Das Uber-System zeigt beunruhigende Parallelen zur Zwangsprostitution.
3.10.2026 von Rüdiger Suchsland - „El Castillo“ in San Sebastián: Menschenhandel wird zum internationalen Geschäft – und kriminelle Ausbeutung Teil bürgerlicher Normalität.
Es beginnt mit einem Geschäft. Die sechsteilige spanische Serie „El castillo“, die jetzt beim Filmfestival von San Sebastián Weltpremiere hatte, erzählt vom Wirtschaftsleben, vom Kapitalismus, allerdings einer sehr speziellen Spielart: Sie taucht in die Unterwelt der Zwangsprostitution und des Menschenhandels ein.
Denn ihr Gegenstand ist die Verwandlung des alten, traditionellen Prostitutionsmilieus in ein transnationales Geschäftsmodell. Frauen werden aus anderen Ländern angeworben, nach Europa gebracht, ihrer Freiheit beraubt, kontrolliert und in Bordellen und Nachtclubs als Ware gehandelt.
Aber die Serie interessiert sich weniger für die spektakulären, grellen und filmisch-verführerischen Ausnahmen dieses Systems, oder seine gewalttätigen Konsequenzen, als für seine erstaunliche Fähigkeit, mit der Normalität zu verschmelzen: Die Zuhälter sind Unternehmer.
Die Kunden sind gewöhnliche Männer. Die Clubs sind Betriebe. In den Bordellen stehen Geldautomaten. Und die Institutionen, die dieses Geschäft eigentlich kontrollieren und seine kriminellen Ausläufer bekämpfen müssten, Polizei und Justiz, sind zumindest teilweise in seine komplette Infrastruktur integriert.
Wie Verbrechen gesellschaftsfähig wird
Damit ist „El castillo“, geschrieben von den renommierten Autoren Isabel Peña und Eduardo Villanueva, inszeniert von Elena Martín Gimeno und Sandra Romero, weder ein klassischer harter Gangsterstoff noch ein softes Sozialdrama über bedauernswerte Opfer.
Die Serie unternimmt etwas Unbequemeres: Sie zeigt, wie Verbrechen – nicht Prostitution, sondern Menschenhandel – gesellschaftsfähig wird, wenn genügend Menschen daran verdienen, wenn es genügend Menschen konsumieren und genügend Institutionen gelernt haben, mit ihm zu leben. Das Verbrechen ist hier nicht die Ausnahme der Gesellschaft. Es ist ein Teil ihrer Geschäftsordnung.
Die Serie hatte jetzt außer Konkurrenz beim Festival von San Sebastián Premiere und startet jetzt bei Movistar Plus am 8. Oktober, bevor sie bald auch bei anderen Streamingportalen zu sehen sein wird.
Transnationale Prostitutionsökonomie
Der historische Hintergrund ist zentral. Die Serie zeichnet über sechs Episoden einen Weg nach, der ein knappes Jahrzehnt umfasst – von den späten Neunzigern über die Einführung des Euro bis Mitte der Nullerjahre. Sie setzt damit in jener Phase an, in der Spanien wirtschaftlich expandiert, die außereuropäische Migration stark zunimmt und sich auch die Prostitutionsökonomie radikal verändert.
Aus dem klassischen Modell eines Zuhälters, der zwei oder drei oder auch mal zehn Frauen kontrolliert, wird ein industrieller, fordistisch funktionierender Massenbetrieb: Frauen aus armen Ländern werden in großer Zahl importiert und zwischen Clubs und Städten verschoben.
Spanien wurde in dieser Zeit zum Einfallstor und Transitland eines transnationalen Marktes. Die Serie erzählt also nicht einfach eine Kriminalgeschichte. Sie erzählt die Geschichte einer Ökonomie, deren juristische Erfassung ihr hinterherläuft.
Die nüchternen Sachverhalte, die geschildert werden, passt zur glaubwürdigen Hässlichkeit und Banalität, die die Orte und das in ihnen hausende Lumpenproletariat aus Prostituierten, Zuhältern, Barleuten und Kontrolleuren durchziehen – ein Milieu, das in Kino und Literatur meist nur von seiner schöneren Seite gezeigt und oft verklärt wird.
Legalität, Käuflichkeit – und Begehren
Prostitution ist legal. Das ist wichtig, hier am Anfang zu betonen, denn die Serie vermischt die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenen sehr bewusst: Sie will Prostitution als solche delegitimieren und ignoriert dabei bewusst das Faktum, dass die Stundenhotels an den Stadträndern nur die sichtbare Spitze eines Phänomens sind, das die ganze bürgerliche Gesellschaft durchzieht: menschliche Handlungen, auch die Bereitschaft zum Sex können Dienstleistungen sein. Menschen sind käuflich, sei es durch ein Haus mit Pool und einen Pelzmantel, sei es für 50 oder sogar 20 Euro.
Es ist diese Sichtbarkeit, nicht die Tatsache selbst, die der bürgerlichen Gesellschaft peinlich ist.
Die Serie streift damit nur diese sichtbare Seite, nicht das Phänomen der Käuflichkeit als solcher. Denn die Grenzen bleiben gewahrt: Wir sehen keine käuflichen Juristen oder Ermittler – nirgendwo sind diese Berufe so edel wie im Fernsehen. Wir werden auch nicht als Zuschauer verführt, indem wir selbst auf unser aller Begehren nach einem „Menschen als Objekt“ gestoßen werden.
Die Serie arbeitet lieber mit der Verführung durch die sardonische Mischung aus Unverfrorenheit und Gewalt, die Suizo, die Figur des Zuhälters (s.u.) ausstrahlt. Ansonsten arbeitet sie mit Abstoßung und Ekel.
Aber diese Abstoßung geht wiederum nie so weit, dass der grindige Bodensatz des Prostitutionsgeschäfts gezeigt wird: der Drogenstrich. Auch „El Castillo“ ist eine Gefangene des mittleren Realismus, der das Fernsehen beherrscht.
1990er: Europa entdeckte ein Verbrechen
Die Verdienste der Serie liegen woanders: Sie macht darauf aufmerksam, dass Spanien eines der Zentren europäischer Prostitution ist und eines der Einfallstore für Menschenhandel.
Die Zahlen illegaler Prostituierter wuchsen dort zwischen 1997 (3.000-4.300) und 2002 (7.500 und 15.000) auf das Dreifache. Bei Kontrollen der Guardia Civil wurden 2006 in 1.357 Clubs 19.415 Frauen angetroffen.
Die späten 1990er-Jahre sind ein guter Zeitpunkt, um die Geschichte des modernen Menschenhandels in Europa beginnen zu lassen. Nicht weil es dies damals plötzlich und vorher nicht gegeben hätte – sondern weil sich in diesem Jahr der Blick darauf zu verändern begann.
In Brüssel und Straßburg wurde der Handel mit Frauen zunehmend als ein eigenständiges europäisches Problem wahrgenommen, als grenzüberschreitendes Geschäft, das mit Migration, organisierter Kriminalität und Ausbeutung verbunden war.
Im November 1996 legte die Europäische Kommission eine erste größere Initiative gegen den Handel mit Frauen zum Zweck der Ausbeutung vor. Ein Jahr später warnte auch der Europarat vor einer dramatischen Zunahme von Frauenhandel und Zwangsprostitution.
Europa entdeckte damit ein Verbrechen, das längst existierte, aber in vielen Fällen unter anderen Begriffen behandelt worden war: als illegale Einwanderung, Zuhälterei, Prostitution oder Schleusung. Die entscheidende Veränderung bestand darin, die Frau nicht mehr ausschließlich als illegale Migrantin oder Prostituierte zu betrachten, sondern als mögliche Geschädigte eines eigenständigen Verbrechens.
Diese Betrachtungsweise übernimmt der Film.
Drei Perspektiven
Die Handlung verfolgt konsequent drei Perspektiven: Da ist zunächst Claudia (Valentina Vidal), eine junge Kolumbianerin, die nach Spanien kommt, um als Prostituierte zu arbeiten – eine Tätigkeit, mit der sie Geld nach Hause schicken und die Medikamente bezahlen kann, die ihr kranker Sohn benötigt.
Claudia weiß also, dass sie in Spanien in der Prostitution arbeiten soll. Die Autoren wollen ausdrücklich nicht die bequemere Geschichte erzählen, nach der jede Frau durch Täuschung in die Prostitution gelockt wird.
Dann Suizo (Raúl Arévalo), als Chef-Zuhälter eine Art Großhändler der Prostitution, der sich auf seinen Visitenkarten als „Unternehmer des Nachtlebens“, „empresario“ bezeichnet. Suizo ist verschlagen und schlau, gewalttätig, wenn die Situation es verlangt, ein Kapitalist und Spießbürger des Verbrechens, der durchaus nach Prinzipien und persönlichen Ehrbegriffen handelt, aber diese sofort verletzt, wenn es Vorteile bringt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, um den Markt von der Konkurrenz aus dem Osten zu säubern.
Suizo ist vielleicht gerade deshalb so beunruhigend, weil er sich selbst gar nicht als Verbrecher versteht. Er ist Geschäftsmann. Er spricht die Sprache des Unternehmers, kennt seine Margen, seine Konkurrenten und seine Kontakte.
Schließlich Gerardo Llesa (Omar Ayuso), ein junger Inspektor, der gerade zur UCRIF – der „Zentralen Einheit für Netzwerke illegaler Einwanderung und Dokumentenfälschung“ in Spanien – versetzt worden ist. Er steckt mitten in einer Untersuchung, die eine Veränderung des Geschäftsmodells der Prostitution untersucht, und fungiert bald als Verbindungsglied zwischen Polizei und Suizo.
Ein Beamter, der einem in einer nebulösen, schwer einzugrenzenden Realität versunkenen Umfeld immer wieder seinen Einfallsreichtum entgegensetzt, dann aber von diesem auch wieder überfordert ist.
Unbequeme, „nicht mehr sagbare“ Wahrheiten
Zusammengenommen ist dies ein fast schon romantisches, jedenfalls deutlich idealisiertes und stellenweise verkitschtes Szenario: Die recht gutaussehende, gebildete und beinahe feinsinnige Latina-Prostituierte, die die ganze Arbeit nur macht, weil ihr kleiner süßer vaterloser Sohn Medikamente braucht.
Der junge idealistische Polizist, der immer wieder aufbraust, weil er die Bürokratie und die vermeintliche Teilnahmslosigkeit seiner Kollegen nicht verkraften kann und der ein Problem mit seinen Emotionen hat.
Und der Zuhälter, der nicht einfach nur ein Zuhälter und Gangster ist, sondern hier auch als Repräsentant des „alten Spanien“ herhalten muss, eines Spaniens, das den Machern offensichtlich nicht viel bedeutet und das sie abschaffen und durch eine politisch-korrektere Lebens-Agenda ersetzen wollen: In seiner Sprache, in seiner Kleidung ist Suizio altmodisch, in der Tatsache, dass er immer Fleisch isst, vor allem Jamón serrano (Serrano-Schinken), und sich dann mit einem Zahnstocher zwischendurch die Zähne reinigt.
Und dass er unbequeme, „nicht mehr sagbare“ Wahrheiten ausspricht, wie die, dass das Bordell mehr weiße Frauen braucht, denn „es gibt viele Spanier, die wollen nicht mit einer Dunklen Sex machen.“
Schonungsloser Realismus
Suizos neues Geschäftsmodell besteht allerdings aus dem Gegenteil: dem Ersetzen der lokalen Prostituierten durch Frauen, die aus anderen Ländern hergebracht werden – mittels einer Misch-Strategie aus Verführung (ungehaltene Versprechen), Erpressung (einbehaltene Pässe) und versteckte Kosten, die sie in einer Schuldenfalle gefangen halten, die sie zwingt, ihren Körper weiterhin zu verkaufen.
Die Macher geben sich Mühe, zumindest die gröbsten Klischees zu vermeiden. Sie zeichnen unvollkommene Opfer, von den Umständen überforderte Polizisten und Zuhälter mit CEO-Ambitionen, die intelligenter und weniger stumpfsinnig sind, als man sie uns immer wieder gern verkauft.
Es dominiert der Blick der Chronisten, getragen von einem schonungslosen Realismus, der die Bilder mit einer schmierigen Schicht überzieht, den man nicht mit ästhetizistischem Schmutz und Abweichung zur Hässlichkeit verwechseln sollte.
Zuspitzung des Kapitalismus ins Offensichtliche
Jede Episode wird von Texttafeln abgeschlossen, die Sachinformationen enthalten und die Szenen mühsamer, oft erfolgloser Ermittlungsprozesse oder die Beschreibung der Interna der polizeilichen und juristischen Institutionen, aber auch des kriminellen Ökosystems bündeln. Sie fügen sich schließlich zu einer systemischen Kritik zusammen.
Der Kapitalismus von „El castillo“ ist kein anderer Kapitalismus, sondern seine Zuspitzung ins Offensichtliche: Menschen sind ein „Produkt“, Schulden sind ein Steuerungsinstrument, Konkurrenz wird ausgeschaltet, Risiken werden verteilt, Gewinne privatisiert. Das Verbrechen muss sich nicht verstecken, wenn es die richtige Sprache findet. Es muss nur aussehen wie ein Unternehmen.