Wenn die Kirche den Zeitgeist der Kriegstüchtigkeit umarmt
▻https://www.telepolis.de/article/Wenn-die-Kirche-den-Zeitgeist-der-Kriegstuechtigkeit-umarmt-11081345.html
L’église protestante d’Allemagne confirme son intégration historique dans l’état et publie un texte paradigmatique qui annule son penchant pacifiste et la situe du côté idéologique des partis politiques chrétiens belliqueux. On n’est plus très loin des appels à la guerre ecclésiatiques
Mit Gott für Kaiser umd Vaterland !
19.11.2025 von Robert Schwierkus - Die EKD reagiert auf den Ukraine-Krieg – doch Kritiker werfen ihr vor, westliche Narrative zu übernehmen und die Vorgeschichte auszublenden. Ein Kommentar.
Im Kontext eines Zeitgeistes, der eine sicherheitspolitische Zeitenwende propagiert und mitunter so weit geht, eine allgemeine Kriegstüchtigkeit Deutschlands einzufordern, war es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die widersprüchliche historische Verbindung zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und einem – argumentierbaren – deutschen Hang zum Militarismus wieder Anlass zur Diskussion geben würde.
Ausgangspunkt für diese Diskussion ist die kürzlich veröffentlichte Friedensdenkschrift der EKD, in der der ihr vorstehende Rat versucht, „mit der Spannung zwischen christlichem Friedensideal und politischer Verantwortung“ gegenüber einer „Realität von Gewalt und Bedrohung“ zu ringen.
Im Zuge dieser Auseinandersetzung „w[erde] deutlich: Die evangelische Friedensethik befindet sich in einem Prozess der Neuorientierung, der noch nicht abgeschlossen ist“.
Gleichwohl schlussfolgert mancher Beobachter bereits aus diesen Reflexionen, die „evangelische Kirche vollzieh[e] einen reichlich späten, aber darum nicht weniger richtigen Bruch mit ihrer bisherigen Friedensethik.“
Hieraus resultiere unter anderem „eine Absage an die realitätsfremden, in der Kirche aber lange Zeit gleichwohl verbreiteten Konzepte, […] Aggressoren [wie Russland] mit gewaltfreiem Widerstand erfolgreich Einhalt zu gebieten“.
Angesichts dieses Zeitgeistes sowie der kontraintuitiven Tatsache, dass christliche Friedensethik und militaristische Tendenzen sich nicht immer kategorisch ausschließen (oder ausgeschlossen haben), scheint ein fokussierter und vor allem kritischer Blick auf diese Friedensdenkschrift und einige ihrer Rezeptionen geboten.
Die Welt sei in plötzlicher Unordnung
Kern des Dokuments ist offenbar die notwendige Reaktion auf eine „Welt“, die „in Unordnung“ geraten sei. Primäre Ursachen dieser Entwicklung, so wie sie der Rat der EKD wahrzunehmen meint, finden sich bereits auf der ersten Seite des Vorworts:
„Die Welt ist in Unordnung: Der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg gegen die Ukraine geht ins vierte Jahr. Seit dem Terrorakt der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verschärft sich die Situation im Nahen Osten immer weiter – mit grausamen humanitären Folgen. […]
Der Wille zur Verständigung schwindet, Interessenkonflikte und das kaum mehr kaschierte Bemühen, die eigenen Interessen durchzusetzen, sind unübersehbar.“
Von zentraler Relevanz ist diesbezüglich, ob die EKD den festgestellten „schwindenden Willen zur Verständigung“ als generelles Problem erachtet oder die entsprechende Verortung eher einseitig ausfällt.
Schließlich lässt sich hieran im Kern ablesen, inwieweit die EKD mit ihrer Intervention versucht, der Problematik entgegenzuwirken – oder sie womöglich sogar verschärft, indem sie Argumenten, die internationaler Verständigung eher aversiv gegenüberstehen, eine vermeintlich ethische Grundlage liefert.
In diesem Sinne wirkt die fragwürdige Behauptung, der andauernde Nahostkonflikt und dessen erneutes Aufflammen seien zuvorderst auf die umstrittenen Geschehnisse des 7. Oktobers 2023 zurückzuführen, kontraproduktiv und wird im weiteren Verlauf auch nicht ausdifferenziert.
Tatsächlich entsteht dadurch der Eindruck, dass die EKD, zumindest an der Spitze, als Bestandteil deutscher Gesellschaft in Erscheinung tritt, der sich historisch des Öfteren schwer damit getan hat (und sich auch gegenwärtig tut), das moderne Israel und dessen Geschichte rational zu behandeln.
Fokus der Denkschrift – und daher auch dieser Betrachtung – sind jedoch die „vielfältigen friedens- und sicherheitspolitischen Herausforderungen“, die mit „dem Beginn des Krieges in der Ukraine“ ins Zentrum deutscher und letztlich auch kirchlicher Aufmerksamkeit gerückt sind.
Hier liege immerhin eine zentrale Ursache dafür, dass „der Rat der EKD […] im September 2022“ beschlossen hatte, „die friedensethische Positionierung der EKD weiterzuentwickeln“. Ein Unterfangen, das freilich nur erfolgversprechend gelingen kann, wenn es auf einer realistischen Einordnung der zugrunde liegenden internationalen Politik basiert.
Schwieriges Verhältnis zur internationalen Politikgeschichte
Diesbezüglich wird jedoch relativ schnell deutlich, dass auch die kontroverse Vorgeschichte des russisch-ukrainischen Krieges einer ernüchternd einseitigen Betrachtung zum Opfer fällt, die letztlich als Fundament der im Dokument gezeichneten Bedrohungslage Deutschlands und Europas fungiert und somit außerordentliches Gewicht trägt.
So wird etwa unter Punkt 2.1, „Die Wucht des Tötens: Das gewaltvolle Sterben mitten unter uns“, behauptet, dass sich erst „[m]it Russlands Angriff auf die Ukraine Ende Februar 2022 […] das Bewusstsein für Krieg im Raum der EU verändert“ hätte – wodurch unweigerlich der Eindruck entsteht, die EKD würde dem in Deutschland nicht unüblichen geschichtsrevisionistischen Ansatz Vorschub leisten, der die Sezessionskriege Jugoslawiens in den 1990er Jahren, inklusive Deutschlands völkerrechtswidriger Intervention, auszublenden versucht.
Ebenso wird der von 2014 bis 2022 ausgetragene ukrainische Bürgerkrieg negiert, der der umfassenden russischen Invasion vorausgegangen war und der kontextuell kein einziges Mal Erwähnung findet.
Stattdessen wird unter Punkt 2.3., „Die Arroganz der Macht: Die manifeste Krise der internationalen prinzipiengeleiteten Politik“, darauf abgestellt, die USA und Deutschland hätten „seit 1990 auf die Stärkung der internationalen regelbasierten Ordnung“ gesetzt, für die „[d]er russische Angriffskrieg auf die Ukraine […] eine markante Disruption“ sei.
Doch was genau ist die sogenannte „regelbasierte internationale Ordnung“ eigentlich und herrscht diesbezüglich Einigkeit in der internationalen Politik?
Entgegen des von der EKD übernommenen und aus westlicher Sicht eher selbstgefälligen Allgemeinplatzes, ihr Ziel sei es gewesen, „dem sanktionsbewehrten Recht Anerkennung zu verschaffen und für den Konfliktfall das Militär zu einer Art ’Weltpolizei’ umzuformen“, hat der renommierte US-Historiker Marc Trachtenberg kürzlich, und aus gutem Grund, daran erinnert, dass „diese Art zu denken keineswegs universell akzeptiert worden ist“.
Im Gegenteil sind nicht-westliche Akteure im internationalen System, insbesondere – aber nicht ausschließlich – Russland, seit 1990 zunehmend zu der Konklusion gelangt, es handele sich bei dieser „Ordnung“ um nicht viel mehr als einen Euphemismus für die westliche Dominanz selbigen Systems.
Richard Sakwa, renommierter Experte für russische Politik und Kritiker westlicher Hegemonialpolitik, hat dieses Verständnis wie folgt beschrieben:
„Die Dominanz des demokratischen Internationalismus und seiner hegemonialen Institutionen erzeugte in Russland ein zunehmend bitteres Gefühl von Verrat und Ausgrenzung, das schließlich in einem langwierigen Konflikt um die Ukraine kulminierte.[…]
Anstelle der Unparteilichkeit und Inklusivität des auf der Charta [der Vereinten Nationen] beruhenden internationalen Systems präsentierte sich der politische Westen (der sich anmaßend als ’regelbasierte internationale Ordnung’ bezeichnet) als Schiedsrichter über die Regeln.“
Unabhängig davon, ob die Urheber der Denkschrift dies subjektiv für einleuchtend halten, wirft die gänzliche Abstinenz der russischen Perspektive doch bedeutsame objektive Fragen bezüglich des „Willens zur Verständigung“ auf, dessen „schwinden“ die Autoren beklagen.
Insgesamt offenbaren die betrachteten Abschnitte ein schwieriges Verhältnis zur Geschichte der relevanten internationalen Politik und vermitteln eher den Eindruck einer westlichen „Welt in Unordnung“.
Bemerkenswerte Kritik aus den eigenen Reihen
Betont werden sollte daher ausdrücklich, dass die hier artikulierte Skepsis zunächst den verantwortlichen Rat der EKD betrifft und nicht gleich die Kirche in ihrer Gesamtheit. So hat sich etwa die evangelische Initiative Christlicher Friedensruf zu Wort gemeldet und übt „scharfe Kritik“ an den mithilfe der Denkschrift transportierten Überlegungen.
Besonders eindrücklich wirken im Kontext der vorliegenden Analyse die folgenden Ausführungen, bei denen es sich lohnt, sie in Länge zu zitieren:
„Leider, so die weitere Kritik, folge die Denkschrift einer eurozentrischen Weltsicht und der westlichen Deutung. Statt kritiklos den Narrativen von Nato, EU und Bundesregierung zu folgen, müssten etwa beim Ukraine-Konflikt auch kritische Stimmen zu Wort kommen.
Das Völkerrecht und die Menschenrechte würden nicht nur durch Russland, sondern auch durch die auf globale Hegemonie ausgerichtete Politik der USA und ihrer Verbündeten verletzt. Der Irakkrieg und militärische Interventionen, Regime-Change-Operationen und Sanktionen der USA und ihrer Verbündeten hätten Millionen Menschen das Leben gekostet.“
Dementsprechend fällt es schwer, nicht zu dem Schluss zu gelangen, der Rat der EKD falle mit seiner Darbietung einer notorisch anmutenden deutschen Neigung zur Doppelmoral anheim.
Ein Eindruck, der einen bitteren Beigeschmack hinterlässt, da man eigentlich annehmen würde, die Aufgabe einer ethisch-religiös begründeten Intervention sei es, mäßigend auf derlei menschliche Verfehlungen einzuwirken.
Kernprobleme überwiegen eine sonst zur Differenzierung fähige Ethik
Stattdessen öffnet der Rat der EKD – gewollt oder ungewollt – die ihm unterstehende Institution und deren Mitglieder einer Vereinnahmung durch eingangs erwähnte Teile deutscher Gesellschaft, die die Friedensdenkschrift als „eine Zäsur“ in der kollektiven Erinnerung verankert sehen wollen.
„Der Text und auch die Kirchenleitung g[ä]ben sich [demnach] zwar alle Mühe, diesen Bruch mit der Beteuerung zu verschleiern, dass die bisherige Friedensethik der EKD bloß ’aktualisiert und konkretisiert’ werde und es sich lediglich um ’Neuakzentuierungen’ der bisherigen Lehre handele.“
Lege man jedoch die aktuelle Darreichung „neben die bisher gültige Denkschrift aus dem Jahr 2007 […] oder die spätere Friedens-Kundgebung der EKD-Synode von 2019, lässt sich der inhaltliche Bruch schwerlich übersehen.“
Dies entspricht der hier festgestellten Einseitigkeit zentraler Aspekte, die laut eigener Darstellung den Anstoß zum vom Rat der EKD initiierten „Prozess der Neuorientierung“ gegeben haben, letztlich aber jede noch so differenzierte ethische Erwägung des Dokuments entscheidend schwächen. In der Konklusion lässt die Friedensdenkschrift daher kaum Raum, um sie nicht als bedenkliche Zäsur in historisch sensiblen Zeiten wahrzunehmen.
#Allemagne #église #militarisme #guerre #protestantisme #pacifisme


















