Noam Chomsky partage le le destin de Bruno Bettelheim. Après avoir quitté l’espace publique les envieux de moindre acabit se jettent sur des hustoires déformées et les utilisent pour détruire la réputation de l’oeuvre de l’himme qui a marqué l’histoire. On hurle avec les loups pour défendre son rang dans la meute. C’est dommage car on rend plus difficile l’accès à l’appréciation pesée et complète de la contribution que les grands on légué à l’humanité.
2.5.2026 von David Goeßmann - Engste Weggefährten lassen den 97-jährigen Chomsky fallen – dabei hält die Empörung über seine Epstein-Kontakte einer Faktenprüfung kaum stand.
Die Veröffentlichung privater E-Mails und Fotos Noam Chomskys aus den Epstein-Files hat Empörung bei Linken und Progressiven ausgelöst. Der Unrast-Verlag, der eine Reihe von Chomskys Büchern in deutscher Übersetzung verlegt, hat sie aufgrund von dessen privatem Kontakt zu Epstein aus dem Programm genommen:
„Als linker Verlag … ist Chomsky für uns als Autor nicht mehr tragbar. … Wir wollen Täter und ihre Unterstützer:innen weder schützen, noch ihnen eine Plattform oder ein Einkommen bieten.“
Videointerviews mit Chomsky sind im Netz gelöscht worden. Enge Freunde, Kollegen und Co-Autoren wie der ehemalige New York Times-Journalist Chris Hedges, der Historiker und Aktivist Vijay Prashad oder Jeffrey St. Clair von Counterpunch zeigen sich schockiert, äußern Abscheu und haben sich von Chomsky in öffentlichen Statements distanziert, während sie erklären, dass die Aufdeckungen sein intellektuelles Erbe schwer beschädigt haben.
Wie konnte es soweit kommen?
Es geht um persönliche Mails von Noam Chomsky und seiner Frau Valéria an Jeffrey Epstein, gemeinsame Abendessen, Epsteins Hilfe bei der Klärung eines Finanzdisputs mit Chomskys Kindern und zwei Fotos, die Chomsky mit Jeffrey Epstein in seinem Privatflugzeug und mit Trump-Stratege Steve Bannon zeigen.
In einer Antwort auf eine Anfrage Epsteins schätzte Chomsky ihn für ein Opfer der Cancel Culture ein und riet ihm, nur auf direkte Anfragen zu reagieren. Das war im Februar 2019, also einige Monate vor der Verhaftung Epsteins im Juli.
Leitmedien in den USA und Europa haben die „Chomsky-Epstein-Freundschaft“ seit der Publikation einiger ausgewählter Epstein-Dokumenten im Dezember letzten Jahres in den Fokus genommen. Sie benutzten die privaten E-Mails, um daraus den Sturz des „wohl bedeutendsten lebenden Intellektuellen der Gegenwart“, wie es die New York Times einmal formulierte, des Vordenkers progressiver Bewegungen und unermüdlichen Aktivisten in die Epstein-Hölle zu inszenieren.
Mediale Diskreditierung: Vom Vordenker zur „Epstein-Klasse“
Der Guardian, der seit vielen Jahren versucht, Chomsky zu diskreditieren, ordnete ihn umgehend der „Epstein-Klasse“ ein. Unter dem Titel „Banalität des Bösen“ schilderte die britische Tageszeitung, wie „Epsteins mächtige Freunde ihn normalisierten“, darunter Noam Chomsky.
Normalisieren kann man jedoch nur, wenn man vom Bösen weiß. Und vom Normalisieren profitiert das Böse in der Öffentlichkeit, nicht in privater Korrespondenz. Dass beide Voraussetzungen im Fall Chomskys zutreffen, wird unterstellt.
Die Diskreditierung Chomskys in den Mainstreammedien war zu erwarten. Seine seit Jahrzehnten vorgetragene Kritik an der Art, wie die Mächtigen insbesondere im US-geführten Westen mit Hilfe der intellektuellen Klasse eine Katastrophenpolitik gegen die Menschheit betreiben, die Entlarvung von Machtkontrolle in über hundert Büchern sowie unzähligen Artikeln und Interviews, stellt einen unangenehmen Spiegel dar, in den die, die an der Katastrophenpolitik teilnehmen und davon profitieren, nicht hineinschauen wollen.
Die gezielte Veröffentlichung von einigen Epstein-Dokumenten durch das von Trump kontrollierte US-Justizministeriums ist insofern ein Geschenk für das Establishment gewesen. Man musste nur das Foto, das Chomsky und Epstein im Privatjet zeigt, abdrucken, eine skandalträchtige Überschrift darüber setzen und einige E-Mail-Aussagen aus dem Zusammenhang reißen – im Handumdrehen erschien Chomsky als Hofintellektueller eines verbrecherischen Pädophilen.
Wenn Weggefährten zu Anklägern werden
All das war wie gesagt absehbar. Überraschend, unverständlich und in seiner Wirkung verheerend sind jedoch die Reaktionen in progressiv-linken Kreisen. Vijay Prashad, der zwei Bücher mit ihm, darunter eines seiner letzten über Kuba, veröffentlicht hat, und ihn als seinen Mentor bezeichnet, verfasste ein Statement auf Counterpunch:
„Es gibt nichts, was für ihn spricht. Als die Fotos und E-Mails auftauchten, war ich sofort angewidert von Epsteins Pädophilie und damit auch von Noams Freundschaft zu ihm. Meiner Ansicht nach gibt es dafür keine Rechtfertigung, keinen Kontext, der dieses skandalöse Verhalten erklären könnte. […] Warum verkehrt man so ungezwungen mit einer Person dieser Gesinnung? Warum spendet man einem Pädophilen Trost und Rat für seine Verbrechen? Ich für meinen Teil bin entsetzt und schockiert.“
Der Guardian nahm die Empörung des Chomsky-Freunds dankend auf und berichtete ausführlich über den Widerruf von Prashad.
Chris Hedges, langjähriger Kollege und intellektueller Freund Chomskys, ging noch weiter. Er diskreditierte die Erklärung von Chomskys Frau Valéria als Vertuschungstaktik – Chomsky erlitt 2023 im Alter von 94 Jahren einen schweren Schlaganfall und kann sich seitdem nicht mehr äußern.
Valéria betonte in dem Statement, dass Chomskys offenherzige Art sowie Epsteins manipulative Methoden zu Fehleinschätzungen geführt hätten, die beide bedauern. Man habe aber nichts von den Taten gewusst, auch nie etwas Unangemessenes von Epstein oder anderen bemerkt, versichert Valéria. Hedges wischte die Erklärung in seinem Kommentar beiseite und stellte fest:
„Ich kann Ihnen versichern, dass er keineswegs so passiv oder leichtgläubig ist, wie seine Frau behauptet. Er wusste von Epsteins Kindesmissbrauch. Sie alle wussten davon. Und wie andere in Epsteins Umfeld war es ihm egal.“
Es bleibt Hedges Geheimnis, wie er zu seiner Schlussfolgerung kommt. Niemand, einschließlich des US-Justizministeriums, behauptet, dass Chomsky von dem Kindesmissbrauch gewusst hat. Ganz abgesehen davon, dass es eine Unterstellung ist, die abwegig ist angesichts von Chomskys Persönlichkeit und Dekaden umspannendem, von Wahrheit und Humanität geprägtem Lebenswerk.
Auf dem linken multimedialen Kanal Zeteo von Mehdi Hasan, der ein großes Publikum erreicht, unterhielten sich die kanadische Bestsellerautorin und progressive Stimme Naomi Klein und der ehemalige MSNBC-Moderator und Guardian-Kolumnist Hasan über Chomskys Freundschaft mit Epstein.
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Hasan verurteilte Chomskys Umgang mit Epstein, der ihn deprimiere. Leute wie Chomsky hätten gewusst oder wissen müssen von den Missbräuchen Epsteins. Chomsky sei korrumpiert worden von Macht und Reichtum. „Ich glaube, das wird Chomskys Vermächtnis extrem negativ beeinflussen, ganz gleich, was man von ihm hält.“
Naomi Klein zeigt sich ebenfalls enttäuscht und empört, auch wenn sie darauf verwies, dass Chomsky mit jedem spreche, was an sich legitim sei, so Klein. Aber das sei zu unterscheiden von der Entscheidung, sich zu Abendessen oder einem Flug im Privatflugzeug einladen zu lassen. Dafür gebe es keine Rechtfertigung.
Außerdem sei bekannt gewesen, dass Epstein wegen eines sexuellen Delikts in der Vergangenheit verurteilt und mit Gefängnis bestraft worden sei. Wenn man sexuellen Missbrauch als Thema ernst nehme, dann treffe man sich nicht mit solchen Leuten.
Der deutschsprachige Raum: Vom „Idol“ zum Abtrünnigen
Man könnte ein Reihe von intellektuellen Weggefährten und Linken in den USA und Europa auflisten, die Chomsky wie eine heiße Kartoffel fallen ließen. Meinungsbildende kritische Medien und alternative Plattformen wiederholten dabei, was in den Mainstreammedien oder von linken Meinungsführer:innen über den „Epstein-Chomsky-Skandal“ berichtet wurde und folgten der Vorverurteilung.
In Großbritannien sendete z.B. die linke Medienplattform Novara Media ein Gespräch mit den beiden Frontmännern Michael Walker und Aaron Bastani mit der Überschrift: „Was hat sich Chomsky dabei gedacht?“
Der Tenor des Gesprächs ist von Unverständnis, scharfer Kritik und Unterstellungen geprägt. Für Bastani steht fest: Die E-Mails zeigten, dass Chomsky mit den Eliten auf Kuschelkurs gewesen sei, während er gleichzeitig ihre Machenschaften in der Öffentlichkeit kritisiere.
„Ich denke, er wurde vom Glamour verführt, das ist nichts Neues. Es gibt eine treffende Aussage von Yanis Varoufakis dazu: ’Sobald man Businessklasse fliegt, glaubt man, es stehe einem zu’. […] Es ist beunruhigend, dass ein intelligenter Mann, der sich so für linke und progressive Anliegen eingesetzt hat, mit jemandem wie Epstein verkehrte. Das trägt dazu bei, die Linke insgesamt in Misskredit zu bringen. Wenn dieser Mann keine Prinzipien hat, wer von uns hat sie dann noch?“
Auch Glenn Greenwald – bekannt geworden durch die Snowden-Enthüllung, während er viele Auftritte mit Chomsky teilte, bis er politisch andere Wege ging – verbreitete über seinen Kanal System Update die Ansicht, dass Chomsky Epsteins Einfluss, prachtvollen Inszenierungen und Dinner-Einladungen erlegen sei.
Im deutschsprachigen Raum ein ähnliches Bild. Der Journalist Emran Feroz, der 2018 ein Interviewbuch mit Noam Chomsky verfasste (das 2021 neu aufgelegt wurde) verabschiedete sich in einem Artikel im Freitag von seinem „Idol“ Chomsky. Darin machte der im Exil lebende Afghane deutlich, dass er schon immer von einigen politischen Ansichten Chomskys abgestoßen gewesen sei.
Nun, durch die Lektüre der Epstein-Dokumente (vermutlich aber wohl durch die weltweite Kritik) scheint er zu dem Schluss gekommen zu sein, dass es an der Zeit sei, seine wahren Ansichten zu teilen:
„Doch je intensiver man sich mit dem Fall Epstein beschäftigt, desto klarer wird, dass sein problematischer Charakter und seine düsteren Machenschaften deutlich früher erkennbar waren, als manche heute behaupten. Dasselbe ist leider auch bei Chomsky und seinen eigenen politischen Positionen der Fall.
Viele einstige Bewunderer:innen, etwa der britische Journalist George Monbiot, brachen mit dem ’Professor’ schon vor Jahren, etwa als ihnen dessen Genozidleugnung im Fall von Srebrenica bewusst wurde. Ähnlich fatal positionierte sich Chomsky auch im Fall von Kambodscha, wo er die massenmordende Rote Khmer toll fand, oder in Ruanda.“
Eine Aneinanderreihung von faktenfreien Diffamierungen – ohne Belege, weil es keine dafür gibt. Wo leugnet Chomsky Genozide – selbst Monbiot behauptet das so nicht? Wo findet der „Professor“ (warum die Anführungsstriche?) Massenmord toll?
Was erstaunlich ist, dass Feroz ein Interview-Buch mit Chomsky verfasste, aber mit keinem Wort dessen angebliche Genozidleugnung und Anhängerschaft für die massenmordenden Roten Khmer erwähnte. Was sagt das über die journalistische Professionalität von Feroz und seinen jetzigen Widerruf?
Die mediale Hysterie, in der Epstein zum Urbösen erhoben worden ist, hat einen Sog erzeugt, in dem die Unschuldsvermutung nichts mehr gilt. Allein der Name Epstein versetzt in Schockstarre. Wer mit dem Bösen in Berührung kommt, wird ebenfalls schuldig, egal, was die Umstände hergeben.
Was die E-Mails wirklich zeigen: Kontext statt Skandal
Einige haben sich die Mühe gemacht, durch die E-Mails zu gehen, Kontexte zu liefern und zu erklären, was hinter der mutmaßlichen „Freundschaft“ steckt, darunter der Yale-Professor Greg Grandin, der Kapitalismuskritiker Michael Albert, der Direktor von Films For Action, Tim Hjersted, und die langjährige Assistentin von Chomsky, Bev Stohl.
Epstein suchte danach 2015 den Kontakt zum damals 87-jährigen Linguisten und Theoretiker, was sich aus akademischen Interessen ergab. Er förderte das Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo Chomsky arbeitete, und versammelte Harvard-Wissenschaftler auf von ihm gesponserten Konferenzen. Dutzende von Forschern, hunderte von Personen in akademischen Zirkeln standen mit Epstein in Kontakt, akzeptierten seine Finanzierung, während die Harvard Universität ihm ein eigenes Büro einrichtete.
Zudem bot Epstein Chomsky und Valéria an, bei einem Familiendisput über finanzielle Angelegenheiten organisatorisch zu helfen, was den z.T. freundschaftlichen Ton erklärt.
Chomsky wusste von der Verurteilung Epsteins und seiner 13-monatigen Haftstrafe wegen eines Sexualstrafdelikts. Epstein hatte sich 2008 vor einem Gericht in Florida für schuldig bekannt, eine Minderjährige zur Prostitution angeworben und vermittelt zu haben. Alles andere – dass es sich um einen „Sweetheart Deal“ einer korrumpierten Staatsanwaltschaft handelte und Epstein eine Missbrauchspyramide errichtete – war der Öffentlichkeit nicht bekannt.
Fakt ist: Epstein war zu der Zeit, als es zu sporadischen Kontakten mit Chomsky kam, nicht der gesellschaftlich Aussätzige, der er heute ist. Für Chomsky wie viele Wissenschaftler war die Haftstrafe von 2008 auch kein Grund, ihn zu meiden. Chomsky hält es auch für falsch, jemanden zu ächten, der seine Schuld durch Strafe an die Gesellschaft bezahlt hat.
Chomsky vertritt die, von Bewegungen erkämpfte Rehabilitationshaltung des modernen Strafsystems (im Gegensatz zum religiösen Sündenbegriff): Jeder Mensch verdient eine zweite Chance. Das Ziel ist die Reintegration in die Gemeinschaft. Chomsky hat auch nie behauptet, dass Intellektuelle nicht mit Mächtigen und Entscheidern sprechen oder einen Cordon Sanitaire um jeden errichten sollten, der Verbrechen begangen hat.
Der Vorwurf, Chomsky hätte aber von Epsteins Missbrauchsverbrechen wissen müssen, ist ebenso abwegig. Wussten etwa die Kritiker Chomskys, die Medien, das Establishment und die linken Kommentatoren schon vor Ende 2018, als der Miami Herald seine Aufdeckungen veröffentlichte, von dem System Epstein – und haben sie die Missbräuche angeprangert und Empörung gerufen?
Nein. Die Mainstreammedien, die New York Times (Chomskys zentrale Informationsquelle), die Washington Post usw., folgten dem Informationsstand des Gerichts bei Epsteins Verhaftung 2008 und berichteten ansonsten praktisch nicht über ihn. Und was ist mit den linken, progressiven, Medien? Vor 2019 gab es so gut wie keine Berichterstattung über Epstein.
Das hatte seinen Grund. Epstein verstand es, mit viel Geld und Einflussmacht das dysfunktionale US-Justizsystem zu korrumpieren (insbesondere den Staatsanwalt Alexander Acosta in Florida, der später Arbeitsminister unter Trump werden sollte). Die Folge war, dass die Aussagen von Opfern, die auf massenhaften Missbrauch hindeuteten (heute geht man von potenziell hunderten Opfern aus), in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurden.
Zudem war der Hochstapler und Betrüger Epstein ein ausgezeichneter Manipulator (der gestandenen CEOs der Wall-Street-Finanzindustrie und US-Industriemagnaten auf diese Weise viel Geld entwendete) und konnte mit Hilfe von Hackern das Internet von Verdächtigungen rund um seine Person reinigen.
Was vom Chomsky-Skandal bei Prüfung übrig bleibt ist eine Mail-Antwort Chomskys auf eine Frage Epsteins Ende Februar 2019. Der wollte wissen, was er ihm raten würde angesichts der Anschuldigungen, die in dem Artikel des Miami Herald Ende 2018 erhoben wurden. Chomsky riet ihm, den Mediensturm vorbeiziehen zu lassen und nur auf direkte Anfragen zu antworten. Dabei berichtete er von seinen eigenen Erfahrungen mit Kampagnen, auf die er nicht reagiere:
„Eine Google-Suche liefert unzählige hysterische Anschuldigungen aller Art, darunter sogar Gruppen, die sich darauf spezialisiert haben, mich zu diffamieren […] scharfe Angriffe, viele davon von Wichtigtuern aller Art.“
Chomskys Haltung zu MeToo und Cancel Culture
Anschließend verwies er auf die MeToo-Bewegung und „die Hysterie, die sich rund um den Missbrauch von Frauen entwickelt hat und mittlerweile so weit gegangen ist, dass schon das bloße Hinterfragen einer Anschuldigung ein Verbrechen schlimmer als Mord ist.“
Diese Mail wird von der Kritiker aus dem Mainstream bis zum linken Lager als Beleg angeführt, dass Chomsky wohl wissend um die Missbrauchsanschuldigungen Epstein verteidigte. Zudem habe er die MeToo-Bewegung als hysterisch abgewertet, was eine frauenfeindliche Haltung offenbare.
Doch Chomsky kritisierte in der Mail keineswegs die MeToo-Bewegung, sondern die Cancel Culture, die Beschuldigte ohne Belege vorverurteile (wobei der Assange-Fall oder die Kölner Silvesternacht zeigen, dass mächtige Institutionen Missbrauchsvorwürfe ebenfalls als Diffamierungsinstrumente einzusetzen).
Chomskys Haltung zu sexualisierter Gewalt und MeToo ist dabei eindeutig, worauf Tim Hjersted hinweist. Auf die Frage eines Interviewers, wie die Bedingungen im Pornografie-Geschäft verbessert werden sollten, antwortete er z.B.:
„Genau wie bei Kindesmissbrauch geht es nicht darum, den Missbrauch zu ’verbessern’, sondern ihn zu beenden. Angenommen, es gibt ein hungerndes Kind in den Slums, und man sagt: ’Na gut, ich gebe dir zu essen, wenn du dich von mir missbrauchen lässt’ […] ist das ein Argument? Die Antwort darauf lautet: Man muss die Umstände beseitigen, unter denen das Kind hungert, und dasselbe gilt auch hier. Beseitige die Umstände, unter denen Frauen keine anständigen Jobs bekommen können, und dulde kein missbräuchliches und destruktives Verhalten.“
Zur MeToo-Bewegung erklärte Chomsky, dass sie „aus einem realen, schwerwiegenden und tiefgreifenden Problem der sozialen Pathologie hervorgeht“, und die Bewegung „dieses Problem aufgedeckt und ins Bewusstsein gerückt hat“, wobei er davor warnte, „Vorwürfe als bewiesene Taten zu behandeln“. Um von Chomskys Kritik an der Cancel Culture und seine Haltung zu MeToo zu erfahren, braucht man also nicht die Epstein-Files.
Heute wissen wir, dass Chomskys Annahme bis zur Verhaftung, dass Epstein ein Opfer der Cancel Culture geworden sei, falsch war. Aber diese Fehleinschätzung ist nicht Ausdruck von Frauenfeindlichkeit und Ignoranz von Missbrauch.
Sie ist das Resultat manipulativer Beeinflussung von Epstein, der Chomsky mit Informationen und Argumenten gefüttert hatte, die ihn als Opfer erscheinen ließen – so dass Chomsky die Vorwürfe schließlich durch seine eigene Erfahrungsbrille als Kampagne betrachtete. Zudem war Chomsky im zwischenmenschlichen Austausch bereit, Epstein zu glauben, da er ihm vertraute. Von dieser Offenheit haben Zehntausende profitiert, mit denen er unvoreingenommen über alle möglichen Themen kommunizierte.
Letztlich ist es ähnlich absurd, zu behaupten, dass Chomsky den Massenmissbrauch von Minderjährigen akzeptierte, weil er Epstein und der Elitenclique erlegen war, wie zu meinen, dass Karl Marx ein Schössling des Kapitals gewesen sei, weil er sich von dem Kapitalisten und Betreiber einer Textilfabrik in Manchester, Friedrich Engels, finanzieren ließ.
Sicherlich kann man kritisieren, dass Chomsky den Bericht des Miami Herald Ende 2018 nicht ernst nahm und Epsteins Version folgte, wobei Chomsky eines von vielen Opfern von Epsteins Manipulationskunst geworden ist (zu den Manipulationskünsten siehe u.a. die Dokumentarfilmserie „Jeffrey Epstein: Filthy Rich“).
Auch hätte Chomsky Epsteins Verbrechen später ausdrücklich kritisieren können, als er vom Wall Street Journal (WSJ) im Jahr 2023 befragt wurde. Aber das ist Optik, die nie Chomskys Stärke war, da er dieser Art von moralischer Signalgebung kritisch gegenüberstand. Er lehnte es auch ab, Menschen statt Taten zu verurteilen.
Aber dass er die Taten verurteilte, sobald er davon erfuhr, kann nicht bezweifelt werden. In einem Austausch nach der WSJ-Artikel antwortete er auf die Frage, ob er Epstein verurteile:
„Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine Erklärung abgegeben zu haben, in der ich jemanden verurteilt habe, nicht einmal den schlimmsten Mörder. Wenn die Frage aufkommt, verurteile ich die Verbrechen – obwohl ich normalerweise nur ungern auf einen fahrenden Zug aufspringe und mich der Masse anschließe. Nixon war ein Monster, aber als es in Mode kam, ihn zu verurteilen, habe ich mich dem nicht angeschlossen.
In den Jahren 2015–2016 wurde er [Epstein] aus guten Gründen nicht gemieden. Er hatte Verbrechen begangen, seine Strafe verbüßt und kehrte vorurteilslos wieder in die normale Gesellschaft zurück. Das ist die vorherrschende Norm, insbesondere auf der Linken, die schon immer auf Resozialisierung gesetzt hat.
Aber auch weit darüber hinaus. Er nahm regelmäßig an Treffen teil, beteiligte sich usw., ohne dass dies besonders beachtet wurde. Nach seiner Inhaftierung gab es eine riesige Flut sehr schwerwiegender Anschuldigungen. Das ist eine andere Sache.“
Eine Fehleinschätzung – aber kein Skandal
Am Ende bleibt nichts Skandalöses im Fall Chomsky-Epstein übrig, vielleicht einige Fehleinschätzungen aus Leichtgläubigkeit. Für die Linken und Progressiven ist der Chomsky-Skandal jedoch ein Desaster. Heldenhaft Empörung zu äußern, anstatt durch die faktische und moralische Komplexität zu navigieren, ist kein gutes Zeichen für den Versuch, eine starke Opposition gegen die Agenda der Mächtigen aufzubauen.
Es ist nur schwer verständlich, warum derart viele, die für eine bessere Welt kämpfen, auf die von den Mainstreammedien geschaffene Erzählung von „Gut gegen Böse“ hereingefallen sind – in der allein schon der Kontakt schuldig macht. Chomsky wurde von heute auf morgen in den moralischen Abgrund gestoßen. Es erinnert an die Bibelstelle vom Jünger Petrus, der Jesus in der Nacht seiner Verhaftung dreimal verleugnete.
Was können mögliche Gründe für das Verhalten sein? Einige von denen, die Chomsky kennen bzw. nahestehen, wollten scheinbar durch Distanzierung ihr moralisches Image schützen.
Anderen ging es darum, Schäden von der Linken durch Chomskys „Prinzipienlosigkeit“ und Epstein-Nähe abzuwenden. Und dann sind da diejenigen, die die Gelegenheit nutzten, mit Chomsky abzurechnen, den sie wegen seiner undogmatischen Kritik nie für links hielten. Wieder andere wissen schlicht nicht, wer Chomsky ist und was er geleistet hat – und heulen mit den Empörungswölfen.
All das ist sehr einfach, da Chomsky, 97, darauf nicht mehr antworten kann. Es darf bezweifelt werden, ob all die scharfen Kritiker ihn derart verurteilt hätten, wenn er sich selbst hätte verteidigen können.
Strategisches Versagen der Linken
Die Art, wie man auf den Chomsky-Epstein-Skandal reagierte, offenbart auch strategische Fehler. Man sprang auf den Hysterie-Zug auf, weil man meinte, in Epstein die kapitalistische Eliten-Verruchtheit zu erkennen.
Tatsächlich lief man nur einem Medienskandal hinterher, dem es nicht um Missbrauch oder politische Veränderung geht, sondern der von Sex-and-Crime-Skandalisierung sowie Promi-Sensationslust angetrieben wird und wenig bis gar nichts über die drängenden politischen und gesellschaftlichen Krisen aussagt, sondern diese vielmehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Nur zum Vergleich: „Jeffrey Epstein“ erzielt über 57 Millionen Treffer bei der Google-Suche, während „Climate Crisis“ knapp 16 Millionen Treffer erbringt.
Auch wurde man Opfer der eklatanten Schlagseite der Epstein-Veröffentlichungen. Die Art, wie Schwärzungen vorgenommen wurden, während bei der selektiven Freigabe der Dokumente auf die liberalen und linken Eliten (Demokraten, Elite-Universitäten, Wissenschaft usw.) fokussiert wurde, zeigt, dass die Trump-Regierung und das US-Justizministerium die Publikation bewusst als Diffamierungsinstrument einsetzten.
Doch statt das zum Thema zu machen und sich dagegen zu wehren, erfüllte man die kühnsten Träume der rechten Stimmungsmacher, in dem Linke und Progressive sich schwächten – durch eine moralische Hexenjagd auf ein „Idol“, das angeblich mit dem pädophilen Elitennetzwerker kuschelte.
Privatsphäre als verratenes Prinzip
Dabei wurden Prinzipien über Bord geworfen. Denn die Verurteilung von Chomsky wegen seines Epstein-Kontakts ist nur möglich geworden durch den flagranten Bruch seiner Privatsphäre durch den Staat. Die Privatsphäre ist ein hoher Wert, der als Grundlage individueller Freiheit geschützt werden muss, was nicht zuletzt die Snowden-Enthüllungen gezeigt haben.
Die Kritiker von Chomskys privaten E-Mails teilen diese Grundhaltung auch, scheinen sie nun aber vergessen zu haben. Siehe zum Beispiel Vijay Prashad, der zusammen mit vielen Intellektuellen, darunter Chomsky, den schwedischen Datenschutzaktivisten Ola Bini verteidigte, der einmal sagte:
„Ich glaube fest an das Recht auf Privatsphäre. Ohne Privatsphäre können wir keine Handlungsfähigkeit haben, und ohne Handlungsfähigkeit sind wir Sklaven. Deshalb habe ich mein Leben diesem Kampf gewidmet. Überwachung ist eine Bedrohung für uns alle, wir müssen sie stoppen.“
Oder nehmen wir Glenn Greenwald. Vor dem Hintergrund des NSA-Skandals erklärte er in einem TED-Talk, dass er jedem, der sich keine Sorgen um Eingriffe in die Privatsphäre mache, weil er nichts zu verbergen habe, sage, dass die Person ihm alle Passworte seiner Mailaccounts geben solle. Er werde dann selektiv Inhalte daraus veröffentlichen. Bisher habe sich niemand bei ihm gemeldet, so Greenwald lakonisch.
Nun durchforsten Linke und Progressive ohne Skrupel Chomskys private E-Mails, reißen sie aus dem Zusammenhang, urteilen harsch, was ihnen missfällt, als wären es öffentliche, offizielle Erklärungen, die sein politisches und intellektuelles Vermächtnis jahrzehntelanger Arbeit und Aktivismus definieren. Kein Wort über das Freiheit garantierende Recht der Privatsphäre.
Dabei lässt sich die Verletzung der Privatsphäre Chomskys und auch vieler anderer im Epstein-Fall nicht rechtfertigen. Denn es geht dabei nicht um die strafrechtliche Aufklärung von Verbrechen. Warum hat man also Chomskys Privatsphäre nicht geschützt, zumindest seinen Namen geschwärzt? Soweit ich sehe, ist diese Sichtweise in Bezug auf die Epstein-Akten so gut wie nicht vorhanden. Im Gegenteil, die wahllose Veröffentlichung wird als Sieg der Wahrheit über den Sumpf der Korruption unter den Eliten gefeiert.
Ein Schaden, der über Chomsky hinausreicht
Ich befürchte, dass die „Epstein-Chomsky-Affäre“ weitaus größeren Schaden anrichten könnte als die anderen Chomsky-Skandale, einschließlich den um den französischen Literaturwissenschaftler Robert Faurisson – als man Chomsky mit einer Schmutzkampagne zum Holocaust-Leugner machte, weil er es wagte, das Recht auf Meinungsfreiheit auch für Ansichten zu unterstützen, die man für falsch oder verwerflich hält.
Im Unterschied zum Epstein-Skandal war Chomsky aber dabei nicht persönlich involviert, auch nicht bei den Roten Khmer um Pol Pot, den serbischen Kriegsverbrechern, der Pandemie oder der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, die Chomsky im Vergleich zu Donald Trump als kleineres Wahlübel ansah.
Die Verdächtigung, dass Chomsky mit den Eliten unter einer Decke steckt, vielleicht den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen akzeptierte oder gar selbst daran beteiligt war, geht jedoch tiefer als die absurden Anschuldigungen, er sei antisemitisch, ein Leugner des Holocausts und von Völkermord, ein Clinton-Fan oder ein Covid-Faschist.
Die Linke hat insgesamt versagt und Chomsky in der Schmutzkampagne allein gelassen, ja verraten. Wobei nicht bekannt ist, wie diejenigen jenseits der medialen Kommentierungen und Social-Media-Kanäle denken, die Chomsky kennen, seine Bücher gelesen und von ihm profitiert haben.
Sicherlich würde Chomsky sagen, dass sein Ruf keine besondere Rolle spielt, sondern es darum geht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das ist sicherlich richtig. Aber es wäre traurig, denjenigen, die von Chomsky zu kritischem Denken inspiriert wurden, oder zukünftigen Generationen, die an politischer Analyse und Aktivismus interessiert sind, das Gefühl zu geben, dass sie mit ihrer Ansicht, Chomsky sei durch den Skandal nicht diskreditiert, allein dastehen und sie aufgrund dieser Isolation besser Abstand zu seinem Werk halten sollten.