Neue Studie : So kamen in der BRD Altnazis und schlimmste Antisemiten wieder in Machtpositionen
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La domination de l’état ouest-allemand par les anciennes élites nazies et leurs héritiers n’est pas un mythe mais la triste réalité. Une nouvelle étude scientifique nous renseigne sur la présemce de nazis au sein de la chancellerie, l’administration la plus puissante de la République fédérale d’Allemagne (RFA).
22.6.2025 von Susanne Lenz - Eine neue Studie zeigt, wie viel NS-belastetes Personal im Bundeskanzleramt wirkte. Antikommunismus war eine Entlastungsstrategie, sagen zwei Historiker im Interview.
Eine neue Studie beschäftigt sich mit der Frage, ob es personelle und ideologische Kontinuitäten zwischen dem NS-Apparat und dem Bundeskanzleramt gab: „Das Kanzleramt: Bundesdeutsche Demokratie und NS-Vergangenheit“. Wir sprachen mit den Historikern Jutta Braun und Thomas Schaarschmidt, einem der Herausgeber, beide vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, das für die Studie mit dem Institut für Zeitgeschichte in München und Berlin kooperierte.
Frau Braun, Herr Schaarschmidt, warum kommt diese Studie erst jetzt?
Thomas Schaarschmidt: Die Studie über das Auswärtige Amt hat das Auswärtige Amt selbst angestoßen. In anderen Behörden war das ähnlich, etwa beim Landwirtschafts- oder beim Innenministerium. Die Reichskanzlei hatte vor allem in der NS-Diktatur jedoch einen ganz anderen Zuschnitt als das Bundeskanzleramt und spielte eine andere Rolle. Deshalb gibt es so gut wie keine personellen Kontinuitäten, und die Impulse sind nicht aus der Behörde selbst gekommen, sondern aus der Forschung. Und das ist vielleicht gut so. Unsere Forschung war nicht nur organisatorisch völlig unabhängig, sondern konnte auch von den Erkenntnissen der anderen Studien profitieren.
Konrad Adenauer, den Friedrich Merz als seine politische Leitfigur bezeichnet, war der erste Bundeskanzler der jungen Bundesrepublik. Wie sah es mit seinem Demokratieverständnis aus?
Schaarschmidt: Konrad Adenauer ist sicher eine zentrale Figur, aber ich möchte ihn einbinden in die gesamte Behörde. Wenn man sich das Personal hier anschaut, bemerkt man eine starke Prägung nicht nur durch den Nationalsozialismus, sondern auch durch die Weimarer Republik und das Kaiserreich. Wir haben diese langen Linien berücksichtigt und kommen zu dem Ergebnis, dass sich Demokratievorstellungen über einen langen Zeitraum entwickeln. Teilweise ist es befremdlich, wie Demokratie in den Fünfzigerjahren verstanden wurde. Da gab es einen extrem autoritären Einschlag, mit Folgen für die politische Kommunikation, und eine paternalistische Haltung: Man begegnete der eigenen Gesellschaft mit tiefem Misstrauen.
Welche Epoche war denn für dieses autoritäre Demokratieverständnis vor allem ausschlaggebend?
Schaarschmidt: Die Krisenerfahrung in der Weimarer Republik spielt eine große Rolle. Diese Zeit hat viele Mitarbeiter des Bundeskanzleramts geprägt. Sie sind dadurch nicht unbedingt zu Demokraten geworden, sondern waren der Weimarer Republik gegenüber sehr skeptisch, wenn nicht gar feindlich eingestellt und haben in vielen Fällen problemlos den Weg in den NS-Staat gefunden. Nach 1945 haben sie sich dann eine demokratische Vita zurechtgelegt, um den Besatzungsbehörden gegenüber zu rechtfertigen, warum sie geeignet sind, am demokratischen Aufbau der Bundesrepublik mitzuwirken.
Sie haben sich das Bundespresseamt vorgenommen. Wie hat sich diese autoritäre Prägung dort ausgewirkt, Frau Braun?
Jutta Braun: Während in den Ministerien viele Juristen arbeiteten, waren im Bundespresseamt häufig Journalisten angestellt. Sie hatten teilweise für das antisemitische Hetzblatt Der Angriff oder den Völkischen Beobachter geschrieben. Es war schon problematisch, dass Personen, die früher die Eroberungsfeldzüge von Hitler verteidigt haben, jetzt für das Image der Bundesrepublik verantwortlich waren. Oder dass die, die früher antisemitische Propaganda gemacht haben, jetzt eine aufrichtige Vergangenheitspolitik vertreten sollten. Aber diese Belastung ist damals kaum nach außen gedrungen und wurde auch nicht diskutiert. Nicht einmal, was Felix von Eckardt angeht, der als Drehbuchautor sogar mit Joseph Goebbels zusammengearbeitet hatte. Das Bundespresseamt stand von Anfang an unter dem Generalverdacht, dass hier Goebbels’ Propagandaministerium wieder aufleben sollte.
War da etwas dran?
Braun: Es war im Kern unberechtigt. Aber interessant ist, dass etwa jemand wie Otto Lenz, der im Kanzleramt arbeitete, und in der NS-Zeit verfolgt worden war, gern ein Informationsministerium aufgebaut hätte, also wieder eine Superbehörde – weil er den Deutschen misstraute. Er hätte die reeducation, also die Umerziehung zur Demokratie gern auf Dauer gestellt. Er befürwortete also autoritäre Strukturen, aber nicht um NS-Ideologie zu transportieren, sondern im Sinne einer Demokratieerziehung.
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Konrad Adenauer im Jahr 1955 Keystone/imago
Hat sich dieses autoritäre Demokratieverständnis auch sonst ausgewirkt?
Braun: Das Bundespresseamt hat mit Wissen Adenauers 1957 eine Wahlkampfzeitschrift ins Leben gerufen, die als bunte Illustrierte getarnt war. Vorne war Sissi drauf, innen war Adenauer drin. Damit wollte man die einfache Hausfrau erreichen, aber es war eine Irreführung der Öffentlichkeit, dass das Bundespresseamt ein Parteiorgan bezahlt und als etwas anderes ausgibt. Am Ende ist es herausgekommen und wurde etwa vom Spiegel kritisiert. Daran kann man den gesellschaftlichen Wandel erkennen. Aber das gespannte Verhältnis zur Presse setzt sich bis in die Zeit der Großen und sogar der sozialliberalen Koalition fort.
Es gab in der BRD viele personelle Kontinuitäten, da hatte die DDR recht
Das bekannteste Beispiel für die personelle Kontinuität zwischen NS-Zeit und Bundesrepublik ist neben dem Kanzler Kurt Georg Kiesinger Hans Globke. In Ost-Berlin galt diese Personalie als Beweis dafür, dass ehemalige Nazis in der BRD Karriere machen können. Hatte die DDR damit recht?
Schaarschmidt: Es gab viele personelle Kontinuitäten, da hatte die DDR recht. Und das hängt stark mit Hans Globke zusammen. Er hat dafür gesorgt, dass im Bundeskanzleramt und allen leitenden Bundesbehörden NS-belastetes Personal eingestellt wurde, oft waren es Verwaltungsjuristen. In der Theorie sollte die NS-Belastung berücksichtigt werden, aber in der Praxis wurde ausgesprochen lax verfahren, es sei denn, jemand hatte in der Nazi-Zeit eine extrem herausgehobene Rolle.
Das Argument damals lautete, dass es praktisch keine qualifizierten Leute gab, die nicht NS-belastet waren. Stimmt das?
Schaarschmidt: Gunnar Take entlarvt das in seinem Beitrag als Scheinargument. Er zeigt das anhand von Kurt Oppler, der das Personalamt des Wirtschaftsrats der Bi-Zone leitete. Oppler war in der NS-Zeit verfolgt worden und als Jude emigriert. Und er hat sehr wohl darauf geachtet, qualifiziertes Personal zu finden, das nicht belastet war. Kurt Oppler war jedoch ein rotes Tuch für die Behördenleitung unter Globke und Adenauer. Er war Sozialdemokrat, er war Emigrant. Man schob ihn schnell auf einen diplomatischen Posten ab. Dann hatte Globke freie Hand. Trotzdem muss man sagen, dass die Propaganda der DDR hinsichtlich dieser personellen Kontinuitäten extrem überzogen hat.
Zum Beispiel?
Schaarschmidt: In der DDR wurde etwa anlässlich des Eichmann-Prozesses der Film „Aktion J“ gedreht, der Globke als Hauptverantwortlichen des Holocaust darstellt und eine bruchlose Kontinuität zu seiner Rolle im Kanzleramt behauptet, die Adenauer zu einer Randfigur machte. Es war für die Bonner Seite leicht, das zu dekonstruieren und als Lüge zu bezeichnen, auch wenn es in der Praxis die personelle Kontinuität gegeben hat, nur nicht in dieser überzeichneten Form. Aber das war Teil des Kalten Kriegs in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren.
Warum hat Adenauer Globke überhaupt eingesetzt?
Schaarschmidt: Er war ein herausragender Verwaltungsfachmann, dem es gelungen ist, sich den Besatzungsmächten als Demokrat zu verkaufen, der er 1949 sicher nicht gewesen ist. Mit Adenauer war er über den politischen Katholizismus verbunden, er stammte ebenfalls aus dem Rheinland und wollte, wie Adenauer, Deutschland wieder zu Anerkennung verhelfen. Außerdem wird es Adenauer bewusst gewesen sein, dass seine deutliche Unterstützung für Globke ein Signal an die westdeutsche Bevölkerung war, vor allem an die, die auf die eine oder andere Weise am NS-System mitgewirkt hatten, dass ihnen eine zweite Chance gegeben wird, auch wenn er das nie offen gesagt hat. Das waren Millionen, die sonst schwer zu integrieren gewesen wären.
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Hans Globke war in der NS-Zeit Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze und verantwortlich für die Namensänderungsverordnung von 1938, durch die Juden erkennbar gemacht wurden.Bundesarchiv, B 145 Bild-F015051-0008 / Patzek, Renate / CC-BY-SA 3.0
Braun: Ich habe mich mit dem Gesundheitswesen in der BRD und der DDR beschäftigt, und da sieht man, dass auch in der DDR im Dienste des Aufbaus manchmal ein Auge zugedrückt wurde. Maxim Zetkin, der Sohn von Clara Zetkin und ein überzeugter Kommunist, wehrte sich Anfang der Fünfzigerjahre gegen Bestrebungen, alle Ärzte mit NS-Belastung auszusortieren: Man verliere dann zu viele Fachkräfte. Es gab damals einen regelrechten Broschürenkrieg: Die Westseite hat die Nazis im Osten aufgeschrieben und die Ostseite die Nazis im Westen. Im Verlauf der Zeit wandelt sich das. In den 70er-Jahren wurde Klaus Bölling Sprecher der Bundesregierung, der in Potsdam geboren wurde, selbst kurz in der SED war und dessen Mutter als Jüdin ins KZ Auschwitz deportiert worden war. Das war ein Generationswechsel, der die eingespielte Ost-West-Feindschaft und ihre erlernten Muster und Reflexe erschwert hat.
Schaarschmidt: Dieser wichtige Wandel setzte allerdings schrittweise und spät ein, was auch mit Globkes Personalpolitik zusammenhängt. Der starke personelle Wandel kommt erst ab 1969, dann ändern sich auch Politikstile, das stellt unsere Kollegin Nadine Freund dar. Sie macht es am Beispiel des Verhältnisses von Männern und Frauen deutlich, das sich erst ändert, als nicht mehr die Leute mit sehr traditionellen Geschlechter- und Gesellschaftsvorstellungen in Amt und Würden sind. Für die Integration der westdeutschen Gesellschaft und die Legitimation des politischen Personals war aber vor allem der Antikommunismus sehr wichtig.
Als Antikommunist stand man auf der richtigen Seite
Inwiefern?
Schaarschmidt: Er war in der BRD das Schmiermittel, welches es selbst den schlimmsten Antisemiten ermöglichte, wieder zu einer Funktion zu kommen. Als Antikommunist positionierte man sich im Systemkonflikt auf der richtigen Seite. Nach dem Motto: Egal was wir vorher gemacht haben, jetzt sind wir Antikommunisten und stehen im antitotalitären Kampf auf der Seite der Westmächte. Das Pendant dazu war der Antifaschismus in der DDR, der nicht nur die SED-Diktatur legitimierte, sondern den Menschen im Osten die Möglichkeit eröffnete, sich in die Gesellschaft der DDR zu integrieren, egal, was sie bis 1945 getan und gedacht hatten.
Das Selbstverständnis der DDR als antifaschistischer Staat und die Behauptung, man habe sich wesentlich gründlicher entnazifiziert als die BRD, stimmt doch aber, oder?
Schaarschmidt: Wenn man sich die frühen Entlassungen aus dem Justizapparat oder der Lehrerschaft in der DDR anschaut und im Vergleich dazu die Kontinuitäten in der westdeutschen Justiz, ist das gar keine Frage.
Man bekommt angesichts Ihrer Studie den Eindruck, dass die BRD einen langen Weg hin zur Demokratie zurücklegen musste. Sehen Sie einen Bezug zur Gegenwart?
Braun: Das verlief tatsächlich nicht schlagartig, und das ist auch für die Gegenwart wichtig. Es stellt sich immer aufs Neue die Frage, wo die Grenzen zwischen Demokratie und Diktatur verlaufen, wo sind die Kipppunkte und wo die schleichenden Prozesse – auf dem Weg zur Demokratie oder hinein in eine Diktatur. Auf diese Weise wird klar, dass eine Demokratie auch nicht über Nacht erodiert.
Schaarschmidt: Ich habe in den Achtzigerjahren studiert und hätte mir nie vorstellen können, mich intensiver mit der Geschichte der Bundesrepublik zu beschäftigen. Diese Erfolgsgeschichte der Kanzlerdemokratie schien mir todlangweilig. Alles war toll und gut. Im Rückblick wird diese Geschichte wesentlich interessanter. Es war ein spannungsreicher Weg hin zur Demokratisierung, zur Liberalisierung, zu dem, was meine Generation in den Achtzigern als parlamentarische Demokratie kennengelernt hat. Doch vieles ist fragil und kann auch wieder infrage gestellt werden.
Zur Person
Thomas Schaarschmidt ist seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung und unterrichtet an der Universität Potsdam. Er studierte in Bonn und habilitierte sich 2004 an der Universität Leipzig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Gesellschaftsgeschichte moderner Diktaturen und Erinnerungskulturen. Zurzeit bereitet er eine Publikation über die Geschichte des ostdeutschen Handwerks in der Ära Honecker und nach dem Fall der Mauer vor.
Jutta Braun, geb. in Köln, Studium der Neueren und Osteuropäischen Geschichte und Sinologie in München, ist Leiterin der Abteilung „Regime des Sozialen“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, 2019 Zeitgeschichte-digital-Preis, Publikationen zu u.a. Bundespresseamt, Ministerien sowie Kunst- und Sportpolitik im NS und geteilten Deutschland.
