• Media TLV 2026 : Zionistisches Gruselkabinett
    https://www.jungewelt.de/artikel/529556.tag-der-wohnungslosen-menschen-enteignung-von-oben.html

    11.9.2026 von Jakob Reimann - Mediengipfel in München: Treffen zumeist rechter, proisraelischer Vertreter aus Medien, Kultur und Politik beginnt am Montag

    Anfang nächster Woche trifft sich in München das Who’s who der rechten proisraelischen Medienwelt zum »Media TLV 2026: Israeli–European Summit«. Mit mehr als 2.000 Teilnehmenden, 150 Referenten und 40 Panels sowie Keynotes, so die Eigenwerbung, soll der »internationale Gipfel« Journalisten, politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Künstler und Technologieexperten zusammenbringen, »um zu analysieren, wie Kriege, Extremismus, Antisemitismus und digitale Medien die Demokratien neu gestalten«.

    Auf den Panels befindet sich neben ehemaligen und aktuellen Mitgliedern der israelischen oder bayerischen Regierung und hochrangigen Vertretern jüdischer Organisationen eine Fülle von Kunstschaffenden und medial bekannten Vertretern aus dem rechten Journalismus- und NGO-Spektrum. Nicholas Potter, dieses Jahr von Taz zu Springer übergelaufen, wird mit Rapper Ben Salomo über »Auswirkungen antisemitischer Radikalisierung« sprechen. Der Psychologe Ahmad Mansour, dessen rechtes Geseier in allen bundesdeutschen Talkshows zu Themen wie Migration, Islam und Palästina-Solidarität nachgefragt ist, diskutiert mit dem Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, über »Extremismus und Hassrede« – damit kennen sich beide aus.

    Der österreichische Offizier Matthias Wasinger, der für die NATO in Brüssel gearbeitet hat, behandelt die »neue Ära der Kriege«. Als Feigenblatt dient das palästinensisch-israelische Panel »Die Zukunft heißt Frieden«, auf dem unter anderem die Friedensaktivisten Aziz Abu Sarah und Maoz Inon diskutieren sollen. Vor der Kaffeepause am Dienstag wird auch die Schauspielerin Uschi Glas zu hören sein: Die machte zuletzt 2025 Schlagzeilen, nachdem sie in der Hoffnung, jüdische Vorfahren zu entdecken, einen Familienforscher beauftragt hatte, der dementgegen die Laufbahn ihres Vaters bei der Waffen-SS aufdeckt hatte. Für musikalische Unterhaltung sorgt Liedermacher Wolf Biermann.

    Neben der Reporterin Susanne Glass vom BR wird der Mediengipfel von der in Israel lebenden Bloggerin und Podcasterin Jenny Havemann organisiert. Letztere bezeichnete die in der palästinasolidarischen Bewegung als Zeichen der Verbundenheit mit den Palästinensern geltende Wassermelone als »antisemitische Dog Whistle«, die Palästinensern »zur Inszenierung als angebliche Opfer einer zionistischen Weltverschwörung« diene. Zweiter Medienpartner ist die Jüdische Allgemeine (JA). In dem rechtskonservativen Blatt fanden sich in der Vergangenheit Schlagzeilen wie »Gaza macht frei« (Meinungsbeitrag von Ralf Balke), »Die Zivilisten in Gaza sind nicht unschuldig« (Meinungsbeitrag von Tobias Huch) oder »Die postkoloniale Endlösung« vom JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel.

    Konservative bis rechte Interessenverbände wie CSU- und FDP-nahe Stiftungen, der Zentralrat der Juden oder der Verein Werteinitiative sind als Kooperationspartner gelistet. Auch der sogenannte Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, wird nicht fehlen. Die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz bezeichnete Klein ob seiner autoritären und repressiven Politik gegen Kritiker israelischer Verbrechen als »Deutschlands Antisemitismus-Zar«. Die meisten der als Partner gelisteten Organisationen werden zu einem überwiegenden oder bedeutenden Teil aus Steuergeldern finanziert. Das gilt auch für den Münchener Ableger der rechten proisraelischen Lobbygruppe Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) beziehungsweise deren Jugendorganisation Junges Forum. Laut dem Lobbyregister des Bundestages erhielt die DIG im vergangenen Jahr bis zu 650.000 Euro vom Auswärtigen Amt, was den überwiegenden Teil ihres Haushalts ausmacht.

    Ein Bündnis aus Ortsgruppen von Palästina spricht, Academics for Justice und Uni for Palestine veranstaltet am Montag um 18 Uhr auf dem Marienplatz eine Demonstration gegen den Mediengipfel. Im Aufruf heißt es: »Keine Bühne für zionistische, rassistische Propaganda in München!«

    11.9.2026 von Jakob Reimann - Mediengipfel in München: Treffen zumeist rechter, proisraelischer Vertreter aus Medien, Kultur und Politik beginnt am Montag

    Anfang nächster Woche trifft sich in München das Who’s who der rechten proisraelischen Medienwelt zum »Media TLV 2026: Israeli–European Summit«. Mit mehr als 2.000 Teilnehmenden, 150 Referenten und 40 Panels sowie Keynotes, so die Eigenwerbung, soll der »internationale Gipfel« Journalisten, politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Künstler und Technologieexperten zusammenbringen, »um zu analysieren, wie Kriege, Extremismus, Antisemitismus und digitale Medien die Demokratien neu gestalten«.

    Auf den Panels befindet sich neben ehemaligen und aktuellen Mitgliedern der israelischen oder bayerischen Regierung und hochrangigen Vertretern jüdischer Organisationen eine Fülle von Kunstschaffenden und medial bekannten Vertretern aus dem rechten Journalismus- und NGO-Spektrum. Nicholas Potter, dieses Jahr von Taz zu Springer übergelaufen, wird mit Rapper Ben Salomo über »Auswirkungen antisemitischer Radikalisierung« sprechen. Der Psychologe Ahmad Mansour, dessen rechtes Geseier in allen bundesdeutschen Talkshows zu Themen wie Migration, Islam und Palästina-Solidarität nachgefragt ist, diskutiert mit dem Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, über »Extremismus und Hassrede« – damit kennen sich beide aus.

    Der österreichische Offizier Matthias Wasinger, der für die NATO in Brüssel gearbeitet hat, behandelt die »neue Ära der Kriege«. Als Feigenblatt dient das palästinensisch-israelische Panel »Die Zukunft heißt Frieden«, auf dem unter anderem die Friedensaktivisten Aziz Abu Sarah und Maoz Inon diskutieren sollen. Vor der Kaffeepause am Dienstag wird auch die Schauspielerin Uschi Glas zu hören sein: Die machte zuletzt 2025 Schlagzeilen, nachdem sie in der Hoffnung, jüdische Vorfahren zu entdecken, einen Familienforscher beauftragt hatte, der dementgegen die Laufbahn ihres Vaters bei der Waffen-SS aufdeckt hatte. Für musikalische Unterhaltung sorgt Liedermacher Wolf Biermann.

    Neben der Reporterin Susanne Glass vom BR wird der Mediengipfel von der in Israel lebenden Bloggerin und Podcasterin Jenny Havemann organisiert. Letztere bezeichnete die in der palästinasolidarischen Bewegung als Zeichen der Verbundenheit mit den Palästinensern geltende Wassermelone als »antisemitische Dog Whistle«, die Palästinensern »zur Inszenierung als angebliche Opfer einer zionistischen Weltverschwörung« diene. Zweiter Medienpartner ist die Jüdische Allgemeine (JA). In dem rechtskonservativen Blatt fanden sich in der Vergangenheit Schlagzeilen wie »Gaza macht frei« (Meinungsbeitrag von Ralf Balke), »Die Zivilisten in Gaza sind nicht unschuldig« (Meinungsbeitrag von Tobias Huch) oder »Die postkoloniale Endlösung« vom JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel.

    Konservative bis rechte Interessenverbände wie CSU- und FDP-nahe Stiftungen, der Zentralrat der Juden oder der Verein Werteinitiative sind als Kooperationspartner gelistet. Auch der sogenannte Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, wird nicht fehlen. Die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz bezeichnete Klein ob seiner autoritären und repressiven Politik gegen Kritiker israelischer Verbrechen als »Deutschlands Antisemitismus-Zar«. Die meisten der als Partner gelisteten Organisationen werden zu einem überwiegenden oder bedeutenden Teil aus Steuergeldern finanziert. Das gilt auch für den Münchener Ableger der rechten proisraelischen Lobbygruppe Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) beziehungsweise deren Jugendorganisation Junges Forum. Laut dem Lobbyregister des Bundestages erhielt die DIG im vergangenen Jahr bis zu 650.000 Euro vom Auswärtigen Amt, was den überwiegenden Teil ihres Haushalts ausmacht.

    Ein Bündnis aus Ortsgruppen von Palästina spricht, Academics for Justice und Uni for Palestine veranstaltet am Montag um 18 Uhr auf dem Marienplatz eine Demonstration gegen den Mediengipfel. Im Aufruf heißt es: »Keine Bühne für zionistische, rassistische Propaganda in München!«

    #Allemagne #Munich #philosemitisme #médias

  • Der Checkpoint am Morgen
    https://www.tagesspiegel.de/checkpoint/der-checkpoint-am-morgen-linke-wusste-von-antisemitischen-texten-des-ra

    Délire philosemite du jour : le journal de droite Tagesspiegel s’énerve à cause d’un rappeur solidaire de la cause palestinienne á une fête du parti Die Linke . Les élections du mois prochain favorisent les dénonciations comme antisemite de tout et chacun qu’on n’aime pas. Ce n’est pas drôle car les ultras anti-antisemites rendent difficile l’identification des véritables antisemites dangereux.

    31.8.2026
    ...
    Es ist ein starker Satz, den Stefan Evers (CDU) am Ende eines denkwürdigen Wochenendes spricht: „Wer jüdisches Leben bedroht, greift unsere Stadt an.“ Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, doch ist sie das in Teilen Berlins keineswegs. Bei einer Wahlveranstaltung der Linken in Neukölln am Sonnabend rief der Rapper Dahabflex in einem Song zu Gewalt gegen Israel und israelische Soldaten auf. Kurz vor dem Ende der Versammlung präsentierte er den Song „Stop the Genocide“ („Stoppt den Völkermord“). Darin heißt es unter anderem „Yalla Yalla Intifada – Westbank, Palästina, Gaza“ sowie „Death to the IDF“ („Tod der israelischen Armee“). Beide Slogans wurden deutlich erkennbar und wiederholt vorgetragen. Trotzdem griff niemand ein.

    Die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, verurteilte den Auftritt am Sonntagnachmittag „aufs Schärfste“ und forderte Aufklärung. „Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen sind absolut inakzeptabel“, teilte sie am Nachmittag mit. „Ich bin entsetzt, die Verantwortlichen hätten sofort intervenieren müssen.“

    Die Frage ist: Hat die Spitzenkandidatin überhaupt Einfluss auf den Bezirksverband Neukölln, der bereits in der Vergangenheit immer wieder durch Israel-Hass und Hamas-Nähe aufgefallen war? Eralps Position dazu können Sie in unserer Video-Interview-Reihe zur Wahl hier nachschauen. „Wir stehen ganz klar an der Seite jüdischer Menschen“, sagte sie dort. „Wir verteidigen das Existenzrecht Israels.“ Wie ernst sie das wirklich meint, muss sie nun beweisen.

    Klar ist: Die Linke in Neukölln wusste, wen sie da einlädt. Die Autorin Marina Renner, langjährige Bundestagsabgeordnete, frühere stellvertretende Bundesvorsitzende der Linken und anerkannte Expertin für Rechtsextremismus, hatte schon vor einem Jahr auf die Texte des Rappers hingewiesen. Entsprechende Nachrichten liegen dem Checkpoint vor. Darin heißt es: „Das wusste auch die Partei.“ Nur wollte da offenbar niemand genauer hinhören. Oder eben doch.
    ...

    „Yalla Yalla Intifada“ : Offener Judenhass im Wahlkampf der Neuköllner Linken – Grüne zweifeln an Regierungsfähigkeit
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/yalla-yalla-intifada-offener-judenhass-im-wahlkampf-der-neukollner-link

    Voici les détails qui montrent comment l’accusation d’antisemitisme sert à faire de la propagande anti-gauche.

    30.8.2026 von Robert Kiesel - Die Linke Neukölln steht wegen israelkritischer Äußerungen im Fokus. Der Auftritt eines Rappers bringt die Partei in Erklärungsnot. „Ich bin entsetzt“, erklärt Spitzenkandidatin Elif Eralp.

    Auf einer Wahlkampfkundgebung der Linken Neukölln ist es am Samstagabend zu Gewaltaufrufen gegen den Staat Israel und Angehörige des israelischen Militärs gekommen.

    Formuliert hat die Aussagen der auf Einladung der Linken aufgetretene Rapper Dahabflex. Kurz vor dem Ende der Versammlung präsentierte er den Song „Stop the Genocide“ (Stoppt den Völkermord). Darin heißt es unter anderem „Yalla Yalla Intifada – Westbank, Palästina, Gaza“ sowie „Death to the IDF“ (Tod der israelischen Armee).

    Beide Slogans wurden von Dahabflex deutlich erkennbar und wiederholt vorgetragen. Sie gelten als klare Gewaltaufrufe gegen den Staat Israel, dessen Einwohner und Mitglieder der israelischen Streitkräfte (IDF).
    Besucher tanzen zum Israelhass

    Während des Songs tanzten zahlreiche, mehrheitlich jugendliche Besucher der Kundgebung und sangen den Text mit. Eine Palästina-Flagge wurde geschwungen, einzelne Besucher vermummten sich.

    Elif Eralp spielt dabei das Feigenblatt.

    Stefan Evers (CDU) attackiert die Linke-Spitzenkandidatin.

    Noch während des Auftritts betrat Hermann Nehls, Co-Vorsitzender der Linken Neukölln, kurzzeitig die Bühne und machte Fotos. Eine Einordnung oder Distanzierung der Textpassagen erfolgte weder durch ihn noch ein anderes Mitglied der Linken Neukölln unmittelbar im Anschluss an den Auftritt.

    Am Sonntag erklärte Nehls: „Der Song gehörte nicht zum vorher mit uns abgesprochenen künstlerischen Programm und wurde am Ende der Veranstaltung spontan aufgeführt.“ Es sei „völlig klar, dass Aufrufe zu Gewalt gegen Personen nicht gehen – weder in Liedtexten noch in anderer Form.“ Die Linke Neukölln werde den Abend „nun intern aufarbeiten“
    SPD-Spitzenkandidat Krach: „Lackmustest, wo Linke steht“

    Ebenfalls am Sonntag äußerten sich die Spitzenkandidaten von CDU, Grünen und SPD zu dem Vorfall. „Antisemitismus ist bei der Berliner Linkspartei längst kein Ausrutscher mehr, sondern Teil ihres politischen Systems. Elif Eralp spielt dabei das Feigenblatt“, erklärte Stefan Evers (CDU) mit Bezug auf die Spitzenkandidatin der Berliner Linken, die in Neukölln aber nicht anwesend war. Evers forderte Grüne und SPD auf, eine Zusammenarbeit mit der Linken auszuschließen.

    Werner Graf von den Grünen sagte: „Aufrufe zur Gewalt und die Infragestellung des Existenzrechts Israels sind niemals akzeptabel. Die Linken-Spitze um Elif Eralp muss unmissverständlich klarmachen, dass auch sie dergleichen nicht hinnimmt, schon gar nicht als Teil des Linken-Wahlkampfes. Ich erwarte hier eine klare Distanzierung. Alles andere lässt daran zweifeln, ob diese Linke in Berlin überhaupt regieren kann und will.“

    Steffen Krach, Spitzenkandidat der Berliner SPD, erklärte: „Ich finde es unerträglich, dass die Linke auf ihrer Wahlkampfveranstaltung Israelhass eine Bühne geboten hat. Ich erwarte jetzt nicht nur Worte, sondern das entschlossene Handeln, das Spitzenkandidatin Eralp selbst immer versprochen hat. Das ist jetzt der Lackmustest, wo die Linke Berlin steht.“
    Linke-Spitzenkandidatin Eralp: „Absolut inakzeptabel“

    Eralp äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht zu dem Vorfall. An ihrer Stelle erklärte Landeschefin Kerstin Wolter, sie sei „stinksauer über den Liedtext, der dort offenbar gesungen wurde“. Ein Aufruf zur Tötung von Zivilisten und Soldaten „geht gar nicht“, sagte sie und forderte von der Linke Neukölln Aufklärung und „Konsequenzen“.

    Später bezog Eralp dann doch Stellung. „Wie meine Parteivorsitzende Kerstin Wolter verurteile ich den Auftritt in Neukölln aufs Schärfste. Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen sind absolut inakzeptabel“, teilte sie am Nachmittag der Deutschen Presse-Agentur mit. „Ich bin entsetzt, die Verantwortlichen hätten sofort intervenieren müssen.“

    Eralp erklärte weiter: „Der Bezirksverband Neukölln hat den Sänger eingeladen, ich erwarte, dass dort aufgeklärt wird, wie es zu so einer Grenzüberschreitung kommen konnte, und dass es Konsequenzen gibt. Ich stehe klar für den Schutz von jüdischem Leben und gegen jede Form von Antisemitismus.“
    Dahabflex-Song klarer Aufruf zur Gewalt

    Der Begriff „Intifada“ heißt wörtlich „abschütteln“, bezeichnet aber vor allem die gewaltsamen und auf beiden Seiten tödlichen Aufstände der palästinensischen Bevölkerung gegen die israelische Besatzung in den Jahren 1987 bis 1993 (erste Intifada) und 2000 bis 2005 (zweite Intifada).

    Durch Attacken und Selbstmordanschläge wurden dabei mehr als 1000 Israelis getötet. Die Zahl der durch das israelische Militär getöteten Palästinenser lag um ein Vielfaches höher. Kombiniert mit dem Aufruf „Yalla“ – arabisch für „Los“ oder „Los geht’s“ – stellt die Parole einen eindeutigen Gewaltaufruf dar.
    Linke spricht von 1000 Gästen in Neukölln

    Der Auftritt des wegen seiner politischen Statements und Texte umstrittenen Rappers – Dahabflex bezieht sich etwa positiv auf die palästinensische Terrororganisation PFLP – war Teil einer Kundgebung unter dem Titel „Wütend auf den Kapitalismus“. Diese hatte der Theaterregisseur Volker Lösch gemeinsam mit der Linken organisiert.

    Neben den Auftritten von Dahabflex und der Rapperin Antifuchs gab es von Lösch moderierte Gespräche mit Kandidierenden der Linken in Neukölln und Treptow‑Köpenick. Daneben traten zahlreiche Akteure aus der Zivilgesellschaft auf, unter anderem Deborah Feldman und Matthias Lilienthal, Intendant der Berliner Volksbühne. Parteiangaben zufolge besuchten rund 1000 Menschen die Kundgebung.

    Innerhalb der Berliner Linken gilt der Neuköllner Kreisverband wegen seiner Position zum Krieg im Nahen Osten als problematisch. Immer wieder hatten Vertreter und Mandatsträger mit Israelkritik auf sich aufmerksam gemacht, den Vorwurf des Antisemitismus aber weit von sich gewiesen.

    Als besonders exponiert gelten dabei der Bürgermeisterkandidat Ahmed Abed sowie der 2025 direkt in den Bundestag gewählte Ferat Kocak. Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Berliner Linken für die Abgeordnetenhauswahl, hatte den Vorwurf des Antisemitismus gegen Mitglieder der Partei zuletzt stets zurückgewiesen.

    #Allemagne #Berlin #Neukölln #philosemitisme

  • La querelle qui n’en finit pas, I Sartre et Camus pour le XXIe siècle, Juliette Simont
    https://lestempsquirestent.org/fr/numeros/numero-2/la-querelle-qui-n-en-finit-pas-sartre-et-camus-pour-le-xxie-siec

    Par où commencer ? Si, comme l’écrit Sartre à propos de Flaubert, « on entre dans un mort comme dans un moulin », s’agissant de deux morts, les voies d’entrée sont démultipliées. L’Homme révolté, occasion de la rupture ? La question coloniale, point de départ du livre d’Olivier Gloag [Oublier Camus], dont il sera aussi question ici, et dont l’inspiration est « décoloniale » ? Ces fils, de toute façon, s’enchevêtrent. Je partirai du nœud matriciel du conflit : 1952 aux Temps Modernes.

    Juliette Simont fut l’adjointe de Claude Lanzmann aux #Temps_Modernes pendant plus de quinze ans et a beaucoup contribué au fonctionnement de cette revue, dont elle a coordonné, édité et parfois entièrement conçu d’innombrables numéros. (TQR)

    #philosophie #politique #Guerre_d'Algérie #Guerre_froide #histoire #sociologie_des_intellectuels

  • L’Unité du monde. Carl Schmitt inédit
    https://legrandcontinent.eu/fr/2025/04/06/lunite-du-monde-carl-schmitt-inedit

    « C’est pourquoi je considère la dualité actuelle du monde non comme une étape préalable à son unité mais comme le passage vers une multiplicité nouvelle. »

    À la veille du quarantième anniversaire de sa mort, nous publions la première traduction scientifique et l’édition critique d’un texte fondateur de la #géopolitique de #Carl_Schmitt.

    Initialement prononcé sous forme de conférence en Espagne en 1951, le présent article constitue l’unique contribution du philosophe et juriste Carl Schmitt à la revue Merkur, où il paraît en janvier 1952 . Sa publication fit scandale (...). Toutefois, la réflexion de Schmitt, qui inaugure une série d’articles consacrés à la nouvelle guerre froide dans les années 1950-1960, témoigne d’une assimilation conceptuelle de la défaite du « Reich de mille ans », auquel l’auteur avait un temps lié l’espoir d’un droit nouveau, et de la nécessité de repenser l’#ordre_international d’après-guerre. Schmitt y défend la thèse selon laquelle la « dualité actuelle du monde » — par où il désigne l’affrontement entre les États-Unis et l’Union soviétique — ne relève pas d’« une étape préalable à son unité », comme le suggère l’universalisme politique des droits humains promu par les Nations Unies sous hégémonie américaine, mais constitue plutôt « le passage vers une multiplicité nouvelle ». Transposée dans notre présent, cette idée schmittienne apparaît comme une critique anticipée des discours sur la « fin de l’histoire », aujourd’hui mise en échec par la montée des rivalités géopolitiques et la résurgence du néo-mercantilisme à l’époque de la « seconde guerre froide ».

    [...]

    Selon Kervégan, quatre arguments peuvent être dégagés des écrits de Schmitt pour justifier l’hypothèse d’un #ordre_mondial fondé sur une nouvelle multiplicité de puissances, que ce dernier qualifie par ailleurs de « pluraliste et #multipolaire » . Premièrement, Schmitt récuse la thèse d’une unification du monde par la technique. Certes, « les ennemis se rejoignent en ce qui concerne l’auto-interprétation historique de leurs situations respectives », dans la mesure où la philosophie de l’histoire progressiste transcende le rideau de fer. Mais selon lui, la technique ne saurait résoudre le problème de l’unité au sens proprement politique du terme. Deuxièmement, il interprète la guerre froide comme une reconfiguration de l’opposition, formulée dès De la terre et de la mer, entre #puissances_maritimes (d’abord l’Angleterre puis les États-Unis) et #puissances_continentales dont fait partie l’Union soviétique — opposition qui empêche toute unification réelle de l’ordre mondial. Troisièmement, Schmitt soutient que « la terre excédera toujours la somme des points de vue et horizons qui forment l’alternative du dualisme actuel du monde », et qu’« il y a toujours un troisième facteur, voire sans doute plusieurs facteurs tiers ». En évoquant la Chine, l’Inde, l’Europe, le monde hispano-lusitanien ou encore le bloc arabe, il anticipe ainsi la notion de Tiers-Monde, que le démographe Alfred Sauvy contribuera à populariser quelques mois plus tard. Enfin, si Schmitt reconnaît que « la philosophie de l’histoire se fait force historique », comme l’illustre selon lui la guerre froide, il affirme aussi que « l’#histoire excède toute #philosophie_de_l’histoire ». Ce credo du philosophe exprime « la méfiance du machiavélien proclamé qu’il est envers des constructions idéologiques qui masquent et servent à la fois le conflit des puissances ».

    #monde_multipolaire

  • Défense de la liberté de philosopher
    https://blogs.mediapart.fr/aas-08/blog/170826/defense-de-la-liberte-de-philosopher

    Les associations et les séminaires spinozistes actifs dans différentes parties du monde –dont le projet est de faire connaître et de diffuser la pensée de Spinoza – s’élèvent vigoureusement contre la décision du gouvernement italien d’exclure le philosophe juif hollandais d’origine ibérique, des programmes des lycées ; le même sort est réservé, par les nouvelles « Indicazioni Nazionali per i Licei » du 23 avril 2026 du gouvernement Meloni, à plusieurs autres grands philosophes classiques de la #pensée_critique, dont une partie de la philosophie allemande avec l’exclusion de Leibniz, de Kant – dont le criticisme est amputé de ses aspects moraux et historico-politiques –, de Marx, de Fichte et de Schelling…

    En 1670, au cœur de la Libre République des Provinces Unies, en publiant son Tractatus theologico-politicus, Spinoza défendait la liberté de philosopher mise en danger par les partisans d’un pouvoir monarchique et d’une théologie intolérante adversaire du pluralisme des opinions, des croyances et de la libre #recherche en philosophie et dans les sciences. S’attaquer aujourd’hui à la pensée de Spinoza, aux racines historiques du #rationalisme et de la pensée critique, c’est vouloir bâillonner la liberté de pensée et de parole que l’École a pourtant pour devoir d’apporter à l’ensemble des citoyens.

    Exclure des études la philosophie de Spinoza (ainsi que des penseurs fondamentaux formateurs de la pensée critique) est aussi absurde que dangereux. Comme l’enseigne le Tractatus theologico-politicus, la liberté de philosopher est indispensable à la paix et à la sécurité de la République et vouloir la réduire c’est nécessairement engendrer la corruption des principes de la vie commune.

    #stronzo #philosophie #enseignement #programme_scolaire #censure_académique #fascisation #Italie

    • Ces dernières semaines, les nouvelles Instructions nationales pour les lycées, promulguées le 23 avril dernier par le ministre de l’Instruction et du Mérite, Giuseppe Valditara, ont suscité un large débat public en Italie. [...] En devant indiquer — même à titre indicatif et non contraignant — quels sont les philosophes et les philosophes appartenant au canon des auteurs dignes d’être étudiés, les Indicazioni nazionali procèdent à l’exclusion téméraire de certains grands classiques de la tradition moderne et contemporaine, véritables géants de la philosophie rationaliste et matérialiste et, plus généralement, de la pensée critique.

      Pour s’en tenir aux cas les plus déconcertants : les lignes directrices excluent de la liste des auteurs Spinoza, Leibniz (à l’exception d’une référence au seul Leibniz « logicien » — circonstance qui se passe de commentaire — dans les lignes directrices pour le Liceo Classico) et Marx ; elles ne résolvent pas la lacune, déjà présente dans les instructions précédentes, qui préconise d’étudier « au moins un » auteur parmi Hobbes, Locke et Rousseau, suggérant implicitement de ne pas approfondir les différentes options qui ont déterminé la constitution même de la rationalité politique moderne ; elles limitent l’étude d’un auteur aussi décisif que Kant à la seule « idée de critique », amputant le criticisme dans ses aspects moraux et historico-politiques ; elles ignorent Fichte et Schelling, déracinant ainsi la philosophie classique allemande du panorama de la pensée moderne. Ces exclusions ne sont pas innocentes : à la place des auteurs supprimés figurent une « philosophie italienne du XIXe siècle » laissée sans définition précise et le « néo-idéalisme de Croce et Gentile », présenté de surcroît de manière entièrement coupée de la tradition du marxisme italien et de la critique qu’en a faite Gramsci.

      Il est évident que la composition de cette liste reflète un projet précis d’« hégémonie culturelle » que le gouvernement sortant tente d’imposer au monde scolaire comme legs de législature. La méthode adoptée aggrave le problème : la proposition est le résultat de consultations n’ayant impliqué qu’un nombre très limité d’experts nommés par le ministère, sans aucune discussion élargie et partagée avec la communauté académique et scolaire. Une méthode verticale pour un résultat régressif.

      https://dialoguesdeplaton.substack.com/p/defendre-lenseignement-de-la-philosophie-47e

    • Bannir des philosophes, la philosophie, l’histoire

      (...) cette opération « culturelle » s’accompagne de l’introduction d’une nouvelle « modalité thématique » d’#enseignement de la philosophie, derrière laquelle se dissimule la volonté de diluer le cadrage historico-critique des problématiques philosophiques, en oblitérant l’#histoire et en neutralisant la profondeur critique de la discipline. Cette dérive méthodologique se combine avec un déséquilibre chronologique tout aussi grave : la hâte d’étendre l’enseignement jusqu’au XXIe siècle se fait au détriment de l’approfondissement du XIXe et surtout du XXe siècle, qui se trouverait encore davantage comprimé au profit d’un regard approximatif sur l’actualité la plus immédiate.

      Ces choix ne sont pas la coïncidence fortuite de maladresses malheureuses : ils sont les parties organiques d’un projet unitaire, dont le résultat est de livrer aux nouvelles générations une #formation faible, sans souffle critique, incapable de fournir les outils nécessaires pour comprendre la complexité du monde contemporain.

      #Lumières_éteintes #néofascisme

  • De ce côté-ci de l’Éden : Marx et la critique du religionnisme, par Ernst Lohoff - Palim Psao
    https://www.palim-psao.fr/2026/08/de-ce-cote-ci-de-l-eden-marx-et-la-critique-du-religionnisme-par-ernst-lo

    Le reproche de « faire abstraction du cours de l’histoire » n’est pas fortuit ici, et il ne vise pas uniquement Feuerbach et son argumentation ouvertement anthropologique ; il renvoie bien davantage à la différence fondamentale entre la critique de la religion dans son ensemble, animée par l’esprit des Lumières, et la perspective sous laquelle la théorie marxiste appréhende les phénomènes religieux. La critique de la religion, avant comme après Marx, a toujours fait découler le besoin de recourir à une instance surnaturelle de la conditio humana. Cela implique tout d’abord une déshistoricisation, dans la mesure où l’on attribuait au religieux une source inépuisable. La critique classique de la religion misait sur le progrès de « la raison » et espérait que celle-ci dissuaderait de plus en plus les hommes, à l’avenir, de céder à leurs penchants religieux irrationnels ; elle n’envisageait toutefois pas la disparition de ces penchants. Il en va autrement chez Marx : en déplaçant l’origine du besoin religieux de l’individu vers l’ensemble des rapports sociaux, la croyance en « l’Éternel » devient en principe un phénomène éphémère. Elle est apparue au cours de l’évolution sociale et peut donc également perdre son objet et se dissoudre. Mais ce n’est en aucun cas tout. Si l’on prend au sérieux l’approche marxiste, on constate qu’elle jette également sur l’histoire interne du religieux un éclairage radicalement différent de celui de la critique classique de la religion.

    […]

    Si l’on s’en tient, en revanche, à la critique marxiste de la « trinité impie » du fétichisme de la marchandise, de l’argent et du capital, alors la métaphysique descend du ciel de l’esprit pour s’incarner dans les choses, et c’est précisément pour cette raison que le capitalisme doit être surmonté. Sous le capitalisme, le produit du travail humain se transforme, de manière absurde, en une « chose très alambiquée, pleine de subtilités métaphysiques et de caprices théologiques » (MEW 23, p. 85), tandis que les êtres humains, en contrepartie, se transforment en « masques économiques », en « personnifications des rapports économiques » (MEW 23, p. 100).

    La perspective émancipatrice change ainsi de manière décisive par rapport aux propos du jeune Marx. La libération sous le signe de la critique du fétichisme ne peut signifier que l’élimination de cet état aberrant de domination réifiée. Les êtres humains se libèrent en dépouillant les produits de leurs mains de leur caractère suprasensible et en les transformant en simples choses sensibles. Pour cela, ils doivent réorienter leurs rapports sociaux et en venir à interagir en tant qu’individus sociaux, plutôt qu’en tant qu’individus isolés. Mais il s’agit là d’un programme tout à fait différent de celui de la réalisation d’une quelconque « essence générique ». Du point de vue de la critique du fétichisme, penser l’émancipation, c’est penser de manière antimétaphysique. Le rêve communiste, c’est le rêve de la fin du cauchemar de la métaphysique-réelle de la domination réifiée, le rêve d’un « ici-bas » strictement terrestre.

    […]

    La pensée dominante tient avant tout à éviter de s’interroger sur le lien intrinsèque entre l’émergence d’un nouveau militantisme religieux épris d’apocalypse et les formes spécifiques de folie propres à la subjectivité postmoderne. Le moyen le plus simple d’y parvenir consiste toutefois à déclarer que les fanatiques néoreligieux d’obédience évangélique, islamiste ou hindouiste sont, dans leur manière de penser et de ressentir, de véritables fossiles vivants. Marx insiste, en revanche, sur le fait que même la pensée à connotation religieuse doit s’expliquer à partir du contexte des rapports sociaux dans lesquels elle s’inscrit, et en aucun cas de manière transhistorique. À cet égard, son approche offre une contre-perspective au discours dominant, qui archaïse les formes les plus effrayantes de la subjectivité moderne et s’en sert ainsi pour présenter sous un jour favorable le mode de vie et le système économique en vigueur.

    […]

    La nouvelle religiosité, quant à elle, ne revient en aucune manière sur ce transfert de la toute-puissance divine. La variante individualiste de la néoreligiosité, l’ésotérisme, est déjà révélatrice à cet égard. Les adeptes de l’ésotérisme agissent comme de prétendus « super-individus ». Il ne leur suffit pas de s’emparer du monde avec leurs facultés intellectuelles limitées et leur pouvoir d’achat restreint ; ils veulent également mobiliser des forces spirituelles à des fins personnelles. En conséquence, non seulement ils commandent sur Amazon comme tout un chacun, mais ils ne jurent que par les « commandes passées auprès de l’Univers », sans frais de port, qui, selon le texte de présentation du livre du même nom, livrent « le partenaire de rêve, l’emploi de rêve ou l’appartement de rêve et bien plus encore » franco domicile ‒ à condition de maîtriser la bonne technique de visualisation. De même, les courants fondamentalistes ne rétablissent en aucun cas l’ancienne croyance en l’insondabilité de la volonté divine ; au contraire, Dieu est mis au service des prétentions à la toute-puissance des communautés fondamentalistes. À cet égard, les « religionismes » de notre époque sont bien plus proches des religions classiques de ce monde que sont le socialisme et le nationalisme que de la religiosité prémoderne à laquelle ils se réfèrent officiellement.

    #Ernst_Lohoff #Karl_Marx #Ludwig_Feuerbach #religion #religionisme #critique_de_la_religion #philosophie #métaphysique #histoire #matérialisme

  • « Je ne suis pas utopiste, ni même pessimiste, ou encore optimiste : je suis un bisounours noir. J’ai un côté sombre, mais un cœur tout rose. »

    Pratiquer l’indifférence et le détachement pour préserver sa santé mentale, entre rejet de la politique et incapacité à détourner le regard face à la misère. Une traversée corrosive sur la tentation de l’apathie et les limites du « rien à foutre ».

    À lire sur La Psychothèque :

    https://www.psychotheque.com/rubrique-piquante/le-je-men-foutisme

    #philosophie #santementale #lapsychotheque #psychotheque #ecriture #essai #indifference #bisounoursnoir

  • Pierre Raiman, George Orwell × Raoul Peck : 2×-2=-4,
    https://sniadecky.wordpress.com/2026/08/11/raiman-orwell-peck
    https://desk-russie.eu/2026/04/06/george-orwell-x-raoul-peck-2x-2-4.html
    https://seenthis.net/messages/1169133

    Une dure recension du dernier film de Raoul Peck.

    Dans 1984, Winston Smith posait un axiome sur lequel reposait tout l’édifice de la résistance intérieure : la liberté, c’est la liberté de dire que deux et deux font quatre [3]. Or le film de Peck prend l’équation orwellienne et produit un résultat négatif. Orwell multiplié par Peck, ce n’est pas quatre : c’est moins quatre. Le cinéaste ne manque pas de talent, mais sa grille de lecture – anti-impérialiste, anticapitaliste, héritière d’une tradition marxiste qui n’a jamais admis et compris le concept de totalitarisme – le conduit à retrancher d’Orwell ce qui en constitue le cœur. Le spectateur en sort plus confus qu’il n’était entré. C’est ce rendez-vous manqué qu’il faut examiner : il dit quelque chose de la difficulté de l’intelligentsia occidentale à nommer le monde dans lequel nous vivons.

    […]

    Ce que Peck retient de Loznitsa prolonge l’effacement : pour l’immense majorité des spectateurs, le nom de Babi Yar n’évoquera rien ; ils verront des nazis allemands pendus par des bourreaux soviétiques devant une foule, sans savoir que cette foule regarde mourir les assassins de dizaines de milliers de Juifs. La séquence est vidée, par couches successives, nazie, soviétique et cinématographique de sa réalité juive.

    Traiter cette scène comme la variation d’un même thème qui relierait la justice rendue aux bourreaux de Babi Yar et la pantomime séditieuse du Capitole, c’est abolir toute distinction entre la justice, la terreur et la farce sinistre. Le fossé entre l’usage qu’en fait Loznitsa – patient, contextuel, hanté par le devoir de mémoire – et celui qu’en fait Peck – illustratif, instrumentalisé, dépouillé de sa substance – indique la distance entre un cinéaste qui donne à penser et celui qui assène. En laissant les images « parler d’elles-mêmes », Peck dissimule l’intervention la plus décisive – celle du monteur qui choisit l’ordre, le rythme et le voisinage.

    […]

    En dégradant les putschistes espagnols du rang de fascistes à celui de conservateurs, Peck les rapproche du présent américain. Ce glissement quasi imperceptible, est un cas d’école de ce qu’Orwell dénonçait : le langage politique imprécis ne reflète pas une pensée confuse, il la fabrique. Orwell, qui avait pris une balle dans la gorge sur le front d’Aragon pour combattre le fascisme, et qui avait risqué sa vie une seconde fois en échappant à la police stalinienne de Barcelone, méritait mieux qu’un euphémisme destiné à servir une analogie partisane.

    […]

    Peck ouvre l’œuvre d’Orwell comme une « boîte à outils » – la formule revient dans ses entretiens [20]. L’expression semble modeste ; elle est en réalité ruineuse. Une boîte à outils suppose des instruments utilisables séparément. On prend le tournevis « novlangue » pour la propagande trumpiste, le marteau « doublepensée » pour Fox News, la clé à molette « Big Brother » pour les caméras chinoises. Chaque outil est arraché au système qui lui donne sens. Le résultat est un film où tout se vaut : l’Empire britannique et le Goulag, la Silicon Valley et Pyongyang – bref l’abolition des distinctions.

    Une tout autre lecture est possible. 1984 n’est pas un répertoire de citations prophétiques mais un dispositif romanesque inédit, qui fonctionne comme un tout. La société d’Oceania n’est pas un hybride de l’Allemagne nazie et de la Russie stalinienne, mais un variant de deuxième génération [21] – un totalitarisme de laboratoire, épuré des scories de ses modèles et ramené à son essence. Orwell n’a décrit ni le passé ni le présent : il a inventé une machine à penser les totalitarismes futurs. Le noyau en est le pouvoir comme pure fin, une idée empruntée à l’oligarque Wickson dans Le Talon de fer de Jack London – le premier roman à avoir esquissé un système totalitaire [22].

    #film #documentaire #recension #Raoul_Peck #totalitarisme #autoritarisme #George_Orwell #le_cinéma_est_politique

    • Merci @rastapopoulos pour l’info. Je dirai quelque chose sur le film quand je l’aurai regardé.

      Pour le moment je ne peux que constater que les critiques citées partent d’un point de vue de l’idéologie du totalitarisme. C’est une idée confusionniste qui perturbe la réflexion quand on essaye de se faire une idée d’une oeuvre d’un auteur qui connaît bieden la philosophie dite marxiste ou socialisme scientifique.

      Le totalitarisme n’étant qu’une notion de propagande anticommuniste son utilisation nous mène nulle part. Elle est biaisée par son identification infondée du socialisme stalinien avec le nazisme allemand. Ce fond d’hypothèse axiomatique mène systématiquement toute réflexion à des résultats imprécis et floues dans le meilleur cas.

      Ceci vaut pour la grande oeuvre littéraire qu’est 1984. Orwell le voyant publie sa divination, son cauchemar lucide vise juste, mais il ne fournit ni analyse ni outil politique. Pourtant il se donne une allure plus politique que « Nous autres » (1920) de Evgueni Zamiatine et « Le Meilleur des mondes » (1932) d’Aldous Huxley parce qu’il décrit une organisation du monde en blocs ennemis tout à fait plausible pour ses contemporain et l’époque de la guerre froide.

      Aujourd’hui nous sommes confrontés à des défis plus importants qu’à l’époque d’Orwell. Les dernier développements mettent en cause profondément nos idées sur les systèmes politiques, l’éthique et la survie de l’espèce humaine.

      Alors si on veut avancer dans sa réflexion il faut aller plus loin et dépasser les systèmes de pensée anciens. Je viens de découvrir une approche intéressante dans « Le Problème à trois corps ». Liu Cixin y déconstruit systématiquement toutes les idées sur la raison d’être de l’humanité, sur les systèmes politiques et de société ou d’éthique qu’elles soient orientales ou occidentales y compris le positivisme, le libéralisme, le communisme et les religions du monde. Dans sa trilogie tout est un problème de taille et de physique. Les agissements et idées humaines ne sont que des réactions à la réalité matérielle qui impose ses lois.

      J’aime beaucoup Orwell, mais sa prose vient d’une époque révolue tout comme les idées qui tournent autour du totalitarisme et la confrontation entre le socialisme/communisme et le capitalisme/impérialisme. À notre époque et dans les prochaines décennies il faudra revoir l’humanisme et les idées sur le progrès, la justice sociale et l’organisation politique du monde. Orwell nous a fourni quelques indices qu’on doit analyser et situer dans le contexte du siècle présent.

      J’irai regarder le film de Raoul Peck afin de comprendre s’il contribue aux étapes nécessaires pour y arriver.

      Nous autres / Wir (traduction allemande)
      https://nemesis.marxists.org/samjatin-wir1.htm
      Nous autres dans Wikipedia
      https://fr.wikipedia.org/wiki/Nous_autres

      Le Meilleur des mondes dans Wikipedia
      https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Meilleur_des_mondes

      Le Problème à trois corps dans Wikipedia
      https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Probl%C3%A8me_%C3%A0_trois_corps

      #1984 #Orwell #science_fiction #théorie_politique #film #philosophie

    • Merci pour ton commentaire. Je suis en partie d’accord sur les problèmes des anti-totalitaires par rapport aux marxismes. Mais je cite quand même des passages qui me semblaient intéressants et bien argumentés, concernant la manière de Peck de « manipuler » les concepts même sans parole par le montage uniquement, et du coup de faire de la propagande lui aussi, en rapprochant des types de gouvernements assez éloignés.

      Cependant je me suis dit la même chose pour l’auteur de l’article qui est totalement dans la mouvance libéral anti-totalitaire, et qui pourrait recevoir des critiques sur ce point.

      J’ai entendu récemment quelqu’un rappeler cette blague de l’URSS : qu’un journaliste de là-bas vient en occident et se dit effaré de toute cette propagande, et un collègue occidental est perdu, il répond mais enfin c’est vous qui venez de l’URSS, chez vous c’est bien pire, et l’autre de répondre « mais chez nous personne n’y croit ! »

      Jacques Ellul a bien analysé (avant Orwell il me semble) à quel point la propagande occidentale peut être pire (et bien plus assimilée par le public) que dans les régimes totalitaires. Peck ne doit pas être étranger à ce genre de critiques, sans compter aussi les fausses comparaisons « ici c’est le moindre mal », alors que les régimes occidentaux peuvent avoir fait autant ou plus de morts dans leurs guerres (en comptant toutes les guerres coloniales)… et on peut même aller plus loin avec Aimé Césaire, qui disait que le nazisme n’était en gros que la suite logique du colonialisme (des « bonnes » nations libérales donc).

      Bref plein de critique à faire sur le point de vue anti-totalitaire aussi (qui n’était pas forcément celui d’Orwell au point où le croit l’auteur de l’article ! il était plus fin que ça me semble-t-il, et très anti-colonialiste aussi !)

  • Karl Marx : Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
    https://mlwerke.redflag.ps/me/me01/me01_378.htm

    Voilà les arguments qui illustrent la célèbre phrase de l’opium du peuple.

    Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 378-391.

    Erstellt am 30.08.1999

    Geschrieben Ende 1843 - Januar 1844

    »Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844

    |378|Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.

    Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische oratio pro aris et focis |Gebet für Altar und Haushalt| widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine Wirklichkeit sucht und suchen muß.

    Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur |Ehrenpunkt|, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

    Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.

    |379|Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.

    Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.

    Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.

    Die nachfolgende Ausführung - ein Beitrag zu dieser Arbeit - schließt sich zunächst nicht an das Original, sondern an eine Kopie, an die deutsche Staats- und Rechts-Philosophie an, aus keinem andern Grund, als weil sie sich an Deutschland anschließt.

    Wollte man an den deutschen status quo selbst anknüpfen, wenn auch in einzig angemessener Weise, d.h. negativ, immer bliebe das Resultat ein Anachronismus. Selbst die Verneinung unserer politischen Gegenwart findet sich schon als bestaubte Tatsache in der historischen Rumpelkammer der modernen Völker. Wenn ich die gepuderten Zöpfe verneine, habe ich immer noch die ungepuderten Zöpfe. Wenn ich die deutschen Zustände von 1843 verneine, stehe ich, nach französischer Zeitrechnung, kaum im Jahre 1789, noch weniger im Brennpunkt der Gegenwart.

    Ja, die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten|380|an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.

    Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott Israels seinem Diener Moses nur ihr a posteriori |Hinterteil| zeigt, die historische Rechtsschule, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte. Shylock, aber Shylock der Bediente, schwört sie jedes Pfund Fleisch, welches aus dem Volksherzen geschnitten wird, auf ihren Schein, auf ihren historischen Schein, auf ihren christlich-germanischen Schein.

    Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suchen unsere Geschichte der Freiheit jenseits unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern. Wodurch unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte von der Freiheitsgeschichte des Ebers, wenn sie nur in den Wäldern zu finden ist? Zudem ist bekannt: Wie man hineinschreit in den Wald, schallt es heraus aus dem Wald. Also Friede den teutonischen Urwäldern!

    Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist ihr Feind, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will. Denn der Geist jener Zustände ist widerlegt. An und für sich sind sie keine denkwürdigen Objekte, sondern ebenso verächtliche, als verachtete Existenzen. Die Kritik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im reinen. Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation.

    Es gilt die Schilderung eines wechselseitigen dumpfen Drucks aller sozialen Sphären aufeinander, einer allgemeinen, tatlosen Verstimmung, einer sich ebensosehr anerkennenden als verkennenden Beschränktheit, eingefaßt in den Rahmen eines Regierungssystems, welches, von der Konservation aller Erbärmlichkeiten lebend, selbst nichts ist als die Erbärmlichkeit an der Regierung.

    |381|Welch ein Schauspiel! Die ins unendliche fortgehende Teilung der Gesellschaft in die mannigfaltigsten Rassen, welche mit kleinen Antipathien, schlechten Gewissen und brutaler Mittelmäßigkeit sich gegenüberstehen, welche eben um ihrer wechselseitigen zweideutigen und argwöhnischen Stellung willen alle ohne Unterschied, wenn auch mit verschiedenen Formalitäten, als konzessionierte Existenzen von ihren Herren behandelt werden. Und selbst dies, daß sie beherrscht, regiert, besessen sind, müssen sie als eine Konzession des Himmels anerkennen und bekennen! Andererseits jene Herrscher selbst, deren Größe in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Zahl steht!

    Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und der Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse |den Schandfleck| der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen. Man erfüllt damit ein unabweisbares Bedürfnis des deutschen Volks, und die Bedürfnisse der Völker sind in eigner Person die letzten Gründe ihrer Befriedigung.

    Und selbst für die modernen Völker kann dieser Kampf gegen den bornierten Inhalt des deutschen status quo nicht ohne Interesse sein, denn der deutsche status quo ist die offenherzige Vollendung des ancien régime, und das ancien régime ist der versteckte Mangel des modernen Staates. Der Kampf gegen die deutsche politische Gegenwart ist der Kampf gegen die Vergangenheit der modernen Völker, und von den Reminiszenzen dieser Vergangenheit werden sie noch immer belästigt. Es ist lehrreich für sie, das ancien régime, das bei ihnen seine Tragödie erlebt, als deutschen Revenant eine Komödie spielen zu sehen. Tragisch war seine Geschichte, solange es die präexistierende Gewalt der Welt, die Freiheit dagegen ein persönlicher Einfall war, mit einem Wort, solange es selbst an seine Berechtigung glaubte und glauben mußte. Solange das ancien régime als vorhandene Weltordnung mit einer erst werdenden Welt kämpfte, stand auf seiner Seite ein weltgeschichtlicher Irrtum, aber kein persönlicher. Sein Untergang war daher tragisch.

    |382|Das jetzige deutsche Regime dagegen, ein Anachronismus, ein flagranter Widerspruch gegen allgemein anerkannte Axiome, die zur Weltschau ausgestellte Nichtigkeit des ancien régime, bildet sich nur noch ein, an sich selbst zu glauben, und verlangt von der Welt dieselbe Einbildung. Wenn es an sein eignes Wesen glaubt, würde es dasselbe unter dem Schein eines fremden Wesens zu verstecken und seine Rettung in der Heuchelei und dem Sophisma suchen? Das moderne ancien régime ist nur mehr der Komödiant einer Weltordnung, deren wirkliche Helden gestorben sind. Die Geschichte ist gründlich und macht viele Phasen durch, wenn sie eine alte Gestalt zu Grabe trägt. Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie. Die Götter Griechenlands, die schon einmal tragisch zu Tode verwundet waren im gefesselten Prometheus des Äschylus, mußten noch einmal komisch sterben in den Gesprächen Lucians. Warum dieser Gang der Geschichte? Damit die Menschheit heiter von ihrer Vergangenheit scheide. Diese heitere geschichtliche Bestimmung vindizieren wir den politischen Mächten Deutschlands.

    Sobald indes die moderne politisch-soziale Wirklichkeit selbst der Kritik unterworfen wird, sobald also die Kritik zu wahrhaft menschlichen Problemen sich erhebt, befindet sie sich außerhalb des deutschen status quo, oder sie würde ihren Gegenstand unter ihrem Gegenstand greifen. Ein Beispiel! Das Verhältnis der Industrie, überhaupt der Welt des Reichtums, zu der politischen Welt ist ein Hauptproblem der modernen Zeit. Unter welcher Form fängt dieses Problem an, die Deutschen zu beschäftigen? Unter der Form der Schutzzölle, des Prohibitivsystems, der Nationalökonomie. Die Deutschtümelei ist aus dem Menschen in die Materie gefahren, und so sahen sich eines morgens unsere Baumwollritter und Eisenhelden in Patrioten verwandelt. Man beginnt also in Deutschland die Souveränität des Monopols nach innen anzuerkennen, dadurch daß man ihm die Souveränität nach außen verleiht. Man beginnt also jetzt in Deutschland anzufangen, womit man in Frankreich und England zu enden beginnt. Der alte faule Zustand, gegen den diese Länder theoretisch im Aufruhr sind und den sie nur noch ertragen, wie man die Ketten erträgt, wird in Deutschland als die aufgehende Morgenröte einer schönen Zukunft begrüßt, die kaum noch wagt, aus der listigen Theorie in die schonungslose Praxis überzugehen. Während das Problem in Frankreich und Endland lautet: Politische Ökonomie oder Herrschaft der Sozietät über den Reichtum, lautet es in Deutschland: National-Ökonomie oder Herrschaft des Privateigentums über die Nationalität. Es gilt also in Frankreich|383|und England, das Monopol, das bis zu seinen letzten Konsequenzen fortgegangen ist, aufzuheben; es gilt in Deutschland, bis zu den letzten Konsequenzen des Monopols fortzugehen. Dort handelt es sich um die Lösung, und hier handelt es sich erst um die Kollision. Ein zureichendes Beispiel der deutschen Form der modernen Probleme, ein Beispiel, wie unsere Geschichte, gleich einem ungeschickten Rekruten, bisher nur die Aufgabe hatte, abgedroschene Geschichte nachzuexerzieren.

    Ginge also die gesamte deutsche Entwicklung nicht über die politische deutsche Entwicklung hinaus, ein Deutscher könnte sich höchstens an den Problemen der Gegenwart beteiligen, wie sich ein Russe daran beteiligen kann. Allein wenn das einzelne Individuum nicht gebunden ist durch die Schranken der Nation, ist die gesamte Nation noch weniger befreit durch die Befreiung eines Individuums. Die Skythen haben keinen Schritt zur griechischen Kultur vorwärts getan, weil Griechenland einen Skythen unter seine Philosophen zählt.

    Zum Glück sind wir Deutsche keine Skythen.

    Wie die alten Völker ihre Vorgeschichte in der Imagination erlebten, in der Mythologie, so haben wir Deutsche unsere Nachgeschichte im Gedanken erlebt, in der Philosophie. Wir sind philosophische Zeitgenossen der Gegenwart, ohne ihre historischen Zeitgenossen zu sein. Die deutsche Philosophie ist die ideale Verlängerung der deutschen Geschichte. Wenn wir also statt die oevres incomplètes |unvollendeten Werke| unserer reellen Geschichte die oevres posthumes |nachgelassenen Werke| unserer ideellen Geschichte, die Philosophie, kritisieren, so steht unsere Kritik mitten unter den Fragen, von denen die Gegenwart sagt: That is the question. Was bei den fortgeschrittenen Völkern praktischer Zerfall mit den modernen Staatszuständen ist, das ist in Deutschland, wo diese Zustände selbst noch nicht existieren, zunächst kritischer Zerfall mit der philosophischen Spiegelung dieser Zustände.

    Die deutsche Rechts- und Staatsphilosophie ist die einzige mit der offiziellen modernen Gegenwart al pari stehende deutsche Geschichte. Das deutsche Volk muß daher diese seine Traumgeschichte mit zu seinen bestehenden Zuständen schlagen und nicht nur diese bestehenden Zustände, sondern zugleich ihre abstrakte Fortsetzung der Kritik unterwerfen. Seine Zukunft kann sich weder auf die unmittelbare Verneinung seiner reellen noch auf die unmittelbare Vollziehung seiner ideellen Staats- und Rechtszustände beschränken, denn die unmittelbare Verneinung seiner reellen Zustände besitzt es in seinen ideellen Zuständen, und die unmittelbare Vollziehung|384|seiner ideellen Zustände hat es in der Anschauung der Nachbarvölker beinah schon wieder überlebt. Mit Recht fordert daher die praktische politische Partei in Deutschland die Negation der Philosophie. Ihr Unrecht besteht nicht in der Forderung, sondern in dem Stehnbleiben bei der Forderung, die sie ernstlich weder vollzieht noch vollziehen kann. Sie glaubt, jene Negation dadurch zu vollbringen, daß sie der Philosophie den Rücken kehrt und abgewandten Hauptes - einige ärgerliche und banale Phrasen über sie hermurmelt. Die Beschränktheit ihres Gesichtskreises zählt die Philosophie nicht ebenfalls in den Bering der deutschen Wirklichkeit oder wähnt sie gar unter der deutschen Praxis und den ihr dienenden Theorien. Ihr verlangt, daß man an wirkliche Lebenskeime anknüpfen soll, aber ihr vergeßt, daß der wirkliche Lebenskeim des deutschen Volkes bisher nur in seinem Hirnschädel gewuchert hat. Mit einem Worte: Ihr könnt die Philosophie nicht aufheben, ohne sie zu verwirklichen.

    Dasselbe Unrecht, nur mit umgekehrten Faktoren, beging die theoretische, von der Philosophie her datierende politische Partei.

    Sie erblickte in dem jetzigen Kampf nur den kritischen Kampf der Philosophie mit der deutschen Welt, sie bedachte nicht, daß die seitherige Philosophie selbst zu dieser Welt gehört und ihre, wenn auch ideelle, Ergänzung ist. Kritisch gegen ihren Widerpart, verhielt sie sich unkritisch zu sich selbst, indem sie von den Voraussetzungen der Philosophie ausging und bei ihren gegebenen Resultaten entweder stehenblieb oder anderweitig hergeholte Forderungen und Resultate für unmittelbare Forderungen und Resultate der Philosophie ausgab, obgleich dieselben - ihre Berechtigung vorausgesetzt - im Gegenteil nur durch die Negation der seitherigen Philosophie, der Philosophie als Philosophie, zu erhalten sind. Eine näher eingehende Schilderung dieser Partei behalten wir uns vor. Ihr Grundmangel läßt sich dahin reduzieren: Sie glaubte, die Philosophie verwirklichen zu können, ohne sie aufzuheben.

    Die Kritik der deutschen Staats- und Rechtsphilosophie, welche durch Hegel ihre konsequenteste, reichste, letzte Fassung erhalten hat, ist beides, sowohl die kritische Analyse des modernen Staats und der mit ihm zusammenhängenden Wirklichkeit als auch die entschiedene Verneinung der ganzen bisherigen Weise des deutschen politischen und rechtlichen Bewußtseins, dessen vornehmster, universellster, zur Wissenschaft erhobener Ausdruck eben die spekulative Rechtsphilosophie selbst ist. War nur in Deutschland die spekulative Rechtsphilosophie möglich, dies abstrakte überschwengliche Denken des modernen Staats, dessen Wirklichkeit ein Jenseits bleibt, mag dieses Jenseits auch nur jenseits des Rheins liegen: so war ebensosehr umgekehrt das deutsche, vom wirklichen Menschen abstrahierte Gedankenbild des modernen|385|Staats nur möglich, weil und insofern der moderne Staat selbst vom wirklichen Menschen abstrahiert oder den ganzen Menschen auf eine nur imaginäre Weise befriedigt. Die Deutschen haben in der Politik gedacht, was die anderen Völker getan haben. Deutschland war ihr theoretisches Gewissen. Die Abstraktion und Überhebung seines Denkens hielt immer gleichen Schritt mit der Einseitigkeit und Untersetztheit ihrer Wirklichkeit. Wenn also der status quo des deutschen Staatswesens die Vollendung des ancien régime ausdrückt, die Vollendung des Pfahls im Fleische des modernen Staats, so drückt der status quo des deutschen Staatswissens die Unvollendung des modernen Staats aus, die Schadhaftigkeit seines Fleisches selbst.

    Schon als entschiedner Widerpart der bisherigen Weise des deutschen politischen Bewußtseins verläuft sich die Kritik der spekulativen Rechtsphilosophie nicht in sich selbst, sondern in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die Praxis.

    Es fragt sich: Kann Deutschland zu einer Praxis à la hauteur des principes |die sich auf die Höhe der Prinzipien erhebt| gelangen, d.h. zu einer Revolution, die es nicht nur auf das offizielle Niveau der modernen Völker erhebt, sondern auf die menschliche Höhe, welche die nähere Zukunft dieser Völker sein wird?

    Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem |am Menschen| demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!

    Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezifisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt.

    |386|Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt.

    Aber, wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung, so war er die wahre Stellung der Aufgabe. Es galt nun nicht mehr den Kampf des Laien mit dem Pfaffen außer ihm, es galt den Kampf mit seinen eigenen innern Pfaffen, seiner pfäffischen Natur. Und wenn die protestantische Verwandlung der deutschen Laien in Pfaffen die Laienpäpste, die Fürsten samt ihrer Klerisei, den Privilegierten und den Philistern, emanzipiert, so wird die philosophische Verwandlung der pfäffischen Deutschen in Menschen das Volk emanzipieren. Sowenig aber die Emanzipation bei den Fürsten, sowenig wird aber die Säkularisation der Güter bei dem Kirchenraub stehenbleiben, den vor allem das heuchlerische Preußen ins Werk setzte. Damals scheiterte der Bauernkrieg, die radikalste Tatsache der deutschen Geschichte, an der Theologie. Heute, wo die Theologie selbst gescheitert ist, wird die unfreieste Tatsache der deutschen Geschichte, unser status quo, an der Philosophie zerschellen. Den Tag vor der Reformation war das offizielle Deutschland der unbedingteste Knecht von Rom. Den Tag vor seiner Revolution ist es der unbedingte Knecht von weniger als Rom, von Preußen und Österreich, von Krautjunkern und Philistern.

    Einer radikalen deutschen Revolution scheint indessen eine Hauptschwierigkeit entgegenzustehen.

    Die Revolutionen bedürfen nämlich eines passiven Elementes, einer materiellen Grundlage. Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. Wird nun dem ungeheuren Zwiespalt zwischen den Forderungen des deutschen Gedankens und den Antworten der deutschen Wirklichkeit derselbe Zwiespalt der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Staat und mit sich selbst entsprechen? Werden die theoretischen Bedürfnisse unmittelbar praktische Bedürfnisse sein? Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen.

    Aber Deutschland hat die Mittelstufen der politischen Emanzipation nicht gleichzeitig mit den modernen Völkern erklettert. Selbst die Stufen, die es theoretisch überwunden, hat es praktisch noch nicht erreicht. Wie sollte es mit einem salto mortale nicht nur über seine eigenen Schranken hinwegsetzen|387|, sondern zugleich über die Schranken der modernen Völker, über Schranken, die es in der Wirklichkeit als Befreiung von seinen wirklichen Schranken empfinden und erstreben muß? Eine radikale Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein, deren Voraussetzungen und Geburtsstätten eben fehlen.

    Allein wenn Deutschland nur mit der abstrakten Tätigkeit des Denkens die Entwicklung der modernen Völker begleitet hat, ohne werktätige Partei an den wirklichen Kämpfen dieser Entwicklung zu ergreifen, so hat es andererseits die Leiden dieser Entwicklung geteilt, ohne ihre Genüsse, ohne ihre partielle Befriedigung zu teilen. Der abstrakten Tätigkeit einerseits entspricht das abstrakte Leiden andererseits. Deutschland wird sich daher eines Morgens auf dem Niveau des europäischen Verfalls befinden, bevor es jemals auf dem Niveau der europäischen Emanzipation gestanden hat. Man wird es einem Fetischdiener vergleichen können, der an den Krankheiten des Christentums siecht.

    Betrachtet man zunächst die deutschen Regierungen, und man findet sie durch die Zeitverhältnisse, durch die Lage Deutschlands, durch den Standpunkt der deutschen Bildung, endlich durch den eignen glücklichen Instinkt getrieben, die zivilisierten Mängel der modernen Staatswelt, deren Vorteile wir nicht besitzen, zu kombinieren mit den barbarischen Mängeln des ancien régime, dessen wir uns in vollem Maße erfreuen, so daß Deutschland, wenn nicht am Verstand, wenigstens am Unverstand auch der über seinen status quo hinausliegenden Staatsbildungen immer mehr partizipieren muß. Gibt es z.B. ein Land in der Welt, welches so naiv alle Institutionen des konstitutionellen Staatswesens teilt, ohne seine Realitäten zu teilen, als das sogenannte konstitutionelle Deutschland? Oder war es nicht notwendig ein deutscher Regierungseinfall, die Qualen der Zensur mit den Qualen der französischen Septembergesetze, welche die Preßfreiheit voraussetzen, zu verbinden! Wie man im römischen Pantheon die Götter aller Nationen fand, so wird man im heiligen römischen deutschen Reich die Sünden aller Staatsformen finden. Daß dieser Eklektizismus eine bisher nicht geahnte Höhe erreichen wird, dafür bürgt namentlich die politisch-ästhetische Gourmanderie eines deutschen Königs, der alle Rollen des Königtums, des feudalen wie des bürokratischen, des absoluten wie des konstitutionellen, des autokratischen wie des demokratischen, wenn nicht durch die Person des Volkes, so doch in eigener Person, wenn nicht für das Volk so doch für sich selbst zu spielen gedenkt. Deutschland als der zu einer eigenen Welt konstituierte |388|Mangel der politischen Gegenwart wird die spezifisch deutschen Schranken nicht niederwerfen können, ohne die allgemeine Schranke der politischen Gegenwart niederzuwerfen.

    Nicht die radikale Revolution ist utopischer Traum für Deutschland, nicht die allgemein menschliche Emanzipation, sondern vielmehr die teilweise, die nur politische Revolution, die Revolution, welche die Pfeiler des Hauses stehenläßt. Worauf beruht eine teilweise, eine nur politische Revolution? Darauf, daß ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft sich emanzipiert und zur allgemeinen Herrschaft gelangt, darauf, daß eine bestimmte Klasse von ihrer besonderen Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt. Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber nur unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der Situation dieser Klasse befindet, also z.B. Geld und Bildung besitzt oder beliebig erwerben kann.

    Keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft kann diese Rolle spielen, ohne ein Moment des Enthusiasmus in sich und in der Masse hervorzurufen, ein Moment, worin sie mit der Gesellschaft im allgemeinen fraternisiert und zusammenfließt, mit ihr verwechselt und als deren allgemeiner Repräsentant empfunden und anerkannt wird, ein Moment, worin ihre Ansprüche und Rechte in Wahrheit die Rechte und Ansprüche der Gesellschaft selbst sind, worin sie wirklich der soziale Kopf und das soziale Herz ist. Nur im Namen der allgemeinen Rechte der Gesellschaft kann eine besondere Klasse sich die allgemeine Herrschaft vindizieren. Zur Erstürmung dieser emanzipatorischen Stellung und damit zur politischen Ausbeutung aller Sphären der Gesellschaft im Interesse der eigenen Sphäre reichen revolutionäre Energie und geistiges Selbstgefühl allein nicht aus. Damit die Revolution eines Volkes und die Emanzipation einer besonderen Klasse der bürgerlichen Gesellschaft zusammenfallen, damit ein Stand für den Stand der ganzen Gesellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt alle Mängel der Gesellschaft in einer anderen Klasse konzentriert, dazu muß ein bestimmter Stand der Stand des allgemeinen Anstoßes, die Inkorporation der allgemeinen Schranke sein, dazu muß eine besondre soziale Sphäre für das notorische Verbrechen der ganzen Sozietät gelten, so daß die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbefreiung erscheint. Damit ein Stand par excellence der Stand der Befreiung, dazu muß umgekehrt ein anderer Stand der offenbare Stand der Unterjochung sein. Die negativ-allgemeine Bedeutung des französischen Adels und der französischen Klerisei bedingte die positiv-allgemeine Bedeutung der zunächst angrenzenden und entgegenstehenden Klasse der Bourgeoisie.

    |389|Es fehlt aber jeder besondern Klasse in Deutschland nicht nur die Konsequenz, die Schärfe, der Mut, die Rücksichtslosigkeit, die sie zum negativen Repräsentanten der Gesellschaft stempeln könnte. Es fehlt ebensosehr jedem Stande jene Breite der Seele, die sich mit der Volksseele, wenn auch nur momentan, identifiziert, jene Genialität, welche die materielle Macht zur politischen Gewalt begeistert, jene revolutionäre Kühnheit, welche dem Gegner die trotzige Parole zuschleudert: Ich bin nichts, und ich müßte alles sein. Den Hauptstock der deutschen Moral und Ehrlichkeit, nicht nur der Individuen, sondern auch der Klassen, bildet vielmehr jener bescheidene Egoismus, welcher seine Beschränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen läßt. Das Verhältnis der verschiedenen Sphären der deutschen Gesellschaft ist daher nicht dramatisch, sondern episch. Jede derselben beginnt sich zu empfinden und neben die andern mit ihren besondern Ansprüchen sich hinzulagern, nicht sobald sie gedrückt wird, sondern sobald ohne ihr Zutun die Zeitverhältnisse eine gesellige Unterlage schaffen, auf die sie ihrerseits Druck ausüben kann. Sogar das moralische Selbstgefühl der deutschen Mittelklasse beruht nur auf dem Bewußtsein, die allgemeine Repräsentantin von der philisterhaften Mittelmäßigkeit aller übrigen Klassen zu sein. Es sind daher nicht nur die deutschen Könige, die mal-à-propos |zur Unzeit| auf den Thron gelangen, es ist jede Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Niederlage erlebt, bevor sie ihren Sieg gefeiert, ihre eigene Schranke entwickelt, bevor sie die ihr gegenüberstehende Schranke überwunden, ihr engherziges Wesen geltend macht, bevor sie ihr großmütiges Wesen geltend machen konnte, so das selbst die Gelegenheit einer großen Rolle immer vorüber ist, bevor sie vorhanden war, so daß jede Klasse, sobald sie den Kampf mit der über ihr stehenden Klasse beginnt, in den Kampf mit der unter ihr stehenden verwickelt ist. Daher befindet sich das Fürstentum im Kampf gegen das Königtum, der Bürokrat im Kampf gegen den Adel, der Bourgeois im Kampf gegen sie alle, während der Proletarier schon beginnt, sich im Kampf gegen die Bourgeois zu befinden. Die Mittelklasse wagt kaum von ihrem Standpunkt aus den Gedanken der Emanzipation zu fassen, und schon erklärt die Entwicklung der sozialen Zustände wie der Fortschritt der politischen Theorie diesen Standpunkt selbst für antiquiert oder wenigstens für problematisch.

    In Frankreich genügt es, daß einer etwas sei, damit er alles sein wolle. In Deutschland darf einer nichts sein, wenn er nicht auf alles verzichten soll. In Frankreich ist die partielle Emanzipation der Grund der universellen. In |390|Deutschland ist die universelle Emanzipation conditio sine qua non jeder partiellen. In Frankreich muß die Wirklichkeit, in Deutschland muß die Unmöglichkeit der stufenweisen Befreiung die ganze Freiheit gebären. In Frankreich ist jede Volksklasse politischer Idealist und empfindet sich zunächst nicht als besondere Klasse, sondern als Repräsentant der sozialen Bedürfnisse überhaupt. Die Rolle des Emanzipators geht also der Reihe nach in dramatischer Bewegung an die verschiedenen Klassen des französischen Volkes über, bis sie endlich bei der Klasse anlangt, welche die soziale Freiheit nicht mehr unter der Voraussetzung gewisser, außerhalb der Menschen liegender und doch von der menschlichen Gesellschaft geschaffener Bedingungen verwirklicht, sondern vielmehr alle Bedingungen der menschlichen Existenz unter der Voraussetzung der sozialen Freiheit organisiert. In Deutschland dagegen, wo das praktische Leben ebenso geistlos als das geistige Leben unpraktisch ist, hat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft das Bedürfnis und die Fähigkeit der allgemeinen Emanzipation, bis sie nicht durch ihre unmittelbare Lage, durch die materielle Notwendigkeit, durch ihre Ketten selbst dazu gezwungen wird.

    Wo also die positive Möglichkeit der Deutschen Emanzipation?

    Antwort: In der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel provozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Voraussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.

    Das Proletariat beginnt erst durch die hereinbrechende industrielle Bewegung für Deutschland zu werden, den nicht die naturwüchsig entstandne, sondern die künstlich produzierte Armut, nicht die mechanisch durch die Schwere der Gesellschaft niedergedrückte, sondern die aus ihrer akuten|391|Auflösung, vorzugsweise aus der Auflösung des Mittelstandes, hervorgehende Menschenmasse bildet das Proletariat, obgleich allmählich, wie sich von selbst versteht, auch die naturwüchsige Armut und die christlich-germanische Leibeigenschaft in seine Reihen treten.

    Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. Der Proletarier befindet sich dann in bezug auf die werdende Welt in demselben Recht, in welchem der deutsche König in bezug auf die gewordene Welt sich befindet, wenn er das Volk sein Volk wie das Pferd sein Pferd nennt. Der König, indem er das Volk für sein Privateigentum erklärt, spricht es nur aus, das der Privateigentümer König ist.

    Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.

    Resümieren wir das Resultat:

    Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich als die Emanzipation zugleich von den teilweisen Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.

    Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.

    Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261-313)
    Teil 1
    https://mlwerke.redflag.ps/me/me01/me01_203.htm

    Teil 2
    https://mlwerke.redflag.ps/me/me01/me01_234.htm

    Teil 3
    https://mlwerke.redflag.ps/me/me01/me01_263.htm

    Teil 4
    https://mlwerke.redflag.ps/me/me01/me01_288.htm

    Teil 5
    https://mlwerke.redflag.ps/me/me01/me01_316.htm

    #religion #philosophie #marxisme

  • Jean-Pierre Dupuy, Un ordre sans designer, 2023 [lecture critique de]
    https://sniadecky.wordpress.com/2026/06/30/dupuy-designer

    Lorsque les cybernéticiens parlent d’« ordre » à propos de ce qu’ils nomment les « systèmes vivants », ils désignent en fait l’organisation des êtres vivants, mais ils ne la reconnaissent pas comme telle, puisqu’ils veulent à toute force en faire une machine. Faire la différence entre l’ordonnancement d’un appareil et l’organisation d’un organisme ne les intéresse pas : pour eux, en toutes circonstances « ordre (ou organisation) = machine ». C’est une confusion malheureusement très classique, mais ce n’est pas parce que l’on peut identifier des mécanismes à l’œuvre (c’est-à-dire une suite de causes et conséquences) que l’on a affaire nécessairement à une machine.

    Cette différence est pourtant fort simple à appréhender. Dans une machine les différentes pièces ont des rapports fixes et déterminés une fois pour toutes par son concepteur ; elles ont un ordre d’agencement bien précis et immuable. Chez un être vivant – et particulièrement dans l’unité de base de tous les êtres vivants, la cellule vivante – les différents éléments ont des rapports fluides et dynamiques, les processus physico-chimiques sont capables de se recomposer en fonction des circonstances internes ou externes à la cellule.

    #Jean-Pierre_Dupuy #cybernétique #biologie #philosophie #vie #machine #homme-machine #recension #critique

  • Croire encore en l’avenir
    https://laviedesidees.fr/Rahel-Jaeggi-Progres-et-regression

    Peut-on encore parler de #progrès ? Cette notion semble avoir été soumise à rude épreuve – il semblerait même que l’on régresse. R. Jaeggi entend pourtant la réhabiliter, en repensant ses présupposés.

    #Philosophie #écologie

  • Trois genèses du démos
    https://laviedesidees.fr/Gerard-Bras-Faire-peuples-6913

    Le populisme prétend défendre la cause du “peuple”. Mais qu’est-ce que le #peuple ? Selon G. Bras, il en existe plusieurs sortes, autant qu’il y a de manières de “faire peuple”.

    #Philosophie #philosophie_politique

  • Bruno Latour ensorcelé
    https://laviedesidees.fr/Bruno-Latour-ensorcele

    Faut-il étudier les cultures sans jamais juger de leur valeur ? Oui, disait Bruno Latour, car nous n’avons aucun droit à trier entre bonnes et mauvaises pratiques. Mais ce refus de l’évaluation est contestable.

    #Philosophie #modernité #anthropologie

  • Le capitalisme n’est pas un destin
    https://laviedesidees.fr/Lowy-Guillibert-Marx-Narodnik

    Marx reste souvent lu comme un auteur déterministe, théoricien d’un processus historique conduisant au nécessaire dépassement du capitalisme. Une partie de son œuvre tardive invite à nuancer cette lecture.

    #Philosophie #Marx

    • À la suite de sa lecture de Tchernychevski, c’est la correspondance avec Vera Zassoulitch qui permet à Marx d’achever sa mutation intellectuelle. Le comprendre exige de reprendre en détail les arguments donnés par Zassoulitch ainsi que leur reprise par Marx. Cette lettre, datée du 8 mars 1881, mais aussi ses quatre brouillons préparatoires, restés inédits jusqu’à leur publication en 1924, posent la question suivante : La #Russie est-elle obligée de passer par le stade du capitalisme afin d’atteindre le socialisme ? Ce n’est pas, selon Marx, une étape nécessaire. Le processus pour lequel il est le plus connu, à savoir l’expropriation des producteurs afin de constituer un capital, puis la prolétarisation généralisée, ne s’applique pas à la Russie. Les analyses de son ouvrage majeur valent principalement pour le modèle propre à l’Europe occidentale. Il s’agit là de l’argument central de la pensée du dernier Marx : ses analyses n’ont pas vocation à être universalisées et étendues à d’autres régions géographiques. Il existe plusieurs voies pour accéder au communisme.

      #mir #possession_communale #narodniki #Nikolaï_Tchernychevski #Véra_Zassoulitch #théorie #révolution

    • Le dernier Marx, Sous la direction de Kolja Lindner - Éditions de l’Asymétrie, Toulouse, 2019, 400 pages, 20 euros.
      https://www.monde-diplomatique.fr/2020/04/CLOUET/61641

      Découvrir le « Marx tardif », de plus en plus soucieux d’étudier les sociétés précapitalistes pour préciser ses analyses : à cette fin, les éditeurs compilent des extraits des notes prises par lui lors de ses lectures d’historiens, anthropologues, etc., précédés de solides introductions théoriques. Ils montrent comment il cultive le doute méthodologique et combat toute pensée dogmatique dans les dix dernières années de sa vie. Dans ces textes, il pense la démocratie avec les Iroquois, la famille avec les brahmanes, la question foncière avec l’Algérie et l’Inde, ou la commune rurale avec la Russie. Il développe trois idées inattendues pour le lecteur habitué à une certaine vulgate marxienne : le capitalisme n’évolue pas par stades linéaires mais connaît des temporalités irrégulières et contradictoires ; les mouvements historiques ne se diffusent pas depuis l’Europe mais naissent dans une relation combinée avec la périphérie ; des traces d’émancipation peuvent être repérées dans les procédures de décision collectives qu’ont développées de nombreuses populations sans État.

      Hadrien Clouet

      Une présentation plus substantielle, avec un extrait de Karl Marx et les iroquois
      https://editionsasymetrie.org/ouvrage/le-dernier-marx

      #anthropologie #E._P._Thompson

    • “La tâche du Manifeste communiste, c’était de proclamer la disparition inévitable et imminente de l’actuelle propriété bourgeoise. Or, en Russie, à côté d’un ordre capitaliste qui se développe avec une hâte fébrile, à côté de la propriété foncière bourgeoise seulement en train de se constituer, nous constatons que plus de la moitié du sol forme la propriété commune des paysans. Une question se pose donc : la commune paysanne russe – forme, il est vrai, très désagrégée déjà de propriété commune primitive du sol – peut-elle se transformer directement en une forme communiste supérieure de la propriété foncière ? Ou bien devra-t-elle subir préalablement le même procès de dissolution qui se manifeste dans l’évolution historique de l’Occident ? La seule réponse que l’on puisse actuellement faire à cette question est la suivante : si la révolution russe devient le signal d’une révolution ouvrière à l’Occident de façon que les deux révolutions se complètent, l’actuelle propriété commune russe peut devenir le point de départ d’une évolution communiste”

      Friedrich Engels, Karl Marx, préface à l’édition russe du Manifeste du parti communiste, 1882.

    • LE DERNIER MARX, COMMUNISME EN DEVENIR - Karl Marx, Michael Löwy, Pier Paolo Poggio, #Maximilien_Rubel, 80p., octobre 2018, ens Etérotopia
      https://www.eterotopiafrance.com/catalogue/le-dernier-marx-communisme-en-devenir

      L’ouvrage : Dans les années 1881-1882, Marx développe un intérêt particulier pour les sociétés pré-capitalistes (parmi lesquelles notamment les communautés rurales russes) ainsi que pour des pays comme l’Égypte, l’Algérie ou l’Inde, où s’engagent alors des luttes contre la domination capitaliste.

    • Marx et la commune rurale russe : cui prodest ? Il Lato Cattivo [ décembre 2014 ]

      La crise actuelle du mode production capitaliste est, bien compréhensiblement, porteuse d’un nouveau intérêt pour Marx. Dans la profusion des publications – académiques ou non – qui apparaissent un peu partout, aux USA et en Europe mais pas seulement, certains travaux d’un certain intérêt ne tardent pas à percer. Il y a par contre, comme cela advient à chaque fois qu’une étude touche à la « marxologie », le défaut de vouloir découvrir et faire découvrir le vrai Marx, contre les faux Marx d’un passé généralement associé aux méchants souvenir du « socialisme réel ». Enfants d’une téléologie qui voit dans l’histoire l’affrontement du Vrai et du Faux, des telles ambitions, bien qu’elles puissent parfois être fécondes, nous disent davantage sur les fantasmes des auteurs en question et sur leur époque que sur Marx lui-même. Chaque génération, comme l’écrivit Karel Kosík dans Dialectique du concret (Maspero, Paris, 1970), cherche et découvre dans le texte marxien ce qui est nécessaire pour exercer une prise théorique sur son présent et, par conséquent, met en relief certains aspects de Marx pour en écarter d’autres ; chaque génération, en somme, s’abreuve à la source originelle pour la traduire (la trahir) une fois de plus. Le Marx évolutionniste et progressiste de la Seconde Internationale était-il une simple falsification ? Ou était-ce plutôt la lecture plus naturelle que l’on pouvait donner de Marx, dans les conditions de la Belle Époque qui précédèrent la Première Guerre mondiale ? Engels n’écrivit-il pas que la période des bouleversements violents, au moins pour les pays capitalistes les plus développés, était terminée ?

      Avec les brouillons et la lettre de Marx à Véra Zassoulitch.

      #communisme ± #téléologie #orthodoxie #dogmatisme

    • Karl Marx et le socialisme populiste russe, Maximilien Rubel, 1947
      https://www.marxists.org/francais/rubel/works/1947/rubel_19470500.htm

      I. Histoire d’un oubli historique

      Au début des années 80 du siècle dernier, la colonie des révolutionnaires russes réfugiée à Genève accueillit dans ses rangs plusieurs nouvelles recrues qui venaient de faire leurs armes dans le premier mouvement socialiste qu’eût connu la Russie des tsars : le populisme (narodnitchestvo)[1]. (Quatre de ces nouveaux arrivants seront, quelques années plus tard, les pionniers de la social-démocratie russe d’orientation marxiste : G.-V. Plékhanov, P. Axelrod, L. Deutsch et Véra Zassoulitch[2]).

      Avant leur conversion au #Marxisme, ils avaient appartenu à une des organisations illégales du mouvement populiste qui, en 1879, après l’attentat manqué de l’instituteur A. Soloviev contre Alexandre II, s’était scindé en deux fractions : le groupe dit du Partage Noir (Tchnorny Pérédiel) et celui de la Volonté du Peuple (Narodnaïa Volia). Unanimes sur le but à atteindre – leur programme était en somme la réalisation du #socialisme_agraire rêvé par tous les idéologues populistes, de Herzen à Tchernychevski et à Lavrov – ils étaient en désaccord sur les méthodes de lutte à employer en vue de renverser le régime tsariste.

      Tandis que le premier groupe voulait rester fidèle aux traditions populistes en intensifiant la propagande dans les villages et en refusant de donner à leur marche vers le peuple une signification politique, le second proclamait la nécessité d’entrer dans la lutte directe systématiquement menée avec l’autorité, d’en hâter l’effondrement et d’atteindre ainsi un objectif politique important : la convocation d’une assemblée constituante.

  • « Le Normal et le Pathologique » de Georges Canguilhem par le philosophe Thierry Hoquet
    https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/le-souffle-de-la-pensee/thierry-hoquet-philosophe-sur-le-normal-et-le-pathologique-de-georges-ca

    Comment la lecture de Canguilhem a-t-elle permis au philosophe Thierry Hoquet de penser la vie, non pas sous sa forme politique ou vécue, mais sous sa forme biologique ? On plonge avec lui dans "Le Normal et le Pathologique", un classique qui s’intéresse à la #maladie, à la #santé et aux #normes.

    En lisant Darwin, Thierry Hoquet s’est mis à chercher des réponses sur la manière dont des différences pathologiques pouvaient produire de nouvelles normes. Le texte du philosophe et médecin Georges Canguilhem (1904-1995), Le Normal et le Pathologique, s’est alors imposé comme une référence importante, qui l’a marqué tant par sa puissance théorique que pour ses multiples anecdotes.

    Pourquoi avoir choisi Georges Canguilhem et « Le Normal et le Pathologique » ?

    Comment, pour un philosophe, souligne Thierry Hoquet, s’ouvrir à autre chose qu’à la #philosophie ? Personne ne veut être un philosophe enfermé dans sa tour d’ivoire et "Canguilhem lui, nous invite ici à ne pas jouer simplement avec les mots, avec les idées, à ne pas simplement flotter dans un éther dilué, mais à rencontrer l’être et les choses, ce qui est essentiel". L’œuvre de #Canguilhem a pour particularité de revaloriser le discours de la #biologie sur le #vivant : "il nous montre qu’il existe des bases matérielles, physiologiques très claires de l’existence vitale qui déterminent ce que l’on vit et ce que l’on ressent".

    Pour Canguilhem, il y a des malades, quand pour les médecins, il y a des maladies
    Au fond, pourquoi y a-t-il de la #médecine ? Thierry Hoquet nous explique que c’est parce qu’on espère qu’on peut intervenir ; la santé n’est jamais définie a priori, mais toujours a posteriori. Il faut avoir été #malade pour comprendre ce qu’est que la santé, et si on se soigne, selon Canguilhem, c’est par une volonté prométhéenne de s’arracher à l’ordre naturel, de maintenir la vie grâce à nos artifices. "C’est un concept presque politique à appliquer à l’organisme, qui vient de cette idée que finalement, le corps est une sorte de totalité harmonieuse qui peut être perturbée, et qu’il faut rétablir dans ses équilibres".

    "Il n’y a pas de santé parfaite"

    Canguilhem commente beaucoup ce qu’il appelle "la sagesse du corps", expression qui recouvre ces mécanismes grâce auxquels le #corps parvient à se maintenir dans un état stable, constant. Selon lui, il n’y a pas de santé parfaite puisque la #maladie fait irrémédiablement partie de la vie. En revanche, ce qui est intéressant aussi, c’est la capacité à se rétablir : "Il y a des pages magnifiques de Canguilhem sur le sentiment de l’avoir échappé belle, d’avoir été comme au bord du gouffre." On comprend alors que la santé n’est pas uniquement "le silence des organes", expression que le philosophe emprunte au chirurgien René Leriche, mais qu’elle a aussi une capacité normative : "être en bonne santé, c’est être capable de vivre à différents rythmes. Dès lors, la maladie correspond pour Canguilhem à une restriction des allures vitales du malade".

    #radio #audio #normal #pathologique

  • Leçons du jardin en mouvement.
    https://laviedesidees.fr/Lecons-du-jardin-en-mouvement

    Contre la domination technique qui uniformise les milieux, Gilles Clément appelle à l’humilité écologique : faire avec le #vivant plutôt que le dominer. Dans son «  jardin en mouvement  », aléatoire et diversité révèlent notre interdépendance avec la terre

    #Philosophie #écologie #paysage

  • À propos du sionisme chrétien - Börries Albrecht Conon August Heinrich Freiherr von Münchhausen (20. 3.1874 16.3.1945)
    https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6rries_von_M%C3%BCnchhausen_(Schriftsteller)


    Schloss Windischleuba (von 1880 bis 1945 im Besitz der Familie Münchhausen)

    Ce poète de génie complètement oublié figure sur la Gottbegnadeten-Liste de Goebbels. Le personnage est un exemple pour les origines communes et la collaboration entre nazis et sionistes. Une histoire de dingues pas si folle.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Gottbegnadeten-Liste

    Verhältnis zum Zionismus


    Juda (1900)

    1899 befreundete sich Münchhausen mit dem jüdischen Künstler Ephraim Moses Lilien, der ihm anbot, seine Balladen zu Themen der Bibel zu illustrieren. Liliens Kreis von Rabbinern und Zionisten, so Münchhausen 1922, habe ihn zur Sonderausgabe Juda angeregt. Diese erschien im Dezember 1900. Die Balladen darin behandeln Figuren des Tanach als Helden wie in germanischer oder griechischer Mythologie, nicht sozial deklassierte, verfolgte, ermordete Juden der Geschichte Europas. Münchhausens damaliger christlicher Zionismus deckte sich mit dem Interesse des deutschen Adels, Juden weiter Zugang zu Offiziersberufen und höheren Justizämtern zu verwehren und sie auszubürgern. Darum hatte Kaiser Wilhelm II. bei seiner Palästinareise 1898 dem Führer des politischen Zionismus Theodor Herzl ein deutsches Protektorat in Palästina für ausreisewillige deutsche Juden in Aussicht gestellt.

    Juda erreichte bis 1922 mehrere Auflagen, wurde in viele Sprachen übersetzt und erschloss dem Autor neue Leser. Die zionistische Zeitschrift Die Welt warb fortan für seine Schriften. Im Gegenzug warb Münchhausen bei Lesungen für den Zionismus, den er als Beweis für eine mutige „Aristokratie der Juden“ ansah. Sein Werk wurde in vielen jüdischen Familien zur Bar Mitzwa verschenkt. Es verschaffte Lilien genug Einkommen, um den „Jüdischen Verlag“ und die Demokratisch-Zionistische Fraktion zu gründen, die jüdische Nationalkultur erneuern wollte.[14]

    In Juda vertrat Münchhausen einen programmatischen Philosemitismus, der die Ansiedlung von Juden in Palästina vorbehaltlos bejahte. In den Anfangszeilen reklamiert der Sprecher, er werde dem „geächtet Volk“ der Juden „die Stege aus Haß und Hohn zu deiner Jugend Glück“ zeigen und ihm unter der Losung „Zurück!“ die Wege weisen. Dies spiegelte in poetischer Form eine philosemitische Sicht auf den Zionismus und sein Nachdenken über die Möglichkeiten, dessen Ziele zu erreichen. Dabei grenzte er sich vom jüdischen Kollektiv ab und stellte sich ihm als „des Predigers Stimme in der Wüste“ (Jes 40,3 EU) wie ein Prophet gegenüber. In der Auswahl und Abfolge biblischer Figuren gaben seine Balladen negativen Episoden der jüdischen Geschichte eine positive Deutungsmöglichkeit.

    Zionistische Rezensenten, etwa Theodor Zlocisti,[15] begrüßten das Werk Juda daher durchweg als poetische Vorwegnahme ihrer politischen Hoffnungen. Sie lobten Münchhausens Sympathie für das Judentum und Unterstützung des Zionismus als beispielhaft und erklärten sie aus seiner Beschäftigung mit biblischen Stoffen oder aus einer allgemeinen Sehnsucht nach dem Fremden. Manche fragten jedoch auch, wieweit er sein poetisches Versprechen, Juden den Weg zu ihrem Glück zu zeigen, auch praktiziere.[16] Der Kulturzionist Martin Buber beschrieb Münchhausen in der Welt als deutschen Dichter, der die „jüdische Volksseele“ für tot und „entartet“ gehalten, dann aber durch Lilien Verständnis für sie entwickelt habe. Buber widersprach jedoch deutlich der Losung „Zurück!“: Rückkehr in eine poetische Vergangenheit sei nicht das Ziel der Zionisten, sondern eine neue Zukunft des Judentums.[17] Juda wurde ein Kerntext des deutschen kulturellen Zionismus.[18] Diese Balladen beeinflussten den jungen Stefan Zweig, der sie vermutlich durch Lilien in Berlin kennenlernte. Zweig war ab 1900 einige Jahre mit Münchhausen befreundet.[19]

    Morris Rosenfelds Lieder des Ghetto, von Lilien illustriert, beschrieben den Arbeitsalltag verarmter Juden in Osteuropa. Münchhausen begriff das Werk als Konkurrenz zu Juda und schrieb 1902 einen Verriss: Dichter und Zeichner seien ihm „völlig fremd, wo sich die sozialen Gedanken demokratisieren“. Er kenne das Judentum nur als stolz und aristokratisch, nicht als proletarisch und sozialdemokratisch. Er unterstellte dem Autor „Unkenntnis“ und beschrieb ihn mit antisemitischen Klischees als „heimatlos“ und „geschlagen mit dem ganz großen Fluche seiner Rasse“. Im Gedicht Mein Kind fand er Geldgier schon bei jüdischen Kindern. Liliens Bilder von Arbeitsgeräten, ausgebeuteten und hungernden Menschen seien „verunglückt“ und „verfehlt“. Durch diese Bilder zögen die proletarischen Lieder wie „Fürstenkinder“ ins Land, um dem verarmten Autor Einkünfte zu verschaffen. Er empfahl das Werk nur gebildeten Juden, als es schon in mehrere Sprachen Osteuropas übersetzt worden war und dort auch andere Leser fand.

    Münchhausens Sympathie für den Zionismus war rassistisch und sozialdarwinistisch begründet: Er schätzte nur Juden, die wie er an eine „jüdische Rasse“ glaubten. Laut Gronemann beschrieb er diese als „ältesten Adel der Welt“ neben dem „Schwertadel“, zu dem er sich zählte, und dem „Kaufmannsadel“, etwa der Fugger. Besonders im Judentum habe eine Auslese der Stärksten und Widerstandsfähigsten stattgefunden, indem die jahrhundertelange Judenverfolgung die Schwachen „ausgemerzt“ habe. Laut der Welt nannte er Zionismus „das Erwachen eines stolzen Adelsbewusstseins eines Edelvolkes“, das allerdings durch die vielen (auch jüdischen) „Plebejer“ keine Realisierungschance habe. 1904 lehnte er „die ihr Wesen und ihren Stamm verleugnenden Grossstadtjuden“ ab. Ursprünglich sei das Judentum durch „Anwendung des rein aristokratischen Grundgedankens“ groß geworden: „Menschenzüchtung durch Reinhalten der Rasse, Züchtung von gewissen, erstrebten Eigenschaften durch Verbindung von zwei Familien, bei denen diese Eigenschaften schon länger lebendig sind“. Darin glichen Juden dem Adel. Das habe ihn „bei diesem Volke immer so besonders angezogen, das mutige Verfechten dieser seiner Eigenart“.

    Wegen dieser Ansichten fand Gronemann Münchhausens „Werdegang vom Sänger jüdischer Kraft und jüdischer Helden zum deutschvölkischen Barden“ begreiflich: „Er schätzte das alte Judentum und die in der Tradition verwurzelten Abkommen der alten Makkabäer. Er verabscheute das Assimilantentum und begriff nicht, wie ein Jude etwa sich anders denn als Aristokrat fühlen konnte.“[20]

    Auch andere antisemitische Schriftsteller wie Julius Langbehn und Houston Stewart Chamberlain teilten damals Münchhausens Haltung: Sie bewunderten tief religiöse, konservative Juden, die ihre Religion mit einer Identität als eigenem „Volk“ gleichsetzten, und lehnten „moderne“, emanzipierte, individualistische und darum „wurzellose“ Juden ab. Sie sahen deren Kosmopolitismus und Anpassungsbereitschaft als gefährliches Unterminieren („Zersetzung“) der „rassischen“ Integrität und „völkischen“ Solidarität ihrer Gesellschaft. Laut dem Sprachwissenschaftler und Kulturhistoriker Lionel Gossman war die Berufung auf jüdische Zeugen und Quellen ein bei diesen Antisemiten beliebter rhetorischer Trick.[21]

    So bekannte Münchhausen sich 1930 nach den ersten großen Wahlerfolgen der NSDAP gegenüber Gronemann offen als Antisemit: „Sie sind Davidsternler, ich bin gewiß kein Hakenkreuzler, aber doch werden Sie begreifen, daß es mir als deutschem Schriftsteller peinlich ist, wenn in der deutschen Literatur Juden eine führende Stellung innehaben, aber das könnte noch angehen. Was für mich schlechthin unerträglich ist, ist daß sie diese Stellung zu Recht innehaben.“

    #nazis #philosemitisme #sionisme #histoire #antisemitisme #noblesse

  • Nietzsche, Friedrich, Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, 108. Neue Kämpfe
    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Die+fr%C3%B6hliche+Wissenschaft/Drittes+Buch/108.+Neue+K%C3%A4mpfe

    Gott ist tot . Et alors ?

    Entre nous, c’est du n’importe quoi. Quelle perte de temps ces textes du dix neuvième siècle. L’époque nous a légué les bases de la connaissance et de la méthode scientifique. Il lui a fallu produire aussi l’opposé, sans doute par principe dialectique, et voilà qu’elle abuse encore aujourd’hui de nous qui commettons l’erreur de consacrer notre temps au vomi intellectuel de l’âme la plus malheureuse de son temps.

    108 Neue Kämpfe. – Nachdem Buddha tot war, zeigte man noch jahrhundertelang seinen Schatten in einer Höhle – einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist tot: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch jahrtausendelang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. – Und wir – wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen!

    Quelle:
    Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 115.
    Permalink:
    http://www.zeno.org/nid/20009251588

    Nietzsche, Friedrich, Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, 125. Der tolle Mensch
    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Die+fr%C3%B6hliche+Wissenschaft/Drittes+Buch/125.+Der+tolle+Mensch?hl=gott+ist+tot

    125 Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: »Ich suche Gott! Ich suche Gott!« – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.[126] Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. »Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!« – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, daß sie in Stücke sprang und erlosch. »Ich komme zu früh«, sagte er dann, »ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehn und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!« – Man erzählt noch, daß der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe.[127] Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?«
    Quelle:
    Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 126-128.
    Permalink:
    http://www.zeno.org/nid/20009251758

    Nietzsche, Friedrich, Also sprach Zarathustra, Vierter und letzter Teil.
    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Also+sprach+Zarathustra/Vierter+und+letzter+Teil.+Also+sprach+Zarathustra

    Ach, wo in der Welt geschahen größere Torheiten, als bei den Mitleidigen? Und was in der Welt stiftete mehr Leid, als die Torheiten der Mitleidigen?

    Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem Mitleiden ist!

    Also sprach der Teufel einst zu mir: »auch Gott hat seine Hölle: das ist seine Liebe zu den Menschen.«

    Und jüngst hörte ich ihn dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.«

    Also sprach Zarathustra (S. 348)

    Quelle:
    Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 477.
    Permalink:
    http://www.zeno.org/nid/20009255192

    #philosopie #Nietzsche #wtf #dieu