Food-Bloggerin Sissi Chen: „Diese wunderbare Küche sollte hierzulande unbedingt bekannter werden“
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16.10.2026 von Anne Vorbringer - Taiwans Kulinarik verdient mehr Aufmerksamkeit, findet die Autorin Sissi Chen. Vier Monate lang probierte sie sich durch Garküchen, Restaurants und Nachtmärkte. Jetzt ist ihr Buch dazu erschienen.
Sissi Chen ist eine der bekanntesten Food-Bloggerinnen Berlins. Man trifft sie in Sternerestaurants genauso wie in ihren liebsten Kiezläden wie dem unprätentiösen Lao Xiang.
Zuletzt hat sich die in Peking geborene Autorin einen langgehegten Traum erfüllt. Vier Monate lang reiste Sissi Chen durch Taiwan, besuchte Garküchen, Restaurants und die berühmten Nachtmärkte.
Sie sprach mit Köchinnen und Imbissbetreibern, löffelte bei 40 Grad heiße Austernsuppe am Straßenrand, probierte frittierte Teigstangen und knusprige Sesamfladenbrote in den traditionellen Frühstückshäusern. Aus unzähligen Eindrücken entstand schließlich ihr neues Kochbuch „Eating in Taiwan“ mit 65 Rezepten für zu Hause.
Warum ihr dieses Buch besonders am Herzen liegt und wie es mit ihrer eigenen Familiengeschichte zusammenhängt, hat uns Sissi Chen im taiwanischen Café Mibap in der Torstraße erzählt.
Märkte voller Reichtum aus Bergen und Meer: Sissi Chen war 2019 das erste Mal in Taiwan und kehrte 2025 für längere Zeit zurück. © Sissi ChenFrau Chen, worauf gründet Ihr Interesse an Taiwans Kulinarik?
Ich war 2019 das erste Mal dort und total beeindruckt von der multikulturellen Küche, die stark geprägt ist durch die Kolonialgeschichte und die chinesische Migration. Seither geistert die Idee eines Kochbuchs durch meinen Kopf. Aber erst 2025 hatte ich die Gelegenheit, länger vor Ort zu sein und meine Eindrücke zu vertiefen.
Die Kulinarik Taiwans ist im deutschsprachigen Raum im Gegensatz zu anderen Regionen Asiens wenig repräsentiert. Dabei ist die Vielfalt der Küchen für so eine relativ kleine Insel gigantisch. Ich finde, dieser wunderschöne Ort verdient es, dass er medial auch mal anders auftaucht als ständig in diesen politischen Konfliktsituationen. Die natürlich existieren – aber es gibt eben so vieles mehr.
Ich möchte die Menschen und ihr fantastisches Essen in den Mittelpunkt rücken, diesen Schmelztiegel an kulinarischen Einflüssen. Mir war es wichtig, den indigenen Menschen ein eigenes Kapitel zu widmen. Von diesen austronesischen Urvölkern weiß man hier nicht sehr viel, sie haben aber seit geraumer Zeit großen Einfluss auf die moderne taiwanische Küche.
Die Rindfleischnudelsuppe gilt als inoffizielles Nationalgericht in Taiwan. © Sissi ChenWie würden Sie diese Küche beschreiben?
Mir ist wichtig zu sagen, dass es die taiwanische Küche nicht gibt – und ich sie nicht definieren möchte. Es gibt bei den Gerichten chinesische, japanische, europäische und indigene Einflüsse. Taiwan hat offiziell 16 anerkannte indigene Völker, deren kulturelle und kulinarische Einflüsse unglaublich spannend sind. Die Verbindungen reichen bis zu den Philippinen und nach Neuseeland, das schlägt sich auch in Kochtechniken und Zutaten nieder. Dann gibt es den Einfluss der niederländischen Kolonialisierung. Weil Taiwan damals eine wichtige Anbauregion für Zuckerrohr wurde, ist die Küche bis heute sehr süß, vor allem im Süden der Insel.
Sie haben auch eine persönliche Anbindung dorthin. Wie sieht die aus?
Meine Oma in Peking hatte fünf Schwestern. Eine von ihnen ist während des Bürgerkrieges 1949 nach Taiwan ausgewandert. Der private Kontakt war danach 38 Jahre lang strikt verboten. Es war unmöglich, überhaupt ein Lebenszeichen voneinander zu erhalten. Durch meinen längeren Aufenthalt in Taiwan konnte ich diesen Teil meiner Familie endlich persönlich treffen und es war für alle ein sehr emotionaler Moment.
Meine Verwandten haben mich herzlich empfangen, sie haben mit mir ihren Alltag geteilt und mir ihre Lieblingsrestaurants in Taipeh gezeigt. Meine Oma hat ihre Schwester bis zu ihrem Tod nie wiedergesehen, aber sie hätte sich sicher riesig darüber gefreut, dass wir gemeinsam an einem Tisch zusammengekommen sind. Das ist auch etwas, was ich auf meinen Reisen festgestellt habe: Die Gastfreundschaft in Taiwan ist unglaublich groß. Und ich glaube, jede Person, die einmal nach Taiwan reist, ist vom Essen dort komplett umgehauen. Es gibt eigentlich kein Restaurant, keinen Marktstand, an dem das Essen schlecht ist.
Ob exotisches Obst, frisches Gemüse, Kräuter oder Bergpfeffer: Die Auswahl an frischen Zutaten auf Taiwans Märkten ist riesig. © Sissi ChenWas hat Sie bei Ihren Recherchen besonders überrascht?
Taiwan ist gerade auf dem Weg, sich kulinarisch selbst zu finden, eine Identität zu entwickeln. Die Rindfleischnudelsuppe zum Beispiel, das inoffizielle Nationalgericht, ist in den sogenannten Military Villages entstanden, nachdem im chinesischen Bürgerkrieg Chiang Kai-shek und seine Anhänger 1949 nach Taiwan gekommen waren.
In diesen provisorischen Soldatenunterkünften trafen Menschen aus unterschiedlichen Regionen Chinas aufeinander. Jeder brachte eigene Techniken und Zutaten mit. Daraus entstand die Suppe, von der es heute allein in Taipeh unzählige Versionen gibt. Jeder Laden hat sein eigenes Geheimnis, wenn es um die Brühe und das Fleisch geht.
Wenn Sie nur ein Gericht aus dem Buch empfehlen dürften – welches wäre es?
Auf jeden Fall etwas aus dem Frühstückskapitel. In Taiwan gibt es eine enorme Frühstückskultur. Es gibt Häuser, die um 4.30 Uhr aufmachen und bis mittags geöffnet haben. Andere haben den ganzen Tag auf. Und manche öffnen erst ab 17 Uhr.
Mein Lieblingsgericht ist Fan Tuan, eine Art Reisrolle, die standardmäßig mit Senfgemüse, dem frittierten Teigstreifen Youtiao und Schweineflocken gefüllt ist. Es gibt aber auch Varianten mit Thunfisch, gebratenem Hühnerfleisch oder eingelegten Eiern. Im Prinzip ist es wie ein Reis-Burrito, den man unterwegs isst. Es ist das Gericht, das ich am meisten vermisse, wenn ich an Taiwan denke.
Erdnuss-Reismilch wird in so gut wie jedem Frühstücksladen serviert. © Sissi ChenUnd die Zutaten für die Gerichte bekommt man alle auch hier?
Ja, das war mir wichtig. Wenn es eine bestimmte Sache nicht genau so hier im Asialaden gab, habe ich zu Hause rumprobiert und so lang mit ähnlichen Zutaten experimentiert, bis es so schmeckte wie im Original.
Ein eigenes Kapitel ist den berühmten Nachtmärkten gewidmet. Welches Gericht sollte man dort unbedingt probieren?
Eines meiner Lieblinge ist das Schwarze-Pfeffer-Brötchen. Das ist quasi ein sehr blättriges Fladenbrot, das mit Hackfleisch, Frühlingszwiebeln und sehr, sehr viel Pfeffer gefüllt ist. Es wird in traditionellen Steinöfen an der Wand klebend gebacken und dann heiß serviert.
Diese Brötchen wurden von den chinesischen Migranten aus Fuzhou nach Taiwan gebracht und haben ihren Ursprung wahrscheinlich in der Provinz Fujian. Sie sind so saftig, sehr, sehr pfeffrig – und das Fleisch ist unglaublich lecker. Jetzt bekomme ich schon wieder Sehnsucht!
als diese Ananasküchlein. © Sissi ChenDass Sie als gebürtige Chinesin ein Buch über die taiwanische Küche schreiben, provozierte sicher spannende Reaktionen, oder?
Interessanterweise war das vor Ort in Taiwan gar kein Problem. Ich habe jedem, mit dem ich gesprochen habe, meinen Background erklärt – und es gab niemanden, der das hinterfragt hat. Alle haben sich wahnsinnig über mein Interesse an der taiwanischen Küche gefreut.
In Deutschland gab es zwei Kommentare, die meinten, ich dürfe nicht über taiwanisches Essen schreiben, weil ich Festlandchinesin bin. Ich verstehe, wo dieser Gedanke herkommt, finde es aber unfair, weil die Leute so tun, als hätte ich irgendeine Agenda. Die habe ich aber nicht, sondern respektiere und interessiere mich für diese wunderbare Küche, die hierzulande unbedingt bekannter werden sollte.
Zur Person
Sissi Chen wurde in Peking geboren und verbrachte die ersten sieben Jahre ihres Lebens bei ihren Großeltern in China, bevor sie zu ihren ausgewanderten Eltern nach Österreich übersiedelte und viele Jahre in Wien lebte. Seit 2010 ist sie in Berlin und arbeitet hier als selbstständige Autorin, Content-Creatorin und Host für kulinarische Events. Bei Instagram folgen ihrem Kanal „Eating in Berlin“ mehr als 130.000 Menschen. Spezialisiert hat sich die 37-Jährige auf asiatische und besonders die chinesische Küche. Ihr neues Buch „Eating in Taiwan“ ist bei Dumont erschienen (208 Seiten, 32 Euro).


















