• „Der Senat hat sich an uns reich gespart“ – wie eine Musiklehrerin nach 30 Jahren vor die Tür gesetzt wurde
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/der-senat-hat-sich-an-uns-reich-gespart-gefeuerte-lehrerin-klagt-ue

    Die Stadt Berlin, sein Senat und seine Bezirksämter sind nicht besser als ausbeuterische Taxi-und Mietwagenunternehmer. Sie zahlen nur etwas besser, weil sie höher qualifiziertes Personal benötigen, das bestimmte formale Kriterien erfüllen muss. Um soziale Verantwortung, Fürsorgepflichten, Lohnforttahlung im Urlaub oder bei Krankheit drücken sich stastliche „Arbeitgeber“ genauso gerne wie private.

    Nicht schön, das sollte sich ändern lassen, ist aber nicht einfach. Der Weg zur Besserung ist steinig und fühlt sich für Betroffene an wie der Anstieg des Kalvarienbergs. Ursache : Die Künstler schließen sich zur Durchsetzung ihrer Interessen so wenig zusammen wie die Taxifahrer. Das muss sich ändern, genau das.

    17.11.2025 von Oliver Weinlein - Die Klavierlehrerin Kathleen Dinius von der Béla-Bartók-Musikschule in Pankow verlor ihren Job, weil sie eine Vertragsergänzung nicht unterschrieb. Nun erhebt sie schwere Vorwürfe.

    Kathleen Dinius hat fast ihr ganzes Berufsleben in ein und derselben Musikschule verbracht. Zwei Flügel, ein großer Saal, Vorspielen, Kammermusikproben, die Kollegen gleich nebenan. Die Béla-Bartók-Musikschule in Pankow war ihr Arbeitsplatz und ihr sozialer Ort. Seit 1993 unterrichtete sie dort, erst als vertretungsweise angestellte Klavierlehrerin, ab Februar 1996 als „freie Mitarbeiterin“ auf Honorarbasis. Heute ist sie draußen. Ihre 31 Schüler wurden zum 30. September 2025 umverteilt. Der Grund: Sie hat eine Vertragsergänzung nicht unterschrieben.

    Damit gehört sie zu fast 2000 Musiklehrern, die zurzeit in Berlin um ihren Job bangen oder ihn, wie in ihrem Fall, bereits verloren haben. Grund ist die gegenwärtige Senatspoltik.

    Dinius redet leise, aber bestimmt: „Zu den Schülern baut man als Musikschullehrerin über Jahre feste Beziehungen auf, die jetzt ohne Not einfach zerstört wurden“, sagt sie der Berliner Zeitung. Die Kündigung habe sie erwartet, „aber als dann wirklich alle Einzelverträge aufgehoben wurden, war es trotzdem sehr, sehr schwierig“.

    Besonders bitter sei der September gewesen: Die Musikschule ließ sie im neuen Schuljahr noch einen Monat weiter unterrichten. Alle wussten, dass danach Schluss ist. „Das Ende war abzusehen, und viele haben nicht verstanden, warum ich als Klavierlehrerin gekündigt werde und dafür neue eingestellt werden. So ein Lehrerwechsel ist ja von vielen natürlich nicht gewünscht. Es sind Tränen geflossen, auch bei einigen Müttern, die das einfach nicht fassen konnten.“

    Die Geschichte von Kathleen Dinius steht exemplarisch für Hunderte Honorarkräfte an Berliner Musikschulen. Sie unterrichtete in einem Umfang, der einer vollen Stelle entspricht – 32 Wochenstunden –, bekam aber kein Gehalt, sondern Honorar je Unterrichtseinheit, ohne Lohnfortzahlung in den Ferien und nur eingeschränkt im Krankheitsfall. „Bei mir mit meiner Erfahrungsstufe würde ich pro Monat mindestens 1500 Euro brutto mehr bekommen, wenn ich fest angestellt wäre“, sagt sie. „Das ist einfach eine Zahl, die ich nicht mehr ignorieren konnte.“ Mehr als zwei Drittel der Lehrkräfte an ihrer Schule arbeiten nach ihren Angaben auf Honorarbasis, feste Stellen wurden in den vergangenen Jahren fast nur für Lehrkräfte mit Leitungsfunktion geschaffen.

    So sieht es in ganz Berlin aus: An den zwölf öffentlichen Musikschulen der Stadt werden rund 63.000 Kinder unterrichtet. Nur jede vierte der knapp 2500 Lehrkräfte ist fest angestellt. Alle anderen haben Honorarverträge, mit vielen Nachteilen. Eine fest angestellte Lehrkraft erhält für einen Vollzeitjob mit 15 Jahren Berufserfahrung an die 5000 Euro im Monat. Bei einer Honorarkraft sind es keine 3300 Euro. Bei Krankheit gibt es für sie in den ersten drei Tagen kein Ausfallhonorar. Alle sechs Monate muss um den nächsten Halbjahresvertrag gebangt werden.
    „Natürlich ist das Scheinselbstständigkeit“

    Juristisch bewegt sich das Modell seit Jahren auf dünnem Eis. Spätestens das sogenannte Herrenberg-Urteil des Bundessozialgerichts von 2022, das eine Honorar-Klavierlehrerin als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte einstufte, hat den Druck auf Kommunen erhöht. Dinius selbst hat bei der Deutschen Rentenversicherung eine Statusfeststellung beantragt – mit dem Ergebnis, dass sie aus Sicht der Behörde seit 1993 abhängig beschäftigt ist. „Natürlich ist das eine Scheinselbstständigkeit“, sagt sie. „Der Senat bestreitet das und versucht es zu verschleiern.“

    Die Politiker in Berlin reagierten nun mit einer Übergangsregelung im Sozialgesetzbuch: Bis Ende 2026 dürfen Musikschulen und andere Bildungseinrichtungen ihre Honorarkräfte weiter wie bisher beschäftigen, selbst wenn die Rentenversicherung sie eigentlich als „im Sinne der Sozialversicherung abhängig beschäftigt“ einstuft. Voraussetzung ist, dass die Betroffenen zustimmen und auf rückwirkende wie zukünftige Ansprüche aus einer Statusfeststellung verzichten. Genau diese Verzichtserklärung lag Dinius im Frühjahr vor. „Dafür mussten alle Honorarkräfte unterschreiben. Man sollte einverstanden sein, weiter als Honorarkraft zu arbeiten, und gleichzeitig auf Ansprüche verzichten“, erzählt sie. „Das habe ich nicht unterschrieben.“

    Die Verzichtserklärung, die alles veränderte

    Die Konsequenz war drastisch: Alle Einzelverträge mit ihren Schülern wurden gekündigt, zum 30. September. „Ich habe alles verloren“, sagt sie. Einige wenige Schüler seien mit ihr in den Privatunterricht gegangen, die meisten nicht. Sie wohnt nicht in der Nähe der Musikschule, für viele Familien sei der Weg schlicht zu weit und der Privatunterricht zu teuer.

    Gleichzeitig erlebte sie, wie während ihres letzten Monats bereits neue Kollegen ihre Lehrproben gaben. „Soweit ich weiß, sind für uns drei Kolleginnen, die viele Stunden hatten, sieben neue Lehrkräfte eingestellt worden“, berichtet Kathleen Dinius. „Sie werden so eingestellt, dass keine Arbeitnehmerähnlichkeit vorliegt. Auch für diese Kollegen ist das eine schwierige Situation – aber die Schüler wissen vermutlich nicht, dass ihre neuen Lehrer nur befristet da sind.“

    Im Kollegium habe sie die ganze Bandbreite erlebt – von deutlicher Solidarität bis zu stillem Rückzug. „Viele Honorarkräfte haben unterschrieben, obwohl sie das eigentlich nicht wollten. Sie haben Familie, Verpflichtungen, sie sind erpressbar. Sie fühlen sich nicht gut damit“, sagt sie. Von den fest angestellten Lehrkräften habe sie Zuspruch bekommen, mehr aber auch nicht. Böse sei sie ihnen nicht. „Ich möchte nicht in der Haut einer Musikschulleitung stecken, die entscheiden muss, wer eine feste Stelle bekommt und wer nicht.“ Denn die wenigen neuen Festanstellungen seien in der Regel an Leitungsaufgaben gekoppelt gewesen. „So etwas wollte ich nie. In meinem Lebensplan kam eine Leitungsfunktion nicht vor.“

    Bittere Erkenntnis: Senat lässt 2000 Musiklehrer im Regen stehen – und nennt das „haushaltspolitische Realitäten“
    Wut auf den Senat

    Ihre Wut richtet sich nach oben. „Letztendlich richtet sich meine Wut ganz klar an den Senat mit seiner Kulturpolitik, die ich einfach nicht gutheiße“, sagt Dinius. „Berlin hat sich über Jahrzehnte an den schlecht abgesicherten Honorarkräften reich gespart.“ Tatsächlich weisen Verbände seit Jahren darauf hin, dass viele Berliner Musikschulen überwiegend mit Honorarkräften arbeiten und der Senat trotz gesetzlichem Druck keine ausreichenden Mittel für flächendeckende Festanstellungen eingeplant hat.

    Juristisch ist der Fall für Dinius noch lange nicht zu Ende. Ihre erste Tätigkeit als freie Mitarbeiterin datiert aus dem Februar 1996; die Statusfrage reicht damit über Jahrzehnte zurück, mögliche Nachzahlungen würden sich jedoch nur über die vergangenen vier Jahre erstrecken. Sie hat mithilfe eines Anwalts eine Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht Berlin eingereicht. Im Oktober gab es bereits eine Güteverhandlung.

    „Es wurde nur abgefragt, ob eine gütliche Einigung überhaupt denkbar wäre. Ein konkretes Angebot habe ich nicht bekommen“, sagt sie. Innerhalb von zehn Wochen soll nun ein Vergleichsvorschlag der Gegenseite kommen. „Ich habe so wenig Hoffnung, dass das für mich annehmbar sein könnte, dass ich mit der Gerichtsverhandlung im Juni 2026 rechne.“ Das macht ihr auch deshalb zu schaffen, weil eine Kollegin aus Spandau mit einer vergleichbaren Klage bereits gescheitert ist. Das Arbeitsgericht Berlin hatte ihre Klage auf Feststellung eines Arbeitsverhältnisses abgewiesen.
    „Ich bereue nichts“

    Trotzdem spricht Dinius von einer befreienden Entscheidung. Die belastendste Zeit seien die Monate vor der Kündigung gewesen, als sich ihr das Ausmaß der Ungerechtigkeit nach und nach erschlossen habe, erzählt sie. „Der September mit den ganzen Verabschiedungen war sehr belastend“, sagt sie. „Seitdem geht es mir viel besser. Ich erhole mich ziemlich gut.“ Existenzangst habe sie nicht, auch wenn sie genau wisse, dass die wenigen Privatstunden auf Dauer nicht reichen. „Ich habe mir jetzt erst mal eine Pause bis Ende Dezember verordnet. In dieser Zeit muss ich überlegen. Ich werde wahrscheinlich etwas Branchenfremdes anfangen, einfach um einen Grundstock an Geld zu haben.“

    Die Verzichtserklärung nicht unterschrieben zu haben, bereut sie nicht. „Das würde ich immer wieder machen“, sagt sie. „Diese Entscheidung war sehr richtig – auch für meine physische und psychische Gesundheit.“ Was sie sich von der Politik wünscht, ist klar: „Hundert Prozent Festanstellung. Eine Musikschule läuft so auch am besten, was Veranstaltungen, Zusammenarbeit und all die ergänzenden Fächer angeht.“ Nur wenige wollten freiwillig auf Honorarbasis arbeiten, die meisten bräuchten Sicherheit. „Es ist ein wirklich schwieriges Arbeiten, wenn man immer überlegen muss: Ich darf nicht krank sein, wenn ich ein Kind bekomme, gibt es kaum soziale Absicherung.“
    Juristischer Marathon und wenig Hoffnung

    Ob sie erlebt, dass sich daran noch etwas ändert, ist offen. Ab 2027 sollen die Grundsätze des Herrenberg-Urteils eigentlich bundesweit greifen. In Berlin aber ist bisher nicht erkennbar, wie die Tausenden von Unterrichtsstunden, die heute von Honorarkräften gegeben werden, bis dahin in reguläre Stellen umgewandelt werden sollen. Für Kathleen Dinius bedeutet das, dass sie sich auf einen langen Atem einstellen muss. „Ich rechne mit einer sehr langen Zeit“, sagt sie. „Vielleicht bin ich schon im Rentenalter, wenn das alles entschieden ist.“ Bis dahin versucht sie, ihr Leben neu zu sortieren – ohne den Raum mit den zwei Flügeln, der fast drei Jahrzehnte ihr berufliches Zuhause war.

    Und wie geht es an den Musikschulen weiter? Mit den Festanstellungen würden die Musikschulen der Stadt um etwa ein Drittel teurer. Zusätzlich rund 20 Millionen Euro im Jahr würden die Sozialabgaben für die Lehrkräfte kosten. Die würden nicht in Saus und Braus leben, hätten nur Ansprüche auf Krankengeld, Rente und einen sicheren Arbeitsplatz.

    Doch die Senatsverwaltung für Kultur, in deren Verantwortung die Musikschulen fallen, kann nicht sagen, „ob es Geld für Festanstellungen gibt“. Ein Sprecher erklärte der Berliner Zeitung vergangene Woche: „Darüber wird der Haushaltsgesetzgeber, das Parlament, im Rahmen der laufenden Beratungen über den Doppelhaushalt 2026/2027 befinden. Diesem ist die Problematik bekannt. Hier kann man, auch aus Respekt vor der Handlungshoheit des Haushaltsgesetzgebers, derzeit noch keine Aussagen treffen.“

    #Berlin #Pankow #Kultur #Musik #Musikschulen#Pädagogik #Arbeit #Scheinselbständigkeit #Bezirksamt

  • Rückbenennung einer Straße: Familie Mosse kehrt zurück
    https://taz.de/Rueckbenennung-einer-Strasse/!6097261

    Enthüllungsmoment: ein Stück Straße bekommt einen neuen Namen – Emilie-Mosse-Straße, ein Bezirksamtsmitarbeiter legt dafür Hand an   Foto: Martin Krauss

    Nice, da hat die Dame nun auch ihr Sträßchen als Zusatz zur richtigen Berliner Rudolf-Mosse-Straße. Der Titel tâuscht, nix is mit „Rückbenennung“, das Sträßchen hieß noch nie wie jetzt. Egal, Präzision kommt weit nach Emotion beim bald-nur-noch-online Grünbürgerblättchen namens TAZ.

    Die olle Kaiser-Bourgeoisie ist beliebt beim neuen Kleinbürgertum, vor allem wenn sie als Kulturtrâger feminin daherkommt. Ob das fortschrittlich oder bloß Elite im Kanonenbootreich war, egal, wen kümmerts, passt schon. Die Straße so überflüssig wie die Klasse, Urheber vom 1914-Schlamassel.

    Gebrauchen könnte Berlin eine Straße zur Erinnerung an Willi Münzenberg. Der war ein wirklich bedeutender Verleger, kein kapitalistischer Geldschneider wie Mosse. Münzenberg machte Arbeiterkultur möglich,. Mit Geld aus Moskau finanzierte er Meilensteine der Zeitungsgeschichte. Ohne Münzenberg kein Heartfield. Vermutlich im Exil als Abweichler ermordet war Münzenberg Antifaschist und Opfer des Stalinismus. Er hätte eine offizielle Ehrung mehr als verdient.

    AIZ - Arbeiter Illustrierte Zeitung, Jahrgang 1931, 27 Hefte
    https://brandenburg.museum-digital.de/series/711?navlang=de

    TAZ-Artikel übe die Frau-Mosse-Straße

    13.7.2025 von Martin Krauss - In Berlin trug einst eine Straße den Namen des jüdischen Verlegers Rudolf Mosse. Seit Samstag ist ein Stück davon nach seiner Ehefrau Emilie benannt.

    Berlin taz | Berlin hat seit Samstag eine Emilie-Mosse-Straße. „Sie liegt ziemlich genau da, wo früher die Rudolf-Mosse-Straße lag“, erklärt ein glücklicher Holger Siemann. Der Schriftsteller hatte vor Jahren bei Recherchen für einen Roman herausgefunden: Auf dem Gelände des heutigen Jahn-Sportparks in Prenzlauer Berg hatte es ab 1920 eine Straße gegeben, die an Rudolf Mosse (1843–1920) erinnerte.

    Der jüdische Verleger hatte zusammen mit seiner Frau Emilie (1851–1924) mehr als nur einen Pressekonzern aufgebaut. Vor allem Emilie Mosse unterstützte ein Waisenhaus und eine Einrichtung für arbeitende Frauen. 1935 benannten die Nazis die Straße um. Nach 1945 entstand hier der spätere Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, doch weil der auf etwa zwei Millionen Kubikmeter Schutt errichtet wurde, liegt die alte Rudolf-Mosse-Straße etwa einen Meter tiefer.

    Nur ein ganz kleines Stück dieser Straße, das direkt auf den Haupteingang des Jahn-Stadions zuläuft, existiert noch. Bislang zählten die Häuser zur Eberswalder Straße, nun zur Emilie-Mosse-Straße.

    Der Verein „Mosse erinnern!“ hatte sich lange für die Rückbenennung der Straße eingesetzt. Dass sie nun nicht nach Rudolf Mosse heißt, liegt daran, dass es in Wilmersdorf bereits eine solche Straße gibt, und dass der Bezirk Pankow Straßen vor allem nach Frauen benennen möchte.
    „Sie war auch Repräsentantin des Verlags“

    Die Biografie von Emilie Mosse zeigt, dass sie nie nur die Frau an Rudolfs Seite war. Die Historikerin Elisabeth Wagner betont: „Sie war auch Repräsentantin des Verlags.“ Im liberalen Berliner Tageblatt des Mosse-Verlags fand sich etwa täglich eine Frauenseite, die auf Emilies Wirken zurückging, unter anderem war sie mit Bertha von Suttner und Alice Salomon befreundet.

    „Ich wollte einfach nicht hinnehmen, dass die Nazis gewinnen“, sagt Holger Siemann zu seiner Motivation. Die Nazis hatten schließlich den Namen Mosse aus dem Stadtbild gestrichen. Dabei waren nach 1945 Umbenennungen üblich: Die Straße, die auf die Emilie-Mosse-Straße zuläuft, hatte seit 1937 Ludwigstraße geheißen, nach dem NS-Schläger Otto Ludwig. Seit 1952 ist es die Topsstraße, nach Hermann Tops, einem kommunistischen Widerstandskämpfer.

    Noch deutlicher ist es beim Jahn-Sportpark. Der erinnert gleichfalls seit 1952 an den „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, einen Antisemiten und Franzosenhasser. Manuela Anders Granitzki (CDU), Stadträtin Ordnung und Öffentlicher Raum in Pankow, kann sich vorstellen, dass bald auch über den Namen Jahn diskutiert wird. Cordelia Koch (Grüne), die Pankower Bezirksbürgermeisterin wünsche sich eine „sensible Auseinandersetzung“ mit dieser Frage, sagt sie der taz.

    Stephan Lahrem vom Verein „Mosse erinnern!“ hat einen pragmatischen Vorschlag. Aktuell liegt das Jahn-Stadion, das abgerissen und neu gebaut werden soll, offiziell in der Cantianstraße. „Ich wünsche mir, dass das Jahn-Stadion die Postadresse ‚Emilie-Mosse-Straße‘ bekommt.“

    Am Samstag sollte dort ein Fußballturnier für Mädchen um den Emilie-Mosse-Pokal ausgespielt werden. Doch das musste kurzfristig wegen angekündigten Starkregens abgesagt werden. Auch nach der Umbenennung muss Gedenken mit Rückschlägen rechnen.

    Mosse-Palais (1885)
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Mosse-Palais_(1885)


    Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, an wen erinnert werden soll.

    Das Mosse-Palais war das zwischen 1881 und 1885 als Stadtresidenz errichtete Wohnhaus des Verlegers und „Zeitungskönigs“ Rudolf Mosse, das 1945 bei einem alliierten Luftangriff zerstört wurde. Das Gebäude stand auf den Grundstücken Leipziger Platz 15 (Südseite) und Voßstraße 22 (Nordseite)

    Rudolf Mosse
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Mosse

    Nach der Novemberrevolution 1918/1919 forderte er in seinen Zeitungen, den Versailler Vertrag nicht zu unterzeichnen....1918 setzte er allerdings seine Unterschrift unter den Gründungsaufruf der Deutschen Demokratischen Partei (DDP).

    Topsstraße - alter Eintrag im Kaupert am 14.7.2025
    https://m.kauperts.de/Strassen/Topsstrasse-10437-Berlin

    Details — Topsstraße
    PLZ 10437
    Ortsteil Prenzlauer Berg
    ÖPNV Zone A Tram M1, M10, 12 — U‑Bahn 2 Eberswalder Straße
    Verlauf von Schönhauser Allee und Cantianstraße bis Eberswalder Str, links Nr 1-35 ungerade
    Falk Planquadrat H 17

    Zuständigkeiten — Topsstraße
    Arbeits­agentur Pankow
    Jobcenter Pankow
    Amts­gericht Mitte
    Grundbuchamt Mitte
    Familien­gericht Pankow
    Finanz­amt Prenzlauer Berg
    Polizei­abschnitt A 15
    Verwal­tungs­bezirk Pankow

    Geschichte — Topsstraße
    Alter Bezirk Prenzlauer Berg
    Alte Namen Ludwigstraße (1937-1952)
    Name seit 31.1.1952

    Info
    Tops, Hermann, * 18.7.1897 Berlin, + 14.8.1944 Brandenburg, Werkzeugmacher, Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime.

    Ab 1919 war er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend und des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Seit 1923 war Tops Mitglied der KPD und Betriebsratsvorsitzender. In den zwanziger Jahren wurde Tops in die Bezirksverordnetenversammlung von Prenzlauer Berg gewählt. Als Arbeitersportler übte er ab 1931 die Funktion des Turnwarts von Berlin-Brandenburg im Vorstand der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit aus. Ab 1933 kämpfte Tops illegal gegen die NS-Diktatur. Im Oktober 1933 verhaftete die Gestapo ihn, und am 6.12.1934 wurde Tops zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Haftentlassung betätigte er sich in der von Robert Uhrig geführten Widerstandsorganisation. Am 4.2.1942 wurde er verhaftet und am 21.6.1944 zum Tod verurteilt. Er wohnte bis 1942 in der Kopenhagener Straße 46.

    #Berlin #Prdnzlauer_Berg #Schmargendorf #Emilie-Mosse-Straße #Rudolf-Mosse-Straße #Topsstraße #Straßenumbenennung #Geschichte #Presse #Kultur

  • Jördis Triebel über Berlin: „Ich war traurig, als wir aus Marzahn weggezogen sind“
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/joerdis-triebel-ueber-berlin-ich-war-traurig-als-wir-aus-marzahn-we

    In Lichtenberg geboren, in Friedrichshain zu Hause: Jördis Triebel Linda Rosa Saal

    10.3.2025 von Anne Vorbringer - Die Schauspielerin Jördis Triebel spielt die Hauptrolle in der neuen Serie „Marzahn, mon amour“. Sie kennt den Ost-Berliner Stadtteil gut und knüpft besondere Erinnerungen an ihn.

    Vor sechs Jahren ist „Marzahn, mon amour“ erschienen, Katja Oskamps Roman über eine Schriftstellerin, die inmitten einer Lebenskrise in Marzahn als Fußpflegerin anheuert und dort Geschichten erfährt, die das Leben schrieb.

    Als das Buch 2023 den Dublin Literary Award gewann, sprach die Oberbürgermeisterin der irischen Hauptstadt von einem „wunderschön geschriebenen Roman, einem warmen, witzigen und bewegenden Porträt älterer Bewohner Berlins, das dem Leser einen Einblick in eine Gemeinschaft bietet, die oft übersehen wird.“

    Jetzt ist das Buch verfilmt worden – mit Jördis Triebel in der Rolle der fußpflegenden Autorin Kathi Grabowski. Die Hauptdarstellerin, 1977 in Lichtenberg zur Welt gekommen und inzwischen in Friedrichshain zu Hause, hat selbst einige Jahre in Marzahn gelebt. Oskamps Buch sei für sie schon lange vor den Planungen zur Serienverfilmung ein kostbarer Schatz und eine seltene Perle gewesen, sagt die 47-Jährige. Ab Mitte März ist die sechs Episoden umfassende Serie in der ARD-Mediathek zu begutachten – aber vorher haben wir Jördis Triebel noch zu ihrer Heimatstadt Berlin befragt.

    1. Frau Triebel, in „Marzahn, mon amour“ spielen Sie die Hauptrolle, gedreht wurde natürlich in Marzahn. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesem Stadtteil?

    Als Kind habe ich einige Jahre in Marzahn gelebt – und ich habe es geliebt. Damals gab es noch viele Brachflächen, auf denen wir Kinder unbeschwert spielen konnten. Ich mochte den weiten Blick aus dem Fenster im zehnten Stock, und mein Lieblingsort war der Spielplatz direkt vor unserem Haus. Zur Schule konnte ich zu Fuß gehen, und in unserem Wohnhaus lebten viele Familien mit Kindern – wir besuchten uns oft gegenseitig. Meine Erinnerungen an Marzahn sind schöne Kindheitserinnerungen. Alles war überschaubar, gut erreichbar und vertraut. Ich war traurig, als wir weggezogen sind.

    2. Kaum ein Berliner Bezirk ist so mit Vorurteilen und Klischees belegt wie Marzahn-Hellersdorf. Welche Vorbehalte ärgern Sie persönlich am meisten?

    Vorurteile bestehen oft so lange, bis man sich selbst ein Bild macht. Marzahn war einst ein Prestigeprojekt der DDR – wer dort eine Wohnung bekam, konnte stolz sein. Heute blicken viele aus der Berliner Innenstadt mit Klischees auf den Bezirk, ohne ihn wirklich zu kennen. Dabei ist Marzahn ein lebendiger Stadtteil, in dem alle Generationen zusammenkommen. Kultureinrichtungen bieten Lesungen, Tanz- und Sportveranstaltungen, noch immer gibt es bezahlbare Cafés und Kneipen. Zudem ist es hier grüner als in der Innenstadt, mit zahlreichen Spielplätzen und einer guten medizinischen Versorgung. Warum also nicht mal einen Sonntagsspaziergang durch diesen Kiez machen? Sie werden überrascht sein!

    3. Als gebürtige Berlinerin – wie nehmen Sie die Veränderungen in der Stadt wahr? Denken Sie manchmal daran, hier wegzuziehen?

    Berlin war schon immer eine Stadt der großen Veränderungen. Nach der Wende habe ich das besonders stark gespürt. Beständigkeit gehört nicht zu Berlins Wesen – und genau das muss man lieben. Doch manchmal wird mir der ständige Wandel zu viel, und dann brauche ich eine Auszeit. Zum Glück ist es mit Bus und Bahn nur ein kurzer Weg in den Wald oder an den See.

    4. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

    Meine Lieblingsorte sind die großartigen Kulturangebote unserer Stadt – insbesondere die Museen und Theater. Leider werden sie durch die Sparmaßnahmen unseres Bürgermeisters und Kultursenators zunehmend gefährdet. Doch gerade die kulturelle Vielfalt macht diese Stadt so lebendig und zieht einen Großteil der Touristen an.

    5. Wo in Berlin wollten Sie immer schon mal hin, haben es aber noch nie geschafft?

    Ich war noch nie in den Gärten der Welt oder im Botanischen Garten – das muss ich unbedingt nachholen!

    6. Ein Abend mit Freunden: In welchem Restaurant wird reserviert?

    Im Saporito in der Straßmannstraße in Friedrichshain. Ein gemütliches kleines Restaurant mit fantastischer italienischer Küche und herzlichster Gastfreundschaft.

    7. Einkaufen in der Stadt: In welchem Store kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?

    Ganz klar: Soeur in der Marienburger Straße. Der beste Vintageladen der Stadt – wenn nicht überhaupt.

    8. Der beste Stadtteil Berlins – von welchem Kiez kriegen Sie nicht genug?

    Treptow. Im Treptower Park kann man stundenlang an der Spree spazieren gehen oder Fahrrad fahren, bis in den Plänterwald. Dort steht immer noch der alte Vergnügungspark, den ich als Kind so geliebt habe. Jetzt ist er eine Geisterstadt, umzäunt und bewacht. Man sieht noch die alten Fahrgeschäfte. Sehr, sehr schade, dass es das nicht mehr gibt. Zwar gibt es Pläne, dem Gelände wieder Leben einzuhauchen. Soweit ich weiß aber keine Nutzung, die für Kinder, Jugendliche und Familien gedacht ist. Dabei fehlt es in Berlin genau daran.

    9. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?

    Am meisten ärgert mich, dass seit Jahren an Freizeiteinrichtungen gespart wird – ein besonders trauriges Beispiel ist das SEZ. Früher gab es hier ein großes Schwimmbad, eine Schlittschuhbahn im Winter und Rollschuhfahren im Sommer. Wie großartig wäre es, diesen Ort wieder mit Leben zu füllen und den Menschen im Herzen der Stadt ein vielfältiges Freizeitangebot zu bieten? Es wäre ein echtes Geschenk für die Berliner. Ich kann nicht verstehen, warum nicht erkannt wird, wie wichtig ein solcher Ort für die Menschen ist.

    10. Was raten Sie anderen: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

    Berlin ist eine Stadt, in der jeder so leben kann, wie er möchte. Menschen, die sich anderswo vielleicht als Außenseiter fühlen, finden hier die Möglichkeit, ein buntes, freies Leben zu führen. Genau das macht diese Stadt so besonders. Hoffen wir, dass das trotz der aktuellen politischen Lage und der rigorosen Einsparungen so bleibt.

    Zur Person

    Jördis Triebel studierte Schauspiel an der „Ernst Busch“ und wurde nach ihrem Abschluss 2001 Ensemblemitglied am Bremer Theater. Für ihre erste Filmhauptrolle als Jungbäuerin in „Emmas Glück“ (2006) wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Danach spielte sie in Sönke Wortmanns „Die Päpstin“, Christian Schwochows „Westen“, der Mysteryserie „Dark“ und „Babylon Berlin“. 2023 wurde sie für ihre Nebenrolle der Gisela in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ erneut mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

    „Marzahn, mon amour“ mit Jördis Triebel als Kathi Grabowski (Foto) läuft in sechs Folgen ab dem 14. März in der ARD-Mediathek und am 21. März ab 23.50 Uhr im Ersten.

    #Berlin Marzahn #Friedrichshain #Straßmannstraße

    #Kultur #Prominente

  • „Existenzbedrohend“: Ein Flohmarktbetreiber klagt über den Berliner Bürokratiewahnsinn
    https://www.berliner-zeitung.de/open-source/existenzbedrohend-ein-flohmarktbetreiber-klagt-ueber-den-berliner-b

    4.3.2025 von Michael Schrottmeyer - Vorgaben- und Regelwut bringen unseren Autor, der seit 30 Jahren Flohmärkte in Berlin betreibt, zur Verzweiflung. Doch er hat auch Lösungen parat.

    Die behördlichen Anforderungen an die selbstständigen Unternehmen haben sich in den letzten Jahren enorm erhöht. Stress und steigende Kosten sind die Folge. Was ist aber wirklich dran an der tendenziellen Überforderung der Unternehmen? Um mein eigenes unternehmerisches Unwohlsein mit den steigenden bürokratischen Anforderungen einem kleinen Lackmustest zu unterziehen, bin ich ins Archiv gestiefelt, um meine Genehmigungen vom Bezirksamt gegeneinanderzuhalten.

    Dazu kurz zum Verständnis: Ich betreibe gemeinsam mit meiner Frau seit 30 Jahren in Berlin verschiedene Flohmärkte. Alle unsere Märkte finden auf öffentlichem Straßenland statt. Und für das Betreiben dieser Flohmärkte müssen wir jährlich eine Erlaubnis bei den jeweiligen Bezirksämtern beantragen. In diesen Genehmigungen finden sich verkehrsrechtliche Anweisungen etwa zum Auf- und Abbau von Verkehrszeichen, mit denen die Straße für den Markt gesperrt wird. Es finden sich aber auch allgemeine Vorgaben, wie etwa Versorgungsleitungen (zum Beispiel Stromkabel für die Imbisse) zu verlegen sind.

    Die Aktenordner aus der Anfangszeit unseres Betriebs waren im Archiv leider nicht mehr auffindbar. Gefunden habe ich aber eine bezirksamtliche Erlaubnis aus dem Jahr 2005, die verglichen mit unserer aktuellen Erlaubnis von 2025 schon vom Umfang her vergleichsweise schmal aussieht.

    Fünf einseitig bedruckte Blätter umfasste 2005 die behördliche Erlaubnis, während das Schriftstück zum Betreiben desselben Marktes 20 Jahre später auf 16 Blätter angewachsen ist. Bezogen auf die in der Genehmigung einzeln aufgeführten Nebenbestimmungen nimmt sich die wunderbare Vermehrung noch krasser aus. Hier stehen 19 einzeln aufgeführte Nebenbestimmungen in der Erlaubnis von 2005 sage und schreibe 46 Nebenbestimmungen in der aktuellen Erlaubnis von 2025 gegenüber.
    Dem Sicherheitswahn verschrieben

    In den letzten 20 Jahren sind die bürokratischen Vorgaben – zumindest in unserem Fall – also um 250 bis 300 Prozent gestiegen. Mein Gefühl hat mich nicht getäuscht und mein Unwohlsein hat handfeste Gründe.

    Was ist in den zurückliegenden 20 Jahren passiert, das eine solche Vorgaben- und Regelwut legitimiert oder wenigstens erklärt? An den Berliner Flohmärkten kann es nicht gelegen haben. Denn weder gibt es heute mehr Märkte als vor 20 Jahren noch geht von ihnen eine irgendwie gestiegene Gefahr aus, die besondere Vorgaben nötig machen würde.

    Die Gründe für das Bürokratiewachstum sind meiner Überzeugung nach extern. Das System selbst erzeugt die Regeln und stülpt diese den einzelnen konkreten Unternehmungen über. Meine persönliche Erzählung geht etwa so: Es war und ist die mit der Babyboomer-Generation einsetzende Spezialisierung und Arbeitsteilung, die permanent neue Beschäftigungsfelder schafft. Neue Jobs (und das ist im Allgemeinen durchaus positiv), deren Akteure aber (und hier kommt der Haken) ernst genommen werden wollen.

    Man denke hier beispielsweise an die Spezialisten des Denkmalschutzes, des Umweltschutzes sowie alle Adepten, die sich dem neuen Sicherheitswahn verschrieben haben, wie Feuerwehr, Katastrophenschutz, Terrorabwehr oder Rettung. Alle wollen etwas beitragen, mitreden und angehört werden. Alle wollen ihr Geld verdienen und verkomplizieren und verteuern damit auch die einfachsten Unternehmungen.

    Bis die Bratwurst sieben Euro kostet

    Für uns als Flohmarkt-Veranstalter bedeutet dies, dass wir die Vorgaben von Rettung, Feuerwehr, Umweltschutz, Katastrophenschutz und Terrorabwehr zu beachten haben, wie sinnvoll oder weniger sinnvoll diese im konkreten Einzelfall auch sein mögen. Betonpoller zur Terrorabwehr, ein Rettungsdienst vor Ort, überdimensionierte Rettungsgassen für die Feuerwehr auch an unbebauten Plätzen sowie die zahlreichen Auflagen bei den Abgaben von Speisen und Getränken (Mülltrennung, Nutzung von Mehrweggeschirr, mobile Spülanlagen usw.) verteuern zwangsläufig die Märkte. Bis die einfache Bratwurst sieben und mehr Euro kostet und die Besucher mit vollem Recht Imbiss und Veranstalter des Wuchers zeihen.

    Existenzbedrohend werden die in immer kürzeren Abständen erlassenen Regeln aber überall dort, wo sie aufgrund der konkreten Örtlichkeiten nicht mehr umsetzbar sind. Auf den Plätzen der von uns vor 30 Jahren gegründeten Märkte lassen sich zahlreiche Vorgaben gar nicht einhalten. Einer durchaus sinnvollen Anweisung, den Müll zu trennen, steht zum Beispiel der in derselben Erlaubnis stehende Punkt entgegen, alle Marktaufbauten, also auch die Müllcontainer, spätestens zwei Stunden nach Marktende vom Platz zu entfernen. Der durchaus sinnvollen Vorgabe, bei den Imbissen ausschließlich Mehrweggeschirr zu nutzen, steht die nicht vorhandene Infrastruktur (kein Wasser- und Kanalanschluss) vor Ort entgegen.

    Kurzum: Der Deckel der sich ständig erweiternden bürokratischen Regeln passt immer seltener auf den Topf der Unternehmungen und Betriebe. In der Konsequenz sollte dies im Falle der Berliner Flohmärkte zur Folge haben, dass die Stadt Berlin den Betreibern neue Plätze anweist, auf denen die Umsetzung der erlassenen Regeln dann auch (preiswert) möglich ist. Bis dahin bewegen sich die meisten Veranstalter in einer Art von Grauzone, was ein erhebliches existenzbedrohendes Stresslevel impliziert.

    Die Berliner lieben ihre Märkte

    Da sich die Stadt Berlin vermutlich nicht in der Pflicht sehen wird, solche den neuen Regeln entsprechende Plätze und Veranstaltungsorte aus- und anzuweisen, sollten die erlassenen Regeln selbst hinterfragt werden. Nach dem Leitsatz, wonach Regeln nur so gut sind, wie sie auch befolgt werden (können), würde ich mir wünschen, dass in unserem Falle alle aufgelisteten Vorgaben und Nebenbestimmungen ein Verfallsdatum haben, an dem sie hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit entweder erneut überprüft werden oder zur Gänze entfallen. Gerne auch in Rücksprache mit den Betreibern auf der Suche nach möglichst sinnvollen Kompromissen.

    Utopisch? Vielleicht. Die Berliner aber lieben ihre Märkte, und auch die Bezirksämter schätzen die Flohmärkte als belebende soziale Begegnungsstätten.

    Ärgernismindernd will ich zum Abschluss erwähnen, dass die von den Bezirksämtern erlassenen Veranstalter-Erlaubnisse zwar im Umfang ihrer Nebenbestimmungen stark angeschwollen sind, es aber gleichzeitig in den letzten 20 Jahren keine nennenswerte Erhöhung der ohnehin preiswerten Gebühren gegeben hat.

    Bei Michael Schrottmeyer dreht sich alles um den Verkauf von Antiquitäten und die Förderung von Sammlerkultur. Gemeinsam mit seiner Frau Regina Pröhm betreibt der gebürtige Wiener seit mehr als 30 Jahren unterschiedliche Antikflohmärkte und Sammlerbörsen in Berlin, unter anderem die einmal im Jahr stattfindende Antikmeile Suarezstraße oder die Designbörse Berlin.

    #Berlin #Handel #Kultur #Bürokratie #Verwaltung #Bezirksamt

  • Boutiquen, Galerien und Wohnblocks: Die Potsdamer Straße „ist all das, was Berlin ausmacht“
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/boutiquen-galerien-und-wohnblocks-die-potsdamer-strasse-ist-all-das

    Designerin Fiona Bennett in ihrem Laden auf der Potsdamer Straße Thomas Meyer/Ostkreuz

    4.3.2025 von Johann Voigt - Die besten Galerien, Concept-Stores und ein mehrstöckiger Sexshop verkaufen hier Ideen für ein besseres Morgen – oder das Ende der Welt. Ein Besuch.

    „Ich bin vor über einem Jahrzehnt aus Berlin-Mitte weggegangen, weil es mir dort zu kommerziell geworden ist“, sagt Andreas Murkudis an diesem Morgen in seinem Concept-Store auf der Potsdamer Straße. Er trägt schlichte, dunkle Kleidung und strahlt eine Ruhe aus, die mit dem Lärm von draußen bricht.

    Baustellen machen es einem teilweise unmöglich, sich als Fußgänger sicher fortzubewegen. Das Hupen der Autos im stockenden Verkehr verklebt die Gedanken. Die Potsdamer Straße ist ein Ort der Widersprüche Berlins. Diese Straße ist nicht zum Flanieren gemacht und trotzdem reihen sich hier Galerien und Concept-Stores aneinander, kauft eine Frau einen Hut für 600 Euro bei Fiona Bennett, der besten Hut-Designerin der Stadt. Und einige Meter weiter besorgt sich jemand illegale Substanzen für den nächsten Schuss.

    In den 1980er-Jahren kamen die Hausbesetzer, dann kamen Kriminalität und Prostitution, dann die Galerien. Zweieinhalb Kilometer der Gegensätze. Schöneberg und Tiergarten, das alte Westberlin mit seiner verwinkelten Staatsbibliothek und der Potsdamer Platz im Osten als Versuch eines urbanen Zentrums voller Glas.

    Wegen dieser Gegensätze ist auch Andreas Murkudis hierhergekommen. Wenn man in Berlin etwas Besonderes kaufen will, ein rosafarbenes Designer-Kuscheltier-Schwein, ein paar knallbunte Schuhe des belgischen Designers Dries van Noten, etwas Hochwertiges also, das kein anderer besitzt, dann geht man zu ihm.

    Murkudis Laden befindet sich in einem Hinterhof. Der Concept-Store, angesiedelt in einer kargen Halle mit weißen Wänden, ist ein Hort der schönen Dinge. „Ich bin auf diesen Hof gekommen, alles stand leer, es war recht ungastlich.“ Einige Kunden hätten gesagt: „Wir kommen nicht hierher“. Murkudis dachte nur: „Ist mir egal.“ Er kennt die Gegend, besuchte die in einer Nebenstraße gelegene Sophie-Scholl-Schule.

    „Es ist eine hässliche Straße, eine Durchgangsstraße, nach wie vor“

    Ob sich hier viel verändert hat, im Vergleich zu früher? Nein, sagt Murkudis. Der Fleischer, der Bäcker und der Schreibwarenhandel von früher sind noch da. Und auch die Joseph-Roth-Diele, ein uriges Restaurant, benannt nach dem jüdischen österreichischen Schriftsteller. Passend zur Potsdamer Straße heißt eine Novelle von ihm: „Triumph der Schönheit“, ein anderer Roman „Rechts und links“.

    „Es ist eine hässliche Straße, eine Durchgangsstraße, nach wie vor“, sagt Murkudis. Direkt an der Straße befindet sich der zweite Raum seines Ladens. Blickt man nach draußen, dann sieht man Müll und das Wintergartenvarieté. Drinnen stehen Plattenspieler. Bleistiftzeichnungen von eigenartigen Räumen, die aussehen wie Büros in toten Fabriken, hängen an der Wand. Sie stammen von dem Künstler Carsten Nicolai. Als Alva Noto macht er geisterhafte Experimentalmusik.

    Am Wochenende steht er in diesem Raum, den ihm sein Freund Andreas Murkudis zur Verfügung gestellt hat. Man kann hier mit ihm zusammen seine Musik hören, wenn man das will. Wieder so ein Ruhepol. Im März wird all das verschwunden sein. Ein Ort so fluide wie die Potsdamer Straße selbst. Murkudis bespielt den Raum ständig neu. „Man muss seine Kunden hierherholen“, sagt er noch und meint damit die Potsdamer Straße im Allgemeinen. „Einige, vor allem internationale Kunden, finden den Laden nicht, irren umher.“

    Umherirrende erblicken dann vielleicht den Slogan „This Will Not End Well“, der am Gebäude der Neuen Nationalgalerie zu lesen ist. Dort läuft gerade die Nan Goldin-Retrospektive. Oder LSD, Love, Sex and Dreams, in roten Lettern an einem mehrstöckigen Sexkaufhaus einige hundert Meter entfernt, in dem sich Sexarbeiterinnen Zimmer mieten können. Oder sie sehen in einem Café namens Need a break?! Autor:in Hengameh Yaghoobifarah sitzen und teilnahmslos aus dem Fenster schauen.

    Entlang der Potsdamer Straße versprechen Zeichen und Sätze die Zukunft und verkünden gleichzeitig das Ende. Diese beiden Extreme passen ganz gut zur wachsenden Metropole Berlin. Nirgendwo werden die Gegensätze so gut abgebildet, wie hier zwischen den Wohnblocks, dem Acne-Store und all der Kunst. Denn in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sind unzählige Galerien auf die Potsdamer Straße gezogen. Man sieht sie nicht sofort. Sie sind in den Hinterhöfen angesiedelt, in Altbauwohnungen versteckt.

    Einige Meter entfernt von Murkudis Store befindet sich die Galerie Esther Schipper. Man fährt mit einem Fahrstuhl hinauf und steht gewissermaßen über den schönen Dingen. Auch sie ist vor ein paar Jahren auf die Potsdamer übergesiedelt. Ein Mitarbeiter schwärmt von der experimentierfreudigen Szene in der Gegend, von junger Kunst, die hier gezeigt wird. Im Hintergrund hört man düstere Musik. Es ist gerade die Show „Road Runner“ von der Künstlerin und Autorin Cemile Sahin zu sehen. Sahins Arbeiten spiegeln indirekt auch die Ambivalenzen der Potsdamer Straße. Das Schöne, das Rohe, die Gewalt, die Sinnlichkeit.

    „Road Runner“ ist ein dystopisches Video, das auch mit den Ästhetiken von TikToks spielt, mit Action und AI. Die Dialoge hat Sahin geschrieben, sie beschreiben den Kampf einer Heldin. Sie schießt und springt. An den Wänden hängen dazu Abbildungen von Patronen und pinken Bentleys, von Waffen und Wüstensand. Darauf gesetzt sind mit künstlicher Intelligenz generierte Textfetzen. „The future is hot and dry“, steht da unter anderem. Die Zukunft ist heiß und trocken.

    Auf der Potsdamer Straße passiert Diskurs – sie lockt eine internationale Szene an

    In der Galerie Esther Schipper wird klar: Auf der Potsdamer Straße passiert Diskurs. Man kann das zynisch finden, weil es nicht unbedingt ein Angebot für Menschen ist, die auch wirklich dort leben. Man kann es aber auch spannend finden, weil die Concept-Stores, die Designer, die Galerien sich gegenseitig befruchten und eine internationale Szene auf die Potsdamer Straße treiben.

    So denkt auch Fiona Bennett, die um die Ecke den renommiertesten Hutladen Berlins betreibt. „Ich habe immer die Galerie-Nähe gesucht“, sagt Bennett. „Galeristen, Sammler, Künstler waren immer meine Kunden. Hier fühlt man sich gut eingebettet.“ In ihrem Laden gibt es Hüte, in die Kaschmir-Schals integriert sind. Bunte Hüte, edle Hüte, Hüte für Pferderennen und Hochzeiten. Viele sehr teure Hüte. Bennett hat ihre eigene Manufaktur in Berlin, war auch für die Hüte der Schauspieler in „Babylon Berlin“ verantwortlich.

    Genau wie Andreas Murkudis ist auch sie von Mitte auf die Potsdamer Straße gezogen. „Ich bin vor 14 Jahren mit meinem Geschäftspartner hier hergekommen“, sagt sie. „Murkudis war schon im Hof. Wir haben zur Straße hin geöffnet – damals gab es noch den Straßenstrich fast vor der Tür, das Haus stand weitestgehend leer. In den letzten Jahren hat sich alles zu einem spannenden Ort entwickelt.“ Gerade ist deswegen auch noch das junge Berliner Modelabel Working Title mit eingezogen. Björn Kubeja, ein Architekt und neben Designerin Antonia Goy einer der beiden Betreiber, sitzt neben Fiona Bennett und sagt: „Die Kunden hier sind Individualisten. Leute aus Asien, aus Amerika – sie wissen genau, dass hier der Spot für sie ist.“

    Was Kubeja und Bennett eint, ist ihr Sinn für Nachhaltigkeit. Ihre Mode ist entschleunigt, sie soll lange überdauern können. Ein Gegenentwurf zum Ausstellungstitel der Show in der Neuen Nationalgalerie also, der besagt, dass das hier alles nicht gut enden wird. Die Sachen von Working Title sind schlicht, sleek, unisex. Kubeja sagt: „Wenn man unsere Stücke gar nicht mehr restaurieren kann, dann kann man sie guten Gewissens gehen lassen. Sie bestehen nur aus Naturmaterialien.“

    Laut, aber nicht ekelhaft laut

    „Ich finde, die Straße hat was sehr Urbanes, ist sehr laut, aber nicht ekelhaft laut, hat ein gutes Grundtempo, einen urbanen Beat, ist multikulturell“, sagt Kubeja. Wenn er spricht, klingt es jetzt auch wie ein Beat. Er macht eine kurze Denkpause und fügt hinzu. „Es ist all das, was Berlin ausmacht.“

    Nur das Nachtleben fehlt hier weitestgehend. Es gibt die Stripclubs und die Kaschemmen auf der einen Seite und die Victoria Bar und das Kumpelnest für die Szene-Leute auf der anderen Seite. Sonst sieht es mau aus. Das Studio 1111 von Nachtleben-Urgestein Till Harter versucht parallel dazu Marken und Partys zusammenzubringen und die Leute, die hier arbeiten, auch am Abend auf der Straße zu halten. Keine einfache Aufgabe. Die meisten gehen dann doch lieber zurück nach Neukölln oder Kreuzberg.

    „In der Nacht verändert sich das Publikum auf der Potsdamer Straße“, sagt auch Hannes Schmidt. „Die Menschen, die hier in den Agenturen und Galerien arbeiten, gehen in ihre Viertel zurück.“ Er steht in einer Altbauwohnung auf der Potsdamer Straße und ist in Eile. Schmidt ist Künstler, hat kleine Projekt-Spaces geleitet und betreibt hier nun seine Galerie Schiefe Zähne. Sie ist ein Bindeglied zwischen Orten wie der Esther Schipper Galerie, den Läden von Murkudis oder Bennett und der Gegenkultur der 80er-Jahre. An diesem Tag Ende Februar läuft eine Gruppenausstellung, die sich kritisch mit dem Konzept Gruppenausstellung auseinandersetzt: „Ten thousand ugly inkblots | Part 3/3.“

    Schiefe Zähne ist ein ursprünglicher Ort, der mit der Sterilität anderer Galerien bricht. Die Kunst, die dort gezeigt wird, ist hoch-diskursiv, kritisch gegenüber dem Kunstmarkt, kritisch gegenüber Kunst selbst. „Man profitiert von der Galeriendichte“, sagt Schmidt noch, während er sich einen Kaffee holt und dann schnell weiter hastet.

    Die Potsdamer Straße ist kein Ort des Innehaltens. Wer sie besucht, muss in ständiger Bewegung bleiben, kann kurz in den Läden, in der Mode, in der Kunst abtauchen, aber landet am Ende doch wieder auf dem Gehsteig dieser launigen und dreckigen Hauptverkehrsader. Das erdet.

    #Berlin #Schöneberg #Tiergarten #Mitte #Potsdamer_Straße #Kultur #Wirtschaft #wohnen

  • Das war unser Wochenende in Berlin – einem Fiebertraum von einer Stadt
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/das-war-unser-wochenende-in-berlin-einem-fiebertraum-von-einer-stad

    24.02.2025 von Suri Manelis - Ein wenig wildes Wochenende – schließlich darf man nicht jeden Sonntag mit Harry Styles im Berghain tanzen. Über Träume, Projektionen und eine besondere Berliner Bevölkerungsschicht: die Expats.

    Freitagabend ziehe ich mit einem Freund los, wir spazieren durch Neukölln, Hakan Demir raucht vor einem Späti auf der Sonnenallee selbstgedrehte Zigaretten. Wir verirren uns in Das Labor in der Fuldastraße, auf der Google-Maps-Seite sieht man das Bild einer jungen Frau, die für junge und social-media-affine Berliner:innen unschwer als die hier wohnhafte chinesische Influencerin Jing Yu erkennbar sein sollte, 170.000 Follower, Lifestyle-Content, ein fotogener Dalmatiner.

    Mit dem sah ich sie auch schon einmal an der Türschwelle dieses Ladens sitzen, der bei Maps als Galerie ausgewiesen ist. Musik strömt raus, wir gehen rein, klein und voll ist es hier, vor allem voller angetrunken Tanzender. Nicht unbedingt ein Vibe. Viel Spannendes scheint es an diesem Abend nicht zu geben.

    Spannend eher in L.A.

    Es ist ja immer noch Berlinale. Mein Handy blinkt auf: ein neues Raya-Match. Raya ist eine Dating-App für die Schönen, Reichen oder Einflussreichen. Für Menschen, die berühmt sind oder beliebt. Zugang auf Einladung, und auch dann nur nach Prüfung des Instagram-Accounts. Manche warten ewig auf Zulassung, auch solche mit vielen Followern. Lewis Hamilton sah ich dort mal, aber der ist nicht wirklich mein Typ. Und jetzt wohl auch vergeben, an Sofia Vergara.

    Natürlich sind nicht alle potenziellen Matches von dieser Größenordnung. Und wenn man nur in Berlin ist, das musste ich feststellen, lohnt sich die App ohnehin kaum. Viel spannender ist die Nutzung in New York oder L.A. Oder halt eben zur Berlinale, wenn Leute vom Film von überall her angereist kommen.

    Wie der Regisseur aus New York, der mir gleich schreibt. Seine Bilder und Nachrichten lassen vermuten, dass ein Date witzig werden könnte. Wir texten ein wenig hin und her und verabreden uns für Samstag auf einen Kaffee. Die Sonne scheint, das Eis ist geschmolzen, Menschenmassen fluten die Straßen. Alle sprechen über die Wahlen. Mein sehr charmantes Date und ich streifen das Thema nur kurz, furchtbar natürlich, das mit dem Rechtsruck, er hat das Böhmermann-Video auf der Seite der New York Times gesehen. Dann kommen wir auf Berlin zu sprechen. Der junge Mann merkt an, auch schon mit der Idee gespielt zu haben, herzuziehen. Nicht besonders originell, denke ich mir.

    Berlin ist für viele junge Menschen weltweit eine Art Projektionsfläche. Was ihn hierherzieht? „The dream of living in a libertine city“, sagt er. Berlin – die Hauptstadt sexueller Freiheiten. Wenn ich in New York ausgehe und Leuten erzähle, dass ich in Berlin lebe, heißt es oft gleich: „Ich liebe Berlin! Das Mekka sexueller Freiheiten! Und die Clubs, so was könnte es hier nicht geben!“

    So zieht es unheimlich viele junge Menschen auf der Suche nach ganz verschiedenen Formen der Selbstverwirklichung hierher. Sie machen eine eigene Bevölkerungsgruppe aus, deren Bedeutung für das kulturelle Leben der Stadt kaum zu unterschätzen ist. Immer wieder Thema zahlreicher Gespräche und Anekdoten: die Expats. Jene Menschen, die, anders als Geflüchtete, aus freien Stücken hierherkommen. Auf der Suche nach kreativer Selbstentfaltung, zum Arbeiten oder auch einfach nur zum Feiern: Sexpartys, Drogen, Exzess.

    Was machen sie hier, diese Expats? Warum leben sie so häufig in besseren Apartments als gleichaltrige Deutsche? Warum bleiben so viele von ihnen unter sich, in ihren Bubbles?

    Auf der Suche nach Abenteuern

    Viele meiner Freundinnen und Freunde aus dem Ausland haben ihren Traum, nach Berlin zu ziehen, Realität werden lassen. Künstler, Fotografen, Performer, Filmemacher – nur wenige haben deutsche Freunde. Sie wollen die Stadt, ihr Freiheitsversprechen kennenlernen, aber nicht unbedingt deren Bevölkerung. Oder Bürokratie. Oder Sprache. Es ist eine Art Parallelwelt, die sich da manchmal auftut. Nicht alle, aber viele von ihnen leben besser als meine deutschen Freunde.

    Manche sind vorrangig auf der Suche nach Abenteuern, andere sind hier, um zu arbeiten. Das Leben in Berlin ist schlichtweg einfacher als an vielen anderen Orten dieser Welt, geringerer ökonomischer Druck, zugängliches Kulturangebot, gute Gesundheitsversorgung. Wer New Yorker oder Londoner Mietpreise gewohnt ist, für den ist Berlin immer noch günstig. Der kann sich einen ziemlich guten Lifestyle leisten hier, insbesondere dann, wenn das Gehalt kein deutsches ist. Und die Freiheiten. Irgendwie gibt es sie schon, diese Berlin-Erfahrung. Dieses Gefühl: Woanders wäre das nicht möglich gewesen.

    Dass man an manchen Orten in Berlin nur noch Englisch spricht, darüber kann man sich natürlich echauffieren – viel schwerer wiegt, dass sich das Sozialgefüge verändert, die Mieten steigen. Die Menschen, die in Deutschland aufgewachsen oder geboren sind, vor allem die Urberliner, hört man deshalb häufig über Expats sagen, sie hätten die Stadt kaputt gemacht. Aber sie machen die Stadt auch aufregender.

    Und mein Date? Gefällt mir trotz der etwas platten Bemerkung eigentlich ganz gut. Wir treffen uns noch einmal am Sonntag in der Nähe seines Hotels, spazieren durch den Tiergarten. Anne Will spaziert hier auch, mit ihrer neuen und ihr aus der Ferne verblüffend ähnlich sehenden Freundin. Ich erkläre meinem Date, wer das ist. Er sagt, er wolle später noch ins Berghain, und fragt, ob ich mitkommen wolle. Ich lehne ab, da habe ich schließlich schon die letzten zwei Sonntage verbracht. Manchmal braucht es eben auch ein weniger wildes Wochenende in diesem (Fieber-)Traum von einer Stadt.

    #Berlin #Kultur #Tourismus #Clubszene #Party #Berlinale

  • Gegen die Ubernahme der Stadt
    https://jungle.world/artikel/2025/08/taxi-filmfest-gegen-die-ubernahme-der-stadt

    29.2.2025 von Holger Heiland - Das Taxifilmfest ist nicht einfach nur ein weiteres Filmfest, sondern ein Protest für gute Arbeitsbedingungen und Arbeitsrechte von Personenbeförderern.

    Zwei Tage vor der Eröffnung der 75. Internationalen Filmfestspiele von Berlin steht Klaus Meier in der Kälte vor dem Berlinale-Palast und wartet auf seine Mitstreiter. Er ist einer der Veranstalter des 2. Taxifilmfests; bei dessen Erst­auf­lage waren während der vorigen Berlinale in Taxis Filme mit Taxibezug gezeigt worden. Nicht nur seine Mitstreiter, sondern auch die für die Filmvorführungen aufgerüsteten Großraumtaxen lassen auf sich warten.

    »Improvisation gehört dazu«, erklärt Meier der Jungle World. »Noch ist nicht alles ausdiskutiert. Etwa, ob wir Filme wieder nur in den Taxen zeigen. Das hieße, dass immer je acht Menschen eine Vorstellung besuchen können. Wir könnten die Wagen aber auch als Shuttles nutzen, um unser Publikum in einen komfortabel geheizten Kinosaal zu befördern.«

    Das Taxikultur-Team, dem neben Meier die Taxiunternehmer:innen Stephan Berndt und Irene Jaxtheimer angehören, stellt sich an den Festival­tagen bis zur Dämmerung den Fragen von Interessierten, informiert über das Programm und ihren Protest »gegen die Übernahme der Stadt durch Plattformkapitalisten und Ausbeuter«.

    »Eine angekündigte Fachkunde­prüfung als Voraussetzung für die Erteilung einer Beförderungslizenz lässt bis heute auf sich warten.« Klaus Meier, Veranstalter des Taxifilmfests

    Veranstaltungen wie die Berlinale – mit 2024 nach eigenen Angaben 329.502 verkauften Tickets eines der größten Publikumsfilmfestivals auf der Welt – sind seit langem wichtiger Teil des Stadtmarketings. Sie sollen helfen, Investoren und damit Steuereinnahmen anzulocken. Gerade deshalb stellte es für den Filmenthusiasten Meier, der neben seinem Beruf schon für das Videofilmfest (seit 1988) und die daraus entstandene Transmediale gearbeitet hat, einen Skandal dar, dass der Haupt­sponsor der Berlinale in den beiden vergangenen Jahren ausgerechnet der Vermittlungsdienstleister Uber war.

    »Das war kein gutes Zeichen, weder für das Festival noch für die Stadt. Zumal sich die Berlinale ja als dezidiert politisches Festival versteht.« Uber selbst beschäftigt keine Fahrer, sondern betreibt nur die Plattform, auf der diese ihre Dienste anbieten können. Das Geschäftsmodell führt Meier zufolge zu »Schwarzarbeit, Lohndumping und Steuerhinterziehung«. Das Unternehmen ziehe sich aus der Verantwortung und argumentiere damit, dass es nur als Vermittler auftrete, das lediglich seine App zur Verfügung stelle.

    Der RBB titelte bereits 2023 nach einer Recherche zum Uber-System: »Fahrer sind Opfer organisierter Schwarzarbeit«. Der Fachgebietsleiter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Hauptzollamt Berlin berichtete der Zeitung von Firmen, die gegründet würden, um »in großem Umfang Arbeitnehmer« als Fahrer zu beschäftigen, die dann nicht sozialversichert seien.
    Illegale Taxifahrten über Uber und Bolt

    Mitte Januar gab es in einem solchen Fall Hausdurchsuchungen in mehreren Bundesländern wegen des Verdachts der besonders schweren illegalen Beschäftigung, der besonders schweren Steuerhinterziehung und der bandenmäßigen Urkundenfälschung. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main wirft insgesamt 30 Personen vor, seit 2022 illegale Taxifahrten über Uber und Bolt angeboten zu haben.

    »Den Fahrer:innen bringt das in der Summe Unsicherheit und den Zwang, ständig zu arbeiten, um überhaupt etwas zu verdienen. Das führt oft in biographisch ausweglose Lagen«, weiß Meier aus seiner langjährigen Erfahrung als hauptberuflicher Taxifahrer. Seit er nicht mehr selbst hinterm Steuer sitzt, berät er ehemalige Kolleg:in­nen in prekären Arbeitsverhältnissen als Taxi-Soziallotse für das vom Senat geförderte Berliner Arbeitslosenzen­trum (Balz). Seit Jahren engagiert er sich zudem in der AG Taxi, einer gewerkschaftlichen Gruppe im Rahmen von Verdi Berlin, und setzt sich dafür ein, die Anliegen der gewerkschaftlich kaum organisierbaren Angestellten im Taxigewerbe zu Gehör zu bringen.

    Von den politisch Verantwortlichen fordert er beispielsweise, sich den Hamburger Senat zum Vorbild zu nehmen und durch angemessene Ordnungs- und Kontrolltätigkeit die wirtschaftliche Situation der Beschäftigten zu verbessern. In Hamburg werden kaum Uber-Fahrzeuge zugelassen. Der Senat bezweifelt die zumindest kostendeckende Betriebsführung des durch Apps vermittelten Mietwagenverkehrs. Um zugelassen zu werden, sind die Unternehmen dazu verpflichtet, einen Geschäftsplan vorzulegen.

    Mit seinen Protestaktionen war Meier bereits erfolgreich. Aus einer Plakataktion gegen Uber 2023 entstand 2024 das Taxifilmfest mit Filmen aus privaten DVD-Sammlungen. Das Festival erhielt weltweit Aufmerksamkeit. Das trug sicher mit dazu bei, dass Uber sich in diesem Jahr als Sponsor der Berlinale zurückgezogen hat.
    »Gegen-Kartographie«

    Das Taxifilmfest hat sich mittlerweile etabliert. 1.640 Filme von Filme­macher:innen aus aller Welt wurden in diesem Jahr eingereicht. Gezeigt werden davon fünf Spiel- und 59 Kurzfilme. Von grell bis experimentell dreht sich alles ums Taxifahren und seinen Beitrag zur urbanen Kultur. Einst auf Super 8 gedrehte Einblicke in die Berliner Gegenkultur der siebziger und achtziger Jahre gibt es auch – in Erstaufführung.

    Besonders stolz ist Meier auf den Workshop »Besser als die App«. Da gehe es um die Besinnung auf eigenes Wissen und Stärken, um auf Navigationssysteme bauende Beförderungsmodelle alt aussehen zu lassen. »Unter Verkehrsminister Scheuer wurde die Ortskundeprüfung abgeschafft. Dadurch sind die Fahrer:in­nen enteignet worden und die Qualität der individuellen Personenbeförderung wurde schlagartig schlechter. Eine angekündigte Fachkundeprüfung als Voraussetzung für die Erteilung einer Beförderungslizenz lässt bis heute auf sich warten.«

    Das Werkzeug, das der Workshop an die Hand gibt, heißt »Gegen-Kartographie«. Kartieren wird dabei als Praxis verstanden. In Karten, so die Überlegung, sind immer schon Interessen und damit Herrschaftsstrukturen eingeflossen und werden dadurch verfestigt. Die Gegen-Kartographie ist hingegen auf die Perspektive der Akteure ausgerichtet. Am Beispiel von Taxifahrer wären also Fragen wie die entscheidend, wie ein konkreter Platz aussieht, wo man abbiegen, sich einordnen oder parken kann. Taxifahrer:innen bietet das die Möglichkeit, ihre Interessen klar zu formulieren und ihre Rechte durchzusetzen. Eine Preisverleihung für die beim Taxifilmfest ausgezeichneten Filme gibt es natürlich auch.

    #Berlin #Mitte #Friedrichshain #Moabit #Potsdamer_Straße #Potsdamer_Platz #Alt_Stralau #Markgrafendamm #Beusselstraße #Wiclefstraße #Kultur #Kino #Film #Taxifilmfest

  • German film industry, taxi drivers protest on Berlinale’s opening day
    https://www.screendaily.com/news/german-film-industry-taxi-drivers-protest-on-berlinales-opening-day/5190563.article

    2024 by Martin Blaney - Germany’s film industry unions have been holding demonstrations on the first day of the Berlinale to call for better working conditions, while the guild of Berlin’s taxi drivers is voicing its opposition to Uber being one of the festival’s main sponsors by staging its own film festival in a taxi near Potsdamer Platz .

    The Union Day organised by the ver.di FilmUnion began early on Thursday morning with a demonstration in front of the Kino International ahead of the German Producers Alliance’s Producers Day which was opened with a keynote by Claudia Roth, state minister for culture and the media, on her plans for the restructuring of German film funding system.

    The aim of the protestors was to draw Roth’s attention to their demands for collective pay agreements to be enshrined in the legislation of the revised German Film Law (FFG) which is due to come into effect from the beginning of 2025.

    A second protest action entitled “Cinema & Film: Not Without Us!” was being planned by ver.di FilmUnion with staff members from the CinemaxX and CineStar multiplex chains in front of the Berlinale Palast ahead of Thursday’s opening film.

    This was prompted by ongoing pay negotiations with the two cinema chains which have seen unions calling for the starting hourly wage to be raised to €14, while the employers’ side has only been prepared to offer €12.41.

    In the meantime, ver.di has called for token strikes at the two chains’ cinemas throughout Germany, including Berlin, from today (February 15) until Sunday (Feburary 19) to press for an improvement to the pay offer.

    “The token strikes are a clear signal to the employers to take our demands seriously,” said ver.di’s chief negotiator Martha Richards.

    Meanwhile, the guild of Berlin’s taxi drivers are showing their opposition to Uber being one of the Berlinale’s main sponsors by organising their own TaxiFilmFest in a taxi in Potsdamer Strasse near to the festival’s headquarters.

    Up to eight people will be able to fit into the people carrier to watch the films, and video conference links are planned for people watching the same films at home to also discuss the films afterwards with the taxi’s occupants.

    The film selection includes Gerard Piries’ action comedy Taxi and (naturally) Martin Scorsese’s Taxi Driver which will be shown on February 20 when the veteran US director is to receive his honorary Golden Bear in a gala ceremony.

    The taxi drivers’ cause has been taken up in Berlin’s House of Representatives by members of the Die Linke party who tabled a motion at the beginning of this month calling on the Senate administration to explore alternative sponsorship options other than Uber with the Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) organisation which oversees the running of the Berlinale.

    #Berlin #Kultur #Gewerkschaft #Film #Berlinale #Taxifilmfest #2024

  • Grabstein für Berliner Club Watergate: „Wir dachten, nach einer Stunde wird der geklaut“
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/grabstein-fuer-berliner-club-watergate-wir-dachten-nach-einer-stund

    Tja.

    Katharina Heflik - Unbekannte haben vor dem geschlossenen Watergate einen Grabstein aufgestellt. Was wollen sie damit bezwecken und welcher Club ist als Nächstes dran?

    Es ist ein schlichter schwarzer Marmorstein, der auf dem Video aus allen möglichen Winkeln gezeigt wird. Eine Person kniet in schwarzer Arbeitskleidung, die Kapuze ins Gesicht gezogen, auf dem Gehweg und baut den Stein auf. „Watergate 2002 - 2024“ ist in Weiß drauf gepinselt, inklusive des Logos des Clubs. Diesen Grabstein haben Unbekannte diese Woche vor dem Club Watergate aufgestellt, der zu Beginn des Jahres seine Türen schließen musste. Inzwischen liegen Blumen davor und Grabkerzen flankieren den Stein links und rechts.

    Das Video, in dem die Installation des Grabsteins gezeigt wird, hat der Account STEINZEIT ALTER gepostet. In der Beschreibung heißt es: „Angesichts der Tatsache, dass wir in den letzten Jahren unzählig viele Clubs eintauschen mussten in Büroflächen und so einen Quatsch, ist es genauso wichtig, daran zu erinnern, wie es einmal war“.

    Das Watergate war nur einer von vielen Berliner Clubs, die in den vergangenen Jahren schließen mussten. Es wird nicht der letzte sein. So hat etwa auch der Club Renate sein Ende für 2025 angekündigt. Die Berliner Clubcommission warnt bereits seit Jahren vor dem Club-Sterben in der Hauptstadt.

    Die Berliner Zeitung konnte über Instagram in Kontakt mit den anonymen Totengräbern aufnehmen. Wer sich konkret dahinter verbirgt, will die Gruppe nicht sagen: „Es geht uns darum, den Clubs die Aufmerksamkeit zu geben, die sie durch ihre unglaubliche Arbeit verdient haben, nicht darum, uns als Personen in den Vordergrund zu stellen!“ Was sie da tun? Die Gruppe beschreibt es als Kollektivarbeit. Die Videos und Fotos, die Kunst und unterlegte Musik sind alle selbst produziert. „Wir möchten vor allem auf das Thema ’Clubsterben’ aufmerksam machen und eine Bewegung in Gang setzen, die Menschen aus dieser Stadt, egal ob Einwohner oder Touristen, zum Nachdenken anregt.“

    Auf die Idee sei die Gruppe durch die Liebe zu Berlin gekommen und zu einer Clubszene, die nicht mehr das sei, was sie mal war. Hinzu kam, dass in der Gruppe während der Pandemie Jobs angenommen wurden, die das handwerkliche Können für die Aktion geschaffen hätten. „Und tatsächlich sind wir vor kurzem nachts an der ehemaligen Griessmühle vorbeigelaufen, wo für uns damals dieses ganze Clubding angefangen hat. In dem Moment haben wir spontan eins und eins zusammengezählt und angefangen zu planen.“

    Grabsteine kommen von abgelaufenen Gräbern

    Mit der Aktion stößt die Gruppe auf Aufmerksamkeit. Der Beitrag wird auf Instagram mehr als 1000 Mal geliket, fast 100 Kommentare sind zu finden. Die beliebte Meme-Seite berlinclubmemes mit etwa 276.000 Followern teilt ebenfalls Bilder von dem Grabstein. Dort bekommt der Beitrag weitere 16.200 Likes.

    Eine Reaktion, mit der STEINZEIT ALTER selbst nicht gerechnet habe: „Wir dachten, wir stellen den Stein hin und nach maximal einer Stunde wird er weggeräumt, geklaut oder kaputt gemacht“, schreibt die Gruppe.„ Das gibt uns Mut und Kraft weiterzumachen und nicht aufzuhören, bis jeder versteht, dass dieser große, kulturelle Teil enorm wichtig für eine Stadt ist wie diese.“

    Die Grabsteine, schreibt die Gruppe im ersten Instagram-Beitrag, stammen von abgelaufenen Gräben. Grundsätzlich ist es in Berlin so, dass Gräber eine Mindestlaufzeit von 20 Jahren haben. Wird die Nutzung darüber hinaus nicht verlängert, wird das Grab aufgelöst und damit auch ein alter Grabstein unbrauchbar. „Manche dieser Steine können noch überarbeitet und gerettet werden, aber für manche Steine gibt es keine weitere Verwendung mehr - genau diese Steine werden für unser Projekt verwendet“, erklärt STEINZEIT ALTER. „Die Restkosten für die Farbe und natürlich auch der zeitliche Aufwand für die Schrift ist unser eigener Beitrag“.

    Über Instagram werden Follower dazu aufgerufen, in den Kommentaren Vorschläge für das nächste Denkmal zu machen. Dort fallen bekannte Namen: Die Rummelsburger Bucht, das Mensch Meier und die Griessmühle. Welche Ex-Clubstätte den nächsten Grabstein bekommt, will die Gruppe noch nicht verraten. Optionen gäbe es genügend: „Wenn man sich nur die Entwicklungen der letzten zehn Jahre anschaut, könnte man eine halbe Friedhofsabteilung aufstellen“.

    Die Entscheidung für das Watergate als ersten Standort war auch eine persönliche: „Für das Watergate haben wir uns bewusst als erstes entschieden, weil dieser Club ebenfalls eine Berliner Legende ist und wir dort unzählige Male gefeiert haben“, schreibt die Gruppe. An diesem Ort zeige sich das Thema Clubsterben und was es für Berlin bedeutet, am aktuellsten. „Hier werden nicht nur Türen geschlossen, hier verklingt das Echo einer Stadt.“

    #Berlin #Kreuzberg #Falckensteinstraße #Kultur

  • In Hamburg wächst der Kulturhaushalt: Was macht Berlin bloß falsch?
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/in-hamburg-waechst-der-kulturhaushalt-was-macht-berlin-bloss-falsch

    Es gibt Kultur, die gekauft und gefördert wird, und es gibt Kultur, die aus Arbeit und Leben von Menschen entsteht. Das passiert scheinbar wie von selbst, als Nebeneffekt, als Ausdruck von Menschlichkeit und dem Bedürfnis, seine Sache gut zu machen. Taxikultur ist so eine Art Kultur.

    Was es dazu hraucht? Gute Arbeitsbefingungen, gute Bezahlung des Geleisteten, Respekt und Würde für die Tätigen. Das alles ist bedroht. Verteidigen wir die Produktionsbedingungen von Kultur.

    14.12.2024/von Ulrich Seidler - Sparen ist nicht gleich kürzen. Und Hamburg ist nicht Berlin. Aber Kulturpolitik ist mehr als Schicksal. Was Joe Chialo von Carsten Brosda lernen kann. Eine Analyse.

    Äpfel und Birnen sind Obst, wieso soll es nichts bringen, dass man sie miteinander vergleicht? Das Wetter ist in Hamburg mieser, die Laune ist es in Berlin. In Berlin wohnen fast doppelt so viele Menschen, ihr Beitrag im Jahr 2023 zum Bruttoinlandsprodukt liegt bei rund 50.000 Euro pro Kopf, Hamburger bringen es auf 80.000. Berlin war Sitz der Hohenzollern, Hamburg hatte nie einen Kaiser, nie einen König – und auch keine Mauer. Hamburgs Volkswirtschaft ist breiter und solider aufgestellt und sie wächst, Berlins schrumpft.

    All die Kriterien, vielleicht sogar das Wetter und die Laune, ließen unterschiedlich reiche und unterschiedlich tief verwurzelte Infrastrukturen für Kulturangebote wachsen. Und sie gehören mithin zu den Ursachen für einen weiteren eklatanten Unterschied: Berlin kürzt seinen Kulturhaushalt (ca. 1 Milliarde) um zwölf Prozent für 2025 und Hamburg erhöht ihn (ca. eine halbe Milliarde) um elf Prozent. Auch wenn sich an vielen der Kriterien wenig schrauben lässt, wäre es falsch, diesen Unterschied als schicksalhaft und unveränderbar hinzunehmen. Der Kultursenator Hamburgs Carsten Brosda (SPD) hält sich bei einem Telefonat mit der Berliner Zeitung in der direkten Kritik an seinem Berliner Amtskollegen Joe Chialo (CDU) zurück. Was aber das Allgemeine angeht, nimmt er kein Blatt vor den Mund.

    Zu den genannten Ursachen für die Diskrepanz bei der Kulturhaushaltentwicklung kommen nach den wohltuend kompetenten Ausführungen von Brosda noch mindestens zwei entscheidende Punkte dazu, die Hamburgs Kulturszene Atemluft verschaffen, während der in Berlin gerade die Gurgel zugedrückt wird.

    Der eine ist technisch und betrifft die Art des Haushaltens: Hamburg hat vor etlichen Jahren auf die kaufmännische Buchhaltung umgestellt, das Doppik-System (Doppelte Buchführung in Konten). „Wir bilanzieren Gewinne und Verluste “, so Carsten Brosda. „Wenn die Stadt mehr einnimmt, geht das nicht automatisch in den Haushalt, sondern wird vereinfacht gesagt in Rücklagen gepackt, auf die man zugreifen kann, wenn die Steuereinnahmen geringer ausfallen.“ Außerdem gelte in Hamburg das „Steuertrendverfahren“: „Wir blicken über Jahre rückwirkend auf die Entwicklungen der Steuereinnahmen und auf die Prognose – daraus bildet man einen gemittelten Wert, von dem man den Ausgabendeckel für die Folgejahre ableitet“.

    Berlin mit seinen kameralistischen Doppelhaushalten sammelt die Wünsche ein und korrigiert sie dann in Nachtragshaushalten – im Moment eben drastisch nach unten. Die Stadt an der Spree wirtschaftet von der Hand in den Mund, Überschüsse müssen verballert werden, damit sie nicht verloren gehen. Und wenn dann mal kein Geld da ist, hat man Bedürfnisse geschaffen, die man unter Schmerzen rückabwickeln muss – und dies alles, während die übernommenen Infrastrukturen versteifen und verrosten – in guten Zeiten denkt man nicht an sie und in schlechten kann man sie nicht anrühren, weil man keine Mittel hat, um sie umzubauen. Das ist wie mit den Brücken, die in Deutschland gerade überall einbrechen.

    Brosda fasst die hanseatische Tugend so zusammen: „Wir sind auf einem kaufmännisch vorsichtigen, gleichwohl stetig sich entwickelnden Pfad geblieben.“ Man pflegt, was man hat, und stellt es nicht in jeder Krise zur Disposition.

    Die Bremsspur bei strukturellen Einsparungen ist lang

    Das führt zum zweiten, vielleicht noch wichtigeren Punkt. Brosda kann sich auf den Rückhalt im Hamburger Senat für die Verantwortung gegenüber der Kultur verlassen. Sie gehöre juristisch zwar nicht zu den Daseinsvorsorgeaufgaben des Staates, weshalb kulturelle Ausgaben nach wie vor freiwillig sind. Wenn man sich aber dafür entschieden hat, Verantwortung für die Kultur zu übernehmen, dann muss man die Infrastrukturen und Institutionen so ausstatten, dass sie ihrer Aufgabe nachkommen und dabei sinnvoll wirtschaften können. In Berlin wird diese Verantwortung gerade an die Kulturleute verschoben. Für ihre Bereiche sind sie aber in den meisten Fällen längst betriebswirtschaftlich effektiv, sie werden vierteljährlich evaluiert und in Quartalsgesprächen von der Kulturverwaltung einvernommen.

    Kann man also gar nicht sparen, oder wie? „Wenn ich die Ausgaben haushalterisch nicht abdecken kann, führt am Sparen kein Weg vorbei“, so Brosda. „So eine Lage entsteht aber nicht von heute auf morgen, und sie lässt sich auch nicht von heute auf morgen abschalten. Die Bremsspur struktureller Einsparungen ist lang. Die kurzfristig disponiblen Kosten in allen Kultureinrichtungen findet man immer nur bei der direkten Produktion von Kunst, und selbst da nur sehr eingeschränkt.“ Das merken in Berlin die Haushälter gerade und mildern die Einsparvorgaben für die meisten großen Institutionen wieder etwas ab. Das fehlende Geld versuchen sie aus investiven Mitteln unter anderem für das Technikmuseum, aus der Kulturraum-Förderung und den Fonds zusammenzukratzen, aus denen freie Projekte ohne überjährige Verpflichtungen bezuschusst werden.

    Brosda: „Bei Festangestellten, Betriebskosten, Mietverträgen, Instandhaltungsnotwendigkeiten kann man kaum kurzfristig steuern. Wenn ich die Betriebe anders organisieren möchte, muss ich, wie bei jedem Transformationsprozess, Zeit haben und oft erst einmal auch Geld investieren. Sonst spare ich nichts, sondern stelle durch Kürzungen unerfüllbare Anforderungen an die Zuwendungsempfänger, die dazu führen, dass ich vorn die Kultur beschädige, hintenraus keine strukturellen Einsparungen erbringe und zwischendurch das Vertrauen zwischen Kultureinrichtungen und Stadt zerstöre, sowie Aufruhr im Publikum erzeuge.“

    Die spalterischen Einlassungen von Kai Wegner

    Chialo ist als Musikunternehmer ein politischer Quereinsteiger und hat im Berliner Senat diesen Rückhalt nicht: Der Finanzsenator kürzt ihm mit brachialer Ignoranz gegenüber der Fachpolitik den Etat zusammen, der Regierende ruft spalterische und populistische Argumente dazwischen und fragt, warum die Kassiererin die Opernkarte für die Reichen bezahlen soll – als würden Opernbesucher keine Steuern zahlen und Kassiererinnen nicht in die Oper gehen.

    Chialo selbst düpiert die Institutionsleiter, er lässt die Freien über die Klinge springen – und dies alles, nachdem er Monate ins Land gehen ließ, in denen er längst Sparstrategien hätte entwickeln können, in denen er zumindest hätte ansatzweise klarkriegen müssen, wie es nicht geht, statt gehetzt in jede erdenkliche Falle zu tappen. Bei allen handwerklichen Fehlern ist es auch die Rhetorik, die erschrecken lässt: die Bereitschaft, Kultur unter Missachtung indirekter Effekte aus einer ökonomischen Logik heraus den Gesetzen des Marktes zu überlassen und die Sparanforderungen mit der Behauptung zu begründen, dass ohnehin zu viel Geld für dieses Elitengedöns verschleudert wird.

    Brosda: „Kultur ist kein Nice-to-Have für die, die es sich leisten können, sondern es ist eine öffentliche Aufgabe, für deren Infrastruktur der Staat die Gewährleistungspflicht übernimmt. Zu dieser Pflicht gehört es, dass diese Infrastruktur auch in der Krise erhalten bleibt und die Institutionen wirtschaften können.“ Es geht nicht darum, ob eine Obstsorte größer oder süßer ist als die andere. Wenn sie verfaulen, sind alle gleich.

    #Taxi #Kultur #Taxikultur

  • Joe Chialo zur Berliner Spardebatte: „Wenn das Geld kommt, tanzen wir zusammen Kasatschok“
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/joe-chialo-zur-spardebatte-wenn-das-geld-kommt-tanzen-wir-zusammen-

    Erkenntnisgewinn aus diesre.Imterview : .Der aktuelle Kultursenator, dessen Namen wir bald vergessen haben werden, ist ein verantwortungsloser, gemeimgefährlicher Schwâtzer.

    10.12.2024 von Susanne Lenz, Ulrich Seidler - Der Kultursenator Joe Chialo sagt, dass die Kultur effektiver agieren muss. Und man müsse sich jetzt fragen, worauf man verzichten kann, damit die Exzellenz in Berlin bleibt.

    Die Berliner Kultur-Spardebatte steuert auf den 19. Dezember zu, dann wird der Nachtragshaushalt im Abgeordnetenhaus beschlossen, mit dem die fehlenden drei Milliarden Euro erbracht werden müssen. Auf das Ressort des Kultursenators Joe Chialo (CDU) entfallen Kürzungen von 130 Millionen. Ihn bringt das in den „Rocky-Modus“.

    Herr Chialo, hat sich die Kultur von der harten Berliner Realität entkoppelt?

    Sie wird jetzt mit einer Realität konfrontiert, die nicht nur für Berlin gilt, sondern deutschlandweit die Menschen in allen Bereichen trifft. Die Deutsche Bahn plant 30.000 Angestellte in den kommenden Jahren zu entlassen, VW entlässt 10.000, Thyssen-Krupp 11.000, SAP 5.300, Audi 4.500, Tesla 3.000, Deutsche Bank 3.500, Ford 2.900 ... die Liste ließe sich endlos verlängern.

    Das sind Wirtschaftsunternehmen.

    Ja, aber diese zeigen den finanziellen Hintergrund, vor dem sich Haushaltsprobleme auch in Berlin entwickelt haben. Wenn Volkswagen Leute entlässt, betrifft das unter anderem Zulieferbetriebe in unserer Region. Wir können uns eben nicht von der wirtschaftlichen Realität entkoppeln. Man muss sich vielmehr darauf einstellen. In der Vergangenheit wurde das nicht ausreichend getan.

    Sie haben der Kultur geraten, sich ein Beispiel am Berghain zu nehmen.

    Ich habe gesagt, dass die Kultur, die von Berlin in die Welt strahlt, nicht immer nur die geförderte Kultur ist, sondern dass auch privatwirtschaftlich aufgestellten Leuchttürme wie das Berghain dazugehören.

    Aber mit der Gegenüberstellung ermahnen Sie die geförderte Kultur, mehr auf die wirtschaftliche Komponente zu setzen, oder?

    Die Szene ist sehr heterogen aufgestellt und ebenso unterschiedlich ist auch die wirtschaftliche Kompetenz in den Institutionen ausgeprägt. Die Philharmoniker haben einen Eigenfinanzierungsanteil von über 60 Prozent, sie und sehr viele andere wissen ganz genau, wie man mit Sponsoren verhandelt, wie man Drittmittel einwirbt, wie man die Ticketpreise optimal austariert. Ebenso der Friedrichstadt-Palast. Andere hingegen haben sich mit diesem Thema bisher eher weniger beschäftigt. Deshalb lautet meine Bitte an alle Verantwortlichen, sich Gedanken zu machen, wie man wirtschaftlich effektiver agieren kann.

    Joe Chialo stellt die Berliner Philharmoniker als Vorbild dar: „Die Philharmoniker haben einen Eigenfinanzierungsanteil von über 60 Prozent, sie wissen, wie man mit Sponsoren verhandelt.“Stephan Rabold

    Das Beispiel mit den Philharmonikern haben wir gerade von Monika Grütters im Radio gehört. Da spricht Ihre Parteifreundin von „herz- und geistlosen Streichlisten“ und wirft Ihnen vor, „grob, schematisch und ohne die nötige Sachkenntnis“ zu kürzen. Was sagen Sie dazu?

    Das Land Berlin muss 2025 drei Milliarden und weitere zwei im Jahr 2026 sparen, damit es handlungsfähig ist. Die Kürzungen selbst sind von der Koalitionsspitze aufgestellt worden und bergen an vielen Stellen fachpolitische Umsetzungsschwierigkeiten. Daher hat der Finanzsenator gesagt, dass wir bei technischen und rechtlichen Unmöglichkeiten nachjustieren. Und das passiert jetzt. Ich meine nicht nur, dass die Tariferhöhungen für 2025 nun doch gedeckt werden, sondern dass wir auch bei vielen anderen Institutionen Korrekturen erleben.

    Welche denn?

    Wir müssen schauen, ob das Deutsche Theater wirklich drei Millionen kürzen muss, nachdem wir es mit viel Mühe auf den Weg wirtschaftlicher Gesundung gebracht haben. Was wird mit der Komischen Oper, was mit der Freien Szene? Wir sind gemeinsam mit den Parlamentariern an vielen Stellen dran. Mir sind die Kinder- und Jugendtheater sehr wichtig, weil das, was dort passiert, ein zentraler Bestandteil der kulturellen Bildung ist. Und Bildung ist neben der inneren Sicherheit und dem Sozialen einer der drei Schwerpunkte, die sich diese Koalition gesetzt hat. Ich bin im Schulterschluss mit den Parlamentariern, aber greife dem Gesetzgebungsprozess nicht vor.

    Seit Freitag liegt eine neue Sparliste auf dem Tisch. Wie aus dieser hervorgeht, soll nicht nur beim Kinder- und Jugendtheater, sondern auch bei weiteren und größeren Häusern die Einsparsumme teils erheblich reduziert werden. Berliner Ensemble, Deutsches Theater und Schaubühne werden genannt, das Gorki war ohnehin mit einem geringeren Prozentsatz veranschlagt. Nur die Volksbühne muss als einziges der fünf großen Sprechtheater die volle Einsparsumme von zwei Millionen erbringen, warum?

    Ich bitte um Ihr Verständnis, dass ich mich nicht zu den Details äußern kann, da wir uns in einem laufenden parlamentarischen Verfahren befinden. Am Mittwoch werden wir im Hauptausschuss unsere Stellungnahme dazu präsentieren.

    Der Senat unterstützt Künstler in der immer teureren Stadt dabei, Probenräume und Ateliers zu finanzieren. Stimmt es, dass ein Großteil der Mittel für diese Kulturraumförderung, nicht abgerufen wurden? In dieser Pauschalität ist das nicht korrekt. Die Mittel werden von uns jedes Jahr nahezu vollständig an die Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) übergeben, die sie im Rahmen von Projektvereinbarungen an die jeweiligen Projekte verteilt.

    Es wurde doch gesagt, dass es keine Änderungen im Gesamtvolumen gibt. Woher kommt jetzt das Geld für die Tarifausgleiche?

    Das sind fiskalisch zwei Paar Schuhe. Die 50 Millionen Euro für die Tarifausgleiche, die zentrale Vorsorge, liegt bei der Senatsverwaltung für Finanzen.

    Wie viele Millionen entfallen davon auf die Kultur?

    Nach unseren Annahmen sind das etwa 14 Millionen.

    Keine Erleichterung für die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte: Das Theater soll weiter zwei Millionen Euro sparen. Bildgehege/imago

    Im September, als Sie und der Finanzsenator vor die Kulturszene getreten sind, um sie auf die bevorstehenden Einsparungen einzuschwören, sagten Sie, dass zehn Prozent, also 110 Millionen Euro, sehr brutal seien und noch einmal besprochen werden müssten. Nun hört man, dass der Senat zwischenzeitlich sogar ein Einsparvolumen von 200 Millionen Euro von Ihrem Ressort forderte. Wie passt das zusammen?

    Die Kürzungen wurden im Ursprung nicht auf der Fach- oder Senatoren-Ebene beschlossen, sondern von der Koalitionsspitze. Der Finanzsenator bestätigte in seiner Rede im Abgeordnetenhaus noch einmal, dass für unser Ressort ein Kürzungsvolumen von bis zu 200 Millionen evaluiert worden war. Für mich war von Anfang an klar, dass diese Summe zu nachhaltigen Schädigungen in der Kultur führt, wenn wir das umsetzen müssten.

    Und die 130 Millionen führen nicht zu solchen Schädigungen?

    Der Anteil, den wir aus kulturfachlicher Sicht unter Schmerzen als leistbar errechnet und transparent gemacht hatten, lag eben bei besagten zehn Prozent. Diese Zahl haben wir in die Kulturszene und im parlamentarischen Raum kommuniziert. Jetzt sind wir bei 130 Millionen gelandet. Wie es auf die einzelnen Titel verteilt wurde, stellt uns vor Umsetzungsschwierigkeiten. Das wird nun im parlamentarischen Verfahren und im engen Schulterschluss mit uns korrigiert.

    Dass die für die Sanierungsmaßnahmen an der Komischen Oper eingestellten zehn Millionen gestrichen wurden, wird das korrigiert?

    Wir suchen nach Wegen, die Mittel wieder freizubekommen. Denn eines ist ganz klar: Wir wollen nicht zulassen, dass durch die Kürzung der zehn Millionen ein Baustopp eingeleitet wird, der eine Schließung der Komischen Oper durch die Hintertür verursachen würde.

    Das klingt, als hätten Sie das Geld schon fast im Sack.

    Wir haben in Berlin eine Reihe von Bauprojekten, die ohne finanzielle Deckung geplant worden sind. Jetzt geht es um die Priorisierung. Wenn wir die Komische Oper retten, müssen andere Bauprojekte zurückgestellt werden. Das ist aber nicht mein Terrain, ich möchte weder Finanzsenator Evers noch Bausenator Gaebler hineinreden. Mir geht es um die Komische Oper. Und da unternehmen wir gemeinsam mit dem Regierenden alle Anstrengungen, um den Baustopp zu verhindern. Mag sein, dass wir den Bau strecken oder manches bauliche Extra nicht kommt.

    Wenn wir am 19. Dezember bei der Verabschiedung des Haushalts erfahren, dass das Geld nicht kommt, dann heißt das, die Komische Oper macht zu.

    Und wenn Sie erfahren, dass das Geld kommt, dann tanzen wir zusammen Kasatschok, und dann schreiben Sie: „Hurra, die Kulturverwaltung hat es gerockt!“

    Wenn wir hier zehn Millionen für die Rettung der Komischen Oper auf den Tisch packen würden, könnten Sie uns versichern, dass das Geld dann in diesem Sinne verwendet wird?

    Sie meinen, dass wir mit privatem Geld ein Modell zur Kreditfinanzierung aufgleisen?

    Das klingt so kompliziert. Wir wollen Ihnen doch nur die fehlenden zehn Millionen schenken.

    Das ist ein verlockender Gedanke. Spenden und mäzenatische Schenkungen können grundsätzlich als zweckgebundene Einnahmen in den Haushalt Berlins einfließen. Unabhängig davon gibt es konkrete Gedanken für ausgewählte Häuser, wie man sie kreditfinanziert entlasten könnte. Bis zum 19. Dezember wird das nicht klappen, die Materie ist kompliziert. Aber es könnte ein Ziel für den Doppelhaushalt 26/27 sein, für den bis Juni die parlamentarische Vorlage eingereicht werden muss.

    Komische Oper: Wenn der Baustopp kommt, droht die Schließung, das sagt sogar Chialo.Benjamin Pritzkuleit / Berliner Zeitung

    Sie wollen an der Schuldenbremse vorbei Kredite aufnehmen?

    Nein. Wir wollen den Haushalt entlasten. Das ist auch mit der Schuldenbremse möglich. Für das Thema Schuldenbremse suchen Sie sich bitte gerne andere Gesprächspartner. Unser Handlungsrahmen ist das Gesetz. Unsere Aufgabe heißt: Wie schaffen wir es, innerhalb der Kulturlandschaft, mit den Kulturschaffenden zusammen, die gebotenen strukturellen Veränderungen zu erwirken?

    Warum sind Sie nicht früher mit den Institutionsleitern und Kulturschaffenden in diesen Dialog gegangen? Stattdessen mahnen Sie deren ökonomische Eigenverantwortung an, was sich für diese wie eine Ohrfeige angefühlt hat. Sie wussten doch schon, dass es hart kommt.Wann wusste ich das?

    Bei Ihrem Antrittsinterview mit der Berliner Zeitung im Juni 2023 sagten Sie schon, dass andere Zeiten kommen würden.

    Richtig. Ich habe gesagt, dass nichts bleiben wird, wie es ist. Wir haben mitten in der Legislaturperiode die Verantwortung übernommen und es gab zwei Möglichkeiten: Man kann den Haushalt übernehmen, um handlungsfähig zu bleiben, oder man fängt komplett von vorn an – dann hat man eine lange haushaltslose Zeit. Das gab es schon, mit schlechten Erfahrungen. Auf dieser Grundlage entstand der große Kulturhaushalt mit erstmals über einer Milliarde Euro. Und die klare Ansage, dass wir das Geld und die Zeit nutzen müssen, die Kultur für kommende schlechtere Zeiten resilient aufzustellen.

    Dazu gibt es einen Nachtragshaushalt.

    Ja, uns war klar, dass der für 2024 und 2025 kommt, das haben wir frühzeitig an alle kommuniziert. Für 2024 standen 5,9 Prozent im Raum, es wurden dann zwei Prozent. Dass es für 2025 deutlich mehr werden würde, haben wir gesagt. Wer es wissen wollte, konnte es wissen. Ich habe das im Juni im Parlament gesagt, mit Kulturschaffenden im Humboldt Forum besprochen, in wiederholten Konferenzen mit den Sparten und in vielen kleinen Runden.

    Offenbar nicht deutlich genug.

    Die Erfahrungen aus der Corona-Zeit zeigen, dass die Kultur in akuter Gefahr war, wenn nicht sofort gehandelt wurde. In keinem anderen Land der Welt wurde so viel Geld in die Kultur investiert, um Schäden abzuwenden. Auch den nachfolgenden, sich teilweise überlappenden Krisen, wurde in der Vergangenheit mit erheblichen finanziellen Mitteln begegnet, die letztlich von den Steuerzahlern getragen wurden. Nun ist klar, dass dies keine nachhaltige Lösung sein kann. Wir stehen vor einer Zeitenwende und benötigen ein neues Mindset.

    Warum sagen dann alle, dass die Sparpläne zu kurzfristig angekündigt wurden?

    Natürlich ist der 19. Dezember vor allem mit Blick auf die vulnerable Freie Szene zeitlich gesehen wahnsinnig schwierig, wenn dann Stellen gestrichen oder Härten kommuniziert werden müssen. Das hat die Kultur in dieser Form noch nicht erlebt. Gewünscht hat sich das niemand, aber es ist notwendig. Um diesen Weg auch mit Blick auf 2026 und 2027 gemeinsam gehen zu können, gab es am vergangenen Donnerstag beim Regierenden ein Treffen mit Intendanten der Berliner Bühnen sowie Vertretern der Freien Szene, an dem auch der Finanzsenator und ich teilgenommen haben. Es geht darum, wieder Vertrauen herzustellen. Das ist der Prozess, in den wir jetzt alle Kulturschaffenden einbinden wollen. Wir erkennen an, wie hart es ist. Wir werden 2026 auch nicht mehr auf Rücklagen zurückgreifen können, wie noch für 2025. Das heißt, spätestens dann müssen strukturelle Veränderung bereits greifen. Wir müssen erreichen, dass die Starken die Schwachen tragen, dass wir Spartengerechtigkeit haben und am Ende ein tragfähiges Zukunftskonzept.

    Sie nannten gerade die Höhe des letzten Kulturetats, es waren 1,1 Milliarden. 2014 war es noch knapp eine halbe Milliarde. Wo ist das Geld denn hin?

    Das ist ein bunter Mix: Es gab die allgemeinen Teuerungsraten, Tarifsteigerungen, Mindestlohn, Miet- und Betriebskostensteigerungen, Sondermittel des Innovationsförderfonds, Kofinanzierungserfordernisse des Bundes und auch fachliche Bedarfe. Jetzt müssen wir uns fragen, welche Bereiche wir abdecken können und auf welche wir in Absprache mit den Kulturschaffenden verzichten können, damit wir uns auf die Kernbereiche konzentrieren können und die Exzellenz in Berlin bleibt.

    Das klingt, als würde sich richtig was verändern, oder?

    Veränderung ist für Berlin ein gelernter Prozess. Die Stadt hat viele Regierungssysteme mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen erlebt. Die Krise jetzt hat jedoch finanziell eine Dimension, wie es sie noch nie gab – wir sind gezwungen, in zwei Jahren fünf Milliarden Euro einzusparen. Ich kann die Verärgerung, die Wut, ich kann auch den Vorwurf, dass die Prozesse besser hätten laufen können, nachvollziehen. Aber uns bringt jetzt nur Pragmatismus weiter.

    Er würde zurücktreten, wenn er der Kultursenator wäre: der Anwalt und Kunstförderer Peter Raue. Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

    Fechten Sie die Rücktrittsforderungen an? Zuletzt hat Peter Raue gesagt, wenn er Sie wäre, würde er zurücktreten.

    Das hat er nicht so gesagt.

    Sondern?

    Er hat gesagt, wenn er Kultursenator wäre, würde er zurücktreten.

    Aber Sie sind doch der Kultursenator.

    Ich habe mit Peter Raue ein sehr gutes Verhältnis und weiß, dass er bestimmte Dinge anders bewertet als ich. In seinem Verständnis ist eine Kürzung des Kulturetats undenkbar. Ein Frevel. Und ich kann ihn da emotional verstehen. Aber wir müssen die Realitäten anerkennen. Die Frage nach Rücktritt stellt sich mir nicht. Im Gegenteil. Die Herausforderung bringt mich in Rocky-Modus. Ich habe große Lust, das gemeinsam mit den Kulturschaffenden durchzuziehen.

    Der Regierende Bürgermeister hat gefragt, ob die Supermarktverkäuferin mit ihren Steuern das Opernticket subventionieren soll. Soll sie?

    Die Frage, die da angesprochen wird, lautet doch: Sollen Kleinverdiener mit ihren Steuern Tickets subventionieren, die größtenteils von Menschen genutzt werden, die über deutlich mehr Geld verfügen? Das darf man doch mal ausformulieren. Trotzdem sage ich: Kultur ist kein Elitenprojekt. Kunst und Kultur müssen auch nicht aufs Geldverdienen ausgerichtet sein. Ein wichtiger Part ist die Teilhabe. Das sicherzustellen, ist die Aufgabe der Politik. Mein Ziel ist nur der 19. Dezember. Bis zu dem Tag kann mich jeder kritisieren, wie er möchte, das eine oder andere trifft mich dann aber schon.

    Was denn?

    Das, was Barrie Kosky in seinem offenen Brief geschrieben hat. Dass wir „nicht vollenden sollen, was die Nazis nicht geschafft haben“. Das fand ich echt hart. Gewisse Grenzen darf man einfach nicht überschreiten. Er hat es getan. Ich kann nachvollziehen, warum, aber ich fand es zu viel. Das Wichtige ist doch, jetzt zu reparieren, was nicht gut gelaufen ist. Und da sind wir auf einem guten Weg.

    #Berlin #Kultur #Politik #Penunse

  • „Krankenschwestern gehen doch auch in Clubs“: Interview mit Emiko Gejic von der Clubcommission Berlin
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/musik/krankenschwestern-gehen-doch-auch-in-clubs-interview-mit-emiko-geji


    Am Tag des Mauerfalls geboren: Emiko Gejic ist seit November die Sprecherin der Clubcommission. Hannes Caspar

    Leider, leider hat die junge Frau von der Clubcommission keine Lösungen anzubieten und auch sonst nix Neues auf der Pfanne. Aber hübsch isse, deshalb hat der Autor wohl besonders viele Fotos von ihr im Artikel untergebracht. Man hätte ja aussagekräftige Bilder der Clubs zeigen können, aber die schicken wohl lieber ihr reizendes Pressepferdchen vor. Monika Döring war eine andere Klasse.

    9.12.2024 von Stefan Hochgesand - Das Berghain wird 20, das Watergate schließt. Die Kultur muss 2025 massiv sparen. Was bedeutet das für die Berliner Clubs? Ein Interview mit der neuen Sprecherin der Clubcommission.

    Das Watergate schließt zum Ende des Jahres – ein weltbekannter Club, bei dem die Leute auf der Oberbaumbrücke Schlange stehen. Wie kann das sein? Jeder zweite Berliner Club denkt derzeit darüber nach, 2025 aufzugeben. Das hat die Clubcommission Berlin im November vermeldet. Die Zahlen klingen alarmierend. Gibt es überhaupt Hoffnung für die Clubs, auf die Berlin so stolz ist und denen es seine Strahlkraft verdankt? Wir haben mit einer Person gesprochen, die es wohl mit am besten weiß: Emiko Gejic, in der Clubwelt bestens vernetzt, ist die neue Sprecherin der Clubcommission, des Sprachrohrs der Berliner Clubs.

    Frau Gejic, Sie arbeiten auch als Tänzerin und Schauspielerin. Wann und wie wurde Ihnen klar: Ich will mich für die Berliner Clubs engagieren?

    Dass ich mich sehr aktiv engagiere, das kam während Corona. In der Corona-Zeit haben sich viele Kulturschaffende stärker vernetzt. Weil wir alle gleichermaßen von den Schließungen betroffen waren. Aber ich habe mich auch schon vorher mit Gentrifizierung und Verdrängung von kulturellen Freiräumen beschäftigt. In meinem Studium und in meiner Arbeit.

    Sie haben Soziologie und Urbanistik studiert. Wie hilft Ihnen die Theorie, in der Praxis Lösungen zu finden?

    Sehr viel. Zudem bin ich in Berlin geboren und in der wiedervereinigten Stadt aufgewachsen. Die akademische Perspektive hilft dabei, größere Zusammenhänge noch mal anders zu verstehen, vor allem auf politischer Ebene. Für uns als Clubcommission ist auch das direkte Gespräch mit der Politik wichtig, um Einblicke zu geben in die Lebensrealität von Clubkulturschaffenden, um Handlungsempfehlungen zu geben und Forderungen zu stellen.

    Kann denn Gentrifizierung auch eine Chance sein? Gentrifizierung ist erst mal ein Prozess, der existiert. Das ist leider recht normal in einer neoliberal geführten Stadt, und das gibt es überall auf der Welt. Ich sehe es als sehr problematisch, wenn das nicht reguliert wird; wenn kleinere, nichtkommerzielle und soziale Kultureinrichtungen nicht vor Verdrängung geschützt werden. So wird der städtische Wandel nur durch Immobilienkonzerne und Wirtschaftsinteressen bestimmt. Das erleben wir gerade besonders in Berlin: Es wird vermehrt verdrängt, wer nicht profitmaximierend arbeitet. Da gehören Clubs und Kulturstandorte dazu.

    „Das Berghain war für Berlin identitätsstiftend – vor allem international“

    Manchen geht es anscheinend aber auch gut: Das Berghain wird demnächst 20 Jahre alt.

    Das Berghain hat Berlin stark geprägt und war identitätsstiftend, vor allem auf internationaler Ebene. Es ist wichtig, dass es diesen Standort gibt, der als Clubstandort gesichert ist. Ich finde es bemerkenswert, wenn Leute ein Projekt oder einen Betrieb so lange führen.

    Kurz nachdem das Berghain 20 wird, muss das Watergate für immer schließen. Das ist sicher ein Downer in der Clubwelt, oder?

    Auf jeden Fall. Das Watergate gab es ja über 20 Jahre lang. Ein sehr wichtiger Standort, an dem viele DJs ihre Karriere begonnen haben; und der diese Ecke von Friedrichshain-Kreuzberg sehr mitgeprägt hat. Dass so ein Laden schließen muss – das war, denke ich, für alle ein Schock. Aber leider ist das bezeichnend für die Zeit, in der wir leben. Sehr lange haben Clubs und Partys in Berlin geboomt. Viele Tourist:innen sind extra deswegen hierhergekommen. Dass das nun wegbröckelt, ist traurig und hat mit unterschiedlichen Faktoren zu tun.

    Mit welchen denn?

    Gestiegene Mieten, Inflation, Personal- und Betriebskosten. Dadurch verringern sich die Einkünfte dramatisch, sogar wenn die Umsätze stabil bleiben. Und das Watergate ist ja einer der großen bekannten Clubs, bei denen es eigentlich gut lief. Das ist schon bemerkenswert, dass sie jetzt schließen müssen.

    Wie ist die Stimmung momentan in der Berliner Clubwelt bei den Betreibern?

    Bei manchen größeren läuft’s gut; manche sind extrem am Struggeln. Das hat auch viel damit zu tun, wo sich ein Club befindet, was für ein Mietverhältnis besteht: Ist das eine private oder eine landeseigene Fläche? Generell war das Jahr natürlich sehr schwierig für viele. Das liegt auch an Nach-Corona-Wehen; daran, wie sich die Schließungen ausgewirkt haben auf die Clubs. Aber auch an der wirtschaftlichen Lage, vor allem an gestiegenen Betriebskosten.


    „Für mich gehört Kultur in den Bereich Soziales“, sagt Emiko Gejic. Johannes Kizler

    Eine Erhebung der Clubcommission hat gerade ergeben, dass die Hälfte der Berliner Clubs mit dem Gedanken spielt, zeitnah aufzugeben.

    Knapp die Hälfte der befragten Berliner Clubs überlegt, im Laufe des nächsten Jahres zu schließen – wenn sie nicht anderweitig Unterstützung bekommen. Für viele wäre es wichtig, dass sich Rahmenbedingungen ändern.

    Woran denken Sie dabei konkret?

    Wir haben geförderte Unterstützung im Bereich Schallschutz. Das ist ein superwichtiges Projekt, das den Clubs hilft, ihren Schallschutz zu verbessern – sodass es weniger Probleme mit den Nachbarn gibt und Clubkultur stadtverträglich existieren kann. Dann haben wir den Tag der Clubkultur. Aber es gäbe auch noch andere Möglichkeiten, die Bedingungen zu verbessern. Indem zum Beispiel das Gewerbemietrecht für Club- und Kulturstandorte in bestimmten Punkten reguliert würde. Oder indem die Clubs langfristige Mietverträge bekämen. Es könnte auch steuerliche Erleichterungen geben, wenn Clubs final als Kulturstätten anerkannt würden. Baurechtlich gelten Clubs immer noch als Vergnügungsstätten.
    Emiko Gejic von der Clubcommission: „Berlin sägt sich sein Standbein ab“

    Gerade wird viel über den Kulturetat des Berliner Senats für 2025 diskutiert. Besonders die Theater- und die Kunstszene sind schockiert ob der drastischen Kürzungen. Trifft diese Sparpolitik auch die Berliner Clubs?

    Wir von der Clubcommission lehnen diese Haushaltskürzung vehement ab. Es ist ein fataler Fehler, die Kultur so krass zu beschneiden. Damit sägt sich Berlin sein eigenes Standbein ab. Die Clubs trifft diese Sparpolitik aber nicht direkt, weil sie bislang keine Förderung bekommen haben. Abgesehen von der Förderung, die wir für einzelne Projekte bekommen und weiterhin bräuchten.

    Die Clubcommission will mehr Förderung für die Clubs. Aber allerorten muss gerade gespart werden. Wie würden Sie zum Beispiel einer Krankenpflegerin, die am Ende des Monats ihr Geld zusammenkratzen muss, erklären, dass ausgerechnet die Clubs mehr Geld brauchen?

    Erst mal will ich gar nicht in so ein Konkurrenzdenken verfallen und schon gar nicht Betroffene gegeneinander ausspielen. Auch wir stehen total dahinter, dass Gesundheit, Bildung und Soziales stark gefördert werden müssen und absolut essenziell sind. Für mich gehört Kultur aber auch in die Bereiche Soziales und Bildung – weil Kulturstandorte, wo sich Menschen treffen und austauschen, gesellschaftlichen Zusammenhalt festigen. Ich denke, wir müssen von dem Stigma wegkommen, dass Clubs Orte sind, an denen „nur“ gefeiert wird. Es sind Orte, an denen Kunst und Musik stattfinden. Es sind auch wichtige Orte für junge und marginalisierte Menschen, die dort ihren Freiraum haben. Es gehen ja auch sicher Krankenschwestern in Clubs. Man trennt die Gesellschaft doch auch nicht in Museumsgänger, Clubgänger und Kinogänger. Es ist uns wichtig, die Vielfalt zu erhalten.

    Und was, wenn die Stadt den Clubs nicht hilft?

    Dann hätte das Auswirkungen auf die Kreativszene, unser Zusammenleben, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die freie Kunstszene und auch auf die Attraktivität Berlins. Viele junge Leute kommen aktuell auch wegen der Clubszene hierher und wählen Berlin als ihre neue Heimat. Berlin profitiert massiv davon, als Kulturstandort so beliebt zu sein, auch dank der Clubs. Wenn sich das ändert, wäre das sozial, kulturell und wirtschaftlich für Berlin fatal.

    Die Clubcommission betont immer wieder, wie attraktiv die Clubs Berlin machen. Allerdings klagen viele Clubs inzwischen, dass zu wenige Gäste kommen. Wie passt das zusammen?

    Durch die schon genannten Kostensteigerungen sind viele Clubs gezwungen, ihre Eintrittsgelder zu erhöhen. Natürlich reduziert sich auch, wie viel ich für Kultur ausgeben kann, wenn schon die Miete und die Lebensmittel teuer sind. Tourismus hat auch tendenziell abgenommen, was anscheinend nicht zuletzt mit dem BER zu tun hat, der aufgrund hoher Gebühren weniger angeflogen wird.
    „Die Kulturbranche hat eine Love-Hate-Relationship mit dem Tourismus“

    Wobei die Techno-Touristen in Berlin auch verschrien waren: Leute, die mit dem Billigflieger fürs Wochenende aus Paris und London kamen, um hier einen draufzumachen.

    Auf jeden Fall, das ist auch nicht nachhaltig. In der Kulturbranche hat man, denke ich, eine Love-Hate-Relationship mit dem Tourismus: Alle leben irgendwie davon, aber man will keinen Massentourismus, der für die Stadt unverträglich ist. Umso wichtiger, dass die Clubs auch für die Anwohnenden hier attraktiv bleiben. Dass sie wieder soziale Treffpunkte werden und nicht nur vom Tourismus abhängig sind.

    So schlimm das im Einzelfall ist für die Clubs, die schließen müssen: Könnte es nicht doch sein, dass das Angebot in Berlin an Clubs größer ist als die Nachfrage? Brutal gesagt: dass es zu viele Clubs gibt?

    Das würde ich nicht so sehen. Die Schließungen, die verkündet wurden, haben sehr viel Schock und sehr viel Trauer ausgelöst. Was ich auch wichtig finde, ist, eine Vielfalt an unterschiedlichen Clubs zu erhalten. Klar ist es auch normal in der Stadtentwicklung, dass bestimmte Betriebe mal schließen und dass es dann was Neues gibt; dass sich auch Bedürfnisse verändern. Das veränderte Ausgehverhalten hat aber in Berlin gerade, wie gesagt, maßgeblich mit gestiegenen Kosten zu tun, nicht mit schwindender Lust am Ausgehen.

    Es ist viel vom Clubsterben die Rede. Andererseits eröffnen auch neue Clubs, gerade außerhalb des S-Bahn-Rings, oder?

    Es gibt immer mal wieder neue Projekte, Formate und auch Übernahmen. Gerade ein bisschen außerhalb des Rings. Neue Flächenbespielungen, auch Kultur-Zwischennutzungen, potenzielle Neuflächen wie etwa geschlossene Kaufhäuser. Aber dass in großem Stil neue Clubs in Berlin entstehen, sehe ich nicht.


    Emiko Gejic fragt: „Wohin soll das gehen mit Berlin?“ Koone

    „Ich sehe einen Ausverkauf der Stadt. Das ist einfach ein Armutszeugnis.“

    An sich hat die Berliner Partyszene um die Jahrtausendwende herum auch davon gelebt, dass sie sehr in Bewegung war. Das Kommen und Gehen von Läden ist auch eine Chance für die Szene, frisch zu bleiben, oder?

    Ja, klar. Subkultur hängt eng mit Stadtwandel zusammen. Es wurden immer neue Räume gefunden und bespielt. Ich sehe aber einen Ausverkauf der Stadt. Das spitzt sich immer mehr zu. Die Mietpreise drohen so teuer zu werden, dass nichts Kreatives oder Soziales mehr entstehen kann. So lässt sich die Stadt nicht mehr mitgestalten. Wohin soll das gehen mit Berlin? Die Wohnungsnot macht Berlin übrigens auch extrem unattraktiv. Das ist einfach ein Armutszeugnis für die Stadt.

    Drogenstadt Berlin – warum Menschen nun ohne Alkohol feiern: „Berlin war schon immer Vorreiter“

    Sie haben auch als Yogalehrerin gearbeitet: Ist denn Feiern eigentlich gesund, mit Alkohol, Drogen und Schlafentzug? Sollten die Leute nicht lieber achtsam Yoga machen?

    Wer feiern gehen möchte, kann und soll das gerne tun. Und viele, die nachts ausgehen, machen auch Yoga. Natürlich ist es auch wichtig, auf die Gesundheit zu achten. Es gibt übrigens immer mehr Sober Raves; und viele, gerade jüngere Leute, die Alkoholkonsum komplett ablehnen. Nüchtern feiern ist absolut möglich. Ich bin aber ein Freund davon, dass die Menschen das selber entscheiden, wie sie mit ihrem Leben umgehen.

    Prognose für 2025: Wie geht es weiter mit den Clubs in Berlin?

    Aktuell sieht es düster aus mit der wirtschaftlichen Lage und den Haushaltskürzungen. Aber ich vertraue stark auf die Club- und Kreativszene. Und ich hoffe sehr auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität. Auch in Hinblick auf den Rechtsruck in Gesellschaft und Politik ist das absolut notwendig. Es ist eine bedeutende Zeit, um wieder zusammenzurücken und sich zu vernetzen. Aus Krisen kann auch Positives entstehen. Wir sehen eine starke Vernetzung grade in der Kulturlandschaft über #berlinistkultur, die sich stark positioniert. Ich vertraue darauf, dass die Berliner:innen aktivistisch sind – und immer für ihre Stadt, ihre Räume und füreinander kämpfen werden.

    Zur Person


    Hannes Caspar

    Emiko Gejic wurde am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, in Berlin geboren. Sie hat sich im Studium mit Soziologie und Stadtforschung beschäftigt und arbeitet als Tänzerin, Schauspielerin, Model und Performerin auf der Bühne und vor der Kamera. Ihre ethnische Herkunft beschreibt sie selbst als „deutsch-kroatisch, japanisch-bengalisch“. Gejic gibt mit ihrer Firma Berlinsidestories themenspezifische Berlin-Touren. Seit dem Sommer 2024 ist Gejic ehrenamtlich im Vorstand der Clubcommission aktiv – und seit dem 19. November ist sie deren Sprecherin .

    #Berlin #Kultur #Clubs #Gentrifikation #Teuerung #Inflation #Tourismus #Mieten

  • Barrie Kosky zum Baustopp: „Die CDU bestraft die Komische Oper auch für ihre DDR-Geschichte“
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/barrie-kosky-zum-baustopp-die-cdu-bestraft-die-komische-oper-auch-f

    Die Sanierungsarbeiten in der Komischen Oper haben bereits begonnen, doch nun droht der Baustopp.Collage mit Fotos von Jan Windszus und Imago

    Kennt ja jetzt schon keena mehr, liegt aber nicht an die Opa.

    30.11.2024 von Susanne Lenz - Inkompetenz, Ignoranz, Lügen – all das wird Politikern der CDU vorgeworfen, wenn man nach dem drohenden Baustopp für die Komische Oper fragt.

    Es geht um zehn Millionen, und das Geld ist knapp. Zehn Millionen, die über Leben und Tod eines Theaterhauses in Mitte entscheiden könnten, die Komische Oper in der Behrenstraße, die 2023 ins Schillertheater in Charlottenburg umgezogen ist. Vorübergehend, damit das Haus in Mitte saniert werden kann. Dort fiel bereits der Stuck von der Decke. Zehn Millionen aus dem Bauetat des Landes Berlin. Zehn Millionen, die der einstige Intendant der Komischen Oper Barrie Kosky als Krümel bezeichnet.

    „Es sind Krümel!“ Barrie Kosky ruft diesen Satz ins Telefon. „Diese zehn Millionen Euro für die Vorbereitung des Weiterbaus sind im Drei-Milliarden Sparmaßnahmenpaket nur Krümel!“ Doch diese zehn Millionen bedeuten den Baustopp.

    Nur vorläufig, nur zwei Jahre, wie der Kultursenator Joe Chialo (CDU) versichert, nachdem er sich vor ein paar Wochen noch, nach einer Premiere der Komischen Oper, für seine Ankündigung bejubeln ließ, es werde keinen Baustopp geben. Ein Versprechen, dem sich auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner anschloss. Ein Versprechen, das null und nichtig sein könnte, wenn das Abgeordnetenhaus den Sparetat bestätigt. Vor Weihnachten soll das noch passieren.

    Der aus Australien kommende Barrie Kosky war zehn Jahre lang Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper, er hat das Haus weltweit noch bekannter gemacht. Unter seiner Leitung wurde es mehrfach ausgezeichnet, als Opernhaus des Jahres und mit dem International Opera Award. Bis heute ist Kosky eng mit der Komischen Oper verbunden, mit zwei Inszenierungen pro Spielzeit.

    Barrie Kosky: „Ich habe noch nie so eine entsetzliche Wut gefühlt“

    Wir erwischen ihn in Amsterdam, in einer Probenpause. Die Niederländische Nationaloper hat seine „Fledermaus“ von der Bayerischen Staatsoper in München übernommen, Anfang Dezember ist Premiere. Barrie Kosky ist in Rage: „Meine Grundstimmung im Moment ist brennende Wut über die dilettantische, unverantwortliche Unprofessionalität dieser Regierung. Ich habe noch nie in meinem Leben so eine entsetzliche Wut gefühlt, und ich mag dieses Gefühl nicht.“

    Barrie Kosky: „Die CDU träumt schon lange davon, nur zwei Opernhäuser in Berlin zu haben.“ Paulus Ponizak/Berliner Zeiimago

    Denn es geht nicht einfach um zwei Jahre, in denen die Bauarbeiten in der Behrenstraße ruhen. Seit das Gerücht mit dem Baustopp im Sommer aufkam, werden Susanne Moser und Philip Bröking, die Co-Intendanz der Komischen Oper, nicht müde zu erklären, was das Problem damit ist: Es ist die Kostenexplosion, die durch die Verzögerung verursacht wird, durch steigende Baukosten, die Kosten für die Interimslösung. „Ein Baustopp von zwei Jahren führt zu einer Verzögerung der Fertigstellung um mindestens vier Jahre! 10 Millionen Euro werden gespart, es werden Mehrkosten von etwa 250 Millionen Euro verursacht. Das ist ein Skandal!“ Man könnte es auch einen Schildbürgerstreich nennen, wird sich doch das kleine Loch, das man jetzt zu stopfen meint, in ein paar Jahren vergrößert haben. Und womöglich bedeutet es den Tod der Komischen Oper auf Raten. Denn wo soll das Geld in zwei Jahren herkommen, mit dem die inzwischen viel teurer gewordene Sanierung weitergehen kann? Und auf Dauer im Schillertheater bleiben? „Dann bluten wir aus, künstlerisch, finanziell.“ Es wäre das Ende.

    Für Barrie Kosky ist die Sache glasklar: „Die CDU will die Komische Oper schließen. Das muss auf den Tisch. Sie lügen, wenn sie sagen, dass sie das Haus in der Behrenstraße erhalten wollen! Ich denke, dass der Finanzsenator Evers und auch andere in der CDU schon lange davon träumen, nur zwei Opernhäuser in Berlin zu haben. Die Deutsche Oper im Westen und die Staatsoper Unter den Linden im Osten. Und die Komische Oper wird bestraft: für ihren Erfolg, für ihre DDR-Geschichte, dafür, dass dieses kleine Haus für Diversität und Vielfalt sorgt. Dass sie jetzt sagen, die Komische Oper sei ihnen wichtig, das ist Bullshit.“

    _Zwei Jahre Baustopp würden zu viel höheren Sanierungskosten führen.C ollage mit Fotos von Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung und Jan Windszus

    Vor einer Woche hat sich Kosky mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit gewandt. Er schrieb von der jüdischen Geschichte des Gebäudes, an dem die jüdischen Operettenkomponisten und Operettenstars des 20. Jahrhunderts wirkten. Eine Geschichte, die mit den Nazis 1933 endete und die er mit seinen Inszenierungen wieder zum Leben erweckt hat. „Niemand glaubt daran, dass am Ende eines vorläufigen zwei- oder dreijährigen Baustopps die Sanierung der Komischen Oper tatsächlich noch abgeschlossen wird.“ Seitdem bekomme er Anrufe aus der ganzen Welt: „Die ganze Opernwelt ist empört. Und alle fragen: Was können wir tun?“ Momentan nicht viel, sage er ihnen.

    Die Komische Oper in Mitte ist ein Juwel der Ost-Berliner Nachkriegsmoderne

    Das Haus in der Behrenstraße, es wurde 1882 eröffnet. Ein paar Jahre später zog das Metropoltheater ein, dieses von jüdischen Künstlern geprägte Operettentheater. Nachdem die Nazis das Haus geschlossen hatten, wurde es im Krieg schwer beschädigt und war dann eines der ersten Häuser, die in Ost-Berlin wieder aufgebaut wurden. 1947, zwei Jahre vor Gründung der DDR, begann mit dem österreichischen Regisseur Walter Felsenstein die Geschichte des Gebäudes als Komische Oper.

    In den Sechzigerjahren machte der Architekt Kunz Nierade aus dem Opernhaus das, was es heute ist: ein Juwel der Ost-Berliner Nachkriegsmoderne, mit dem historischen Opernsaal im Neorokokostil als Zentrum des Hauses. 60 Jahre wurde nichts daran gemacht. Nun sollte es nach jahrelanger Planung und einem Architektenwettbewerb saniert und erweitert werden, für knapp 500 Millionen Euro. Seit Monaten ist das Haus von einem Bauzaun umgeben, die Stufen hoch zum Eingang sind aufgehackt, Wandpaneele in der Fassade fehlen. Mit der Spardebatte im Hinterkopf wirkt es schon jetzt wie eine Bauruine.

    Zurück nach Amsterdam: Barrie Kosky ist noch nicht fertig. Er kommt auf die geplanten Kürzungen im Kulturetat zu sprechen: 130 Millionen ab 1. Januar. Niemand im Kulturbereich sei der Auffassung, dass die Kultur nicht sparen muss, wenn alle anderen Bereiche sparen müssen. „Wir sind alle Bürger dieser Stadt, Teil der Gesellschaft. Wir sagen nicht, spart bei den Schulen, den Krankenhäusern, aber nicht an der Kultur. Das ist nicht unsere Haltung. Wir sind nur schockiert, dass wir so eine massive Kürzung binnen so kurzer Zeit stemmen sollen. Es gab keine Vorwarnung, keine Zeit. Diese Kurzfristigkeit ist unverantwortlich, das schockiert uns alle. Diese Kürzungen sind zu hart und in vielen Fällen für die Kultureinrichtungen existenzbedrohend.“

    Und noch etwas. „Wenn andere Bundesländer sehen, wie einfach es ist, bei der Berliner Kultur zu sparen, dann machen sie es nach. Das ist Selbstzerstörung von Identität, von der Seele des Landes. Grotesk!“

    Blick ins Foyer der Komischen Oper in der Behrenstraße: ganz vorne die „Pusteblume-Lampe“. Collage mit Foto von Jan Windszus

    Angela Merkel erwähnt die Komische Oper bei der Vorstellung ihrer Memoiren

    Die Komische Oper spielt auch am Dienstagabend im Deutschen Theater eine Rolle, als Angela Merkel ihre Memoiren vorstellt. Dass die einstige Kanzlerin ausgerechnet eine Passage vorliest, in der sie die Komische Oper erwähnt, ist womöglich Zufall, aber frappierend: „Einmal im Jahr fuhr meine Familie nach Berlin ins Theater. Hilmar Thate als Richard III. im Deutschen Theater und die Aufführung von ‚Der Fiedler auf dem Dach‘ in der Inszenierung von Walter Felsenstein in der Komischen Oper werden mir immer in Erinnerung bleiben.“ Diese Theaterbesuche bedeuteten ihr viel: „Meine Eltern hatten alles darangesetzt, für mich und meine Geschwister Schutzräume zu schaffen, so habe ich es empfunden. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein. Ich hatte eine glückliche Kindheit.“ Einer der Schutzräume war die Komische Oper.

    Dagmar Manzel weiß genau, was Angela Merkel meint: „Absolut“, sagt sie. Die Schauspielerin tritt seit 20 Jahren in der Komischen Oper auf, sie ist einer der Stars des Hauses, hat hier eine zweite Karriere als Sängerin gemacht: „Ball im Savoy“, „Anatevka“, „Perlen der Cleopatra“, „Eine Frau, die weiß, was sie will!“. Auch Dagmar Manzel ist auf hundertachtzig angesichts von Baustopp und Kulturkürzungen.

    Am Telefon setzt sie zu einem Monolog an, der an das anknüpft, was Angela Merkel gesagt hat, denn: „Das wurde überhaupt noch nicht besprochen, und darüber rege ich mich maßlos auf: Es war das Haus, der Ort für Musiktheater zu DDR-Zeiten. Das war nicht nur Felsenstein, das war auch Harry Kupfer, der einen Jochen Kowalski zum Megastar gemacht hat. Da waren fantastische Regisseure, die einzigartigen Chorsolisten, das tolle Orchester, die mich in meiner Jugend geprägt haben. Kein Haus hatte zu DDR-Zeiten so eine weltweite Ausstrahlung. Es ist der Geburtsort des Musiktheaters. Felsenstein hat eine Revolution angezettelt, indem er dafür sorgte, dass die theatrale Seite einer Opernaufführung genauso wichtig genommen wird wie die musikalische. So wie damals von Felsenstein erfunden, wird heute in ganz Europa Oper gezeigt. Mit der Komischen Oper in der Behrenstraße würde nicht nur DDR-Geschichte, sondern auch Operngeschichte vernichtet.“

    Es geht Dagmar Manzel also nicht nur um die DDR-Vergangenheit, sie spricht auch davon, was in den letzten 20 Jahren alles erreicht wurde in den Intendanzen von Andreas Homoki und Barrie Kosky. „Die Komische Oper Berlin hat wieder eine Vorbildfunktion für die halbe Opernwelt in Europa. Kein Haus hat es so wie sie geschafft, alle Bevölkerungsschichten für Musiktheater zu interessieren. Nirgendwo ist das Publikum so bunt wie hier. Nirgendwo gibt es regelmäßig Kinderoper auf der großen Bühne. Zugänglicher geht Oper nicht. Alle beneiden Berlin darum. Das soll alles nicht mehr sein? Ich fasse es nicht.“

    Dagmar Manzel: „Kein Haus hatte zu DDR-Zeiten so eine weltweite Ausstrahlung wie die Komische Oper.“ Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

    Dagmar Manzel ist sicher, dass Wegner und Chialo nicht wissen, was dieses Haus war und ist

    Wie alle, mit denen wir in diesen Tagen sprechen, empört auch Dagmar Manzel die Ignoranz der Politiker: „Die setzen einfach den Rotstift an und wissen nicht mal, um was es geht, die kennen das Haus nicht mal, weder der Kultursenator noch der Regierende Bürgermeister. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass die nicht wissen, was dieses Haus war und ist, wofür es stand und steht. Das macht mich sprachlos!“

    Manzel zitiert die Rechnung von der Kostenexplosion, die das Intendanten-Duo aufgemacht hat. „Wer soll in ein paar Jahren die Millionen aufbringen, dieses Haus nochmal auf die Beine zu bringen? Die Baukosten steigen durch das Verschieben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag um 20 Millionen Euro pro Jahr. Woher soll das viele zusätzliche Geld kommen?“, fragt sie. Auch sie glaubt an einen Tod auf Raten: „Ein Opernhaus kann man nicht auf Dauer in ein Theater pferchen, das ist Schwachsinn. Die Kolleginnen versuchen, was geht, aber das geht nur mit Ach und Krach. Und vor allem: Es gibt dieses Haus in der Behrenstraße doch. Und es ist ein magischer Raum!“

    Die Empörung lässt ihre Stimme beben: „Mir platzt die Hutschnur. Es geht ja nicht nur um die Komische, Berlin ist Kulturstadt. Was hat die Stadt denn sonst zu bieten? Die Leute kommen nicht nach Berlin, um sich ein Kabelwerk anzuschauen. Jetzt kürzt die Politik den Etat mit dem Rasenmäher und macht alles kaputt, an allen Ecken und Enden. Ob das die Obdachlosenfürsorge ist oder die Jugendclubs, Museen, Theater, Opernhäuser.“ Sie wisse, dass gespart werden muss, aber: „Warum wurde sich nicht zusammen an einen Tisch gesetzt und überlegt: Was können wir machen, Kinder? Und es gab doch einen Riesenaufruf, da waren so viele Angebote, nicht nur von der Komischen Oper. Das ist einfach abgebügelt worden. Bumms aus. Das ist hochnäsig. Für Kultur wird zwei Prozent vom Gesamthaushalt ausgegeben. Das ist gut investiert, weil Kultur auch Zusammenhalt in einer Gesellschaft fördert. Hier zu sparen, macht mehr kaputt als alles andere.“

    An der Kasse der Komischen Oper Unter den Linden ist nicht viel los an diesem Nachmittag, nur klingelt ständig das Telefon. Der junge Mann hinterm Tresen erzählt, dass ältere Menschen ihn fragen, ob sie die Komische Oper jemals wieder sehen werden. Dass sie Angst haben, dass sie das Ende der Bauarbeiten nicht erleben, nun da sie verschoben sind. Dass sie befürchten, dass das Haus nie wieder aufmache. Eine Dame tritt ein, fragt nach Karten für „Echnaton“. Sie lebt in Wilmersdorf, hat es nun näher zur Komischen Oper im Schillertheater. „Aber dasselbe Klangerlebnis ist es nicht.“ Dass in zwei Jahren das Geld da ist, die Bauarbeiten fortzuführen, glaubt auch sie nicht: „Ich hab mich jedenfalls auch schon gefragt, wo sie diesen goldenen Topf versteckt haben.“

    Blick in den spektakulären Saal der Komischen Oper in der Behrenstraße.Collage mit Foto von Jan Windszus und Benjamin Pritzkuleit

    Katharine Mehrling: Der Geist der Komischen Oper ist in der Behrenstraße spürbar

    Katharine Mehrling schreibt uns kurz vor Mitternacht zurück: „Was für ein Wahnsinn, das alles!“

    Die Komische Oper sei ihre künstlerische Heimat geworden, schreibt die Sängerin, Musicaldarstellerin, Schauspielerin, die ein absoluter Publikumsliebling ist, eine geniale Brecht-Interpretin. Barrie Kosky holte sie zuerst für seinen „Ball im Savoy“. Derzeit kann man sie in seiner Inszenierung des Musicals „Chicago“ sehen, das seine Premiere schon nach dem Umzug der Komischen Oper ins Schillertheater feierte. Die beiden Häuser sind für Katharine Mehrling nicht zu vergleichen. „Die Behrenstraße war mein Zuhause, im Schillertheater bin ich eher zu Gast. Und so geht es fast allen Kolleginnen. Die Schönheit, der Glanz, der Geist, die Energie, die Geschichte und somit die Seele des Hauses sind spürbar in der Behrenstraße.“

    Sie schwärmt von der Institution: Musical, Operetten, Opernaufführungen und Konzerte, welches Haus in Berlin habe das zu bieten. „Das weiß vor allem das Berliner Publikum zu schätzen. Der Berliner Senat weiß es leider nicht. Joe Chialo habe ich vor der ‚Chicago‘-Premiere im Oktober 2023 noch nie in der Komischen Oper gesehen.“

    Der Schaden, den der Berliner Senat gerade anrichtet, sei nicht wiedergutzumachen. „Und er wird so viel größer sein, als das, was der Senat vermeintlich zu gewinnen versucht.“

    Den Spar-Etat für die Kultur nennt sie eine Katastrophe. Das Publikum werde erst nach einer gewissen Zeit begreifen, was ihm abhandengekommen sei. „Joe Chialo ist der derzeitige Senator für Kultur“, schreibt sie. KULTUR in Großbuchstaben. „Es ist seine Pflicht als Senator, die Kultur zu verteidigen und zu schützen.“

    Katharine Mehrling: „Joe Chialo gibt nicht alles“

    Sie schlägt den großen Bogen: „Kultur ist nicht nur ein Beruf oder Unterhaltung, sie hat eine Mission. Nämlich das Publikum zu bilden, zu inspirieren, zum Denken zu animieren, Herzen zu öffnen, Empathie auszulösen, eine Gesellschaft besser zu machen und auch die Demokratie zu stärken – gerade jetzt in dieser zerrissenen Zeit, wo alles erschreckend weit nach rechts rückt.“ Sie ist enttäuscht von Joe Chialo. „Weil er nicht alles gibt und nicht für das kämpft, was Berlin ausmacht: die Kultur.“

    Katharine Mehrling: „Joe Chialo habe ich vor der ‚Chicago‘-Premiere im Oktober 2023 noch nie in der Komischen Oper gesehen.“ Christian Behring/imago

    Berlin hat drei Opernhäuser, und wann immer die Stadt seit der Wiedervereinigung sparen musste, lag die Frage auf dem Tisch, ob sie sich das leisten kann oder will, ob man drei wirklich benötigt, oder sie eben nur „nice to have“ sind, wie der Finanzsenator Stefan Evers (CDU) all das betitelt, was Berlin nicht unbedingt brauche. Niemand weiß das besser als Thomas Flierl, der Ende der 80er-Jahre Mitarbeiter im Kulturministerium der DDR war, kurz nach der Wende das Kulturamt Prenzlauer Berg leitete und dann Berliner Kultursenator wurde, für seine Partei Die Linke.

    Das Amt hatte er von 2002 bis 2006 inne, als Berlin in einer schlimmen Haushaltsnotlage war, enorme Schulden hatte, und der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit von der SPD sparte, „bis es quietscht“. Kostbares Landeseigentum wurde damals zu Geld gemacht, kommunale Wohnungen wurden verkauft, ein Fehler, wie man heute weiß. Wie hat er es geschafft, in einer solchen Lage drei Opernhäuser zu verteidigen?6

    Thomas Flierl ist in seinem Haus am Bodden in Mecklenburg-Vorpommern, als wir ihn anrufen. Hierher komme er, um den Kopf freizukriegen. „Aber Sie holen mich ja gerade wieder in die Hauptstadt zurück.“ Er erzählt, dass es ähnlich wie heute um zehn Prozent Einsparungen ging, der gesamte Kulturetat habe sich damals auf rund 300 Millionen Euro belaufen, ein Drittel des heutigen. Damals war es die Existenz der Deutschen Oper, die auf dem Spiel stand. „Die Deutsche Oper war im Grunde schon aufgegeben von der damaligen Koalition“, sagt Thomas Flierl. „Man war der Meinung, die Vereinigung Berlins finde in Mitte statt. Meine Position war: Wir können jetzt nicht den Westen abwickeln, wir brauchen eine Lösung, mit der alle drei Häuser erhalten werden.“ Diese Lösung hat er gefunden.

    Der einstige Kultursenator Thomas Flierl: Wo ist die Intelligenz?

    Flierl rettete alle drei Häuser mit seiner Opernstiftung: Die Staatsoper Unter den Linden, die Deutsche Oper und die Komische Oper blieben als wirtschaftlich selbstständige GmbH-Betriebe erhalten und bekamen durch fünfjährige Zuschussverträge Planungssicherheit. Als Gegenleistung opferten sie 220 Stellen. Damals half auch der Bund, der den Kulturetat mit 16,4 Millionen Euro entlastete.

    Auch Flierl kritisiert Joe Chialos Spar-Etat. „Natürlich waren damals wie heute die drei Opernhäuser und die Bühnen mit den großen Mitarbeiterstäben die Hauptkostenpunkte. Das liegt in der Natur der Sache. Und meine Antwort darauf war, Intelligenz anzuwenden, die Strukturen kritisch zu prüfen. Das sehe ich jetzt nicht.“

    Er ist bis heute der Meinung, dass es richtig war, alle drei Opernhäuser zu erhalten. „Obwohl es damals sogar Nachfrageprobleme gab, was heute ganz und gar nicht der Fall ist.“ Die Komische Oper verzeichnet eine Auslastung von 93 Prozent. Nur den späteren Ausbau der Staatsoper von einer Rokoko-Oper zu einer Wagner-tauglichen Oper, wie man sie mit der Deutschen Oper schon hatte, sieht er kritisch. „Das war eine Riesenfehlentscheidung, die 440 Millionen Euro gekostet hat.“

    Flierl sieht mit Staunen, dass sich der Kulturhaushalt in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdreifacht hat. „Doch nachhaltige Strukturen hat man nicht gebaut.“ Das geht gegen Chialos Vorgänger Klaus Lederer von der Linken, der bis 2023 im Amt war. „Wenn man jetzt mit dem Rasenmäher kommt, geht viel mehr kaputt, als die zehn Prozent ahnen lassen. Das ist das eigentliche Problem. Man hat in gewisser Weise nicht krisenfest erweitert. Jetzt einfach kalt die Komische Oper abzuwickeln, bringt gar nichts“, sagt Flierl. „Was ist da der strukturelle Gedanke? Keiner!“

    Flierl denkt laut nach: „Wenn Chialo gesagt hätte, man könnte so etwas wie die Opernstiftung ja auch für die Theater machen, naja, man hätte sich ja mal unterhalten können.“ Doch der Kultursenator habe die Zeit mit Beruhigungsreden vertrödelt, anstatt mit diesem und jenem zu reden, wie man es denn anstellen könne. „Sparen erfordert Aufgabenkritik, sachgerechte Analyse und Konzept. Das alles fehlt. Jetzt hat er den Schlamassel.“ Flierl plädiert für ein Moratorium. Man müsse Zeit gewinnen. „Ich bin nicht der Meinung, dass man ein Budget nicht kürzen kann, aber das muss man natürlich durchdenken.“ Kurzum: Kürzungen sind möglich, aber man muss es intelligent machen und nicht mit der Rasenmähermethode.

    Thomas Flierl hat eine besondere Beziehung zur Komischen Oper

    Wie viele Ost-Berliner hat auch Thomas Flierl eine besondere Beziehung zur Komischen Oper. Aus der Ostgeschichte ist unter seiner Ägide dann eine Ost-West-Geschichte geworden – durch die Verbindung der Häuser in der Opernstiftung. Tags darauf schreibt er uns dazu in einer Mail: „Bei der Ost-West-Geschichte der Komischen Oper müssen Sie unbedingt Walter Felsenstein und Götz Friedrich erwähnen! Letzterer ging in den Westen und prägte und erneuerte die Deutsche Oper im Sinne von Felsenstein. Die Stadt war schon vor Maueröffnung Ost-West geprägt! Das darf man nicht zerschlagen.“

    Thomas Flierls Appell geht zum Schluss unseres Telefonats an das Abgeordnetenhaus: „Zu meinen, man könne sich den teuren Ausbau der Komischen Oper sparen und danach noch eine Komische Oper haben – das wird wohl nicht sein. Das ist so dramatisch gekoppelt, dass die Abgeordneten das hoffentlich vor Weihnachten noch einsehen. Meine Empfehlung: Die für den Interimsbetrieb notwendigen Mittel gewähren und für das Bauprojekt die Mittel zusagen – meinetwegen nach einer kritischen Bedarfsanalyse.“

    Donnerstagabend in der Komischen Oper im Schillertheater: Gegeben wird Stephen Sondheims Musical „Sweeney Todd“, Regie Barrie Kosky, auf der Bühne steht Dagmar Manzel als Pie-Bäckerin Nellie Lovett, die aus den Opfern des Serienmörders Sweeney die besten Fleischpasteten der Stadt macht.

    Im Foyer kann man fragen, wen man will, vom Baustopp wissen alle. „Warum hat Berlin nur Schulden, warum hat man nie Geld zurückgelegt“, fragt ein Mann, der mit seiner Frau vor dem Schillertheater steht. Er gehe seit seinem Umzug aus Thüringen 1964 in die Komische Oper, schwärmt von den Felsenstein-Inszenierungen. Dass der Baustopp das Ende bedeuten könnte, „das glauben wir auch“.

    . Die Komische Oper in Mitte ist von einem Bauzaun umgeben.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

    Besucher der Komischen Oper: „Wollen wir nur noch arm sein?“

    Ein Besucher mit Schiebermütze ist im Foyer mit dem Chef des Abenddienstes im Gespräch. Er fragt nach den Inszenierungen in der kommenden Spielzeit und outet sich dann als jemand, der mehrmals im Monat in die Komische Oper kommt. Er redet sich schnell in Rage: „Womit funkelt Berlin, wenn nicht mit der Kultur? Wollen wir nur noch arm sein, auch arm im Geiste?“ Er kommt extra nochmal zurück: Die CDU habe es immer gut gemeint mit der Kultur, ihr Agieren jetzt sei ein Zeichen für die Verwahrlosung dieser Generation von Politikern. „Und das ist parteiübergreifend.“ Und zuletzt: „Ich würde Chialo und Wegner gerne mal treffen und ihnen meine Worte in die Fresse hauen.“ Ein Besucher neben der Garderobe sagt: „So haben wir uns die Zeitenwende nicht vorgestellt.“

    Schaut man sich im Foyer um, scheint einem nichts abwegiger, als die Existenz dieses Hauses aufs Spiel zu setzen. Das Publikum ist gemischt, Junge, Alte, man hört Englisch, Schulklassen sind darunter, die Vorstellung ist auch an diesem Wochentag so gut wie ausverkauft, während der Vorstellung äußert sich die Begeisterung in Szenenapplaus. Das Messer, das der Barbier Sweeney Todd seinen Kunden an die Kehle setzt, hat in diesen Zeiten große Symbolkraft.

    Grafik: Berliner Zeitung. Quelle: Sparliste des Berliner Senats

    Bildstrecke

    Die Komische Oper, in der Behrenstraße 2023, kurz vor Beginn der Sanierung.Schoening/imago

    Das Intendanten-Team der Komischen Oper Susanne Moser und Philip BrökingBenjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

    Die Komische Oper, Eingang Behrenstraße: Ein Bauzaun umgibt das Gebäude.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

    Das Schiller-Theater in Charlottenburg ist die Ausweichbühne für die Komische Oper. Fabian Sommer/dpa

    Blick in das Treppenhaus an einem Musiktheaterabend mit Katharine Mehrling. Jan Windszus/Komische Oper

    2022 Regula Lüscher, Senatsbaudirektorin, spricht zum Ergebnis des Realisierungswettbewerbs „Umbau und Erweiterung Komische Oper Berlin“ Britta Pedersen/dpa

    Barrie Kosky, 2017. Damals war er der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper. Paul Zinken/dpa

    Blick in den Zuschauerraum der Komischen Oper in Berlin im Jahr 2009. Tim Brakemeier/dpa

    Die Komische Oper Berlin im Jahr 2006. Soeren Stache/dpa

    Komische Oper Berlin: Szene aus der Inszenierung „Sommernachtstraum“, 1961 Arkiv/imago

    Berlin-Mitte, Blick auf die Friedrichstraße und das erste Gebäude der Komischen Oper, 1935 imago

    Eine Szene aus „Zieh Dich Aus“ an der Komischen Oper, Berlin, 1928 Gemini Collection/imago

    Theater Unter den Linden i.e. Metropol Theater, Komische Oper, Berlin in den 20er jahren piemags/imago

    #Berlin #Mitte #Behrenstraße #Unter_den_Linden #Glinkastraße #Kultur #Musik #Theater #Oper #Politik #CDU #Austerität #Geschichte

  • Johanna und Eduard Arnhold Platz: Piazetta am Kulturforum in Berlin-Mitte trägt nun neuen Namen
    https://www.berliner-zeitung.de/news/johanna-und-eduard-arnhold-platz-piazetta-am-kulturforum-in-berlin-

    Allet neu macht der November. Nur das Foto zur Illustration passt nicht undcwird deshalb weggelassen. Es zeigt die Neue Nationalgalerie, die nicht am jetzt neu benannten Kulturforumsplatz sondern an Reichpietschufer, Potsdamer umd Sigismundstraße liegt.

    Etwas absurd ist die Angelegenheit schon. Lautete die Adresse der Museen bislang Matthäikirchplatz und verlieh ihnen damit Rsng und Namen im historischen und stadtgeographischen Kontext, sind sie nun durch elitäre Sektierer Berlin entrückt und in eine Kunstblase verrückt worden.

    Vielleicht besser so. Welcher Stino geht schon ins Museum. Adressen sind heute sowieso egal, die kennt ausser Nawis und Briefschreibern niemand mehr.

    5.11.2024 von Jule Damaske - Das jüdische Ehepaar Arnhold führte vor über einem Jahrhundert die wertvollste Kunstsammlung Deutschlands. Nun wurde ein Platz nach ihnen benannt.

    Die Piazzetta am Kulturforum in Berlin-Tiergarten ist am Dienstag nach Johanna und Eduard Arnhold umbenannt worden. Das jüdische Ehepaar Arnhold unterstützte während der Kaiserzeit und der Weimarer Republik Kunst, Kultur und Wissenschaft. „Mit der Benennung des Platzes werden künftig die Museen am Kulturforum – #Gemäldegalerie, #Kunstbibliothek, #Kupferstichkabinett und #Kunstgewerbemuseum – diese Adresse für ihren Besuchereingang führen“, teilte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) mit.

    Die Umbenennung erfolgte auf Wunsch einer bürgerschaftlichen Initiative, die sich zum Ziel gemacht hat, an das zivilgesellschaftliche Engagement von Jüdinnen und Juden in Deutschland und Berlin zu erinnern. „Die Arnholds waren bedeutende Kunstmäzene und Stifter der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo“, heißt es in der Mitteilung. So galt die Kunstsammlung der Arnholds zu Beginn des 20. Jahrhunderts als die „wertvollste Privatsammlung moderner Kunst in Deutschland“. Der Unternehmer Eduard Arnhold war zudem an der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, und des Kaiser-Friedrich-Museumsvereins beteiligt.

    „Arnhold-Stipendium“ soll Arbeiten im Tiergartenviertel ehren

    Nachdem der Verein zur Erinnerung an Johanna und Eduard Arnhold e.V. auf die SPK zugekommen war, stellte die Stiftung als Eigentümerin der Fläche die nötigen Anträge beim Bezirksamt #Mitte. Die Kosten trug der Verein selbst. Für die nächsten zwei Jahre stiftet der Verein außerdem im Zusammenwirken mit den Staatlichen Museen zu Berlin ein „Arnhold-Stipendium“ für eine von den Staatlichen Museen kuratierte kunstwissenschaftliche Arbeit im thematischen Umfeld von Kunst und Kultur im Tiergartenviertel.

    „Die Geschichte Deutschlands und Berlins als Standort für Kunst und Kultur ist ohne Mäzene wie das Ehepaar Arnhold nicht vorstellbar“, sagte Claudia Roth (Grüne), Staatsministerin für Kultur und Medien. Sie waren prägend für das öffentliche Leben in Berlin – und durch die Stiftung der Villa Massimo in Rom auch weit darüber hinaus. Wenn wir heute diese Piazzetta nach dem Ehepaar Arnhold benennen, dann benennen wir sie stellvertretend nach all den jüdischen Mäzenen, deren Lebensleistung und Wirken durch die Nationalsozialisten ausgelöscht wurden.“

    #Berlin #Tiergarten #Reichpietschufer #Potsdamer_Straße #Sigismundstraße #Matthäikirchplatz #Kulturforum #Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz #Straßenumbenennumg

  • Vier Heiratsanträge hintereinander: Wie mich ein Abend im Berliner Biergarten verstörte
    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/vier-heiratsantraege-hintereinander-wie-mich-ein-abend-im-berliner-

    21.10.2024 von Manuel Almeida Vergara - Ein erzwungener Heiratsantrag bei „Promi Big Brother“ sorgt für Entrüstung. Unseren Autor erinnert die Aktion an einen verhängnisvollen Abend im Tiergarten.

    Das Plüschherz mit der Aufschrift „Marry Me“ war fast noch das am wenigsten peinliche Detail dieser quälenden TV-Minuten: Am Sonntagabend kam es auf Sat.1 zu einem Heiratsantrag, wie er sonst wohl nur zur Anbahnung von Zwangsehen vonstattenginge. Denn die Idee dazu kam gar nicht von Mike Heiter selbst – sondern von den Produzenten der Show „Promi Big Brother“. Aber immer schön der Reihe nach ...

    Zum ersten Mal in der Geschichte des Formats war vor rund zwei Wochen ein Paar gemeinsam in den Container gezogen: die beiden Realitystars Mike Heiter und Leyla Lahour, die sich – na klar – zuvor im Dschungelcamp auf RTL kennengelernt hatten. Am Sonntag wurde Heiter dann auf Geheiß des großen Bruders in einen Nebenraum geführt, in dem Blumendeko, Sektflöten und besagtes Plüschherz auf ihn warteten.

    „Was geht denn hier ab? Hä?“ war Heiters bestechend ehrliche Reaktion. „Du kannst Leyla jetzt und sofort um ihre Hand bitten“, formulierte die Big-Brother-Stimme ihren Vorschlag – der natürlich nicht wirklich ein Vorschlag, sondern eine Vorschrift war. Denn zwischen welchen Optionen hatte man den armen Mann denn wählen lassen? Einen öffentlichen Heiratsantrag machen, auch wenn er das gar nicht unbedingt wollte – oder das Angebot eines öffentlichen Heiratsantrags vor einem Millionenpublikum und vor der eigenen Freundin ausschlagen?

    Eine Wahl zwischen Pest und Cholera – und eine „Big Brother“-Aktion, die von Zuschauerinnen und Zuschauern online scharf als „übergriffig“ und „nötigend“ kritisiert wird. Mich persönlich hat die ganze Chose geradewegs zurückgeführt zu einem verhängnisvollen Sommerabend in Berlin: Vor ein oder zwei Jahren war es, da saß ich mit Freundinnen und Freunden im Café am Neuen See, dem vielleicht schönsten Biergarten der ganzen Stadt.
    Auch im Körnerpark kommt es oft zu öffentlichen Anträgen

    Plötzlich brandete in einer Ecke der großen Bierbanklandschaft Applaus auf: Ein Mann war auf die Knie gegangen, vor ihm eine Frau mit feuchten Augen – ein Heiratsantrag! Fassungslos ob der für uns unsagbar peinlichen Szenen debattierte unsere Runde gerade über öffentliche Heiratsanträge, die ja – ähnlich wie die Geschichte bei „Promi Big Brother“ – nur bedingt mit freier Wahl ... und schon wieder! Dieses Mal gab es Applaus in einer anderen Ecke des Cafés am Neuen See; wieder war irgendjemand auf die Knie gegangen und jemand anderes hatte ein Ja gestammelt.

    Das Ganze wiederholte sich an diesem einen Sommerabend noch zweimal; insgesamt waren wir ungewollt Zeuginnen und Zeugen von vier Heiratsanträgen geworden – alle am selben Abend und im selben Biergarten. Offenbar ist das tatsächlich sehr schöne Café am Neuen See im Tiergarten ein beliebter Ort für derlei öffentliche Liebesfragen. Und offenbar gibt es noch mehr Plätze in der Stadt, die dafür berühmt-berüchtigt sind: Eine Kollegin erzählte mir soeben jedenfalls, im Neuköllner Körnerpark komme es alle paar Tage zu ähnlichen Szenen; mit in Herzform ausgelegten Rosenblättern und all dem unerträglichen Quatsch.

    Öffentliche Heiratsanträge an sich sind schon peinlich genug – noch peinlicher ist doch nur, sie an einem Ort und auf eine Weise auszusprechen, die sich am besten als „redundant“ beschreiben ließe. Wie kann es nur sein, fragten wir uns damals im Café am Neuen See, dass der zweite, der dritte und der vierte Mann sich nicht zu blöd waren, den dusseligen Zinnober, den gerade schon ein anderer Biergartengast vorgemacht hatte, einfach noch einmal durchzuziehen? Und wie konnte es sein, dass sich keine der zugehörigen Frauen dazu durchringen konnte, eine so sichtlich unkreativ ausgestaltete Lebensfrage einfach zu verneinen?

    Eine Antwort auf letztere Frage ist natürlich schnell gefunden: Es ist ein Zwang, der jedem öffentlichen Heiratsantrag innewohnt und die Gefragte zu einer bejahenden Antwort drängt. Denn wäre es nicht noch unangenehmer, ehrlich Nein zu sagen? Wäre es nicht noch peinlicher, wenn die Aktion eben nicht in Applaus, sondern in Gelächter endete? Ist es besser, dem Mann und dem Publikum zu geben, was sie wollen – und die Antwort im Zweifelsfall später zu revidieren? In der Intimsphäre der eigenen Wohnung zum Beispiel, wo solche privaten Fragen übrigens hingehören.
    Bei „Promi Big Brother“ wurde die Übergriffigkeit gleich mal verdoppelt

    „Übergriffig“ und „nötigend“ – diese beiden Begriffe passen nicht nur zu der „Big Brother“-Aktion, sondern tatsächlich zu jedem öffentlichen Heiratsantrag. Der Fragende nötigt die Befragte zu einer öffentlichen Reaktion, die um des lieben Friedens willen meistens positiv ausfällt, auch wenn das womöglich gar nicht der Gefühlslage entspricht. Und im Fall von „Promi Big Brother“ wurde diese Übergriffigkeit eben noch verdoppelt.

    Denn nachdem schon Mike Heiter letztlich dazu genötigt wurde, einen Heiratsantrag im Live-Fernsehen auszusprechen – zuvor hatte er sich sieben Minuten Bedenkzeit genommen, was seine Unsicherheit über die ganze Situation und über die Frage, ob er seine Freundin denn überhaupt heiraten will, verdeutlichte –, wurde ja auch Leyla Lahouar dazu gedrängt, auf diese höchst private Frage in aller Öffentlichkeit zu reagieren.

    „Schatz, ich liebe dich und ich bin mir sicher mit dir. Willst du meine Frau werden?“, hatte der Bräutigam wider Willen herausgestoßen – „ja“, jubelte die Braut, und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob dieser Jubel echt oder erzwungen war. Kann so eine glückliche Ehe anfangen?

    Manchmal frage ich mich, was eigentlich aus den vier Paaren vom Café am Neuen See geworden ist. Sind alle Frauen bei ihrem Ja geblieben, oder hat die eine oder die andere nach dem Sommerabend doch noch von Herzen Nein gesagt? Ist es zu allen vier Hochzeiten wirklich gekommen? Und: Saß im Biergarten womöglich noch ein fünfter Mann mit großen Plänen, dem die Sache nach vier Anträgen dann doch einfach zu albern war?

    Café am Neuen See, Lichtensteinallee 2
    https://www.openstreetmap.org/way/46603834#map=18/52.510367/13.344451

    #Bwrlin #Tiergarten #Lichtensteinallee #Gastronomie #Kultur

  • Mann der Kultur
    https://taz.de/!866677

    21. 4. 2015 NACHRUF Qpferdach, tazler der ersten Stunde, ist tot

    Er war ein tazler der ersten Stunde. Einer, der wie die meisten den Job als Taxifahrer, am Zapfhahn einer Kneipe oder im Hörsaal einer Uni mit dem taz-Kollektiv tauschte, ohne genau zu wissen, wie das geht: Redaktion, Zeitung, Journalismus.

    Einer, der das „learning by doing“ ebenso praktizierte wie das Wollen und den Willen, eine andere, bessere Tageszeitung zu machen – und dem das Omen der Medienbranche, dass dieses Projekt eines Haufens von Spontis und ChaotInnen ohnehin zum Scheitern verurteilt sei, herzlich egal war.

    Aus dem Ruhrgebiet nach Berlin gekommen, kannte ihn hier unter seinem Namen Hans-Joachim Wacker niemand, er war „Qpferdach“ – seine rote Mähne lieferte den Namen und passte bestens zum linken, radikalen Programm der frühen taz.

    „Qpfer“, wie wir ihn im Hause nannten, war eine Marke, er baute den Kulturteil der Berliner Lokalausgabe auf und war in der Berliner Szene bald bekannt wie ein bunter Hund. In den 1990ern ging er zum Berliner Stadtmagazin Tip, wo er als Chef vom Dienst und stellvertretender Chefredakteur zu einer Institution wurde – bis zu seinem Abschied vor einigen Jahren, der aber nicht in einen klassischen Ruhestand mündete. Vielmehr in noch mehr Zeit, seiner großen Leidenschaft – dem Radfahren – zu frönen, nicht nur in Berlin und Umgebung, sondern auch im Ausland.

    Vergangene Woche kam Qpferdach auf Mallorca ums Leben – durch einen Hirnschlag nach einem Sturz vom Rad. Ein schneller und „schöner“ Tod für einen passionierten Radler? Vielleicht, aber mit 66 Jahren war Qpfer doch eigentlich noch zu jung, um sich aus der Welt zu verabschieden. Was nicht nur seine Frau, Kinder und Enkel so empfinden, sondern auch seine alten Mitstreiter aus der taz. Möge er in Frieden ruhen. MATHIAS BRÖCKERS

    #Berlin #Zeitung #Kultur #Journalismus #Geschichte

  • Palästina-Demonstranten stören Rede von Claudia Roth im HKW Berlin
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/palaestina-demonstranten-stoeren-rede-von-claudia-roth-im-hkw-berli

    Woke, woker, Bundeskultur - Platten „sichern“ und Straßen umbenennen anstelle von Kampf gegen Siedler- und Neokolonialismus heute, darum geht es bei „Claudia hat nen Schäferhund“ Roth. Kein Wunder, dass da wer protestiert.

    25.4.2024 von Susanne Lenz - Wie soll Berlin an seine Kolonialgeschichte erinnern? Am Donnerstag wurde das Erinnerungskonzept vorgestellt. Es ging nicht ohne Störung.

    Eine Feierstunde sollte es sein, mit Musik, Film, Poesie. Eine Veranstaltung, die die „Herzen öffnet“, wie es die Moderatorin sagt, performative Einbettung für die Vorstellung des Erinnerungskonzepts zu Geschichte und Folgen des Kolonialismus für Berlin. Der Gastgeber Bonaventure Ndikung, Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, in dem die Veranstaltung stattfindet, kann noch ungestört reden. Aber kaum steht die Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf der Bühne, geht es los: Sieben oder acht Personen mit Palästinensertüchern stürmen auf die Bühne, entrollen eine Palästinafahne und rufen „Viva, viva Palästina“ und „Genozid“.

    Koloniale Erinnerung: Bei der Vorstellung des Erinnerungskonzepts für Berlin kaperten Pro-Palästina-Protestierende zeitweise die Veranstaltung. pic.twitter.com/mXnDyAPsWT — Susanne Lenz (@LenzSusanne) April 25, 2024

    Es dauert, es gibt Applaus aus dem Publikum, auch Buhrufe. Dann gelingt es, die Protestierenden aus dem Auditorium zu führen. „Das gehört zur Demokratie“, sagt Claudia Roth, „aber zur Demokratie gehört auch Respekt.“ Dann beginnt sie mit der vorbereiteten Rede, aber sie kommt nicht weit. Die nächsten stehen auf: „40.000 Tote in Gaza, Genozid.“ Leute aus dem Publikum mischen sich ein, darum gehe es heute nicht, es gehe um afrikanische Menschen. „Die Menschen in Gaza sind auch Menschen.“

    Dann ist erstmal Ruhe, aber die Stimmung ist hin. Keine offenen Herzen, sondern Anspannung. Claudia Roth spricht von Verdrängung und Vergessen, was die deutsche Kolonialgeschichte angeht. Aber kann man das wirklich noch so sagen? In Berlin gab und gibt es doch zahlreiche Initiativen, Ausstellungen, Stolpersteine, Straßenumbenennungen. Sicher sind das Anfänge, aber die Erinnerung an die Kolonialgeschichte als „völlig weißen Fleck“ zu bezeichnen, wie Claudia Roth es tut, scheint übertrieben.

    Eine junge Frau tritt ans Rednerpult, sie wirkt, als sei sie die nächste Rednerin, stellt sich als Koreanerin vor. Sie wolle über den Kolonialismus von heute sprechen. „Siedlerkolonialismus.“ Ein aufmerksamer Tontechniker dreht den Ton ab. Sie spricht von den israelischen Siedlern im Westjordanland. Die Koreanerin wird weggeführt.
    Joe Chialo will die Wilhelmstraße 92 sichern, den Ort der „Kongokonferenz“

    Ibou Diop tritt auf. Er leitet das vom Senat geförderte Modellprojekt Dekoloniale Erinnerungskultur in Berlin, das maßgeblich für die Entwicklung des Konzepts verantwortlich ist. Ibou Diop kann kaum sprechen, er muss mehrmals Wasser trinken. „Das ist eine Veranstaltung von mir“, sagt er. Er bittet um diesen Raum. Auftritt des Berliner Kultursenators Joe Chialo. Er geht mit keinem Wort auf den Protest ein. Aber er prescht vor mit etwas Konkretem: Er wolle das Haus in der Wilhelmstraße 92 sichern.

    Das ist der Ort, an dem sich 1884/85 die Gesandten der europäischen Mächte, der USA und des Osmanischen Reichs über die Regeln für die koloniale Aufteilung und Ausbeutung des afrikanischen Kontinents verständigten. Er halte diesen Ort auch für den zentralen Lern- und Erinnerungsort zur Kolonialherrschaft geeignet, den der Bund will. Jetzt werden propalästinensische Protestplakate hochgehalten, auf denen von Schweigen und Heuchelei die Rede ist.

    Ibou Diop: „Deutschland ist nicht weiß, war nie weiß und wird auch nie weiß sein“

    Noa Ha: „Ich bleibe optimistisch, man sollte das Humboldt-Forum abtragen“

    Im Folgenden wird klar: Das Erinnerungskonzept für Berlin formuliert viel Bekanntes: Straßenumbenennungen (was allerdings Sache der Bezirke ist), Markierung der authentischen Orte durch vielfältige Erinnerungszeichen, dezentrale Erinnerungsorte, Gedenkveranstaltungen, Bildung. Einiges bleibt abstrakt: Was etwa ist mit der Dekolonisierung von Machtstrukturen an bestimmten Orten gemeint? Das Konzept ist im erst Werden, das hat ein Projekt, an dem zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteure beteiligt sind, vielleicht einfach an sich.

    #Berlin #Mitte #Wilhelmstraße #Geschichte #Kongokonferenz #Kultur #Politik

  • Explodierende Betriebskosten – warum viele Berliner Museen immer öfter geschlossen bleiben
    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/explodierende-betriebskosten-warum-viele-berliner-museen-immer-oeft

    Geld ist reichlich da bei den SMPK für ganz viel Selbstbeschäftigung und Tourismusoptimierung. Nur an der Zugänglichkeit wird ein bischen gespart. Was solls, das merkt doch keiner, ohne Besuchergewerkschaft.

    15.4.2024 von Harry Nutt - Von dieser Woche an bleiben einige Häuser der Stiftung Preußischer Kulturbesitz montags und dienstags geschlossen. Warum das ein dramatisches Warnsignal ist.

    Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat viel vor in diesem Jahr. In einer beinahe gehetzt wirkenden Veranstaltung präsentierten Hermann Parzinger und Co vergangene Woche stolz ihre Pläne. In der Abfolge von Ausstellungen, Konzerten und Einzelevents schien die geplante Eröffnung des Zentraldepots der Staatlichen Museen in Friedrichshagen fast unterzugehen.

    In Köpenick gelangt ein 100-Millionen-Projekt zum baulichen Abschluss, mit dem die Depots und Werkstätten, die sich bislang an verschiedenen Standorten befanden, auf einer Nutzungsfläche von 13.000 Quadratmetern zusammengeführt werden sollen. 2014 waren dort das Speichermagazin für die Staatsbibliothek, das Ibero-Amerikanische Institut und die bpk-Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte in Betrieb genommen worden. Unmittelbar daneben ist zwischenzeitlich das Zentraldepot entstanden, ein imposanter Funktionsbau des Architekturbüros AV1 aus Kaiserslautern.

    Zahlreiche Häuser bleiben einen weiteren Tag geschlossen

    Die Stimmung ist allerdings gedämpft. Unmittelbar nach der Eröffnung, so hieß es hinter vorgehaltener Hand, müsse man womöglich wieder schließen. An allen Standorten explodieren die Betriebskosten. Vor diesem Hintergrund darf man die nun angekündigte Kürzung der Öffnungszeiten in vielen Museen auch als Warnschuss betrachten. Von diesem Dienstag an bleiben zahlreiche Häuser für einen weiteren Tag pro Woche geschlossen, die täglichen Öffnungszeiten werden verkürzt.

    Betroffen sind auf der Museumsinsel das Alte Museum und das Bode-Museum. Neue Regelungen gelten für Kunstbibliothek, Kupferstichkabinett und Kunstgewerbemuseum am Kulturforum sowie die Friedrichswerdersche Kirche, das Museum Europäischer Kulturen in Dahlem, die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Charlottenburg und das Schloss Köpenick. Diese Häuser bleiben nach Angaben der SPK montags und dienstags geschlossen und reduzieren zudem teilweise ihre Öffnungszeiten zu den auch bisher weniger frequentierten Tageszeiten. Zugleich wolle man flexibler auf Besucherströme reagieren, sagte Hermann Parzinger gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Bei der in dieser Woche in der Alten Nationalgalerie eröffnenden Caspar-David-Friedrich-Ausstellung ist mit einer Ausdehnung der Zeiten bis in die Abendstunden zu rechnen.

    Zum SPK-Verbund gehören einige der bedeutendsten Museen der Welt. Nun jedoch könnte es immer häufiger heißen: vorübergehend geschlossen. Bei der von allen Beteiligten als Meilenstein beschworenen Reform der Preußenstiftung bleibt derweil die Finanzausstattung des Kulturtankers SPK weiterhin ausgespart.

    #Berlin #Museum #Kultur #Inflation

  • Protest-Performance im Knast-Look: Taxifahrer demonstrieren in Berlin-Friedrichshain gegen die Uber-Konkurrenz
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/protest-performance-im-knast-look-taxifahrer-demonstrieren-in-berlin-fr


    Taxifahrer wurden am Freitagabend zu Schauspielern: Sie protestierten gegen die Umbenennung des Mercedes-Platzes und der beiden Veranstaltungsorte in Berlin-Friedrichshain.

    22.3.2024 von Alexander Conrad

    Die wohl skurrilste Demonstration der vergangenen Woche bot am Freitagabend das Berliner Taxigewerbe anlässlich der an diesem Tag vollzogenen Umbenennung der Friedrichshainer Mercedes-Benz-Arena in Uber-Arena. In Kostümen führten dabei Taxifahrer eine kurze Theaterperformance auf, die Message war klar: „Uber raus!“

    So tönte es immer wieder per Lautsprecher aus dem ersten Wagen einer Reihe von etwa 20 Taxis, die in der Mühlenstraße aufgefahren waren. Ursprünglich waren 50 Fahrzeuge auf dem Mercedes-Platz angekündigt worden, der an diesem Tag ebenfalls in Uber-Platz umbenannt wurde. Auch heißt die Verti-Music-Hall jetzt Uber-Eats-Music-Hall. Die Umbenennungen hatte eine Woche zuvor der Eigentümer der Arena, die Anschutz Entertainment Group, zusammen mit Uber angekündigt.

    Trotz Regenschauern war der Platz vor der Arena gut gefüllt. Johlende Jugendliche, die in der Schlange auf ein Konzert eines Rappers warteten, und Fans der Berliner Eisbären, die am Abend in der Arena spielten, bekamen jedoch wenig von dem Trubel mit, der sich einige Meter weiter an der Straße abspielte.

    Klaus Meier, der federführende Mann hinter der Performance, setzte seine Ziele für den Abend hoch: „Ich will die Welt vor der Uber-nisierung retten.“ Nachdem einige Powerpoint-Slides, die mit dramatischen Übergangseffekten über eine im Wind wehende Leinwand geflimmert waren, garniert mit Sprüchen wie „Wer muss sich da nicht Uber-geben“ oder durchgestrichenen Logos von Weltkonzernen, kam es zum Höhepunkt der Veranstaltung.

    Als Sträflinge verkleidete Taxifahrer zogen an einem Tau ein mit Uber-Eats-Tüten zugekleistertes Fahrzeug über den Bürgersteig, aus der Menge kam eine ältere Frau zu rockiger Musik in einem kurzen schwarzen Lederoutfit mit Batmansymbol, schmiss einen Hammer auf den Boden und machte sich daran, das Fahrzeug von dem grünen Verpackungsmaterial zu befreien. Gestalten in Regenbogenanzügen oder mit Fellkostümen samt Mäuseohren kamen ihr zu Hilfe.

    Die bunten Klamotten sollten wohl für Vielfalt stehen, die Schriftzüge „Taxi Lobby“,„IHK“ oder „LABO“, die improvisiert mit Tape auf den Rücken geklebt wurden, für die Verbände, die das Taxigewerbe unterstützen – so deutete es ein beteiligter Mitarbeiter des Unternehmens Taxi Berlin.

    Als der letzte Uber-Schriftzug entfernt worden war, kam darunter ein Taxi zum Vorschein. Auf dem Fahrersitz hatte wohl seit Stunden ein Mann in Handschellen ausharren müssen, der nun unter Beifall von der als Heldin agierenden Frau befreit wurde und mit dem Taxi davonfuhr. „Taxi ist Kultur“ zierte die Seite des in die Freiheit fahrenden Vehikels.

    Das sah auch der SPD-Abgeordnete Tino Schopf so, der vor Ort seine Solidarität mit dem Berliner Taxigewerbe ausdrücken wollte. „Wenn’s nach mir ginge, hätte ich den Platz nach Marlene Dietrich benannt“, sagte er. „Das ist ein Platz mit zwei großen kulturellen Veranstaltungsorten, der nun nach einem Konzern benannt wurde.“ Dessen Geschäftsmodell beruhe auf Sozialdumping, das sei eine Schande. „Wir müssen die Berliner Kultur beschützen.“ Ob das gebotene Taxi-Theaterstück auch unter seinen Kulturbegriff fällt, blieb offen.

    #Berlin #Friedrichshain #Mühlenstraße #Uber #Taxi #Theater #Kultur

  • Adé, Mercedes-Benz: Berlin hat jetzt eine Uber Arena
    https://www.morgenpost.de/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/article241950290/Ade-Mercedes-Benz-Berlin-hat-jetzt-eine-Uber-Arena.html
    https://img.sparknews.funkemedien.de/241950288/241950288_1711123464_v16_9_1200.webp
    Der neue Schriftzug ist angebracht: Seit Freitag gibt es in Berlin die Uber Arena.

    22.3.2024 von Patrick Goldstein, Jessica Hanack - Berlin. Die Mercedes-Benz Arena in Berlin ist Geschichte. Am Freitag wurden neue Schilder montiert. Taxifahrer protestieren gegen neuen Namen.

    Nach rund achteinhalb Jahren ist die Zeit der Mercedes-Benz Arena in Berlin zu Ende gegangen. Seit Freitag heißt die größte Veranstaltungshalle der Hauptstadt offiziell Uber Arena. Das Heimspiel der Eisbären Berlin gegen die Adler Mannheim war das erste Event, das in der Halle mit neuem Namen stattfand. Dass der amerikanische Fahrtenvermittler die Namensrechte erworben hat, hatte Uber-Deutschland-Chef Christoph Weigler im Januar in der Berliner Morgenpost bekanntgegeben. Umbenannt wurden in dem Zusammenhang auch die bisherige Verti Music Hall in Uber Eats Music Hall sowie der Mercedes-Benz Platz in Uber Platz. Uber Eats ist der Essenslieferdienst des Unternehmens.

    Die Umbauarbeiten hatten bereits in den vergangenen Tagen begonnen, der neue Uber-Schriftzug wurde am Freitag an der Veranstaltungshalle montiert. Knapp 34 Meter breit, fünf Meter hoch und 5,7 Tonnen schwer ist dieser dem Unternehmen zufolge. Auch der gesamte Internetauftritt der Arena samt Adresse der Website ist bereits an den neuen Namensgeber angepasst. Am Freitagnachmittag war die Stimmung auf dem Platz geprägt von Baulärm. Zwei Kräne und ein Mann in einer Hubarbeitsbühne waren für die Installationsarbeiten am neuen Schriftzug im Einsatz. Neben dem Eingangsbereich war indes ein Handwerker lautstärk und Funken sprühend mit der Flexsäge am Werk. Es galt, einen passenden Rahmen für einen Geldautomaten zu schneiden – der noch vor der Veranstaltung am Abend fertig werden sollte.

    https://img.sparknews.funkemedien.de/241950286/241950286_1711123464_v16_9_1200.webp
    Die Buchstaben für den neuen Namen „Uber Arena“ wurden am Freitag zur Veranstaltungshalle gebracht und montiert. © Uber

    Passantin in Berlin: „Mercedes-Benz Arena gefiel mir besser“

    Die 30-jährige Lisa eilte am Freitag mit einer englischsprachigen Begleiterin vorbei, auf dem Weg zurück zum Arbeitsplatz in einer der Zalando-Niederlassungen in der Nähe des Uber Platz. Kurz blieb sie stehen, um ein Bild vom neuen Schriftzug zu machen. Was sie mit der Halle verbindet? „Hier habe ich die Backstreet Boys, Shirin David und Kendrik Lamar gesehen“, so die Frau aus Tiergarten. Sie hängt dem alten Namen des Veranstaltungsorts nach. „Dieser Uber-Schriftzug ist irgendwie hässlich“, findet sie. „Mercedes-Benz Arena gefiel mir besser.“

    Die bisherige Verti Music Hall trägt bislang noch keinen neuen Schriftzug. Dafür ist aber die alte Bezeichnung noch auf einem Betonpfahl installiert. Drei Dutzend Fans standen am Freitagnachmittag vor dem Eingang, um die ersten zu sein, die ins abendliche Konzert des kasachischen Rappers Scriptonit kommen. An den Türen hinter stand da bereits der neue Name des Veranstaltungsorts: Uber Eats Music Hall.

    Uber kündigte auch ein neues Mobilitätskonzept für die Arena an

    Uber-Deutschland-Chef Christoph Weigler hatte zur Motivation, weshalb die Namensrechte erworben wurden, gesagt, dass man in der Hauptstadt weiter wachsen und bekannter werden wolle. Gleichzeitig soll auch ein neues Mobilitätskonzept entwickelt werden, um den Verkehr rund um die Arena besser zu lenken. Am Freitag sagte Weigler: „Wir sind überzeugt, dass wir mit unseren Services das Eventerlebnis in der Hauptstadt über viele Jahre bereichern werden.“

    Dass die Arena einen neuen Namen bekommt, hat seit dem Bekanntwerden der „langfristigen Partnerschaft“ zwischen Uber und der Anschutz Entertainment Group (AEG) als Eigentümerin der Veranstaltungshalle für Kritik gesorgt. Aus dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gab es schnell ablehnende Äußerungen. Der verkehrspolitische Sprecher der Berliner SPD-Fraktion, Tino Schopf, hat diese anlässlich der erfolgten Umbenennung erneuert.

    Er verweist auf „Lohndumping, Sozial- und Steuerbetrug im Mietwagengewerbe“ und dass sich das Geschäft für Mietwagenunternehmen auf der Vermittlungsplattform kaum wirtschaftlich betreiben lasse. Fahrerinnen und Fahrer seien so, trotz Vollzeit-Arbeit, auf staatliche Leistungen angewiesen. „Dass sich nun sowohl die Arena als auch die Music Hall, also zwei große Event-Aushängeschilder der Stadt, ausgerechnet mit dem Namen eines solchen Unternehmens schmücken, sollte sowohl beim Eigentümer der Locations als auch bei den Berlinerinnen und Berlinern kein Grund zur Freude sein“, so Schopf.

    Taxifahrer protestieren in Häftlingskleidung gegen „Uberisierung Berlins“

    Am Freitagabend haben auch Berliner Taxifahrer gegen die Umbenennung der Halle protestiert. Für Taxifahrer ist die Umbenennung der Mercedes-Benz-Arena in Uber-Arena ein Affront gegen ihre Branche. Kriminelle Machenschaften und Lohndumping sind die Hauptvorwürfe, die sie dem Fahrtenvermittler Uber machen. Ihren Frust demonstrierten sie am Freitagabend mit einer Art Theater-Performance. In Häftlingskleidung und mit Eisenkugel am Fußgelenk zogen Protestierende ein Taxi-Auto über den Gehweg an der Mühlenstraße vor der Konzerthalle. Das Fahrzeug war über und über mit Müllsäcken bedeckt und wurde erst von den Demonstranten mit theatralischen Gesten davon befreit. „Taxi ist Kultur“ war auf den Autotüren zu lesen.
    Berliner Taxifahrer protestierten in Häftlingskleidung vor der Uber-Arena.

    https://img.sparknews.funkemedien.de/241951872/241951872_1711135223_v16_9_1200.webp
    Berliner Taxifahrer protestierten in Häftlingskleidung vor der Uber-Arena. © Julia Lehmann

    „Wir finden es unzulässig, dass sich ein Konzern mit organisierter Kriminalität derart im öffentlichen Raum verankern darf“, sagte Taxifahrer und Sprecher für die Aktion Klaus Meier. „Und dabei wollen wir uns aber gleichzeitig blendend amüsieren.“ Unterstützt wurde er von etwa 40 Teilnehmern aus der Taxi-Branche. Die Demonstration war angemeldet und wurde von der Polizei begleitet.
    Klaus Meier erläuterte vor Ort, dass die günstigen Preise, die Uber für seine Fahrten anbiete, nur auf illegalem Wege möglich seien. „Die Fahrer verdienen schwarz dazu und Uber schafft dafür die Voraussetzungen“, so Meier. So sei es auch möglich, dass viele weiterhin Sozialleistungen bekämen.

    Unterstützung kam vom Taxi- und Mietwagenverband Deutschland (TMV). „Die Uberisierung Berlins muss gestoppt werden. Es ist höchste Zeit, dass der Senat dem regellosen Treiben von Uber und Co. in der Hauptstadt Einhalt gebietet und ein Mindestbeförderungsentgelt beschließt“, erklärte Thomas Kroker, Präsident des TMV in einer Mitteilung.

    Verkehrssenatorin Manja Schreiner (CDU) kündigte vor einigen Wochen an, dass solche Mindestpreise für den Mietwagen-Verkehr geprüft werden. Gemeint sind damit also Fahrten, die etwa über Uber vermittelt werden. Das Festlegen von Mindestpreisen wurde durch eine Novelle des Personenbeförderungsgesetzes möglich, Berlin hat – wie die meisten Kommunen in Deutschland – bislang aber keinen Gebrauch davon gemacht.

    #Berlin #Friedrichshain #Mühlenstraße #Uber #Taxi #Theater #Kultur

  • Taxifahrer demonstrieren gegen Berlinale-Sponsor Uber
    https://www.morgenpost.de/berlin/article241696598/Taxifahrer-demonstrieren-gegen-Berlinale-Sponsor-Uber.html
    https://img.sparknews.funkemedien.de/241697278/241697278_1708197371_v16_9_1200.webp
    Bild:

    17.2.2024 von Andreas Gandzior - Berlin. Uber stellt den Fahrdienst der Berlinale. Berliner Taxifahrer protestieren gegen den US-Fahrdienstleister mit dem „TaxiFilmFest“.

    Es ist eine Mischung aus Kulturerlebnis und Protest: das „TaxiFilmFest“, das zeitgleich zur Berlinale an der Potsdamer Straße in Mitte stattfindet. In einem Großraumtaxi zeigt Filmliebhaber und Taxifahrer Klaus Meier täglich Taxifilme. Fest steht der Termin für den Kultfilm „Taxidriver“ von Martin Scorsese am 20. Februar.

    Doch neben der Unterhaltung geht es Meier auch um den übermächtigen Konkurrenten Uber. Das US-amerikanische Dienstleistungsunternehmen bietet Online-Vermittlungsdienste zur Personenbeförderung an. „Wir wollen zeigen, wir sind da und wollen mit den Menschen ins Gespräch kommen“, sagt Meier. „Taxis sind ein wichtiger Teil des kulturellen Stadtlebens.“

    Auch in diesem Jahr ist Uber zum zweiten Mal Hauptsponsor der Berlinale. „Das Taxi als Teil des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) und der Stadtkultur ist bedroht. Die Leitung der Berlinale positioniert sich im Jahr 2024 bereits zum zweiten Mal gegen das Taxi und bietet dem größten Feind von guter Arbeit, von Taxi- und Filmkultur eine Werbefläche als Hauptsponsor“, heißt es in der Ankündigung der Berliner Versammlungsbehörde.

    Dagegen wehrt sich Meier gemeinsam mit den Unterstützern von Taxi Deutschland, Taxi-Innung, Ver.di und dem Arbeitslosenzentrum Evangelischer Kirchenkreise. Man wolle auf dem „TaxiFilmFest“ mit Filmschaffenden und dem Publikum der Berlinale ins Gespräch kommen. Die Kundgebungen, sprich das Filmfest, finden bis zum Sonntag, 25. Februar, täglich von 17 bis 22 Uhr statt.

    Berlinale: Berliner Taxifahrer laden Regisseur Martin Scorsese auf einen Kaffee ein

    Dann rollt Meier täglich den roten Teppich vor seinem Großraumtaxi aus. Aus rechtlichen Gründen darf er die Taxifilme aber nicht öffentlich zeigen. Lediglich Freunde können Platz nehmen und die Film sehen. Sein Event am Boulevard der Stars sieht der Taxi-Soziallotse als „Form des künstlerischen Protests“.

    Nach mehr als 30 Jahren im Taxigewerbe fährt er jetzt nur noch nebenberuflich, hauptberuflich kümmert sich der Taxi-Soziallotse um die Sorgen und Nöte der Angestellten und selbstständigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Berliner Taxi- und Mietwagenbetriebe. Sein größter Wunsch wäre ein Besuch von Regisseur Martin Scorsese in seinem Taxi. „Wir feiern natürlich den Film „Taxidriver“ von Martin Scorsese“, sagt Meier der Berliner Morgenpost. „Da Scorsese auf der Berlinale mit dem Goldenen Ehrenbär ausgezeichnet wird, würden wir uns sehr freuen, wenn er auf einen kurzen Besuch und einen Kaffee bei uns am Boulevard der Stars vorbeikommen würde.“

    #Taxi #Kultur #Film #Kino #Berlin #Mitte #Potsdamer_Straße #Eichhornstraße #TaxiFilmFest #Berlinale #Boulevard_der_Stars #Journalismus #Presse #TaxiFilmFest #Medienecho

  • Berlin: Taxifahrer veranstalten Anti-Berlinale – Protest gegen Uber mit eigenem Filmfestival
    https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/berlin-taxifahrer-veranstalten-anti-berlinale-protest-gegen-uber-mi


    Klaus Meier ist ehemaliger Taxifahrer und Veranstalter des Protest-Festivals bei der Berlinale. Foto Gerd Engelsmann

    16.2.2024 von José-Luis Amsler - Erneut wird die Berlinale vom US-Mietwagenkonzern Uber gesponsert. Berliner Taxifahrer protestieren dagegen – mit einem eigenen Filmfestival.

    Während Filmstars im Blitzlichtgewitter über den roten Teppich schreiten, geht für Klaus Meier ein Stück Berlin verloren. Unweit des Berlinale-Palasts steht der 63-Jährige mit seinem Großraumtaxi. An diesem Donnerstag beginnt mit der Eröffnungsgala am Potsdamer Platz die 74. Berlinale. Hauptsponsor ist, wie schon im letzten Jahr, das US-Mietwagenunternehmen Uber. Für Meier ist das ein Skandal.
    ...

    #pawall

    #Taxi #Kultur #Film #Kino #Berlin #Mitte #Potsdamer_Straße #Eichhornstraße #TaxiFilmFest #Berlinale #Boulevard_der_Stars #Journalismus #Presse #TaxiFilmFest #Medienecho

    • :-) @monolecte

      Taxifahrer veranstalten Anti-Berlinale: Protest gegen Uber mit eigenem Filmfestival

      Erneut wird die Berlinale vom US-Mietwagenkonzern Uber gesponsert. Berliner Taxifahrer protestieren dagegen – mit einem eigenen Filmfestival.

      Während Filmstars im Blitzlichtgewitter über den roten Teppich schreiten, geht für Klaus Meier ein Stück Berlin verloren. Unweit des Berlinale-Palasts steht der 63-Jährige mit seinem Großraumtaxi. An diesem Donnerstag beginnt mit der Eröffnungsgala am Potsdamer Platz die 74. Berlinale. Hauptsponsor ist, wie schon im letzten Jahr, das US-Mietwagenunternehmen Uber. Für Meier ist das ein Skandal.

      „Uber steht für die Zerstörung einer Branche, für Ausbeutung, Lohndumping und das systematische Brechen von Gesetzen“, sagt er der Berliner Zeitung am Telefon. Um auf den drohenden Niedergang des Taxigewerbes aufmerksam zu machen, will Meier während des gesamten Festivals in Sichtweite des roten Teppichs protestieren – mit einem eigenen Filmfestival.
      Taxi-Protest bei der Berlinale: „Uber zerstört Existenzen“

      Meier hatte schon im vergangenen Jahr eine kleine Demonstration gegen das Uber-Sponsoring organisiert. Mit der Partnerschaft habe sich das Festival auf die Seite eines „Zerstörers von Existenzen“ gestellt. „Das darf sich nicht wiederholen“, sagte Meier damals der Berliner Zeitung. Die Demo habe die Festivalleitung ignoriert. Anfang Dezember habe er dann erfahren, dass Uber erneut als Hauptsponsor bei der Berlinale eingeladen wird.

      Statt nun erneut mit Schildern und Parolen für das Anliegen der Taxifahrer zu streiten, setzt der 63-Jährige in diesem Jahr selbst auf die Kunst der bewegten Bilder. Das „TaxiFilmFest“ soll ein eigenständiges Festival auf vier Rädern sein, eine Gegen-Berlinale im Großraumtaxi.

      Die Idee für das Filmfest hatte Meier bei der Mitarbeit an einem Nachbarschaftsprojekt. Mit Filmen habe der gebürtige Berliner bereits seit seiner Kindheit zu tun. „Mein Vater hat während des Zweiten Weltkrieges beim Trickfilm in Babelsberg gearbeitet“, erzählt Meier am Telefon. „Ich bin quasi im Filmstudio großgeworden“. Auch mit Veranstaltungen kennt sich der ehemalige Taxifahrer aus. Mitte der Neunzigerjahre arbeitete Meier als Freischaffender für Film- und Fernsehproduktionen, organisierte das Berliner „VideoFest“ und später die „Transmediale“ mit.
      Draußen Demo, drinnen Filmfest

      Mit seinem mobilen Festival will Meier nicht nur auf die prekären Arbeitsbedingungen der Berliner Taxifahrer aufmerksam machen. Ebenso gehe es darum, ein positives Bild des Gewerbes zu vermitteln. Den Menschen „auch mal was anderes zu zeigen, als den griesgrämigen Taxifahrer, der immerzu wütend ist, weil er kein Geld mehr verdient.“ Formal handelt es sich bei dem Festival trotzdem um eine Demonstration, die auch bei der Berliner Versammlungsbehörde angemeldet ist.

      „Wir sind zwei in einem, Protest und Filmfest“, erklärt Meier. „Das Taxi hat eine harte Schale und einen weichen Kern – so wie wir Berliner halt. Draußen ist die Kundgebung mit Forderungen an die Politik. Drinnen findet das Festival unter Freunden statt.“ Auf dem Programm stehen dabei ausschließlich Filme, in denen Taxis eine wichtige Rolle spielen: „Hallo Taxi“, „Das fünfte Element“ und – natürlich – Martin Scorseses New-Hollywood-Klassiker „Taxi Driver“.

      Damit soll auch die kulturelle Bedeutung des Taxis für die Stadt hervorgehoben werden. „Das Taxi war immer schon Seismograf für die gesellschaftliche Entwicklung in Berlin“, sagt Meier. „Das ging schon in der Nachkriegszeit los. Dann gab es die Studentenbewegung und das studentische Taxi, später dann das migrantische Taxi.“ Letztlich leiste die Branche weit mehr, als nur das Fahren von Gästen von A nach B. „Taxifahrer kennen ihre Stadt, wissen in welchen Lebenssitutationen die Menschen stecken und haben immer ein offenes Ohr“, sagt Meier. All das werde durch Unternehmen wie Uber bedroht.
      Kritik gegen Uber: „Organisierte Schwarzarbeit“

      Die Liste der Vorwürfe gegen den US-Konzern ist lang. Anfang der 2010er-Jahre wurde die Mietwagen-App noch als vielversprechendes Start-Up gefeiert, dass den Personenverkehr revolutionieren sollte. Schnell häuften sich Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen und eine aggressive Unternehmenskultur, sogar von Gewalt gegenüber Mitarbeitern war die Rede. 2022 veröffentliche die britischen Zeitung The Guardian eine Auswertung von 124.000 internen Dokumenten, laut der Uber im Zuge seiner weltweiten Expansion gezielt Gesetze gebrochen, Behörden getäuscht und Regierungen beeinflusst haben soll.

      In Deutschland gelten für den Mietwagenkonzern zwar strengere Regeln, doch auch hier steht Uber in der Kritik. In einer Recherche des RBB wird das Geschäftsmodell des Unternehmens als „organisierte Schwarzarbeit“ beschrieben. Uber selbst tritt dabei nur als Vermittler auf. Aufträge, die über die App ankommen, werden an kleinere Mietwagenfirmen weitergeleitet, die wiederum die Fahrer beschäftigen. Werden dort gesetzliche Standards missachtet, fällt das nicht auf Uber zurück.

      Kristian Ronneburg, verkehrspolitischer Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, begleitet die Situation seit längerem kritisch. „Das Taxigewerbe ist durch die Öffnung des Marktes und Deregulierung seit Jahren durch unlautere Konkurrenz mit Mietwagenvermittlern wie Uber enorm unter Druck geraten“, sagte Ronneburg der Berliner Zeitung. Auch in Deutschland sei immer wieder deutlich geworden, „wie Uber offen und verdeckt Rechtsbrüche begeht“.
      „Die Menschen werden von Uber bewusst in eine Falle gelockt“

      TaxiFilmFest-Veranstalter Klaus Meier erzählt, dass es sich bei den Fahrern oft um Bürgergeldempfänger oder Geflüchtete handele, die für einen Stundenlohn von vier oder fünf Euro angestellt werden. Was für angehende Fahrer zunächst wie ein unkomplizierter Weg aussehe, unter der Hand etwas dazuzuverdienen, führe schnell in eine Sackgasse: Lange Schichten, fehlender Arbeitsschutz, keine Weiterbildungsmöglichkeiten. „Diese Menschen werden von Uber bewusst in eine Falle gelockt“, sagt Meier.

      Gerade in Berlin sollen Partnerfirmen von Uber konsequent den gesetzlichen Mindestlohn missachten. Die Fahrpreise für Kunden variieren, werden je nach Tageszeit und Nachfrage in der App bestimmt – sind aber fast immer billiger, als dieselbe Fahrt mit dem Taxi gekostet hätte. Meier ist sich sicher: „Rein rechnerisch ist es nicht möglich, dass Uber zu diesen Fahrpreisen den Mindestlohn zahlt.“

      Das bestätigt auch Kristian Ronneburg von den Linken. „Es sind bereits viele Fälle dokumentiert, bei denen Fahrerinnen und Fahrer Umsatzprovisionen bekommen, die umgerechnet auf geleistete Arbeitsstunden, unterhalb des Mindestlohns liegen“, so der Verkehrsexperte. „Dumping-Löhne führen dann wiederum zu einem Dumping-Wettbewerb und der hat ganz reale strukturelle Folgen für das Gewerbe – er macht es kaputt.“
      Uber reagiert auf Kritik: Gesetzliches Handeln hat „oberste Priorität“

      Ein Sprecher des Uber-Konzerns erklärt auf Anfrage der Berliner Zeitung, gesetzeskonformes Handeln habe für das Unternehmen „oberste Priorität“. Auch die Partnerunternehmen seien vertraglich dazu verpflichtet, sich an alle rechtlichen Vorgaben zu halten. „Sofern sie sich nicht an die Regeln halten und wir davon Kenntnis erlangen, ziehen wir entsprechende Konsequenzen, bis hin zu einer Sperrung auf unserer Plattform“, versichert der Sprecher.

      Nach Ansicht des Unternehmens hätten die Probleme der Taxibranche nicht nur mit dem gestiegenen Wettbewerb zu tun. Auch in Städten, in denen Uber gar nicht vertreten sei, leide das Taxi-Gewerbe.

      Zugleich bemühe man sich um ein partnerschaftliches Verhältnis mit der Branche. Tatsächlich arbeiten einige Taxi-Unternehmen angesichts schwindender Umsätze inzwischen mit Uber zusammen, lassen sich Aufträge über die App vermitteln. Allein in Berlin betreffe dies mehr als 1000 Fahrzeuge, erklärt der Uber-Sprecher. Durch eine Partnerschaft könnten sich Taxifahrer „zusätzliche Erlösquellen erschließen und von der hohen Nachfrage der internationalen Uber-Community profitieren“.

      Klaus Meier kritisiert diese Zusammenarbeit. Dass sich Taxifahrer aus Angst vor dem Existenzverlust mit Uber zusammentun – sich dem Unternehmen unterordnen – sei zwar nachvollziehbar, beschleunige aber nur die Übernahme des Marktes durch den Konzern. „Die begreifen nicht, dass es eine Solidarität innerhalb des Gewerbes braucht, wenn man überleben will“, so Meier.
      Mehr Wettbewerb, weniger Regeln

      Bis 2019 war der 63-Jährige noch selbst auf den Straßen Berlins unterwegs. Seit einigen Jahren kümmert sich Meier als „Taxi-Soziallotse“ um die Sorgen und Nöte seiner Kollegen. Er berät Taxifahrer in prekären Arbeitsverhältnissen, hilft bei Behördengängen, vermittelt Rechtsbeistände. „Ich helfe den Fahrern, Orientierung in schwierigen Lebenslagen zu finden“, beschreibt Meier seinen Beruf.

      Immer öfter gehe es dabei um die Folgen der Verdrängung durch Uber – die von der Bundespolitik maßgeblich vorangetrieben wurde. Tatsächlich ist der Konzern erst seit einigen Jahren in Deutschland aktiv, lange verhinderten gesetzliche Bestimmungen den Markteintritt. 2021 lockerte dann der damalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) das Personenbeförderungsgesetz. „Mehr Wettbewerb, weniger Regeln“, war die Devise. Erst dadurch konnten sich Uber und Co. mit ihrem Geschäftsmodell in Deutschland etablieren, sagt Meier. „Für die Taxifahrer war das eine Katastrophe“.

      Was für die Berliner Taxibranche zum existentiellen Problem wird, trifft bei den Verbrauchern bislang auf überwiegend positive Resonanz. Seit Jahren wächst die Zahl der Uber-Kunden, 2022 hatten weltweit über 130 Millionen Menschen die App installiert. Das dürfte vor allem daran liegen, dass die Fahrten mit dem Mietwagenservice deutlich günstiger sind, als die Konkurrenz – laut Angaben des Unternehmens zwischen 30 und 40 Prozent pro Fahrt. Gerade jüngere Menschen und Menschen mit geringem Einkommen wählen immer öfter die App, auch als Alternative zum ÖPNV.
      Mindestpreise für Uber-Fahrten? „Das Problem ist ein anderes“

      Aufgrund der immensen Preisunterschiede wurde 2021 die Möglichkeit einer Mindestbepreisung gesetzlich verankert. Demnach wäre es auch in Berlin möglich, eine Untergrenze für Uber- und Taxifahrten festzulegen. Dass der Senat von dieser Regelung Gebrauch machen könnte, gilt jedoch als unwahrscheinlich. „Leider gibt es bei den Genehmigungsbehörden bisher noch Unsicherheiten bezüglich der rechtssicheren Durchführung“, erklärt Linken-Politiker Kristian Ronneburg. Der Vorschlag werde vom Senat geprüft.

      Klaus Meier steht einer Mindestbepreisung kritisch gegenüber. Letztlich seien es nicht die Gesetze, die für die Verarmung des Gewerbes sorgten, sondern deren mangelhafte Durchsetzung. „Wo die Behörden darauf achten, dass Gesetze eingehalten werden, kriegt Uber keinen Fuß auf den Boden“, sagt Meier. „In Hamburg gibt es praktisch keine Uber-Fahrzeuge. Wer die Bedingungen nicht erfüllt, bekommt keine Zulassung.“ In Berlin sei das anders. Hier interessierten sich die Behörden schlichtweg nicht für die Arbeitsbedingungen der Fahrer, vermutet Meier. „In dem Moment wo der Mindestlohn in Berlin konsequent durchgesetzt werden würde, könnte Uber sein Lohndumping nicht mehr aufrechterhalten.“

      Infolge der gestiegenen Konkurrenz müssten derweil auch viele Taxifahrer unter Mindestlohn arbeiten, um mithalten zu können. „Als ich 1985 angefangen habe, konnten Taxifahrer noch gut von ihrem Beruf leben“, sagt Meier. „Heute ist das ein Armutsjob.“ Die Betriebe, die faire Löhne zahlen, würden wiederum ihre Aufträge verlieren. Meier: „Alle Taxibetriebe, die ehrlich arbeiten, stehen gerade kurz vor der Insolvenz.“
      Linken-Politiker: Kooperation mit Uber „politisch höchst fragwürdig“

      Dass die Berlinale als kulturelles Aushängeschild der Hauptstadt mit Uber zusammenarbeitet, trifft auch bei Politikern auf Kritik. Die Linke-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus fordert in einer Beschlussempfehlung von Ende Januar die Landesregierung auf, der Kooperation einen Riegel vorzuschieben.

      Kristian Ronneburg hat den Antrag mit ausgearbeitet. Dass die Berlinale als öffentlich bezuschusstes Festival ausgerechnet dem „größten und finanzstärksten Gegenspieler der Taxen“ den Vorzug gibt, sei „politisch höchst fragwürdig“, sagt Ronneburg. Laut dem Antrag seiner Fraktion soll bei der nächsten Berlinale im Jahr 2025 der Transport der Gäste „ausschließlich mit dem Berliner Taxigewerbe“ erfolgen. Dadurch entgangene Sponsorengelder sollen entweder durch andere Partner kompensiert, oder aus dem Berliner Haushalt bezahlt werden.

      Der Sprecher des Uber-Konzerns erklärt auf Nachfrage, man könne die Forderungen der Linke-Fraktion nicht nachvollziehen. „Mit unserem Engagement bei der Berlinale unterstützen wir die Kultur- und Filmszene in der Hauptstadt“, so der Sprecher.
      Berlinale sieht mögliche Partnerschaft mit Taxifahrern skeptisch

      Auch die Festivalleitung reagiert auf Nachfrage eher zurückhaltend auf den Vorschlag der Linken. „Die Berlinale arbeitet seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Partnern beim Fahrdienst zusammen“, erklärt eine Berlinale-Sprecherin der Berliner Zeitung. Diese Partner würden nicht nicht nur die Kosten und Organisation des Fahrdienstes übernehmen, sondern auch die Fahrzeuge selbst stellen.

      Dass die Berliner Taxifahrer diese Aufgabe stemmen könnten, sei bislang nicht ersichtlich. „Eine Partnerschaft mit Taxiunternehmen würde Fahrzeuge, Lohnkosten der Fahrer, sowie alle Betriebsmittel (inkl. Sponsoring) beinhalten“, so die Sprecherin. „Ein entsprechendes tragfähiges Angebot aus dem Umfeld der Taxi-Unternehmen liegt uns nicht vor.“ Dennoch arbeite man im Hintergrund an einer Lösung, sei seit längerem mit Taxivertretern im Austausch.

      Die scharfe Kritik an den Geschäftspraktiken ihres Hauptsponsors weist die Berlinale zurück. „Wir wählen unsere Partner im Vorfeld sorgfältig aus und unterziehen sie einer Prüfung mit umfangreichen Recherchen“, so die Sprecherin. Laut geltender Rechtslage dürfe Uber in Berlin legal operieren, danach richte man sich. Zudem habe Uber der Festivalleitung „glaubwürdig versichert, dass die Geschäftspraktiken ihrer Anfangsjahre nicht mehr existieren und sie sich klar davon distanziert haben.“ Informationen verschiedener Medien, sowie der Berliner Linken, zeichnen ein anderes Bild.
      „Mit Martin Scorsese würden wir gerne mal einen Kaffee trinken“

      Wenn Klaus Meier ab Donnerstag an jedem Berlinale-Abend mit seinem Großraumtaxi in Berlin-Mitte steht, will er von all dem erstmal nichts mehr hören. Ihm gehe bei seinem „TaxiFilmFest“ darum, die Freude an dem Beruf nach außen zu tragen, trotz des ernsten Hintergrundes. Auch gegen die Berlinale hege man grundsätzlich keinen Groll. „Niemand von uns hat etwas gegen das Festival“, sagt Meier. „Ohne die Berlinale wäre unsere Stadt um einiges Ärmer. Aber dieses Sponsoring von Uber haben die wirklich nicht nötig.“

      Kommende Woche wird es dann doch nochmal politisch: Am 21. Februar soll Meier bei einer Sitzung des Mobilitätsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus die Interessen der Taxifahrer vertreten. Auch ein Abgesandter von Uber wird dort für das Unternehmen vorsprechen. „Das wird ein Spaß“, sagt Meier lachend.

      Bevor es an diesem Abend zur Eröffnung seines Festivals geht – auf dem Programm steht ein Überraschungsfilm – muss der 63-Jährige noch einen wichtigen Anruf tätigen. „Ich wollte mich noch bei der Berlinale-Leitung melden, damit die dem Martin Scorsese mal einen netten Gruß von uns ausrichten“, sagt Meier. „Mit dem würden wir gerne mal einen Kaffee trinken und uns für seinen tollen Film bedanken. Am liebsten hier bei uns im Taxi.“

  • Berlinale: Taxifahrer von Uber-Shuttle genervt – “Wir haben alte, abgewrackte Taxen”
    https:// www.berlin-live.de /berlin/aktuelles/berlinale-taxifahrer-uber-shuttle-fahrer-protest-berlin-festival-id130220.html

    Es kommt immer wieder vor, dass Exemplare der schreibenden Zunft nicht verstehen, was sie erfahren, nicht zuhören oder derart in ihren eigenen Stimmungen und Weltbildern gefangen sind, dass sie anstelle von Berichtstattung nur Quatsch verzapfen. Dieser Artikel ist ein trauriges Beispiel für diese Art Realitätsferne.

    Vom ersten Satz bis zum letzten Wort enthält dieser Bericht ausschließlich Erfundenes, Unverstandenes und Missinterpretiertes.

    JW ist kein FoT, dafür mangelt es ihr an aufrichtigem Interesse für ihr Thema. Gehört sie auf den EoT-Zettel? Man weiß es nicht. Ist auch egal, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Schade, schade, die junge Frau machte einen so netten Eindruck.

    Infos zum TaxiFilmFest gibt es in zahlreichen anderen Berichten.

    Jana Wengert - Die Berlinale startet mit ungewöhnlichem Auftakt: Weil das Filmfestival seine Gäste mit Uber anreisen ließ, gab es Ärger mit den Taxifahrern.

    Am 15. Februar 2024 feiert die diesjährige Berlinale ihren Auftakt. Und die Hauptstadt steht Kopf – zumindest was die Fans der internationalen Filmfestspiele angeht. Während die Vorfreude bei den Besuchern steigt, kommen bei den Taxifahrern der Metropole jedoch ganz andere Emotionen auf.

    Die Lenker der gelben Limousinen sind genervt – und das aus einem bestimmten Grund: Die Berlinale lässt Promi-Gäste nämlich mit dem Shuttle-Service des Unternehmens Uber anreisen anstatt auf die berühmt berüchtigte Taxe zurückzugreifen. Die Taxi-Fahrer starteten deshalb eine Protestaktion.
    Berlinale zum Trotz: Taxifahrer starten eigenes Festival

    Weil die Berlinale ihnen keine Plattform bieten wollte, entschieden sich unter anderem Unterstützer von Taxi Deutschland, Taxi-Innung, Ver.di und Co. dazu, einfach ein eigenes Festival zu starten: das „TaxiFilmFest“. Pünktlich um 17 Uhr erstrahlte dafür am Donnerstag ein hell erleuchtetes Taxi auf dem ehemaligen Boulevard der Stars. Es soll als Autokino mit wechselndem Filmangebot samt Popcorn und Getränken dienen. Wenn nichts dazwischen kommt, bis zum 25. Februar sogar täglich von den frühen Abendstunden bis 22 Uhr.
    Berlin

    Pünktlich zum Auftakt der Berlinale veranstalteten die Taxifahrer ihr eigenes „Festival“. Bild von der Autorin

    Doch mit dieser Aktion möchte man nicht nur Aufmerksamkeit erlangen und gleichzeitig Unterhaltung bieten – die Verantwortlichen erhoffen sich dadurch auch, mit Filmschaffenden und dem Publikum der Berlinale ins Gespräch zu kommen. Denn die Entscheidung, Uber als Fahrdienstleister zu wählen, lässt die Taxifahrer nicht kalt.

    Berliner Taxifahrer bedrückt: „Sind alte Männer“

    „Die Frage ist halt, warum wir uns das gefallen lassen“, fragte Danielo Baltrusch, Beauftragter der Innung des Berliner Taxigewerbes e.V. in die Runde. Eine Antwort hatte niemand. Doch mit dem „finanzstarken Unternehmen“ könne man eben nicht mithalten, wie sich im Gespräch mit BERLIN LIVE herausstellte: „Die haben ihre Limousinen, wir haben alte, abgewrackte Taxen, sind alte Männer und wenn man noch zwei Jahre wartet, sind wir als Dienstleister tot.“

    Könnte überhaupt infrage kommen, in den kommenden Jahren wieder für die Berlinale zu fahren? „Wenn man das mit Geld unterstützen würde, dürfte man auch auf der Liste stehen und Leute fahren“, vermutete Taxifahrerin Irene Jaxtheimer. Doch es muss auch einen anderen Weg geben. Bleibt zu hoffen, dass diese Lösung nicht zu spät gefunden wird.

    #Taxi #Kultur #Film #Kino #Berlin #Mitte #Potsdamer_Straße #Eichhornstraße #TaxiFilmFest #Berlinale #Boulevard_der_Stars #Journalusmus #Presse

  • Berlinale 2024 - mit spannendem (kostenlosen) Rahmenprogramm
    https://www.gratis-in-berlin.de/component/flexicontent/13-festivals/2064802-berlinale-2024-mit-spannendem-kostenlosen-rahmenprogramm

    Donnerstag 15.02.2024 bis Sonntag 25.02.2024 - Anfangszeit: :00 Uhr
    Kategorie: Festivals
    Berlinale 2024 - mit spannendem (kostenlosen) Rahmenprogram...

    Auch die Berlinale 2024 kostet zwar Eintritt, aber dabeisein lohnt sich schon wegen der Cineasten-Atmosphäre, besonderen Filme und der Live-Auftritte und Nach-Film-Gesprächsrunden mit Filmteams und Stars. Das einmalige Berliner Publikums-Filmfestival bietet traditionell aber auch immer ein spannendes kostenloses Rahmenprogramm.

    Das Taxifilmfest (Fettschrift = Link) sicher einer der spannendsten Rahmenangebote.

    Die Nordic Film Music Days mit Filmvorführungen.

    Der Manifesto Market in den Potsdamer Platz Arkaden veranstaltet am 19. und 20.2.24 Podiumsdiskussionen mit Berlinale-Künstlern

    Spannend klingt auch der Berlinale Edit-a-thon 2024

    Bei diesen außergewöhnlichen (Parallel-)Programmteilen rund um die Berlinale ist der Eintritt frei:
    ... Hier haben wir allgemeine Promi-Hot-Spots in Berlin zusammengestellt.

    Natürlich gibts auch wieder viele Berlinale Stars auf dem roten Teppich. (wir aktualisieren während Berlinale möglichst jeden Morgen). Martin Scorsese erhält Ehrenbär etc.

    Termin der Berlinale & genaues Datum 15. bis 25. Februar 2024.

    Das war letztes Jahr, wird noch gecheckt:
    – Forum Expanded: Ausstellung und Screenings im Rahmen der Berlinale im Savvy Contemporary, Gerichtstr. 35, 13347 Berlin-Wedding?
    – Berlinale Social Bus mit Impulsen, Kunst, Musik und Diskussionen in der Potsdamer Straße, gibts das noch? Gerne Kommentar.
    – Bei der Weltzeituhr am Potsdamer Platz kann man sich in einem temporären Shuttle gegen Vornanmeldung filmreif schminken lassen. gibts das noch? Gerne Kommentar.
    - die Street Food Trucks vor den Potsdamer Platz Arkaden (Joseph-von-Eichendorff-Gasse/Ecke Alte Potsdamer Straße) bieten täglich von 11 bis 22 Uhr einen außergewöhnlichen Anblick und frischgekochtes Essen in „regionaler, saisonaler und pestizidfreier“ Qualität.
    Täglicher Berlinale Nighttalk aus der XXL Bar des Cinemaxx leider nicht mehr.

    von: Andrea

    Im Einzelnen
    https://www.gratis-in-berlin.de/kino/item/2065517-taxifilmfest-parallel-zur-berlinale

    #Taxi #Kultur #Film #Kino #Berlin #Mitte #Potsdamer_Straße #Eichhornstraße #TaxiFilmFest #Berlinale #Boulevard_der_Stars #Journalismus #Presse #TaxiFilmFest #Medienecho

  • Uber ist Partner der Berlinale: Warum Taxifahrer während der Berlinale ihr eigenes Filmfest starten
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/festival-der-ausgeschlossenen-warum-taxifahrer-wahrend-der-berlinale-ih

    16.2.2024 von Marlon Saadi - Die Berlinale kooperiert seit einem Jahr mit Uber. Taxifahrer sehen darin ein weiteres Symbol für ihre Verdrängung. Aus Protest haben sie ein eigenes Filmfest organisiert.
    ...

    #Taxi #Kultur #Film #Kino #Berlin #Mitte #Potsdamer_Straße #Eichhornstraße #TaxiFilmFest #Berlinale #Boulevard_der_Stars #Journalismus #Presse #TaxiFilmFest #Medienecho