27.5.2026 von Gabriele Bärtels - Unsere Autorin möchte nicht jammern, aber berichten: über ein Leben fast ohne Geld, mit etwas Neid und viel Hilfsbereitschaft.
Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Dass ich von sehr wenig Geld lebe, ist keine Folge der gegenwärtigen Krisen. Mir hat von jeher das Talent gefehlt, mein Tun zu vermarkten. Doch ich arbeite gern und viel.
Solange ich fest angestellt war, hielten sich meine finanziellen Probleme in Grenzen. Wie schlecht ich als Verkäuferin meiner jetzigen freiberuflichen Tätigkeit bin, kristallisierte sich erst mit der Zeit heraus. Erschwerend kommt hinzu, dass Text- und Bild-Honorare seit Jahren sinken. Als die Zeit verstrich, musste ich konstatieren, dass ich eines Tages zu denen gehören werde, die man in der Statistik unter „Altersarmut“ ablegt.
Ich finde das zum Fürchten, denn wie jeder Mensch bin ich davon ausgegangen, dass man sein Leben an einem Nullpunkt beginnt und viel weiter oben beendet. Andererseits ist es unmöglich, dauernd in Existenzangststarre zu verharren. Nach Jahrzehnten der Praxis kann ich Zustände aushalten, da würden die meisten Bundesbürger schnell die Nerven verlieren.
Alle Wünsche werden gestrichen
Ich sehe mich am Bug eines Schiffes stehen, das alle vier Wochen ungebremst auf eine Kaimauer zufährt. Schon zu Beginn des Monats droht in der Ferne dieses Ultimo, an dem wieder Miete fällig wird, Krankenkasse und Internet. Dabei habe ich den Crash doch gerade erst durch Improvisationen und Leihgaben verhindert.
Oft weiß ich bereits, dass im Laufe der nächsten dreißig Tage nur ein Hunderter hereinkommt, der restlos verplant ist. Geliehenes zurückzahlen, Haftpflicht überweisen, Stiefel besohlen. Die zehn Euro, die ich sparen wollte, hebe ich am Folgetag wieder ab.
Solange ich noch einen Euro im Portemonnaie habe, geht es. Ganz ohne Cent fühlt man sich unkorrekt bekleidet und in leiser Gefahr. Das ist auszuhalten, wenn mindestens Shampoo da ist, Kaffee und Nudeln. Alle Tuben werden auf das Letzte ausgedrückt, alle Wünsche gestrichen.
Ist das jahrelang der Normalzustand, so lernt man, abends auf Treibeis einzuschlafen, bis ungefähr zwei Tage vor dem nächsten Bankrott. Will man nicht als verbitterte, verhuschte Alte enden, muss man sich am Morgen trotzdem auf Arbeit fokussieren können oder auf einen glücklichen Moment.
Eigentlich würde sich unsere Autorin im KaDeWe gern mal was gönnen – und kauft am Ende doch nur, was auf dem Einkaufszettel steht.
Eigentlich würde sich unsere Autorin im KaDeWe gern mal was gönnen – und kauft am Ende doch nur, was auf dem Einkaufszettel steht.
© Emmanuele Contini via www.imago-images.de
Oft war ich gelb vor Neid und rüttelte erbost an meinem Habe-nichts-Schicksal. Wenn ich zum Beispiel durch das KaDeWe schlenderte, in dem es summt, brummt, glänzt, duftet und alles appetitlich dekoriert ist, sodass man nur zugreifen müsste, um am Puls der Zeit zu sein, schön, gepflegt, erfolgreich, mit den edelsten Accessoires ausgestattet, kam ich mir vor, als gucke ich durch ein U-Boot-Fernrohr auf Kunden, Verkäufer und Regale.
Da eilten diese Erfolgspaare vorbei, in Kaschmir und handgeschütteltes Parfum gehüllt, mit Rohmilchkäse ernährt, und ich schrie schweigend vor Zorn, weil ich es nicht haben konnte, dieses winzige Glücksgefühl beim Kauf knallgrüner Kalbslederhandschuhe. Auf meinem Einkaufszettel standen dringendere Dinge: ein neuer Staubsauger, weiße Wandfarbe, ein besserer Monitor, Ersatz für die ausgelatschten Joggingschuhe und die rostige Pfanne, ach, und so weiter.
Deutsche Bruchstelle: „Nicht ganz Ossi, nicht ganz Wessi: Ich bin der Wossi“
Deutsche Bruchstelle: „Nicht ganz Ossi, nicht ganz Wessi: Ich bin der Wossi“
Ein Tag, der nur eine Tüte Zwieback kostet
Es gab diesen Zorn auch auf Frauen, die sich jedes Schönheitsmittelchen leisten können, um ihre Attraktivität zu erhöhen, ihr Altern hinauszuzögern. Ich muss mich weitgehend auf meine Grundausstattung verlassen, mit Minimaldekoration. Doch ich bin undiszipliniert genug, gelegentlich Geld für schöne Kleider zu verschleudern. Leid tut es mir nicht, denn ich will nicht in Sack und Asche durch diese Gesellschaft laufen.
Möchte man von der klaffenden Lücke zwischen andererleuts Haben und dem eigenen Soll nicht verschluckt werden, so darf man sich irgendwann nur noch mit sich selbst vergleichen. Ich kann halt nicht in ferne Länder reisen, ohne U-Bahn-Fahrschein komme ich nicht mal ins Zentrum. Man kann aber beschließen, so weit wie möglich zu Fuß zu gehen.
Das hat den Vorteil, dass man langsam genug ist, um Menschen kennenzulernen. So kam ich mit einem 80 Jahre alten Vatermörder ins Plaudern, der in die Fremdenlegion geflüchtet war und zwölf erwachsene Kinder auf mehreren Kontinenten hat. Davon abgesehen hält viel Bewegung ziemlich fit.
Als Fotografin besitze ich nur zwei Objektive und eine Speicherkarte. Doch ich kann am Ufer eines Park-Sees einen Möwenschwarm mit Zwiebackstücken veranlassen, für mich Kunstflug zu üben, der sich herrlich fotografieren lässt. Und plötzlich bietet ein fremder Herr an, das Futter-Werfen zu übernehmen. Und es blieben andere stehen, die vom Flügeldurcheinander fasziniert sind. Man verbringt einen ergiebigen Tag, der nur eine Tüte Zwieback kostete.
„Langfristige Lebensplanung kann ich mir schenken“
Bei meiner Bank erscheine ich gelegentlich, um meinen Sachbearbeiter zu überzeugen, noch 50 Euro herauszurücken. Weil ich darum bemüht bin, den Leuten die Peinlichkeit zu nehmen, die meine Probleme entstehen lassen, prustete der Sachbearbeiter neulich heraus: „Sie sind die Einzige, an der die ganze Krise spurlos vorbeigeht!“ Wir lachten aus vollem Halse, bis sich die Kunden umdrehten.
Leider ist fehlendes Geld teuer. Eine Rücklastschrift kostet zwölf Euro. Und wenn ich in letzter Not mit der Kreditkarte zehn Euro abhebe, sie auf das Girokonto einzahle, um eine Rücklastschrift zu verhindern, kosten die mich 15. Nicht mitgerechnet die zeitraubende Rennerei.
Langfristige Lebensplanung kann ich mir schenken, denn Nichts lässt sich weder sparen noch investieren. Die schönsten Wochen sind die, in denen die meisten Grundbedürfnisse abgedeckt sind und keine Mahnung droht.
Auch beim Eislaufen im Park knüpfte unsere Autorin neue Kontakte.
Auch beim Eislaufen im Park knüpfte unsere Autorin neue Kontakte.
© Halil Sağırkaya/imago
Auch in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr passiert nicht viel, dann kann ich sogar an Winterurlaub denken. Letztes Jahr half ich unserem Hausmeister beim Schneeschippen und übte auf dem zugefrorenen Park-See Schlittschuhlaufen. Weil die Sonne strahlend schien, hätte es in den Alpen nicht herrlicher sein können.
Als ich meine ersten wackligen Schritte auf dem Eis machte, sauste eine ältere, teure Dame vorbei. Ihr Haar, ihr Schal, ihre Hosen flatterten, als sie elegante Pirouetten drehte. Ich, von Stolper-Angst gebeutelt, rief ihr zu: „Sie sehen fantastisch aus!“ Da fuhr sie einen Bogen, nahm mich an den Händen und zog mich schwatzend über den ganzen See, bis ich meine Unsicherheit vergessen hatte.
Ein ständig schlechtes Gewissen
Monatelang kann ich mit fast nichts auskommen, nur auf eines bin ich dauernd angewiesen: gute Freunde. Die gewinnt man nun nicht, wenn man sie ständig anbettelt. Trotzdem reichen meine Freundschaften zwanzig Jahre weit und in alle gesellschaftlichen Schichten. Wenn eine Nachbarin Hilfe beim Ausfüllen von Formularen braucht, kommt sie zu mir. Kollegen empfehle ich für Jobs, und wenn ich einen Auftrag nicht annehmen kann, leite ich die Anfrage weiter. Dass ich ein unruhiger Geist bin, dem Nichtstun ein Greuel ist, und der ständig etwas produziert, wissen sie alle.
Meine Freunde kennen mich nicht anders als blank. Obwohl ich wohl zu oft davon rede, ahnen sie häufig nicht, dass ich unter der Oberfläche ständig schlechtes Gewissen in Schach halte. Denn es ist mir keineswegs egal, was meine Vermieter von mir denken, wenn ich die Miete schuldig bin.
Viel zu oft muss ich es dann doch tun: um eine Leihgabe bitten. Daran kann ich mich nicht gewöhnen, weil die Augenhöhe eben doch verrutscht und nicht zuletzt, weil ich stolz bin. Es ist der allerletzte Schritt, wenn die Existenzbedrohung bereits einen Schatten auf mich wirft, so groß wie Rübezahl. Ich gehe ihn erst am letztmöglichen Tag, kurz vor der Kaimauer. Bis dahin hilft wieder nur eins: arbeiten und nicht daran denken. „Der Tag sorgt für sich selbst“, hat mal jemand zu mir gesagt. Ich kann nicht erklären, warum mich der Gedanke beruhigt. Wache ich nachts doch einmal auf, knurre ich mir selber zu: „Du wirst nicht untergehen!“
Mir ist schon auf die unterschiedlichste Art geholfen worden, oft unerwartet. Einmal saß ich am Mittagstisch einer Kindertagesstätte, auf diesen ganz kleinen Stühlen, weil die Köchin eine Freundin war. Sie packte mir dann noch eine ganze Tüte voll mit Kaffee, Reis und Käse, obenauf zwei Päckchen Zigaretten. Geld hatte sie kaum mehr als ich.
„Nur weil ich kein Geld habe, bin ich nicht machtlos“
Ein benachbartes, altes Ehepaar unterhielt ein Abonnement bei der Philharmonie. Als der Mann gebrechlich wurde, schenkten sie mir einmal die Karten. Es ergab sich dann, dass sie ihr Abonnement über ein Jahr behielten, nur für mich. Alle paar Wochen klingelte die liebenswürdige Dame an meiner Tür, reichte mir die Karten mit den Worten: „Wir können leider nicht. Sie würden uns eine große Freude machen …“ Sie schenkte mir außerdem die Möglichkeit, mich bei Freunden mit Konzerteinladungen zu bedanken.
Letztes Jahr schob mir ein italienischer Fotograf, den ich insgesamt nur zwei Stunden kannte, seine nagelneue Spiegelreflex-Kamera über den Kaffeetisch. Er sagte: „You need it more than I do.“ Und seit kurzem zahlt mir ein pensionierter Regierungsdirektor eine Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr. Das hat meinen Aktionsradius deutlich erweitert.
Das sind nur Auszüge aus einer langen Liste. Es erschreckt mich fast, wenn ich alles zusammenrechne, ich fühle mich vielfach verpflichtet und will es auch sein, denn wenigstens im Prinzip des Geben und Nehmens wünsche ich mir auf lange Sicht eine ausgeglichene Bilanz. Nicht immer kann man sich direkt revanchieren. Doch es gibt genug Leute, die Unterstützung brauchen. Nur weil ich kein Geld habe, bin ich ja nicht machtlos.
Trotzdem sah ich mich lange als Außerirdische, irgendwo angesiedelt, wo Flugpläne, Kinokarten und Restaurantbesuche überhaupt keine Rolle spielen. Mittlerweile stelle ich erstaunt fest, dass mir von oben Leute entgegenpurzeln, die im mittleren Alter plötzlich lernen müssen, was ich schon lange kann: jonglieren, improvisieren, über Abgründe balancieren. Bisher haben sie einen PC-Notdienst angerufen, wenn ihr Laptop abgestürzt ist. Jetzt müssen sie das Problem selbst in den Griff kriegen. Schadenfroh bin ich nicht.
Gabriele Bärtels wagte mit knapp 40 den Sprung in ein Leben als freie Autorin; seither erschienen ihre Reportagen, Glossen, Porträts und Essays in zahlreichen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften. Für ihre journalistische und literarische Arbeit gewann sie mehrere Medienpreise bzw. war dafür nominiert.