Beben bei Volkswagen : Warum der Sparkurs ganze Regionen bedroht
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Le modèle économique capitaliste allemand touche à sa fin. Le gouvernement et les industriels essaient d’arrêter le déclin et l’accélèrent ce-faisant. Les manifestations et protestations se multiplient au rythme des communes approchant la banqueroute.
10.7.2026 von Luca Schäfer - Die IG Metall mobilisiert gegen den Stellenabbau bei Volkswagen. In Wolfsburg und Neckarsulm formiert sich massiver Widerstand. Ein Überblick.
Etwas scheint sich zu bewegen auf den Plätzen und in den Werkshallen der Republik. In Mainz etwa demonstrierten heute Studenten gegen den Abbau des Gesundheitssystems, insbesondere der kostenlosen Psychotherapie. In Hamburg zogen vergangenes Wochenende Tausende gegen Sozialabbau durch die Innenstadt. Und in und um die Werke der Autoindustrie formiert sich Widerstand.
Ein Zusammentreffen mehrerer Protestwellen – Rentenreform, Teuerung, Jobangst. Wird der Sommer politisch, industriell und sozial so heiß wie die avisierten Rekordtemperaturen?
In wenigen Tagen verabschiedet sich das Parlament in die fast zweimonatige Sommerpause. Sollte das Timing unbeliebter Reformen und Kündigungswellen bewusst gewählt worden sein, um Aufmerksamkeit zu vermeiden, droht dieses Kalkül nicht aufzugehen. Ein kritisches Quorum scheint langsam erreicht.
Regionen vor dem Aus
Vor dem Audi-Werk in Neckarsulm ist die Wut auf dem Siedepunkt. Der Standort mit über 15.000 Beschäftigten steht in Gänze zur Disposition – zusammen mit den VW-Werken in Hannover, Emden und Zwickau. Ohne Audi, zitiert die Stuttgarter Zeitung einen Betroffenen, gehe in der Region „alles kaputt“.
Im Werk und in den benachbarten Böllinger Höfen arbeiten fast so viele Menschen wie die 27.000-Einwohner-Stadt Neckarsulm selbst zählt; Zulieferer, Logistik und Handwerk hängen ebenso wie die kommunale Gewerbesteuer, aus der sich Schulen und soziale Projekte finanzieren, vom Werk ab. Geht bei Audi 2034 das Licht aus – könnte es auch in der Region düster werden.
Weltweit könnten bis zu 100.000 VW-Stellen wegfallen. Gestern wollte der Aufsichtsrat konkreter werden; der Blick richtet sich gen Wolfsburg, noch ist offiziell dennoch nichts kommuniziert worden. Unsicherheit, Wut, Verzweiflung, Existenzangst dürften somit mindestens das Wochenende für Tausende Familien bestimmen.
Dagegen regt sich Widerstand: An mehr als einem Dutzend Standorten kam es zu Kundgebungen, in Wolfsburg direkt vor dem Vorstandshochhaus. Die IG Metall sprach nicht von einem Auftakt, von einem Marathon anstelle eines Sprints.
Und Porsche sprach: Es werde Loch
Seit 2012 gehört auch Porsche zur VW-Familie, auch die Leipziger Porsche-Beschäftigten blickten somit nach Wolfsburg – Leipzig, dort, wo bis Ende August trotz eigentlicher Standortsicherung bis 2030, rund 200 Stellen im Stammpersonal wegfallen sollen, ein Novum.
Und der Adressat der Wut trägt bei Porsche noch einen weiteren Namen: Wolfgang Porsche, aktuelles Oberhaupt des milliardenschweren Porsche-Piech-Clans.
Der Aufsichtsratschef der Porsche Automobil Holding ließ sich für seine Salzburger Millionen-Villa – einst Wohnsitz von Stefan Zweig sowie zuvor einer Schwester Mozarts – einen 500 Meter langen Privattunnel bauen, weil ihm die vorhandene Zufahrt zu schmal war.
Für das Recht jenen zahlte er der österreichischen Stadt rund 40.000 Euro; Aktivisten kritisieren ein Sonderrecht für Super-Reiche, monierten Umweltschutz und hissten in unmittelbarer Nähe ein Transparent mit der Aufschrift „Und Porsche sprach: es werde Loch“.
Was als Provinzposse des Salzkammergutes und Porsche-Privatsache abgetan werden könnte, wird im Rahmen der Verzichtsforderungen des Konzerns an seine Beschäftigten politisiert. Ohnehin gelten derlei Appelle wohl nur für das Band, die Konzernspitze genehmigte sich Millionenboni: 7,4 Millionen Euro für CEO Blume, 9 Millionen für Ex-Chef Diess. Dass diese Zahlen trotz eingebrochener Gewinne kaum sinken, stößt auf Unverständnis – die Konsequenzen der Krise werden nach unten durchgereicht. Das Glück ist bei VW nicht mit den Tüchtigen.
Strukturwandel und Sozialprotest
Die Krise der Autoindustrie ist dennoch viel eher Ausdruck eines tiefen Strukturwandels: Der Umstieg auf Elektromobilität entwertet alte Stärken im Verbrennerbau. Werden betriebswirtschaftlich entscheidende Parameter, wie der massive Zwang zur Dividenausschüttung, politisch an die Kandare genommen (so in etwa, solange dies noch möglich ist, durch die Sperrminorität des Landes Niedersachsen), dürften die deutschen Stellen kaum zu retten sein.
Die Zeichen der Zeit scheinen so langsam auch im Hans-Böckler-Haus angekommen: DGB ruft vermehrt, unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“, zu Protesten gegen die Deindustrialisierungstendenz auf. Noch sind die Aufrufe zaghaft – doch als Kanzler Merz auf dem DGB-Bundeskongress im Mai forderte, man müsse sich „zusammenreißen“, schlugen ihm wütende Buhrufe entgegen. Die Basis scheint ein anderes Empfinden für die aktuelle Situation zu haben, als die weitgehend sozialpartnerschaftlich-korporatistische DGB-Führung um Yasmin Fahimi (SPD).
Interessant ist, dass hier mehrere, bislang autonome Protestbewegungen zusammenlaufen: linke Sozialproteste gegen Kürzungen, gewerkschaftliche Mobilisierung in den Betrieben und die AfD, die im Osten zu einer Wahlstimmung gegen „Altparteien“ mobilisiert. Der gemeinsame Nenner ist eine Verdichtung sozialer Konflikte in einer Phase aus Industriekrise, Sparpolitik und politischer Polarisierung.
Von der Werkshalle in die Mietwohnung?
Hinter den Aufrufen zu bundesweiten Sozialprotesten steckt vor allem die Linke. Unter dem Titel „Es reicht“ rahmt die Partei, die nach einem deutlichen Mitgliederzuwachs und kleineren Wahlerfolgen Oberwasser verspürt, ihre Kampagne als Abwehrkampf gegen die „massivsten Angriffe auf unseren Sozialstaat seit der Agenda 2010“ und adressiert dabei bewusst Mieten, Pflege und Renten. Der Name AfD taucht in den Aufrufen kaum auf, doch der Versuch, sich als Antwort und wie eine soziale Kümmererpartei a la Grazer KPÖ zu profilieren, ist unübersehbar.
Ob die Strategie aufgeht, bleibt fraglich. Bislang fehlt die Verbindung zwischen Straßenprotest und der erwarteten Massenmobilisierung in der Industrie. Die Mietskaserne und die Werkshalle sind oftmalig bewohnt von den selben Adressaten, die jedoch durch die urban-woke Akademikerpartei kaum ausreichend repräsentiert werden.
Ausgeklammerte Gretchenfrage
Zweitens spart die Kampagne den Zusammenhang zur Aufrüstung weitgehend aus. Wer nur beklagt, dass Milliarden fehlen, aber verschweigt, wohin sie fließen, führt Protestierende an der Nase herum.
Die Korrelation ist eindeutig: Bis 2030 soll fast jeder dritte Haushalts-Euro in Rüstung fließen, während im Sozialbereich gekürzt wird – selbst der monatliche 25-Euro-Zuschlag für arme Kinder soll entfallen. Dass die massive Aufrüstung zugleich eine intergenerationelle Schuldenfalle darstellen könnte, wird in der öffentlichen Debatte ohnehin weitgehend ausgeblendet.
Dreifache Krise
Ein dritter, oft vernachlässigter Proteststrang kommt hinzu: Deutschlands Kommunen könnten bald den Notstand ausrufen. Die kommunale Steuerlast der Bewohner steigt, während die Einnahmen für die Daseinsvorsorge dennoch kaum ausreichen, selbst der Bundestag reagierte heute, will finanzielle Abhilfe schaffen.
Kommen dann in Städten wie Neckarsulm Werksschließungen und Gewerbesteuerausfälle hinzu, dürfte kaum jemand um das Amt des Kämmerers beneidet werden.
Noch laufen die drei Krisenstränge – Industrieproteste, Sozialproteste und kommunale Nöte – weitgehend getrennt voneinander. Doch angesichts festgefahrener politischer Prioritäten, einer Ausrichtung auf Kriegstüchtigkeit, hat dieser dreifache Krisenmoment das Potenzial, eine ähnliche Wucht zu entfalten wie die Hartz-Proteste des Sommers 2004 oder die Anti-Irak-Krieg-Proteste – es könnte ein heißer Tanz werden.
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