#iatrocatie

  • Neue Studie : So kamen in der BRD Altnazis und schlimmste Antisemiten wieder in Machtpositionen
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/historiker-so-kamen-in-der-brd-schlimmste-antisemiten-wieder-in-mac

    La domination de l’état ouest-allemand par les anciennes élites nazies et leurs héritiers n’est pas un mythe mais la triste réalité. Une nouvelle étude scientifique nous renseigne sur la présemce de nazis au sein de la chancellerie, l’administration la plus puissante de la République fédérale d’Allemagne (RFA).

    22.6.2025 von Susanne Lenz - Eine neue Studie zeigt, wie viel NS-belastetes Personal im Bundeskanzleramt wirkte. Antikommunismus war eine Entlastungsstrategie, sagen zwei Historiker im Interview.

    Eine neue Studie beschäftigt sich mit der Frage, ob es personelle und ideologische Kontinuitäten zwischen dem NS-Apparat und dem Bundeskanzleramt gab: „Das Kanzleramt: Bundesdeutsche Demokratie und NS-Vergangenheit“. Wir sprachen mit den Historikern Jutta Braun und Thomas Schaarschmidt, einem der Herausgeber, beide vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, das für die Studie mit dem Institut für Zeitgeschichte in München und Berlin kooperierte.

    Frau Braun, Herr Schaarschmidt, warum kommt diese Studie erst jetzt?

    Thomas Schaarschmidt: Die Studie über das Auswärtige Amt hat das Auswärtige Amt selbst angestoßen. In anderen Behörden war das ähnlich, etwa beim Landwirtschafts- oder beim Innenministerium. Die Reichskanzlei hatte vor allem in der NS-Diktatur jedoch einen ganz anderen Zuschnitt als das Bundeskanzleramt und spielte eine andere Rolle. Deshalb gibt es so gut wie keine personellen Kontinuitäten, und die Impulse sind nicht aus der Behörde selbst gekommen, sondern aus der Forschung. Und das ist vielleicht gut so. Unsere Forschung war nicht nur organisatorisch völlig unabhängig, sondern konnte auch von den Erkenntnissen der anderen Studien profitieren.

    Konrad Adenauer, den Friedrich Merz als seine politische Leitfigur bezeichnet, war der erste Bundeskanzler der jungen Bundesrepublik. Wie sah es mit seinem Demokratieverständnis aus?

    Schaarschmidt: Konrad Adenauer ist sicher eine zentrale Figur, aber ich möchte ihn einbinden in die gesamte Behörde. Wenn man sich das Personal hier anschaut, bemerkt man eine starke Prägung nicht nur durch den Nationalsozialismus, sondern auch durch die Weimarer Republik und das Kaiserreich. Wir haben diese langen Linien berücksichtigt und kommen zu dem Ergebnis, dass sich Demokratievorstellungen über einen langen Zeitraum entwickeln. Teilweise ist es befremdlich, wie Demokratie in den Fünfzigerjahren verstanden wurde. Da gab es einen extrem autoritären Einschlag, mit Folgen für die politische Kommunikation, und eine paternalistische Haltung: Man begegnete der eigenen Gesellschaft mit tiefem Misstrauen.

    Welche Epoche war denn für dieses autoritäre Demokratieverständnis vor allem ausschlaggebend?

    Schaarschmidt: Die Krisenerfahrung in der Weimarer Republik spielt eine große Rolle. Diese Zeit hat viele Mitarbeiter des Bundeskanzleramts geprägt. Sie sind dadurch nicht unbedingt zu Demokraten geworden, sondern waren der Weimarer Republik gegenüber sehr skeptisch, wenn nicht gar feindlich eingestellt und haben in vielen Fällen problemlos den Weg in den NS-Staat gefunden. Nach 1945 haben sie sich dann eine demokratische Vita zurechtgelegt, um den Besatzungsbehörden gegenüber zu rechtfertigen, warum sie geeignet sind, am demokratischen Aufbau der Bundesrepublik mitzuwirken.

    Sie haben sich das Bundespresseamt vorgenommen. Wie hat sich diese autoritäre Prägung dort ausgewirkt, Frau Braun?

    Jutta Braun: Während in den Ministerien viele Juristen arbeiteten, waren im Bundespresseamt häufig Journalisten angestellt. Sie hatten teilweise für das antisemitische Hetzblatt Der Angriff oder den Völkischen Beobachter geschrieben. Es war schon problematisch, dass Personen, die früher die Eroberungsfeldzüge von Hitler verteidigt haben, jetzt für das Image der Bundesrepublik verantwortlich waren. Oder dass die, die früher antisemitische Propaganda gemacht haben, jetzt eine aufrichtige Vergangenheitspolitik vertreten sollten. Aber diese Belastung ist damals kaum nach außen gedrungen und wurde auch nicht diskutiert. Nicht einmal, was Felix von Eckardt angeht, der als Drehbuchautor sogar mit Joseph Goebbels zusammengearbeitet hatte. Das Bundespresseamt stand von Anfang an unter dem Generalverdacht, dass hier Goebbels’ Propagandaministerium wieder aufleben sollte.

    War da etwas dran?

    Braun: Es war im Kern unberechtigt. Aber interessant ist, dass etwa jemand wie Otto Lenz, der im Kanzleramt arbeitete, und in der NS-Zeit verfolgt worden war, gern ein Informationsministerium aufgebaut hätte, also wieder eine Superbehörde – weil er den Deutschen misstraute. Er hätte die reeducation, also die Umerziehung zur Demokratie gern auf Dauer gestellt. Er befürwortete also autoritäre Strukturen, aber nicht um NS-Ideologie zu transportieren, sondern im Sinne einer Demokratieerziehung.

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    Konrad Adenauer im Jahr 1955 Keystone/imago

    Hat sich dieses autoritäre Demokratieverständnis auch sonst ausgewirkt?

    Braun: Das Bundespresseamt hat mit Wissen Adenauers 1957 eine Wahlkampfzeitschrift ins Leben gerufen, die als bunte Illustrierte getarnt war. Vorne war Sissi drauf, innen war Adenauer drin. Damit wollte man die einfache Hausfrau erreichen, aber es war eine Irreführung der Öffentlichkeit, dass das Bundespresseamt ein Parteiorgan bezahlt und als etwas anderes ausgibt. Am Ende ist es herausgekommen und wurde etwa vom Spiegel kritisiert. Daran kann man den gesellschaftlichen Wandel erkennen. Aber das gespannte Verhältnis zur Presse setzt sich bis in die Zeit der Großen und sogar der sozialliberalen Koalition fort.

    Es gab in der BRD viele personelle Kontinuitäten, da hatte die DDR recht

    Das bekannteste Beispiel für die personelle Kontinuität zwischen NS-Zeit und Bundesrepublik ist neben dem Kanzler Kurt Georg Kiesinger Hans Globke. In Ost-Berlin galt diese Personalie als Beweis dafür, dass ehemalige Nazis in der BRD Karriere machen können. Hatte die DDR damit recht?

    Schaarschmidt: Es gab viele personelle Kontinuitäten, da hatte die DDR recht. Und das hängt stark mit Hans Globke zusammen. Er hat dafür gesorgt, dass im Bundeskanzleramt und allen leitenden Bundesbehörden NS-belastetes Personal eingestellt wurde, oft waren es Verwaltungsjuristen. In der Theorie sollte die NS-Belastung berücksichtigt werden, aber in der Praxis wurde ausgesprochen lax verfahren, es sei denn, jemand hatte in der Nazi-Zeit eine extrem herausgehobene Rolle.

    Das Argument damals lautete, dass es praktisch keine qualifizierten Leute gab, die nicht NS-belastet waren. Stimmt das?

    Schaarschmidt: Gunnar Take entlarvt das in seinem Beitrag als Scheinargument. Er zeigt das anhand von Kurt Oppler, der das Personalamt des Wirtschaftsrats der Bi-Zone leitete. Oppler war in der NS-Zeit verfolgt worden und als Jude emigriert. Und er hat sehr wohl darauf geachtet, qualifiziertes Personal zu finden, das nicht belastet war. Kurt Oppler war jedoch ein rotes Tuch für die Behördenleitung unter Globke und Adenauer. Er war Sozialdemokrat, er war Emigrant. Man schob ihn schnell auf einen diplomatischen Posten ab. Dann hatte Globke freie Hand. Trotzdem muss man sagen, dass die Propaganda der DDR hinsichtlich dieser personellen Kontinuitäten extrem überzogen hat.

    Zum Beispiel?

    Schaarschmidt: In der DDR wurde etwa anlässlich des Eichmann-Prozesses der Film „Aktion J“ gedreht, der Globke als Hauptverantwortlichen des Holocaust darstellt und eine bruchlose Kontinuität zu seiner Rolle im Kanzleramt behauptet, die Adenauer zu einer Randfigur machte. Es war für die Bonner Seite leicht, das zu dekonstruieren und als Lüge zu bezeichnen, auch wenn es in der Praxis die personelle Kontinuität gegeben hat, nur nicht in dieser überzeichneten Form. Aber das war Teil des Kalten Kriegs in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren.

    Warum hat Adenauer Globke überhaupt eingesetzt?

    Schaarschmidt: Er war ein herausragender Verwaltungsfachmann, dem es gelungen ist, sich den Besatzungsmächten als Demokrat zu verkaufen, der er 1949 sicher nicht gewesen ist. Mit Adenauer war er über den politischen Katholizismus verbunden, er stammte ebenfalls aus dem Rheinland und wollte, wie Adenauer, Deutschland wieder zu Anerkennung verhelfen. Außerdem wird es Adenauer bewusst gewesen sein, dass seine deutliche Unterstützung für Globke ein Signal an die westdeutsche Bevölkerung war, vor allem an die, die auf die eine oder andere Weise am NS-System mitgewirkt hatten, dass ihnen eine zweite Chance gegeben wird, auch wenn er das nie offen gesagt hat. Das waren Millionen, die sonst schwer zu integrieren gewesen wären.

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    Hans Globke war in der NS-Zeit Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze und verantwortlich für die Namensänderungsverordnung von 1938, durch die Juden erkennbar gemacht wurden.Bundesarchiv, B 145 Bild-F015051-0008 / Patzek, Renate / CC-BY-SA 3.0

    Braun: Ich habe mich mit dem Gesundheitswesen in der BRD und der DDR beschäftigt, und da sieht man, dass auch in der DDR im Dienste des Aufbaus manchmal ein Auge zugedrückt wurde. Maxim Zetkin, der Sohn von Clara Zetkin und ein überzeugter Kommunist, wehrte sich Anfang der Fünfzigerjahre gegen Bestrebungen, alle Ärzte mit NS-Belastung auszusortieren: Man verliere dann zu viele Fachkräfte. Es gab damals einen regelrechten Broschürenkrieg: Die Westseite hat die Nazis im Osten aufgeschrieben und die Ostseite die Nazis im Westen. Im Verlauf der Zeit wandelt sich das. In den 70er-Jahren wurde Klaus Bölling Sprecher der Bundesregierung, der in Potsdam geboren wurde, selbst kurz in der SED war und dessen Mutter als Jüdin ins KZ Auschwitz deportiert worden war. Das war ein Generationswechsel, der die eingespielte Ost-West-Feindschaft und ihre erlernten Muster und Reflexe erschwert hat.

    Schaarschmidt: Dieser wichtige Wandel setzte allerdings schrittweise und spät ein, was auch mit Globkes Personalpolitik zusammenhängt. Der starke personelle Wandel kommt erst ab 1969, dann ändern sich auch Politikstile, das stellt unsere Kollegin Nadine Freund dar. Sie macht es am Beispiel des Verhältnisses von Männern und Frauen deutlich, das sich erst ändert, als nicht mehr die Leute mit sehr traditionellen Geschlechter- und Gesellschaftsvorstellungen in Amt und Würden sind. Für die Integration der westdeutschen Gesellschaft und die Legitimation des politischen Personals war aber vor allem der Antikommunismus sehr wichtig.

    Als Antikommunist stand man auf der richtigen Seite

    Inwiefern?

    Schaarschmidt: Er war in der BRD das Schmiermittel, welches es selbst den schlimmsten Antisemiten ermöglichte, wieder zu einer Funktion zu kommen. Als Antikommunist positionierte man sich im Systemkonflikt auf der richtigen Seite. Nach dem Motto: Egal was wir vorher gemacht haben, jetzt sind wir Antikommunisten und stehen im antitotalitären Kampf auf der Seite der Westmächte. Das Pendant dazu war der Antifaschismus in der DDR, der nicht nur die SED-Diktatur legitimierte, sondern den Menschen im Osten die Möglichkeit eröffnete, sich in die Gesellschaft der DDR zu integrieren, egal, was sie bis 1945 getan und gedacht hatten.

    Das Selbstverständnis der DDR als antifaschistischer Staat und die Behauptung, man habe sich wesentlich gründlicher entnazifiziert als die BRD, stimmt doch aber, oder?

    Schaarschmidt: Wenn man sich die frühen Entlassungen aus dem Justizapparat oder der Lehrerschaft in der DDR anschaut und im Vergleich dazu die Kontinuitäten in der westdeutschen Justiz, ist das gar keine Frage.

    Man bekommt angesichts Ihrer Studie den Eindruck, dass die BRD einen langen Weg hin zur Demokratie zurücklegen musste. Sehen Sie einen Bezug zur Gegenwart?

    Braun: Das verlief tatsächlich nicht schlagartig, und das ist auch für die Gegenwart wichtig. Es stellt sich immer aufs Neue die Frage, wo die Grenzen zwischen Demokratie und Diktatur verlaufen, wo sind die Kipppunkte und wo die schleichenden Prozesse – auf dem Weg zur Demokratie oder hinein in eine Diktatur. Auf diese Weise wird klar, dass eine Demokratie auch nicht über Nacht erodiert.

    Schaarschmidt: Ich habe in den Achtzigerjahren studiert und hätte mir nie vorstellen können, mich intensiver mit der Geschichte der Bundesrepublik zu beschäftigen. Diese Erfolgsgeschichte der Kanzlerdemokratie schien mir todlangweilig. Alles war toll und gut. Im Rückblick wird diese Geschichte wesentlich interessanter. Es war ein spannungsreicher Weg hin zur Demokratisierung, zur Liberalisierung, zu dem, was meine Generation in den Achtzigern als parlamentarische Demokratie kennengelernt hat. Doch vieles ist fragil und kann auch wieder infrage gestellt werden.

    Zur Person

    Thomas Schaarschmidt ist seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung und unterrichtet an der Universität Potsdam. Er studierte in Bonn und habilitierte sich 2004 an der Universität Leipzig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Gesellschaftsgeschichte moderner Diktaturen und Erinnerungskulturen. Zurzeit bereitet er eine Publikation über die Geschichte des ostdeutschen Handwerks in der Ära Honecker und nach dem Fall der Mauer vor.

    Jutta Braun, geb. in Köln, Studium der Neueren und Osteuropäischen Geschichte und Sinologie in München, ist Leiterin der Abteilung „Regime des Sozialen“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, 2019 Zeitgeschichte-digital-Preis, Publikationen zu u.a. Bundespresseamt, Ministerien sowie Kunst- und Sportpolitik im NS und geteilten Deutschland.

    #Allemagne #mazis #RFA #gouvernement #histoire #iatrocatie

  • Zwangssterilisation in Peru: Insistieren auf Gerechtigkeit
    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190739.entschaedigung-zwangssterilisation-in-peru-insistieren-auf-gerech

    23.4.2025 von Knut Henkel - María Elena Carbajal ist eine von über 300 000 Frauen, die in Peru zwangssterilisiert wurden. Nach Jahren des Protests hofft sie auf Entschädigung

    Der Marsch zum 8. März hat schon Tradition für María Elena Carbajal. Auch in diesem Jahr hat sie mit ihren Genoss*innen die Route durch das Zentrum der peruanischen Hauptstadt Lima koordiniert, Kundgebung und Redner*innen vor dem Justizministerium organisiert und mit ihren Mitstreiterinnen die Transparente vorbereitet: »Wir wollten und wollen auch weiterhin auf besonders gravierende Fälle wie den von Celia Ramos aufmerksam machen, aber auch auf meinen eigenen«, sagt die kleine, quirlige Frau und deutet auf ein Foto, das sie vor knapp dreißig Jahren zeigt. Schüchtern in die Kamera blickend und hochschwanger. »Das bin ich kurz vor der Geburt von Francisco, dem jüngsten meiner vier Kinder«, erklärt sie mit leiser Stimme. »Der Tag hat mein Leben auf den Kopf gestellt«, schiebt die heute 55-jährige Peruanerin noch hinterher.

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    Umstellung nd

    Sie kam ins Hospital María Auxilidora im Stadtteil San Juan de Miraflores in Lima, um zu entbinden. Nur einen Tag später wurde sie als Sterilisierte entlassen. »Man hat mir gegen meinen Willen die Fruchtbarkeit genommen, mich sterilisiert. Der 18. September 1996 ist der Tag, an dem meine Grundrechte verletzt wurden«, so Carvajal. Damals war sie auf sich gestellt, hatte den Ärzten, die sie nach der Entbindung barsch aufforderten, ihre Einwilligung zur Sterilisation zu geben, wenig entgegenzusetzen. »Du hast bereits vier Kinder, das ist genug, sagte einer zu mir. Ein anderer fügte hinzu, ich sei doch kein Meerschweinchen«, erinnert sich Carbajal und zieht die Stirn missbilligend in Falten.

    Den Satz haben sich in Peru Tausende Frauen, oft indigener Herkunft, anhören müssen, so Carbajal. Sie ist die Vorsitzende der AMPAEF in Lima und Callao. Die sechs Großbuchstaben stehen für »Vereinigung der von Sterilisation betroffenen peruanischen Frauen«, und María Elena Carbajal leitet die Sektion für Lima und Callao. »Ich vertrete etwas mehr als 300 zwangssterilisierte Frauen und 22 Männer im Großraum Lima«, erklärt die kleine, quirlige Frau mit dem kastanienbraunen, hochgesteckten Haarschopf. Landesweit hat die AMPAEF mehr als 3000 weibliche und knapp 500 männliche Mitglieder – organisiert in 13 Landesverbänden.

    Erst viele Jahre später, 2017, brachte Carbajal den Mut auf, sich zu engagieren. Lange Zeit habe sie nur funktioniert, sich um ihre vier Kinder gekümmert, denn Ehemann Manuel Jesús Jiménez hatte noch im Krankenhaus kehrtgemacht, als er hörte, dass seine Frau sterilisiert worden sei. »Ich hatte Francisco auf dem Arm, erklärte, was mir passiert war, und er ließ mich sitzen«, erinnert sich Carbajal mit einem Kopfschütteln und fährt fort: »Er hat gedacht, dass ich ihn betrügen wolle, dass ich mich sterilisieren lasse, um gefahrlos mit anderen Männern Sex zu haben – ein typischer Macho«, sagt sie und rollt genervt mit den Augen.
    María Elena Carbajal

    María Elena Carbajal

    Foto: Knut Henkel

    Es hat lange gedauert, bis sich Elena Carbajal von den Schuldgefühlen einigermaßen freimachen konnte. Allein musste sie die vier Kinder durchbringen. »Mein Mann hat nie auch nur einen Sol an Unterhalt gezahlt«, sagt sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Nach neun Jahren Ehe musste ich für mich und die Kinder sorgen, eine neue Perspektive aufbauen. Ich bin putzen gegangen, habe als Verkäuferin gearbeitet, als Straßenhändlerin an großen Verkehrskreuzungen alles Mögliche verkauft – manchmal auch nachts«, erinnert sich Carbajal mit einem bitteren Lachen. De facto sei sie doppelt bestraft worden: einmal durch die Sterilisation und deren negative gesundheitliche Folgen und zum Zweiten, weil sie sich wirklich um alles allein kümmern musste. An diesem Punkt taucht ihr ältester Sohn Manuel auf, tätschelt ihr die Schulter, reicht ihr und dem Besucher eine Limonade und verschwindet – verfolgt vom dankbaren Blick seiner Mutter – wieder in der Küche.

    Manuel wohnt ein Stockwerk über seiner Mutter in Lurín, kocht wie heute öfter für die beiden und ist da, wenn sie ihn braucht. Lurín ist einer dieser staubigen Vororte von Lima, die Perus Elf-Millionen-Metropole von drei Seiten einfassen. Die vierte Seite bildet das Meer, mit Hafenanlagen von Callao, dem alten Fischerort Chorrillos, dem Armenviertel Villa Salvador, an das sich Lurín anschließt. Erdölverarbeitende Industrie und produzierendes Gewerbe prägen den gräulich-ockerfarbenen Sandstreifen, der von Neubausiedlungen durchbrochen ist – vor allem in zweiter Reihe.

    In einem dieser Blöcke, »La Estancia«, lebt María Elena Carbajal seit nunmehr 17 Jahren. »2007 bin ich in dieses Neubauprojekt reingerutscht. Es war eine seltene Chance, trotz wenig Geld eine eigene bezahlbare Wohnung zu ergattern, da habe ich nicht lange gezögert«, erinnert sie sich mit einem zufriedenen Lächeln. Mittlerweile ist die kleine, einfache Wohnung weitgehend abbezahlt und die Hoffnung, dass sich ihre Kinder in direkter Nachbarschaft ansiedeln, ist voll aufgegangen. »Manuel wohnt über mir, Francisco ein paar Häuser weiter links und meine beiden Töchter, Maryori und Marshall, sind auch nur einen Steinwurf entfernt untergekommen«, erklärt sie und deutet bei jedem der Namen auf die jeweiligen Fotos ihrer vier Kinder auf dem Sims gegenüber vom Sofa. Auf dem Sofa, gleich links von der Eingangstür, oder am Esstisch weiter vorne, gegenüber von der Küche, sitzt sie gerne. Auf dem Tisch liegen heute die beiden Mappen mit den Flugblättern der AMPAEF und den Ausdrucken von den letzten Aktionen, darunter dem Marsch vom 8. März.

    Der endete vor dem Ministerium für Justiz und Menschenrechte, wo die Aktivist*innen auf Bannern, Flugblättern und mit Sprechchören die Umsetzung des Urteils des »UN-Komitees für das Ende aller Formen der Diskriminierung der Frau«, kurz CEDAW, einforderten. Das Komitee hat am 30. Oktober 2024 die peruanische Regierung aufgefordert, alle Opfer gewaltsamer Sterilisationen zu entschädigen. Das Vorgehen der damaligen Regierung von Alberto Fujimori habe die Grundrechte der Frauen verletzt, es seien weder eine umfassende Untersuchung noch eine angemessene finanzielle Entschädigung und die psychologische Hilfe erfolgt, schreibt das Komitee in seinem Urteil.

    Das ist für María Elena Carbajal ein Hoffnungsschimmer, denn sie ist eine von fünf Frauen, deren Fälle exemplarisch für mehr als rund 300 000 andere analysiert wurden. Laut den Ergebnissen einer Untersuchungskommission des peruanischen Parlaments sind 314 605 Sterilisationen von Frauen und weitere 24 563 von Männern zwischen 1993 und 1999 durchgeführt worden. Warum?

    »Dabei ist mir das Pardon wichtiger als Geld. Der Staat muss anerkennen, dass uns Unrecht widerfahren ist.«
    María Elena Carbajal

    Der diktatorisch regierende Präsident Alberto Fujimori (1990–2000) wollte das als Beitrag zur Geburtenkontrolle und zur Armutsbekämpfung verstanden wissen. Fujimori, im September 2024 verstorben, regierte das Land mit harter Hand, führte einen brutalen und überaus blutigen Krieg gegen die indigen geprägte maoistische Guerilla des Leuchtenden Pfades und das Movimiento Revolucionario Túpac Amaru (MRTA). Mehr als 70 000 Tote, das Gros indigener Herkunft, dokumentierte die Wahrheitskommission unter ihrem Vorsitzenden Salomón Lerner, und Analysten fragen, warum mehr als 90 Prozent der Opfer gewaltsamer Sterilisationen indigener Herkunft und arm waren? Diese Frage hat Alberto Fujimori, der persönlich mit seinen drei Gesundheitsministern für die Pläne für die Sterilisationskampagne, aber auch für Quoten und Erfolgsprämien verantwortlich war, nie beantwortet. Rassismus, eine extrem klassizistische Gesellschaftshierarchie und ein hohes Maß an Ignoranz der gesellschaftlichen Eliten machen Experten wie der bereits erwähnte Salomón Lerner dafür verantwortlich.

    María Elena Carbajal, anders als viele der Zwangssterilisierten keine Indigene, weiß genau, weshalb sie in das Raster des medizinischen Personals geriet. »Die beiden zentralen Kriterien waren Armut und Zugehörigkeit zu einer indigenen Ethnie. Beide Kriterien sind bis heute ein gesellschaftliches Ausschlusskriterium«, erklärt Carbajal mit fester Stimme. Sie ist heute auf Medikamente gegen ihre Rückenschmerzen angewiesen. Zudem kann sie nicht lange stehen, und Gebärmutter und Scheide haben sich verschoben. Diagnostizierte Spätfolgen einer OP, bei der nicht wie eigentlich vorgesehen, die Eileiter durchtrennt wurden, sodass keine Eizellen mehr den Weg in die Gebärmutter finden, sondern die Eileiter entfernt wurden. Direkte Folge war, dass der Hormonhaushalt der 26-Jährigen massiv gestört war. Sie kam direkt in die Wechseljahre, hatte fortan unter Hormonmangel und einem Defizit an Mineralien zu leiden.

    »Das geht vielen zwangssterilisierten Frauen so: Wir sind Anfang 50, Anfang 60, aber fühlen uns wie 80 und sind zu kaum etwas zu gebrauchen«, sagt Carbajal mit einem bitteren Lachen. Erstmals schwingt etwas Niedergeschlagenheit in der Stimme der kämpferischen Frau mit. Wiedergutmachung und eine offizielle Entschuldigung fordert sie ein – für sich und alle anderen. »Dabei ist mir das Pardon wichtiger als Geld. Der Staat muss anerkennen, dass uns Unrecht widerfahren ist«, sagt Carbajal mit leiser Stimme und funkelnden Augen.

    #Pérou #stérilisation_forcée #iatrocatie #racisme

  • The Great Indian Rape-Trick I - Arundhati Roy on Shekhar Kapur’s Bandit Queen
    https://web.archive.org/web/20160414182145/http://www.sawnet.org/books/writing/roy_bq1.html

    Détail significatif dans cet article d’il y a trent ans : parmi les nombreux éléments importants de la vie de la rebelle omis dans le film Bandit Queen se trouve le fait que les médecins lui ont enlevé l’uterus pour l’empêcher de, dans leurs mots, pondre d’autres rebelles de son genre.

    Le film en soi n’a pas d’importance sauf peut-être pour les collectionneurs de rape and revenge movies .

    A.R. recommende implicitement un livre qui contient des témoignages de Phoolan Devi : Mala Sen, India’s Bandit Queen : The True Story of Phoolan Devi

    22.8.1994 At the premiere screening of Bandit Queen in Delhi, Shekhar Kapur introduced the film with these words: “I had a choice between Truth and Aesthetics. I chose Truth, because Truth is Pure.”

    To insist that the film tells the Truth is of the utmost commercial (and critical) importance to him. Again and again, we are assured, in interviews, in reviews, and eventually in writing on the screen before the film begins. “This is a True Story.”

    If it weren’t the “Truth”, what would redeem it from being just a classy version of your run-of-the-mill Rape n’ Retribution theme that our film industry churns out every now and then? What would save it from the familiar accusation that it doesn’t show India in a Proper Light? Exactly Nothing.
    It’s the “Truth” that saves it. Every time. It dives about like Superman with a swiss knife - and snatches the film straight from the jaws of unsavoury ignominy. It has bought headlines. Blunted argument. Drowned criticism.

    If you say you found the film distasteful, you’re told - Well that’s what truth is - distasteful. Manipulative? That’s Life - manipulative.
    Go on. Now you try.
    Try...Exploitative. Or.. Gross. Try Gross.

    It’s a little like having a dialogue with the backs of trucks.
    God is Love.
    Life is Hard.
    Truth is Pure.
    Sound Horn.

    Whether or not it is the Truth is no longer relevant. The point is that it will, ( if it hasn’t already) - become the Truth.

    Phoolan Devi the woman has ceased to be important. (Yes of course she exists. She has eyes, ears, limbs hair etc. Even an address now) But she is suffering from a case of Legenditis. She’s only a version of herself. There are other versions of her that are jostling for attention. Particularly Shekhar Kapur’s “Truthful” one, which we are currently being bludgeoned into believing.

    “... it has the kind of story, which, if it were a piece of fiction, would be difficult to credit. In fact, it is the true story of Phoolan Devi, the Indian child bride...”
    Derek Malcolm writes in The Guardian.

    But is it? The True Story? How does one decide? Who decides?

    Shekhar Kapur says that the film is based on Mala Sen’s book - India’s Bandit Queen: The True Story of Phoolan Devi. The book reconstructs the story, using interviews, newspaper reports, meetings with Phoolan Devi and extracts from Phoolan’s written account, smuggled out of prison by her visitors, a few pages at a time.

    Sometimes various versions of the same event - versions that totally conflict with each other i.e: Phoolan’s version, a journalist’s version, or an eye- witnesses version - are all presented to the reader in the book. What emerges is a complex, intelligent and human book. Full of ambiguity, full of concern, full curiosity about who this woman called Phoolan Devi really is.

    Shekhar Kapur wasn’t curious.

    He has openly admitted that he didn`t feel that he needed to meet Phoolan. His producer Bobby Bedi supports this decision “Shekhar would have met her if he had felt a need to do so.” (Sunday Observer August 20th [1994]).

    It didn’t matter to Shekhar Kapur who Phoolan Devi really was. What kind of person she was. She was a woman, wasn’t she? She was raped wasn’t she? So what did that make her? A Raped Woman! You’ve seen one, you’ve seen ’em all.
    He was in business.
    What the hell would he need to meet her for?

    Did he not stop to think that there must have been something very special about her? That if this was the normal career graph if a low-caste village woman that was raped, our landscapes would be teeming with female gangsters?

    If there is another biographer any where in the world who has not done a living subject the courtesy of meeting her even once - will you please stand up and say your name? And having done that, will you (and your work) kindly take a running jump?

    What does Shekhar Kapur mean when he says the film is based on Mala Sen’s book? How has he decided which version of which event is “True” ? On what basis has he made these choices?
    There’s a sort of loutish arrogance at work here. A dunce’s courage. Unafraid of what it doesn’t know.
    What he has done is to rampage through the book picking up what suits him, ignoring and even altering what doesn’t.

    I am not suggesting that a film should include every fact that’s in the book.
    I am suggesting that if you take a long hard look at the choices he has made - at his inclusions, his omissions and his blatant alterations, a truly dreadful pattern emerges.
    Phoolan Devi (in the film version), has been kept on a tight leash. Each time she strays towards the shadowy marshlands that lie between Victimhood and Brutishness, she has been reined in. Brought to heel.
    It is of consummate importance to the Emotional Graph of the film, that you never, ever, stop pitying her. That she never threatens the Power Balance.
    I would have thought that this was anathema to the whole point of the Phoolan Devi story. That it went way beyond the You-Rape-Me: I’ll-Kill- You equation. That the whole point of it was that she got a little out of control. That the Brutalized became the Brute.
    The film wants no part of this. Because of what it would do to the Emotional Graph. To understand this, you must try and put Rape into its correct perspective. The Rape of a nice Woman (saucy, headstrong, foul-mouthed perhaps, but basicaly moral, sexually moral) - is one thing. The rape of a nasty/perceived-to-be-immoral womall, is quite another. It wouldn’t be quite so bad. You wouldn’t feel quite so sorry. Perhaps you wouldn’t feel sorry at all.

    Any policeman will tell you that.
    Whenever the police are accused of custodial rape, they immediately set to work. Not to prove that she wasn’t raped. But to prove that she wasn’t nice. To prove that she was a loose woman A prostitute. A divorcee. Or an Elopee - ie: She asked for it.
    Same difference.

    Bandit Queen -the film, does not make a case against Rape. It makes its case against the Rape of nice (read moral), women. (Never mind the rest of us that aren’t “nice”) .

    [??The film is consistently??] it’s on the lookout, like a worried hen - saving Phoolan Devi from herself. Meanwhile we, the audience, are herded along, like so much trusting cattle. We cannot argue, (because Truth is Pure. And you can’t mess With that).

    Every time the Director has been faced with something that could disrupt the simple, pre- fabricated calculations uf his cloying morality play, it has been tampered with and forced to fit.
    I’m not accusing him of having planned this.
    I believe that it comes from a vision that has been distorted by his own middle-class outrage, which he has then turned on his audience like a fire-fighter’s hose.

    According to Shekhar Kapur’s film, every landmark - every decison, every turning-point in Phoolan Devi’s life, starting with how she became a dacoit in the first place, has to do with having been raped, or avenging rape.
    He has just blundered through her life like a Rape-diviner
    You cannot but sense his horrified fascination at the havoc that a wee willie can wreak. It’s a sort of reversed male self absorption.
    Rape is the main dish. Caste is the sauce that it swims in.

    The film opens with a pre-credit sequence of Phoolan Devi the child being married off to an older man who takes her away to his village where he rapes her, and she eventually runs away. We see her next as a young girl being sexually abused bv Thakur louts in her village . When she protests, she is publicly humiliated, externed from the village, and when she returns to the village, ends up in prison. Here too she is raped and beaten, and eventually released on bail. Soon after her release, she is carried away bv dacoits. She has in effect become a criminal who has jumped bail. And so has little choice but to embark on a life in the ravines.
    He has the caste-business and the rape-business neatly intertwined to kick-start that “swift, dense, dramatic narrative” (Sunil Sethi, Pioneer August 14th [1994])

    Mala’s book tells a different story.
    Phoolan Devi stages her first protest against injustice at the age of ten. Before she is married off. In fact it’s the reason that she’s married off so early. To keep her out of trouble.
    She didn’t need to be raped to protest. Some of us don’t.
    She had heard from her mother, the story of how her father’s brusher Biharilal and his son Maiyadeen falsified the land records and drove her father and musher out of the family house, forcing them to live in a little hut on the outskirts of the village.
    The angry little girl accompanied by a frightened older sister marches into her uncle’s hora field where the two of them hang around with a combative air, munching hora nuts and plucking flowers (combatively). Their cousin Maiyadeen, a young man in his twenties, orders the children off his premises. Phoolan refuses to move. Instead this remarkable child taunts him, and questions his claim to the land. She was special.
    She is beaten unconscious with a brick.

    Phoolan Devi’s first war, like almost every dacoit’s first war, was fought for territory. It was the classic beginning of the journey into dacoitdom.
    But does it have rape in it?
    Nope.
    Caste-violence?
    Nope.
    So is it worth including in the film?
    Nope.

    According to the book, her second protest too, has to do with territory. And it is this (not the sexual harassment bv the village louts, though that happens too), that lands Phoolan Devi in jail and enters her name in the police records.
    Maiyadeen, the book says, was enraged because the property dispute (thanks to Phoolan’s pleas to the village panchayat) had been re-opened and transferred to the Allahabad High Court.
    As revenge he destroys Devideen’s (Phoolan’s father) crop, and is in the process of hacking down their Neem tree when Phoolan intervenes and throws a stone at him. She is attacked, trussed up, and handed to the police.
    Soon after she’s released on bail, she is kidnapped by dacoits. This too, according to Phoolan’s version ( upto, this point, there is no other version), is engineered by Maiyadeen as a ruse to get her out of his hair.
    Maiyadeen does not figure in the film.

    Already some pretty big decisions have been made. What stays, what goes. What is high-lighted, what isn’t.
    Life is Rape. The rest is jus’ details.

    We then see Phoolan in the ravines, being repeatedly raped by Babu Singh Gujar, the Thakur leader of the gang she has been kidnapped by. Vikram Mallah, the second-in-command is disgusted by his behaviour and puts a bullet through him. According to the book the killing happens as a drunken Babu Gujar is threatening to assault Phoolan. In the film he’s actually at it, lying on top of her, his naked bottoms jerking. As he breathes his last, Phoolan blinks the blood out of her eyes and looks long into the eyes of her redeemer. Just so that we get the point.

    After this we are treated to a sequence of After-rape-romance. The touching bits about the first stirrings of sexual desire in a much-raped woman. The way it works in the film is If-you- touch-me-I’ll-slap-you-but-I-really-do-want-to-touch-you.
    It’s choreographed like a dusty dance in which they rub against each other, but whenever he touches her she swats his hand away, but nevertheless quivers with desire. It is such a crude, obvious, doltish depiction of conflict in a woman who is attracted to a man, but associates sex with humiliation. It’s not in the book, so I’m not sure whose version Shekhar has used. From the looks of it, probably Donald Duck’s.

    Vikram Mallah and Phoolan Devi become lovers. While the book and the film agree that he was her one true love, the book does not suggest that he was her only lover.

    The film does. She has to be portrayed as a One Man Woman. Otherwise who’s going to pity her? So it’s virtue or bust. One lover (a distant cousin) is eliminated completely. The other (Man Singh), is portrayed as what used to be known in college as a Rakhi-brother.

    From all accounts, Vikram Mallah seems to have been the midwife of Phoolan’s birth into dacoitdom.
    He supervises her first act of retribution against her husband Puttilal.
    The film shows him bound and gagged, being beaten by Phoolan Devi with the butt of her gun, whimpering and crying with remembered rage.

    At having been raped. In the Retribution bits, she is allowed a little latitude. Otherwise, (as we shall see) none at all.

    But there’s a sly omission here. According to the book, according to Phoolan Devi herself, there were two victims that day. Not one.
    The second one was a woman. Vidya, Puttilal’s second wife.
    The film hasn’t told us about a second experience Phoolan has with Puttilal. The time that Maiyadeen forced her to return to Puttilal. Phoolan arrived at her husband’s house to find that he had taken a second wife. Vidya harassed and humiliated Phoolan and eventually forced Puttilal to send her away.
    Her humiliation at Vidya’s hands is more recent in Phoolan’s memory.
    Phoolan, in her written version says she wanted to kill them both and leave a note saying that this will be the fate of any man who takes two wives. Later she changed her mind and decided to leave them alive to tell the tale. She beat them both. And broke Puttilal’s hands and legs.

    But what nice woman would do that?
    Beat up another woman?
    How would you feel sorry for someone like that?

    So, in the film, Vidya is dumped.

    Phoolan’s affair with Vikram Mallah ends tragically when he is shot.
    She is captured bv his Thakur killers, gagged, bound, and transported to Behmai. The stage is set for what has come to be referred to as the “centerpiece” of the film. The gang-rape.
    It is the scene by which the film is judged.
    Not surprisingly, Phoolan herself is reticent about what happened. All she says is un logo ne mejhse bahut mazaak ki.
    She mentions being beaten, humliliated and paraded from village to village. She mentions another woman dacoit Kusuma — who disliked her, and taunted and abused her. (Of course there’s no sign of her in the film. It would only serve to confuse the Woman-as-victim moral arithmetic.)

    Since Phoolan isn’t forthcoming, it is the vivid (vicarious) account in Esquire by an American, journalist, Jon Bradshaw that has been enlisted to structure this scene.

    “... Phoolan screamed, striking out at him, but he was too strong. Holding her down, the stranger raped her. They came in one by one after that. Tall, silent Thakur men — and raped her until Phoolan lost consciousness. For the next three weeks Phoolan was raped several times a night, and she submitted silently turning her face to the wall... she lost all sense of time... a loud voice summoned her outside. Sri Ram ordered Phoolan to fetch water from the well. When she refused, he ripped off her clothes and kicked her savagely...at last she limped to the well while her tormentors laughed and spat at her. The naked girl was dragged back to the hut and raped again.”

    Whatever Shekhar Kapur’s other failings are, never let it be said that he wasn’t a trier. He did his bit too. He (Pioneer Aug 14th, India Today August 21st [1994])locked himself up in a room - the door opening and closing as one man after another strode in - imagining himself being sodomized!!! After this feat of inter-sexual empathy, he arrives at some radical, definitive conclusions. “There is no pain in a gang-rape, no physical pain after a while,” he assures us “It is about something as dirty as the abject humiliation of a human being and the complete domination of its soul.”
    Thanks baby. I would never have guessed.
    It’s hard to match the self-righteousness of a film-maker with a cause. Harder when the film- maker is a man and the cause is rape.
    And when it’s the gang-rape of a low-caste woman by high-caste men .. don’t even try it. Go with the feeling.

    We see a lot of Phoolan’s face, in tight close-up, contorted into a grimace of fear and pain as she is raped and mauled and buggered. The overwhelming consensus in the press has been that the rape was brilliantly staged and chilling.

    That it wasn’t exploitative.
    Now what does that mean? Should we be grateful to Shekhar Kapur for not showing us the condition of her breasts and genitals? Or theirs? That he leaves so much to our imagination?
    That he gave us a tasteful rape?
    But I thought the whole point of this wonderful film was its no-holds-barred brutality? So why stop now? Why the sudden coyness?
    I’ll tell you why. Because it’s all about regulating the Rape-meter. Adjusting it enough to make us a little preen-at-the-gills. Skip dinner perhaps . But not miss work.
    It’s us, We-the-Audience, stuck in our voyeuristic middle-class lives who really make the decisions about how much or how little rape/violence we can take/will applaud, and therefore, are given.
    It isn’t about the story. (There are ways and ways of telling a story) It isn’t about the Truth. (There are ways around that too. Right?) It isn’t about what Really Happened. It’s none of that high falutin’ stuff.
    It’s good old Us. We make the decisions about how much we would like to see. And when the mixture’s right, it thrills us,. And we purr with approbation.

    It’s a class thing. If the controls are turned up too high, the hordes will get excited and arrive. To watch the centrepiece. They might even whistle. They won’t bother to cloak their eagerness in concern like we do.
    This way, it’s fine, It’s just Us and our Imagination.
    But hey, I have news for you - the hordes have heard and are on their way. They’ll even pay to watch. It’ll make money, the centrepiece. It’s hot stuff

    How does one grade film-rapes on a scale from Exploitative to Non-exploitative?
    Does it depend on how much skin we see? Or is it a more complex formula that juggles exposed skin, genitalia, and bare breasts?
    Exploitative I’d say, is when the whole point of the exercise is to stand on high moral ground, and inform us, (as if we didn’t know), that rape is about abject humiliation.
    And, as in the case of this film, when it exploits exploitation. Phoolan has said (Pioneer, August 15 [1994]) that she thinks they’re no better shall the men who raped her. This producer/director duo.

    And they’ve done it without dirtying their hands. What was that again? The complete domination of the soul? I guess you don’t need hands to hold souls down.

    After the centrepiece, the film rushes through to its conclusion.
    Phoolan manages to escape from her captors and arrives at a cousin’s house, where she recuperates and then eventually teams up with Man Singh who later becomes her lover, (though of course the film won’t admit it).
    On one foray into a village with her new gang, (one of the only times we see her indulging in some non-rape-related banditry), we see her wandering through a village in a daze, with flaring nostrils, while the men loot and plunder. She isn’t even scared when the police arrive. Before she leaves she smashes a glass case, picks out a pair of silver anklets and gives it to a little girl.
    Sweet.

    When Phoolan and her gang, arrive in Behmai for the denouement, everybody flees indoors except for a baby that is for some reason, left by the well, The gang fans out and gathers the Thakurs who have been marked for death. Suddenly the colour seeps out of the film and everything becomes bleached and dream sequency. It all turns very conceptual. No brutal close-ups. No bestiality.
    A girl’s gotta do what a girl’s gotta do.
    The twenty-two men are shot The baby wallows around in rivers of blood. Then colour leaches back into the film.

    And with that, according to the film, she’s more or less through with her business. The film certainly, is more or less through with her. Because there’s no more rape. No more retribution.

    According to the book, it is really only after the Behmai massacre that Phoolan Devi grows to fit her legend. There’s a price on her head, people are baying for her blood, the gang splinters. Many of them are shot by the police. Ministers and Chief-ministers are in a flap. The police are in a panic . Dacoits are being shot down in fake encounters and their bodies are publicly displayed like game. Phoolan is hunted like an animal. But ironically, it is now, for the first time that she is in control of her life. She becomes a leader of men. Man Singh becomes her lover, but on her terms. She makes decisions. She confounds the police. She evades every trap they set for her./ She plays daring little games with them. She undermines the credibility of the entire UP police force. And all this time, the police don’t even know what she really looks like.
    Even when the famous Malkhan Singh surrenders, Phoolan doesn’t.

    This goes on for two whole years. When she finally does decide to surrender, it is after several meetings with a persuasive policeman called Rajendra Chaturvedi, the SP of Bhind, with whom she negotiates the terms of her surrender to the government of Madhya Pradesh.

    Is the film interested in any of this?
    Go on. Take a wild guess.

    In the film, we see her and Man Singh on the run, tired, starved and out of bullets. Man Singh seems concerned, practical and stoical.
    Phoolan is crying and asking for her mother!!!

    The next thing we know is that we’re at surrender. As she gives up her gun, she looks at Man Singh and he gives her an approving nod.
    Good Girl! Clever girl!
    God Clever Girl

    Phoolan Devi spent three-and-a-half years in the ravines. She was wanted on 48 counts of major crime, 22 murder, the rest kidnaps-for-ransom and looting.
    Even simple mathematics tells me that we’ve been told just half the story.
    But the cool word for Half-truth is Greater-truth.
    Other signs of circular logic are beginning to surface.
    Such as: Life is Art
    Art is not Real

    How about changing the title of the film to: Phoolan Devi’s Rape and Abject Humiliation: The True half-Truth?
    How about sending it off to an underwater film festival with only one entry?

    What responsibility does a biographer have to his subject? Particularly to a living subject?
    None at all?
    Does it not matter what she thinks or how this is going to affect her life?

    Is he not even bound to shovv her the work before it is released for public consumption?

    If the issues involved are culpable criminal offenses such as Murder and Rape - if some of them are still pending in a court of law — legally, is he allowed to present conjecture, reasonable assumption and hearsay as the unalloyed “Truth?”

    Shekhar Kapur has made an appeal to the Censor Board to allow the film through without a single cut. He has said that the Film, as a work of Art, is a whole, if it were censored it wouldn’t be the same film.
    What about the Life that he has fashioned his Art from?
    He has a completelv different set of rules for that.

    It’s been several months since the film premiered at Cannes. Several weeks since the showings in Bombay and Delhi. Thousands of people have seen the film. It’s being invited to festivals all over the world.
    Phoolan Devi hasn’t seen the film. She wasn’t invited.
    I met her yesterday. In the morning papers Bobby Bedi had dismissed Phoolan’s statements to the press — “Let Phoolan sit with me and point out inaccuracies in the film, I will counter her accusations effectively,” (Sunday Observer, August 21st [1994]). What is he going to do? Explain to her how it really happened?
    But it’s deeper than that. His story to the press is one thing. To Phoolan it’s quite another. In front of me she rang him up and asked him when she could see the film. He would not give her a definite date.
    What’s going on?

    Private screenings have been organised for powerful people. But not for her.
    They hadn’t bargained for this. She was supposed to be safely in jail. She wasn’t supposed to matter. She isn’t supposed to have an opinion.
    “Right now”, the Sunday Observer says, “Bobby Bedi is more concerned about the Indian Censor Board than a grumbling Phoolan Devi.”

    Legally, as things stand, in UP the charges against her haven’t been dropped. (Mulayam Singh has tried, but an appeal against this is pending in the High Court).
    There are several versions of what happened at Behmai. Phoolan denies that she was there. More importantly, two of the men who were shot at but didn’t die say she wasn’t there. Other eye- witnesses say she was. Nothing has been proved. Everything is conjecture.

    By not showing her the film, but keeping her quiet until it’s too late to protest (until it has been passed by the Censors and the show hits the road), what are they doing to Phoolan? By appearing to remain silent, is she concurring with the film version of the massacre at Behmai? Which states, unequivocally, that Phoolan was there. Will it appear as though she is admitting evidence against herself? Does she know that whether or not the film tells the Truth it is only a matter of time before it becomes the Truth. And that public sympathy for being shown as a rape-victim doesn’t get you off the hook for murder?
    Are they helping her to put her head in a noose?

    On the one hand the concerned cowboys Messrs Bedi & Kapur are so eager to share with us the abject humiliation and the domination of Phoolan Devi’s “soul”, and o n the other they seem to be so totally uninterested in her.
    In what she thinks of the film, or what their film will do to her life and future.

    What is she to them? A concept? Or just a cunt?

    One last terrifying thing. While she was still in jail, Phoolan was rushed to hospital bleeding heavily because of an ovarian cyst. Her womb was removed. When Mala Sen asked why this had been necessary, the prison doctor laughed and said “We don’t want her breeding any more Phoolan Devi’s.”
    The State removed a woman’s uterus! Without asking her .Without her knowing.
    It just reached into her and plucked out a part of her!
    It decided to control who was allowed to breed and who wasn’t.
    Was this even mentioned in the film?
    No. Not even in the rolling titles at the end
    When it comes to getting bums on seats, hysterectomy just doesn’t measure up to rape.

    August 22nd, ’94

    Roger Ebert a apprécié le film mais il n’a pas lu le livre.
    https://www.rogerebert.com/reviews/bandit-queen-1995

    Bandit Queen.(v.o.)
    https://www.youtube.com/watch?v=x0XxJS5YiZ0

    #Inde #histoire #iatrocatie #banditisme #femmes #sexisme #cinéma

  • Review of zur Nieden, Susanne, Unwürdige Opfer : Die Aberkennung von NS-Verfolgten in Berlin 1945 bis 1949
    https://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=18269

    C’est un sujet pour l’année 2024 : l’exclusion et la culpabilisation des plus pauvres. La pratique la plus radicale de l’idéologie de la responsabilité individuelle pour la maladie et la pauvreté fut la définition assez floue et l’emprisonnement dans les camps nazis des « asociaux et criminels professionnels ».

    En principe et d’un point de vue de pauvre et de malade les déologies nazies et libérales sont identiques. Il y a une différence dans le détail : Les nazis t’assassinaient et t’euthanasiaient, les libéraux te laissent crever tout seul des suites de ta pauvreté et de ta maladie.

    Comme à l’époque nazie chaque personne non fortunée est encore aujourd’hui soumise à l’accusation de responsabilité pour son propre malheur. La transformation des états de providence en sociétés libérales ("there is no such thing as society", Thatcher) continue et se radicalise en temps de guerre.

    En 2024 on aura beaucoup de choses à découvrir et à contester.

    Reviewed by Veronika Springmann
    Published on H-Soz-u-Kult (November, 2003)

    In den vergangenen Jahren ist nicht nur einiges zur Geschichte der Nachkriegszeit in beiden deutschen Staaten veröffentlicht worden, auch die Anfänge der Debatten um Entschädigung und Wiedergutmachung wurden in den Blick genommen. Stellvertretend erwähnt sei hier der Sammelband Klaus Naumann (Hg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001.
    Susanne zur Nieden versteht ihre Untersuchung zum „Berliner Hauptausschuss Opfer des Faschismus“ als eine „Detailstudie im Kontext der Vergangenheitspolitik“ (S.11). Sie fokussiert sich auf die Diskussion um die Wiedergutmachung von NS–Verfolgten und deren Umsetzung in Berlin von Mai 1945 bis Ende 1948.

    Im ersten Teil der Untersuchung beschreibt Susanne zur Nieden die Versuche einer Gruppe von Überlebenden, eine „überparteiliche und gesamtdeutsche Verfolgtenpolitik“ zu initiieren. Das wurde bereits von Olaf Groehler 1995 Vgl. hier Olaf Goehler, Verfolgten- und Opfergruppen in den politischen Auseinandersetzungen in der SBZ und DDR, in: Jürgen Danyel (Hg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Untergang mit dem Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 17 – 31. beschrieben. Dies wird nun sehr detailreich ausgeführt, vor allem im zweiten Teil der Monographie, der sich nicht nur mit der konkreten Arbeit des Berliner Hauptausschusses „Opfer des Faschismus“ beschäftigt, sondern aufzeigt, nach welchen Kriterien Verfolgte des Nationalsozialismus aus der Entschädigungspraxis ausgeschlossen wurden. In ihrem Ergebnis kommt sie zu einem Resultat, welches bereits Constantin Goeschler formulierte: “Zwischen der Gesamtzahl derer, die im Dritten Reich oder durch dieses diskriminiert, verfolgt oder ermordet, und der Zahl derer, die nach dem Krieg in Deutschland als Verfolgte des Nationalsozialismus in Betracht gezogen wurden, herrscht eine erhebliche Diskrepanz. Vgl. Constantin Goschler, Nachkriegsdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus, in: Hans – Erich Volkmann (Hg.), Ende des Dritten Reiches – Ende des zweiten Weltkrieges. Eine perspektivische Rückschau, München/Zürich 1995, 317 – 342, hier: 318. Von dieser Diagnose ausgehend schält sich eine der Hauptfragen der Untersuchung heraus: Welche Überlegungen lagen der gängigen Praxis des Ein – bzw. Ausschlusses in die Gemeinschaft der Verfolgten zugrunde. Susanne zur Nieden lässt sich hier von der Annahme leiten, dass „Ausschluss und Grenzziehung“ konstitutive Elemente der Entschädigungspraxis gewesen seien. Dass sie diese Ausschlüsse nicht immer rückbindet an Normvorstellungen der Akteure, ist eine Schwäche des Bandes.

    Bereits im März 1945 hatte sich in Berlin eine Gruppe von Gegnern des nationalsozialistischen Staates zusammengeschlossen. Noch war Berlin nicht in Sektoren aufgeteilt und unterstand der sowjetischen Verwaltung. Der von der sowjetischen Militäradministration eingesetzte Berliner Magistrat arbeitete unter den extremen Bedingungen einer zerstörten Infrastruktur, einer Stadt voller Flüchtlinge und obdachloser Menschen. Im Mai 1945 gelang es einer Gruppe von Häftlingen um Ottomar Geschke eine Interessenvertretung für NS-Verfolgte zu initiieren. Ottomar Geschke, Stadtrat für Soziales, strich bereits in seiner ersten Rede heraus, dass er die soziale Betreuung der „Opfer des Faschismus“ für das Kernstück der Sozialpolitik halte: „ Ich habe mir gesagt, das deutsche Volk insgesamt, das tatenlos zugesehen hat, wie Millionen und Abermillionen in die KZ’s (sic!) in die Zuchthäuser und die Gefängnisse geworfen und durch Krematorien gejagt wurden, dieses deutsche Volk, also die Gesellschaft muss wiedergutmachen an uns.“ Zit. nach Susanne zur Nieden, Unwürdige Opfer, 31. Diese Passage macht deutlich, was Susanne zur Nieden erst im Schlusswort deutlich formuliert, sich aber als „leise“ Frage dennoch durch den ganzen Band zieht: Wie eng die Frage nach Wiedergutmachung von NS-Verbrechen mit einer anderen zweiten zusammenhing, nämlich wie die sich neu bildenden Instanzen im besetzten Deutschland mit den NS-Aktivisten beziehungsweise mit der Mehrheit der Mitläufer umgehen sollten.“(S. 186).

    Der Hauptausschuss, keinesfalls nur von Kommunisten geprägt, Das zeigt bereits die erwähnte Studie von Olaf Groehler. Vgl. dazu Barck, Simone, Antifa-Geschichte(n). Eine literarische Spurensuche in der DDR der 1950er und 1960er Jahre, Köln 2003. Vgl. Susanne zur Nieden, “...für das Ansehen, der ‚Opfer des Faschismus’ nicht tragbar“. Auseinandersetzungen um den Verfolgtenstatus von Minna R., Blockälteste im KZ Ravensbrück, in: Insa Eschebach/Sigrid Jacobeit/Susanne Lanwerd (Hgg.), Die Sprache des Gedenkens. Zur Geschichte der Gedenkstätte Ravnebsrück 1945-1995, Berlin 1999, 184 – 195. setzte sich zusammen aus ehemaligen NS-Verfolgten, unterschiedlichster politischer Couleur: „Ausschließlich NS-Verfolgte sollten ihre Leidensgenossen vertreten und betreuen.“ (S. 35). Sieht Jürgen Danyel in dieser pluralen Zusammensetzung demokratische Versuche, wertet es Susanne zur Nieden v.a. als taktisch. Eine Annahme, die in der Untersuchung nicht überzeugend belegt werden kann, auch nicht im zweiten Teil, der sich mit „Unwürdigen Opfern“ auseinandersetzt, und Fragmente von „Verfolgungsbiografien“ vorstellt. Insgesamt liest sich dieser Teil ungleich spannender als der vorhergehende.

    Susanne zur Nieden beschäftigt sich hier mit Überprüfungsaktionen des Berliner Hauptausschusses, in deren Verlauf Menschen der Status eines NS-Verfolgten aberkannt wurde. Susanne zu Nieden zeigt auf, an welchen Schnittstellen diese Überprüfungsaktion angesiedelt war. So geben uns diese Akten nicht nur Auskunft über das tatsächliche Procedere des Ausschusses, sondern berichten über die moralisch-politischen Vorstellungen der Gruppe, die darüber entschied, wer sich „Opfer des Faschismus“ nennen durfte. Deutlich wird hier, wie stark kollektive Erinnerung und Erinnerungsarbeit vom politischen und moralischen Impetus unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen geleitet wird.

    Gegliedert ist der zweite Teil in vier Kapitel. Zunächst widmet sich Susanne zur Nieden der Frage, unter welchen Umständen es zu einer Überprüfung der anerkannten „Opfer des Faschismus“ kam. Im zweiten Kapitel wird von Menschen erzählt, die ihre Anerkennung als Opfer des Faschismus verloren haben. Moralischer und politischer Anspruch des Hauptausschusses zeigten sich in seiner formulierten gesellschaftlichen Vorbildfunktion, die es nicht zulassen konnte, dass sich innerhalb des OdF Menschen befanden, „die sich kriminelle Handlungen zuschulden kommen lassen“ (S.120). Susanne zur Nieden führt aus, dass es zwar einerseits einen rigiden moralischen Anspruch gegeben habe, andererseits dieser zunächst in den Richtlinien keinen ausdrücklichen Niederschlag fand. Bezeichnend hierfür der Fall zweier Frauen, denen homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden. Rechtlich gesehen konnten sie nicht belangt werden, da gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Frauen nicht unter Strafe standen; der Leiter des Hauptausschusses fürchtete um das Ansehen des OdF und entzog beiden Frauen die Anerkennung (S. 128). Interessant an der Stelle die Auseinandersetzungen innerhalb des Hauptausschusses, nachdem die beiden Frauen Widerspruch einlegten: Hinsichtlich der Beurteilungen gab es keinesfalls einen Common Sense, sondern im Gegenteil sehr differierende Meinungen und Vorstellungen hinsichtlich der eigenen Rolle als „Sittenwächter“.

    Gesetzeskonflikte, in die „Opfer des Faschismus“ verwickelt waren, sind das Thema von Kapitel 3. Geschildert werden hier Schicksale von Menschen, die es nicht geschafft haben, sich im Nachkriegsdeutschland zu situieren. Tragisch komisch liest sich die Geschichte von Kurt W., der im Bezirksamt Charlottenburg für die Ausgabe von Bezugsscheinen für Kleidung zuständig war. Ihm wurde nun vorgeworfen, er habe etlichen Personen unabhängig von ihren behördlichen Ansprüchen Bezugsscheine ausgestellt. Während ihm ein Prüfer aufgrund dieses gesetzeswidrigen Verhaltens die Anerkennung absprach, setzte sich Maria Wiedmaier, Überlebende des Konzentrationslagers Ravensbrück, nun Leiterin des Charlottenburger OdF Ausschusses für Kurt W. ein mit der Begründung, Kurt W. würde immer noch das Lager mit den heutigen Verhältnissen verwechseln.
    Zur Aberkennung des Verfolgtenstatus konnte aber auch nachgewiesenes „schlechtes Verhalten im KZ“ führen. Susanne zur Nieden erläutert dies am Beispiel von Minna R., der vorgeworfen wurde, im Lager andere Häftlinge misshandelt zu haben. Vgl. dazu Barck, Simone, Antifa-Geschichte(n). Eine literarische Spurensuche in der DDR der 1950er und 1960er Jahre, Köln 2003. Weitere Gründe für die Annullierung einer Anerkennung lagen aber auch in „sozial auffälligem Verhalten“ (S. 124). Dazu gehörte auch der Handel mit den „roten Ausweisen“, die ein begehrtes Tauschobjekt darstellten. Deutlich wird in dieser Monografie aufgezeigt, dass es nicht nur eine scharfe Grenzziehung von Seiten der politischen Häftlinge gegenüber anderen Opfergruppen gab, sondern der Status eines OdF als „Ehrentitel“ zu verstehen sei(S.188). Geschaffen wurde das Bild des männlichen, sich selbstaufopfernden Widerstandskämpfers.[7]

    Bekanntermaßen folgten spätestens ab 1949 Ost– und Westdeutschland unterschiedlichen Prinzipien der Wiedergutmachung; in der Bundesrepublik wurden 1953 die Anordnungen im Bundesentschädigungsgesetz festgehalten; in der SBZ, bzw. DDR setzte sich ab 1949 das Fürsorgeprinzip durch. Alles in allem verrät die Untersuchung von Susanne zur Nieden ausführliche Quellenkenntnisse; gewünscht hätte ich mir an manchen Stellen eine genauere Analyse der Binnenstrukturen des Hauptausschusses, in die u.a. die unterschiedlichen politischen Traditionen und Absichten der Akteure miteinbezogen worden wären und somit eine Annäherung an die Motive und vielleicht auch Ängste, die handlungsleitend für die Entscheidungen waren, erfolgen hätte können. Den Grundstein für eine derartige Untersuchung hat aber Susanne zur Nieden mit der vorliegenden Studie gelegt. Leider ist das Buch nicht optimal redigiert; so sind Susanne zur Niedens zahlreiche Publikationen einer anderen Autorin zugeschlagen worden; eine Bescheidenheit , die - wenn auch unbeabsichtigt - überflüssig ist.

    Susanne zur Nieden. Unwürdige Opfer: Die Aberkennung von NS-Verfolgten in Berlin 1945 bis 1949. Berlin: Metropol Verlag, 2003. 208 S. ISBN 978-3-936411-20-1.

    #iatrocatie #maladie #santé #pauvreté #exclusion #néolibéralisme #capitalisme #nazis #euthanasie

  • Les dérives naturopathes sectaires ont fleuri depuis le Covid : il est temps que l’Etat sévisse, par Christian Lehmann (Libération)
    https://www.liberation.fr/societe/sante/les-derives-naturopathes-sectaires-ont-fleuri-depuis-le-covid-il-est-temp
    https://www.liberation.fr/resizer/BSYju_EROKG0QAnasKftZDAo4MM=/1200x630/filters:format(jpg):quality(70):focal(2033x1788:2043x1798)/cloudfront-eu-central-1.images.arcpublishing.com/liberation/3DX6VSBDYNBF3NKNVCCEAQ4JOI.jpg

    La démultiplication des #gourous 2.0 entraîne son lot de drames, de pertes de chance pour certains patients convaincus qu’ils sont responsables de leur cancer que la médecine traditionnelle ne pourra soigner, et d’emprises sectaires. Et la responsabilité de l’Etat est fréquemment mise en cause, tant son inaction ces dernières années a été flagrante. Le tapis rouge déroulé pour les #complotistes dans les médias, sans remise en cause significative par l’Arcom, même quand de fausses #informations potentiellement délétères pour la #santé sont véhiculées au nom du pluralisme d’expression, l’adoubement dès avril 2020 par Emmanuel Macron lui-même d’un Didier Raoult qui avait déjà à cette époque enfreint les bonnes pratiques scientifiques avec l’aval d’une pléthore de politiques prêts à suivre le premier homme #providentiel venu, mais aussi, partout sur le territoire, la porosité de certains hôpitaux empilant ostéopathes, spécialistes du reiki et autres naturopathes dans des unités de bien-être destinées aux patients... et aux professionnels de santé. Le #CPF vantant des #pseudo-formations aux thérapeutiques alternatives avec l’argent public. Les chroniques santé de nombreux magazines féminins aux mains de naturopathes et autres gourous du bien-être, participant d’une économie parallèle mafieuse. Le Monde publiant, après une longue série en faveur de l’anthroposophie, un article de Raphaëlle Bacqué vantant les stages de jeûne de sa naturopathe. Et que dire de Doctolib, qui pendant des années a laissé de pseudo-thérapeutes squatter sa plate-forme de réservation médicale et être mis en avant, encore aujourd’hui, sur le même plan que des professionnels de santé ?

    • L’article sur Justpasteit se termine par une revendication fallacieuse :

      Il n’est que temps pour l’Etat de prendre ses responsabilités.

      Le problème avec ce genre de revendications et devises est qu’elles sont le résultat d’un vrai problème mais qu’elles partent du principe que l’état, la sociéte, la politique, les décideurs etc. n’en sont pas responsables et n’en profitent pas

      Nous répétons tout le temps cet argument erronné car nous avons fait l’expérience que c’est un truc qu’on arrive à faire passer à travers les filtres des rédactions des grands médias. Nous voulons nous faire entendre, nous voulons qu’on écoute nos souffrances, qu’on rende compte de nos vies brisées.

      Cette approche de soumission s’impose tant qu’on croit encore qu’il y a quelqu’un, un médecin, un magicien, un Führer qui resoudra nos problèmes à notre place. C’est faux. Il faut revendiquer nos droits, que justice soit faite parce que nous l’exigeons, qu’on accepte que nous accédons aux compétences nous permettant d’affronter et de resoudre les raisons de nos maux.

      Éliminer le fléau des soins magiques ne passe pas par des appels aux charlatans officiels. Nous devons nous attaquer aux soins payants, au droit de pratiquer la médecine comme entreprise privée et lutter pour établir des structures collectives, communales, démocratiques et libres, bien équipées et accessibles pour toutes et tous.

      Revendiquer une intervention de l’état et de ses agents se retourne systématiquement contre nous.

      #iatrocatie #soumission #patients #soins #médecine #magie #foi