Im feministischen Kneipenkollektiv Café Cralle in Berlin-Wedding will man einen politischen Raum schaffen, »aber auch mal feiern«. Foto: Café Cralle
2026 - 1977 ist 49 aber so sind sie die LohnschreiberInnen, jeder Aufhänger wird genommen so dämlich und an den Haaren auf die Seite geschleift er/sie/es auch sei. Allet jut, ihr schafft dit, isja nich dit erstemal. A propos olle Zeiten, kennt ihr nich dit Taxe Moon, Reinickendorfer am Weddingplatz? War dieselbe Chefin. Abba sowat wolltajanich.
1.10.2026 von Jule Meier - Seit 50 Jahren gibt es im Wedding eine im Kollektiv betriebene Kiezkneipe. Doch sie kämpft ums Überleben. Drei »Collectivistas« erklären, warum.
»Das Cralle braucht Geld«, steht auf einem Transparent, das von der Decke eines Berliner Kneipenkollektivs hängt. Ein anderes Schild weist darauf hin, dass man am Bartresen Gutscheine gegen Bargeld tauschen könne, um Geflüchtete zu unterstützen. Zwei Frauen stehen am Tresen. »Sollen wir uns ein Bier teilen?«, fragt eine die andere. In einer warm beleuchteten Ecke sitzt ein Mann über einem Stapel Papier und streicht Textstellen mit einem Marker an. Vor ihm stehen ein Bier und ein Schnaps. Wenige Meter von ihm entfernt spielen zwei Männer Karten. Plötzlich kommt eine Traube Menschen herein. Die Leute fragen: »Wo geht’s zum Theater?« Die Person am Tresen zeigt ihnen mit einem Lächeln den hinteren Raum der Kneipe.
Es ist Freitagabend im Café Cralle in Wedding. In der Hochstädter Straße in der Nähe des Leopoldplatzes sind die Räume eines der ältesten, vielleicht sogar des ältesten Berliner Kneipenkollektivs gut gefüllt. In einem der zwei Gasträume findet nun gar eine Theateraufführung statt. Beobachtet man das Treiben vor Ort, kann man sich kaum vorstellen, dass das Cralle, wie die Kiezkneipe genannt wird, ums Überleben bangt. Warum erhöhte Mieten nur indirekt damit zu tun haben und welche Solidarität sich das Kollektiv nun wünscht, erzählen drei »Collectivistas« im Gespräch mit »nd«.
Der Grund sind rote Zahlen. »Wir haben noch nie profitorientiert gearbeitet und nie eine große Reserve gehabt«, sagt Lotte. Dann sei im vergangenen Jahr vieles zusammengekommen: Krankheitsausfälle, kaputte Geräte, gestiegene Preise. Das Kollektiv musste einen Kredit aufnehmen. Dazu kommt ein verändertes Ausgehverhalten. Seit Corona habe sich viel geändert, erklärt »Collectivista« Melina: »Die Leute gehen gern um Mitternacht nach Hause und trinken einfach nicht so viel und haben selbst nicht mehr so viel Geld.«
Ihre Kollegin Paulette sagt, der Alkoholkonsum sei im Vergleich zu vor zehn Jahren »drastisch zurückgegangen«. Sie sagt: »Um 1 Uhr ist Schicht im Schacht.« Auch am Tresen sei die »schleichende Prekarität« spürbar, wenn Gäste ihr Geld zählen oder nach den Bierpreisen fragen. Dabei bekommen Gäste im Cralle sowohl das Bier als auch den Kaffee für drei Euro. »Wir wollen, dass Menschen sich den Kaffee und das Bier leisten können«, erklärt Paulette.
Das Cralle ist kein Einzelfall. »Kleine Buchläden, Spätis, Kollektive – soziale Zusammenhänge im Kiez sterben«, sagt Paulette. Seit nunmehr 20 Jahren sei sie regelmäßig im Cralle. Vor ein paar Jahren habe sie sich dann entschieden, mitzumachen. Mitmachen, das heißt, Teil eines hierarchiearmen und nicht profitorientierten Kneipenkollektivs mit feministischem Anspruch zu sein, wie Kollegin Melina erklärt. Zwischen den beiden »Collectivistas«, wie sich die Angestellten im Cralle nennen, liegen mehrere Jahrzehnte feministischer Bewegung.
1977 beginnt die Geschichte des Cralle. »Das waren drei Frauen, die haben sich damals über eine Annonce in einer Frauenzeitschrift kennengelernt«, berichtet Lotte, die schon acht Jahre und damit am längsten Teil des Kollektivs ist. Die Frauen seien damals Teil der Frauenbewegung gewesen und hätten Ideen wie »Frauenräume gemeinsam schaffen, gemeinsam arbeiten, gemeinsam wirtschaften, gemeinsam leben« gekannt. Gerade mal 21 Jahre alt war eine der drei Gründer*innen des Cralle, als sie den Mietvertrag unterschrieben.
Unter den wenigen Kollektivkneipen, die es in Berlin gibt, ist nur die »Straßenbahn« in Friedenau genauso alt. »Verschiedenste Phasen« habe der Ort bereits durchgemacht. Das Besondere am Cralle sei, so Lotte, dass über die Jahre immer wieder neue Collectivistas dazugekommen und andere gegangen seien, die den Laden prägten. Bei der letzten großen Renovierung packten viele Gäste mit an, »haben mit uns geschweißt und gemalert«, wie Lotte sagt. Es gebe unzählige Geschichten von Menschen, die sich hier kennengelernt haben. Und wer in der Straße aufgewachsen sei, sei als Kind zum Eisessen im Cralle gewesen. Das Cralle sei für sie mehr als irgendein Ort, sagt Lotte. »Ich finde es total schön. Für mich hat das Cralle zum einen ein Eigenleben. Es ist aber auch ein großes Kollaborationsprojekt.«
Gemeinsame Sache machen gelte nicht nur für die sieben Collectivistas. Denn das Cralle sei eine linke Kiezkneipe, wie Paulette betont. »Das bedeutet, dass die Nachbarschaft, wenn sie will, selbstverständlich einbezogen ist – ganz schlicht.« Zu den Stammgästen gehörten auch obdach- und wohnungslose Menschen. »Sie dürfen und können kommen und hier Menschen um Geld bitten, denn das ist ihr Lebensunterhalt. Wir kennen die, und die kennen uns – mit Namen.« Ähnlich sei es bei Spätis und anderen Läden in Wedding. »Wenn was ist, können wir die fragen«, berichtet Paulette. »Das ist nachbarschaftliche Solidarität. Das ist eben Kiez.«
»Es braucht diese Orte in Kiezen, in denen wir zusammenkommen, uns austauschen, uns schützen und unterstützen.«
Paulette Collectivista im Café Cralle
Das zeige sich beispielsweise auch an konkreten Ereignissen wie beim jüngsten Wahlsieg der AfD Sachsen-Anhalt. Laut Lotte sind gezielt Menschen ins Cralle gekommen, um sich auszutauschen. »Das Cralle ist eine Art Marktplatz. Es gibt hier Mieterberatung am Tresen, man unterstützt sich. Wir verstehen uns als Teil der linken Infrastruktur. Vieles wurde geschlossen und geräumt in den letzten Jahren. Die Zeiten werden härter. Umso wertvoller ist es, solche Orte zu erhalten.« Collectivista Melina ergänzt, es sei eben nicht so, »dass Leute ins Cralle kommen, Bier trinken, sich besaufen und wieder gehen«. Der Anspruch sei es, »eine Art Beziehung« zu den Gästen zu haben und »dem anonymen Zeitgeist entgegenzuwirken«. Paulette nennt es »Vertrauensbildung«. Das sei genau das Gegenteil von dem, was gerade in der Gesellschaft passiere.
Dabei setzt das Cralle im Gegensatz zu anderen linken Kollektivkneipen wie dem »Syndikat« in Neukölln oder der »Loge« in Friedrichshain den Fokus auf Feminismus. »Dass Frauen und trans Personen hier alleine hinkommen, ist überhaupt nicht selbstverständlich«, so Lotte. Viele Stammtische und Veranstaltungen haben einen feministischen Schwerpunkt. So gibt es einen Stammtisch für Notfallmediziner*innen, ein queeres Trauercafé und einen queeren Familienbrunch. Die meisten Angebote richten sich an Flinta, sind also für Frauen und Lesben sowie inter, nichtbinäre, trans und agender Menschen gedacht.
Nicht immer leicht sei es, dem linken Anspruch auch gerecht zu werden. Das Arbeiten im Kollektiv sei »anstrengender« als in den klassischen Gastro-Jobs mit Chef*innen, meint Paulette. Denn in der Praxis bedeutet dies, viel im Plenum und unterschiedliche Bedürfnisse auszuhandeln. Aber laut Lotte hat das auch Vorteile. »Vor allem an Flinta gibt es oft den Anspruch: Du musst nett und freundlich sein, und du musst dir Belästigung gefallen lassen. Der Kunde ist bei uns aber nicht König, sondern die Tresenkraft hat das Sagen.« Das schaffe einen Ort, an dem Flinta sich ausprobieren und lernen können, darunter Buchhaltung, Reparatur und anderes.
Die Preise zu erhöhen, kommt für das Kollektiv nur ungern infrage. »Wir haben Bauchschmerzen, wenn wir daran denken, die Preise zu erhöhen, weil wir wissen, was das mit den Gästen macht«, sagt Lotte. Stattdessen will das Cralle seine Räume häufiger vermieten, denn bei Veranstaltungen sei der Laden voller. Seit das Kollektiv die finanzielle Krise öffentlich gemacht hat, erfahre es viel Zuspruch. »Leute geben superviel Trinkgeld oder haben Ideen, etwas zu organisieren.« Nun soll monatlich ein Soli-Bingo stattfinden. Zudem läuft auf Startnext eine Spendenkampagne mit dem Ziel von 11.585 Euro. Fast 7000 Euro sind bereits eingegangen, eine Woche bleibe noch Zeit. Das Geld soll die Schulden, erwartbare Nebenkostenzahlungen und das Sommerloch abdecken, das meist die umsatzschwächere Zeit sei.
Damit es im Café Cralle weitergeht, braucht es nun Unterstützung. »Wir brauchen mehr Öffentlichkeit, um weitermachen zu können«, sagt Paulette. Es brauche mehr Aufrufe fürs Crowdfunding, mehr Gäste und »ein Bewusstsein dafür, dass wir jetzt Kohle brauchen«. Auch neue Collectivistas sucht das Kollektiv, »mit Leidenschaft für Kneipe und das politische Projekt«, wie Melina sagt. Lotte wünscht sich zudem Menschen, die den Raum füllen, »sei es, einen Geburtstag hier zu feiern, einen Stammtisch ins Leben zu rufen, Veranstaltungen zu organisieren«. Für Paulette geht es um mehr als das Cralle: »Es braucht diese Orte in Kiezen, in denen wir zusammenkommen, uns austauschen, uns schützen und unterstützen.« Und: »Zusammenrücken ist gerade für Kneipen und Cafés wichtig.«