es, alle 500 jüdischen Mitarbeiter seines Unternehmens und deren engste Angehörige vor der NS-Rassenpolitik zu retten. In seiner Heimatstadt Berlin ist er weitestgehend unbekannt. Höchste Zeit, ihn dem Vergessen zu entreißen!

    Vor 125 Jahren, am 11. Juli 1899, wurde Wilfrid Israel in London geboren. Als Spross einer Berliner Kaufhausfamilie (Kaufhaus N. Israel, Spandauer Straße) wuchs er in behüteten, jedoch nicht problemlosen Verhältnissen auf.

    Als überzeugter Pazifist pflegte er den Kontakt zu Albert Einstein und Maximilian Harden. Als er den Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg verweigern wollte, verhinderten seine Eltern die Einberufung mit einem ärztlichen Attest. Zum Ende dieses Kriegs herrschte auch in Berlin eine große Hungersnot, und der gerade 20-jährige Wilfrid organisierte mit der Pädagogin und Friedensaktivistin Elisabeth Rotten die Quäkerspeisung für die Berliner Jugend.

    Gern wäre er Künstler, vielleicht Bildhauer geworden, aber er musste 1921 ins Geschäft seines Vaters Berthold eintreten. Statt einer Universitätsausbildung absolvierte er eine Lehre im Kaufhaus.

    Eine Weltreise mit den Empfehlungsschreiben des Vaters an potenzielle Geschäftspartner sollte ihm geschäftliche Kontakte erschließen. Allerdings interessierten ihn vor allem die sozialistisch-jüdischen Experimente in Russland und Palästina, die asiatische Kunst und Mahatma Gandhi.

    Dennoch fügte er sich den familiären Erwartungen. 1926 wurde er von seinem Vater Berthold zum Personalchef gemacht. In dieser Funktion führte Wilfrid Israel Personalgespräche; nun fand der junge Liftboy genauso viel Gehör wie der langjährige Abteilungsleiter. Ein Betriebspsychologe musste eingestellt werden, um auf die Unzufriedenheit langjähriger Mitarbeiter einzugehen, die nicht verstehen konnten, warum sie gegenüber den jüngeren nicht mehr privilegiert werden sollten.

    Bereits früher gab es im Unternehmen vielfältige soziale Einrichtungen, aber nun gründete die Firma Israel noch eine private Handelsschule, an der die Absolventen alle Herstellungsschritte der verkauften Ware erlernten. Diese ganzheitliche Ausbildung in Weberei, Stoffdruck, Schneiderei und zum Kaufmann war einzigartig in Deutschland.

    Zugleich blieb Wilfrid Israel Pazifist und Kunstmäzen. Mit großzügigen Spenden unterstützte er sowohl das Anti-Kriegs-Museum seines Freundes Ernst Friedrich als auch das polnisch-russische Reisetheater Habima. Ersteres zeigte vor allem das Elend des Kriegs. Aus Letzterem wurde – wer konnte das ahnen? – später das israelische Nationaltheater Habimah.
    „Visa-Nothilfe“ unter strengster Geheimhaltung

    Zum Beginn der 1930er-Jahre wurden die antisemitischen Anfeindungen immer bedrohlicher. 1933 gründete Wilfrid Israel jüdische Hilfsorganisationen und arbeitete auch für selbige. Mithilfe des englischen Geheimdienstoffiziers Frank Foley besorgte er Visa für die Ausreise jüdischer Berliner. Das Kaufhaus hatte etwa 2000 Mitarbeiter, davon 500 jüdische. Bis auf eine Verkäuferin, die mit einem „Arier“ verheiratet war (dem ein Exil in Schweden lieber gewesen wäre), konnte er so allen jüdischen Mitarbeitern helfen. Im Übrigen bekamen sie alle für den Neustart in England auch zwei Jahresgehälter.

    Da etwa 20 bis 30 Prozent der Mitarbeiter in einer Nationalsozialistischen Betriebszelle organisiert waren, musste die „Visa-Nothilfe“ unter strengster Geheimhaltung stattfinden. Natürlich erzählten die Betroffenen aber Freunden und Familienangehörigen davon. So erreichten Wilfrid Israel ständig Anfragen zu Visa, aber er musste sich der absoluten Verschwiegenheit sicher sein, um helfen zu können.

    Geheimnisse gab es auch in seinem Privatleben. Sein Onkel Hermann hatte sich 1905, als Wilfrid fünf Jahre alt war, das Leben genommen, um einer Erpressung wegen des Paragrafen 175 zu entkommen. Niemand in der Familie sprach darüber. Befreundet mit Christopher Isherwood (einem britischen Schriftsteller, der von 1929 bis 1933 in Berlin lebte und das homosexuelle Leben dort schilderte) war auch Wilfrid auf Diskretion bedacht. Für den Schriftsteller war diese Haltung unverständlich. So fand Wilfrid Israel als etwas blasierter Lebemann Eingang in dessen Roman „Goodbye to Berlin“ in der Rolle des Kaufhausbesitzers Bernhard Landauer. In Anlehnung an dieses Buch entstand übrigens der Film „Cabaret“ mit Liza Minelli und Joel Grey aus dem Jahr 1972.

    Im Verlauf des Jahres 1938 musste Israel sein Kaufhaus an ein „arisches“ Unternehmen veräußern. Er verkaufte an die Emil Köster AG, ein Unternehmen im Besitz einer amerikanischen Holding, hinter der sich Jakob Michael, ein 1931 bereits nach Amerika ausgewanderter jüdischer Berliner, verbarg, was den deutschen Stellen nicht bekannt war.

    Wilfrid Israel siedelte endgültig, kurz vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen, im Sommer 1939 nach London um. Bereits aus Berlin hatte er den britischen Geheimdienst mit Informationen über die Situation der Juden in Deutschland versorgt und auf die Aufnahme von Zehntausenden Flüchtlingen gedrängt, war aber auf Ablehnung gestoßen.

    Berater der britischen Regierung

    Von London aus arbeitete Wilfrid nun als Berater britischer Regierungsstellen und war das unsichtbare Bindeglied zu jüdischen Organisationen. Sein ganzes Streben galt nun der Rettung deutscher Juden, und als dies nicht glückte, traf er mit den Quäkern und britischen Juden Vorbereitungen für die Verschickung jüdischer Kinder zu englischen Pflegeeltern. So war er an der Rettung Zehntausender jüdischer Kinder nach England maßgeblich beteiligt.

    1943 erhielt er von der Jewish Agency in London den Auftrag, sich von Lissabon aus um die Situation der in Portugal und Spanien gestrandeten Juden zu kümmern. Er konnte 750 Visa verteilen, deren neue Besitzer im Februar 1944 endlich mit dem Dampfer „Nyassa“ Haifa erreichten.

    Auf dem Rückflug von Lissabon Richtung England saß Wilfrid Israel im Flieger einer britischen Fluggesellschaft. Der Flug endete am 1. Juni 1943 tödlich über der atlantischen Bucht Biskaya, die Maschine wurde abgeschossen von Jägern der Deutschen Luftwaffe. Zu den Passagieren gehörte auch der englische Schauspieler Leslie Howard, der neben vielen Anti-Nazi-Filmen auch eine der Hauptrollen in „Vom Winde verweht“ spielte.

    Seine umfangreiche Ostasiatische Kunstsammlung vermachte Wilfrid Israel dem kleinen Kibbuz Hasorea. Seine Familie suchte nach dem Krieg den Chefkassierer des Kaufhauses N. Israel, um den zurückgebliebenen („arischen“) Mitarbeitern die Betriebsrenten überweisen zu können. Das Kaufhaus der Familie Israel war bereits 1943 vollständig den Bomben zum Opfer gefallen.

    In Berlin erinnert skandalöser Weise kaum etwas an Wilfrid Israel. Wäre es nicht wunderbar, wenn man seine Biografie (wer möchte sie verlegen?) auf einer Bank auf einem (noch zu findenden) Wilfrid-Israel-Platz lesen könnte? Wie wäre es zum Beispiel mit dem Marx-Engels-Forum, direkt gegenüber seinem Kaufhaus? Auf einer Gedenktafel könnte man seinen Freund Albert Einstein zitieren: „Noch nie in meinem Leben bin ich mit einem so edlen, so starken oder selbstlosen Wesen wie Wilfrid Israel in Berührung gekommen.“

    Michael Thomas Röblitz ist Amateur-Historiker und Stadtführer. Er wurde 1957 in Berlin-Tempelhof geboren.

    #Berlin #histoire #commerce #shoa

  • Robotron: Wie ein Ostdeutscher den DDR-Spitzenbetrieb vor der Treuhand rettete
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/ddr-spitzenbetrieb-rolf-heinemann-wie-ein-ostdeutscher-die-marke-ro

    7.7.2024 von Maritta Adam-Tkalec - Rolf Heinemann machte seine Softwarefirma trotz Treuhand-Schikanen zum Spitzenkonzern. Er berichtet von Arroganz, Dummheit und tollen Partnern.

    Einer aus dem Osten sprach im März 1990 auf der Computermesse Cebit in Hannover bei den wichtigsten Datenbankanbietern jener Zeit wegen einer möglichen Zusammenarbeit vor. Der mit einer Arbeit über Datenbanktechnik promovierte Maschinenbauingenieur Rolf Heinemann leitete seit der Gründung des Kombinats Robotron diese Entwicklungsrichtung. Das Kombinat Robotron beschäftigte zuletzt 68.000 Menschen, darunter auch Spitzenforscher und Tüftler auf dem Gebiet der Softwareentwicklung.

    Heinemann hatte eigene Datenbanklösungen für Unternehmen zu bieten – die heißeste Ware des in Schwung gekommenen Computerzeitalters. Siemens-Nixdorf, Sybase, IBM etc. winkten ab. Sie hielten den Mann aus Dresden für nicht kompatibel mit ihren gehobenen Westansprüchen. Software aus dem Osten? Brauchen wir nicht, bekam er zu hören – und reichlich Überheblichkeit zu spüren.

    „Robotron ist jetzt wieder ein Kombinat; man nennt das heute Konzern“

    „Die Leute an den Ständen hatten keine Ahnung – aber davon sehr viel“, spottet er heute, aber die waren „eben bloß Verkäufer“. „Siemens hielt mich für doof; die Datenbankanbieter auf der Messe hielten sich für die Größten und sagten: ‚Ihr da drüben wisst doch nicht, was eine Datenbank ist.‘ Aber ich wusste, was die konnten und was nicht“, erinnert sich Heinemann im Gespräch und sagt: „Was die konnten, konnten wir schon lange.“

    Bloß gut, dass er Besseres zu tun hatte, als sich zu ärgern. Heute trifft man Heinemann im Büro seiner Firma Robotron Datenbank-Software GmbH (RDS) auf einem weitläufigen Betriebsgelände am Rand Dresdens – mehr als 600 Mitarbeiter, 70 Millionen Euro Jahresumsatz, Tochterfirmen unter anderem in der Schweiz, Tschechien und in Neuseeland. „Dort wachsen wir am schnellsten“, sagt er, und das klingt, als staune der erfolgreiche Unternehmensgründer selbst darüber. „Der Doofe“ sagt: „Robotron ist jetzt wieder ein Kombinat; man nennt das heute Konzern.“


    Rolf Heinemann, mehrfacher DDR-Meister im Orientierungslauf, bildete auch sportlich ein Team mit seiner Frau Ulrike, ebenso DDR-Meisterin. Hier beide im Trainingsanzug der DDR-Nationalmannschaft. Rolf Heinemann

    Rolf Heinemann ist 1937 in Schönebeck bei Magdeburg geboren, also 87 Jahre alt. Er kommt nicht mehr so oft ins Büro wie früher, mischt aber weiter mit. Die Geschäfte führen seine beiden Söhne. Braun gebrannt, im bequemen hellen Anzug beantwortet er am Nachmittag Fragen in seinem schlichten Büro, und am Abend sitzt er noch genauso frisch und voller Spannkraft in einem Saal gleich neben der Kreuzkirche und stellt sein Buch vor: „Eine Lebensgeschichte zwischen Sport und Robotron“.

    Der Sport steht im Titel nicht zufällig an erster Stelle: Heinemann hat alle möglichen Sportarten betrieben, aber als Orientierungsläufer wurde er mehrfach DDR-Meister (so wie übrigens auch seine Frau Ulrike), saß in nationalen wie internationalen Sportgremien und kümmert sich bis heute um den Sport im heimatlichen Bereich. Ohne ihn stünde die Biathlon-Anlage in Zinnwald (Robotron-Arena) längst nicht so schmuck da.

    „Ohne den Sport wäre auch aus allem anderen nichts geworden“, sagt er und meint nicht nur Kraft, Ausdauer, Gesundheit oder die besonderen Fähigkeiten für den Orientierungslauf wie schnelles Zurechtfinden in unübersichtlichem Gelände. Letzteres beherrschte er offenkundig meisterlich. Unschätzbar wertvoll waren ihm die Kontakte und engen, dauerhaften Freundschaften im In- und Ausland. Man könnte sagen, der Mann lebte mit enormen Mengen von Vitamin B – Beziehungen.

    So kam es, dass er vor 1990 das gegen die DDR verhängte Hightech-Embargo brach: Er betrieb ein von seinen schwedischen Sportfreunden eingeschmuggeltes Kopiergerät im Schlafzimmer, ohne dass die Stasi es bemerkte; auf ähnliche Weise kam 1984 ein Apple-Rechner ins Haus, an dem Sohn Ulf Wettkampfprogramme für den Orientierungslauf entwickelte (und sich für die Informatik begeisterte). Und 1985 ließ er Volkseigentum wandern: vom Stand der Leipziger Frühjahrsmesse wechselte ein dort als Messemuster genutzter Rechner PC1715 erst in den Heinemann’schen Trabi, dann zu seinen Kollegen in Dresden.

    Als Heinemann im März 1990 zur Cebit reiste, war er 53 Jahre alt, ohne Westgeld, aber mit intaktem Selbstbewusstsein, einer eigenen Datenbank-Software und der Gewissheit, dass diesem Bereich die Zukunft gehörte. DDR-Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski hatte den Robotron-Infodienst stets mit einschlägiger Fachliteratur aus aller Welt versorgt und Heinemann war sicher: „Wir können das. Wir hatten zwar im Hardwarebereich fünf bis sechs Jahre Rückstand, aber was Datenverarbeitung betraf, waren wir auf dem neuesten Stand.“


    Mit der amerikanischen Firma Oracle hatte Rolf Heinemann über die Jahrzehnte einen verlässlichen Partner, der Robotron-Chef besuchte den Firmensitz mehrfach. Rolf Heinemann

    Bei Robotron arbeiteten sie bereits mit einer angepassten Variante des Datenverarbeitungssystems von Oracle, einem der großen Anbieter aus den USA, und diesen, seinen eigentlichen Favoriten, hatte er sich fürs Ende des Cebit-Parcours durch die Welt der Besserwisser aufgehoben. Und siehe da: Die Oracle-Leute wurden sofort hellhörig. Man kam ins Gespräch, fand einander sympathisch. Der erste Schritt war getan für Rolf Heinemanns Plan: eine eigene Firma gründen, sich selbstständig machen, statt in die Fänge der Treuhand zu geraten. Zu diesem Zeitpunkt, im März 1990, waren weder Wirtschafts- und Währungsunion noch die deutsche Einheit vollzogen.

    Anders als die meisten wartete er nicht in Angststarre ab. Er beschaffte sich das Handbuch „Wie gründe ich eine GmbH“. Das verriet ihm allerdings nicht, was er bald mit der famosen Treuhandanstalt erleben würde. Unfassbare Geschichten, wie sie einem im Osten landauf, landab, sei es traurig oder wütend, erzählt werden. So wie dieser Tage in einer Gaststube in der Rhön, wo ein alter Bergmann bei Bierchen und Boonekamp über das Schicksal seines Kalibergwerks Merkers sprach: „Alles hamse dichtgemacht, alles. Nichts ist geblieben hier.“

    Zuerst brauchte Rolf Heinemann Stammkapital für die GmbH, 65.000 Mark. Er setzte alles ein, was nach dem Umtausch in Westmark privat möglich war, und fand Gesellschafter, die, statt umgehend ein Westauto zu kaufen, ihr frisch Umgetauschtes in das Wagnis steckten. Am 23. August 1990 wurde die RDS gegründet. Wie alle Ausgründungen hatte auch diese von der alten Kombinatsleitung die Genehmigung erhalten, den Namen Robotron weiter zu verwenden. Doch man versteckte ihn im Kürzel. „Er kam uns anfangs zu ostlastig vor“, heißt es in Heinemanns Buch.

    Der Softwarebetrieb des Kombinates selbst stand inzwischen – ebenfalls in eine GmbH umgewandelt – unter Treuhandverwaltung. Sein alter, noch amtierender Chef gewährte ihm aus der gut gefüllten Robotron-Kasse 32.000 DM Kredit. Die neue Firma RDS schrieb von Anfang an schwarze Zahlen und bald sollte es sich als sehr, sehr schlau herausstellen, den Kredit mit den ersten Einnahmen ohne Verzug, schon im Oktober 1991, zurückzuzahlen und somit die Treuhand, die infolge des Kredits RDS-Anteile hielt, wieder aus den Büchern zu entfernen.

    Ein gewisser Herr Adenauer tauchte auf

    Denn bald darauf vergab die Treuhand den Rest des verbliebenen Softwarebereiches zu sehr, sehr günstigen Konditionen an einen Herrn namens Peter C. Adenauer, Großneffe des ehemaligen Bundeskanzlers, und, wie man damals munkelte, gut bekannt mit Treuhandchefin Birgit Breuel. Dieser Adenauer tauchte alsbald bei Heinemann auf und verlangte mehr Geld für die längst zurückgezahlten Anteile, der Wert der Firma sei ja inzwischen gestiegen. Heinemann klärte ihn auf: „Das Geschäft ist abgeschlossen.“ Keine Chance.

    Adenauer gönnte sich ein fürstliches Gehalt, einen sehr großen Wagen und führte das einst stolze Unternehmen für Softwareentwicklung des Kombinates Robotron bald in die Pleite. „Der Mann hatte keine Ahnung, aber Ansprüche“, so erklärt Heinemann dessen Versagen: „Auf Oststühlen wollte er nicht sitzen und nicht mit tschechischen Koh-i-noor-Bleistiften schreiben.“ Adenauer schaffte sofort Westzeug an, ließ das DDR-Inventar auf den Müll werfen – und von dort holte es Heinemanns Ehefrau Ulrike, um die eigenen Büros noch für lange Zeit auszustaffieren: Möbel, Druckerpapier, Radiergummis und Bleistifte en masse. „Mit Bleistiften von damals schreiben wir heute noch“, sagt der Firmenchef.

    Als er eine Immobilie für den Firmensitz suchte, glaubte er, aus dem Treuhandfundus mit den vielen aus volkseigenen Beständen übernommenen Gebäuden eines erwerben zu können: Er durfte sich bewerben, doch ein Käufer aus dem alten Bundesgebiet wurde bevorzugt. Mit dem Übernahmevertrag hatte der auch die Verpflichtung unterschrieben, Arbeitsplätze zu erhalten. Bald bekam Heinemann einen Anruf von der Treuhand: Der Käufer wisse nichts mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzufangen – ob nicht er hundert übernehmen könne? Im Gegenzug könne er die Immobilie günstig mieten.

    „So ging das mit der Treuhand“, resümiert Heinemann. Die Selbstständigkeit habe verhindert, dass ihm und seinen Mitstreitern geschah, was die DDR-Restmasse erleben musste: „Die von der Treuhand verteilten Betriebe wurden von den neuen Eigentümern erst abgeschöpft, dann plattgemacht. Das war ein zielgerichtetes Treiben.“ Viele im Osten hätten den Absturz nicht verwunden. Bis heute werde Respekt und Anerkennung versagt.

    Hasso Plattner war mehrfach da

    Besonders skurril empfand er die von der Bundesregierung bezahlten „Berater“, Herren mit Lederköfferchen, meist aus der Gegend um Düsseldorf. Die hat er besonders gerne abserviert. Wenn Hasso Plattner, Chef der großen Konkurrenz von SAP, daherkam, um Leute abzuwerben („Der war mehrfach da!“), herrschte bei Heinemann Alarm.

    Die eindrucksvolle Robotron-Story ist ohne Rolf Heinemann nicht denkbar – er verband Bodenständigkeit mit Weltläufigkeit, Qualifikation mit Bescheidenheit, klar definierte Werte und Prinzipien mit gutem Blick für den richtigen Moment einer Entscheidung. Er hatte und hat ein Team, das sich immer wieder als Glücksfall erwies. Die ganze Familie war beteiligt, am Sport wie am Unternehmen. Die beiden Söhne haben das operative Geschäft inzwischen übernommen. Auf seine fairen amerikanischen Partner von Oracle lässt er nichts kommen.

    Sie waren es auch, die ihm die Augen für den Wert des Namens Robotron öffneten. Mitte der 1990er fragte Heinemann bei der Treuhand an, ob er nicht die Rechte erwerben könne. Die unwirsche Antwort: Der Name sei nicht verkäuflich, und er könne das sowieso nicht bezahlen. Unbeeindruckt fragte er beim Deutschen Patent- und Markenamt in München an, wo er die sachliche Auskunft erhielt: „Die Marke Robotron ist im Besitz des Kombinats Robotron und wurde 1987 für zehn Jahre bezahlt.“ Er könne ab 1. April 1997 wieder vorsprechen. Falls sich die Treuhand nicht melden und für die Verlängerung bezahlen würde, könne er die Löschung der Marke und neue Namensnutzung beantragen. Die Superschlauen von der Treuhand verpennten den Termin. Fuchs Heinemann schnappte zu.

    Für das Buch gab er viele Stunden Interviews. Profis vom Verlag Rohnstock Biografien haben ein tolles Stück zeitgeschichtlicher Dokumentation daraus gemacht. Eingeschoben sind immer wieder Berichte von Ulrike Heinemann, von den Söhnen Ulf und Björn, von Mitarbeitern der Firma – die Perspektivenwechsel belegen den speziellen Teamgeist in einem einzigartigen Familienunternehmen aus dem Osten, das sich mit Stolz zu seinen DDR-Wurzeln bekennt.

    Am Ende steht die Frage: Was wäre möglich gewesen, wenn im Zuge der deutschen Einheit Tausende solcher Geschichten wohlwollend ermöglicht worden wären, anstatt sie voller Verachtung zu verhindern?

    Zum Buch

    Titel: Rolf Heinemann. Eine Lebensgeschichte zwischen Sport und Robotron

    Erschienen im Verlag Rohnstock Biografien, Berlin 2024

    Umfang: 400 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 25 Euro

    Bestellungen über Direktbezug über die Firma Robotron: Astrid.Knoebel@robotron.de

    Berliner Buchvorstellung: Der Robotron-Retter Rolf Heinemann stellt das Buch am 20. September vor – um 17 Uhr im Verlag Rohnstock Biografien, 13187 Berlin-Pankow, Breite Straße 2a

    #DDR #histoire #informatique #base_de_données #Treuhand

  • Anna Seghers: »Ich war schon als Kind stolz, eine bekannte Schriftstellerin als Urgroßmutter zu haben«
    https://www.jungewelt.de/artikel/478886.anna-seghers-ich-war-schon-als-kind-stolz-eine-bekannte-schriftstel


    Anna Seghers mit Urenkelin Netty Radványi 1979

    6.7.2024 von Willie und Frank Schumann - Über das Thema des Krieges im Theater, den Konflikt in Nahost aus mexikanischer Perspektive und Anna Seghers als Inspiration. Ein Gespräch mit Netty Radványi

    Soeben hat Mexiko erstmals eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt. Und am 28. August wird Ihre Freundin, die mexikanische Übersetzerin der Werke von Anna Seghers, Claudia Cabrera¹, in Weimar mit der Goethe-Medaille geehrt. Außerdem bringen Sie in Mexiko ein Werk ihrer Urgroßmutter auf die Bühne, das sie 1944 im Exil geschrieben hat … Sind die Frauen in einer sehr männerdominierten Gesellschaft auf dem Vormarsch?

    Ich hoffe es.

    Sie leben seit etlichen Jahren in Mexiko, sind aber in Frankreich geboren, aufgewachsen, haben dort Geschichte und Politikwissenschaft studiert und als Zirkusartistin, Regisseurin und Filmemacherin gearbeitet. In Mexiko desgleichen. Von 2018 bis 2023 haben Sie auch am »Cirko de Mente« Kunst- und Zirkusgeschichte, Akrobatik und kreative Methodik unterrichtet. Alles für Anna?

    Das wäre wahrlich ein wenig übertrieben, auch wenn ich mich schon lange mit dem Werk meiner Urgroßmutter beschäftige. Mit 14 haben mich meine theaterbesessenen Eltern in Paris in ein dokumentarisches Stück über Anna Seghers (1900–1983, jW) mitgenommen. Das war so etwas wie ein Schlüsselerlebnis. Es hat mich sehr berührt und motiviert. Der Wunsch wurde noch verstärkt, als ich nach Mexiko kam, wo sie sechs Jahre mit der Familie im Exil gelebt hatte. Sie war etwa so alt wie ich jetzt, also Mitte vierzig, als sie 1944 die Erzählung »Der Ausflug der toten Mädchen« schrieb. Das hat uns gereizt.

    Uns?

    Das waren Claudia Cabrera und Micaela Gramajo, eine mexikanisch-argentinische Regisseurin mit einer ähnlichen Familiengeschichte wie ich, also mit osteuropäischen Juden und Kommunisten als Vorfahren. Wir haben gemeinsam den Originaltext von Anna Seghers studiert und analysiert und daraus dieses Stück entwickelt.

    Die Erzählung »Der Ausflug der toten Mädchen« ist autobiographisch. Netty, die Ich-Erzählerin, reflektiert die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, zwischen den beiden großen Kriegen und während des laufenden, und sie betrachtet ihr eigenes Dasein im Exil. Es ist die Zeit der Judenverfolgung und des faschistischen Terrors in Europa. Netty ist Jüdin und darum unmittelbar Opfer des rassistischen Verfolgungswahns der Nazis. Ihre Freundinnen und Bekannten sowie viele andere überleben den Naziterror nicht. Die Erzählung ist Anklage und Friedensappell in einem, das Hohelied auf Humanismus schlechthin. Oder was lesen Sie aus dem Text Ihrer Urgroßmutter?

    Das ist ein zutiefst pazifistischer Text, der den Krieg in jeder Form als Verbrechen anprangert und verurteilt. Bei der letzten Bearbeitung der Theaterfassung war es Micaela und mir nicht möglich, darüber zu reden, ohne das Drama zu erwähnen, das sich derzeit zwischen Israel und Palästina abspielt. Wir mussten versuchen, den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus verständlich zu machen. Für uns, unsere Familien und viele Menschen mit jüdischem, aber säkularem Hintergrund sind das zwei sehr unterschiedliche Dinge, die aber derzeit von Medien und Politikern – aus Unwissenheit oder mit Vorsatz – gern miteinander vermengt werden. Der Text meiner Urgroßmutter und unsere Inszenierung ermöglichen es uns, dies sichtbar zu machen.

    Wie eben auch die antifaschistische und antimilitaristische Botschaft, die in dieser Geschichte zum Ausdruck kommt. Ich verurteile diesen Krieg in Nahost und die völkermörderische Haltung der derzeitigen israelischen Regierung, wie ich auch die Verbrechen der Hamas verurteile.

    Sie haben auch Geschichte studiert.

    Eben deshalb macht es mich traurig und wütend zugleich, dass sich Völker im 21. Jahrhundert noch immer wegen Religionen und Territorien gegenseitig abschlachten. Wir haben versucht, all diese Verbrechen so künstlerisch und so feinfühlig wie möglich anzuprangern, nachdem wir mit allen am Stück Beteiligten darüber gesprochen hatten. Es ist ein heikles, brisantes Thema, auch wenn wir das Glück haben, in Mexiko zu sein, einem Land, das von diesem Konflikt ziemlich weit entfernt ist, über den wir hier aber völlig offen diskutieren können.

    Daraus schließe ich, dass die Debatte anders läuft als etwa in Deutschland. Wegen der Schoah – also der deutschen Schuld – wird vorbehaltlos alles gebilligt und unterstützt, was der Staat Israel unternimmt. Das ist Staatsräson in Deutschland. Wer sich gegen die aggressive Politik der Netanjahu-Regierung stellt und sich mit den Palästinensern solidarisch zeigt, wird des Antisemitismus bezichtigt.

    Nach meinem Eindruck ist die öffentliche Meinung in Mexiko mehrheitlich propalästinensisch. Mexiko war ein kolonisiertes Land, und auch der Neokolonialismus ist hier ein sehr sensibles, aber virulentes Thema. Die offizielle Haltung ist darum auch nicht so klar, wie im übrigen bei anderen außenpolitischen Themen auch nicht. Da passt Mexikos Regierung sich den Positionen der USA oft an. Vielleicht ändert sich das jetzt ein wenig.

    Lassen Sie uns auf Ihre berühmte Urgroßmutter kommen. Ihr Vater Jean Radványi ist der Sohn von Peter Radványi (1926–2021), der als Kernphysiker in Frankreich lebte und dort Pierre hieß. Das Verhältnis zwischen den beiden soll ein wenig angespannt und distanziert gewesen sein?

    Ja, Peter und dessen Frau ließen sich scheiden, als mein Vater noch klein war, und weil Pierre ziemlich schnell wieder eine neue Familie gründete. Aber Tschibi …

    Tschibi?

    Das war der Spitzname von Netty, also meiner Urgroßmutter Anna Seghers, die ursprünglich Annette (»Netty«) Reiling hieß. Sie war da souverän, hielt unverändert die Verbindung mit beiden, korrespondierte mit ihnen und lud sie regelmäßig nach Berlin ein. So kam auch ich in die DDR. Ich erinnere mich an ein Haus in Prieros (Ortsteil der amtsfreien Gemeinde Heidesee im Landkreis Dahme-Spreewald in Brandenburg, jW), wo wir Urlaub machten.

    Welche Rolle spielte Anna Seghers in Ihrer Familie?

    Eine wichtige. Sie wurde bewundert und verehrt. Und ich war schon als Kind stolz, eine bekannte Schriftstellerin als Urgroßmutter zu haben. Ich bin zu Hause mit Büchern aufgewachsen, es gab auch ein spezielles Regal nur mit Büchern von Anna Seghers. Mein Vater gab sie mir zu lesen, als ich Teenager war. Die Vorfahren meiner Mutter waren in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht worden. Da gab es nicht viel zu berichten. Wohl aber über die andere Linie. Vater erzählte viel, noch mehr erfuhr ich aber von meinem Großvater Pierre. Unser Verhältnis war sehr gut. Wohl weil ich sein erstes, also ältestes Enkelkind war, und weil ich den Vornamen seiner Mutter trug: Netty. Wir besuchten oft japanische Restaurants im Pariser Quartier Latin, als ich dort studierte, und dann erzählte er von ihr.

    Besaßen Sie oder Ihre Eltern noch persönliche Gegenstände, die Sie von Anna Seghers bekommen haben?

    In der Pariser Wohnung meiner Eltern, in der aufgewachsen bin und in der sie inzwischen fast ein halbes Jahrhundert leben, gibt es einige Fotos, darunter jenes von 1979, auf dem mich meine Urgroßmutter als Säugling auf dem Arm hält. Die Wohnung gleicht inzwischen einem Museum, meine Eltern – Intellektuelle und Kommunisten – sind viel gereist und sammelten alles mögliche. Aber ob dort auch Erinnerungsstücke von Anna Seghers sind, ich weiß es nicht. Allerdings ist mein Vater gerade dabei, unveröffentlichte Briefe und Texte von seiner Großmutter zu übersetzen, die er im Nachlass seines 2021 verstorbenen Vaters Pierre gefunden hat.

    Anna Seghers floh mit ihren beiden Kindern aus dem von Nazideutschland besetzten Paris, kam im März 1941 via Marseille, Martinique und New York nach Mexiko², sechs Jahre später kehrte sie nach Berlin zurück. Da wird sie gewiss nicht viel Gepäck dabeigehabt haben.

    Großvater erzählte, dass sie in Paris 1940 in einer Möbelkammer einige persönliche Sachen und Bücher zurückgelassen hatten, von denen er nach ihrer Rückkehr nach Europa einiges an seine Mutter nach Berlin geschickt hätte, anderes sei in Paris geblieben. Soweit ich weiß, haben sie nichts in Mexiko zurückgelassen.

    Gibt es in der Stadt Orte, die an Ihre Urgroßmutter erinnern?

    Die Familie hat unter verschiedenen Adressen in Mexiko-Stadt gewohnt. Als ich 2015 zum ersten Mal in die Stadt kam, habe ich versucht, sie ausfindig zu machen. Das war nicht so einfach in dieser riesigen Metropole, die sich schnell verändert, in der Straßen umbenannt und Häuser neu errichtet werden. 1985 hatte es zudem das stärkste Erdbeben in der Geschichte des Landes gegeben. Es gibt in einigen Vierteln noch Häuser aus dem frühen 20. Jahrhundert, aber ein Wohnhaus, in dem meine Urgroßmutter und ihre Familie gelebt haben, fand ich nicht mehr.

    Erinnert man sich im heutigen Mexiko noch an die deutschen Exilanten, an das, was sie hier taten?

    Die deutschen Exilanten kehrten mehrheitlich nach dem Krieg nach Europa zurück, nur wenige blieben und wurden assimiliert. Aber die Erinnerung an diese Gruppe lebt auch durch Projekte, wie wir sie jetzt mit Anna Seghers und ihren Werken verfolgen.

    Ist es ein Problem, dass Anna Seghers eine bekennende Kommunistin war?

    Für meine Familie nicht. Es erfüllt uns eher mit Stolz, dass die große Mehrheit der Familie Kommunisten oder deren Sympathisanten waren. Auch in Frankreich herrschte Kalter Krieg, aber in seinen Auswirkungen war er nicht so gravierend wie in den USA oder in Deutschland. In Mexiko hat mir der kommunistische Hintergrund meiner Familie eher Türen geöffnet als versperrt. Allerdings soll nicht verschwiegen sein, dass es Jahrzehnte zuvor ziemlich harte, mitunter blutige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen kommunistischen Fraktionen gegeben hat – auch innerhalb der deutschen Exilgemeinde. Ich denke, dass dies meinen Großvater – also Anna Seghers Sohn – davon abgehalten hat, in Frankreich in die Politik zu gehen und er sich lieber der Wissenschaft widmete.

    Für Anna Seghers, deren jüdische Mutter ebenfalls von den Nazis deportiert worden war, hieß es, alle Menschen sind gleich im Sinne der Französischen Revolution: Liberté, Égalité, Fraternité. Die Gleichen müssen sich zusammenschließen, um gemeinsam die Ungerechtigkeit auf dieser Welt zu überwinden. Vor Gott sind alle Menschen gleich, lehrte die Bibel – die Aufklärung sagte hingegen: nicht nur vor Gott! Lesen Sie das auch aus diesem Text?

    Ja, ich finde das kommunistische Ideal in diesem Text wieder, wenngleich auch etwas weniger deutlich als in anderen Texten von ihr. Tschibi ergreift hier nicht Partei, sondern versucht nur zu verstehen, wie das alles passieren konnte. Alle Personen offenbaren in ihrem menschlichen Handeln die Absurdität des Krieges, es macht sie für mich schön und stark. Das alles zeigt, welch große, humanistische Schriftstellerin meine Urgroßmutter war. Geprägt von der biblischen und der klassischen Kultur, der kommunistischen Bewegung und den Philosophen der Aufklärung, sie selbst war ja eine promovierte Philosophin. Wegen ihrer Haltung und ihrer Überzeugung haben die Nazis auch ihre Bücher erst verboten, dann verbrannt.

    Vor genau 100 Jahren – 1924 – hat Ihre Urgroßmutter in Heidelberg promoviert. Kennen Sie das Thema der Dissertation?

    Ja, »Jude und Judentum im Werke Rembrandts«. Da steckt schon alles drin, worüber wir sprachen.

    Sie wollen mit dem Theaterstück »Der Ausflug der toten Mädchen« nach Europa kommen. Bringen Sie Ihre mexikanische Theatergruppe mit?

    Das möchte ich gern. Es gibt im Stück die Netty in drei Lebensphasen. Die jüngste Darstellerin ist 16, sie arbeitet seit zwei Jahren an diesem Projekt. Sie besucht das deutsche Gymnasium in Mexiko-Stadt, ihre Mutter ist eine Deutsche. Die zweite Netty bin ich, ich spiele faktisch meine Urgroßmutter, als sie in meinem aktuellen Alter war. Und die dritte Netty-Darstellerin ist über siebzig und hat am Lycée français de Mexico studiert – jener Einrichtung, die damals mein Großvater Pierre Radványi besucht hat. Und die Koregisseurin Micaela Gramajo spielt auch mit … Mir scheint es schwierig, sie zu ersetzen. Aber vielleicht wäre es interessant zu mischen, also mexikanische und deutsche Darsteller zusammenzubringen. Dieses Problem scheint mir leichter zu lösen als den Krieg in Nahost und in der Ukraine zu beenden. Ich hoffe nur, dass das nicht in einen dritten Weltkrieg mündet.

    Netty Radványi ist die Urenkelin von Anna Seghers, geboren 1979 in Frankreich. Sie lebt in Mexiko, arbeitet als Theaterregisseurin und Filmemacherin. Mit der mexikanischen Inszenierung von Anna Seghers’ »Der Ausflug der toten Mädchen« plant sie 2025 Aufführungen in Deutschland

    ¹ Claudia Cabrera, Jahrgang 1970, arbeitet aktuell an der Neuübersetzung von Werken Anna Seghers, die zum Teil während des Exils in Mexiko entstanden sind. Bereits erschienen sind »Transit« und »La séptima cruz« (»Das siebte Kreuz«). 2020 wurde Cabrera für ihre Übersetzung von Arnold Zweigs antifaschistischem Roman »Das Beil von Wandsbek« von der mexikanischen Regierung und dem Nationalen Institut für Schöne Künste und Literatur ausgezeichnet.

    ² Im 1980 bei Reclam, Leipzig, erschienenen vierten Band von »Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933–1945« berichtete Wolfgang Kießling über Emigrantenschicksale in Lateinamerika, darunter ausführlich auch über Anna Seghers. Im gleichen DDR-Verlag erschien auch die Dissertation von Annette Reiling (Anna Seghers) aus dem Jahr 1924: »Jude und Judentum im Werk Rembrandts«.

    #histoire #communisme #théâtre #Mexique #France #Allemagne

  • Madagascar, 1947
    http://anarlivres.free.fr/pages/archives_nouv/pages_nouv/Nouv_juin24.html#madagascar

    Pacification à la française – entre 11 000 et 100 000 morts, victimes directes ou indirectes – avec des troupes coloniales aux ordres d’un gouvernement composé de socialistes, de communistes et de centristes... Pour en savoir plus, écoutez l’émission « Affaire sensible » de France Inter...

  • Menschen wie Rinder
    https://jungle.world/artikel/2003/02/menschen-wie-rinder

    2003/02 - Gustav Frenssen schrieb sich mit seiner Kolonial- und Heimatliteratur in die Herzen der Deutschen. Erster Teil einer Serie über nationalsozialistische Dichter. Führers Bettlektüre I. von Jan Süselbeck

    Höllenkreis der Familie
    https://jungle.world/artikel/2003/26/hoellenkreis-der-familie

    2003/26 - Der Nazidichter Will Vesper war ein wichtiger Kulturfunktionär im Nationalsozialismus. Sein Sohn Bernward beschrieb ihn in dem Buch »Die Reise«. Führers Bettlektüre Teil V. von axel klingenberg

    Totenkopf und Federkiel
    https://jungle.world/artikel/2003/34/totenkopf-und-federkiel

    2003/34 - Ina Seidel war nicht nur im Nationalsozialismus eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen. Noch heute sind Schulen und Straßen in Deutschland nach ihr benannt. Führers Bettlektüre VI. von Philipp Steglich

    #histoire #nazis #lettres

  • Braune Kunstgeschichte : Faschistin mit Ehrengrab
    https://www.jungewelt.de/artikel/478467.braune-kunstgeschichte-faschistin-mit-ehrengrab.html


    Meisterin des Kitsches. In den 1920er Jahren ein Star des Stummfilms, war Thea von Harbou eine überzeugte Faschistin (Autogrammkarte, vermutlich von 1926) akg-images/Picture Alliance

    Aujourd’hui elle est moins connue que Leni Riefenstahl, mais à travers le film de son mari Fritz Lang son roman Metropolis est entré dans l’histoire de l’art. Moins proche de Hitler que la réalisatrice des documentations des jeux olympiques de 1936 Thea von Harbou a été membre du Partei nazi NSDAP et a contribué comme auteure à quelques uns des pires films de proopagande nazie.
    Le visage kitsch du fascisme allemand est mort il y a 70 ans.

    1.7.2024 von Jörg Becker - Vor 70 Jahren starb die NS-Filmdiva Thea von Harbou, die mit »Metropolis« berühmt wurde

    Meisterin des Kitsches. In den 1920er Jahren ein Star des Stummfilms, war Thea von Harbou eine überzeugte Faschistin (Autogrammkarte, vermutlich von 1926)

    Thea von Harbou wurde am 27. Dezember 1888 in Tauperlitz bei Hof geboren und starb am 1. Juli 1954 in Berlin-Charlottenburg. Von 1914 bis 1921 war sie in erster Ehe mit dem Schauspieler Rudolf Klein-Rogge (1885–1955) verheiratet, in zweiter Ehe von 1922 bis 1933 mit dem Filmregisseur Fritz Lang (1890–1976). Von 1933 bis 1939 dauerte ihre dritte, hinduistische Ehe mit dem indischen Ingenieur, Journalisten und Politiker Ayi Tendulkar (1904–1975). Thea von Harbou starb am 1. Juli 1954 in Berlin. Auf Beschluss des Berliner Senats wurde ihr Grab auf dem Friedhof Heerstraße 1980 Ehrengrab des Landes Berlin.

    Vor der Nazizeit stand Thea von Harbou nach eigenen Angaben der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe. Mitglied in der NSDAP wurde sie erst 1940. Doch mit der Nazidiktatur war Harbou auf das Engste verbunden. Das bezeugen vor allem ihre insgesamt vier überlieferten persönlichen Gespräche mit Joseph Goebbels zwischen 1935 und 1938. Ihre ehemalige Sekretärin, Michaela Sarma, erwähnt in ihren Erinnerungen außerdem, dass Harbou bei ihren Einladungen zum Krebsessen immer auch die Sekretärinnen von Goebbels eingeladen hatte. Auf gesonderten Ehrenplätzen hörten Thea von Harbou und Fritz Lang am 28. März 1933 einer Rede von Joseph Goebbels über die Zukunft der deutschen Filmindustrie in einem Berliner Hotel zu. Zuvor hatten beide am 16. März 1933 das NS-»Communiqué des Autorenverbands deutscher Zunge« unterschrieben. Anlässlich der Eröffnung des damals größten Filmarchivs der Welt in Berlin-Dahlem gab es am 8. Februar 1935 ein persönliches Treffen zwischen Hitler und Harbou.
    Trivialliteratur und Kitsch

    Literarisch lässt sich Thea von Harbou der Trivialliteratur zuordnen. Die unzähligen Stilblüten in den Romanen der Vielschreiberin sind nichts anderes als Kitsch. Einige Kostproben:

    1913: »Schöne, schlanke Hände im Schoß verschlungen«, »stahlblaue, kühne und unversöhnliche Augen«, »Begeisterung in Hingebung und Treue ihres Vaterlandes gedenken«, »das Mütterchen gesund pflegen«, »Heimat – Heimat – Vaterland«, »Sehnsucht nach dem Lande der Kindheit«.

    1928: »So hatte die Seele des Mädchens die Seele des Mannes erblickt und beider Augen schauten sich an, erschreckt und geblendet«, »Sein stürmisches und sehnsüchtiges Herz wird die Worte schon finden, dass unsere bunte Erde für zwei, die sich lieben, mehr Wunder hat, als sie je ergründen können«, »Sie hob sich auf wie ein schlanker, weißblühender Strauch, der in der Sonne schimmert und im Winde sich wiegt«.

    1952: »Sie beugte sich rückwärts, dass ihr die jungen Brüste aus dem Mieder springen wollten«, »Sein schönes, streng-gezeichnetes Gesicht, das Gesicht eines Mannes, der die Nächte durcharbeitet und am Tage nicht schläft, vibrierte, als stünde es unter Strom«, »Diese Hände, schmal und zart mit zerbrechlichen Gelenken«.

    Summarisch mag man für Harbou festhalten: Junge Frauen haben zarte und schlanke Hände, Männer ein strenges Gesicht, sind kühn und arbeiten hart, Mütter haben ein großes Herz und die Natur ist heil, gesund und unverdorben. Trivialliteratur zeichnet sich durch unechte und schwülstige Gefühle aus, kennt keine Individualität, sondern statt dessen platt gemalte Schemen und Folien, vermittelt Vorurteile und Stereotypen, behauptet das Zeitlose und Ewiggültige ihrer eigenen Wahrheiten, arbeitet mit simplen Erzählstrukturen, unterstützt bürgerliches Ordnungsdenken, ist systemaffirmativ und antiemanzipatorisch.

    Bei Thea von Harbous Trivialromanen gibt es – je nach zeitlicher Couleur – zwei bemerkenswerte politische Konstanten, nämlich ihre militante Befürwortung von Krieg und ihr Antikommunismus, denn ihre trivialen Romane sind keinesfalls unpolitisch. Bei ihr erscheint Politik aber nicht als nebensächliches und unabsichtliches Zugeständnis an irgendeinen Zeitgeschmack, vielmehr flechtet sie politische Themen sehr bewusst in den Ablauf eines Erzählstranges ein. Wie bewusst sie das tut, kann man ihrem Vorwort zu ihrem Novellenband »Der Krieg und die Frauen« von 1913 entnehmen, der ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg erschien. In diesem Vorwort redet sie vom Krieg als »das Schicksalsgewaltige, das Völker und Reiche zermalmt«; Friede sei »gerade bei dem Volke am sichersten aufgehoben, das die solidesten Waffen, die kernigsten Truppen, die tüchtigsten Führer hat«. Frauenverachtend ist ihr folgendes Credo: »Und das Liebste hergeben zum Schutz des Vaterlandes – das ist die Kriegspflicht der Frauen.«
    Antikommunismus und Orientalismus

    Thea von Harbous zweite Konstante betrifft ihren Antikommunismus. Antikommunismus war und ist in Deutschland Staatsräson. Nicht nur Goebbels freute sich in seinem Tagebuch am 16. Januar 1936 über Thea von Harbous› Antikommunismus. Noch in ihrem letzten Roman vor ihrem Tod, nämlich »Gartenstraße 64« (1952), bediente sie ihn auf ausgesprochen primitive Weise. Gewidmet »Berlin und den Berlinern« handelt dieser Roman von der politisch geteilten Stadt mit Schiebern, Gaunern, Grenzgängern, Flüchtlingen, Heimkehrern und Kriegsversehrten. Die Autorin ist sich nicht zu schade, alle sattsam bekannten antirussischen Stereotype in diesem Roman zu vereinen. Da wird der junge ehemalige Wehrmachtsflieger Mark von »Russen« aus dem Westen Berlins in den Osten der Stadt verschleppt, ein Fall, für den die »Kommandantur in Karlshorst« verantwortlich ist und da hat eine junge Frau Angst vor den Russen, denen sie nicht in die Hände fallen will.

    »Geheimnisvoll«, »fremder asiatischer Kummer«, »Wunderlampe Aladins«, »tausend Heiligtümer«, »blutrotes Mal auf ihren Stirnen«, »braune nackte Menschen«, »Blutwogen eines Hasses und einer Bitterkeit, für die das Abendland keinen Raum, keinen Namen und keine Sättigung besaß«, »ausdruckslose Glutaugen des Dieners«, »dunkle Augen des Moslem«, »grüne Papageien mit roten Halskrausen«, »das indische Lächeln«, »gewundener Turban, der das Haar verbarg« usw.

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    Solche Adjektive, Beschreibungen und Sätze aus Thea von Harbous Roman »Das indische Grabmal« charakterisieren diesen Stoff als »orientalistisch« – so die epochale Analyse von Edward Said von 1978. Der Orientalismus zeichnet sich durch eine große Menge an Vorurteilen und Projektionen aus, er verzerrt und ist in seiner exotisch-süßlichen Gemengelage eine Vorstufe von Rassismus. Gegenüber einem exotischen Inder und einem Land, »das von einem Wahnsinnigen beherrscht und von Wahnsinnigen bewohnt wird«, steht ein »anständiger Mitteleuropäer«, »ein Mensch und Baumeister«, »ein Mann des Abendlandes«, kurz: ein »Sahib«, also ein Meister und Herr. Um das Problematische einer Verherrlichung des weißen Kolonisators wissend hatte der Fischer Taschenbuch Verlag in der Neuedition des Romans »Das indische Grabmal« 1986 im Klappentext zu diesem Buch geschrieben, dass hier das Exotisch-Erotische vermischt sei »mit einer sanften Heroisierung des aufrechten – speziell des deutschen – Menschen«.

    In Thea von Harbous Werk gibt es insgesamt drei orientalistische Romane und Drehbücher: »Das indische Grabmal« (1918), »Aufblühender Lotos« (1941) und »Der Dieb von Bagdad« (1949). Verteilt über ihr gesamtes literarisches Leben bilden sie eine Konstante. Auf der Basis ihres Romans von 1918 erarbeiteten Thea von Harbou und der Filmregisseur Fritz Lang, Harbous späterer Ehemann, einen zweiteiligen Film: »Das indische Grabmal. Teil 1: Die Sendung des Joghi« (1921) und »Das indische Grabmal. Teil 2: Der Tiger von Eschnapur« (1922). Trotz heftiger negativer Filmkritiken waren diese Filme enorme Publikumserfolge. 1941, also mitten in der Nazizeit, schrieb Harbou ihren zweiten orientalistischen Roman »Aufblühender Lotos«.
    Faszination Indien

    Indien war für Harbou nicht irgendein beliebiges Thema, vielmehr war sie schon als kleines Mädchen von Indien fasziniert und als »gleißende Maschine, die Ganesha glich, dem Gott mit dem Elefantenkopf«, taucht das Indienmotiv sogar in ihrem technischen Utopieroman »Metropolis« von 1926 auf. Ihre Faszination für Indien äußerte sich nicht nur in ihren Büchern und Filmen, sondern war ein wichtiger Teil ihres Berliner Lebens in den 1930er und 1940er Jahren. Von 1933 bis 1939 war Harbou mit dem 17 Jahre jüngeren Ayi Tendulkar verheiratet, einem indischen Studenten, Journalisten für das Berliner Tageblatt, späteren Ingenieur bei Siemens und der AEG und Politiker in Jawaharlal Nehrus Kongresspartei. Ihre Heirat geschah nach hinduistischem Brauch. Ayi Tendulkar lebte mit zwei seiner Brüder im Haus von Thea von Harbou, in der Berlin-Charlottenburger Villenkolonie Westend in der Frankenallee 14, wo sie jeden Freitagabend ein Abendessen für indische Studenten gab, die sie außerdem finanziell unterstützte. Wie aus der Biographie von Ayi Tendulkar, geschrieben von dessen Tochter Laxmi Tendulkar Dhaul, hervorgeht, war sich Harbou der politischen Implikationen ihrer Indienbegeisterung sehr bewusst, denn sie trug voll die von den deutschen Faschisten betriebene Politik gegen den britischen Kolonialismus mit. Zusammen mit ihrem indischen Ehemann verehrte sie Mahatma Gandhi, doch weniger als Pazifist, denn als Gegner Englands. Ihre eigene Naziideologie ging so weit, dass sie sich 1942 persönlich mit Subhash Chandra Bose, dem faschistischen indischen Politiker, der seit 1941 im Berliner Exil lebte, traf. Nicht nur war sie direkt neben ihm am Rundfunkmikrophon, als er seinen berühmt-berüchtigten Aufruf tätigte, eine »Legion Freies Indien« (Azad Hindi) zu gründen, die ab 1944 der Waffen-SS unterstellt wurde, sondern umgab sich gerne mit seinen in Berlin lebenden indischen Anhängern, die in Berlin für Subhash Chandra Boses Radiosender Azad Hindi arbeiteten oder sich dessen »Legion Freies Indien« angeschlossen hatten.

    Dass Thea von Harbous zweiter orientalischer Roman »Aufblühender Lotos« gerade 1941 erschien, ist alles andere als ein Zufall, war es doch der Zeitpunkt, an dem die Nazis ihre Propaganda gegen England, das »perfide Albion«, gestartet hatten. 1940 begann der deutsche Geheimsender Worker’s Challenge seine Propagandaarbeit, 1941 folgte der anti-englische Hetzfilm »Ohm Krüger«, mit Harbous Freund Emil Jannings in der Hauptrolle. Ebenfalls 1941 veröffentlichte der spätere NS-Journalist Ernst Lewalter im Auftrag des Cigaretten-Bilderdienstes Hamburg sein berühmt-berüchtigtes Sammelalbum »Raubstaat England«. »Aufblühender Lotos« ist eher antienglisch als orientalistisch.

    Politisch ging es 1941 um Folgendes: An Indien hatte das faschistische Deutschland zunächst kein Interesse. Es ging den Nazis vor allem um die Kolonialherrschaft des Kriegsgegners England. Doch mit dem Eintritt Japans in den Zweiten Weltkrieg nach dem Angriff auf Pearl Habour im Dezember 1941 änderte sich das und Indien rückte in den Blickpunkt der NS-Außenpolitik. Damit war in Deutschland das ideologische Interesse an antienglischer Propaganda gestiegen. Und genau diesem politischen Bedürfnis genügte Thea von Harbous Roman »Aufblühender Lotos«.
    Technische Utopien

    Thea von Harbous »Metropolis« erschien 1926 als Roman, 1927 als Stummfilm zusammen mit Fritz Lang. In expressionistischem Stil geschrieben, unterscheidet sich ihre abgehackte Sprache mit hingefetzten Kurzsätzen, genauso vielen Ausrufezeichen wie Auslassungspunkten von ihren normalen Kitschromanen. Substantive bilden Sätze ohne Verben. Dieser Stil passt sich inhaltlich den Maschinen-, Technik-, Metall- und Stahlvisionen an, denn der gesamte Film wird von Technik dominiert: Fließbänder, Ventile, Zahnräder, Uhrzeiger, Kontrolllampen, Leuchtfäden in einem Glaskolben, Schalthebel, Signalpfeifen, Thermometer.

    Frei von Kitsch ist dieser Maschinenkultroman aber beileibe nicht. Und obwohl Thea von Harbou in ihren Personaldokumenten bei Religionszugehörigkeit »diss.« angegeben hatte, also als Dissidentin freiwillig aus der Kirche ausgetreten war, kommt der Kitsch in diesem Roman religiös daher. Nachdem die Stadt Metropolis zerstört wurde, sollen deren Bewohner »erlöst« werden, und zwar ausgerechnet von einem Mädchen namens Maria. Maria war nicht nur der Kosename von Thea von Harbou – sie spielt sich also selbst in der Rolle einer Erlöserin – sie ist auch eine Jungfrau, deren »Narrheit heilig ist.« Da geht es um ihre »schöne Seele, eine süße Seele, dies zärtliche Lächeln Gottes«. Da taucht bei der Erlösung von Metropolis ein »weißer domhafter Saal« auf und gibt es auf einmal »Kindergebete«, »Märchen« »kleine Kinder«, den »Erzengel Michael«; man vertraut auf den »allmächtigen Gott« »im Himmel« und spiegelt sich »im bunten Himmelreich der Heiligenlegenden«.

    Im Film »Metropolis« spielten insgesamt 35.000 Statisten mit. Die vielen Kinder im Film stammten aus Berliner Elendsvierteln. Das jedoch ideologisch wichtigste Moment von gigantischer Größe sind in diesem Film die »Massenszenen, die die Assoziationen zum Nationalsozialismus auslösen, der Mensch als Drähtchen in einem großen, klaglos funktionierenden Werk, die Masse, die nur noch Werkzeug ist, um hohe Ziele zu erreichen – das wurde in den späteren Jahren bis zur Vernichtung durchexerziert – und in Fritz Langs Film vorweggenommen«. Zu dieser Kritik passt die folgende Analyse von Manfred Nagl, der zu dem Urteil kommt der Film »Metropolis« arbeite »mit unterschwelligen Disziplinierungsappellen: Film und Roman – in der kurzen ökonomischen Stabilisierungsphase der Weimarer Republik – sind eine einzige Stillhalteparole des Bürgertums an die Adresse der Arbeiterschaft.«

    Die Masse handelte in Roman und Film als Mensch: »Die Masse stöhnte auf. Die Masse keuchte. Die Masse streckte ihre Hände aus. Die Masse beugte Kopf und Nacken tief, als sollten ihre Schultern, ihre Rücken zu einem Teppich für das Mädchen werden. Die Masse stürzte röchelnd auf die Knie.« Doch genau wegen dieses Begriffs der Masse verschwand das Individuum mit seiner ihm eigenen Ethik und seiner ihm eigenen Verantwortung. Langs und Harbous Bild einer gefährlichen, unkontrollierten und unkontrollierbaren Masse knüpft an die präfaschistischen Vorstellungen des französischen Psychologen Gustave Le Bon (1841–1931) mit seinem Buch »Psychologie der Massen« von 1895 und des spanischen Philosophen José Ortega y Gasset (1883–1955) und dessen Buch »Der Aufstand der Massen« von 1929 an.

    Im Film »Metroplis« wird eine hilflose Masse von Menschen gerade bei den Bildern deutlich gezeigt, als Aufruhr und Wassernot die Arbeiter von unten auf Treppen und Leitern aus der städtischen Tiefe nach oben drücken und treiben. Es sind gebückte, kahl geschorene und einheitlich gekleidete Arbeiter, die sich in geometrischen Formationen nach strengem Drill wie Automaten bewegen. Es war gerade bei den Nazis das Bild der SA als einer geschlossenen und formierten Masse, das vor 1933 im Mittelpunkt ihrer Propaganda stand. Das zutiefst illiberale Moment einer amorphen und ziellosen Masse verlangt danach, »dass einer kommt, der uns sagt, welchen Weg wir gehen sollen« – im Roman von Thea von Harbou 1926, in der faschistischen politischen Realität ab 1933. Siegfried Kracauer prägte genau in diesem Zusammenhang schon 1927 den Begriff »Ornament der Masse« und damit meinte er genau wie bei Lang/Harbou oder später bei Leni Riefenstahl (1902–2003) und ihrem Film »Triumph des Willens« (1935), dass die Masse als lediglich dekoratives Ornament instrumentalisiert wurde.
    Durchhaltekünstlerin

    Thea von Harbou war keine Mitläuferin der Nazis. Sie war vielmehr aktive Täterin. Mehrfach hat sie mit dem Filmregisseur Veit Harlan kooperiert, einem der wichtigsten NS-Filmpropagandisten, der nach 1945 des Verbrechens gegen die Menschheit angeklagt wurde. Sie arbeitete zum Beispiel an dessen antisemitischen Hetzfilm »Jud Süß« (1940) und an dessen Durchhaltefilm »Kolberg« (1945) mit. Ab Oktober 1944 war sie auch für den Film »Das Leben geht weiter« tätig, bei dem sie am Drehbuch mitarbeitete. Für Goebbels war dieser Film »im dringendsten kriegswichtigen Reichsinteresse erforderlich«. Er kostete 2,5 Millionen Reichsmark und galt als Staats- und Großauftrag. Von der politischen Bedeutung her ein Spitzenvorhaben war »Das Leben geht weiter« der letzte Monumentalfilm des deutschen Faschismus. Bis zum 16. April 1945 wurde an ihm gearbeitet. Thea von Harbou war mit dem NS-Regime derartig gut verbunden, dass sie noch Ende April 1945 ihr letztes Honorar in Höhe von 30.000 Reichsmark für diesen Film erhielt.

    »Zarte Frauenhände«: Dieses Motiv taucht nicht nur in »Metropolis« auf. Als »Hand, die zarter als Glas war« oder als »ihre ganz weißen Hände« Dieses Charakteristikum aller ihrer Heldinnen in ihren Büchern und Filmdrehbüchern gilt auch für sie selbst, wie gut auf ihrem Porträtfoto beim Fragebogen zur Mitgliedschaft in der Reichsfachschaft Film vom 12. Oktober 1933 zu sehen ist. Als Tochter eines Rittergutbesitzers war sie eine deutschlandweite Berühmtheit, Großbürgerin, Millionärin, Villenbesitzerin, mondäne Filmdiva, Teil der Berliner Schickeria, Arbeitgeberin von drei Sekretärinnen und einer Hausangestellten, verfügte auf Kosten der Ufa über einen eigenen Chauffeur und lebte ihr ungebundenes Eheleben öffentlich aus.

    In ihrem Entnazifizierungsverfahren vom 3. August 1947 hatte Thea von Harbou wegen eines Berufsverbots als Beruf »Bauarbeiterin« angegeben. Doch die zerrissenen Hände einer Trümmerfrau sind das genaue Gegenteil ihrer großbürgerlichen Welt. Welch eine Theatralik hatte die Filmdiva Thea von Harbou vor dem Entnazifizierungsausschuss inszeniert! Und gleichzeitig: Welche Verachtung hatte sie genau mit dieser Theatralik vor einem politischen Ausschuss demonstriert, der angetreten war, den deutschen Faschismus und ihre Rolle dabei aufzuarbeiten.

    Thea von Harbou war in folgenden NS-Organisationen Mitglied: ab 12. Oktober 1933 Reichsschaft Film, seit 1935 Reichsschrifttumskammer, seit 1935 unter der Nummer 1.834.393 NS-Frauenschaft, seit 1936 war sie Mitglied sowohl in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) als auch in der NS-Volkswohlfahrt (NSV), und am 1. April 1940 wurde sie unter der Nummer 8.015.334 Mitglied der NSDAP.

    Vom 10. Juli 1945 bis zum 10. Oktober 1945 war Thea von Harbou wegen – wie sie schreibt – »meiner Beziehung zu indischen Staatsangehörigen« im Frauenteil des englischen Lagers Paderborn-Staumühle in der westfälischen Senne interniert. Sie war überzeugt davon, dass sie wegen ihrer indischen, das heißt antienglischen, Kontakte inhaftiert worden war, »nicht wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Nazis in der Filmindustrie und nicht deswegen, weil sie selber faschistische Ansichten verbreitet habe«. Im Lager Staumühle waren auch 35 in Deutschland lebende Inder inhaftiert, unter ihnen auch Shripad Samant, ihr Schwager und Bruder ihres Ehemanns Ayi Tendulkar. Staumühle war das zweitgrößte Lager der britischen Militärregierung mit rund 10.000 Gefangenen. In einem Sonderteil saßen 370 hohe NS-Funktionäre, die vom Nürnberger Militärtribunal angefordert worden waren, unter ihnen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Auch von Harbous dritter Ehemann Ayi Tendulkar saß zu dieser Zeit in Indien in Haft, und zwar im Zentralgefängnis von Belgaum im südwestindischen Bundesstaat Karnataka, wie seine Tochter aus zweiter Ehe berichtet. Ihm wurde der nicht näher spezifizierte Vorwurf gemacht, er sei »ein Freund Deutschlands gewesen«. Ob das Sympathien für Deutschland oder für Nazideutschland gewesen sind, führt seine Tochter nicht aus.

    Siegfried Kracauer hat in seinem Buch »Von Caligari zu Hitler« gezeigt, wie die Latenz des Unpolitischen im Unterhaltungsfilm der 1920er Jahre zu den Ideologien des deutschen Faschismus in den 1930er Jahren führte. Der Film »Das Cabinet des Dr. Caligari« von 1920 war eine Schauergeschichte, in der Kracauer eine Parallele zwischen diesem Filmstoff und dem heraufziehenden Faschismus erkannte. In Thea von Harbous und Fritz Langs Romanen und Drehbüchern waren reaktionäre Utopien und eine reaktionäre Moderne wichtige Bauteile. Diese reaktionäre Moderne der 1930er Jahre kippte wiederum später in den 1960er Jahren in die ideologischen Vorstellungen der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) um, wie sich gut am Lebenslauf von Hermann Oberth, für dessen wissenschaftliche und technische Anregungen sich Thea von Harbou in einer Widmung ihres Buches »Frau im Mond« (1928) bedankt, festmachen lässt.
    Von Caligari zur NPD

    Der aus Rumänien stammende deutsche Ingenieur Hermann Oberth (1894–1989) arbeitete wie Wernher von Braun (1912–1977) als Raketentechniker 1941/42 in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Mit seinen Büchern »Die Rakete zu den Planetenträumen« (1923), »Möglichkeit der Weltraumfahrt« (1928) und »Wege zur Raumschiffahrt« (1929) war er publizistisch sehr aktiv und gehörte auch deswegen zu den wichtigsten und auch in der Öffentlichkeit bekanntesten deutschen Raumfahrtpionieren. Sein technokratisches Weltbild war zeit seines Lebens mit faschistischem Gedankengut verbunden. Bereits in Rumänien war er von 1934 bis 1938 Mitglied der Transsilvanischen Nationalsozialistischen Partei und von 1965 bis 1967 Mitglied der NPD. Er war außerdem Unterzeichner einer Erklärung der rechtsextremen Vereinigung »Freiheitlicher Rat« für die Generalamnestie von NS-Kriegsverbrechern.

    1965 veröffentlichte Oberth eine Broschüre mit dem Untertitel »Mein Weg zur NPD«. Da spricht er von »anständigen Deutschen« und von Deutschland als einem Land, »wo die Rechtspflege Naziverbrechern nachspürt, die bestimmt niemanden mehr im KZ umbringen würden«. Rhetorisch fragt er, ob »Hitler am Ende ein noch besserer Staatsmann (war) als unsere CDU-Leute« und behauptet, »dass der Nationalsozialismus nicht von ungefähr gekommen ist, sondern die natürliche Reaktion auf all das namenslose Unrecht war, dass man uns Deutschen schon seit Jahrhunderten und besonders seit der Jahrhundertwende angetan hat«. Thea von Harbou dürfte dem zugestimmt haben.

    Jörg Becker ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg. Von 1999 bis 2011 war er Gastprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck.

    Dieser Aufsatz ist ein stark gekürzter und redaktionell berarbeiteter Vorabdruck aus dem Sammelband »Täter Helfer Trittbrettfahrer, Bd. 20: NS-Belastete aus Oberfranken«, der im Früjahr 2025 im Kugelberg-Verlag erscheinen wird.

    14052 Frankenallee 14
    https://www.openstreetmap.org/node/2917786220#map=16/52.5079/13.2702

    #Allemagne #Berlin #Charlottenburg #Westend #Frankenallee #cinéma #lettres #histoire #nazis #NSDAP

  • L’histoire au service de la #guerre
    https://laviedesidees.fr/L-histoire-au-service-de-la-guerre

    Réécrite, instrumentalisée, défigurée jusqu’à l’abject dans les discours, sanctifiée par la religion, les médias et l’école, l’histoire en #Russie rend la guerre non seulement légitime, mais aussi moralement pure.

    #International #politique_de_mémoire #histoire #propagande
    https://laviedesidees.fr/IMG/pdf/20240702_russie-2.pdf

  • Vor 90 Jahren : Verkürzte Querfront


    https://www.jungewelt.de/artikel/478392.r%C3%B6hm-aff%C3%A4re-verk%C3%BCrzte-querfront.html
    Rivalen bis aufs Messer : Hermann Göring und Ernst Röhm (vor der Feldherrnhalle in München am 9. November 1933) Scherl/picture alliance / SZ Photo

    Il y a exactement 90 ans les nazis réglaient leurs comptes dans une action connue comme la nuit des longs couteaux ou Röhm-Putsch comme l’appellaient les vainqueurs du massacre. C’est la fin de la fraction « ouvrière-socialiste » au sein du parti. Désormais les memebres de l’alliance d’industriels et d’antisemites durcis décidèrent seuls sur le cap du cuirassé allemand.

    Un an auparavant après avoir incendié le Reichstag les terroristes nazis de la SA avaient éliminé leurs adversaires socialistes et bourgeois modérés . Maintenant on fit renter dans les rangs les forces SA du parti nazi. Ce fut le début de la suprématie du moloch SS .

    29.6.2024 von Reinhard Opitz - Im Frühjahr 1934 befand sich das Hitler-Papen-Kabinett in der Krise. Kreise um Kurt von Schleicher schmiedeten Pläne zur Regierungsumbildung. Zur engeren Vorgeschichte des 30. Juni 1934 (Teil 1)

    Vom frühen Morgen des 30. Juni 1934 bis zum 2. Juli regierte in Deutschland der Mord. SS und Gestapo töteten auf Anweisung des Reichskanzlers Adolf Hitler, des preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring und des Chefs der politischen Polizei Heinrich Himmler fast alle höheren SA-Führer, darunter Hitlers Duzfreund, den SA-Stabschef Ernst Röhm, ferner den langjährigen »zweiten Mann« der NSDAP, Gregor Strasser, den früheren Reichskanzler und Reichswehrminister Kurt von Schleicher, dessen engsten Vertrauten General Ferdinand von Bredow sowie Edgar Julius Jung, enger Mitarbeiter von Vizekanzler Franz von Papen. Namentlich nachgewiesen sind 90 Ermordete, insgesamt könnten es bis zu 200 gewesen sein.

    Die Nazipropaganda präsentierte das Vorgehen als präventive Maßnahme gegen einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Putsch durch Röhm. Obwohl es solche Pläne nicht gab, hat sich in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft in (West-) Deutschland der damalige Propagandabegriff »Röhm-Putsch« durchgesetzt. Bis heute hält sich dort hartnäckig die Auffassung, die Mordaktion sei eine persönliche Abrechnung gewesen, ein Streit zweier Flügel innerhalb der NSDAP. Viel spricht indessen dafür, dass die Ereignisse Ausdruck eines Richtungskampfs zwischen den mächtigsten Kapitalgruppen waren und zugleich der Motivation folgten, die Krise der noch nicht konsolidierten faschistischen Diktatur mit einem Gewaltstreich zu beenden.

    Dieser Frage ist vor allem der marxistische Historiker Kurt Gossweiler in seiner 1983 veröffentlichten Monographie »Die Röhm-Affäre. Hintergründe – Zusammenhänge – Auswirkungen« nachgegangen. Etwa zur gleichen Zeit arbeitete aber auch der marxistische Politikwissenschaftler und Historiker Reinhard Opitz an einem Buch über die »Röhm-Affäre«. Opitz, der am 2. Juli 90 Jahre alt geworden wäre, konnte seine Arbeit nicht beenden. Er starb am 3. April 1986. 1999 erschienen im Marburger BdWi-Verlag bis dahin unveröffentlichte Texte aus Opitz’ Nachlass in einer dreibändigen Edition unter dem Titel »Liberalismus-Faschismus-Integration«. Der dritte Band versammelt das Arbeitsmaterial zum Röhm-Buch. Wir veröffentlichen an dieser Stelle in zwei Teilen einen redaktionell leicht gekürzten Abschnitt, der sich mit der engeren Vorgeschichte des 30. Juni 1934 beschäftigt. Opitz hatte zu diesem Abschnitt angemerkt: »vor Abschluss abgebrochene und verworfene erste Langfassung«. (jW)

    Quelle: Reinhard Opitz: Liberalismus – Faschismus – Integration. Edition in drei Bänden, Band III: Die »Röhm-Affäre«, BdWi-Verlag, Marburg 1999, S. 121-141

    #Allemagne #histoire #nazis

    • Niekisch n’a jamais réussi quoi que ce soi et n’a jamais eu de l’influence hors de son petit cercle national-bolchéviste. Il était tellement exotique qu’on ne l’a poursuivi qu’à partir de 1939. Son destin tragique aurait pu sortir droit d’une oeuvre de Camus.

      Ernst Niekisch
      https://en.m.wikipedia.org/wiki/Ernst_Niekisch

      He was allowed to visit Rome in 1935 and held meetings with Benito Mussolini, who told Niekisch that he considered Hitler’s aggressive stances towards the Soviet Union to be foolish and would later discuss opposition groups with the Italian Consul General while Italo-German relations were somewhat strained.

      In 1937, Niekisch and dozens of his colleagues were arrested by the Gestapo for writing articles against the regime. In 1939, Niekisch was found guilty of ’literary high treason by the Volksgerichtshof, along with fellow National Bolsheviks Joseph Drexel and Karl Tröger, and sentenced to life in prison. Following the intervention of his former ally, Jünger, his family could retain his property, but not secure his release. Niekisch remained in prison until April 1945, when he was liberated by the Red Army. By then, he had nearly gone blind.
      Later life
      edit

      Embittered against nationalism by his wartime experiences, he turned to orthodox Marxism and lectured in sociology in Humboldt University in East Germany until 1953 when, disillusioned by the brutal suppression of the workers’ uprising, he relocated to West Berlin, where he died in 1967.

      #national-bolchévisme

  • ‘As complicit as Saddam’ : people on BA flight held hostage in Kuwait sue UK government
    https://www.theguardian.com/world/article/2024/jul/01/as-complicit-as-saddam-people-on-ba-flight-held-hostage-in-kuwait-sue-u
    https://i.guim.co.uk/img/media/aa5055a3a2341230f6df69642b741afca1322c64/0_185_1359_815/master/1359.jpg?width=480&dpr=1&s=none

    Morale de cette histoire : tu ne peux pas faire confiance à ton gouvernement.

    1.6.2024 Haroon Siddique - Claimants who were onboard BA149 claim airline and Thatcher’s government knew of risk before they landed in 1990

    British Airways (BA) passengers and crew taken hostage in Kuwait and used as human shields during Saddam Hussein’s invasion are suing the airline and the UK government.

    The claimants, who were subjected to torture, including mock executions, say they have evidence that BA and the government knew the invasion had taken place hours before the plane landed in Kuwait. They also claim that the flight was used to secretly transport a special ops team for immediate and covert deployment to the battlefield, “regardless of the risk this posed to the civilians onboard”.

    The BA149 flight to Kuala Lumpur, Malaysia, carrying 367 passengers and 18 crew members, arrived for a scheduled stopover at Kuwait International airport on 2 August 1990 as Iraqi armed forces were invading. It was the last commercial flight to do so. Those on board were held captive for up to five months, during which time they were subjected to torture, rape, mock executions, starvation and other abusive practices.

    In 2021, after the release of documents to the National Archives that showed the British ambassador in Kuwait had warned the UK Foreign Office that the invasion was under way before flight BA149 landed, the then foreign secretary, Liz Truss, admitted that the government had covered up the warning for decades.

    She said the warning was not passed on to BA and, in a reference to allegations regarding the presence of special forces, insisted that the government at the time “did not seek to exploit the flight in any way by any means whatsoever”.

    However, lawyers for the claimants say BA did know of the invasion and a covert special ops team was on board.

    Nicola Dowling, 56, a member of cabin crew on flight BA149 who spent about two months in Kuwait, during which time she was deployed as a human shield, said: “Not being believed and denied justice all these years has been hideous. It was all very well for [Margaret] Thatcher to say Saddam Hussein is hiding behind women and children. She bloody well sent us in there, presented us to him on a plate for him to use. She was as complicit in this as he was, as was BA.”

    https://i.guim.co.uk/img/media/53db731836b4f3a6d74ee2159574b26c9831965e/0_16_750_450/master/750.jpg?width=480&dpr=1&s=none
    Nicola Dowling on her first day of training for BA in January 1989. Photograph: supplied

    Dowling, who had been working for BA for 18 months at the time and turned 23 while in Kuwait, told of the moment she thought she was going to die, when being transported to the IBI camp in Fahaheel to be deployed as a human shield.

    “They stopped in the middle of a desert and all the soldiers in the bus surrounded our bus and pointed their rifles at the windows and you could have heard a pin drop,” said Dowling, who lives in Surrey. “All the babies stopped crying and the kids stopped wailing and we thought we were going to be shot. We thought this was a start of reprisals, but we weren’t [shot]. And I don’t know to this day why they stopped in the middle of the desert with their rifles cocked at us.”

    She described conditions at the IBI camp, where British expats were also being held, as “inhumane” and “hideous”, with overflowing excrement everywhere, limited running water and food, and frequent outbreaks of dysentery. She said her late ex-RAF father was so concerned about her that he wrote to Thatcher asking if he could swap places.

    Dowling said BA’s response when she was released was “appalling”. She said she was pressed to return to work as soon as possible because of a shortage of available cabin crew and to resume flying to the Middle East, despite her pleas not to be sent back there.

    She said she was threatened with the sack if she did not comply, so went back to the region once a month for the next 15 years, Like many of her colleagues on BA149, she retired with a medical pension.

    “It was just torturous,” she said. “In the end I was just broken. I was a broken shell.”

    Dowling said the claim for negligence and joint misfeasance in public office, brought by 95 people against the Foreign, Commonwealth and Development Office, the Cabinet Office, the Ministry of Defence and BA, was an attempt to “hold the buggers to account. It’s impacted my life hugely.”

    Matthew Jury, the managing partner of McCue Jury & Partners LLP, which is acting for the claimants, said: “The victims and survivors of flight BA149 deserve justice for being treated as disposable collateral. HMG [her majesty’s government] and BA watched on as children were paraded as human shields by a ruthless dictator, yet they did and admitted nothing. There must be closure and accountability to erase this shameful stain on the UK’s conscience.”

    A coalition of US-led forces liberated Kuwait in 1991 during Operation Desert Storm, also known as the first Gulf war.

    BA and the government have been approached for comment.

    #histoire #guerre #ôtages #Grande_Bretagne #Kuweit #Iraq #thatcherisme #aviation

  • Tax farming
    https://en.wikipedia.org/wiki/Farm_(revenue_leasing)

    La privatisation de la collecte des impôts est une pratique vieille de plusieurs millénaires. Elle compte parmi ses profiteurs le publicain et apôtre du légendaire Jésus un certain Mathieu.

    Matthieu
    https://fr.wikipedia.org/wiki/Matthieu_(ap%C3%B4tre)

    Matthieu est un publicain (percepteur des impôts) à Capharnaüm, responsable peut-être du péage d’Hérode. Il a certainement une instruction plus élevée que les pêcheurs du lac de Tibériade, Pierre et André, ou que Jacques et Jean, les fils de Zébédée. Mais du fait de son métier, il est mal vu des autres Juifs. Les publicains sont perçus sinon comme des traîtres, du moins comme des agents de l’occupant romain.

    Al la fin la sous-traitance privée de la collection des taxes semble avoir contribué à la déstabilisation et la destruction des des structures politiques et économiques de l’empire romain.

    Astérix et le chaudron
    https://fr.wikipedia.org/wiki/Ast%C3%A9rix_et_le_chaudron

    Le récit dans Astérix et le chaudron fait référence à un collecteur d’impôts au titre de questeur alors qu’en fait un tel ne se déplaça que rarement mais vendait aux enchères le droit de collecter les impôts dus à des publicains qui les payaient immédiatement sous forme de crédit tout en collectant des intérêts de la part de l’état.

    Roman Empire

    Tax farming was originally a Roman practice whereby the burden of tax collection was reassigned by the Roman State to private individuals or groups. In essence, these individuals or groups paid the taxes for a certain area and for a certain period of time and then attempted to cover their outlay by collecting money or saleable goods from the people within that area. The system was set up by Gaius Gracchus in 123 BC primarily to increase the efficiency of tax collection within Rome itself but the system quickly spread to the Provinces. Within the Roman Empire, these private individuals and groups which collected taxes in lieu of the bid (i.e. rent) they had paid to the state were known as publicani, of whom the best known is the disciple of Jesus Matthew the Apostle, a publicanus in the village of Capernaum in the province of Galilee. The system was widely abused, and reforms were enacted by Augustus and Diocletian. Tax farming practices are believed to have contributed to the fall of the Western Roman Empire in Western Europe.

    Les premiéres sociétés privées à responsabilité limitée
    https://en.wikipedia.org/wiki/Publican

    The societas publicanorum were probably the first type of limited liability shareholder-owned companies. A legal structure for limiting liability in purely private business activity did not exist at the time. To limit personal liability, which could lead to slavery and the confiscation of all personal property, early entrepreneurs invented the practice of common slave ownership, in which a jointly owned slave served as chief executive officer of the enterprise. As slaves were ’things’ responsible for only their own cost, they liberated the owners of their personal liabilities.

    Taxation in premodern China
    https://en.wikipedia.org/wiki/Taxation_in_premodern_China
    Les dynasties et gouvernements de Chine par contre ont toujours considéré la gestion des impôts comme leur affaire. Il est fort possible que le maintien de ce privilège du côté de l’état ait contribué à la stabilité du système du « mode de production asiatique » pendant 2000 ans.

    The Field System, and the Tax and Corvée System in Ancient China
    https://chiculture.org.hk/en/china-five-thousand-years/4071


    A government tax demand note from the Wanli (萬曆) reign of the Ming dynasty (明朝).

    Mode de production asiatique
    https://fr.wikipedia.org/wiki/Mode_de_production_asiatique

    Wáng Ānshí (王安石, né 1021 ; mort 1086, 南宋朝, Nán Sòng cháo)
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wang_Anshi
    Sous Wáng Ānshí la gestion des revenus et dépenses de l’état a connu une forme planifiée proche des états de providence modernes.

    #Chine #empire_romain #histoire #impôts #privatisation

  • Législatives 2024 : « Jordan Bardella, en ironisant sur la figure de Jean Moulin, a déchiré toute l’image de respectabilité que ce parti prétend offrir aux Français »
    https://www.lemonde.fr/idees/article/2024/06/29/legislatives-2024-jordan-bardella-en-ironisant-sur-la-figure-de-jean-moulin-

    En une exclamation, lors du débat de jeudi 27 juin, le Rassemblement national (RN), par la voix de son chef et prétendant à l’hôtel de Matignon, a déchiré toute l’image de respectabilité que ce parti prétend offrir aux Français. Aux mises en garde du premier secrétaire du Parti socialiste (PS) sur le risque de dénaturalisation des Français d’origine étrangère qu’entraîneraient une victoire du #RN et un gouvernement d’extrême droite, Jordan Bardella a ironisé avec un sourire moqueur et glaçant à la fois : « Ça y est : Jean Moulin est de retour ! »

    Tout est dit. Pas seulement sur l’idée que l’extrême droite se fait de Jean Moulin et de la Résistance ramenés au statut de bon mot. Mais aussi, sur l’obsession qu’entretient le RN pour le passé de la lutte contre le nazisme et pour la collaboration. Et même, tout est dit sur le rapport de la formation de Marine Le Pen avec l’#histoire.
    Jordan Bardella se paie effectivement le luxe d’un bon mot, avec un net contentement personnel, saisissant l’occasion de ridiculiser ce Nouveau Front populaire parti à l’assaut du nouvel ennemi fasciste et nazi qu’incarnerait aujourd’hui le RN. Pour lui, cette coalition de gauche vit dans le passé et dans l’incantation, avec quelques icônes qui n’appellent que le mépris.

    Inculture historique et politique

    En agissant ainsi, le premier ministre autodésigné (en cas de victoire électorale) révèle son inculture à la fois historique et politique. Historique, parce que la recherche sur Jean Moulin a bien établi son rôle capital dans la Résistance, dans la libération et la refondation de la France auxquelles le conseil national de la Résistance [organisme, fondé par Jean Moulin en 1943, qui dirige et coordonne les différents mouvements de la Résistance intérieure française pendant la seconde Guerre mondiale] apporte une contribution majeure – on peut renvoyer Jordan Bardella vers le musée Jean Moulin ou vers celui de l’ordre de la Libération, ou à de très nombreuses études particulièrement documentées.

    Politique, parce que l’exemple et la figure de Jean Moulin ont été un ciment de l’histoire nationale post-seconde guerre mondiale, de la gauche libertaire et communiste aux gaullistes en passant par les socialistes – dont Léon Blum et André Philip – et les radicaux comme Pierre Mendès France. Rappelons à cet égard la préface que le général de Gaulle, en 1947, donne au recueil posthume de son délégué général, Premier combat , et bien sûr le discours qu’André Malraux délivre le 19 décembre 1964 pour le transfert de ses cendres au Panthéon.

    Ce qui apparaît aussi est l’obsession refoulée du RN pour ce passé de la seconde guerre mondiale. On peut le comprendre puisque le Front national, formation d’origine du RN, a été fondé en 1972 par des anciens collaborationnistes et Waffen-SS. C’est un passé qui ne passe pas et qui même ressurgit, alors que le débat ne portait pas sur le sujet. Mais Jordan Bardella ne résiste pas au bon mot, preuve que ce passé du Front national est vivant et actif, qu’il n’a en rien été dépassé, malgré les discours rassurants de l’actuelle direction du RN.

    L’histoire comme jouet idéologique

    Enfin, le bon mot de Jordan Bardella en dit long sur le rapport du RN avec l’histoire, un rapport de destruction, renvoyant ce parti dans l’#extrême_droite qu’il n’a jamais quittée. Convoquer Jean Moulin pour s’en gausser signifie ne rien reconnaître de ce que l’histoire peut enseigner au présent et aux sociétés. L’enseignement de Jean Moulin n’existe plus avec le RN. On peut le comprendre, puisque la vérité sur Jean Moulin jette un discrédit définitif sur ses racines historiques.

    Pour sortir de l’impasse, Jordan Bardella se débarrasse de l’histoire. Mais il brise dans le même temps tout ce qu’elle apporte à nos concitoyens, à savoir la connaissance d’une identité démocratique commune, le sens d’une appartenance nationale, l’accès à une conscience politique. Tout cela disparaît, et en premier lieu ce que Jean Moulin nous dit de notre relation à l’histoire. En pleine occupation nazie et vichyste, il partage avec son futur secrétaire Daniel Cordier, l’aveu d’une « enfance républicaine » marquée du souvenir de l’affaire Dreyfus. Pour s’en convaincre, il suffit d’ouvrir des livres (Alias Caracalla, Gallimard, 2009).

    Fort de cette conception de l’histoire comme d’un jouet idéologique, Jordan Bardella rejoint ici Eric Zemmour dans une même négation, ouvrant toutes les possibilités en matière de manipulations et même de falsifications (voir, à ce sujet, les ouvrages Zemmour contre l’histoire, Tracts n °34, 2022, et Comment Zemmour falsifie l’histoire, Atlande, 2022). L’extrême droite a cru enterrer Jean Moulin dans le sarcasme. A la veille d’élections capitales pour le pays, l’extrême droite nous ouvre surtout les yeux sur ses objectifs de destruction des savoirs de la France démocratique. Effectivement, « Jean Moulin est de retour ». Mais avec une histoire qui n’est pas prête de mourir, avec son cortège de Françaises et de Français qui n’ont pas failli.

    Vincent Duclert est historien, chercheur au CESPRA (EHESS-CNRS), éditeur d’En attendant la victoire. Messages au général de Gaulle et à la France Libre (Gallimard, 288 pages, 9,40 euros).

  • Deserteur der US-Armee in der DDR : Was steckte dahinter ?
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/deserteur-der-us-armee-in-der-ddr-li.2224728

    Entre 1949 et 1961 au moins 200 soldats états-uniens ont demandé l’asyle politique en RDA/DDR. Parmi eux il y avait des agents doubles. La première phase de la guerre froide a été une sombre époque.

    29.6.2024 von Peter Köpf - Ein Soldat desertiert 1954 aus der U.S. Army und flüchtet in die DDR. Was suchte er bei den Kommunisten? Und weshalb verliert sich seine Spur neun Jahre später?

    Dass Soldaten aus kommunistischen Staaten in den Westen überliefen, weiß jeder Mensch. Dass Soldaten aus westlichen Armeen in die DDR türmten, war lange weitgehend unbekannt. Einige von ihnen hatten gute Gründe: Die einen hatten die Armee bestohlen oder waren zu spät in die Kaserne zurückgekehrt, andere wollten nicht auf den asiatischen Schlachtfeldern sterben oder – wie einige Afroamerikaner – unbehelligt von ihren Kameraden ihre Liebe zu deutschen Frauen leben.

    Ich habe zwei Jahre lang in den Archiven des DDR-Innenministeriums und der Staatssicherheit gesucht und die Akten von etwa 200 Überläufern gefunden, die allein bis zum Mauerbau in der DDR um Asyl baten. Einer von ihnen war William D. Adkins, Erkennungsnummer 01882212.

    Am 12. Januar 1954, sieben Tage vor seinem 23. Geburtstag und 17 Tage vor seiner Entlassung aus der U.S. Army, marschierte der Lieutenant zur sowjetischen Garnison in Amstetten, Österreich, und bat um politisches Asyl.

    Adkins begründete diesen Schritt damit, dass er „nicht einverstanden sei mit der aggressiven Außenpolitik der USA, mit den Handlungen des Senators McCarthy in der amerikanischen Armee und mit der Rassendiskriminierung in den USA“. Er werde so lange kämpfen, „bis die USA befreit von den heutigen Regenten und ein wirklich demokratischer Staat geworden sind“.

    Das Verrückteste daran war, dass Adkins sein Lager in Moskau aufschlagen wollte; denn da wollte er hin, in die Sowjetunion, um dort zu lernen und zu arbeiten. „Ich spüre, dass das kapitalistische System, bei dem ein paar mächtige Millionäre die Regierung völlig kontrollieren, falsch ist“, schrieb er in jenen Winterwochen in seinen Asylantrag. Sollte er die Erlaubnis erhalten, die Doktrinen der Kommunistischen Partei und der Sowjetunion zu studieren, so wäre er zu weitreichenden Gegenleistungen bereit: „Ich biete Ihnen meine Dienste im sowjetischen Militärgeheimdienst an. Dort könnte ich am nützlichsten sein.“

    Das klingt alles ein bisschen dick aufgetragen, und vollends pathetisch geriet ihm ein Abschiedsbrief, den er in sowjetischem Gewahrsam schrieb. Er war adressiert an „Mom“, die Mutter der Frau, die er gern geheiratet hätte, Patricia. „Wären Pat und ich ein Paar gewesen, keine Macht der Welt und kein Glauben hätte es vermocht, mich von ihr zu trennen“, schrieb er. „Aber es ist anders gekommen, und nun bin ich hier.“

    Adkins schien auf ein Leben an der Seite von Pat gehofft zu haben. Aber nun war sie schwanger von einem anderen Mann. Diese Nachricht erschütterte Adkins anscheinend so sehr, dass er nicht mehr heimkehren wollte. Liebe verleitet Menschen zu den verrücktesten Taten. Verschmähte Liebe auch.

    „Mom, ich habe Pat immer geliebt und ich glaube, ich werde sie immer lieben“, schrieb er. Aber nach deren Brief sei ihm klar geworden, „dass all meine Bande mit der westlichen Welt getrennt waren. Ich konnte sie nicht haben, also konnte ich mit meinem Leben nur noch eines anfangen: Ich konnte mein Leben nur noch einer Sache widmen, an die ich glaube. Ich weiß, es klingt für dich unvernünftig, aber hier habe ich eine Gruppe von Menschen gefunden, die meine Überzeugungen teilen. Hier in meiner neuen Heimat habe ich ein Volk gefunden, das Frieden wirklich herbeisehnt.“


    Armeepass von William Adkins bei der U.S. Army Privat

    „Ich werde dann ein Offizier der Armee sein, welche die USA befreit“

    Adkins wusste, dass die Armee und alle Menschen, die er kannte, seine Tat verurteilten. Ihm war völlig klar, dass junge Männer, mit denen er befreundet oder gar verwandt war, in Korea genau das bekämpften, woran er jetzt glaubte. „Ich glaube daran, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ein großes Land sind“, schrieb er, „aber ich denke, sie haben zurzeit die falschen Führer.“ Und er, so muss sein Brief gelesen werden, wähnte sich als ein Mann, der dazu beitragen wollte, das zu ändern: „Möge es mir eines Tages erlaubt sein, in die sowjetrussische Armee einzutreten, dann werde ich sie wiedersehen. Ich werde dann ein Offizier der Armee sein, welche die USA befreit.“

    Einige Wochen später fand er sich in einer mehrstöckigen, braungrau verputzten Villa an einem See wieder. Es war zwar kein Gefängnis, aber die unteren Fenster waren durch Eisengitter gesichert, das Grundstück von einer hohen Mauer umgeben. Nach einer Weile kam ein kleiner Mann mit Brille herein und stellte sich in passablem Englisch mit deutlichem Akzent als „Dr. Huber“ vor. Da wusste Adkins, dass die Russen ihn den Deutschen übergeben hatten.

    Adkins wütete und zürnte Russen und Deutschen gleichermaßen wegen dieser eklatanten Missachtung seines Willens. Mit allen osteuropäischen Staaten wäre er einverstanden gewesen, nur damit nicht. Er habe „Hochverrat begangen“, erklärte er, indem er Militärgeheimnisse verraten habe; das könne in den USA die Todesstrafe bedeuten. Er müsse weg, weiter nach Osten, verlangte er. „In (Ost‑)Deutschland wäre ich Agenten der USA ausgesetzt, die in dieses Land eindringen. Ich lebte hier in ständiger Gefahr, entführt zu werden. Und später, wenn Deutschland wieder vereinigt ist, wäre ich wieder der Kontrolle der USA ausgesetzt.“

    Nachdem Adkins, sehr widerborstig, in dem Haus am See zwei Monate seines Lebens – wie er damals fand – verschwendet hatte, bot „Dr. Huber“ ihm eine attraktive Alternative zur Sowjetunion an, und der Amerikaner nahm das Angebot an, obwohl es seinen Plänen nicht entsprach.

    Am 14. Mai 1954 um 8 Uhr stieg er in einen Wagen und fuhr mit „Dr. Huber“ nach Dresden. Er hieß nun nicht mehr William D. Adkins, geboren am 19. Januar 1931 in Indianapolis, sondern „Jack Forster“, geboren am 1. Januar 1930 in New York City. Erich Mielke, Stellvertreter von Staatssicherheitschef Ernst Wollweber, gewährte ihm monatlich 500 D-Mark, mehr als ein Durchschnittsgehalt, mehr, als jeder andere berufstätige Deserteur erhielt. Dafür schrieb er in einem Hotel in Karl-Marx-Stadt Seite auf Seite über das Leben in den USA und über Aufbau und Struktur der United States Armed Forces, Berichte von „hohem operativem Wert“, wie „Dr. Huber“ urteilte.

    „Jack Forsters“ erster Einsatz

    Und dann hatte „Jack Forster“ seinen ersten Einsatz. In einem konspirativen Haus der Stasi in Dresden traf er einen Amerikaner, der im Mai 1954 betrunken über die Demarkationslinie getaumelt und sofort von drei Grenzsoldaten aufgegriffen worden war. Sein Pech war, dass die Stasi ihn verdächtigte, als Mitglied des amerikanischen Militärgeheimdienstes CIC in die DDR geschickt worden zu sein.

    Nach drei Wochen Vernehmung brachte „Dr. Huber“ den Amerikaner nach Bautzen. Hier, in einer alten Gründerzeitvilla, nicht weit vom Zentrum, aber weit von der Grenze zum Westen, sollte er bald zur Schule gehen, um die Sprache und die Grundzüge des Marxismus-Leninismus zu lernen. Schon am ersten Abend entschloss sich der Amerikaner, mit den 30 Mark, die „Dr. Huber“ ihm überlassen hatte, die Stadt auszukundschaften. Zu seiner Überraschung traf er dort eine ganze Kompanie weiterer Deserteure. Viele der Männer waren unzufrieden.

    Schnell erfuhr er, dass weder das Stipendium noch der Lohn für Arbeit ihm ein Leben nach seinen Vorstellungen ermöglichen würde, dass er den Landkreis nicht verlassen durfte, dass die meisten Männer tranken und einige hurten, er verachtete die einheimischen Frauen, die es sogar mit den „Negern“ trieben, und er beschloss, nicht lange hier zu bleiben. Das behielt er nicht für sich, sondern sagte es jedem, der es hören wollte.

    Nach nur zwei Wochen saß der Amerikaner wegen einer Kneipenschlägerei im Gefängnis, bald in einem Dresdner Filtrationspunkt der Stasi, wo „Dr. Huber“ hoffte, ihn mithilfe eines Zelleninformators enttarnen und seine Kommunikationskanäle auskundschaften zu können. Dazu schickte er „Jack Forster“ in die Nebenzelle. Der Amerikaner fasste schnell Vertrauen. Er beichtete seinem neuen Kumpel eine Reihe von Kriegsverbrechen, an denen er als Soldat der U.S. Army in Asien beteiligt gewesen war. „Forster“ gab dieses Wissen auftragsgemäß weiter. Außerdem informierte er die Stasi über den Plan, gemeinsam zu flüchten.

    Es war Sonntag, der 31. Oktober 1954, 20 Uhr, als der Amerikaner versuchte, in seinem Zimmer eine der Hauswachen zu überwältigen und zu entwaffnen. Doch ein zweiter Stasi-Bediensteter, der draußen gewartet hatte, eilte herbei. Die Flucht war schnell unterbunden. Die Dresdner Genossen konnten Vollzug melden: „Die Aktion am gestrigen Abend wurde genau nach Plan durchgeführt.“

    „Jack Forster“ erhielt eine Prämie von 1000 Mark, „für meine Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheit-Department der Deutschen Demokratischen Republik“, wie er quittierte. „Durch meine Hilfe war es möglich, einen Feind der DDR unter Arrest zu nehmen. In Zukunft werde ich mit dem Staatssekretariat für Staatssicherheit kooperieren, wann immer Hilfe nötig ist. William D. Adkins ‚Jack Forster‘.“
    „Ich werde helfen, die DDR gegen diese Volksfeinde zu schützen.“

    Der Amerikaner dagegen saß bis Februar 1957 im Gefängnis in Waldheim in Sachsen. In den Stasi-Akten finden sich Briefe seiner Ehefrau. „How are you, baby?“, erkundigte sie sich Anfang Januar 1955 nach seinem Befinden. „Fine I hope. Ich war so besorgt um dich. Uns allen geht es gut. Jackie ist schon so groß und er gleicht dir sehr. Donna ist auch in Ordnung, und der kleine William jr. versucht zu gehen und ruft nach ‚Daddy‘. Bill, ich vermisse dich so. … Kann ich dir irgendetwas schicken, was du brauchst? Dann lass es mich wissen. Ich liebe dich. Deine Frau und drei Babys, Peggy, Jackie, Donna und William – ganz allein …“


    Aufenthaltserlaubnis von „Jack Forster“ in der DDR imago

    Am 18. Januar 1955 schrieb sie erneut, am 3. Februar setzte sie einen Lippenstiftkuss aufs Papier. Alles vergebens. Er bekam die Briefe nicht zu Gesicht, und sie sollte lange Zeit nichts von ihrem Ehemann hören. „Jack Forster“ raubte drei Kindern den Vater und einer Frau den Ehemann.

    Offenbar zufrieden mit seinem neuen Leben, bat Adkins die Regierung der UdSSR, ihm zu erlauben, für immer in der DDR zu bleiben. Er wolle endlich ein normales Leben beginnen und arbeiten. Und er war bereit, weiter für die Stasi zu arbeiten: „Ich weiß, dass die Agenten der feindlichen Geheimdienste liquidiert werden müssen, weil sie Kriminelle sind, eingesetzt von den Feinden der Völker mit dem Ziel, einen neuen Weltkrieg vorzubereiten. Ich werde helfen, die DDR, die mir eine neue Heimat gegeben hat, gegen diese Volksfeinde zu schützen.“ Am 22. Dezember 1954 ließ er sich auch formal verpflichten und wählte den Decknamen „James Duke“.

    In den ersten Monaten 1955 vervollständigte „James Duke“ umfangreiche Handakten über das Leben in den USA und über die U.S. Army, nahm – von der Stasi bezahlt – privaten Sprachunterricht und horchte mindestens zwei weitere Männer aus, die wie er aus dem Westen gekommen waren.

    Im September schrieb er sich an der Universität in Leipzig als „John Reed“, geboren am 11. Juni 1930 in Rock City, Georgia, für das Fach Journalistik ein – er wählte also den Namen jenes amerikanischen Journalisten, der 1919 die Kommunistische Partei der USA gegründet hatte. Später arbeitete er als Funkreporter beim Deutschen Demokratischen Rundfunk in Berlin-Oberschöneweide, wo er Programme für Angehörige der U.S. Army gestaltete und als „fähiger Redakteur und Sprecher“ galt. Sogar eine Nebenrolle in einem DEFA-Film bekam er: in „For Eyes Only“, in dem die USA einen Krieg gegen die DDR planen.

    Plötzlich verschwindet Adkins in den Westen

    Doch 1963 tauchte Adkins zeitweise ab. Im März meldete seine letzte Lebensgefährtin, hochschwanger, bei der Polizei „John Reeds“ Verschwinden, drei Wochen später auch beim MfS. In einer Akte ist lakonisch vermerkt: „Nach ihrer Meinung zeigte man aber auch dort nicht viel Interesse.“ Auch seine Ex-Frau gab Ende April eine Vermisstenanzeige auf, ohne dass etwas geschah.

    Im Mai 1963 schließlich war „John Reed“ tatsächlich fort. Er war wieder „nach drüben“ gegangen. Wie er das anstellte, darüber kann Jörg Brandi Auskunft geben, damals Student an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU Berlin – und Fluchthelfer.

    Am 4. Mai stand er mit „John Reed“ und „Kitty“, dessen neuester Freundin, an einer Litfaßsäule am S‑Bahnhof Friedrichstraße. Nach einer Weile sprach Brandi einen Westdeutschen an, fragte, ob er in der DDR mal etwas Besonderes erleben wolle. Der 31-Jährige ließ sich darauf ein. Im Lokal Quelle am Tor in der Oranienburger Straße stießen „Reed“ und „Kitty“ dazu, gemeinsam feierten sie bei reichlich Alkohol eine kleine Wirtshausparty. Schließlich luden die drei den Mann aus Bremerhaven ein, das Fest in privatem Rahmen fortzusetzen. Sie gingen zu Fuß nach Prenzlauer Berg und betraten eine Wohnung, die angeblich einem abwesenden Bekannten von „Kitty“ gehörte. Dort mischte sie in der Küche zwei Tabletten Kalypnon in eine Tasse Kaffee.

    Auf Leben und Tod: Mit dem DDR-Fluchthelfer in den Westen

    Als der Westdeutsche schlief, nahm „John Reed“ dessen Reisepass, den Tagespassierschein, 15 Mark und einige Kleidungsstücke an sich und begab sich zur Grenzkontrollstelle Friedrichstraße. Keiner der Grenzposten im sogenannten Tränenpalast schöpfte Verdacht. Um 19.39 Uhr drückte einer von ihnen einen Stempel auf die Papiere des vermeintlichen westdeutschen Mehrfacheinreisenden, dann summte der Türöffner, und der Mann, der neun Jahre zuvor als William Adkins angeblich seine große Liebe verloren und dann beschlossen hatte, sein Leben der letzten Sache zu widmen, an die er noch glaubte, dem Sozialismus, ging zu den Gleisen der Nord-Süd-Bahn, stieg ein und fuhr in Richtung Kreuzberg. William Adkins alias „Karl Forster“ alias „John Reed“ gehörte wieder zum Lager des „freien Westens“.

    Am folgenden Tag traf Brandi ihn im Leierkasten an der Zossener Straße im Westbezirk Kreuzberg. Nach diesem Kneipentreffen verliert sich „John Reeds“ Spur. Weder seine Ex-Frau, die Unterhalt für die kleine Tochter beanspruchte, noch 20 Jahre später die inzwischen erwachsene Tochter konnten ihn finden. Der Mann, dessen ursprüngliches Ziel Russland und alternativ die vietnamesische Volksbefreiungsarmee gewesen war, blieb verschollen.

    Seine Militärakte endet mit dem Tag, an dem sein Status lautet: „Dropped from the Rolls of the United States Army“ (Aus dem Bestand der U.S. Army gelöscht). Laut dem National Personnel Records Center dauerte Adkins’ Militärdienst fünf Jahre. Die vierte und letzte Station im Hauptquartier der U.S. Forces Austria in Wels, wo er als Supply Officer eingetragen war, dauerte vom 26. Juni 1952 bis 29. Januar 1954. Allerdings endet der Dienst laut Chronological Record of Military Service am 11. Januar, dem Tag vor seiner Desertion in Amstetten, Österreich. Die letzte Zeile beginnt mit dem Datum 12. Januar, dahinter fehlt jeglicher Eintrag. Von einem Militärgerichtsverfahren ist nichts bekannt, weder zum Namen Adkins noch Reed, auch eine Fotografie fehlt in der Akte.

    War Adkins in Wirklichkeit ein Agent der USA?

    Nur wenige Menschen könnten verlässlich sagen, was William D. Adkins wirklich dazu bewogen hat, sein Leben gen Osten zu werfen: er selbst und eventuell diejenigen, die ihn dazu veranlasst haben. In den Stasi-Akten ist vermerkt, dass „John Reed“ zuvor Kontakt zur amerikanischen Botschaft in Ost-Berlin aufgenommen hatte. Und so könnte die Aussage seiner ehemaligen Ehefrau aus dem Jahr 1982 eine Erklärung für sein Verschwinden liefern, nämlich „dass ihr geschiedener Mann als Agent für den CIC gearbeitet hat“.

    Was, wenn Patricia und Mom, die Adressatin seines rührenden Briefs, gar nicht existierten? Dann wäre William Adkins’ pathetisches Schreiben für jene bestimmt gewesen, in deren Akten es tatsächlich hängen blieb: die östlichen Dienste. Und Adkins hätte erreicht, was es bezweckte: Glaubwürdigkeit für einen Agenten.

    Was aber, wenn Mom und Patricia doch keine Hirngespinste waren, nicht Teil einer Legende? Haben sie ihn vermisst? Oder hat William Adkins – versorgt mit einer neuen, seiner vierten Identität nach Adkins, Forster, Reed – sich nach dem 4. Mai 1963 bei Pat gemeldet? Diese Fragen könnten nur die Beteiligten beantworten, sofern sie noch leben. Die Archive geben darüber keine Auskunft.

    Peter Köpf, 63, hat zahlreiche Biografien („Stoiber“, „Die Burdas“) und Sachbücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Zana Ramadani „Woke. Wie eine moralisierende Minderheit unsere Demokratie bedroht“ und im April 2024 zusammen mit Elmar Brok „Verspielt Europa nicht!“. Die Geschichte von William Adkins und zahlreicher weiterer Überläufer hat er in seinem Buch festgehalten: „Wo ist Lieutenant Adkins? Das Schicksal desertierter Nato-Soldaten in der DDR“, erschienen 2013 bei Ch. Links.

    Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

    #histoire #USA #DDR #Autriche #guerre_froide #espionnage

  • Bekenntnisse deutscher Normalos von 1934 jetzt online : „Warum ich Nazi wurde“
    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/bekenntnisse-deutscher-normalos-von-1934-jetzt-online-warum-ich-naz

    Les votants de droite ont de fausses bonnes raisons. En 1934 un concours d’écriture a produit des centaines de témoignages qui racontent les raisons "pourquoi je suis devenu national-socialiste".

    On peut consulter ces documents en ligne.

    Nazi Biograms
    https://oac.cdlib.org/findaid/ark:/13030/tf3489n5vz/entire_text

    Der Führer erwiderte die starke Zuwendung der Frauen unter anderem, indem er zum ersten deutschen Gender-Politiker wurde: Kein Politiker vor ihm (und lange, lange nach ihm) begann seine Reden konsequent mit der Anrede „Volksgenossinnen und Volksgenossen“.
    ...
    Aus dem vielfältigen Panoptikum deutschen Lebens destilliert Wieland Giebel, der Herausgeber des Bandes, einige zentrale Motive heraus, die in den autobiografischen Einsendungen in der einen oder anderen Form immer wieder auftauchen. An erster Stelle die zündende Idee der harmonischen Volksgemeinschaft. Hitler habe, das sieht Giebel auch von diesen Selbstzeugnissen bestätigt, nicht nur die erste Volkspartei gegründet, er habe sie erfunden: „Eine Partei, die nicht an katholisch oder evangelisch gekoppelt ist, die nicht regional auftritt, die nicht für eine bestimmte Klasse da ist wie die KPD für das Proletariat.“

    Die Abel-Sammlung belegt, wie verhasst der als destruktiv empfundene Parteienstreit der Weimarer Republik war. Auffällig tritt die massenhafte Irritation angesichts des Revolutionschaos von 1918 bis 1923 hervor. Viele Einsender teilten diese als höchst negativ empfundene Erfahrung. Und kein starker Mann weit und breit, der ordnen und führen konnte – 15 Reichskanzler sah das Volk in der Weimarer Zeit kommen und gehen. Bis Hitler erschien und mit dem Versöhnung verheißenden Satz faszinierte: „Sie müssen sich einander wieder verstehen lernen, die Arbeiter der Stirn und der Faust. Keiner kann ohne den anderen bestehen.“

    #nazis #histoire #Allemagne

  • Köpenicker Blutwoche im Juni 1933: Anwohner hörten die Schreie der Folteropfer der SA
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/koepenicker-blutwoche-im-juni-1933-anwohner-hoerten-die-schreie-der


    Eine Ehrenwache der SA für zwei Mitglieder, die in der sogenannten Köpenicker Blutwoche von einem der Opfer, Anton Schmaus, in Notwehr erschossen wurden. Das Bild zeigt das Haus der Familie Schmaus in der heutigen Schmausstraße, damals Alte Dahlwitzer Straße in Berlin-Köpenick. (Aufnahmedatum: 22.6.1933–30.6.1933)

    26.6.2024 von Sonja Dubbke - Das Amtsgericht in Köpenick besticht mit seiner hübschen Fassade. Doch die SA beging hier schreckliche Verbrechen. Die Zivilgesellschaft versagte.

    Ich stehe vor einem schönen, gründerzeitlichen Bauwerk. Mich beeindruckt diese neugotische Architektur mit den hohen Türmen, Spitzbögen, der verzierten und in dezenter Farbe gehaltenen Fassade. Die repräsentative Ausstrahlung wird durch die roten Dachziegel noch unterstrichen. Historische Gebäude üben auf mich eine besondere Faszination aus. Sie erzählen Geschichten über Menschen, die sie erbauten, spiegeln den Zeitgeist ihrer Epoche wider.

    Dass, und warum dieses Amtsgericht mit seinem Gefängnistrakt über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde, hat allerdings nichts mit seiner gründerzeitlichen Schönheit oder spektakulären Urteilen zu tun.

    An diesem so ansehnlichen Ort spielte sich im Hof Schreckliches ab. Vom 21. bis zum 26. Juni 1933 wurde er zum Hauptschauplatz der „Köpenicker Blutwoche“, eines der düstersten Kapitel unserer deutschen, nicht nur der Köpenicker, Geschichte. Zu einem Totalversagen der Zivilgesellschaft.

    Im Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Der Deutsch-Nationale Kampfring wurde aufgrund angeblicher marxistischer Unterwanderung reichsweit verboten. Unmittelbar danach breitete sich der Terror der paramilitärischen SA sowie Einheiten der SS gegen nationalsozialistische Gegner im ganzen Land aus.

    Am 1. Juni 1933 beschlagnahmte die SA das Gebäude des Amtsgerichts und richtete im viergeschossigen Gefängnistrakt in seinem Hofgelände, unter Leitung von SA-Sturmbannführer Herbert Gehrke, das Stabsquartier ein. Seinem Sturmbann 15 gehörten 3000 Köpenicker an. Dazu kamen noch die Angehörigen der SS. Die Gefängniskapelle wurde zur Folterstätte.

    Rund 500 Köpenicker Bürgerinnen und Bürger, teils jüdischen, teils christlichen Glaubens, Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten, Sportler, Junge und Alte wurden von der SA gequält, gefoltert und für ein Leben lang physisch und psychisch verletzt, sofern sie die Grausamkeiten überlebt hatten.

    Die Anwohner wussten von den Folteropfern

    Darunter bekannte Menschen wie Johannes Stelling, früherer Ministerpräsident des damaligen Freistaats Mecklenburg-Schwerin (SPD), und Paul von Essen, Sekretär des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes, sowie der parteilose jüdische Fabrikant Dr. Georg Eppenstein.

    Die extreme Brutalität während der „Köpenicker Blutwoche“ kann der Öffentlichkeit nicht verborgen geblieben sein. Menschen wurden auf offener Straße verhaftet, aus ihren Häusern und Geschäften gezerrt, ermordet. Die verzweifelten Schreie der Gequälten waren in der Umgebung zu hören. All das geschah also nicht irgendwie im Geheimen, sondern in aller Öffentlichkeit, vor den Augen der Bürger und Bürgerinnen. Die Schreie der Folteropfer waren auch auf den anliegenden Straßen und in den Wohnhäusern zu hören.


    Die Gedenkstätte „Köpenicker Blutwoche“ in der Puchanstraße 12 in Köpenick Foto Uwe Steinert/imago

    Wie brutal Täter der SA vorgingen, zeigen die Obduktionsberichte. Über das KPD-Mitglied Josef Spitzer heißt es: „Dieser Mann hat viele auf stumpf einwirkende Gewalt (Stock, Gummiknüppel?) zurückzuführende Verletzungen am Gesäß und Beinen mit erheblichen Blutungen in das darunter liegende Gewebe erlitten (…). Der Rücken war von oben bis zu den Fersen ohne Haut, das nackte, blutige Fleisch guckte heraus.“

    23 Ermordete sind heute namentlich sicher nachgewiesen, doch die Zahlen dürften viel höher sein. Bei einigen Opfern konnte die Identität nicht völlig geklärt werden. Rund 70 Menschen gelten als vermisst, da ihr Tod sich nicht amtlich nachweisen ließ. Eine Reihe von Opfern wurden in Plastiksäcken in die Dahme geworfen oder im Wald abgelegt.

    Die Hauptverantwortlichen der „Köpenicker Blutwoche“ wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges vor Gericht gestellt. Im Juni 1947 mussten sich vier SA-Angehörige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor der 1. Großen Strafkammer in Berlin-Moabit verantworten. Die Richter verhängten gegen zwei Angeklagte eine Haftstrafe von acht Jahren und 18 Monaten, eine Angeklagte wurde freigesprochen, ein Angeklagter entzog sich dem Prozess durch Flucht. In einem weiteren Prozess wurden 1948 zwei SA-Leute zu einer Haftstrafe von 15 Jahren und einer zu sechs Monaten verurteilt.

    Im dritten und letzten Prozess 1950, der vor dem Ost-Berliner Landgericht stattfand, waren 61 Personen angeklagt, von denen aber nur 32 anwesend waren. 400 Zeugen mussten vernommen werden. Der Hauptverantwortliche, SA-Sturmbannführer Herbert Gehrke, galt als verstorben. 16 Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, 13 zu lebenslänglicher Haft, die anderen Angeklagten zu Freiheitsstrafen zwischen fünf und 25 Jahren. Sechs Todesurteile wurden vollstreckt. Ein Angehöriger dieser Verurteilten betrieb 1992 eine Wiederaufnahme des Verfahrens mit der Begründung, es habe sich um einen stalinistischen Schauprozess gehandelt. Erfolglos.

    Gedenktafeln und Stolpersteine, Straßen, die nach den Opfern dieser Gewaltexzesse benannt sind, sollen uns auch an eine Zeit erinnern, in der es lebensgefährlich sein konnte, aufrichtig und geradlinig zu bleiben. Menschen, die nichts Gutes mit der Demokratie vorhaben, gibt es leider auch noch heute. Auch deswegen sollten wir uns nicht von schönen Fassaden blenden lassen. Das gilt für Gebäude ebenso wie für Sonntagsreden.

    Sonja Dubbke, Jahrgang 1950, schreibt seit Jahren ehrenamtlich für Seniorenmagazine und ist gewähltes Mitglied einer Sondersozialkommission beim Bezirksamt Treptow-Köpenick .

    #Berlin #Köpenick #Puchanstraße #Schmausstraße #Alte_Dahlwitzer_Straße #histoire #torture #nazis

  • La recherche internet du jour : « site:mlwerke.de Bürgerkrieg in Frankreich »
    https://duckduckgo.com/?q=site%3Amlwerke.de+B%C3%BCrgerkrieg+in+Frankreich&t=fpas&ia=web

    Résultat (par exemple) :
    Friedrich Engels, Einleitung [zu « Der Bürgerkrieg in Frankreich » von Karl Marx (Ausgabe 1891)]
    http://www.mlwerke.de/me/me22/me22_188.htm

    Avec le Nouveau Front Populaire nous ne verrons pas de tentative de démocratisation radicale comme au printemps 1871. Suite à son succès électoral la France ne quittera pas l’OTAN et continuera à livrer des armes aux marionettes états-uniennes afin de nuire à la Russie. Ses membres n’introduiront aucune réforme fondamentale qui changerait la vie des Françaises et Français comme en 1936. Le programme social-démocrate qui a fait élire comme président François Mittérand était plus radical que le vague compromis de 2024 qui doit faire barrage à l’extrême droite.

    C’est le moment pour se rappeller les actes et idées dont le peuple français est capable. Voilà ce que dit le « général » Engels vingt ans après le soulèvement de la commune de Paris.

    Traduction française
    https://www.marxists.org/francais/engels/works/1891/03/fe18910318.htm

    ...

    Ich schicke der obigen längern Arbeit die beiden kürzern Ansprachen des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg voraus. Einmal, weil auf die zweite, die selbst ohne die erste nicht durchweg verständlich, im „Bürgerkrieg“ verwiesen wird. Dann aber, weil diese beiden ebenfalls von Marx verfaßten Ansprachen nicht minder als der „Bürgerkrieg“ hervorragende Probestücke sind von der wunderbaren, zuerst im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ bewährten Gabe des Verfassers, den Charakter, die Tragweite und die notwendigen Folgen großer geschichtlicher Ereignisse klar zu erfassen, zur Zeit, wo diese Ereignisse sich noch vor unsern Augen abspielen oder erst eben vollendet sind. Und endlich, weil wir in Deutschland noch heute unter den von Marx vorausgesagten Folgen jener Ereignisse zu leiden haben.

    Oder ist es nicht eingetroffen, was die erste Ansprache sagt, daß, wenn der Verteidigungskrieg Deutschlands gegen Louis Bonaparte ausarte in einen Eroberungskrieg gegen das französische Volk, alles Unglück, das auf Deutschland fiel nach den sogenannten Befreiungskriegen, wieder aufleben werde mit erneuter Heftigkeit? Haben wir nicht weitere zwanzig Jahre Bismarckherrschaft gehabt, statt der Demagogenverfolgungen das Ausnahmegesetz und die Sozialistenhetze, mit derselben Polizeiwillkür, mit buchstäblich derselben haarsträubenden Gesetzauslegung?

    Und hat sich nicht buchstäblich bewährt die Voraussage, daß die Annexion Elsaß-Lothringens „Frankreich in die Arme Rußlands hineinzwingen“ werde, und daß nach dieser Annexion Deutschland entweder der offenkundige Knecht Rußlands werden oder sich nach kurzer Rast zu einem neuen Krieg rüsten müsse, und zwar „zu einem Racenkrieg gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen“? Hat nicht die Annexion der französischen Provinzen Frankreich in die Arme Rußlands getrieben? Hat nicht Bismarck volle zwanzig Jahre vergebens um die Gunst des Zaren gebuhlt, gebuhlt mit Diensten noch niedriger, als sie das kleine Preußen, ehe es „erste Großmacht Europas“ geworden, dem heiligen Rußland zu Füßen zu legen gewohnt war? Und hängt nicht noch tagtäglich über unserm Haupte das Damoklesschwert eines Kriegs, an dessen erstem Tag alle verbrieften Fürstenbündnisse zerstieben werden wie Spreu, eines Kriegs, von dem nichts gewiß ist als die absolute Ungewißheit seines Ausgangs, eines Racenkriegs, der ganz Europa der Verheerung durch fünfzehn oder zwanzig Millionen Bewaffneter unterwirft, und der nur deswegen nicht schon wütet, weil selbst dem stärksten der großen Militärstaaten vor der totalen Unberechenbarkeit des Endresultats bangt?

    Um so mehr ist es Pflicht, diese halbvergeßnen glänzenden Belege der Fernsicht der internationalen Arbeiterpolitik von 1870 den deutschen Arbeitern wieder zugänglich zu machen.

    Was von diesen beiden Ansprachen, gilt auch von der über den „Bürgerkrieg in Frankreich“. Am 28. Mai erlagen die letzten Kommunekämpfer der Übermacht auf den Abhängen von Belleville, und schon zwei Tage später, am 30., las Marx dem Generalrat die Arbeit vor, worin die geschichtliche Bedeutung der Pariser Kommune in kurzen, kräftigen, aber so scharfen und vor allem so wahren Zügen dargestellt ist, wie dies in der gesamten massenhaften Literatur über den Gegenstand nie wieder erreicht worden.

    Dank der ökonomischen und politischen Entwicklung Frankreichs seit 1789 ist Paris seit fünfzig Jahren in die Lage versetzt, daß dort keine Revolution ausbrechen konnte, die nicht einen proletarischen Charakter annahm, derart, daß das Proletariat, das den Sieg mit seinem Blut erkauft, mit eignen Forderungen nach dem Sieg auftrat. Diese Forderungen waren mehr oder weniger unklar und selbst verworren, je nach dem jedesmaligen Entwicklungsstand der Pariser Arbeiter; aber schließlich liefen sie alle hinaus auf Beseitigung des Klassengegensatzes zwischen Kapitalisten und Arbeitern. Wie das geschehn sollte, das wußte man freilich nicht. Aber die Forderung selbst, so unbestimmt sie auch noch gehalten war, enthielt eine Gefahr für die bestehende Gesellschaftsordnung; die Arbeiter, die sie stellten, waren noch bewaffnet; für die am Staatsruder befindlichen Bourgeois war daher Entwaffnung der Arbeiter erstes Gebot. Daher nach jeder durch die Arbeiter erkämpften Revolution ein neuer Kampf, der mit der Niederlage der Arbeiter endigt.

    Das geschah zum erstenmal 1848. Die liberalen Bourgeois der parlamentarischen Opposition hielten Reformbankette ab zur Durchsetzung der Wahlreform, die ihrer Partei die Herrschaft sichern sollte. Im Kampf mit der Regierung mehr und mehr gezwungen, ans Volk zu appellieren, mußten sie den radikalen und republikanischen Schichten der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums allmählich den Vortritt gestatten. Aber hinter diesen standen die revolutionären Arbeiter, und diese hatten seit 1830 weit mehr politische Selbständigkeit sich angeeignet, als die Bourgeois und selbst die Republikaner ahnten. Im Moment der Krisis zwischen Regierung und Opposition eröffneten die Arbeiter den Straßenkampf; Louis-Philippe verschwand, die Wahlreform mit ihm, an ihrer Stelle erstand die Republik, und zwar eine von den siegreichen Arbeitern selbst als „soziale“ bezeichnete Republik. Was unter dieser sozialen Republik zu verstehn sei, darüber war aber niemand im klaren, auch die Arbeiter selbst nicht. Aber sie hatten jetzt Waffen und waren eine Macht im Staat. Sobald daher die am Ruder befindlichen Bourgeoisrepublikaner einigermaßen festen Boden unter den Füßen spürten, war ihr erstes Ziel, die Arbeiter zu entwaffnen. Dies geschah, indem man sie durch direkten Wortbruch, durch offnen Hohn und den Versuch, die Unbeschäftigten in eine entlegne Provinz zu verbannen, in den Aufstand vom Juni 1848 hineinjagte. Die Regierung hatte für eine erdrückende Übermacht gesorgt. Nach fünftägigem heroischem Kampf erlagen die Arbeiter. Und jetzt folgte ein Blutbad unter den wehrlosen Gefangnen, wie ein gleiches nicht gesehen worden seit den Tagen der Bürgerkriege, die den Untergang der römischen Republik einleiteten. Es war das erste Mal, daß die Bourgeoisie zeigte, zu welcher wahnsinnigen Grausamkeit der Rache sie aufgestachelt wird, sobald das Proletariat es wagt, ihr gegenüber als aparte Klasse mit eignen Interessen und Forderungen aufzutreten. Und doch war 1848 noch ein Kinderspiel gegen ihr Wüten von 1871.

    Die Strafe folgte auf dem Fuß. Konnte das Proletariat noch nicht Frankreich regieren, so konnte die Bourgeoisie es schon nicht mehr. Wenigstens damals nicht, wo sie der Mehrzahl nach noch monarchisch gesinnt und in drei dynastische Parteien und eine vierte republikanische gespalten war. Ihre innern Zänkereien erlaubten dem Abenteurer Louis Bonaparte, alle Machtposten - Armee, Polizei, Verwaltungsmaschinerie - in Besitz zu nehmen und am 2. Dezember 1851 die letzte feste Burg der Bourgeoisie, die Nationalversammlung, zu sprengen. Das zweite Kaiserreich begann die Ausbeutung Frankreichs durch eine Bande politischer und finanzieller Abenteurer, aber zugleich auch eine industrielle Entwicklung, wie sie unter dem engherzigen und ängstlichen System Louis-Philippes, bei der ausschließlichen Herrschaft eines nur kleinen Teils der großen Bourgeoisie, nie möglich war. Louis Bonaparte nahm den Kapitalisten ihre politische Macht unter dem Vorwand, sie, die Bourgeois, gegen die Arbeiter zu schützen, und wiederum die Arbeiter gegen sie; aber dafür begünstigte seine Herrschaft die Spekulation und die industrielle Tätigkeit, kurz, den Aufschwung und die Bereicherung der gesamten Bourgeoisie in bisher unerhörtem Maß. In noch weit größerm Maß allerdings entwickelte sich die Korruption und der Massendiebstahl, die sich um den kaiserlichen Hof gruppierten und von dieser Bereicherung ihre starken Prozente zogen.

    Aber das zweite Kaiserreich, das war der Appell an den französischen Chauvinismus, das war die Rückforderung der 1814 verlornen Grenzen des ersten Kaiserreichs, mindestens derjenigen der ersten Republik. Ein französisches Kaiserreich in den Grenzen der alten Monarchie, ja sogar in den noch mehr beschnittenen von 1815, das war auf die Dauer eine Unmöglichkeit. Daher die Notwendigkeit zeitweiliger Kriege und Grenzerweiterungen. Aber keine Grenzerweiterung blendete so sehr die Phantasie französischer Chauvinisten wie die des deutschen linken Rheinufers. Eine Quadratmeile am Rhein galt mehr bei ihnen als zehn in den Alpen oder sonstwo. Gegeben das zweite Kaiserreich, war die Rückforderung des linken Rheinufers, auf einmal oder stückweise, nur eine Frage der Zeit. Diese Zeit kam mit dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866; durch Bismarck und durch seine eigne überschlaue Zauderpolitik um die erwartete „Gebietsentschädigung“ geprellt, blieb dem Bonaparte nun nichts mehr als der Krieg, der 1870 ausbrach und ihn nach Sedan und von da nach Wilhelmshöhe verschlug.

    Die notwendige Folge war die Pariser Revolution vom 4. September 1870. Das Kaiserreich klappte zusammen wie ein Kartenhaus, die Republik wurde wieder proklamiert. Aber der Feind stand vor den Toren; die Armeen des Kaiserreichs waren entweder in Metz hoffnungslos eingeschlossen oder in Deutschland gefangen. In dieser Not erlaubte das Volk den Pariser Deputierten zum ehemaligen gesetzgebenden Körper, sich als „Regierung der nationalen Verteidigung“ aufzutun. Man gab dies um so eher zu, als jetzt zum Zweck der Verteidigung alle waffenfähigen Pariser in die Nationalgarde eingetreten und bewaffnet waren, so daß nun die Arbeiter die große Mehrzahl bildeten. Aber schon bald kam der Gegensatz zwischen der fast nur aus Bourgeois bestehenden Regierung und dem bewaffneten Proletariat zum Ausbruch. Am 31 .Oktober stürmten Arbeiterbataillone das Stadthaus und nahmen einen Teil der Regierungsmitglieder gefangen; Verrat, direkter Wortbruch der Regierung und die Dazwischenkunft einiger Spießbürgerbataillone befreiten sie wieder, und um nicht den Bürgerkrieg im Innern einer von fremder Kriegsmacht belagerten Stadt aufflammen zu machen, beließ man die bisherige Regierung im Amt.

    Endlich, am 28. Januar 1871, kapitulierte das ausgehungerte Paris. Aber mit bisher in der Kriegsgeschichte unerhörten Ehren. Die Forts wurden übergeben, der Ringwall entwaffnet, die Waffen der Linie und Mobilgarde ausgeliefert, sie selbst als Kriegsgefangne betrachtet. Aber die Nationalgarde behielt ihre Waffen und Kanonen und trat nur in Waffenstillstand gegen die Sieger. Und diese selbst wagten nicht, in Paris im Triumph einzuziehn. Nur ein kleines, obendrein teilweise aus öffentlichen Parks bestehendes Eckchen von Paris wagten sie zu besetzen, und auch dies nur für ein paar Tage! Und während dieser Zeit waren sie, die Paris 131 Tage lang umzingelt gehalten hatten, selbst umzingelt von den bewaffneten Pariser Arbeitern, die sorgsam wachten, daß kein „Preuße“ die engen Grenzen des dem fremden Eroberer überlassenen Winkels überschritt. Solchen Respekt flößten die Pariser Arbeiter dem Heere ein, vor welchem sämtliche Armeen des Kaiserreichs die Waffen gestreckt; und die preußischen Junker, die hergekommen waren, um Rache zu nehmen am Herd der Revolution, mußten ehrerbietig stehnbleiben und salutieren vor eben dieser bewaffneten Revolution!

    Während des Kriegs hatten die Pariser Arbeiter sich darauf beschränkt, die energische Fortsetzung des Kampfs zu fordern. Aber jetzt, als nach der Kapitulation von Paris der Friede zustande kam, jetzt mußte Thiers, das neue Oberhaupt der Regierung, einsehn, daß die Herrschaft der besitzenden Klassen - großer Grundbesitzer und Kapitalisten - in steter Gefahr schwebe, solange die Pariser Arbeiter die Waffen in der Hand behielten. Sein erstes Werk war der Versuch ihrer Entwaffnung. Am 18. März sandte er Linientruppen mit dem Befehl, die der Nationalgarde gehörige, während der Belagerung von Paris angefertigte und durch öffentliche Subskription bezahlte Artillerie zu rauben. Der Versuch schlug fehl, Paris rüstete sich wie ein Mann zur Gegenwehr, und der Krieg zwischen Paris und der in Versailles sitzenden französischen Regierung war erklärt. Am 26. März wurde die Pariser Kommune erwählt und am 28. proklamiert. Das Zentralkomitee der Nationalgarde, das bisher die Regierung geführt, dankte |193| in ihre Hände ab, nachdem es noch zuvor die Abschaffung der skandalösen Pariser „Sittenpolizei“ dekretiert hatte. Am 30. schaffte die Kommune die Konskription und die stehende Armee ab und erklärte die Nationalgarde, zu der alle waffenfähigen Bürger gehören sollten, für die einzige bewaffnete Macht; sie erließ alle Wohnungsmietsbeträge vom Oktober 1870 bis zum April, unter Anrechnung der bereits bezahlten Beträge auf künftige Mietszeit, und stellte alle Verkäufe von Pfändern im städtischen Leihhaus ein. Am selben Tage wurden die in die Kommune gewählten Ausländer in ihrem Amt bestätigt, da die „Fahne der Kommune die der Weltrepublik ist“. - Am 1 .April beschlossen, das höchste Gehalt eines bei der Kommune Angestellten, also auch ihrer Mitglieder selbst, dürfe 6.000 Franken (4.800 Mark) nicht übersteigen. Am folgenden Tage wurde die Trennung der Kirche vom Staat und die Abschaffung aller staatlichen Zahlungen für religiöse Zwecke sowie die Umwandlung aller geistlichen Güter in Nationaleigentum dekretiert; infolge davon wurde am 8. April die Verbannung aller religiösen Symbole, Bilder, Dogmen, Gebete, kurz, „alles dessen, was in den Bereich des Gewissens jedes einzelnen gehört“, aus den Schulen befohlen und allmählich durchgeführt. - Am 5. wurde, gegenüber der täglich erneuerten Erschießung von gefangnen Kommunekämpfern durch die Versailler Truppen, ein Dekret wegen Verhaftung von Geiseln erlassen, aber nie durchgeführt. - Am 6. wurde die Guillotine durch das 137. Bataillon der Nationalgarde herausgeholt und unter lautem Volksjubel öffentlich verbrannt. - Am 12. beschloß die Kommune, die nach dem Krieg von 1809 von Napoleon aus eroberten Kanonen gegoßne Siegessäule des Vendôme-Platzes als Sinnbild des Chauvinismus und der Völkerverhetzung umzustürzen. Dies wurde am 16. Mai ausgeführt. - Am 16. April ordnete die Kommune eine statistische Aufstellung der von den Fabrikanten stillgesetzten Fabriken an und die Ausarbeitung von Plänen für den Betrieb dieser Fabriken durch die in Kooperativgenossenschaften zu vereinigenden, bisher darin beschäftigten Arbeiter, sowie für eine Organisation dieser Genossenschaften zu einem großen Verband. - Am 20. schaffte sie die Nachtarbeit der Bäcker ab wie auch den seit dem zweiten Kaiserreich durch polizeilich ernannte Subjekte - Arbeiterausbeuter ersten Rangs - als Monopol betriebnen Arbeitsnachweis; dieser wurde den Mairien der zwanzig Pariser Arrondissements überwiesen. - Am 30. April befahl sie die Aufhebung der Pfandhäuser, welche eine Privatexploitation der Arbeiter seien und im Widerspruch ständen mit dem Recht der Arbeiter auf ihre Arbeitsinstrumente und auf Kredit. - Am 5. Mai beschloß sie die Schleifung der als Sühne für die Hinrichtung Ludwigs XVI. errichteten Bußkapelle.

    So trat seit dem 18. März der bisher durch den Kampf gegen die fremde Invasion in den Hintergrund gedrängte Klassencharakter der Pariser Bewegung scharf und rein hervor. Wie in der Kommune fast nur Arbeiter oder anerkannte Arbeitervertreter saßen, so trugen auch ihre Beschlüsse einen entschieden proletarischen Charakter. Entweder dekretierten sie Reformen, die die republikanische Bourgeoisie nur aus Feigheit unterlassen hatte, die aber für die freie Aktion der Arbeiterklasse eine notwendige Grundlage bildeten, wie die Durchführung des Satzes, daß dem Staat gegenüber die Religion bloße Privatsache sei; oder sie erließ Beschlüsse direkt im Interesse der Arbeiterklasse und teilweise tief einschneidend in die alte Gesellschaftsordnung. Alles das konnte aber, in einer belagerten Stadt, höchstens einen Anfang von Verwirklichung erhalten. Und von Anfang Mai an nahm der Kampf gegen die immer zahlreicher versammelten Heeresmassen der Versailler Regierung alle Kräfte in Anspruch.

    Am 7. April hatten die Versailler sich des Übergangs über die Seine bei Neuilly, auf der Westfront vor, Paris, bemächtigt; dagegen wurden sie am 11. bei einem Angriff auf die Südfront von General Eudes mit blutigen Köpfen zurückgeschlagen. Paris wurde fortwährend bombardiert, und zwar von denselben Leuten, die das Bombardement derselben Stadt durch die Preußen als eine Heiligtumsschändung gebrandmarkt hatten. Diese selben Leute bettelten nun bei der preußischen Regierung um schleunige Rücksendung der gefangnen französischen Soldaten von Sedan und Metz, die ihnen Paris zurückerobern sollten. Das allmähliche Eintreffen dieser Truppen gab den Versaillern von Anfang Mai an entschiednes Übergewicht. Dies zeigte sich schon, als am 23. April Thiers die Unterhandlungen abbrach wegen des von der Kommune angebotnen Austausches des Erzbischofs von Paris |Darboy| und einer ganzen Reihe andrer als Geiseln in Paris festgehaltenen Pfaffen gegen den einzigen Blanqui, der zweimal in die Kommune gewählt, aber in Clairvaux gefangen war. Und noch mehr in der veränderten Sprache von Thiers; bisher hinhaltend und doppelzüngig, wurde er jetzt plötzlich frech, drohend, brutal. Auf der Südfront nahmen die Versailler am 3. Mai die Redoute von Moulin-Saquet, am 9. das vollständig in Trümmer geschossene Fort von Issy, am 14. das von Vanves. Auf der Westfront rückten sie allmählich, die zahlreichen, bis an die Ringmauer sich erstreckenden Dörfer und Gebäude erobernd, bis an den Hauptwall selbst vor; am 21. gelang es ihnen, durch Verrat und infolge von Nachlässigkeit der hier aufgestellten Nationalgarde, in die Stadt einzudringen. Die Preußen, |195| die die nördlichen und östlichen Forts besetzt hielten, erlaubten den Versaillern, über das ihnen durch den Waffenstillstand verbotne Terrain im Norden der Stadt vorzudringen und dadurch angreifend vorzugehn auf einer langen Front, die die Pariser durch den Waffenstillstand gedeckt glauben mußten und daher nur schwach besetzt hielten. Infolge hiervon war der Widerstand in der westlichen Hälfte von Paris, in der eigentlichen Luxusstadt, nur schwach; er wurde heftiger und zäher, je mehr die eindringenden Truppen sich der Osthälfte, der eigentlichen Arbeiterstadt, näherten. Erst nach achttägigem Kampf erlagen die letzten Verteidiger der Kommune auf den Höhen von Belleville und Ménilmontant, und nun erreichte das Morden wehrloser Männer, Weiber und Kinder, das die ganze Woche hindurch in steigendem Maße gewütet, seinen Höhepunkt. Der Hinterlader tötete nicht mehr rasch genug, zu Hunderten wurden die Besiegten mit Mitrailleusen zusammengeschossen. Die „Mauer der Föderierten“ auf dem Kirchhof Père-Lachaise, wo der letzte Massenmord vollzogen, steht noch heute, ein stumm-beredtes Zeugnis, welcher Raserei die herrschende Klasse fähig ist, sobald das Proletariat es wagt, für sein Recht einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung von willkürlich aus den Reihen der Gefangnen herausgesuchten Schlachtopfern, die Abführung des Restes in große Lager, wo sie der Vorführung vor die Kriegsgerichte harrten. Die preußischen Truppen, die die Nordosthälfte von Paris umlagerten, hatten Befehl, keine Flüchtlinge durchzulassen, doch drückten die Offiziere oft ein Auge zu, wenn die Soldaten dem Gebot der Menschlichkeit mehr gehorchten als dem des Oberkommandos; namentlich aber gebührt dem sächsichen Armeekorps der Ruhm, daß es sehr human verfuhr und viele durchließ, deren Eigenschaft als Kommunekämpfer augenscheinlich war.

    —————

    Schauen wir heute, nach zwanzig Jahren, zurück auf die Tätigkeit und die geschichtliche Bedeutung der Pariser Kommune von 1871, so werden wir finden, daß zu der im „Bürgerkrieg in Frankreich“ gegebnen Darstellung noch einige Zusätze zu machen sind.

    Die Mitglieder der Kommune spalteten sich in eine Majorität, die Blanquisten, die auch im Zentralkomitee der Nationalgarde vorgeherrscht hatten, und eine Minorität: die vorwiegend aus Anhängern der Proudhonschen sozialistischen Schule bestehenden Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation. Die Blanquisten waren damals, der großen Masse nach, Sozialisten nur aus revolutionärem, proletarischem Instinkt; nur wenige waren durch Vaillant, der den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus kannte, zu größerer prinzipieller Klarheit gelangt. So begreift es sich, daß in ökonomischer Beziehung manches unterlassen wurde, was nach unsrer heutigen Anschauung die Kommune hätte tun müssen. Am schwersten begreiflich ist allerdings der heilige Respekt, womit man vor den Toren der Bank von Frankreich ehrerbietig stehnblieb. Das war auch ein schwerer politischer Fehler. Die Bank in den Händen der Kommune - das war mehr wert als zehntausend Geiseln. Das bedeutete den Druck der ganzen französischen Bourgeoisie auf die Versailler Regierung im Interesse des Friedens mit der Kommune. Was aber noch wunderbarer, das ist das viele Richtige, das trotzdem von der aus Blanquisten und Proudhonisten zusammengesetzten Kommune getan wurde. Selbstverständlich sind für die ökonomischen Dekrete der Kommune, für ihre rühmlichen wie für ihre unrühmlichen Seiten, in erster Linie die Proudhonisten verantwortlich, wie für ihre politischen Handlungen und Unterlassungen die Blanquisten. Und in beiden Fällen wollte es die Ironie der Geschichte - wie gewöhnlich, wenn Doktrinäre ans Ruder kommen -, daß die einen wie die andern das Gegenteil von dem taten, was ihre Schuldoktrin vorschrieb.

    Proudhon, der Sozialist des Kleinbauern und des Handwerksmeisters, haßte die Assoziation mit einem positiven Haß. Er sagte von ihr, sie schließe mehr Schlimmes als Gutes ein, sie sei von Natur unfruchtbar, sogar schädlich, weil eine der Freiheit des Arbeiters angelegte Fessel; sie sei ein pures Dogma, unproduktiv und lästig, im Widerstreit so mit der Freiheit des Arbeiters wie mit der Ersparung von Arbeit, und ihre Nachteile wüchsen rascher als ihre Vorteile; ihr gegenüber seien Konkurrenz, Arbeitsteilung, Privateigentum ökonomische Kräfte. Nur für die Ausnahmefälle - wie Proudhon sie nennt - der großen Industrie und der großen Betriebskörper, z.B. Eisenbahnen - sei die Assoziation der Arbeiter am Platz. (S. „Idée générale de la révolution“, 3. étude.)

    Und 1871 hatte die große Industrie selbst in Paris, dem Zentralsitz des Kunsthandwerks, schon so sehr aufgehört, ein Ausnahmefall zu sein, daß bei weitem das wichtigste Dekret der Kommune eine Organisation der großen Industrie und sogar der Manufaktur anordnete, die nicht nur auf der Assoziation der Arbeiter in jeder Fabrik beruhen, sondern auch alle diese Genossenschaften zu einem großen Verband vereinigen sollte; kurz, eine Organisation, die, wie Marx im „Bürgerkrieg“ ganz richtig sagt, schließlich auf den Kommunismus, also auf das direkte Gegenteil der Proudhonschen Lehre hinauslaufen mußte. Und daher war auch die |197| Kommune das Grab der Proudhonschen Schule des Sozialismus. Diese Schule ist heute aus den französischen Arbeiterkreisen verschwunden; hier herrscht jetzt unbestritten, bei Possibilisten nicht minder als bei „Marxisten“, die Marxsche Theorie. Nur unter der „radikalen“ Bourgeoisie gibt es noch Proudhonisten.

    Nicht besser erging es den Blanquisten. Großgezogen in der Schule der Verschwörung, zusammengehalten durch die ihr entsprechende straffe Disziplin, gingen sie von der Ansicht aus, daß eine verhältnismäßig kleine Zahl entschloßner, wohlorganisierter Männer imstande sei, in einem gegebnen günstigen Moment das Staatsruder nicht nur zu ergreifen, sondern auch durch Entfaltung großer, rücksichtsloser Energie so lange zu behaupten, bis es ihr gelungen, die Masse des Volks in die Revolution hineinzureißen und um die führende kleine Schar zu gruppieren. Dazu gehörte vor allen Dingen strengste, diktatorische Zentralisation aller Gewalt in der Hand der neuen revolutionären Regierung. Und was tat die Kommune, die der Mehrzahl nach aus eben diesen Blanquisten bestand? In allen ihren Proklamationen an die Franzosen der Provinz forderte sie diese auf zu einer freien Föderation aller französischen Kommunen mit Paris, zu einer nationalen Organisation, die zum erstenmal wirklich durch die Nation selbst geschaffen werden sollte. Gerade die unterdrückende Macht der bisherigen zentralisierten Regierung, Armee, politische Polizei, Bürokratie, die Napoleon 1798 geschaffen und die seitdem jede neue Regierung als willkommnes Werkzeug übernommen und gegen ihre Gegner ausgenutzt hatte, gerade diese Macht sollte überall fallen, wie sie in Paris bereits gefallen war.

    Die Kommune mußte gleich von vornherein anerkennen, daß die Arbeiterklasse, einmal zur Herrschaft gekommen, nicht fortwirtschaften könne mit der alten Staatsmaschine; daß diese Arbeiterklasse, um nicht ihrer eignen, erst eben eroberten Herrschaft wieder verlustig zu gehn, einerseits alle die alte, bisher gegen sie selbst ausgenutzte Unterdrückungsmaschinerie beseitigen, andrerseits aber sich sichern müsse gegen ihre eignen Abgeordneten und Beamten, indem sie diese, ohne alle Ausnahme, für jederzeit absetzbar erklärte. Worin bestand die charakteristische Eigenschaft des bisherigen Staats? Die Gesellschaft hatte zur Besorgung ihrer gemeinsamen Interessen, ursprünglich durch einfache Arbeitsteilung, sich eigne Organe geschaffen. Aber diese Organe, deren Spitze die Staatsgewalt, hatten sich mit der Zeit, im Dienst ihrer eignen Sonderinteressen, aus Dienern der Gesellschaft zu Herren über dieselbe verwandelt. Wie dies z.B. nicht bloß in der erblichen Monarchie, sondern ebensogut in der demokratischen Republik zu sehn ist. Nirgends bilden die „Politiker“ eine abgesondertere |198| und mächtigere Abteilung der Nation als grade in Nordamerika. Hier wird jede der beiden großen Parteien, denen die Herrschaft abwechselnd zufällt, selbst wieder regiert von Leuten, die aus der Politik ein Geschäft machen, die auf Sitze in den gesetzgebenden Versammlungen des Bundes wie der Einzelstaaten spekulieren oder die von der Agitation für ihre Partei leben und nach deren Sieg durch Stellen belohnt werden. Es ist bekannt, wie die Amerikaner seit 30 Jahren versuchen, dies unerträglich gewordne Joch abzuschütteln, und wie sie trotz alledem immer tiefer in diesen Sumpf der Korruption hineinsinken. Gerade in Amerika können wir am besten sehn, wie diese Verselbständigung der Staatsmacht gegenüber der Gesellschaft, zu deren bloßem Werkzeug sie ursprünglich bestimmt war, vor sich geht. Hier existiert keine Dynastie, kein Adel, kein stehendes Heer, außer den paar Mann zur Bewachung der Indianer, keine Bürokratie mit fester Anstellung oder Pensionsberechtigung. Und dennoch haben wir hier zwei große Banden von politischen Spekulanten, die abwechselnd die Staatsmacht in Besitz nehmen und mit den korruptesten Mitteln und zu den korruptesten Zwecken ausbeuten - und die Nation ist ohnmächtig gegen diese angeblich in ihrem Dienst stehenden, in Wirklichkeit aber sie beherrschenden und plündernden zwei großen Kartelle von Politikern.

    Gegen diese in allen bisherigen Staaten unumgängliche Verwandlung des Staats und der Staatsorgane aus Dienern der Gesellschaft in Herren der Gesellschaft wandte die Kommune zwei unfehlbare Mittel an. Erstens besetzte sie alle Stellen, verwaltende, richtende, lehrende, durch Wahl nach allgemeinem Stimmrecht der Beteiligten, und zwar auf jederzeitigen Widerruf durch dieselben Beteiligten. Und zweitens zahlte sie für alle Dienste, hohe wie niedrige, nur den Lohn, den andre Arbeiter empfingen. Das höchste Gehalt, das sie überhaupt zahlte, war 6.000 Franken. Damit war der Stellenjägerei und dem Strebertum ein sichrer Riegel vorgeschoben, auch ohne die gebundnen Mandate bei Delegierten zu Vertretungskörpern, die noch zum Überfluß hinzugefügt wurden.

    Diese Sprengung der bisherigen Staatsmacht und ihre Ersetzung durch eine neue, in Wahrheit demokratische, ist im dritten Abschnitt des „Bürgerkriegs“ eingehend geschildert. Es war aber nötig, hier nochmals kurz auf einige Züge derselben einzugehn, weil gerade in Deutschland der Aberglaube an den Staat aus der Philosophie sich in das allgemeine Bewußtsein der Bourgeoisie und selbst vieler Arbeiter übertragen hat. Nach der philosophischen Vorstellung ist der Staat die „Verwirklichung der Idee“ oder das ins Philosophische übersetzte Reich Gottes auf Erden, das Gebiet, worauf die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit sich verwirklicht oder ver- |199| wirklichen soll. Und daraus folgt dann eine abergläubische Verehrung des Staats und alles dessen, was mit dem Staat zusammenhängt, und die sich um so leichter einstellt, als man sich von Kindesbeinen daran gewöhnt hat, sich einzubilden, die der ganzen Gesellschaft gemeinsamen Geschäfte und Interessen könnten nicht anders besorgt werden, als wie sie bisher besorgt worden sind, nämlich durch den Staat und seine wohlbestallten Behörden. Und man glaubt schon einen ganz gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man sich frei gemacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andre, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und dessen schlimmste Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhin können wird, sofort möglichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun.

    Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.

    London, am zwanzigsten Jahrestag der Pariser Kommune, 18. März 1891

    F. Engels
    MLWerke Marx/Engels - Werke Artikel und Korrespondenzen 1891

    MLWerke Marx/Engels - Werke Artikel und Korrespondenzen 1891

    Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 22, 3. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1963, Berlin/DDR. S. 188-199.
    Korrektur: 1
    Erstellt: 06.04.1999
    Einleitung [zu „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ von Karl Marx (Ausgabe 1891)]

    Nach: „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, dritte deutsche Auflage, Berlin 1891.

    #France #Paris #histoire #1871 #révolution #guerre_civile #commune_de_Paris

  • Histoire de la domination raciale aux États-Unis : les lois Jim Crow | France Culture
    https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/le-book-club/histoire-de-la-domination-raciale-aux-etats-unis-les-lois-jim-crow-57894


    « L’esclavage aboli, les lynchages ont commencé aux États-Unis », par Loïc Wacquant (abonnés, avril 2024) // https://www.monde-diplomatique.fr/66764

    C’est pour « assurer la démocratie au monde » que les États-Unis s’engagèrent dans la première guerre mondiale alors que la ségrégation raciale des Noirs du Sud était plus méticuleuse que les futures lois nazies de Nuremberg. Dans cette seconde partie des bonnes feuilles de « Jim Crow. Le terrorisme de caste en Amérique », #Loïc_Wacquant analyse ce système politique et répressif qui a survécu jusqu’aux années 1960.

    https://www.raisonsdagir-editions.org/catalogue/jim-crow
    #ségrégation_raciale #Jim_Crow

  • Königreich Preußen – Historiographie – Wikipedia
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigreich_Preu%C3%9Fen
    Quand Wikipedia tombe entre les mains des historiens réactionnaires on obtient des articles remplis de mensonges et de conclusions circulaires. L’article sur le royaume de Prusse en est un bel exemple.

    Méthode : Je ne suis pas marxiste, pour moi les classes sociales n’existent pas, alors les résultats d’une analyse historique des relations de classe sont nécessairement infondées.

    Résultat : je prouve mon parti pris en prétendant qu’il n’a jamais eu en Prusse une alliance des classes nobles ( les Junker ) avec la bourgeoisie parce que moi, historien réactionnaire je ne trouve pas de contrat entre une organisation appellée « La Bourgeoisie » et l’état prusse ou la famille Hohenzollern.

    Ensuite il suffit que je ferme les yeux pendant ma lecture du Gotha sur le nombre énorme de bourgeois anoblis, que j’ ignore la production capitaliste des machines de guerre au sein de l’état féodal prusse, puis que je fasse taire les recherches sur les formes de démocratisation du royaume permettant la participation de la classe bourgeoise aux décisions politiques de la monarchie constitunionnelle.

    Pour moi les Clausewitz, Moltke, Stein et Hardenbeg sont l’expression de la volonté de modernisation de la monarchie après l’expérience de l’occupation napoleonienne. L’interdépendance des changements de l’organisation de la société, de ses structures politiques et de la nouvelle forme de production industrielle et capitaliste, pour moi c’est du n’importe quoi .

    De tels articles sont inutiles et nuisibles. Celui-ci ne contient même pas de tableau de la dynastie Hohenzollern au pouvoir jusqu’en 1918.

    L’article sur le même sujet dans l’édition française de l’encyclopédie collective en ligne par contre contien un condensé de l’histoire du royaume de prusse comme je l’attends. Il y a des omissions, par exemple les nombreuses guerres qu’a mené l’état militariste ne figurent pas parmi les information essentielles.
    https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Royaume_de_Prusse
    Pourtant ce n’est pas un pamphlet idéologique comme l’article de langue allemande

    Die DDR-Historiographie brachte eine Reihe bekannterer Fachautoren hervor, darunter Erika Hertzfeld und Ingrid Mittenzwei. Thematisch stand die klassenzentrierte Verlaufsgeschichte im Vordergrund, indem das Verhältnis von Feudalklasse, Bürgerklasse und Arbeiterklasse zueinander immer wieder nach einem festen Ablaufschema und mit feststehendem Ergebnis analysiert wurde: Am Ende siegte die Arbeiterklasse und der feudale Adel befand sich fortdauernd in einem verzweifelten Abwehrkampf. Zudem war die bourgeoise Elite im 19. Jahrhundert angeblich ein Bündnis mit dem adeligen Junkertum eingegangen, das alles Fortschrittliche bekämpfte. Ein solches Bündnis wurde nie in Frage gestellt und sein Vorhandensein konnte auch nicht bewiesen werden, es wurde nur als gegebene Tatsache im geschichtlichen Weltsystem der DDR-Historiker verankert.

    C’est grave. Le reste de l’article n’est pas mieux. Les écoliers alkemands qui veulent apprendre l’histoire de leur pays tombent sur un pamphlet rempli de partis pris dépourvu d’informations utiles.

    #Allemagne #Prusse #histoire #lutte_des_classes #bourgeoisie #noblesse #féodalisme #impérialisme

  • Le #commerce en Méditerranée avant les marchands italiens
    https://laviedesidees.fr/Le-commerce-en-Mediterranee-avant-les-marchands-italiens

    En croisant sources écrites et #archéologie, Chris Wickham propose un tableau comparé de la #Méditerranée du Xe au XIIe siècle, et en termine définitivement avec le mythe des marchands italiens ouvrant au commerce une mer endormie.

    #Histoire #Moyen_Âge
    https://laviedesidees.fr/IMG/pdf/20240624_commerce.pdf

  • Quand rap et reggae font tomber Christophe Colomb de son piédestal.
    https://lhistgeobox.blogspot.com/2024/06/quand-rap-et-reggae-font-tomber.html

    « Dans les imaginaires caribéens, ce choix de commémoration provoque une onde de choc, car il paraît invisibiliser ou minimiser les conséquences de la colonisation, puis de l’esclavage. Le cercle Franz Fanon organise un procès à Fort-de-France. L’accusation reproche à Colomb d’avoir, avec les Indiens, initié une série de massacres dont seront ensuite victimes le peuple noir esclavagisé, le peuple juif... (4) Le verdict réclame que l’on fasse disparaître Colomb de l’histoire et qu’on l’oublie. Au Honduras, on le crible de flèche en effigie. Le navigateur subit désormais une mort symbolique, comme en atteste la vague de déboulonnage de statues aux Etats-Unis, dans le contexte du crime raciste provoqué par des suprémacistes blancs à Charlottesville, en 2017. Colomb bascule, aux côtés des chefs sudistes, dans le camp des responsables de la déportation des esclaves et du racisme constitutif des Etats-Unis. Le Columbus day est de plus en plus remplacé par un indigenous day. Toujours sur l’album Melanin man, Mutabaruka incarne le fantôme de Colomb (« Columbus ghost »), dépeint comme une créature cynique et détestable, responsable de la destruction des peuples, initiateur d’un racisme implacable et de la suprématie blanche. Ses paroles remettent en cause également l’accusation de cannibalisme formulée par le navigateur à l’encontre des Arawaks. Les paroles insistent sur les répercussions considérables des voyages : " Tu célébreras ma victoire. / Tes enfants me loueronnt. / Je suis leur seule histoire. / Je suis Christophe Colomb ... Tu célèbres mon arrivée. / Je ne quitterai plus ton esprit". »