Wernekes Rede in Bielefeld
Weitere Stimmen
ver.di-Vorsitzender zum Sozialstaat
ver.di am 1. Mai 2026 — Rückblick
Motto 1. Mai 2026
Was ist der 1. Mai?
Der 1. Mai 2025
1. Mai ein Feiertag?
Geschichte des 1. Mai
Mehr als 360.000 Menschen haben am 1. Mai 2026 bundesweit für gute Arbeit, sichere Arbeitsplätze und soziale Sicherheit demonstriert. Der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke sprach in Bielefeld — und machte unmissverständlich klar: Der 1. Mai als Feiertag steht nicht zur Disposition. „Denn der 1. Mai – das ist unser Tag, und es bleibt unser Tag!“
Plakatmotiv vom DGB zum 1. Mai 2026
Der 1. Mai 2026 stand nicht nur im Zeichen von Jobsicherheit, sondern auch im Zeichen wachsender Angriffe auf den Sozialstaat. Seit Monaten wird er als zu teuer, zu groß oder nicht mehr finanzierbar dargestellt. Rechte wie Lohnfortzahlung, Arbeitszeitbegrenzung oder soziale Absicherung stehen erneut zur Disposition.
Das Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ bringt die Prioritäten auf den Punkt: Beschäftigte sollen nicht länger die Folgen von Krisen und Rendite-Interessen tragen. Bevor Gewinne gesichert werden, müssen Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit im Mittelpunkt stehen. Genau dafür steht der Sozialstaat.
Doch genau er wird zunehmend infrage gestellt. Während Unternehmen weiter Profite erwirtschaften, werden Einschnitte bei sozialen Leistungen und Rechten diskutiert – oft unter dem Vorwand von „Wettbewerbsfähigkeit“. Diese Erzählung lenkt ab: Nicht der Sozialstaat ist das Problem, sondern eine wachsende Ungleichverteilung von Vermögen und eine Politik, die soziale Sicherheit zur Verhandlungsmasse macht.
Der 1. Mai ist deshalb auch ein Tag der Verteidigung: für gute Arbeit und für einen starken Sozialstaat. Welche Argumente hinter diesen Angriffen stehen – und warum sie nicht tragen – haben wir unter folgendem Link zusammengestellt:
Stabil bleiben – sozial gestalten
1. Mai 2026: Wernekes Rede in Bielefeld — die wichtigsten Botschaften
Der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke nutzte die Kundgebung in Bielefeld für eine scharfe Abrechnung mit dem geplanten Sozialabbau, den Angriffen auf Arbeitnehmerrechte – und einer bemerkenswerten Provokation aus der Union.
Zum Angriff auf den 8-Stunden-Tag sagte er: „Das Arbeitszeitgesetz ist unverzichtbar für den Gesundheitsschutz. Wir nehmen den geplanten Angriff der Bundesregierung auf gesicherte Arbeitszeiten daher nicht einfach so hin. Mit Macht für die Acht!“ Laut Koalitionsvertrag soll der 8-Stunden-Tag abgeschafft und durch eine wöchentliche Höchstgrenze ersetzt werden. Die Folge: Unternehmen könnten Beschäftigte zu bis zu 13 Stunden Arbeit am Tag zwingen. „Das ist ein Rezept, um die Gesundheit von Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu ruinieren.“ Der 8-Stunden-Tag sei eine der großen Errungenschaften der Arbeiterbewegung — einst gemeinsam mit der SPD erkämpft.
Zur GKV-Reform: Die in dieser Woche vom Kabinett beschlossene Gesundheitsreform habe „eine deutliche Schlagseite zu Lasten der Versicherten und der Beschäftigten im Gesundheitswesen“. Zuzahlungen für Medikamente steigen, Kassenleistungen werden eingeschränkt, das Pflegebudget gedeckelt. Was technisch klinge, heiße in der Praxis: In Kliniken führe jede Lohnsteigerung zum Streichen von Personal. Viele Häuser hingen bereits am seidenen Faden. „Das werden jetzt ziemlich muntere Wochen werden“, kündigte Werneke an — und rief den gesamten DGB auf, gemeinsam für ein gutes Gesundheitssystem zu streiten.
Zur Rentendebatte: Bundeskanzler Merz habe deutlich gemacht, wohin die Reise gehen solle: Die gesetzliche Rente solle künftig „allenfalls noch eine Basisabsicherung“ sein. Für die Hälfte der Menschen in Deutschland — im Osten für drei Viertel — sei sie jedoch die einzige Absicherung im Alter. „Wer die gesetzliche Rente zu einer reinen Basisabsicherung demontiert, der verordnet Altersarmut per Gesetz. Und das akzeptieren wir nicht.“ ver.di fordert: kein Absenken des Rentenniveaus, betriebliche Altersvorsorge für alle mit verpflichtenden Arbeitgeberbeiträgen, keine Anhebung der Altersgrenze. „Hände weg von unserer Rente – und: Länger arbeiten, nicht mit uns!“
Und dann der Paukenschlag zum 1. Mai selbst: Die Union hatte im Koalitionsausschuss eingebracht, den 1. Mai als Feiertag zu streichen. Wernekes Antwort war eindeutig: „Die deutsche Gewerkschaftsbewegung war am 1. Mai schon auf der Straße, da haben die Konservativen in diesem Land noch Bismarck und dem Kaiser gehuldigt. Menschen – unsere Kolleginnen und Kollegen – sind gestorben für den 1. Mai als Tag der Arbeit. Niemals lassen wir uns den 1. Mai einfach wegnehmen.“
Es kann nicht richtig sein, dass in Zeiten der Krise zuerst daran gedacht wird, wie man diejenigen drangsaliert, bei denen es am wenigsten zu holen gibt.
— Frank Werneke, ver.di-Vorsitzender, 1. Mai 2026, Bielefeld
Weitere Stimmen vom 1. Mai 2026
ver.di-Vize Behle und Kocsis: „Wir lassen uns das nicht gefallen“
Auch die beiden stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden sandten klare Botschaften vom 1. Mai.
Christine Behle sprach in Köln auf dem Heumarkt: „Wir lassen uns den Abbau von Sozialstaatsleistungen nicht gefallen. Was geändert werden muss, ist die ungerechte Verteilung in diesem Land. Dafür stehen wir hier heute ein.“
Andrea Kocsis war in Unna und richtete sich per Videobotschaft an die Belegschaften: „Wir können es nicht weiter denen nehmen, die eh schon wenig haben, und denen geben, die viel zu viel haben. Hier sind alle motiviert und werden mobilisiert, diese Angriffe auf den Sozialstaat abzuwehren.“
DGB-Vorsitzende Fahimi und Vorstandsmitglied Piel: Beschäftigte sind nicht das Problem
DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi sprach bei der Hauptkundgebung in Nürnberg. Sie wandte sich gegen die Versuche, Beschäftigte zum Sündenbock der Krise zu machen: „Gute Arbeit, sichere Arbeitsplätze und soziale Sicherheit müssen immer Vorrang haben vor kurzfristigen Renditeinteressen. Wir sind nicht das Problem, sondern die Voraussetzung zur Lösung!“
Zur geplanten Abschaffung des 8-Stunden-Tags sagte Fahimi: „Wer das Arbeitszeitgesetz schleift, macht Arbeit nicht produktiver, sondern nur ungesünder und unsicherer.“
DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel widersprach in Rostock der Behauptung, der Sozialstaat sei zu teuer: „Der Sozialstaat, für den ihr täglich einzahlt, ist kein Luxus. Der Sozialstaat ist bezahlbar. Notwendig ist eine gerechtere Besteuerung sehr großer Vermögen und hoher Erbschaften.“
Werneke zum Generalangriff auf den Sozialstaat
Der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke hatte anlässlich des Tags der Arbeit bereits zuvor die Bundesregierung scharf kritisiert. „Wir erleben in diesen Wochen den traurigen Höhepunkt eines Generalangriffs auf den Sozialstaat“, sagte Werneke. Beschäftigte müssten um ihre Löhne bangen, Rentnerinnen und Rentner um ihre Altersbezüge, gesetzlich Versicherte um ihre Gesundheitsversorgung.
Stattdessen müssten die Stärksten der Gesellschaft – insbesondere diejenigen, die immer höhere Vermögen anhäufen – an der Bewältigung der Krisenfolgen angemessen beteiligt werden. „Bei den Reichsten in Deutschland geht es nicht darum, ob sie morgen noch die Miete zahlen oder sich einen Urlaub leisten können. Daher sind sie zuallererst gefragt, wenn dasjenige Land in eine Krise gerät, das ihren Erfolg durch soziale Stabilität, staatliche Infrastruktur und den Fleiß der Beschäftigten überhaupt erst ermöglicht hat.“
Steuerreform statt Kürzungen: ver.di fordert Umverteilung
ver.di fordert eine Steuerreform zugunsten kleiner und mittlerer Einkommen – ausgeglichen durch eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes, eine wirksame Besteuerung großer Erbschaften sowie die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die in Deutschland seit fast 30 Jahren nicht mehr erhoben wird.
„Mehreinnahmen durch Steuern von Beziehern hoher Einkommen und Vermögenden zum Tabu zu erklären, ist ein schlechter Trick, um ausgerechnet die Stärksten zu schonen“, so der ver.di-Vorsitzende.
Wie dringend verlässliche Steuereinnahmen sind, zeigt die Lage der Kommunen: Bei einem jährlichen Fehlbetrag von mehr als 30 Milliarden Euro seien die geplanten Finanzhilfen von bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. „Ausgerechnet dort, wo der Staat für die Menschen erlebbar ist, wird er gegen die Wand gefahren“, mahnt Werneke.
Rente: Das Problem ist nicht der Beitragssatz – sondern Altersarmut
Auch in der Rentendebatte setzt ver.di klare Akzente. Der Beitragssatz sei trotz alternder Bevölkerung so niedrig wie zuletzt vor drei Jahrzehnten, die staatlichen Rentenausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung gesunken – nicht gestiegen. „Das Problem ist, dass zu viele Renten viel zu gering sind“, sagt Werneke.
Wer jahrzehntelang gearbeitet habe, dürfe nicht in die Altersarmut rutschen. ver.di fordert spürbare Rentensteigerungen, finanziert durch eine breitere Einnahmebasis, steigende Bruttolöhne und höhere staatliche Zuschüsse. Ergänzend dazu brauche es eine flächendeckende betriebliche Altersversorgung für wirklich alle Beschäftigten. Die Gewerkschaften im DGB haben eine alternative Rentenkommission eingerichtet, die im Juni ihre Vorschläge vorlegen wird.
Statt Angst vor Altersarmut brauchen wir die verlässliche Zuversicht auf ein Altwerden in Würde.
— Frank Werneke, ver.di-Vorsitzender
Neues Sozialstaatsbündnis: 20 Millionen Menschen, eine Botschaft
Kürzlich haben sich 14 große zivilgesellschaftliche Organisationen – von Gewerkschaften über Sozialverbände bis hin zu Diakonie und Mieterbund – zu einem neuen Sozialstaatsbündnis zusammengeschlossen. Die Mitgliedsorganisationen repräsentieren insgesamt 20 Millionen Menschen in Deutschland. Ihre gemeinsame Botschaft: Der Sozialstaat ist essenziell für sozialen Frieden, wirtschaftliche Teilhabe und demokratische Stabilität – und er ist finanzierbar.
Der Sozialstaat in Deutschland ist nicht die Ursache der Krise – sondern die Antwort darauf.
— Frank Werneke, ver.di-Vorsitzender
ver.di am 1. Mai 2026 — Rückblick
Frank Werneke sprach in Bielefeld, Andrea Kocsis in Unna, Christine Behle in Köln und Rebecca Liebig in Freiburg. Die zentrale DGB-Kundgebung fand in Nürnberg statt — mit DGB-Vorsitzender Yasmin Fahimi. Bundesweit beteiligten sich mehr als 360.000 Menschen an den Veranstaltungen.
Wie lautete das Motto zum 1. Mai 2026?
Erst unsere Jobs, dann eure Profite - unter diesem Motto haben der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Mitgliedsgewerkschaften, darunter auch ver.di, 2026 ihre Mai-Kundgebungen gestellt.
Seite zwei Jahren erlebt Deutschland eine Wirtschaftskrise, die zehntausende Jobs kostet, nicht nur in der Industrie. Schließungen von Produktionsstandorten liegen nicht an denen, die Tag für Tag ihre Arbeit machen. Doch viele Arbeitgeber drucken sich vor der Verantwortung. Mit jedem neuen Tag kommt es zu Angriffen auf hart erkämpfte Rechte der Beschäftigten, aus Wirtschaft und Politik. Ob es um den Acht-Stunden-Tag geht, um Lohnfortzahlung, das Recht auf Teilzeit oder soziale Sicherheit, immer wieder wird suggeriert, die Beschäftigten arbeiten zu wenig und die Löhne seien zu hoch.
Die Gewerkschaften stehen auf und kämpfen: Für jeden einzelnen Arbeitsplatz, für Gute Arbeit und für soziale Schutzrechte. Nicht nur am 1. Mai.
Was ist der 1. Mai?
Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit, der Tag, den im Jahr 1890 Millionen arbeitender Menschen in Europa und den USA zum ersten Mal gleichzeitig begingen. Bis heute ist die Tradition gewachsen.
ver.di vor Ort
Rückblick auf den 1. Mai 2025
Bei besten Wetter ging es am 1. Mai 2025nicht nur für Gewerkschafter*innen raus auf die Straßen und Plätze. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nahmen bundesweit rund 310.000 Menschen an insgesamt 420 Veranstaltungen teil.
In Ingolstadt forderte der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke eine aktive Industrie- und Dienstleistungspolitik. Sie solle zu mehr Investitionen in Deutschland führen. „Europa muss als Binnenmarkt gestärkt werden", sagt der ver.di-Chef. Er stellt klar, was Deutschland und Europa nicht brauchen: Eine Politik, wie der amerikanische Präsident Donald Trump sie betreibe. Deshalb seien die Gewerkschaften wachsam, wenn unter dem Deckmantel angeblichen Bürokratieabbaus und der vermeintlichen Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Sozialstaat und Schutzrechte angegriffen würden.
Unerträgliche Belastung
Als aktuelles Beispiel aus Deutschland nannte die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Andrea Kocsis in Berlin die geplante Änderung des Arbeitszeitgesetzes. CDU, CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, die derzeit geltende Beschränkung auf acht Arbeitsstunden am Tag – in Ausnahmefällen zehn Stunden – aufzuheben. Stattdessen soll nur die Ruhezeit von elf Stunden erhalten bleiben. „Damit werden 13 Stunden Arbeit am Stück möglich und rechtlich zulässig. Abertausende Beschäftigte im Handel, in der Paketzustellung, der Logistik, der Pflege und in vielen anderen Bereichen werden massiv unter Druck gesetzt. Die Belastung wird unerträglich“, warnte Kocsis, die im ver.di-Bundesvorstand auch für Postdienste, Speditionen und Logistik zuständig ist.
Kritisch sieht ver.di auch die Pläne zum Lieferkettengesetz: Viele Organisationen – Menschenrechtler, Kirchen, Sozialverbände und Gewerkschaften – hätten jahrelang für Verbesserungen zugunsten der Menschen gekämpft. „Jetzt soll alles angehalten und auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben werden“, sagte der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke: „Wir sagen klar ‚Nein‘ zu diesen Plänen der künftigen Bundesregierung.“
Mindestlohn auf 15 Euro erhöhen
Beim Thema Mindestlohn gebe es eine eindeutige Erwartung an die künftige Koalition: „Wenn die Arbeitgeber in der Mindestlohnkommission die überfällige Erhöhung ablehnen, dann ist Schwarz/Rot an der Reihe, die 15 Euro stattdessen gesetzlich zu regeln“, erklärte Werneke.
„Widersprüchlich und teilweise eindeutig falsch“ seien die Signale der Pollitik in der Einwanderungs- und Migrationspolitik. Zwar bekenne sich Deutschland zu qualifizierter Einwanderung, aber setze praktisch auf Abschreckung statt auf eine Willkommenskultur. „Unsere Position ist eindeutig. Das Grundrecht auf Asyl muss erhalten bleiben. Deutschland ist ein Einwanderungsland“, betonte Werneke auch mit Blick auf die AfD.
Kampf gegen die AfD aufnehmen
Diese Partei spalte gezielt die Gesellschaft, hetze gegen Migrant*innen sowie Andersdenke und wolle die Reichsten noch reicher machen. Gleichzeitig versuchten die AfD und andere rechte Kräfte auch in den Betrieben Fuß zu fassen – etwa bei den Betriebsratswahlen im kommenden Jahr: „Ich kann für die DGB-Gewerkschaften sagen – diesen Kampf nehmen wir auf, und wir werden ihn gewinnen“, sagte Werneke.
Grundwerte verteidigen
Von der neuen Bundesregierung erwartet Werneke eine aktive und koordinierte Politik zur Verteidigung der demokratischen Grundwerte – Freiheit, Vielfalt und Gerechtigkeit. Dies sei auch vor dem Hintergrund des US-Handelskriegs und einer wachsenden Gefahr durch innen- und außenpolitische Krisen unerlässlich. „Eine Welt, die auf dem Recht des Stärkeren basiert, stiftet keinen Frieden“, sagte Werneke in Ingolstadt.
Ist der 1. Mai ein Feiertag?
Der 1. Mai ist bundesweit ein gesetzlicher Feiertag.
Die Geschichte des 1. Mai als Tag der Arbeit
Welche Themen die Gewerkschaften im Laufe der Geschichte im 1. Mai in den Mittelpunkt gestellt haben und was sie alles dabei erreicht haben, das zeigt die nachfolgende Bilanz.
„Es ist schon eine eigene Sache um den Weltfeiertag des Proletariats, um die Feier des 1. Mai. Ein Fest ist er, aber eins, das immer mit schweren Opfern bezahlt wurde, das Aussperrungen brachte und Blut fließen sah.“ Dies Fazit zog 1926 die „Gewerkschaft“, das Organ des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Und dies war keine Übertreibung.
Im Jahre 1890 begingen erstmals Millionen arbeitender Menschen in mehreren europäischen Ländern und in den USA gleichzeitig den „Weltfeiertag der Arbeit“. Sie folgten damit einem Beschluss des Internationalen Arbeiterkongresses von Paris 1889. Dort war zu einer „großen internationalen Manifestation“ für den 1. Mai 1890 aufgerufen worden. Im Mittelpunkt stand die Forderung, „den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen“.
Plakat 1. Mai 1946
1946 kann der 1. Mai erstmals wieder frei gefeiert werden: Gewerkschaftsplakat
Gewerkschaftsplakat
Der 1. Mai 1890 war von den Delegierten des Kongresses auserkoren worden, da der Amerikanische Arbeiterbund (American Federation of Labor) für diesen Termin bereits „eine solche Kundgebung“ beschlossen hatte. Für die amerikanische Arbeiterschaft war der 1. Mai ein wichtiges Datum. Traditionell wurden an diesem auch als „Moving Day“ bekannten Tag neue Arbeitsbedingungen ausgehandelt. Zudem hatten schon am 1. Mai 1886 in den Vereinigten Staaten Hunderttausende die Arbeit niedergelegt, um den Achtstundentag durchzusetzen. In Chicago war es dabei zu erbitterten Auseinandersetzungen gekommen, bei denen es mehrere Tote gab, darunter auch Polizisten. Sieben Arbeiterführer wurden daraufhin in einem fragwürdigen Indizienprozess zum Tode verurteilt. Vier von ihnen starben am Galgen.
1. Mai-Plakat 1897
Illustration von Walter Crane zur Maifeier 1897
Erste Maifeier 1890 war allgemein, aber nicht einheitlich
Diese Ereignisse beeinflussten die Entscheidung, den 1. Mai zum internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeiter zu proklamieren. Nur wie er begangen werden sollte, ob durch eine allgemeine Arbeitsruhe oder Demonstrationen nach Arbeitsschluss, blieb den einzelnen Ländern überlassen. In Deutschland wurde darüber kontrovers diskutiert.
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion warnte vor einer allgemeinen Arbeitsruhe. Mit den Reichstagswahlen am 20. Februar 1890 war sie zu einer starken Kraft im Parlament geworden, obgleich noch das berüchtigte „Sozialistengesetz“, das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ von 1878 galt. Sie fürchtete um die „Früchte des Sieges“, sollte es am 1. Mai zur allgemeinen Arbeitsruhe kommen. Daher schlug sie vor, nur dort, „wo immer man eine Arbeitsruhe am 1. Mai ohne Konflikte erwirken kann, da möge es geschehen“.
„Die erste deutsche Maifeier war zwar allgemein, aber sie war nicht einheitlich“, resümierte nach dem 1. Mai 1890 August Bebel, Vorsitzender der SPD. So waren in vielen Orten Arbeiterinnen und Arbeiter abends zusammengekommen, um den 1. Mai 1890 mit Versammlungen und Festen zu feiern. Etwa 100.000, vor allem in Hamburg und Berlin, hatten die Arbeit niedergelegt.
Plakat zum 1. Mai 1907
Alle Räder stehen still ..., Maipostkarte 1907
Langer Streit um Arbeitsruhe am 1. Mai
In Hamburg konterten die Unternehmer mit Massenaussperrung und Maßregelungen. Bis in den September zogen sich die Auseinandersetzungen. Viele erhielten die Arbeit erst zurück, nachdem sie aus ihrer Gewerkschaft ausgetreten waren. Die Mitgliederzahl der Hamburger Gewerkschaften ging um fast zwei Drittel zurück auf knapp 12.000.
Auch in den folgenden Jahren reagierten Unternehmer mit Aussperrung und Entlassung. Der Stempel im Arbeitsbuch „Entlassen am 2. Mai“ war für viele Arbeiterinnen und Arbeiter die Folge des Engagements. Mit diesem „Kainsmerkmal“ gelang es nur schwer, eine neue Beschäftigung zu finden. Dennoch gewann die Idee einer Maifeier immer mehr Anhänger.
Die Frage der Arbeitsruhe am 1. Mai blieb lange Zeit Streitpunkt in der deutschen Arbeiterbewegung. Angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts betonte die SPD den Gedanken einer allgemeinen Arbeitsruhe. So heißt es m einem Beschluss des Parteitages von Gotha 1896: „Als würdigste Feier des 1. Mai betrachtet die Partei die allgemeine Arbeitsruhe.“
Vorsichtiger in diesem Punkt verhielten sich die Gewerkschaften. Sie hatten die Ausgesperrten finanziell zu unterstützen, was für viele der noch jungen Verbände kaum möglich war. So beschlossen beispielsweise die im Handel- und Transportgewerbe beschäftigten Hilfsarbeiter, spezielle Maimarken für diejenigen herauszugeben, die am 1. Mai zur Arbeit gingen. Dazu stellten sie fest: „Die Maimarke im Mitgliedsbuch jedes einzelnen organisierten Kollegen sei der zielbewusste Ausdruck seines Solidaritätsgefühls und sein Stolz, in würdiger Weise zur erhebenden Feier des 1. Mai beigetragen zu haben.“
Postkarte zum 1. Mai 1919
Freiheit und Recht für alle: Maipostkarte 1919
Seit 1919 allgemeiner Feiertag in Deutschland
Mit dem Ende des Kaiserreiches schien für die arbeitenden Menschen ein besseres Zeitalter zu beginnen: Der Achtstundentag wurde vereinbart und die Gewerkschaften „als berufene Vertretung der Arbeiterschaft anerkannt“. Zudem beschloss die Weimarer Nationalversammlung, den 1. Mai 1919 zum allgemeinen Feiertag zu erklären.
Das Erstarken der reaktionären Kräfte in der Weimarer Republik verhinderte jedoch eine reichseinheitliche Regelung für den 1. Mai. Den Ländern blieb es überlassen, die Feiertagsregelung festzulegen.
Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und politische Straßenkämpfe bildeten den Hintergrund der Maifeiern Ende der zwanziger Jahre. Aus Furcht vor Ausschreitungen verbot der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Karl Zörgiebel, Demonstrationen am 1. Mai 1929. Die KPD widersetzte sich, organisierte Kundgebungen. Die Polizei griff überhart durch: Sie setzte Gummiknüppel gegen Demonstranten ein, machte massiv von Schusswaffen Gebrauch. Gesamtbilanz des „Blutmai“: 33 Tote und fast 200 Verletzte, darunter auch Unbeteiligte.
Abbildung Zeitungsausschnitt
Hakenkreuz statt Friedenssymbol
2. Mai 1933: SS und SA stürmen die Gewerkschaftshäuser
Die Nationalsozialisten, Ende Januar 1933 an die Macht gekommen, funktionierten den 1. Mai zum bezahlten „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“ um. Am 1. Mai 1933 inszenierten sie in Berlin ein gigantisches Massenspektakel. Bereits einen Tag später stürmten SS und SA die Gewerkschaftshäuser und zerschlugen die freien Gewerkschaften. Auch in den folgenden Jahren der Nazi-Diktatur wurde die Maifeier missbraucht: Unter dem Motto „Freut euch des Lebens“ sollten befohlene Aufmärsche aller „Volksgenossen“ die Idee des Klassenfriedens symbolisieren.
Der Gedanke, den 1. Mai in seiner ursprünglichen Form zu feiern, ließ sich jedoch nicht zerstören. Er lebte in kleinen Gruppen weiter, die sich unter großen Gefahren in Ausflugslokalen oder im Wald zu illegalen Kundgebungen trafen. Selbst in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft war der Maigedanke nicht totzukriegen.
1946: Erstmals wieder freie Maifeiern nach dem Krieg
Knapp ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im April 1946, bestätigte der alliierte Kontrollrat den 1. Mai als Feiertag. Nun konnten zum 1. Mai wieder freie Maifeiern stattfinden. Noch waren die alliierten Siegermächte allerdings skeptisch, erlaubten bei den Demonstrationen und Kundgebungen keine Fahnen und Spruchbänder. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer war es jedoch, wie ein Zeitzeuge berichtet, „ein erhebendes Gefühl, dass wir uns nach der faschistischen Tyrannei wieder frei bewegen konnten“.
Bei der ersten Maifeier nach dem Kriege konzentrierten die Gewerkschaften ihre Forderungen auf Probleme des täglichen Lebens: Verpflegung, Obdach, Kleidung. In den Jahren danach rückten die Parolen „Frieden in Freiheit und soziale Gerechtigkeit“ in den Vordergrund der Maikundgebungen. Fragen eines geordneten Wiederaufbaus der Städte sowie der Wiedervereinigung standen dabei ganz oben an.
Am 1. Mai 1955 verkündete der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sein erstes Aktionsprogramm. Hauptforderungen waren: kürzere Arbeitszeit, höhere Löhne und Gehälter, größere soziale Sicherheit, gesicherte Mitbestimmung, verbesserter Arbeitsschutz. „Samstags gehört Vati mir“ lautete die Maiparole 1956. Doch auch die Einheit Deutschlands blieb Thema: „Wiedervereinigung: ohne Gewalt – doch bald“, hieß die Losung 1957.
In der DDR entwickelten sich die Maifeiern zu Militärparaden, mit denen die Wehrfähigkeit und -bereitschaft des „ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates“ vorgerührt werden sollten.
Eine Parole mit Zukunft: Maiplakat 1956
Eine Parole mit Zukunft: Maiplakat 1956
Maiparolen – Spiegel gesellschaftspolitischer Entwicklungen
In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wandten sich die Demonstranten am 1. Mai gegen die geplanten Notstandsgesetze: „Die Grundrechte sichern“ (1963). Mit Beginn der Wirtschaftskrise und bei steigender Arbeitslosigkeit in den siebziger Jahren wurde eine alte Forderung wieder aktuell: „Recht auf Arbeit“ (1978). In den achtziger Jahren lautete das Leitmotiv Vollbeschäftigung: „Arbeit für alle“ (1982).
Im Jahr der deutschen Einheit 1990 feierten die deutschen Gewerkschaften 100 Jahre 1. Mai. Vergangenheit und Zukunft wurden verknüpft: „Solidarität sichert unsere Zukunft“. Die Losung zum 1. Mai 1991, der ersten gemeinsamen Maifeier im vereinten Deutschland, lautete: „Soziale Einheit in Frieden und Freiheit“. In den folgenden Jahren rückte die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit in den Vordergrund: „Deine Stimme für Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ (1998). „Wer, wenn nicht wir?“ – Mit diesem Slogan sollten im Jahre 2000 die klassischen Kompetenzen der Gewerkschaften herausgestellt und ihre Zukunftsorientierung deutlich werden.
Die Würde des Menschen zu achten, ihn nicht zu einem Kostenfaktor zu degradieren, war Zielrichtung der Maiparole 2005. Hieran knüpft der Slogan für 2006 an: „Deine Würde ist unser Maß“.
Gute Arbeit muss drin sein
1. Mai 2008
Ein Leben in Würde ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr.
Im Aufruf heißt es: „Ein Leben in Würde ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr. Millionen von Menschen sind dauerhaft arbeitslos. Weitere Millionen arbeiten Vollzeit zu Armutslöhnen. Dazu kommt die zunehmende Angst vor Arbeitslosigkeit und das drohende Abrutschen in Hartz IV. Die angekündigte weitere Verschlechterung des Kündigungsschutzes verschärft diese Situation noch. Auf der anderen Seite explodieren die Firmengewinne und Managergehälter. Selbst profitable Unternehmen entlassen Tausende von Beschäftigte. Der Deutsche Gewerkschaftsbund sagt: So geht es nicht weiter. Wir treten ein für existenzsichernde Einkommen durch Tarifvertrag und Mindestlöhne, für eine gerechte Teilhabe der Beschäftigten am Wohlstand.“
Übersicht über alle Maiparolen und Plakate zum 1. Mai des DGB seit 1950