• Ken Loach über „Sorry We Missed You“ beim Filmfest | NDR.de - Kultur - Film - Festivals
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    03.10.2019 von Patricia Batlle - Ken Loach hat mehrfach die wichtigsten Preise der Filmbranche gewonnen und wurde mehrfach für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der britische Regisseur denkt mit seinen 83 Jahren und nach 50-jähriger Filmkarriere aber noch lange nicht an den Ruhestand. Am Mittwoch hat er sein Sozialdrama „Sorry We Missed You“ beim Filmfest Hamburg präsentiert und über den Film gesprochen.

    Das neue Drama von Ken Loach macht wütend. Sehr wütend. Er handelt von einer vierköpfigen Familie in Newcastle im Norden Englands, die trotz 14-Stunden-Schichten beider Elternteile nicht würdig leben kann. Ricky fährt als selbstständiger Kurierfahrer Pakete aus, Abby pflegt alte Damen - und doch reicht das Geld nicht aus. Im Gegenteil, die Familie ist tief verschuldet. „Es ist gut, dass der Film wütend macht, denn es ist unfair. Die Art, wie sich die Arbeitswelt verändert hat, ist unfair. Früher hatte man einen Job, bei dem man sicher wusste, der hält und man kann vom Einkommen die Familie durchbringen. Heute ist das Arbeitsleben eine Katastrophe. Man weiß nie, ob man morgen noch einen Job hat, es wird insgesamt schlechter bezahlt und du weißt nie, was du nächste Woche verdienst“, sagt Ken Loach.

    Viele Geringverdiener brauchen Geld vom Staat

    Ricky und Abby, die mindestens an sechs Tagen in der Woche von Auftrag zu Auftrag hetzen und trotzdem nie in Urlaub fahren können, stehen beispielhaft für Millionen von Briten. „In unserem Land brauchen viele Geringverdiener Hilfe vom Staat, weil sie nicht genug zum Leben haben“, erzählt Loach.

    Der Regisseur und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty haben beim Drama bewusst auf unbekannte, großartige Schauspieler gesetzt und sich auf eine Familie konzentriert „weil sich bei der Familie am meisten zeigt, was der allgemeine Stress auslöst. Die beiden sind gute Eltern. Sie tun ihr Bestes. Aber wenn sie abends nach Hause kommen sind sie ausgelaugt, haben nicht mehr viel Geduld. Am Ende muss man sagen, ist der Vater ein Gefangener in seinem Lieferwagen.“

    Ricky muss nämlich nicht nur vom eigenen Geld den Lieferwagen für seine Arbeit leasen und Strafzettel bezahlen, er muss auch pünktlich Pakete zu Wunschzeiten abliefern und hat oft nicht einmal Zeit, um auf Toilette zu gehen. Er muss sogar Strafe zahlen, falls er einen Tag fehlt und bekommt natürlich kein Krankengeld. Das teure Gerät an seinem Gürtel, in dem jedes Paket und jeder Lieferweg kontrolliert wird, heißt im Kurierjargon sogar „Pistole“. Rickys Chef scherzt, es entscheide über Tod oder Leben.
    Vielleicht der letzte Film von Ken Loach

    Mehrfach nimmt Ricky seine zehnjährige Tochter mit auf Kurierfahrten, um sie überhaupt noch tagsüber zu sehen, was beiden Spaß macht. Das bringt ihm prompt Ärger ein - denn ein Kunde beschwert sich - und Kunden haben immer Recht, bläut der Vorarbeiter Ricky ein. So ginge es nicht weiter.

    Fünf Jahrzehnte voller bewegender Sozialdramen, Komödien und Dokumentarfilme über die Arbeiterklasse hat der 83-jährige Meisterregisseur nun hinter sich. Wie viele Filme stecken noch in Ken Loach? „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal einen Film drehe. Das ist wie beim Fußball. Man nimmt jedes Spiel, wie es kommt. Es gibt viel zu erzählen, aber ob ich das schaffe, weiß ich nicht. Mal schauen. Ich schlucke fleißig meine Tabletten“, sagt er lachend.

    Das Sozialdrama „Sorry We Missed you“ läuft noch einmal am Sonnabend um 19 Uhr im Cinemaxx zur Preisverleihung des Filmfests Hamburg. Der Film startet regulär am 30. Januar 2020 im Kino.

    #Arbeit #Kurierdienst #Subunternehmer #Logistik #Ausbeutung #Film

  • Zalando macht Berlin zum Testlabor des schnellen Warenverkehrs | Berliner Zeitung
    http://mobil.berliner-zeitung.de/berlin/zalando-macht-berlin-zum-testlabor-des-schnellen-warenverkehr

    Lieferung binnen weniger Stunden, was nicht gefällt oder passt, wird zu Hause abgeholt – im Management des Berliner Online-Modekaufhauses Zalando hat man eine klare Vision vom nächsten Level des virtuellen Einkaufs. Es gehe darum, „das Shoppingerlebnis für unsere Kunden“ kontinuierlich zu verbessern, sagt Jan Bartels, Chef im Logistik-Bereich von Zalando.

    Bereits im Dezember vergangenen Jahres hatte das Berliner Unternehmen hier und in anderen ausgewählten Städten Tests für die Lieferung am selben Tag gestartet. Die Auswahl erfolgt seitdem per Zufallsgenerator. So konnte es passieren, dass man die Lieferung schon nach Stunden bekam. Bei Zalando spricht man von überraschten Kunden und glücklichen Gesichtern. Über Details könne man aber noch keine Auskunft geben. Eine genaue Analyse stehe noch aus.

    Seit der vergangenen Woche testet Zalando zudem die Abholung zu Hause. Dafür kann man einen Wunschtermin bis zu fünf Tage im Voraus festgelegen oder sich für die Sofortabholung entscheiden. Dann, so das Versprechen von Zalando, steht der Kurier innerhalb von 60 Minuten vor der Tür.

    Mit der schnellen Lieferung und Abholung mag der Online-Händler den Nerv seiner Kundschaft treffen, zugleich hämmern die Berliner damit aber am von DHL und Hermes gegossenen Fundament des hiesigen Online-Handels. Denn die jungen Wilden des Einzelhandels setzen beim Ausbau ihres Geschäfts auf den kreativen und hochflexiblen Nachwuchs der Logistikbranche.
    55 Millionen Zalando-Sendungen im letzten Jahr

    So entschied sich Zalando bei der Sofortlieferung für die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Liefery und bei der Retouren-Abholung in Berlin für Tiramizoo. Der Grund: „Diese Anbieter haben unsere Anforderungen jeweils am besten erfüllt“, heißt es in der Friedrichshainer Online-Kaufhaus-Zentrale. Die derzeitige Zusammenarbeit mit DHL bleibe davon unberührt.

    Trotz dieser Versicherung hat Zalandos Wahl freilich Gewicht. Immerhin sind die Berliner nach Amazon und Otto bundesweit die Nummer drei im E-Commerce. Auf 55 Millionen Sendungen wird der 2015er Warenverkehr von Zalando geschätzt.

    Was Zalandos neue Partner auszeichnet, ist ihre Flexibilität. Liefery und Tiramizoo arbeiten nicht nach Tourenplänen, sondern wie Fahrradkuriere und Taxifahrer auf Abruf. Liefertaxi-Anbieter, die sich selbst als die Experten für die letzte Meile bezeichnen. Ihre Dienstleistung kann per App geordert werden. Der Auftrag wird dann von dem Kurier ausgeführt, der gerade den kürzesten Weg zum Kunden hat und somit den Transport am schnellsten ausführen kann.

    Tiramizoo etwa verfügt mittlerweile über ein Netzwerk von 1 600 Fahrern in 160 Städten. Auf der Kundenliste stehen unter anderem Mediamarkt, Saturn und Mercedes-Benz, und längst hat auch der etablierte Logistiker DPD das Potenzial der schnellen Newcomer entdeckt. 20 Prozent hält er inzwischen an dem Unternehmen. Hermes, die Logistiksparte von Otto, hat sich derweil an dem 2 500-Fahrer-Unternehmen Liefery beteiligt.

    #Berlin #Logistik #Onlinehandel #e-commerce