Ein panischer Anruf, dann ein Schrei – warum starb Tatiana Cherchneva in ihrer Berliner Wohnung?
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Das Berlin umd die Welt, in der diese Geschichte spielt sind ungefähr so weit entgernt vom heutigen Leben wie Ereignisse aus dem Jahr 1946. Die Welt ist kleiner geworden.
24.5.2026 von Katrin Bischoff - Die Verbindung bricht ab – wenige Minuten später liegt Tatiana Cherchneva tot in ihrer Wohnung. Doch ihr Mörder bleibt bis heute ein Rätsel. Ein Cold Case voller Widersprüche.
Als Tatiana Cherchneva kurz vor 18 Uhr anruft, freut sich ihr Freund Thomas S., der in der Nähe des Kreuzberger Maybachufers wohnt. Der 36-Jährige hat gekocht. Er und Tatiana wollen den Montagabend zusammen genießen.
Doch was seine Freundin ihm sagt, hört sich nicht nach einem harmonischen Abend an, es löst Panik bei ihm aus: „Komm bitte sofort her, da ist ein Mann in meiner Wohnung“, ruft Tatiana Cherchneva aufgeregt ins Telefon. Sie wisse nicht, was für ein Mann, sagt sie auf Nachfrage. Thomas S. hört einen lauten, entsetzlich klingenden Schrei. Dann ist die Leitung tot.
Thomas S. kann seine Freundin nicht mehr erreichen. Voller Unruhe wählt er den Polizeinotruf, bittet, sofort einen Streifenwagen in die Georg-Wilhelm-Straße in Wilmersdorf zu schicken – zur Wohnung von Tatiana Cherchneva. Seine Freundin werde bedroht, begründet er den Notfall.
Dann sagt Thomas S., er werde auch gleich losfahren. „Aber ich bin in Kreuzberg, ich brauche wahrscheinlich ziemlich lange.“ Der Notruf wird aufgezeichnet und um 18.03 Uhr beendet. Schon zwei Minuten später fährt ein Funkwagen los, so geht es aus den Akten hervor.
Mit Blaulicht und Martinshorn erreicht das Polizeifahrzeug um 18.15 Uhr die Wohnadresse der 31-jährigen Frau. Es ist ein fünfgeschossiger Neubaublock. Ein Nachbar öffnet den beiden Beamten die Tür des viergeschossigen Mehrfamilienhauses.
Tatiana Cherchneva wohnt im ersten Obergeschoss. Sie reagiert weder auf das Klingeln noch auf das Klopfen der Polizisten. Eine Viertelstunde später stürmt ihr Freund Thomas S. die Treppen herauf. Er hat noch im Auto versucht, seine Freundin zu erreichen, ihr auf den Anrufbeantworter geschrien, dass sie durchhalten solle. Mit einem Schlüssel öffnet er die Wohnungstür, die nicht abgeschlossen, sondern nur ins Schloss gefallen ist.
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Die Akten des ungelösten Mordfalls Tatiana Cherchneva liegen bei der Staatsanwaltschaft. © Maurice Weiss/Ostkreuz
Im Flur der Wohnung sind die Teppichläufer ungewöhnlich zusammengeschoben, mehrere Aktenordner vor der Konsole auf dem Boden verstreut. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher. Davor liegt Tatiana Cherchneva in einer Blutlache, ihr linker Schuh neben ihrem Fuß. Alles sieht so aus, als habe sie jemand dorthin geschleift.
Tatiana Cherchneva trägt ein leichtes Sommerkleid, sie ist tot. Ihr Mörder hat ihr dreimal in den Rücken gestochen. Der Stichkanal hat eine Länge von 19 Zentimetern. Am Ende hat ihr der Täter die Kehle aufgeschlitzt. Die Mordwaffe fehlt. Nichts deutet auf eine emotionale Tat hin, bei der der Täter rasend vor Wut oder Eifersucht tötet. Es ist Montag, der 13. September 1999. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel.
Die Buchhalterin stammte aus Odessa
Fast 27 Jahre später sitzt Staatsanwalt Michael Petzold, ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, vor einem großen Aktenberg, der 28 Bände umfasst. Sie beinhalten die Ermittlungsergebnisse, die Fotos und Gutachten im Fall der getöteten Ukrainerin, die bisher nicht zum Erfolg führten. Und in dem es so viele Sonderbarkeiten gibt.
Trotz vieler Spuren und einer hohen Geldsumme, die damals zur Belohnung ausgesetzt wurde, konnte das Rätsel um den gewaltsamen Tod der jungen Frau bis heute nicht gelöst und ihr Mörder nicht gefunden werden. „Aber wir geben nicht auf“, sagt Petzold zuversichtlich. Weil Mord nicht verjährt. Und einige Spuren noch offen seien. DNA-Spuren, die an der Kleidung gefunden wurden und den Täter überführen könnten.
Dann berichtet der Staatsanwalt, was über die Tote bekannt ist: Tatiana Cherchneva stammt aus Odessa. Dort soll sie Germanistik studiert haben. 1990 lernte sie in ihrer Heimatstadt ihren späteren Chef Kurt K. kennen, der in Berlin-Kreuzberg eine Exportfirma für Büromaschinen führte und auf Geschäftsreise war.
Sie dolmetschte für ihn, er holte sie ein Jahr später aus der noch bestehenden Sowjetunion nach Berlin. Dort zog sie in die Wohnung in der Georg-Wilhelm-Straße in Wilmersdorf, die Kurt K. gehörte. Zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Sie fing in seiner Firma als Buchhalterin an, wollte sich später zur Finanzbuchhalterin qualifizieren. Beide wurden ein Paar.
Kurt K. war 24 Jahre älter als Tatiana Cherchneva. Nach acht Jahren trennten sie sich, weil sie Kinder wollte, er aber krank und zeugungsunfähig war. Sie sei jung gewesen, man sei im Guten auseinandergegangen, hat Kurt K. nach dem Tod der 31-Jährigen bei der Polizei ausgesagt. Dafür spricht, dass er ihr auch nach der Trennung die Wohnung und ihr Handy weiterbezahlte. Und dass niemand aus dem Bekanntenkreis von Streitigkeiten erzählen konnte.
„Auffällig ist, dass Tatiana Cherchneva jegliche Kontakte in ihr Heimatland komplett vermieden hat“, sagt Michael Petzold heute. Eine Ausnahme sei ihre beste Freundin Julia S. gewesen. Sie stamme aus Moskau. Fast täglich hätten die Frauen miteinander telefoniert. Manchmal stundenlang.
Kurz vor ihrem Tod sprach sie noch mit ihrer Freundin
So auch wenige Minuten vor dem Tod von Tatiana Cherchneva. In einem Telefonat soll sich die 31-Jährige bei ihrer Freundin darüber beschwert haben, dass ihre Spülmaschine schon wieder defekt sei. Möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich sei, sagt Petzold, dass sich zu dieser Zeit der Mörder schon in der Wohnung des Opfers befunden habe. Denn es gebe weder Spuren eines Einbruchs noch eines Kampfes. Kannte Tatiana Cherchneva ihren Mörder? Ließ sie ihn freiwillig in die Wohnung? Hatte er gar einen Schlüssel?
Das Opfer wird in den Akten als lebensfroh, freundlich und nett beschrieben. Tatiana Cherchneva hatte Englischunterricht genommen und Klavier gelernt. Mit dem Englischlehrer soll sie eine Affäre angefangen haben. Er galt, genauso wie Kurt K. und ein weiterer Mann, später als tatverdächtig. Aber alle Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Entweder weil die Tatverdächtigen kein Motiv hatten – oder ein lupenreines Alibi.
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Michael Petzold von der Berliner Staatsanwaltschaft liest sich durch den Aktenberg. © Maurice Weiss/Ostkreuz
Jeden Freitag, so geht es aus den Akten hervor, war Tatiana Cherchneva im Fitnessstudio, am Wochenende machte sie gern Party. Sie liebte es, auf ihrem Balkon zu sitzen und mit Bekannten am Telefon zu plaudern.
Ihren Freund Thomas S., einen Schauspieler, lernte sie rund ein Jahr vor ihrem Tod in der Charlottenburger Kantstraße in der Diskothek Abraxas kennen, die es seit 2009 nicht mehr gibt.
Doch offenbar hatte Tatiana Cherchneva vor, sich von Thomas S. zu trennen. Darauf deutete ein 20 Seiten langer Brief hin, der nach ihrem Tod in ihrer Wohnung gefunden wurde. Von dem Thomas S. aber nichts gewusst haben will.
In dem Schreiben, laut Petzold ein „Schlussmachbrief“, hieß es: „Ich möchte lieben, lieben, lieben und genauso geliebt werden. (...) Wenn uns aber nun gar nichts mehr verbindet, dann ist das schlecht und wir können nicht zusammensein.“ Tatiana Cherchneva machte ihrem Freund in dem Brief Vorwürfe, nicht ehrlich zu ihr zu sein.
Das Wochenende vor ihrem Tod verbrachte Tatiana Cherchneva mit Thomas S. in einer Pension in der Sächsischen Schweiz. „Offenbar war das Wochenende so idyllisch, dass sie sich nicht mehr trennen wollte“, sagt Petzold. Ihrer Freundin soll sie berichtet haben, der Kurzurlaub sei zu schön gewesen.
Tatiana Cherchneva verließ grußlos ihren Arbeitsplatz
Klar ist, dass Tatiana Cherchneva am Tag ihres Todes ihren Arbeitsplatz gegen 17 Uhr verließ – grußlos, was ungewöhnlich war für die ansonsten immer freundliche Buchhalterin. Sie fuhr wie immer über die Stadtautobahn nach Hause, traf 28 Minuten später mit ihrem grünen Nissan Micra, einem Firmenwagen, in der Tiefgarage ihres Wohnblocks ein.
Bepackt war sie, als sie die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufstieg: mit der Reisetasche vom Wochenende, einem Schlafsack, ihrem Lederrucksack mit den persönlichen Sachen, dem Inhalt ihres Briefkastens, dem Handy und den Schlüsseln. Das haben die Fahnder ermittelt. Durch Nachbarn wurde die 31-Jährige zu dieser Zeit nicht gesehen.
Doch warum wurde kein Bewohner des Hauses aufmerksam auf das, was dann geschah? „Niemand hat etwas von einem Kampf in der Wohnung gehört oder gar Schreie“, sagt Petzold. Auch sei niemand nach der Tat gesehen worden, als er aus der Wohnung geeilt sei. Und das in den wenigen Minuten, bis die Polizei eintraf.
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Tatiana Cherchneva in ihrer Wohnung. Als sie ermordet wurde, war sie 31 Jahre alt. © Maurice Weiss/Ostkreuz
Fest steht, dass der Mörder Schränke im Ankleidezimmer durchwühlt und verschiedene Sachen von Tatiana Cherchneva mitgenommen haben muss. Es fehlten der Schlüsselbund mit den Wohnungsschlüsseln, eine Schmuckschatulle und der Rucksack mit Bargeld, Personalausweis, EC-Karte und Terminkalender.
Das Sonderbarste an dem Fall, so erzählt es Michael Petzold, sei jedoch das Mobiltelefon gewesen, das nicht mehr bei dem Opfer gefunden werden konnte. Tatiana Cherchneva hatte es erst wenige Monate vor ihrem Tod preisgünstig in einem Telefonladen an der Friedrichstraße erworben. Nach der Tat war es ausgestellt und in der Wohnung nicht mehr zu finden.
Doch einen Tag nach dem Mord wurde eine neue SIM-Karte in das Mobiltelefon eingelegt und das Handy eingeschaltet. 26 Stunden nach der Tat konnte es bei einer Frau geortet werden. Sie gab an, das Handy von ihrem Freund Bernd L. geschenkt bekommen zu haben.
Der Mann erzählte den Ermittlern eine schräge Geschichte, so sagt es Staatsanwalt Petzold heute. Demnach gab er zu Protokoll, das Handy am 14. September 1999 einem Blumenhändler in einem Pub im Europa-Center abgekauft zu haben. Also einen Tag nach dem Mord.
Drei Bier will er dem Rosenverkäufer, der sich Micha genannt habe, spendiert und den Preis für das Mobiltelefon von 100 auf 50 Mark heruntergehandelt haben. Bernd L. beschrieb den ominösen Blumenhändler damals als 30-jährigen Russen mit dunkelblonden, halblangen Haaren und einem freundlichen, lustigen Blick.
Zudem soll „Micha“ seinen Großvater als Russlanddeutschen mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst KGB beschrieben haben. Die Polizei fertigte ein Phantombild des geheimnisvollen „Micha“ an, doch es gab nicht einen einzigen Hinweis auf den Blumenhändler.
Nach der Funkzellenanalyse stellte sich zudem heraus, dass Bernd L. zum Zeitpunkt des angeblichen Handykaufs nicht in dem Pub, sondern im brandenburgischen Bestensee gewesen war. „Der Mann war hochverdächtig. Aber es gab keinen Grund, warum er Tatiana Cherchneva umgebracht haben soll. Es gab keinerlei Verbindung zwischen ihm und dem Opfer“, sagt Petzold.
Die Staatsanwaltschaft lobte damals 10.000 Mark für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen würden. Ohne Erfolg. Kurt K., einst Liebhaber der Getöteten und ihr Chef, zählte zu den Verdächtigen. Auch weil er, wie Staatsanwalt Petzold sagt, unbedingt in die Akten der Polizei schauen wollte. K. erhöhte die Belohnung um 50.000 Euro.
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Das Phantombild von Micha, der angeblich das Handy von Tatiana Cherchneva verkauft haben soll. © Maurice Weiss/Ostkreuz
Mit einer Anzeige in einer Berliner Tageszeitung und Plakaten ging der Unternehmer an die Öffentlichkeit, suchte Zeugen für das Gewaltverbrechen an seiner einstigen Lebensgefährtin. „Hilfe!“, war auf den Plakaten über einem Foto von Tatiana Cherchneva in großen Lettern zu lesen. „Bitte helfen Sie uns, unseren Seelenfrieden durch die Ergreifung des Täters noch in diesem Jahrtausend zu finden“, hieß es weiter.
„Den entscheidenden Hinweis im Fall der getöteten Tatiana Cherchneva gab und gibt es nicht“, sagt Staatsanwalt Petzold. Selbst ein Beitrag in der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ habe nicht zu dem erwünschten Durchbruch geführt.
Michael Petzold erklärt, dass viel für ein gewisses professionelles Vorgehen spreche. Sogar die Spezialeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr hätten die Ermittler damals konsultiert, um zu klären, ob der Täter militärisches Wissen gehabt habe. „Die Einschätzung: Die Tat war schon fachmännisch ausgeführt worden – aber für das KSK doch etwas zu dilettantisch“, sagt der Staatsanwalt.
Eine vielversprechende DNA-Spur an der Kleidung des Opfers
War es eine Beziehungstat? War es ein Auftragsmord? Die Ermittlungen gegen Kurt K. und Bernd L. wurden im Dezember 2003 eingestellt. „Es kommt eine Auftragstat in Betracht, es kommt eine ganz andere Person als Täter infrage“, sagt Petzold. Zum Beispiel jene Person, von der Bernd L. das Handy des Opfers erworben hat. Wer das gewesen sei, ist bis heute unklar.
Es gibt diese eine, vielversprechende DNA-Spur an der Kleidung des Opfers. Sie stimme mit keinem der Männer überein, die als tatverdächtig geführt worden seien, sagt Michael Petzold. Wegen dieser Spur und auch Zeugen, die noch immer gesucht würden, sei die Akte im März wieder „angefasst“ worden.
Die sichergestellte DNA ist nicht in der Datenbank des Bundeskriminalamtes gespeichert. Das heißt, dass der Täter oder seine Kinder noch nie straffällig geworden sind. „Vielleicht ist er auch schon tot“, sagt Petzold.
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