Berliner Vampir-Thriller „City of Blood“ auf Disney+ : Die Blutsauger von der Spree
▻https://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/berliner-vampir-thriller-city-of-blood-auf-disney-die-blutsauger-von-de
Disney sortira une série d’après la bande dessinée "Berlinoir".
30.8.2026 von Lars von Törne - „Berlinoir“ war einer der herausragenden Comics der Nullerjahre. Am 16. September startet die darauf basierende Thriller-Horror-Serie „City of Blood“ bei Disney+. Jetzt gibt es einen ersten Trailer.
Berlin wird von Vampiren regiert. Die unsterblichen Blutsauger haben eine korrupte Herrschaft installiert, in der alles auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist. Die vom Regime unterdrückten Menschen werden als Blutspender ausgebeutet, die meisten haben sich in ihr Schicksal gefügt. Doch eine Gruppe menschlicher Rebellen sagt den übernatürlichen Diktatoren den Kampf an.
23 Jahre ist es inzwischen her, dass die beiden Berliner Tobias O. Meißner, Jahrgang 1967, und Reinhard Kleist, Jahrgang 1970, die erste Folge ihres dreiteiligen Comic-Thrillers „Berlinoir“ im Verlag Edition 52 veröffentlichten und darin ein düsteres, dystopisches Parallelwelt-Berlin entwarfen.
Jetzt bekommt die damals mit dem Branchenpreis Icom ausgezeichnete und mit viel Gesellschaftskritik angereicherte Story von der Spree ein zweites Leben und einen großen internationalen Auftritt: Sie läuft ab dem 16. September als achtteilige Thriller-Horror-Serie beim Streaming-Dienst Disney+, ihr Titel: „City of Blood“. Hier gibt es einen ersten Trailer zu sehen.
In den Hauptrollen sind unter anderem Lea Drinda („Becoming Charlie“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) und Soma Pysall („Para – Wir sind King“) zu sehen. Außerdem spielen die deutschen Stars Lars Eidinger und Jördis Triebel wichtige Figuren, wie der Branchendienst „Hollywood Reporter“ kürzlich meldete.
Eine Szene aus dem Comic „Berlinoir“.Eine Szene aus dem ursprünglich aus drei Bänden bestehenden Comic „Berlinoir“, der 2013 als Sammelband erschien. © Carlsen/Reinhard Kleist
Regie führte Philipp Kadelbach, der 2013 für den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ einen International Emmy Award erhalten hatte und danach unter anderem „Nackt unter Wölfen“ (2015), „Parfum“ (2018) sowie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (2021) als Regisseur verantwortete.
Im „Blutroten Rathaus“ regieren die Vampire
„Berlinoir“ bietet reichhaltiges Material für eine Verfilmung. In ihrer bunten Grusel-Trilogie, die 2008 mit dem dritten Band abgeschlossen wurde und 2013 leicht überarbeitet bei Carlsen auch als Sammelband erschien, demonstrierten der Schriftsteller Meißner und der Zeichner Kleist sehr kurzweilig, wie viel Gruselpotenzial die deutsche Hauptstadt hat.
Der Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters wurde da zum „Blutroten Rathaus“, in dem Vampire die Herrschaft übernommen haben. Das Zeltdach des Sony Centers setzte sich in den Straßen der ganzen Stadt fort, damit die Blutsauger nirgends von der Sonne belästigt werden.
Und die Rebellen, die den spitzzähnigen Unterdrückern den Kampf angesagt hatten, bereiteten sich in den Kellergewölben Kreuzberger Mietshäuser und in Marzahner Plattenbauten auf die große Entscheidungsschlacht um die Stadt vor.
Vampir-Hauptstadt: Eine weitere Szene aus „Berlinoir“. © Carlsen/Reinhard KleistBerlin wird erneut getrennt
▻https://www.tagesspiegel.de/images/1714435/alternates/FREE_SMALL_1020/1658546728000/wirecenter-2152.jpe
Albtraumstadt: eine weitere Zeichnung Reinhard Kleists aus „Berlinoir“. © Carlsen/Reinhard Kleist
Inspiriert wurde „Berlinoir“ damals auch von zahlreichen filmischen Vorbildern wie „Metropolis“, „Blade Runner“, „Nosferatu“ und modernen Vampirstorys, die ab 2005 mit Bestsellern wie „Twilight“ einen Boom erlebten.
Dazu kamen Versatzstücke aus Romeo und Julia und Actionfilmen sowie historische Anspielungen auf den Nationalsozialismus, den Kommunismus, die Zeit der Berliner Mauer und die deutsche Politik. Ästhetisch war das Berlin von Meißner und Kleist zwischen den 1920er Jahren und der Zeit der deutsch-deutschen Teilung angesiedelt.
Die Serie spielt in der Zukunft, erzählt aber im Grunde die Vorgeschichte. Tobias O. Meißner über einen der Unterschiede zwischen „City of Blood“ und dem Comic „Berlinoir“
Das ist einer der großen Unterschiede zwischen der „Berlinoir“-Vorlage und der Streaming-Serie „City of Blood“, wie Tobias O. Meißner dem Tagesspiegel erläutert. „Unser Weimarer-Republik-Look ist in den 23 Jahren, seitdem unsere Graphic Novel erschienen ist, durch ‚Babylon Berlin‘ besetzt worden, man musste diesem Setting also ausweichen“, sagt der Autor, der neben Cyberpunk- und Fantasy-Romanen auch Sachbücher und Hörspiele geschrieben hat.
2004 berichtete der Tagesspiegel erstmals über „Berlinoir“. Hier ein Foto von Reinhard Kleist (links) und Tobias O. Meißner, das damals aus dem Anlass auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg aufgenommen wurde. © Tsp/Doris Klaas„Deshalb spielt die Serie in der Zukunft, erzählt aber im Grunde die Vorgeschichte“, sagt Meißner. Dabei gehe es unter anderem um diese Fragen: „Wie kam es eigentlich, dass Vampire in Berlin an die politische Macht kamen? Mit wem mussten sie da paktieren? Welche Widerstände überwinden?“
Meißner und Kleist hatten kürzlich die Gelegenheit, die in Berlin und Prag gedrehte Serie zu sehen.
Die politische Dimension, die unsere Vorlage hat, wird in eine Zukunftsvision transferiert. Reinhard Kleist
„Die politische Dimension, die unsere Vorlage hat, wird hier in eine Zukunftsvision transferiert“, ergänzt Reinhard Kleist. Der Zeichner ist in den vergangenen Jahren für seine Comics mit zahlreichen Branchenpreisen ausgezeichnet worden und hat sich zuletzt unter anderem als Schöpfer gezeichneter Biografien von Prominenten wie David Bowie oder dem amerikanischen Boxweltmeister Emile Griffith sowie wichtigen Personen der Zeitgeschichte wie dem Holocaust-Überlebenden Hertzko Haft profiliert.
Eine weitere „Berlinoir“-Zeichnung von Kleist. © Carlsen/Reinhard Kleist„Tobias und ich haben uns beim Screening immer wieder angeschaut und uns zugeraunt, dass hier immer mal wieder Aspekte aufgegriffen wurden, die wir auch schon behandelt hatten“, sagt Kleist. Unter anderem eine zarte Liaison zwischen Vampir und Mensch. „Natürlich kann man bisher nicht zu viel sagen“, schränkt der Zeichner ein. „Diese Staffel behandelt ja quasi die Vorgeschichte zu unserer Handlung. Aber am Ende wird schon angedeutet, dass das, was die Handlung von ‚Berlinoir‘ bestimmt, einen Anfang nimmt.“
Die beiden „Berlinoir“-Schöpfer waren an der filmischen Umsetzung ihres Stoffes nicht beteiligt, sind aber vom Ergebnis sehr angetan. „Ich war erstaunt, wie sehr die Serie mich begeistert hat“, sagt Tobias O. Meißner. „Als Urheber ist man immer ein bisschen skeptisch, wenn sehr viel verändert wurde, aber die Schauspielerinnen und Schauspieler machen ganz großes Kino daraus.“
Das coolste Ende, das ich seit Jahrzehnten bei einer Serie gesehen habe. Tobias O. Meißner
Philipp Kadelbachs Regie sei zudem „ungeheuer dicht, es gibt keinen Leerlauf, keine Zeitschinderei, die Bilder von Kameramann Philip Peschlow sind erlesen, die Musikauswahl trifft genau meinen Geschmack und ist sparsam und nicht überbordend“, sagt Meißner. Und der Schluss sei „das coolste Ende, das ich seit Jahrzehnten bei einer Serie gesehen habe, auch international.“
Im September 2026 erscheint die überarbeitete Neuausgabe von „Berlinoir“ mit bisher unveröffentlichtem Zusatzmaterial bei Carlsen, hier das vorläufige Covermotiv.© Carlsen„Auch ich bin schwer beeindruckt von dem großartigen Skript, das unsere Vision von einer Parallelwelt, die sich aus der Geschichte Berlins nährt, der Weimarer Republik, der Nazizeit, dem kommunistischen Regime, in eine logische Science-Fiction-Welt einer nicht allzu fernen Zukunft wandelt“, ergänzt Kleist.
Beim Screening habe er die „hakenschlagende Handlung“ gebannt verfolgt: „Es baut sich alles zwingend logisch aus allem, was wir heute verfolgen müssen, zu einem grandiosen Finale auf.“ Die Bilder findet Kleist „atemberaubend“, das Berlin in dieser dystopischen Vision sei „quälend beeindruckend und absolut glaubhaft“.
An mehreren Stellen wurden Prämissen der Story leicht verändert, wie Meißner an einem Detail festmacht: „Bei uns sind die Vampire schon an der Macht und haben die Spree trockengelegt und sämtliche Bäume gefällt, weil sie anfällig sind gegen fließendes Wasser und Holzpflöcke.“ In der Disney+-Serie liege die Spree ebenfalls trocken, und im Tiergarten gebe es keine Bäume mehr – aber nicht wegen der Vampire, sondern wegen der Folgen der Klimaerwärmung. „Man könnte also sagen: Berlin ist durch die Blindheit der Gegenwartspolitik der ideale Ort geworden für Vampire.“
Ab September kann sich das Publikum selbst einen Eindruck über Parallelen und Unterschiede zwischen „Berlinoir“ und „City of Blood“ verschaffen. Da steht nicht nur der Filmstart auf Disney+ an, es wird auch der seit einigen Jahren vergriffene Sammelband des Comics bei Carlsen mit bisher unveröffentlichtem Zusatzmaterial neu aufgelegt.









































