Autorin Kathrin Fischer: *Nicht alles, was schlecht läuft, lässt sich wegatmen." Abkehr von der Welt? „Achtsamkeitspraktiken tragen dazu bei, uns zu vereinzeln“
Kathrin Fischer warnt vor Achtsamkeit als Ideologie. Warum Selbstoptimierung allein in die Irre führe und was wir von einem Dorf in Kambodscha lernen könnten
Interview
Der Rückzug auf uns selbst geht laut Podcasterin und Journalistin Kathrin Fischer auch mit Strukturblindheit und Weltvergessenheit einher.
Achtsamkeit als Prinzip, um gelassen und gesund einen anstrengenden Alltag zu meistern, klingt zunächst einmal toll. Viele Menschen üben sich heute zum Beispiel in Meditation, Yoga und Atemtechniken. Für Kathrin Fischer ist dies als private Praxis nachvollziehbar, allerdings sei die Achtsamkeit zu einer Ideologie geworden. Diese mache uns weis, so gut wie alle Probleme seien individuell lösbar. Daher versuchen viele Menschen, nur noch ihr Selbst zu verändern und nicht mehr die Zustände, warnt die Autorin, Podcasterin und Journalistin in ihrem neuen Buch Achtsam geht die Welt zugrunde.
STANDARD: Frau Fischer, wenn man sich einen Menschen vorstellt, der achtsam durch einen Garten geht, statt über Blumen zu trampeln, oder eine Mutter, die meditiert und dadurch später besonders liebevoll mit ihren Kindern spricht, klingt Achtsamkeit doch nach einer guten Sache. Warum soll die Welt daran zugrunde gehen?
Fischer: In der Alltagssprache bedeutet Achtsamkeit schlicht: Ich passe auf mich und andere auf. In dem Sinne ist es natürlich besser, rücksichtsvoll zu sein. Achtsamkeit ist aber ein weiter Begriff. Das geht von der strengen Meditation bis zur Buddha-Statue im Baumarkt. Ich glaube, dass die Welt an einer bestimmten Art der Achtsamkeit zugrunde geht, nämlich wenn aus Achtsamkeit eine Ideologie wird. Sie ist zu einem Weltbild geworden, das behauptet, die Antwort auf alle Fragen zu kennen.
STANDARD: Und wie lautet die Antwort?
Fischer: Alle Probleme im Leben entstehen angeblich in unserem Inneren und müssen entsprechend auch dort gelöst werden.
STANDARD: Aber ist Achtsamkeit wirklich ein Problem? Man könnte sie mit anderen Hobbys vergleichen und sagen: In Österreich oder Deutschland geht die eine halt zweimal in der Woche Tennis spielen, der nächste züchtet Kaninchen, und wieder eine andere widmet sich in ihrer Freizeit dem Yoga oder der Meditation. Wo ist der Unterschied?
Fischer: Den Unterschied kann man zum Beispiel daran erkennen, dass keine Krankenkasse das Kaninchenzüchten bezuschusst. Achtsamkeits-Apps dagegen werden zumindest von den deutschen Krankenkassen bezahlt. In Unternehmen gibt es auch keine Weiterbildungsangebote für Mitarbeitende, in denen Tennisspielen zum Stressabbau gelehrt wird. Aber Organisationen bieten viele achtsamkeitsbezogene Formate für Mitarbeitende an: MBSR-Kurse (Mindfulness-Based Stress Reduction, Anm.), Seminare für Resilienz und Schlafhygiene und vieles mehr. Ich finde das nicht so harmlos wie Kaninchenzüchten, denn diese Kurse zeigen, dass nicht an den Belastungen im Arbeitsleben gearbeitet wird, sondern an der Belastbarkeit des einzelnen Mitarbeitenden.
STANDARD: Achtsamkeit ist Ihrer Meinung nach also nicht nur ein Symptom einer erschöpften Gesellschaft, sondern ein Teil des Problems?
Fischer: Genau, aber das ist aus zwei Gründen schwierig zu erkennen. Zum einen, weil wir so daran gewöhnt sind, Achtsamkeit und Resilienz als positive Angebote wahrzunehmen. Zum zweiten, weil wir in einer so individualistischen Gesellschaft leben, dass wir dieses Denken überhaupt nicht mehr wahrnehmen.
Waldbaden, Atemtraining, Dankbarkeitsübungen: Sehen wir die Welt vor lauter Bäumen nicht mehr?
Auch unzählige Motivationstrainer und Influencer propagieren große Erfolge durch individuelle Kraftanstrengungen. Sind diese Motivationsgurus ideologische Geschwister der Achtsamkeitsratgeber?
Fischer: Davon bin ich absolut überzeugt. Mir werden als Frau im Netz vielleicht weniger Motivationstrainer angezeigt als Ihnen, aber mein Sohn schaut so etwas auch. Sowohl bei den Motivationstrainern als auch bei den Versprechen der Achtsamkeit geht es darum, man könne als Individuum alles schaffen. Aus meiner Sicht ist das eine lächerliche Anmaßung, eine Fiktion. Niemand von uns kann alle Grenzen der Lebensbedingungen überschreiten. Wir brauchen sauberes Wasser, wir brauchen Frieden, wir brauchen einen auskömmlichen Lohn, und wir brauchen auch einigermaßen faire Gerichte. Unsere Gesellschaft ist auf kollektiven Anstrengungen gebaut. „Du kannst alles schaffen“, wie es manche behaupten, verleugnet dies völlig. „Statt die Belastungen im Arbeitsleben zu reduzieren, sollen Achtsamkeitskurse die Mitarbeitenden belastbarer machen.“
STANDARD: In Ihrem Buch versuchen Sie auch zu ergründen, wie sich unser Blick immer mehr auf das Selbst verengt hat. Ihre Erklärung?
Fischer: Das Problem beginnt aus meiner Sicht mit der neoliberalen Wende der 1980er-Jahre. Sozialstaatliche Leistungen wurden zurückgebaut, die Finanzmärkte dereguliert. Die Arbeitsmärkte wurden flexibilisiert, das heißt natürlich oft: prekärer gemacht. In Deutschland zum Beispiel wurde ein großer Niedriglohnsektor geschaffen. Das Leben ist für viele Menschen sehr anstrengend geworden, weil Bildung, Wohnen und Gesundheit allesamt teurer geworden sind. Diese Entwicklung betrifft alle, die nicht sehr wohlhabend sind.
STANDARD: Aber welche Rolle spielt dabei die Ideologie der Achtsamkeit?
Fischer: Achtsamkeit ist so etwas wie die mentale Grammatik dazu. Man blickt nicht mehr nach außen und fragt: Wieso zahlt meine Krankenkasse jetzt keinen Zahnersatz mehr? Stattdessen haben wir zu glauben begonnen, man müsse mit all dem zurechtkommen und ein resilienter Mensch sein.
STANDARD: Kann es nicht auch eine Parallelität von Achtsamkeitsritualen und politischem Engagement geben? Man kann ja zum Beispiel am Vormittag meditieren und am Nachmittag demonstrieren.
Fischer: Da haben Sie vollkommen recht. Man kann meditieren und auf eine Demo gehen, und das tun ja auch viele Menschen. Ich behaupte nicht, wer Achtsamkeit betreibt, würde sich niemals politisch engagieren. Das wäre Quatsch. Meine Beobachtung ist allerdings: Die Ideologie, die gesellschaftlichen Lebensbedingungen geringzuschätzen und alles auf eine spirituell-existenzielle Ebene zu heben, führt zu einer bestimmten Entpolitisierung. Denn wir sagen dann ja, die Probleme sind eigentlich in unserem Inneren und nicht im Äußeren. Das führt tendenziell schon zu einer unpolitischen Weltvergessenheit, die Engagement oft unwahrscheinlich macht. Das liegt aber nicht an der Achtsamkeit selbst, sondern daran, wie sie in unserer Gesellschaft funktional gemacht wird.
STANDARD: Sie schreiben auch, Achtsamkeit könne sogar zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft beitragen. Inwiefern?
Fischer: Ich beobachte, dass in unserer Gesellschaft die Ohnmachtsgefühle zunehmen. Menschen fühlen sich zunehmend der Politik und den Kräften, die hinter der Politik wirken, ausgeliefert. Die Kräfte dahinter sind aus meiner Sicht jene des Finanzmarktkapitalismus. Achtsamkeit wird da für die Mittelklasse zu einem Werkzeug der Abgrenzung gegenüber den unteren Klassen. Ein bisschen überspitzt könnte man sagen: „Mein Coach, mein Yoga-Studio, meine Morgenroutine.“ Diese Empfindsamkeit ist aber nur eines von zwei Gefühlen, mit denen Menschen auf die Veränderungen in der Welt reagieren.
STANDARD: Und das zweite?
Fischer: Die zweite Art der Reaktion ist das Ressentiment. Das sind überwiegend die unteren Klassen, wobei man mit den Zuschreibungen sehr vorsichtig sein muss. Dieses Gefühl geht ja auch bis in die Mittel- und Oberklasse hinein. Aber die unteren Klassen sind oft wirklich wütend auf vermeintliche Sündenböcke und reagieren mit diesem Ressentiment gegen Migranten und sogenannte Sozialschmarotzer. Die strukturellen Kräfte hinter der Krise bleiben hingegen unsichtbar.
STANDARD: Sie erzählen im Schlusskapitel Ihres Buchs die Geschichte eines Bauern in Kambodscha, um zu zeigen, wohin wir als Gesellschaft uns wieder verändern sollten.
Fischer: Die Geschichte stammt vom britischen Autor Johann Hari aus dessen Buch über Depressionen: Ein westlicher Psychiater besucht Reisbauern in #Kambodscha. Landminen aus früheren Kriegen haben die Arbeit auf den Feldern für sie gefährlich gemacht. Die Dorfbewohner berichten dem Psychiater von einem depressiven Bauern, der durch eine Mine ein Bein verloren hat. Trotz Prothese konnte er vor Schmerzen und Angst nicht mehr auf dem Feld arbeiten. Die Dorfgemeinschaft hat dem Mann geholfen, ganz ohne Medikamente – sie hat ihm eine Kuh gekauft. Diese half ihm aus der Depression. Denn als Milchbauer musste er nicht mehr auf die Felder und konnte seine Familie anders ernähren. In der Geschichte muss sich also nicht der Mensch an die Welt anpassen, etwa mithilfe von Antidepressiva. Nein, die Welt wird an den Menschen angepasst.
STANDARD: Sie schreiben auch über neue Perspektiven, die Sie durch den Besuch einer Sauna in Ihrem Dorf gewonnen haben. Welche waren das?
Fischer: Das ist einfach die Sauna in einem kleinen Fitnesscenter, wo ganz unterschiedliche Leute zusammenkommen. Diese niedrigschwellige Begegnung mit Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten empfinde ich als total bereichernd. Man kann sich in der Sauna über das Thema Gendern streiten und sich danach trotzdem zum Geburtstag gratulieren oder danach fragen, wie es den Kindern so geht. Das ist ein Beispiel dafür, was der Soziologe Harald Welzer „Wohnzimmer der Gesellschaft“ nennt. Die Achtsamkeitspraktiken hingegen tragen dazu bei, uns zu vereinzeln. Wenn man mit anderen Leuten in der Sauna sitzt oder Fußball spielt, sind das Wege zurück in eine Gemeinschaft. Da entsteht eine andere Energie.
STANDARD: Das klingt nach einem ersten Schritt, was könnten weitere sein?
Fischer: Ich finde, ein guter Weg ist, NGOs, also Nichtregierungsorganisationen, zu unterstützen, die für eine gerechtere Welt kämpfen. Aber der erste Weg ist immer jener hinaus aus der reinen Selbstveränderung, hin zu der Einsicht, dass wir die Welt verändern müssen. Wir müssen wieder verstehen, dass die Welt, in der wir heute leben, nicht alternativlos ist. (Lukas Kapeller, 15.5.2026)
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