KI-Mikrodramen in China: Wenn Algorithmen die Sets leeren
Quand l’ #IA remplace les acteurs
12.10.2026 von Marcel Kunzmann - Nach dem Boom der Kurzserien übernehmen KI-Videotools die Produktion. Schauspieler verlieren Aufträge, Zuschauer ermüden – und die Regulierer greifen ein.
Die chinesische Mikrodrama-Branche erlebt einen abrupten Wandel: KI-erstellte Inhalte verdrängen Produktionen mit realen Schauspielern. Laut chinesischen Staatsmedien kamen in den ersten drei Monaten dieses Jahres mehr als 120.000 Mikrodramen auf den Markt, 95 Prozent davon KI-generiert.
Die South China Morning Post (SCMP) zitiert die Rundfunkbehörde National Radio and Television Administration gar mit einer Zahl von mehr als 90 Prozent bei 430.000 Mikrodramen in den ersten acht Monaten des Jahres.
Mikrodramen sind Serien in Kurzepisoden von rund 90 Sekunden bis wenigen Minuten, die für das Smartphone gedacht sind, im Hochformat laufen und mit schnellen Wendungen arbeiten. Zusammengenommen können die Folgen die Länge eines Spielfilms erreichen.
Das Format entstand während der Pandemie, als Kinos und Studios schlossen und Kurzvideo-Apps wie Douyin und Kuaishou populär wurden. Typisch sind überdrehte Handlungen um böse Schwiegermütter, Verwechslungen, Kriegshelden oder betrogene Liebende.
Vom Boom zur „bitteren Winterzeit“
Das chinesische Marktforschungsunternehmen DataEye bezifferte den Wert der heimischen Mikrodrama-Branche im vergangenen Jahr auf knapp 15 Milliarden US-Dollar – fast doppelt so viel wie der Markt für Kinofilme in China.
In Hengdian, einer Kleinstadt mit gut 200.000 Einwohnern in der Provinz Zhejiang und Standort der Hengdian World Studios, drehten im vergangenen Jahr Tausende Teams. Auch in Qingdao, Xi’an und Zhengzhou entstanden Produktionszentren mit eigens gebauten Kulissen.
Für junge Kreative bot die Branche in einer Zeit hoher Jugendarbeitslosigkeit Chancen. „Als Mikrodramen abhoben, gab es einen ununterbrochenen Strom von Rollen“, sagte der 27-jährige Schauspieler Bi Zhiqiang gegenüber CNN, der 2021 nach Hengdian zog. Der Regisseur und Schauspieler Guo Ertai vom Nationaltheater Chinas in Peking erklärte dem Sender, Mikrodramen hätten „einem gewöhnlichen Menschen eine Gelegenheit“ gegeben: Die Hoffnung sei gewesen, mit wenig Einsatz über Nacht reich oder berühmt zu werden.
Der Preis war hoch. Schauspieler und Crews berichten von Arbeitstagen von 18 bis 20 Stunden, weil nahezu spielfilmlange Produktionen in rund einer Woche gedreht werden. Komparsen verdienten teils nur 10 Yuan (etwa 1,30 Euro) pro Stunde. Die Logik der Branche beschrieb Guo so: Solange gedreht werde, könne veröffentlicht werden, und irgendein Titel werde schon ein Hit.
Nun sind viele Sets verstummt. Die 24-jährige Schauspielerin Junlin, die nur unter ihrem Künstlernamen genannt werden wollte, arbeitete im Juni an lediglich sieben Tagen; im Frühjahr hatte sie an 25 von etwa 30 Tagen im Monat gedreht.
Mit weniger Produktionen werde „der Raum zum Überleben ständig enger“, sagte sie. Ohne Drehtage sei sie in ständiger Anspannung.
Was KI möglich macht – und was nicht
Produzenten sehen in der Technik vor allem eine Befreiung von Budgetgrenzen. Bai Jianyue, Produzent bei einer Shenzhener Vertriebsplattform für KI-Comic-Dramen, sagte der SCMP, viele Online-Romane basierten auf Action, Spannung oder erfundenen Welten, die in Realfilmen teure Kulissen und Spezialeffekte erforderten. KI mache solche Stoffe „deutlich leichter“ produzierbar.
Eine RedNote-Nutzerin mit dem Namen „Huifei de Kuromi“ schrieb, manche Romanwelten könne „nur KI wirklich nachbilden“; für gut gemachte Adaptionen beliebter Bücher oder Spiele würde sie zahlen.
Wie weit die Technik reicht, zeigt ein Beispiel von diesem Sommer: In einem zweiminütigen Video von NetEase wurden per KI bekannte Rollen der Schauspielerin Joey Wong rekonstruiert, darunter aus „A Chinese Ghost Story“ und „Green Snake“. Wong gehörte in den 1980er und 90er Jahren zu den bekanntesten Darstellerinnen und hatte sich zwei Jahrzehnte zuvor aus dem Rampenlicht zurückgezogen.
Andere Zuschauer reagieren genervt. Wenn ein Drama zum Hit werde, folge „eine ganze Reihe von Ersatzprodukten“, die lediglich Dynastie oder Geschlecht änderten und das als neue Geschichte ausgäben, schrieb RedNote-Nutzer „Liulang de Mao“. Oft lasse sich das Ende schon am Anfang erahnen.
Auch Produzenten bestätigen das Problem der Austauschbarkeit. Robin Luo, Gründer von Synintell Pictures, sagte der SCMP: „Video generieren zu können, ist nicht dasselbe, wie zuverlässig eine ganze Serie zu liefern.“
Konsistente Figuren, Darstellungen und Erzählweisen über Dutzende Folgen hinweg blieben schwierig. Da immer mehr Studios Zugang zu den Tools hätten, verlagere sich der Wettbewerb auf Drehbücher, Regie, Produktionsabläufe und Zuschauerbindung.
Regulierer setzen Leitplanken
Der Staat reagiert auf mehreren Ebenen. Laut CNN verschärft die Zensur ihre Aufsicht über Mikrodramen; neue Regeln, die im September in Kraft getreten sind, verlangen unter anderem, dass Handlungen der „richtigen politischen Richtung“ folgen. Die SCMP berichtet von einer Vorschrift, die seit diesem Monat auffällige Kennzeichnungen für KI-generierte Folgen verlangt.
Zugleich stärkt die Politik Produktionen mit realen Darstellern. Wang Xiaoliang, Vertreter der Rundfunkbehörde, forderte laut SCMP im vergangenen Monat Plattformen auf, eigene Bereiche für Realfilm-Produktionen einzurichten und hochwertige Inhalte finanziell zu fördern.
Zuvor hatten sechs große Plattformen, darunter Angebote von ByteDance und Kuaishou, im Rahmen einer staatlich unterstützten Initiative mindestens 6 Milliarden Yuan (rund 800 Millionen Euro) für Realfilm-Mikrodramen zugesagt. Wang mahnte zudem, vor der Nutzung von Gesichtern und Stimmen die Einwilligung der Betroffenen einzuholen.
Zhou Xiangxiang, Gründerin der Moli OPC AI Comic Drama Base, sagte der SCMP, ihr Team setze inzwischen genehmigte Abbilder eigener Mitarbeiter ein und schließe Vereinbarungen mit Darstellern zur Schaffung digitaler Figuren. Lizenzen verteuerten die Produktion leicht, senkten aber die Prüfkosten der Plattformen erheblich: KI-Figuren, die realen Personen zu stark ähnelten, hätten Veröffentlichungen verzögert. Bislang sei ihr Geschäft nicht spürbar betroffen, da laufende Jahresverträge mit den Plattformen bestünden.
Ob die Förderung und Kennzeichnungspflicht die Aufträge für Schauspieler wie Junlin zurückbringen, ist offen. Sicher scheint nur, dass sich die Herausforderung verschoben hat: Nicht mehr die billige Herstellung von Videos ist das Problem, sondern, aus der Masse ähnlicher Produktionen herauszustechen.
Soviel steht fest: Der Trend hin zu KI-Produktionen scheint nicht zu verschwinden, es geht vor allem um die Frage, welchen Raum und welche Rolle sie in Zukunft einnehmen.




















