Als Kind an der Sektorengrenze : Wir spielten mit Soldaten und klauten Birnen – dann kam die Mauer
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Le journal Tagesspiegel vient d’identifier les perdants de la construction du mur den Berlin il y a 65 ans. Il s’agit des enfants vivant à proximité de la frontière entre les arrondissements est et ouest en périphérie. D’un jour à l’autre ils ont perdu leurs amis, les gardes-frontière et la moitié des rues et forêts qui leur servaient de terrain de jeu avant le 13 août 1961.
C’est une découverte intéressante car elle représente la perspektive typique des berlinois apart les excités et fanatiques anticommunistes. Pour la grande majorité le nouveau mur était d’abord désagréable sans changer grand chose à leur vie. Plus tard on a appris à voir le pour et le contre de cette construction assez particulière.
13.8.2026 von Rolf Lehmann - Mit acht Jahren sah er in Lübars, wie Stacheldraht Ost und West trennte. Später fielen die Birnenbäume. Ein Tagesspiegel-Leser erinnert sich an den Mauerbau vor 65 Jahren.
Meteorologisch war Sonntag, der 13. August 1961, ein traumhafter Hochsommertag. Die Sonne stand voll am wolkenlosen Himmel und tauchte die Gegend in goldgelbes Licht, dass es eine Freude war. Den Kindergottesdienst hatte ich hinter mir und ließ mich nun gut gelaunt auf dem Fahrrad eines Freundes mitnehmen, froh darüber, die lange, ansteigende Blankenfelder Chaussee nicht hinauflaufen zu müssen, die sich vom Dorf Lübars bis zur Sektorengrenze erstreckte, beidseitig flankiert von hügeligem Ackerland.
Ich war acht Jahre alt, sehr lebendig und immer dankbar dafür, wenn draußen auf dem Land vor der Stadt etwas Besonderes passierte. Sei es, dass Autos bei Regenwetter im Matsch der unbefestigten Koloniewege steckenblieben oder bei Schröders mal wieder der Dachstuhl brannte.
Passierte nichts dergleichen, dann träumte ich mich in aufregende Geschichten, stieg in den großen Kirschbaum unseres Gartens und segelte über Meere. An diesem heißen Augusttag aber fand ich mich unversehens selbst als Teil der Geschichte wieder, wie sie der Kalte Krieg unbarmherzig schrieb.
Als wir den Scheitel der Chaussee erreicht hatten, von wo aus die Grenze zur DDR einsehbar war, ließ mich das Getümmel einer aufgebrachten Menschenmenge aufhorchen. So viele Leute an diesem wenig benutzten Grenzübergang, das war sehr ungewöhnlich! Es war etwas passiert, endlich war wieder etwas los, und das versetzte mich in helle Aufregung.
Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann, der mit acht Jahren in Lübars den Mauerbau erlebte
Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann erlebte mit acht Jahren in Lübars den Mauerbau.
© privat
Frauen in Kittelschürzen schrien und schimpften, einige weinten. Männer machten sorgenvolle Mienen, die Halbstarken grölten und ballten die Fäuste. Die wenigen diensthabenden Polizisten und Zöllner diesseits der Grenze bemühten sich nach Kräften um Ordnung und Ruhe, denn auch ihnen stand der Schrecken in den Gesichtern.
Von Neugier getrieben pirschte ich mich vor, bis ich den Grund der allgemeinen Aufregung quer über der Straße in der gleißenden Sonne blitzen sah: Meterhohe Stacheldrahtrollen trennten plötzlich Ost von West, Pankow von Reinickendorf, Blankenfelde von Lübars, den russischen Sektor vom französischen.
Ohne zu verstehen, warum, begriff ich doch, dass mir urplötzlich etwas Wichtiges genommen wurde: das Herumstreunen auf Ostberliner Terrain, die Besuche bei Friseur Bergholtz – der mir immer etwas Süßes zusteckte –, das Spielen mit den mir gegenüber freundlichen DDR-Grenzstreifen und die Erreichbarkeit der Birnen, die jenseits der Grenze auf mächtigen alten Bäumen wuchsen und verlockend rotgelb leuchteten, umsummt von Wespen.
Da gingen wir sommers immer hin mit unseren tiefen Taschen, lasen die Früchte aus dem Gras, in das sie weich gefallen waren, denn die Äste hingen zu hoch, um sich heraufzuhangeln. Niemandem schienen diese Obstbäume zu gehören. Dennoch nahmen wir die Früchte in dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Die Birnbäume bildeten eine malerische natürliche Grenze.
Die Grenzsoldaten waren Freunde
Nur 200 Meter von Ost-Berlin entfernt wuchs ich auf in einer kleinen Laube mit Vater, Mutter, meinen Schwestern und zahlreichen Hühnern. Wir kannten das Grenzpersonal: die Zöllner im Westen, die Grenzpolizisten im Osten, und mit einigen, die hier draußen regelmäßig Dienst taten, waren wir gut befreundet. Spielerisch pendelten wir zwischen den politischen Welten, ohne Schimmer von ideologischen Ausrichtungen, ohne Sinn für die hoheitlichen Aufgaben so vieler Uniformierter, die meist nur herumstanden und, wenn sie gerade nicht gelangweilt durchs Fernglas stierten, Löcher in die hier draußen besonders gute Berliner Luft guckten.
Sie waren dankbar für jede Abwechslung, wozu wir Kinder lebhaft beitrugen. Wir bewunderten die blitzenden Knöpfe ihrer Uniformen, probierten Mützen auf, ließen uns Funkgerät und Stahlrute erklären, spielten mit ihnen Ball oder pflückten an den Chausseeböschungen Schnittlauch und Sauerampfer, den wir lachend aßen mit diesen Beamten – meist junge, heitere Burschen in öden, langweiligen Berufen.
Bei den Grenzpolizisten auf östlicher Seite faszinierten uns die Kalaschnikows, die wir manchmal sogar anfassen durften, schwer beeindruckt vom Gewicht dieser Waffen. Dabei lagen die zumeist jugendlichen Soldaten im Gras, kauten Halme oder rauchten filterlose Zigaretten und amüsierten sich über unsere staunenden Blicke. Kam die Wachablösung in dunkelgrünen Lkws, dann durften wir schon mal mit in den Mannschaftswagen steigen und neben den Grenzsoldaten sitzen, wobei wir uns groß und stark fühlten.
Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann, der mit acht Jahren in Lübars den Mauerbau erlebte
Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann erlebte mit acht Jahren in Lübars den Mauerbau.
© privat
Bereits wenige Tage nach dem 13. August begann Ulbrichts Regime damit, den sogenannten antifaschistischen Schutzwall auszubauen. Unsere Chaussee wurde einfach zugemauert. Um jeden Zentimeter wurde gerungen. Die Westpolizisten drängten gegen die mächtigen Steinplatten, die vom Haken eines Kranwagens herabgelassen wurden, damit sie auch nicht über der mit Kreide gezogenen Linie aufgestellt werden konnten.
Unbegreiflich, warum wir nicht mehr zur Birnenallee durften, die plötzlich feindliches Gebiet sein sollte, obwohl sie aussah wie immer.
Rolf Lehmann, Tagesspiegel-Leser, war acht Jahre alt, als der SED-Staat die Grenze dichtmachte.
Die Bewohner aus den umliegenden Laubenkolonien, aber auch Schaulustige aus der Stadt in bunten Ausgehröcken mit dunklen Sonnenbrillen und wedelnden Fotoapparaten, die aus ihren Käfern und Isettas sprangen, wohnten dem Schauspiel bei, das unaufhaltsam zu einer Tragödie geriet. Amtsträger beider Seiten brüllten sich an und drohten. Ich starrte gebannt auf das, was sich ungeheuerlicher Weise zutrug, und mir war bang.
Unbegreiflich, warum wir nicht mehr zur Birnenallee durften, die plötzlich feindliches Gebiet sein sollte, obwohl sie aussah wie immer und die Früchte wieder satt und schwer an den Ästen zogen. Die Grenze wurde von Tag zu Tag undurchdringlicher. Neben der Mauer begann man, einen ersten Zaun zu ziehen, und jetzt war es nicht mehr nur verboten, sondern unmöglich, zur Birnenallee zu gelangen.
Zwei der Grenzpolizisten, die wir besonders mochten, blickten durch den Zaun zu uns in den Westen, wo ich ratlos, bedrückt und verlegen zu ihnen herüberwinkte. Uns verband eine ungleiche, aber sommerleichte Freundschaft, die nicht mehr lebbar war. Ich sah sie nie wieder. Denn die DDR begann, ihre Truppen auszutauschen, um die Fluchtgefahr zu minimieren. Beziehungen zu verunmöglichen war Programm, eine weitere Variante deutscher Gründlichkeit. Die Berliner wurden nach Thüringen versetzt, Sachsen kamen nach Berlin.
Dann fielen die Birnenbäume
Die Wut der Westler über Mauer und Zaun drückte sich lange in lautstarken und handfesten Protesten aus, insbesondere seitens der Jugendlichen und Halbwüchsigen, die die Absperrungen beschädigten und die Tränengasbomben kurzerhand zurückwarfen, die die Volksarmisten einsetzten, um die Rowdys zu vertreiben, die meine volle Sympathie gewannen.
Der SED-Staat steigerte sich in der Verschlimmerung der Situation. Eines Morgens wurden wir Grenzanrainer von sehr lauter Musik geweckt. Der Osten beschallte den Westen und die eigenen Trupps von Pionieren und Bausoldaten mit Kampfliedern. Man begann hinter den Absperrungen alles mit Stumpf und Stiel auszurotten, was Knöchelhöhe übertraf.
Zwischen den Agitprop-Liedern peitschten Parolen die Massen von schuftenden Leibern an, die mit nackten Oberkörpern Schaufeln schwangen und Motorsägen bedienten, mit denen sie unfassbarer Weise die komplette Birnenallee fällten, um freies Sicht- und Schussfeld zu gewinnen. Fassungslos mussten wir mit ansehen, wie die stattlichen Bäume zu Boden krachten und die ungepflückten Birnen am Boden zerplatzten.
Schließlich zogen kleine, hässliche Panzerfahrzeuge mit klirrenden Ketten die Stümpfe aus der Erde, wobei sie sich aufbäumten wie wütende Echsen. Da rannte ich nach Hause, berichtete was geschehen war, und heulte in den Armen meiner Mutter, die, sprachlos vor Entsetzen, leise in mein Weinen einstimmte.
Einige Jahre später, die DDR hatte ihre Sperranlagen vervollkommnet, schätzten wir Teenager, die wir anfingen, Diskotheken zu besuchen, dass wir nicht länger im Stockfinsteren die Chaussee langlaufen mussten, weil die an der Grenze entlang installierten Lampen ironischerweise so viel Licht gen Westen warfen, dass wir uns nicht mehr in der Finsternis fürchten mussten. Dazu trugen auch abgefeuerte Leuchtkugeln bei und das Gebell der Wachhunde im Todesstreifen, wie auch das gelegentliche Aufheulen der Zweitaktmotoren.
Wir hatten uns an die Mauer gewöhnt, von der wir annahmen, dass sie für immer bleiben würde. Als sie dann wundersamerweise fiel, war ich selbst längst Vater geworden. Da war mein ältester Sohn – der Äpfel bevorzugte – so jung wie ich, als die Birnbäume gefällt wurden.











