„Teilweise katastrophale Situation“ : Immer mehr Betriebe an der Ostsee schließen
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Les Allemands ne dépensent plus et préfèrent les séjours touristiques sur la côte polonaise de la mer Baltique aux sites allemands plus chers.
16.12.2025 von Enno Kramer - Immer mehr Gastronomen und Hoteliers in Mecklenburg-Vorpommern müssen aufgeben – und das trotz steigender Gästezahlen. Was läuft schief im Ostsee-Tourismus?
Für viele ist Mecklenburg-Vorpommern aufgrund seiner abwechslungsreichen Landschaft mit Inseln, Nationalparks und Hansestädten ein beliebtes Reiseziel. Ob ausgedehnte Spaziergänge am Meer, Radtouren oder einfach mal ein paar Tage Ruhe in der Natur – gerade wegen der Lage an der Ostsee verbringen viele Menschen gerne ihren Urlaub in dem nordöstlichen Bundesland.
Doch setzen in den vergangenen Jahren gestiegene Mieten und Lebenshaltungskosten immer mehr Restaurants und Hotels unter Druck. Einige Familienbetriebe, die seit mehreren Jahrzehnten Anlaufstellen für Touristen waren, mussten bereits schließen.
125 Jahre: Traditionsreiches Hotel muss schließen
So geriet etwa der traditionsreiche Scheelehof in Stralsund in finanzielle Schieflage und stellte im November den Betrieb ein. Fast 90 Beschäftigte, die teils jahrelang in dem Hotel mit seiner markanten Klinkerfassade und seinem Fachwerkcharme gearbeitet hatten, verloren auf einen Schlag ihren Job.
Auch in Zinnowitz auf Usedom musste nach rund 125 Jahren das Hotel Usedom Palace schließen. In dem Fünf-Sterne-Haus übernachteten einst Prominente wie Regisseur Roman Polanski, Hollywoodstar Pierce Brosnan oder „Moulin Rouge!“-Star Ewan McGregor. Aus den ehemals 43 Hotelzimmern sollen nun 21 exklusive Ferien- und Eigentumswohnungen entstehen, die an private Käufer verkauft werden.
Hinzukommt ein regelrechtes „Gaststättensterben“, wie es eine regionale Zeitung noch im Oktober formulierte. Vor allem auf dem Land vor Usedom und in kleineren Ortschaften müssten Lokale zunehmend aufgeben. Demnach gab es laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr noch nie so viele Abmeldungen von Hotels und Restaurants an der Küste wie derzeit.
Zwar würde es vielen Hotels nicht unbedingt an Gästen mangeln, doch ließen diese im Schnitt weniger Geld da. „Deutlich weniger Geld“, erklärt Lars Schwarz, Präsident des Dehoga Mecklenburg-Vorpommern, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Die Situation sieht in vielen Betrieben nicht rosig, schlecht oder teilweise auch katastrophal aus. Das führt zu vielen Betriebsaufgaben.“
Gerade im Gastgewerbe der Region sei die Lage angespannt: „Wir stellen teils massive Umsatzeinbrüche fest“, so Schwarz. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres liege man im Vergleich zu 2019 – also noch vor der Corona-Pandemie – mit über 18 Prozent im Minus.
Positive Bilanz des zuständigen Tourismusverbandes
Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern zeichnet ein positiveres Bild: „Die touristische Entwicklung zeigt im Jahr 2025 insgesamt ein stabiles und in Teilen dynamisches Bild“, sagt Präsidentin Birgit Hesse mit Blick auf eine aktuelle Branchenumfrage des Landestourismusverbandes. Demnach sei jedes zweite Unternehmen zufrieden oder sehr zufrieden mit dem laufenden Tourismusjahr; 22 Prozent bewerteten es als mittelmäßig, 29 Prozent hingegen als unzufrieden oder sehr unzufrieden.
Tatsächlich verzeichnen sowohl die Hotels als auch der Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern im Allgemeinen insgesamt bei Ankünften und Übernachtungen von Januar bis September 2025 laut Statistischem Landesamt ein Plus gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zwar bleibe die Branche angesichts steigender Kosten „weiterhin gefordert“, doch betreffe dies nicht nur Mecklenburg-Vorpommern. Das sechstgrößte Bundesland bleibe ein „stark nachgefragtes Urlaubsland mit hoher Gästezufriedenheit und stabiler Nachfrage“.
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Auch das Hotel Usedom Palace in Zinnowitz musste vor kurzem schließen.Jens Koehler/imago
Dehoga-Präsident Schwarz kritisiert diese Darstellung: „Es stimmt zwar, dass wir mehr Gästeankünfte und Übernachtungen verzeichnen. Problematisch ist jedoch, wenn dabei die wirtschaftliche Situation vieler Betriebe ausgeblendet wird.“ Dass rund die Hälfte der Branche zufrieden sei, lasse sich auch damit erklären, dass in den Verbänden nicht nur Hoteliers und Gastronomen vertreten seien, sondern auch Akteure – wie etwa Kreuzfahrtschiff-Reedereien.
Das Kernproblem seien Umsatzrückgänge bei gleichzeitig kontinuierlich steigenden Kosten. Dazu zähle unter anderem der Anstieg des Mindestlohns: „Alle Dienstleistungen – etwa Wäschereien – sind davon betroffen und müssen ihre Preise erhöhen. Damit umgehen müssen dann aber Hotels und Restaurants.“ Hinzu kämen hohe Energiepreise, steigende Mieten und Lebensmittelkosten. Letztere befänden sich derzeit auf einem „Rekordniveau“.
Die große Hoffnung auf die Mehrwertsteuersenkung
Die krisenhafte Stimmung komme nicht von ungefähr. Spätestens seit dem Bruch des Versprechens einer verbindlichen Mehrwertsteuersenkung durch Bundeskanzler a. D. Olaf Scholz sei klar gewesen, in welche Richtung sich die Branche bewege. Schon damals hätten viele Menschen begonnen, weniger Geld für Restaurantbesuche oder Hotelübernachtungen auszugeben. „Als die Mehrwertsteuer angehoben wurde, kam es dann eben zu Kaufzurückhaltung – mit all den Folgen, die wir jetzt sehen“, so Schwarz.
Entsprechend viel Hoffnung setzt der Dehoga-Präsident auf die geplante Mehrwertsteuersenkung im Januar 2026. Anfang Dezember hatte der Bundestag Steuerentlastungen beschlossen, darunter die Reduzierung der Umsatzsteuer von 19 auf sieben Prozent. „In der Corona-Zeit war das ein sehr wirksames Mittel und wäre jetzt ein wichtiges Signal für Restaurants und Hotels an der Ostsee.“
So wie sich die Lage derzeit darstelle, sei es für viele Urlauber attraktiver, an die polnische Ostsee zu reisen – wo der Mindestlohn deutlich niedriger und die Mehrwertsteuer nur halb so hoch sei. Entsprechend günstiger fielen dort Übernachtungen und Restaurantbesuche aus. Schwarz’ Fazit: „Am Ende entscheidet sich der Urlauber nämlich für das, was am besten zu seinem Geldbeutel passt.“



























