Über das Experten-Unwesen : Wer uns im ÖRR die Welt erklärt
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A propos des « experts » dans la presse et sur les plateaux de télé et comment accéder au statut d’expert.
Citation : Les critères qui comptent pour les responsables de la programmation dans les rédactions : il faut toujours répondre à son portable, même à la caisse d’Aldi, même quand on ne connaît pas le numéro. Même à trois heures du matin. Il faut toujours être disponible et accepter, car les demandes sont toujours de dernière minute. Et il faut savoir s’exprimer sans faux pas en quelques phrases, même avec peu de temps de préparation. Une touche d’humour, une bonne prononciation et une apparence télégénique ne font pas de mal non plus – et voilà, vous êtes l’expert né .
4.5.2026 Alexander Teske - Schon so mancher Erklärer hat sich als Hochstapler oder Fantast entpuppt. Doch solange man eloquent formuliert und schnell liefern kann, ist erstmal alles gut.
Bei der Tagesschau habe ich als Planer gearbeitet. Zu den Aufgaben eines Planers gehört es, Experten zu suchen. Gesprächspartner, die als Koryphäen auf ihrem Gebiet, in knappen Sätzen etwas gut erklären können. Oder einordnen. Warum Iran bombardiert wird, der Strom so teuer ist, Wale stranden, Trump Erfolg hat. Umso überraschter war ich über die Frage einer Kollegin, wonach wir eigentlich Experten einladen. Was da unsere Kriterien sind. Sie sei auf eine Veranstaltung eingeladen und solle diese Frage beantworten. Das Verblüffende: Ich wusste auch nach 21 Jahren als Planer bei MDR und NDR keine schnelle Antwort.
Selbstreflexion unserer Arbeit war selten
Jeder sah sich als Einzelkämpfer und hatte seine eigene Datei mit Experten. Wie und wonach er jemand aussuchte, blieb ihm überlassen. Daran musste ich denken, als ich über einen Artikel der Kollegen der „Zeit“ stolperte. Die Wochenzeitung beschäftigte sich mit Rüdiger Maas. Überschrift: „Ist Deutschlands bekanntester Generationenforscher ein Blender?“ Maas wurde als Experte und Psychologe durch fast alle deutschen Medien gereicht. Jahrelang war er einer der gefragtesten Erklärer gesellschaftlicher Trends.
Als „Psychologe" wurde er in den Tagesthemen oder auf NDR info vorgestellt und ordnete ein, warum die AfD so gut Erstwähler erreicht. Angeblich würde das über die Eltern vererbt. Im SWR 1 wurde er als „renommierter Generationenforscher“ vorgestellt, bei Bayern 2 als „Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie“ eingeführt und beim WDR sitzt er als „Wirtschaftspsychologe“ auf der Couch. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk war der Experte im stets offenen Hemd ein Stammgast – im ARD-Morgenmagazin, im heute journal oder bei Markus Lanz. Wurde er als „Philosoph“ vorgestellt, widersprach er nicht.
Firo
Unser Autor Stephanie Steinkopf/Ostkreuz
Vier-Tage-Woche, Generation Z, Tik-Toks-Trends – Maas konnte alles erklären. Doch eine Recherche der „Jungen Freiheit“ machte zahlreiche Ungereimtheiten in seinem Lebenslauf, seiner Forschung und seinem Institut öffentlich. Er sei kein Diplom-Psychologe, promoviert habe er in Psychologie auch nicht. Die „Zeit“ recherchierte weiter. Nun hatte Maas plötzlich in Informationswissenschaften promoviert – an der Hochschule für Bibliothekwesen in Sofia. Und die Mitarbeiter seines Instituts gaben reihenweise an, dort vor Jahren einmal ein Praktikum absolviert zu haben oder nur in Teilzeit tätig zu sein. Eine Zweigstelle in Berlin existiert unter der angegebenen Adresse nicht. Wissenschaftliche Arbeiten publizierte Maas, wenn überhaupt, in drittklassigen Publikationen, die zum Beispiel in Pakistan herausgegeben werden.
Einen Abschluss als Philosoph hat Maas auch nicht. Nun interessierte sich auch die „FAZ“ für den Fall. Der Plagiatsjäger Stefan Weber hat schließlich aktuell in der Doktorarbeit von Maas Zitate aus Studien gefunden, die gar nicht existieren. Ein neuer Baron Münchhausen? Das ZDF hat Maas vorsorglich von seiner 500 Namen umfassenden Experten-Liste gestrichen. Interessant wäre zu erfahren, wie er dort landen konnte. Eine Frage, die sich an alle Redaktionen richtet. Und zwar ganz ohne Schaum vor dem Mund: Sie wissen ja – wer im Glashaus sitzt… Vielleicht war Rüdiger Maas so ein beliebter Gesprächspartner in deutschen Medien, weil er gesagt hat, was Journalisten gern hören?
Doti
Rüdiger Maas © IMAGO/teutopress GmbH
Er vertrat Positionen wie ein Social-Media-Verbot für Jugendliche bis 18 Jahre und schrieb das Buch „Generation arbeitsunfähig – warum uns die Jungen zwingen, Arbeit und Gesellschaft jetzt neu zu denken“. Es ist der Nachfolger des Machwerks „Generation lebensunfähig“. Sein nächster Paukenschlag ist für Juni angekündigt. Kurz vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland trägt es den Titel: „Generation rechts? Zwischen Überbehütung und Existenzangst: Warum sich junge Menschen von der politischen Mitte abwenden.“ Die „Zeit“ konstatiert: „Maas beschreibt in seinen Büchern, was viele ohnehin im Gefühl haben.“ Vielleicht sein Erfolgsgeheimnis.
Nur in der Wissenschaft genießt Maas kein hohes Ansehen. Was ihn mit Michael Winterhoff verbindet. Auch der attestierte unserer Jugend verhätschelt zu sein, ein Opfer der Kuschelpädagogik sozusagen. Auch er schaffte es mit kruden Thesen in die erste Reihe bei Anne Will, Sandra Maischberger oder Markus Lanz. Durch seine Auftritte wurde Winterhoff bundesweit bekannt und konnte 1,4 Millionen Exemplare seiner Bücher verkaufen. Diese tragen Titel wie „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. In der Fachwelt schüttelte man darüber nicht nur den Kopf. Winterhoff wurde von Psychologen und Pädagogen widerlegt und angegangen.
Geipel verheimlichte Jahrelang ihre SED-Vergagenheit
Enttarnt wurde er 2021 durch eine ARD-Dokumentation. Winterhoff war, im Gegensatz zu Maas, zudem kriminell. Das Landgericht Bonn hat den Kinderpsychiater vor kurzem zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt. Die Kammer sah es als erwiesen an, dass Winterhoff in sieben Fällen vorsätzliche Körperverletzung und in einem Fall fahrlässige Körperverletzung begangen hat.
Eine von den Medien hofierte Hochstaplerin ist auch Ines Geipel. Sie verheimlichte jahrelang ihre SED-Vergangenheit, bezog Dopingopferentschädigung, obwohl sie wissentlich gedopt hat, ließ sich medienwirksam aus einer Weltrekordliste streichen, obwohl es den Weltrekord nicht gab, behauptete aus politischen Gründen nicht ins Olympiateam aufgenommen worden zu sein, obwohl es gar kein Olympiateam wegen des Boykotts der Spiele 1984 gab und gab im australischen TV an, ihr sei bei einer Blinddarm-OP die Bauchdecke zerschnitten worden, weil die Stasi von ihren Fluchtplänen erfahren habe – tatsächlich lief sie danach noch Rennen.
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Ines Geipel © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Sie erzählte, wie sie 1989 über einen Grenzabschnitt in Ungarn geflohen ist, an dem 18 Menschen ums Leben kamen – in Wahrheit war es nur einer. Trotzdem wird Geipel regelmäßig als Expertin eingeladen. Im Deutschlandfunk darf sie zum Erscheinen der OAZ erzählen, dass das „Imperium Holger Friedrich pro AfD und pro russisch sei und die DDR-Diktatur verleugne“. Dazu käme die „notorische Systemkritik und das Klagen über fehlende Meinungsfreiheit“, kurz „eine desinformierende Fabelwelt, ein hochproblematischer Ansatz“. MDR Kultur, SWR Kultur, BR und der RBB rollen ihrem neuen Buch den roten Teppich aus, welches dann folgerichtig für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wird.
Und erinnern Sie sich noch an Christian Pfeiffer? Auch TV-Pfeiffer oder Töpfchen-Pfeifer genannt? Er war ebenfalls nie um eine wilde Theorie verlegen. Geradezu berühmt wurde seine steile These, die Ossis wären überdurchschnittlich rechtsextrem, weil sie als Kleinkinder alle gemeinsam in den Krippen auf dem Töpfchen sitzen mussten. Pfeiffer, jahrelang Chef des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, schaffte es damit mühelos in alle relevanten Talkshows. Er haute öfter mal einen raus. So stellte er die These in den Raum, dass Online-Killer-Spiele Kinder aggressiv machten, die heute längst widerlegt ist. Der Mutter von Sebnitz, die behauptete, ihr kleiner Sohn sei aus fremdenfeindlichen Motiven vor aller Augen von Neonazis im Freibad ertränkt worden, bescheinigt er eine hohe Glaubwürdigkeit. Kurze Zeit später stand fest: Die Mutter hatte sich alles ausgedacht.
Geschadet hat Pfeiffer dies nie. Er kam jährlich auf über 100 Medienauftritte und erklärte mal dies, mal das, mal Ananas. Er erfüllte die Kriterien, die für die Planer in den Redaktionen relevant sind: Man muss immer an sein Handy gehen, auch bei Aldi an der Kasse, auch bei unbekannten Nummern. Auch nachts um drei Uhr. Man muss immer Zeit haben und zusagen, denn die Anfragen sind stets kurzfristig. Und man muss in knappen Sätzen unfallfrei sprechen können, auch mit wenig Vorbereitungszeit. Auch eine Prise Humor, eine gute Aussprache und ein telegenes Aussehen schaden nicht – und schon sind Sie der geborene Experte.
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Christian Pfeiffer © Joachim Sielski via www.imago-images.de
Natürlich müssen Sie erzählen, was in das Weltbild der Redakteure passt. Zum Beispiel, dass sich der Osten von der Demokratie verabschiedet hat. Und schon sitzen Sie wie Jana Hensel bei Markus Lanz im ZDF, bei „Hart, aber fair“ in der ARD und im „Bild“-Podcast von Paul Ronzheimer und erklären, einem Polarforscher gleich, den Ossi, das unbekannte, extremistische Wesen. Und Hensel sagt dem SWR, was man so sagen muss: Ostdeutschland brauche diese Ostdeutsche Allgemeine Zeitung nicht. Hensel verdient ihr Geld bei der Konkurrenz, der „Zeit“. (Transparenzhinweis: Die Ostdeutsche Zeitung erscheint im selben Unternehmen wie die Berliner Zeitung).
Ein Paradebeispiel ist auch Claudia Kemfert. Für den Spiegel ist sie Deutschlands Energie-Expertin „mit den meisten Fehlprognosen“. Zudem sei sie „wendig“, weil sie ihre Ansichten regelmäßig anpasse – was für eine Wissenschaftlerin nicht gerade üblich sei. Der Focus listete Beispiele auf: 2008 sagte Kemfert massive Preissteigerungen beim Ölpreis voraus und tingelte als „200-Dollar-Kassandra“ durch die Talkshows. Der Ölpreis sackte kurz danach auf 40 Euro ab. Kemfert sprach sich früher für längere Laufzeiten von Atomkraftwerken aus. Später war sie für deren Abschaltung. 2011 waren Gaskraftwerke für sie eine „wirkliche Brückentechnologie“, elf Jahre später kritisiert sie Politiker, die auf Gas setzten.
2010 prognostizierte sie für das Jahr 2020 eine EEG-Umlage von „etwa 3,5 Cent“ pro Kilowattstunde, es wurden dann über 6,7 Cent. 2021 sagte Kemfert: „Die Angst vor dem Blackout wird nur von Ewiggestrigen geschürt.“ Neun Monate später: „Wir müssen uns leider Gedanken über einen Blackout machen.“ Und doch sitzt Claudia Kemfert regelmäßig als Expertin vor den Kameras, hatte bis vor kurzem einen eigenen Klima-Podcast im MDR.
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Claudia Kemfert © IMAGO/Jürgen Heinrich
Was Sie als potenzieller Experte nicht tun dürfen: Den Korridor der geduldeten Meinungsfreiheit verlassen. So wie Werner Patzelt. Der Gründungsdekan der TU Dresden führte drei Studien zu Pegida durch. Ergebnis: Nicht nur Rechtsradikale in der Bewegung. Der CDU attestierte Patzelt eine Mitschuld am Aufstieg der AfD, da sie immer mehr nach links gerückt sei. Heute würde das kaum noch jemand bestreiten. Vor zehn Jahren hat sich Patzelt damit fast ins Abseits im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschossen. Der Stammgast bei Tageschau, Deutschlandfunk und MDR wird kaum noch eingeladen.
Ein Schicksal, welches er mit Gabriele Krone-Schmalz teilt. Die einstige Moskau-Korrespondentin saß viele Jahre in zahlreichen Talkshows der ARD. Bis sie den Senderverantwortlichen zu russlandfreundliche Positionen vertrat. Auf der YouTube-Seite des MDR ist ein Interview mit ihr mit elf Millionen Ansichten das erfolgreichste Video überhaupt – es ist elf Jahre alt. Aber auch Harald Kujat wird nicht mehr eingeladen. Einst der ranghöchste Offizier der Bundeswehr und Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, hat er nun plötzlich keine Ahnung mehr von militärischen Vorgängen – sagen die Entscheider bei ZDF, Tagesschau, RTL oder Spiegel, die seit Jahren auf ihn verzichten.
Genauso wie auf Alice Schwarzer oder Horst Teltschik, die alle zum Inventar in deutschen Talkshows gehörten und nun keine Experten

































