#sprache

  • Sprechfunk-Alphabet
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Buchstabiertafel

    Unter dem Eintrag Buchstabiertafel beschreibt das Mitmachlexikon die Geschichte der Buchstabenersetzungen, mit deren Hilfe Worte auch bei schlechter Übertragungsqualität präzise per Sprechfunk übermittelt werden können. Die zuletzt im Taxisprechfunk gebräuchliche Tafel gab dem Siegfried gegenüber dem Samuel den Vorzug und war ein Nazi-Atavismus.

    1926 -> 1934

    David -> Dora
    Jacob -> Jot
    Nathan -> Nikolaus
    Samuel -> Siegfried
    Zacharias -> Zeppelin

    Das tausendjährige Reich der Berufskleingeister und mordenden Piesepampel feiert bis zuletzt fröhliche Urständ in der Buchstabiertafel. Seit mir die Tatsache bewußt geworden ist, daß ich die nazistische Buchstabierpraxis aus Unkenntnis jahrelang selbst praktiziert habe, empfinde ich tiefe Abscheu bei jeder Begegnung mit ideologisch begründeten Sprachverbesserungen.

    Die Postkarte eines gewissen Joh. Schliemann vom 22. März 1933 gab den Anlass zu einer Änderung der Buchstabiertafel im Sinne der NS-Ideologie. Diese Karte wurde am 24. März mit folgender Notiz an die Oberpostdirektion Schwerin weitergeleitet:

    „Anliegend wird ein Schreiben des hiesigen Teilnehmers Joh. Schliemann – 2155/56 – wegen Ausmerzen der in der Buchstabiertafel auf Seite 5 des Fernsprechbuches enthaltenen jüdischen Namen vorgelegt.“

    Postkarte und Notiz gingen einen Tag später mit einem Begleitschreiben an die Oberpostdirektion Berlin:

    „Es [das Anschreiben aus Rostock] verkennt hierbei indes, daß es sich um Namen von Männern des alten Testaments handelt, die später nicht nur von Juden, sondern vielfach auch von allgemein angesehenen Männern beider christlicher Konfessionen getragen worden sind. Bei Ausräumung dieser Namen aus der Buchstabiertafel zum augenblicklichen Zeitpunkt kann mit Sicherheit angenommen werden, daß diese Maßnahme nicht nur bei dem Judentum Anstoß erregen, sondern auch bei den Angehörigen der beiden christlichen Konfessionen nicht überall Verständnis finden wird und möglicherweise auch im Ausland Angriffe zufolge haben würde, die der nationalen Bewegung in Deutschland nicht dienlich sind. Die OPD erachtet daher eine Änderung in der angestrebten Weise zum mindesten jetzt noch nicht für angebracht und beabsichtigt, den Antragsteller durch das Postamt Rostock dahingehend im Wege mündlicher Besprechung bescheiden zu lassen. […]“

    Die Angelegenheit landete schließlich am 31. März 1933 auf dem Schreibtisch des Beamten Neugebauer, der einer Änderung aufgeschlossen gegenüberstand. Er veranlasste den Test nichtjüdischer Namen und am 22. April wurden die Änderungsvorschläge Dora, Julius, Nikolaus, Siegfried und Zeppelin veröffentlicht.

    Von 2019 an wurde in einem drei Jahre dauernden Verfahren mit der Nazibuchstabiererei aufgeräumt und am 13. Mai 2022 eine zeitgemäße DIN 5009:2022-06 beschlossen.

    Tabelle mit historischen, aktuellen und diskutierten Versionen
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Buchstabiertafel#Tabelle_mit_historischen,_aktuellen_und_diskutierte

    #Taxi #Sprechfunk #Geschichte #Deutsch #Sprache #Ideologie #Nazis

  • Das Märchen vom Gendersterntaler
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/theodor-wolff-preis-2022-ingo-meyer-gewinnt-journalistenpreis-li.23

    Die Auseinandersetzung mit den zahlreichen Versuchen, eine „geschlechtergerechte Sprache“ durchzusetzen, erfordert viel Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und Präzisionz in sprachlicher und in sachlicher Hinsicht. Der Schlußredakteur der Berliner Zeitung Ingo Meyer hat für einen Essay zum Thema den Theodor-Wolff-Preis des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) erhalten. Das ist für sich genommen noch kein Beleg für die Richtigkeit der Positionen des Essays. Ingo Meyer selber berichtet, dass er den Text wöhrend mehrerer Monate entwickelt hat. Das bemerkt man bei seiner Lektüre ebenso wie den Versuch des Autors, bei allem Humor, den er beweist, ernsthaft und aufrichtig zu sein. Als Liebhaber der deutschen Sprache und aktiver Schreiber werde ich mich an seinen Erkenntnissen orientieren.

    Ich werde alle Versuche unterlassen, meine Texte mit Gewalt „gendergerecht“ zu machen und anstelle dessen genau darauf achten, bei allen Themen präzise zu sagen, um wen und um was es geht. Das schulde ich allen, über und für die ich schreibe. Soviel Respekt muss sein.

    15.5.2021 von Ingo Meyer - Dieser Essay, verfasst von Ingo Meyer, der als Korrektor bei der Berliner Zeitung arbeitet, wurde für den Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie Meinung nominiert.

    Die Welt, wie sie ist, scheint näher an der Hölle als am Paradies. Schmelzende Gletscher, strandende Öltanker, Epidemien. Auslöser all dessen ist eine zweibeinige Spezies, die sich seit Jahrtausenden bekriegt und unterdrückt. Und die trotzdem immer wieder paradiesische Tupfer in dieses Bild zu setzen vermag. Unsere Gesellschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten große soziale und ethische Fortschritte gemacht. Sie wird liberaler, die Gleichberechtigung der Geschlechter wächst, die Menschen können sich in ihrer sexuellen Vielfalt immer offener zeigen.

    Eine Sphäre dieses Fortschrittbemühens nennt sich Identitätspolitik. Diese Denkrichtung geht von der Benachteiligung einzelner Gruppen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder Herkunft aus, sie hat einen emanzipatorischen Kern. Aber sie hat auch Schattenseiten. An ihren Rändern sitzt das Gespenst einer Ideologie, die die Welt in wir und ihr teilt, die ein- und ausgrenzt, die Begriffe wie „transphob“ und „woke“ erfindet und Menschen damit kategorisiert. In jener Welt bin ich kein Ostdeutscher, kein Fußballfan, kein Tangotänzer, kein Journalist, kein Liebender, kein Sohn und Bruder. Dort bin ich ein „weißer Cis-Mann“.

    Eines der Ziele der Identitätspolitik ist die Reinigung der Gesellschaft von allem, was als problematisch angesehen wird. Ging es anfangs um Statuen und Straßennamen, steht inzwischen auch der literarische Kanon im Fokus. Der „heteronormative Rassist“ William Shakespeare verschwindet in ersten amerikanischen Schulen vom Unterrichtsplan. Eine weiße Frau soll keine Gedichte einer schwarzen Frau übersetzen, ein Heterosexueller im Film keinen Schwulen darstellen. „Wie konnten Linke ihre faszinierende Intelligenz, das Denken in Widersprüchen, verlernen?“, wundert sich der Dramaturg und Publizist Bernd Stegemann und bezweifelt, dass es sich hier überhaupt noch um linkes Denken handelt.

    Das in der identitätspolitischen Bewegung vorherrschende Gruppendenken scheint den einzelnen Menschen mehr und mehr aus dem Blick zu verlieren. „Wieviel Identität verträgt die Gesellschaft“, fragte kürzlich Wolfgang Thierse und geriet mit seiner offenen Frage in die Schusslinie jener Kräfte, die die SPD gerade von innen her auffressen.

    Was hat das alles mit dem Genderstern zu tun?

    Ich arbeite als Korrektor im Berliner Verlag. In unseren Publikationen wie in der deutschen Medienlandschaft erlebe ich einen Sprachwandel in einem bislang unbekannten Ausmaß. Er nennt sich Gendersprache und zeigt sich in Umschreibungen, Doppelnennungen, Partizipien und typografischen Zeichen – etwa dem Asterisk als sogenanntem Genderstern.

    Gendersprache ist die Takelage der Identitätspolitik. Sie soll helfen, eine Ungerechtigkeit aufzulösen, nämlich dass Frauen und diversgeschlechtliche Menschen im deutschen Satz unsichtbar seien. Aus feministischer Sicht ist die sprachliche Gleichberechtigung in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft überfällig. Die Geschlechtsidentität einer Person in einer Erzählung müsse jederzeit betont werden, umgekehrt sollen sich alle Menschen angesprochen fühlen – durch *, :, _ oder Binnen-I. Wo dies unmöglich ist, soll gerechterweise niemand benannt werden.

    Auf ihrer Suche nach patriarchalischen Strukturen im Deutschen ist die feministische Sprachkritik beim generischen Maskulinum (kurz: Genum) fündig geworden. Behauptet wird, diese grammatische Form sei eine Diskriminierung, da sie nur Männer abbilde. Stimmt das?

    Der Mond ist nicht männlich, die Erde nicht weiblich, das Weltall nicht sächlich. Es gibt ein biologisches und ein grammatisches Geschlecht. Die beiden können sich überlagern, müssen es aber nicht: Der Feger (vom Verb „fegen“) hat nur ein grammatisches Geschlecht, ebenso der Schalter. Im Wort „Bäcker“ hingegen ist ein Mensch der Bedeutungsträger, und dabei ist völlig schnuppe, was er zwischen den Beinen trägt. Bäcker bezeichnet den Berufsstand des Backhandwerks, lange Zeit vorwiegend betrieben von Männern mit weißen Mützen. Irgendwann buk die Frau mit, das Wort „Bäckerin“ entstand, es war von Anfang an weiblich markiert. Bäcker hingegen blieb männlich und generisch.
    Das Genum meint keinen mit, es meint alle

    Mit dem Ursprung des Genum im Blick wird klar, warum es weder zwangsläufig noch auf jeden Menschen gleichermaßen männlich wirkt. Vielmehr changiert es zwischen den Geschlechtern. Wie oft im sprachlichen Verstehen spielt der Kontext eine Rolle, sonst könnte man bei Schloss nie zwischen Märchen-, Tür- und Fahrradschloss unterscheiden. An wen denken Sie bei „die Täter“? An wen bei „eine Gruppe von Urlaubern“, an wen bei „die kleinen Stromer“. Und bei „Ärzte“? Ich assoziiere hier weiße Kittel oder eine Rockband. Friseur ist für viele weiblich aufgeladen, Klempner für die wenigsten. Das Genum ist ein Sprach-Chamäleon, das sich an unsere individuelle Vorstellungswelt anpasst. Das kann es nur deswegen, weil es unmarkiert ist, „geschlechterblind“, wie Sprachwissenschaftler bekräftigen und es 2018 auch der Bundesgerichtshof klarstellte.

    „Die potenzielle Mehrdeutigkeit maskuliner Nomen war und ist kein Problem“, sagt die Linguistin Ewa Trutkowski, „denn der sprachliche und außersprachliche Kontext reduziert die Auswahl unterschiedlicher Interpretationen meistens auf die eine wahrscheinlichste.“ Sämtliche Studien, die gegen das Genum ins Feld geführt werden, operieren ohne solche Kontextualisierungen. Frauen und Diverse sind nicht unsichtbar in der Sprache. Sie sind unsichtbar in manchen Köpfen.

    Ana Galvañ
    Gendern als Königsweg zu mehr Gerechtigkeit? Unser Autor fühlt sich eher ans Bürokratensprech der DDR erinnert.

    Sprachlich entstammt die Bäckerin also dem Bäcker so wie Eva der Rippe Adams. Alle abgeleiteten in-Formen krachen ohne das Grundwort in sich zusammen. Eine echt feministische Linguistik hätte ihre Axt eigentlich an diese Endung setzen müssen, statt sprachliche Windmühlen zu bekämpfen. Wie es ohne -in geht, zeigen Anglizismen wie Fan oder Punk, sie sind auch im Deutschen völlig geschlechtsneutral.

    Aber ist ein permanentes sprachliches Sichtbarmachen des biologischen Geschlechts überhaupt wünschenswert? Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verneint dies: „Identität ständig anzuzeigen, diskriminiert“, sagt sie. Wo solle es hinführen, dass man ständig und überall markieren müsse, welchen Geschlechts man sei. Dies verstärke eine Sexualisierung in der Sprache, von der man sich in der Gesellschaft ja gerade frei machen wolle.
    Wenn niemand markiert wird, wird niemand benachteiligt

    Blind und taub für solche Überlegungen möchte Gendersprache das generische Maskulinum aus unseren Köpfen kegeln. Was aber leisten ihre Ersatzmittel für das inhaltliche Verständnis, wie verändern sie die Wirkung von Texten?

    Genderdeutsch bürokratisiert die Alltagssprache, die dadurch präziser wirkt, an Umfang gewinnt und an Anschaulichkeit verliert. Anstelle konkreter Personen verwendete Partizipien lassen die Handelnden verschwimmen. Wen sehen Sie klarer vor sich: schlafende Studierende oder schlafende Studenten? Wo würden Sie eher bremsen: bei „Vorsicht Radfahrende“ oder „Vorsicht Radfahrer“?

    Die häufig benutzte Doppelform erscheint inklusiver, aber der Eindruck trügt. Wenn es mit Genum heißt „Die Finnen lieben den Tango“, stelle ich mir ein buntes Völkchen vor: dicke Männer, große Frauen, ein paar Jugendliche, Kinder gar, Opa und Oma. In dem Satz „Die Finninnen und Finnen lieben den Tango“ sehe ich nur noch Frauen und Männer in mittleren Jahren – keine Kinder, keine Jugendlichen und eigentlich auch keine alten Menschen mehr. Aus einem offenen Assoziationsraum ist eine geschlossene Achse geworden, auf der sich Männer und Frauen gegenüberzustehen scheinen. „Wo die Differenzierung eine ‚geeinte‘ Gruppe zerlegt, ist sie im besten Fall sinnlos“, sagt der ORF-Anchorman Tarek Leitner.

    Die Doppelform verkleinert aber nicht nur die Menge der Mitgedachten, sie führt auch oft auf semantische Abwege. „Terroristinnen und Terroristen“ klingt seltsam respektvoll, „die Vertreibung der Armenierinnen und Armenier“ verharmlosend, „um Luft ringende Patientinnen und Patienten“ furchtbar entseelt. „Wenn man von Jüdinnen und Juden, kurz Jüd*innen, sprechen muss, weil Juden als Sammelbegriff unzulässig geworden ist, dann bekommen Leute wie ich auf neue Weise einen Stern verpasst“, sagt Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

    Damit sind wir beim Genderstern.

    Mit ihm hält zum ersten Mal ein moralisches Signalzeichen Einzug in unsere Sprache. Während es in Orwells Dystopie „1984“ darum geht, durch Abschaffen von Begriffen das Denken zu reduzieren, soll der Genderstern das Denken ausweiten, indem er signalisiert: Achtung, es gibt nicht nur Männer und Frauen, sondern auch nonbinäre Menschen! Ein Erkennungszeichen für etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung. Kann Sprache, muss sie das leisten?
    Ein Stern ist ein Stern ist ein Stern

    „In der Schriftsprache ist das Sternchen eine überambitioniert anmutende Innovation, denn es überschreitet mit der ihm zugeschriebenen quasi unendlichen Referenz alles bisher Dagewesene“, kritisiert der Sprachwissenschaftler Tim Hirschberg. Die langgediente feministische Linguistin Luise Pusch befürwortet solch ein Legosteinprinzip nur so lange, als es nicht „das Femininum in drei Teile zerreißt: männlicher Wortstamm, Genderstern, weibliche Endung. Dass wir Frauen in solchen Gebilden mit der Endung abgespeist werden sollen, ist unakzeptabel.“

    Auch der Genderstern fällt durch den Praxistest. „Max und Elisabeth sind noch sehr jung und schon trockene Alkoholiker*innen“, schreibt die taz. Irgendwas stimmt mit dem Satz nicht. Die Frage „Hat sie*er persönlichen Kontakt zum*r Anführer*in“ (Edition F) ist kaum noch les- oder sprechbar. Das Sternchen unterliegt auch einer systematischen Ungleichbehandlung: Demokrat*innen ja, Diktator*innen nein. Dagegen wirkt es trivial, dass Wortlücken – egal, wie sie kodiert werden – es verunmöglichen, sich authentisch aufzuregen. Wieviel Emphase bleibt in „Ihr Idealist*innen! Ihr Fantast_innen! Ihr Stümper:innen!“ Wenn man das zu Ende denkt, kann man den Genderstern kaum ernster nehmen als ein Emoji oder ein Blümchen im Text.

    Die Genderist*innen, wie ich sie ab sofort nennen möchte, finden den Stern trotzdem super und würden ihm gern flächendeckend zum Durchbruch verhelfen. Paradox: Einerseits bewerben sie ihn mit dem Argument, er sei in der Anwendung unauffällig, andererseits soll er als sprachlicher Stolperstein ein Mitdenken bewirken. Beide Behauptungen schließen sich aus, beide sind falsch. Die Idee, ein Symbol könne mit Bedeutung gefüllt werden, funktioniert allenfalls eine Weile. Nach einiger Zeit automatisiert sich das Sprechen und die kleine Pause wird zur Formalie, bei der niemand mehr etwas mitdenkt.

    Ob Genderstern oder Ersatzformen: Konsequenz und Einfachheit sind zwei Qualitäten, die den Gendertechniken abgehen. Sie mögen im Community-Kontext zur Selbstvergewisserung von Individuum oder Gruppe hilfreich sein, als Sprachwerkzeuge einer vielschichtigen Gesellschaft taugen sie nicht. Selbst überzeugte Befürworter räumen ein, dass sich die Praxis nicht konsequent durchhalten lässt. Was aber nützt eine Idee, die Verständigung erschwert und ihr eigentliches Ziel verfehlt?

    Sprache reflektiert individuelle Vorstellungen. Ein Beispiel für erfolgreichen Vorstellungswandel ist der Begriff „Wähler“. Hier stellte man sich vor 100 Jahren ausschließlich erwachsene Männer vor. Als auch Frauen wählen durften, änderte sich auch die Vorstellungswelt hinter dem Begriff. Was hätte hier eine Wortumformung von Wählerverzeichnis in Wählendenverzeichnis genutzt?
    Corruptio optimi pessima

    Halten wir fest: Gendersprache ist weder praktisch noch zielführend. Doch damit nicht genug: „Politisch korrekte Sprache ist richtig hässlich. Sperrig, irgendwie technisch und einfach nicht schön“, schreibt das Lifestyle-Magazin Vice. „Aber irgendwie muss man Menschen ja nennen.“ Leider verfängt das Schönheitskriterium bei den Genderist*innen nicht. Sie finden es nicht wichtig. Warum, weiß ich nicht.

    Schönheit in der Sprache erwächst vor allem aus ihrer Funktionalität. Aus dem sinnfällig-witzigen Lehrsatz „Alle Schotten sind Briten, aber nicht alle Briten sind Schotten“ wird durch Gendern „Alle Schott*innen sind Brit*innen, aber nicht alle Brit*innen sind Schott*innen“ oder „Alle Schotten und Schottinnen sind Briten und Britinnen, aber nicht alle Briten und Britinnen sind Schotten und Schottinnen“. Man kann förmlich dabei zusehen, wie sich in einem prägnanten Gedanken der Fokus verschiebt, während der inhaltliche Kern sukzessive verblasst. Schickte man den Satz an den Lehrstuhl für Gender Studies an der Berliner Humboldt-Universität, käme dies zurück: „Alle Schottx sind Britx, aber nicht alle Britx sind Schottx“. Spätestens hier wird klar: Wenn es nach dem Willen extremer Sprachreformer ginge, wäre der Genderstern lediglich eine Etappe auf dem Weg zu weiteren drastischen Eingriffen in Syntax und Lexik des Deutschen. „Der Weg in die Sprachhölle ist mit korrekten Absichten gepflastert“, sagt der Zeit-Herausgeber Josef Joffe.

    Mein Hauptargument gegen das Gendern ist jedoch kein ästhetisches, sondern betrifft ein Missverständnis. Sprache entwickelt sich seit Jahrhunderten. Was funktioniert, setzt sich durch; was die Verständigung erschwert, wird abgeschliffen. Nie ist es ohne Schaden gelungen, diesen unbewussten Akt nachzuahmen. Zwar stimmt es: Wenn ich die Meldung „Sonntagsausflügler drängten ins Grüne“ lese, stelle ich mir die Menschen derzeit vorwiegend weiß vor. Um diesen Satz für mich „gerechter“ zu machen, bräuchte ich also vielerlei Hinweise. Gerecht in diesem Sinne wäre eine Formulierung wie „Die LSBTQI+, PoC, alte und junge Menschen inkludierenden Sonntagsausflügler*innen drängten ins Grüne“. Das ist offensichtlich absurd. Sprache hat nicht die Aufgabe, von Dritten erwünschte Bedeutungen in unsere Köpfe zu pflanzen. Es gibt keine geschlechtergerechte Sprache. Es gibt überhaupt keine gerechte Sprache. Es steht uns aber frei, die vorhandene Sprache gerecht zu verwenden.
    Sprache ist kein beliebig verfügbares Artefakt

    Wer könnte sich der Sache annehmen? Leider ist im Land der Zuständigkeiten niemand für die Sprache zuständig. Die Kultusministerkonferenz hat andere Sorgen, der Deutsche Presserat schläft, die Akademie für Sprache und Dichtung scheint mit Dichten vollauf ausgelastet, der Dudenverlag will seine Umsätze steigern, der Rat für Rechtschreibung beobachtet.

    In dieses Zuständigkeitsvakuum strömen verschiedenste sprachnormative Kräfte: Ministerien, Stadtverwaltungen, Gleichstellungsbeauftragte. Sie geben, selten unter fachlicher Begleitung, Leitfäden zum Gendern heraus, mit denen sie das Sprachproblem, das sie zu lösen vorgeben, selbst erschaffen. Bettina Hannover, Professorin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin, erklärt: „Ich wende in Vorlesungen und Vorträgen durchgehend geschlechtergerechte Sprache an und korrigiere das auch in den Hausarbeiten meiner Studierenden.“ In einem FAZ-Interview berichtet Lukas Honemann, Lehramtsstudent an der Universität Kassel, in manchen Vorlesungen werde damit gedroht, „dass der Verzicht auf genderneutrale Sprache ein Grund sein kann durchzufallen“. Andreas Rödder, Mitinitiator des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit, beschreibt die wachsenden Ängste von Kollegen vor Nichtberücksichtigung ihrer nichtgegenderten Forschungsanträge. Gendern droht zum Machtinstrument einer Ideologie zu werden, das freiem Denken und persönlicher Verantwortung zuwiderläuft.
    Sprachzauberer hier, Gendertechniker da

    Eingriffe in die Sprache – die etwas völlig anderes sind als systemische Eigenveränderungen – sind im Kern totalitär. Vielleicht fühle ich mich beim Genderthema deshalb an mein Leben in der DDR erinnert, in der es eine ideologisch gefärbte Kunstsprache gab, die man in der Öffentlichkeit nachahmte und im Privaten parodierte. Als ich im vergangenen Herbst im Radio die ersten Male Sprechpausen in Wörtern hörte, fühlte ich eine Entfremdung, als wäre in meine Wohnung eingebrochen und die Hälfte der Möbel umgestellt worden. Der wiederkehrende Singsang von den „Bürgerinnen und Bürgern“ lässt mich ähnlich benebelt weghören wie damals die Ernteberichte der Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“. Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke vermochte es kürzlich, in fünf Rundfunkminuten etwa 30-mal die Formel „Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen“ herunterzurattern, ab dem fünften Mal klang es wie „Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei“.

    Die mit dem Bachmann-Preis geehrte Autorin Olga Martynova beschreibt ihr post-sowjetisches Déjà-vu so: „Wenn ich von Kulturbeamten unterschriebene Flyer bekomme, wo Dichter*innen und Teilnehmende begrüßt werden, fühle ich mich unter Druck gesetzt. Ich als Autorin bekomme absurde sprachliche Empfehlungen von einer Kulturbehörde.“ Martynova sorgt sich vor allem um die Zunft: Wie will man auf Genderdeutsch Literatur verfassen, Lieder singen, Filme synchronisieren? „Die Gendersprache, das Überkorrekte und das ständige Moralisieren lassen vor allem eines missen: das Liebevolle, Zärtliche, das Neckende, Spielerische und den Humor“, sagt der Hamburger „Bordsteinkönig“ Michel Ruge.
    Individuelle Demütigung wird zu kollektiver Diskriminierung erklärt

    Julia Ruhs ist Volontärin beim Bayerischen Rundfunk und kämpft vehement gegen das Gendern. Die 27-Jährige verortet diese Praxis in einer „akademischen Blase“, außerhalb derer kaum gegendert werde. „Damit spaltet das gut gemeinte Sternchen, das es ja allen recht machen will, nicht nur die Worte in ihrer Mitte, sondern auch unsere Gesellschaft.“ Durch Gendern in Radio, Fernsehen und Zeitungen verstärkt sich der Eindruck, es gäbe zu dem Thema einen breiten Konsens. Eine Umfrage von YouGov zeigt, dass es nur 14 Prozent der Befragten ein klares Anliegen ist zu gendern. 14 Prozent, die den 86 anderen Prozent einreden, in unserer Sprache obwalte strukturelles Patriarchat. „Das grenzt an eine Verschwörungstheorie“, sagt der Typograf Friedrich Forssman.

    Bleibt die Frage, warum dieses Narrativ trotzdem bei einigen Menschen verfängt, und warum die Genderist*innen so vehement darauf beharren und es wie einen Glaubenssatz gegen jeden Einwand verteidigen. Die Idee, mit einer simplen Sprachänderung die Gesellschaft zu verbessern, klingt einleuchtend und verlockend. Das erklärt die fast hypnotische Anziehungskraft, die dieser Gedanke auf viele ausübt. Die Antwort auf den zweiten Teil der Frage ist heikler, und ich kann sie hier nicht abschließend geben. Sie wäre möglicherweise dort zu finden, wo Menschen in ihre Biografien schauen und schmerzhafte Benachteiligungen auffinden, die Wut oder Schmerz bei ihnen auslösen. Der Schmerz des Nichtgesehenwerdens wäre durch ein Gendersprech-Placebo jedoch nicht zu heilen, sondern nur zu betäuben. Irgendwann würden die Wunden wieder aufbrechen, und dann müsste man die Sprache erneut ändern.

    Sprache kreiere Welt, behauptet Foucault. Über dem Wunsch nach idealer Verständigung schwebt vor allem der Wunsch, alle Widersprüche aufzulösen und Menschen zu Sprachengeln zu machen. Wenn alle Straßen umbenannt, alle Statuen geschleift, alle Unwörter ausgelöscht sind, in welcher Welt leben wir dann? Mensch sein heißt für mich, Widersprüche in sich zu tragen, Ambivalenz anzunehmen, Hölle oder Paradies für andere zu sein. Wenn man sich das vor Augen führt, bestünde die Chance auf einen anderen Denkansatz. Und vielleicht würde sich das Gespinst vom Nichtgemeintsein im Genum dann als das erweisen, was es ist: ein romantisches Märchen über Ausgrenzung und Unterdrückung.

    Die Aktivisten der Identitätspolitik haben im Gendern eine hehre Aufgabe entdeckt, in die sie sich mit Leidenschaft verbissen haben. Im Moment sind sie dabei, sich im Gendersprachwald zu verirren. Das generische Maskulinum ist eine Bastion der sprachlichen Klarheit und Integration in einem langsamen, bürokratischen und ein bisschen verrückt gewordenen Staat.

    Inklusiver Diskurs ist längst unter uns. Er ist überall dort, wo Menschen ihre Denkmuster hinterfragen, kreativ mit Sprache umgehen, subtil die Kontexte wandeln. „Die jungen Russen wünschen sich bessere Beziehungen zum Westen“, hieß es kürzlich in einem Beitrag dieser Zeitung. Über dem Text das Bild einer Frau.

    #Deutsch #Sprache #Diskriminierung

  • Gebäck zu Silvester: Pfannkuchen aus Berlin - keine Berliner! - Berlin - Tagesspiegel Mobil
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/gebaeck-zu-silvester-pfannkuchen-aus-berlin-keine-berliner/11168328.html

    Nachdem wir neulich in die Schützengräben von Zu- und An-Sagern blickten, (es ging darum, ob es „an“ oder „zu“ Weihnachten heißt), möchten wir heute einen neuen Streit befeuern. Oder, um im Bild des bereits über weiten Teilen Weddings und Kreuzberg grollenden Jahreswechsels zu bleiben: den nächsten Knaller zünden.

    Wie heißt nochmal der Hefeteigbatzen, der, gefüllt mit Marmelade oder Pflaumenmus, so manchen Silvesterabend versüßt? Sie verstehen nur Pfannkuchen? Dann haben Sie mit gewissem Grimm auch schon registriert, dass die An-Sager der indigenen Bevölkerung die nächste sprachliche Knorrigkeit auszutreiben suchen. „Das heißt Berliner“, belehren sie die Berliner gern und verweisen darauf, dass aus der Pfanne nur Plattes kommt (was hier selbstverständlich Eierkuchen heißt).

    Diese Plattheit lässt sich, mit Wissen über Berliner Legenden munitioniert, ganz leicht parieren: Denn zunächst einmal war es ein örtlicher Bäcker, der die Pfannkuchen erfunden haben soll. Stolz wie Bolle, dass er für den Alten Fritz in den Krieg ziehen durfte, formte er Hefeteigstücke im Felde, die an Kanonenkugeln erinnerten. Und weil es in Kriegen zwar Konflikt- aber keine Backherde gibt, warf der bellezistische Bäcker seine Batzen einfach ins Öl. Und das siedete – in großen Pfannen.

    #Berlin #Sprache #Kultur #Geschichte #Ernährung

  • #Sprache und #Politik: "Befragt man Bürger zur Migrationsbewegung, ...
    http://02mydafsoup-01.soup.io/post/632315117/Sprache-und-Politik-Befragt-man-B-rger

    #Sprache und #Politik: „Befragt man Bürger zur Migrationsbewegung, so sprechen sie sich eher dafür aus – spricht man sie aber auf die Migrationswelle an, sind sie stärker dagegen. Und zwar bei identischer Faktenlage!“ http://www.deutschlandfunkkultur.de/ueber-die-macht-der-umfragen-wenn-meinungsforscher-die.1005.de from 02mysoup-aa]

    #regular #snth01

  • Berliner Dialekt: Woher kommen Icke, Boom und Kinkerlitzchen? | Berliner Zeitung
    http://www.berliner-zeitung.de/wissen/berliner-dialekt-woher-kommen-icke--boom-und-kinkerlitzchen--261993

    Torsten Harmsen - „Der Berliner Dialekt: Was ist das eigentlich? Wo kommt er her?“ fragt Michael Solf, Sprachforscher an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). So klar ist das offenbar nicht. „Die historische Quellenlage zur Geschichte des Berlinischen ist dünn.“ Im Mittelalter hätten die Menschen in Berlin vor allem Mittelniederdeutsch gesprochen. Über lange Zeit sei die sprachliche Entwicklung nicht greifbar gewesen, sagt Solf. „Und im 18. Jahrhundert war das Berlinische im Grunde schon so da, wie man es heute kennt.“ Was bis dahin geschehen war, erzählte Solf am Montagabend im Leibniz-Saal der BBAW am Gendarmenmarkt zur Eröffnung des neuen Jahresthemas „Sprache“. Die Veranstaltung hieß „Die Stimmen von Berlin“.

    Nach dem Ende der Herrschaft der Askanier und der Wittelsbacher kamen 1415 mit Friedrich I. die fränkischen Hohenzollern in die Mark Brandenburg – mit großen Teilen des Hofstaats und sprachlichen Folgen. „Ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ging dann das mittelalterliche Niederdeutsch unter“, sagt Michael Solf. „Man schrieb Hochdeutsch in der Doppelstadt Berlin-Cölln.“

    Ursprung im Sächsischen

    Mit der mündlichen Sprache passierte in jener Zeit etwas, was viele Berliner nicht erfreuen wird. Berlin liege zwar nördlich der sogenannten Ick/Ich-Grenze und gehöre auf gewisse Weise zur niederdeutschen Dialektlandschaft, sagt Solf. Aber das Obersächsische – die einst verbreitete Sprache der Oberschicht – hätte großen Einfluss auf das Berlinische gehabt. „Es teilt mit dem Niederdeutschen viele Eigenheiten, aber die Parallelen zum Obersächsischen sind in der gesprochenen Sprache viel augenfälliger“, lautet die These, die Solf vertritt. Die Sprachforscherin Agathe Lasch hat es einst noch radikaler formuliert: Berlinisch sei Sächsisch mit niederdeutscher Aussprache.

    Als Beispiel dient Solf unter anderem die Verschiebung des Lautes „au“ zu „o“. Berliner sagten „ooch“, „glooben“, „Boom“, ähnlich wie die Sachsen. Niederdeutsches Platt dagegen findet sich in Worten wie „ick“, „kieken“, „det“ und „bissken“.
    Der Akkudativ

    Das Berlinische ist für Solf keine regellose Sprache. Als Beispiel nennt er den sogenannten Akkudativ. „Der Berliner sagt immer ,mir’, auch wenn es richtig ist.“ Wie konsequent das im Berliner Dialekt eingehalten wird, kann man in den Briefen der herrschenden Hohenzollern erkennen. So schrieb zum Beispiel Friedrich II. einst an den ihm sehr nahe stehenden Kammerdiener Fredersdorf: „Ich habe gemeinet, du häst mihr lieb und wirst mihr nicht den chagrin (Kummer, Ärger) machen, Dir umbs leben zu bringen, nun weis ich nicht, was ich davon halten sol!“ Typisch berlinisch auch: „Kome doch am fenster, ich wollte Dihr gerne sehen!“

    Das Berlinische habe mit der Zeit die Brandenburger Dialekte um sich her verdrängt, sagt Michael Solf. Inzwischen aber erleide es das gleiche Schicksal wie alle Dialekte. Es werde kaum noch weitergegeben, Zuwanderer lernten es nicht mehr. „Es gibt heute ganze Bezirke, in denen man korrektes Berlinisch nicht mehr erlernen kann“, sagt Solf, der selbst gebürtiger Berliner ist. Aber noch sei das Berlinische lebendig.

    Ansonsten fänden sich in Berlin mindestens 150 Sprachen. Diese Schätzung nannte der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein, Sprecher des Akademie-Jahresthemas, zu Beginn der Veranstaltung. Mit einigen Sprachen, die Berlin prägten und zum Teil bis heute prägen, beschäftigten sich sechs weitere Kurzvorträge des Abends. Dazu gehören das Französische, das hugenottische Migranten einst in die Stadt brachten, das Jiddische, Türkische oder Russische. Besonders interessant ist dabei, welche Spuren sich davon im Berlinischen selbst finden.

    Gaunersprache Rotwelsch

    Der Hamburger Sprachforscher Christoph Gutknecht führte das am Beispiel des Jiddischen vor, einer etwa tausend Jahre alten Sprache, die im Mittelalter im Südwesten Deutschlands entstand, später in Osteuropa von vertriebenen Juden gesprochen wurde und nach Jahrhunderten – als Ostjiddisch – über Migranten wieder nach Deutschland zurückkehrte. Viele von ihnen kamen nach Berlin. Der aktive Wortschatz des Deutschen enthalte mehr als 1000 Begriffe und Sprichwörter aus dem Jiddischen, sagte Gutknecht, der eine Reihe von Beispielen anführte. Viele seien über das Rotwelsche – die Sprache von Räubern und Vagabunden – ins Deutsche gekommen.

    „Zoff“ oder „sich zoffen“ zum Beispiel, heute sehr häufig verwendet, stamme aus dem Jiddischen, ebenso wie „Gauner“ oder „Ganove“ (von „ganaf“, dem Dieb), „Tinnef“, „Schlamassel“, „Mammon“, „Reibach“, „Tacheles“, „Stuss“ oder „großkotzig“ – von „groyskotsn“, einen reichen Angeber bezeichnend. Aus dem Jiddischen sollen sogar so typische Berliner Ausdrücke stammen wie „doof“ (das hebräische „dow“ bezeichnete einen täppischen Bären) und „dufte“ („tow“ stand für „gut“). Der gut gemeinte Wunsch „Hals- und Beinbruch“ wiederum rührt vom gesprochenen „Hazlocho we brocho“ her, das Glück und Segen bedeutet.
    Lamäng und Bredullje

    Über die Erfolgsgeschichte der hugenottischen Migranten in Berlin und Brandenburg sprach die Germanistin Manuela Böhm. Das Französische hatte vor allem im 17. und 18. Jahrhundert ein hohes Sozialprestige beim aufstrebenden Berliner Bürgertum. Für Händler, gebildete Geschäftsleute und Männer von Welt sei diese Sprache unerlässlich gewesen, sagt Manuela Böhm. Viele französische Begriffe sind ins Berlinische eingesickert, zum Teil auch durch den Einfluss späterer französischer Besatzer.

    „Kinkerlitzchen“ etwa stammt von französischen „quincaillerie“, eine Sammlung kleiner Waren bezeichnend. Wenn der Berliner sagt: „Dit mach ick aus den Lamäng“, dann macht er es ganz locker aus dem dem Handgelenk. „Der sitzt janz schön inne Bredullje“ kommt vom französischen „bredouille“ für Schwierigkeit, Bedrängnis. Der Ausdruck „Du musst uff’m Kiewief sein“ hat seinen Ursprung in „Qui vive?“ („Wer da?“), dem Ausruf französischer Wachen.

    Der sprachliche Austausch funktioniert aber auch in andere Richtung. Das zeigt zum Beispiel die russische Sprache, in der das Deutsche Begriffe hinterlassen hat, deren Ursprung Russen selbst kaum noch bekannt ist, darunter: „galstuk“ (Halstuch), „parikmacher“ (Friseur), „schlagbaum“, „buterbrodi“ und „schtraf“. Natalia Gagarina vom Berliner Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft erzählte in ihrem Vortrag, wie in Berlin lebende Russen deutsche Begriffe in eigene umwandeln. „Ich steige um“ beim Bahnfahren heißt zum Beispiel „umsteiguvaju“.

    #Berlin #Sprache #Geschichte

  • Sprachreinigung: Der erste Sarrazin hieß Otto - DIE WELT
    http://www.welt.de/kultur/article125913457/Der-erste-Sarrazin-hiess-Otto.html


    Irgenwie erinnert das Zwanghafte von Otto an seinen Nachfahren. Solche Leute leistet sich heute nur noch die Charlottenburger SPD, nicht wahr Genossinnen und Genossen ;-) ?

    Es gab schon mal einen Sarrazin mit steilen Thesen: Großonkel Otto Sarrazin war der oberste Sprachpurist des Kaiserreichs. Fremdwörter waren ihm verhasst. Statt „Baby“ wollte er „Kleinling“ sagen.
    ...
    Im Jahre 1885 war es zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (ADS) gekommen. Dessen Zielsetzung war die Reinigung der deutschen Sprache von Fremdwörtern. Sarrazin trat sofort bei, gehörte rasch dem Vorstand an und wurde 1900 erster Vorsitzender – bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden 1921, wenige Monate vor seinem Tod.
    ...
    1902 nimmt Sarrazin zur Sprache des neuen Zolltarifgesetzes Stellung, weil ein Abgeordneter moniert hatte, dass man des Guten bei den Verdeutschungen zu viel getan hat. 1908 gibt es einen Artikel über die „Schande“, wie das Kaufhaus des Westens in Berlin in seiner Werbung Fremdwörter benutze, und Sarrazin sucht die „Hauptschuld“ beim vornehmen weiblichen Geschlecht, das, „statt die Anzeige mit Entrüstung zurückzuschicken oder wenigstens in den Papierkorb zu werfen, eine derart angekündigte Ausstellung mit Wonne besucht und damit solch undeutsches Gebaren gutheißt. Jeder hat eben das Kaufhaus, das er verdient.“
    ...
    Als 1902 ein auswärtiges Vereinsmitglied in Windhoek die „Deutschverderber in Deutsch-Südwestafrika“ anschwärzt, sucht Sarrazin Hilfe beim Reichskanzler von Bülow mit seinem Bericht vom „Afrikanerdeutsch“, „das eine gräuliche Vermengung von Holländisch, Englisch, Herero und Nam darstelle, aber von den Deutschen … mit dem Eifer und der Vorliebe gelernt und gepflegt wird, die der Durchschnittsdeutsche allem Fremden und Ausländischen entgegenzubringen geneigt ist.“ Beim „Amerikadeutsch“ habe man keinen Einfluss, in Afrika „herrscht der Deutsche“, der das „bildungsfeindliche Kauderwelsch“ verbieten und ihm durch die „planmäßige Besiedelung des Landes durch rein deutsche Volksteile“ wehren könne – von Bülow versprach übrigens Geld zur Abhilfe.

    Otto Sarrazin hatte anscheinend das gleiche Problem wie alle Deutschtümler und Fanatiker nach ihm: Es ist die Zuneigung, die der Durchschnittsdeutsche allem Fremden und Ausländischen entgegenzubringen geneigt ist . Na dann ist ja, auf Deutsch gesagt, noch Hoffnung.

    #Berlin #Friedenau #Sarrazinstraße #KaDeWe #Sprache #Politik

  • A Guide to Berlin’s Coolest English Language Blogs - Berlin Logs
    http://www.berlinlogs.com/2015/05/berlins-english-blogs.html


    Englisch muß schon sein, wenn man heute in B überleben will.

    Not sure where to start in Berlin? Here’s our comprehensive- yet by no means definitive- list of some of the city’s best English language blogs:

    Berlin Logs is a print & online publication, based on the idea of citizen journalism. We are a growing team of writers from all over the world who all have one thing in common – a passion for this city we now call home.
    So, whether you live here, are thinking of moving here, or are just passing through, we’re sure you’ll find something to interest you.

    Was auch immer man davon hält, ansehen kostet nix (außer viiiel Zeit ;- 0)

    IHeartBerlin - http://www.iheartberlin.de

    We live in Berlin and we heart it so much that we have to share our love for it by running this blog. Here you find reviews and tipps if you visit or live in Berlin and want to know how to find the good stuff. From restaurants to shops, from theaters to art galleries, from concerts to party, from places to people.

    #Ausgehen #Veranstaltungen

    StilinBerlin - http://www.stilinberlin.de

    At its inception in the beginning of 2006, Stil in Berlin dealt with streetstyle, a city finding its feet, fashionwise, but over the past few years its scope has expanded, covering everything from food, style, art and life in ever-changing Berlin. It’s a way to share favorites, to hopefully reflect a little of what life here is and looks like.

    #magazin #Ausgehen #Essen #Veranstaltungen

    Collidoscopeberlin - http://collidoscopeberlin.com

    Collidoscope Berlin (and beyond) is a democratic and inclusive view of the many peoples, spaces, and settings that constitute the modern city. Through the lens of migration – the movement and coming together of people – we believe that we can understand more about what makes ‘us’ who we are on an individual, local, and global scale. Cities, as a reflection of ‘the we’, are a good place to start.

    #Politik #Kunst #Essen #Geschichte #Medien #Religion #Stadtentwicklung

    What Ali Wore - http://alioutfit.tumblr.com

    This is Ali. He walks past my work every morning wearing great clothes /
    www.zoespawton.com

    #Mode

    Wholy Goodness - http://www.wholygoodness.com

    This website is a manifestation of my long term desire to share my recipes and my journey with vegan cooking.

    #Essen #vegan

    The Needle - http://needleberlin.com

    Joseph Pearson (1975) is a writer and historian based in Berlin. He is the essayist and blogger of the Schaubühne Theatre, one of Berlin’s best known state-funded institutions. Since 2008, he has been the voice of The Needle, one of Berlin’s most popular blogs.

    #Tja

    Days of Deutsch - http://www.daysofdeutsch.com

    Learning German, word by word, image by image. Some of it is useful, some of it is utterly useless.

    #Sprache #deutsch

    Maedel’s With a Microphone - http://maedelswithamicrophone.wordpress.com

    The Mädels with a Microphone is a podcasting series from local journalists Jennifer Collins and Tam Eastley. Together, they strive to create informative and quirky long and short podcasts about the hidden side of Berlin. Jen and Tam use Creative Commons music from SoundCloud and make all of their podcasts free to use and share.

    #Podcast #Radio #sound #Kiez #

    Digital in Berlin - http://www.digitalinberlin.de

    As an independent cultural agency Digital in Berlin presents quality forms of serious music. Since 2007 we develop, curate and promote unique event concepts and concerts around the world.

    #Musik

    Kreuzberg’d - http://kreuzberged.com

    Everything You Never Knew You Wanted to Know About Berlin And Kreuzberg

    #Kreuzberg

    Berlin Food Stories - http://berlinfoodstories.com

    Hello, my name is Per and I’m your Berlin food expert.

    #Essen

    Digital Cosmonaut - http://digitalcosmonaut.com

    5 Days a Week week I sit in an office and dabble with the Internet for a living. On the weekends I head out an explore Berlins Abandoned locations. I have a passion for history and love uncovering Berlins little secrets.

    111 PLACES IN BERLIN
    #Foto

    Slow Travel Berlin - http://www.slowtravelberlin.com

    Slow Travel Berlin was founded in January 2010 by British guidebook author, travel journalist and photographer Paul Sullivan. The aim is to establish a repository of eclectic information about the city from a range of perspectives to encourage deeper, more varied exploration and promotion of small, locally-minded businesses and services.

    #Magazin

    Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/videren

    Flickr

    #Berlin #Blog