• Verbindungen ins rechte Milieu? Berliner Clubcommission schmeißt Venue raus
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    Musikbrauerei
    ▻https://musikbrauerei.com
    Greifswalder Str. 23A,
    Prenzlauer Berg
    10405 Berlin

    Wie findet der Kutscher das? Ganz einfach, am Anfang der Greifswslder, kurz hinter Am Friedrichshain. Was für ne Frage.

    31.8.2026 von Anil Mustafa - Die Musikbrauerei ist raus – Berliner Clubcommission hat sich entschieden

    Der Auschluss der Musikbrauerei markiert den ersten Rauswurf einer Venue seit Gründung der Berliner Clubcommission. Grund dafür ist der Vorwurf, dass Gründer Jens Reule Dantas seine Räumlichkeiten rechtsextremen Projekten, Gruppen und Musiker zur Verfügung gestellt habe. Über die Entscheidung berichtete zunächst die Berliner Zeitung, die auch mit Dantas gesprochen hat.

    Die Musikbrauerei ist seit 1997 Teil der Berliner Clublandschaft und war 19 Jahre lang Mitglied der Berliner Clubcommission. Über die Jahre war die alte Brauerei nicht nur ein Ort für elektronische Musik, sondern auch Schauplatz für Live-Konzerte, Ausstellungen und zahlreiche weitere Projekte. Seit einigen Jahren jedoch steht die Venue in der Kritik.

    Der Ort wurde immer wieder für Veranstaltungen genutzt, die als rechtsextrem gelten beziehungsweise dem neurechten Spektrum zugeordnet werden. In einem Schreiben an den Anwalt des Gründers nennt die Clubcommission laut Berliner Zeitung insbesondere drei Veranstaltungen, darunter die „Erste Alternative Medienmesse“. Diese wurde unter anderem von Akteuren wie dem Demokratischen Widerstand, Compact und der Partei dieBasis veranstaltet. Der Demokratische Widerstand wird vom Verfassungsschutz als zentraler Akteur im Bereich der „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ bezeichnet.

    Auch ein Treffen zur generellen Vernetzung neurechter Medien sei in dem Schreiben als Beispiel genannt worden. Unter den Teilnehmern war demnach auch Kayvan Soufi-Siavash, bekannt als Ken Jebsen. Ken Jebsen wird von Verfassungsschutzbehörden und Medienexperten dem rechtsoffenen bis rechtsextremen beziehungsweise verschwörungsideologischen Spektrum zugeordnet. Seine Inhalte beinhalten häufig antisemitische beziehungsweise delegitimierende Narrative.

    Auch das Konzert der Band Drudensang war ein Kernpunkt des Schreibens. Die Clubcommission verweist auf Verbindungen der Band zur rechtsextremen Musikszene, unter anderem durch das Eternal Hate Fest und ein früheres Label. Auch eine Ausstellung wurde erwähnt. Bei „Dystopie meets Utopie“ ging es um Meinungsfreiheit, Krieg und Corona-Maßnahmen. Jedoch führte die Berichterstattung des rechten Mediums Compact TV zur weiteren Erwähnung eines möglichen Regelverstoßes.

    Für Dantas seien die Anschuldigungen hingegen maßlos übertrieben. Er verstehe die Musikbrauerei als neutralen Ort des demokratischen Austauschs und lehnt eine politische Einteilung seiner Räumlichkeiten in „links“ und „rechts“ ab. Gegenüber der Berliner Zeitung betonte er außerdem, dass er bei den Veranstaltungen keine Gewaltaufrufe oder menschenverachtenden Äußerungen festgestellt habe.

    Gleichzeitig räumt er allerdings ein, dass er die Veranstaltung von Drudensang inhaltlich nicht problematisch genug eingeschätzt habe. Die dort aufgestellten Tierskelette bezeichnete er als geschmacklos. Auch habe er Compact TV nach eigener Aussage später ein Filmverbot erteilt, weil er die Berichterstattung über eine Veranstaltung als provokant und überspitzt empfunden habe.

    Nun kündigte Dantas rechtliche Schritte an. Ein solcher Ausschluss könnte den Ort als nicht besuchbar abstempeln. Dies würde nicht nur zu zahlreichen finanziellen Folgen führen, sondern könnte auch das generelle bestehen des Ortes gefährden.

    Die Clubcommission äußerte sich gegenüber der Berliner Zeitung nicht zu dem Vorfall.

    Quelle: Berliner Zeitung

    #Greifswalder_Straße #Prenzlauer_Berg
    #Berlin #Gadtronomie #Nachtleben #Politik #cancel_culture

  • Carmen-Maja Antoni: „Ich bin gar kein Fan davon, wie sich der Prenzlauer Berg entwickelt hat“
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/article/carmen-maja-antoni-ich-bin-gar-kein-fan-davon-wie-sich-der-prenzlau

    10.7.2026 von Anne Vorbringer - Sie hat nie woanders als in Berlin gelebt, Prenzlauer Berg ist ihr Zuhause. Wieso Carmen-Maja Antoni mit ihrem Kiez fremdelt – und nicht als Ost-Schauspielerin bezeichnet werden will.

    Sie war eine der profiliertesten Charakterdarstellerinnen der DDR, sie hat alle großen Brecht-Rollen gespielt und ist besonders dem Berliner Ensemble eng verbunden: Carmen-Maja Antoni.

    Verbunden ist die 80-jährige Berlinerin auch ihrer Heimatstadt, wenngleich diese ihr mittlerweile so einiges abfordert. Antoni hat Berlin nach dem Krieg erlebt, in der Zeit der Teilung und auch die vielen Jahre danach. Die Stadt hat sie geprägt – und umgekehrt.

    Wie sie nach der Wende um ihr Herzenstheater kämpfte, warum sie immer nur ein paar Straßen weiter umzog und inzwischen ganz schön genervt ist von ihrem Kiez – das alles hat uns Carmen-Maja Antoni im Fragebogen erzählt. Als Schauspielerin ist sie immer noch viel beschäftigt, derzeit kann man sie in der ZDF-Comedy-Serie „Merz gegen Merz“ sehen – als Mutter der Hauptfigur Erik Merz, gespielt von Christoph Maria Herbst.

    1. Frau Antoni, Sie sind im August 1945 in Berlin zur Welt gekommen. Was sind Ihre frühesten Kindheitserinnerungen an die vom Krieg zerstörte Stadt?

    Die prägendste Erinnerung aus dieser Zeit ist der Hunger. In meinen ersten Lebensjahren war es das beherrschende Thema: Woher bekommen wir etwas zu essen, wie bekommen wir diesen Hunger weg? Ab 1950 wurde es dann besser.

    2. Sie sind in einer Reihenhaussiedlung in Adlershof aufgewachsen und haben schon sehr früh fürs Fernsehen gearbeitet, um die Familie zu ernähren. Kann man da überhaupt von Kindheit sprechen?

    Ja, klar. Ich habe ja etwas getan, was mir Spaß machte. Und dafür habe ich Geld bekommen. Besser geht es doch gar nicht. Das Fernsehen war die beste Schule für meinen späteren Beruf am Theater. Es disziplinierte, man musste vorbereitet sein und sollte sich möglichst nicht versprechen, schließlich waren wir meistens live auf Sendung.

    3. Sie sind im Laufe Ihrer Karriere im Hans-Otto-Theater, der Volksbühne und dem berühmten Berliner Ensemble aufgetreten. Welcher Bühnenmoment hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

    Eigentlich alle – das Theater an sich. Ich hatte alle großen Brecht-Rollen, von Mutter Courage bis zur Grusche. Ich habe Helene Weigel getroffen, mit Benno Besson und Claus Peymann gearbeitet, das ist fantastisch. Sehr besonders war natürlich meine Abschiedsaufführung am BE. Das Publikum schenkte mir eine halbe Stunde Standing Ovations. Diese Anerkennung von den Zuschauern zu bekommen, das hat mich sehr glücklich gemacht.

    4. In einem ARD-Porträt aus Anlass Ihres 80. Geburtstags heißt es über Sie, Sie hätten das – wenngleich unausweichliche – Ende der DDR nicht herbeigesehnt. Wie fühlten Sie sich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall in der wiedervereinten Stadt?

    Also so würde ich das überhaupt nicht formulieren. Es war doch klar, dass es mit der DDR so nicht weitergehen konnte. Ich war am 4. November 1989 auch auf der Straße, ich wollte die Veränderung, war für Presse- und Reisefreiheit. Als Ensemblemitglied des BE hatte ich ja die Möglichkeit, Gastspielreisen in westliche Länder zu unternehmen. Diese Möglichkeit wünschte ich allen Menschen.

    Die ersten Jahre nach der Wende waren in Berlin insofern ziemlich ernüchternd, als dass die Theater plötzlich leer blieben. Die Leute hatten andere Interessen, sie konsumierten, kauften Dinge, viele übernahmen sich. Gleichzeitig waren die Sorgen groß, denn alles hatte sich verändert: Kann ich mir die Miete noch leisten, wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Diese Sorgen plagten auch mich. Es war nicht klar, wie es am Theater weitergehen würde, das Berliner Ensemble kämpfte ums Überleben – und wir kämpften mit.

    5. Wie blicken Sie heute, fast 37 Jahre nach der Wende, auf die Ost-West-Debatte, wie sie aktuell geführt wird?

    Ich unterhalte mich sehr oft mit jungen Menschen, mit Studenten an der Ernst Busch zum Beispiel. Ich will wissen, was sie denken, will nach vorne schauen und nicht zurück. Die DDR ist Geschichte und man will sie doch nicht zurückhaben. Ostalgie ist so gar nicht mein Ding. Man kann das gern als Hobby betreiben, aber das sollte es dann auch gewesen sein. Mich ärgert es auch, wenn ich als Ost-Schauspielerin bezeichnet werde. Ich meine, gibt es auch Süd-Schauspielerinnen? Ich habe länger in der Bundesrepublik als in der DDR Theater gespielt, also wenn schon, dann bin ich ja wohl eine West-Schauspielerin!

    6. Gewohnt haben Sie aber immer im Ostteil der Stadt, in Prenzlauer Berg. Wie kam es dazu?

    Ich habe nie woanders gelebt als in Berlin. Hier habe ich gearbeitet, hier waren meine Bühnen. Wo sonst sollte ich also hin? In Prenzlauer Berg ist mein gesamtes Umfeld: Freunde, die Orte meiner Familie, die Läden und die Bäcker, die ich kannte. Also bin ich zwar fünfmal umgezogen, aber immer nur ein paar Straßen weiter.

    7. Prenzlauer Berg hat sich sehr verändert in den letzten Jahrzehnten. Wie gefällt Ihnen das?

    Ich bin gar kein Fan davon, wie sich der Prenzlauer Berg entwickelt hat. Durch die steigenden Mieten gehen die Alteingesessenen, die Zugezogenen klagen die Bars und Restaurants weg, weil es ihnen zu laut ist. Es gibt kaum noch alte Menschen auf der Straße, und immer mehr Läden müssen schließen. An der Schönhauser Allee, wo ich wohne, ist es besonders schlimm. Alles ist eine riesige Baustelle und ein einziges Verkehrschaos. Ich prophezeie mal, in zwei Jahren sind wir hier tot, dann gibt es nur noch Häuser, in denen irgendjemand wohnt.

    Die Gaststätten sind am schlimmsten dran. Was neben den hohen Gewerbemieten auch daran liegt, dass man nirgendwo mehr parken kann. Ich habe auch schon Strafzettel bekommen, weil ich länger als drei Minuten irgendwo gestanden habe. Es können nun mal nicht alle Menschen E-Roller fahren oder Fahrrad. An der Schönhauser gibt es neue Radwege, aber die Radfahrer fahren trotzdem auf dem Gehweg und überall, wo sie wollen. Das ist doch kein Zustand. Naja, man hat sehr viel auszusetzen im Moment an der Stadt. Merkwürdigerweise. Obwohl ich sie doch eigentlich liebe.

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    Die Stadt wird aggressiver, findet Carmen-Maja Antoni. © Jordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

    8. Was nervt Sie am meisten?

    Die vielen Baustellen. Überall sieht man rot-weiße Absperrungen, aber nichts verändert sich. Ob Montag, Dienstag oder Freitag, nie arbeitet jemand, alles bleibt einfach so stehen. So etwas kennt man wirklich in keinem anderen Land. Dass man es nicht schafft, innerhalb von Stunden oder Tagen mal ein Loch auf der Straße auszubessern. Das verursacht Unmut und macht alle Teilnehmer im Straßenverkehr aggressiv. Die Stadt wird aggressiver, würde ich sagen. Und das ist schade. Schlecht für jedes Viertel.

    9. Und was lieben Sie an der Stadt?

    Die ganzen Events, die es gibt, die Ausstellungen und Museen, das Kulturangebot, die Berlinale – all das ist natürlich toll. Und dass wir Sommer haben, man draußen sitzen kann, die Menschen sich treffen und miteinander reden. Ich finde, nach jedem überstandenen Winter wird man in dieser Stadt wieder mutig, optimistisch und sagt sich: Das wird schon.

    10. Gibt es ein Restaurant, in dem Sie besonders gerne reservieren?Ich mag italienische Restaurants. In Pankow gibt es einen Italiener, da kann man sehr schön draußen sitzen. Man guckt auf eine große Wiese und denkt, man ist gar nicht mehr in der Stadt. Ortskundige werden wissen, welchen Ort ich meine.

    11. Ihre persönliche No-Go-Area?

    Den Kudamm finde ich enttäuschend. Man läuft elendig lang, aber die ganzen Highlights sind eigentlich verschwunden. Alles wird zugebaut und die Geschäfte sind unglaublich elitär und teuer. Es gibt Gegenden, die erzählen mir einfach nichts. Und da muss ich ja dann nicht hin.

    12. Der beste Stadtteil Berlins – und der schlimmste?

    Naja, der schlimmste wird wohl bald Prenzlauer Berg sein. Dabei war es mal so ein toller, interessanter Stadtteil. Jetzt wird alles mit gläsernen Gebäuden zugebaut und jede Lücke, in der eine Parkbank stand, ist weg. Andererseits gibt es wunderschöne Gegenden wie den Treptower Park, wo man Wasser hat und viel Grün. Das ist eben auch Berlin. Und Brücken – ich liebe Brücken und mache gerne diese Brückenfahrten, bei denen man die Stadt vom Wasser aus sieht. Man entdeckt immer noch was Neues.

    13. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

    Erstmal Brötchen holen oder Croissants, und dann zu Hause bei geöffneten Fenstern richtig schön lange frühstücken. Dann auf dem Balkon die Blümchen gießen und einen Plan für den Tag machen. Ich habe ja eine Enkeltochter, die gerne viel unternehmen möchte. Wir suchen den besten Spielplatz – das ist auch so ein Thema in Berlin: Man fährt eine halbe Stunde mit dem Auto, um einen Spielplatz zu finden, auf dem nichts passieren kann.

    Ein Kinobesuch muss auch sein, mit einer großen Tüte Popcorn für das Kind. Am Samstag und am Sonntag gleich nochmal. Oder wir gehen ins Puppentheater, meine Tochter sucht da immer großartige Sachen raus. Berlin hat ja so tolle Angebote, da kann man echt nichts sagen. Ob man ins Spionagemuseum geht, ins Deutschlandmuseum oder ins Legoland. Jedes Wochenende kannst du dir was anderes rauspicken.

    Und wenn ich Berlin gar nicht mehr aushalte, fahre ich an die Ostsee. Seit ein paar Jahren habe ich ein Häuschen auf Usedom. Das ist mein Fluchtpunkt – und den braucht man auch.

    ZUR PERSON
    Jordis Antonia Schlösser/

    Carmen-Maja Antoni wurde noch während ihrer Schauspielausbildung in Potsdam engagiert. 1970 ging sie zu Benno Besson an die Volksbühne und 1976 zu Ruth Berghaus ans Berliner Ensemble. Unter der Intendanz von Claus Peymann stieg sie ein zweites Mal zur Protagonistin des Hauses auf.

    In Film und Fernsehen trat sie in unzähligen kleinen, immer prägnanten, aber auch in tragenden Rollen auf. Sie spielte fast 20 Jahre an der Seite von Iris Berben in der TV-Serie „Rosa Roth“, die Schwester des Dorfpolizisten Horst Krause und im Mehrteiler „Der Laden“ die patente Großmutter. „Merz gegen Merz: Entscheidungen“ ist schon online streambar, am 20. August um 20.15 Uhr läuft der Film dann im ZDF.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Stdtentwicklumg #Thester #Geschichte

  • Die fünf angesagtesten Secondhand-Shops in Berlin: Hier finden Modefans echte Schätze
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/article/beste-secondhand-shops-berlin-10061047

    Nett wsrs noch in 2020 : HAHAYOUREUGLY Secondhand & Vintage Warschauer Strasse 76, Friedrichshain, Mon-Sat 1pm-8pm, Tel: 01512 637 88 97, www.hahayoureugly.de

    Ergänzung zu Oxfam und Humana ?

    2020 berichtete der Tip
    ▻https://www.tip-berlin.de/english/12-of-the-best-vintage-shops-in-berlin

    4.6.2026 von Isabell Gielisch - Von hippen Neuzugängen bis zu echten Institutionen: Wir verraten, wo Berlins modische Avantgarde abseits des Massenkonsums die besten Vintage-Schätze findet.

    Berlin gilt weltweit als Hotspot für hochwertige Secondhand- und Vintage-Mode. Die deutsche Hauptstadt zieht seit jeher Kreative und Stilbewusste an, die abseits des Massenkonsums nach Individualität und Charakter suchen. Doch angesichts der enormen Dichte an Läden zwischen Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Neukölln kann es schwerfallen, den Überblick zu behalten.

    Wo finden Modebegeisterte die besten Preise, wo die exklusivsten Designer-Raritäten und wo die geschmackvoll kuratiertesten Teile? Eine Entdeckungstour durch die Berliner Vintage-Szene zeigt, in welchen Geschäften die Modewelt der Hauptstadt tatsächlich einkauft. Dies sind fünf der angesagtesten Secondhand-Shops in Berlin, die mit echten modischen Schätzen überzeugen.

    Der Neuling: Find Yours

    Der neueste Zugang der Berliner Vintage-Szene bereichert seit dem 11. April die Berliner Secondhand-Szene. Find Yours setzt auf ein sorgfältig kuratiertes Konzept und überzeugt mit einer präzisen Auswahl an einzigartigen Fundstücken. Stilistisch bewegt sich das Sortiment hauptsächlich in den Modewelten der 2000er- und 2010er-Jahre.

    Ein Fest für die Augen ist die farbliche Sortierung: Während das für Berlin typische Schwarz eine zentrale Rolle einnimmt, bietet der Store ebenso eine ansprechende Auswahl an farbenfrohen Akzenten. Der Fokus liegt hier absichtlich nicht auf teuren Designermarken, sondern auf bezahlbarer Individualität – die Preise sind durchweg fair kalkuliert, was den Laden zu einem echten Geheimtipp für Modebegeisterte macht.

    Find Yours. Pannierstraße 28, 12047 Berlin-Neukölln . Öffnungszeiten: Mo geschlossen, Di–Fr 13–19 Uhr, Sa 12–19 Uhr.

    Die It-Girl-Adresse: Archangels

    Archangels in Prenzlauer Berg, eröffnet im Juni 2024, konzentriert sich farblich hauptsächlich auf die Nichtfarben Schwarz und Weiß. Diese minimalistische Palette tut der Vielseitigkeit des Sortiments jedoch keinen Abbruch. Angeboten wird ein anspruchsvoller Mix aus High-Fashion-Designern wie Prada, Miu Miu oder Gucci und Vintage-Teilen, dessen Bandbreite vom minimalistischen Chic der 1990er-Jahre bis hin zu expressiveren Stücken aus den 2000ern reicht.

    Das stilistische Gespür des Ladens hat sich längst über die Grenzen Berlins hinaus herumgesprochen: Model (und Stilvorbild der Gen Z) Gabbriette wurde hier schon öfter beim Einkaufen gesichtet. Ein besonderes Highlight für Schnäppchenjäger ist der begehrte Sale, der rund zweimal im Jahr stattfindet und zuverlässig für eine Schlange sorgt. Ein absoluter Anlaufpunkt für modebegeisterte Kenner, die eine monochrome, aber dennoch ausdrucksstarke Garderobe schätzen.

    Archangels Berlin. Schliemannstraße 3, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg . Öffnungszeiten: Mo–Mi Geschlossen, Do–Fr 14–19 Uhr, Sa 12–19 Uhr.

    Paris Hilton würde Everything Garms empfehlen

    Umso farbenfroher geht es bei Everything Garms in Kreuzberg zu. Mit einem ausgesprochen bunten und vergleichsweise preisgünstigen Segment jenseits von großen Designernamen richtet sich das Geschäft gezielt an eine jüngere, trendaffine Zielgruppe. Spezialisiert auf Camisole-Tops und Flared Jeans liegt der Fokus hier klar auf den Modetrends der 2000er-Jahre.

    Der Nullerjahre-Look spiegelt sich auch im Interieur wider, das mit alten Designer-Werbeanzeigen und Magazinen aus dieser Ära dekoriert ist. Wer den unbeschwerten Popkultur-Look der Jahrtausendwende à la Paris Hilton sucht, wird in diesem Store definitiv fündig. Ein weiteres Plus für das Einkaufserlebnis: Nach getaner Shoppingarbeit lässt sich an der Kasse ein preiswerter Eiskaffee erwerben, der den Besuch entspannt abrundet.

    Everythinggarms Vintage. Dieffenbachstraße 15, 10967 Berlin-Kreuzberg . Öffnungszeiten: Mo–Sa 12–18 Uhr.

    Der Pionier: Sing Blackbird

    Als eine Art Blaupause für die moderne Berliner Vintage-Szene gilt der fein kuratierte Store Sing Blackbird. Bereits seit 2010 in der Neuköllner Sanderstraße ansässig, gehört das Geschäft zu den Pionieren seiner Art in der Hauptstadt. Drei großzügige Räume sind hier dicht bestückt mit einer anspruchsvollen Auswahl an Damenmode, sortiert nach Kleidungsart und Farben.

    Stilistisch liegt der Fokus auch hier auf den 2000er-Jahren, ergänzt durch ausgewählte Designerstücke und eine deutliche Vorliebe für die Farbe Schwarz. Ein kleinerer, separater Raum bietet zudem ein exklusives Sortiment für Herren. Die Preise bewegen sich im gehobenen Segment, was der hohen Qualität der Stücke entspricht. Wer gut erhaltene Kleidung besitzt, die zur Ästhetik des Ladens passt, kann diese vor Ort abgeben und erhält im Gegenzug einen Warengutschein für das Sortiment.

    Sing Blackbird. Sanderstraße 11, 12047 Berlin-Neukölln . Öffnungszeiten: Mo–Fr 13–19 Uhr, Sa 13–19.30 Uhr, So geschlossen.

    Laufsteg-Lieblinge: Amiata Archive

    In puncto rarer Laufsteg- und Designerstücke nimmt Amiata Archive in Kreuzberg eine absolute Spitzenposition ein. Das Konzept des Stores zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Liebe zum Detail aus: Jedes der handverlesenen Kleidungsstücke ist mit einem laminierten Foto des ursprünglichen Laufsteg-Auftritts versehen, was die modische Historie der Raritäten direkt erlebbar macht.

    Der Fokus liegt hierbei ganz klar auf italienischen Designern: MiuMiu, Prada, Dolce & Gabbana, Gucci. Passend dazu leitet sich der Name vom Monte Amiata ab, einem erloschenen Vulkan im Süden der Toskana. Ein Besuch im Store gleicht somit einer explosiven Entdeckungsreise durch die italienische High-Fashion-Geschichte, die in Berlin ihresgleichen sucht.

    Amiata Archive. Böckhstraße 13, 10967 Berlin-Kreuzberg . Öffnungszeiten: Mo–Mi geschlossen, Do–Fr 14–19 Uhr, Sa 12–19 Uhr.

    #Berlin #Neukölln #Prenzlauer_Berg #Kreuzberg
    #Mode #Handel #gebraucht

  • Wochenmarkt in Prenzlauer Berg : Kontrollierte Vielfalt
    ▻https://taz.de/Wochenmarkt-in-Prenzlauer-Berg/!6175642

    Auf dem Berliner Kollwitzmarkt lässt es sich leben   Foto : Lucia Jost

    Le square Kollwitzplatz à Prenzlauer Berg ressemble à Paris X. ou Bastille avec ses habitants aux salaires à partir de cinq mille Euros et les gentils vendeurs du marché hors de prix. La gentrification y est terminée, elle accompli sa mission de transformation sociale.

    16.5.2026 von Susanne Messmer - Der Kollwitzmarkt gilt vielen als Endgegner der Gentrifizierung. Hier treffen sich Wohlhabende aber auch Berliner Randexistenzen. Ein Marktbesuch.

    A m Rand des Kollwitzmarktes steht ein blitzblanker Benz R107 mit Frankfurter Kennzeichen. Siebzigerjahre-Chrom, Zigarette-im-Aschenbecher-Ästhetik. So ein Auto kostet heute schnell 80.000 Euro, vom Sprit gar nicht zu reden. Ein paar Meter weiter steht ein Rolls-Royce einer Berliner Luxus- und Sportwagenvermietung. Weißer Hochzeitsstrauß auf der Motorhaube. Tagesmiete: 2.999 Euro. Spätestens hier startet normalerweise der Klassenhass.

    Wir befinden uns auf dem Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz im Herzen von Berlins schicken Ortsteil Prenzlauer Berg. Es ist kurz nach zehn, die Sonne schiebt sich langsam durch die Wolken, die ersten Leute bestellen ihren Latte, über den Platz ziehen Fisch-, Obst- und Sesamgerüche. Der Markt wurde viel beschrieben und oft verspottet: als Freiluftzoo der Besserverdienenden. Als Wellnessbereich der Gentrifizierung.

    Und trotzdem lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen. Denn zwischen Sauerteigbrot, Kuhmilchkäse aus dem Burgund und Schinken aus spanischer Eichelmast wird etwas sichtbar, das weit über Prenzlauer Berg hinausweist: die Frage, warum Menschen sich überhaupt noch freiwillig unter andere Menschen mischen, obwohl inzwischen fast alles digital, kontaktlos und allein funktioniert.

    Auf den ersten Blick bedient der Kollwitzmarkt an diesem Samstagvormittag jedes einzelne Klischee. Der grüne Spargel aus Italien und der Blumenkohl aus Ägypten kosten ungefähr ein Drittel mehr als im Rewe. Die Maultaschen liegen beim doppelten Preis. Die Tortelloni in der Variante Steinpilz mit Honig kosten 3,90 pro hundert Gramm. Wer zu zweit satt werden will, landet schnell bei zwanzig Euro, eher mehr.

    Trotzdem stehen die Leute Schlange. Sie lassen sich Gemüse sorgfältig in braunes Papier wickeln und legen es vorsichtig in ihre Korbtaschen. Manche tragen Leinenhemden in Farben, die vermutlich Sand oder Salbei heißen. Andere führen Hunde spazieren, die aussehen, als würden sie ausschließlich Quark bekommen.
    Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel „Egal war gestern“

    Viele trinken um elf Uhr das erste und um zwölf das dritte Glas Weißwein oder Aperol Spritz. Manche lachen mit weit aufgerissenem Mund, als wäre selbst Lockerheit inzwischen eine Form von Leistung. Ein Mann mit Panamahut bestellt zwölf irische Felsenaustern und Champagner für 64 Euro. „Wer will denn halb lebendige Tiere essen?“, murmelt ein anderer im Vorbeigehen.

    Eine Bühne für den Prenzlauer Berg im Wandel

    Der Kollwitzmarkt funktioniert wie eine Bühne, auf der Prenzlauer Berg sich selbst beim Leben zusieht, während im Hintergrund jener soziale Austausch weiterarbeitet, der diesen Stadtteil innerhalb von zwei Jahrzehnten fast vollständig umgebaut hat.

    Früher war dieser Kiez Durchgangsstation. Heute bleibt, wer es geschafft hat

    Tatsächlich hat er sich radikaler verändert als viele, die hier auf dem Markt einkaufen, ahnen. Der Soziologe Thomas Dörfler beschreibt Prenzlauer Berg vielleicht am genauesten als Labor der Nachwendezeit. In den Achtzigerjahren lebten hier Künstler*innen, Dissident*innen, Leute aus der DDR-Gegenkultur, viele in heruntergekommenen Altbauwohnungen mit Kohleöfen und geteiltem Klo auf halber Treppe. Nach der Wende kamen zuerst die Kreativen aus dem Westen, später die urbanen Mittelschichten, die Bobos, soll heißen bourgeoisen Bohemians, Yuppies oder Lohas, was für „Lifestyle of Health and Sustainability“ steht.


    Auf dem Markt gibt es was zu essen...   Foto: Lucia Jost
    Verkäufer an einem Marktstand


    ...und auch mal was zu trinken   Foto: Lucia Jost

    Etwa die Hälfte der alten Bewohner*innen verschwand, eine neue Hälfte zog ein.

    Die Zahlen erzählen dieselbe Geschichte. Prenzlauer Berg ist einer der reichsten Ortsteile Berlins und am reichsten sind die Menschen dort am Kollwitzplatz. Die Arbeitslosenquote liegt hier nur bei 2,1 Prozent, das durchschnittliche Gehalt bei knapp 6.000 Euro. In sozial schwächeren Vierteln wie Neukölln liegt die Arbeitslosenquote in manchen Quartieren bis zu zehnmal höher und das durchschnittliche Gehalt bei weit unter 3.000 Euro. Gleichzeitig stabilisiert sich der Prenzlauer Berg immer stärker: Mehr als 61 Prozent der Bewohner*innen wohnen seit mindestens fünf Jahren an derselben Adresse. Früher war dieser Kiez Durchgangsstation. Heute bleibt, wer es geschafft hat.

    Was es gekostet hat, das zu schaffen, meint man in vielen der Gesichter zu sehen, die sich hier amüsieren: Diese angespannte Müdigkeit, als kämen sie entweder gerade aus einem Zoom-Meeting oder müssten in zwanzig Minuten ins nächste. Diese guten Zähne. Diese teuren Brillen. Drei junge Leute freuen sich überschwänglich über Eier aus Brandenburg und über einen Thüringer Wurststand mit frischer Blutwurst, als hätten sie so etwas noch nie gesehen.

    Amerikanischer Akzent, freundlich, entspannt

    Und trotzdem kippt das Bild ständig. Unweit vom Wurststand sitzt ein Paar um die Fünfzig in Second-Hand-Klamotten auf kleinen Hockern. Amerikanischer Akzent, freundlich, entspannt. Sie wohnen direkt am Platz, finden es hier „gemütlich“, wie sie sagen, und vermutlich ist es das auch im Vergleich zu New York oder San Francisco. Beide arbeiten viel. Samstags gehen sie trotzdem runter auf den Markt und lassen das Handy in der Wohnung. „Dann trifft man wenigstens Menschen“, sagen sie. Wind egal. Regen egal. Jeden Samstag hier.

    Eine junge Frau führt Besuch aus Münster herum und trinkt Aperol Spritz. „Den Wocheneinkauf könnte ich mir hier niemals leisten“, sagt sie, erwähnt ihren alten Mietvertrag und lacht ziemlich ehrlich dabei.


    Auf dem Markt finden man zur Würzung des Lebens das passende Kraut...   Foto: Lucia Jost


    ...und noch ein Tässchen Mokka, für den guten Geschmack   Foto: Lucia Jost

    Dann steht da ein Typ mit Basecap und Dreitagebart. Gebürtiger Prenzlauer Berger. Zwischendurch nach Moabit gezogen, inzwischen zurück. „Alle tun immer so, als wäre das hier komplett verloren“, sagt er. „Dabei finde ich den Kiez entspannter als seinen Ruf.“ Er zeigt auf einen kleinen Stand mit seltsamen Seifen.

    Vulvaförmige Seifen und Kakerlaken aus Kronkorken

    Dort verkauft die Berliner Künstlerin LeKrek vulvaförmige Seifenstücke für 17 Euro pro Exemplar. Inspiriert von Mithu Sanyals viel diskutiertem Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“, erzählt sie. Jede Form basiert auf dem Abdruck einer echten Person. Kleine nachhaltige Skulpturen, die sich langsam beim Duschen auflösen. „Wir müssen das Organ sichtbar machen“, sagt sie. Und dass sie Kunst außerhalb von Museen machen möchte, feministische Kunst, die man einfach aufbrauchen kann.

    Ein paar Meter weiter verkauft Peter, der seinen Nachnamen unwichtig findet, Bleistiftzeichnungen „ohne Absetzen“, wie er sagt und Drahtskulpturen. Kleine Kakerlaken aus plattgedrückten Kronkorken von Cola-Flaschen zum Beispiel. Cokeroaches nennt er sie. Kakerlaken als Symbol für Verfall, Überleben und Berliner Zähigkeit. „Du siehst auf’m Kolle Leute, wo du denkst: schicke Klamotten“, sagt er. „Und dit hat Stil. Die würden niemals Gucci zeigen.“

    Und plötzlich beginnt der Klassenhass zu stottern. Denn auf dem Kollwitzmarkt passiert noch etwas anderes, das sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Leute mit ziemlich viel Geld finanzieren hier ganz nebenbei Existenzen quer, die in anderen Städten längst verschwunden wären: Künstler*innen, kleine Produzenti*nnen, Menschen also, die in den Hochglanzbroschüren über kreative Städte zwar ständig auftauchen, deren tatsächliche Lebensrealität aber meistens prekär bleibt. Eine Art informelle Umverteilung.

    Ein therapeutisch aufgehellter Endzustand kapitalistischer Vereinsamung.

    Marktleiterin Steffi Hendewerk kennt und fördert dieses System sehr präzise. Sie hat den Markt von ihrem Mann Philipp Strube übernommen, einem frühen Prenzlauer-Berg-Pionier aus Nachwendezeit, der Ende der Neunzigerjahre einen der ersten Feinkostläden im Kiez aufbaute und später den Markt. Viele Händler*innen leben bis heute ausschließlich von diesem Ort. Achtzig der ungefähr hundert Stände sind seit Jahren in denselben Händen. „Die Aperolstände sind nötig“, sagt Hendewerk. Sie finanzieren die kleineren Stände mit. Mehr davon wolle sie trotzdem nicht. „Die Mischung muss stimmen.“

    Tatsächlich funktioniert der Markt an dieser Stelle nicht nur wie eine Distinktionsmaschine, sondern wie eine Art Erlebnismarkt für eine saturierte Großstadtbevölkerung, die sich nach analogem Leben sehnt. Leute, denen nachgesagt wird, dass sie gern unter sich bleiben, sitzen plötzlich mit anderen Menschen an Bierbänken und reden über Honig, die AfD in Thüringen oder Iran. Sie treffen Milieus aus anderen Schichten, Zeiten, Breitengraden: Philippinisch am Stand mit gebratenen Nudeln. Japanisch beim Kohlpfannkuchen, Uigurisch bei den Teigtaschen, Arabisch bei den syrischen Süßigkeiten, Feminismus bei den Seifen und Selbstausbeutung bei der Drahtkunst.

    Natürlich bleibt das alles eine sehr kontrollierte Form von Vielfalt. Niemand wird auf dem Kollwitzmarkt ernsthaft mit sozialem Elend konfrontiert. Dafür sind die Preise zu hoch. Aber immerhin entsteht hier noch dosierte Reibung. Es gibt Gerüche. Gespräche. Kleine Irritationen. Das ist in vielen Innenstädten längst nicht mehr selbstverständlich.

    Gegenmodell zur austauschbaren Innenstadt

    Denn klassische Einkaufsstraßen verlieren seit Jahren ihre Funktion. Kaufhäuser sterben. Auch Shoppingmalls kämpfen gegen Onlinehandel und hohe Betriebskosten.

    Innenstädte verwandeln sich vielerorts in austauschbare Zonen aus Kettenläden, Leerstand und Systemgastronomie, durch die Menschen zwar hindurchlaufen, in denen sie sich aber kaum noch wirklich aufhalten. Der Kollwitzmarkt wirkt dagegen fast wie ein Gegenmodell. Beweglich, improvisiert, temporär. Keine Rolltreppenmusik. Keine sterile Mall. Stattdessen Gedränge, Wetter, Fettgeruch, Menschen.

    Die Leute kaufen sich soziale Nähe in biologisch abbaubaren Verpackungen, anstatt sich einfach in den Park zu setzen

    Und trotzdem ist das Ganze natürlich widersprüchlich bis zum Anschlag. Denn der Kollwitzmarkt ist und bleibt eben auch eine freundlich duftende Oberfläche der Gentrifizierung. Ein therapeutisch aufgehellter Endzustand kapitalistischer Vereinsamung. Die Leute kaufen sich hier keine Kartoffeln. Sie kaufen sich soziale Nähe in biologisch abbaubaren Verpackungen, anstatt sich einfach in den Park zu setzen, miteinander zu reden und das Geld, das sie so sparen, an soziale Projekte zu spenden. Aber natürlich funktioniert das so einfach nicht.

    Kurz vor zwei steht eine mittelalte Frau mit raspelkurzen Haaren und blutrotem Lippenstift beim Imker Olaf Nils Dube. Elegant angelt sie vier Pfandgläser aus ihrer winzigen Tasche und lacht mit hoffnungslos verrauchter Stimme. Hinter ihr öffnet jemand die nächste Flasche Crémant. Vor ihr erklärt Dube gerade den Unterschied zwischen Demeterhonig und Industriehonig. Früher arbeitete er im Büro. Bauer konnte er ohne Kapital nicht werden. Also wurde er Imker.

    „Du denkst erst: Was für ’n Schnösel“, sagt er, als die Frau weg ist. „Und dann erzählt dir plötzlich jemand von einem Schicksalsschlag, von einer Krebserkrankung oder irgendeiner anderen Geschichte. Und plötzlich wandelt sich dieses Bild ganz massiv. Das ist eine gute Erfahrung.“

    Der Mercedes aus Frankfurt steht immer noch am Rand des Marktes. Sehr teuer. Sehr absurd. Aber zwischen Honiggläsern, Drahtkakerlaken und vulvaförmigen Seifen wirkt selbst dieses Auto plötzlich eher wie Teil einer seltsamen Berliner Übergangszeit. Einer Zeit, in der die Stadt zwar immer glatter, teurer und kontrollierter geworden ist, gleichzeitig aber verzweifelt nach Orten sucht, an denen Fremde noch miteinander ins Gespräch kommen.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Kollwitzplatz #gentrification

  • Berlin: Mehrere Festnahmen bei Abi-Feiern
    ►https://www.inforadio.de/nachrichten

    Abifeuer polizeilich gwräumt, willkommen im Leben !

    21.3.2026 - Bei eskalierten Abiturfeiern in Berliner Parks hat die Polizei am Abend mehrere Personen festgenommen.

    Bei der Räumung durch die Polizei gab es Widerstand, wie ein Sprecher des Lagezentrums dem rbb heute früh sagte. Ein Polizist sei angegriffen worden; fünf Jugendliche habe man vorübergehend festgenommen.

    Demnach gab es Anwohner-Beschwerden wegen Lärms und Pyrotechnik. Betroffen waren der Vorplatz des Zeiss-Großplanetariums in Prenzlauer Berg und der Rudolf-Wilde-Park in Schöneberg.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Rudolph-Wilde-Park #Schöneberg #Jugend #Polizei #Repression #Party

  • Neukölln, Mitte, Prenzlauer Berg: „Hippe“ Berliner Orte, die total überbewertet sind
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/panorama/neukoelln-mitte-prenzlauer-berg-hippe-berliner-orte-die-total-ueber

    Reiseführerkritik. Muss wohl mal sein. Alternativen? Frag die Kutscher, also die deutsch können, die anderen kannste ja sowieso nicht fragen.

    Und ein neuer Begriff, sozusagen eine alternative Wahrheit drängt sich auf: Anstelle von Gentrifizierung sollte es Arschlochfikation heißen, das ist bodenständiger. Alles klar ?

    21.10.2025 von Sabine Röthig, Irene Hallof, Marcus Weingärtner - Was am Rosenthaler Platz oder im Reuterkiez so angesagt sein soll, versteht kein Mensch. Und es gibt noch mehr nervige Szene-Hotspots in Berlin.

    Vermeintlich hippe Gegenden großer Städte sind für Außenstehende oft eine Enttäuschung. Sei es unattraktive Architektur, wilde Vermüllung oder komische Leute – nur selten lässt sich der Hype um eine Straße oder einen Platz so richtig nachvollziehen. Gerade, wenn man um die falsche Uhrzeit vor Ort ist.

    Auch Berlin hat diese hochgejubelten Locations im Programm. Oft befinden sie sich in den Trendbezirken des inneren S-Bahnrings und werden auf lausigen Reiseportalen völlig wahllos als Geheimtipps beworben. Wir haben für Sie eine Liste mit „Insider“-Hotspots erstellt, die besonders nerven.

    Rosenthaler Platz: Das Shibuya des kleinen Mannes

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    Shabby Chic am Rosenthaler Platz: Kippen, Essensreste und der Eingang zur U8.Sabine Röthig

    Warum es das hippe Volk an den Rosenthaler Platz in Mitte zieht, hat das genau zwei Gründe. Erstens liegt er an der angesagten Torstraße. Und zweitens wegen Harry Styles. Immer, wenn der britische Popstar in Berlin weilt, geht er nämlich hier spazieren – was dem rottigen Platzes neuerdings einen gewissen Glamour-Faktor verleiht.

    Dabei ist der Rosenthaler Platz noch nicht mal ein echter Platz, sondern eine Ampelkreuzung, auf der fünf Straßen aufeinandertreffen: ein Shibuya des kleinen Mannes, wenn man so will, nur ohne Zebrastreifen und japanische Multibrandstores wie beim Original in Tokio. Stattdessen gibt es am Rosenthaler Platz teure Döner und ölige Pommes, die durch Leuchtschrift in unmoderner Typo angepriesen werden.

    Zugegeben, architektonisch schön war der Rosenthaler Platz noch nie. Kurz nach der Wende sah es hier durch die vergammelten Häuser sogar noch viel schlimmer aus. Doch was nützen die sanierten Fassaden, wenn die Mieter im Untergeschoss mit ihrem Logodesign die Optik versauen. Außerdem verkaufen sie ihr (teilweise zugegeben leckeres) Essen in Einwegverpackungen an die Billigtouristen der Hostels ringsum, und die haben bekanntlich leider selten Zeit, sich in der Fremde auf die Suche nach einem Mülleimer zu begeben. Da wird fix fallengelassen, was leergefuttert ist, um schnell den nächsten Späti zum Bierholen anzusteuern. Tja, wer will es dem Feierpersonal vom Rosenthaler Platz verübeln: Bleiben will an dieser Kreuzung eben niemand lange. Außer vielleicht, wenn Harry Styles in der Nähe ist. Sabine Röthig

    Mauerpark: Wer nicht gebucht wird, tritt hier auf

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    Alle paar Meter eine neue Band: Der Gang durch den Mauerpark ist vor allem am Sonntagen ein singender, klingender Fiebertraum. Imago

    Wer als Tourist nach Berlin kommt, der wird nach Brandenburger Tor und Reichstag auch irgendwann im Mauerpark landen. Denn wenn sämtliche gutbürgerlichen Sehenswürdigkeiten abgearbeitet sind, gönnen sich Besucher zum Runterkommen gerne mal das „authentische“ Berlin. Und dieses ist laut diverser Reiseportale im Mauerpark angeblich ganz besonders stark an Sonntagen zu spüren, denn da ist Flohmarkt.

    Dann gibt es Einblicke in ortsansässigen Haushalte, deren unbrauchbar gewordener Inhalt auf Holztischen zum Verkauf feilgeboten wird. Doch nicht nur der Handel mit ausgemistetem Plunder, sondern auch die Musik ist ein großes Thema auf dem Areal. Die sonntäglichen Verkaufsevents ziehen nämlich Musikanten aus aller Herren Kieze an, denen offizielle Auftritte bisher aus nachvollziehbaren Gründen verwehrt geblieben sind.

    Während es früher lediglich die Trommlergruppen waren, deren stundenlanges Gewummer den Sonntag untermalte, singt und fiedelt es heute aus allen Büschen. Vom DJ-Nachwuchs über Nachbars Rockband bis zur evangelischen Gitarrengruppe – man fühlt sich bisweilen wie in einem lärmenden Fiebertraum, wenn man den gepflasterten Weg zwischen Wiese und Hang entlang läuft. Dort postieren sich die Sänger und Instrumentalisten besonders gern, weil die Menschen, die mit ihren Bierpullen am Hang sitzen, dann automatisch als ihr Publikum fungieren. Ob sie wollen oder nicht.

    Als Spaziergänger schreitet man unten durch die klingenden Segmente hindurch, und alles vermischt sich zu Gedudel und Lärm. Dass Touristen das Spektakel lieben, ist kein Wunder, denn sie können ja wieder abreisen. Anwohner hingegen haben die Bambule jedes Wochenende vor der Tür. Wohl dem, der eine Datsche im Speckgürtel hat und sich am frühen Sonntagmorgen in Richtung Brandenburg aus dem Staub machen kann. Sabine Röthig

    Schönhauser, Ecke Eberswalder: Gaumenfreuden und Augengraus

    Berlintouristen auf der Suche nach kulinarischen Abenteuern werden früher oder später auf die Kreuzung Schönhauser Allee/Eberswalder Straße stoßen. Hier findet sich der „legendäre Kult-Imbiss“, die „berühmteste Würstchenbude Berlins“: Konnopke’s-Imbiß. Nebenan der „absolute Spitzenreiter der Berliner Döner-Szene“ mit dem „stadtbekannten Gemüsedöner“: Rüyam Gemüse Kebab. Lange Schlangen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit scheinen Lonely Planet und Co. recht zu geben.

    Nun ist an Rüyams Gemüsekebab in der Tat nichts auszusetzen, und Konnopke kredenzt kredible Currywurst. Sofern man wochentags, am frühen Nachmittag und bei Nieselregen einkehrt, sind die Wartezeiten zudem überschaubar.

    Doch während der Gaumen sich freut, haben Augen, Ohren und Nasen hier zu leiden: Paletten, Bauzäune, Kabel, Einkaufswagen, Werbeaufsteller und Limebikes vermüllen den Bürgersteig, Autos, Straßen- und U-Bahnen lärmen ununterbrochen. Unter der Hochbahn kampieren Obdachlose, überall Essensreste, Abfall und Exkremente. Wer besonderes Pech hat, wird Zeuge einer Taubenfütterung: Direkt neben Konnopkes Stehtischen schüttet eine Frau säckeweise Futter unter die Hochbahn. Selbst für Vogelfreunde ist der Anblick der bodendeckenden, gräulich-wabernden Taubenmasse schwer erträglich.

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    Currywurst und Taubenfutter: Unter der U-Bahntrasse schmausen Mensch und Tier gemeinsam. Irene Hallof

    An dieser Kreuzung hat Berlin sich längst aufgegeben. Vorbei die Zeiten, in denen man die Hochbahn, den eleganten Ingenieurbau Alfred Grenanders, liebevoll „Magistratsschirm“ nannte und darunter im Sonntagsstaat spazierte. Heutzutage flaniert hier niemand, und wer bei einem Wolkenbruch notgedrungen den Weg unter dem Viadukt wählt, beeilt sich und hält dabei die Luft an.

    Und während Touristen nach dem Essen schnell wieder verschwinden können, brauchen Anwohner ein dickes Fell und ordentlich Eskapismus. Die Konnopkes haben die Hochbahnpfeiler rund um ihren Imbiss mit Figuren aus Zille’schen Zeiten verziert, die Häuser bei Rüyam versetzen einen mit Trompe-l’œil-Bemalung gleich in eine andere Stadt. Hauptsache weg! Irene Hallof

    Abgesang auf eine schöne Idee: der Reuterkiez

    Längst sind die Zeiten vorbei, in denen man sich noch damit brüsten konnte, dabei gewesen zu sein als Kreuzkölln zu einem hippen Ort gemacht wurde. Denn längst ist die Verwertungspyramide an ihrer Spitze angelangt, die Basis waren Studenten und Menschen ohne großes Einkommen, es folgten Künstler, dann kamen die Galerien und mit ihnen das Geld und die Immobilien-Agenturen. Alle zusammen haben den Kiez, genau genommen nur die Straßenzüge rund um die Weserstraße, einmal durchgentrifiziert und somit natürlich zu einer Art öden Expat-Disneyland gemacht, Americano für sieben Euro und „Cash only“ inklusive.

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    Poller-Quatsch im Reuterkiez: ein sicheres Anzeichen für ein Anfang vom Ende. www.imago-images.de

    Ein Ausweichquartier ist seit geraumer Zeit der Reuterkiez, wo es noch ein wenig rauer ist, ein weniger authentischer, sprich: dreckiger. Auch hier haben sich schon hochpreisige Bäckereien und Sterne-Lokale niedergelassen, noch aber stimmt die Mischung aus Menschen und Lebensentwürfen, bevor die Gentrifizierung auch hier voll durchschlagen wird wie in anderen Vierteln europäischer Metropolen von Hackney bis Bairro Alto.

    Und bei genauer Betrachtung ist es dann auch gar nicht so charmant zwischen Hobrecht- und Flughafenstraße, denn mittlerweile hat sich das Klima zum raueren gewandelt und wo man vor 20 Jahren noch getrost die eigene Hipness feiern konnte, so sind die Mieten auch hier rsant gestiegen. Immer öfter hört man von Übergriffen in Neukölln auf Menschen, die offenbar nicht ins heteronormative und andere Raster passen, auch im Reuterkiez. Marcus Weingärtner

    #Berlin #Mitte #Rosenthaler_Platz #Torstraße #Prenzlauer_Berg #Gesundbrunnen #Mauerpark #Bernauer_Straße #Schönhauser_Allee #Eberswalder_Straße #Neukölln #Weserstraße #Kreuzkölln #Reuterkiez #Reuterstraße #Hobrechtstraße #Flughafenstraße

    #Tourismus #Sehenswürdigkeiten #Gentrifizierung

  • Pankower Schule gewinnt den Deutschen Schulpreis : Was sie so besonders macht
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/pankower-schule-gewinnt-den-deutschen-schulpreis-li.2359633

    La meilleure école d’Allemagne est le produit de trente ans de gentrification et de beaucoup d’engagement pédagogique. Au fond c’est toujours une institution de triage social, alors la Fondation Robert Bosch peut compter sur plein de petits roues à dents pour l’engrenage capitaliste. Le type d’écile primée produit des adolesvents moins traumatisés qie le modèle classique avec son bachotage et sa discipline prussienne. C’est pas mal mais c’est loin de l"apprentissage de la liberté dsns une vraie école libre et antiautoritaire.

    39.9.2025 von Stefanie Hildebrandt - Schule kann schön sein und funktionieren. Wie eine Berliner Schule das Hauptstadtklischee überwand.

    Die Maria-Leo-Grundschule in Prenzlauer Berg ist eine von 376 staatlichen Grundschulen in Berlin. Vergessen Sie ganz schnell das Bild, das jetzt vielleicht in Ihrem Kopf erscheint. Keine Bauarbeiten, kein Ekelklo, kein Frontalunterricht in vollen Klassen. Hier auf dem Campus in der Conrad-Blenkle-Straße ist alles anders.

    Die Schule ist zwar eine staatliche Grundschule, orientiert sich in ihrer Pädagogik aber stark an den Ideen Maria Montessoris. Kinder lernen hier selbstbestimmt und in ihrem eigenen Tempo. Genau deshalb hat die Maria-Leo-Grundschule an diesem Dienstag den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung gewonnen.

    In der Schule haben sich die Kinder und Lehrer mit Popcorn und Schul-T-Shirts zum Public Viewing der Preisverleihung versammelt. Der Jubel ist riesig, als ihre Schule als Siegerschule aus Berlin verkündet wird. Die Löwen und Löwinnen sind zu Recht mächtig stolz.

    Denn was die Schulleiterin Sandra Scheffel und ihr Team hier in sehr kurzer Zeit an Schulentwicklung geleistet haben, ist beeindruckend. Der helle Holzneubau am Velodrom wurde erst im August 2023 eröffnet, als erste Compartmentschule der Stadt. Ein völlig neues Prinzip – zunächst einmal architektonisch: Statt in abgeschlossenen Klassenräumen entlang von Fluren lernen die Kinder hier in vielseitigen und flexiblen Landschaften.
    Lernen im Aquarium oder im Dschungelraum

    Da gibt es Podeste, Kletterbäume, Lümmelecken, das Aquarium, abgetrennt durch Glasscheiben, fürs stille Arbeiten, Labore, einen Bauraum, einen Dschungelraum. Zonierte Lernlandschaften für unterschiedlichste Bedürfnisse: Hier passt sich der Raum den Kindern an, nicht umgekehrt. Wer auf dem Bauch liegend lesen will, tut es ganz selbstverständlich.

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    Die Schulleiterin Sandra Scheffel hat in harter Arbeit mit dem Team ihre Visionen von guter Schule umgesetzt.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Es gibt etwa 15 Compartmentschulen in Berlin, aber „anderswo sind die großen Glasfensterscheiben zugeklebt, weil die Lehrer sich nicht reingucken lassen wollen“, sagt Sandra Scheffel. „Wir haben den Raum hier mit Leben gefüllt.“

    Wo fast grenzenlose architektonische Möglichkeiten auf pädagogische Inhalte treffen, die wegweisend sein können, ist es an einem gewöhnlichen Vormittag erstaunlich still beim Lernen. Die Kinder sind konzentriert. Ein Mädchen hat sich mit Kopfhörern und Tablet unter eine Bank verkrümelt. In einem der Aquarien übt eine Lernbegleiterin, wie die Lehrer hier heißen, mit einer Schülerin eins zu eins Silbenklatschen, während sich zwei Mädchen auf einem Sitzpolster gegenseitig vorlesen.

    Kloß im Hals vor lauter Schönheit

    Auf wieder einer anderen Freifläche singen viele Kinder gemeinsam „Ich bin ich, mich gibt’s nur einmal“. Wer andere Berliner Schulen kennt, hat spätestens jetzt vor lauter Rührung und Begeisterung einen Kloß im Hals. Das hier sollte der Standard sein, überall in der Stadt, besonders in den Brennpunkten. Schule sollte nicht länger die bestmögliche Verwaltung von Mangel unter hohem Einsatz persönlicher Ressourcen sein, wie sie anderswo betrieben wird.

    In den Räumen der Maria-Leo-Schule – jeder sieht anders aus – gibt es aufbereitetes Material als Input für die Kinder. Wann sie was lernen, entscheiden sie in Anlehnung an Elemente der Pädagogik Maria Montessoris selber. Bücher sind verlockend auf Display-Regalen aufgebaut, Tablets stehen in Rollschränkchen auf dem Flur. Lernblätter und Materialien sind so greifbar, dass man am liebsten selber sofort loslegen möchte.

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    Die Maria-Leo-Grundschule hat den Deutschen Schulpreis 2025 gewonnen.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Welche Ziele die Kinder in einer Woche erreichen wollen, halten sie in ihrem selbst gestalteten Brückenheft fest. „Es ist die Brücke zwischen Schule und zu Hause“, erklärt Sandra Scheffel. Damit alle an einem Strang ziehen können, wenn es heißt: Wie kann ich dich beim Erreichen deiner Zeile unterstützen?

    Keimzelle in der marodesten Schule Berlins

    Es ist zugleich bezeichnend und höchst motivierend, dass das preisgekrönte Konzept seinen gedanklichen Anfang in der Berliner Schulhölle nahm. Ein Jahr lang waren Sandra Scheffel und ihr noch kleines Team nämlich als Filiale einer anderen Grundschule in der Schule am Europasportpark untergekommen. „Wir haben in dem maroden Bau Kaugummis von 1980 von den Bänken gekratzt“, erzählt sie. „Aber es war ein wunderbares Jahr.“ Denn hier nahm die Idee vom selbstbestimmten Lernen nach der Lernhausmethode erste Formen an. „Das war die Keimzelle“, sagt Scheffel. Und ja, das Konzept sei auf jede andere Schule übertragbar, auch wenn die exorbitant tolle Ausstattung der Maria-Leo-Grundschule fehlt. „Jeder Lernraum kann ein Lernatelier werden.“

    Schule mit Visionen

    „Schule im Aufbau ist anstrengend“, sagt Sandra Scheffel, die jetzt die Früchte harter Teamarbeit einfährt, „aber wir hatten Visionen.“ Immer habe sie dabei auch das Vertrauen der Schulaufsicht genossen, die die Entwicklung der Schule zu dem, was sie heute ist, begleitete. Vergleichsarbeiten zeigen außerdem, dass das Konzept aufgeht. Man liege über dem Durchschnitt. Und das Wichtigste: „Wir haben hier glückliche Kinder.“

    Es beruhigend, dass die Träume der Schüler an einer solchen Überflieger-Schule denen von anderen Grundschülern am Ende doch sehr ähneln: „Mit 18 wohne ich mit meiner besten Freundin in einer WG und habe eine Katze“, schreibt ein Mädchen. Ein Junge will Spieleentwickler werden, der nächste Basketballprofi bei den L.A. Lakers. Auch eine Weltreise oder ein Studium samt Nebenjob in einem Buchladen streben die Schüler an.

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    Die Maria-Leo-Grundschule ist eine musikbetonte Schule. Die Kinder können verschiedene Instrumente lernen.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Die Schulleiterin Sandra Scheffel und ihr Team schaffen Strukturen, in denen die Schüler sich das nötige Rüstzeug aneignen können. Dabei wollte Scheffel eigentlich nie Schulleiterin werden. „Aber man fängt an, Dinge zu verändern, wenn man eine Not hat. Wir haben Dinge verändert.“

    „Unsere Schule ist ein Dorf“

    „Unsere Schule ist ein Dorf“, heißt es gleich zu Beginn auf der Website der Schule. Es ist gut möglich, dass engagierte Eltern nun ihren Wohnsitz in den Einzugsbereich der ganz normalen staatlichen Schule verlegen, wenn das Kind ins Grundschulalter kommt. Es gibt bereits jetzt eine lange Warteliste, alle wollen in die Lerngruppen des Dorfes, deren klingende Namen Wilde Möhre, Rittersporn oder Löwenmäulchen die Stadt vergessen lassen.

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    Langsam, leise, friedlich, freundlich – das sind die vier Grundprinzipien, an die sich jeder halten muss.Markus Wächter/Berliner Zeitung

    Schule von den Schülern her gedacht

    „Wie von einem anderen Stern“, so beschrieb ein Journalistenkollege die Schule bei einem ersten Besuch im Mai. Damals war gerade ein Vertreter der Schulpreis-Jury vor Ort, prüfte die Schule auf Herz und Nieren. „Engagierte Pädagogen denken den Unterricht und das gesamte System von der Schülerschaft her. Das ist für manche Lehrkräfte dann auch die überraschende Erkenntnis: Wenn die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt gestellt werden und es denen gut geht, dann geht es auch den Lehrkräften gut“, lautete damals das Fazit des Profis.

    Zur Jury gehören neben Lehrern auch Schulverwalter und Bildungsforscher. Der Deutsche Schulpreis gilt als der renommierteste unter den Schulauszeichnungen. Die Konzepte, die mit dem Preis gewürdigt werden, sollen viele Nachahmer finden und als Inspiration für gute, moderne Bildung dienen.

    Sandra Scheffel hat sich schon Gedanken gemacht, wie sie die vielen Interessenten, die nun zu erwarten sind, durch das Haus führen will. Hausschuhe muss man anziehen, und es gibt eine digitale Schnitzeljagd per App. Es wird Hospitationstage geben, damit der Schulalltag nicht allzu sehr leidet. Die Besucher werden dann am schwarzen Flügel am Sekretariat vorbeikommen, auf dem ein Schild einlädt: „Spiel mit mir.“ Es kann manchmal ganz einfach sein.

    #Allemagne #Berlin #Prenzlauer_Berg #école #gentrification #Maria_Montessori

  • Generationswechsel mit Feingefühl: So sichert sich die Eckkneipe Willy Bresch ihre Zukunft
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/ick-fuehl-mich-hier-sehr-wohl-junger-wirt-hat-eckkneipe-willy-bresc

    So hinfinden:
    ▻https://www.openstreetmap.org/node/1116757961

    Danzuger/Greifswalder

    9.8.2025 von Alexander Reich - Der neue Betreiber der Eckkneipe Willy Bresch in Prenzlauer Berg ist gerade mal 23 Jahre alt. Er weiß, wie sich Stammkundschaft und ein junges Publikum vereinen lassen.

    „Lebst ja noch“, stellt Petra Gutt (65) hinter dem Tresen des Willy Bresch fest, als ein älterer Gast hereinkommt. „Hundert Jahre nich jesehn!“ Aufrichtige Wiedersehensfreude, in der auch ein kleiner Vorwurf mitschwingt. Seit 20 Jahren steht Gutt hier hinter dem Tresen. Sie ist „jebürtig Prenzlauer Berg“, sagt sie. „Hier jabs keene Jeburtsklinik, ick bin zu Hause jeboren.“ Zeit ihres Lebens habe sie „nie woanders jewohnt oder jearbeitet“ als in ihrem Stadtteil. Deutschlandweit sterben die Kneipen, aber das Willy Bresch in Prenzlauer Berg wird überleben – mit seinem Schultheiss-Leuchtkasten im Fenster, den Karodecken auf den Tischen und dieser ruppigen Herzlichkeit, für die Berlin lange bekannt war.

    Früher hat jede Kneipe hier so ausgesehen. Inzwischen ist das Willy Bresch an der Greifswalder Ecke Danziger Straße ein Unikat. Die Gardinen wirken vom Rauch leicht angegilbt – wenn sie es nicht sind, denkt man das Gelb automatisch hinzu. Draußen an der vielbefahrenen Kreuzung sind mit Kreide die Schnäpse an zwei Tafeln geschrieben.

    „Hier jibts keene Haken, jedenfalls nich am Tresen“

    Dass dieses Lokal sich bis heute halten konnte, wäre aufregend genug. Nun aber hat es ein junger Ost-Berliner übernommen. Er hat kaum etwas verändert und wird den Laden wohl noch mindestens 20 Jahre lang weiterführen. Kaum zu fassen.

    Petra Gutt zapft das Bier für den lange Verschollenen, als ein Gast seine Jacke beim Barhocker aufhängen will. „Hier jibts keene Haken, jedenfalls nich am Tresen“, ruft Gutt ihm zu, und deutet mit dem Kopf in Richtung der Garderobe bei den Spielautomaten. Etwas bedröppelt legt der Neue dort ab.

    Darüber, wie oft hier Gäste reinkommen, die nie zuvor drin waren, gehen die Meinungen am Tresen auseinander. Jörg Meier (61) ist ein-, zweimal die Woche hier. Neuerdings kämen auch „junge Spanier und japanische Reisegruppen“, sagt er, weil „das Ganze im Internet leider schon bekannt geworden ist“.

    Den Anteil der „Urberliner“ unter den Gästen schätzt er auf ein Drittel. Er selbst habe ein „Urberliner Herz“, nämlich „immer ne große Fresse gehabt“. Ursprünglich kommt er allerdings aus Mainz, wie er kleinlaut zugibt. Mittelgroßes Oha in der kleinen Runde. Das wussten sie noch nicht.

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    Gastraum im Willy Bresch. Vor den Setzkasten wird bei Bedarf eine Leinwand gezogen.Anne Schönharting

    Zu Softrockklängen aus den 80ern betritt der neue Betreiber die Kneipe: Tim Brandenburger (23). Ein taktvoller Typ in einem robusten Arbeitsanzug. Große Augen, glänzende Haartolle, warmes Lächeln. Er steht hier die meiste Zeit hinter dem Tresen, hat also auch den besten Überblick über das Publikum. „Bestimmt 95 Prozent aller Gesichter sehe ich Minimum einmal im Monat“, sagt er. „Und bei den Touristen ist meistens einer dabei, den ich schon kenne – der zeigt dann Leuten seine Eckkneipe.“

    Brandenburger holt einen Hammer aus einem Werkzeugkasten und öffnet die Tür nach draußen. Beim Flügel, der nicht schwingt, klemmt ein Riegel. Als die Tür offen steht, übernimmt er am Tresen von Petra Gutt. Ihre Schicht ist nach ein, zwei Stunden schon wieder vorbei. Vorher hat sie den Laden geputzt.

    Sollte die „Apfelkorn-Gang“ auftauchen, läge noch eine Flasche „im Bunker“, teilt sie bei der Übergabe mit. „Die drei von der Tankstelle“ kämen bestimmt auch wieder. Dann setzt sich Gutt auf der anderen Seite des Tresens auf einen Barhocker, zündet eine Zigarette aus Polen an und bekommt vom Chef ein Feierabendbier serviert. Kleines Berliner Pilsner mit Eiswürfeln. Wie immer.

    Zu seiner Kneipe kam Brandenburger wie die Jungfrau zum Kind. Er ist um die Ecke am Bahnhof Schönhauser Allee aufgewachsen. Seine Eltern zogen in den 90ern aus Sachsen-Anhalt her: „Vater Fliesenleger, Mutter gelernte Eisenbahnerin.“

    Nach dem Abi begann Tim Brandenburger ein Physikstudium. Da war er noch ein typischer Vertreter seiner „Generation Späti“, die auf Fassbier nichts gibt. In den „Kneipenkosmos“, wie er es nennt, ist er über einen Studentenjob geraten. In einem Altberliner Restaurant die Danziger hoch: Zum Schusterjungen.

    Ein Jahr lang hat er dort Kartoffeln geschält und Teller gespült, gern angepackt und beim Fassbier nach der Schicht die Kollegen ins Herz geschlossen. Also fragte er den Chef, ob er eine Kochlehre machen könne. „Sonst hau ick in den Sack, um wieder richtig zu studieren.“

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    Willy Bresch von außen. Lange stand der Name nur als Blechschild über der SchwingtürAnne Schönharting

    Brandenburger ist im Schusterjungen auch am Tresen ausgebildet worden, hat Gastro von der Pike auf gelernt. Darum schafft er im Willy Bresch zur Not auch mal einen Abend alleine, an dem alle Plätze besetzt sind: 80 drinnen und 40 draußen. Ein Knochenjob, der Präzision verlangt. Beim Zapfen, Austragen, Kassieren.

    Über den Schusterjungen ist Brandenburger auch zu seiner Kneipe gekommen. Sein dortiger Chef hat ihn mit dem langjährigen Betreiber des Willy Bresch zusammengebracht, der einen Nachfolger suchte. „Das war der Enkel von Willy Bresch“, erklärt der junge Ost-Berliner Wirt.

    Mit Blick auf den Thälmannpark schräg über die Kreuzung könnte man meinen, Willy Bresch sei ein Widerstandskämpfer gewesen. Bresch war aber ein Wirt, der seiner Kneipe in der DDR zu einem guten Ruf verhalf. Als er das Lokal 1966 übernahm, war sein Name nur auf einem kleinen Blechschild über der Schwingtür zu lesen.

    „Und dann sitz ick hier n bisschen und jeh wieder nach Hause“

    Wenige Jahre später kam die Dame, die in diesem Moment bei Tim Brandenburger ein kleines Berliner Pilsner bestellt, nicht vorbei an dem Laden. „Bresch war damals die bekannte Ecke“, sagt Ilona Aulich (80) über die DDR-Zeit. „Nette Gäste“, hat sie in Erinnerung. Getrunken wurden „Pils und Korn“. Sie nahm dazu gern „Kartoffelsalat mit Knacker“.

    Zwei Männer hat Aulich überlebt. Mit beiden war sie oft hier. „Nich, dass wir uns hier verabredet hätten oder so, einfach wenn wir Lust hatten und Laune. Wir waren och keene so ne großen Quatschmäuler oder sowas.“

    Auf die Frage, was sich hier seitdem verändert habe, guckt sie sich eine Weile um. „Nüscht“, ist das Ergebnis. Höchstens, dass früher „so kleene Bierkrüge“ auf dem Tresenschrank standen. Wo heute eine Sammlung aus der Mode gekommener Gläser ist. Aulich strahlt. „Also ick muss sagen: Ick fühl mich hier sehr wohl, deswegen jeh ick ja och noch alleine hier her.“

    Zwei-, dreimal im Monat trinkt sie ein kleines Berliner. Sie hat die drei Euro schon auf den Tisch gelegt. „Und dann sitz ick hier n bisschen, und dann kiek ick n bisschen, und dann jeh ick wieder nach Hause.“ Dass es mit der Kneipe weitergeht, freut auch sie. „Wär ja schlimm, wenn die jetzt noch vor mir zumachen würde!“ sagt Aulich und bricht in herzliches Lachen aus.

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    Ilona Aulich hat zwei Männer überlebt, mit beiden war sie oft hier.Anne Schönharting

    Im Februar hat Tim Brandenburger das Vermächtnis der Familie Bresch übernommen. Dem Enkel war es nach mehr als 40 Jahren hinter dem Tresen wichtig, dass möglichst viel davon erhalten bleibt. Das Kniffligste war der Gewerbemietvertrag. Breschs Enkel hat seinen erst gekündigt, als der neue unterschrieben war.

    Die Miete wurde auf dem Niveau der „Prenzlbergpreise für den Quadratmeter“ noch einmal „leicht erhöht“, sagt Tim Brandenburger. Wichtig war ihm die Frist. 20 Jahre wurden mit dem Vermieter ausgehandelt. Alle fünf Jahre steigt die Miete um fünf Prozent, es gibt keine Inflationsklausel.

    Der glückliche Wirt weiß also heute schon, wieviel Miete er 2045 zahlen wird. Und nicht mal die Heizkostenabrechnung macht ihm Sorgen. Er hat drei Wunderdinger an der Wand. Gamat-Heizkörper aus der DDR mit einem Wirkungsgrad von „gefühlt 100 Prozent. Wenn die im Winter auf 2 sind, ist hier Affenhitze“, sagt er. „Bei 3 oder 4 kannst du die 20 Meter drumrum fast nicht mehr sitzen.“

    Auf den ersten Blick hat Brandenburger in seinem ersten halben Jahr nichts verändert. Erst allmählich fällt auf, dass es nicht mehr drei Fassbiere gibt, sondern acht. Die Zapfanlage ist die alte, mit ihren acht Hähnen gibt sie das her. Aber heute kommt aus jedem ein anderes Bier.
    Anpassungen mit Feingefühl – damit sich alle wohlfühlen

    Die Preise der ursprünglichen Biere – Schultheiss, Hohenthanner und Berliner – sind gleichgeblieben. Auch die neuen Sorten bewegen sich in dem Preissegment. Wie früher stehen die Preise in Handschrift auf gelber Pappe an der Wand. Tim Brandenburger begrüßt den ersten von den dreien von der Tankstelle: Peter Lemke (84) hat lange Hohenthanner getrunken. Das hatte Tradition bei Breschs. Nun ist Lemke auf Urquell umgestiegen, eines der fünf neuen Biere. Beim Umsatz liegt es mit Schultheiss an der Spitze.

    Bei Union-Spielen geht heute Berliner am besten weg. Im Willy Bresch wird auch Fußball übertragen. Die Leinwand wird vor einen Setzkasten mit Bierkrügen gezogen. Für Sky und DAZN zahlt Brandenburger einen vierstelligen Betrag. „Weil es den Sonntag ein bisschen glattbügelt“, sagt er. „Das ist der einzige Grund.“

    Die Getränkekarte hat er behutsam überarbeitet. Kaum etwas runtergenommen, vieles hinzugefügt, einige Schnäpse, wenige Longdrinks und Weine – gut überlegte Entscheidungen. Es gibt nun Helles, Hefe und Schwarzbier vom Fass, einen der besten Mexikaner der Stadt und neulich wurde eine Kiste Grauburgunder an einem Abend geleert. Da war er froh, dass er eine zweite bestellt hatte.

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    Petra Gutt hat noch vier Monate bis zur Rente. Sie will weiterarbeiten.Anne Schönharting

    Auch wenn zum Publikum mittlerweile jüngere Gäste zählen, hat Brandenburger in der Kneipe selbst nichts angefasst. Nicht mal einen Aufkleber mit blödem Spruch hat er vom Tresen gekratzt. Das Oldie-Gedudel ist das alte. Und wenn die Hälfte der Gäste jetzt nicht mehr raucht – er lässt es bei der Erlaubnis, solange die Ämter noch eine ausstellen.

    Jeden Tag sind in der Spitze mindestens 60, 70 Leute gleichzeitig in der Kneipe, sagt er im nächsten ruhigen Moment am Tresen. Diese Spitzen können auch seine beiden Vollzeitangestellten, eine 21-Jährige und ein 34-Jähriger, alleine gut bewältigen. Auch sie sind exzellent ausgebildet.

    Brandenburger hat die Übernahme der Kneipe nicht bereut, weil er vorher wusste: „Man muss sich halt mit so nem Laden verheiraten.“ Irgendwas ist immer. „Ein Rohr ist kaputt, ein Biermensch will was, ein Steuerberatermensch braucht was, jemand ist krank …“ Er hat viel um die Ohren, wird aber nicht jammern oder meckern.
    Freundlichkeit und Service statt Berliner Schnauze

    Tim Brandenburger lässt, anders als der Urberliner Wirt, keine Laune raushängen. Freundlichkeit und Service, auch das haben sie ihm im Schusterjungen beigebracht. Die schnoddrige Art von Petra Gutt liegt ihm weniger. Aber er macht ihr noch ein Kleines. Wieder mit Eis. Sehr aufmerksam.

    Service wurde bei Bresch immer groß geschrieben, ergänzt die 65-Jährige. „Dit war die einzige Kneipe in Ost-Berlin, die funktioniert hat.“ Auch darum hat sie hier beim Enkel angefangen – nach 25 Jahren als „gelernter Fleischer“. Kurze Pause. „Fleischerin, sagt man ja heute.“

    An vier Tagen in der Woche putzt sie zwei Stunden den Laden durch. Am anstrengendsten sei das Wischen. „Spätschicht stuhlt hoch“, sagt Gutt, „und dann ick hier …“ – sie macht vor, wie sie den Schankraum bohnert. Anschließend steht sie dann noch ein, zwei Stunden am Tresen.

    Ein Minijob.

    Vier Monate hat Gutt noch bis zur Rente, aber sie wird erst mal bleiben. „Nüscht machen is mir Scheiße“, sagt sie. „Dit is mir nich jut.“

    #Danziger_Straße #Prenzlauer_Berg #Gastronomie #Kneipe #Bier

  • Kastanienallee in Berlin: Zwischen britischen Touristen und alten Punkrockern
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/ein-langer-tag-auf-der-kastanienallee-zwischen-britischen-touristen

    Der Mythos Berlin ist Scheiße. Wortwörtlich. „Volker Kutscher, hier? Kannst Dich wieder anziehen.“ Techno in den Neunzigern? Castingallee, Nuller Jahre? War da wat? Die Stadt und ihre arbeitende Bevölkerung den Geiern zum Fraß vorgeworfen, das habt Ihr. Jetzt ist alles weg, endverdaut, ausgeschissen. Braucht nicht mehr suchen. Das nächste ’45 kommt. Dann wieder Aufbau. Hält 50 max. Früher, viel früher waren das ein paar Dutzend, sogar hundert Jahre. Heute ist Turbokapitalismus, Zeit und Leben voll komprimiert und durchbeschleunigt. Dit ist Berlin. Wie immer, nur immer schneller. #WTF

    28.6.2025 von Clint Lukas - Als unser Autor vor 20 Jahren nach Berlin kam, landete er an der Kastanienallee. Nun stellt er sich die Frage: Was ist nur aus der legendären „Castingallee“ geworden?

    Als ich an einem Sonntag im Jahr 2005 mit dem Umzugswagen in Berlin ankam und nach dem Ausladen noch schnell einen zwitschern wollte, war die erstbeste Kneipe, in die ich geriet, das Schwarz Sauer in der Kastanienallee. Während andere früher nach Berlin geflohen waren, um der Wehrpflicht zu entgehen, kam ich hierher, um meinen Zivildienst zu machen. Ich war zwanzig Jahre alt.

    Als völliger Neuling in der Stadt konnte ich natürlich nicht ahnen, dass der Zufall mich auf eine der beliebtesten Szenemeilen der deutschen Hauptstadt getrieben hatte. Eine Straße voller Cafés, einem Kino und einem echten besetzten Haus, wo sich rund um die Uhr Künstler und Modemacher herumtrieben. Eine Straße, die nicht umsonst den Kosenamen „Castingallee“ trug. Manche nennen sie sogar heimlich die Khao San Road von Ostberlin – die „Khao San“ ist die wildeste und lauteste Straße im Touristenviertel von Bangkok.

    Ich ging nach diesem ersten Sonntag noch öfter ins Schwarz Sauer, nicht aus besonderem Gusto, sondern aus der Gewohnheit des Neuankömmlings. Irgendwer verklickerte mir dann, das es ein Laden für Kokser wäre. Von da an betrachtete ich die anderen Gäste mit noch mehr kleinstädtischer Neugier. Meine Stammkneipe wurde schließlich die Trommel, gleiche Straße, ein paar Blocks Richtung Südwesten. Fünf, sechs Jahre lang schlug ich mir dort jede Woche mehrere Nächte um die Ohren, lernte meine ersten wichtigen Hauptstadt-Lektionen.

    Sind das nicht ausreichend nostalgische Gründe, um mal wieder einen Tag auf dieser Flaniermeile zu verbringen, um zu sehen, was 2025 aus ihr geworden ist? Ich denke, ja.

    Ich starte mittags mitten in der Woche am Rosenthaler Platz, im Späti neben dem Frittenwerk, das früher ein Backwerk war. Von hier unten bis zur Höhe der Zionskirche heißt die Straße zwar Weinbergsweg, doch ich will sie einfach mal frech zum Gesamterlebnis Kastanienallee dazu zählen. Bis vor ein paar Jahren war dieser Späti ein beliebter Treffpunkt. Auf den Batterien aufgestellter Biergarnituren grölte das Publikum etlicher naher Hostels munter die Nächte durch. Zumindest, bis die entnervten Anwohner das Bezirksamt dazu brachten, dem ein Ende zu machen. Seither kann man nur noch im Inneren des Ladens Platz nehmen, was ich auch prompt mache. Das Flaschenbier kostet dort inzwischen zwar mehr als jedes Getränk in mancher Kneipe, aber man zahlt ja bekanntlich für das Ambiente, wie beim Oktoberfest.

    Das besagte Ambiente teile ich mit der üblichen Riege drolliger Frühschoppen-Liebhaber sowie mit fünf Briten, deren Statur und Gehabe auf Rugby-Spieler schließen lässt. Alle sind fröhlich am Picheln und beobachten feixend die Uber-Fahrer, die mangels Ortskenntnis der M1 ins Gehege kommen und wüst von den Tramfahrern beschimpft werden.

    3,20 Euro für ein Bier beim Späti: Nichts ist mehr günstig in Berlin-Mitte

    Wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde, säßen wir nun nicht hier, sondern zwei Häuser weiter in der Datscha, einem sympathischen Laden, den ich schon mochte, als er noch Café Gorki Park hieß. Man konnte dort Blini und Bœuf Stroganoff essen und bekam bereits ab zehn Uhr morgens eine köstliche Bloody Mary serviert. Ein Luxus, den man heute in dieser Gegend vergeblich sucht. Die Pandemie hat den Laden marode geschossen, aber gekillt hat ihn die Einfältigkeit der Leute, die aufgrund der russlandfeindlichen Stimmung keine Blini mehr essen wollten. Dabei kam ein großer Teil der Belegschaft aus der Ukraine, der russische Chef hatte nichts mit dem Krieg zu tun.

    Derweil geben sich im Späti minütlich junge Touristen die Klinke in die Hand, um sich für 2,90 Euro eine Limonade oder ein Bier für 3,20 Euro zu kaufen. Waren Spätis nicht mal als günstige Alternative gedacht? Nichts ist mehr günstig in Mitte. Dafür wirken die Rugby-Spieler so patent, dass ich mich gern mit ihnen anfreunden würde. Leider bin ich dafür zu schüchtern. Es folgt ein Bier nach dem anderen. Als die Briten sich anschicken, den Weinbergsweg zu erklimmen, immerhin eine der längsten Steigungen Berlins, folge ich ihnen in einigem Abstand, biege dann jedoch etwas erschöpft ab in den Park.

    Auch der ist nicht mehr, was er mal war. Noch vor fünfzehn Jahren durfte er sich das Prädikat „krassester Drogenumschlagplatz nach dem Görlitzer Park“ an die sinnbildliche Hemdbrust pinnen. Ich selbst verdiente mir dort in mancher Nacht meine ersten Sporen als naiver Graskonsument, der stundenlang mit rasendem Puls in vollgepissten Büschen ausharrte, um sich schließlich für zehn Euro ein Tütchen parfümierten Hopfen andrehen zu lassen. Doch dieser Wirtschaftszweig scheint inzwischen mitsamt seinen Entrepreneurs in den Mauerpark abgewandert zu sein. Ich lasse mich unter einem Baum nieder. Mit meinen Schuhen als Kopfkissen schlafe ich erst mal den Schlaf des Gerechten, der nicht schon mittags mit der Bier-Euphorie gestandener Briten mithalten konnte. Nach knapp zwei Stunden habe ich die fünf Biere aber schon fast verdaut.

    „Korbi! Korbinian! Lass mal den Mann in Ruhe. Du siehst doch, dass der ... Korbinian!“ Die Stimme des Vaters ist fast noch schlimmer als der Gummiball, den der kleine Korbinian mir beherzt in die Weichteile kickt. Ein samtiges Prenzlberg-Timbre, so viel Kreide kann kein Wolf fressen, um diesen Klang im Hohlkörper zu erzeugen. Ich öffne ein Auge und sehe nur Segelschuhe unter Dreiviertelhosen. Weiter oben wurde ein himmelblauer Pulli um einen Hals gelegt. Sieht aus wie Sylt, aber auch das ist Berlin!

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    Der Prater Biergarten ist ebenfalls ein Kult-Ort an der Kastanienallee.Anikka Bauer

    Immerhin fließt nun genug Adrenalin durch meine Karkasse, um mir die Fortsetzung meiner Tour schmackhaft zu machen. Der Nachmittag ist zwar nun ziemlich weit fortgeschritten, doch es ist noch immer zu früh, um in die Trommel zu gehen. Die öffnet nämlich erst um acht, ein Unding, wenn man mich fragt. Zum Glück kann man sich trotzdem auf die Terrasse setzen und die vorbeiziehenden Passanten begaffen. Ein ebenso schönes wie faires Vergnügen, denn die Passanten gaffen ebenso schamlos zurück.

    Nur noch seelenlose Cafés, die alle so wirken, als hätte eine KI sie eröffnet.

    Bereits vor zwanzig Jahren war die Trommel ein Ufo, ein aus der Zeit gefallenes Relikt zwischen all den hippen Boutiquen und Agenturbüros, die der Straße zurecht den Namen „Castingallee“ eingebracht haben. Und noch immer kann man sich ein klein wenig oldschool fühlen, wenn man dort bei den alten Punkrockern sitzt und zu einem Teil dieses Schaufensters aus den 90ern wird.

    Nachdem ich die Zionskirchstraße überquert habe, angeblich die Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, passiere ich noch einen ehemaligen Hotspot: Den denkwürdigen Plattenladen Franz & Josef mit seinem originellen Besitzer, der einer ganzen Generation unbedarfter Kunden das Fürchten lehrte. Das Internet ist noch voll von vielsagenden Bewertungen aus aller Welt. Man dachte unwillkürlich an Nick Hornbys „High Fidelity“ und an den tollen Laden, in dem Musiknerds ihre unumschränkte Macht ausübten. Inzwischen gibt es an der Stelle nur noch seelenlose Cafés, die alle so wirken, als hätte eine KI sie eröffnet.

    „Ey Ozzy!“, begrüße ich einen alten Bekannten. Osman hat früher in dem Späti am südlichen Ende der Kollwitzstraße gearbeitet, bis er von seinem Chef in den Laden zwischen Buchbox und Oderberger versetzt wurde. Als ich ihn das letzte Mal besucht habe, hatte er seit zehn Jahren keinen einzigen Tag Urlaub gemacht. Ein wahrhaft rätselhaftes Wesen.

    „Wann geht die Weltreise los?“, wärme ich unseren alten Running-Gag wieder auf. „Keine Zeit!“, ruft er und sucht mir die kälteste Bierflasche aus dem Kühlschrank. „Ich muss hier die Stellung halten, weißt du doch! Wie geht’s deiner Tochter? Geht sie schon in die Schule?“

    „Naja, sie wird bald elf. Sie sitzt und spricht.“

    Wir erzählen uns noch zwei, drei Anekdoten, die alle in der Vergangenheit spielen. Ich werde wohl allmählich alt, aber immerhin fiel hier ja schon das Wort Nostalgie. Nachdem das Bier leer ist, ziehe ich weiter in den Prater Garten und siehe da: Meine britischen Freunde vom Rosenthaler sind ebenfalls dort. Inmitten eines Publikums, das anscheinend gerade mit dem ersten Kaltgetränk den Feierabend einläutet, thronen sie wie eingefleischte Veteranen. Als ich mich zu ihnen setze, mustern sie mich zuerst irritiert, erinnern sich dann an den Vormittag. „Ihr seht aus wie Rugby-Spieler“, teile ich endlich mit. „Oh, wow!“, rufen sie. „Dankeschön. Wir spielen selbst nicht. Aber wir gehen zu jedem Spiel der Northampton Saints. Hast du echt gedacht, wir sind Spieler?“

    Meine Vermutung wirkt auf sie so schmeichelhaft, dass sie mich für die nächsten zwei Stunden auf ein Glas nach dem anderen einladen. Natürlich soll ich sie auch besuchen kommen, wenn ich mal auf ihrer Insel bin. Zum Abschied klopfen wir uns gegenseitig grob auf die Schulter, und ich habe das angenehme Gefühl, dass man in Berlin doch noch ganz altmodisch seinen Spaß haben kann.

    Um die Tour ganz durchzuziehen, gehe ich pflichtbewusst bis zur Kreuzung Eberswalder Straße – das Ende der Castingallee. Ich drehe aber sofort wieder um. Es ist wie an vielen Kult-Orten aus den wilden Zeiten der Stadt Berlin: Die Gegenwart zehrt vor allem vom Ruf der Vergangenheit.

    Dann mache ich dem Schwarz Sauer meine bescheidene Aufwartung. Es füllt sich gerade erst. Die Leute bestellen Bier und Spritz und Gin Tonic. Sieht so aus, als würde es wieder eine heitere Nacht auf der Khao San Road von Ostberlin. Denn nachher geht‘s ja noch in die Trommel.

    #Prenzlauer_Berg #Kastanienallee #Mitte #Weinbergsweg #Mythos_Berlin

  • Kulturkneipe vor dem Aus: Es ist zum Kotzen
    ▻https://taz.de/Kulturkneipe-vor-dem-Aus/!6082812

    Hat es sich bald ausgespielt? Dem Watt droht das Ende   Foto: Rolf Zöllner via Imago

    26.5.2025 von Helmut Höge - Weil die Immobilienbesitzer nicht mehr wollen, droht dem „Watt“ die Schließung. Mit ihr verschwände einer der letzten Orte Ostberliner Renitenz.
    Stummfilmabend vorm Watt
    Hat es sich bald ausgespielt? Dem Watt droht das Ende   Foto: Rolf Zöllner via Imago

    Berlin taz | Von außen sieht das Watt in der Metzer Straße aus wie ein normales Ecklokal. Doch diese „Kulturspelunke“ in Prenzlauer Berg hat eine interessante Geschichte, die am 30. September enden soll. Zumindest wenn es nach dem Willen der neuen Hauseigentümer aus dem Westen – Many Ameri und Anne Ameri-Siemens – geht. Sie wollen den Vertrag mit der Betreiberin Sindy Kliche, der zu diesem Datum ausläuft, nicht verlängern.

    Aber noch haben die Stammgäste, die dort regelmäßig Lesungen, Diskussionen und Konzerte veranstalten sowie ihre Underground-Periodika vorstellen, nicht aufgegeben. Schon mehrfach positionierten sie sich in den vergangenen Wochen mit „Watt muss bleiben!“-Schildern vor dem Lokal, als die neuen Hausbesitzer das Lokal inspizieren wollten.

    Zuvor war unter den Stammgästen diskutiert worden, ob man die Eigentümer nicht lauthals beschimpfen oder gar tätlich werden sollte. Schließlich sei die „Kulturspelunke eine der letzten übriggebliebenen Kneipen in Prenzlauer Berg, die diesen Namen verdient“, wie der korsische Schriftsteller Guillaume Paoli in einem Rundbrief schreibt.

    Der Presse wollten die Eigentümer keine Auskunft geben. Auf der Webseite ihrer Agentur Yadastar ist von der Förderung von „Graswurzel-Netzwerken und realen Begegnungen“ die Rede und ferner, dass sie die „Red Bull Music Academy“ mitbegründet hätten. Anne Ameri-Siemens veröffentlichte daneben 2017 eine Recherche über die RAF.

    Alternative Geschichte in Gefahr

    „Ihre de-facto-Kündigung beendet nach zehn Jahren nicht nur die Arbeit einer zentral gelegenen Institution und Nachbarschaftskneipe“, sagte ein Sprecher der Watt-Rettungs-Initiative der taz, der nicht namentlich genannt werden will. Die Initiative setzt sich aus dem harten Kern der Stammgäste und ihren Sympathisanten zusammen. Der Sprecher kritisiert, die neuen Hauseigentümer aus dem Westen schrieben sich die Förderung von Kunst und Kultur auf die Fahnen, um dann aber einen Schlussstrich „unter die renitente Kunst- und Kulturgeschichte im ehemaligen Arbeiterbezirk“ zu ziehen, „der für Jahrzehnte Knotenpunkt und Umschlagplatz der Unangepasstheit war“.

    Das Watt wurde 2010 vom Dichter Bert Papenfuß und der Künstlerin Mareile Fellien unter dem Namen „Rumbalotte“ gegründet. Es gab eine Förderung vom Arbeitsamt und einen „Coach“, der ihnen ständig riet, die Kneipe durch das Anlocken von Touristen lukrativer zu machen – etwa mit Mixgetränken, die der Schriftsteller Stefan Schwarz abfällig „Hawaii-Gelumpe“ nennt. Touristen wollten die beiden Betreiber gerade nicht haben.

    2015 übergaben sie die Kneipe der quasi professionellen Gaststättenbetreiberin und Künstlerin Sindy Kliche, die sie in „Watt“ umbenannte, auch etwas andere Musik auflegte und die Wandmalereien des radikalen russisch-österreichischen Aktionskünstler-Duos Alexander Brener und Barbara Schurz übermalte. Nach Bert also Sindy – dieses Duo kannte man bisher nur als „Cindy und Bert“ aus dem Westfernsehen, es hatte nicht gerade einen guten Ruf. Mit den beiden im Osten war das anders.

    Nachdem sie ihre Kneipe an Sindy abgegeben hatten, mieteten Mareile und Bert einen Raum in einer stillgelegten Pankower Brauerei an – als Rumbalotte II, für die sie einen Unterstützerverein gründeten. Die Rumbalotte I blieb jedoch auch als Watt Stammkneipe und Veranstaltungsraum.

    Prenzlberg nach der Wende

    Bert Papenfuß starb überraschend am 26. August 2023 mit 67 Jahren. Sein Vater war NVA-Offizier, Bert verweigerte jedoch den Armeedienst und verpflichtete sich als „Bausoldat“. Zuvor war er in Leningrad zur Schule gegangen, was zur Folge hatte, dass er Russisch sprach und einen Hang zum Maritimen hatte. Nach seinem Dienst arbeitete er als Ton- und Beleuchtungstechniker in verschiedenen Theatern. Ab 1980 schlug er sich als freier Schriftsteller durch. Seine Lesungen wurden meist von Rock- und Punkbands flankiert, an eine Buchveröffentlichung war in der DDR nicht zu denken.

    Es gab einige wenige Westberliner Stammgäste, die ihn bereits aus Kreuzberg kannten, wo er eine Zeitlang wohnte und eine Chicagoer Punksängerin heiratete. Mit ihr hatte er eine Tochter: Leila. Damals bekamen etliche DDR-Punker Ausreisegenehmigungen nach Westberlin. Sie vermuteten, dass die Regierung hoffte, sie würden dableiben. Dem war aber nicht so: Es waren keine Republikflüchtlinge, sondern Anarchisten, die weiter an den Fesseln des sozialistischen Kulturbetriebs zerren wollten.

    Als einige von ihnen nach der Wende in Prenzlauer Berg die Kneipe Torpedokäfer eröffneten, gehörte Papenfuß quasi zum Inventar. Hinter der Theke arbeitete Lothar, ein Philosoph, der lange Gutachten und Einsprüche brauchte, um nicht vom Arbeitsamt zum Gärtner umgeschult zu werden. Ironischerweise verirrte sich dorthin auch einmal ein Gitarrist aus Heidelberg, der ebenso lange (zwei Jahre) gebraucht hatte, um vom Arbeitsamt eine Umschulung zum Gärtner bewilligt zu bekommen.

    Eine der Kellnerinnen im Torpedokäfer war Djamila, die so bezaubernd war, dass alle möglichen männlichen Gäste ihr Komplimente und Freundschaftsanträge machten – auf Bierdeckeln, Büttenpapier oder ausgerissenen Kalenderseiten. Sie sammelte diese zum Teil gereimten Geständnisse und stellte sie dann im Torpedokäfer aus – eine ganze Wand voll. Der Name der Kneipe ging auf den ursprünglichen Titel der Autobiografie des expressionistischen Dichters und Schiffsentführers Franz Jung zurück, dessen Buch später „Der Weg nach unten“ hieß – was in gewisser Weise auch auf die Nachwende-Perspektiven der Torpedokäfer-Stammgäste zutraf. Viele von ihnen sahen sich nach der Westerweiterung auf das Territorium der DDR ihrer regelmäßigen Einkünfte beraubt und verloren ihre Wohnungen im Prenzlauer Berg wegen exorbitanter Mieterhöhung oder Eigenbedarf.

    Von der Russendisko bis zur Kulturspelunke

    Bert Papenfuß war derweil mit dem dissidentischen Verlag Basisdruck liiert und forschte über Piraten. Die Texte wurden im Verlag meist nach dem alten linksradikalen Prinzip „Wer schreibt, der zahlt“ herausgegeben. Im Basisdruck erschienen nacheinander auch die Zeitschriften Sklaven, Sklaven Aufstand, Gegner und nun Abwärts. Papenfuß war bei allen Redakteur.

    Als der Torpedokäfer schließen musste (ebenfalls wegen Nichtverlängerung des Pachtvertrags) eröffnete Papenfuß mit zwei Freunden das „Kaffee Burger“ in der Torstraße in Mitte, wo dann regelmäßig eine „Russendisko“ von Wladimir Kaminer stattfand, die massenhaft Gäste anzog. Alle vier wurden damit reich – zumindest vorübergehend. Papenfuß stieg nach einer Weile aus diesem Touristenmagnet aus und bekam dafür ein paar Jahre lang eine Rente von seinen Mitbetreibern. Danach eröffnete er zusammen mit Mareile Fellien, die ihn inzwischen geheiratet hatte, die Kulturspelunke Rumbalotte in der Metzer Straße.

    Das Wort Rumbalotte (zuvor eine Papenfußsche Buchreihe) geht auf eine Zote des Westberliner Künstlers Thomas Kapielski zurück: Drei Matrosen vergleichen ihre reichlich tätowierten Schwänze, wobei sie über einen lachen, der nur das Wort Rumbalotte darauf stehen hat. Er bringt sie jedoch zum Staunen, als daraus im erigierten Zustand der Satz „Ruhm und Ehre der baltischen Rotbannerflotte“ wird.

    Als Papenfuß starb, war die „Scene“ entsetzt, denn er war ihr bester Integrator und herrlich freimütig: So stellte er zum Beispiel den arbeitslosen und deprimierten Stasi-Offizier, der die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) für die Prenzlauer-Berg-Anarchos betreut hatte, als Türsteher im Kaffee Burger ein und veröffentlichte auch dessen Agitprop-Gedichte im Gegner. Und mit seinem quasi persönlichen IM Sascha Anderson bestritt er Dichterlesungen. Sein Tod beendete auch die Herausgabe der Autobiografie von Norbert „Knofo“ Kröcher, Mitglied der militanten Bewegung 2. Juni, dessen zweiten Band Papenfuß fast fertig lektoriert hatte. „Knofo“ war zuletzt ehrenamtlicher Feuerwehrhauptmann in Brandenburg und hatte sich 2016 erschossen.

    Die letzte Bastion

    Aber die anderen Watt-Gäste leben. Man sollte sie eigentlich alle hier vorstellen, aber einige müssen genügen: der Philosoph und Katzenfreund Hugo Velarde, der gelegentlich die Ballade von Don Quijote vorträgt und gerade einen Roman veröffentlicht hat. Der Dichter Kai Pohl, der oft und gerne Veranstaltungen organisiert. Der Musikkritiker Robert Mießner, der manchmal für die taz schreibt. Der Basisdruck-Verleger Stefan Ret, ein solider Kenner der Arbeiterbewegung.

    Die Autorin Su Tiqqun, die als Mitbetreiberin des Tacheles ein Buch über dieses „Kunsthaus“ in der Oranienburger Straße veröffentlicht hat, in dem sie an all die Dramen und skurrilen Tragödien erinnert, die dort geschahen. Ein Rezensent schrieb: „Furchtbar wurde es aber, als das Berlin-Marketing das Tacheles für sich entdeckte und die Stadt schließlich das Areal an Investoren verkaufte, die nun Luxuswohnungen darauf errichtet haben, von denen eine so viel kostet, wie die Stadt für das gesamte Gelände bekommen hat.“

    Es ist immer wieder dieselbe Geschichte, die sich hier im Osten seit der Westerweiterung abspielt. Und man kann kaum etwas dagegen tun. Es ist zum Kotzen. Zumal diese Austreibung der „Watt“-Kneipe nach dem seit 1990 immergleichen Schema geschieht: Betuchte Westler wurmen sich im Osten ein und verdrängen die dort lebenden und arbeitenden Ostler. Bald ist nichts mehr da, was sich derart gentrifizieren ließe. Denn in der Kulturspelunke verkehrte „der renitente Rest der Prenzlauer Berg Connection“, wie Bert Papenfuß bereits 2015 bemerkte.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Metzer_Straße #Kneipe #Kunst #Gentrifizierung

  • Schlacht um Berlin : Das Kriegsende im Prenzlauer Berg
    ▻https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article140328748/Als-die-Ostfront-mitten-in-Prenzlauer-Berg-lag.html
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    Dans la journée du 2 avril il y a exactement 80 ans tombèrent les derniers morts de la bataille de Berlin. Quelques fanatiques refusèrent toujours de capituler, mais á la fin de l’après-midi pour eux aussi la guerre était terminée. Quelques jours auparavant les berlinois courageux les avaient chassé des immeubles qu’ils tentèrent de transformer en forteresses de dernière ligne.

    Am 1. Mai griffen sowjetische Truppen, die die Innenstadt bereits befreit hatten, von Süden kommend, in den Kampf ein. Die deutschen Truppen saßen in der Schönhauser Allee in der Falle. Am 2. Mai, 0.40 Uhr, bat General Weitling, Oberbefehlshaber der deutschen Truppen in Berlin, in einem Funkspruch um Einleitung von Kapitulationsverhandlungen, um 8 Uhr wurde die Nachricht der Kapitulation über Drahtfunk und Lautsprecher verbreitet. Am S-Bahnhof Schönhauser Allee gingen die Kämpfe noch bis zum Nachmittag weiter. Danach lagen Tausende Tote, meist minderjährige Soldaten, unter der Hochbahn.

    Einer der letzten umkämpften Orte Berlins war die Schultheiss-Brauerei. Ortsgruppenführer und SS hatten sich dort verschanzt, nachdem die Wehrmacht den Ort verlassen hatte, um über die Schönhauser Allee nach Norden durchzubrechen, wie es einer der letzten Befehle Hitlers vorsah.

    Die Brauerei war Lazarett, Erschießungsplatz, Lebensmittellager und Wasserstelle. Die Russen stellten ein Ultimatum, Sprengladungen wurden gelegt und drei deutsche Kommunisten als Parlamentäre in die Brauerei geschickt, wo nach zähen Verhandlungen und Stunden nach dem offiziellen Waffenstillstand auch die Letzten kapitulierten.

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    Au sud-est de la station de metro Eberswalder Straße les bâtiments de la brasserie Schlultheiss servirent de dernier bastion aux troupes Volkssturm et SS .

    Reschke, Oliver, Der Kampf um die Macht in einem Berliner Arbeiterbezirk. Nationalsozialisten am Prenzlauer Berg 1925-1933
    ▻http://www.trafoberlin.de/978-3-89626-681-9.html

    Le début de la catastrophe

    2008, 380 S., 20 Abb., 7 Karten, ISBN 978-3-89626-681-1, 39,80 EUR

    Die Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg ergab sich aus den Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus im Nachbarbezirk Friedrichshain. Der vorliegende Band kann demzufolge als Fortsetzung des Friedrichshain-Bandes angesehen werden. Mit ihm kann die Geschichte der NSDAP in der Zeit bis 1933 – also der sogenannten „Kampfzeit“ – in einem der zehn Berliner NSDAP-Kreise, dem Kreis VII/ NSDAP-Gau Groß-Berlin, als erforscht gelten. Damit wäre der erste Schritt bei der lokalhistorischen Erforschung des Nationalsozialismus in Berlin auf bezirklicher Ebene vollzogen.
    Auch diesmal liegt der Schwerpunkt der Betrachtung in der Beantwortung der Frage, inwieweit es der NSDAP gelungen ist, in die Arbeiterbezirke Berlins einzudringen, bevor die sogenannte „Gleichschaltung“ uneingeschränkt vorangetrieben wurde. Dabei stützt sich auch diese Untersuchung
    auf umfangreiche, zum Teil bislang wenig beachtete Quellen und zeichnet sich durch einen hohen empirischen Kenntnisgewinn aus. Der Kartenteil ist im vorliegenden Band weiter vervollkommnet worden. Hinzu kommt außerdem
    ein aussagekräftiger statistischer Anhang.

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort 7

    Einleitung 9

    1. Der Stadtbezirk Prenzlauer Berg 15
    1.1 Lage und Sozialstruktur 15
    1.2 Politische Kräfteverhältnisse 19

    2. Die NSDAP und ihre Parteiformationen in Prenzlauer Berg 33
    2.1 Sektionen und Ortsgruppen 33
    2.2 SA-Stürme 61
    2.3 Jugendorganisationen 74
    2.4 Betriebszellen 83
    2.5 NS-Frauenschaft 88
    2.6 Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ 90
    2.7 NS-Zeitungshändler an der Kreuzung Greifswalder/Elbinger Straße 93
    2.8 Exponierte Persönlichkeiten der NS-Bewegung
    in Prenzlauer Berg 95

    3. Mitgliederzahlen, Organisationsgrad, Sozialstruktur und Soziographie der Nationalsozialisten des Prenzlauer Berg 107
    3.1 NSDAP 107
    3.2 Ortsgruppe Bötzow 112
    3.3 SA 119
    3.4 Jugendorganisationen 127
    3.5 NSBO 132
    3.6 Frauen der Ortsgruppe Bötzow 134
    3.7 „Deutsche Christen“ der Immanuelgemeinde 135

    4. Aktivitäten, Auftreten und Erscheinen der NSDAP in Prenzlauer Berg 137
    4.1 Die Anfangszeit bis zum Ende des Verbotes 137
    4.2 Die erste Zeit nach dem Verbot bis Sommer 1929: Die NSDAP etabliert sich endgültig in Prenzlauer Berg 141
    4.3 Die Phase des verstärkten politischen Kampfes von Herbst 1929 bis Ende 1930 150
    4.4 Die Ermordung der Reichsbanner Graf und Schneider am 1. Januar 1931 in der Hufelandstraße 178
    4.5 Die Saalschlacht im „Saalbau Friedrichshain“ am 22. Januar 1931 als Höhepunkt der politischen Auseinandersetzungen in Prenzlauer Berg 182
    4.6 Die Phase des schärfsten politischen Kampfes mit der Hib-Aktion und der Antimarxistischen Aktion bis Sommer 1932 195
    4.7 Die Zeit von der Neuorganisation der NSDAP bis zur Machtübernahme: Die Voraussetzungen für die Machtübernahme werden geschaffen 263

    5. Resonanz der NSDAP in der Bevölkerung Prenzlauer Bergs 293
    5.1 Wahlergebnisse der Nationalsozialisten in Prenzlauer Berg 293
    5.2 Nationalsozialistische Bezirksverordnete im Bezirksamt Prenzlauer Berg 301

    6. Ausblick: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Prenzlauer Berg 305

    7. Schlußbetrachtung 311

    Personenverzeichnis 319
    Abkürzungs- und Begriffsverzeichnis 329
    Quellen- und Literaturverzeichnis 333
    Statistischer Anhang 341
    Karten 345
    Kommentar zu den Karten 360
    Quellen zu den Karten 361
    Bilder 362
    Bildnachweis 364
    Über den Autor 365

    Vorwort

    Als bekennender Lokalpatriot hatte ich mich mit der Geschichte der NS-Bewegung im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain von 1925 bis 1933 beschäftigt. Die jahrelange Suche nach einem Verleger war letztendlich erfolgreich und es war mir möglich, meine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Dieser Band ist als Fortsetzung des Friedrichshain-Bandes gedacht und behandelt den zweiten Stadtbezirk des Kreises VII/NSDAP-Gau Groß-Berlin, den Verwaltungsbezirk Prenzlauer Berg. Mit diesem Buch kann die Geschichte eines der zehn Berliner NSDAP-Kreise in der sogenannten „Kampfzeit“ m.E. als erforscht gelten. In der Einleitung zu einem schriftlich niedergelegten Erlebnisbericht eines Zeitzeugen, der in dieser „kampferfüllten Zeit“ gewirkt hat, wurde 1975 formuliert, daß seine Erinnerungen „für die heutige politische Arbeit angesichts der Ereignisse in Chile und Spanien und anderen Brennpunkten … eine hohe aktuelle Bedeutung“ hätten. Heute stellt sich die Situation so dar, daß man nicht mehr in ferne Länder schauen muß. Ein Beweis für Sinn und Aktualität dieser Forschungen.
    Ein Anliegen des Verfassers ist, Erklärungen zu finden, wie Aufstieg und Machtübernahme des Nationalsozialismus und damit die Errichtung des Dritten Reiches, auf das sich Neonazis in allen Ländern berufen, überhaupt möglich waren. Hierbei müßte man m.E. die Rolle der alten Machteliten in der Weimarer Republik erforschen, was im Rahmen einer solchen Lokalstudie nicht möglich ist. Doch die Untersuchung des Aufstiegs der NSDAP im hier gesetzten lokalen Rahmen kann auch einen Beitrag zur Klärung leisten, indem man ergründet, inwieweit die sogenannten „Unterschichten“, welche den Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg vorwiegend bewohnten, zum Aufstieg des Nationalsozialismus tatsächlich beigetragen haben. Eine These, die letztendlich dazu dient, genau jene zu diskreditieren, von denen in besagter „kampferfüllter Zeit“ eine reale Bedrohung der kapitalistischen Machtverhältnisse ausging und die im Kampf gegen den Faschismus die meisten Opfer gebracht haben. Insofern soll also auch in dieser Lokalstudie für den Stadtbezirk Prenzlauer Berg untersucht werden, inwieweit es der NSDAP gelungen ist, in die Arbeiterbezirke Berlins einzudringen, bevor die sogenannte „Gleichschaltung“ uneingeschränkt vorangetrieben wurde. Das bedeutet, es wird der Zeitraum bis zu den Wahlen vom 5. März 1933 betrachtet.
    Diese Arbeit ist wie folgt gegliedert: In der Einleitung wird der Forschungsstand über Berlin in der NS-Zeit wiedergegeben. Im ersten Kapitel wird die Situation geschildert, die die NSDAP zu Beginn ihres Aufstiegs in Prenzlauer Berg vorfand. Kapitel 2 und 3 bilden den eigentlichen Kern dieser Arbeit. Hier werden Partei- und Sozialstruktur der NSDAP in Prenzlauer Berg behandelt. Im vierten Kapitel wird die Ereignisgeschichte der NSDAP im Stadtbezirk Prenzlauer Berg rekonstruiert. Hier wurde möglichst historisch-chronologisch vorgegangen. Kapitel 5 beantwortet die Frage der Resonanz in der Bevölkerung Prenzlauer Bergs aufgrund der Aktivitäten, des Auftretens und des Erscheinens der Nationalsozialisten. Es wird den Tätigkeiten der nationalsozialistischen Bezirksverordneten nachgegangen, die 1929 im Auftrag ihrer Wähler in die Bezirksversammlung von Prenzlauer Berg einzogen. Auf die Vorgänge der Machtübernahme nach dem 5. März 1933, die nicht mehr zum Thema der Arbeit gehören, wird in einem Ausblick kurz eingegangen. In der Schlußbetrachtung werden dann die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammengefaßt und Vergleiche gezogen, um schließlich die gestellte Frage zu beantworten.
    An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen und all denen danken, die an der Entstehung dieser Arbeit ihren Anteil haben. Mein Dank richtet sich an die Archiv- und Bibliotheksbediensteten des Bundesarchivs Dienststelle Berlin, des Geheimen Staatsarchivs Berlin, des Landesarchivs Berlin, des Zentrums für Berlin-Studien, der Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin und besonders an Herrn Andreas Matschenz von der Kartenabteilung des Landesarchivs. Auch Frau Barbara Jakoby sei für ihre Informationen den Sektionsführer Bombach betreffend besonders gedankt. Des weiteren waren die Auskünfte von Frau Angela Schwarz von der Immanuelgemeinde sehr hilfreich. Dank für Anregungen und Hinweise gebührt außerdem Dr. Günter Wehner von der Geschichtswerkstatt der Berliner VVN-BdA.

    Oliver Reschke
    Berlin, im April 2008

    ▻https://doktor-oliver-reschke.de/publikationen

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #histoire #guerre #libération

  • Städtisches Obdach „Palme“
    ▻https://de.wikipedia.org/wiki/St%C3%A4dtisches_Obdach_%E2%80%9EPalme%E2%80%9C

    1930

    Das Städtische Obdach „Palme“ (offiziell Städtisches Obdach) war das ab 1886 bis 1940 in der Fröbelstraße 15 in Berlin-Prenzlauer Berg bestehende größte Obdachlosenasyl der Stadt Berlin. Es gilt als eine der ersten Hilfseinrichtungen für Obdachlose in Europa. 1940 wurde das heute denkmalgeschützte Gebäude in ein Krankenhaus umgewandelt
    ...

    Von wegen „Palme“ - Penne wurde die riesige Notunterkunft genannt.

    Den Namen „Palme“ erhielt das städtische Obdach nach Überlieferungen im Volksmund aufgrund einer in den Anfangsjahren im Vorraum neben dem Eingang aufgestellten Topfpalme. Das städtische Obdach galt zeitweise als Musterbeispiel städtischer Fürsorge.
    ...
    In den 1920er Jahren kam es infolge von Inflation, Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit regelmäßig zu Überbelegungen und teils katastrophalen Zuständen im städtischen Obdach, das ausgelegt für maximal 4600 Bedürftige mitunter über 5000 Menschen ein Nachtquartier bot.

    Nach der Machtergreifung im Jahr 1933 ging die Belegung in der Palme aufgrund der systematischen Verfolgung von Obdachlosen in der Zeit des Nationalsozialismus rasch zurück. 1940 wurde das städtische Obdach geschlossen und in ein Krankenhaus umgewandelt.


    Presse-Photo-Nachrichtendienst, Raststatten des Großtadtelends: Das städtische Obdachlosenasyl „Palme“, Fröbelstraße 15, in Berlin-Prenzlauer Berg

    Prenzlauer Allee - Geschichte
    ▻https://de.wikipedia.org/wiki/Prenzlauer_Allee#Geschichte

    Hospital- und Siechenhaus, Bezirksamt und Zentrale der Berliner Staatssicherheit

    Zwischen Fröbelstraße und Stargarder Straße ist an der Prenzlauer Allee das Gebäudeensemble des ehemaligen städtischen Hospital- und Siechenhauses relativ gut erhalten (Hausnummern 63–79). Es wurde 1886–1889 nach dem Entwurf und unter der Oberleitung von Hermann Blankenstein zusammen mit dem städtischen Obdach an der Fröbelstraße errichtet. Das Hospital- und Siechenhaus wandelte sich 1927 zum Krankenhaus Hufeland-Hospital. Im Jahr 1934 wurde es aufgelöst, die Patienten in die Heilanstalten in Berlin-Buch verlegt, und das Bezirksamt Prenzlauer Berg zog in den Gebäudekomplex ein.

    Es war 1920 gebildet und an verschiedenen Standorten untergebracht worden. Im Zweiten Weltkrieg zerstörte ein Luftangriff ein Gebäude, die übrigen erlitten nur wenige Schäden. Im Mai 1945 nahm die sowjetische Kommandantur für Prenzlauer Berg ihren Sitz in dem Teil des Bezirksamtes, der an der Prenzlauer Alle lag. Im Haus 3 richtete die bezirkliche Operativgruppe der sowjetischen Geheimpolizei NKWD im Keller ihr Gefängnis mit 40 fensterlosen Zellen ein.

    Die sowjetische Besatzungsmacht räumte 1950 die Gebäude für das Ministerium für Staatssicherheit, das sie als Standort seiner Verwaltung Groß-Berlin von 1951 bis zum Umzug in einen Neubau nach Lichtenberg 1985 nutzte, wobei das Kellergefängnis, genannt „Hundekeller“, bis zur endgültigen Verlegung der Berliner Untersuchungsabteilung des MfS in das Gerichtsgebäude Kissingenstraße im Jahr 1956 in Betrieb geblieben war.

    In das Haus 3 zog die Bezirksleitung der SED und in die übrigen Gebäude der Rat des Stadtbezirks Prenzlauer Berg ein. Bis 2001, als der Bezirk Prenzlauer Berg im Bezirk Pankow aufging, nahm das „Rathaus Prenzlauer Berg“ das Areal des ehemaligen städtischen Hospital- und Siechenhauses in Anspruch.


    Jewgeni Chaldej, Rotarmisten Anfang Mai 1945 auf der Prenzlauer Allee / Ecke Stargarder Straße

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Fröbelstraße #Geschichte

  • Die Berliner Operation vom 16. April bis zum 08. Mai 1945 - Verband zur Pflege der Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR
    ▻https://www.vtnvagt.de/index.php/grosser-vaterlaendischer-krieg/208-die-berliner-operation-vom-16-april-bis-zum-08-mai-1945

    Zur Erinnerung an den 70. Jahrestag der Befreiung
    des Deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus

    von Generalmajor a.D. Sebald Daum

    Das Jahr 1945 wurde mit groß angelegten Angriffsoperationen begonnen. Auf Bitten Churchills hatte das Oberkommando der Sowjetischen Truppen den Beginn ihrer geplanten Offensiven auf den 12. Januar 1945 vorverlegt.
    Vom 12. Januar bis Mitte April wurden 16 große Angriffsoperationen durchgeführt und die faschistischen Truppen in Ostpreußen und in Polen geschlagen, große Teile der Tschechoslowakei, Ungarn und auch Wien befreit und in schweren aber schnellen Kämpfen den faschistischen Heeresgruppen (HGr) „Mitte“, (ab 25.01. HGr Nord, später HGr Weichsel)), der neu gebildeten Heeresgruppe „A“, und „Süd“, schwere Verluste zugefügt. Bis Mitte April wurden sie so bis an die Oder, Neiße und Wien zurückgedrängt.

    Auch im Westen hatten die Alliierten Truppen, die 21.AGr unter Feldmarschall Montgomery, die 12. AGr unter General Bradlay und die 6.AGr unter General Devers, mit insgesamt 7 Armeen am 24. März ihre letzte Offensive begonnen und bis zum 19. April Kassel, Magdeburg, Leipzig Chemnitz eingenommen und bis zum Böhmerwald vorgedrungen. Die stark dezimierten 60 Divisionen der Wehrmacht gaben im Westen ihren Widerstand auf. Die Wehrmacht versuchte alle noch verfügbaren Truppen an die Ostfront, insbesondere nach Berlin zu werfen.
    Die faschistische Führung und ihr Oberkommando der Wehrmacht versuchten mit allen Mitteln an der Ostfront, ohne Rücksicht auf Verluste, Widerstand zu leisten und mobilisierten die letzten Reserven.


    Ausgangslage an den Fronten zu Beginn des Jahres 1945 und
    der Verlauf der Kämpfe zur Zerschlagung der Faschistischen Truppen bis Mai 1945

    Damit waren auch günstige Voraussetzungen geschaffen, den entscheidenden Schlag durch die Rote Armee gegen das faschistische Deutschland, gegen Berlin zu führen.
    So standen zu Beginn der Berliner Operation an der gesamten Ostfront den Sowjetischen Truppen die „HGr Weichsel“, die „HGr Mitte“, sowie die „Armeegruppe Steiner“ und die Armee „Wenk“ (12.A) mit über 90 deutsche Divisionen, darunter 14 Panzerdivisionen, 14 Mech.-Divisionen und 14 selbständige Brigaden gegenüber.
    Insgesamt waren das über eine Million Mann, davon in und um Berlin über 200.000, 10.400 Geschütze und Granatwerfer, 1.530 Panzer und Sturmgeschütze und 3.300 Flugzeuge. Dazu kamen der Volkssturm und Einheiten der Hitlerjugend.

    Der Plan der Berliner Operation war im Generalstab frühzeitig ausgearbeitet und während der Weichsel-Oder- und Pommerschen Operationen mit den Oberbefehlshabern der vorgesehenen Fronten, koordiniert und präzisiert worden.
    Das sowjetische Oberkommando schätzte die Lage real ein und rechnete mit hartnäckigem Widerstand in der in drei Streifen ausgebauten Verteidigung an der Oder und Neiße und insbesondere im Vorraum von Berlin.
    Deshalb wurde zur Durchführung dieser letzten entscheidenden Schlacht eine starke Gruppierung geschaffen, um das entsprechend Übergewicht an Kräften und Mittel zur schnellen Zerschlagung des Faschismus zu erreichen.
    Für die Berliner Operation wurden drei Fronten zum Einsatz vorgesehen:
    – die 2. Belorussische Front unter dem Oberbefehl von Marschall der Sowjetunion (SU) Rokossowky,
    – die 1. Belorussische Front unter dem Oberbefehl von Marschall der SU Schukow und
    – die 1. Ukrainische Front unter den Oberbefehl von Marschall der SU Konew.
    Dazu kamen die 1. und neu aufgestellte 2. Polnische Armee, Teile der Baltischen Flotte, die Dnjepr-Flottille, die 18. Luftarmee, 4 Panzerarmeen sowie 2 Artilleriedivisionen des Oberkommandos.

    Durch große Umgruppierungen wurden insbesondere die 1. Belorussische - und 1. Ukrainische Front wesentlich verstärkt,
    So hatte
    – die 2. Belorussische Front in ihrem Bestand 5 Armeen und die 4. Luftarmee (LA)
    – die 1. Belorussische Front - 10 Armeen, davon 2 Panzerarmeen (1. & 2.PA)
    – die 1. Polnische Armee und die 16.und 19. LA
    – die 1. Ukrainische Front - 7 Armeen, davon 2 PA,(3. & 4.PA)
    – die neu aufgestellte 2.Polnische Armee und die 2. LA
    in ihrem Bestand
    Insgesamt waren das 171 Divisionen, 21 Korps, davon 14 Panzerkorps, 16 Brigaden mit 2.5.Millionen Mann (Kräfteverhältnis: 2,5 : 1), 41.600 Geschütze und Granatwerfer (4 : 1), 6.250 Panzer (4 : 1) und 7.500 Flugzeuge (2,3 : 1).

    Der Operationsplan sah vor, dass die 2. Belorussische Front nördlich Schwedt in Richtung Neubrandenburg, Güstrow vorstoßen sollte, um die 3. PA der Wehrmacht von Berlin abzuschneiden und die Nordflanke der 1. Belorussischen Front zu sichern.
    Die 1. Belorussische- und die 1. Ukrainische Front mit Teilen, hatten die Aufgabe Berlin frontal anzugreifen und gleichzeitig mit Teilen nördlich und südlich Berlin zu umgehen und einzukreisen.
    Die Hauptkräfte der 1. Ukrainischen Front sollten in Richtung Torgau und Dresden zur Elbe vorstoßen.

    Zwei Tage vor Beginn der geplanten Operation wurde an der gesamten Front eine gewaltsame Aufklärung durchgeführt, mit dem Ziel das Feuersystem des Gegners aufzuklären, seine Schwachstellen in der Verteidigung zu erkennen und auch den Gegner über den Beginn der Operation zu täuschen.


    Berliner Operation

    Am Morgen des 16.April um 05:00 Uhr begann dann mit einer gewaltigen, 30 minütigen Artillerie- und Luftvorbereitung der Angriff der beiden Fronten in Richtung Berlin. Über 500.000 Artilleriegranaten und Bomben wurden in diesen 30 Minuten auf die faschistischen Truppen abgefeuert
    Während die Verbände der 1. Ukrainischen Front nach dem Durchbruch der taktischen Verteidigungsstellungen des Gegners schnell in die operative Tiefe vorstoßen konnten, kam der Angriff der 1. Belorussischen Front nur schwer voran. Insbesondere an den Seelower Höhen kam es zu verlustreichen, blutigen Kämpfen auf beiden Seiten.
    Erst als das sowjetische Oberkommando dann am 17.April Marschall Konew den Befehl gab mit der 3. Garde Panzer Armee unter dem Befehl von Generaloberst Rybalko, über Zossen vom Süden her nach Berlin und mit der 4. Garde Panzer Armee, Befehlshaber Generaloberst Leljuschenko, in Richtung Potsdam vorzustoßen, gelang es der 1. Belorussischen Front den Widerstand auf den Seelower Höhen zu brechen und am 21. April die Vororte von Berlin erreichen.

    Die Truppen der 2. Belorussischen Front begannen am 20.April ihre Angriffsoperation und konnten schnell in Richtung Neubrandenburg und Rostock vorstoßen. Teile der 61.Armee der 1. Belorussischen Front und der 1. Polnischen Armee erreichten bereits am 24. April mit den Spitzeneinheiten die Elbe bei Torgau, wo sie mit Einheiten der 9. Amerikanischen Armee zusammen trafen.

    Kampf um die Stadt Berlin wurde hartnäckig und verbissen geführt. Am 23.April waren die Truppen der 1. Belorussischen Front mit mehren Armeen bis zur südlichen Stadtgrenze vorgedrungen und nahmen Lichtenberg und Niederschönhaussen in Besitz. Mit der Einnahme von Buckow,Rudow und Lichtenrade am 24.April, wurde der Vorstoß zum Stadtzentrum eingeleitet.
    Am 25.April kämpften die Soldaten der Roten Armee schon im Raum Reinickendorf, Wedding, Prenzlauer Berg, Tempelhof und Friedrichshain. Es entwickelten sich hartnäckige Straßen- und Häuserkämpfe, die einen hohen Blutzoll auf beiden Seiten erforderten.

    Einheiten der 5. Stoßarmee unter Generaloberst Nikolei Bersarin im engen Zusammenwirken mit der 3. Stoßarmee unter dem Befehl von General Kusnetzow, der 2. Garde Panzerarmee, unter dem Kommando von General Katukow, und der 8. Garde Armee unter General Tschuikow, konnten bereits am 24. April trotz erbittertem Widerstand, bis zum Alexanderplatz, zum Schloss, zum Rathaus und zur Reichskanzlei vordringen. Mit starker Artillerie -Unterstützung und mit Panzern musste um jeden Straßenzug und jedes Haus gerungen werden. Die Kämpfe im Stadtzentrum dauerten bis zum 30. April.

    An diesem Tag gelang den Kämpfern der 150. und 171. Schützendivisionen, der 3. Stoß Armee die unter dem Befehl des Helden der SU, Generalmajor Schatilow stand, der Sturm des Reichstages.
    Um 21.50 Uhr am 30.April wurde durch die Sergeanten Jegorow und Kantarija auf dem Reichstag die Truppen- und Siegesfahne von der 150. Schützendivision gehisst., obwohl noch in den oberen Stockwerken und den Kellern gekämpft wurde.
    Am 1. Mai streckten dann im Reichstag die letzten Soldaten der Wehrmacht die Waffen.
    Für den Sturm des Reichstages wurden die Sergeanten Jegerow und Kantarija mit dem Titel „Held der Sowjetunion“ geehrt, sowie viele andere ebenfalls, die sich beim Sturm des Reichstages ausgezeichnet hatten. Am Sturm auf den Reichstag waren auch Truppenteile der 1.Stoß- und der 8. Garde Armee beteiligt.

    Am 2. Mai kapitulierte die „Festung Berlin“ bedingungslos durch deren Befehlshaber General Weidling.
    Gleichzeitung wurden auch die eingekesselte Gruppierung im Raum Lübben-Guben zerschlagen und die 12.Armee „Wenk“, die versucht hatte nach Berlin vorzustoßen, vernichtet.
    Am 7. Mai stießen Truppen der 1. Belorussischen Front auf breiter Front bis zur Elbe vor.
    Die Truppen der 2. Belorussischen Front erreichten in dieser Zeit die Ostseeküste.

    Die Kräfte der 1. Ukrainischen Front begannen nach einer Umgruppierung am 6. Mai die Prager Operation zur Befreiung der Tschechoslowakei und Prags.

    Damit war die Berliner Operation beendet. Sie dauerte 23 Tage und erstreckte sich auf einer Frontbreite von 300 km und einer Fronttiefe von100 – 220 km.
    Durch die sowjetischen Truppen wurden 70 Schützen-, 23 Panzer - und Motorisierte Divisionen der faschistischen Wehrmacht zerschlagen.
    Diese, für das faschistische Deutschland sinnlose Schlacht, erforderte auf deutscher Seite mehr als
    200.000 Tote und über 480.000 Gefangene.
    Die sowjetischen Truppen verloren ebenfalls in dieser Schlacht über 450.000 Mann mit über 78.000 Toten.
    Deutschland hatte den von ihr angezettelten Krieg verloren und lag in Trümmern.

    Es gab noch Versuche unter Einfluss von Großadmiral Dönitz, dem Nachfolger Hitlers, mit den Westmächten eigene Kapitulationen zu unterzeichnen. So wurde bereits am 4. Mai in Lüneburg, im Hauptquartier Montgomerys eine separate Kapitulation der deutschen Truppen in Norddeutschland in der Niederlande und Dänemarks unterzeichnet. Eine weitere Kapitulation wurde in Reims durch General Jodl unterzeichnet.
    Durch den Protest der Sowjetischen Regierung wurde dann die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte in Berlin festgelegt und durchgeführt.

    Am 8. Mai erfolgte in Berlin, in Karlshorst die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation im Beisein aller Vertreter der Mächte der Antihitlerkoalition.

    Die Kapitulationsurkunde wurde durch Generalfeldmarschalleitel für die Wehrmacht, durch Generaloberst Stumpf für die Luftwaffe und General Admiral von Friedeburg für die Kriegsmarine in Karlshorst in Berlin gegen 0.50 Uhr am 9. Mai 1945 unterzeichnet.
    Diese bedingungslose Kapitulation erfolgte unter der Beobachtung der Vertreter der Siegermächte: des Marschalls der Sowjetunion Schukow, des britische Luftmarschalls Tedder, des amerikanischen General Spaatz (Befehlshaber der Amerikanischen Fernfliegerkräfte) und des Oberbefehlshabers der Französischen Streitkräfte Armee General de Lattre de Tassigny sowie vielen weiteren Generälen und Offizieren der Siegermächte.
    Der Krieg in Deutschland war damit beendet, in Deutschland ruhten die Waffen. Das Deutsche Volk war vom Hitlerfaschismus befreit.

    Für ihren Heldenmut und gezeigte Tapferkeit bei der Befreiung Berlins und der Erringung des Sieges wurden allein in der 1. Belorussischen – und 1. Ukrainischen Front 1 Million und 141.000 Armeeangehörige mit Orden und Medaillen ausgezeichnet, unter ihnen 600 mit dem Titel „Held der Sowjetunion“.
    187 Truppenteile erhielten dafür den Ehrennamen „Berliner …. Regiment“. Viel dieser Truppenteile waren danach in der DDR stationiert und tragen auch heute wieder in der Russischen Armee diese Ehrentitel.

    Das Sowjetvolk hatte für die Befreiung und den Sieg über den Faschismus in Deutschland die größten Opfer zu tragen. Dafür gebührt dem Sowjetvolk für immer unser Dank. Deshalb war auch in der DDR der 8.Mai ein Feiertag und ein Tag des Gedenkens derer, die dafür die größten Opfer gebracht hatten.

    Beschämend für die deutsche Regierung ist es, heute diesen 70.Jahrestag zu vergessen und denen damit Recht zu geben, die sich mit der Niederlage des faschistischen Deutschland auch heute noch nicht abfinden können.
    Wir, die Angehörigen unseres Verbandes und mit uns viele andere, werden diesen Tag immer als den Tag der Befreiung vom Faschismus begehen und der Toten Helden der Sowjetunion und des Russischen Volkes gedenken.
    Deshalb sollten gerade wir in diesem Jahr, dem 70. Tag der Wiederkehr des Sieges über den Hitlerfaschismus und der Befreiung des Deutschen Volkes vom Faschismus gemeinsam mit allen friedliebenden Menschen, an den Gedenkstätten uns verneigen vor den Toten und Dank zollen den noch Lebenden Befreiern, die die Bedingungen schufen für den Aufbau eines anderen Deutschlands.

    #Berlin #Reinickendorf #Wedding #Prenzlauer_Berg #Tempelhof #Friedrichshain #Geschichte #Befreiung #1945

  • Rückseite VII. NSDAP-Regionalverwaltung Gau Berlin
    ▻https://www.flickr.com/photos/54359823@N03/40381618075

    Flickr

    1937/38 Berlin Rückseite VII. NSDAP-Regionalverwaltung Gau Berlin von Walter/Johannes Krüger Am Friedrichshain 22 in 10407 Prenzlauer Berg,
    Dienstsitz des Joseph Goebbels als Gauleiter der NSDAP, Gau Berlin, heute HUSS-Verlag

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Am_Friedrichshain #Geschichte #NSDAP #Nazis

  • Ausstellung im Museum Pankow widmet sich italienischen Einwander:innen um 1900 in Berlin
    ▻https://www.stadtmuseum.de/pm/neue-ausstellung-im-museum-pankow-widmet-sich-italienischen-einwanderinn

    „Musica di Strada – Italiener:innen in Prenzlauer Berg. Handel, Handwerk & Musik“ heißt die Sonderschau, die ab 9. Juni zu erleben ist. Etwa dreißig mechanische Musikinstrumente aus der Sammlung des Stadtmuseums Berlin ziehen dafür vorübergehend in das Museum Pankow in Prenzlauer Berg.

    Migration aus Italien
    Auf der Suche nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen verließen zwischen 1861 und 1914 rund 14 Millionen Menschen ihre italienische Heimat, unter anderem aus Norditalien. Eines ihrer Ziele war die wachsende Metropole Berlin. Hier konzentrierte sich die Ansiedlung der Italiener:innen auf den damals entstehenden Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Mit ihren traditionellen Handwerkskünsten und Berufen prägten sie ihn über Jahrzehnte.

    Unter den in Prenzlauer Berg gegründeten Betrieben weltbekannt wurde die Firma Cocchi, Bacigalupo & Graffigna aus der Schönhauser Allee mit der Produktion von Drehorgeln und Orchestrien. Eine Reihe von Originalen ist in der in Kooperation mit dem Stadtmuseum Berlin entstandenen Sonderausstellung zu sehen. So verbindet sie die Siedlungs- und Migrationsgeschichte der Italiener:innen mit der Geschichte der mechanischen Musik.

    Vorführungen der Instrumente
    Insgesamt ziehen im Zuge der mehrjährigen, umfangreichen Erneuerung des zum Stadtmuseum Berlin gehörenden Märkischen Museums rund dreißig mechanische Musikinstrumente ins Museum Pankow. Darunter befinden sich Drehorgeln (auch Leierkästen genannt), Pianolas (selbstspielende Klaviere) und das einzigartige Orchestrion „Fratihymnia“ mit dem Klang eines kompletten Salonorchesters. Groß wie ein Kleiderschrank, war es von 1919 bis 1951 in einem Restaurant in der Schönhauser Allee 51 zu hören.

    Regelmäßige Sonntagsvorführungen der Instrumente sowie ein umfangreiches Begleitprogramm zu verschiedenen Themen ergänzen die Ausstellung.

    Veranstaltungstipp:
    jeden So | ab 11.06.2023 | 11 Uhr | Museum Pankow
    Alt, schön, laut!
    Live-Vorführung mechanischer Musikinstrumente des Stadtmuseums Berlin in der Ausstellung „Musica di strada“ im Museum Pankow.

    Bevor Grammophon und Radio Musik für die Massen zugänglich machten, ermöglichten nur mechanische Instrumente Musikgenuss ohne Musiker:innen. Spielklaviere und Orchestrions standen in Restaurants und Tanzsälen. Die Drehorgel – den „Leierkasten“ – gab es auf Straßen, in Hinterhöfen und auf Rummelplätzen. Hier spielten Leiermänner und -frauen beliebte Gassenhauer und brachten damit Musik in die Stadt.
    Tauchen Sie ein in diese längst vergangene Zeit und erleben Sie eine Stunde lang den Klang mechanischer Musikinstrumente!

    Weitere Informationen unter:
    www.stadtmuseum.de/musica-di-strada
    www.berlin.de/museum-pankow/aktuelles/ausstellungen/artikel.1304756.php

    MUSEUM PANKOW
    Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner
    9. Juni 2023 – 19. Oktober 2025
    Di – So | 10 – 18 Uhr (feiertags geschlossen)
    Eintritt frei

    Prenzlauer Allee 227/228 | 10405 Berlin
    (030) 90295-3917 | museumsek@ba-pankow.berlin.de
    ▻https://www.berlin.de/museum-pankow/aktuelles/ausstellungen/artikel.1304756.php

    Musica di Strada. Italiener:innen in Prenzlauer Berg
    ▻https://www.stadtmuseum.de/ausstellung/musica-di-strada-italienerinnen-in-prenzlauer-berg


    Der Pankower Drehorgelspieler Heinz Nerger (1917-2008) war vielen bekannt unter dem Namen Latschenpaule. Hier zu sehen auf dem Alexanderplatz, ohne Jahresangabe - Instrument von Bacigalupo

    Handel, Handwerk & Musik: Mechanische Musikinstrumente des Stadtmuseums Berlin im Museum Pankow
    09.06.2023 – 19.10.2025

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Prenzlauer_allee #Schönhauser_Allee #Italien #Geschichte #Immigration

  • 21. und 22. April 1945: Die Schlacht um Berlin geht in ihre Endphase
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/21-und-22-april-1945-die-schlacht-um-berlin-geht-in-ihre-endphase-l

    22.4.2025 von Ingar Solty - Heute vor 80 Jahren wurde bitterlich um die Hauptstadt gekämpft. Eine Rekonstruktion.

    Bei dieser historischen Rekonstruktion der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs, von Ingar Solty verfasst, handelt es sich um eine vierteilige Reihe. Dies ist der dritte Teil.

    Es ist der 21. April 1945 und die Schlacht um Berlin erreicht die Innenstadtbezirke. Der „Völkische Beobachter“ lügt noch am selben Tag, dass „in der Zeit von 9 bis 16 Uhr ein Übungsschießen einer Flakbatterie im Norden Berlins“ stattfinden werde. Als dann um 11.30 Uhr Artilleriefeuer russischer Kanonen bereits den Hermannplatz in Neukölln und damit erstmalig Innenstadtboden erreicht, löst dies eine Massenpanik aus. Am Ende des Tages ist der Ring um Berlin fest geschlossen. „Angenagelt zwischen Müggelsee und Havel, zwischen den sandigen Heideflächen des Barnim im Norden und den Kiefernwäldern des Teltow im Süden“, schreibt später der Kriegsschriftsteller Theodor Plivier, „blieben Million Frauen und Männer und Kinder und warteten auf die Sintflut.“

    Am Folgetag, als im Telegrafenamt in der Oranienburger Straße das letzte Telegramm eintrifft (aus Tokio: „Viel Glück für euch alle“), erklärt Goebbels, dass „alle, die weiße Fahnen hissen, erschossen werden“. Am Abend desselben Tages wird im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt noch einmal die „Zauberflöte“ aufgeführt, während die Ostfrontlinie durch das Vorrücken der Roten Armee nun mittlerweile bereits entlang der Linie Lichtenberg – Niederschönhausen – Frohnau verläuft. Die Innenstadtbezirke werden nun unter direkten Dauerbeschuss genommen, erwidert mit Dauerfeuer vom Flakturm im Friedrichshain. „Fontänen aus Pflastersteinen, aus Asphaltstücken, aus Dreck stiegen aus den Berliner Straßen auf. Schwere Granaten aus Fernkampfgeschützen rissen Breschen in ganze Häuserfluchten. Die Bevölkerung saß in den Kellern mit Koffern und Betten und ihrer ganzen Habe und konnte die Keller eigentlich nicht verlassen und mußte es doch tun, und wenn schon zu keinem anderen Zweck, als um Wasser zu holen. Man konnte das Leben riskieren, aber ohne Wasser konnte man nicht leben“, schreibt Plivier. Einen Tag später schiebt sich die Front im Osten nach Friedrichshain vor.

    Die Rote Armee ist bis dahin auf der östlichen Verlängerung der Frankfurter Allee vorgerückt, die zum 30. Jahrestag des Kriegsendes den Namen „Straße der Befreiung“ erhalten, nach 1990 dann aber wieder in das zuvor kaum gebräuchliche „Alt-Friedrichsfelde“ umbenannt wird. Seit 2015 bemüht sich die Linke um eine Rückumbenennung.
    Von Teilen der Bevölkerung kann die Rote Armee Unterstützung erwarten

    Jetzt, am 23. April, liegt der Frontverlauf entlang der Linie Tegel – Humboldthain – Wollankstraße – S-Bahnhof Schönhauser Allee – Friedrichshain, entlang des S-Bahn-Ringes vom Bahnhof Landsberger Allee bis Frankfurter Allee – Teltow-Kanal. Während nördlich von Berlin die Rote Armee bei Oranienburg das KZ Sachsenhausen mit etwa 3000 zurückgelassenen Kranken, aber auch Pflegern und Ärzten befreit und in Berlin-Mitte in der Invalidenstraße die SS Widerstandskämpfer erschießt, beginnen nun die Kämpfe der 5. Stoßarmee um den Zentral-Vieh- und Schlachthof an der Storkower Straße und – am S-Bahn-Ring an der Frankfurter Allee liegend – rückte die Rote Armee am selben Tag in Richtung Wilhelmstraße und Berliner Machtzentrum vor, allerdings auf die parallele Scharnweberstraße ausweichend, um dem Beschuss der Frankfurter Allee durch SS-Verbände im Flakbunker auszuweichen.

    8. Mai 1945, Berlin, sowjetische Panzer: nach Tagen heftiger Kämpfe kapitulierte die deutsche Armee

    8. Mai 1945, Berlin, sowjetische Panzer: nach Tagen heftiger Kämpfe kapitulierte die deutsche ArmeeWorld History Archive/imago

    „Sie gingen in voller Breite durch die Häuser und schossen sich die Giebel frei – Haus für Haus“, notiert der kommunistische Widerstandskämpfer Erwin Reisler in sein heimlich geführtes Tagebuch.

    Während der sowjetische Frontkorrespondent Boris Polewoi die strategische Orientierung so beschreibt: „Die Gefechte in Berlin, unter den spezifischen Bedingungen der Stadt, erforderten eine neue Taktik unsererseits. Jedes Haus wurde ein Bunker, jede Straße eine Verteidigungslinie. Ob man sie umging, ob man gegen ihren rückwärtigen Raum vorstieß, jedes Objekt mußte einzeln genommen werden, denn es gab keinen Platz, auf den der Gegner hätte zurückgehen können. So bildeten wir an der Front eine neue Art von Einheiten, sogenannte Sturmabteilungen: Truppenteile aus Schützeneinheiten, Panzern, Selbstfahrlafetten, mitunter auch ‚Katjuschas‘, und immer eine Pioniergruppe; die Panzer, sozusagen organisatorisch, verschmolzen mit der Infanterie. Sie wirkten nicht nur zusammen, sondern unterstützten sich aktiv im Gefecht.“

    „Der Straßenkampf“, schreibt der Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee W.I. Tschuikow, „hat seine eigenen Gesetze, die man immer beachten muß (…). Der Gegner hockt in Kellern und Gebäuden. Kaum zeigt man sich, schon krachen Schüsse, detonieren Handgranaten.“

    Von Teilen der Bevölkerung kann die Rote Armee Unterstützung erwarten. Der deutsche Antifaschist Ernst Kehler, der als Soldat der 1. Belorussischen Front und Frontbevollmächtigter des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ in seine Heimat zurückkehrt, beschreibt das Kriegsende so: „[Auf dem Weg] zu meinem neuen Einsatzbereich [in] Berlin-Mitte (…) waren neben weißen Fahnen in Riesenbuchstaben noch die faschistischen Losungen ‚Berlin bleibt deutsch‘, ‚Siegen oder Sibirien‘ zu erkennen. Entfernte sich der Gefechtslärm, kamen einzelne Gestalten auf die Straßen. Elend, Kriegsmüdigkeit und Verzweiflung beherrschten die Menschen. Aber ebenso unvergeßlich ist es mir, daß wir in der Uniform der Roten Armee auf unserem langen Weg von Berliner Frauen und Männern wiederholt Hinweise und Warnungen erhielten. … ‚Geht hier nicht weiter, drüben im Eckhaus liegt noch ein Schützennest.‘ Oder: ‚Nehmt den Weg durch die Hauseingänge über die Höfe. Auf der Straße ist noch kein Weiterkommen.‘“
    Das Vorrücken der Roten Armee

    Mit vielen antifaschistischen Widerstandskämpfern, die aus ihren Keller- und Laubenkolonieverstecken auftauchen, kommt es zu Verbrüderungsszenen. In Arbeiterbezirken, wie dem Wedding, macht die Rote Armee sehr schnelle Vorstöße, weil die Bevölkerung sich sicher genug fühlt, weiß und vielfach rot zu flaggen. Andernorts gelingt es deutschen kommunistischen Widerstandskämpfern in der Verkleidung von Wehrmachts- und SS-Uniformen, ganze Truppenteile zu entwaffnen oder zur Kapitulation zu bringen und außerdem Munitionsdepots zu sprengen, hohe SS-Funktionäre aus dem Reichssicherheitshauptamt in die Falle zu locken und zu erschießen und die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Eine von diesen Gruppen ist die „Kampfgruppe Osthafen“, die, wie Heinz Müller in „Kampftage in Berlin“ beschreibt, aus Wohnungen in der Simon-Dach-Straße 32 und der Boxhagener Straße 22 heraus agiert. Manche der Antifaschisten bezahlen diese gefährliche Mission noch in den letzten Kriegstagen mit dem Leben.

    Die Nacht vom 23. zum 24. April verläuft ruhig. Aber dann, so schreibt Heinz Rein im Dokumentarroman „Finale Berlin“, „als das Licht des neuen Tages durchdringt, wird die Stille durch eine ungeheure Kanonade zerrissen. Es ist 5 Uhr 15 Minuten: das Trommelfeuer der rings um Berlin in den Vororten aufgefahrenen russischen Artillerie hat begonnen. Das Trommelfeuer dauert 45 Minuten, dann treten die russischen Infanterie- und Panzerverbände zum Angriff an. Vom Süden her überschreiten sie den Teltow-Kanal und dringen in Neukölln, Britz, Lichterfelde, Zehlendorf und Neubabelsberg ein, von Tegel und Reinickendorf stoßen Panzerverbände bis zum Wedding vor und stoppen ihren Vormarsch erst am Nordhafen und an der Ringbahn in unmittelbarer Nähe des Lehrter Bahnhofes, andere Panzerverbände dringen von Norden her durch den Tegeler Forst und über die Jungfernheide an den Spandauer Schiffskanal vor, überschreiten ihn trotz der Sprengung aller Brücken und dringen in Siemensstadt ein, um Fürstenbrunn, zwischen Westend und Spandau, entbrennt ein heftiger Kampf, ebenso um den Damm der Stichbahn nach Gartenfeld.“

    30. April 1945: Sowjetische Kanoniere kämpfen auf Berlins Straßen.

    30. April 1945: Sowjetische Kanoniere kämpfen auf Berlins Straßen.Ryumkin/imago
    Das Angriffsziel wird befehlsgemäß angeflogen und bombardiert

    Der Widerstand ist unterschiedlich intensiv. Die SS-Verbände, die die Parole „Pardon wird nicht gegeben!“ ausgeben, sind die einzigen, die gut ausgerüstet sind und erbitterten Widerstand leisten. Die Zivilbevölkerung wird auf dem Altar des Faschismus geopfert. „Als der Friedrichshain Kampfgebiet und die Schultheiss-Patzenhofer-Brauerei in der Landsberger Allee Ecke Tilsiter Straße (heute Richard-Sorge-Straße) verteidigt wird“, schildert Rein eine vielfach bezeugte, besonders scheußliche Episode aus der Schlacht um Berlin, „wird – um das Leben der Zivilbevölkerung zu schonen – von den Russen die Räumung des Viertels zwischen Friedrichshain und Zentralviehhof befohlen. Tausende entsteigen den dunklen Katakomben (…). Durch die Landsberger Allee und Landsberger Chaussee zieht der endlose Zug der Flüchtlinge ostwärts, mit Kinderwagen, kleinen Transportkarren, Leiterwagen, Greise und Greisinnen an Stöcken, Beinamputierte in Selbstfahrern, Kinder auf den Armen und an den Händen der Mütter, abgezehrte, verhärmte, übermüdete Menschen, ausgebrannt von Angst, geschüttelt von Entsetzen, aber bewegt von dem Willen zum Leben. Sie alle begeben sich in den Schutz der russischen Etappe, um sich vor den Granaten der eigenen Landsleute in Sicherheit zu bringen (…). – Die Landsberger Chaussee ist eine breite Straße, sie stößt zwischen Lauben, Gärten, Feldern und Neubausiedlungen aus der Enge der Stadt ins offene Land hinaus. Nicht nur die Flüchtlinge sind auf ihr, auf der nördlichen Straßenseite rollt der Nachschub der russischen Armee stadteinwärts (…). So wälzen sich zwei Ströme durch die Landsberger Chaussee, ostwärts die Frauen, Greise und Kinder des geschlagenen, westwärts die Söhne des siegreichen Volkes. – Da tönt von irgendwo, noch von weit her, ein Brummen, es klingt, als sei ein Schwarm von Bienen unterwegs, aber das Geräusch schwillt unheimlich schnell an, wird zum Dröhnen und Donnern. Die Menschen auf der Straße blicken verwundert auf den anfliegenden Verband, zehn, zwölf, fünfzehn, zwanzig Maschinen scheinen es zu sein, sie halten geraden Kurs auf die Straße … Russische Flugzeuge, die vom Fronteinsatz zurückkehren? Nein, das sind deutsche Maschinen vom Typ Ju 87, sie wachsen riesengroß heran, die schwarzen Kreuze auf den Tragflächen sind schon zu erkennen. Die Flüchtlinge ziehen unbekümmert weiter. Was haben sie von deutschen Flugzeugen zu befürchten? Da geschieht das Unerwartete, Unwahrscheinliche, Unglaubliche – die deutschen Sturzkampfflugzeuge stürzen sich mit aufheulenden Motoren auf den Nachschub der Russen, es kümmert sie nicht, daß auf der gleichen Straße Zehntausende von deutschen Menschen in die Zone des Hinterlandes ziehen. Das Angriffsziel wird befehlsgemäß angeflogen und bombardiert. Immer wieder stürzen sich die Stukas auf die Straße, ziehen die Maschinen singend in die Höhe und stoßen wieder wie gierige Raubvögel herab. Als sie abfliegen, bleiben an den Rändern der Landsberger Chaussee Hunderte von Toten und Verletzten zurück, deutsche Menschen, niedergemetzelt von deutschen Fliegern mit deutschen Bomben und deutschen Bordkanonen (…)“.
    Einnahme des Schlesischen Bahnhofs gestaltet sich als äußerst schwierig

    Der am Petersburger Platz aufgewachsene, spätere Bauingenieur Werner Lindner erinnert sich an diese Mordaktion: „Dann kamen andere Russen. Es waren Kampftruppen. Die schrien: ‚Alles raus, Germanski-Flieger Bombardement!‘ Alle Leute ergriffen ihr Handgepäck und flüchteten über den Viehhof, und weiter über den Bahnhof Landsberger Allee, durch die Lauben in Richtung Steuerhaus und weiter. Tatsächlich gerieten sie in einen deutschen Bombenangriff auf sowjetische Artilleriestellungen. Unterwegs sahen sie tote Menschen und Pferde liegen.“

    In Friedrichshain dringt noch am selben Tag die Rote Armee im Häuserkampf entlang der Frankfurter Allee vor, während zugleich unter schweren Gefechten am Bahnhof Wedding der Innere Verteidigungsring durchbrochen wird und das 7. Korps mit geringerem Widerstand vom Prenzlauer Berg in Richtung Alexanderplatz durchbricht sowie die 301. Schützendivision auf der Höhe Treptower Park die Spree überwindet und das Kraftwerk Rummelsburg unzerstört und betriebsfähig unter ihre Kontrolle bringt. Am frühen Nachmittag erscheint zum vorletzten Mal die Nazi-Zeitung „Der Angriff vereinigt mit Berliner illustrierter Nachtausgabe“ und titelt: „Berlins heroischer Widerstand ist ohne Beispiel“.

    Am 25. und 26. April, als sich bei Torgau an der Elbe bereits US-Soldaten und Rotarmisten begegnen, macht die 5. Stoßarmee im Berliner Osten nur geringe Fortschritte. Vor allem die Einnahme des Schlesischen Bahnhofs (heute Ostbahnhof) gestaltet sich als äußerst schwierig. Am 27. April, während Heinrich Himmler gegen den Willen Hitlers noch versucht, mit den Westmächten über eine Teilkapitulation zu verhandeln, ist jedoch auch der Bahnhof vollständig erobert und bis zum Folgetag sind auch die Gebiete um den Alexanderplatz, die Flughäfen Tempelhof und Gatow sowie Spandau, Teile von Schöneberg, Tempelhof und Kreuzberg befreit. Die Schlinge um das Regierungsviertel, Hitlers Machtzentrum, zieht sich zu. Während in Italien am 28. April Hitlers Bündnispartner Benito Mussolini mit seiner Geliebten am Comer See aufgestöbert, erschossen und seine Leiche öffentlich zur Schau gestellt wird, reduziert sich in Berlin bis zum 29. April Hitlers Machtbereich auf 25 Quadratkilometer zwischen Regierungsviertel und Tiergarten. Am selben Tag erscheint die letzte Ausgabe von „Der Panzerbär: Kampfblatt für die Verteidiger Gross-Berlins“. Am Vorabend hatte er noch getitelt: „Wir halten durch! Die Stunde der Freiheit wird kommen“.

    Ein deutscher Soldat sitzt in den Ruinen des Reichstags in Berlin, nachdem die russische Armee 1945 in die Stadt einmarschiert war.

    Ein deutscher Soldat sitzt in den Ruinen des Reichstags in Berlin, nachdem die russische Armee 1945 in die Stadt einmarschiert war.United Archives/imago
    „Alle Räume und Gänge sind belegt und verstopft mit Schwerverwundeten“

    Am 30. April bzw. am 1. Mai stehlen sich Hitler und Goebbels aus ihrer Verantwortung und nehmen sich im Führerbunker das Leben, um, so Hitler in seinem Testament vom 29. April, „der Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu entgehen“. Hitlers Leiche wird, wie testamentarisch verfügt, „an der Stelle verbrannt“, wo er „den größten Teil meiner täglichen Arbeit im Laufe eines zwölfjährigen Dienstes an meinem Volke geleistet habe (…)“. Die Staatsführung lügt jedoch und vermeldet erst am 2. Mai, dem Tag der Kapitulation Berlins, „der Führer“ sei „beim Kampf um Berlin gefallen“. Am selben Tag hisste der Rotarmist Michail Petrowitsch Minin schon die rote Fahne auf dem Reichstagsgebäude, aufgenommen in einer berühmten Fotografie von Jewgeni Chaldej.

    „DEM DEUTSCHEN VOLKE, so leuchtete es in goldenen Lettern über dem Hauptportal des Gebäudes“, schreibt später Theodor Plivier. „Die deutschen Stämme hatten nach der Reichsgründung im Jahre 1871 hier ein gemeinsames Dach gefunden. An dem Rednerpult dieses Hauses hatten ein Bismarck, ein Bethmann Hollweg, ein Prinz Max von Baden gestanden, aber auch ein Liebknecht, senior und junior, ein Bebel und Ledebour und eine Rosa Luxemburg. Hier, aus einem Fenster der Westfassade heraus, hatte Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die Republik ausgerufen. Es hat auch einen Reichstagsbrand und einen Reichstagsbrandprozeß gegeben. Im Qualm dieses Brandes, der den großen Sitzungssaal zerstörte und die Glaskuppel durchschlug, hatte das Dritte Reich seinen Anfang genommen, und es sah so aus, als ob es auch hier in Qualm und Feuer sein Ende nehmen sollte (…).“

    Der deutsche Schauspieler Günter Lamprecht, bekannt aus Rainer-Werner-Fassbinder-Filmen, dem „Tatort“ und der Fernsehserie „Babylon Berlin“, war als 15-jähriger Hitlerjunge beim Kampf um die Reichsbank am Werderschen Markt, wo heute das Auswärtige Amt untergebracht ist, dabei. An den 27. April erinnert er sich: „Alle Räume und Gänge sind belegt und verstopft mit Schwerverwundeten, mit Sterbenden. Das unaufhörliche Trommelfeuer und die Bombardements der letzten Tage, das widerliche Sausen der Stalinorgeln richtete sich jetzt nur noch auf den Kern, Berlin-Mitte.“ In einem Kasinoraum des Gebäudes stößt Lamprecht, der als Kurier eingesetzt war, auf „eine Theke voller Sektflaschen, auf Schinken, Würste und andere Delikatessen“, und an einem Tisch lagen sieben oder acht Menschen, darunter fünf Waffen-SS-Offiziere, „vornübergebeugt auf der Tischplatte oder hingen aus den stattlichen Sitzmöbeln seitlich heraus, fast alle Köpfe waren zerschmettert. Hier hatte der Krieg schon sein Ende gefunden. So feige Hunde, sich einfach zu verdrücken! Tags zuvor hatten solche noch Fahnenflüchtlinge, einfache Landser, an den Laternen und Bäumen aufgehängt.“

    Sowjetische Soldaten zeigen auf einen Trümmerhaufen im Hof <br><br>des Reichskanzleramts in Berlin, wo die sterblichen Überreste von Adolf Hitler (1889–1945) und seiner Frau Eva Braun (1912–1945) nach ihrem Selbstmord begraben sind.

    Sowjetische Soldaten zeigen auf einen Trümmerhaufen im Hof

    des Reichskanzleramts in Berlin, wo die sterblichen Überreste von Adolf Hitler (1889–1945) und seiner Frau Eva Braun (1912–1945) nach ihrem Selbstmord begraben sind.
    World History Archive/imago

    Sexualisierte Gewalt

    Stalin hat Wert darauf gelegt, Berlin am 1. Mai, zum symbolträchtigen internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, zu erobern. Er ist auch getrieben von der Angst, dass sich die Berichte über Verhandlungen zwischen Hitler und den Westalliierten und gar einem gemeinsamen Krieg gegen die Sowjetunion bewahrheiten könnten. Viele Rotarmisten bezahlen dies mit dem Tod. In Teilen Berlins wird jedoch trotzdem noch am 2. Mai gekämpft, u.a. rund um die Flaktürme im Friedrichshain, die erst im Mai 1946 gesprengt werden sollen und seither unter dem Großen und Kleinen Bunkerberg („Mont Klamott“ und „Hoher Schrott“) begraben liegen, als solche 1968 von Wolf Biermann und 1983 von Tamara Danz mit der Band Silly besungen. Viele Flakhelfer sind dabei minderjährig, nicht wenige von ihnen Mädchen. Zuletzt wird auch in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg noch gekämpft, wo sich die SS-Einheiten in den Kellerräumen verschanzt haben. In der Nacht vom 8. zum 9. Mai unterzeichnen aber schließlich Generalfeldmarschall Keitel für die Wehrmacht, Generaladmiral von Friedeburg für die Kriegsmarine und Generaloberst Stumpff für die Luftwaffe in Karlshorst die Kapitulationserklärung. Daran erinnern wird später das „Deutsch-Russische Museum“, das aber 2022 nach Beginn des Ukrainekriegs in „Museum Berlin-Karlshorst“ umbenannt werden wird.

    Die Zivilbevölkerung zahlt für die Schlacht um Berlin einen hohen Preis. Aus Sorge um Racheaktionen seitens der russischen, ukrainischen, belarussischen usw. Soldaten für das durch den deutschen Vernichtungskrieg im Osten erlittene Leid erlässt der sowjetische Marschall Rokossowski den Befehl, dass Plünderungen und Vergewaltigungen mit Kriegsrecht oder unverzüglicher Erschießung zu ahnden seien. Wie Miriam Gebhardt in „Als die Soldaten kamen“ aufgearbeitet hat, kommt es auch zu zahlreichen standrechtlichen Erschießungen und später dann Gerichtsurteilen zu fünfjähriger Lagerhaft. Auch berichten viele, so wie Ursula Spaltowsky in ihrem Tagebuch, von ihrer Überraschung, wie wenig die sowjetischen Soldaten dem Bild der „Menschenfresser“ entsprachen, das man von ihnen gezeichnet hatte. Trotzdem sollen nach der Befreiung von Berlin bis zu 100.000 Frauen vergewaltigt worden sein, wie Helke Sander und Barbara Johr in ihrem Buch „BeFreier und Befreite“ schätzen. „Die Faktoren, die sexuelle Gewalt begünstigen“, schreibt Gebhardt, „waren offensichtlich stärker als die abschreckenden oder disziplinierenden Maßnahmen.“

    Gisela Schulz musste als Siebenjährige im Keller der Grünberger Straße 63 im Ortsteil Friedrichshain die Vergewaltigung ihrer Mutter miterleben: „Ich wusste nicht, was das war. Ich schrie und schrie und schrie. Dann hatte sie wieder eine Pistole auf der Brust, es sollte weitergehen. Aber ein Offizier schickte die Soldaten weg. Die durften das ja nicht, aber sie taten es. Die wollten sich rächen, die haben uns Deutschen nie vergessen, was wir mit denen gemacht haben. Meine Mutter war dann schwanger. Ein Arzt nahm ihr das Kind ab.“

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Prenzlauer_Allee #Danziger_Straße
    #Geschichte #Krieg #Befreiung #Rote_Armee

  • Trump demands unprecedented control at Columbia, alarming scholars and speech groups
    ▻https://apnews.com/article/columbia-university-mahmoud-khalil-ice-arrests-1921e26f6b5a8585ad5cbda790846

    NEW YORK (AP) — The Trump administration brushed aside decades of precedent when it ordered Columbia University to oust the leadership of an academic department, a demand seen as a direct attack on academic freedom and a warning of what’s to come for other colleges facing federal scrutiny.

    Federal officials told the university it must immediately place its Middle Eastern, South Asian, and African Studies Department under “academic receivership for a minimum of five years.” The demand was among several described as conditions for receiving federal funding, including $400 million already pulled over allegations of antisemitism.

    President Donald Trump arrives on Air Force One at Palm Beach International Airport, Friday, March 14, 2025, in West Palm Beach, Fla. (AP Photo/Manuel Balce Ceneta)
    President Donald Trump arrives on Air Force One at Palm Beach International Airport, Friday, March 14, 2025, in West Palm Beach, Fla. (AP Photo/Manuel Balce Ceneta)

    “It’s an escalation of a kind that is unheard of,” said Joan Scott, a historian and member of the academic freedom committee of the American Association of University Professors. “Even during the McCarthy period in the United States, this was not done.”

    • Heinrich-Schliemann-Gymnasium - Geschichte
      ▻https://hsg-berlin.de/unsere-schule/geschichte.html


      Trump crée une ambiance comme celle que mon père a vécu dans sa jeunesse. En école primaire (1931-1935) il a été témoin du brusque départ d’un camarade de classe juif.

      Gleimstraße 49
      ab 1933:
      nachfolgender Leiter wird Oberstudienrat Fritz Plagemann
      er und vier weitere Studienräte werden vermutlich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1933 entlassen

      Ensuite son lycée (1935-1940) a été transformé en école d’élite nazie. On a bien sûr commencé par le licenciement des professeurs juifs.

      1938:
      Berliner Oberbürgermeister gibt im „Amtsblatt der Reichshauptstadt Berlin“ die Umbenennung von höheren Anstalten bekannt
      die „Heinrich-Schliemann-Schule“ in der Gleimstraße erhält den Namen „Heinrich-Schliemann-Gymnasium“

      Pour remplir les postes vacants après l’élimination des professeurs juifs l’administration a obligé les professeurs d’université dégradés à cause de leurs positions anti-nazies à enseigner aux lycées.

      1939:
      kurz vor der kriegsbedingten Schließung des Schulgebäudes in der Gleimstraße im Jahr 1939 wird die Schule in „Horst-Wessel-Gymnasium“ umbenannt
      es folgt der kriegsbedingte Umzug in die Carmen-Sylva-Straße (heute Erich-Weinert-Straße)
      später Unterrichtsverlagerung an einen Ort außerhalb Berlins

      Dans ce lycée affichant une image nazie parfaite le directeur fut le seul nazi convaincu. Il dirigea une équipe pédagogique dont certains profs n’hésitaient pas à expliquer aux jeunes qu’on ne pouvait être d’accord avec la politique et la guerre nazie. D’après les souvenirs de mon père il n’ont jamais eu des problèmes parce que leurs collègues et élèves ne les ont jamais dénoncés.

      C’est ce qui arrive quand les imbéciles essayent de s’emparer des lieux et institutions où les gens cultivés se protègent mutuellement.

      ▻https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich-Schliemann-Gymnasium_(Berlin)

      #Berlin #Prenzlauer_Berg #Gleimstraße #éducation #nazis #histoire

  • Touristen in Berlin: Diese 5 Orte sollten Besucher meiden
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/panorama/tourismus-in-berlin-diese-5-orte-sollten-besucher-meiden-li.2304095

    Naja, was den nicht-ganz-so-Urberlinern aus der Redaktion so einfällt sind eigentlich total interessante, teils sogar mit echtem Charm und Schönheit ausgestattete Orte.

    Dafür ist vom Besuch der folgenden Orte ernsthaft abzuraten.

    Kategorie Touristenfalle

    – Alle Berliner Shopping Malls inklusive ehemaliges Bikini Haus und Kadewe. Wir haben über 60 davon.
    – Mauerpark und RAW sind nur etwas für drogenversessene Krawalltouristen mit Hang zum eigenen Messer.

    Kategorie Lebensgefahr durch Lamgeweile

    – Tempelhof südlich der Ringbahn
    – Reinickendorf
    – Spandau

    Kategorie „muss echt nicht sein“

    – Der neue Potsdamer Platz. Hier ist in der Tat off limit, no go zone, wirklich nicht zu empfehlen, es sei denn, man muss da durch auf dem Weg zum #Taxifilmfest oder zur #Berlinale.

    – Kaiser-Wilhelm-Platz (der verbliebene), fahr besser gleich nach Potsdam.

    5.3.2025 von Anne Vorbringer, Marcus Weingärtner, Manuel Almeida Vergara, Enno Kramer - Wo die Stadt sich selbst überlassen wurde, schickt man keinen Gast hin. Auch die Einheimischen meiden diese Orte, soweit es geht.

    Während die ITB aktuell die schönsten Urlaubs-Destinationen bewirbt, tut die deutsche Hauptstadt wenig bis gar nichts dafür, sich für den Tourismus der Zukunft fit zu machen. Im Gegenteil: Viele Gegenden wirken, als ob sich die Stadt selbst überlassen wäre.

    Wir haben fünf Orte in Berlin herausgesucht, die an zentraler Stelle exemplarisch für das Versagen der Stadt stehen. Hier würden wir keine Freunde hinschicken.

    1. Mehringplatz in Kreuzberg: verwahrloste Innenstadt

    Der Beginn der teilverwahrlosten Friedrichstraße ist zugleich ihr soziales Ende: Der Kreuzberger Teil mündet im Mehringplatz, einem Ort, der dank sämtlicher fehlgeschlagener Versuche der Aufwertung immer noch ein sozialer Brennpunkt ist und von Menschen in der Regel höchstens als Durchgang zwischen Halleschem Tor und Friedrichstraße passiert wird.

    Touristen verlaufen sich höchstens an den Mehringplatz, wenn sie die U-Bahn-Station zum Checkpoint Charlie verpasst haben und reiben sich verwundert die Augen ob der Tatsache, dass sich eine europäische Metropole in ihrem Zentrum ein derart heruntergekommenes Gebiet gönnt, das unter Milieuschutz steht, „um die Gentrifizierung infolge von aufwertenden Sanierungen zu bremsen“. Da kann man nur sagen: Glückwunsch! Damit ist trotz einiger Sanierungsarbeiten ein Zustand der Konservierung erreicht und wer sich den Mehringplatz ansieht, kann darüber sicher nur den Kopf schütteln.

    2. Hermannplatz in Neukölln: Obdachlosigkeit, Drogenkonsum, Kriminalität

    Der Klassiker. Strenggenommen ist der Hermannplatz gar kein Platz, sondern eine große Kreuzung mit Betondeckel auf dem U-Bahnhof. Und überhaupt würde niemand auf die Idee kommen, hier länger als nötig zu verweilen: Obdachlosigkeit, Drogenkonsum, Kriminalität und ein abweisendes Erscheinungsbild haben den Hermannplatz so sehr in Verruf geraten lassen, dass der Slogan „Du hast Angst vorm Hermannplatz“ auch in der deutschen Provinz noch ein Begriff ist.

    Zwar hat die Gentrifizierung auch diese Ecke im Guten wie Schlechten im Griff, angenehmer ist der Hermannplatz trotzdem nicht geworden. Wer kann, der flüchtet in die umliegenden Straßen wie die ex-hippe Weserstraße, die Karl-Marx-Straße oder die Sonnenallee, die den Hermannplatz im Gruselranking mittlerweile eindeutig abgelöst hat.

    3. Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg: Burn-out garantiert

    Bars, Clubs und jede Menge Restaurants – eigentlich ist die Eberswalder Straße der ideale Ort für einen Freitagabend. Könnte man meinen. Doch wer öfter hier vorbeikommt, lernt die wohl unübersichtlichste Kreuzung der Stadt zu hassen. Von rechts schreien einen die Radfahrer an, von links bimmelt die Straßenbahn, aus allen Richtungen hupen Autos im Sekundentakt und von oben rattert die U2 über die Gleise.

    Wer nicht gerade auf der Suche nach einem Burn-out pünktlich zum Wochenendbeginn ist, sollte die Eberswalder nicht nur unter der Woche meiden. Denn auch wenn die Ausgehmöglichkeiten in Prenzlauer Berg hier wohl am vielfältigsten sind – spätestens, wenn man auf der Suche nach einem Späti unter der U-Bahn-Station in Richtung Norden unterwegs ist, vergeht einem der Spaß. Stichwort Taubentoilette: Nirgendwo ist der Gehweg so flächendeckend mit Kot bedeckt wie hier.

    Auch auf den Bürgersteigen entlang der Kulturbrauerei oder in Richtung Kastanienallee geht es mit der Lebensqualität steil bergab. Altes Fett, Glutamat und schlechtes Parfüm liegen in der Luft, 15-Jährige in voller Adidas-Montur, von denen man angerempelt wird. Wer hier als Touri vorbeikommt, sollte besser zusehen, dass er Land gewinnt.

    4. Alexanderplatz in Mitte: Bausünden und Dreck

    Ein Kaufhaus mit ungewisser Zukunft, eine Dauerbaustelle mit Bauzäunen und provisorischen Fußgängerpassagen, eine versiegelte, fleckige Plattenfläche, bespielt mit peinlichen, jahreszeitlich wechselnden Ramschmärkten: Der Alexanderplatz ist gerade wahrlich nicht in seiner besten Verfassung.

    Dabei könnte und müsste er das Aushängeschild dieser Stadt sein. Er atmet Geschichte, ist einer der belebtesten Orte Berlins, Ausgangs- und Umsteigepunkt, voller touristischer Highlights in unmittelbarer Nähe. Man kommt nicht um ihn herum – und würde es dennoch gern. Nicht wenige Berliner steigen lieber eine Station früher aus, um sich die U-Bahn-Labyrinthe, das Gewusel, die musizierenden Laien und den Geruch der Champignonpfanne zu ersparen.

    „Normalerweise wird ein großer Bogen um diesen Ort gemacht“, heißt es bei Tripadvisor selbst von Berlin-Besuchern. „Mal von den fiesen Bausünden und Umgestaltungen der letzten 25 Jahre, die dem Alexanderplatz das Gesicht genommen haben, abgesehen, ist es hier einfach nur der reinste Horror. Dreckig, versifft und an vielen Stellen einfach nur verkommen“, so das knallharte Touri-Urteil. Das Schlimme ist: Man kann dem kaum widersprechen.

    5. Flohmarkt im Mauerpark: Karaoke und Nepp seit ewigen Zeiten

    Wollten Sie für einen ausrangierten H&M-Pulli auch schon mal das Doppelte des Originalpreises zahlen? Haben Sie tierisch Lust, eine Dreiviertelstunde für ein Hotdog anzustehen? Interessieren Sie sich wahnsinnig für die dürftigen Sangeskünste Ihnen völlig fremder Menschen?

    Dann sind Sie im Mauerpark goldrichtig, diesem staubig-braunen Flecken Berlin, der am Wochenende zum Eldorado für Schnäppchenjäger wird – oder zumindest für solche, die sich für Schnäppchenjäger halten. Denn günstig sind die Preise auf dem Flohmarkt im Mauerpark schon lang nicht mehr; weder die für Secondhand-Klamotten und Vintage-Möbel noch jene für die begleitenden Snacks und Getränke.

    Dabei rechtfertigt das Angebot – anders als zum Beispiel auf dem wirklich gut sortierten, mit hochwertigen Antiquitäten ausgestatteten Flohmarkt am Arkonaplatz – die mitunter horrenden Preise keineswegs. Und dann auch noch das: Will man sich vom Preisschock kurz mal erholen, setzt sich also auf eine nahe Wiese oder – schlimmer noch – direkt ins Amphitheater, muss man zwangsläufig dem Freiluft-Karaoke folgen, das aus völlig unerklärlichen Gründen seit Jahren Hunderte Besucherinnen und Besucher an jedem sonnigen Sonntag anzieht. Wem’s gefällt …

    Überhaupt wird’s auf dem Flohmarkt im Mauerpark gerne mal übervoll; ein einziges Drängeln und Schieben, ein hastiges Gegrabsche nach überteuerten H&M-Pullis und dürftigen Hotdogs. Genau Ihr Ding? Dann nichts wie hin! Doch eher Lust auf einen entspannten Berlin-Aufenthalt? Dann machen Sie am Sonntag lieber einen großen Bogen um den Mauermeiden

    #Berlin
    #Mehringplatz #Kreuzberg
    #Hermannplatz #Neukölln
    #Eberswalder_Straße #Oderberger_Straße #Prenzlauer_Berg
    #Alexanderplatz #Mitte
    #Mauerpark #Bernauer_Straße

  • Mein Nachbar von der SA: Brauchen wir in Berlin Stolpersteine für die Täter?
    ▻https://www.tagesspiegel.de/berlin/mein-nachbar-von-der-sa-brauchen-wir-in-berlin-stolpersteine-fur-die-ta

    25.9.2024 von Naila Bröning-Chai - Stolpersteine erinnern an die Opfer. Aber was ist mit den Tätern? Protokoll einer Spurensuche im Berliner Haus meiner Kindheit.

    In den Gehweg eingelassene Stolpersteine aus Messing erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Doch was ist eigentlich mit den Tätern? Auf diese Frage stieß ich im Laufe eines Schulprojekts, für das ich die Geschichte meines Kindheitshauses in Berlin erforschte. Ich wollte herausfinden, wie sich die Geschichte Berlins in dem Haus spiegelt.

    Am Beginn meiner Recherche stand eine Berliner Besonderheit: die von der Stadtverwaltung seit 1822 jährlich herausgegebenen „Berliner Adressbücher“. In ihnen lassen sich alle Personen recherchieren, die unter Berliner Adressen gemeldet waren – Berufsbeschreibung inklusive.

    Ich stieß auf unzählige Namen. Schon damals, das zeigen die Daten, war es im Prenzlauer Berg ein ziemliches Kommen und Gehen. Auch die Berufe belegen den Wandel: etwa durch Hinweise auf „Kolonialwarenbesitzer“ und „Telegraphie-Arbeiter“. Frauen tauchen oft nur als „verwitwet“ auf.

    Auf der in Frakturschrift verfassten, immer wieder schwer zu entziffernden Seite stolperte ich über einen besonderen Namen: Walter Prüfke. Im Jahr 1937 ist er als „Partei-Angestellter“ vermerkt. Doch in den folgenden Jahren wird es konkreter – und grausig: „Walter Prüfke, SA-Führer“.

    Es war nicht schwer, die Lebensdaten Prüfkes herauszufinden: Geboren 1908 in Berlin, dann SA-Brigadeführer und Mitglied des Reichstags, gefallen in Breslau im Jahr 1942. Soweit jedenfalls vermelden es Online-Quellen.

    Klar ist: Die Biografie Prüfkes war von Gewalt geprägt. Bevor er in der NSDAP Karriere machte, fiel er als politischer Schläger auf, der zusammen mit seinem Bruder politische Gegner tyrannisierte.
    Er hatte eine Waffe unter den Dielen versteckt

    Gemeinsam wurden beide im Jahr 1931 wegen Mordes vor Gericht gestellt, doch Prüfke entging einer Verurteilung und setzte seine Karriere fort. In den Gerichtsprotokollen lässt sich nachlesen, dass er unter den Dielenbrettern seiner Wohnung eine Schusswaffe versteckt hielt. Das einzige von ihm erhaltene Bild übrigens geht auf diese Episode vor Gericht zurück. Denn im Rahmen der Polizeiermittlungen wurde die Schlägertruppe um Heinz Prüfke fotografiert.

    Trotz oder wohl eher wegen seines Radikalismus begann Prüfke, in der Hierarchie der SA aufzusteigen. 1938 wurde er in Adolf Hitlers „Liste des Führers zur Wahl des Großdeutschen Reichstags“ aufgenommen. Online-Darstellungen, er sei Mitglied des Reichstags gewesen, aber sind falsch. Das Abgeordnetenhandbuch des Reichstags zeigt: Auf der Liste, die mit Adolf Hitler, Rudolf Heß und Hermann Göring beginnt, steht Prüfke an Stelle 1398. Auf diesem Rang aber zog er nicht in den Reichstag ein. Dennoch verdeutlicht diese Platzierung seine Bedeutung. Im Berliner Adressbuch ist er ab 1939 als „SA-Führer“ gelistet.
    Dann wurde er Brigadeführer der SA

    1940 wurde Prüfke zum Brigadeführer der SA ernannt: ein Generalsrang und die dritthöchste Position in der Organisation. Zwischen 1933 und 1945 erreichten lediglich 336 Personen diesen Rang.

    Auch in der Berliner Stadtpolitik mischte Prüfke mit. Im Jahr 1938, das zeigen die „Verhandlungsberichte über die Beratungen mit den Ratsherren der Reichshauptstadt“, taucht er als Bezirksbeirat für den Prenzlauer Berg auf. Laut Protokoll wurde Prüfke „von dem Gauleiter des Gaues Berlin, Herrn Reichsminister Dr. Goebbels“ höchstpersönlich in diese Funktion berufen.

    Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kämpfte Prüfke als Leutnant und starb 1942 in Breslau, heute Wroclaw, aufgrund von Verwundungen.

    Als Kind, das in Berlin aufwuchs, ahnte ich natürlich nichts von der düsteren Geschichte um Walter Prüfke. Die Stolpersteine in unserer Straße empfand ich immer als wichtigen Versuch, der Opfer zu gedenken.

    Besonders berührt hat mich dabei ein ganz besonderer Stein. Vor unserem Nachbarhaus am Volkspark Friedrichshain wird durch ihn an Georg Stolt erinnert, ein kommunistischer Politiker, der von der SA verschleppt und ermordet wurde. Nach meinen Recherchen nun sehe ich diesen Stein in einem etwas anderen Licht. Ist es nicht merkwürdig, dass wir uns an die Opfer der SA erinnern, doch über den im Nachbarhaus – meinem Kindheitshaus – lebenden Täter, den SA-General, kein Wort verlieren?

    Es ist wichtig, die Opfer zu ehren. Aber was ist mit den Tätern? Was ist mit den Menschen, die die Verbrechen begangen haben? Sicher: Walter Prüfke war keiner der prominentesten Nazi-Verbrecher. Aber er gehörte zweifellos zur politischen Elite des Regimes.

    Wie geht man um mit der Tatsache, dass im eigenen Zuhause ein kleines grausames Kapitel dieser Geschichte mitgeschrieben wurde? Wie erinnert man an den Nachbarn, der ein Nazi war?

    Würde es helfen, einen Stolperstein für den Täter zu setzen? Womöglich ist es einfacher, ausschließlich der Opfer zu gedenken, als sich der schwierigen Wahrheit zu stellen, dass eben nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter unter uns waren.

    Naila Bröning-Chai ist 16 Jahre alt und Schülerin der elften Klasse an der Dwight School in New York. Sie ist bis 2019 in Berlin aufgewachsen. Der Text beruht auf einem einjährigen Rechercheprojekt für ihr International-Baccalaureat-Programm .

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #histoire #nazis

  • Kollwitzplatz in Berlin: Wo sich reiche Eltern die Kante geben
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/panorama/kollwitzplatz-in-berlin-wo-sich-reiche-eltern-die-kante-geben-li.22


    Wer am grumpy Crêpes-Verkäufer scheitert, muss auf die süße Leckerei verzichten. Klara Bezug für Berliner Zeitung am Wochenende

    13.04.2024 von Clint Lukas - Ich habe fünf Jahre lang jeden Sonnabend als Currywurst-Verkäufer auf dem Wochenmarkt am Kollwitzplatz gearbeitet. Habe Sekt und Pommes mit Trüffelmayo an Touristen und neureiche Menschen aus Prenzlauer Berg verkauft, bei Regen und Hitze und Schnee. Man könnte sagen, ich kenne diesen Markt in- und auswendig. Natürlich nur aus der Froschperspektive.

    Denn wenn so ein Personal Branding Coach mit schwäbischem Dialekt und 300.000 Euro im Jahr erst mal vor einem steht, frühmorgens, am Anfang der Schicht, dann erkennt man recht schnell, wo der Bauer den Most holt. Da wird einem klar, dass man nur die Currysau ist, ein bisschen origineller als ein Hausangestellter, aber auf derselben gesellschaftlichen Stufe rangierend.

    „Ich krieg eine Portion Pommes“, verkündet der Coach im Feldherrenton. „Und noch eine kleine Portion dazu, aber ohne Salz, für meinen Sohnemann hier.“

    Der Blick auf den Sohnemann ist zum Glück vom Tresen blockiert, wenigstens das bleibt einem erspart. Und so könnte es dann acht bis zehn Stunden weitergehen – ein Trauerspiel über den armen Arbeiter, der von bornierten Bürgern gequält wird. Wäre das der Fall gewesen, ich hätte niemals fünf Jahre lang durchgehalten. Warum sollte man sich so etwas antun? Fakt ist aber: Wir durften zurückfeuern, wenn uns danach war. Einem tollen Chef und vielleicht auch dem Berliner Hausrecht sei Dank.

    Die Möchtegern-Côte d’Azur Ost-Berlins

    „Erst mal heißt das: Ich hätte gern, und nicht: Ich krieg eine Portion Pommes. Und zweitens wird dein Kind das bisschen Salz schon vertragen. Du kannst es ja nicht vor allem beschützen.“ Bei der ersten derartigen Entgegnung sind Leute wie der Personal Branding Coach naturgemäß not amused. Man könnte annehmen, dass sie nie wieder auftauchen werden, dass man sie ein für allemal los ist. Doch das Erstaunliche: Sie kommen wieder. Und zwar immer wieder.

    Es ist mein bescheidener, über eine Reihe von Jahren gewonnener Eindruck, dass betuchte Prenzlinger es genießen, sich einmal pro Woche von formell Untergebenen übers Maul fahren zu lassen. Man kann das vielleicht mit der Maskenball-Tradition im Feudalismus vergleichen. Tief in sich drin wissen sie, dass sie als invasive Spezies hier eingefallen sind und wie die Schlingpflanzen alles aus dieser Stadt rausgewürgt haben, was mal cool war. Sie wollen deshalb bestraft werden. Deshalb holen sie sich gewissenhaft jeden Sonnabend ihre Portion Berliner Schnauze ab und empfehlen das ihren Freunden als besonders authentisches Erlebnis. Kann man es ihnen verdenken? Wir wollen doch alle abseits der ausgetretenen Pfade wandeln.

    Der Currystand wird inzwischen nicht mehr von meinem tollen Ex-Chef betrieben und hat dadurch sowohl seinen Charme als auch den pädagogischen Auftrag verloren. Doch zum Glück gibt es Ersatz. Hundert Meter die Kollwitzstraße runter in Richtung Senefelderplatz findet man ihn, neben dem Stand mit fränkischem Brot und dem Wollschwein-Metzger: den grumpy Crêpes-Verkäufer.

    Er wurde erst unlängst so getauft, vom gleichen Schlag Kunden, die aus Bremen und Tübingen anreisen, um sich mit wohligem Grausen schuhriegeln zu lassen. Denn das ist wirklich ein hundsgemeiner Knochen. Unbestechlich, gerecht, gnadenlos. Zufällig kenne ich ihn ganz gut und verbringe gern ein bis zwei Stunden in seiner Nähe.
    Heute leider nicht – wer hier einen Crêpe bekommt, entscheidet nicht die Kundschaft

    „Ein Crêpe mit Nutella“, trägt ihm eine distinguiert wirkende Dame um die sechzig auf.

    Daraufhin er: „Gnädige Frau. Sie haben schon ein paar Jahre auf diesem Planeten verbracht, genauso wie ich. Ist es da wirklich zuviel verlangt, hallo oder bitte zu sagen?“

    Ihre Mimik erstarrt zum Gletscher. „Ich bin nicht hier, um höflich zu sein“, sagt sie.

    „Alles klar“, sagt er. „Und ich bin nicht hier, um Geld zu verdienen.“

    In der Folge wird die Verblüffte ihres Platzes vor seinem Stand verwiesen. Die Schlange rückt ungerührt nach. Ab Mittag ist sie oft zwanzig bis dreißig Kunden lang. Man dürfte annehmen, dass die Viertelstunde Wartezeit reicht, sich im Vorfeld für das Gewünschte zu entscheiden.

    „Jaaa ... also ich glaube, hm ... Ich glaube, ich nehme einen mit Zimt und Zucker.“

    Der grumpy Crêpes-Verkäufer kommt dem Auftrag wortlos nach.

    „Und du, Calvin? Calvin! Ich hab jetzt einen Eierkuchen mit Zimt und Zucker genommen. Willst du auch einen haben? Du musst deutlicher sprechen! Ach, wirklich? Ist dir das nicht zu ... Na, gut. Dann noch einen mit Käse und Schinken.“

    Woraufhin mein Freund den bereits fertigen Crêpe in die Mülltonne feuert und Calvin sowie seinen junggebliebenen Ü50-Daddy zum Teufel schickt. Lebensmittelverschwendung in Prenzlauer Berg! Und das nur, weil man den Domestiken nicht schnell genug sagt, was sie tun sollen. Dieser Ort ist besser als jede Instant-Karma-Compilation auf YouTube.

    Obwohl das jetzt auch nicht zu biestig daherkommen soll. Man muss sie auch lieb gewinnen, diese Gestrandeten. Die aus ihren engen, protestantischen Dörfern flohen, um die Welt zu erobern, und die sich hier längst eine viel schlimmere Hölle geschaffen haben. Altbau-Eigenheim, Frau, Kinder und SUV. Letzten Endes sind sie genau so kaputt wie ich. Der vielleicht besser nach Berlin passt, aber auch nur ein Zugezogener ist.

    Jedenfalls rührt es mein Herz zu sehen, wie etepete sie morgens um zehn die Szene betreten. Der Kollwitzplatz als die Côte d’Azur Ost-Berlins. Alles dreht sich um den Nachwuchs, ums wohlfeile Networking. Man checkt die Nachbarn ab, die Kollegen, die Frau des Kollegen. Und jeder fühlt sich dem anderen überlegen.

    Doch sobald sie ein, zwei Flaschen Grauburgunder im Turm haben, kullern sie auf dem Spielplatz herum, pissen in Hecken, werden laut und gewöhnlich. Der Nachwuchs, komplett unbeaufsichtigt, schlägt sich gegenseitig munter mit Schaufeln die Schädel ein. Doch keine Sorge: Was auf dem Kollwitzmarkt passiert, bleibt auf dem Kollwitzmarkt. Denn nächste Woche geht alles von neuem los.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Kollwitzplatz #Kollwitzstraße #Senefelderplatz

  • Kita-Sterben? Prenzlauer Berg hat zu viele Kita-Plätze – wie kann das sein?
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/news/kita-sterben-prenzlauer-berg-hat-zu-viele-kita-plaetze-li.2192322

    Die Gentrifizierung hat mit ihrer Eigentumswohnungisierung die soziale und Altersmischung des Stadtteils zerstört. Wo früher immer wieder neue junge Familien in die großen Mietwohnungen einzogen, bleiben die Alten heute bis zum Tod in ihrer Eigentumswohnung, dem Lebensprojekt.

    Eine unfähige städtische Schulplanung hatte bereits in den Neunzigern zu einem Angebotsmangel an Kindergarten- und Schulplätzen geführt, der von privaten Trägern im Kitabereich aufgefangen wurde. Die leiden nun an den absehbaren Überkapazitäten. Kapitalismus eben, das organisierte Chaos.

    29.2.2024 von Jule Damaske - In Prenzlauer Berg sind Hunderte Kitaplätze nicht besetzt. Einrichtungen sind sogar offen für Familien aus Brandenburg. Warum ist das so?

    Über Jahre hieß es, in Berlin gebe es zu wenig Kitaplätze. Doch in Prenzlauer Berg sind einem Bericht der Prenzlauer Berg Nachrichten zufolge aktuell rund 800 Plätze nicht belegt. „Das ist fast jeder zehnte von insgesamt 9565 Plätzen, die für 9625 anspruchsberechtigte Kinder zur Verfügung stehen“, heißt es dort. Vor zehn Jahren kämen auf 8700 Plätze noch 10.655 Kinder. Wie kann das sein?

    Schon in den 1990er Jahren wurden in Prenzlauer Berg Schulen geschlossen, weil dafür die Kinder fehlten. Zehn Jahre später kehrte sich das wieder um. Grund dafür ist dem Bericht zufolge die weniger starke Altersdurchmischung im Bezirk. Dadurch komme es zu Schwankungen im Bedarf, nicht nur bei Kitas und Schulen, sondern auch bei Altenheimen.

    Die Kindergärten Nordost in Prenzlauer Berg betreiben den Angaben zufolge 15 Kitas. Von den etwa 1900 Kitaplätzen seien zurzeit rund 300 nicht belegt. „Mittelfristig wäre auch eine Schließung von Einrichtungen, die etwa unsere baulichen und damit pädagogischen Standards nicht mehr gänzlich erfüllen, zu überprüfen“, sagt Sprecherin Judith Frenz den Prenzlauer Berg Nachrichten. Doch nicht nur die sinkende Nachfrage sei dafür verantwortlich, auch der Personalmangel trage dazu bei. Ohne Erzieherinnen und Erzieher könnten nicht alle vorgesehenen Plätze auch wirklich angeboten werden.

    Pankower Kitas offen für Familien aus anderen Berliner Bezirken und Brandenburg

    In den Einrichtungen werde deshalb ein wirtschaftlicher Verlust befürchtet. Vom großen Kita-Sterben sei der Bezirk jedoch noch weit entfernt. Aktuell würden Räume in den Einrichtungen umgebaut oder das pädagogische Profil geschärft, um so im Konkurrenzkampf um Kinder herauszustechen. Selbst kleine Kitas, die jahrelang bewusst auf Werbung verzichteten, sähen sich nun gezwungen Plakate aufzuhängen oder auf Instagram zu posten, um Nachfolger zu gewinnen.
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    Mittlerweile ist der Bezirk sogar offen für Familien aus anderen Bezirken und aus Brandenburg, sagt Pankows Bezirksstadträtin Rona Tietje (SPD) dem Artikel zufolge. Das Pankower Jugendamt helfe dabei, suchende Eltern und Kitas mit Plätzen zusammenzubringen. Doch nicht jede Familie fände automatisch einen Platz in ihrer Wunschkita. Insbesondere Eltern mit Spätschicht oder Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf müssten in vielen Fällen länger suchen.

    #Berlin #Prenzlauer_Berg #Kindergarten #Pädagogik #Stadtentwicklung #Verwaltung #Immobilien #Soziologie

  • Christiane Paul über Berlin: „An manchen Ecken gerät etwas aus der Balance“
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/panorama/christiane-paul-ueber-berlin-an-manchen-ecken-geraet-etwas-aus-der-

    26.2.2024 von Anne Vorbringer - Berlin hat rund 3,8 Millionen Einwohner, und jeder hat seinen eigenen Blick auf die Stadt. Was macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern?

    In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und nach Plätzen, die sie eher meiden. Sie verraten, wo sie gern essen, einkaufen oder spazieren gehen. Aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

    Diesmal hat mit Christiane Paul eine der bekanntesten deutschen Film- und Fernsehschauspielerinnen geantwortet – und überdies eine echte Berliner Pflanze. Wie sie auf ihre Heimatstadt blickt, auf das Früher und das Heute, das hat sie uns ausführlich am Telefon erzählt.

    1. Frau Paul, seit wann sind Sie schon in der Stadt?

    Schon immer. Ich bin 1974 in Pankow zur Welt gekommen, in der Maria Heimsuchung. Gebürtige Berlinerin, das gibt es ja hier nicht so oft, höre ich. So wie in New York, wo man selten wirkliche New Yorker trifft.

    Ich kenne Berlin schon gut, bin irgendwie mit dem Rhythmus der Stadt verbunden. Viele, die hierherziehen, haben Probleme mit dem Charakter Berlins, der sehr rau sein kann. Der Berliner ist nicht der charmanteste Mitbürger, in Hamburg zum Beispiel sind die Leute nicht so direkt und kaltschnäuzig. Hinzu kommt, dass die Stadt eher schnell unterwegs ist. Das merke ich immer, wenn ich woanders bin, zum Beispiel in der Schweiz, in Zürich oder Bern. Dort ist alles so viel langsamer getaktet.

    Aber mir gefällt der Vibe in Berlin. Das, was Berlin ausmacht, ist auch in mir. Liegt sicher auch daran, dass ich die Stadt nie länger verlassen habe. In Pankow bin ich aufgewachsen und hab da sehr lange gelebt, dann zog ich nach Schöneberg während des Studiums, und da wohne ich heute noch. Ein Jahr war ich mal in Hamburg, sonst immer nur auf Reisen oder für Dreharbeiten woanders.

    2. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

    Meine Wohnung und mein Bett. Für Leute, die viel reisen, hat so ein Rückzugsort noch mal eine besondere Bedeutung. Es ist wichtig, dass man sich zu Hause wohlfühlt, und ich würde auch nicht wegziehen wollen, wenn es nicht unbedingt nötig ist.

    Zumal Umziehen nicht mehr so einfach ist wie in den Achtzigern, wo zumindest in West-Berlin als uncool galt, wer nicht alle paar Monate eine andere Bude bewohnte. Heute wäre man verrückt, seine Wohnung aufzugeben. Mein Kollege Devid Striesow ist gerade nach Wien gezogen, weil er hier keine passende Wohnung für sich und seine Familie gefunden hat. Viele andere Leute in meinem Umfeld sind in der gleichen Situation. Das ist ein Riesenproblem.

    3. Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

    Mittlerweile an den Schlachtensee. Am liebsten bei schlechtem Wetter, dann ist es dort schön leer. Ich bin zwar ein Stadtmensch, aber hin und wieder muss ich raus in die Natur. Früher, in meiner Pankower Zeit, war es die Schönholzer Heide. Da war ich als Kind immer rodeln.

    4. Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

    Tatsächlich keine, und das meine ich zunächst einmal als Kompliment an die Stadt. Ich bin viel mit den Öffentlichen und dem Fahrrad unterwegs und fühle mich nirgends unsicher oder unwohl. Allerdings muss ich die Einschränkung machen, dass ich keine 20 mehr bin und nicht ständig nachts unterwegs.

    Denn es gibt ja schon spezielle Ecken wie den Görlitzer Park oder das Kottbusser Tor. Ich will das gar nicht bewerten, das gehört wohl irgendwie zu einer Großstadt, dass es gemischte Communitys gibt, dass Dealer und Familien aufeinandertreffen. Aber ich hätte schon Sorge, wenn meine Kinder da nachts rumturnen. Es darf halt nicht kippen, und an manchen Ecken hat man schon das Gefühl, da gerät etwas aus der Balance.

    5. Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

    Mein Italiener um die Ecke: Bar Tolucci. Die machen super gutes Essen, sind entspannt, tolle Leute einfach, die das Restaurant schon seit langer, langer Zeit führen.

    6. Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

    Es gibt die Akazienbuchhandlung in Schöneberg, die ich sehr liebe. Und direkt daneben das Fidelio, ein Geschäft für Klassik- und Jazz-CDs. Da gehe ich zwar nie rein, weil ich nicht so ein Musikliebhaber bin, aber ich finde es toll, dass es noch solche Läden gibt. Das verschafft mir beim Vorbeilaufen Glücksgefühle. Genauso wie der alteingesessene Fleischer Albrecht in der Akazienstraße, bei dem ich jedes Jahr meine Weihnachtsgans hole – und jedes Mal wieder nach der Zubereitung fragen muss, weil ich es immer wieder vergesse. Dass man die Ladeninhaber noch kennt, das mag ich sehr an meinem Stadtteil.

    7. Der beste Stadtteil Berlins ist …

    Das kann man so gar nicht entscheiden, weil jeder was für sich hat. An Pankow zum Beispiel hängt mein Herz noch irgendwie. Aber es ist ein Ort, der für mich mit kindlichen Emotionen verbunden ist. Den gibt es nicht mehr, man lässt ihn zurück. Zwar bin ich mit meinen Kindern oft da, weil meine Eltern dort wohnen, und dann zeige ich ihnen auch schon mal die Schönholzer Heide und das Sowjetische Ehrenmal. Aber meine alten Wege dort abzulaufen, das wäre nicht einfach. Ich glaube, das möchte ich nicht.

    Pankow hat sich ja auch sehr verändert, es wurde viel gebaut. Als ich damals wegging, wollte ich eigentlich nur nach Prenzlauer Berg ziehen und nicht nach Schöneberg, aber Anfang der 2000er fand man dort keine Wohnung. Mittlerweile bin ich ganz froh, dieser Prenzlberg-Hype, das wäre nicht mein Lebensgefühl gewesen. Da bin ich im etwas verschlafenen, gewachseneren Schöneberg schon besser aufgehoben.

    In Ost und West denke ich ohnehin nicht mehr. Berlin ist für mich eine Stadt, und fertig. Zu mir hat mal jemand gesagt, dass es ja furchtbar gewesen sein muss, in Ost-Berlin aufzuwachsen. Und ich sagte, nee, war es nicht, es war meine Kindheit. Das ist ein eigenes Universum, das man auch später irgendwie behüten und behalten möchte. Ich war oft im SEZ schwimmen und Schlittschuh fahren. Insofern weiß ich schon, woher ich komme, aber ich habe mich mit Gesamtberlin verbunden. Eine Teilung wie diese hat keine andere Stadt so erlebt, und das macht Berlin einzigartig. Diese Identität zu erhalten und gleichzeitig einen Weg in die Moderne zu finden, ist schon eine schwierige Sache. Aber wie heißt es im Film „Spur der Steine“ selbstironisch: Man sollte immer „nach vorne“ diskutieren.

    8. Das nervt mich am meisten an der Stadt:

    Die vielen Baustellen, der Dreck und fehlende Ladestellen für Elektrofahrzeuge. Ich habe schon lange ein E-Auto, aber in den vergangenen zwei Jahren ist die Infrastruktur immer schlechter geworden, weil nicht entsprechend nachgerüstet wurde. Was absurd ist, schließlich brauchen wir doch andere Mobilitätskonzepte.

    9. Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?

    Es braucht eine politische Lösung für die Wohnungskrise. Eine Möglichkeit, die Mieten wirksam zu begrenzen. Man sieht die sozialen Verwerfungen mittlerweile überall in Berlin. Die zunehmende Obdachlosigkeit – erschütternd, wie das in die Stadt reindrückt und dass es kein Konzept dagegen gibt.

    So wie in Finnland, wo mit Housing First möglichst jedem Obdachlosen bedingungslos eine Wohnung plus Unterstützung durch Sozialhelfer zur Verfügung gestellt wird, um ihn in die Gesellschaft zu reintegrieren.

    Solch ein gesamtgesellschaftliches Konzept ist hier auch nötig. Es bedrückt mich ehrlich, was in dieser Hinsicht aus Berlin geworden ist. Dass die Mittelschicht aufgebraucht ist, die Stützen der Gesellschaft immer weiter abrutschen. Busfahrer, Krankenpfleger, deren Lohneinkünfte die Mieten nicht mehr decken können. Wie viel Geld mittlerweile fürs Wohnen draufgeht, das verursacht große Verzweiflung bei immer mehr Menschen.

    10. Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

    Klar kann man hierherziehen – wenn man eine Wohnung findet. Berlin ist die aufregendste Stadt in Deutschland, man kann hier aber auch noch ein Stück Ruhe finden, was zum Beispiel in London nicht mehr geht. Also ich kann jeden verstehen, der hierherziehen will.

    11. Cooler als Berlin ist nur noch …Ich war zuletzt häufiger in London. Dort ist es vielleicht nicht cooler, aber schon irgendwie anders. London ist am Puls der Zeit, auch kulturell. Ich würde da zwar nicht leben wollen, finde es aber wahnsinnig lebendig dort.

    Zur Person

    Christiane Paul wurde 1974 als Tochter zweier Ärzte geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Medizinstudium an der Humboldt-Uni und promovierte 2002. Parallel dazu betrieb sie ihre Schauspieltätigkeit und lernte am Lee Strasberg Institute in New York. Den Arztberuf gab sie 2004 auf, um sich neben der Betreuung ihrer Tochter stärker der Schauspielerei zu widmen.

    Bereits in jungen Jahren arbeitete die Berlinerin als Model, mit 17 erhielt sie ihre erste Hauptrolle in Niklaus Schillings Kinofilm „Deutschfieber“. Zu ihren bekanntesten Filmen gehören „Das Leben ist eine Baustelle“, „Im Juli“ und „Die Welle“.

    2016 wurde Christiane Paul der International Emmy Award als beste Hauptdarstellerin für Elmar Fischers Fernsehthriller „Unterm Radar“ verliehen. Seit 2017 spielt sie vermehrt in internationalen Produktionen. In diesem Jahr wird sie im Kinofilm „Die Ermittlung“ und in der Serie „Concordia“ zu sehen sein.

    #Hamburg #Berlin #Pankow #Prenzlauer_Berg #Schöneberg #Schönholzer_Heide #Görlitzer_Park #Kottbusser_Tor
    #Schauspieler

  • Chodowieckistraße und Co. in Berlin: Diese Straßennamen kann kein Mensch aussprechen
    ▻https://www.berliner-zeitung.de/panorama/chodowieckistrasse-und-co-in-berlin-diese-strassennamen-kann-kein-m

    Wenn’s weita nüscht is ...

    3.1.2024 von Anne Vorbringer - An manchen Straßennamen scheitern selbst alte Hauptstadthasen. Oder wissen Sie auf Anhieb, wie man die Chodowieckistraße in Prenzlauer Berg korrekt ausspricht?

    Im vergangenen Jahr haben die Sprachexperten der E-Learning-Plattform Preply untersucht, welche international bekannten Lebensmittel von den Deutschen am häufigsten falsch ausgesprochen werden. Dazu wurden knapp 500 Begriffe daraufhin analysiert, wie häufig deren Aussprache bei Google eingegeben wird.

    Die Top Fünf wurde von „Bruschetta“ angeführt, das Röstbrot aus dem italienischen Antipasti-Segment wird hierzulande mindestens genauso oft bestellt wie falsch ausgesprochen, was auch für Spezialitäten wie Ciabatta, Tagliatelle und Gnocchi gilt. Letztere werden in deutschen Restaurants gerne zu „Gnotschi“, „Gnoki“ oder „Noschi“ verhunzt.

    Leider gibt es noch keine statistisch verwertbare Erhebung zu den am häufigsten falsch ausgesprochenen Berliner Straßennamen, aber wir sind uns ziemlich sicher, dass unsere fünf Beispiele es in jedes derartige Ranking schaffen würden.

    1. Prenzlauer Berg: Chodowieckistraße

    Als mein Ex-Freund damals aus unserer gemeinsamen Vorderhauswohnung in der sehr leicht auszusprechenden Dunckerstraße auszog, waren wir nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen. In meinem emotionalen Verlassenwerden-Tief galt es, auch Kleinigkeiten mit einer gewissen Schadenfreude zu betrachten. Zum Beispiel den Umstand, dass auf dem angespannten Berliner Innenstadt-Mietmarkt nur noch eine Hinterhofbutze in der Chodowieckistraße für ihn frei war.

    Ausgerechnet in der Chodowieckistraße, hahahaha, dachte ich. Nun würde er jedem Taxifahrer buchstabieren müssen, wo er nach seinen Kneipenabenden mit den Kumpels hinkutschiert werden will. Schließlich hat es die kurze, parallel zur Danziger Straße verlaufende Chodowieckistraße aussprachetechnisch in sich und selbst Profis wissen nicht, was eigentlich richtig ist.

    Ich jedenfalls habe in Taxis schon alles gehört, von „Chodowjetzkistraße“, gesprochen mit „zk“, über „Chodowikki-“ bis „Schodowikkistraße“ – also mit sch und doppeltem k. Benannt ist die Straße in Prenzlauer Berg nach dem 1726 in Danzig geborenen und 1801 in Berlin verstorbenen Maler, Radierer und Kupferstecher Daniel Nikolaus Chodowiecki.

    Dessen Nachname wird laut Duden „Chodowjetski“ ausgesprochen, polnische Muttersprachler schlagen auf anderen Plattformen eher ein „Hoddowjetski“ vor. Zum Üben für die nächste Taxifahrt haben wir Ihnen einen YouTube-Link herausgesucht. Dass der Fahrer Sie dann auch versteht, dafür übernehmen wir allerdings keine Garantie. Mein Ex-Freund jedenfalls hat es irgendwann aufgegeben und bat immer darum, an der Ecke Danziger und Prenzlauer Allee rausgelassen zu werden.

    2. Grünau: Rabindranath-Tagore-Straße

    Früher hieß die vom Adlergestell bis zur Regattastraße verlaufende Rabindranath-Tagore-Straße im schönen Grünau mal schnöde-einfach Straße 900. Doch dann erfolgte auf Vorschlag des Indologen Professor Walter Ruben zum 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore die Umbenennung nach dem 1861 in Kalkutta geborenen Philosophen und Dichter.

    Der Schriftsteller Stefan Heym hat in der Rabindranath-Tagore-Straße gewohnt und erzählte Ende der Neunzigerjahre in der Zeit diese hübsche Anekdote zu seiner Adresse: „Die DDR wollte von Indien anerkannt werden, nannte deshalb unsere Straße Tagorestraße, und da sagte jener Indologe zum Bürgermeister: Es gibt drei Brüder Tagore. Die könne man verwechseln, wenn man nicht deutlich mache, welchen man meint. Deshalb heißt die Straße Rabindranath Tagore, und alle Pförtner von Hotels, in denen ich je einkehrte, mussten ‚Rabindranath Tagore‘ in ihre Bücher schreiben.“

    Auch heute noch hat sich an der Unaussprechlichkeit und Unbuchstabierbarkeit wenig geändert, berichtet ein Kollege aus Grünau. Selbst bei Google Maps herrscht Zungenbrecherpotenzial, und wenn das Kartennavi auf dem Handy die „Rabbindrannattrgorr-Straße“ ausspricht, will man sich vor Lachen kringeln und vergisst dabei unter Umständen, auf den Verkehr zu achten. Auch nicht ungefährlich.

    3. Wedding: Malplaquetstraße

    Malplakat? Malplack? Wasnochmal? Die Malplaquetstraße in Wedding stellt wohl selbst Anwohner vor Schwierigkeiten. Sie reicht von der Nazarethkirchstraße bis zur Seestraße, so viel steht fest. Doch wie spricht man sie nur korrekt aus?

    Lesen wir zunächst im Kauperts Straßenführer durch Berlin nach. Dort heißt es: „In der äußerst blutigen Schlacht bei Malplaquet am 11.9.1709 vernichteten während des Spanischen Erbfolgekriegs die vereint kämpfenden preußischen, österreichischen und britischen Truppen – unter Führung von John Churchill Marlborough – die Armee Ludwigs XIV. von Frankreich. Der verlustreich erkämpfte Sieg wurde nicht genutzt und hatte auch nicht die erhoffte kriegsentscheidende Wirkung.“

    Verlustreich, aber namensgebend: die Schlacht bei MalplaquetHeritage Images/imago

    Und weiter: „Vorher Straße Nr. 45, Abt. X/1 des Bebauungsplanes. 1888 entschied der Magistrat von Berlin anlässlich des 200. Geburtstags Friedrich Wilhelms I., der als Kronprinz in den Niederlanden seine Feuertaufe erhalten hatte, eine Anzahl Weddinger Straßen nach Ereignissen und Personen des Spanischen Erbfolgekriegs (1701–1714) zu benennen. So erhielt auch die Malplaquetstraße ihren Namen.“

    Malplaquet liegt in Nordfrankreich und wird demzufolge très français ausgesprochen und betont: malplakee.

    4. Tiergarten: John-Foster-Dulles-Allee

    John Foster Dulles war ein amerikanischer Politiker, der unter US-Präsident Dwight D. Eisenhower von 1953 bis 1959 als Außenminister der Vereinigten Staaten diente. Er war bekannt für seine kompromisslose Haltung gegenüber der Sowjetunion im Kalten Krieg und betrachtete den Kommunismus als „moralisches Übel“.

    Übel gerät bisweilen auch die Aussprache seines Namens in Berlin, ist nach Dulles doch eine kleine, vom Spreeweg bis zur Scheidemannstraße reichende Allee benannt. Die lässt von „Dallas“ über „Dulls“ bis hin zu „Dulli“ allerlei verhunzungstechnische Alternativen zu. Entscheiden Sie selbst, wie sehr Sie den Ami ärgern wollen, etwa wenn Sie das nächste Mal das Haus der Kulturen der Welt ansteuern, das in der John-Foster-Dulles-Allee 10 ansässig ist.

    5. Friedenau: Handjerystraße

    Von „Hand-cherie“ über „Händ-dschäry“ bis „Hand-jerri“ ist eigentlich aussprachetechnisch alles drin in der Friedenauer Handjerystraße, die von der Varziner Straße bis zur Bundesallee und Stubenrauchstraße führt. Benannt ist sie nach dem Politiker Nicolaus Prinz Handjery, der 1836 in Konstantinopel zur Welt kam und 1900 in Dresden starb.

    Wenn’s hilft: Auch eine Pflanze ist nach Handjery benannt. Der Bergahorn „Prinz Handjery“ hat einen breit ovalen bis kugelförmigen Wuchs.Agefotostock/imago

    Der Kauperts weiß: „Der Sohn eines russischen Staatsrats stammte aus einer vornehmen griechischen Familie. Seit 1845 mit seiner Familie in Preußen lebend, erhielt Handjery 1851 das preußische Bürgerrecht, 1854 legte er in Berlin das Abitur ab und studierte dann in Berlin und Bonn Jura. 1858–1861 diente er im Garde-Kürassier-Regiment. Nach dem Examen und juristischer Tätigkeit beim Berliner Stadtgericht und der Potsdamer Regierung wirkte Handjery von 1870 bis 1885 als Landrat des Kreises Teltow und vertrat den Kreis im Abgeordnetenhaus und im Reichstag. 1885 wurde Handjery Regierungspräsident in Liegnitz, bis er 1895 wegen Krankheit aus seinen Ämtern ausschied und zurückgezogen in Berlin lebte. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, Großgörschenstraße.“

    Lässt man sich den Wikipedia-Artikel über den Juristen laut vorlesen, so spricht dort eine weibliche Stimme den Namen eher wie folgt aus: „Nikolaus Handjerü.“ Gibt man das wiederum in die Google-Sprachsuche ein, schlägt die Maschine Seiten vor wie „Handjob zum Nikolaus“. Das dürfte die Verwirrung endgültig komplett machen. Zumal es in Berlin gleich zwei Handjerystraßen gibt: Die andere liegt in Adlershof.

    #Berlin #Geschichte #Straßen #Handjerystraße #Adlershof #Friedenau #Tiergarten #John-Foster-Dulles-Allee #Wedding #Malplaquetstraße #Grünau #Rabindranath-Tagore-Straße #Prenzlauer_Berg #Chodowieckistraße

  • ALLIED GROUNDS · BG 2023 Project · Text Series, Conference, and More
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    With annual projects such as “Water Knowledge” (2009), “More World” (2019), and “After Extractivism” (2022), the BG began to explore various questions of political ecology, linking issues of environmental pollution, resource commodification, and climate collapse to the toxically intertwined and mutually fueling economic and ecological crises caused by imperialism and capitalism.

    ▻https://berlinergazette.de/agents-of-system-change

    (Neo)colonial capitalism is bringing about the end of the world. Environmentalists in the Global North urge us to recognize that this dystopian scenario is looming in the near future. For the oppressed peoples of the Global South, however, the apocalypse has been a reality for more than five hundred years. And it is from these regions that the growing mass of migrant and refugee labor continues to emerge, not least as a reserve army of labor to support the centers of capital. This challenges us all to imagine and facilitate multiracial workers’ struggles against (neo)colonialism and capitalism.

    The opening panel of the “Allied Grounds” conference, “Agents of System Change,” addressed these issues. Moderated by Claudia Núñez, Florin Poenaru and Jennifer Kamau gave talks at the House of Democracy and Human Rights on October 5, which can be listened to by clicking on the play button above.

    More information about the “Allied Grounds” project can be found here: ►https://berlinergazette.de/projects/allied-grounds
    Jennifer Kamau · Claudia Núñez · Florin Poenaru · 11.10.2023 · Events · Allied Grounds

    I. INTRO
    II. PUBLIC TALKS
    III. WORKSHOPS
    IV. TEXTS
    V. AUDIOS
    VI. INFO

    The BG conference “Allied Grounds” is funded by the German Federal Agency for Civic Education/bpb, Schwingenstein Foundation, and Rosa Luxemburg Foundation. The conference is a cooperation with Haus der Demokratie und Menschenrechte. Outreach partners include Arts of the Working Class, AthensLive, Common Ecologies, Critical Data Lab, Furtherfield, Harun Farocki Institut, Kuda.org, LeftEast, NON, Supermarkt, TNI, and Undisciplined Environments.
    ...
    Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin

    ▻https://www.flickr.com/photos/berlinergazette/albums/72177720311842089/with/53248122348

    #climat #capitalisme #rencontre
    #Berlin #Pankow #Prenzlauer_Berg #Greifswalder_Straße

  • Ostberlinfahrten

    Von 1961 bis 1989 durften Westberliner Taxis nicht spontan in den Ostsektor, die Hauptstadt der DDR fahren, es sei denn ihr Fahrer hatte einen bundesrepublikanischen Ausweis oder einen ausländischen Pass und der Fahrgast konnte wie er nur den Checkpoint Charlie im Zuge der Friedrichstraße für den Grenzübertritt nutzen. Es konnten also Fahrer mit ausländischem Pass und Bundesbürger ebensolche Fahrgäste zwischen dem sowjetischen und amerikanischen Sektor der Stadt befördern. In der Regel wurden diese Fahrten eher von Fahrern mit ausländischen Pass und Meldeadresse in Westberlin ausgeführt, weil für Deutsche die vorgeschriebene Anmeldung einer Wohnadresse in den Westsektoren der Stadt mit dem Austausch des grauen Personalausweis der Bundesrepublik Deuschland gegen den grünen Personalausweis für Westberliner verbunden war, mit dem ein Grenzübertritt am Checkpoint Charlie nicht möglich war. Da eine Meldeadresse in Berlin Vorschrift für Taxifahrer war, gab es praktisch keine Deutschen als Fahrer für „Ostberlinfahrten“.

    Westberliner, die vor 1989 mit dem Taxi „in den Osten“ fahren wollten, mussten einen Westberliner Fahrer mit grünem Personalausweis finden, der bereit war, ein paar Tage vor der Ostfahrt wie sein Fahrgast persönlich in einer der Passierscheinstellen ein eben solches Dokument für den Besuch in der Hauptstadt der DDR zu beantragen und diesen Passierschein vor Grenzübertritt eben dort abzuholen. Der Checkpoint Charlie war ihnen verschlossen, jedoch konnten sie die Übergänge Heinrich-Heine-Straße, Invalidenstraße, Chausseestraße und Bornholmer Straße sowie Drelinden für Fahrten nach Potsdam nutzen.

    Für Ein- und Ausreise musste der selbe Grenzübergang benutzt werden, denn nur dort war die Einreise dokumentiert und konnte bei der Ausreise aus dem Register gestrichen werden.
    Der Grund dafür war, dass es vor 1989 keine preiswerte Netzwerktechnik gab, die den Abgleich von Einreisen und Ausreisen an verschiedenen Grenzübergängen erlaubt hätte. Außerdem fiel diese Technologie unter ein westliches Embargo, das ihren Export in den „Ostblock“ verhinderte.

    Das bedeutete für jeden Besuch „im Osten“ zwei Besuche in der Passierscheinstelle, zwei Mal warten, was vor Feiertagen manchmal einen halben Tag lang dauerte. Wenn die Warteschlange vor Weihnachten bis vor die Tür der Passierscheinstelle reichte, mussten auch Wind, Regen oder Schnee erduldet werden.

    Routinierte Schlaumeier besaßen einen grünen „Mehrfachberechtigungsschein“, der es einmal beantragt und ausgestellt ermöglichte, bei einem einzigen Besuch in der Passierscheinstelle bis zu acht weitere Besuche, auch an einem einzigen Tag, „freistempeln“ zu lassen.

    Wer also einen Westberliner Fahrgast zur Staatsoper unter den Linden bringen und ihn dort auch wieder abholen wollte, brauchte dadür entweder zwei Einträge im Mehrfachberechtigungsschein und musste bei jedem Grenzübertritt den „Zwangsumtausch“ leisten, oder er musste die Zeit der Aufführung im leeren abendlichen Ostberlin verbringen, wo er keine Fahrgäste aufnehmen durfte. Außerdem hätten ihn Ostberliner Fahrgäste ihn nur mit „Ostmark“ bezahlen können. Von diesen für ihn wertlosen Scheinchen und „Aluchips“, hatte der Fahrer aber schon mindestens 25 zuviel, weil jeder Grenzübertritt mit „Zwangsumtausch“ von 25 D-Mark gegen Mark der DDR zum Kurs eines zu eins verbunden war. Dieses Geld durfte nicht aus der DDR ausgeführt werden, sondern musste bei der Ausreise gegen Quittung an der Grenzübergangsstelle zur Aufbewahrung abgegeben werden und konnte bei einer erneuten Einreise in die DDR wieder zusätzlich zum erneuten Zwangsumtausch ausgezahlt werden.

    Nach 18 Uhr gab es praktisch keine Möglichkeit, das Geld auszugeben, denn alle Geschäfte waren geschlossen, und nichtalkoholische Getränke, Essen und Zigaretten waren in den meisten Gaststätten so billig, dass der Taxidahrer nach einer Zeche für 25 Mark im Übermaß vollgefressen und nicht mehr fahrfähig gewesen wäre.

    Für Fahrgäste bedeutete das einen Taxipreis in Höhe eines Vielfachen des Preis für seine Opernkarten. Die waren so subventioniert, dass sich jeder Hilfsarbeiter problemlos mehrere Opernabende im Monat leisten konnte. Der Westberliner Fahrer musste seinen Kunden mindestens 300 Mark für die Fahrt und 25 Mark zusätzlich für den für ihn wertlosen Zwamgsumtausch berechnen, wenn er nicht Miese machen wollte. Die Eintrittskarten für die Oper gab es für Westverhältnisse fast geschenkt, aber das Taxi zur Oper war aufgrund der Zeitumstände sehr teuer

    So ist es kein Wunder, dass „Ostfahrten“ selten und das Geschäft weniger spezialisierter Betriebe waren. Die Preise in D-Mark der 1980ger Jahre entsprechen ungefähr dem Wert des gleichen Betrags in Euro im Jahr 2020 ff.

    Die straffen Kontrollen lösten sich im November 1989 schnell wie in Rauch auf. Nach der Grenzöffnung am 8.11.1989 wurde noch kontrolliert und die Regeln für die Benutzung der Grenzübergänge durchgesetzt. Von Zwangsumtausch war im Dezember bereits keine Rede mehr, und im Januar begannen wir, die Kontrollversuche der DDR Beamten an der innerstädtischen Grenze zu ignorieren. Wer zu kontrollieren versuchte wurde ignoriert oder von zwei Tonnen Mercedes zur Seite gedrängt. Der Staat DDR und seine Organe hatten innerlich abgedankt und bald verschwanden zuerst die Beamten und dann die Betonpoller, die zum Verlangsamen der Fahrt an den Kontrollstellen zwangen.

    Übertrieben strenge Grenzkontrollen hält kein Staat, keine Gesellschaft lange durch. Die mächtige Berliner Mauer hat sich in kürzerer Zeit als der Dauer eines Menschenlebens erledigt. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR hatten gelernt, mutig auf ihrer Reisefreiheit zu bestehen. Am Ende wollte wollte niemand mehr die Mauer haben, und so verschwand sie fast wie von selbst.

    Wenn es gut läuft, geht es in Zukunft allen Grenzregimes wie ihr.

    #Berlin #Taxi #Geschichte #Grenze #Mauer #Checkpoint_Charlie #Zwangsumtausch #Heinrich-Heine-Straße, #Invalidenstraße, #Chausseestraße #Bornholmer_Straße #Besatzung
    #Unter_den_Linden
    #Kreuzberg
    #Mitte
    #Wedding
    #Prenzlauer_Berg
    #Tiegarten

    ▻https://de.m.wikipedia.org/wiki/Berechtigungsschein_zum_Empfang_eines_Visums_der_DDR