13.8.2024 von Helmut Lück - Unser Autor hat selbst erlebt, dass man im DDR-Alltag selten einfach zwischen radikaler Gegnerschaft und schlichter Folgsamkeit wählte. Wie gelang dann der Kompromiss?
In der Debatte über „die Ostdeutschen“ und ihre Erfahrungen in der DDR ist häufig von Widerstand und Anpassung die Rede. Die gängige Zweiteilung beschreibt jedoch selten die tatsächliche Befindlichkeit der Menschen, die eben weder radikale Gegner noch vollkommen angepasst waren.
Es gab damals bei uns eine Redewendung: „Du musst mit dem Rücken an die Wand kommen.“ Gemeint war, dass man realistisch sein musste, sich mit den Verhältnissen abfand, sich arrangierte. Es blieb einem gar nichts anderes übrig, wollte man weiterkommen. Mich erwischte dieser Ratschlag in einer Situation, in der ohnehin eine Veränderung der Lebensverhältnisse wünschenswert schien. Davon will ich erzählen. Doch der Reihe nach.
Ich wurde 1945 in Berlin geboren, und zwar in einem Stadtteil, der drei Monate später sowjetische Besatzungszone war. Ich wuchs also in dem Teil der Stadt auf, den später die DDR für sich als Hauptstadt reklamierte. Da ich immer noch hier lebe, könnte man mich einen klassischen Ostler heißen. „Ossis“ gab’s im Osten nicht.
1945 war Berlin Trümmerlandschaft. Es gab Besatzungszonen, aber noch keine markante Teilung. Erst mit der Währungsreform 1948, als die Deutsche Mark in den Westzonen die Reichsmark ablöste, ging’s straff auseinander. In der Sowjetzone gab’s kein „Wirtschaftswunder“, sondern sozialistische Umgestaltung. Die meisten Leute waren sehr unzufrieden. 1953 dann der Volksaufstand, von russischen Panzern blutig niedergewalzt. Die Westwanderung hatte begonnen.
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Als dann Ulbricht 1961 dichtgemacht hat, waren schon fast drei Millionen Menschen abgehauen. Ich war erst sechzehn Jahre, als die Mauer gebaut wurde. Nicht mehr rüberzukommen, fand ich blöd, aber es spielte keine große Rolle für mich. Nächstes Jahr würde ich Abitur machen und dann zum Theologiestudium gehen. Ich wollte damals Priester werden. Ich war gerade siebzehn (Klasse übersprungen) und von entsprechender Entschlossenheit.
Für unsereins, für „kirchlich gebundene“ Jugendliche (DDR-Jargon) war es nicht einfach gewesen, überhaupt auf die Oberschule zu kommen. Mir fehlten der „Klassenstandpunkt“, das Pionier-Halstuch und die „Jugendweihe“. Ulbricht hatte 1952 den „umfassenden Aufbau des Sozialismus“ proklamiert. Es gab Attacken gegen die Kirchen, insbesondere gegen die evangelische. Das kommunistische System wollte nicht, dass Kirchen Einfluss auf die Jugend behielten. Die SED förderte deshalb ab 1954 „im Interesse der Verstärkung der staatsbürgerlichen Erziehung“ die Vorbereitung und Durchführung von „Jugendweihen“.
1968 machte ich mein Diplom in Erfurt, aber Pfarrer wollte ich nicht mehr werden. Die katholische Kirche nimmt nur Zölibatäre (Ehelose) als Kleriker. Das war nichts für mich. Wie weiter? Die DDR war auf „abgebrochene“ Theologen nicht scharf, erst recht nicht auf einen, von dem man weiß – und man weiß! –, dass der mit dem SED-Staat nichts im Sinn hatte. Aber die DDR hat immer alle beschäftigt.
Ich praktizierte eine Vorform von Homeoffice und aktiver Vaterschaft
Die Deutsche Staatsbibliothek war ein bewährtes Auffangbecken. Etliche sind dort gelandet, ich auch, Einstiegsgehalt 530 Ostmark. Nur zur Einordnung: Meine Frau hatte als Mathe-Lehrerin mit 810 Ostmark angefangen. Wir kamen zurecht. Inzwischen hatte ich einige Nebenjobs, z.B. Lateinunterricht an der Betriebsakademie. Gelegentlich konnte ich Artikel in Zeitschriften loswerden. Ich habe sogar Englischübersetzungen gemacht! Nicht, dass ich die Sprache beherrscht hätte, aber ich hatte eben viel Zeit und ein Wörterbuch. Vor allem war es naheliegend und günstig, dass ich es war, der zu Hause blieb, wenn die Kinder krank waren. Ich praktizierte sozusagen eine Vorform von Homeoffice und aktiver Vaterschaft. Es waren inzwischen fast fünf Jahre, dass ich da die Bücher sortierte!
Dann passierte es. Ein Bekannter aus der Studienzeit sprach mich an: „Du musst mit dem Rücken an die Wand kommen!“ Er war damals einflussreich in der CDU (Ost) und außerdem – wie es heute heißt – gut vernetzt: mit der SED und ihrem Sicherheitsapparat. Das sollte ich aber erst später mitbekommen. Er fragte mich, ob ich nicht als Journalist bei einer Zeitung arbeiten möchte, und zwar bei der Neuen Zeit, die von seiner Partei herausgegeben wurde. „In der Bibliothek versauerst du doch nur!“
Journalist, das könnte mir gefallen! Aber bei einer DDR-Zeitung?! Da müsste ich in eine Partei eintreten (alle DDR-Zeitungen wurden von Parteien herausgegeben, Sonderfall: Berliner Zeitung). Somit war das kein beliebiges Job-Angebot, sondern die Einladung, in diesem System mitzumachen. Der Freund versicherte: Mit politischer Propaganda wirst du nicht befasst! Dein Job ist die Berichterstattung über Kirchliches.
Stimmt ja, dachte ich, nur im Vorderteil bringen alle Zeitungen dasselbe, gewissermaßen das offizielle Programm, die tägliche „Wahrheit“. Das volle Programm schafft nur das Neue Deutschland. Aber Leute, die nicht wegen ihrer Funktion das ND unter den Arm klemmen mussten, haben lieber andere Zeitungen gelesen, die nicht seitenlang Parteitagsreden bringen mussten. Das galt auch für die Neue Zeit, die einen guten Kulturteil hatte und – ganz wichtig! – die Gebrauchtwagen-Annoncen.
Folgenschwere Selbstverbrennung des Pastors Oskar Brüsewitz
Damals hatte ich natürlich keine Ahnung, warum es plötzlich dieses Interesse an mir gab. Das begriff ich erst nach und nach. Der bisherige Ressortchef Kirchenfragen sollte abgesägt werden. Der Grund: Am 22. August 1976 hatte sich in Zeitz der Pastor Oskar Brüsewitz aus Protest gegen das System selbst verbrannt. Eine Woche später (31.08.) erschien im Neuen Deutschland ein zynischer Kommentar, der Brüsewitz als geisteskrank bezeichnete: „nicht alle fünf Sinne beisammen“. Es wurde gemunkelt, dass er, der Ressortchef Kirchenfragen der Neuen Zeit, Autor dieses mit „A.Z.“ gezeichneten Kommentars gewesen war.
Das war für die Partei mit dem C im Namen ein Problem! Denn es störte die Anstrengungen der CDU, in kirchlichen Kreisen akzeptiert zu werden. Diese Anerkennung bei Christen und Kirchen war aber keine beliebige Ambition der Partei, es war letztendlich ihre Daseinsberechtigung in der DDR. Denn wenn es die CDU nicht mehr schaffte, wenigstens bei einigen Christen „anzukommen“, für die eine SED-Mitgliedschaft obsolet war, dann war sie überflüssig.
Als ich 1977 anfing, war der bisherige Abteilungsleiter noch da, er sollte mich anleiten. Ich durfte nur Gedenkartikel verfassen. Das sollte sich aber ändern, als er tatsächlich abgelöst worden war und unter seinem Namen nichts mehr bringen durfte, sondern nur noch als „wissenschaftlicher Mitarbeiter“ auf der Gehaltsliste stand.
Für mich war jetzt das beschauliche Leben vorbei. Ich sollte schnell begreifen, dass die nette Vorstellung, kirchliche Themen könnten unpolitisch sein, naiv war. Spätestens mit der Friedens- und Umweltbewegung, die in den Kirchen ihren Frei- und Schutzraum gefunden hatte, gerieten Kirchenbeiträge ins Zentrum der Auseinandersetzung. Jeder Artikel konnte eine Gratwanderung sein. Man kommt nicht „umsonst“ mit dem Rücken an die Wand!
Relevante Texte, insbesondere Leitartikel, mussten einem der beiden stellvertretenden Chefredakteure vorgelegt werden, die abwechselnd als CvD (Chef von Dienst) fungierten. Es lief immer ähnlich. Der eine Chef ließ mich kommen, verabreichte mir einen Blauen Würger (ein billiger Hochprozentiger) und diskutierte dann. „So geht das nicht!“ oder weiter: „Na meinetwegen, aber nur mit dem Zusatz …“ Den anderen Chef sah ich selten. Irgendwann ließ er durch sein Vorzimmer mitteilen: „Der Beitrag erscheint nicht.“ Nach 1990 wurde bekannt, dass der eine OibE (Offizier im besonderen Einsatz) des Staatssicherheitsdienstes gewesen war. Der musste nicht vorsichtig sein.“
Alle mit dem Rücken an der Wand!
In den letzten Monaten vor dem DDR-Ende war allerdings viel in Bewegung gekommen. Manche trauten sich heraus und nach vorn, andere blieben in Deckung. Als am 10. September 1989 vier CDU-Mitglieder aus Thüringen einen „Brief aus Weimar“ an ihre Parteileitung sandten, in dem eine Erneuerung der Partei gefordert wurde, war die Redaktion nur hilflos.
Man kannte den Brief und seine Forderungen: Eigenständigkeit gegenüber der SED, Kritik an den Reisebeschränkungen, den Behinderungen der Pressefreiheit, dem Verschweigen der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage, den Manipulationen bei den Wahlen. Müsste man eigentlich bringen! Aber alle warteten nur auf eine Entscheidung „von oben“. Alle mit dem Rücken an der Wand!
Ich war es, der dann Anfang Oktober in die CDU-Zentrale am Gendarmenmarkt beordert wurde. Der Vorsitzende Götting lief im Büro hin und her. Emphatisch rief er: „Ich bin zwischen Skylla und Charybdis! Aber ich kann doch den Honecker nicht …!“ Ich weiß das Wort nicht mehr, aber es war dem Sinne nach etwas aus dem Bedeutungshaufen „im Stich lassen, hintergehen, verraten …“
Am 12. Oktober brachte dann unser Blatt einen Leitartikel von ihm, der den Brief aus Weimar eine dankenswerte Anregung nannte, ohne den Inhalt auch nur zu erwähnen. Der Brief selbst wurde dann am 26. Oktober (!) veröffentlicht. Am 2. November 1989 trat Parteichef Gerald Götting zurück. Er hatte nie die „führende Rolle“ der SED infrage gestellt. Immer mit dem Rücken an der Wand.
Diese biografische Erzählung zeigt: Das Leben in der DDR war nicht nur Widerstand oder Anpassung, sondern bestand aus vielen Kompromissen. In der DDR war pausenlos zu hören: Du musst dich „engagieren“ (für das Gute, für den Sozialismus). Interessanterweise hörte man im Privaten viel häufiger: Du musst dich „arrangieren“!
Helmut Lück ist Diplom-Theologe, hat bis 1976 bei der Deutschen Staatsbibliothek gearbeitet, war dann bis 1989 Redakteur bei der Tageszeitung Neue Zeit, anschließend Pressereferent beim Berliner Senat, dann im Hochschulbereich (FHW). Helmut Lück lebt als Rentner in Berlin.